16 ÜMK. lb Märr 1897. Beyschlag über Melanchthon. 8. Der 16. Februar 1897 hat eine ganze Fluth von Schriften über Philipp Melanchthon gebracht, die meistentheils jedoch sehr oberflächlich gehalten sind und über die Widersprüche in den symbolischen Büchern, sowie sie durch Melanchthon in dieselben hineingetragen worden sind, stillschweigend hinweggehen. Man lobt die Augustana von 1530, vergißt jedoch die Variata von 1540, und übersieht die „Wiederholung der Augsburger Konfession" von 1551, welche in fast allen wesentlichen Punkten im geraden Gegensatze zu dem ersten officiellen Glaubensbekenntnisse steht. Das protestantische Volk soll eben in fortwährender Täuschung über den wirklichen Gang der Glaubcnsspaltung gehalten werden. Zu den relativ besten Jubiläumsschriften gehört unstreitig die Arbeit des bekannten protestantischen Theologen Willibald Beyschlag von Halle, welcher mit den Altkatholiken so gerne sympathisirt, um gegen den Papst um so härter und bitterer loszufahren. Diesen Standpunkt verleugnet derselbe auch in seiner Festschrift: „Philipp Melanchthon und sein Antheil an der deutschen Reformation" (82 S.) nicht. Was wollte Melanchthon auf kirchlichem Gebiet^ erreichen? Beyschlag entwickelt Seite 46 diese Frage: „Als Gelehrter überhaupt dem Alterthum zugewandt, von allen Reformatoren am meisten in der Kirchengeschichte, in den Kirchenvatern zu Hause, flüchtete Melanchthon je länger je mehr hieher um guten Rath in den ungeheuren Fragen der Gegenwart. Der Rath, den er hier empfing, konnte nur ein der alten Kirche annähernder, versöhnlicher sein. War es doch kein Zweifel, daß die Ordnungen der katholischen Kirche, wenn auch in gröblicher Entstellung und hundertfältigem Mißbrauch, auf den Schöpfungen des christlichen Alterthums ruhten, und daß demnach, wie Luther es auch hinsichtlich des Gottesdienstes gehalten hatte, in der Kirchenordnnng nicht ein völlig Neues zu schaffen, vielmehr das Alte evangelisch zu reinigen und zu erneuern war. So entstand im Geiste Melanchthon's unter den Kampfesnöthen und Friedensversuchen der Zeit das Gedankenbild einer evangelisch-katholischen Kirche: auch seiner Augsburger Konfession*) mit ihrem möglichst schonenden und erhaltsamcn Charakter liegt es zu Grunde: und noch deutlicher hat er es gezeichnet in der „Wittenberger Reformation" von 1542, einer für den Reichstag bestimmten und von Luther nicht beanstandeten Denkschrift welche sich neben den Lehrfragen auch auf Gottesdienst und Kirchenordnung einläßt, unter anderem sich auch für die Firmelung oder Konfirmation als Anschluß des kirchlichen Jngendunterrichtes aüsspricht und die Erhaltung der bischöflichen Verfassung wenn die Bischöfe „evangelisch handeln wollten", in Aussicht nimmt. Der nachfolgende Geschichtsverlauf hat diese schonende, an den heutigen Altkatbolicismus gemahnende Reform als unausführbar erwiesen; die Selbstsucht des Papstthums (!) und der Rückhalt, den dasselbe in den romanischen Völkern besaß, waren zu groß." Ja Melanchthon wollte sogar laut Unterschrift der papstfeindlichen schmalkaldischen Artikel das Papstthum als menschliche Einrichtung zur Beaufsichtigung der Bischöfe bestehen lassen, wenn dasselbe in der abendländischen Christenheit das „Evangelium" (nach Luther's Auslegung) freigebe. Dazu bemerkt Beyschlag (S. 48): „Das war jedenfalls, wenn wir auch heute über das *) Wenn Beyschlag S. 40 die Augsburger Confession „das große Pamer der deutsch-evangelischen Kirche" nennt, „für dasFanderthalb Jahrhunderte hindurch Tausende Haus und Habe, ja Leib und Leben gelassen haben", so beweist er mit dieser Phrase nur, daß er kein Historiker von Fach sei, wie er selbst gesteht. unpraktische Phantasiebild eines evangelischen Papstthums lächeln mögen, ein in aller Weise hochherziger Gedanke." Melanchthon suchte auch die bischöfliche Gewalt selbst- ständig gegenüber den neugläubigen Landesherren zu erhalten. „In der That", sagt Beyschlag weiterhin, „evangelische Bischöfe konnte es geben auch ohne einen evangelischen Papst, wie das Beispiel Englands, Schwedens, anfangs auch Ostpreußens beweist, und die Erhaltung der bischöflichen Kirchengewalt innerhalb der deutschen Reformation hätte nicht nur den Sieg der letzteren in ganz Deutschland retten können, der hernach zu allermeist an den geistlichen Reichsständen scheiterte; sie hätte vielleicht auch die neue Kirche vor jener Beraubung und völligen Knechtung durch den Staat zu bewahren vermocht, welche unsere evangelisch-kirchliche Weiterentwicklung so sehr verkümmert hat. Was hat die anglikanische durch das Gesetz etablirte Kirche eines Heinrich VIII.> einer „jungfräulichen" (!?) Elisabeth durch Beibehaltung von Bischöfen gewonnen? Ist vielleicht die Hochkirche, weniger Staatsmaschine als die einzelnen lutherischen Landeskirchen Deutschlands? Ohne Papstthum ist eben die wahre von Christus gestiftete Kirche ein Unding, wie ein lebendiger, gesunder, menschlicher Organismus ohne Haupt nicht gedacht werden kann. Jedes lebendige .Ganze, sagt Döllinger (Kirche und Kirchen S. 25), fordert einen Mittel- und Einigungspunkt, ein Oberhaupt, welches die Theile zusammenhält: In der Natur und Architektonik der Kirche ist es begründet, daß dieser Mittelpunkt eine bestimmte Persönlichkeit, der gewählte Träger eines der Sache oder dem Bedürfnisse der Kirche entsprechenden Amtes sein muß. Die Geschichte aller von Rom getrennten Kirchen hat denn auch klar und offenkundig bewiesen, daß National- kirchen mit einem Patriarchen oder Primas an der Spitze von Bischöfen über kurz oder lang eine Bente der Staatsgewalt werden, daß der unheilvollste Byzantinismus die natürliche Folge der Verwerfung des päpstlichen Primates ist. Eine, alle Völker umspannende, im Dogma sich nicht widersprechende Kirche kann es ohne den Papst nicht geben. Beyschlag gesteht ja selbst zu, daß Luther's Tod die Reformation ihres Führers beraubte, daß Melanchthon „nach seiner ganzen Eigenart dieser Führerrolle" nicht genügen konnte, daß er vielmehr der „Märtyrer der Reformation" geworden sei. . „ „Und nicht nur, daß der lange zurückgehaltene Strom äußerer, politischer Heimsuchung sich über ihn (Melanchthon) ergießt — schlimmer ist, daß der innere Verfall der evangelischen Bewegung, ihre Entartung in Engherzigkeit und Derketzerungssucht an ihm in einem Maße von Undank offenbar wird. das auch nur betrachtend zu ermessen, allzu peinlich wäre, wenn nicht die Leidensgröße des Mannes, der bis aus Ende sich selbst getreu bleibt (?), uns ein Gegengewicht böte" (S. 59). ! In Augsburg hatte Melanchthon an ein freies, christliches Concil ohne Vorbehalt appellirt, noch auf dem Schmalkaldener Bundestage hatte er dessen Beschickung befürwortet, aber als zuTrient wirklich 1545 die Kirchen- versammlung eröffnet werden konnte, da erklärte derselbe Mann, daß die dort versammelten Väter „sich um die Kirche Christi nicht mehr bekümmerten als Homer's Cyklopen" (!) (S. 61). Ja in jener Schrift, welche auf kurfürstlich sächsischen Befehl abgefaßt wurde, um