ein. 37 7 '" o zm Sligskurgel Weitung. 3. Mt 1897. Aus Zeitwinkel und Perspektive. Von Cölest. Schmid. Man könnte die verschiedensten Signataren unserer schillernden Zeit aufstellen. Soll ich es von« humanistischen Standpunkt aus thun, so möchte ich die Hauptsignatur sehen in der götzenähnlichen Allmächtigkeit Goethes einerseits, in der vollständigen Versandung der Homerforschung andererseits. Vielleicht würden manchem diese zwei Erscheinungen keinen genügenden innerlichen Zusammenhang zu haben scheinen. Ich für meine Person möchte dieselben geradezu in das Verhältniß von Ursache und Wirkung zu einander stellen. Während sich für Dante und Sheakspeare trotz manchem und trotz allem doch nur erst die Bibliothekfächer von auserlesenen Naturen und wohl auch von manchen Specialliebhabern zu füllen beginnen, wächst der Dichter- Geheimrath als allgegenwärtige Macht, fast möchte ich sagen in den Dimensionen eines altmexikanischen Götzen, in den weiten Kreis der modernen Bildung herein. Und an ihn klammert sich thatsächlich immer mehr, fast wie .an einen rettenden Balken, unsere gesammte literarische 'und zwar nicht nur die durchschnittliche Talentkultur, sondern auch vielfach die prätensiöse Originalität und Genialität unserer Hochmodernen oder wenn man will Hochdekadence von den zärtlichen und überzärtltchen Priestern der wahren Symbolisten bis zu den Männern mit socialistischen Allüren oder socialem Ernst, die eben nur leider in der „olympischen Aristokratcnnatur" Goethes vielfach nicht mehr das finden können, was sie doch wohl so gerne finden würden. Je mehr wir uns dem Ende des Jahrhunderts genähert haben, je mehr ist Goethe zu einer Art Ueber- und Allmensch geworden. Einzelne sind es ja schon länger, die zweifelnd und fragend aufschauen oder auch gar besorgt werden, als wenn sie schlimme Witterung hätten. Aber so etwas auch am Ende gar öffentlich und mit Ernst ausznsprechcn, darüber schwebt noch immer das heiligste Anathem von Priestern und Gemeinde. Und der schwäbische Professor Weitbrecht, der da neulich in seiner Schrift „Diesseits von Weimar" meinte, Goethe hätte das jenseits Weimar auch bleiben lassen können, um sich selbst und der germanischen Poesie nicht abtrünnig zu werden, ist eben ein temperamentsvoll polternder Schwabe. Einer freilich hat es gewagt und durfte es wagen, bei aller Verehrung für den Altmeister ein scharfes, vorwitziges Schlagwort von nicht ganz hochheiligem Klang in die Dithyramben zu schleudern. Aber er braucht ja in Deutschland nicht bekannt zu sein — und kann es auch zunächst vor lauter Nietzsche und Düring nicht sein. Und doch meine ich keinen Geringeren als den nord- amerikanischen Philosophen Emerson, augenblicklich vielleicht der einzige, dessen Werke die Kräfte der wild und zügellos gewordenen absoluten Vernunft- und Naturphilosophie einigermaßen lösen und positiv einheitlich re- orgauisiren könnten. Schon allein seine „Repräsentanten des Menschentums" geben eine prächtige Geschichte der philosophischen und künstlerischen Hochkultur: und dies ist die einzige mögliche und unumgänglich nothwendige Basis einer einheitlich sammelnden und positiv lösenden Philosophie der Zukunft. Und eben da nun hat Emerson unter den Repräsentanten des großen MenschenthumS nicht allenfalls Goethe als Typus des Dichters aufgestellt, sondern Sheakspeare, während er bald darauf von dem Dichterforscher von Weimar den Typus des genialisch großen Schriftstellers aufzeigt. Ich möchte nun durchaus nicht sagen, daß ich ln Sheakspeare den höchsten Typus des Dichters erkennen würde. Dante kann sich mit ihm streiten, Homer, in richtiger Weise erkannt, seinerzeit noch vor ihn treten. Aber Goethe als Typus des genialischen Schriftstellers: dies befreiende Schlagwort allein ist ein untilgbares Verdienst des großen, auf Ausgleichungen sinnenden Nordamerikaners, der in nicht gar zu langer Zeit wohl auch doch für uns vor der Thüre steht. Das 19. Jahrhundert trotz manchem und trotz allem, am durchgreifendsten gerade seit dem Eintreten der entscheidenden Wende, eine Aera der in die Breite» gewiß auch in die Tiefe und Höhe wachsenden Schrift- stellcrei und Goethe als sein sich immer monströser herauswachsendes Idol: das läßt gar manches scheinbar Unentwirrbare durchschauen. Und nun ist gar auch noch einer der Hochmodernen gekommen und hat in einer kleinen Schrift, die von den sichersten Recensenten und Literatnrprotcktoren anscheinend mit verlegenen Augen gelesen und mit schwankendem Griffel kritisirt wird, in dem Essay „Goethe am AuSgang des Jahrhunderts", das alles, was der Jesuit Baumgartner vorbereitet, was ich manchmal bei dem immer noch totgeschwiegenen Paul Garin zwischen den Zeilen lesen zu müssen glaubte, mit Worten bestätigt und herausgesagt, die wie einzelne Rosen in einer Stachelhecke anmnthen. Goethe nach der Anschauung des Verfassers, des Herrn Servaes, Idol des ausgehenden Jahrhunderts und zugleich Asyl und Palladium der flachsten, seichtesten Bildungsmittelmäßig- keit: und dazu ist Servaes selbst einer der glühendsten Verehrer Goethes, der mit fast Boecklin'schcn Farben die seligen Jnselgefilde weit draußen im blauen Ozean zu schildern weiß, wo die durch Schopenhauer und Richard Wagner zerschlagene menschliche Glückseligkeitsharmonie, wie sie sich zum letzten Mal in Gothischer Dichtkunst und in Gothischem Menschentum gezeigt hat, vielleicht für lange, vielleicht für immer verschwunden sein soll. Emerson sieht in Sheakspeare den Dichter x. Z. Auch Servaes scheint da hinauskommen zu wollen, allerdings nur in einer weite Perspektiven eröffnenden Andeutung. Er betrachtet Goethe als die letzte glückliche Synthese im Kampfe des großen Mcnschenthums mit dem Dämonischen, in welchem Kampfe er auch mit Recht den springenden und zugleich wundesten Punkt der unendlichen Goethe-Forschung und den eigentlichen Schlüssel zur Lösung des Räthsels erblickt. Und nachdem er dann als typische Gegenkämpfer des 19. Jahrhunderts van Beethoven, Kleist, Schopenhauer und Nietzsche aufgeführt, in denen die von Goethe in sich selbst überwundene Wcrtherei in größerer Form Ivieder aufgelebt sei, um immer mehr in das Jahrhundert als Wahrzeichen hineinzuwachsen, meint er dann, eine weitere, noch höhere Synthese bedeute Sheakspeare. Diese Synthese müßte nach den Ausführungen von Servaes folgerichtig gemeint sein von den sich paralysirenden Er- scheinnngsthpen der Weltbespiegelnng und der Selbst- enthüllung des Lebens für die Kunst und des Sterbens. 