Ni'° 4Z. Eine Zeit des Uebergangs in Sitten und Gebräuchen bildet das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Wohl ist jede Zeit eine Nebergangszeit, wohl sind die menschlichen Einrichtungen einer fortwährenden Veränderung unterworfen, wohl ist das Leben der Völker ein steter Szencnwcchsel auf offener Schaubühne; allein wenn wir einem oder mehreren Jahrzehnten den Titel einer „Uebcrgangszeit" in hervorstechender Weise aufdrücken, so verstehen wir darunter eine culturgcschicht- liche Epoche, welche große und außergewöhnliche Veränderungen aus ihrem Schoße gebiert, welche neue Ideen, neue Sitten und neue Institutionen hervorruft und hic- dnrch eine neue Ordnung der Dinge erzeugt. Eine solche Zeit des Ucbcrganges war das humanistische und das Neformationszeitaltcr, eine solche Zeit des Uebergangs war die französische Revolution, in einer solchen Zeit des Uebergangs befinden wir uns selbst an der nahen Wende des Jahrhunderts. Die Ausbeutung der Natnrkrcifte, deren zwei Hauptergebnisse die Maschine und das hochentwickelte Verkehrswesen bilden, hat mit. der Unterstützung des modernen Kapitalismus gewaltige und gewaltsame Veränderungen hervorgerufen und wird fort neue Veränderungen erzeugen. Die Veränderungen, welche Maschine, Verkehr und Kapital auf wirthschaftlichem Gebiete, im Erwerbsleben und in der gewerblichen Technik hervorgerufen, sind bereits wiederholt Gegenstand geistreicher Erörterungen und Untersuchungen gewesen. Wir wollen hier die Veränderungen, welche diese modernen Cnltnrfaktorcn und andere moderne Mächte in den Sitten und Gebräuchen des Volkes hervorgebracht, einer mehrseitigen Betrachtung — soweit das in einem kurzen Aufsätze möglich ist — unterwerfen. Wenn wir Hiebei den Bauernstand vorzugsweise zum Objekte unserer Schilderung machen, so hat das seinen berechtigten Grund: Die Veränderung der Lebensweise, ihrer Innen- und Außenseite, hat sich in den Städten zum Theil schon früher, znm Theil nicht so auffallend vollzogen wie auf dem ehemals abgeschiedenen Lande. Dazu sind Sitte und Laudesbrauch bei dem Bauern, gleich dem in rauher Luft befindlichen Felsen, schärfer und markanter ausgeprägt, als beim abgeschliffenen, in der verweichlichenden Luft der geschützten Straße und des Salons sich bewegenden Städter; daher auch die Veränderungen im Bauernstande, wenn sie nach langem Widerstände einmal kommen, ticfcrgehcndcr und auffallender. Diese Veränderung, diese Nebergangszeit zeigt sich nicht zuletzt in dem allmählichen Untergänge der mündlichen Tradition und des überlieferten Volksliedes, in der Abnahme der Volkstrachten und Volksgcbräuche und in dem gleichzeitigen Verschwinden vieler religiöser Gebräuche und religiöser Lcbcusgewohuheitcu. Das Leben wird papieren, einförmig, gcmüthslos und äußerlich uukirchlich. I. Die Tradition, der Sinn für lokalgcschichtliche Erinnerungen, für die Werke und Thaten der Ahnen, für örtliche Sagen und Berichte geht allmählich im Volke unter. Mögen auch in den letzten Jahren einzelne Gebildete sich in dankenswertster Weise bemühen, die lokal- 2 geschichtlichen Notizen und Legenden zu sammeln und zu ! retten, das täuscht nicht über die Thatsache hinweg, das; S der Sinn für heimathliche Ueberlieferung im Landvolke ! und im landstädtischen Kleinbürgerthnm mehr und mehr erlischt. Der Bauer las ehemals nichts oder nicht viel. Gebetbuch, Goffinc, Heiligculegcnde und Kalender bildeten nur zu oft seinen ganzen Büchcrvorrath. Der Bauer S schöpft Wissen und Erfahrung nicht aus todten Büchern ! und rasch hinwelkenden Zeitungen, sondern aus Natur i und Leben. Die Natur ist das große Lehrbuch, in dem » er mit „seinen Augen" liest, der Fleck Erde, auf dem er S geboren, das Gcschichtswerk, dessen Inhalt nicht die Blühe ! eines Forschers geschaffen, sondern die mündliche Erzählung und Erinnerung, pietätvoll erhalten und fort- i vererbt vom Ahn auf den Enkel, von Geschlecht zu ! Geschlecht. 