Die St. Michaels-Hofkirche in München. Eine Studie zur 3. Säcularfeier der Einweihung der Kirche vorn 27.—29. Juni 1897. Von I. M. Förster. (Fortsetzung statt Schluß.) Einen harmonischen Abschluß dieses herrlichen Gotteshauses bildet der dreigeschossige Hochaltar, wie die ganze Kirche mit reicher Vergoldung auf weißem Grunde. Das Mitielstiick enthält, von korinthischen Säulen flaukirt, den „Engelsturz" von Christoph Schwarz; der Theil über dem Altartische wird durch einen dem Ende des 17. Jahrhunderts entstammenden silbernen Tabernakel eingenommen, der gleich dem Altare selbst im Jahre 1868, als König Ludwig II. beabsichtigte, sich mit der (bayer.) Herzogstochter Sophie zu vermählen — wobei die Trauung, welche in großartigster Weise gedacht war, in der St. Michaelskirche stattfinden sollte — renovirt wurde. Der Hochaltar war gleich der ursprünglichen Kanzel^) schon zmn Jahre 1590 fertig» doch hinderte der damalige Thurmeinstnrz seine Aufstellung. — Das gleiche war mit dem Chorgestühle der Fall, dessen Cherubköpfe trotz des dicken Oelanstriches noch heute reizend wirken. — Die älteste Orgel stammte aus dem Jahre 1595 und war von ttrban Henßler und Leonhard Knrh, seinem Schwiegersöhne, „beede Orgelmacher allhie", aufgestellt worden, welche hiefür die für jene Zeit sehr namhafte Summe von 1350 fl. erhielten. Anläßlich der ersten Säcularfeier von 1697 erhielt die Kirche eine neue Orgel, welche der bekannte Tonkünstler Abbü Vogler 1812 nach seinem sog. Simplificationssystem umänderte. — Zu Ende des vor. Js. erhielt die Kirche durch Stiftung des Herrn Professors und Hofkapellmeisters Joseph Nheiubergcr und seiner -j- Gattin Frauziska eine neue Orgel, in deren Mitte die wohlgetroffenen Reliefs des Stifterpaares angebracht sind. Das Werk, hervorgegangen aus der rühmlichst bekannten Orgelbauanstalt Max März 8c Sohn (Inhaber F. B. März) dahier, enthält 38 klingende Register, 46 Züge, 7 pneumatische Druckknöpfe, Echowerk, Rcgisterschweller, Crescendo und Decrescendo und erzielt mit der Mannal-Octaven-Kopplnng eine Stärke von 50 klingenden Stimmen. Das Werk gewährt in seiner reichen Fassung mit den bis zu 6 m hohen silberglänzenden Zinnpfeisen, deren 140 in der Front stehen, einen imposanten Anblick. Die Gesammt- zahl der Pfeifen ist 2150?°) — Die Glasmalereien in den Fenstern der Hanptfagade — die Wappen des Herzogs und seiner Gemahlin, in der Mitte den hl. Michael darstellend — find von den Glasmalern Hanns und Georg Hcbenstreit (Vater und Sohn), welche mit 6 Gesellen 46 Wochen daran arbeiteten und 894 fl. dafür erhielten. Noch erübrigt eine kurze Beschreibung der Hanpt- fagade, welche sich etwas nüchtern in 4 gewaltigen Stockwerken aufbaut und mit einem hohen Giebel gekrönt ist. Den Hauptschmuck der Fa?ade bilden neben den prächtigen Portalen aus rothem Marmor die Figuren in den roth- "fl Die ursprüngliche Kanzel lieferte im Jahre 1590 der „Kistler" Kaspar Maser, welcher hiefür 200 fl. erhielt. — Die jetzige Kanzel stammt aus dem Jahre 1697. "fl Kaspar Ett war 1787 zu Aresing am Ammersce geboren, wurde voll den Benediktinern zu Andcchs und im hiesigen Erziehuiigsinstitnt erzogen und war 1816—1847 Chordirektor bei St. Michael, wo er die ältere, strenge Kirchenmusik wieder einführte. grnndirtcn Nischen, zu oberst Christus mit der Weltkugel, darunter Herzog Otto der Große von Bayern; auf den freistehenden Postamenten am Fuße des Giebels die Bayernherzoge Theodobald und Theodo; der nun folgende Marmorfries enthält in vergoldeten Buchstaben die Worte: DLO. Okl. blJx. 8^6R?") — Im zweiten Abschnitte stehen zu beiden Seiten