262 für die Kunst, der harmonischen Vollendung und des. tragischen.Heroismus. Den Schlüssel zu dem Geheimnis; dieser Synthese gibt Scrvacs nicht mehr: ich möchte ihn darin sehen, daß bei dem nordgermanischen, vielleicht einzig germanischen Genie Sheakspeare das als lösender Mittelpunkt in den Kraftkreis tritt, ivas bei Goethe nur in seinen besten Jngcndjahren leise anklingt, um bald von weltfremd antikem Sinnen und von der Resignation der That abgelöst zu werden: in dem großen tragischen Humor. Wenn bei Emerson dem Amerikaner der Erklärungsgrund dafür, warum er nicht über Sheakspeare hinausgekommen ist, vorläufig am besten in der angelsächsischen Eigenart und Nationalitätsabgeschlossenheit gefunden werden kann, die auch den tumultuarischen Urhomeriker Wood (Ueber das Originalgenie des Homer 1789) beherrscht und ebenso den bedeutendsten englischen Homerikcr der Jetztzeit, Jebb (Einführung in den Homer), nicht aus dem Bannkreis der Vergleichung zwischen dem Ur- fänger und national-angelsächsischer Poesie hat herauskommen lassen: so ist dies bei dem mitten in der modernen Literaturbewegnng stehenden Servaes wohl noch leichter erklärlich, da er sich ja, als Nichthomeriker, auf die Resultate der Homerforschnng verlassen mußte. Nebrigens ist ebenso richtig als bezeichnend, daß Emerson als Typus des Philosophen den Platon aufstellt. Wollte Gott, man wurde, mit oder trotz dem neu- platonischen Kantianer und Spiritisten Karl du Prel, allmählich auch thatsächlich immer mehr vom Standpunkt und mit den Mitteln des fiammeugleich zum Himmel zurücklohenden Platon als nsit denen des großen Stagiriten, der trotz Metaphysik und Ethik doch ewig irdische Bausteine wägt und richtet, fassen und betreiben! Aber Platon war auch der einzige, der sich dessen untersing und unterfangen durste, die festgefügte große Welt des Homer für die Menschen aus den Angeln heben zu wollen: und wenn man richtig zusieht, ist Platon das, was er geworden ist und vielleicht für die Zukunft erst recht werden kann, geworden, indem er nicht mehr Homer sein konnte. Und so rückt nui^ Emerson allerdings bis vor die Thore des homerischen Tempels heran, um dessen Portale sich seit Platon für die Menschen aller Zeiten schreckende Drachen mit bezauberndem und verwirrendem, niit verheißendem und vernichtendem Sphinggenblick winden. Warum auch der wirklich große Philosoph Emerson die Thore nicht hat durchschreiten können? Warum er von Homer, dem thatsächlich größten Dichter aller Zeiten, schweigt? Ich weiß es nicht. Wohl aber denke ich mir, daß er es gethan und nicht gethan, weil er eine dem Platon vielleicht kongeniale Natur war, und weil für uns vielleicht erst die Zeit kommt, den Platon zu erreichen: noch nicht den Homer. Vielleicht auch, weil der ganze angelsächsische Stamm, vielleicht auch der ganze deutsche Norden, nicht dazu berufen ist, bald oder einst den Homer zu fassen und als neuen, endgiltigcn Wegweiser in die reinen Gänge der arischen Zeitgeschichte zu stellen: ihn, den höchsten Seher der Dinge — und den ersten arischen Besieger sowohl des.drückenden Elementeglaubens als der grübelnd niederziehenden Spekulation des semitischen Orients. Es wäre ungerecht und sinnlos, dem deutschen Norden seine Verdienste um die Homerforschnng, die Zierde und den Stolz der deutschen Gelehrsamkeit und der deutschen Kritik, abzusprechen. Der deutsche Norden hat nicht nur die glühendsten, kritiklosesten Schwärmer für Homer gehabt: von Nitzsch bis zu Herm. Grimm und Knötcl: er hat auch die konsequentesten Analytiker und Evolutioustheoretiker, von G. A. Wolf bis Hermann und Lachmann, auszuweisen, die mit glühendem Temperament die einzig mögliche Erklärung alles Genialischen und Genialen, die evolutionistisch-genetische, aufgestellt und verfochten haben, er hat auch einen Wilamowitz auszuweisen, der über die nur halb poetisch-sachliche Kritik von Christ und Cauer hinaus den Satz aufgestellt hat, die Homerforschnng muß durch Wolf und Lachmann über diese beiden hinaus, und zunächst muß die Philologie überhaupt, soll sie für die Zukunft noch Lcbensberechtigung haben, direkt Kunst werden. Dieses schöne und große Wort des onsimt tsrridls der Philologen ist aber ein ebenso uugehörter oder un- geglaubter Kassandraruf geblieben, wie die optimistischen Erwartungen und Hoffnungen, die Simrock unmittelbar vor dem deutsch-französischen Krieg» in seiner 3. Ausgabe der germanischen Mythologie, von dem Wiederaufleben deutschen VolksbcwußtseinS und. deutscher Volkspoesie gemeint hat aussprcchen zu können, in der Zeitenwende spurlos verhallt und verschwunden sind. Ueber das deutsche Volksthnm. und über . die deutsche Poesie hat es sich seit jener Wende hcrcingcwälzt wie trübende, stickende Schlammflnthen, aus deuen man erst jetzt allmählich wie aus schweren Alfenträumen nufzuathmen und auszuschauen beginnt. Die Homersorschung aber verbreitert sich je länger, je mehr in das ausgesuchteste Spccialistenthum oder in enthusiastische Kritiklosigkeit hinein. Seit Wilamowitz jenen Ruf erhoben, hat sich nur ein Nachhall hören