8 Mancher alte Bauernhof bildete mit seinen Be- ! wohnern einen stolzen Edelsitz, in dem. Familienchronik i und Urkunden durch den mündlich erhaltenen Stamm- l baunr und die mündlich erhaltene Lokalgeschichte ersetzt ! wurden. ? So war der Sinn für Hcimathsgcschichten und Hcimathssagen ehemals im mittleren und niederen Volke fast überall lebendig, zum mindesten in viel höherem Grade verbreitet, als in der heutigen Gesellschaft. H Diese Erfahrung wird jeder bestätigen, der in dieser Hinsicht alte und junge Leute ausforscht. Die Stätte, wo diese lokalgeschichtlichen Erinnerungen gepflegt und erhalten wurden, war nicht das Gasthaus oder der Markt des Lebens, nicht Sammelwerk und Zeitschrift, sondern der »väterliche Herd oder die Ofenccke der Wohnstube. S So war der Herd meines Elternhauses noch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts der Mittel- und Sammelpunkt, an dem die Erinnerungen und Angelegenheiten einer ganzen Dorfbevölkerung besprochen und berathen und traditionell erhalten wurden. Beim Dämmer- ! lichte des Kienspancs saßen dort die Insassen des Hauses ! und ein Kreis befreundeter Nachbarn: Da wurden cr- ! zählt die Wunder alter Tage, die alten und neuen Gel-schichten-und die Sagen der Umgegend, da wurden ausgetauscht die Erfahrungen eines langen Lebens, Erfahrungen aus friedlichen Tagen und aus Zeiten schwerer Noth, aus Krieg und Krankheit; und in diese Berichte hinein erklang manches heimathliche Lied, manche hcimath- i liche, mündlich überlieferte und mündlich verbreitete Melodie. In späteren Zeiten, als an die Stelle des Kicn- spanes die Ocllampc trat, war die Wohnstube der Ort abendlicher Zusammenkunft, und ich erinnere mich aus meinen Kuabenjahren noch lebhaft an manche originelle Bauerugestalt, die nach dem Abendessen auf der Bank am mächtigen Kachelofen saß und, während Mutter und Magd an dem heute verschwundenen Spinnrad saßen, mit meinem Vater über Gegenwärtiges und Vergangenes sprach. ll'ainpj pnssnti. Es ist anders geworden, und ein neues und nüchternes Geschlecht bewohnt die von den Vätern ererbten Räume. Der Schienenverkehr und die ') Die Socialdemokratie, welche jede geschichtliche Erfahrung ignorirt, der NationalliberallsmuS. dessen geschichtlicher Rückblick mit dem Jahre 1870 begrenzt ist, beweisen u. a., wie der Sinn für Geschichte im Volks vielfach geschwunden ist. 294 ihn begleitenden Touristen- und Händlerschivärme haben sich bis in die abgelegenste Landschaft und die unbekannteste Gebirgseinöde Bahn gebrochen, der aller Originalität abholde „Cnltnrtcnfcl" begann seine abschleifende Arbeit; Geist und Lebcnsgewohnhcit, gesetzlich und nicht gesetzliche Einrichtungen haben sich verändert. Nicht mehr am häuslichen Herde, sondern im Gasthause und in der Kneipe, welch letztere durch die liberale Gesetzgebung der siebziger Jahre eine unheilvolle Vermehrung erfahren, werden die freien Abende verbracht; aber nicht in der Pflege von tzeimathssage und Heimathssang, sondern in Trunk und Spiel und nicht selten in Streit und Naufhändeln. Den mündlichen Bericht ersetzt das im nächsten Städtchen gedruckte Lokalblatt, die Neugierde befriedigt das in der Kaserne und in der Großstadt Erlebte. Der Bauer ist unter dem Einflüsse der modernen nivcllirenden Mächte und unter dem Drucke der wirth- schaftlichen Noth nüchterner und realistischer geworden; Vieh- und Fruchtpreise, Handel und Politik interessiern ihn heute mehr als alte Erinnerungen und väterliche Ueberlieferungen. Und so erstirbt die lokale und heimathliche Tradition und mit ihr nur zu oft die Achtung vor Alter und Erfahrung. Das gesellschaftliche und gesellige und das Berufsleben wird leer und nüchtern, herz- und gemüthslos. Mit Sage und Tradition versiegt der Born der Poesie im Volke. Unser Volk als solches bringt kein sinniges, allgemein verbreitetes und