ttn. 31 2. Juni 1897. Der Katholicismus als Princip des Fortschritts. Von Pros. Dr. L. Haas. Den vielseitigen Widerspruch, welchen die nunmehr in zweiter AuflageI erschienene Broschüre des derzeitigen Rektors der Universität Würzburg Dr. Schell erfahren hat, sucht eine Zuschrift aus Unterfranken in Nr. 111 S. 5 der „Angsburger Postzeitung" dadurch zu erklären, daß „von taufenden von Lesern und Hörern (?) kaum einige hundert, vielleicht noch weniger diese Schrift recht verstanden haben". Eine sonderbare Rechtfertigung, und ein noch sonderbareres Kompliment für den Autor der Schrift! Ich hasse die Oberflächlichkeit und liebe die Tiefe; aber die Tiefe ist nutzlos ohne entsprechende Klarheit. Was nützen die tiefsten und richtigsten Gedanken, wenn sie nicht faßlich dargestellt werden? Was ist für ein Nutzen gestiftet, wenn der Lehrer bloß für sich in die Tiefe steigen kann, wenn er die heraufgeholten Schätze nicht richtig an den Mann zu bringen weiß? Da stiftet rr doch nur Verwirrung. Mit der Grundanschauung und der Grund- endenz der Schrift bin ich ganz einverstanden. Daß >ie Wahrheit katholisch im eminenten Sinne ist, ist eine selbstverständliche Anschauung. Daß die Wahrheit frei im edelsten Sinne ist; daß sie und damit die wahre Wissenschaft in der wahren Freiheit am besten gedeiht; daß der katholische Lchrgehalt die wahrhaft freie und gründliche Forschung nicht zn fürchten braucht, sie vielmehr herausfordern kann, darf und muß; das; die wahre echte Wissenschaft besser im harmonischen Zusammenwirken als im diskordauten Streiten gedeiht (der Streit ist freilich nicht ganz zn umgehen, aber er soll ein freundschaftlicher sein); daß die Katholiken mit allen Kräften zusammenstehen sollen, um die wahre und somit kathol. Wissenschaft aus die gebührende Höhe zu heben, ihr eine nicht bloß angesehene, sondern herrschende und einflußreiche Stellung zu erringen; daß es mit dem bloßen Zurückgehen auf Vergangenes nicht gethan, sondern ein Weiterbanen erforderlich ist u. s. w. — das sind Gedanken, die in jedem gebildeten Katholiken lebendig lind wirksam sein und daher der Aussprache und Betonung nicht erst bedürfen sollten. Zu bedauern ist es daher, wenn sie in einer Form und unter Beimischungen ausgesprochen und Mittel zu ihrer Verwirklichung vorgeschlagen werden, welche den ernstesten Widerspruch ohne iveiters herausfordern. Dadurch wird nicht das erstrebte Ziel, sondern eher das Gegentheil erreicht. Or. Schell redet zunächst von der auch sonst in letzter Zeit vielfach besprochenen wissenschaftlichen Jnferiorität der Katholiken, besonders in Deutschland. Den Grund findet er mit Recht nicht im Glaubensund Antoritütsprincip selbst. Wenn er aber S. 7 sagt, „daß der Zweck, des Glaubens eine übernatürliche Denkthütigkeit ist, daß der Zweck der Autorität eine übernatürliche Selbständigkeit ist", so wird er sofort mißverständlich und unklar. Er meint offenbar reine übernatürliche Denkthütigkeit im eigentlichen Sinne, sondern eine Denkthütigkeit über Neber- natürliches, welche noch dazu durch übernatürliche Einwirkung geläutert und in diesem Sinne erhöht ist. Er redet ja S. 9 davon, daß eine „Verzichtletstung auf . ') Während des Niederschreiben? dieses Aufsatzes erschien die dritte, die auch bereits vergriffen ist. D. Red. die eigene Geistesbethätiguug in den höchsten und wichtigsten Dingen" nicht verlangt werden kann, weil sie zur geistigen Jnferiorität führt. Er tritt wiederholt (z. B. S. 17, 21) der allzuschroffen Sondcruug von Natur und Uebernatur entgegen. Reicht aber zum Erfassen des Uebernatürlichen, soweit dies überhaupt möglich ist, die natürliche Denkthütigkeit nicht aus, ist dazu eine übernatürliche erfordert, dann ist nicht nur eine unüberbrückbare Kluft zwischen Natur und Uebernatur gesetzt, sondern sind auch viele Forderungen Dr. Schells unberechtigt, weil widersinnig. Bei der Besprechung der wissenschaftlichen Jnferiorität der Katholiken sind die theologische und die profane Wissenschaft nicht hinreichend aus einander gehalten. Die Jnferiorität in letzterer ist offenliegend. Von ersterer läßt sich dies doch nicht ohne Wetters behaupten. Or. Schell müßte sich ja selbst einschließen in eine solche Behauptung. Dabei rechne ich zur deutschen theologischen Wissenschaft ohne Bedenken auch das, was die deutschen Jesuiten geleistet haben. Denn wenn Or. Schell auch viel von der Bedeutung und Aufgabe des germanischen Geistes und zwar mit gutem Rechte redet, so hat er doch vergessen, das charakteristische,, unterscheidende Merkmal desselben genau anzugeben. Es müßte denn Gründlichkeit sein; diese aber kann sicher nicht von vorne- hcrcin und allgemein den deutschen Jesuiten abgesprochen werden. Der protestantischen theologischen Wissenschaft — die profane kann hier nicht herbeigezogen werden — überhaupt den Protestanten gegenüber verlangt Or. Schell Betonung des Gemeinsamen, Erstrcbung des Commn- nionismnS (nach dem Vorgang Cardinal Ncwmanns), S. 12. Sehr gut! Nur hat er nicht angegeben, wie denn dieser Commnntouismns erstrebt werden kann. Die Verhältnisse in England sind ändere als die uusrigeu. Von den orthodoxen Protestanten trennt uns das Bekenntniß; betonen wir auch das Gemeinsame noch so sehr: einmal kommen Grenzlinien, über die sich keine Verbindung herstellen läßt. Von der modernen protestantischen theologischen Wissenschaft trennt uns zuletzt doch alles. Sie ist auf einem Standpunkt angekommen, den der Katholik ohne gänzliche Verleugnung seines Namens und Wesens niemals einnehmen kann. Während der katholische Forscher niemals seiner Entscheidung unterwerfen darf und kann, was Bekenntniß ist oder nicht, sondern sich nur innerhalb des Bekenntnisses, aber da allerdings mit voller wissenschaftlichen Freiheit bewegen kann — die Apologetik hat, allgemein gesprochen, die Thatsachen zu erhärten, welche den Inhalt des Bekenntnisses als einen gottgegebcnen erweisen —, macht der protestantische Forscher das Bekenntniß selbst vom Resultat seines Forschen? abhängig. Gibt nun, wie es thatsächlich geschieht, der Protestant sein Bekenntniß, die historische Begründung desselben, vollständig preis (vergl. S. 87), hält aber am Glauben fest, weil derselbe einen im Gefühle sich manifestirenden, für das Leben werth- und bedeutungsvollen Inhalt hat (Werthurtheil), ist er also in der Wissenschaft ungläubig, im Lebe» gläubig, so ist das jedenfalls auch nach der Anschauung Or. Schells ein Standpunkt, der jede Gemeinschaft, jede Anknüpfung, auch die wissenschaftliche, unmöglich macht. > Seite 15. 