als Einignngsformel in Trient vorgelegt zu werden, in der sogen. Wiederholung der Augsburger Confession, stellte Melanchthon die Päpste auf gleiche Stufe mit den Sad- dncäern und Pharisäern, schob das Märschen aols. (allein) 110 in die Ncchtfcrtignngslehre ein: „Wir werden gerecht durch den Glauben allein", obwohl in der Augnstana von 1530 dieser Zusatz fehlte. Wie Beyschlag (S. 65) die sogen. Wiederholung „eine erneute Darlegung des evangelischen Bekenntnisses" zu nennen vermag, „die mit vorzüglicher Klarheit alles um die beiden Gesichtspunkte des Ncchtferti'gungsgcdankens und des Kirchcnbegriffes grnppirte, in welcher von Jnterims-Zu- geständnissen nichts zu spüren" war, ist uns unerfindlich. Denn die „Wiederholung der Augsburger Confession" steht ja in den wesentlichsten Punkten im geraden Gegensatze zur Bekenntnißschrift, welche 1530 dem Kaiser Karl V. war übergeben worden. Selten, sagt Pastor (Die kirchlichen Nennionsbestrebungen während der Regierung Karl V., S. 433), ist wohl in einem officiellen Glaubensbekenntniß eine Uutvahrheit mit frecherer Stirn behauptet worden, als in dieser sogen. „Wiederholung der Augsburger Confession". Das Verhalten Melan- chthons ist völlig unentschuldbar. Die „Falschheit" bei allen Ausgleichsverhandluugen auf religiösem Gebiete, sei es auf Neligionsgesprächen, sei es auf dem Concil zu Trient, lag nicht auf „papisttscher Seite", wie Beyschlag S. 45 behauptet, sondern gerade bei Melanchthon, der schon 1530 sehr unehrlich vorging, als er im Artikel XX der Augnstana sich auf den hl. Angustin berief, obwohl er sich der gegentheiligen Lehre des großen Bischofes von Hippo wohl bewußt war. wie er in einem Briefe an Johannes Brenz selber gestand. (DLllinger, Die Reformation I, 358; Janssen, Geschichte des deutschen Volkes, 12. Aufl. III, 171.) Darüber schweigt natürlich Beyschlag, betitelt dafür den schlagfertigen Disputator Eck aus Jngolstadt als „alten Klopffechter" (S. 45) und feiert die „Gewissensfreiheit", für welche in der alten Reichsverfassung kein Platz sich gefunden habe. Ja er sieht sogar in dem Speyerer Proteste „einen Minderheitsprotest für Gewissensfreiheit" (S. 31), obwohl gerade die der alten Kirche anhängende Mehrheit der Rcichsstände gefordert hatte, daß in den Territorien der neugläubigen Fürsten neben dem Fortbestehen des Geänderten die alte Religionsübung der Katholiken bis zur Entscheidung eines allgemeinen Concils wenigstens noch geduldet werden sollte. Gegen diese Duldung protestirte am 25. April 1529 die neugläubigc Mindcrbeit der Fürsten und Reichsstädte. In der Speyerer Protestation von 1519, sagt mit Recht Pastor (I. o. pug. 15), ward zum erstenmale das Princip: „Wessen das Land, dessen auch die Religion", das Princip der Unduldsamkeit, in officieller Form verkündet. Melanchthon, der selbst im Laufe der Jahre seine Anschauungen vielfach änderte, vorzüglich in der Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens und hinsichtlich der wirklichen Gegenwart Jesu Christi im allerheiligsten Altarssakramente, war gegen abweichende Meinungen sehr unduldsam, am wenigsten konnte er die Katholiken ertragen. Wofür haben denn Fürsten und Städte, äußerteer, unsere wahre Lehre in Schutz genommen, wenn sie nicht in ihren Gebieten den falschen Gottesdienst abschaffen und nach Luther's Auslegung des 82. Psalmes gegen Ketzereien vorgehen wollen? (Paulus, Die Straßburger Reformatoren, Seite 5.) Schon in der Apologie der Augustana hatte Melanchthon den Heiligeudienst der Katholiken als „eine öffentliche heidnische Abgötterei" erklärt (Müller, Die symbolischen Bücher, S. 291). In einem Briefe an Schwenkfeld vom 16. Februar 1542 bemerkt er abermals: „Ich habe mit den groben iMs.tris, ^ den Papisten zu streiten genug" (Forschungen zur deutschen Geschichte XVI, 14). Ein besonderer Greuel war ihm die „Brodanbetung", d. h. der Glaube an das große Geheimniß der wirklichen Gegenwart Jesu Christi im allerheiligsten Altarssakramente. Der empfindlichste Punkt, an dem sich eine theologische Differenz zwischen Luther und Melanchthon herausbildete, sagt Beyschlag S. 51, war, der wundeste Lehr- punkt der Reformation überhaupt, die Abendmahlsfrage. Mährend Melanchthon im Anschlüsse an Luther 1530 in der Augustana die wirkliche Gegenwart des Leibes und Blutes des Herrn im Abendmahle lehrte und die rationalistische Auffassung Zwingli's verwarf (Art. X), huldigte er nach dem Marburger Gespräche der Lehre Calvin's, indem er „Leib und Blut" offenbar in keinem materiellen, sondern in einem geistigen Sinne nahm und demgemäß auch den Artikel X in der neu durchgesehenen und verbesserten Ausgabe des Augsburger Bekenntnisses von 1640 umgestaltete. Beyschlag bemerkt: Melanchthon sei durch diese Schriftauslegung „von allen Reformatoren dem biblischen Abendmahlsgedanken am nächsten" gekommen (S. 53). An einer anderen Stelle (S. 40) hat Beyschlag die Augustana von 1530 als das „classische Hauptsymbol unserer Kirche" gefeiert, in dessen „Fcsthnltung wir den Glauben unserer Väter noch heute als den unsern bekennen." sNun ist aber zwischen Artikel X der Bekenntniß- schrift von 1530 und jenem von 1540 fast ganz dasselbe Verhältniß wie zwischen katholischem Dogma und calviuischem Nationalismus; aber gleichwohl findet Beyschlag, der offenbar den Standpunkt Calvins theilt, in der Augustana von 1530 seinen Glauben identisch mit dem Glauben der Väter! Das ist doch die reinste Sophistin Zudem wurde die Schrifterkläruug Melan» chthon's, wenn auch ohne Nennung des Namens, in der Concordicnformel von Bergen (Art. VII, Müller, Seite 538—639) ausdrücklich verworfen, und diese Formel gehört auch zu den symbolischen Büchern der deutschen Lutheraner, wie Beyschlag S. 80 selbst gesteht: „Damit war", so fährt Beyschlag in seiner Betrachtung über die Concordienformel fort, „die deutsche Reformation endgiltig in zwei Parteikirchen zerrissen, die einander bald grimmiger haßten und befehdeten als den gemeinsamen Erbfeind und demselben dadurch zur Wieder- eroberung des verlorenen Gebietes die Thore öffneten. Getragen von habsburgischer Macht und jesuitischer List überzog die furchtbare Gegenreformation das evangelische Deutschland, indem Lutheraner und Reformirte einander im Stiche ließen, und wenn es auch nicht gelang, die Reformation ganz auszutilgen, so gelang es doch, ihr das halbe Deutschland zu entreißen und das ganze in einen Trümmerhaufen zu verwandeln." Demnach wäre der Widerstand gegen Gewalt uird Bedrückung eine Ungerechtigkeit, wäre die sittliche Erneuerung katholischer Länder durch die verschiedenen Ordensgenossenschaften der Anlaß zur Verwüstung Deutschlands geworden. Haben nicht lutherische und reformirte Fürsten in schamlosester Weise mit dem französischen Erbfeind sich verbunden, und Kaiser und Reich um Judaslöhne verrathen? Doch hören wir Beyschlag's Schlußwort: „Wenn heilte Melanchthon's verklärter Geist her- niederstiege und die geistigen Lager in seinem geuebten Deutschland durchwanderte, würde er weniger Ursache