allgemein Anklang findendes Lied mehr zu Stande; kein Lied vor allem mehr, das große und erhebende Zeitereignisse in dichterische Formen und Worte zu kleiden weiß, welche in aller Herzen Widerhall finden und die als echtes Volkslied von Mund zu Mund fortklingen und von den Vätcrn den Söhnen überliefert werden. Das Kriegsjahr 1870/71 hat kein einziges hervorragendes Lied — „Die Wacht am Rhein" ist alten Datums — hervorgebracht, man müßte gerade das anwidernde und unwahre Lied Kreuzlers, „Eins 1870", als eine hervorragende dichterische Leistung qualifizircn. Welch herrliche Lieder entstanden dagegen nach den Napoleonischcn und den Befreiungskriegen, mit welcher Begeisterung sang das ganze Volk diese der Volksempfindung entsprechenden Verse! Eine nicht geringe Zahl jener Lieder wird noch ihren Werth behaupten, wenn die preußisch-deutsche Poesie der siebziger Jahre längst der Vergessenheit verfallen ist. Das Volk äußert seine Empfindungen nicht in sentimentalen Wortergüssen, nicht in Romcmphrascn und in ergreifendem Micnenspiel; es legt seine Empfindungen hinein und singt sie hinaus in eigenen oder als Eigenthum adaptirten Liedern. Heute singt das Volk seine eigenen Gesänge und Melodien nicht mehr; es singt Gedanken und Empfindungen fremder Lieder hinaus, fremde Worte in fremden Tonen; es beginnt gemüthslos^) wie die Zeit des Dampfes und Verkehres Zn werden. °) In der Heimath dcZ Verfassers ist es innerhalb der jüngeren Generation gänzlich in Vergessenheit gerathen, daß das Land noch vor 90 Jahre fürsterzbischvf- licheS salzbnrgisches Gebiet war. ") O>'. F-r. Kirchner schreibt in seiner Schrift „Ueber Gcmüthsbilduug": „Beherrscht durch fast fieberhasteS Streben nach Erwerb und nach einen', zur Geminnnüg desselben bald verwerthbaren Wissen, sind unsere Zeitgenossen einem einseitigen Intellektualismus verfallen, d. h. Kenntnisse werden höher geschätzt als Charartcr- Mit Volkslied und Volkssage ging auch mancher im Volke verbreitete Aberglaube verloren. Das wäre ja an und für sich ein erfreuliches Ergebniß des modernen Cultnrfortschrittes, wenn nicht mit dein Aberglauben auch manches Stück Glauben, der Glaube au Geistiges und Uebersinnliches, untergegangen, wenn an Stelle des alten, oft durch einen Hauch der Poesie verklärten Aberglaubens nicht häufig ein moderner Wunder- und Schwindelglaube getreten wäre. Der „cultivirte" und liberal „aufgeklärte" Bauer spottet über den Aber- und Ammenglanben seiner Väter, um sich vielleicht in der nächsten Stadt ein Traumbuch zu kaufen und die hohlsten Phrasen und die lügenhaftesten Behauptungen feines liberalen Leibblättchens andächtig, als Zcitevangclinm, cinznsangeu. „Wenn ich zu wählen hätte", schreibt H. Hansjakob, „zwischen dem Aberglauben, wie er noch im Volke lebt, und zwischen dein Unglauben, den unsere Materialisten predigen, ich würde den ersteren vorziehen. Der Abcr- gläubige glaubt doch noch an Geheimnisse, an Ueber- uatürliches, und steht dem echten Glauben weit näher; der Aberglaube ist nur eine Vcrirrnng des Glaubens, der Unglaube aber ist die kalte, hoffnungslose Lengming alles Ucbcrsinnlichcn."') II. Wie die Sagen und Lieder des Volkes, geht auch Kleidung und Brauch desselben unter. Die Trachten verschwinden, die lokalen Gebräuche werden aufgegeben oder verändert und nüchtern und seelenlos gemacht. Der Unterschied der Stände, der Unterschied vornehmlich von Stadt- und Landbewohner äußerte sich ehemals und äußert sich in einzelnen, vom Verkehre mehr abgeschlossenen Gegenden heute noch in der Kleidung, in der dem einzelnen Stande oder dem einzelnen Bezirke eigenthümlichen Tracht. Die bunten und originellen Volkstrachten waren ein Ergebniß der territorialen Verschiedenheit, der Mannigfaltigkeit und des Reichthums des alten Volkslebens, ein Ergebniß der Anhänglichkeit an Heimath und Vätcrbrnuch und ein Zeichen des Stolzes auf den