Zum hundertjährigen Todestage des Oi'.Benedikt Stattler. Ein Gedenkblatt von Pros. Dr. Silbernagl. Ain 21. Angnst 1797 starb zu München der Ex- jesuit und chnrfürstliche geistliche Rath Dr. Benedikt Stattler, ein Mann, der sich durch eine ausgezeichnete, auf viele Fächer der Wissenschaften und die Angelegenheiten seiner Zeit verbreitete Thätigkeit nicht bloß unter den Katholiken, sondern auch unter den Protestanten Deutschlands einen berühmten Namen gemacht hat. Geboren am 30. Jänner 1728 zu Kötzting im bayerischen Walde, lernte er die Anfangsgründe der lateinischen Sprache im Benediktinerkloster Niederaltaich und wurde dann in das Seminar zum hl. Gregor in München zum Dienste der Kirchenmusik aufgenommen, obschon seine ganze Musilkimst nur im Paukenschlagen bestand. Nachdem er am dortigen Gymnasium die niederen Schulen durchgemacht hatte, trat er am 13. September 1745 in das Jesuitencolleg zu Landsberg ein und hörte nach bestandenem zweijährigen Noviziate drei Jahre philosophische, eine Jahr mathematische und vier Jahre theologische Vorlesungen an der Universität Jngolstadt. Hierauf lehrte er als Magister drei Jahre lang die Grammatik zu Straubing und Lnudshnt und ein Jahr die Poesie zu Neuburg a. D. Im Jahre 1759 erhielt er die Priesterweihe, und im Jahre 1763 legte er die Ordeusprofeß ab. Air der Universität zu Innsbruck wurde er im Jahre 1764 zum Doktor der Philosophie promovirt und bekam das Lehramt der Physik; im folgenden Jahre lehrte er Logik und Metaphysik und 1766 abermals Physik, und es erschienen von ihm LlivorsIoAiss ob UetallurZisö xrinoipis xllxmos in zwei Theilen und LlinarsloZis sxoeislis, für welche Werke die Kaiserin Maria Theresia ihn mit einer Denkmünze beschenkte. Im Jahre 1769 erhielt er die theologische Doktorwürde und zugleich das Lehramt der Dogmatik. Als Lehrer der Theologie verfaßte er im Jahre 1770 seine »Doinonstrstio 6vsn§6lias", eine Apologie, in welcher er die Nothwendigkeit, Möglichkeit und Wirklichkeit der göttlichen Offenbarung zu zeigen suchte, und in demselben Jahre kam er als Professor der Dogmatik an die Universität Jngolstadt, wo er eine große literarische Thätigkeit entfaltete. Er gab in den Jahren 1769 bis 1772 zu Augsburg ein die ganze Philosophie umfassendes Werk heraus unter dem Titel „Lllilosopstis uislstoüo scüairtiis propris explsnsts" in acht Theilen, in welchen die Logik, Ontologie (Metaphysik), Kosmologie, Psychologie, natürliche Theologie, allgemeine und besondere Physik behandelt werden. Die Akademie der Wissenschaften in München hatte für das Jahr 1771 die Preisfrage gestellt: Da das in einem Gefäße stillstehende Wasser nicht allzeit wagerecht, sondern nach Verschiedenheit der Umstände zuweilen erhaben, zuweilen aber hohl steht, so fragt es sich, durch was für Kräfte diese Abweichung von den Gesetzen der Hydrostatik hervorgebracht werde? Stattler löste dieselbe und erhielt einen Preis von 25 Dukaten, wurde auch im Jahre 1773 als Mitglied in die Akademie aufgenommen. Er hatte sich in die Leibnitz-Wolfische Philosophie hineingearbeitet und dieselbe in mehreren Punkten vervollkommt oder vielmehr seinen eigenen Ideen angepaßt. Eine gründliche Metaphysik hielt er für eine Hauptstütze aller natürlichen und geoffenbarten Religion, und so war er bestrebt nach den Regeln seiner Logik und mathematischen Methodenlchre und nach den in seiner Metaphysik festgesetzten Begriffen und Hauptgrundsätzen die Dogmatik und Moral zu bearbeiten. Er brach also gründlich mit der bisherigen scholastischen Methode in der Theologie. Im Jahre 1772 verfaßte er eine Ltliios offristisns univorsalis, im Jahre 1775 die dogmatischen Werke vomoustrslio os- tlwlics und Iwoi tffeoIoAioi, und vom Jahre 1776 bis zum Jahre 1779 gab er seine Dflaologis