16 gibt Or. Schell selbst zu, daß dek ' Eommimionismus von protestantischer Seite nicht nur. 214 nicht gepflegt wird, sondern eher das gerade Gegentheil. Ich stimme ihm vollständig darin bei, daß wir dies ohne «Verleugnung der katholischen Principien nicht nachahmen können. Der von unserer Seite einseitig und krampfhaft betonte Coinmuniouismus führt aber nicht nur zu nichts, er kommt auch in Gefahr, für Schwäche gehalten zu werden. Hier hilft nur Stärkung und Kräftigung der katholischen Wissenschaft und des katholischen Lebens nach allen Seiten. Dabei ergibt sich die Anerkennung der Wahrheit, wo immer sie sich findet, von selbst. Dr. Schell hat vollkommen recht, das; „jeder Fortschritt des Wissens ein neuer Gesichtspunkt für das rechte Verständniß der Offenbarung wird". Dies begründet er aber durch den geradezu unverständlichen Satz: „,Gott ist Licht, und Finsternisse sind gar keine in ihm': nichts, was nicht Logos wäre, was nicht die Vernunft erhellen und befriedigen könnte — kein dunkler, unlöslicher Rest"! Nehme ich hier „Vernunft" (es kann doch nur die menschliche Vernunft verstanden sein) als Subjekt, so wird „erhellen" dem „nichts" gegenüber sehr bedenklich, und „befriedigen" geradezu unverständlich; nehme ich es als Objekt, so wird der Sinn von erhellen platt, und fehlt das Subjekt zu „unlöslich". Für wen soll in Gott !bi» unlöslicher Rest sein? Aus mancherlei Anschauungen in katholischen Kreisen heraus, bei deren Schilderung (S. 17. 18) Dr. Schell selbst den von ihm (S. 12. 13. 14) gerügten Fehler der Uebertreibung und Einseitigkeit nicht ganz zu vermeiden weiß, wird die wissenschaftliche Jnferiorität der Katholiken davon hergeleitet, daß „die Kandidaten der Theologie soviel als möglich in weltabgeschiedenen Scmiuar- lchraustalten (Sind die Universitäten keine Lehranstalten? Der Vers.) von den weltlichen Fakultäten getrennt und von den Universitäten fast ausnahmslos ferngehalten werden". Hier liegt eine Uebertreibung insofern vor, als es keinem Kandidaten, der die hinreichenden Mittel hat, irgendwo benommen ist, auf seine Kosten an irgend einer Universität Theologie zu stndiren, wenn nicht besondere Gründe entgegenstehen. Ist er sittlich und wissenschaftlich qnalisiclrt, weist ihn später sicher kein Bischof zurück. Es ist kein Kandidat, weder an einem Lyceum noch an einer Universität, gezwungen, zum Erwerb seiner theoretischen theologischen Bildung in ein Seminar zu treten. Ferner hätte ich von vr. Schell ein offeneres Visir gewünscht. Da er „die Mischung der studentischen Gesellschaftskreise mit einer entsprechenden Änzahl Theologen" im Auge hat, so richten sich seine Bemängelungen in letzter Beziehung gegen die Seminar- erziehung des Klerus überhaupt. Die katholischen Stndcntencorporationcn genügen nicht, „um die Riescn- aufgabe zu erfüllen, in weltlich-studentischer (vom Verfasser unterstrichen) Weise den katholischen Gedanken in der Studentenschaft nicht bloß zu verkörpern, sondern mehr und mehr zur Geltung zu bringen". „Unter dem ständigen und mächtigen Einfluß von Kollegien, welche gewiß zumeist aus ganz anderen Anschauungen stammen", reicht der gute Wille und die grundsätzliche Gesinnung der jungen Juristen, Mediciner u. s. w. in den katholischen Studentencorporationen zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht aus. Das ist jedenfalls kein besonderes Kompliment für diesen Theil der katholischen Studentenschaft. Es soll eine Armee von theologischen, rcligionsphilosophischen, apologetischen und katholischen (eigenthümliche Einthcilnng!) Gedanken erforderlich sein, wie sie nur durch eine ent- /prccbendc -stahl von TheMaen aus den verschiedensten deutschen Gebieten mobil gemacht werden können (S. 19). — Also auf der Zahl liegt das Hauptgewicht! Die Theologen sollen wohl in den Versammlungen theologische Gespräche führen! Die katholischen Theologiekandidaten sollen weiterhin die anderen katholischen Studenten stützen! Da aber für sie selbst die Gefahr des Umfalls nicht ausgeschlossen ist, da sie, anstatt die anderen in einer gewissen Höhe zu halten, selbst zu diesen herabsinkcn können, so brauchen sie auch eine Stütze. Worin diese besteht, deutet Dr. Schell S. 20 au: In der theologischen Bildung. Leider hat sich, wie die Erfahrung lehrt, die Bildung, auch die theologische, nicht immer als hinreichendes Schutzmittel gegen wissenschaftliche und sittliche Verirrnng bewährt. Und besteht denn die wahre theologische Bildung ausschließlich in der theologisch-wissenschaftlichen? Zudem verlieren die katholischen Studeutcnkorporatiouen durch eine große Anzahl von Theologen an ihrer idealen Bedeutung, da die katholische Gesinnung katholischer Theologen doch etwas selbstverständliches ist. „Man will und hofft mit.Recht, daß die 6 bezlv. 7 theologischen Fakultäten an den 20 deutschen Universitäten das Ansehen und die Bedeutung der katholischen Theologie für den Gesammtorgauismus des Universitätswesens und der Wissenschaft überhaupt wahren und mehren"! Dazu ist die jetzige Faknltätssrequcnz unzureichend! Hat denn die Zahl wirklich einen so großen Einfluß? Zur Wahrung und Mehrung der katholischen Theologie haben in den letzten Jahren die Fakultäten an den übrigen Lehranstalten redlich das ihrige beigetragen. Sie brauchen den Vergleich keineswegs zu scheuen, um so weniger, als die betreffenden Professoren ein geringeres Maaß der Zeit für sich haben als die Universitäts- professoren, da an den Lyceen z. B. jedes Fach nnr mit einer Kraft besetzt ist, während an den Universitäten die meisten Fächer getheilt sind. Heutzutage kommt es weniger auf den Ort an, wo die Wissenschaft gepflegt wird, als daß sie gepflegt wird. Freilich wäre das einfachste Mittel, den Univcrsitätsfaknltäten diese Pflege möglichst ausschließlich zu übertragen, die Aufhebung aller theologischen Fakultäten außerhalb der Universitäten. Durch sie wird ja der (freie) Zuzug zu den theologischen Fakultäten (Dr. Schell scheint solche außerhalb der Universitäten nicht zu kennen oder wenigstens nicht anzuerkennen) grundsätzlich unterbunden, und damit ist die Jnferiorität der katholischen Wissenschaft „sofort gegeben, zugestanden und gewollt"! Das ist natürlich etwas, was man Dr. Schell anss Wort glauben muß. einen Beweis erbringt er nicht. Diese Jnferiorität erklärt sich auch aus der auf derselben Seite (20) von Dr. Schell ohne jeden Versuch einer Begründung kurzweg behaupteten „Mediocritv sein in aristisch er Systematik". Beigefügt ist noch die verdächtigende Bemerkung, man könnte, wenn man den Stimmungen, wie sie in den (in allen?) katholischen Kreisen künstlich genährt werden, auf den Grund geht, eher sagen, jedes Streben nach Förderung der Theologie, das über das Maß und die Mediocritü seminaristischer Systematik hinausgeht, bringe die Gefahr der Verdächtigung mit sich. — Also tiefere Ausbildung bieten nnr die theologischen Fakultäten der Universitäten! Liegt diese etwa der seminaristischen Systematik gegenüber in der Systcmlosigkeit? Hat weiterhin die Erfahrung — diese allein ist hier maßgebend — den Beweis geliefert, daß die an Universitäten gebildeten 215 Theologen den an den Lyceen und sonstigen theologischen Lehranstalten gebildeten an Tiefe der Kenntnisse überlegen sind? Wir haben ja in Bayern Diöcesen, wo sie in der Praxis nebeneinander wirken. — Viele Professoren sind von den Lyceen an die Universitäten übergegangen. Lehrten diese etwa an den Lyceen weniger tief als an den Universitäten? Ist in sie beim Uebcr- tritt an die Universität sofort der Geist der Tiefe gefahren? Ist vielleicht gar der Geist der Tiefe an den Universitäten erst neueren Datums? Eigenthümlich mnthct es an, wenn es Seite 20 als ein für das Ansehen der katholischen Theologie und des von ihr im Gebiet der Wissenschaft