tti'. 15. Willige zm Dgskürger Weitung." März 1897. Zur „kMsoÄntkroxus 6i'6vtii8"-Frage. Bon Stadtkaplan Joh. Bumüller in Neuburga. D. (Schluß.) 8. Oberschenkelknochen. Die Abweichungen vom normalen Typus, welche dieser Oberschenkelknochen zeigt, sind schon in meinem anfangs erwähnten Artikel näher beschrieben worden. Wir können uns hier daher kurz fassen. Pros. Turner erklärt die Abweichungen als menschliche Abnormitäten, denen man in umfangreichen Skelcttsammlungen oft genug und leicht begegnen kann. Auch nach Manouvrier sind diese Abweichungen bei menschlichen Uanora, nachzuweisen. Martin ferner hat alle Unterschiede an dem Material der Züricher Sammlungen als beim Menschen vorhanden nachgewiesen. Nach Krause und Waldcyer ist dieses Stück gleichfalls menschlichen Ursprungs. Virchow dagegen weist auf die gestreckte Form des Diaphyse hin, wodurch er sich dem kainur des Gibbon nähere, welches er allerdings an Größe bedeutend übertreffe. Wegen dieser gestreckten Gestalt könnte es sich auch um eine riesige Gibbonart handeln. Nach Martin ist die sogenannte Torsion des Knochens d. h. der Winkel, welchen die Halsaxe mit der Drehaxe der Kondylen bildet, nach der Dnbois'schcn Abbildung der für den Europäer mittleren entsprechend. Beim H^Ioliar68 ozmäaerzstus ist ein solcher Winkel entweder gar nicht vorhanden oder wenigstens nur ganz gering. Nach Turner ist die Konvexität der poplitealen Fläche, auf die Dnbois soviel Gewicht legt, durch pathologische Knochenncnbildnngen entstanden. Nach ihm gehört der Knochen sicherlich keiner Gibbonart an. Nach Professor Thann läßt sich aus dem ganz menschlich gebildeten komnr schließen, daß der einstmalige glückliche Besitzer auf gestreckten Knieen gestanden. 6. Backenzähne. Turner bält den zuerst gefundenen Zahn für den eines großen Orang, Martin hält ihn für einen menschlichen. Nach Krause ist er ohne allen Zweifel ein Affen- baücnzahn. Virchow und Waldeyer geben vorerst kein Urtheil ab. Später hat Dnbois noch einen zweiten Backenzahn vorgelegt, der nachträglich in der Nähe des früheren gefunden wurde. Beide werden nun auf dem zoologischen Congreß zu Leyden von Virchow und andern Sachverständigen für Affenzähne gehalten. Nach I)r. Garson dagegen überschreitet die Größe des letzten Molars nicht die anderer menschlicher Molare (Australier). Nach Professor Thomson spricht nichts gegen die Möglichkeit, daß die Zähne menschlich seien. Nach Professor Thann sind die Zähne zwar sehr groß, die Wurzeln stark auseinander gespreizt, doch haben sie wesentlich den menschlichen Typus. Diese so widersprechenden, theilweise un- präcisen Urtheile zeigen, daß die anthropologische Wissenschaft in pnnccko „Vergleichende Anatomie der anthropoiden und menschlichen Zähne" noch nicht vollkommen gerüstet ist. - Die Ansichten der fachmännischen Autoritäten über den kittzsoantüropus srecwus gehen also, und zwar in direkt widersprechender Weise, auseinander. Daraus darf aber nicht geschlossen werden: ergo hat der Javaschädel beiderseitige Eigenschaften; ergo ist er eine wirkliche Uebergangsform zwischen Mensch und Affe. Eine solche Argumentation, wie sie auch von Dnbois in ähnlicher Weise verwerthet wurde, ist ein dialektisch-sophistischer Kniff. Denn die Meinungsverschiedenheiten gründen — abgesehen von dem nicht zu unterschätzenden Einfluß der grundsätzlichen Ansichten der Forscher über Entwickelung und deren Grenzen — vor allem darauf, daß unsere Erfahrung über die Abnormitäten