lk'. 30 27. Mal 1897. 2 Alts Glasmalereien am Bodensee und seiner Umgebung. (Schluß.) 2. Zur zweiten Serie gehören eine Madonna Mkt dem Kinde und die Heiligen Wolfgang und Christophorns. Die heilige Jungfrau mit dem Kinde, das die Rechte segnend erhebt und in der Linken die Weltkugel trägt, hat blaues Ober- und rothes Nntergewand und hält in der Linken das Scepter. Sie ist von einer Strahlenglorie umgeben und zeigt wie überhaupt eine schöice Gestalt, so besonders ein wunderschönes Köpfchen. Die Zeichnung ist hochfein und die ganze Auffassung des Gegenstandes eine ideale, hochfeierliche. Um die ganze Figur läuft ein Spruchband mit dem Vers: 8is prs- oibn8 piaorrta mor8 ea8tis8ima> virgo, ultima, guum voniet zuäioig tilg, äiso. Oben sieht man miuiatur- artig fein gezeichnet die allegorische Darstellung von „Maria Verkündigung": Die heilige Jungfrau ist sitzend dargestellt, und ein Einhorn flüchtet sich in ihren Schoß; ein stehender Engel bläst auf einem Jagdhorn und führt zwei Hunde mit sich. Diese vorzüglich erhaltene Tafel mit der hl. Jungfrau, 75 na hoch und 50 ein breit, ist ein Kabinetsstück ersten Ranges, wohl das Juwel der ganzen hochinteressanten Sammlung. Der heilige Wolfgau g mit rothem Pluviale und grüner Dalmatika hält in der Rechten das Modell einer Kirche und in der Linken den Hirtenstab sammt einen! Beil, seinem Attribute. Links unten sieht man die Inschrift: NorancI von braun, und rechts nuten kommt der Donator mit dem Spruchband über sich: Lrmotug ^VoIf§cmAa8 ora pro uobig. Der heilige Chri stoph orus, mit einem gewaltigen Stock in den Händen, durchschreitet ein Gewässer und trägt das Christus- kind auf seiner linken Schulter, das die Weltkugel hält. Der Heilige zeigt einen sehr guten, porträtartig gezeichneten Kopf, und ist die ganze Gestalt vollständig erhalten mit Ausnahme von einem eingesehen Armstück. Was die glasmalerische Technik dieser drei vorzüglichen Stücke anlangt, so ist sie im Allgemeinen die gleiche, wie die der vorigen Serie, nur finden wir hier, besonders in dem Madonnenbilde, eine noch feinere Verwendung des Silbergelbs. Nur allein mit dieser Schmelzfarbe, mit einem leichten, in der Fritte hergestellten Blau und mit dem Schwarzloth weiß der Glasmaler bei der Scheibe mit dein hl. Wolfgang einen landschaftlichen Hintergrund mit Fluß, Bäumen, Häusern usw. herzustellen, wie mau ihn lebhafter auf Leinwand nicht geben kann. Eine hier einzigartig technische Erscheinung gegenüber allen andern Figuren bildet die glasmalerische Behandlung des llntergewandeS oder Turnicrrockes beim hl. Christophorns: man sieht hier außer gelben, durch Silbergelb hergestellten Streifen auch solche von rother und blauer Farbe, welche hier eigenthümlicher Weise durch Schmelzfarben aufgetragen sind, was namentlich bezüglich des Roth merkwürdig ist, das man auch später, bei der sogenannten Kabinetsglasmalerei, sonst überall nur als Ueberfangglas angewendet findet. Diese drei Scheiben sind, wie die oben angegebene Inschrift zeigt, von dem reichen Baseler Patrizier Von Brunn in die Karthanse nach Klcin-Basel gestiftet und kamen ebenfalls 1527—29 nach St. Blasien. Daß auch sie hier waren, ergibt die, wenn auch kiinsterisch allerdings mindcrwerthige, aber doch interessante Ergänzung unter der Darstellung der hl. Jungfrau; hier sehen wir nämlich das Wappen von St. Blasien, und zwar das des Abtes Benedikt II. — einen weißen Hirsch auf blauem Felde —, unter welchem also die Ergänzung stattfand. 3. Die folgenden drei Fenster, wieder eine Ma« donna mit dem Kinde und die Heiligen Johannes den Täufer und Margarethe! darstellend, gehören ebenfalls zusammen, und sie scheine» mir, lvie aus der gleichen Glasmalerciausialt wie die Bilder der vorigen Serie, so auch vom gleichen Kartonzeichner zu stammen. Das Mittelfenster zeigt die hl. Jungfrau von einer großen Aureole umgeben, wie sie auf dem linken Arme das Kind und in der rechten Hand ein Scepter hält. Mit einer eigenthümlich genrehaften Lebhaftigkeit ist baS Christuskind dargestellt, indem es nicht, wie in der vorigen Darstellung, die Rechte segnend erhebt, sondern von der Mutter hinweg seinen Kopf rückwärts wendet und in die Welt hinausschant. Das Köpfchen der Madonna ist porträtartig, fast kindlich jugendlich. Unten steht die Inschrift: ^olicmncw JViämann äootor — Ickrrrxrat Lpilmenin. 1528. Das rechte Seitenstück zeigt den hl. Johannes den Täufer, der ein härenes, gclbcS Gewand trägt und in der Linken das Lamm Gottes auf einem Buche hält, auf das er mit der Rechten hinweist. Unten sieht man das Porträt des Stifter?, von dem das Spruchband ausgeht: ora pia. pro nodia vierZo (virgo) maria, und welcher einen Rosenkranz in den Händen hält. Das Porträt ist ganz meisterhaft vollendet. DaS linke Stück hat die Namenspatronin der Stifteriu, die hl. Margaretha, zur Darstellung, die in rothen Mantel und weißes Untergewand gekleidet ist. Ihr Köpfchen ist von wunderbarer Zartheit. Die Heilige führt mit der Linken den Drachen und hält zugleich eine Palme, in der Rechten hat sie ein Stabkreuz. Zu ihren Fußen kniet die Stiftern: sammt ihrer Tochter; erstere, ebenfalls ein vorzügliches Porträt, hält einen gewaltigen Rosenkranz in Händen und gibt zugleich den Ausdruck einer echt frommen, biedern deutschen Hausfrau. Ein Spruchband, das von ihr ausgeht, sagt: ivonm tilinm tnum monstra no5l3 propitium. Was die Provenienz dieser drei letzteren Scheiben anlangt, so geben hierüber die Inschriften hinlängliche Auskunft. Johann Widinanu war Dr. .snrm und St. Blasischer Obervogt und hatte die Schwester des Abtes von St. Blasien, Margaretha Spielmann von Frei bürg, zur Frau. Die Scheiben blieben bis zum Jahre 1820 in St. Blasien, wo sie dann der Großhcrzog Ludwig für seine Privatsammlung von dem Juden Seligman», später bayerischen Baron von Eichthal, kaufte. Dieser Jude Seligmann hatte nämlich im Jahre 1808 das ganze Kloster St. Blasien von der badischen Staatsregiernng gekauft und in eine Gewehrfabrik umgewandelt. Die Kirchenfenster zu verkaufen, hatte aber der badische Staat nicht das Recht, weil sich die Säcnlarisatiou nur auf die Temporalien bezog, nicht aber auf kirchliche Gegenstände. Doch darnach hat damals weder der badische Staat noch der Jude Eichthal-Seligmaun etwas gefragt. Wir haben schon oben beiuerlt, daß die Kartons zu den Scheiben dieser und der vorigen Serie wohl um 206 zweifelhaft von einem und demselben Meister herrühren. 'Aber wer mag dieser Meister sein? Urkundliche, schriftliche Beweise haben wir nicht, auch findet sich kein Monogramm auf einer der Scheiben, das auf den Glasmaler oder den Zeichner der Kartons deuten könnte. Kenner sollen sich, wie wir hören, schon dahin geäußert haben, daß einige der Glasgcmälde „der Holbcin'schen Kunst sich außerordentlich nähern". Es wäre bei den Scheiben der beiden letzten Serien jedenfalls an Hol- Lein den Jüngern zu denken. Allerdings, wenn man die Holbein in Augsburg und das Holbein-Muscum in Basel mit seinen Stichen und Zeichnungen studirt hat, und wenn man auch das Wvllmaun'sche Werk über diesen Meister zu Rathe gezogen und sie mit den betreffenden Glasgemälden der Graf Douglas'schen Sammlung verglichen hat, so können vielleicht auch andere, wie wir, zu dem Resultate kommen, daß wir hier Glasgemälde nach Kartons von Holbein dem Jüngern vor uns haben. Mau fragt sich hier wie von selbst: welch' anderer Meister, auf den Zeit und Ort zunächst hinweisen, mag solche Werke der Kunst,. namentlich auch solch' ausgezeichnete Porträts, geschaffen haben, als ein Holbein der Jüngere? 