lassen: und das war in dem Buche Caucrs, in dem wenigstens manches redlich eingestanden und aufgedeckt und in ernster Weise auf höhere Homerkritik hingewiesen wird. Seitdem sind aber auch die Bücher von H. Grimm, Knötcl und Erhard erschienen. Von ihnen nimmt der gefeierte H. Grimm den Standpunkt des homerlcseuden Webers aus dem 18. Jahrhundert, von dem er in der Vorrede mit launiger Beziehung auf sich selber spricht, auch thatsächlich ein. Erhard hat den Homer ini Gegentheil wieder einmal in Splitter und Scherben sogenannter poetischer Volkstradition zerdrückt, so daß eigentlich die ganze Homergeschichte, um die sich nun schon ganze Reihen von Generationen der alten und der neuen Zeiten mit hohem, sittlichem Ernst bemüht haben, zu einer schönen heroischen Staffage für die, immerhin auch zopfige, Gclehrtcn- commission des Athener Tyrannen Peisistratos werden würde. Knötel aber wiederum bewegt sich auf den blauesten Gewässern eines künstlerische Kritik und sich selbst preisgebenden Enthusiasmus, der nicht nur überall in Jlias und Odyssee wirklich homerische Kunst zu sehen vermag, sondern auch das persönliche Leben des Homer mit breitester, schönster Romanmänier in das Ungefähr eines Variötä- und Sängcrgesellschaftsdirectors mit durchaus offenen und durchsichtigen Lebensverhältnisscn ver- aoandelt. Und über all das hinweg fluthen die öden» flachen Schlammuferwellen eines zünftigen Specialisten- thums, das sich allerdings gerne exakte Forschung und philologische Akribie benennt. Eine bedeutungsvolle Zeit- signatur! (Fortsetzung folgt.) 263 Die St. Michaels-Hofkirche in München. Eine Studie zur 3. Säcularfeier der Einweihung der Kirche vom 27.—29. Juni 1697. Von J. M. Förster. (Fortsetzung.) Dci der Bau der Kirche seit 1583 mit geringen Unterbrechungen fortgeführt worden war, konnte man darauf rechnen, dieselbe schon 1589 zu weihen. Und wirklich war im September genannten Jahres der Bau ") so weit vorgeschritten, daß die Weihe auf den 21. Oktober festgesetzt werden konnte, der Herzog bereits Einladungen hinausschickte und sogar Auftrag gab, die Küche gut zu versorgen. Da ward auf einmal — aus welchem Grunde, ist unerfindlich — die Feier verschoben, und noch ehe der Sommer des Jahres 1590 herangekommen war, trat ein Ereigniß ein, welches für den Kirchenbau die tiefgehendsten Folgen nach sich zog?'-') Schon Ende April machte man nämlich die Wahrnehmung, das; sich der Thurm bedenklich zur Seite neige, weßhalb der Herzog bereits am 2. Mai 1590 eine Commission zur Untersuchung etwaiger Fährlichkeiten berief, welche auch am 7. Mai zusammentrat, aber mit ihrem Gutachten, wie mit verschiedenen Anordnungen auf theil- weises Abtragen des Thurmes, Ausfüllen des unteren Theiles, Stützen der gefährdeten Theile rc. rc. zu spät kam, denn ani 10. Mai 1590 Abends 2 °) stürzte der Thurm ein, glücklicherweise ohne ein Menschenleben zu gefährden. Die eingeleitete Untersuchung bürdete dem Maurermeister Müller die Hauptschuld auf, „der zu wenig (nach)sah und ein nnfleißiger Mann war", weß- halb ihn der Herzog bei Wasser und Brod acht Tage lang im „Fronhaus" einsperren und dann in den Falkenthurm 2') schaffen ließ. Der Einsturz des Thurmes führte natürlich zunächst eine große Stockung im Fortgange des Baues herbei, da, wenn auch weder das Gewölbe noch der Dachstuhl, so doch der damalige Chor der Kirche Schaden genommen hatte und der völlige Abbruch des Thnrmrestes, sowie die Hinwcgränmung des Schuttes nahezu zwei Monate beanspruchte. Der Herzog, welcher in dem Zwischenfalle eine Fügung Gottes erblickte, „weil die Kirche für die Majestät des hl. Michael zu klein sei," beauftragte nunmehr den Hofmaler und Architekten Friedrich Snstris, „zur Verlängerung der Kirchen oder Langhaus und des neuen Chores zu machen," zu welchem Zwecke die „alte Schule" 22 ) abgebrochen werden mußte. — Gleichwohl führte der Herzog sein Vorhaben, die Kirche baldmöglichst ihrem Zwecke zu übergeben, durch, indem dieselbe, nachdem in ihr sechs Altäre aufgestellt und das Langhaus gegen Nordosten, wo der verlängerte Chor angefügt werden sollte, durch eine Fehlmauer abgeschlossen worden war, am 29. Sept. 1590 von dem Freisinger Weihbischof Bartholomäns Scholl benedicirt wurde. In der Kirche standen folgende (provisorische) Altare: Die Kirche erstreckte sich damals nicht weiter, als bis zu den heutigen Chorstnsen, wobei das östliche Oluer- schiff gleichzeitig die Basis für den Thurm bildete. '°) Vgl. Gmelin a. a. O. S. 22. Nach anderen Berichten erfolgte der Einsturz Vormittags 8 Uhr. Der Falkenthurm war daS damalige Criminal- gefängniß, und ist die Falkenthnrmstraße, wo er stand, nach ihm benannt. '0 Das ist das oben erwähnte Gymnasium des hl. Erzengels Michael, vom englischen Gruße, der hl. Apostel Petrus und Paulus, sowie Andreas, der hl. Magdalena und der hl. Ursula. Am Tage vor der Bencdiction der Kirche weihte Wcihbischof Bartholomäns die bereits im Jahre 1585 von Herzog Ferdinand gestifteten vier Glocken,^) deren eherner Mund das Volk zu der seltenen Feier rief. Zu derselben hatten sich eingefundcn: der Stifter der Kirche und seine Gemahlin, Erbprinz Max und dessen Bruder Philipp, erwählter Bischof von Regensbnrg, deren Schwester Maria Anna, des Herzogs Bruder Ferdinand, außerdem der Hofstaat und viel Volks aus allen Ständen, das die prächtige Ausstattung der noch nicht einmal vollendeten Kirche bewunderte: denn Herzog Wilhelm selbst hatte einen vom Goldarbeiter Hans Schleich zu München aus Gold gebildeten Erzengel Michael, köstlich mit Diamanten und Rubinen besetzt, geschenkt, seine Gemahlin Renata zwei silberne Crucifixe und sechs silberne Armleuchter (von dem AngSburgcr Silberarbeiter Andrä Amstctt), der Erbprinz Maximilian einen goldenen, mit Perlen besetzten Kelch des Nürnberger Goldarbeiters Mathias Stiber und der herzogl. Kämmerer und Rath Hortensius von Tyriach ein silbernes Crucifix mit vergoldetem Postament und Kreuzesstamm, nebst zwei silbernen und ver- 2 °) Dieselben scheinen auch im früheren Thurm ziemlich tief gehangen zu sein. Die größte Glocke, in der Mitte von zwei anderen hängend, ist dem hl. Michael geweiht, mit dessen Bildniß aus der einen und jenem des herzoglichen Stifters, das sich auch auf den drei andern wiederholt, geziert. Ober dem bayerischen Wappen befindet sich der rechts und links von anbetenden Engeln umgebene Namenszug Christi, unter dem Bilde des hl. Michael die Inschrift: 8t. Uiobaslis 1833, unter jenem des Herzogs steht: Dorck. D. (1. II. Dav. I). 