Zum Erscheinen der zweiten Auflage von K. Krumbacher's „Geschichte der byzantinischen Literatur". Das Erscheinen der zweiten Auflage der „Geschichte der byzantinischen Literatur" von Professor Karl Krum- bacher*) darf als ein bedeutendes literarisches Ereigniß bezeichnet werden. Als vor sechs Jahren der Verfasser zum ersten Male die Wanderung durch die „unaussprechlichen" Jahrhunderte des byzantinischen Zeitalters unternahm und seine Wahrnehmungen in der ersten Auflage zusammenstellte, war er begleitet „von dem drückenden Gefühle der Unsicherheit und Besorgniß". Hatte es sich ihm ja sogar als Nothwendigkeit herausgestellt, das wissenschaftliche Recht des Gegenstandes, den er, ohne Vorgänger zu haben, zusammenfassend darstellte, gegenüber mannigfachen schiefen Auffassungen zu vertheidigen. Freilich, das Bewußtsein mußte auch damals schon sein Vertrauen erhöhen, daß es unrichtig war, wenn man ihm vorwarf, die Beschäftigung mit einer Zeit, wo ä-iö den Accusativ regiere, müsse „die reine Liebe zum Alterthum und die pädagogische Kraft" verkümmern lassen. Das stand doch felsenfest, daß der Werth der historischen Forschung nicht abhängig gemacht werden darf von der Beschaffenheit ihres Gegenstandes. Das Studium inhaltlich und formal hochstehender Literaturperioden ist nicht höher zu achten, als die Beschäftigung mit weniger glanzvollen Zeiten. Mit vollem Recht weist daher Krnmbacher derartige „ästhetische und pädagogische Rücksichten" bei Beurtheilung des Werthes oder Unwerthes historischen Schaffens zurück. Leider waren und sind diese Erwägungen noch nicht zum Gemeingut aller Gebildeten geworden. Und wenn auch in der Theorie gar viele dem Gesagten zustimmen, wenden sie in der Praxis doch ihre Blicke weg von dem dunklen Zeitalter des Byzantinismus, das ein ständiges Sinken der Civilisation und ein Ueberhandnehmen des schon durch das Wort „byzantinisch" charakterisirten Servilismus in Literatur und Gesinnung reprüscntire. Mit der ihm eigenen kraftvollen Sprache widerlegt Krnmbacher durch schlagende Beweise und Hinweise auf andere Culturepochen derartige Vorurtheile. Eine vielseitige Zustimmung zu seinen Ansichten darf Krnmbacher aber fchou dem Umstände entnehmen, daß er nach kaum einem Lustrum schon wieder an eine Neubearbeitung der byzantinischen Literatur-geschichte schreiten mußte. Aber auch die Art und Weise, wie die Neubearbeitung vor die Oeffentlichkeit trat, zeugt von dem großen Erfolgt seiner Bemühungen. Um mehr als das Doppelte ist der Umfang des Buches vermehrt. Fast jede Seite weist Früchte auf, die erst die letzten Jahre zur Reife gebracht haben. Vor allem werden aber die Theologen diese neue Auflage freudigst begrüßen, da die theologischen Schriftsteller in derselben eine gesonderte Behandlung gefunden haben, und zwar von Seite eines Fachmanns; Professor Albert Ehrhard hat diesen Abschnitt der byzantinischen Literatur bearbeitet. Auch der im Anhang gegebene „Abriß der byzantinischen Kaisergeschichte", den Professor H. Geiz er gefertigt hat, entsprach zu sehr einem dringend gefühlten Bedürfnisse, als *) Erschienen als IX. Band I. Abtheilung des „Handbuchs der klassischen Alterrhums-Wissenschafi". München 1897 daß er nicht mit der größten Dankbarkeit entgegengenommen würde. So ist denn durch dieses Handbuch unsere historische Wissenschaft um ein bedeutendes Hilfsmittel bereichert worden. In drei großen Abtheilungen (prosaische, poetische und vulgärgriechische Literatur) führen uns die Verfasser die einzelnen Schriftsteller nach Fächern (Theologie, Geschichtschreiber und Chronisten usw., Kirchen» Poesie, Profanpoesie) seit den Zeiten Justinians bis zur Auspflanzung des Halbmondes auf der Hagia Sophia (527—1453) vor Augen. Krumbacher datirt zwar in der neuen Auflage den Beginn des byzantinischen Zeitalters in die Zeit Konstantins, näherhin in das Jahr 324, und begründet diese Meinungsänderung eingehend. Aber der Anschluß an die Literaturgeschichte von Christ erforderte das Beginnen mit der Zeit Justinians. Die kurzen Charakteristiken der einzelnen Perioden und Schriftsteller, die trefflichen Literaturangaben, die beigefügte allgemeine Bibliographie, dazu die größtmögliche Correctheit und Wissenschaftlichkeit in Inhalt und Form, wofür schon die Verfasser bürgen, machen das Buch zu einer wohl- eingerichteten Rüstkammer, der alle Einzelforscher auf dem Gebiete der byzantinischen Literatur Material und Hilfsmittel entnehmen müssen. Mögen denn diese reichen Anregungen auch reichlich benutzt werden; möge diese zweite Auflage im Stande sein, recht viel Sinn und Freude für byzantinische Studien zu wecken! Hier bleibt freilich noch viel zu wünschen übrig. Noch im vergangenen Jahre, als das bayerische Parlament sich mit der Genehmigung der Mittel für Gründung eines byzantinischen Seminars an der Münchener Universität beschäftigte, war es dem Referenten der Kammer der Abgeordneten möglich gewesen, zur Begründung der Ablehnung dieses Antrags unter anderem auf die geringe Betheiligung an diesen Studien hinzuweisen. Dieser Thatsache gegenüber ist der Wunsch angebracht, daß eS dem Verfasser, der durch Herausgabe der byzantinischen Literaturgeschichte diese Studien so trefflich inaugurirt und durch Gründung und Redaktion der „byzantinischen Zeitschrift" ihnen ein Centralorgau ersten Ranges geschaffen und überdieß noch Zeit gefunden hat, in zahlreichen Einzelstudien mustergiltige Vorbilder zu bieten, noch recht lange beschieden sein möge, Wortführer in Sachen seines Wissenszweiges zu sein! Möge ihm insbesondere auch als akademischer Lehrer ein recht weites Arbeitsfeld zu theil werden! Eine Verbreitung und Verallgemeinerung der Kenntniß des byzantinischen Zeitalters über den Kreis der Fachgenossen hinaus kann ja nur dazu dienen, manche Fragen der Gegenwart mit reiferem Blicke zu betrachten. Dazu ist z. B. der Dualismus zu rechnen, der die gräco» slavische Welt so scharf scheidet von der gcrmano-roman- ischen. Vor allem aber werden auch die vom gegenwärtig regierenden Papste Leo XIII. so sehr betonten Unionsfragen durch Kenntniß der byzantinischen Literatur und Geschichte tiefer erfaßt und besser gelöst werden können. Rom, Jänner 1897. F. 8. Socialistische Theorien des Alterthums. (Fortsetzung.) 