des menschlichen Schädels und die Ursachen derselben und deren systematische Zusammenstellung und Bearbeitung noch eine lückenhafte ist, daß ferner die Neste des kitstooanistropus sehr dürftige sind; wäre der ganze Schädel vorhanden, so wäre die Frage zweifellos leicht zu lösen. Endlich darf immer wieder nicht vergessen werden, daß die Entfernung von 15 m, in welcher Schädeldach und kommr gefunden wurden, die Zusammengehörigkeit zwar nicht ausschlaggebend verneinen, aber ebensowenig beweisen, so wahrscheinlich sie auch sein mag. Auch die Zusammengehörigkeit der beiden Backenzähne unter sich und zum Schädel ist noch nicht über jeden Zweifel erhaben. Zum Schluß noch die Frage, welcher der obigen Ansichten der Vorzug zu geben ist. Stellen wir kurz die einzelnen Ergebnisse zusammen. Aus der Niedrigkeit des Schädels läßt sich weder für noch gegen die menschliche Eigenschaft des Schädels etwas Sicheres vorbringen. Die Abflachnng der Stirn und das Fehlen der Stirnhöcker erinnert sehr an einen Affenschädel, ist aber auch bei einem Mikrokephalen menschlichen Schädel nachgewiesen. Die Schädelkapazität ist eine entschieden menschliche und für einen Affen nach bisheriger Erfahrung um mindestcns 400 oom zu groß. Die Knochenkämme, welche bei einem so riesigen Affen kaum fehlen könnten, fehlen gänzlich. Die Abschnürnng des Orbitaltheilcs ist im allgemeinen äffisch, kommt aber nachgewiesener Maßen auch beim Menschen vor. Die Augenbrauenbogen sind schwächer ausgebildet als beim Schimpansen. Der Abstand der Schläfenlinie von der Pfeilnaht ist menschlich. Die oben 8ub L 4) näher bezeichnete Schläfengegend ist menschlich und nicht äffisch. In den Hauptmerkmalen, Kapazität und Knochen- kämme, ist also der Schädel entschieden menschlich, er besitzt aber auch Eigenschaften, welche an den Affenschädel erinnern und immerhin verdächtig sind. Da sich aber dieselben theils durch Mikrokephalie, theils durch eine niedriger und roher Cultnrform entsprechende Lebensweise erklären lassen, so läßt sich sagen: Der Schädel gehört höchst wahrscheinlich einem Mikrokephalen oder auf roher Culturstufe lebenden menschlichen Individuum an, ohne daß nach dem jetzigen Stand der Untersuchung die Auffassung als Gibbonschädel gänzlich außer Betracht, wenn auch außerhalb der Wahrscheinlichkeit liegt. Beim Oberschenkel gibt es noch viel weniger, wohl keinen einzigen stichhaltigen Grund, an der Zugehörigkeit zu einem menschlichen Skelett zu zweifeln (vergl. den erwähnten Artikel in der „Beilage zur Augsburger Postzeitung" 1895, 38—85). Bei den Zähnen besitzt die menschliche Zugehörigkeit gleichfalls sehr viel Wahr- scheinlicheit, obwohl gerade bei diesen bisher am wenigsten ein ausschlaggebender Beweis für oder gegen dieselbe erbracht worden ist. Daß die Anhänger des Ultradarwinismus unter diesen Umständen die Hoffnung nicht aufgeben wollen, der Uitiicwantiiropus oracwus möchte sich doch noch als wahre Uebergangsform vom Affen zum Menschen entpuppen, ist von ihrem Standpunkte aus er- 106 kkärlkch; dagegen ist ihre Behauptung, daß in demselben die ersehnte Uebergaugsform faktisch gefunden sei, als unbegründet und unwissenschaftlich zurückzuweisen, wie sich aus dem Obigen klar ergibt. Ob in der „üfttiioo rrntstroxug ersetmo"-Frage überhaupt je ein definitives Urtheil, das absolut über jeden Zweifel erhaben ist, gefällt werden kann, läßt sich mit Sicherheit nicht voraussehen. Vielleicht kommen auf Java noch mehrere zugehörige Mundstücke