1583. Den obern Kranz nimmt die Inschrift ein: In oouspsotu an- Zelornw psallam tibi, aäorabo ack sanotum templuin turnn. Im untern Kranze steht: Dum osi-usrst llosnnss saermn U.vstorium Uiokaolis ^rokanA'elus tuba osoinit. (Im Angesichte der Engel will ich Dich lobpreisen und in Deinem hl. Tempel anbeten. — Während Johannes das hl. Geheimniß schaute, blies der Erzengel Michael auf der Posaune.) — Eine deutsche Inschrift besagt: In Gottes Haus gib ich ein lieblich Getön — Hans Frey von Kempten goß mich allste so schön. — Wiegt die Michaelsgtocke 56 Ctr., so ist die Frauenalocke um 25 Ctr. geringer: dieselbe trägt das Bild der Muttergottes mit dein Jesukinde, darunter steht: 8. Naria. ora pro nobis 1585. Im obern Kranze steht: Hvs Us»ino Ooelorum, Domino rlnAslornm, 8olv6 liackix sanota; im untern: 8alvs RsZIna, Unter Uiserieorckme, Vita, Dulosäo et 8ps8 nostra salve. (Gegrüßt seist Du, Himmelskönigin, der Engel Herrscherin, Heil Dir, hl. Wurzel — Sei gegrüßt, 0 Königin. Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Süßigkeit und Hoffnung, sei gegrüßt. — Der deutsche Vers läutet: Zu Gottes Lob bat mich hie gössen — Hans Frei von Kempten unverdrossen. — Die dritte Glocke ist die Apostel- glocke (18 Ctr.) mit den Bildern der Apostelfürsten Petrus und Paulus, darunter: Orats pro nobis. 1585. Im obern Kranze steht: In omnom tsrram exivit soims eormn et in tlnes orbis terrae vorba eormn; im unteren: Detrus Lpostolus et kaulus ckoetor Oentium ckoouerunt lsAoin tuam. (In alle Welt ging ihre Sprache und bis an die Grenzen oes Erdballs ihre Worte: — Der Apostel Petrus und der Völkerlehrer Paulus verkündeten dein Gesetz.) — Teutsch: Auf meinen Klang kommt All' herbei — Und preiset Gott mit Meister Hansen Frey. — Die 4. Glocke (9 Ctr.) „Fg'nus Doi" zeigt Christum am Kreuze, darunter die Wdrte: 8alvo nos 1585. Oberer Kranz: Iloo siAmnn Orneis vrit in Ooslo; unten: Dielte in nationibus UoAllavit a 8i»',m Oraeis Dons. (Dieses Zeichen des Kreuzes wird am Himmel stehen: lehret unter den Völkern: es herrschte Gott vom Kreuze herab.) — Deutsch: Hans Frey nahm ! Sleast Metall — Und macht aus mir einen eng- ' tischen Schall. 264 goldeten Kelchen mit Emailbildern. ^) — Außerdem gab der Herzog eine von dem Münchener Silberarbeiter Heinrich Wagner vortrefflich gearbeitete silberne Ampel, nebst einer von dem Seidensticker Joh. Menzinger verfertigten, dazu gehörigen seidenen Quasten und von eben diesem Menzinger gestickte Tapeten für den Chor, auf welchen die sieben Fußfälle Christi abgebildet waren. Nach erfolgter Benediction der Kirche hielt der Wcihbischof das Hochamt, wobei der Provinziell Ferdinand Alber 8. ll. die Predigt hielt. — Nach Beendigung der kirchlichen Feierlichkeiten gab der Herzog in dem Kollegium, dessen Bau bereits soweit vorgeschritten war, daß ein Theil von den Jesuiten bewohnt werden konnte,^) eine Tafel, zu welcher alle geistlichen und weltlichen Würdenträger beigezogen wurden. Nach derselben dankte der Jesuit David Gaßner in wohlgesetzter Rede dem durchlauchtigsten Stifter für die erwiesene höchste Gnade, worauf der Herzog feierlich versicherte, daß er während seines ganzen ferneren Lebens am Tage des hl. Michael dem Gottesdienste in dieser Kirche beiwohnen werde. Am folgenden Tage ertheilte der Wcihbischof in der Kirche den Kindern (wie auch mehreren Erwachsenen) das hl. Sakrament der Firmung und wohnte mit der herzoglichem Familie nnd den übrigen Fcstgästen einem von den Studenten gegebenen, von dem Professor Edmund Cam- piaims 8. ll. verfaßten geistlichen Schauspiele: „Die Bekehrung des hl. Angustin", bei. Schon im Jahre 1589 hatte der Herzog seinen Nöthen den Auftrag gegeben, darüber nachzusinnen, wie man von den geistlichen Gefallen ein jährliches Einkommen für die Jesuiten herausbekommen könne. In der Folge verschaffte er ihnen eine Jahresreveune von 5000 fl., sowie das Landgut Tanfkirchen und (zum Unterhalte der Kirche) die Zehenten von Aindling und Edenhausen, nebst einigen sogen. Kammergütern (sowie 1595 das bisherige Beuediktinerstift EberSberg). — Am 19. Januar 1592 gab der Herzog die Kirche dem Kollegium nebst allen Geräthschaftcn und Einrichtungen für ewige Zeiten zu eigen. Im Jahre 1593 brachten die Prinzen Max und Philipp von Rom, wohin sie unter Obhut ihres Oheims, des Herzogs Ferdinand, nnd in Begleitung mehrerer Jesuiten eine Wallfahrt veranstaltet hatten, die Gebeine der hl. Märtyrer Cyrus» Johannes, Satnrninus und Euphebins mit, welche auf den Altären der Kirche ihre Stätte finden sollten und, nachdem sie einige Zeit in der St. Stcphanskapelle auf dem (äußeren) Freithofe deponirt gewesen, am 13. August 1593 in feierlichem Zuge eingeholt wurden. ) Der Kirchenschatz, welcher theils durch Umschmelz- ung, theils durch die Brandschatzung von 1632 verloren gmg, theils bei der Ordensaufhebung zerstreut wurde, umfaßte 500 Einzelreliguien von 266 Heiligen und 12 hl. Orten, zn deren Aufbewahrung 17 Tabernakel, 31 Kissen, 24 Kästchen und Schreine, 34 Monstranzen und Osten- sorlen und 12 Crucifixe