1. Der Staat des Phaleas. L Der erste, welcher sich niit dem socialen Problem befaßt zu haben scheint, ist Phaleas aus Chalkcdon. Wohl durch die vielen Unruhen veranlaßt welche die unr gleiche Vertyeilmig des Besitzes in den damals bestehenden Staaten zur Folge hatte, stellte er die Forderung auf, der Besitz der vollberechtigten Staatsangehörigen solle gleich groß sein; bei Gründung von neuen Städten sei die sofortige Einführung dieses Modus nicht schwierig, bei bereits bestehenden Verfassungen müsse man, wenn's auch hart ankomme, eine Gleichheit auf dem Wege herbeiführen, daß die Reichen ihren Töchtern Mitgift geben, aber selbst keine bekommen, und die Armen Mitgift wohl bekommen, aber keine geben. Neben der Besitzgleichheit wollte Phaleas auch Gleichheit der Erziehung für alle Bürgersöhne. Damit sei ein Heilmittel gegen Ungerechtigkeiten geschaffen. Auf die Fragen, wie hoch denn diese gleiche Besitzquote und welcher Art die gleiche Bildung sein solle, hat sich Phaleas nicht eingelassen. Dagegen wissen wir, daß er den Gewerbetreibenden das Staatsbürgerrecht entzogen und sie zu Dienern des Staates gemacht wissen wollte, daß er also die Industrie verstaatlichte, aber den Arbeitern das Eigenthum nahm. Wir haben da einen noch recht unvollkommenen Versuch vor uns, die sociale Lage wieder zu bessern. 2. Der Staat des Hippodamos von Milet. Dieser merkwürdige Mann, ein großer Baumeister, hatte sich durch seine Vorschläge für die regelmäßige Anlage von Städten und durch die Eintheiluug des wichtigen athenischen Hafens, des Piräus, bemerkbar gemacht. Seine Zeit (um 440 v. Chr. Geburt) fällt mit der des gewaltigen Staatsmannes Periklcs zusammen. Eine ächte Künstlernatur, unterschied er sich auch in seinem Auftreten von seiner Umgebung: er trug dichtes, lang Herabwallendes Haar und selbst im Sommer Winterkleidung. Sein hochfahrender Sinn strebte, ein Urtheil über die ganze Welteinrichtung zu gewinnen, und so war er der erste Privatmann, welcher sich über die Einrichtung eines Staates aussprach, der als der beste gelten könne. Sein Staat sollte 10,000 männliche Einwohner umfassen, welche drei Gruppen bilden würden: Handwerker, Bauern und Soldaten. Das Land sollte gleichfalls in drei Theile zerfallen, in heiliges Land für die Götter, in staatliches Land für die Soldaten und in Privatland für die Bauern. Nur drei Arten von Gesetzen solle es geben, nämlich gegen Gewaltthätigkeit, Sachbeschädigung und Mord. Als Appcllatiousiustauz stellte er ein Reichsgericht auf, welches aus wählbaren, greisen, erfahrenen Männern zusammengesetzt fein sollte. Ferner sollten die Männer, welche eine gemeinnützige Erfindung machen würden, staatlich geehrt und die Kinder der im Kriege Gefallenen auf Staatskosten unterhalten werden. Die Beamten dachte sich Hippodamos vom ganzen Volke, das heißt jenen drei Ständen gewählt; ihre Thätigkeit habe sich anf die Angelegenheiten des Staates, der Fremden und der Waisen zu richten. Diese Staatsidee ist augenscheinlich genauer ausgeführt als die des Phaleas. Aber sie leidet außer der aus Abgeschmackte streifende Vorliebe für die Dreizahl, welche der Baumeister vielleicht dem Studium pythagoreischer Lehren verdankt, an mehreren Unklarheiten. Die Handwerker scheinen keinen Antheil an Grund und Boden besessen zu haben. Das heilige Land und das Soldateu- land scheint commuuistisch verwaltet worden zu sein, und demnach kann auch das Privatlaud für die Bauern nicht in volle»! Sinne als vercrblichcs und vcrmehrbares Privatbank» betrachtet werdcn- Die Gewerbetreibenden hatten bei Hippodamos demnach eine ähnliche oder dieselbe Stellung wie bei Phaleas; von Besitz der vollberechtigten Bürger, zu denen wohl auch die Soldaten zu zählen waren, ist nichts mehr erwähnt. 3. Der Weiber st aat (389 v. Chr. Geburt). Der Lustspieldichter Aristophaues, welcher als witziger Gegner des Periklcs und des Sakrales den Standpunkt des Conscrvativismns in Religion und Politik vertrat, schildert in einem seiner tollsten Stücke, welches wir etwa „Weiberlandtag" betiteln würden, eine socialistische Verfassung, welche er von Weibern einrichten läßt. Er hat natürlich diesen Staat nicht mit dichterischer Phantasie frei erfunden, sondern verspottet dort eine ganz bestimmte Persönlichkeit, möglicher Weise einen der Sophisten, welche damals mit unerhörter Keckheit allem Herkömmlichen zu Leibe rückten, oder auch den nuten zu erwähnenden Antisthenes, der ursprünglich in die sophistische Schule ging. Das aristophanische Staatsbild besteht aus folgenden einzelnen Zügen: Alles soll glücklich sein. Hunger und Blöße, Schmähungen, Beutelschneiderei und Auspfändungen werden nicht mehr geduldet. Alles ist Gemeingut. Reiche und Arme gibt es nicht mehr. Alles muß an den Staat abgeliefert werden. Vom allgemeinen Vermögen werden die Einzelnen ernährt. Auch die Frauen sind Gemeingut. Die Kinder sollen jeden als ihren Vater betrachten, der etwa ein paar Jahrzehnte älter ist als sie. Rechtshändel gibt es nicht mehr. Prügelt einer in der Trunkenheit den andern, so wird dem Raufbold das Brod entzogen, welches er sonst bekommen hätte.. Die ganze Stadt wird ein Haus; die Gerichtshöfe und die Stadthallen werden in Gesellschaftssäle verwandelt, in welchen die Schmäuse und die Gelage stattfinden. Wenn der Dichter die Sache noch so ausmalt, die Männer hätten nichts zu thun als spazieren zu gehen und sich von den Frauen, welche dafür regieren, recht schön bedienen zu lassen, so ist klar, daß der schalkhafte Poet hier seine Scherze einstießen läßt. Wir sehen, bei Aristophaues liegt im Kleinen das Programm der Socialisten bereits fertig vor. 4. Der Staat der cynischen Schule. Nicht ohne Grund verknüpfen wir mit dem Ausdrucke „cyuisch" einen sonderbaren Begriff. Die griechische Philosophenschule, welche diesen Namen führte, hat sich, in diesem Punkte eine Tochter der Sophistik, wohl das Höchste in geistreicher Derbheit und Gemeinheit geleistet. Brutal cousequent und bar alles feineren Gefühles bildete sie ihre Sätze aus, in welchen zwar die Tugend in letzter Linie als Leitstern gepriesen, in Wahrheit aber ein Zerrbild dieses erhabenen und zugleich schönen Begriffes gegeben wurde. So ist es denn kein Wunder, wenn anf der Karte ihres Zukunfts- und Musterstaates so ziemlich alle Punkte verzeichnet sind, welche der aristophanische Weiberstaat feststellt, nebst einigen Zusätzen, welche auf denselben Weg deuten. Dies gilt schon von dem Gründer der Schule, dem Lehrling des Sakrales, Antisthenes (nach 400 v. Chr. Geburt), mehr aber noch von Diogenes (404 — 423 87 v. Chr. Geburt), den wir als überspannten Verehrer der Einfachheit und Natürlichkeit kennen. Ihr Grundgedanke war: Der wahrhaft Weise, der die Tugend voll besitzt und frei gebrauchen kann, werde alles recht und trefflich machen. Daher sei Ehe, Besitz und Rechtsschutz nnnöthig. Die gesellschaftliche Bedeutung des Gesetzes erkannte Diogenes zwar an, aber er verstand darunter wohl nur das sittliche Gesetz, welches alle speciellen Gesetze überflüssig macht. Einen Staat in unserm Sinne wollte er nicht. Er meinte, der einzig richtige Staat sei derjenige, welcher in der ganzen Welteinrichtung zu Tage trete. Die Gottesverehrung in Tempeln und die Abstinenz schätzte er nicht besonders hoch. Es sei kein Unrecht, aus einem Tempel etwas wegzunehmen oder jedes beliebige Thier zur Speise zu wählen; ja selbst der Genuß des Menschenfleisches sei nichts Ruchloses. Der Unterricht in Kunst und Wissenschaft war nach ihm ohne sittlichen Nutzen, wenn nicht schädlich. Als Tauschmittel empfahl er statt des Goldes oder Eisens das Knöchelgeld, welches den Spielmarken unserer Kinder entspricht — eine interessante Parallele zum Markengelde der jetzigen Socialisten. 