4. In die Karthäuser-Kirche zu Klein-Basel wurden außer von den oben bezeichneten Stiftern auch noch von andern Wohlthätern, und zwar, wie es scheint, von ziemlich zahlreichen Adelsfamilien vom Elsaß, von Basel und Vrcisgau, gemalte Fenster gestiftet. Neben den schon angeführten Familien Botzheim, Von Brunn, Spielmann sind auch die von Wangen, Schnewlin, Bollschweil» Professor Hieronymus Waldung (Neffe des Malers Baldung- Grien), Carl V. usw. vertreten. Die Stifter waren alle Ehegatten, und finden wir daher je einen männlichen Heiligen und eine weibliche Heilige; einzelne heilige Frauengcstaltcn sind leider zu Grunde gegangen, doch finden wir noch 14 Figuren fast vollständig erhalten, die wir als zusammengehörig zur vierten Serie zählen können. Es sind folgende 1,2 am hohe Einzelgestalten: Der hl. Jacobus in der Gewandung und Aus' rüstung eines Pilgers von Compostclla; er trägt in der Rechten die Muschel, in der Linken den Pilgerstab und zeigt rothes Ober- und violettes Untergewand, eine fast derb realistische Gestalt. Der hl. Hieronymus trägt den Cardinalshut und in ist rothes Obergewand gekleidet, welches mit flott gezeichneten Dessins versehen ist. Er hält die Tatzen des an ihm hinaufspringcndcn Löwen. Die hl. Helena, die Mutter Konstantins d. Gr., hält ein großes Kreuz umfaßt und ist mit violettem Gewände bekleidet. Als Kaiserin mit einer Krone auf dem Haupte ist sie zugleich mit einem Kopftuch oder Schleier abgebildet, aber in so vollendeter Meisterschaft, daß man die hl. Elisabeth von Holbein in der Münchner Pinakothek zu sehen glaubt. Die hl. Jungfrau und Martyrin Ursula erscheint in fürstlicher Tracht mit weißem Mantel und rothein Untergewande und mit der Krone auf dem Haupte. Sie trägt als Attribut drei Pfeile in der Hand. (An diesem Bilde sind, wie nian besonders an dem Halse der Figur sieht, früher Versuche der Reinigung mit Flußspat vorgenommen worden.) Nun folgen die Stifter und Patrone des Karthäuser- vrdcns St. Bruno und St. Hugo, beide in weißem Karthänserhabit und beide herrliche Gestalten voll Krafr und Leben. Der hl. Bruno trägt in der Linken den Llbtsstab, in der Rechten hält er ein Buch, vor sich hat er sieben Sterne. Diese beziehen sich auf die Erscheinung, welche der Bischof Hugo gehabt, wornach der Allmächtige sich in einer wüsten, unweit Greuoble gelegenen Gegend einen Tempel baute, und wobei er sieben Sterne erblickte, welche ihm dahin das Geleite gaben. Hugo erkannte in den sieben Sternen die sieben Einsiedler, in dem neugebauten Tempel den neuen Orden, den sich Gott zu seiner Ehre erkoren. Der heilige Hugo mit rother Mitra, worein hochfeine Dessins gezeichnet sind, hält in der Rechten den Abtsstab, in der Linken einen Kelch, in welchem man das Christnskind mit gefalteten Händen und in Halbfigur sieht. Er hat als Attribut einen Schwan» auf seine Liebe zur Einsamkeit hindeutend, da er öfter die Jnful ablegen wollte, um in der Einsamkeit ein beschauliches Leben führen zu können. Als 8orvi matrio äolorosus hatten die Karthäuser auch den Looo stoiiro und die matsr ckolorosu als Patrone, daher wir auch diese beiden Figuren in unserer Serie finden. Christus mit rothem Mantel, die Dornenkrone auf dem Haupte und die Hände gebunden, hält die grüne Marterpalme. Der Ausdruck des Schmerzes und die Ergebung im Angesichtc des Heilandes ist trotz der realistischen Darstellung von erhabener Auffassung. Das Gleiche gilt von der Gestalt der hl. Jungfrau, die in blaues Ober- und violettes ttntergewand gekleidet ist und, das Schwert in der Brust, die Hände gefaltet hält. Der hl. Gebhard hat als Attribut bloß ein Buch in der Linken und den Hirtcnstab in der Rechten. Daß wir hier den hl. Bischof Gebhard vor uns haben, zeigt das unten angebrachte große Konstanzer Wapven. Der hl. Georg als Ritter in Rüstung und mit einer Fahne zeigt offenbar das Porträt eines Schweizer Ritters, worauf besonders auch die Kopfbedeckung hinweist. Unten das Wappen Kaiser Carls V. Der hl. Ludwig trägt einen violetten Mantel aus Hermelin, in der Linken das Scepter und in der Rechten den Stab mit der schwörenden Hand. Der hl. Johannes der Täufer, mit härenem Untergewand nnd rothem Mantel darüber, hat in der Linken das Lamm mit der Fahne, über das er segnend seine Rechte erhebt; er zeigt einen ausgezeichnet charakteristischen Kopf. Die hl. Elisabeth mit der Krone auf dem Haupte trägt violettes Ober- und gelbes Untergewaud; sie theilt mit der Rechten Brod aus und hält in der Linken einen Krug und noch weitere Brode im Arm. Ihr herrlich schönes Köpfchen, wohl der idealste von allen, ist von einem Kopftuch mit wunderbar vollendeter Draperie umgeben. Die hl. Barbara trägt ebenfalls ein violettes Obergewand und hat unten ihre Attribute, den Thurm und Kelch, neben sich. Das Wappen ist das der Schnäbelin, die dem Breisganer Adel angehörten. Außer diesen ganzen Figuren sind noch einzelne sehr gnt modellirte Köpfe erhalten, und zwar von den Heiligen: Nikolaus, Kilian, Thomas (Kopf und Hände), Ulrich, Petrus und Paulus. Die technische Seite dieser vierten Serie anlangend, haben wir auch hier noch die zweite Periode der Glasmalerei vor uns: wir finden als Malfarbe nur das Silbcrgelb und das rothe Ueberfangglas, und nur die Negation der Farbe, das Schwarzloth, zur Zeichnung verwendet, sonst aber ist vollständig auf die Palette aller farbigen Flüsse verzichtet. Das Ueberfangglas versteht der Glasmaler au beliebigen Stellen wegzuätzen und den 2M weißen Grund mit Silbergelb auszufüllen; in dieser Weise sind z. B. die sieben Sterne beim hl. Bruno hergestellt. Auffallend schön in der Brillanz seiner Farbe und in seiner Stärke ist auch das Glasmaterial, das hier verwendet ist; man beobachtet die ausgedehnteste Anwendung der Kontraste warmer und kalter Töne; die brillantesten Goldgelbs wechseln mit feurigem Rubin nud üppigem Saftgrün. Wie der Glasmaler auch mit großen Flächen von Silberweiß trefflich umzugehen versteht, zeigen besonders die beiden Karthäuser-Heiligen Bruno und Hugo, die fast nur allein aus den großen, weißen Autikgläseru herausgezeichnet sind und doch noch ganz die alte Kraft der Modellirnng haben. Hier sollten unsere modernen Glasmaler lernen, wie man auch bei reicher Anwendung von Silberweiß (das zugleich die Kirchen hell ließe!) eine herrliche harmonische Wirkung zu erzielen vermag, ohne, wo immer ein weißes Glas zur Verwendung kommt, gleich auch die schmutzige Patina künstlich anzubringen. Welche Belehrung könnten in dieser und anderer Beziehung diese Glasgemälde für die heutige Traktirung dieser Kunst geben, wenn sie an einem öffentlichen Orte, etwa in einem staatlichen oder sonstigen öffentlichen Museum, stehen würden! Fragt man bei dieser Serie nach dem Kartonzeichner, so ist jedem sofort klar, daß es nicht der gleiche ist, wie der bei den zwei vorhergehenden Serien. Doch eines verkünden diese Figuren uuwiderleglich klar: es muß nach Dürer und Holbein der tüchtigste Zeichner gewesen sein, den Deutschland damals besaß. Das war aber Hans Baldung-Grien (geb. zu Gmünd 1476, -j- zu Straßburg 1545). Man sieht zwar, daß er sich in unsern Figuren denen anschließt, welche neue Richtungen einschlagen, aber doch als ein origineller und energischer Künstlercharakter vor uns steht. Dürer war wohl derjenige Künstler, dein er, was von Kraft und energischem Leben in seinen Zeichnungen sich findet, am meisten verdankt. 