vertretenen Offcnbarungsglaubcns bedenklicherer (als das äußere Miß- verhältniß der Zahl) Umstand bezeichnet wird, daß es ihr unmöglich gemacht ist, für gesteigerte wissenschaftliche Anstrengungen und hervorragende Leistungen jene isdeale Anerkennung zu erringen, welche in der größeren Anziehungskraft auf die stndirenden Kreise liegt. Trotz des verschleiernden Ausdrucks tritt hier das subjektive, persönliche Moment zu deutlich hervor. Die wissenschaftlichen Anstrengungen macht nicht die Theologie, sondern der Theologe, ihm eignen die hervorragenden Leistungen und die Anerkennung. Die ideale Anerkennung in vorstehender Gestalt ist zudem nicht immer frei von einem sehr realen Beigeschmack. Seite 21 findet sich der Satz: „Oder glaubt man etwa, die weltlichen Fakultäten hielten die Lchrseminaricrr. sowie die Lyceen für wissenschaftlich sich und auch den theologischen Universitätsfakultäten gleich- oder nahestehende Hochschulen"? Dr. Schell steht hiebet nach allem auf der Seite der weltlichen Fakultäten. — Nun ob sie für gleich- oder nahestehend gehalten werden, darauf kommt es zuletzt nicht an, wenn sie es nur in der That sind. Und daß sie es find und bleiben, dafür lasse man getrost sie se lber sorgen. Die Praxis wird hier mit ihrer unerbittlichen Logik entscheiden. Ucbrkgens theilen in dieser Beziehung die theologischen Fakultäten an den Lycceu nur das Schicksal derjenigen an den Universitäten. Oder glaubt Dr. Schell wirklich, daß unter den heutigen Verhältnissen in der That die theologischen Fakultäten an den Universitäten den weltlichen von deren Vertretern wissenschaftlich gleichgestellt werden? Ich glaube, er braucht nicht weit zu gehen, um gegentheilige Bestrebungen zu finden. Der Verband der theologischen Fakultäten mit den übrigen wird heutzutage leider als ein lediglich äußerer betrachtet. Nach dem Standpunkt der modernen Wissenschaft ist das gar nicht anders möglich. Zur Erläuterung sei es gestattet, hier etwas in die Tiefe zu gehen. Nach christlicher Anschauung gibt es eine Natur und eine Uebernatur. Beide haben in letzter Instanz einen und denselben Grund, ein Widerspruch zwischen beiden ist unmöglich, freilich auch eine „vollkommene Gleichung". Beide sind Gegenstand der Wissenschaft, insoweit sie mit dem Menschen in Beziehung treten, also etwas Gegebenes für ihn sind. In den natürlichen oder weltlichen Wissenschaften ist der forschende Geist an das in der Gesammtnatnr Gegebene gebunden und durch dasselbe gebunden, in der Theologie an das und durch das in der übernatürlichen Offenbarung Gegebene, weil diese der Weg ist, auf welchem die Ucbcr- uatur in Beziehung mit dem Menschen tritt. Auf Grund des Urverhältnisscs zwischen Natur und tlcber- natnr ist einerseits vis zu einen! gewissen Grade ein denkendes Aufsteigen von der Natur znr Uebernatur möglich, anderseits wirft die übernatürliche Offenbarung auf vieles Natürliche ein klareres Licht. Wissenschaftlich steht also die Theologie in ihrem Gebiete der weltlichen Wissenschaft völlig gleich, ist in demselben gerade so sclbstständig, gerade so frei, wie diese in dem ihrigen. Ja beide Gebiete sind begrenzt, das der Natur ebenso, wie das für uns gegebene der Uebernatur. Ueber das begrenzte Weltall (metaphysisch unbegrenzt wird es kanni Jemand nennen) kommt der Naturforscher unter keinen Umständen hinaus, tvenn er bei der Wahrheit und damit bei der Wissenschaft bleibt. Als Wissenschaft steht also die Theologie in keiner Weise den übrigen Wissenschaften nach und gehört dem Urverhältniß entsprechend in den Gesammtorganismns der Wissenschaften überhaupt hinein, also auch in den Gesammtorganismus der Vertretung derselben. Nun uegirt aber die moderne Wissenschaft nicht blos die Existenz des Ueber natürlichen, sondern großenthcils auch die des Uebersinnl ichen. Wenigstens läßt sie einen wissenschaftlichen Beweis dafür nicht gelten. Daß es auch für das thatsächliche Vorhandensein der Natur keinen Beweis für den gibt, der seinen Sinnen nicht glauben will und das, was diese ihm sagen, wcgintcrpretirt und wegphilosophtrt, ist dabei freilich vergessen. Conscquenterweise wird aber von einer solchen Anschauung aus der Theologie der eigentliche wissenschaftliche Charakter abgesprochen und dieselbe nur npthgcdrungcn an den Universitäten geduldet. Was nach dieser Anschauung von der Theologie noch etwa übrig bleibt, Religionsphilosophie, Religionsgcschichte, vergleichende Religionswissenschaft und dergleichen, gehört eigentlich in die philosophische Fakultät. Eine Stärkung der theologischen Fakultäten an den Universitäten ist daher nicht nur sehr wünschenswert!)« sondern in gewissem Sinne sogar Bedürfniß. Der von Dr. Schell eingeschlagene Weg führt nicht zum Ziele. Connivenzen irgend welcher Art gelten eher als Schwäche. Ich glaube, die größte Stärkung finden diese Fakultäten, wenn sie möglichst innige Fühlung mit dem Leben suchen, vr. Schell wird mir entgegnen, daß er das ja gerade wolle. Ich bin auch von seinem guten Willen vollständig überzeugt. Aber seine Anschauungen führen zu einer Monopolisirung, und damit auch zur Jsoltruug der Theologie. Er kämpft gegen eine Art Jesuitenring r er sollte daher nicht einen anderen Ring intcudircn. Damit sündigt auch er gegen die katholische Wissenschaft, der in meinen Augen nichts Schlimmeres widerfahren könnte, als eine Art Monopolisirung nach gewissen Mustern. Die Stellung der katholischen Theologiefakultäten zum Leben ist doch eine ganz andere, als die der übrigen Fakultäten. Das darf bei aller Betonung der völligen Gleichberechtigung nie vergessen werden. Daß die Scheu des Geistlichen vor dem Weltliche», die theoretische Loslösung des Ueberuatürlichen vom Natürlichen unberechtigt ist, darin stimme ich mit Dr. Schell vollkommen aus dem einfachen Grunde übercin, weil das Uebernatürliche nur mittels des Natürlichen erreicht werden kaun, weil es auf Erden Geistliches ohne Weltliches überhaupt nicht gibt, weil niemand geistlich sein kaun, er sei denn zuvor und zugleich auch weltlich, weil in einen, Menschen, der kein natürliches Leben hat, sicher auch kein übernatürliches entsteht. Es hat es noch niemand soweit gebracht, von der Luft zu leben, und selbst diese ist etwas sehr Natürliches. Daß diese Loslösn»» 216 aber eine Nachwirkung der statistischen und nominalist- ischcn Ncligkonsauffassung ist, scheint mir etwas weit hergeholt. In der jüngeren Vergangenheit sind doch die thomistlschen und realistischen Anschauungen so ziemlich allgemein herrschend gewesen. Ich sehe darin einfach eine unverständige Verkchrung der Negirung des Weltlichen und Natürlichen als Selbstzweck in eine Negirung desselben schlechthin. Da diese widernatürlich und also undurchführbar ist, so macht sich das Gegentheil in der Wirklichkeit naturgemäß von selbst geltend. Daß aber solche verkehrte Anschauungen die religiöse Durchdringung des Weltlichen hindern, darin hat Dr. Schell nur zu sehr recht. Um noch einen von Dr. Schell vorübergehend gestreiften Punkt zu erledigen: Abstrakt ist es freilich richtig, daß die naturwissenschaftliche oder realistische Bildung an sich nicht minder geeignet ist, die Gymnasialschule