5. Der Staat Platons (nach 380 v. Chr. Geburt)' Der geniale Schüler des Sakrales hat unstreitig das Großartigste gesagt, was je über die Eigenschaften des bestmöglichen Staates verkündet wurde. Er ist auch das Muster und Vorbild für alle die gewesen, welche uto- pistische Staatsgebilde schufen, von Thomas Morus und Campanella bis auf unsere Zeit. Nicht ohne Vorbereitung jedoch wie Athene aus dem Haupte des Zeus ist der Plan dem Geiste des Philosophen entsprungen. Die bisher dargestellten Verfassungsvorschläge haben mehr oder minder ihren Beitrag und ihre Anregung zu demselben geliefert, wie auch das praktische Vorbild der spartanischen Staatseinrichtung. Auffallend erinnert an Hippodamos die Eintheilung der Stände. In trefflicher Ausführung nämlich begründet Platon in seinem „Staate", dem Hauptwerke über Politik, den Gedanken, daß wie im gewöhnlichen Leben, so auch im Staatsleben eine Arbeitseintheilung eintreten müsse, je nach der Befähigung des Einzelnen. Und zwar müsse neben dem Nährstande der Gewerbetreibenden, Bauern und Arbeiter, welche in willigem Gehorsam die Tugend der Selbstbeherrschung zu üben hätten, ein besonderer Wehrstand stehen, die sogenannten „Wächter", deren Aufgabe die Vertretung der Tapferkeit zum Schutze des Staates sei, und alle diese sollten geleitet werden von dem Ehr- und Lehr stände, dessen Glieder philosophisch gebildet und mit der Tugend der Weisheit ausgerüstet sein müßten. Im Unterschiede aber von Hippodamos denkt sich Platon die drei Stände nicht numerisch gleich, sondern er hält nur wenige Bürger für würdig, dem Beamtenstande anzugehören. Auch die Besitz-, Weiber- und Kindergemeinschaft nimmt Platon in seine Theorie aus, die Besitzgemcinschaft jedoch nicht für den Nährstand und letztere mit Beschränkungen, die hier nicht näher besprochen werden können. Nur tvie gezwungen und nur nach und nach läßt er sich auf die Frage der Fraueugemeinschaft ein, so daß man auf die Vermuthung kommt, er habe diese Forderung zum ersten Male aufgestellt. Allein jene Behutsamkeit läßt sich ebenso gut aus der Vedenklichkeit des Themas erklären, dessen Erörterung damals nicht ganz gefahrlos sein mochte. Vor weiteren Couscquenzen scheut der- Philosoph nicht zurück: Die Frauen nehmen am Kriegsdienst und den Staatsgcschäftcn theil; geschlechtliche Verbindungen zwischen den allernächsten Verwandten sind nicht auf alle Fälle ausgeschlossen; die Kinder sind den Eltern gänzlich, vor allem in der Erziehung, zu nehmen, und es muß verhütet werden, daß etwa die Mütter ihre Kinder erkennen. Eine allgemein waltende Gesinnung brüderlicher Liebe und Freundschaft sieht Platon als Folge dieser Anordnung voraus, welche noch wirksamer gestaltet wird durch das Verlangen gemeinsamer Mahlzeiten. Die Gänge der platonischen Dialektik im einzelne» zu verfolgen und die speciellen Vorschriften mit den Begründungen wiederzugeben, müssen wir uns versagen. Nur schwer entzieht sich dem Banne der überredenden Darstellung, wer einmal in den platonischen „Staat" eingedrungen ist. (Fortsetzung folgt.) Die Abteikirche zu Kastl. Kunstgeschichtliche Skizze von F. Mader. (Schluß.) Nachdem wir die Stiftskirche im Innern genügend kennen gelernt, lade ich zur Betrachtung des Aeußeren ein. Da in den Jnnenräumen der ehrwürdigen Basilika nichts mehr zu „restauriren" war, die Malteser aber doch auch eine kunstgeschichtliche That vollbringen wollten, gedachten sie sich am Außenbau der Kirche zu verewigen. Das gelang ihnen auch. Sie überdeckten nämlich die drei Schiffe der Kirche mit einem großen Dach. Dieser barbarische Einfall hat das Aeußere der Kirche sehr geschädigt. Nur die Ostseite von St. Peter mit den drei Apsiden und dem Thurme bringt noch die ursprüngliche Gestalt zur Anschauung und zeigt, daß die Kirche auch nach außen hin in edlen Formen und Verhältnissen sich präsentirte und mit einer mäßigen, aber geschmackvollen Dekoration ausgestattet war. Da die HauptapsiS bei dem schon erwähnten Einsturz des nördlichen Thurmes in ihrem unteren Theile erhalten blieb sammt ihrer ursprünglichen dccorativen Ausstattung, so läßt sich mit großer Zuverlässigkeit die ehemalige Gestalt der Apsis nach außen feststellen. Sie war in fünf Felder getheilt, zwischen denen vier Halbsäulen emporwuchsen; oben müssen dieselbe» durch Rundbögen verbunden gewesen sein. Die Sockel der Halbsäulen sind zweimal als attische Basen behandelt, zweimal mit Thiermotiven geschmückt. Unter dem Dach- gesims war noch ein Ruudbogenfries angeordnet, wie auS den Resten sicher ist. Ob die Zahl der Fenster drei oder fünf betrug, läßt sich nicht angeben; beim Wiederaufbau der Apsis nach dem Thurmeinstnrz hat man deren fünf angebracht. Die nämliche decorative Anordnung, wie hier an der Hauptapsis von St. Peter zu Kastl, findet sich auch an der Apsis des Domes zu Gurk und zu Speyer, im letzteren Fall bereichert durch eine zierliche Säulengallerie. Die Seitenapsiden sind einfacher behandelt. Unter dem Dachgesims läuft ein Zahnschnittband und darunter ein Rundbogenfries mit zwei Ecklisenen. Der Thurm, das Wahrzeichen der Kastler Gegend, hat eine edle, stilvolle Gliederung. Die Fensterzahl steigt nach oben zu. Kräftige Gesimse scheiden die einzelnen Stockwerke. Die oberen drei Etaaen sind durch Rund- 88 bogenfriese belebt, wobei die Sockel der Bögen mehrfach als Thier- und Menschenköpfe gebildet sind. Im Uebrigen weisen die Außenwände der Kirche keinen Schmuck auf. An der Südseite befinden sich zwei Portale: ein romanisches in einfachen Formen und ein gothisches an der Bencdiktuskapelle. Letzteres ist zwar figurenlos, aber recht gefällig und beachtenswerth in der Anlage. Weitere dekorative Bestandtheile haben sich nur im Innern der Kirche und zwar an der Hauptapsis erhalten. Es sind zwei Dreiviertelsänlen, die einen die Apsis einnehmenden Wulst tragen. Einer dieser Säulen dient ein Fischlveib zum Sockel. Die Kapitäle und der Wulst sind mit zierlichen Ornamenten geschmückt. Diese Ausschmückung der Apsis innen und außen» sowie einige zerstreut umherliegende Details beweisen, daß St. Peter sich ehemals reichen Schmuckes in plastischer Arbeit erfreute: so gehört ein am Pfarrhof eingemauertes Kapitäl dem gereiftesten romanischen Stil an nnd zeigt vortrefflich stilisirtes Blattwerk mit Diamantbändern. Zwei andere Kapitäle befinden sich auf dem jetzigen Calvarienberg in der Nähe von Kastl. Noch möchte ich eines Weihwafferbeckens erwähnen, das aus romanischer Zeit sich erhalten hat: es ist eine Steinmetz- arbeit