Christians, tffoorotios in sechs Traktaten heraus. Die letzteren drei Werke erschienen schon 1781 in zweiter Auflage. Im Jahre 1780 richtete er eine apistols xsrsenatios an vr. Karl Friedrich Bahrdt in Berlin, als dieser sein Glaubensbekenntniß an den Kaiser geschickt hatte, und bearbeitete die vom Stolpischen Institute zu Leiden gegebene Preisfrage „Da vslors Zensus oonrmunis vs- turss tsnHusm nriteris voritstis". Welches Ansehen Stattler genoß, sehen wir daraus, daß ihn der Bischof von Speyer im Jahre 1776 wiederholt einlud, das Amt eines bischöflichen Seminarregcns und Pfarrers zu Bruchsal und eines kirchlichen Referendars zu übernehmen. Stattler lehnte jedoch ab, weil er kurz vorher vom Fürstbischof von Eichstätt zum Prokanzler der Universität ernannt worden war und vom Churfürsten Max Joseph die Pfarrei St. Moritz in Jngolstadt erhalten hatte. Diese Bevorzugung erweckte ihm viele Neider und Gegner, und zugleich begannen jetzt die Angriffe auf seine Theologie. Der Baccalaureus der Theologie Max Jgnaz Herzog polemisirte in seiner Doktordissertatiou, die 1780 zu Mainz erschien, gegen die Lehre Stattlers bezüglich des Subjectes der kirchlichen Unfehlbarkeit, worauf ihm Stattler eine freundliche Antwort gab. Aber ein viel stärkerer Gegner erwuchs ihm in dem Benediktiner Wolfgang Frölich, Lehrer des Kirchen- rechtes im Kloster St. Emmeram zu Regensburg. Dieser kritisirte in seiner Rsüoxio zu der Osuronslrsliv es- tstolios und den Dooi tstsoloZiei Stattlers strenge dessen Lehrmethode und zeigte ihm die Irrthümer, welcher sich Stattler in Bezug auf das Geheimniß der Erlösung, die Wirkung der Sakramente, die kirchliche Unfehlbarkeit, den Papst und die Kirche schuldig gemacht hatte. Stattlers Vertheidigung und die Entgegnungen seiner Schüler Sailer und Neuhauscr waren sehr schwach. Frölich zog hierauf 54 Sätze aus den dogmatischen Schriften Stattlers aus und schickte sie zur Prüfung nach Rom. Die Jndex- congregation unterwarf nun die vonaoustratio oststvlios und die I-oei tstaologiai Stattlers der Censur, und durch Dekret vom 10. Juli 1780 wurde die Demonstrstio csklivlios auf den Index gesetzt. Da aber diese Schrift vom Ordinariat Eichstätt approbirt worden war, so sus- pcndirte man einstweilen dessen Publication, um zu sehen, wie sich der Bischof zu demselben stellen werde.' Der Sekretär der Jndexcongregation, der Dominikaner Mainacht, theilte durch Schreiben vom 9. September 1780 dem Fürstbischöfe Naymund von Eichstätt das Urtheil der Jndexcongregation mit und bemerkte, daß mau es nicht für nöthig befunden habe, den Verfasser zu hören. Am 6. Oktober 1780 schrieb der Bischof an die Jndexcongregation und drückte seinen Schmerz darüber aus, daß durch die Verdammung eines von seinem Ordinariate approbirteu Werkes ihm eine große Schande vor den 326 deutschen Bischöfen, Fürsten und Gelehrten, ja vor dein ganzen Volke bereitet werde; Stattlcr hätte es bei seinem gelehrten Rufe schon verdient, daß er nach der ConstitntionBenc- vikts XIV. „Lolliaita. ao provicku" gehört worden wäre. Darum bitte er nun die Kongregation, und die gleiche Bitte stellte der Fürstbischof an Papst Pins VI. in einem Schreiben vorn 8. Oktober 1780. Der Sekretär Mainacht, welcher, als Fürstbischof Raymnnd in Nom Theologie stndirte, dessen Repetitor und mit ihm befreundet war, schrieb einen Privatbricf, worin er den Bischof bei ihrer alten Freundschaft ermähnte, sich von jeder Theilnahme an dieser Sache zurückzuziehen, da er die Vernrtheilung dieses Buches nicht hindern könne. Der Bischof schrieb ihm zurück, in seiner Bischofsstadt fei ein Dominikanerkloster, dem er bisher viel Gutes erwiesen habe; er werde sich von unn an gegen dasselbe so verhalten, wie Mainacht in dieser Sache gegen seinen