Stand, dem man angehörte; die aus selbst- gefertigtem Stoffe hergestellte Tracht bildete gleichsam die farbenbnute und gediegene Außenseite eines bilder- und farbenreichen, auf solidem Grunde sich bewegenden Lebens. Das schönste und reichste Volksleben entfaltete das Mittclalter, und darum sind auch die mittelalterlichen Trachten so farbcnbnnt, so originell und so reich. Doch das Leben ist allmählich einförmiger geworden und damit auch die Tracht oder die Kleidung. Die französische Revolution und ihr „Gleichheitsprincip" wirkten auch auf die Trachten ein. Während bereits vor der französischen Revolution der deutsche Adel eifrigst fran- , zösische Kleidung Und Sitte copirt, begann nach der Revolution auch das Biirgerthum die französische Mode nachzuäffen. Der Bauernstand hielt sich bis über die Mitte unseres Jahrhunderts wie in Sitte so auch in Kleidung ziemlich conservativ, bis der Einfluß der Mode auch das abgeschlossene Land ergriff. Das sich rasch entwickelnde Verkehrswesen, die moderne Freizügigkeit und der Zug des Landvolkes in die Stadt thaten ihr mög- . eigenschaften, logische Schlüsse für sicherer gehalten als die Erfahrungen des Herzens. Mit einem Wort: Es fehlt unserer Zeit am Gemüth, wenigstens tritt es nicht mehr auf die Art und Weise in Erscheinung wie früher." H. HauZjarob „Wilde Kirschen" S. 298. 295 llchsies, um städtische Formen und städtische Kleidung auch auf dem Lande zu verbreiten, lind als nach dem Jahre 1870 der Militarismus im ganzen Reiche üppig ins Kraut schoß, als die Bauernsöhne stärker als vorher Großstadt und Kaserne bevölkerten, da machte sich das Streben nach „Uniformirnng", d. i. gleichheitlicher städtisch- moderner Kleidung, im Volke immer mehr.geltend. Ein altcrcrbtes Kleidungsstück, ein Stück Tracht schwand nach dem anderen, und in vielen Gegenden Deutschlands unterscheidet sich heute der Bauer äußerlich nicht mehr von dem Skädter. Der Unterschied von Stadt- und Landbevölkerung ist verwischt,, ja Bauern- gestalten — in Frack und Cylinder sind heute bei festlichen Anlässen keine außergewöhnliche Erscheinung mehr. Gleichförmig und einförmig wie das Leben ist auch die Kleidung geworden. Man hat in letzten Jahren, so im Schwarzwald und im bayerischen Hochgebirge, „Vereine znr Erhaltung der Volkstrachten" ins Leben gerufen. So lobenswert!) dieses Vorgehen auch ist, so wird es doch den gänzlichen Untergang der Banerutrachten nicht aufhalten, sondern nur verzögern. Das Verschwinden der Trachten ist einmal ein nothwendiges Ergebniß der modernen Cultur, und ihrem alles nivellirendcn Strome können einige wenige Bezirke und Vereine auf die Dauer nicht widerstehen. Dazu kommt noch, daß die Stoffe dieser -künstlich erhaltenen „echten" Trachten meist moderne Fabrikwaare sind und auf sie der alte Spruch keine Anwendung findet: Selbst gesponnen, selbst gemacht Ist die schönste Bauerntracht. Unsere Enkel werden die letzten Trachten nicht mehr im Volke, sondern in Werken über Costüme und Trachten und in Landesmnscen zu suchen haben. (Schluß folgt.) Aus der Hinterlassenschaft des Lxsi'oikus RLstieus. Von Hugo Arnold. (Nach Vortrügen in der Anthropologischen Gesellschaft und im Historischen Verein von Oberbayern zu München.) (Fortsetzung.) Indessen arbeiteten die Truppen nicht allein für militärische Zwecke, sondern sie wurden auch von den Kaisern wie von den Statthaltern zu den verschiedensten Dienstleistungen verwendet, unter andern betrieben sie auch den Bergbau, obwohl diese Thätigkeit juristisch als Strafe galt. Eine Spur der Verwendung von Mannschaften des rätischen Armeecorps zum berg- und hüttenmännischen Betriebe haben wir übrigens auch im Castell zu Pfünz (d. i. Vatonianis) gefunden. Dort wurde ein Tempel des Jupiter Dolicheuus aufgedeckt. Dieser Gott (ursprünglich der syrische Gott Bal) war der Patron der Soldaten nicht minder, wie der Bergleute, was 2 