in Form einer aufgeblühten Rose, mit stilisirten Roscnblättern glücklich dccorirt. Nach allem zu schließen, muß St. Peter ein herrliches Baudenkmal gewesen sein, und man kann nur bedauern, daß soviel davon zu Grunde gehen mußte. Sogar im 18. Jahrhundert, das nicht viel archäologischen Sinn besaß, war man mit der Restauration der Jesuiten nicht einverstanden, weil sie alles beseitigten, was die vorausgegangenen Stürme noch nicht weggefegt hatten; bei der bischöflichen Visitation im Jahre 1720 ernteten sie kein Lob für ihre Restauration. * * * Ich hoffe, die ehrwürdige Abteikirche nunmehr genügend beschrieben zu haben; es erübrigt aber noch die Frage, welcher Baumeister wohl diese merkwürdige Basilika erbaut habe. Um die Zeit, wo die Klosterkirche zu Kastl gebaut wurde, waren die Kräfte zur Ausführung eines so stattlichen Gotteshauses in der Kastler Gegend ganz gewiß nicht vorhanden, und „da der Bau mit seinen Tonnen- und Kreuzgewölben eine technische Entwicklung zeigt, die, wie Rieh! bemerkt, weder in der Hauptstadt des Landes, in Regensburg, geschweige denn in der Diöcesanhauptstadt Eichstätt um jene Zeit ein Seitenstück findet," so muß man an eine auswärtige oder wenigstens auswärts gebildete Kraft denken. Die Ansicht Nichts, daß der leitende Baumeister der cluuiacensischen Schule angehörte, hat alles für sich. Das in Deutschland so äußerst seltene Tonnengewölbe, wie es sich in Kastl findet, weist ganz bestimmt auf Südfrankreich hin, wo das Tonnengewölbe während der romanischen Epoche bekanntlich sehr häufig zur Anwendung kam. Und wenn einmal französischer Einfluß feststeht, so kann man unr an Clnuy denken, von wo gerade zur Zeit, da Kastl gegründet wurde, die Reform des Bene- diktlnerordens ausging. Neben dem Tonnengewölbe weist auch die Vorhalle in Kastl auf Clinch hin. Die großartige Abtcikirche zu Clinch selbst besaß eine doppelte Vorhalle, deren eine doppelgcschossig war, und wo man tu Deutschland derartige Vorhallen an I romanischen Bauten findet, läßt sich immer der Einfluß Cluny's nachweisen, der in Dentschland durch Hirsau vermittelt wurde. Da nun Kastl auch eine solche Vorhalle besaß, so wird die Ansicht, daß ein mit Cluny direct oder indirect in Verbindung stehender Baumeister die Kastler Stiftskirche erbaut habe, wesentlich verstärkt. Zudem ist die Entstehungsgeschichte des Klosters dieser Annahme sehr günstig. Die ersten Mönche, die dasselbe bevölkerten, kamen, wie schon erwähnt wurde, aus Petershausen bei Constanz unter dem Abte Theodorich. Die Veranlassung zu dieser Berufung ist ohne Zweifel bei Bischof Gebhard von Constanz zu suchen, dessen Schwester Lnitgard das Kloster Kastl Mitbegründer hat. Bischof Gebhard war aber in Hirsau Mönch gewesen, ehe er Bischof wurde, und stand daher mit Cluny in naher Beziehung. Es ist deßhalb kaum anders zu denken, als daß die ersten Kastler Mönche auch der cluuiacensischen Reform angehörten — und daß der Baumeister der Kastler Klosterkirche aus der clunia- censischen Schule hervorgegangen war. So begreift es sich, wie zu einer Zeit, wo die Technik des Wölbens in Bayern noch kaum geübt wurde, in Kastl die Wölbung eines fünfschiffigen Chores mit Tonnengewölbe im Hauptschiff ausgeführt werden konnte, einem Gewölbesystem, das in der deutschen Kunstgeschichte eine ganz seltene Erscheinung bildet. r» * * Noch ein Wort über die Klostergebäude, die der Kirche östlich sich anschließen! Sie umfassen mehrere kunstgcschichtlich interessante Räume: vor allem den Kapitelsaal, wie er gewöhnlich genannt wird. Dieser flachgedeckte Raum gehört dem Beginn des 13. Jahrhunderts an. Darin steht ein portalartiges Monument, dessen Bestimmung die Archäologie immer noch nicht festgestellt hat. Die einen bezeichnen es als Altar, andere als Rückwand für den Abtsitz, wieder andere bringen es mit dem Doppelkloster in Zusammenhang, das in Kastl eine Zeit lang bestanden haben soll. Ein weiteres Denkmal des 13. Jahrhunderts innerhalb der Klostergebäude ist die sogenannte Stifterkapelle, die an den südlichen Thurm anstößt. Die vier Gewölbe- joche derselben werden durch einen Mittelpfeiler und entsprechende Wandpfeiler getragen. In ähnlicher Weise mag die Halle im Obergeschoß des Paradieses gewölbt gewesen sein. Auch der Speisesaal aus der Benediktinerzeit ist erhalten. Es ist eine stattliche gothische Halle von 23 m Länge, 8 in Breite und ungefähr 10 m Höhe. Ein Kreuzgewölbe zu fünf Jochen überspannt den Raum. Schlußsteine, Nippen und Consolen sind treffliche Steinmetzarbeiten der entwickeltsten Gothik. In diesem Saale ist noch ein seltenes Handwaschbecken aus gothischer Zeit erhalten. Es befindet sich nahe dem Eingang an der Westwand. Aus drei Löwenrachen ergoß sich das Wasser zum Gebrauch. Die Nische, in welcher der steinerne Wasserbehälter sich befindet, ist von einem kräftigen Wimperg überragt. Letzterer ist mit zwei Mönchsgcstalten (Kniestücke auf Wolken) belebt, von denen der eine einen Krug hält, bereit, von dem Wasser auszugießen, während der andere das Handtuch darreicht. Die Bemaluug dieser interessanten Scnlptur scheint die ursprüngliche zu sein. - 89 - » Niemand wird endlich den prächtigen Ausblick bewundern, den nian am Südabhang des Berges, an der dortigen Ringmauer stehend, genießt, ohne den reizenden Erker zu gewahren, der die Giebelwand des aus der Süd- front des Gebäudes herausspringenden Flügels schmückt. Der Erker ist ein Werk der Spätgothik; feines Blend- maßwerk belebt dessen Flächen. Ucberhaupt würde die Mappe eines Landschaftsmalers mit vielen landschaftlichen und architektonischen Skizzen bereichert sein, wenn er Abschied nähme vom Klosterberg zu Kastl mit seiner ehrwürdigen Basilika uud seinem burgähnlichen Kloster. Der Kunsthistoriker aber, und lver immer für monumentale Kunst sich interessirt, kann nicht scheiden von Kastl, ohne den sehnlichen Wunsch mit sich zu nehmen, es möchten doch Tage der Auferstehung konimen für das schöne Gotteshaus droben auf dem Klosterbcrge. Dieses in der bayerischen und deutschen Kunstgeschichte bedeutsame Baudenkmal wäre in der That einer stilgemäßen Restauration sehr würdig und sehr bedürftig. Wenn es mir gestattet ist, eine Anregung hier aus- zusprechen, so möchte ich hinweisen auf den oben angeführten churfürstlichen Befehl, die Malereien in der Kirche zu übertünchen. Die Basilika war also mit Malereien geschmückt, die unter der jetzigen öden Tünche verborgen sind. Ein Anhaltspunkt über das Alter, über Inhalt und Ausdehnung dieser monumentalen Bemalung gibt es allerdings nicht, möglicherweise könnte ein ganz singulärer Fund gemacht werden. War doch die Anlage des fünf- schiffigen Chores, das flächenreiche Tonnengewölbe zur Ausführung eines ganzen Gemäldecyklus sehr geeignet! Die Geschichte der Malerei hat für Bayern bis jetzt nichts derartiges zu verzeichnen. Jedenfalls wäre es der Mühe werth, wenn gelegentlich einer Neutnnchung oder Restauration die Gewölbeflächen in der genannten Beziehung untersucht würden. Möchte dieser Wunsch und diese Hoffnung sich reali- firen! Bereits werden zwischen dem Pfarramt und der k. Regierung Unterhandlungen über die Restauration der Kirche gepflogen. Es besteht somit die Hoffnung, daß dieses ehrwürdige Baudenkmal des Mittelalters Tage der Auferstehung erleben wird. Die große Glocke, die am 8. Januar des Jahres 1323 beim SiegcSfest Ludwigs des Bayern zum ersten Mal erklang, wird wohl in nicht gar ferner Zeit dieses frohe Ercigniß mit ihrer feierlichen Stimme in den Gauen der Oberpfalz verkünden!