alten Freund. Auf diese Schreiben hin ruhte die Sache bis zum Tode des Fürstbischofes.') Im Jahre 1781 war Stattler Rektor der Universität, und im September desselben Jahres wurden die Welt- priester und Exjesuiteu des Lehramtes enthoben, da die säknlarisirten Jcsuitengüter zur Errichtung einer bayerischen Zunge des Malteser-Ritterordens verwendet wurden. Die entlassenen Professoren erhielten entweder eine Pension von 240 fl. oder kirchliche Benefizien, und ihre Lehr- stühle kamen an die bayerische Beuediktiner-Congregation. Stattlcr bekam die Stadtpfarrei Kemnath in der Oberpfalz. Aus Anlaß des Mendelssohn'schen Jerusalems, worin für volle Glaubens- und Religionsfreiheit eingetreten wird, veröffentlichte Stattler sein „Wahres Jerusalem oder über religiöse Macht und Toleranz in jedem und besonders im katholischen Christenthnme". In dieser Schrift, welche 1787 mit bischöflicher Approbation zu Augsburg erschien, ist interessant, wie sich Stattler über die Ketzerei äußert. Ein Ketzer ist nach ihm der, welcher bei wirklich guter Kenntniß der göttlichen Autorität der Kirche doch einen Irrthum Wider den katholischen Glauben mit Hartnäckigkeit behauptet; wer aber von der göttlichen Autorität der Kirche keine gewisse Kenntniß hat, kann kein Ketzer sein. Auch eine wie immer grobe Unwissenheit entweder über die Autorität der Kirche oder über ihre wirkliche Lehre entschuldigt von der Ketzerei. Wer in Unwissenheit über die göttliche Autorität der Kirche und in rein materiellen Irrthümern von Jugend an auferzogen worden ist, mit der Zeit aber durch höheres Licht wie immer erleuchtet die göttliche Autorität der Kirche und seine Irrthümer als solche zu erkennen anfängt, jedoch aus menschlicher Furcht den katholischen Glauben öffentlich anzunehmen sich nicht getraut, ja wider die Ueberzeugung seines Herzens sich äußerlich noch ferner zur irrigen Religion bekennt, ist doch deßwegen im eigentlichen Verstände kein Ketzer, weil keine Hartnäckigkeit in Behauptung des Irrthums bei solchem Gemüthszustande angenommen werden kann. Die heutigen Protestanten bleiben also, auch nachdem sie erwachsen sind, immer im Besitze des in der hl. Taufe erhaltenen Rechtes zu aller geistlichen Gemeinschaft an allen geistlichen Gütern der katholischen Kirche, welche zu bcnützen sie bei Fortdauer ihres Jrr- ') Die Erzäblung Schlichtegroll's (Nekrolog auf das Jahr 1797, S. 180) und Anderer, daß Stattler, nachdem er das Urtheil der Judcrcongregatiou erfahren, mit Extrapost nach Nom geeilt sei und dem Sekretär Mamachi einen Besuch gemacht habe, in Folge dessen die Publication des Dekretes unterblieben fei, ist durchaus unwahr. thums doch noch fähig sind, und nur von der Gemeinschaft jener geistlichen Güter der Kirche sind sie ausgeschlossen, welche sie entweder aus irrigen Vornrtheilen selbst nur für unächte Güter halten, oder welche sie, wenn mau sie ihnen überließe, nur zur Verletzung der Rechte der katholischen Kirche mißbrauchen würden. Wenn daher ein katholischer Landesfürst Wissenschaft hat, daß. in seinen katholischen Staaten viele verborgene, ihrer Religion hartnäckig anhangende und nur äußerlich sich verstellende Protestanten vorhanden sind, welche übrigens dein Staate als nützliche Bürger wirklich dienen, so handelt er klug und recht, wenn er diesen eine öffentliche Uebung der protestantischen Religion mit der Bedingniß gestattet, daß sie sich aller Pro'selytenmacherei und aller Verführung katholischer Mitbürger enthalten. Und Stattler verweist hier auf das Beispiel des Kaisers Joseph II. (Schluß folgt.) Lippert — ein Auti-Jmissen. *) X. 6. „Um das Werk der evangelischen Kirchen- reformation zu verunglimpfen, hat der katholische Ge- schichtsschrciber Janssen in seiner Geschichte des deutschen Volkes