zu Tage. Werden die in Frage stehenden Skclettreste als menschliche aufgefaßt, so besteht allerdings die Schwierigkeit, daß wir es in diesem Falle vielleicht mit einem tertiären Menschen zu thun hätten, dessen Existenz zwar schon vielfach behauptet wurde, sich aber nie beweisen ließ. Allein erstens ist es nach Jäckel noch »verwiesen, ob der Fund dem jüngsten Tertiär oder dem ältesten Qnartär angehört. Dann steht auch die Frage noch offen, ob wohl auf Java, also circa 7—8" vorn Acgnator entfernt in maritimem Klima, die Eiszeit ganz zur gleichen. Zeit wie auf den nördlich gelegenen Continenten eingesetzt hat oder ob nicht der dortige Ausgang des Tertiär zeitlich zusammenfällt mit unserer ersten Epoche der Eiszeit resp. ob sich die tertiäre Fauna dort unter, günstigeren Bedingungen nicht länger erhalten hat. Im übrigen ist es kein Dogma, daß es einen tertiären Menschen unter allen Umständen nicht geben dürfe, wiewohl man in dieser Beziehung nach bisherigen Erfahrungen nicht vorsichtig genug sein kann. Sei dem allem, wie ihm wolle, eines rathen wir den verehrten Lesern der Pestzeitnng an. Lasse sich jeder noch zur rechten Zeit eine auf Erz eingcgrabene fachmännische und notariell beglaubigte Beurkundung darüber ausstellen, daß er wirklich und ohne Zweifel ein wirklicher und normaler Mensch ist und keine Uebergangs- form zum Geschlechte der Affen, darstellt. Lasse er sich diese Urkunde dann mit ins Grab geben, sonst könnte es ihm in einigen Jahrhunderten oder Jahrtausenden, wenn einmal ein glücklicher Forscher seine alten Knochen ans- gräbt, leicht passiren, daß er ebenso despektirlich behandelt wird, wie das „betrübte Beingcriist von schon so manchem alten Sünder" und wie neuesten? der kitstacoiikl'ri'pn« ereotiw selig — denn vor dem Fortschritte der Wissenschaft ist heutzutage nichts mehr sicher. Socialistische Theorien des Alierthnmö. (Schlich-.) tk. Platon habe, so meint Aristoteles, mit stimm Vorschlage offenbar die größtmögliche Einheit des Stau unbeabsichtigt. Wäre dieser Wunsch bcrcchr.'gt, so nw.Ve man, immer weitergeb..nd, den Staat tu eine Familie und schließlich die Familie in einen Einzelnen m r.. m: u in. Aber dann sei kein Staat mehr da. Auch sei dabei vorausgesetzt, daß alle Tbeile des Sl. ates von mein er Art seien. Alle zugleich tonnten nicht herrschen; ein abwechselndes Herrschen aber müßte nach Plmons eigenen Grundsätzen, die nicht wollten, daß Schuster und Zimmermann sich etwa gegenseitig in ihren Verrichtungen ablösten, schlechter sein, als die ständige Herrschaft eines Einzigen. Der Staat müsse gerade auf die Vielheit, auf die Menge eingerichtet sein. Platon habe als Ideal der Einbeit bezeichnet, daß alle Bürger zusammen dieselben Objekte „mein" und „nicht-mein" nennen könnten. Bei Weiber-, Kinder- und Gütergemeinschaft dürfe aber niemals ein Einzelner sagen: „Das ist mein Kind, mein Weib, mein Eigenthum," sondern nur alle vereint dürften sagen: „Das sind unsre Frauen, unsre Kinder, das ist unser Eigenthum". Sehr fein ist folgende Bemerkung des Aristoteles: Je mehr eine Sache vielen gemeinsam gehörte, desto weniger werde für dieselbe gesorgt. Jeder denke, ein anderer kümmere sich darum, gerade wie auch im Hauswesen eine zahlreiche Dienerschaft ihren Dienst oft schlechter versehe, als eine solche, die aus weniger Köpfen bestünde. Bei der Kindergemeinschaft bekomme zwar jeder Bürger an die tausend Söhne; diese gehören jedoch zu gleicher Zeit allen andern Bürgern, so