eines cirkelrunden Fensters je 3 Statuen: links die Bayernherzoge Tassilo und Otto, Kaiser Karl der Große, rechts König Christoph von Dänemark, Herzog Albrecht IV. der Weise und der deutsche König Rnpprecht (von der Pfalz); in dem nun folgenden Friese verkünden die Worte: In naomoriuin v. ifliolmalis ^rclmnFsli äsclionri onravit; die dritte Serie der Fürstenstatuen umfaßt die deutschen Kaiser Max I. und Ludwig IV.; die Herzoge Albrecht V. und Wilhelm, sowie die Kaiser Karl V. und Ferdinand I.; in dem nun folgenden Fries steht der Name des Stifters und Erbauers der Kirche: Ouiliolm. Oom. kulat. liiis. Iltr. Lnvnriae vux katr. ot kunäator. Im vierten und letzten Geschosse sind die Portale von rothem Marmor, deren Fcnsterkrekse durch eiserne Gitter geschützt sind, von denen das eine das Monogramm IR8, das andere das Marianische Monogramm NHL enthält. Zwischen den Portalen steht die herrliche Erzstatne des drachentödteuden hl. Michael.^) So zeigte sich die Kirche in ihrer vollen Pracht, als der 6. Juli 1597, der zu ihrer feierlichen Con- secration bestimmte Tag, herannahte, zu welcher Feierlichkeit der Herzog weit und breit, an weltliche und geistliche Fürsten gebührende Einladung hatte ergehen lassen. Es erschienen dazu auch 24 Fürsten^) und 36 Prälaten"), sowie gar viele Herren und Ritter. Mit der Morgenröthe des 6. Juli 1597 ertönte vom Thurme") der Kirche die große Glocke, und sogleich "fl Die Inschriften lauten (der Reihe nach) zu deutsch -. Gott dem allgütigen und allmächtigen heilig. — Zu Ehren des hl. Erzengels Michael ließ (sie) weihen — Wilhelm. Pfalzgraf rc. rc. als Patron und Stifter. "fl Diese herrliche Gruppe wurde von Hubert Gerhardt (wahrscheinlich nach einerZeichnnng von Christoph Schwarz, dem Maler des lebensvollen Hochaltarbildes) modellirt und bereits 1588 von Martin Frey in Kupfer gegossen. Gerhardt erhielt „per formieren und zu verschneiden" 800 fl.. Frey für den Guß 300 fl; das Kupfer kam auf 1085 fl. zu stehen. "fl An fürstlichen Persönlichkeiten waren bei der feierlichen Einweihung anwesend: Herzog Wilhelm V.. seine Gemahlin Renata, Erbprinz Maximilian, dessen Gemahlin Elisabeth, die Prinzen: Ferdinand d. ä., Cardinal Philipp, -xerdinand d. j.. Albert (der Lenchtenberger). Ernst, Kurfürst Erzbischof von Köln; die Prinzessinnen: Maria Anna. Maria Maximilians, Maria, deren Geniahl, Erzherzog Ferdinand: die Erzherzoge: Max Ernst und Andreas: Georg, Landgraf von Leuchtenberg und dessen Sodn Wilhelm. 'fl Von kirchlichen Würdenträgern waren anwesend: die Fürstbischöfe: Leopold von Passau, Johann Otto von Augsburg und Konrad von Eichstätt: die Fürstäbte von Kempten und St. Emmeran (Negensburg); die Äebte von: Rohr, Scheyern, Schäftlarn, Wcihenstephan, Neust ist, Asbach. Formbach, Tcgernsee, St. Veit, Äaitenhaslach; die Prälaten und Pröpste von: Benediktbenern, Thier- haupten, Ober- und Niederaltaich, Metten, Osterhasen, Prüfening, Welteubnrg, Pökling, Raitenbuch, Jndersdorf, Diesfen, Schlehdorf, Ettal, Fürftenfeld, Weyarn. Stein- gaden, Beyharting, Au, Gars, Ranshofcn, Nott, Baum- burg. Reichersberg, St. Zcno und der Bischof von Chiem- ;ee (Wcihbischof von Salzburg). ") Verschiedene Umstände, nicht unwahrscheinlich vor Allein schlechte, Fundamenürung. hinderten den Ansbrm 270 widerhallte der Donner des auf den Bastionen vor dem , Neuhauser- und U. Herru-Thor") aufgeführten schweren Geschützes. Eine unzählbare Menge Volkes versammelte sich auf den Straßen und Plätzen und vor den Thoren der Kirche; die Bürgerwehr rückte aus und hielt Ordnung. Um halb 8 Uhr fuhren die herzogliche Familie und