5. Die fünfte Serie besteht aus sog. Schweizer- scheiben (Kabinetsglasmalerei), von denen folgende nur erwähnt seien: Scheibe mit St. Blasius von St. Blasien. 1616. Rundscheibe mit St. Andreas und St. Elisabeth. 1611. Unten halten zwei Engel einen Schild mit Inschrift. Wappenscheibe, aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Mitra vom Kloster Allerheiligen in Schaffhansen. Abtscheibe vom Kloster Mnri, feine Technik, gut erhalten. St. Martin und St. Beuedikt. Abtscheibe von Mnri von 1579, feine Ornamentik. Scheibe vom Stift St. Ursen zu Solothurn von 1581; die schönste und wertyvollste, ganz gut erhalten. Scheibe von St. Blasien von 1579. St. Christina-Ravensbnrg. Detzel. Der Karmeliten - Orden in den bayerischen Stammlanden. (Fortsetzung.) III. Fl Schon bei seiner Reise nach Bayern (1620) hatte Dominikns a Jesu, als er In» abwärts fuhr und bet Audorf vorüber kam, prophetisch vorausverkündct, daß in dieser Gegend ein Kloster seines Ordens dereinst entstehen würde. Es war das nachmalige Reksach. Damals befand sich dort die Hofinark Urfahrn im Besitze des Geschlechtes der Hofer. Durch Heirath gelangte dieselbe 1660 an die Zeilhofen, 1680 an die Reisach und schließlich 1721 durch Kauf an den chnrfürstlichen bayerischen Kammerrath Johann Georg von Messcrer, der um 1727 hier ein neues Schloß mit einer schönen Capclle errichtete. Bald darauf ging er daran, auch den Kanne? litenmönchen auf seinem Hofmarksgrunde eine Niederlassung einzuräumen, und berief zu diesem Zwecke sechs Karmelitenpatres ans München, welche am 14. Oktober 1731 eintrafen und als einstweilige Wohnung das sogenannte alte Schlößl zn Urfahrn bezogen. Gleichzeitig wurde ihnen die nenerrichtete Schloßcapelle znr Abhaltung ihrer kirchlichen Funktionen übergeben. Am 2. September 1732 legte Decan Dinzenhofer von Aibling den Grundstein zu Kloster und Kirche, die aber erst 1747 durch den Maurermeister Philipp Müller aus Hausstatt größtentheils auf Kosten des Stifters lind mit bedeutenden Beiträgen der Klöster Augsburg, München und Ncgensburg vollendet wurden. Der Wcihbischof von Freising, Johann Ferdinand Pödigheim, weihte sodann am 15. Oktober 1747 die Klosterkirche zu Ehren der hl. Theresia und des hl. Johannes vom Kreuze feierlich ein. Leider erlebte der Stifter diesen Frendentag nicht mehr, er war bereits am 17. Februar 1738 zu Kelheim gestorben und in der Gruft der Schloßcapelle zu Urfahrn beigesetzt worden. Im Säcularisatkonsjahre 1802 wurde Neisach als Centralkloster für die nnbeschuhten Karmeliten der übrigen aufgehobenen Klöster ansersehen. 1611 lebten unter dem Prior k. Thcresius Reiß nur mehr vier Patres, zuletzt war nur mehr ein Laienbruder übrig. In Folge eines Rcskriptes König Ludwigs I. vom 26. Januar 1835 wurde Reisach wieder hergestellt und den Franziskanern aus München übergeben, die es aber schon 1836 wieder verließen. Auf Veranlassung des Posthalters Licmayer von Fischbach erhielten 1836 die Karmeliten des Renererklosters in Würzburg die Erlaubniß, Reisach wieder zu besiedeln. Doch blieben die Klostergebäude sammt der ansehnlichen Bibliothek Eigenthum des Staates und wurde den Karmeliten die gänzliche Unterhaltung derselben aufgebürdet. Seit 1851 ist Reisach zu einem Priorats- und Noviziats Konvent erhoben. In diesem Kloster erhielt am 14. Oktober 1858 k. Burghart Bauerschubert aus Arnstein in Unterfranken die Priesterweihe, welcher dann 1863-1871 und 1872-1875 in der ostlndischen Mission segensreich wirkte und 1884 im Karmelitenkloster zn Würzburg znr ewigen Ruhe einging. IV. Nach Vertreibung der Schweden aus Regensburg, welches damals noch freie Reichsstadt war, berief Kaiser Ferdinand II. Karmeliten-Patres dorthin; sie trafen 1635 ein und bezogen als Wohnung das Johannitercommeuden» gebände bei St. Leonard. 1640 suchten sie ein großes Halls auf dem St.' Jäkobsplatze beim damaligen Zeughause zur Erbauung ihres Klosters zu kaufen, allein der Stadtrath wußte es, zu hintertreiben. Sie kauften nun vom Bischöfe der^ Bamberger Hof und den Freisinger Hof sowie das dazwischen' liegende Gasthaus, welches einem gewissen Alkofer gehörte,! und schritten zum Baue. Kaiser Ferdinand III. und seine Gemahlin Maria legten während des Reichstages am 12. Oktober 1641 selbst den Grundstein und steuerten 208 nebst ihrem Sohne, dem römischen König Ferdinand IV., dem König von Spanien, dem Churfürsten Maximilian I. von Bayern sammt seiner Gemahlin und den geistlichen Churfürsten ansehnliche Summen znm Baue und zur Dotation des Klosters bei. Im Jahre 1660 war der Bau des Klosters vollendet und wurde der Grundstein zur Kirche gelegt. Noch 1678 wurde am Kirchthurme gebaut. Auch für die innere Ktrcheneinrichtnng kam das Kaiserhaus auf. Kaiser Leopold I. spendete 1691 einen prachtvollen Marmoraltar, welcher 14,500 fl. kostete. Anfangs lebten die Karmelitcn vom Almosen, bis 1. I. 1758 ein Religiöse ?. Udalricns a St. Trinitatc, aus Coblenz gebürtig, ein Apotheker von Profession, eine eigene Art von Melissengeist erfand, der seiner vortrefflichen Eigenschaften wegen in wenigen Jahren solchen Absatz fand, daß nicht nur das Kloster in Negensburg seine Bedürfnisse aus der Einnahme von dem Verkaufe desselben bestreitcn, sondern auch andere ärmere Karme- litenklöster in Bayern unterstützen konnte. Als Regensburg 1803 an den Fürst-Primas Karl Freiherrn von Dalbcrg gelangte, kam der Fortbestand des Klosters nicht in Frage. Schlimmer gestaltete sich jedoch für dasselbe die bayerische Besitzergreifung; 1810 wurde das Kloster aufgelöst, die Kirche profanirt, der kostspielige Altar nach Schärding verhandelt und in den leeren Räumen eine Gütcrhalle eingerichtet; im vorder» Theile des Klosters blieb das „königliche Melissengeist-Institut", »vährend der rückwärtige Theil der Gebäude als Frohnfeste verwendet wurde. Die Patres wurden in das Ccntralklostcr zu Straubing verseht, nachdem die Franziskaner aus ihrem Eigenthum entfernt worden waren. Nur der Prior und ein Frater durften in Negensburg als Leiter des königlichen Melissengeist-Institutes zurückbleiben. Auch hier war es Bayerns König Ludwig I., dessen Devise „Gerecht und beharrlich" lautete, welcher 1836 den Karmeliter!