Inschriften bezeugen, beide mit dem Texte: stovl Oxkiuro Naxiuro .,uk>1 kerruru iwsoitur" (d. h. Jupiter, dem Besten und Größten, „von dem das Eisen erzeugt wird"). Da nun auf der Hochfläche des fränkischen Jura und im Altmühlthale der Betrieb von Eisenwerken, Hochöfen und Erzgruben in die älteste Vergangenheit hinauf- und bis in die Gegenwart herabreicht, so liegt der Schluß sehr nahe, daß der Cult des Jupiter Dolicheuus zu Pfünz mit der hüttenmännischen Beschäftigung der Garnison im Zusammenhang stehe. Festigten somit die Truppen durch ihre friedliche Thätigkeit die Herrschaft des Nömerreichcs in den Provinzen, so machten sie sich mit ihr des Weiteren an jedem, selbst dem kleinsten Stationsorte nach römischer Sitte heimisch und brachten auf diese Weise die römische Lebensart der eingeboruen Bevölkerung vor Augen, welche dann dem von ihren Herren gebotenen Vorbilde bald folgte und die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten ihres Com- forts sich zu eigen machte, soweit es ihre Mittel erlaubten und sie das Bedürfniß dafür empfanden. Ganz bedeutende Hebel zur Nomanisirung der Grenz» Provinzen bildeten ferner die persönlichen, ich möchte fast sagen, die intim-häuslichen Verhältnisse des einzelnen Mannes, „Verhältnisse" im Sinne der populären Redensart. Bekanntlich bezeichnet diese damit den kleinen Krieg und Frieden zarter Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern, welche der Gründung eines eigenen Herdes und einer Familie vorauszugehen Pflegen. Letztere aber war dem Soldaten, welcher römischer Bürger war, in gesetzlicher Weise nicht möglich, so lange er unter der Fahne stand. Da die Legionen nun bis in die ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit hinein sich ausschließlich aus römischen Bürgern rekrutirten, so konnte der Legionär erst nach der Entlassung aus dem Dienste eine rechtlich gütige Ehe, ein.srwtunr naakiiiuouiuM, schließen. Indessen wenn den Legionären auch das Hcirathen verboten war, so konnte sich doch nicht ein jeder solcher Enthaltsamkeit rühmen, wie weiland Feldmarschall Graf Tilly, der von sich bekanntlich zu sagen vermochte, daß er weder ein Weib noch ein Glas Wein berührt habe. . Denn wie uns bereits die Ueberlieferungen der antiken Mythologie zeigen, hegen Mars und Venus seit unfürdenklichen Zeiten unwiderstehliche Leidenschaft für einander, ein Verhältniß, das bekanntermaßen (manch zärtlicher Vater setzt dazu „leider!") aus den Greueln der Heidenzeit sich noch auf die Töchter unserer Gegenwart mit zeitgemäßer Modification in der Vorliebe für das zwiefärbige Tuch vererbt hat. Der Hang zum „menschlichen Rühren" ist eben in den Herzen der rauhen Krieger nicht so leicht Zu ertödten, und in Ermanglung „feinerer Gegenstände" erkoren sich die Soldaten daher als Object ihrer galanten Huldigungen die Hetären (msretrioos), welche sich an die Fersen der Truppen hefteten und deren Entfernung weder unter der Republik noch unter den Kaisern gelang. Besser als die Legionäre waren die Soldaten der Auxiliartruppcn, der von den Unterthanen gestellten Kontingente, daran. Diese Hilfsvölker rangirten neben den Legionen in der Werthschätzung als Truppen zweiter Güte, hauptsächlich deßwegen, weil sie das römische Bürgerrecht nicht besaßen. Doch dieser juristische Mangel gewährte ihren Mannschaften den Vortheil, daß sie in ihren Garnisonen Frauen pcregrinen Standes (d. h. ohne die rechtliche Eigenschaft römischer Bürgerinnen) fanden, und eine Zeit lang scheint ihnen die Ehe mit solchen Weibern gestattet gewesen zu sein. Dafür liefern die drei Militärdiplome aus Nätien, von Weißenburg, Einstig und Rcgensburg, den Beweis. Von Septimius Sevcrus an durften auch die Leute der Anxiliartrnppen nicht mehr hcirathen, wohl aber wurde ihnen gleich den Legionären gestattet, eine concustiim, oder wie der technische Ausdruck lautet, eine locmrla, zu haben und