haben, sich um dasselbe abzusorgen als damals? Er fände auf der einen Seite einen Zeitgeist, der mit allem gebrochen, was ihm, dem durchgebitdetsten Denker des 16. Jahrhunderts, heilige und heilsame Wahrheit gewesen, nicht blos mit dem evangelischen Bekenntniß, sondern nnt 111 jedem Gottesglaubcn, eine nenheidnische Wissenschaft und Cultur, die von den Höhen der Gelehrsamkeit bis in die Arbeiterkreise hinabreichend selbst das letzte Gewisse, was es für den edleren Menschen gibt, die Unbcdingtheit des Sittengesetzes, naturalistisch zu zersetzen geschäftig ist. Und er fände auf der anderen Seite eine neue. furchtbare Machterhebung des Papstthums, das inzwischen den Gipfel der Selbstvergötterung und absoluten Gewissensbeherrschung erklommen, das unser Vaterland mit einem tödtlichen Netz von Aberglauben und Fanatisirung bereits halb umgarnt hat und alle Geistesfrüchte unserer Reformation auszurotten bemüht ist, während an den Orten, wo man sich einst im 16. Jahrhundert tapfer dafür einsetzte, unserem Volke das reine Evangelium zu bewahren (?). heute zumeist nur muthlose Beugung unter Nom zu gewahren ist." (S. 81.) Luther und Melauchthon unternahmen einen kühnen Sturmlanf gegen das Papstthum, das sie vom Teufel gestiftet wähnten, das sie für den leibhaftigen Antichrist in den schmalkaldischen Artikeln erklärten — aber was geschah? „Eine neue humanistische Bildung hat die alte Orthodoxie überflügelt, hat sich in ihrem Hauptstrom von Luther uud Melauchthon, oder wenigstens vom Besten, was sie vertreten haben, gleichmäßig abgewendet", gesteht Beyschlag selbst (S. 81). Wo sind demnach die Geistesfrüchte der Reformation? Eine neuheidnische Wissenschaft hat Platz gegriffen, aber das Papstthum ist nicht untergegangen, es lebt noch, ja es ist vielleicht geistig kräftiger und stärker denn je. Sollten denkende Menschen nicht daraus den Schluß ableiten: das Papstthum müsse Gottes Werk sein, da es bisher alle Stürme der Jahrhunderte glücilich überdauert hat? Als Melauchthon auf seinem Sterbebette lag, da wiederholte er oft die Worte des hohenpriesterlichen Gebetes: „Auf daß sie eins seien wie wir" (S. 80). In diesem Sinne, nach Wiedergewinnung kirchlicher Einheit unter der Führung Roms, theilen auch wir den Wunsch des Theologen von Halle: „Ach ja, es thäte noth, daß endlich wieder ein Strom melanchthonischen Geistes sich in die deutsch-evangelische Christenheit ergösse, der Glaube und Bildung, Wissenschaft und Frömmigkeit als die unzertrennlichen Schutzengel des deutschen Volksgeistes erkennte" (S. 82), damit endlich einmal aller Hader und alle Gehässigkeit unter Stammesbrudern aufhöre und das Echtheit des christlichen Glaubens gegen die Macht und List des Unglaubens gewahrt bleibe. Möchte Gott Gnade geben, daß diese Grundzüge melanchthonischen Geistes unter uns Heller aufleuchten l Znr Geschichte des Kreuzweges. ll. ?. 8. Kein Pilger in Jerusalem versäumt es, den Weg zu besuchen, den der Herr mit dem Kreuze beladen für unser Aller Heil gegangen ist. Dabei steht er ohne Zweifel mehr auf Liebe und Andacht, als auf genaue Kenntniß. Dennoch wird der Besucher sich auch zu jener um so mehr angeregt fühlen, wenn er überzeugt ist, daß er gerade da steht und wandelt, wo der .Herr gestanden ist und gewandelt hat. Wo aber war dieses? Schon der Jesuit Villalpaudi vor 300 Jahren (1596 — 1605) äußerte Zweifel an der Richtigkeit der Stellen, die man gewöhnlich als Stationen des Kreuzweges bezeichnet, und in neuerer Zeit sind der Zweifel immer mehr geworden sowohl bei Katholiken als Protestanten. Es ist daher der Mühe werth, der Sache auf den Grund zu sehen. Der Ausgangspunkt ist naturgemäß das Haus des PilatuS, in welchem Christus endgiltig gerichtet und vcr- urtheilt worden ist. Allein gerade dieses ist viel umstritten. Die hl. Schrift sagt es eben nicht, wo es gestanden. Indessen bietet sie im Zusammenhalt mit der Geschichte doch feste Anhaltspunkte. Die römischen Statthalter, wie Pilatus einer war, residirten durchgängig in den Palästen der vorausgehenden Herrscher, theils des Ansehens, theils der Zweckmäßigkeit halber. Herodes d. Gr. hinterließ in Jerusalem drei Paläste, welche Pilatus wählen konnte und die nur in Frage kommen. Der ältere von diesen ist der Palast der Hasmouüer, welche Herodes vom Throne verdrängt hatte. Er wohnte auch eine Zeit lang in demselben, doch fühlte er sich darin nicht heimisch, wohl in Erinnerung, wie er in dessen Besitz gelangt. Zudem bot er nicht Raum für eine Truppenmacht, welche zur Niederhaltung der fortwährend aufrührerischen Gelüste genügt hätte. Dieser Mangel mußte umsomehr bei dem Heiden Pilatus ins Gewicht fallen, dem die Juden noch feindseliger gegenüber standen, als dem Jdumäer. Es ist auch keine alte Nachricht vorhanden, daß Pilatus dort gewohnt hätte. Nur wollte man die Angabe des ältesten Pilgers von Bordeaux (333), daß das Richthaus „unten im Thäte" gewesen, auf diesen Palast deuten?) Allein er stand zwar unweit der Niederung, welche mau früher das Käsemacher-Thal, später zur arabischen Zeit erst das Wad nannte. Indeß im Thale stand er nicht, sondern an der Südwestseite dem Tempel gegenüber, so hoch wie der Tempelplatz selbst, so daß man von dort alle Vorgänge im Tempel beobachten konnte. Um dieses zu verhindern, führten die Juden sogar eine hohe Mauer dazwischen auf?) Nach dem Tode des Herodes d. Gr. gingen seine drei Paläste, nämlich der obeugcnannte, dann der im Nordwcsten und die Burg Antonio, in das kaiserliche Eigenthum über. Herodes Antipas war nur Vierfürst von Galtläa und Pcräa und hatte seine Residenzen in Tiberius und Machärus. Im Hasmonäcr-Palast hatte er nichts zu suchen. Wenn er um Ostern als Festpilger nach der hl. Stadt kam, mußte er wo anders absteigen. Die Tradition zeigte von jeher seine Wohnung am Bezctha in der Richtung des Herodcs-Thores, wo noch jetzt ein ansehnlicher, wohl saracenischer Bau steht. Er ist unzugänglich und daher das Innere unbekannt. Haus von Zimber (1483) wurde nicht eingelassen, „weil darin des Hauptmanns Dirnen sind". Der Bezctha war hoch, darum heißt es (Luk. 23, 7): Christus wurde hinaufgeführt. Agrippa I. vereinigte wieder die ganze Herrschaft seines Großvaters und konnte also im Hasmanäcr-Palast wohnen, scheint es jedoch nicht gethan zu haben. Sein Sohn Agrippa II. regierte wieder auswärts in Chalkis und später in Thileu von Galiläa uud Peräa; er wohnte aber dort, weil ihm die Obhut des Tempels und zu diesem Behufe die Wohnung eingeräumt war. Wie unsicher jedoch diese war, geht klar daraus hervor, daß er sammt seiner schwesterlichen Gemahlin Bcrcnike daraus vor seinen eigenen Landslenten flüchten mußte. Schon Herodes d. Gr. hatte diesen Palast verlassen und sich eine neue Burg von verschwenderischer Pracht an der Nordwestseite der Oberstadt gebaut, da, wo ehemals die Burg Davids gewesen, und damit ihm der nöthige militärische Schutz nicht fehle, errichtete er nicht weit davon drei starke Thürme, welche er nach seinem Bruder Phasael, seinem Sohne HippiknS und