daß der Einzelne bei etwa 500 Bürgern nur den öOOsten Theil des Interesses für die Kinder haben würde, welches er sonst für seine ihm allein eignenden Kinder aufwenden würde. Es sei fürwahr besser der natürliche Vetter zu jemand zu sein, als so ein Allerweltssohn. Ferner werde es trotz dem, was Platon dagegen vorschreibt, nicht zu vermeiden sein, daß manche Personen doch ihre wirklichen Brüder, Väter, Mütter und Kinder in Folge der Aehnlichkeit errathen. . Daher bestünde. — hier verwerthet Aristoteles seine Vorstudien — bei einigen Völkern Nordafrikas thatsächlich Wcibergemeinschaft, aber die Kinder würden nach der Aehnlichkeit unter die Bäte»- vertheilt. Und wenn sich Eltern und Kinder nicht erkennen, so würden Äißhandlnngcn, Todtschlag, Schimpfreden zwischen natürlichen Eltern und Kindern nicht leicht zu vermeiden sein, und dies sei unter allen Umständen verwerflicher, als wenn solches unter Leuten vorkäme, die sich ferner stünden. Die allgemeine Liebe und Zunngnng, welche durch die Kindergemeinschaft erreicht werden solle, werde nicht erzielt. Wenig Süßigkeit würde in viel Wasser gemischt werden, so daß man das Tröpfchen Liebe für alle Kinder nicht heransschmccke. Außer durch Dinge, welche man sein Eigen nenne, werde Sorgfalt und Liebe auch noch durch Dinge geweckt, auf die sich die Sehnsucht richten könne. Anf Rcichskinder ober verwende man j keine Sehnsucht. Und da das Gleiche von der Francn- t gcmeinschaft gelte, würde durch beide Einrichtungen nur ! das erreicht werden, daß die gegenseitige Liebe unter den ^ Menschen kälter werde. ! Von der Gütergemeinschaft im besondern lasse sich s stcstn: Wenn alle StaaGEmger für sich arbeiten müssen, ' w-'r-sen die Besstverhaltuisse schwierig. Denn nickn alle s g.. iest.ai, nicick alle arbeiten gleich viel; das führe zu j Uuzustieden'-eit bei denen, welche weniger genießen und i mepr arbeiten. Wieviel Unanncbmlichkeiten die Gemein- schaftlichstit im Gefolge habe, könne man bei Reisegesellschaften sehen, die sich über Kleinigkeiten und gewöhnliche Dinge am ersten in die Haare gerathen. Die Diener, welche in der Regel um uns seien, ärgerten uns mehr als andere, mit welchen wir seltener zu thun haben. Der Genuß einer Sache werde durch den Eigen- bcsitz derselben erhöht. Denn die Selbstliebe sei natürlich, unnatürlich nur die Selbstsucht, die sich selbst über Gebühr liebe. Ein hoher Reiz liege auch darin, mit seinem Eigenthnme den Verwandten» Freunden und Bekannten sich gefällig erweisen zu können; das falle beim Com- munismus weg. Ebenso seien zwei Tugenden bei Frauen- und Gütergemeinschaft nicht weiter möglich, die Enthaltsamkeit und 107 die Freigebigkeit, und die Tugend sei doch das Ziel des platonischen Staates. Wenn man sage, an den vielen Prozessen, an den Meineidsnntcrsnchungen, an den Kriechereien gegenüber den Reichen sei nur der Mangel der Vermögensgemein- schaft schuld, so sei das unrichtig. Die sittliche Verdorbenheit sei vielmehr die Ursache. Gerade Leute, welche ein Objekt gemeinsam besitzen und benutzen, kämen darüber leichter mit einander in Streit, als andre wegen ihres Privatcigenthums; wäre die Gütergemeinschaft nicht noch so selten, so würde sich das mit den Händen greifen lassen. Endlich sei es ungerecht, die Uebel aufzuzählen, von denen uns die Gütergemeinschaft befreien würde, von dem Schönen aber zu schweigen» dessen sie uns berauben würde. Denn der Mangel dieser Schönheit würde das Leben geradezu unerträglich