mit ihr außerhalb der Kaserne zu wohnen; nur zum Dienste hatten sie sich in der Kaserne eiuzufinden. Im 4. Jahrhunderte sind diese Verhältnisse wieder geändert, und es bedurfte 296 bloß einer besonderen Erlaubniß, um die Fron in der Garnison bei sich zn haben. Diesen Verbindungen entsprossen natürlich Kinder, die „Lagerkindcr", die hinsichtlich ihrer rechtlichen Beziehungen einer eigenen tristns zugewiesen wurden, wenn sie der Hnusi-Ehe eines Legionärs und eines einheimischen Mädchens entstammten. Den Kindern solcher Mädchen, die keinen Vater finden konnten, wurde als Hcimath ebenso wie den Kindern der Pcrcgrinen das Lager zugewiesen, sie hießen „sx sustris". Da die meisten Soldatenbnbcn in der Regel wieder Soldaten wurden, so spannen die Fäden der Verwandtschaft von: Lager zu den Lagcrstädtcn, (sansstas) sich immer weiter fort zwischen den Veteranen, die sich zurückgezogen hatten, und ihren Söhnen, die noch dienten, den Großmüttern, Tanten u. s. w., so daß bereits damals das Wort des ersten Jägers in „Wallenstcins Lager" zur Geltung kam: „Nun, nun, das muß der Kaiser ernähren, die Armee sich immer muß neu gebären." Wo wohnte und lebte nun der römische Soldat? Er hatte eine zweifache Heimath. Im Dienst ist dieselbe das Lager, außer Dienst die Lagerstadt» die sunustus, die wir soeben erwähnt haben. Die streng römische Disciplin gestattete nämlich keinen Civilpcrsonen und am wenigsten den Weibern den Aufenthalt innerhalb der Lager und Festungen. All der Troß, der einer jeden Truppe auf dem Fuße folgt und der znr Befriedigung ihrer Bedürfnisse so unentbehrlich ist, daß er sogar mutuins mniunäis und soweit er die Verkehrshindernisse zu überwinden vermag, unsern modernen Heeren sich aiischließt: all der Troß der Marketender, Händler und Lieferanten, der Gaukler und der Dirnen, der zahlreichen Bedienten n. s. w. durfte die Festungsthore nicht überschreiten, war vielmehr auf eine Oertlichkeit außerhalb des Lagers und der Castclle verwiesen, die aus disciplinaren. Gründen in einiger Entfernung davon lag. Anfänglich mochten diese Leute nur in Hütten und Baracken wohnen, später nahmen ihre Niederlassungen mehr und mehr einen stabilen Charnier an und wurden ounustus genannt, ein volksthiimlicher Ausdruck, der seit dem 4. Jahrhundert auch in der populären Literatur gebraucht wird, z. B. beim hl. Angnstin. Im italienischen „snnova," ist das Wort noch erhalten, und als uns Deutsche so anheimelnde „Kneipe", aber nicht als Kneippkur, ist es auch in unseren eigenen Sprachhanshalt übergegangen. Im Lause der Zeiten nahmen diese An- fiedlungen allmälig den Charakter stadtartigcr Flecken an. Die Kaufleute thaten sich zu Gilden zusammen; zn diesen Gilden gesellten sich die Veteranen, die in 20- und 2ü- jährigcr Dienstzeit bei den Lagern eine neue Heimath gesunden hatten und mit denselben durch die Macht der Gewohnheit, der gemeinsamen Erinnerungen und nicht zuletzt auch durch Fmnilienbande verwachsen waren, so daß sie bei ihrer Bcabschiednng keine Lust mehr hatten, ihren Wohnsitz in eine unbekannte Wcltgegend zn verlegen, sondern sich dort niederließen, wo sie die besten Tage ihres Lebens verlebt hatten. Rout sornrno ests^ nous, möchte ich sagen: wie viele von unsern alten Knasterbärten, die nicht der eine oder ander Grund in's Pensionistcu-Eldvrado der Residenzstadt München verlockt, bleiben in der lievgewordenen Garnisonsstadt sitzen, um bort nco.n der alten vertrauten Truppe die letzten Tage en verölen! Ursprünglich wurden diesen Lagcransiedelungen auf Grund der militärischen Disciplin keine municipale Autonomie gewährt, sie unterstanden vielmehr der Jnris- diction des Lagercommandanten. Mein die Macht der Verhältnisse wuchs über die Theorie hinaus und die Regierung sah sich schon im 2. Jahrhundert veranlaßt, ihnen Rechnung zn tragen. Kaiser Hadrian verlieh zuerst an die ounustus der 3 großen Lager