für den Idealismus zu werden, wie die altsprachlich-humanistische Gymnasialbildung. Die Natur- wissenschaft hat jedenfalls gerade so gut eine ideale Seite, wie die sog. Humaniora recht banausisch betrieben werden können. Wer aber auf diesem Gebiete einige Erfahrung hat, der wird mit mir sagen, daß es eine wichtige Aufgabe der nächsten Zukunft ist, zwischen beiden Richtungen den echt goldenen Mittelweg zu finden, nicht zuletzt im Interesse der Theologie. Die Einleitung in den Abschnitt „Freiheit des Denkens und kirchliche Autorität" möchte fast den Gedanken nahe legen, als halte Dr. Schell einen foliden, geordneten Studicnbetricb mit der Freiheit des Denkens und Forschend unvereinbar, erblicke darin eine Art Knechtung des Geistes. Als ob damit sich nicht eine Propaganda des Gedankens verbinden ließe! Als ob ein geregelter Studicngang mit Mechanismus und Bevormundung gleichbedeutend wäre! Als ob die Fakultäten an den Universitäten in den einzelnen Fächern nicht auch einen geregelten Gang einhielten! Die moderne Wissenschaft verdankt zudem ihre wirksame Propaganda nicht der akademischen Lehr- und Lernfreiheit, sondern einer ganz anderen Freiheit, die sie im Gefolge hat — der Verabsolntirung des Menschen, besonders in wissenschaftlicher Beziehung, mit ihren unausbleiblichen Folgen. Was Dr. Schell unter Freiheit des Denkens versteht (S. 24. 28), bleibt freilich ein Ideal, ist aber darum nicht minder selbstverständlich wie vieles andere, das trotzdem auch Ideal bleibt — nämlich die Freiheit von allen Vorurtheilen. Diese Begriffsbestimmung, so sehr sie weiter ausgeführt wird, hätte ich doch lieber nicht gelesen. Dr. Schell betont wiederholt, die Universität habe ihre Candidaten auch das Denken zu lehren; da hätte es ihm doch bestallen sollen, daß ein negativer Begriff leer und nichtssagend ist. Die Freiheit des Denkens soll doch überall die gleiche sein. Auf Grund seines Begriffes aber ist eine Gleichheit nicht herzustellen, einmal weil er negativ ist, und zweitens weil zwar der Begriff „Vorurthcil" in sich feststeht, die Anwendung desselben aber eine überaus unsichere und mannigfaltige ist. Was ist nicht alles Bor- urtheil für die moderne Wissenschaft! Dr. Schell sagt zwar S. 25: „Das gründliche Denken ist das freie Denken"; aber die Erklärung ist wieder negativ, und dabei findet sich der sonderbare Satz: „Weder falsche Annahmen noch außer acht gelassene Thatsachen stellen dgs Urth eil bestimmen". Wie außer ach: gelassene Thatsachen ein Urtheil bestimmen sollen, ist mir nicht klar. Ich weiß freilich recht gut, was Dr. Schell sagen will: Man darf nicht absichtlich Thatsachen unerforscht lassen oder erforschte übergehen. Aber das ist kein Denken mehr, weil Willkür. Wer glaubt zudem nicht gründlich zu denken, und worin besteht das Kriterium für ein solches Denken? Die moderne Wissenschaft versteht unter Freiheit des Denkens nicht die Freiheit von Vorurtheilen. Mit diesen hat sie ja nach ihrer Anschauung gründlichst aufgeräumt, und wo sich etwa noch eines bemerklich macht, wird es schleunigst und gründlichst abgethan, vor allem das vermeintliche Vorurthcil, daß es noch eine andere Autorität gibt als die Wissenschaft selbst. Die Freiheit deS Denkens und der Wissenschaft im modernen Sinne besteht in der Forderung, daß nur die Wissenschaft selbst ihre Resultate zu beurtheilen, zu bestätigen oder zu verwerfen hat, und keine Autorität, sei sie weltlich oder geistlich. Die echte Wissenschaft — man braucht sie nicht frei zu nennen — kommt freilich niemals zu falschen Resultaten. Aber wenn heutzutage jemand von einer Voraussetzung aus zu irgend welchen Resultaten gelangt, so soll keine Autorität befugt sein, Resultate und Voraussetzung zu verurteilen, sondern nur die Wissenschaft (vgl. das Citat aus dem Deutschen Protestantenblatt S. 29). Eine solche Freiheit kann der Katholik niemals für sich in Anspruch nehmen, ebenso nicht jene Freiheit, die in einer behaupteten Voraussetzungslosigkeit besteht, welche freilich in Wirklichkeit einer willkürlichen Annahme in der Regel so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. S. ist die Freiheit in der Wissenschaft (im Denken gibt es keine Freiheit) und die Willensfreiheit nicht gehörig auseinander gehalten. Es ist falsch, daß nur die allseitig erfaßte Wahrheit und Güte die Vernunft und den Willen ohne weitcrs gefangen zu nehmen und jedes Widerstreben innerlich zu überwinden vermag. Dies gilt nur für den Willen; dieser ist nur durch die volle Erkenntniß, z. B. des Zieles, gebunden. Die Wahrheit aber muß denkend anerkannt werden, soweit sie eben erfaßt werden kann»' selbst wenn dies nur in einem geringen Maße der Fall ist. Im Denken selbst gibt es keine Willkür, sondern unbedingte Gesetze, deren Ueberschreitnng das Denken in das Gegentheil verkehrt, was beim Willen nicht der Fall ist. Daß es zur Freiheit des Denkens gehört, alle möglichen Richtungen zu prüfen, alle möglichen Erklärungen zu versuchen, ist gar nicht richtig: dies gehört zum Denken selbst oder besser zur Vollständigkeit, zur Schärfe und Tiefe desselben. Der ist kein Denker, sondern verfährt willkürlich, der alle Möglichkeiten entweder nicht finden kann oder nicht erwägen mag. Bei der Besprechung mancher Vorurlheile (S. 28) hätte ich bei dem Vorurthcil, die Erde sei der ruhende Mittelpunkt der Welt, den Beisatz: „zumal wenn man an die Offenbarung und Menschwerdung Gottes auf Erden glaubte" gerne vermißt. Es mag ja sein, daß subjektiv dieser Glaube jenes Vorurthcil verstärkt, aber die Ausdrucksweise legt den Gedanken nahe, als ob derselbe an sich dieses Vorurthcil zu befördern geeignet sei. Auf die Auseinandersetzung mit dem Teutschen Protestanrcnblatt S. 29 ff. einzugehen, liegt keilt Grund vor. Mit derselben kann man im ganzen vollkommen einverstanden sein. Nur einige Sätze nöthigen mich zu richtigstellenden Bemerkungen. In dem Satze S. 34: „Die katholische Theologie, wenigstens an den deutschen Universitäten, hat keinen Grund dazu gegeben, zu sagen, sie setze in philosophischer, historischer oder exegetischer Ergrnndnng der Wahrheit irgendwo eine Schranke ihrer Forschung", hätte ich die Worte: philosophisch, historisch und exegetisch unterstrichen gewünscht, weil dadurch der Satz jeder möglichen Mißdeutung entrückt wäre. Die Worte: „wenigstens an den deutschen Universitäten" wären besser weggeblieben, weil darin eine ungerechtfertigte Verdächtigung anderer Kreise liegt. Welche Kreise trifft sie? Richtig ist ferner, daß sich die Theologie nicht blos mit der wissenschaftlichen Rechtfertigung der Kirchenlehre, sondern mit dem tieferen Eindringen in die ewige Wahrheit zu befassen hat (S. 34). Die Kirchenlehre soll ja wissenschaftlich, denkend erfaßt werden. Bedenklich aber ist der Satz: „Die Vernunft ist es ja, mit der sie (die Theologie) zu verhandeln hat: und darum darf kein unlösbarer Rest in der wissenschaftlichen Rechnung bleiben." Ich sehe nicht ein, >vaS es mit der Vernunft zu verhandeln gibt. Diese ist ja doch blos Organ und Mittel zur Erforschung und Erkenntniß der Wahrheit! Es wäre doch sonderbar, wenn wir mit dem Mittel zur Erkenntniß, das uns Gott