-Orden wieder in sein Eigenthum einwies. Das Karmelitenkloster zu Negensburg besitzt als Erinnerung aus früherer Zeit ein interessantes Porträt eines Ordensbruders: des Titularbischofes von Ger- manicum, Fr. Franz v. Sales, zugenannt von der schmerzhaften Mnttcrgottes. Derselbe, in der Welt genannt: Eustach Fcderl, geboren zu München den 13. September 1732, war im Alter von 20 Jahren zu Schongau in dem Karmelitenorden getreten, wurde 1762 nach Malabar in Vorder-Jndien geschickt, woselbst er während 10 Jahre eine äußerst segensreiche Thätigkeit entfaltete. Papst Clemens XIV. berief ihn 1772 in Missions- Angelegcnheiten nach Rom und ernannte ihn am 8. Juli 1774 zum Bischöfe von Germanicum und zum apostolischen Vikar für ganz Malabar. Nachdem er zu Paris am 20. November 1774 die bischöfliche Weihe erhalten, begab er sich an seinen Bestimmungsort und opferte daselbst seine ganze Sorgfalt der ihm anvertrauten Heerde. Wiederholte Verfolgungen nöthigten ihn, Malabar für immer zu verlassen. Er beschloß, den Rest seiner Tage in Frieden am Wiegensitze seines Ordens, am Berge Carmel, zu verleben, aber ein Schiffbrnch, den er im persischen Meerbusen unweit Bassora erlitt, brachte ihn um all das Seinige. In größter Dürftigkeit schied er zu Aecon am Fuße des Berges Carmel aus dem Leben am 25. September 1778. k. Franz war ein Mann von hoher Tugend und ausgebreiteten Kenntnissen. Er sprach außer seiner Muttersprache und der itMgjscheu und französischen Sprache noch fertig englisch, spanisch, portugiesisch und malabarisch. In letzter Sprache verwahrt die Propaganda in Rom noch einige Handschriften von ihm. ?. Franz war nicht der Einzige, der aus der bayerischen Karmelitenprovinz dem Missionswcsen sich widmete. Das einstige Hauptkloster zu München kann sich, ähnlich wie das benachbarte Jesuitencolleg, einer großen Anzahl Ordensmitglieder rühmen, welche ihr Leben in den verschiedensten auswärtigen Missionen beschlossen. (Der Sulzbacher Kalender für kathol. Christen vom Jahre 1891, Seite 130, zählt mehrere derselben auf.) Auch in neuester Zeit ist ein Ordensmitglied in der ostindischen Mission erfolgreich thätig: k. Bonifaz Kurz aus Schöffau bet Wcilheim, seit 1883 dem apostolischen Vicariat von Virapolis zugetheilt. V. Wild und unheilvoll brauste der Sturm des sogenannten Kulturkampfes über die nördlichen Gaue des neu erstandenen deutschen Reiches. Pochenden Herzens hatten die Töchter der hl. Theresia in den drei Carmel- Wstern von Aachen, Ncuß und Köln dem Toben des entfesselten Elementes gelauscht; mit tiefem Wehe sahen sie ihre. Klausur sich öffnen und sich hinausgescheucht in die finstere Wetternacht. Das gastliche Holland bot ihnen eine Zufluchtsstätte; in Mästricht, Rocrmond und Echt erstanden neue Carmclklöster. Mit Bangen sahen die bayerischen Karmelitenkloster der Zukunft entgegen und trafen die nöthigen Vorsichtsmaßregeln. Auch für sie bot das kleine Holland noch Raum genug zu einer Niederlassung. 1875 wurde zu Geleen zwischen Mästricht und Roermond ein Hans erworben und am Herz Jesufeste 1876 von 4 Religiösen (2 Priestern, 1 Chorist und 1 Laienbruder) bezogen: es war klein und arm genug, aber für den Anfang hochwillkommen. Drei Jahre vergingen, ohne daß sich an dein kleinen Hospize etwas verändert hätte. Aber die zunehmende Anzahl der Religiösen nöthigte, an eine Erweiterung zu denken. Am 12. Juli 1879 wurde feierlich der Grundstein zu einem neuen Klostergebände gelegt, das nach 4 Monaten fertig dastand und am 12. November seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Nun ging es auch an den Bau einer größeren Kapelle; am Osterdinstag 1880 wurde die alte Kapelle abgebrochen, und nach etwa 7 Monaten stand eine neue an deren Stelle. Der Hochwürdigste Bischof von Roermond, ein 85jähriger Greis, nahm selbst die Einweihung derselben am 15. November vor. Während an diesem Tage in Bayern das schönste Wetter war, tobte in Geleen ein Sturm, daß man glaubte, es wären alle bösen Geister los; trotz alldem nahm die Einweihung ihren besten Verlauf. Durch Erlaß des Hochwürdigsten Bischofes vom 18. Mai 1881 wurde der Convent mit päpstlicher Vollmacht kanonisch errichtet und dadurch die eigentliche Stiftung znm Abschlüsse gebracht. In der Folgezeit waren freilich noch manche Zubauten nöthig, aber das Werk gedieh, und im Jahre 1888 konnte demselben durch Erhebung des bisherigen Vicariatcs zu einem Primate die Krone aufgesetzt werden. Die jüngste Niederlassung der unbeschnhteu Karmelitcn befindet sich in der Nähe Schwandorfs. Schwan- dorf, 12 Stunden nordwärts von Negensburg entfernt, seit Beginn der sechziger Jahre auch ein Knotenpunkt der Eisenbahnen, welche den regen Verkehr zwischen München und Egcr sowie Nürnberg-Fnrth vermitteln, wird eine Viertelstunde ostwärts von einem nach allen Seiten hin freistehenden Bcrglcgcl überragt, zu dessen Fuße eine 209 herrliche Lindenallee führt. Derselbe trägt eine 1679 zu Ehren des hl. Erzengels Michael erbaute Wallfahrtskirche in Kreuzcsform. In dem Gebäude nebenan verfahrn seit 1680 bis zum Jahre 1803 Kapnzinerordens- priester die Seelsorge bei den Wallfahrern. Nach deren Entfernung drohte der blühenden Wallfahrt völlige Verwahrlosung, hätte nicht einer jener Ordensmänner in treuer Anhänglichkeit an die Stätte stillen Friedens, k. Cassiodor Zenger, 1- 1830 als Benefiziat in Pars- dorf, ein Benefizinm dorthin gestiftet. Seit Jahren war schon das Bestreben der Bürger Schwandorfs, am geliebten Krenzbcrge wieder Ordensleute schaffen und walten zu sehen. Der 10. April des Jahres 1889 sollte endlich die Erfüllung des frommen Wunsches so Vieler bringen. Am bezeichneten Tage erschien in Begleitung von 6 Patres Karmeliter: und 2 Fratern der Provinzial derselben von Negensburg her, um von dem einstmaligen Klostergebäude, dem spätern Benefiziatenhause, Namens seines Ordens Besitz zu ergreifen. Es war eine erhebende Feier und die Betheiligung des Volkes, das seiner Freude in Festfchmuck, Triumphbögen und Böllersalven Ausdruck gab, eine riesige. Noch an demselben Tage kehrte sodann der hochw. Provinzial mit seinen Begleitern nach Regensburg zurück: zwei Patres und zwei Laienbrüdcr zurücklassend, welche seitdem mit ganzer Hingabe sich das Gedeihen der Wallfahrt angelegen sein lassen. (Schluß folgt.) Das „Leben des Cardinals Manning"*) von E. S. Pure eil ist aus Anlaß der Broschüre von Nector Dr. H. Schell in der „Postzeitung" nun schon wiederholt Gegenstand der Debatte und Controverse geworden. Cardinal Mauning war ein großer Mann und wird als solcher stets in ehrenvollem Ansehen bleiben. Aber es wäre falsch und würde dem Gebote der Wahrheit widersprechen, wenn man sein Lebensbild nur in lauter Licht gezeichnet darstellen wollte. Er hatte auch Seiten, die uns nicht gefallen können, und es ist, wie wir aus absolut unanfechtbarer Quelle erfahren haben, eine Thatsache, daß er den Jesuiten, aber auch anderen Orden z. B. den Benediktinern nicht geneigt war. Man wird sich aber wohl hüten müssen, das Urtheil oder wenn man will Vorurtheil Maunings, das anf englischen Verhältnissen basirte, zu verallgemeinern und es etwa anf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Das vorausgeschickt, reprodnciren wir die Kritik, welche die Purcell'lchc Biographie Maunings von streng fachwissen- schaftlichem Standpunkt aus im 1. .Heft 1897 des „Historischen Jahrbuches der Görresgesell- fchaft" S. 201 — 204 gefunden hat. (Einige Sätze daraus wurden bereits in der „Postzeituug" Nr. 112 mitgetheilt.) Es heißt daselbst: Vorliegende Biographie wurde in maßgebenden Kreisen als ein epochemachendes Werk begrüßt, das über die katholische Kirche Englands im allgemeinen und über die kirchliche Wirksamkeit des Cardinals Mauning mehr Licht verbreitet habe, als irgend ein anderes Werk. Selbst die zahlreichen Angreifer in der „Dublin Review", in „Month" und „Tadlet" mußten das zugestehen und haben in ihren Aussetzungen meist nur Nebensächliches bemängeln können. Nach einigen Kritikern, die in Purcells Buch unrein Zerrbild sehen können, sollte man meinen, Purcell habe immer und überall die Schattenseiten seines Helden her- > ") „Inte vk Oarckinal Llnuninx, .4rc:1:b:slrop ok IVest- ! Mivster." I-mickon, Llaennllrm. 