seiner ') Das neucstens auf dem russischen Platze aufgedeckte burgartige Gebäude kaun der Pilger nicht gemeint haben, weil es links, nicht rechts von seinem Wege war. 112 Gattin Marianne benannte. Ihm folgte in der Regierung der Statthalter PilatuS und konnte also dort wohnen. Mein es war dabei der große Mißstand, daß der Ort zu weit vom Tempel entfernt war, wo immer der Herd der Auflehnung gegen die römische Herrschaft glimmte. Der Landpfleger Sabinus wurde darin belagert, der letzte, Festus, mußte von dort flüchten, es wurde ihm aber der Weg verlegt, weil die Juden fürchteten, er möchte sich der Antonia, des Schlüssels zum Tempel, bemächtigen: ein deutlicher Beweis, wie unsicher der Vergnügnngspalast trotz der nahen Thürme war und der Schwerpunkt in der Antonia lag. Daß Pilatus dieses übersehen hätte, ist nirgends bezeugt, sondern Philo, welcher eine Gesandtschaft seiner Glaubensgenossen nach Nom führte, sonst aber in dem fernen Alexandria lebte, erzählt nur in seiner Apologie, daß derselbe an dem Palaste des Herodes, dem Hause der Statthalter, die Kaiserbilder aushängen ließ und deßwegen bei Tibcrius verklagt wurde. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Pilatus die Juden in der eigenen Wohnung sollte sich auf den Hals gehetzt haben, ist auch gar nicht gesagt. Der Ort ist im Allgemeinen als Haus der Statthalter, jedoch nicht als seine Wohnung bezeichnet, weil er eben in dem östlichen wohnte. Später wollten die Römer die Bildsäule des Kaisers Caligüla im Tempel aufstellen, wo gewiß kein Landpfleger wohnte. Jener Palast ist längst spurlos verschwunden, ohne daß sich daran eine Tradition geknüpft hätte. Wohl aber heftete sich eine solche an ein Gebäude, das ungefähr einen halben Kilometer weiter oben und seit der Zerstörung Jerusalems außerhalb der Stadtmauer liegt, jetzt das armenische Kloster. Es ist dieses das Haus des Hohenpriesters Kaiphas. Dort war unweit der Mauer eine Kirche erbaut worden, welche der hl. Hieronymus (Reise der hl. Paula) Erlöserkirche» Theo- dosius (530), Breviariüs (540) und ein Jnnominatus Peterskirche (verschieden vom „Hahnschrei") nennen. Nachdem sie von den Persern (615) zerstört worden, wurde sie von den Christen wieder errichtet, doch in einem kleineren Umfange und näher der großen Sionskirche. Johannes v. W., Epiphanias und ein Ungenannter (Lnarrabio locvrum) im 12. Jahrhundert nennen sie jetzt Ditkoobrotrw; Theodorich v. W. ebenso und zugleich Erlöserkirche, welcher Name dann wieder gewöhnlich wurde (so M. Saundo 1310, Ludolf von Sudheim 1341, Zwinncr 1561). Durch alle Jahrhunderte zeigte man dort den Kerker, in dem der Herr in der Nacht gefangen gesessen, sowie den Ort, wo Petrus ihn vcrläugnete, vielfach auch die Säule, an der Christus geschlagen worden (Epiphanius, Theodorich, Bousquet, Saundo). Bei Kaiphas wurde nach den evangelischen Berichten Christus zuerst verhört und des Todes schuldig erklärt. Der Hohe Rath besaß ja eine große Gerichtsbarkeit, und nur die Vollstreckung eines Todesurtheils war ihm entzogen, wiewohl er mitunter auch über diese Schranke sich hinwegsetzte, wie wir es an der Hinrichtung des hl. Stephanus und Jakobus d. I. ersehen. Das Haus des Hohenpriesters wurde durch Zusammenberufung des Syn- cdrinms daher zu einem Richthaus, xraaboriuru, und wird auch so genannt (z. B. bei Innominabuo; 1,63 k6l6rinag68 (1231), 1,68 6b6miu68 6t k6l6rlUUA6g (1265), ?6l6rinaF68 6b kardouim (1280). Das eigentliche AmthanS im Umfange des Tempclbezirkes war zur Nachtzeit mit diesem geschlossen und deßhalb nicht zugänglich. Es ist demnach sehr erklärlich, daß später auf das Haus des Kaiphas auch das übertragen wurde, was in dein des Pilatus geschehen war. Theodorich von Wiirzburg sah dort einen Stein mit der Inschrift: Ists Iocu8 vocabur litflosbrotus 6b bio Dominno tuib suäioatrw, offenbar den nämlichen, der früher in der Antonia war. Das Verhör und das Urtheil war da und dort, und selbst die Geißelung konnte um so leichter auch dem Hause des Kaiphas zugeschrieben werden, als dieser mit dem Herrn höchst feindselig verfuhr und so seinen Bütteln ein schlimmes Beispiel gab, wie Pilatus den Soldaten. „Sie fingen an, ihn anzuspeien und mit Fäusten zu schlagen." (Mark. 14, 65.) Da ist kaum zu zweifeln, daß sie es in dem nächtlichen Kerker bis Anbruch des Tages noch ärger getrieben und auch Geißeln zur Hand genommen haben. Die Verwechslung der zwei Gerichtshänser geschah aber erst im 12 . Jahrhundert und dauerte nicht 100 Jahre. Ein Ungenannter (beiläufig 1145 ) unterschied noch die zwei praoboria, doch schon beide auf dem Sion: DU morickioin 6sb mono 8ioa, ubi 6aol6»ia toriuo8g, 8. Nariaa. D oimstro Irrbors illiuo 68b oaxstla, ubi tuib xraatorium 6b Obri 8 tU 3 suäieabuo. . . . Lxbra 6Lol68ig.ni 68b parva occlesig., ubi xraotorinm tuib, in huo Dorninua üaZellabrw, spinia oorona.tu8 atgu6 1 Uu 8 U 8 6b bin tuib ckonnw Ogixbg.6. Johannes von Wiirzburg ( 1147 ) kennt nur mehr eines: Dominuo ra- äuotu8 68b g.ä montoiu 8iou, ubi buno erab xrg.6- borium kiiabi, uuneuxabuiu Dibbo8brobu8. 08b6uciitur aub6M bockio Ioou8, ubi xruotoriuiu 6b burrm David tuorab. lu oockmu praotorio keinem bor uogavit. Diibs praatoriuiu iu looo Huoüam tig.Z6lIa.bu8, 8pin6g, ooroua punZibur; 6unä6in locuia ctssiZuab oapolla o.ut6 inasorom ecaiemam 8ivu (Oap. IX). Eugesippus Fratellus, Archidiakon von Antiochia ( 1150 ): Obrmruiu äuaunb in 8ion ack kilabi praeborium, ubi 6b kotrrm bor 6um nogavib, 6t 1uZi6N8 in cav6rnriiu, Zug.6 inoäo Zalli oanbu8 appsliabur vuIZ.aritsigus Oalilaoa. Llonbs 8ion flssuin oxprobriio atkliotuw, vorboribug 68.68UIN, cabonig b6nbuiu kilabi su88u in DoiZobba. N6vi äacknrunb. Hiemit stimmen Epiphanius ( 1170 ), Theodorich von Würzbnrg ( 1172 ), Phokas ( 1185 ) und eine Anzahl Ungenannter fast wörtlich überein?) Daraus erhellt auch, daß Epiphanius nicht in eine frühere Zeit gehört, wo auch die Gebäulichkeiten andere waren. Theodorich hat noch das Besondere, daß er das Hans des Pilatus eigens auf dem Wege zum Ostthore erwähnt. Eine Mittelstellung nehmen der angelsächsische Priester Säwulf gleich zu Anfang der fränkischen Eroberung ( 1202 — 1203 ) und ein griechischer Ungenannter ein. Ersterer nennt auf Sion die Abendmahls- und Hahnschrei-Kirche, schweigt aber bedeutsam von einem Richthaus. Ebenso schweigt der Grieche, obschon er den Kerker Christi und anderes nennt (^uioö rhv «7-av öoi!, ßreo« cguXll/.'g ro5 Xpwrob, «oroo PLN',2^« -roö Xpanoo, v 1:00 npLosiüroo Li.uLwv x«i. ivü Reliquien der hl. Birgitt« in Rom. Ueberscht aus dem Schwedischen von Georg Binder, Priester der Erzdiöcese München-Freising (Schluß.) Des Altares Ausstattung sowohl wie alle Verschönerungen scheinen nicht sehr hergehalten zu haben, °) Der letzte war der Magister Thetmar (1215), der nur 4 Tage in Jerusalem verweilte. 