gegeben, erst verhandeln müßten. Zudem müßte, da nicht das Abstraktum Theologie mit der Vernunft verhandeln kann, diese zuletzt selber mit sich verhandeln. — In der „wissenschaftlichen Rechnung", d. h. soweit eben die Wissenschaft reichen kann, darf freilich kein unlösbarer Rest angenommen werden. Wo aber sind ihre Grenzen? Wie steht es mit den eigentlichen Gehcimnißlehren? Um jede Mißverständlichkeit auszuschließen, hätte doch irgendwie angedeutet werden sollen, daß eben die wissenschaftliche Rechnung eine begrenzte, bedingte ist. S. 35 ist es als ein Grundsatz des Glaubens hingestellt, daß eine „vollkommene Gleichung" sei zwischen Wahrheit und Offenbarung. Wird der Ausdruck „vollkommene Gleichung" wörtlich genommen, dann ist mir von einem solchen Grundsatz nichts bekannt, er müßte denn in dem platten Sinne zn verstehen sein, daß aller Offenbarungsinhalt wahr ist. Ist er in dem Sinne genommen, daß zwischen Wahrheit und Offenbarung — beide sind ja Wahrheiten — nicht nur kein Widerspruch, sondern in letzter Instanz Uebereinstimmung — diese ist aber keine Gleichung — stattfinden müsse, dann ist mir dieser Grundsatz selbstverständlich. Bestünde eine vollkommene Gleichung zwischen Wahrheit und Offenbarung, so müßte eine solche auch zwischen Natur und Uebernatnr bestehen. Das wird aber Niemand behaupten. Darin hat Dr. Schell freilich vollkommen recht, daß das Vordringen zn den tiefsten Gründen und zu der genauesten Bestimmung des Thatsächlichen auf Seiten der Offenbarung einerseits wie der natürlichen Erkenntniß anderseits zugleich die beste und einzig mögliche Vertheidigung der Offenbarnngswahrhciien ist; denn der letzte nnd tiefste Grund ist beiderseits einer und derselbe. Wir stehen aber vor zwei verschiedene» Gebieten seiner Wirksamkeit. Der Grund ist ja ein freier; wäre er ein nothwendiger, dann ließe sich allenfalls von einer vollkommenen Gleichung reden. Eine Schranke für die Freiheit der Theologie anerkennt auch Dr. Schell — die ernstlich sie Verantwortlichkeit der Kirche gegenüber (S. 38). Leider wird er auch da sofort doppelsinnig: „Die Verantwortlichkeit ist allerdings eine Schranke der Freiheit, aber eine innere Schranke: denn Freiheit und Verantwortlichkeit stehen und fallen miteinander." Hier wird Dr. Schell einerseits seinem Freiheitsbegriff untreu — im Freisein von Vorurteilen gibt es keine Schranke —, anderseits kann die innere Schranke eine doppelte sein: Eine Schranke i m Gegenstand der Forschung und eine solche in der Person des Forschers. Erstere ist völlig unbedenklich und selbstverständlich. Nun nimmt aber Dr. Schell offenbar die innere Schranke im zweiten Sinn: Der Forscher darf soweit gehen, als er es verantworten kann. Die Frage ist: Vor wem? Wenn vor der Kirche, dann ist die Schranke eine äußere; wenn vor seinem eigenen wissenschaftlichen Gewissen, dann ist die Schranke zwar eine innere, aber zugleich dem Subjektivismus Thür nnd Thor geöffnet. Das wissenschaftliche Gewissen ist ein sehr unbestimmtes und unbestimmbares Ding, von sehr verschiedener Enge und Weite. Virchow's wissenschaftliches Gewissen ist z. B. jedenfalls viel zarter und ernster als das Häckel's. Auf S. 41. 42. 43 und auch späterhin finden sich so treffliche Bedanken ausgesprochen, daß ich sie mit ivahrer Freude gelesen habe und mit dem Wunsche, die übrigen Partien des Schriftchens möchten diesen gleichen. In dem Abschnitt „Conservatismus und Fortschritt" findet sich S. 46 eine Bemerkung von „dem immer höher steigenden Standpunkte der vorwärtscilcnden Zeit", die darauf hindeuten könnte, daß Dr. Schell in etwas dem sog. Progressismus huldige. S. 54 ist aber diese Annahme eingeschränkt durch den Satz: „Darum ist ein ständiger Wechsel zwischen konservativen und fortschrittlichen Geistesrichtnngen in ihrer Herrschaft über die große Masse der maßgebenden Volkskreise, ähnlich wie Ebbe und Muth, ja wie Perioden des Stillstandes mit solchen des Fortschritts in der Entwicklungsgeschichte der Schöpfung abwechseln." Den Satz S. 47: „Jede Erweiterung des Wissens bedeutet zugleich eine Vertiefung und Läuterung desselben" möchte ich nicht ohne weiters unterschreiben. Um ihm einen richtigen Sinn abzugewinnen, muß „Erweiterung des Wissens" in einer ganz bestimmten Bedeutung (Erschließung eines neuen Gebietes oder wenigstens eines neuen Gesichtspunktes) genommen werden. Mit Recht verweist Dr. Schell darauf, daß die Wissenschaft, mag sie welcher Art auch immer sein, der Hypothesen nicht entbehren kann (S. 47). Sie kann dies nicht schon aus dem einfachen Grunde, weil sie alle Möglichkeiten zu erwägen nnd alle Erklärungsversuche anzuwenden nnd zu beurtheilen hat. Hypothesen finden sich daher in jeder Wissenschaft, auch in der Theologie. Was sind denn der Angnstinismus, Thomismus, Molinismns, Probabi- lismus u. s. w. wissenschaftlich betrachtet anders als Hypothesen? Freilich sollen die Hypothesen als solche bezeichnet und nicht als ausgemachte, alleinige Wahrheft hingestellt werden. „Die Wissenschaft ist ihrer innersten Natur zufolge eine fortschrittliche Macht" (S. 47). Dies ist voll anzuerkennen, weniger aber die Begründung dadurch, daß der Gedanke selber der geborene Kritiker ist nnd nur durch Unterscheidung bethätigt werden kann. Wo bleibt das Erfassen dessen, was unterschieden werden soll? Ist die Gedankenarbeit lediglich die des Unterscheidens, Auf- lösens, wo bleibt dann ein Sicheres in der Wissenschaft? 218 Es mag HIemlt im Zusammenhang stehen, daß Dr. Schell S. 53 von der wahrhaft konservativen Wissenschaft ein „Aufbauen" verlangt. Ich hätte den Ausdruck „Weitcr- baueu" lieber gelesen, obwohl auch zum Aufbau ein Sicheres und Bleibendes nothwendig ist. Man kann weder auf Flugsand noch mit bloßem Flugsand bauen. Vollständig mißglückt ist S. 48 und S. 52 die Darstellung des Verhältnisses Christi zu dem damaligen Pharisäismus und Sadducätsmus, überhaupt zum Alten Bunde, gegenüber der Frage, ob manche geschichtlich herausgebildeten Formen der Gegenwart festzuhalten oder zu ändern sind. Die Formen des Alten Bundes hatten ja nach göttlicher Bestimmung ihr Ende erreicht; Christus war gesandt, diese Bestimmung zu vollziehen. Wer kann in der Gegenwart eine solche Sendung für sich in Anspruch nehmen? Ist alles überlebt, was der Einzelne dafür hält? Warum hier nicht der Entwicklung, dem Gange der Zeit vertrauen? Diese Fragen kann man ganz gut stellen, ohne einem falschen Konservatismus z» verfallen. Sehr auffallend war es mir, daß S. 52 sogar der Begriff „Unsterblichkeit" nicht richtig gefaßt ist. „Unsterblichkeit ist darum des Geistes Lebensform: unsterblich ist indeß nicht die Daseinsform des Starren, sondern des unerschöpflichen Wachsthums." Wie steht es da mit der Unsterblichkeit nach diesem Leben? („Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen.") Die Konsequenzen aus dem angegebenen Unsterblichkeitsbegriff führen soweit, daß ich ein Eingehen in dieselben unterlassen muß. Was Dr. Schell über das Ideal des Katholicismus sagt, kann man ganz gut unterschreiben. Die Bezeichnung „Longobardensproß Thomas von Aquin" (S. 56) ist geschmacklos. Der starke Ausdruck: „als ob man es für das höchste