machen. Einen Staat in einen förmlichen Einheitsstaat verwandeln, hieße ein schönes Mnsiksrück in ein monotones Ticktack umsetzen. Zum Schluß gibt Aristoteles noch seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die versuchsweise praktische Einführung eines platonischen Mnsterstaates nur wieder Ein- tbeilungen und Absonderungen verschiedener Thätigkeitszweige zeitigen könne. Mit dieser Wiedergabe der aristotelischen Gründe gegen die größte socialistische Theorie des Alterthums möge unser Ueberblick abschließen! Der Vergleich mit den modernen socialistischen und anarchistischen Schriftstellern drängt sich mehr als einmal auf. Doch wir geben Kautsky darin Recht, daß die Geschichtschreibung fast eher die Pflicht hat, auf die bedeutenden Verschiedenheiten hinzuweisen, die zwischen antikem und modernem Socialismus bestehen. Zunächst ist der philosophische Standpunkt durchaus entgegengesetzt. Nicht von der Entwicklungstheorie gehen Ptaton und Zenon aus, sond rn von einer sehr idealen Vorstelln-g über die persönliche Würde des Menschen. In der Tugend wird das höchste Ziel und die erste Norm des staatl-ch.-n und gesellschaftlichen Lebens, in der sre.gcwolsten B .Nötigung derselben der Vorzug des ver- nnnstbcgab en Menscpen vor dem vernnnftlosen Thiere «rblic t. Ebu so d icken die alten Socialisten ganz anders als die lernen über. den Werth der Religion. Jenen iic Re igion nicht Privat-, sondern heilige Herzenssache für alle. Gotteslästerung belegt Platon mit schwerer Strafe und möchte am liebsten alle Dichter aus seinem Zuknn'"tsstnate verbannen, da diese falsche und niedrige Vorstelln: gen über die Götter zu verbreiten geeignet waren. Wenn Zenon aber keine Teinpck wollte, so fügte er als Panrheist bei, die Hand eines schlichten Handwerkers sei nicht im Stande, dem höchsten Wesen ein würdiges Heim zu bauen, das Kämmerlein des Herzens sei der geeignetere Ort zur Verehrung; und Gottes Gebot solle der Einzelne immer und allezeit befolgen. Die Erziehung hat nach beiden als erste Aufgabe die Heranbildung der Kinder zur Tugend und Gottesfurcht. Endlich sind auch die geschichtlichen Vorbedingungen wesentlich andere. Der moderne Socialismus knüpft au den alten an. Er ist kein natürliches, selbstgewordenes Produkt der mitwirkenden Faktoren; er hat etwas Künstliches in seiner Entstehung. Der antike geht, wie wir sahen, in seiner Entwicklung stnfenmäßig vorwärts. Die Thatsache des Christenthums hat eine vollkommen veränderte Lage auf allen Gebieten geschaffen und beherrscht selbst diejenigen, welche sich von ihm abwenden. Und die Erfahrung der Menschheit wie der Wissenschaft ist im Laufe der Zeit eine unendlich größere und tiefere geworden. Vergegenwärtigt man sich diese drei Punkte bei der Verglcichnng, so werden einerseits die Vorzüge des modernen Socialismus begreiflich und andererseits gewisse Eigenschaften desselben nicht eben im günstigsten Lichte erscheinen. So sind die heutigen Socialisten für die Lage d^ unteren Stände viel feinfühliger als Platon, der seinen Nährstand als Aristokrat ziemlich von oben herab anschaut und die Armen geringschätzig behandelt. Aber Platon hatte, wie Kautsky (S. 8) gut bemerkt, eben ein anderes Proletariat vor sich, als wir. Das alte Proletariat d. h. die besitzlosen Freien „lebten von der Gesellschaft, während der moderne Proletarier" doch auch „für die Gesellschaft lebt und arbeitet", und das Christenthum hat unsre Nerven für die Leiden der Nächsten sensibler