113 denn bei einer großen Visitation, welche am 11. März 1627 in der Kirche von dem Cardinalvikar vorgenommen wurde, wurde unter anderem vorgeschrieben^, daß der Birgitt«-Altar mit einer neuen Steinbekleidnng versehen werden und auf angemessene Weise ausgeschmückt und die von der Acbtissin angebrachten Inschriften weggenommen werden fallen. Was das für Inschriften waren, wird nicht aufgeführt. Der Visitationsbericht gibt überdies Kunde, daß die.Aebtissin, um die Aechtheit der Reliquien zu beweisen, ein altes Document vorwies, welches der Cardinal abschreiben und dem Protokolle einreihen ließ. Eine Jahrzahl und der Name des Verfassers ist gleichwohl nicht angezeigt. In demselben wird über Birgittas Reliquien Folgendes gesagt: „Unter dem Altare der hl. Birgitt« befindet sich in einer kleinen Lade von Cyprcssenholz ein Schulterblatt derselben Heiligen und andere Reliquien, sowie ein Zahn des hl. Lukas und ein Kinnbackenbein des hl. Philippus.« Ich nehme an, daß die Vorschrift ausgeführt wurde. Wenigstens fanden bald darauf einige Reparaturen statt, denn man findet aufgezeichnet, daß die Clarisfernonnen 1629, als Schwester Hippolita Cianti Aebtissin war, zu solchem Zwecke nicht weniger als 5400 Dukaten ausgaben. Das Altarbild der Stefana Savelli muß nnter- deß durch der Zeiten Zahn zerstört worden sein, denn es wurde 1757 durch ein Gemälde auf Leinwand ersetzt, welches Schwester Felice Teresa Luci durch den Maler Giuseppe Moutanari malen ließ. Dieses neue Gemälde, welches nach dem Muster des alten Freskogcmäldes ausgeführt war, stellt Birgitt« in der Tracht ihres Ordens vor, — welche sie jedoch niemals trug, ebensowenig wie eine andere Nouneutracht, — kuicend vor dem Gekreuzigten, welcher mit ihr zu sprechen schien. Dies hat Bezug auf die in Rom umgehende Sage, daß des Erlösers Bild am Crucifixe einmal zu Birgitta gesprochen haben soll, da sie im Gebete versenkt war. Als Kirche, wo das stattgefunden haben soll, werden zwei genannt, S. Loren zo in Damaso, bei welcher sie manche Jahre wohnte, und Sän Paolo tnori 1s oanra, wohin sie oft wallfahrtet«. Die letztere Kirche hat den Vortheil, daß sie das Crucifix ausweisen kann, eine große Holzschnitzerei, welche Arbeit einem Schüler Giotto's, Pietro Cavallini (gest. 1279),-o) zugeschrieben wird. Es stand früher beim Fenster am Hochaltare in dem großen Ouerschiff, aber es wurde unter Benedikt XIII. (1724—1730) in die Kapelle gebracht, welche Birgittens Namen trügt und wo ihre Statue noch im Jubeljahre 1650 stand. Ursprünglich wußte die Legende bloß zu berichten, daß das Christusbild sich zur Betenden wendete, aber das wuchs wahrscheinlich mit der Zeit. Später findet man nichts mehr über die Reliquien der hl. Birgitta bis zum Jahre 1818, da sie wiederum von ihrer Ruhestätte unter dem Altare weggenommen wurden. Der Arm wurde getrennt von den übrigen Ueberresten und in ein ganz kostbares Reliquiarinm von getriebenem Silber mit Vergoldungen gelegt, welche einen aufrecht stehenden Unterarm mit offener Hand vorstellen. Dasselbe geschah mit einem der Panisperna-Kirche gehörigen Arm des Märtyrers Felix, worauf die beiden ") Die ^.eta 8aorao Visitationis 8. U. Ilrdani VIII, pai'8 II befinden sich in der Vatik. Bibliothek. "ch Meolai, Lasilica ckl s. kaolo, eax>. VIII, xa§. 38. Silberarme im großen Neliquienfchrank der Sakristei aufbewahrt wurden. Znr Erhöhung der Ehre scheint auch der Zahn des hl. Lukas und das Kinnladeubein des hl. Philippns dahin gebracht worden zu fein, denn sie stehen nun dort, aber es wird nichts davon in den beiden Authentiken erwähnt, welche am 10. Juni 1818 von I'r. Josef Barth. Menochio, kraet'ocrtns Lacrarii Xxnstolioi, errichtet wurden. Die eine dieser Urkunden bestätigt die Aechtheit der in den Silberarmen verwahrten Reliquien, die andere zeigt an, daß die übrigen Reliquien am nämlichen Tage in einen Holzschrein gelegt wurden, welcher verschlossen und wieder in den Sarkophag gelegt wurde. Dieser wurde eingemauert und unter dem Altare durch einen kleinen Schirm von bemalten Brettern geborgen. Der Anlaß hiezn war wohl der, daß die Clarisscrnouucn, bei welchen das Interesse für Birgitta im Laufe der Zeiten erkaltet war, sich nicht Rath wußten, einen paffenden Schmuck für die Reliquien oder eine würdige Anordnung bezüglich des Altares zu beschaffen. Es war bequem und billig, den Sarg einzumauern und zu verbergen, weßhalb es auch beschwerlich wurde, die Reliquien zu zeigen. Für jene, welche die Hülfe der Heiligen bedurften, hatte man, wie wir gesehen haben, die anderen Theile zur Hand. Der Silberarm wurde am 17. Juni 1878 geöffnet und vom Arme Birgittas wurde ein Theil genommen, welcher an ein Birgitten - Kloster in Holland geschickt wurde, wie ein Gesuch hierüber sagt. Die neue Authcntika für das, was übrig blieb, wurde am nämlichen Tage vom Cardinal Monaco La Valetta ausgefertigt, aber die übrigen Dokumente in der Sache konnte der ehrwürdige Rektor der Panisperna-Kirche, k. Auaklet di Velletri, leider nicht finden.^) Daß die übrigen Reliquien kürzlich wieder zu Tage kamen, hat seinen besonderen Anlaß, zu dessen Erklärung eine kleine Abschweifung nothwendig ist. Das Hospital und die Kirche der hl. Birgitta an der Piazza Farnese hatte Leo XII. nach wechselndem Geschicke den Kanonikern von St. Maria in Trastcvcre geschenkt, welche das Haus nllmählig verfallen ließen. Im Jahre 1855 übernahm es eine französische Kongregation, die Väter vom hl. Kreuz, gegen eine jährliche Rente von 3000 Lire, und sodann wurde die Pflege des Hauses etwas besser. Die würdigen Vater ließen es von dem Franzosen Ed. Braudon mit mehreren Malereien ausschmücken, aber auf anderer Seite machten sie sich eines Wandalismus schuldig, indem sie nach Notrc Dame in Jndiana, .wohin in späterer Zeit die Oberleitung des Ordens verlegt wurde, das merkwürdige Bild bringen ließen, welches die Madonna darstellt, umgeben von vier Heiligen-Bildern, deren eines als das älteste Porträt Birgittas galt.^) Das ist dasselbe Bild, welches Hammerich 's und B r i n k m a u u 's Monographieu über die Heilige haben. Gewiß ist es sehr schwer, das Bild für ein Birgitta-Porträt anzusehen, aber eine andere von den dort vorgestellten Figuren ist jedenfalls ihre heilige Tochter Katharina, und es wäre gewiß der Mühe werth, das in mehrfacher Beziehung merkwürdige Bild zu untersuchen. Nun ist es in Jndiana und wurde restaurirt von einem Maler aus Chicago. Auch die Bilder müssen sich in Manches fügen! — Nach Amerika 2') Auch des Klosters Name ist nicht erwähnt. Wahr« scheinlich war es Marienbcmm. Mein, sondern Neden in Holland. Binder.) "ch Siehe Awroriche Dicksllrikt 1833, Seite 355—353. 