ihre Gäste in Prnnkwägen und feierlichem Zuge unter Vortritt der Hofdienerschaft nach der Kirche, an der sie beim Eintritt unter Trompeten- und Paukenschall vom Rector des Collegiums und allen anwesenden Jesuiten empfangen und zu den mit rothem Sammt bedeckten Stühlen im Chöre geleitet wurden, wo sich auch die auswärtigen Kirchenfürsten und Fürstäbte befanden, während die bayerischen Aebte und Prälaten in xcmtiöoLlibuo dem Weihbischof Bartholomäus Scholl von Freising «Wirten und so die heilige Handlung verherrlichten. Die herzogliche Hofkapclle und die Tonkünstler der Jesuiten bildeten fünf Orchester, wovon sich das erste auf dem Musikchor, die übrigen aber auf den Kapellen-Emporen befanden; die ganze Kirchenmusik leitete der herzogliche Kapellmeister Ferdinand di Lasso, der Sohn des 1594 verstorbenen weltberühmten Orlando di Lasso. — Als der Einweihungsakt nach dem koittiüonis koumnuln beendet war, hielt der Weihbischof das Hochamt bis zum Credo, worauf der Cardinal-Fürstbischof Philipp die Kanzel bestieg und mit großer Beredsamkeit die Gründe entwickelte, 1) warum die katholische Kirche Gott, dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, der Mutter des Herrn und allen feinen Heiligen Tempel erbaut und weiht, und zu welchem Zwecke sich in denselben das christliche Volk versammelt; 2) daß, wenn man solche Tempel baut, dieselben auch in Gott würdiger Weise aufzuführen seien und daß sich das Haus Gottes im Innern und Aeußern durch Pracht und Anstand auszeichnen müsse. Nach der Predigt setzte der Weihbischof das Hochamt fort, nach dessen Beendigung er auch die Kanzel bestieg und den vom Papste verliehenen Ablaß verkündete. Nachdem die Einweihungsfeierlichkeit zu Ende war, lasen Prälaten und Jesuiten auf allen Altären hl. Messen, zu welchen dem Volke ungehinderter Zutritt gestattet wurde. Der Herzog aber begab sich mit seiner Familie und allen Geladenen durch die Sakristei in das Collegium, dessen Wände und Gänge mit entsprechenden deutschen, lateinischen und griechischen Versen, Emblenien, Symbolen rc. rc. geziert waren, und nahm daselbst das Mittagsmahl. An der ersten Tafel saßen der Herzog und die übrigen fürstlichen Persönlichkeiten; an den übrigen, in verschiedene Säle und Zimmer vertheilten Tafeln saßen die übrigen Gäste — 1070 an der Zahl. Nach der Tafel übergab der Herzog dem Nector des Collegiums eine Urkunde, der gemäß er die Kirchen und Kollegien zu Jngolstadt und München dem Orden als rechtes Eigenthum schenkte und sich nur in der Michaelskirche das Begräbniß und einen Jahrtag vorbehielt. Zum des Thurmes unter Kurfürst Max I., weßhalb sich der Rector des Collegiums in einer bittlichen Vorstellung vom 8. Mai 1662 an den Kurfürsten Ferdinand Maria wandte: Herzog Wilhelm habe seinem Sohne Maximilian testamentarisch die Auflage gemacht, den unvollendeten Thurm ausbauen zu lassen; da das während des 30jährigen Krieges nicht habe geschehen können, so habe Kurfürst Maxiniilian in gleicher Weise die nachfolgenden Fürsten Das „U. Herrn Thor" befand sich nördlich der jetzigen Feldherrnhcille. Danke für diese Schankung überreichten ihm die Jesuiten eine eigens für diesen Zweck gefertigte Gelegenheitsschrift und führten — da Regenwetter eine frühere Aufführung verbot — am 10. Juli das Singspiel „Der Triumph des hl. Erzengels Michael" auf, an welchem über 900 Akteure betheiligt waren. Schon fünf Jahre später nahm die Fürstengruft die Herzogin Renata auf, welcher nach 24 Jahren der Stifter der Kirche folgte, welcher in der Kleidung eines Marianischen Sodalen beigesetzt wurde. — Im Todesjahre des Herzogs (1626) errichteten die Jesuiten die noch heute bestehende Bruderschaft vom guten Tode, welche im Jahre 1629 von Papst Benedikt XIII. mit der römischen Hauptbruderschaft und 1642 mit der seit 1620 in Forstenried bestehenden „Hl. Kreuz-Bruderschaft um einen guten Tod" vereinigt, 1872 oberhirtlich erneuert und 1873 mit neuen Ablässen begnadigt wurde. Vier Jahre vorher hatte Herzog Maximilian Reliquien des heilig gesprochenen Jgnatius von Loyola, sowie des hl. Franziskus Laverius erhalten, denen zu Ehren dann rechts und links von den Chorstufen Altäre errichtet wurden, an deren Stelle vorher je 2 aus Metall gegossene Löwen gestanden haben sollen, welche jetzt vor dem älteren Theile der Residenz stehen. Im Jahre 1632 besuchte König Gustav Adolf während der schwedischen Invasion auch die Michaelskirche und das Jesuitencollegium, welches für die „Münchner Geiselschaft" sechs Püttes abgeben mußte, nämlich: Andreas Brunner, Christoph Clezlin, Joachim Gotthard, Johann Lang, Adam Schiffer und Christophor Widmann. — Außerdem gab das Kollegium zu der von den Schweden der Stadt auferlegten Brandschatzung von 300,000 Reichsthalern einen ansehnlichen Theil des KirchenschatzeS, der im Jahre 1649 durch die Ueber- führung der Reliquien der HHl. Cosmas und Damian") ") Vgl. darüber „Jahrbuch f. Münchener Geschichte". M. Band. S. 83-85. ") Die HHl. Cosmas und Damian waren aus Arabien gebürtige «ermögliche Bruder, welche die in Syrien erlernte Ärzneikunde in Aegäa in Cilicien unentgeltlich ausübten und dem Christenthums, welchem sie von Jugend auf angehörten, unter den Heiden immer mehr Bekenner zu gewinnen suchten, weßhalb sie nach dem Ausbruche der diokletiamschen Christenverfolgung, da die Aufforderung zum Abfalle vom Christenthum an ihnen wirkungslos verhallte, gemartert und enthauptet wurden. Ihre Gebeine kamen von Rom durch Erzbischof Adaldagus von Bremen im Jahre 1000 in dessen Kathedrale, wo Erzbischöf Burkart die fast vergessenen Reliquien 1335 feierlich erheben ließ, für welche dann im Jahre 1400 der kunstvolle Schrein gefertigt wurde, in welchem sie heute noch auf dem St. Peter- und Pauls-Mtar stehen. Kurfürst Max I. hatte nämlich in Erfahrung gebracht, daß die Reliquien in Folge der zu Bremen eingeführten Reformation mißachtet in eine Truhe geworfen und in ein Eck gestellt worden seien, weßhalb er sie 1648 um 2000 Thaler von dem von Papst Jnnocenz X. zum Wächter der Reliquien im protestantischen Norddeutschland bestellten Bischof von Osnabrück erwarb, im Dezember desselben Jahres nach Osnabrück überführen ließ, wo den Reliquien die bis dahin in Bamberg befindlich gewesenen Häupter beigefügt wurden; im Jahre 1649 erfolgte ihre Ueberführuna nach München, wo die Reliquien bis zu ihrer Aufstellung in der Michaelskirche in der Kirche des damaligen Kapuzinerklosters (auf den: jetzigen Maximiliansplatze) aufbewahrt wurden. Am 27. September, dem Gedächtnißtage der hl. Brüder, erfolgte in feierlichster Weise ihre Uebersührung in die St. Michaelskirche, wo sie auf dem hl. Kreuzaltar vor dem Choraufgang niedergesetzt wurden, bis im Jahre 1819 bei Beseitigung des Altares ihre Transserirung an ihre jetzige Stätte erfolgte. 