gemacht. Sklaven im antiken Sinne, welche rechtlich nicht als Menschen betrachtet werden, sondern mit Leib und Leben als Waare der Willkür - des Herrn überantwortet sind, haben wir nicht mehr. Es wird nicht unrichtig sein, zu behaupten, daß dieser Umschwung dem Christenthum zu verdanken ist und daß das Christenthum fortwährend an der Beseitigung derartiger Zustände arbeitet. Aber man wird auch bezweifeln müssen, ob Platon, wenn er auf die große Masse der Sklaven, welche damals etwa drei- oder viermal so groß war als die übrige Bevölkerung, hätte Nist.ficht nehmen müssen, seine Znkunftspläne wirklich in dem Maße socialistisch gestaltet hätte, wie er es getban hat; denn er ist ja, wie gezeigt, kein vollkommener Socialist und will keine Verm iignng der Arbeitsgebiete. Eine weitere Schwierigkeit, durch welche wohl der heutige, nicht aber der platonische Socialstaat gefährdet wird, ist der große Umfang der jetzigen Staaten. Platon hatte es mit kleineren Städten zu thun, die ohnehin seit Alters sich an rapide Verfassungsänderungen gewöhnt haben konnten und zum Theile demokratisch oder zeitweise gar ochlokratisch regiert wurden. Jedenfalls wird sich bei solcher Verschiedenheit der zn Grunde liegenden Verhältnisse die"Autorität und das Vorbild Platons nicht zu Gunsten des socialistischen Gedankens verwerthen lassen. Mit Zenon verglichen, denkt der moderne Socialist gewiß viel praktischer; er hat aus Geschichte und Wissenschaft etwas gelernt. Aber Zenon geht doch nicht so weit, daß er Freiheit und Gleichheit aller Menschen mit dem Gedanken eines Staatszwangs für vereinbar hält; er läßt, um die Sklaven zu befreien, nm den Kosmopolitismus durchzuführen, um die Frau dem Manne gleichberechtigt zn machen» lieber jedes Staatsband fallen und setzt Religion und allgemeine Sittlichkeit und Tugend- liebe an die Stelle. Angesichts derartiger Unterschiede und angesichts der Thatsache, daß das Alterthum bei vielfach günstigeren Verhältnissen die socialistischen Ideen nicht verwirklichte, daß trotz dem Fortbestehen dieser Ideen die Jahrtausende denselben nicht zn einigermaßen dauerndem Leben verhalten, kann eine Beschäftigung mit den socialen Theorien des Alterthums nicht angethan sein, uns für die der Neuzeit zu erwärmen. Möge es dem Christenthum gelingen, dem, was gut und brauchbar ist am socialen SiamSgedmckeu, immer weitere Einführung in das öffentliche Leben zn verschaffen! Necensivueri lind Notizen. Moraltheologie. Von Dr. Fr. A. Göpfert, Professor au der Universität Würzburg. 1. Bö. Gr.8". S.XII, 512. Paderborn 1807, Schöningh. Preis: gebt». 5 M. 20 Pf., ungebd. 4 M. chj: Von den theologischen Lehr- und Handbüchern der „Wissenschaftlichen Handbibliothek" des rührigen Sch''mi»gb'sci>en Verlages in Paderborn, Westfalen, liegt je ich auch die „Moraltheologie" im ersten Bande vor. Sie stellt sny den bereits vorhandenen trefflichen Moralmerken würdig zur Seite. Des fleißigen Verfassers Bestreben ist es, neben theoretischer Bestimmtheit und Klarheit der Begriffe und Sähe auch deren praktische Anwendung auf die verschiedensten Verhältnisse möglichst eingehend zu zeigen. Der I. allgemeine Theil behandelt die allgemeinen Principien des sittlichen Handelns: und zwar: I. Buch: die von Gott gesetzten Bedingungen des sittlichen Handelns (Gesetz, Willensfreiheit, Gewissen); I. Buch: die freie Selbstbelhätigung des Menschen in ihren allgemeinen Beziehungen znr sittlichen Ordnung (sittlicher Charakter der Handlungen, Sünden