1808. XIX, 702; IX, 882 S. : 8b. 40. - vorgchoben und den Briefen und Tagebüchern des Kardinals eine schiefe und falsche Deutung unterschoben, nm denselben in den Augen seiner Leser herabzusetzen. Ein solches Urtheil befremdet umsomehr, als Purcell an verschiedenen Stellen seiner Bewunderung des Cardinals beredten Ausdruck gibt. Richtig ist nur dies, daß Purcell in seinen: Bestreben, den Gegnern Mannings gerecht zu werden, einige Ausdrücke desselben zu stark betont. Die Unzufriedenheit mancher katholischen Kritiker erklärt sich leicht. Sie hatten ein populäres Leben erwartet, eine Schilderung der großartigen Leistungen und der seltenen Tugendendes Cardinals —ein Heiligen leben, indem nur die Lichtseite:: hervortreten sollten. Purcell hat diesen Kritikern einen Stnch durch die Rechnung gemacht und ein vollständiges Lebensbild des Cardinals gegeben, in den: die Mißerfolge sowohl als die Erfolge, dre Fehler sowohl als die Tugenden erwähnt sind. Neben dem übernatürlichen Element erscheint auch das rein natürliche, wir sehen, wie Mannina all die Schwierigkeiten niederkämpft, wie er sich allmählich läutert und vervollkommnet, in welchem Grabe das Uebcrnatürliche n; sein Leben hineinragt und nachgerade bestimmenden Einfluß auf ihn übt. Hätte Purcell nur die erbaulichen Züge mitgcthcckt und alle Thatsachen unterdrückt, die nur den berechnenden Politiker zeigen, so hätte er die Bücherwelt mit einen: neuen Zerrbild bereichert und uns das Bild eines christlichen Helden vorenthalten, der anf steilen Pfaden sich mühsam emporarbeitete. Ende gut, alles gut. Der Geschichtschreiber verweilt nicht bei den Irrthümern und Irrwegen, sondern bei den: Licht, das erreicht worden, ist, und denkt mcht geringer von dem Helden, der die Schwierigkeiten überwindet, als von dem Sieger, der fast ohne Kampf den Sicgespreis erhält. Cardinal Manning war eine große Persönlichkeit, ein von Gott erwähltes Rüstzeug, den: es vorbehalten war. die katholische Kirche Englands aus dem Zustand der Jsolirung, in dem sie sich seit dem Falle des Hauses Stnart befand, herauszureißen, die Katholiken mit dein Leben, Denken und Fühlen der englischen Nation bekannt zu macken, gewisse Methoden, welche sich unter den Sekten Englands bewährt hatten, auch bei semcn Rcligionsgcnossen einzubürgern. Manning war ein großes Organisationstalent, ein eifriger Philanthrop, ein tiefernster Geistesmann, der die, welche ihm nahestanden, zu einem höheren geistlichen Leben anzuleiten suchte, aber ihn: fehlten das umfassende Wissen, die Innerlichkeit und die Geistestieft Newmans. Manning zeigt weit größere Verwandtschaft mit Pnsen als mit Ncwman. Gle:ch Pnsen war er durchaus praktisch, gleich Pnsen hatte er den direkten Vortheil des Anglikanismus nnd später des Katholizismus im Auge, gleich Pnscy suchte er in der anglikanischen Kirche zu bleiben; aber ungleich Pnsen überwand er seine Anhänglichkeit an den Anglikanismus und bekannte sich znn katholischen Glauben. Manning war eine praktisch ver anlagte Natur, ein Mann der That, der auch unter we: günstigeren Umständen kaun: ein Gelehrter oder Einsiedle' geworden wäre. Umfassende Gelehrsamkeit, Frische nnh Originalität der Gedanken suchen wir bei Manning vergebens, dagegen bietet derselbe eine klare, verständige Darlegung der Ideen, welche in den leitenden Kreisen herrschen. Die religiösen Schriften Maunings sind minder- werthig, dagegen sind die politischen Schriften sehr ansprechend nnd lehrreich. Purcell hat gut daran gethan, daß er die literarische Wirksamkeit des Cardinals nur kurz behandelt und den Leser nicht durch Analysen von Schriften, die wohl jetzt schon vergessen sind, ermüdet hat. Manche Schriften Mannings wurden in England und im Ausland nur gelesen, ivcil sie den Namen des Vorkämpfers für die Rechte des heil. Stuhles auf der Stirne trugen. Manning hat als Erzdiakon, als Priester, als Erzbischos und Cardinal viel gepredigt und die Predigten, die er als Protestant herausgab, sorgfältig gefeilt, aber ein Redner von Gottes Gnaden wie Newman war er durchaus nicht. Er verdankt gerade wie Pnsen den Einfluß, den seine Predigten übten, der Macht seiner Persönlichkeit, seiner imposanten Erscheinung, seinen: Feuereifer, dem Streben, allen alles zu werden. Blinde Bewunderer haben den Cardinal als großen Theologen, Socialpolitikcr, Prediger. Asketen gefeiert, obgleich derselbe auf keinen: dieser Gebiete etwas Selbstständigcs geleistet nnd überall auf fremde» Schulter:: steht. Was den: Cardinal an: meisten abging und ihn vor- 210 Mich auf sicher KcuutnMe. ge führte, ivar der Mangel gcschicht- -erade diesen Mangel hat Purcell nicht konnte. Alls den Orden find die größten Vertheidiger des hl. Stuhles, die bedeutendsten Reformatoren und Wiederhersteller von Kirchenzucht und Ordnung hervorgegangen. Wenn einige Acste an diesem großen Baume der Orden verdorrten oder nur Blätter und Blüthen trieben, so zeigten sich doch immer neue Neste, welche die herrlichsten Früchte trugen. Manning erkannte diese Wahrheit und stichle das Sittenverderbniß in der Kirche aus das schlechte Beispiel der Orden zurückzuführen. Dieser historische Irrthum legte bei Manning den Grund zur Abneigung gegen die religiösen Orden, namentlich den der Jesuiten- Purcell hat das Verhältniß Mannings zu den englischen Jesuiten eingehend behandelt und hervorgehoben, daß der Cardinal sich in seiner Abneigung gegen den berühmten Orden keineswegs von kleinlichen Motiven, z. B. Neid, Eifersucht, Rachsucht, bestimmen ließ, daß er mit Jesuiten wie ?. Marris durch Bande der innigsten Freundschaft verbunden war. Purcell hätte mehr betonen müssen, daß die Feindschaft gegen die Jesuiten in gewissen gelehrten Kreisen sehr groß war, daß Manning, ohne es zu merken, sich von diesen Kreisen gegen die Jesuiten einnehmen ließ. W. Kanonikus Tierney, zum Theil Lingard und Lord Acton zählten zu diesen Gegnern. Manning betrachtete es als eine Hauptaufgabe seines Lebens, die Oblaten des hl. Karl in England einzuführen und für dieselben einen Wirkungskreis zu schaffen. In dem guten Glauben, daß die Congregationen ohne einige Gelübde berufen seien, die katholische Welt zu reformiren und geistig zu heben, leistete er denselben alten möglichen Vorschub, während er die alten Orden wie die Benediktiner von London ferne zu halten oder wie die Jesuiten lahmzulegen suchte. Auf Einzelheiten braucht hier nicht eingegangen zu werden. Der Geschichtschreiber vermag beiden Parteien, dem Cardinal sowohl als den ^esuiten, gerecht zu werden. Trotz seines Einflusses »nute Manning die englischen Katholiken nicht mit sich reißen und den Jesuiten entfremden, von denen man eine Wiederbelebung und Hebung der Studien erwartete. Mannings Abneigung gegen den Oratorianer Newman, den späteren Cardinal, hatte einen ganz anderen Grund. Manning hatte seinen ehemaligen Meister und Führer im Verdacht, derselbe sei nicht streng orthodox und für eine einflußreiche Stellung ungeeignet. Man kann es nur bedauern, daß Cardinal Manning