114 kam auch ein größerer Stein mit Inschrift, um Gesellschaft zu leisten. Alles wurde gesammelt, um in einem großen Hof untergebracht zu werden. Ich erwähne dies, um darzulegen, daß es kein Verlust für diejenigen war, welche Werth setzten auf das alte ErimierungSzeimen, denn die Vater haben einige Monate später das Haus (mit großem Profit) au die Schwestern von der ewigen Anbetung des hl. Sakraments, einen Zweig des Carme- liter - Ordens, verkauft. Die Vorsteherin dieser Versammlung, Schwester Maria Hedwig,-^) hat mit riihmenswerthcm Eifer sich der Wiederherstellung des erinncrnugsrcichen Hauses angenommen, und sie hat auch gewünscht, daß zur Birgitta-Kirche auch einige Reliquien der Heiligen selbst kämen. Von den Franziskanern, welchen die Aufsicht über S. Lorenzo in Pauis- perna anvertraut war, war sie von dem Dasein der im Jabre 1818 eingemauerten Reliquien unterrichtet und erklärte sich bereit, den Altar ausstatten zu lassen, wenn ihrer Kirche einige Reliquien mitgetheilt würden. Dieser Vorschlag hatte um so weniger Schwierigkeit, da die Kirche 1892 für das bevorstehende Bischofsjnbiläuin Leo's XIII. gründlich restaurirt wurde. Nach dem vom Cardiual-Vikar Parocchi mitgetheilten Zustand wurde der Sarkophag wieder ans Licht gezogen und am 17. Dezember 1892 in Gegenwart der Bevollmächtigten des Kardinals, Msgr. Anselmi, Vorstehers der Ncliquiensamniluug des Vikariates, des Jesuitcu- patcrs Bonavenia, des Kirchenrcktors k. Anaklet di Velletri und des Klosterbeichtvaters ?. Andreas di Nocca di Papa, geöffnet. Der im Jahre 1818 niedergelegte Schrein und die von Msgr. Menochio damals ausgeführte Authentika wurden angetroffen, sowie die Versiegelung und die Reliquien, welche unbeschädigt waren; sie wurden zum Vikariat gebracht. Cardinal Parocchi veranstaltete dann eine Vertheilung derselben. Zwei Nückenkuochen wurden der Panisperna-Kirche zurückgegeben, in kleine Glasbeyältcr gesetzt und nun bei den Silberarmen in der Sakristei aufbewahrt. Das Beckcnbein, welches seine alte Bezeichnung „Schulterblatt" behielt, und ein Rückendem wurden der Schwester Maria Hedwig für die Birgitta-Kirche gegeben, und sie hat hicfür eine prächtige Lade von vergoldeter und ciselirter Bronze fertigen lassen. Das Gleiche geschah auf ihre Kosten für das eine Nippende in, welches bei den Clarissernonnen belassen wurde, welches Kloster nunmehr, nachdem es im Jahre 1877 Sän Lorenzo verlassen mußte, nach Santa Lucia Selci (Piazza Giovanni Lanza) verlegt wurde. Ein anderes Nippendem wurde dem Erzbischof von Ben event gegeben, welche Stadt Birgitta auf einer ihrer Pilgerfahrten besucht hatte. Das dritte Rippmbein und ein Rückenkuochen wurden für die Vikariatssammlimg behalten.'^) Der Sarkophag wurde sodann in der Birgitta- Kapelle wieder festgemaucrt, aber nicht mehr unter dem Altare, sondern an der Scheidewand gegen die zunächst liegende S. Franziskus-Kapelle und einen Meter über dem Boden. Unter dem Altare ruht an der Stelle der Leib der Martyrin Viktoria. Die Clarissernonnen bewahren auch andere Eriuner- °°) In der Welt bekannt als Gräfin Wielhorska. . ") Zu Sän Lorenzo in Panisperna wurde Se. Heiligkeit am 19. Februar 1843 zum Bischof geweiht, und dort feierte er als Papst im I. 1693 den 21.—23. Februar ein feierl. Irickuum zur Erinnerung daran. *°) Inxtanotsea pontikois. ungeu an Birgitta, nämlich einen Mantel von grobem Wollcnzeug, ein Unterkleid von grauem Stoff mit einem leichten Kopsüberwnrf von demselben Zeuge sammt einem Leibgürtel von starkem Hanf nach gewöhnlichen Kloster- modellen. Das Unterkleid ist 1,45 Meter auf der Rückseite, gemessen vom Ende des Halses herab, 30 Ceuti- meter zwischen den Armhalsnähten hinauf, 50 Ceutimeter zwischen denselben Nähten hinab; im Umfange hat es 2,68 Meter, die Länge der Arme ist 54 Centimeter, die Weite der Halsöffmmg 50 Centimeter. Das Kleidungsstück hat an der Brust wenig Oeffnung, so daß es sehr schwer gewesen sein muß, es abzulegen. Die Kapuze (Kopfüberwurf) mißt 30 Centimeter vom Scheitel bis zum Kinn; 12 Centimeter unter dem Kinn zur untersten Naht, 50 Centimeter vom Scheitel rund über das Haupt zum Nacken, 69 Centimeter vom Vorderes zum Nückenzipfel. Die Länge des Gürtels ist 2 Meter. Das muß auf eine große Franengcstalt hindeuten, i was der gewöhnlichen Angabe widerstreitet, daß Birgitta i klein war. Die Aechtheit des Gürtels und der Kopsbedeckung ist durch nichts bestätigt, als durch die Tradition des Klosters, nach welcher Birgitta dies auf ihrer Pilgerfahrt zum hl. Grabe im Jahre 1372 getragen hätte. Die Nothwendigkeit einer leichteren Bekleidung kaun es möglich erklären, daß sie zcitenweise ein kostbares Material von Seide trug. Sie bekleidete sich, wie die Zeitgenossen bezeugen, beständig mit dem gröbsten Tuche, und es wird ausdrücklich erwähnt, daß sie während 30 Jahren nicht einmal Leinen gebrauchte außer zum Kopftuche. Ein Mantel von Seide wird nämlich in der Sakristei der Panisperna-Kirche aufbewahrt, allein da er in einem mit grüner Seide verkleideten Pappenfntteral liegt, welches verglast und nicht zu öffnen war, so konnte ich denselben nicht messen, sondern mußte ihn durch die Glasöffnuug beschauen und kann sagen, daß er gewiß zum Gürtel und zur Kapuze gehört habe. Man sagte mir, daß erst wenige Tage verflossen sind, daß ein mit der hinfallenden Krankheit behafteter Mensch zur Kirche geführt wurde, wo ihm das Behältniß mit dem hl. Mangel auf's Haupt gelegt wurde. Auch die Kapuze wird häufig von den Kranken verlangt, denn sie hat den Ruf, daß sie Kopfschmerzen hinwcgnimmt.^) Die Nothwendigkeit, diese Sachen oft forttragen zu muffen und sie in den Händen der Besuchenden zu lassen, kann es erklären, daß kein die Aechtheit bekräftigendes Dokument gefunden werden kann; wenigstens sagen die Klosterbewohner so. Es ist möglich, daß eine Auihentlka innerhalb des Futterals sich findet. Größere Gewißheit hat man bezüglich des Mantels, welchen die Clarissen in Händen haben. Man zeigte mir im Kloster an der Piazza Giovanni Lanza eine mit Gold und Silber reich verzierte Kutte mit der Aufschrift: „Nantslio äi 8. Lri^icka, Vaäova," (Mantel der hl. Wittwe Birgitta), nebst einem von dem °°) Die Tradition bezüglich der fallenden Kranken kaun zurückgeführt werden auf eine Begebenheit in Birgitta's Leben, welche von Berthold von Rom erzählt wird (Lid. II, 0 S.P. 1, 85). Sie soll nämlich außerhalb der Kirche S. Pra- xedis, ganz nahe bei S. Lorenzo in Panisperna, eine nordische Frau gefunden haben, deren Name Dyovetur geschrieben wird, welche an dieser Krankheit litt. Mit Hilfe rhrcs Kaplans Magnus Petri führte sie die Kranke in ein Spital und nahm sie dann zu sich, wo Dyovetur durch ihr heiliges Gebet vollständig geheilt wurde. 