Kriterium der Kirchltchkeit hielte: Oreäo guia ubsuränw" hätte durch Abwesenheit dem Schriftcheu nicht geschadet. Die Uebersetzung von Omars Spiritus lauäet vowiaum, ks. 150 mit: „Auch jeder Nationalgeist lobpreise den Herrn"! ist wenig geistreich, da ja ein solcher Geist für sich nicht existirt. Die Anführungen Or.Schcll's von Cardinal Manning übergehe ich, da sie als geschichtlich nur nebenbei zur Sache gehören und etwas Unrichtiges dadurch nicht richtig wird, weil es noch ein zweiter sagt. Auch übergehe ich, was Hiebei über die Jesuiten gesagt ist. Diese werden sich wohl selbst rühren; sie sind auch allein im Stande, eine richtige und vollständige Darstellung des Sachverhaltes zu liefen:. Uebergehen kann ich aber nicht, weil es auch mir Herzenssache ist, daß der Clerus der Gegenwart in seinen Predigten weniger auf Schönheit und Gefälligkeit, als auf wissenschaftliche Tiefe und Gründlichkeit in möglichst populärer und verständlicher Form (auch den Gebildeten gegenüber) sein Augenmerk richten soll. Die Schönheit und Gefälligkeit der Predigten ergibt sich dann von selbst. Aus dem Nachwort hebe ich nur eine Stelle (S. 90) hervor: „Man ziehe sich nicht von den Universitäten zurück, um die Theologie und die Theologen in Seminarien möglichst weltfremd und untüchtig für das Apostolat in der Welt, besonders in der gebildeten Welt, zu machen"! Mit der Weltfremdheit in den Seminarien hat es noch gute Wege, ebenso mit der Untüchtigkeit. Man strebe doch kein Monopol an, und lasse auch andere ihre Schuldigkeit thun! Gründliche Bildung läßt sich auch außerhalb der Universitäten vermitteln, und wo diese vorhanden ist, ergibt sich die Weltklngheit bei etwas gesundem Menschenverstand von selbst. Uebrigens sehe man sich in Städten um wie Nürnberg, Fürth, Erlangen, Ansbach, Bayrcuth u. s. w. Dort wirkt ein Clerus, der durch- gehends an einem Lyceum und in einem Seminar gebildet ist. Ueber Weltfremdheit und Untüchtigkeit desselben für das Apostolat in der Welt, besonders in der gebildeten Welt, habe ich noch keine Klage gehört, obwohl dieser Mangel am ersten an solchen Orten sich geltend machen müßte. Einen Erfolg wünsche ich der Schrift Dr. Schell's aus ganzem und vollem Herzen. Möge sie den Anlaß geben zur etnmüthigen und allseitigen Hebung und Förderung der katholischen Wissenschaft! Dabei wird Jedermann gerne den theologischen Fakultäten an der Universität eine ehrenvolle Prärogative zuerkennen, wenn sie verdient ist. Jeder, auch der entfernteste Versuch einer Monopolisirung der katholischen Wissenschaft ist aber mit aller Kraft zu bekämpfen, weil er dem Wesen dieser Wissenschaft zuwider ist. In den weltlichen Fakultäten ergibt sich vielfach ein gewisses Monopol von selbst, weil nur ihnen die ausreichenden Mittel zur wissenschaftlichen Forschung zu Gebote stehen. Die katholische Wissenschaft hat auch in dieser Beziehung einen Vorzug der Freiheit, der ihr für alle Zeiten gewahrt bleiben soll. Zum Schlüsse kann ich es mir nicht versagen, daraus zu verweisen, daß der Jubel über die Schrift von liberaler und protestantischer Seite rein unverständlich ist. Der Titel schon hatte nach dieser Seite hin doch etwas stlchig machen sollen. Wenn der Katholicismus das Princip des Fortschritts ist, wie steht es dann mit allein, was mit ihm in Widerspruch steht? Man hat wieder einmal vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen! Zur Geschichte des Kreuzweges. (Letztes Wort.) kV k. 8. Es war vorauszusehen, daß der um die Palästinaforschung vielverdiente Professor Dr. Sepp auf die Ausführungen zur Geschichte des Kreuzweges replrciren und seine Ansicht, daß die Wohnung des Pilatus zur Zeit Christi auf dem Sion gewesen sei, vertheidigen würde. Doch vollgiltige Beweise hat er nicht vorgebracht, und widerlegt hat er auch nichts: vornehme Machtsprüche können dafür nicht gelten. Was es mit dem Zeugnisse des Philo für eine Be- wandtniß habe. ist bereits angegeben. Es steht kein Wort darin, daß PilatuS in dem Palaste des Herodes gewohnt oder immer gewohnt habe. Er erzählt nur, daß Pilatus an „der Königsburg des Herodes" und wiederum am „Hause der Statthalterei" goldene Schilde aufhängen ließ. Aber gerade das. was man vor Allem erwartete: „an seiner Wohnung", fehlt bezeichnender Weise. Er wollte eben nur den Juden seine Macht und seinen Trotz zeigen. Dieses erhellt auch daraus, daß er später sogar ein Standbild im Heiligthum des Tempels aufstellen wollte. Aber das „Haus der Statthalter"? Nun das war die Königsburg ja wirklich, weil dieselben dort zu wohnen pflegten, wenn sie nach Jerusalem kamen. Doch stand ihnen noch eine andere sichere und prächtige Wohnung zur Verfügung, die Burg Autonia. Auch diese hatte Herodes gebaut, und was der baute, war immer königlich, vr. Sepp nennt sie verächtlich Tempelkaserne. Sie diente aber nicht blos zum Schutze des Tempels, sondern der ganzen Stadt, weßhalb sie eine dreifache Wache hatte. Bezüglich der innern Einrichtung nennt sie Fl. Josephus einen Königspalast, Herodes selbst hatte darin gewohnt, der nachmalige Kaiser Titus während der Belagerung, später die islamitischen Herrscher mit ihrem Harem. Der Königspalast des Salomo mit seinen vielen Frauen und Helden war auch nicht größer. Es ist wirklich seltsam, daß der Herr Professor die kriegerischen Römer in einem zum Aufruhr geneigten Lande für so zimperlich hält und selbst 219 die Frau Proele für sich ins Feld führt. Soldaten lagen allerdings auch dort, und zwar ziemlich viele; aber es war auch Platz genug für sie da in einer besonderen Abtheilung. mehr als in der alten Davidsbura. da die Räumlichkeiten einer ganzen Stadt glichen. Dazu hatte sie den Vorzug einer so großen Festigkeit, daß die Römer sie gar nicht anzugreifen wagten, sondern lieber ungemein schwierige Dämme durch den Teich errichteten und neben der Burg durch die Mauer des Tempelplatzes eindrangen. Warum sollte Pilatus, der gewaltthätige und rücksichtslose Mann, einen so einladenden Vortheil nicht erkannt und benutzt haben? Warum so engherzig sein und ihm blos eine einzige Wohnung zu lassen? Herrscher haben auch sonst mehrere Wohnungen und wählen sie. Kaiphas hatte außer seinem Hause auf dem Sion seine Amtswohnung im Nathhause. Pilatus war nicht so unklug wie Sabinus oder gar Festus, der sich auf die Antonia retten wollte, aber nicht konnte. Gegen ihn wagten auch die Juden keinen Aufruhr (nur Galiläer, Parteigänger des Herodcs, versuchten einen Putsch, der aber kläglich mißlang), sondern ergriffen das Mittel der Anklage beim Kaiser. Die Civilvcrwaltung bei den Juden war damals dem Hohenpriester und seinem Beirathe überlassen. Den Oberbefehl über das Militär aber gab kein Statthalter aus der Hand. Aus den Evangelien geht unzweideutig hervor, daß er die ganze Cohorte zur Verfügung hatte und zur Geißelung sofort verwendete. Ebenso hatte er vorher die Galiläer im Tempel niederhauen lassen, was zur bekannten Feindschaft mit Herodes führte. Gerade von diesem Oberbefehl, welcher Ünterbefehlshaber natürlich nicht aus-, sondern einschließt, rührt der Name Prätorium her, an den sich dann der Begriff „Richthaus" knüpfte. Jener Name eignet eigentlich