271 aus Bremen wieder eine wesentliche Bereicherung erfuhr. Diese Reliquien wurden in einem kunstvollen Schrein") auf dem hl. Kreuzaltar aufgestellt und bei dessen Entfernung auf den St. Peter- und Pauls-Altar trans- ferirt, wo sich dieselben auch jetzt noch befinden. In der Oktave vom 7. mit 14. Juli 1697 begingen Kirche und Kollegium ihr hundertjähriges Jubiläum (vergl. unten) — aber zu einer zweiten Jubelfeier sollte es nicht mehr kommen. Denn wenn auch seit dem Ausgange des 16. Jahrhunderts die Jesuiten speciell in München die Kanzel der Pfarrkirche zu U. L. Frau innehatten, 1607 die noch heute beliebten Krippen einführten und namentlich in Zeiten der Bedrängniß jedes Ungemach mit der ihnen lieben Umgebung theilten; wenngleich Kurfürst Ferdinand Maria noch Jesuiten zu Beichtvatern hatte und seine Gemahlin Adelheid dem Kollegium einen werthvollen Ornat aus Goldftoff widmete, wie das auch des Kurfürsten Max Emanuel zweite Gemahlin Therese Kunigunde that; wenngleich die Kurfürstin Maria Anna, Gemahlin des Kurfürsten Max III. Joseph, einen goldenen Kelch zur Kirche stiftete, in welcher ihr Bruder, Prinz Clemens Wenzeslans von Sachsen,^ am 1. Mai 1764 seine Primiz hielt; wenngleich im Jahre 1770 auf besonderen Wunsch des Kurfürsten eine besondere bayerische Provinz errichtet wurde und der Kurfürst 1771 den Jesuiten zn München, Jugol- stadt, Landsberg, Landshut, Altötting, Amberg, Burghausen, Neuburg 7c. rc. für ihre während des Hunger- jahres 1770 der Bevölkerung erwiesenen Wohlthaten") ein eigenhändiges Dankschreiben widmete — so wurde ihnen doch nicht mehr jene Hochachtung und Verehrung zu Theil, die Ihnen früher vom Hofe entgegengebracht worden war. Da erschien plötzlich und unerwartet am 21. Juli 1773 die Bulle Dominua ue koäomtor nostsr, durch welche der Jesuitenorden") aufgehoben wurde. Dadurch «°) Der Schrein stammt aus dem Jahre 1400 und wurde auf Anordnung der (Bremer) Domstrukturei angefertigt. Er besteht aus Eichenholz, das mit getriebenen und vergoldeten Silberplatten belegt ist: er ist 1,04 m lang» 0,40 m breit und ohne die Firstbekröuung 0,66 w hoch. Der Schrein öffnet sich jetzt von vorne durch zwei Flügel; früher bildeten die Giebelwände die Thürchen. Die Innenseiten der Flügel enthalten farbige Darstellungen aus der ärztlichen Thätigkeit der Märtyrer, deren Gebeine nochmals durch Thürchen verschlossen sind. durch deren gläserne Wandung man die Häupter, von prächtigen Hauben bedeckt, aus Kissen ruhen sieht, begleitet von kleinen Bleitäfelchen mit den Namen der Heiligen. (Nach Gmelin a. a. O. S. 79—81.) ") Clemens Wenzeslans, königl. Prinz von Polen und Lithauen, Herzog von Sachsen rc. rc., war als Sohn des Friedrich August, Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen, und dessen Gemahlin Maria Josepha, Tochter des Kaisers Joseph I. am 28. Sept. 1739 geboren, widmete sich anfänglich dem Militärdienste, wandte sich 1761 dem geistlichen Stande zu. ward 1763 Bischof von Freising und Regensburg, erhielt 1764 die hl. Priesterweihe, ward im selben Jahre Coadjntor des Bischofs Joseph von Augsburg, empfing 1766 die Bischofsweihe, ward 1768 Erzbischof und Kurfürst von Trier, mußte in Folge der politischen Complicationen 1801 dem Erzstifte entsagen, 1802 auch als Fürst des Hochstiftes Augsburg resigmren, zog sich später nach Oberdorf im Algüu zurück und starb daselbst am 27. Juli 1812, wo er an der Kirche begraben ist. ") Von ihrer Wirksamkeit für die Wissenschaften und den Volksunterricht zu sprechen, ist hier nicht der Platz. ^ *°) Schon im Jahre 1761 waren die Jesuiten aus Frankreich. 1767 aus Portugal. 