*) Stilla von Abenberg. Von Adam Hirschmann. (Schluß.) Nach diesen negativen Darlegungen wollen wir nunmehr den Versuch wagen, ein positives Resultat zu gewinnen. Zwei Momente sind uns in der Stillafrage sicher gegeben, nämlich die schriftliche Fixirnng der Tradition durch den Visitator Vogt 1480 und der Grabstein in der Peterskapelle zu Abenberg. Aus den Angaben Vogts, welcher von einem restan- rationsbedürftigcn Altare spricht, ergibt sich die Thatsache, *) Literatur: Dr. B. Riehl, Denkmale der frühmittelalterlichen Baukunst in Bauern. Brnner, Das Merkwürdigste von Kastl. 1830. Eichstätter Pastoraldlatt. X. und XI. Jahrgang. daß in früheren Jahrhunderten ein umfassender Cnlt Stilla's vorhanden war, welcher jedoch allinählig nachgelassen hatte. Denn wäre die Verehrung Stilla's erst kürzlich entstanden, ehe Vogt nach Abenberg kam, so wäre die Wallfahrt zur Peterskapelle eine viel lebendigere gewesen, und der bischöfliche Commissär hätte nicht nöthig gehabt, zur Hebung derselben die Mahnung zu geben, den Altar wiederum herzustellen und den Chor neu zu bauen. Der Grabstein, welcher dem 12. Jahrhunderte angehört, stellt eine weibliche Person dar, welche eine Kirche in der Hand trägt und welche in Ansehung ihrer faltenreichen, höfischen Gewandung hoher Abkunft gewesen sein muß. Das Attribut eines Gotteshauses, die Ruhestätte in der Peterskapelle lassen unzweideutig erkennen, daß die dargestellte Person die Stiftern: genannter Kirche gewesen sei. Ferner besagt das Grabmal, daß die Erbauerin jener Kapelle in Abenberg begütert gewesen sein müsse; denn sonst hätte sie wohl kaum eine Veranlassung gehabt, an dieser Stelle eine Kapelle zu errichten; außerdem hätte sie ihre letzte Ruhestätte anderswo gefunden. Das Bindeglied zwischen den Angaben Vogts und dem stummen Zeugnisse des Grabmales bildet die örtliche Ueberlieferung, welche den Namen „Stilla" an die Peterskapelle und an den Grabstein aus dem 12. Jahrhundert knüpft. Sind wir nun berechtiget, diese Tradition zurück- zutvcisen? Dürfen wir sie als völlig grundlos erklären und ihr jeglichen historischen Werth absprechen? Wir verkennen durchaus nicht die Schwere des Einwandest Warum schweigt Vogt 1480 vollständig über das Grabdenkmal Stilla's? Aber bei näherem Zusehen dürfte selbst Vogts kurzer Bericht nicht zu Ungnnsten des Grabsteines ausfallen. Warum betont denn der cichstättische Visitator, um die Wallfahrt neuznbcleben, so sehr die Nothwendigkeit der Restauration des Altares und die Erbauung des Chores an der Peterskapelle? Wohl deßwegen, weil gerade im Chöre die Stiften,, des Gotteshauses ihre letzte Ruhestätte gefunden, weil unter den Trümmern desselben deren Grabstein verborgen fein mochte. Der einfache Nam Stilla konnte sich bei aller Verdunkelung der sonstige» Lebensuinstände im Bewußtsein des Volkes ohne Schwierig keit fortcrhalten, mochte auch das eifrige Zuströmen zu ihrem Grabe längst aufgehört haben. Somit glauben lvir festgestellt zu haben: Stilla ist eine abcnbcrgische Lokalheilige des 12. Jahrhunderts von ") Vielleicht dürfte der Name Stilla mit „Sthala" in Beziehung gebracht werden, von welchem die Genealogie der Zöllen, in der Handschrift des Erasmus Sann von Freising spricht: Lurclurrärrs eonrss cke 2olr Keuuit guatnor Llios vt ckuas Lilas: Lurebarckum, Ltzevcmem, Ikrickerleunr et Ootli'rlcluw et watrem xaleutinl cko VurviK et alterara anam ckuxlt IVerr,Leins oomes. Lurebarckus ckuxit guauckam cle 8tl,ala et Kemrit ex eo Burebaräunr vt l?L'iÜ6rienm eowltes cke Hobeubureb. Oottkrläus eine bsrecke äeesssit. irrlcksrieus Zeuuit 1»rickerleuw vt ?erelr- tlrolckum. IZorebtolckus Kennet ülram, guae nnpslt eomiti äe Zaneto wonte. k'rickeriens Kvnnit l^läerleum pure- Kiavlnm ckv Xtiruberek. (Ll. 6. 8.8. XXIV, 78.) Weder Stalin (Wirtembergikche Geschichte II. 50). noch Riede! (Die Ahnherrn des preußischen Königshanses in: Abhandlungen der k. Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1854 S. l9—21) noch Schund (Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg, Stuttgart 1862 v. I-XXXIX) geben irgend welche Notiz zu Sthala. Nach Schund lebte Burkard 11., welcher mit einer ungenannten Tochter des Hauses Sthala vermählt war. zwischen 1125—1150. 90 hoher Abkunft, welche als Stiften» der Petcrskapclle daselbst ihre Ruhestätte gefunden hat?") Alle übrigen Nachrichten und Angaben gehören nicht der Geschichte, sondern der Sage an, welche mit verschiedenen Zügen aus den Legenden anderer Personen das Leben Stilla's auszugestalten sich bcmüßiget gefunden hat. Wann und wo hat allenfalls der Name Stilla die legendäre Ausschmückung erfahren? Wir haben schon oben dargelegt, wie unter dem gelehrten^") Abte Petrus Wcgel die Grafen Rapoto und Konrad von Abenberg als die ursprünglichen Stifter des Klosters Heiltzbronu aufgefaßt und als solche bildlich verherrlicht worden sind. Damit dürfte wohl auch die Erweiterung der Stilla-Legeude iu Beziehung Zu bringen sein. Gerade am Ausgange des Mitteln tters erwachte unter dein günstigen Einflüsse der ueuentdeckten Bnchdruckerkunst ein eifriges Streben, die literarischen Schätze der Vergangenheit zu sammeln, die alten Urkunden und Chroniken allgemein zugänglich zu machen. Auch die Heiligenleben wurden in den Kreis der Forschung gezogen und ihr Leben gerne mit einem reichen Kranze von großen Wunderwerken umwoben. Schon unter den ältesten Inkunabeln finden sich Legendarien und einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder bieten sie ein brauchbares Körnchen dar; im ganzen aber erscheinen die Legenden in solcher Weise überarbeitet, daß dcls triviale, allen gemeinsame, überhandgenommen hat, das geschichtliche oft ganz verschwunden oder doch verdunkelt ist. (Wattenbach, Deutschlands Geschichtsqnellen I, 5, 9.) In dem Cisterrieuserkloster Heilsbronn ließ der Abt Sebald 1498 — 1518, welcher sich als Thomist und Historiker einen geachteten Namen erworben hat/') einen eigenen Saal bauen zur Aufbewahrung der zahlreichen Pergamenthandschriften. Noch zu Hocker's Zeiten 1731 zählte die Bibliothek des 1540 eingezogenen Klosters Außer den schon genannten Lokalheiligen Acha- hildis (St. Atzin) von