115 Klosterbeichtvater ib'r. PietrodiVenaco ausgefertigten Dokumente, italienisch, daß er dabei war, „als der heilige Mantel der hl. Birgitt«, welcher im genannten Klarer als eine verehrungswürdige und heilige Reliquie aufbewahrt wurde, aus dem alten, zerrissenen und durch die Zeit zerstörten Futterale herausgenommen wurde in Gegenwart der edlen und ehrwürdigen Aebtissin Schwester Hortensie! Capisu echt mit all den übrigen ehrwüroigen Müttern und würdigen Schwestern, und daß er in eine mit Gold- und Silberarbeit und mit Borden verzierte Seidcnkutte, welche die hochwürdigen Frauen Schwester Maria Vittoria Vebri und Schwester Rosa Maria Ferrari für diesen Zweck fertigen ließen", hineingelegt wurde, was Alles am genannten Tage geschah. Das Dokument ist unterzeichnet außer von Pietro di Venaco auch von Schwester Hortensia Capisucchi und Schwester M. Vittoria Vebro^ und ist besiegelt mit dem Siegel der Panisperna- Kirche, St. Laurentius auf dem Roste. Durch die wohlwollende Bemühung der Aebtissin Schwester Teresa Margherita Farinetti wurde diese Kutte am 6. Mai 1893 in meiner Gegenwart ausgebreitet und der Mantel herausgenommen. Er war im Vierkant zusammengelegt, gebunden mit einem weißen Linnenband, dessen Enden versiegelt waren. Als das Band aufgemacht und der Mantel aufgewickelt war, fand man darin noch ein Exemplar der kurz vorher genannten Inschrift, das Wort für Wort, mit Ausnahme von ein paar unbedeutenden Varianten, mit dem erstgenannten Exemplar übereinstimmte. Der Mantel ist von grobem, schwarzbraunem Wollenstoff, wie die Franziskaner ihn tragen, fast ganz schwarz, ist geschnitten wie eine Nnndkappe ohne Aermel; wohl aber hat er die Armössnungen. Am Halse hat er einen kleinen Saum von Goldseide. Er wurde durch einen Knopf von Silberdraht mit einigen Gold- drähten zusammengehalten. Er ist 1,10 in lang; bis zum Boden hat er 2 w, am Halse 65 am?") Eine Reliquie der hl. Birgitt« wurde früher auch bei S. Agata in Trastevere, aufbewahrt. Ihr Name kommt nämlich in den Aufzeichnungen der Kirchcnreliquien bei Gelegenheit der großen Visitation Urban's VIII. vor, welche am 4. September 1628 stattfand?^) Die Kirche und das dazu gehörige Kloster gehörten damals den „katros Oon^rsAntioiris Lstriktiarine" (Vatern der christlichen Genossenschaft). Nun ist aber die Reliquie verschwunden, und es besteht keine Erinnerung daran. Schließlich mag noch beigefügt werden, daß die Birgittareliqnien, welche sich in den Kirchen S. Sil- vestro am Quirinal und S. Elemente finden, nicht von unserer Birgitts sind, sondern von jener aus dem statischen Stamme. Man erkennt sie aus dem Titel „VirAo et wnrt^r", während die officielle Benennung unserer Heiligen ist: „8. Lirgitta, Villua." 20) Der Name ist hier ganz anders geschrieben als im Texte. Das ist für jene Zeit nichts ungewöhnliches. 2 °) Die Aebtissin erlaubte mir, ein Stück abzunehmen. Ein Gefühl von Kirchenraub ließ mich zweifeln: auf erneute Aufforderung jedoch klippte ich, da der Mantel an den Enden sehr schlissig war, eine kleine Franse ab und erhielt darüber eine Authentika vom Beichtvater des Klosters. ") 8. Visit. -iereli. 8ser. Vatie. °°) Ihre Tochter Catharina hat den seltsam scheinenden Titel: »VirZo ab Viäna." DaS ist nun Alles, was über die Birgitts» Reliquien in Rom gefunden werden konnte. Es wäre wünschenswcrth, daß genauere Beweise gefunden würden; allein man kann schwerlich zu größerer Gewißheit kommen. Für alle Fälle sind nun die Reliquien beschrieben, welche Anspruch auf Acchtheit machen können. Leider kann bezüglich der Reliquien, welche ihren Ursprung von Wadsrena herleiten, nicht das Gleiche gesagt werden; aber das gehört nicht in den Nahmen dieses Aufsatzes. C. Bildt." * -» » Es obliegt uns nicht, der interessanten Arbeit irgend eine Ergänzung beizufügen. Allein einen Gedanken möchten wir gleichwohl aussprcchen: Die Arbeit zeugt von großer Liebe zur hl. Birgitta und gibt dieselbe Verehrung kund, wie sie die skandinavischen Völker ihrer großen Heiligen bis in die Zeit des Gustav Wasa entgegenbrachten. Und wie die hl. Birgitta zu ihren Lebzeiten den hohen Adel um sich versammelte und wie ihre Stiftung, das Kloster Wadstcna am Strande des Wcttersee's, die Edelsten der schwedischen Nation aufnahm, so vereinigen sich auch heute wiederum die Edelsten der schwedischen Nation im Lobe der nordischen Heiligen und ehren sie als eine Zierde ih- s Vaterlandes. So wurde 1891, in dem Jahre von L.c- gi'tta's Heiligsprechungsfeier, vom schwedischen Reichstage die Wiederherstellung der alten Klosterkirche zu Wadstena, des »lompium Oathockimlo, Lieg, Aas llolginlom", beschlossen und dieser Antrag unter Andern! auch damit begründet, daß Birgitta von allen Schweden aus dem Mittelaltcr die einzige Persönlichkeit von europäischem Rufe sei.ol) Möge an „St. Brittas" Verehrung der Anfang einer neuen Aera geknüpft sein! „Die Besessenheit mit besonderer Berücksichtigung der Lehre der hl. Väter." * In Nr. 65 der „Frankfurter Zeitung" wurde Herr Lycealrector Dr. Lcistle in Dilliugen wegen feiner unter obigem Titel schon im Jahre 1387 erschienenen Schrift angegriffen. Die Bosheit des Angriffes und das unredliche Spiel kennzeichnet sich dadurch, daß in der aus der Schrift (S. 25 ff.) ausgchobeuen Stelle über den Erscheinungsleib Satans, an welcher sich der Verfasser re- ferircnd verhält, die zumeist aus den Vatern und altchristlichen Kirchenschriftstellern geschöpften Citats womit jede der aufgeführten Erscheinungsweisen belegt ist, einfach weggelassen sind, so daß die ganze Darstellung beim Leser die Meinung hervorrufen muß, als ob der Verfasser alle diese Erscheinungsformen sich ausgesonnen habe, während er nur objectiv darlegt, was die genannten Schriftsteller hierüber geäußert haben. Bezeichnend ist ferner der Umstand, daß Stellen, in welchen der hl. Augnstin und der hl. Gregor d. Gr. im Texte (nicht bloß unter demselben wie die übrigen Citate) für diesen Punkt als Zeugen angeführt werden, weggelassen sind. Durch diese weggelassenen Stellen hätte doch der eine und andere besonnene Leser auf den Gedanken gebracht werden können, auch das übrige über die verschiedenen Erscheinungsformen Gesagte sei den Angaben der altchristlichen Kirchenschrist- steller entnommen und nicht Phantasie-Produkt des Verfassers. Das sollte nun durch Äusmerznng dieser Stellen hintertrieben werden. Dasselbe Verfahren wird eingehalten an jener Stelle, wo davon die Rede ist, in welcher Gestalt der böse Feind von besessenen Menschen infolge des Exorcismus gewichen sei (S. 43 f.). Die Citate, nach welchen der Verfasser berichtet, sind auch liier weggelassen, und es erscheint auf diese Weise die betreffende -Aeußerung als reines Hirngespinnst des Verfassers. Die „Frankfurter Zeitung" gestattet sich sogar das Wort „immer" einzu Binder, Die hl. Birgitta und ihr Klostervrdcn, München. Stahl sen., 1891. schieben, um den Eindruck bei den Lesern zu verstärken. Seine Stellung zu der Anschauung, welche in den von ihn, citirten Schriftstellern sich ausspricht, hat der Verfasser für den Leser an verschiedenen Stellen keiner Schrift angedeutet. Ucbcrhaupt darf nicht übersehen werden, daß die Schrift der Hauptsache nach eine systematische Zusammenstellung dessen sein soll, was über Besessenheit und einschlägige Fragen in der patristischen Literatur sich findet. Auch das Schlußwort in der bezeichneten Schrift hätte die „Frankfurter Zeitung" auf deir Gedanken bringen können, daß sie den Verfasser unverdienter Weise herabzuwürdigen sich mühe. Die in Rede stehende Schrift hat, wie wir bestimmt wissen, bei ihrem Erscheinenvon Männern, welche durch ihr theologisches Wissen und ihre Stellung hervorragend waren, und solche Fragen, wie sie in der genannten Schrift behandelt sind. nüchtern zu beurtheilen verstanden, volle Anerkennung gefunden. Es sei nur, um die noch lebenden zu übergehen, hingewiesen auf den hoch- seligen Bischof vr. Pankratius von Dinkel und den verstorbenen Eichstätter Dompropst und Professor Dr. Thal- hofer, dessen Brief an den Verfasser wir gelesen haben. Hingewieien sei ferner auf die seinerzeitigen anerkennenden Besprechungen der betr. Schrift in der „Jnnsbrucker theologischen Zeitschrift", in der „Beilage der Augsburger Postzeitung" und im „Augsburger Pastoralblatt". Diesen Männern und Zeitschriften lag aber auch ein anderes Elaborat vor, als die „Frankfurter Zeitung" ihrem Publikum, das prüsungslos das Dargebotene als baare Münze hinnehmen muß, vorzulegen beliebte. -— Was man sogar aus Sätzen der hl. Schritt machen und wie man die Lehre Christi als unchristlich lautend darstellen könnte, wenn man nach Art der „Frankfurter Zeitung" verfahren würde, sei an einem Beispiele gezeigt. Man könnte sagen mit Verschweigen des in der hl. Schrift enthaltenen Beisatzes: In der Bergpredigt (Matth. 