und Tugenden im Allgemeinen). Der II. besondere Theil bringt die Verwirklichung des christlich-sittlichen Lebens. Das I. Buch bespricht die Tugenden und Pflichten des sittlichen Lebens zunächst in ihrer Richtung aus Gott (theologische Tugenden und Tugend der Religion nebst ihren Gegensätzen). Mit diesem I. Abschnitt schließt der vorliegende erste Band. Der Verfasser glaubt, der allgemeinen Moral eine größere Aufmerksamkeit zugewendet zu haben, als dies sonst zu geschehen pflegt, einmal, weil von einem richtigen Verständniß«: der allgemeinen Begriffe und Gesetze das Verständniß der besonderen Moral bedingt ist, und dann auch, weil erfahrungsgemäß das Studium der Ethik an den Universitäten stark vernachlässigt wird. Unseres Trachtens wäre dies durchaus gründlicher und zugleich wissenschaftlicher geschehen durch engen Anschluß an die IL IlLL der Sunnua Ibsol. des hl. Thomas von Aquin. Vor dessen System treten, wie Pruuer (Moraltheol. 2. Aufl. Eml. S. 12) treffend sagt, alle ihm vorhergehenden und nachfolgenden Bearbeitungen der Moral zurück, gleichwie der Glanz der Sterne erbleicht vor der alles überstrahlenden Sonne. Aus diesen engen Anschluß an St. Thomas auch in der Moral wiesen wiederholt nicht etwa blos die sogenannten Thomistcn hin, sondern mich Männer wie Scherben, Kleutgeu, die Herausgeber der „Civilta cattolica" zu ^lorenz. Dieser Anschluß entspricht auch durchaus dem Lunich und Willen der Päpste. Alexander VII. befahl eni Generalcapitel des Dominikanerordens im Jahre 1655, s solle allen Theologen des Ordens vorschreiben: ut uimis animnsa sxtrinssearmn probabililatuin suüraZsta vvitont otsanas^cnKolioiUraoooptorisäovtrinao in oinuibus, praosortiin in moralibus, nbi pros- sins llo salnts ot inllsinnitato anirnaruin »Altar, allbaorsro sataZant. Der hl. Alphons von Liguori selber rühmt sich in seinen Schriften öfter, der Leyre des Engels der Schule gefolgt zu sein St. Thomas bietet daher den sichern Schlüssel zum vollen Verständnisse der Lehre des hl. Alphons, freilich nicht mit abgerissenen Stellen, sondern mit seiner ganzen, zusammenhängenden und streng systematischen Lehre. Mit dieser w..,üen auch am schnellsten die Streitigkeiten über Pro- babilismus und Aegniprobabilismus beendet werden. Zu dem Eirde verweisen wir auf den Artikel: „Die Principien der Moraltheotogie nach St. Thomas von Aquin" in Commer's „Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie" (Paderborn, Schöningh) 4. und 5. Band; Schneider, Wissen Gottes (Regensburg, Manz) 4. Band S. 449 sf. 16. Cap.: Uebersetzung der Summa, 5. Band S. 280 ff. Der hl. Alphons von Liguori und die Moral- principien des hl. Thomas": 6. Bd. S. 554 ff. (Schluß): „Divus Iboinas", Vol. VI, 4ni. XVII, paA. 60 sqq., 129 sgg-i „Oö Oonaino 8z-stoinats 8t. Xlpbonsi Doolosiao vootoris". Schwerlich dürfte wohl die probabilistische Auffassung der Beziehung des Gesetzes zur Freiheit der Lehre des hl. Thomas, sowie der Anschauung des Heiligen Vaters Papst Leo's XIII., ausgedrückt in seinem Rundschreiben „Illbortas" vom 20. Juni 1838, entsprechen. Sie entspricht vielmehr in der Dogmatik der molinistischen Ansicht vom Verhältnisse der Gnade zur Freiheit. „I-onAoost a vvritato alionum", sagtPapstLeoXlll. a. O., „intorvonionts Doo minus esso liboros motus volnntarios: nain intim a in bvmino ot oum naturali xro- psnsiono oouArusns ost llivinas vis Aratiao, guia ab ipso ot aniini ot volnntatis nostras auotoro mannt, a guo ros omnos