an der mittleren Donau Curnuutnrn (d. i. Petroncll bei Dentsch-Altcn- bnrg), ^«pniusuin (Alt-Ofen), Viruinnsiurn (bei Kvstolac in Serbien) das Stadtrecht. Unter den folgenden Kaisern bis auf Diokletian wurde die gleiche Begünstigung allen übrigen großen Lagerstädten zn Theil, und aus ihnen erwuchsen am Rheine wie an der Donau, in Spanien wie in Britannien und Siebenbürgen die großen Städte, die heute noch den Ruhm und Stolz des betreffenden Landes bilden: ^rgsntorutuui (Straßbnrg), NoZun- iiucnun (Mainz), Colcmia. ^Zrixxiua, (Köln), rlc^uin- onrn (Ofen), Vinäostonu (Wien), Imuriueuin (Lorch), Castro. Regina (Regcnsbnrg). Castro Regina ist zwar hinsichtlich der städtischen Entwicklung hinter den meisten andern Lcgionslagcrn zurückgeblieben, und bei den dort bisher vorgenommenen Ausgrabungen sind gar keine Jnschriftdenkmale zum Vorschein gekommen, welche ein Zeugniß für seinen städtischen Charakter ablegen könnten. Gleichwohl ist die Civilstadt im Westen der Festung in einer sehr beträchtlichen Ausdehnung nachgewiesen worden. Canastas sind übrigens bei jedem römischen Castclle Nütiens bloßgelegt, wo mau überhaupt Untersuchungen anstellte: bei Fastningen (Romans), Vstvnianis (Pfünz), Ririoianis (Weißenburg), ^stusina (Einstig); ich weiß dieselben ferner noch bei Csrrnaniso (Kösching), Colsuso (Pföring), Colio Llouto (Kcllmünz), Onntia (Giinzbnrg), ferner an dem großen Castclle bei Aislingen, dessen römischer Name sich für uns noch vorläufig in Dunkel hüllt, auch bei Drnishcim (wahrscheinlich Ornsoinagus). Diese „Canastas" warm die Pflanzstätten, die Soldaten die Träger der römischen Cultur und der mit der Zeit vollständig durchgeführten Nomanisirung unserer Lande. Der Dienst im Heere eines mächtigen Staates wirkt zu allen Zeiten schon durch die Macht der Ideen und den Druck der Massen assimilircnd auf fremde, unter den Truppen befindliche Elemente ein; letztere verlieren von selbst nach und nach ihre Stammeseigenthümlichkeiten und bequemen sich mehr und mehr der Nationalität des herrschenden Volkes an. Diesen Prozeß sehen wir in der Vergangenheit und in der Gegenwart sich überall vollziehen. Der einstmalige Fortschritt des Franzosenthums in den Deutschland geraubten Provinzen Elsaß und Lothringen beruhte zu einem großen Theile auf der Um- prägnug der zahlreich unter der Fahne gestandenen Soldaten, Preußen verdankt die Verschmelzung seiner polnischen, der am Nhcine gelegenen und der im Jahre 1866 erworbenen Landcstheile nicht zum letzten der allgemeinen Wehrpflicht, und in Oesterreich hat der Gebrauch des deutschen Idioms als Armcesprache in dem auf deutscher Grundlage organisirtcn Heere eine Germanisirnng, wenigstens in gewissem Maße, nach sich gezogen, weßhalb das eifrigste Bestreben der verschiedenen dortigen interessanten Volksstämmc, die sich dadurch genirt fühlen, gegenwärtig dahin zielt, dieselbe zn brechen. Spielen sich solche Vorgänge noch in der Gegenwart ab, in welcher doch bei weitem kein so großer Unterschied hinsichtlich der Cnliurstnfe der breiten Voltsmassen zwischen den einzelnen Nationalitäten obwaltet, so ist die Vorstellung davon nicht gar so schwierig, wie einst im Römer- S97 reiche die Umwandlung des einzelnen peregrinen Mannes > zum Römer sich vollzog. Die Hoheit, Größe und Macht dcS die Welt beherrschenden Imperiums offenbarte sich ihm täglich bis zu den kleinsten Erscheinungen herab, so daß unwillkürlich seine Brust in stolzem Hochgefühle schwellen mußte, selbst ein Glied in dem großartigen Triebwerke des gewaltigen Organismus zu sein; hiemit war er im Geiste bereits znm Römer geworden, weßhalb die Umformung seines Wesens mit Naschheit sich vollzog. Wie hätte es auch anders sein können s Als ein junger Mann wurde der Rekrut einem Nahmen einverleibt» der völlig römischen Zuschnitt trug, die Dicnstsprache war Latein, die Offiziere waren Jtaler oder gaben sich