Wendelstein, Reymot von Holn- stein, Gunthildis von Biberbach kennt die Diöcese Eich- stätt noch den seligen Polio, der in dem nahe bei Eichstätt gelegenen Pfarrdorfe Pollenseld verehrt wurde. Wir besitzen nur eine einzige Nachricht über ihn aus der Feder des Rebdorfer Annalisten Kilian Leib, welcher zum Jahre 1524 bemerkt: Latsi in visino inonts ksrs omnvs iüsrs exRoeati, veram Ions O. 8olas oonksssoris in pk>Ko Lvsr- selivitiiAÜ st Ions bsati (nti »saut) kollonis in villa Lollsnkslck, guas losn inilliarii gpatio ab ^.iobstat sita sank, minims ästsosrunt. (Döllinger, Beiträge II, 587.) Förstemann, Althochdeutsches Namenbuch S. 274 leitet Pollo ab vorl Bol und weist aus Pertz (N. O. II, 62, Ratxsrti sa8,,s 8. Oalli), aus Neugart, Kausler, Meichel- beck das Vorkommen dieses Namens im 9. Jahrhundert nach. Im römischen Martyrologium kommt unterm 28. April ein Pollio in Pannonien vor. ") Auf seinem Grabsteine wird der am Tbomastage 1479 verstorbene Abt Petrus gerühmt: Omnibu8 in 8tuclii8 ckootn8 t'uit atgus cki8srtus Hio kbosbum ooluit ttsAa^ickssgus Osa«. Uovsat bis ounota rsksras guas TAsoloßfls, ?ruclsn8 in Iaoti8, olarna in orbs tuit. In der Rechnung von 1474 steht über ihn geschrieben: Ons. ?stru8 abbao 8. Ibsol. protss5or, rsxitannos 8säsoim st oon8truxit uovum ainbitum, ospitolium, üormitorium, inürinatoriuin, novam libsrarianu prastsr libros vsr suw emvto8, guos non oomputavi. Hocker. Heilsbr. Antigu.- Schatz I, 76. Petrus Wegel war von dem Rektor Johannes von Rysen 1431 an der Universität Heidelberg immatrikulirt worden. , ") Sebald Babenberger war am 9. April 1479 an der Universität Heidelberg immatrikulirt worden. zu Hcilsbroun über 600 Manuskripte des verschiedenartigsten Inhaltes (Hocker I. c. bibiiotb. prust. Z 13 st 17). Unter den handschriftlichen Heiligenleben finden sich vorgetragen die Biographien des hl. Othmar, des hl. Otto, des hl. Heinrich, das Sammelwerk: Blüthen der Heiligen (siores sunotorum) mit nahezu 200 Charakterzeichnungen, Reden auf die Leiden der Heiligen mit 40 Lebensgeschichten; es erscheint: Neues Passionale mit Reden auf 77 Heilige.") Auch das Leben der hl. Kunigundis, des hl. Erzbischofes Tiemo von Salzburg (vergl. Theol.-prakt. Monatsschrift 1896, 697 ff.), des hl. Willibald und anderer Persönlichkeiten des bonisatian- ischen Zeitalters war dem Sammeleifer der Mönche von Heilsbronn nicht entgangen (Hocker 1. v. dibl. 7 — 96). Von den ältesten hier einschlägigen Druckwerken besaßen sie: Viola. Lanotoruin, Straßburg 1487, 8sr- mon68 cls Lanotis von Jakob de Voragine 1484 (oonfl Kirchenlex. I, 183), ferner die Predigten des Dominikaners Johann Herolt über das Kirchenjahr und die Heiligen, erschienen zu Nürnberg, gekauft von dem Abte Johannes Wenk 1518 — 1529. Wenn nun die Söhne des hl. Bernhard in Heilsbronn sich mit solchem Eifer den Studien hingegeben haben, ist es da nicht höchst wahrscheinlich, daß sich die ersten Bewohner des Klosters Marienburg, welches im Jahre 1488 von der Bürgermeisterswittwe Katharina Habermayer von Weissenburg mit Hilfe einiger Jungfrauen aus dieser Stadt und aus Nürnberg gegründet worden war (Sax, Die Bischöfe und Reichsfürsten von Eichstätt I, 338), dorthin gewendet haben, um angesichts des Grabes einer seligen Stilla Aufschluß über die Lebensschicksale dieser Persönlichkeit zu erhalten? Diese Vermuthung wird noch gesteigert, wenn wir die Thatsache ins Auge fassen, daß der letzte katholische Abt des Klosters Heilsbronn, Johannes Schoppcr, als Humanist von Bru- schius hochgefeiert, im Jahre 1491 in Abenberg das Licht der Welt erblickt hat. Frühzeitig trat der reich- talentirte Jüngling in das benachbarte Cistercienserkloster ein, besuchte im April 1512 die Hochschule zu Heidelberg, dem gewöhnlichen Studienorte der Novizen von Heilsbronn (Sammelblatt des histor. Vereins Eichstätt II, 25 nach Töpke, Die Matrikel der Universität Heidelberg von 1386-1662, 2 Bde.), und fertigte als Prior 1524 ein theologisches Gutachten für den zwischen Katholicismus und Lutherthnm hin- und herschwankenden Markgrafen Kasimir in Ansbach. Am 6. September 1529 wurde Schopper von 19 wahlberechtigten Conventualen zum Abte von Heilsbronn gewählt. Auf die Bereicherung der Büchersammlung verwendete er jährlich 25 fl. (Hocker 1. o. I, 109; Strauß, Viri iusiAnsg p. 389). Da nun die abenbergischen Aufzeichnungen der Stilla- Legende nach Form und Inhalt aus Einer Quelle geflossen sind, da ferner das älteste Manuskript der Schwester Monika Farcketin aus dem Jahre 1593 die Jahreszahl 1502 enthält, in welchem die Gemeinde Trominetzheiin ") Diese Handschrift wurde nach der Schlußbemerkung abgeschrieben von Hermann von Noßstall, welcher zur Erklärung und Geschichte dieses Ortsnamens sich auf Aventin beruft. Letzterer vollendete 1521 seine Annalen: im November 1522 begann er die Verdeutschung derselben, Chronik betitelt (Riezler, Joh. Turmairs sämmtl. Werke I, XVill). Gerade Aventin bot (Chronik Buch VI o. 6, Riezler V, 315) die Geschichte der Jungfrau Bertha von Äiburg. Ueber seine papstfeindliche Stellung und seine zahlreichen Fälschungen s. Vrst8. VI, 124. 235-263; VII, 314; Riezler I, Xst. Hocker citirt I. o. bidl. p. 233 die Ausgabe der Chronik Aventins vom Jahre 1566. 91 an der Altmühl eine Kerze nach Abenberg verlobt wegen Befreiung von Kriegsuöthcn, so werden wir nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, die Tradition über Stilla sei in der erweiterten Fassung in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zum ersten Male schriftlich niedergelegt worden. Auch Müller (I. c. p. IV) hält die Handschrift des Jahres 1594 grösztcntheils für eine Abschrift einer 50 — 80 Jahre älteren Vorlage, die nicht mehr vorhanden ist. Die geschichtlichen Untersuchungen über die Grafen Rapoto und Konrad von Abenberg, wie sie in Heilsbronn gepflogen wurden und in dem oben berührten Gemälde Ausdruck gefunden haben, führten unschwer auch zu Stilla, die wegen ihrer Ruhestätte in der Peterskapelle zu Abenberg kurzwcg als Gräfin von Abenberg und als Schwester der angeblichen Stifter von Heilsbronn betrachtet werden konnte. Wohl nicht ohne Einfluß auf die Phantasie der ersten Oberin von Maricnburg, Katharina Habermayer, welche sich vorher in dem 1471 gegründeten Klösterlein Mariastein bei Eichstätt aufgehalten hatte, ist das Leben der Rcklusin Agnes Eeslingerin geblieben, welche an dem Reb- dorfer Chorhcrrn Hieronymus einen Biographen gefunden hat: „Das teglich brot von den Hastigen", Hagenan 1522. Der Exjesuit Anton Crammer gibt in seinem Buche „Heiliges und gottseliges Eichstädt 1780" folgenden Aus- zug: „Es war eine Matrone mit Namen Agnes Ees- lingerin, von ehrlichen Eltern im Schwabcnlande geboren,") die wundersame Dinge von dem hl. Altarssakramente empfangen hat. Oefters hat sie eine lange Reise unternommen, daß