ein so vorschnelles Urtheil fällte und sich durch die Thatsachen nicht eines Besseren belehren ließ. Die Schuld trifft indeß vorzüglich Dr. Ward, der trotz seiner persönlicheil Liebenswürdigkeit recht ungerecht werden konnte. Manning erkannte später, daß er Newman nicht verstanden, daß sein Verdacht unbegründet war, und suchte seine gegen Newman gerichteten Handlungen in Vergessenheit zu bringen. Er konnte dies um so leichter, da er selbst zur Zeit, als sich beide große Männer am schroffstell entgegenstanden, voll den Gefühlen persönlicher Verehrung gegen Newman erfüllt war. Für den vielbeschäftigten, hohe Ziele anstrebenden Cardinal Manning war ein Entgegenkommen viel leichter, als für den feinfühligen Cardinal Newman, der die ihm zugefügten Kränkungen, welche Manning leicht hätte verhindern können, tief fühlte. Bei dem großen Gegensatz der Charaktere hätten Conflikte mit Newman kaum vermieden werden können, auch wenn Manning sich größere Zurückhaltung auferlegt hätte. Manning und Newman hatten eine grundverschiedene Auffassung von den Pflichten der Freundschaft. Ersterer glaubte sich berechtigt, die falschen Grundsätze eines Freundes mit Heftigkeit und einer gewissen Bitterkeit zu bekämpfen, letzterer vermied ängstlich alle persönlichen Behaiwtung daß Manning späterhin zu behaupten wagte, daß seine innige Freundschaft und Zuneigung für Gladstone während nisse zu denken oder frühere Stimmungen sich ins Gedächtniß zurückzurufen: sie übertragen darum die Gefühle, die sie augenblicklich beseelen, auf die Vergangenheit- Manche Aeußerungen des Cardinals, die katholischen und protestantischen Lesern Anstoß gegeben, erklären sich ganz von selbst. Der Cardinal urtheilte über Personen und Verhältnisse, über die Mittel zum Ziele nicht immer in derselben Weise, drang gleich anderen Sterblichen nicht sofort zur vollen Klarheit vor. Wer wollte ihm kleine Inkonsequenzen und Widersprüche zum Vorwurf machen oder ihn gar der Unaufrichtigkeit zeihen, weil er in Briefen, die aus derselben Zeit datiren, die Gründe für und gegen die Apostoüzität der anglikanischen Kirche entwickelt. Auf die großen Resultate der Wirksamkeit des Cardinals einzugehen, ist hier nicht der Ort, einige seiner Mißerfolge und dre Ursachen derselben müssen jedoch kurz erwähnt werden. Manning war ein geborener Herrscher, der sich und seinen Ansichten schon frühe Geltung verschaffte und Widerspruch nicht duldete. Seine Erfolge als Organisator und Führer großer Bewegungen erhöhten naturgemäß sein Selbstbewußtsein. Gleich so vielen Kraftnaturen anerkannte Manning die Berechtigung eines Widerstandes gegen seine Pläne nicht und traute sich Fähigkeiten zu, die er nicht besaß. Ohne Verletzung der Pietät gegen den großen Todten kann man behaupten, daß dem Cardinal die für Förderung und Hebung der höheren Studien nöthigen Eigenschaften fehlten, die tiefere Einsicht in die Aufgabe der katholischen Wissenschaft und die für die Pflege der Wissenschaft nöthige Geduld. Der Plan, eine katholische Universität in London zu gründen, schlug fehl, einmal weil Manning zu eigenmächtig verfuhr. dann weil er in der Ernennung Capels zum Präsi. denten die möglichst schlechte Wahl traf, endlich weil dir Elemente abgestoßen wurden, die sich am ehesten als lebenskräftig erwiesen hätten. Purcell hat die Artikel Miparts nicht zn Rathe gezogen, die manches interessante Detail bieten. Die englischen Katholiken trugen sich schon bald, nachdem die religiösen Beschränkungen aufgehoben wurden, welche Nicht-Anglikaner von der Universität ausschlössen, mit dem Gedanken, ein Kollege in Oxford zu gründen, und zwar unter der Leitung Newmans. Mannmg that alles, was in seinen Kräften stand, um die Errichtung dieses Kollegs zu hintertreiben und entfremdete sich dadurch manche Mitglieder der Aristokratie. Man kann es nur bedauern, daß der Cardinal sich den weisen Rathschlägen von katholischen Freunden weniger zugänglich zeigte und zu sehr auf sein eigenes Urtheil vertraute, denn er hätte in diesem Falle noch weit größeres leisten können. Trotz seiner strengen Rechtgläubigkeit ging Manning in seinen Zugeständnissen an die Anglikaner und die übrigen englischen Sekten weiter als Newman und andere. Durch Anerkennung des christlichen Elementes in den Sekten wollte er den religiösen Frieden anbahnen und alle zum gemeinsamen Kämpfe gegen den Materialismus und Unglauben begeistern. Diese milde Versöhnlichkeit erwarbkManning manche Freunde unter den Dffsenters. Etwas größeres Wohlwollen gegen die englischen Katholiken, die nicht in allem wie der Cardinal dachten, hätte den Frieden und die Eintracht unter den Katholiken nur erhöhen können. Purcells Buch ist eine Biographie im großen Stil — eine reiche Fundgrube für den Forscher, einer der werthvollsten Beiträge zur Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts. Der 2. Band des Werkes gewährt hochinteressante Aufschlüsse über Vorgänge auf dem vatikanischen Concil und zeigt uns, wie Manning in seinem Bemühen, die Definition der Jnfallibilität des päpstlichen Lehramtes durchzusetzen, nicht zuletzt auch durch den englischen Gesandten beim päpstlichen Stuhl Sir Odo Russell, später als Lord Ampchill Botschafter in Berlin, unterstützt wurde. Nach den: Tode Cardinal Antonelli's wünschte Manning die Ernennung eines großen Cardinalstaatssekretärs. Der Gang der päpstlichen Politik in den letzten Jahren Pius' IX. entsprach nicht immer seinen Auffassungen. Ueber das Conclave des Jahres 1878, aus welchem Leo XIII. hervorging. bringt Purcells Buch werthvolle Mittheilungen. Unter dem neuen Papste trat der früher überragende Einfluß Mannings in Bezug auf die englische Politik des päpstlichen Stuhles mehr zurück. Die Auffassung der übrigen englischen Bischöfe kam stärker zur Geltung. Die Verhältnisse brachten es mit sich. daß der hochbetagte Cardinal unter Leo XIII. weit seltener als in früheren Jahren die Fahrt all limiua «postolormn antrat. Ein popu- 211 läres Bild des Kirchensürsten, welches alle die interessanten Details zusammenfaßt und die Thaten eines bei manchen Mangeln wahrhaft großen Mannes schildert, bietet Purcells Biographie dem Leser nicht. Em solches Leben muß erst noch geschrieben werden. * » Nach dieser fachwissenschaftlichen Besprechung über Purcell's Biographie ist es wohl auch geboten, eine der englischen Stimmen zu vernehmen, welche sich abfällig über Purcell's Biographie geäußert haben. Wir wählen hiefür die Auslassung des Nachfolgers und langjährigen vertrauten Freundes Manuing's, des jetzigen Cardinal- Erzbischofes Vaughan, dessen Legitimation nicht wohl bestritten werden kann. In seiner Erwiderung auf die am Tage seiner Inthronisation (8. Mai 1892) ihm überreichten Adressen der Geistlichen und der Laienschaft hat sich der jetzige Cardinal-Erzbischof von Westminster — früher Bischof von Salford — über sein Verhältniß zu seinem Vorgänger unter Anderem also geäußert: „Vierzig Jahre lang genoß ich den Vorzug, auf vertrautestem und freundschaftlichstem Fuße mit ihm zu stehen, zwanzig Jahre als College im Episkopat. Unter dem Drucke des Verlustes, den wir erlitten, gereicht mir die Erinnerung an das, was ich ihm verdanke, zu besonderem Trost. Nach meinen lieben Eltern verdanke ich Keinem so viel, wie ihm, weit mehr