mir dem Stand- gnartier, und das war die Antonia. Dahin also (in xras- torium) führte man den göttlichen Heiland (Joh. 18, 28). Uebrigcns ließen es sich die Statthalter nicht nehmen, zu richten, wo sie wollten; Pilatus richtete einmal in der Rennbahn. (Jos. II. 9.) Das ist das Prätorium, welches nach dem heiligen Cyrillns zerstört wurde. Warum denn nicht? Berichtet ja auch Fl. Josephus, daß die Antonia geschleift wurde, und Christus der Herr sagte, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde. vr. Scpp will jetzt glauben machen, daß das Serail in der ehemaligen Burg dcii Anlaß gab, die Wohnung des Pilatus dort zu suchen. Es ist schon viel, daß er die Beschuldigung gegen die Franziskaner nicht mehr aufrecht erhält. Allein die Tradition für die Antonia bestand schon Jahrhunderte lang vor den Muhamedanern. Der Kaiser Heraklius (628) fing auch seine Krenztragung dort an. Den nahen Teich habe ich keineswegs Israel, sondern Jsrain genannt, wiewobl Banrath Schick, der 60 Jahre lang schon in Jerusalem wohnt, und Andere ihn so nennen. Es ist auch nicht einzusehen, warum die Türken das aus dem Persischen entlehnte und noch gebrauchte Wort Serai (Konstantinopel) sollten in Jsrain verwandelt haben. Labe auch mit keinem Worte gesagt, daß Pilatus den Palast des Herodes das ganze Jahr habe leer stehen lassen?) Habe kein Wort gesagt, daß auf dem Sion auch ein Lithostrotns gewesen sei, sondern gerade das Gegentheil. Ob der Leoo Homo - Bogen von der Antonia oder dem Triumphbogen des Hadrian herrührt, ist nicht mehr auszumachen, ledenfalls zeugt er von der Tradition in jener Gegend. Diese lag zwar außerhalb der zweiten Mauer, aber in der stark bevölkerten Neustadt, welche später von Ngrippa auch noch mit einer Mauer umfangen wurde?*) „Tobler hat sich mit der Frage gar nicht besaßt." Dieses erweckt den Schein, als wenn meine Angabe erfunden wäre. Mit der Streitfrage hat er sich freilich nicht befaßt, dafür habe ich ihn anch nicht angezogen, wohl aber mit der Topographie des Kreuzweges, wie nicht leicht ein zweiter; in seiner Topographie von Jerusalem Band I Seite 220—267. Die angeführte Aeußerung steht S. 26-1. Dinge, welche der Gegner nicht behauptet hat, lassen sich ") Es wäre zuviel zu behaupten, daß Pilatus niemals im Westen Wohnung genommen; aber noch viel mehr, daß er nie, besonders in kritischen Zeiten, die Antonia benutzt habe. I Das Thor Benjamin war eher auf der Nord- vstscite. leicht widerlegen. Noch bequemer ist es, ex outbeär» Jeden mit dem unfehlbaren Anathem zu belege», der das Gegentheil behauptet. Recensionen nnd Notizen. Geschichte der Weltliteratur von Alex. Baum- gartn er. 8. ?. Frciburg. Herder. 1897. 8°. Bd. I. Lieferung 1 u. 2. L 1 M. 20 Pfg. 8 Dieses Werk will in allgemein verständlicher, anziehender Form eine ausführlichere Darstellung der gestimmten Weltliteratur geben, als sie, wegen engerer Begrenzung des Raumes, bisher von ähnlichen Werten geboten werden konnte. Es ist auf 6 Bände berechnet: I. die Literatur Westasiens nnd der Nilländer; II. die Literaturen Indiens und Ostasiens; III. die griechische und lateinische Literatur des klassischen Alterthums und der späteren Zeiten; IV. die Literatur der romanischen Völker: V. die Literaturen der nordgermanischen und slavischen Völker; VI. die deutsche Literatur. Während diese Hauptgruppirung vorzüglich der sprachlichen, nationalen und religiösen Zusammengehörigkeit der verschiedenen Literaturen Rechnung trägt, wird die weitere Gliederung auch die zeitliche Aufeinanderfolge und den gegenseitigen Einfluß derselben in Betracht ziehen. Poetische Proben sollen die Darstellung beleben, und genaue Literaturnachweise werden es dem Leser ermöglichen, sich in der Specialliteratnr der einzelnen Gebiete zurechtzufinden. Dem religiösen Moment, als dem tiefgreifendsten im Geistesleben der Völker, ist die ihm gebührende Stelle gewahrt. Die zwei ersten Bände, welche die sämmtlichen Literaturen des Orients umfassen und kür sich schon einigermaßen ein selbstständiges Ganze bilden, liegen im Manuskript druckfertig vor und werden noch im Lause dieses Jahres erscheinen. Für die anderen Bünde sind bereits ausgedehnte Vorarbeiten vorhanden, so daß dieselben im Laufe der nächsten Jahre werden nachfolgen können. Jeder der Bände bildet ein für sich abgeschlossenes Ganze und wird auch einzeln käuflich sein. Der erste Band wird in circa 7 Lieferungen von durchschnittlich 5 Bogen zum Preise von 1 M. 20 Pfg. pro Lieferung ausgegeben. Der Name des Autors erweckt wie kaum ein anderer Vertrauen, denn der Verfasser hat Proben seines Wissens und Könnens in den mannigfachsten Einzelstudien bereits gegeben. Das Werk verfolgt zwar im allgemeinen das gleiche Ziel mit der Literaturgeschichte von Norrenbcrg-Macke. Allein Grundlage und Rahmen sind, wie die vorliegenden zwei Lieferungen erkennen lassen, viel breiter und weiter. Die Darstellung folgt der Methode Janssen's. Wenn der 1. Band abgeschlossen ist, werden wir ausführlicher darauf zurückkommen; für heute möchten wir die Aufmerksamkeit des Leserkreises der „A. Postzeitung" auf das monumentale Unternehmen hinlenken nnd die Anschaffung desselben aufs Wärmste empfehlen! . Dr. L. (Zur Canisins-Feier.) Unter den zahlreichen Festschrifen zum 300jährigen Gedächtnisse des sel. Petrus Canisius nimmt das von Präses I. B. Mehl er in Regensburg im Selbstverläge herausgegebene handliche Büchlein (136 Seiten Kl.-Oktav) eine der ersten Stellen ein. Namentlich den bayerischenKatholiken ist diese volksthümlich gefaßte, von edler Begeisterung getragene und zum Herzen gehende Schrift des rühmlich bekannten Verfassers auf's allerwärmste zu empfehlen. Mit besonderer Liebe nnd Ausführlichkeit schildert Mehlcr das segensreiche Wirken des großen Jesuiten in Bauern und seine Verdienste um die Erhaltung des kathol. Glaubens in großen Theilen des heutigen Königreiches Bauern, in Oesterreich und der Schweiz. Der sel. Petrus Canisius war nach den Wirren der Reformation in Wahrheit der Apostel Deutschlands. Der Rhein und der Main hörten seine Stimme, und die Berge Tirols vernahmen seine Worte; Böhmen sah ihn auf der Kanzel, Schwaben widerhallte von seinem Lobe. Das schöne Bauerland blieb durch ihn und seine Ordcnsgcnossen der katholischen Kirche treu; in Oesterreich und der Schweiz streute er reichlichen Samen aus. — Wien und Prag, München nnd Jngolstadt, Altölting, Landshnt, Straubing, "Augsburg und Dillingen, Rcgcnsburg und Würzbnrg; Worms. Freiburg im Brcisgan. Trier, Köln. Mainz. Straßbnrg, 220 Osnabrück, Innsbruck rc. rc. sahen ihn in ihren Kirchen und vernahmen seine begeisterten Worte. Die Marianischen Congregationen in München, Landsberg, Augsburg, Regensburg. Altötttng, Bamberg, Würzburg: Passau. Speyer, Elchstätt, Neuburg a. D.. Mindelheim, Anibera, Vurghausen. Stranbing. Landshut rc. verdankten dem sei. Canisius ihre Entstehung. Ueber den Katechismus des Seligen urtheilte Fürstbischof Cardinal Johann Theodor von Regensburg und Freising: „Wenn Bayern rrne kein anderer Stamm mit unwandelbarer Treue an der römischen Kirche festhält, so hat es dieses dem Katechismus von Canisius zu danken, der