wenigstens als solche aus, alle Augen waren auf Nom und den Kaiser gerichtet, an die Feldzeichen knüpfte sich die treu gehegte Ueberlieferung der stolzesten Erinnerungen, ynd nach Vollendung der Dienstpflicht winkte als höchste Belohnung die Adclung vermittels des römischen Bürgerrechts: das waren Anreiznngcn zur Genüge, um den Mann innerlich und äußerlich zum Römer noch eher werden zn lassen, als bis ihn nach 25jähriger Dienst- zeit das Gesetz auch formell dazu stempelte. Uebrigens war die Niederlassung der Veteranen bei den erwaims nicht die Regel, so lange der Regierung Ländereicn zur Verfügung standen; denn so lauge als diese vorhanden waren, wurden die mit Abschied Entlassenen auf Staatsboden angesiedelt, nicht immer znm Vergnügen der als Culturdünger Lenützten Soldaten. So klagen z. B. die pannonischen Soldaten im Jahre 14 > u. Chr.: si czuis tot enorm vita, supsimverik, tralri, mistne ciivoi'sns in terras, usii xor nomen a-Zroruin !irlitzin68 paluclnni et ineulta, nrontium aeeipiank XWcnn einer nach so viel Schicksalsläuften sein Leben davongetragen hat, so soll er sich noch in beliebige 'Länder verschleppen lassen, wo man unter dem Titel von Ackerland nasse Sümpfe und wüste Berge erhält). Derlei Landgüter hießen „kunäi" und nahmen von den Besitzern die Namen an: krmäus Gornalianns, tluralianrrs u. s. w. Der Name eines in Bayern in der Armee und im Civilstaatsdienste viel verbreiteten Geschlechtes, der Freiherren v. Andrian, gehört auch hiehcr; er führt auf einen solchen „kunärm" im Etschthale zurück, der nach der Besetzung Tirols durch die Bajuwaren in die Hände eines deutschen Besitzers übergegangen sein mag. Auch im räüschcn Flachland sind gewiß viele solche Landgüter an Veteranen verliehen worden. Vor Allem mutz dies unmittelbar nach der Eroberung Räticns und Windelicicns geschehen sein, denn zur Sicherung der römischen Herrschaft wurde damals die gcsammte streitbare Jugend der eben unterworfenen kriegerischen und wilden Völkerschaften aus dem Lande geführt und nur eine solche Zahl von Einwohnern zurückgelassen, die der Bestellung der Felder genügte, aber nicht der Empörung fähig war. Der Geschichtschreiber Vellejns Patercnlns liefert uns ein Zeugniß dafür, indem er die Soldaten dem Tiberins zurufen läßt: „ego a. to in Vinäaliom cioinrtrm suiu" (ich bin von dir in Viudclicien begabt worden). Vielleicht gehörten die Gebäude der römischen villaw, die ich unweit der großen Heerstraße von Verona über Partcn- kirchen-Murnau-Pähl-Schöugeising nach Augsburg bei Wilzhofen, Machtlsing, Erling und Noderried ansgrub, ebenso die schöne, leider nicht in ihrem ganzen Umfange von mir bloßgclcgte villa. bei Haltcnbcrg am Lcch ebenfalls zu solchen „tuncti", mit denen viclnarbigc, Wetterund schlachtcngrane Veteranen bestehen worden waren. Wenn man nun alle Verhältnisse in Erwägung zieht, insbesondere den Umstand, daß in der Provinz Rätien als Grenzland das militärische Element stets ein gewisses Uebergcwicht behauptete, so mutz man zu dem Schlüsse kommen, daß dem Heere ein ganz bedeutender Antheil an der Nomanisirung der Bevölkerung zukam. Der Stock und Kern des Volksthnms war freilich keltisch geblieben, aber alle Formen des Lebens erhielten römische Gestalt und römischen Anstrich. Als die römische Herrschaft nach 400jähriger Dauer ihrem Ende zuging, waren denn auch die Räter, wie ihre Nachbarn, die Noriker, soweit wir sehen könne», vollständig romanisirt. Die Stempel der römischen Töpferei in Westcrndorf bei Rosenheim (auf dem Boden von Zorw Oeni) zeigen noch keltische neben römischen Töpscrnamen. In den Stein- inschriften der spateren Kaiscrzcit aber finden sich fast nur römische Namen, und ausschließlich solche tragen die im Leben Scverin's genannten Bewohner der Donaugegend, sowie die Personen, die in unserer einzigen Urkunde aus römischer Zeit auftrete», aus einem in vico t?oim1vn