als Worte oder Thaten vergelten könnten: die hohen Ideale meines Lebens, die er pflegte, das Vorbild priesterlicher Tugend, die vollständige Hingabe seiner Person an die Errettung der Seelen, den ausnehmenden Takt und die Nachsicht, die er gegenüber meinen Schwächen an den Tag legte. Und während der letzten zwanzig Jahre haben wir als Mitglieder des Episkopats im innigsten Verhältniß gestanden. Alle Fragen wurden mit jener wecken Duldsamkeit besprochen, die ihm in so hohem Grade eigen war. Durch Liebe und Ueberzeugung waren wir miteinander verbunden." Cardinal Vaughan hat nun in der Februar- Nummer des „Nineteenth Century" 1896 über Purcell's Buch: „Das Leben des Cardinals Manning" eine energische Kritik und Erklärung veröffentlicht, der wir folgende Stellen entnehmen: „Die Publication dieses „„Lebens"" ist nahezu ein Verbrechen. Eine Anzahl von Briefen, welche das Ansehen lebender oder verstorbener Personen berühren, wird da auf die Gasse geworfen, zum Äerger, zum Schmerz und zur Entrüstung Verwandter und zahlloser Freunde. Diese Briefe waren niemals geschrieben, niemals aufbewahrt, um eines Tages veröffentlicht zu werden. Es ist unmöglich, die Mehrzahl derselben zu lesen und sie richtig zu verstehen, solange nicht zugleich die näheren Umstände veröffentlicht sind, die sie verständlich machen und die jetzt vergessen sind. Es ist Schlinnn er es als eure bloße Indiskretion, Briefe zu veröffentlichen, welche zwischen intimen Freunden gewechselt worden sind. worin diese ihre Gedanken und Wünsche in Angelegenheiten delicatester Natur einander mittheilen, besonders wenn man bedenkt, daß diese Briefe entstanden unter der Eingebung des Augenblickes und nur auf die augenblicklichen Verhältnisse berechnet waren, und niemals geschrieben worden sind in der Annahme, daß sie jemals vor die Augen des Publikums kommen. Wenn jede intime Privat-Correspondenz unter solcher Voraussetzung geführt werden muß, daß der einmal geschriebene Bries kurz darauf nach den vier Himmelsrichtungen hinausgeaeben werden wird, dann freilich haben wir gegen die in Rede stehende Biographie nichts zu sagen; aber würde eine solche Aenderung unserer Sitten nicht jeden vertrauten, freundschaftlichen Verkehr vernichten und ihn zu einer trockenen, pedantischen Sprache nöthigen? Cardinal Manning hat einmal, als von seinem Tagebuche die Rede war, zu einem Freunde gesagt: „Sie sind der Einzige, der diese Zeilen gelesen hat!" — Nach solcher Aeußerung wird mich Niemand glauben machen, daß dieser große Prälat gewollt habe. Laß das nämliche Tagebuch vollständig in vier Jahren nach seinem Tode den: Drucke uud dem Büchermärkte übergeben werden solle. Was er geschrieben, ist zu intim, zu secret, zu persönlich. Was kann es denn nützen, der Oeffentlichkeit diese psychologischen Analysen mitzutheilen, wo die Seele sich selbst erforscht und anklagt! Man sagt da zu viel oder zu wenig; die Wahrheit der Memoiren ist nicht absolut, sondern relativ: der Sinn derselben entzieht sich der Nengierde des großen Publikums. Man kann nicht daran zweifeln, daß der Cardinal gewollt habe, daß sein von ihm selbst sorgfältig revidirtes Tagebuch seinem Biographen zur Einsicht übergeben werde. Dieser sollte aus der Lectür« desselben sich eine sichere Richtschnur für sein Urtheil bilden: er sollte dadurch in den Stand gesetzt werden, ir das Innere jenes Mannes einen Einblick zu thun, dessen öffentliches Leben er zunächst zu zeichnen hatte. Aber daß er gewollt habe, es sollten, sobald er seinen Fuß aus das Gestade der Ewigkeit gesetzt haben werde, diese Docu- mente miteinander, seine geistigen Kämpfe, ferne Bekenntnisse. seine Kritiken, seine persönlichen Eindrücke, seine Urtheile über Personen und noch nicht völlig abgeschlossene administrative Acte. seine Bemerkungen über wirkliche oder vermeintliche Fehler Anderer, oder über die delikatesten Streitfragen, hinter ihm in das stürmische Meer zurückgeschleudert werden, das er soeben durchführen, das ist einfach undenkbar. Und doch ist eben das nunmehr geschehen, als ob der große Cardinal gewollt hätte, daß die Stunde seines Eingangs in die Ruhe das Signal werden sollte, den Frieden der Brüder zu stören, Wunden wieder aufzureißen, die zu heilen er selbst so bemüht gewesen. Er hätte, davon bin ich überzeugt, lieber die rechte Hand sich abhauen lassen, ja er hätte lieber sterben wollen, als jene Documente veröffentlicht zu sehen, welche jetzt in den zwei Bänden seiner Biographie der Oeffentlichkeit preisgegeben sind. Je mehr er sich seinem Ende näherte, desto vorsichtiger und ängstlicher wurde er in der Vermeidung alles dessen, was Jemand hätte kränken können. „Ich hoffe, daß keines meiner Worte, die ich gesprochen oder geschrieben, nach meinem Tode irgend Jemand Nachtheil bringen werde" — dieser Ausspruch des Cardinals hätte als Devise an die Spitze seiner Biographie gesetzt werden sollen, wenn der Verfasser den Gedanken und die Intentionen seines Helden, ruck Sorgfalt hätte rcspektiren wollen. Es ist mir nicht leicht, vom ersten Baude zu reden; was den zweiten anbelangt, so ist es meine Pflicht, zu sagen, daß ich in dem dort gezeichneten Bilde Manuing's keine Aehnlich- keit mit dem Manne finde, mit dem ich 40 Jahre hindurch in ständiger Verbindung stand. Da finde ich die langweilige Aufzählung von peinlichen Episoden, von Differenzen, wie sie zwischen ehrlichen und selbst heiligen Personen vorkommen können, wie sie vorgekommen sind seit den apostolischen Zeiten und vorkommen werden bis zum Ende der Welt. und das alles in einer Ausführlichkeit, als ob es den wesentlichen Inhalt des Buches bilden sollte, aber von einer schönen und wohlthuenden Schilderung seines Charakters, von dem Glänze und der Schönheit seines geistigen und pastorellcn Lebens finde ich k a um eine Spur. Da und dort sind einige Stellen, wo der Held des Buches richtig gewürdigt wird, aber sie sind kein Ersatz für die lieblosen und ungerechten Beurtheilungen des sogenannten „guten Freundes". In seiner Unfähigkeit, dieses schöne Leben zu verstehen, bis zu seiner Höhe sich zu erheben, dessen leitende Fäden zu erfassen. hat der Biograph nichts anderes als ein Pamphlet zu Stande gebracht. Ein schweres Unrecht ist gegen das Andenken des Todten begangen worden, und die ihn Ueberlebenden, noch tiefbctrübt über seinen Verlust, sind schmerzlich berührt von diesen Ungerechtigkeiten. Bei aller Anerkennung der guten Absichten und Bemühungen des Herrn Purcelt muß ich doch sagen, daß es mir unmöglich ist. in der Biographie, die er pnbli- cirt hat. ein wahres und authentisches Bild des großen Car- diuals zu erkennen. Es bleibt nur die Hoffnung, den Tag zu erleben, an dem eine mit Gerechtigkeit und Unparteilichkeit geschriebene Biographie Manuing's erscheinen wird, geeignet, so vielen verletzten Seelen, welchen Purcell's Buch eine so peinliche Ueberraschnng bereitet hat, einigen Trost zu bringen." 