1768 aus Neapel. Parma und anderen italienischen Kleinstaaten vertrieben. wurden auch die Schankungsurkunden des Herzogs Wil« Helm V. vom 19. Januar 1592 und 26. Juni 159? hinfällig, und Kirche und Kollegium zu München kamen wieder an die Nachkommen des frommen Herzogs zurück, welche das Kollegium den verschiedensten Zwecken widmeten (so ward es zunächst Sitz des kurfürstlichen Naths- collcgiums, nahm 1782 den Malteserorden, 1783 die fnoch dort befindliches Akademie der Wissenschaften auf und diente in einzelnen Theilen 1774—1843 der Staatsbibliothek, dem Kadettencorps s1775 —1803s, dem Landes- sjetzt Reichs-s Archiv 1784 - 1844. der Maler- und Bildhauerschule 1784 — 1809, der Akademie der bildenden Künste 1809—1885, der Universität 1826—18^0, verschiedenen Staatsministerien 1842—1866, dem Landtagsarchiv 1845 — 1868, dem Schwurgerichte 1848 bis 1850), während die Kirche wenigstens ihrem erhabenen Zwecke erhalten blieb; zunächst wurde sie mit Rücksicht darauf, daß in ihrer Gruft die Leichname zahlreicher Mitglieder des Regentenhauses ruhen, zur kurfürstlichen Hofkirche und der Exjesuit Anton Krämer zum ersten „Propste" bestimmt, dann am Sonntag Judica 1780 die sogen. Militä'rpfarrei eingeführt und in Gemäß- heit dieser Bestimmung die Kirche zu allen gottesdienst- lichen Verrichtungen des Militärs benutzt. (So fanden am 23. November 1806, 20. Juni 1807, 13. Septbr. 1812 und 27. Mai 1813 in der „Hof- und Militärpfarrkirche" St. Michael je ein solennes Bittamt um den Sieg für die Waffen Napoleons I. statt, dagegen ertönte dieselbe Kirche von den Klängen des Ps voum und der feierlichen Hochämter, welche am 10. April 1814 und am 25. Juni 1815 zum Danke für die „Befreiung vom französischen Joche" gehalten wurden. So ändern sich Ansichten und Verhältnisse.) Durch Verfügung vom 5. August, vollzogen am 10. Dezember 1782, wurde die St. Michaelskirche dem von dem Kurfürsten Karl Theodor unterm 14. Dezbr. 1781 gestifteten bayerischen Großpriorate des Johanniter-(Malteser-)Ordens übergeben, dessen Ritter am 19. Januar 1783 ihren feierlichen Einzug in die Kirche hielten, in welcher hieran eine zwischen dem Sakristei-Eingang und dem St. Jgnatins-Altar befindliche Marmortafel mit folgender Inschrift erinnert: Oarolo Dkovävro Lleotori xio kolioi xmtri putriae cuzug liberalitats et inäulgsutia Orclo l>. llcmnnig Liero» solxmitani krovinoia Luvaris, auotus 68t beiwöoüs, ckouis so privileZüs oumulatus. Oxtivav xriveipi ao xatrono msranti Zrati anirni mouumonturn orcko eyuitosguö univörsi v. N. L. anno UVOdibl-VI L saora institutionö IV.") — Doch dauerte dieses Großpriorat nicht lange, denn obwohl im Jahre 179? der russische Kaiser Paul gleichfalls ein Großpriorat errichtet, welches 1798 mit Genehmigung des Kurfürsten Karl Theodor dem bayerischen aggregirt wurde, hob Kurfürst Max IV. Joseph dasselbe 1799 provisorisch, 1808 aber definitiv auf. Ein in der Geschichte der St. Michaelskirche hochwichtiger Tag war der 29. April 1782, an welchem sie *°) Zu deutsch: „Den, Kurfürsten Karl Theodor, dem edlen und glücklichen Vater des Vaterlandes, durch dessen Freigebigkeit und Gnade der Orden vom hl. Johannes von Jerusalem um die bayerische Provinz vermehrt und mit Wohlthaten, Geschenken und Privilegien überhäuft wurde, dem besten Fürsten und verdienten Förderer haben dankbaren Sinnes der Orden und alle Ritter dieses Monument errichtet im Jahre 1786, nach der Institution des yl. Ordens im 4. Jahre." 272 den Besuch des cbc» hier weilenden Papstes Pins VI. erhielt, der ihren kühnen Bau bewunderte und erklärte, daß sie auch in Noin eine der schönsten Kirchen wäre. (Schluß folat.) Das Staatslexikon der Görres-Gesellschaft?) Der fünfte und letzte Band des Staatslexikons liegt nnnmehr im Drucke vor, so daß es unsern Lesern gewiß willkommen sein wird. beim Abschlüsse dieses hervor- wissenschaftlichen Unternehmens über die Ge- e und die ragenden. . . _ ... schichte und die Bedeutung desselben eingehend unterrichtet zu werden. Was zunächst