dienten. (Ginelin, S. 72.) Dazu kamen auch in späteren Zeiten weitere werthvolle Geschenke (z. B. 1665 von der Kurfürstin-Wittwe Maria Anna eine auf 16,000 st. s150,000 M.s bewerthcte Mon- stranze), welche der Exjesuit und „der chnrf. Hofkirche Propst bei dem hl. Erzengel Michael" Anton Crammer S. 95—128 der Schrift „Glorivürdigstc Vortrcfflichkeiten, Groß- und Wohlthaten des hl. Erzengels Michael" genau auszahlt. An Gold machte der Schah (nach Hübncr. Beschreibung von München I. 235) 37 Pfund, an Silber 62 Ctr. (?) aus. ^ "s) Vollständig bewohnbar wurde das Kollegium Mt 1ÜSb. Allgemach nun näherte sich der Bau der Kirche seiner Vollendung, namentlich durch den Bau der heil. Kreuzkapelle und der unter derselben befindlichen Gruft der Jesuiten,2«) welche beide der Weihbischof Scholl von Frcisiilg Ende Juli 1596 einweihte. Das Jahr 1597 endlich krönte die Wünsche des frommen Herzogs; zwei Feste, von ihm lange er sehnt, sollten in diesem Jahre gefeiert werden: die Erhebung seines zweiten, am 22. September 1576 gebornen, für den geistlichen Stand bestimmten nnd schon im 3. Lebensjahre zum Bischof von Negens- burg postulirten Sohnes Philipp zum Cardinal der heiligen römischen Kirche, welcher auch am 2. Febr. 1597 in der St. Michaelskirche unter großen Feierlichkeiten den Purpur erhielt; das zweite Fest war die feierliche Einweihung dieser Kirche, für welche der Herzog den 6. Juli 1597 bestimmte. Mit vieler Mühe war die Kirche vollendet worden. Der Ruf von ihrer Pracht ging weit in alle Lande, wie sie denn heute noch als das „bedeutendste Bauwerk des älteren München" bezeichnet wird. Zwar ist die ganze Kirche bei Mangel von edlerem Material in Bausteinen und Verputz ausgeführt und „mangelt der östlichen Langseite für die constructiven Bedingungen eine entsprechende künstlerische Lösung, so daß einerseits die mächtigen Flächen in todter Felder« Umrahmung ihre einzige Gliederung finden, anderseits die tabernakelartig zwischen die Streben gesetzten Kapellcn- absiden der Scitenaltäre als häßliche Cylinderstücke sich unvermittelt geltend machen," ^) — dafür aber „entschädigt das Innere mit dem gewaltigen Tonnengewölbe für das Acnßcre". „In ihrer jetzigen Grundrißanlage zeigt die Kirche ein einschiffiges, fast 20 m weites Langhaus mit drei Paaren von Seitentäpellcn, an die sich ein Querhaus anschließt, dessen Arme der Tiefe der Seitenkapellen entsprechen. Hinter dem Chorbogen (von 12,8 m Weite) folgt erst ein um die Chorstufen erhöhter Vorchor von genau quadratischem Grundriß, unter welchem die Fürstengruft^), und dann die aus dem halben '") Die unter der hl. Kreuzkapelle befindliche und bis unter die Kirche sich erstreckende Gruft wurde mit ersterer Ende Juli 1696 von Wcihbischof Barthol. Scholl, nachdem derselbe im Kollegium 3 Tage laug Exercitien gemacht hatte, benedicirt. ") Rebcr, „Bantechnischcr Führer durch München" S. 40 bczio. 107. Das Tonnengewölbe ist einschließlich des inner:.. Verputzes bei einer Spannweite von über 20 m nur 23'/. om stark. — Da auch die gesammten Maßverhältnisse interessiren dürften, seien sie hier gegeben: Länge des Schiffes 83 m. Breite des Schiffes 33,25, des -Querhauses 41,3, Scheitelhöhe 25 m, Tiefe der Kapellen 5 m. Mauerdicke 1,876, Entfernung der Außeumauern von einander im Querschnitt 35 m. — Von der Kirche geht bekanntlich die Sage, man habe die Festigkeit des Gewölbes durch einen Kanonenschuß prüfen wollen, aber ehe derselbe gelöst worden, habe sich der Baumeister geflüchtet (nach einer andern Lesart vom Thurme gestürzt, weßhalb dieser »»ausgebaut geblieben!). -°) Die schon 1589 angelegte Fürstengruft bildet em Viereck, zn welchem man auf 2 breiten, durch am Fußboden angebrachte Gitter (u. Gasflammen) beleuchteten Stiegen neben den Altären der HHl. Jgnatius und Franz Lavcr gelangen kann. Die beiden Gitterthürcn, welche die Gruft unten verschließen, stellen das baner. Wappen vor. An der Grnndwand der Gruft befindet sich ein einfacher Altar, an dessen Evangclicnseite der Sarkophag des unglücklichen Königs Ludwig II. steht, während sich außerhalb des Altargitters an der Epistelseite jener 265 Zchneck entwickelte Absis. — Durch kleine Treppen gelangt man links des Vorchores in die Sakristei, rechts auf einen Vorplatz, der direkt ins Freie, links dagegen in die hl. Krenzkapelle führt. — Ueber der Sakristei befindet sich ein Oratorium mit Altar; durch die daran- stoßenden Räume gelangt man in den Knppelraum der hl. Krenzkapelle und auf einer umlaufenden Galerie in das früher herzogliche, jetzt königliche Oratorium. — Die über den Seitenkapellen hinlaufenden Emporen, die von geringerer Tiefe als jene sind, erreicht man durch die beiden an der Hauptfaxade liegenden Wendeltreppen. Vor den beiden ersten Seitenaltären ist der Zugang zur Fürstengruft." Die nach innen gezogenen Streben find durch Cannelirung und Bekrönung mit (vergoldeten) Kapitalen zu Mastern umgestaltet, wodurch der sonst massive Ban zierlicher erscheint. An den Wänden sind in Lebensgröße aus Gips geformte Engel angebracht, welche die Leidenswerkzeuge tragen, während den Chor ähnliche Statuen, 22 an der Zahl, die Propheten, Apostel und Evangelisten darstellend, beleben. Die Zahl der Altäre^) betrug (ausschließlich jenes in der hl. Kreuzkapelle) acht: der Hochaltar, der Kreuzaltar (an den Chorstufen), dann (mit der Epistelseite beginnend): der hl. Dreifaltigkeitsaltar (jetzt mit dem Vorsatzbilde des hl. Johann Regis, in dessen Rahmen sich 360 Reliquien befinden; außerhalb des Altargitters ist der berühmte Ascete Jercmias Drexel 8. öl. begraben); die östliche Reihe der Altarkapellen mit dem Petcr-Paul- Altar (anf welchem der Schrein mit den Leibern der HH. Cosmas und Damian, welcher sich bis 1819 auf dem hl. Kreuzaltar befand), den« Sebaftiansaltar (mit dem Bilde nnd Reliquien des hl. Stanislaus Kostka und der Gruft der 1618 st Gräfin Eleonore Jsabella Gräfin von Oettingeu), dem Ursula-Altar (mit dem Bilde des hl. Joseph); Evangeliumseite (ebenfalls bei den Chorstufen beginnend): der Namen Jesu-Altar (mit einem Bilde des hl. Johann^ Borgias, dessen Nahmen 10 Reliquien einschließt, vor dem Altare das Grab des 1641 -j- Landshuter Chorherrn Wolfgang von Asch); westliche Altarkapcllen: U. L. Frauen (jetzt Maria-Haar-Kapelle, mit der Gruft der 1702 st- Hofdame Apollonia de Beau- val), der Andreas-Altar (mit Bild und Reliquien des hl. Aloysius und der Gruft des 1604 -st Erzbischofs von Zara und Pröpsten zu Altötting, Minutius de Miuutiis), des Prinzen Adalbert befindet. Dem Altare gegenüber riehen in einfachen Zinnsärgen: 1. die Herzogin Renata (st 1602). 