hierdurch, wie durch sein apostolisches Wirken, Ober- und Niedcrbayern und die obere Pfalz der Kirche gerettet hat." Mchler sagt in der Vorrede mit Recht, es sei eine Ehrensache für die Katholiken. diesen deutschen Glaubenshelden kennen zu lernen, der unserer Zeit so nahe gelebt hat. durch dieselben Straßen gewandelt ist, die wir betreten, in denselben Lebensverhältnissen und unter denselben Schwierigkeiten, denen auch so viele aus uns ausgesetzt sind. für den heiligen Glauben gearbeitet bat. Was wir an dem Mehler'schen Canisius-Büchlein loben, ist vor allem die übersichtliche Eintheilung des Stoffes, die fließende, leichtverständliche und doch gründliche und erschöpfende Darstellung. Die Ausstattung des Werkchens ist würdig und gediegen. Sieben Abbildungen beleben den Text. Als Aiihang ist ein sehr melodiöses Canisiuslied beigefügt, die Composition eines unserer besten Kirchen - Musiker, des Regensburger Stiftskapellmeisters Halter. Im Paradies. Tagcbuchblättcr von H. Hansjakob. Heidelberg, Weiß. 1897. M. 3,60. Hansjakob ist verdientermaßen zu großer Popularität gelangt. Es gibt kein Buch von ihm, welches dem Leser nicht irgend einen Genuß, nicht irgend eine Anregung böte, und man kann es aufrichtig begrüßen, daß von den ausgewählten Schriften des Freibüraer kathol. Stadtpfarrers, welcher wie sein Landsmann Alb. Stolz eine Individualität repräsentirt, die Verlagshandlung eine „Volksausgabe" veranstaltet. Das vorliegende Buch enthält tagebuchartige Reflexionen und Schilderungen aus dem Sommer 1896, da Hansjakob sich in feinern Tusknlum, seinem „Paradies" zu Hofstetten aufhielt. Die Stimmung ist überwiegend elegisch, weltmüde, aber sie langweilt den Leser nie und erzeugt keinen Ueberdrnß. Dafür hat die Darstellung zuviel künstlerischen Reiz und ist der Reichthum an edeln Gedanken zu groß. Der Freimut!), mit dem die begegnenden Personen alle mit Namen und Qualitäten angeführt werden, mag etwas befremdlich erscheinen. Wieland M., Das Cistercienserkloster Schönau im Bisthum Würzburg. 8°. 20 S. Bregenz, I. N. Teutsch, 1897. s Die kleine Monographie, Sonderabdruck aus der „Cistercienser-Chronik" (9. Jahrgang) bietet einen ganz interessanten Beitrag zur Ordens- und Lokalgeschichte. Das Kloster, das uns der Verfasser auch im Bilde vorführt, lag am linken Ufer der fränkischen Saale und war eine Gründung des Friedrich von Heßlar, die Clemens 111. am 25. Mai 1190 bestätigte. In den schweren Zeiten der Reformation und ihrer Folgen hat der stille, weltentlegene Sitz manche Stürme durchgemacht. Die kürze Arbeit erfreut uns durch peinliche, quellenmäßige Genauigkeit der Angaben. Abicht, Kurze Formenlehre der russischen Sprache. 8°. 72 SS. Leipzig u. Wien, R. Gerhard. 1897. M. 1,80. Je mehr die politischen Verhältnisse Anlaß geben, dem ungeheuern Slavenreich des Ostens ein aufmerksames Auge zu schenken, desto gebieterischer tritt auch die Forderung auf, russische Sprache und Literatur, vor kurzer Zeit noch so viel wie unbekannt, zu studiren. So sind in jüngster Zeit ziemlich viele Lehrbücher des Russischen, gute und noch mehr schlechte, herausgekommen. Die sog. praktischen Grammatiken oder Eintrichterungsbücher haben durchweg ein wunderbares Geschick, Zusammengehöriges auseinander zu reißen, um ja nicht systematisch (was man mit pedantisch verwechselt) zu werden. Nichts aber ist in Wirklichkeit unpraktischer und denkenden Menschen, die Ordnung und Gesetzmäßigkeit in allen Erscheinungen erkennen wollen, lästiger. Diesen nun hat der Verfasser obigen Buches einen großen Dienst erwiesen, indem er die russische Formenlehre m vorzüglicher, streng systematischer Anordnung so vollständig darstellt, wie sie selbst in den umfangreichsten „praktischen" Lehrbüchern vergebens gesucht wird. Während diese sich mit Aufzählung von Aeußerlichkeiten begnügen, geht Abicht stets auf die Entstehung der Formen zurück. Einige Jnconseguenzen und Unebenheiten der Orthographie sind uns ausgefallen, so S. 5 „LerkeLti" und unterhalb gleich „ksrtsoti", oder S. 23 „vakiü" (statt „vneat"). Die Ausstattung des kleinen, aber inhaltsreichen Buches verdient alles Lob und macht der Verlagsbuchhandlung, welche die russisä-e Literatur besonders pflegt, alle Ehre. Das Buch bildet das erste Heft eines Sammelwerkes „Hauptschwierigkeiten der russischen Sprache". Dies el G. (o. «s. U.), Die Arbeit betrachtet im Lichte des Glaubens: Ein Beitrag zur Lösung der socialen Frage. 8°. IV -i- 303 SS. M. 2,00; geb. 2,60. Regensburg, Fr. Pustet, 1897 (Ü.). -r. Nachdem die moderne Zeit von dem jungen Seelsorger immer gebieterischer die Beschäftigung mit der socialen Frage erfordert, ist es mit Dank zu begrüßen, wenn erfahrene und bewährte Schriftsteller dem Neuling verlässige Richtpunkte bieten. Die Frage über den Werth der Arbeit im Lichte christlicher Anschauung ist für alle weiteren Erörterungen von grundlegender Bedeutung; sie wird iin vorliegenden Buche mit Klarheit und eingehender Sachkenntnis; behandelt. Der erste Abschnitt handelt in acht Paragraphen von der Arbeit vor und nach dem Sündenfall (einst Lust, jetzt Pflicht), von den Mühen und dem Fluch der Arbeit als Sündenstrafe und den Gründen dieser Art von Strafe. Der zweite Abschnitt führt uns in die Geschichte ein und spricht von der Arbeit vor Christus (eine Schande bei den Heiden) und im Christenthum, wo sie durch Christus selbst geadelt und gesegnet, von der.Kirche geschützt und gepflegt wurde. Der dritte Abschnitt handelt von der Arbeit, wie sie im modernen Leben des Neuheidenthnms, losgelöst von jeder höheren Weihe und der Anerkennung übernatürlicher Beweggründe und Pflichten, beurtheilt wird. Das Schlußwort mahnt angesichts der trostlosen Lage des modernen Arbeitslcbens zur Rückkehr zum praktischen Christenthum. Das Buch. dem wir besonders eine treffliche Verwendung von Stellen ans der hl. Schrift nachrühmen, eignet sich gilt als Lesebuch in Arbeitervereinen und wird sowohl den Leitern solcher, wie auch Predigern willkommene Anhaltspunkte zu Vortrügen bieten. — Oesterreichisches Literatnrblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Dr. Franz S ch n ü r e r. (Administration: Wien, I-, Amra- gasse 9.) Nr. 9 enthält u. A.: Baur I. (Studiendirektor Msgr. vr. A. Fischer - Colbrie. Wien.) — Blaß F., Grammatik des nentestamentlichen Griechisch. (Theol.-Prof.vr.Jos. Schindler,Leitmerrtz.) — Groot I. V. de, Leo XIII. und der hl. Thomas von Aquino. (vr. v. Gr. Pöck, Heiligenkreuz.) — Englert W. Ph., Arbeitergeistliche. (Spir.-Dir. vr. C. Weiß. Wien.) — Strauß D. F., Ausgewählte Briefe. (Hd.)— Güttler C., Psychologie und Philosophie, (vr. Nich. v. Kralik, Wien.) — Michael Emil, Geschichte des des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrh, bis zum Ausgangs des M.-A. I. (A. K.) — Daviosohn Rob., Geschichte von Florenz. I. (vr. HZ. Ferd. Helmolt, Leipzig.) — Ders., Forschungen zur älteren Geschichte von Florenz. (Ders.) — Mur ko M.. Deutsche Einflüsse auf die Anfänge der slav. Romantik. I. (Jos. Frbr. v. Helfer t, Wien.) — Conversations-Lexikon: Ärockhaus-Meyer. IV Geschichte. I. (v.) u. s. w. Verantw. Redakteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.