5,43) lehrt der Herr: „Hassen sollst dü deinen Feind." — Uebrigens hat Professor Leistle in seiner Schrift auch noch andere Dinge behandelt, als nur die sinnlich wahr- lassung, die Besessenen des Neuen Testamentes, der segnende und heilende Einfluß des Christenthums kommen in seinem Programme znr Sprache, lauter Gegenstände, die nicht bloß für den katholischen, sondern auch den orthodoxen protestantischen Theologen von Interesse sein . können. Allerdings die von Christus abgewendete Welt, der Rationalismus, welcher Satan und seinen Einfluß Hinwegdisputiren will und die Leugnung dieses Feindes des Menschengeschlechtes (I. Petr. 5,8 f.) zu einem Postulat der Bildung macht, muß sich entsetzen, wenn man dieses düstere Phänomen der Geschichte zu behandeln wagt. Was die verdächtigende Bemerkung über die Lehr- thätigkeit des Rectors Leistle im Schlußsätze der „Frankfurter Zeitung" betrifft, so mag sich dieselbe beruhigen. Derselbe ist, wie das vor Jahresfrist in öffentlichen Blättern hervorgehoben wurde, ein hochgeschätzter Lehrer, der sich die Liebe und Verehrung seines Auditoriums während seiner 20jährigen akademischen Thätigkeit in hohem Grade zu erwerben wußte, so daß sie auch die Auslassungen der „Frankfurter Zeitung" nicht zu erschüttern vermögen, und seine Schüler können auch in den von ihm vorgetragenen Disciplinen sich mit denen jeder anderen theologischen Hochschule messen. Recensionen und Notizen. Baedeker K., Spanien und Portugal: Handbuch für Reifende. 8°. I-XXXII -ff 582 SS., 6 Karten, 31 Pläne, 11 Grundrisse. Leipzig, K. Baedeker, 1897. M. 16,— in Leinwandband. v Es war ein auffallender, schwer empfundener Mangel, daß in der Reihe der vorzüglichen Reisehandbücher von Baedeker gerade eines der herrlichsten Länoer, das an historischen Erinnerungen, an kunstvollen Prachtbauten wie an hervorragenden Naturschön- heiten überreiche Spanien, nicht vertreten war. Rathlos und vergeblich sah sich jeder Spanien-Reisende nach eurem Ersatz um, der diese Lücke ausfüllen konnte, denn der Reiseführer von Hartleben, der einzige, den es überhaupt gab, ist gar nicht zu gebrauchen. Das Erscheinen des oben genannten Buches wird daher allseitig mit großer und dankbarer Befriedigung willkommen geheißen werden und sicher den Muth und die Zahl derer rasch vermehren, die sich entschließen, die iberische Halbinsel zu durchqueren, wenn sie sich einem so verlässigen Führer anverrraut sehen. Die Einrichtung des Buches ist ganz dieselbe, wie sie sich bei den übrigen Baedeker-Führern bewährt hat, die ja einen Weltruf besitzen. Genauigkeit der Angaben und Nebersichtlichkeit der Anordnung lassen nichts zu wünschen übrig; es wird sicherlich keinen Spanien-Touristen geben, der nicht diesen „Baedeker" als unentbehrlichen Geleiter in der Hand hätte. Haberl Fr. K., Kirchenmusikalisches Jahrbuch für das Jahr 1897. Reqensbnrg, Fr. Pustet, 1897. 8°. IV -s- 141 -st 3 SS. M. 2,60. Zum zweiundzwanzigsten Male bringt ein alter, stets willkommener Freund seine Neujahrsgabe. Leider hat das diesmalige Jahrbuch den Tod eines ausgezeichneten Mitarbeiters, des Professors Dr. Anton Walter (k 1. Okt. 1896), zu beklagen, dessen im Vorwort rühmend gedacht wird. Es folgt dann an erster Stelle die Fortsetzung des im Jahrgang 1896 begonnenen „Oküeium hsbckoinaclas sanetas" (S. 29—72) von Ludovico da Vittoria, der bekanntlich an Cardinal Otto Truchseß von Augsburg einen Mäcenas hatte. Auf den musikalischen Beitrag folgen.Abhandlungen und Aufsätze historisch- kritischer Art, die von der staunenswerthen Belesenbeit und Gründlichkeit der Mitarbeiter Zeugniß ablegen. Recensionen über kirchenmusikalische Novitäten beschließen das Jahrbuch, das an Reichhaltigkeit des Inhaltes senren Vorgängern in keiner Weise nachsteht und sich damit sicher die alten Freunde erhalten und, wie wir hoffen, neue erobern wird. _ Der hl. Antonius in Toulon und das Brod der Arme n. Erzählung eines Augenzeugen von Stephan Jouve in Toulon. Autorisirte deutsche Ausgabe nach der 9. Auflage des französischen Originals von F. M. Laun, Kaplan in Stuttgart. 3. vermehrte Auflage. Mit einer Abbildung des Hinterstübchens in Toulon. Stuttgart, Jos. Roth'sehe Verlagshandlung. 250 Seiten Octavformat. Preis brofch. 2 M., schön gehd. 2 M. 60 Pf. Das Buch erzählt uns in ansprechender Form die Entstehung des in kurzer Zeit über die ganze Welt ausgebreiteten guten Werkes, welches unter dem Namen St. Anton iusbrod die Unterstützung der Armen zum Zweck hat. Wer nämlich den hl. Antonius in klemen oder großen, körperlichen oder geistigen Anliegen um seine Fürbitte anfleht, verspricht ihm gleichzeitig einen Beitrag, der ausschließlich zu Brod für Arme bestimmt ist. Besonders eingehend werden die vielen Gebetserhörungen geschildert, die in neuester Zeit auf Anrufung des ivunder- thätigen Heiligen in Toulon erfolgten. Das Buch ist besonders geeignet, das Vertrauen zum hl. Antonius mächtig zu wecken und das schöne Werk des Antoniusbrodes weiter zu verbreiten. Der hl. Antonius von Padua. Sein Leben und seine Herrlichkeiten. Von st. Maria-Antonius, Eapuclner-Missionär. Autorisirte Ausgabe nach dem Französischen von I. Müller, Pfarrer. 2. sehr vermehrte Auflage mit Titelbild. Mit bischöflicher Approbation. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagshandlung. 200 S. kl. 8°. Preis 60 Pfg., hübsch gebd. 1 M. Dieses St. Autoniusbüchlein des hochw. st. Maria- Antonius ist eine besonders dankenswerthe Gabe. Der erste Theil schildert in gedrängter Form den Lebenslauf des Heiligen und die Verbreitung der Andacht zu ihm. Im zweiten Theil finden sich die schönsten Gebete zum hl. Antonius, die neundinstägige Andacht, das Respon- sorium u. s. w. Der dritte Theil enthält die gewöhnlichen täglichen Andachtsübungen. Mit Rücksicht auf seine volks- thümliche Sprache ist dies Büchlein, das dem Lieblingsheiligen des katholischen Volkes gewidmet ist, deßhalb auch für das katholische Volk besonders zu empfehlen. Verautw. Redacteur: Ad. Haas in Auasbura. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.