2. Herzog Wilhem V. (-j- 1626), 3. Prinz Ferdinand (st 1630). 4. die Kurfürstin Elisabeth (st 1635), 5. Kurfürst Max I. (st 1651), 6. Kurfürstin Maria Anna (st 1665), 7. Herzog Max Philipp (st 1705), 8. seine Gemahlin Manrrtia Febronia (st 1706), 9. Prinzessin Theresia Benedikta (st 1743), 10. Prinzessin Theresia Emanncla (st 1743), 11. Pfalzaräsin Emannela Augusta von Sulzbach (st 1726), 12. ihr Gemahl Joseph Karl (st 1729). 13. deren Kinder: Karl Franz (st 1724), 14. Karl Philipp (st 1725). 15. Elisabeth Auguste. Gemahlin des Kurfürsten Karl Theodor (st 1794), 16. Prinz Friedrich Michael von Birken- feld-Zweibrücken, Stammvater der königl. Linie (st 1767), dessen Söhne: 17. Clemens August (st 1750) und 18. Karl August (st 1793), 19. Pfalzgraf Johann Friedrich (st 1632); die Särge 15—18 wurden aus Heidelberg, bezw. Mannheim hieher überführt. — 20. Eugen Napoleon, Herzog von Lenchtenberg, st 1824 ; 21. dessen Tochter Carolme Clotilde Eugenie, st 1816 und 22. seine Gemahlin Auguste Amalie (st 1851). — Ferner sind hier in einem Gefäße anch beigesetzt Herz, Gehirn und Eingeweide des Herzogs Albrecht VI., des Leuchtcnbergers, dessen sterbliche Hülle üt der Gnadenkapclle zu Altötting ruht. °°) Vor 150 Jahren zählte die Kirche mit der hl. der Magdalenen-Altar (mit Bild und Ne quien des hl. Johann von Neponink). Ober dem Kreuzaltare, in der Mitte des Chores, stand die imposante, nun im östlichen Querhause befindliche Kreuzigungsgrnppe ol) (Christus am Kreuze, dessen unterer Theil die durch die Salbcnbüchse kenntliche hl. Magdalena umfaßt), auf hohem quadratischem Postament, dessen Seiten Inschriften tragen; die an der Vorderseite lautet: LaotLntiu8 fieots §6nu lignumgus eruoio vonornftils aäorn; rechts: Ouiliolmus V. Oomos kni. Lfteni Dtri. Luvar. Oux Lunckator oft. In. uft loournutiono Vorfti HM6XXVI. mon. Loftrnarii ckio VII; links: Lanutu Lothar, et Luvar. Luoissu Leren. Oniliel. V. Ooogunx ei Lunäutrix Oft. Ln. L. LIV6II. äis XXIII. Llaii; hinten: tllexuncier k. k. et IViur. circa Hv. OOXXI. ox. k. tl^num sule eonexsrsuin popnlis beneäioirmm ut eu onnoti uepersi sanet-i- tiosntnr, c;uoä et cunotis sueerckotiftus lucienäuw wuncluinus?^) Hinter der Kreuzigungsgruppe, in der Mitte de? Chores, befand sich das Mausoleum des Herzogs Wilhelm V.: ein lebensgroßer Engel mit Flügeln richtete die Hände gegen ein großes Weihwasserbecken aus schwarzem Marmor derart, daß er dasselbe zu halten schien; vor der Schale befand sich ein schönes Gitter aus Bronze und Schmicdeisen, welches die in den Boden eingelassene bronzene Grabplatte des Herzogs umgab. Diese hat folgende Inschrift: ^Oovamissu mea xavosoo et ante ts ornftoseo; änna veuoris znäicg-re, noii me conclemnare."^) Die Inschrift nimmt mehr als die Hälfte der Platte ein, deren unterer Theil von zwei über Kreuz gestürzten Fackeln ausgefüllt wird, in deren Winkeln sich Todtenkopf nnd Stundenglas befinden. Krcuzigungsgruppe, Engel, Gitter und Tafel wurden 1819 in das rechte Querhaus versetzt, die Grabplatte hinter dem nun im Gitter stehenden Engel in entsprechender Höhe angebracht, und bildet nunmehr die Kreuzkapelle 13 Altäre: den Hoch-^ hl. Kreuz- (auch Altar der HHl. Cosmas und Damian), St. Jgnatius-, Namen- Jesu-Altar (auf welchem die Jesuiten 1607 die erste Krippe errichteten), Mariä-Vcrkündigungs- (auch Maria-Haar-), St. Andreas-, hl. Maria Magdalena-, hl. Franz Xaver-, hl. Dreifaltigkeits-, hl. Peter und Paul-, St. Sebastian-, hl. Ursula- und den Altar der Krenzkapelle. Jetzt beträgt die Zahl der Altäre in der Kirche nur mehr 11. von welchen der Mariä-Vcrkündignngs-Altar auch den Namen „Maria-Haar-Kapelle" führt, weil an der dort aufbewahrten Marienbüste soviele Haare der hl. Maria aufbewahrt sind. daß ans ihnen in lesbarer Weise der Name „Maria" hergestellt werden konnte. Der Name „Haar- Kapelle" wird — wiewohl irrthümlich — manchmal auch auf die an Reliquien sehr reiche Krenzkapelle angewandt, weil in derselben das härene Bußgewand aufbewahrt ist, welches Herzog Wilhelm V. trug. "), Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Peter Candid die Zeichnung entworfen. Hanns Reich! die Figuren mo- dellirt nnd Hanns Krumpper sie gegossen. ^) Zu deutsch (nach Lactantius): Beuge das Knie und bete den ehrwürdigen Kreuzcsstamm an! — Wilhelm V. rc. rc.. der Stifter (dieser Kirche). starb i. I. nach der Fleischwerdnng des Wortes 1626 am 7. Februar. — Renata rc. rc., des durchlauchtigsten Wilhelm V. Gemahlin und Mitstifterin, starb i. 1.1602 am 23. Mai. — Mit Weihwasser segnen wir die Völker, damit sie, mit demselben besprengt, geheiligt werden, was wir allen Priestern befehlen. ^) Dieser Engel wurde von verschiedenen Historikern für die Figur der hl. Cäcilia erklärt, welche auf der Orgel (!) gestanden haben sollte! Zu deutsch; Ich traure über meine Sünden una errothe vor Dir; verdamme mich nicht, wenn Dn als Richter kommst. 