212 Stilla von Abeuberg. Herr I. N. Seefried hat meinen Untersuchungen über Stilla von Abenberg seine Aufmerksamkeit zugewendet und des Resultat seiner Kritik in die Worte zusammengefaßt: „Der Versuch, den Hirschmann «'.achte, seinem Gegenstände nicht blos ein negatives, sondern auch ein positives Remltat abzugewinnen, muß ebenfalls als mißlungen bezeichnet werden". Dagegen gestatte ich mir die Frage: Welche Quellen- belege hat denn Scefried der abcnbcrgischen Ge' Gar keine, wie er sel! , . hält sich nur an die „übereinstimmende Ueberlieferung, Legende und Sage", läßt aber völlig außer Acht, daß die crsie sichere Nachricht über Stilla aus dem Jahre 1180 über deren Genealogie vollständig schweigt. Solange daher nicht weiteres urkundliches Material zu Tage gefördert ivird, erachte ich die Abstammung Stilla's aus denr Grafenacschlechte von Abenberg für historisch uu- erwiesen. Wenn Seefried von liebgewonnenen Anschauungen nicht abgehen will und subjektives Meinen höher setzt, als objektive Darlegung, so sollen seine Kreise durchaus nicht gestört werden. Auch dre positiven Resultate meiner Untersuchung sind nach Seefried als mißlungen zu bezeichnen. Welche Gründe hat denn der Kritiker aufgeführt, um zu erweisen, daß der Lokalheiligcn von Abenberg der Name Stilla nicht zukomme? daß der Grabstein in der Peterskirche zu Abenbera nicht dem 12. Jahrhunderte angehöre? daß Stilla in Abenberg begütert gewesen? daß sie hohem Geschlechte entsprossen sei? Mit keiner Feile hat Seefried auch nur den Versuch ewagt, meine Darlegungen und Antworten auf diese Prozedur heißt der Rest — Schweigen. Ueber den Werth oder Unwerth der Zollernhypothese Seefrieds habe ich keine Veranlassung, mich hier näher auszulasten, sondern verweise auf Fr. Stein, Geschichte Frankens (Schweinfurt 1885) I, 232, 272, II, 345 u. 444. Schönfeld. Ad. Hirschmann. Wir glauben die selige Stilla hiemit ruhen lassen und die Debatte schließen zu dürfen. Ä. Red. Recensionen nnd Notizen. Ull. Der Literarische Handweiser hat endlich mit der Ausgabe der Nr. 662 vom 8. Mai 1897 den 35. Jahrgang 1896 geschlossen. Derselbe krankte schon seit mehreren Jahren an der Unregelmäßigkeit des Erscheinens, so daß im neuen Kalenderjahre die ersten drei, vier Monate noch dem alten Jahrgange zugetheilt werden mußten. Diese Verschleppung, welche auf vielfache Erkrankung des verdienstvollen Herausgebers Dr. Fr. Hüls- kamp zurückgeführt wird, war natürlich für die Abonnenten nicht angenehm. Um nun diesen Mißverhältnissen eine Ende zu machen, hat sich Hülskamp entschlossen. Umfang und Preis für den 36. Jahrgang, aber nur für diesen, dahin abzuändern, daß statt der bisherigen 24 nur 18 Nummern arrsgegeben werden, und daß der Preis von 4 Mark auf 3 Mark herabgesetzt wird. Ob dieser Ausweg seinen Zweck erreichen wird, wollen wir nicht untersuchen. Aber soviel ist gewiß, daß der Literarische Handweiser an Ansehen nicht gewinnen wird. In früheren Jahren war derselbe sehr gut redigirt und bot frisch geschriebene Recensionen. Aber in den letzten Jahren kehren hauptsächlich zwei Mitarbeiter wieder, welche gewisse Wissenszweige in kritische Erbpacht genommen zu haben scheinen: Bernard Dcppe für Ascese. Homiletik, auch vielfach für Dogmatik, und Alfons Bellesheim in Stachen für Kirchengeschichte nnd Kirchenrecht. Der letztere Name begegnet dem Literaturfreunde auch sonst noch sehr häufig im „Katholik",in den „Historisch-politischen Blättern" und anderswo. Schon gar oft hat sich gewiß mancher Leser gedacht und gefragt: Wie mag es doch Äellesheim anstellen, alle diese Recensionsexemplare, deren Umfang manchesmal sehr bedeutend ist. durchzuarbeiten und Aus- j züge zu liefern? Daß die Kritik bei dieser Vielgeschäftig- ' keit nicht tief gehen kann, liegt auf flacher zoand. Recensionen aber, welche bloß auf Vorwort und Register allenfalls Bezug nehmen, dienen nur zur Täuschung und Irreführung. Hülskamp sagt zwar, daß dem Literarischen Handweiser „mehr als 100 der geachtetsten Mitarbeiter aus allen deutschen Gauen" zur Seite stehen, allein diese Unterstützung scheint mehr aus platonischem Wohlwollen, als auf realer Basis zu berathen. Soll daher der Literarische Handweifer seine frühere Bedeutung wiede" erlangen, dann ist eine Blutanffrischung unbedingt neu., wendig. Deklamationsbuch. Eine Sammlung von Gedichten ernsten und heitern Inhalts für Gesellen- und andere Vereine, herausgegeben von Joh. P. Profittlich, kgl. Seminar-Oberlehrer, 4. Auflage. Preis gebd. in Leinw. M. 1. Pattlinus-Druckerei, Trier. Dieses handliche Büchlein enthält eine Anzahl recht passender nnd zum Vortrug geeigneter Gedichte ernsten und launigen Inhalts, unter denen auch verschiedene Mundarten vertreten sind. Die vierte Auslage ist noch durch einen Anhang vaterländischer Gedichte vermehrt worden. Beionders den katholischen Gcsellcn- vereinen und deren Mitgliedern können wir das wohlfeile Werkchen auf's Wärmste empfehlen, und bemerken wir noch, daß dasselbe dem Herrn Generalpräses Schäffer vom Verfasser gewidmet ist und dieser einige wohlwollende Worte als Empfehlung zugefügt hat. Die Eroberung der 5. Curie war neben der Wahrung des Besitzstandes das Hauptbestreben aller Parteien des österreichischen Reichsrathes anläßlich der eben vollzogenen Wahlen. Inwiefern dies denselben gelungen, zeigt uns klar und deutlich „G. Freytag's Reichsrathswahlkarte aller 6 Curien von Oesterreich 1897", die eben, pünktlich wie immer, bei G. Frcy- tag und Berndt, Wien VII/I, Schottenfeldgaste 64, erschienen ist, diesmal noch durch eine interessante Tafel des bekannten Statistikers Pros. A. L. Hickmann: „Der österreichische Reichsrath, seine Parteien und Wahtver- hältnisse", bereichert. In diesem, ihrem neuesten, sorgfältig und sauber gearbeiteten Verlagswerke bietet dre durch ihre Musterleistungen auf kartographischen: Gebiete rühmlichst bekannte Verlagshandlung u. A.: Sämmtliche Wahlkreise aller 5 Curien, colorirt nach der Gesinnung und bedruckt mit den Namen ihrer Vertreter. Ein genaues Verzeichnis) der Abgeordneten mit, Angabe der Partei-Angehörigkeit. Grnppirung des österr. Reichsrathes nach politischen und nationaler» Parteien von 1873—1897. Die Verthciluna der Abgeordneten-Mandate auf die einzelnen Kronlander. Einen Vergleich der directen und indirekten Steuerleistung der eirrzelnen Kronländer im Ganzen, sowie deßgleichen auf der: Kopf der Bevölkerung. Diese Menge rnteressanter und für jeden Wähler und Zeitnngsleser sehr wichtigen Darstellungen, deutlich, leicht verständlich für Jedermann, ist auf G. Freytag's Reichsrathswahlkarte aller 5 Curien von Oesterreich 1897 enthalten! Mehr kann man wohl für 1 fl. ö. W. — soviel kostet die Karte — nicht verlangen! Wir empfehlen jedem, sich für das politische Leben der Gegenwart interessirenden Leser die Anschaffung der ausgezeichneten Karte. Erklärung. In der literarischen Anzeige von, Hagemanns Leitfaden der Psychologie in Beil. Nr. 29 ist eure Bemerkung über den vereinigten Professor Dr. Stöckl enthalten, welche zu unserm lebhaften Bedauern im Dränge der Geschäfte dem Rothstift entgangen ist. Mag man über die wissenschaftliche Richtung Stöckls urtheilen wie immer, so ist doch in hohem Grade anzuerkennen, daß der Verewigte sein ganzes Leben in strenger Arbeit dem Unterrichte der Jugend, der Restaurirung der christlichen Philosophie im Geiste des Aguinaten, dem Kampfe gegen die antichristlichen modernen Ideen gewidmet hat. Wir können daher nur unser aufrichtiges Bedauern anssprechen, daß jene persönlich gefärbte Bemerkung zum Abdrrrck gelangt ist. D. Red.! Serantiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.