oonvoniontor naturao snao moventur. Immo Aratia llivina, nt monot iVnKslieus Ooetor, ob bano oausam quoll a naturao opiüos proüoisoitur, mirs nata atqus apta ost all tuenäas qaasquo naturas, oonsor- vanäosguo moros, vim, süleiontiain sinZularum." St. Thomas drückt seine diesbezügliche Lehre kurz und bündig und unwiderlcglich aus im 113. Kapitel des 3. Buches seiner Summa contra Oontilos (vgl. auch die folgenden Kapitel über das Gesetz). Siehe dazu Commer's Jahrbuch. X. Bd. S. 217 ff. VI. „Die Gnade im Allgemeinen : S. 337 ff. VII. „Die Gnade und die Freiheit". Zu bedauern ist die gar kurze Behandlung der Leidenschaften. St. Thomas bespricht dieselben eingehend Und wohl mir Recht; denn um die Leitung dieses sinnlichen Theiles dreht sich die ganze Moral. Kirchliches Ansehen genießen die hh. Väter und Kirchenlehrer und dürfte bei den neueren Autoren (siehe Einl. S. 5 ff.) wohl stark zu beanstanden sein; bei ihnen gilt nur wissenschaftliches Ansehen. Zu S. 48. 2. 4 ist zu bemerken, daß St. Thomas unter ,,1sx Humana« nicht die kirchlichen Gesetze begreift. Vom Kirchengesetz handelt er unter »lox Nova" I, II q. 106 sgo.; vgl. genanntes Jahrbuch, XI. Bd. S. 197 ff. VIII. „Die Kirche und die Freiheit" insbesondere S. 209 ff. 2. „Die Kirche und der freie Wille." Die gemachten Bemerkungen sollen nicht den Werth des Buches herabmindern, vielmehr zur Vervollkommnung desselben bei baldiger Neuauflage beitragen. Die angeführte Literatur vermag dies noch besser. Dem eifrigen Verfasser ist sicherlich mit rein sachlichen Bemerkungen mehr gedient als mit Lobeserhebungen u. dgl. Der soliden Verlagshandlung macht auch der vorliegende, stattliche Band alle Ehre. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. oder 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. In Commission der Buchhandlung Gg. Kleiter in Passau. Inhalt des 3. Heftes 1897: Bibel und Wissenschaft. — Leichenbeerdigung oder Leichenverbrennung? — Der letzte Babenberger und die Kirche von Passau. — Die Predigten der Charwoche. — Testament eines erfahrenen Seelsorgers. — Zeitgemäße Ausführungen zum Rundschreiben der 8. 0. Lpp. ot UsA. über die moderne Predigtweise. — Studentenseelsorge besonders während der Ferien. — Der Blumenschmuck des Friedhofes. — Aussegnung der unehelichen Kinder vom Haiy e aus. — Eine kleine Plauderei über pädagogische Conferenzen. — Zeitgemäße Leitung des Fainilienvereins. — Nutzungsrecht der Bäume des Schul- hausgartens. — Gemeindeumlagenpflicht der Geistlichen. U. s. w. Repertorium der Pädagogik. Organ für Erziehung, Unterricht und pädagogische Literatur. Herausgeg. und geleitet von Joh. Bapt. Schubert, Oberlehrer in Augsburg. Ulm, 1897. Druck und Verlag der I. Ebner'schcn Buchhandlung. Das 5. Heft des Jahrgangs 1897 enthält u. And.: Franz Schubert. Zum 100jährigen Geburtstage. Mit Bild- niß. Von Gg. Frd. Troppmann, Lehrer in Tirschenreuth (Oberpf.). — Pädagogische Rundreisen. Von F. Eumenes, phil. Privatlehrer in Berlin. — Wie läßt sich die Erziehung der weiblichen Jugend in den höheren Berufsklassen vom 15. bis zum 20. Lebensjahre am zweckmäßigsten gestalten ? Von Jos. Nißl, Lehrer in Klemberghofen (Oberbayern). — Die kindliche Phantasie und das Spiel. Von Pros. Dr. Sully; aus dem Englischen übertragen von Dr. I. Stimpfl, Lehrer am k. Schullehrerseminar in Bamberg. — Ueber das Verbot. Von vr. Frdr. Horn, Gymn.-Ober- I lehrer a. D. in Altona. U. s. w. Aerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.