die Entstehung des Staatslexikons anlangt. so wurde die Abfassung eines solchen alsbald nach Gründung der Görres-Gesellschaft als eine der wichtig- sten der in Angriff zu nehmenden Arbeiten in's Auge gefaßt. Schon die zweite General-Versammlung (zu Munster) nahm nach einem Vortrag von Rcchtsamvalt Jul. Bachern die Nothwendigkeit und Bedeutung eines solchen Unternehmens und von Professor Dr. Freiherr» von Hertling über die Möglichkeit und den Modus der Ausführung am 29. August 1977 einstimmig den Antrag des Vcrwaltungsansschusses an: „Die Section für Rechts- und Socialwiffenschaft der Görres-Gesellschaft wolle die Jnangriffnalnne der Vorarbeiten zur Herausgabe eines den katholischen Principien entsprechenden Staatslexikons beschließen und mit der Ausführung den Verwaltungsausschuß unter Mitwirkung des Vorstandes der Sektion für Rechts- und Socialwiffenschaft beauftragen." Ein der Generalversammlung zu Köln (1878) vorgelegtes kurzes Programm bezeichnete als leitende Gesichtspunkte: Gegenüber den bestehenden Staatslexicis werde das Staatslcxikon der Görres-Gesellschaft „vorwiegend einen corrigirenden und rectificirenden Charakter anzunehmen haben, indem es vor Allem den modernen Irrthümern in Staats- und Kirchenrecht. in Naturrecht, Politik und Gesellschaftswissenschaft entgegentritt". Dementsprechend werde „das Hauptgewicht auf die Erörterung der fundamentalen Begriffe von Religion und Moral. Recht und Gesetz, natürlichem und positivem Recht, von Staat und Kirche, Familie und Eigenthum zu legen sein". Mit strenger Wahrung des katholischen Standpunktes sei sorgfältiges Eingehen auf die besondern Bedürfnisse der modernen Gesellschaft unter genauer Würdigung der jedesmal einschlagenden thatsächlichen Verhältnisse zu verbinden. Die sämmtlichen Artikel seien den strengen Anforderungen der heutigen Wissenschaft gemäß zu bearbeiten. Auf der Generalversammlung zu Fulda (1830) wurde Las von Professor Dr. v. Hertling verfaßte ftfftematische Programm angenommen. Auch die weiter» Vorarbeiten für das Unternehmen lagen in der Hand des vorgenannten Gelehrten. Unter der Redaction des Eustos an der Universitätsbibliothek zu Würzburg, vr. Bruder, erschien dann Ende 1897 das erste Heft und Ende 1889 der erste Band. Im Frühjahr 1896 wurde vr. Bruder seiner Aufgabe durch den Tod entrissen, nachdem von ihm die vier ersten Bände und die beiden ersten Hefte des fünften Bandes fertig gestellt waren. Die Redaction des fünften Bandes ist dann binnen Jahresfrist von Rechtsanwalt Jul. Bachern zu Ende geführt worden. Das Staatslexikon ist das Produkt des Zusammen Wirkens unserer ersten katholischen Kräfte auf öffentlich- rechtlichem Gebiete. Unter den Mitarbeitern finden wir die Führer unserer Centrumspartei, wie die anerkanntesten Vertreter der Wissenschaft auf katholischer Seite. Von Professor vr. Frhrn. v. Hertling stammen beispielsweise die Artikel über Absolutismus, Freiheit, Gleichheit, Monarchie, Politik, von Professor vr. Hitze der Aufsatz über die Arbeiterfrage, vom Kammergerichtsrath vr. Spähn die Ausführungen über Enteignung. Geh. Ober-Justizrath vr. Rintelen behandelte die Schwurgerichte. Landgerichtsrath v. Stromb eck die Eisenbahnen, Freiherr v. Huene das Heerwesen, den Staatshaushalt und die ,*) Verlag von Herder in Freiburg. 46 Hefte (5 Bde.). Preis 69 M., geb. in Orig.-Halbfranzbd. 