266 Kreuztguugsgrnppe das Gegenstück zn dem im westlichen Seitenschiffe befindlichen Mausoleum des Herzogs Engen von Lcnchtenberg. (Schluß folgt.) Die ehemalige Franziskaner-Kirche znr aller- heiligsten Dreifaltigkeit in München. Es gereicht den Söhnen des hl. Franziskns znr Ehre, daß die Habsburger sie in unmittelbarer Nähe ihres Schlosses in Innsbruck mit der Hofkirche zum hl. Kreuze ansiedelten und ebenso die Wittclsbacher ihnen zwischen dem 1253 angelegten alten Hofe und. der neuen Beste ein großes Terrain überwiesen, auf dem alsdann Kloster und Kirche zur allcrheiligsten Dreifaltigkeit errichtet wurden, wo sie stets Freud und Leid in dankbarer Treue mit dem Fürstenhause theilten. Auf dem außerhalb der Münchener Stadtumwallung befindlichen Terrain hatte die Familie von Haßlang bereits im Jahre 1227 das Begräbnißrecht erlangt und sich hier eine Kapelle erbaut. In Verbindung mit dieser der heiligen Agnes geweihten Kapelle wurde Kloster und Kirche der Franziskaner im letzten Viertel des XIII. Jahrhunderts derart zur Ausführung gebracht, daß die Klosterkirche in der heiligen Linie von West nach Ost ihre südliche Langseite der Stadt zukehrte, während die Conventsbauten sich auf der Nordseite gegen die neNe Beste hin erhoben. Hierbei ließen sich die Franziskaner immer von der Oertlichkeit leiten, und so kommt es, daß man auch in Köln am Rhein Krcnzgang und Convent an der Nordseite der schönen, Sanct Maria, Franziskns und Antonius geweihten Minoritenkirche errichtete, während man sowohl bei Santa Croce in Florenz wie Sanct Martin zu Freiburg im Breisgau die Klosterbauten im Süden der Kirche findet. Die neu erbaute Münchener Franziskaner-Kirche wurde im Jahre 1294 durch den Freisinger Bischof Einicho, Grafen von Moosburg, in Gegenwart des regierenden Herzogs Ludwig des Strengen und der Prinzen Rudolf sowie des siebenjährigen Ludwig, nachmaligen Kaisers, feierlich consccrirt; leider haben uns hierbei die Urkunden den Titelheiligen verschwiegen. Im Jahre 1311 fand eine Fcuersbrnnst statt, der angerichtete Schaden wurde vom damaligen k. Guardian Friedrich Chorburg alsbald wieder gehoben. Schlimmer erging es Kloster und Kirche beim großen Münchener Stadtbrande 1327, denn erst am Sonntage Jubilate des Jahres 1375 weihte der Franziskaner Albert, Bischof von Salona, Weihbischof zu Freising, die wieder hergestellte Kirche zu Ehren der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der seligsten Jungfrau Maria, der zwölf Apostel sowie der Heiligen Franziskns und Antonius von Padna. Schon 1327 hatte Kaiser Ludwig der Bayer nach seiner Krönung zu Mailand das in Holz geschnitzte Brustbild des heil. Antonius von Padna nebst einer Reliquie vom Arme dieses Heiligen nach München gebracht, was zur Errichtung einer besonderen Kapelle an der Süd-, also der Stadtseite des Gotteshauses der Franziskaner geführt hat. Diese St. Antonius- Reliquie war Veranlassung dem Kloster den Namen des hl. Antonius von Padua zu verleihen. Da aber urkundlich keine spätere Consekration der Hanptkirche bekannt?) so haben wir mit vollem Rechte die 1375 erfolgte mit St. Trinitatis xrimo looo als feststehend an- ) Gütige Mittheilung des derzeitigen Historiographen vom Münchener Franziskanerkloster zu St. Anna, Herrn k..Parthein'tts Minges. zunehmen. Die Franziskaner haben außer der Münchener Kirche znr allerheiligsten Dreifaltigkeit noch ebensolche in Trier an der Mosel als gothische Hallenkirche mit einem Chöre von fünf Seiten des Zehneckes, in Colmar im Elsaß sowie zn Danzig in Westprenßcn gehabt, auch nannten so ihr Gotteshaus die von 1340—1782 bestandenen Franziskanerinnen in Säckingen a. Rh. Ucbcrliefert ist uns ferner, daß der Kircheuban im Jahre 1380 sei vollendet gewesen, daß 1618—1620 und 1723 große Ncstauratious-Arbeiten stattgefunden haben. Nach der Säkularisation ward im Jahre 1802 das Franziskaner-Kloster sammt Kirche und Kapellen vom Hutmacher Giglbergcr und Kammmacher Duisberg käuflich erworben und znr Demolirung bestimmt, was denn auch alsbald znr Ausführung gebracht worden ist. Unseres Wissens wurde bei dieser Zerstörung einzig nur der zwifchen 1480—1500 von Hans Olmendorf ausgeführte Hochaltar mit dem Hanptbilde der Kreuzigung gerettet, welcher sich jetzt im Münchener Königlichen National- Musenm befindet, ferner ein aus Tegernseer rothem Marmor bei Gelegenheit der von 1618 — 1620 ausgeführten Restauration hergestelltes Portal, das heute dem Hause Nr. 55 der Sendlinger - Straße als EinfahrtsThor dient. Für die bauanalytlsche Beurtheilung der ehemaligen Franziskanerkirche znr allerheiligsten Dreifaltigkeit ist das im National-Musenm befindliche Modell des Bildhauers Jacob Sandtner vom Jahre 1572 von hohem Werthe, ebenso die Aufnahmen des Theologen Stimmelmeyer, Benefickaten der Hofkapelle zn St. Lanrentius, vom Ende des XVIII. Jahrhunderts, endlich auch die vom Maler I. M. Qnaglio dem Jüngeren angefertigten Zeichnungen, welche Carl Albert Regnet in seinem „München in guter Zeit" auf Blatt 17, 18 u. 19 im Jahre 1879 herausgegeben hat. Das Gotteshaus war hiernach im Lang- häuse eine dreischiffige Basilika, woran sich ein mit drei Seiten des Achteckes geschlossener Chor fügte; dieser hatte in gleicher Höhe mit dem Mittelschiffe seinen Dachkranz, und auch der First des Satteldaches lief voni Westfrontgiebel ununterbrochen bis znr Chorabwalmnng horizontal durch, in der Mitte über dem Manerwerke des Triumphbogens erhob sich, wie ehedem bei der Hofkapclle St. Lanrentius, ein steinernes Sattelreiter-Thürmchen, das die wenigen Kirchenglocken aufzunehmen bestimmt war. Während die drei Schiffe des Langhauses mit flachen Holzbalkendccken versehen waren, hatte ursprünglich der einschiffige Chor seine Steindecke in Form von Kreuzgewölben auf Hansteinrippen, somit eine Constrnktion gleich jener der St. Lanrentius-Kapelle im alten