sie einer andächtig gelesenen hl. Messe konnte beiwohnen. Noch als Kind hat der Seelen- feind sie aus dem Mutterschooß herausgerissen und sie in den Donaufluß geworfen» aus welchem sie durch ihren Vater wundersam wieder herausgeholt wurde. Kaum etwas erwachsen, hat sie die Knaben zur Andacht aufgemuntert, und mit ihnen kleine Wallfahrten veranstaltet. Einmal gesellte sich Jesus in Gestalt eines holdseligen Knaben bei. Einmal in der Bittwoche, als sie der Prozession beiwohnte, hat ihr der böse Feind das ganze Kleid rückwärts zerschnitten, so daß sie den Bittgang zu verlassen gezwungen war, wie er ihr auch zu Hause ihre ganze Kleidung sammt vielen anderen Hausgcräthen ins Feuer geworfen. Wegen der fortwährenden Versuchungen verbarg sie sich auf dem Gottesacker unter den Todten- gebeinen; hatte aber auch bei der Nacht genug Licht zur Arbeit. Sie betete viel für die armen Seelen. Sie verschaffte große Hilfe den aussätzigen, bresthaften Kranken, denen sie mit dienstwilliger Arbeit Tag und Nacht bei- gcsprungcn. Sie hatte auch Erscheinungen der Mutter Gottes, der hl. Petronillci; sie wurde im Geiste, aber auch dem Leibe nach in andere Länder versetzt. Sie starb 1504 und wurde in der Klosterkirche zu Rebdorf, in dessen Nähe sie zuletzt gelebt hatte, beigesetzt." (Crammer S. 231 — 237, Greiser 10, 829; Viri insiZncw p. 188.) Angesichts des frommen Wunderglaubens mittelalterlicher Geschichtsschreibung darf man sich an derartigen unkritischen Ausgestaltungen vorgefundener Lokaluotizcn nicht stoßen; die wachsende Sage lehnte sich auch gerne an ältere Produkte historisch beglaubigter Personen an. So wurde z. B. das Lebensbild des hl. Sebaldus in Nürnberg an der Hand der Biographie Theobalds, welchen Papst Alexander II. (1061 — 1073) kauonisirt hatte, im 12. oder 13. Jahrhundert mit Wunderwerken der selt- ") Wohl ist damit das schwäbische Städtchen Ais- lingen bei Dillingen gemeint. , samsten Art ausgeschmückt. (Stammiuger, kstmneomn 8. I, 534.) Unter den Eichstätter Dwecsauheiligen taucht plötzlich die hl. Wunna, angeblich die Mutter des hl. Willibald,") auf. Wahrscheinlich hat der höchst unkritische Philipp von Natsamshausen, welcher aus dem Cistcrcicusertloster Barr im schönen Elsaß 1306 als Bischof nach Eichstätt berufen worden ist, diesen Namen in die Geschichte eingeführt. ((Iota 8.8. llnlii tom. II, 486.) Daß man aber im Mittclalter auch die unbegründetsten Sagen und Legenden mit stauneuswerther Leichtgläubigkeit hingenommen hat, beweist u. a. mehr als zur Genüge die Fabel von der Päpstin Johanna, welche durch die Chronik des Dominikaners Martin von Tropvau") (gestorben 1278) und des dem gleichen Orden ungehörigen Johannes von Mastly in Umlauf gesetzt worden ist. Trotz innerer Unmöglichkeit und augenscheinlicher Märchenhaftigkeit fand die Sache die gläubigste Aufnahme. Im Anfange des 15. Jahrhunderts fand die Päpstin unter den Papstbüsten im Dome zu Sieua eine Stelle, und sie behauptete den Platz zwei Jahrhunderte, bis sie endlich auf BegehrenKlemens' VIII. entfernt oder viclmehrin denPapst Zacharias verwandelt worden ist. Als auf dem Concil zn Konstanz Hns für seine Lehre sich auf das weibliche Papstthum berief, erfolgte von keiner Seite ein Widerspruch. (Döllinger, Die Papstfabeln des Mittelalters S. 1 — 45; Kirchenlcx. VI, 1519; Wattenbach, Deutschlands Gcschichtsqucllen II, 426.) Als Resultat unserer Untersuchung dürste sich somit ergeben haben, daß Stilla's Abstammung von dem Grafen Wolfram II. oder Zelchus von Abenberg, überhaupt ihre Zugehörigkeit zu diesem adeligen Hause nicht erwiesen werden kann, daß vielmehr die Legende, welche unter dem Einflüsse der Mönche von Heilsbroun erst gegen Anfang des 16. Jahrhunderts schriftlich niedergelegt worden ist, vielfach in offenem Widerspruch mit der Zeitgeschichte steht. Daher betrachten wir Stilla als eine abcnbergische Lokalheilige des 12. Jahrhunderts, deren hohe Abkunft durch ihren Grabstein, deren Name uns durch den Visitator Vogt 1480 verbürgt wird. Münchner anthropologische Gesellschaft. c>. München, den 26. Febr. Nach der Proklamirnng neuer Mitglieder ertheilte der Vorsitzende Herr Professor Dr. I. Ranke das Wort Herrn Grasen Zichy, k. n. k. österr.- ungar. Gesandten, zu seinem Vortrage: „Ueber Wicdcr- entwicklnng einer scheinbar verkümmerten Rasse von Hirschen." In den Park eines Nachbargntes in Ungarn waren in den 60cr Jahren Hirsche verbracht worden, die allmählich dcgcnerirten. Während eines strengen Winters brach ein Theil aus und kam in das Waldgebiet des Grafen, wo vorher keine Hirsche waren, und entwickelten sich inc Laufe eines Jahrzehntes zn wahren Pracht- ") Wenn Hans Halbem d. Aelt. den: ersten Bischöfe von Eichstätt,, den er überdies) in weltlicher Kleidung darstellt, zwei Pfeile in die Hand gibt, so folgte er sicherlich mehr der künstlerischen Laune als der historischen Wahrheit. Detzcl, Christi. Ikonographie II, 681. ") Die Klostcrbibliothek zn Heilsbronn besaß einen Pergamentcodex des Martinas Polonns über das Leben der Kaiser und Päpste, der sehr geschätzt war. Hocker I. e. bibliotb. p. 88. Ein sehr interessantes Beispiel, ivie der hl., Martin von Tours einen angeblichen Heiligen, an dessen Grab sogar ein Altar errichtet worden war, als Räuber, der ob feiner Schcncdthatcn hingerichtet worden, entlarvte, erzählt Sulpicius Sevcrus, Leben des hl. Martin e,. 11. Ueber die Sage der Pcterskcttcn, welche sich wunderbarer Weise vereinigt hätten, siehe Zeitschrift für kath. Theologie 1896. 116. exemplaren. Zuzug von den Karpathen ist nicht anzunehmen. Daß sie sich trotz der Inzucht so gut entwickeln, schreibt der Vortragende außer der Ernährung hauptsächlich der Bewegungsfreiheit zu. An der Diskussion über diese interessante Thatsache betheiligten sich der Vorsitzende, Gchcimrath v. Zittel, H. v. Ranke und der Vortragende. Hierauf sprach Hr. Pros. Selenka „über fossile Assen" (?itbs- vaittbropns eroetus Onbois). Ueber den Pithecanthropus ist an dieser Stelle im vergangenen Jahre von Kaplan Bumüller referirt morden. Es möge ergänzend nachgetragen sein. daß noch ein weiterer Backenzahn gefunden wurde und daß nach den in derselben Schicht vorkommenden fossilen Ucbcrresten der Fund wahrscheinlich der jüngern Tcrtiärperiode angehört. Die Fundgegenstände scheinen einem Individuum anzugehören. Auf Grund der Untersuchungen an den Objekten selbst bezw. an Gipsabgüssen neigen die meisten Gelehrten der Ansicht zu, daß man es mit einem großen gibbonartigen Anen zu thun habe. Auch der Vortragende spricht sich in diesem Sinne aus, nur glaubt er, daß das Schädelvoluinen besonders groß zu nennen se,. An den Vortrag schloß sich eine Diskussion an. Geheimrath v. Zittel ist für die Zusammengehörigkeit der 4 Funde und hält das Wesen ebenfalls für einen Affen. vr. Röse hält die Zähne ebenfalls für