81 M. Steuern, Landesrath a. D. Fritzen die Polizei, Rechtsanwalt vr. Karl Bachern den Culturkampf und die Maigesetzgebung, Domcapitnlar vr. Schad ler das Handwerk, Landrichter Gröber den Begriff des Kaisertbums. Von dem zeitigen Reichstagspräsidentcn Frhrn. v. Buol rühren die principiellen Auseinandersetzungen über Intervention und Nichtintervention her. Von Gelehrten sind ebensowohl Historiker, wie Philosophen und Moralisten vertreten, da ja die staatlichen Verhältnisse aus der geschichtlichen Entwickelung heraus das beste Verständniß finden, in den philosophischen Systemen aller Zeiten die größte Rolle spielen und an den positiven Geboten der Moral ihren unverrückbaren Maßstab finden sollen. Zehn Jahre sind seit dem Erscheinen des ersten Heftes in's Land gegangen, eine verhältnißmäßig lange Zeit, so daß manche Angaben, besonders statistischer Art, die naturgemäß an vielen Stellen citirt werden müssen, also zum Theil bereits veraltet find. Im Ganzen genommen ist aber das Werk wohl gelungen, ein würdiges Seitenstück zu dem „Kirchenlexikon von Wetzcr und Welke", welches im nämlichen Verlage erschienen ist. Eine Ehrenpflicht aller Katholiken, welche im öffentlichen Leben stehen und über die nöthigen Mittel verfügen, wird es sein, das nunmehr abgeschlossene Monnmentalwerk ihrer Bibliothek einzuverleiben. Airs der anderen Seite wird es nun hoffentlich auch bald möglich sein, an der Hand des Staatslexikons das lange ersehnte „politische ABC- Buch für Centrumsleute" herzustellen, damit die mit weniger Glücksgütern gesegneten Anhänger unserer Partei sich rasch und zuverlässig über die Fragen des öffentlichen Lebens orientiren können. (Aus der wissenschaftlichen Beilage der „Germania".) Recensionen und Notizen. Die Gesellschaft. Populäre Abhandlungen von v. Gg. Freund 0. 8s. R. Verlag der Alfonsus-Buch- handlung in Münster (Westfalen). ; Es sind zwar im Ganzen und Großen keinerlei neue Gedanken, welche v. Freund uns in diesem Büchlein bietet: aber trotzdem haben wir mit großer Befriedigung diese Abhandlungen gelesen. Das heilige Feuer lebendiger Ueberzeugung, die Frische der Sprache und Kraft des Vortrages machen sie zu einer fesselnden Lektüre, die, wie schon der Titel sagt, eben keine gelehrte Vortrage, sondern populäre Belehrungen und Mahnungen geben will. Die Abhandlungen erstrecken sich auf folgende Themata: Die katholische Kirche (ein begeisterter Pane- gyrikus), der Staat (als gesettschaftl. Gebilde und in seinen Beziehungen znr Religion), Familie und Ehe, der Mann (im häuslichen und öffentlichen Leben), das „Weib" (als Gattin, Mutter, Hausfrau), die Jugend (Bescheidenheit. Pietät, Unschuld), das Gebet, die Arbeit. Eine Fülle prächtig vorgetragener Gedanken — wie herzgewinnend ist namentlich die Abhandlung über das Gebet! — zeichnen diese populären Erörterungen aus, und wünschen wir daher, sicher mit Recht, dem Büchlein recht große Verbreitung und seinem Inhalt volle Beherzigung. MuirW., Die Abfassung des Deuteronomiums. Ins Deutsche übertragen von D. I. Metzger. 8". 32 SS. Leipzig, E. Ungleich. 1896. M. 0.50. s Die biblischen Wissenschaften werden nirgends so ausgedehnt, aber auch so gründlich gepflegt, wie in England. Das kleine Werk von Muir tritt für die Echtheit des Deuteronomium ein, was uns Katholiken freilich ganz selbstverständlich dünkt; wir dürfen aber nicht vergessen, daß die deutsche protestantische Bibelkritik ganz entgegengesetzter Ansicht ist. Und so freuen wir uns dankbar der einfachen, nüchternen Worte eines englischen Protestanten, der uns seine Ansicht über das Deuteronomium vorlegt und dabei zu verstehen gibt, daß die sogen. Bibelkritik die hl. Bücher in einer Weise beurtheilt, wie man sie mcht gegen den Koran, ja gegen kein Buch der Welt anzuwenden gewagt hat. Veraiilw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.