Hofe Münchens, welche wir in Nr. 41 der Beilage zur Angs- burger Postzeitung am 4. Oktober 1895 näher beschrieben haben. Die Jnnsbrncker Franziskaner-Kirche zum heil. Kreuze besitzt eine westliche offene Haupt-Portal-Vorhalle auf zwei freistehenden Säulen, ganz das gleiche schöne Baumotiv zeichnete die Münchener Klosterkirche Vortheilhaft aus. Ihr Langhaus hatte beiderseits sieben, also zusammen 14 Freistützen, ganz ebenso war es ehedem bet der Franziskaner-Kirche zn St. Georg in Eßlingen, die leider mnthwillig im Jahre 1840 bis auf den Chor zerstört worden ist. Desselben Ordens Basilika St. Sal- vator in Negensbnrg besitzt nur 12 freistehende Rundsäulen im Langhansc, in München waren viereckige mit Backsteinen ausgemauerte Pfeiler mit vier Pilastervorlagen, somit eine Constrnktion, die sich bis aus den heutigen Tag in Jngolstadt bei der Garnisonskirche erhalten hat, 267 welches Gotteshaus Franziskaner zn Ehren der Himmelfahrt Mariens Ende des XIII. Jahrhunderts erbaut hatten. St. Salvator hat einen Chor von vier oblongen Jochen, und hiezu kommt noch der aus fünf Seiten des regelmäßigen Achteckes gebildete Chorschluß; den ganz gleichen Grundriß zeigte das Münchener Banwerk, nur scheinen, nach Ausweis der Zeichnungen von Qnaglio, die Chorgewölbe eine spätere Umänderung erfahren zu haben. In dem 1294 geweihten ersten Kirchenbau haben wir unbedingt, wie in St. Salvator Negensburgs, einfache Kreuzgewölbe anzusprechen, und erst beim zweiten, auf den alten Fundamenten und Umfassungsmauern hergestellten, 1375 geweihten Baue wurden Netzgewölbc mit Rippen aus gebranntem Thone gewählt. Haben doch auch. der Westban von St. Jacob am Angers und die symmetrisch zweischifsige St. Nicolaus-Kapette des ehemaligen Dcchantcihofes zu St. Peter in München ihre bis aus den heutigen Tag wohlerhaltenen Netzgewvlbe, beides Konstruktionen, welche im Anschlüsse an die 1375 consecrirte Franziskaner - Kirche zur allerheiligsten Dreifaltigkeit entstanden sind. Der einschiffige, feuersicher gewölbte Chor der Klosterkirche war durch hochragende dreitheilige Stab- und Maßwerksfenster reichlich beleuchtet, was der zahlreiche, in holzgcschnitzten Chorstühlcn versammelte Cvnvent erforderte; ihn schloß am Triumphbogen ein auf freistehenden Stützen gewölbter, mit oberer Empore versehener Lettner ab; dieser dürfte außer der seitlich aufgestellten Orgel im Mittel den der allerheiligsten Dreifaltigkeit geweihten Altar besessen haben, wie solches auch beim ehemaligen Lettner der Collegiatstiftskirche zu St. Katharina in Oppenheim, a. Rh. der Fall war. Lettner waren bei den Franziskaner-Kirchen üblich, denn außer dem in München sehen wir solche in Santa Maria Glorios« dei Frari zu Venedig, zu Salzwedel im ehemaligen Erzbisthnm Magdeburg, zu Danzig bei St. Trinitatis, zu Innsbruck bei Hcilig-Krcuz und zn Eß- lingen bei St. Georg. Gerade der letztere Lettner ist in Anlage und Ausführung dem zn München bestandenen gleich gewesen und seine erst 1840 erfolgte Zerstörung recht zu beklagen. Wir haben in dem 1375 geweihten Gotteshause keinen völligen Neubau, sondern eben nur ein restaurirtes Werk anzusprechen, was die auf der Epistelseitc dem südlichen Seitenschiffe angebaute Kapelle des heiligen Au- tonius von Padna beweist. Der fromme Kaiser Ludwig der Bayer hatte aus Italien das Brustbild und die Reliquie des Heiligen den seinem Hanse nahestehenden treu ergebenen Minoriten-Brndern 1327 mitgebracht, und diese würden sicher bei einem völligen Ncubaue der ganzen Kirche die St. Antonius-Kapelle nicht als Anbau, sondern als einen wesentlichen Theil des Banprogammes behandelt haben. So hat man es bei der Mntterkirche des Ordens Sän Francesco in Assist, so hat mau es iin Santo zu Padna gehalten, und zweifelsohne würde man in München ganz ebenso gehandelt haben, wenn nicht die nach dem Stadtbrande noch vorhandenen Banreste zur Pietät geradezu gezwungen hätten. In Sandtncrs Stadtmodell erscheinen bei der St. Antonius- Kapelle mehrere äußere Strebepfeiler, woraus hervorgeht, daß dieselbe im Inneren ein feuersicheres Steingewölbe 2) Siehe „St. Jakob am Anger in München" von Frz. Jac. Schmitt in Nr. l38 der „Beilage zur Allgem. Leitung" vom 23. Juni 1997. gehabt?) und wenn man einen der Bankünstler Kaiser Ludwigs des Bayern hicfür annehmen darf, so hätten wir volle Ursache, den 1802 erfolgten Untergang ebenso zu beklagen, wie den der Lanreutius-Hofkapclle im Jahre 1814. Aus der Betrachtung von den unter Kaiser Ludwigs des Bayern Regierung entstandenen Bauwerken, wie der Marien-Abtcikirche in Ettal (siehe unseren Aussatz der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 352, Beilagenummer 294 vom 20. Dez. 1895) und der Heiliggeist-Kirche in München (siehe unseren Aufsatz in Nr. 37 der Beilage zur „Angsburger Postzeitnng" vom 11. September 1896), geht hervor, daß dieser Fürst nur Künstler mit großem Talente in Thätigkeit setzte, welche auf der Höhe der Zeit standen. Auf Sandtncrs Modell von 1572 bemerken wir am südlichen Seitenschiffe der Franziskaner-Kirche noch einen weiteren Kapetten-Anbau, eS ist die Grablege der Grafen von Hegnenberg mit dem im Jahre 1557 der heiligen Anna errichteten Altare, auch hierbei wurde noch der gothische Baustil beibehalten. An der Nordseite lagen die Sakristei, der Kreuzgaug und alle zum Kloster des heiligen Antonius gehörigen Gebäulichkeiten mit ihren Höfen; auch mehrere Kapellen, so die der hl. Agnes mit der Grablege der Familie von Haslang, so die zum heiligen Kreuze der Familie von Schwarzenberg und so die nächst der Klostcrpforte erreichtete achteckige des Grafen von Kurz. Wie in Santa Croce die angesehenen Florentiner ihre Beisetzung suchten, wie bei der Sanct Magdalena geweihten Franziskauerkirche (an der Stelle befindet sich heute die Leolo