affen- ähnllch. Der Vorsitzende hebt hervor, daß die Angabe Dubais' über den Schädelinhalt wohl zu hoch gegriffen sei. Es spricht nichts an den Fundobjekten dafür, daß jenes Wesen irgend ein Merkmal besessen hätte, das bis jetzt als Unterscheidungsmerkmal des Menschen vom Affen nachgewiesen ist, z. B. die geknickte Schädelbasis, die cen- trale Lage des Hinterhauptsloches, im Verhältniß zu den Armen lange Beine usw. Mit dem Dank an die Vortragenden schloß die interessante Sitzung. Neceus-ouen und Notizen. ». Die Fasten - Literatur dieses Jahres bringt uns einige Neuheiten aus dem Verlag von Fr. Pustet in Regensburg, die sicherlich zu den besseren Erscheinungen dieser nur allzu üppig ins Kraut schießenden Gattung gezählt werden dürfen: Alph. Breiter behandelt ,,Das Leiden Christi: eine Tugendschule" in acht Fastenpredrgten. (VI -j- 144 SS. M. 1Ä.) Neues ist natürlich nicht zu sagen, doch ist der tausendmal schon behandelte Stoff gut gruppirt, sind die angezogenen Scyriftstellen wirklich namhaft gemacht und auch manche Stellen aus dem römischen Brevier passend angewendet. Das Jnhaltsverzeichniß gibt zugleich in angenehmer Weise die Disposition. In den Scenen aus der Leidensgeschichte des Herrn werden die Tugenden der Gottesliebe (Gebet,Opfermuth), der Nächstenliebe (Sanftmuth, Barmherzigkeit), der Selbstliebe (äußere uiid innere Abtödtung) erwogen; eine Einleitungspredigt stellt den Herrn als einen Aneiferer zum Tugendleben und eine Schlußpredigt stellt ihn als Urbild der tugendhaften Seele dar. Benützt ist auch das vortreffliche „Leben Jesu" von Meschler. — Ebenfalls acht Predigten über „Das glückliche Jenseits" bringt G. Dießel 0. 88. K. (SS. Vlll 175, M. 1,40), der auf homiletischem Gebiete kein Nculing ist, sondern fast alle Jahre eine Fastengabe liefert. Seine Sprache ist sehr ernst und eindringlich, die Disposition klar und logisch gegliedert. Die Themen der acht Vortrage sind: 1) Die Lehre des Glaubens über das glückliche Jenseits. 2) Die Bewohner des Himmels sind frei von allen Leiden. 3) Die Auserwählten führen im Jenseits ein Leben voller Freude. 4) Das Wesen der himmlischen Freude besteht in der innigen, unauflöslichen Verbindung mit Gott. 5) Die übrrgen Freuden des Himmels. 6) Die verschiedenen Wege, aus denen die Seligen ihr Ziel erreicht haben. 7) Die Wirkungen, welche die öftere Betrachtung des Himmels in uns hervorbringen soll. 8) Charfreitagspredigt: Was lehrt uns das Kreuz über das glückliche Jenseits? — Mart. Jäger hat sich als Gegenstand für sechs Fastenpredigten „Die gemischten Ehen" (SS. VI -s- 160, M. 1,40) ausgewählt, eine heikle Sache, denn die, welche es angeht, hören nicht gern davon; sicher ist auch noch niemals ein solcher, der nn Begriffe stand, eine gemischte Ehe einzugehen, durch irgendwelche Gründe der Religion oder der Vernunft von der gewalt- thätjgen sogen. „Liebe" abspenstig gemacht worden. Daß es gleichwohl Pflicht des Seelsorgers ist, den Willen der Kirche rund zu geben und vor Eingehung einer solchen Verbindung zu warnen, das läßt sich nicht bestreiten. Dieser Ausgabe wird das Buch in fachkundiger Weise gerecht : es dürfte den Gläubigen nicht weniger vortheil- haft sein, die ruhige und besonnene Auseinandersetzung zu lesen, wie sie selbe in Zweibrücken gehört haben, woselbst diese Predigten gehalten wurden. „In Nacht und Eis", von Fridtjof Nansen. 36Lieferungen L 50 Pfg. Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig. ** Der Leser des soeben erschienenen 5. Heftes des interessanten Werkes wird finden, daß die Situation zn Beginn der Fahrt für Nansen und seine Leute eine recht bedenkliche war. Sowohl im Karischen Meer, dem ^Eiskeller", als auch weiter ostwärts an der sibirischen Küste war Nansen nahe daran, mit der ,,Fram" im Eise stecken zu bleiben, dadurch mindestens ein Jahr zu verlieren oder der Expedition ein vorzeitiges Ende bereitet zu sehen. Weiter zeigt ein von dem berühmten Maler Sindrng nach einer Photographie Nansen's gezeichnetes Bild einer Walroßjagd. wie auch die Thierwelt dem Eindringen der Expedition in jene ungastlichen arktischen Regionen Widerstand zu leisten versuchte. Aber aus dem zweiten Vollbilds „Die Feier des Verfassungstages (17. Mai) in hohen Breiten" ersehen wir dann, daß die Framlente alle Än- fangsschwierigkeiten überwanden, auch in jenen höchsten Breiten den Humor nicht verloren und es sich nicht nehmen ließen, den Ehrentag des Vaterlandes in möglichst festlicher Weise zu feiern. Martin Jos. (8. ch), Leben des hochwürdigen PetrriS Johannes Beckx, Generals der Gesellschaft Jesu. Ravensburg, Dorn 1897. 8°, 200 Seiten. Das mit einem Titelporträt geschmückte, sehr elegant ausgestattete Buch ist eine freie Uebertragung einer in flämischer Sprache erschienenen Lebensbeschreibung (von A. M. Verstraeten 8 . ä.). Sie gibt ein treues und anschauliches Lebensbild eines von den Seinen, wie auch in weitesten Kreisen hochverehrten, vorzüglichen Mannes, des zweiundzwanzigsten Generals der Gesellschaft Jesu, des k. Petr. Joh. Beckx (1795—1887). Geboren zu Sichem in Brabant, trat er 1819 in die Gesellschaft Jesu und wirkte später 33 Jahre lang als Leiter und Vater dieses die ganze Erde umspannenden, vorzüglichsten aller religiösen Orden. Wer sich die religiös-wissenschaftliche Heranbildung eines Jesuiten in beliebter Weise als einen barbarischen, geistkuechtenden Drill, der aller Schrecken Inbegriff ist, vorstellt, der dürfte aus der Lektüre dieses Buches, das uns überaus erquickt hat, eine heilsame Enttäuschung erfahren. Durch einen 18 jährigen Aufenthalt in Wien und dadurch, daß sich deutsche Blätter zur Zeit der Jesuitenverfolgung viel und gehässig mit dem eifrigen ?. Beckx beschäftigten, ist er auch bei uns viel bekannt geworden; darum wird die interessant geschriebene Biographie ohne Zweifel auch in Deutschland und Oesterreich viele Freunde finden. * Auf das Philosophische Jahrbuch, welches auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görres- gesellschast vr. Sonst. Gutberlet in Fulda herausgibt, möchten wir unsere Leser auch in diesem Jahre aufmerksam machen. Diese Zeitschrift empfiehlt sich ebensosehr durch die Gediegenheit ihrer Abhandlungen und die Mannigfaltigkeit ihrer oft sehr eingehenden Referate und Recensionen, wie durch ihre umfassende Zeitschristenschau. Das uns eben vorliegende 1. Heft des 10. Jahrganges enthält u. A. Aufsätze von E. Rolfes betr. „die kontroverse über die Möglichkeit einer anfangslosen Schöpfung", von I. Sträub „über die Gewißheit und Evidenz der Gottesbeweise" und den Schluß der Abhandlungen von M. Kohlhofer „zur Kontroverse über bewußte und unbewußte psychische Akte". Möge diese wichtige Zeitschrift wenigstens in die Leseeirkel noch mehr als bisher Aufnahme finden! Werantw. Redacteur: Ad, Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.