kein Land durch Verleumdung so sehr zu Boden getreten, als die einst 100 Jahre lang bis auf den letzten Plann evangelisch gewesene Oberpfalz." Mit diesen Worten beginnt das neueste Werk gegen Janssen l Lippert will beweisen, daß die Oberpfalz 100 Jahre lang bis auf den letzten Mann evangelisch gewesen sei, und außerdem beabsichtiget er „die Schmähungen Janssens gegen unsere evangelischen Vorfahren und Fürsten in ihre Grenzen zurückzuweisen" oder wie er sich einige Zeilen später ausdrückt: „Janssens Geschichtslügen zu widerlegen." Untersuchen wir nun in aller Kürze die erste Thesis: Ist die Oberpfalz einst 100 Jahre laug bis auf den letzten Mann evangelisch gewesen? Lippert beschäftiget sich vor allem mit der Nothwendigkeit der Reformation. Daß eine Verbesserung der Sitten, daß eine Abschaffung vieler tief eingewurzelter Mißbrauche, daß insbesondere der geistliche Stand einer durchgreifenden Umgestaltung bedürftig war, haben nicht erst Luther und Hütten ausgesprochen, sondern schon auf den Synoden von Konstanz und Basel war die Parole einer Reform an Haupt und Gliedern ausgegeben worden. Aber wer hat denn diese Reform der Sitten am meisten behindert? Im Jahre 1489 ist ein Büchlein erschienen mit dem Titel: lös misoria, eurntoruna seu plsburorum, Von der Nothlagc der Pfarrer, welches späterhin als xuroalirm ctuockeuario ponäsrs pressus herausgegeben worden ist. In diesem „Nothschrei" werden neun böse Geister aufgeführt, welche den Pfarrer drücken; da werden genannt die Kircheupflcger, die Patronatsherren und auch die Gemeinden. Ja gerade die Patronatsherreu, die adeligen Raubritter, erniedrigten den geistlichen Stand am meisten; der Priester mußte als „Meßpfaff" ihnen in alleweg zu Diensten stehen. Daß auf den Burgen der Ritter, in den Schlössern der verarmten Landadcligen und an den Höfen der Fürsten nicht immer die strengsten Sitten herrschten, daß Liederlichkeit, Ehebruch und Trunken- ch Die Reformation in Kirche, Sitte und Schule der Ober-pfalz (Kur-pfalz) 1520—1620. Ein Auti-Jausseu aus den königlichen Archiven erholt von Friedrich Lippert, kgl. Pfarrer- in Amberg. Rothen- burg o/Tbr. Peter'sche Buchdruckerei. 1897. 234 Seiten. 327 heil sehr im Schwange waren, dafür stehen Belegstellen mehr als erforderlich zur Verfügung.') Die Gemeinden waren in Folge der fortwährenden Fehden und Nanb- ziige verarmt, und das schlechte Beispiel der höheren Stände war auch an den Bürgern und Bauern nicht spurlos vorübergegangen. Konnten ans einem verarmten und sitttlich verwahrlosten Volke Priester hervorgehen, welche der hehren Aufgabe ihres Berufes stets gewachsen gewesen wäre»?-) Wo erhielt der heranwachsende Klerus seine wissenschaftliche, seine ascetische Ausbildung? Die Bursen an den Hochschulen waren längst vergessen, Seminarien im heutigen Sinne kannte man nicht; der jüngere Humanismus mit seiner Vorliebe für heidnische Lcbensauschannng war nicht der Nährboden eines sitten- reincn Klerus. Die Bischofsstühle, die Domkapitel waren Versorgnngsanstalten fürstlicher und adeliger Kinder und Herren geworden. Wer trug die Schuld an dieser unberechtigten, unkatholischen Exklusive? Vielleicht Rom? Schon durch die Landesordnnng Georgs des Reichen vom Jahre 1491 war im Herzogthum Bayern das landesherrliche Placet eingeführt worden: „ainich preves bullen oder anderes in unsern: Land on unserer willen und wizzen anzeschlagen oder zu verkünden" war verboten. Von der Bewegung, welcher der Augustinermönch Martin Luther seinen Namen lieh, erwartete das gewöhnliche Volk allseitige Besserung seiner Verhältnisse auf breitester demokratischer Grundlage: Abschaffung der Frohnden und Zehnten, allgemeines Jagd- und Fischereirecht, Anstellung der Pfarrer durch die Gemeinde. Hatte ja doch Luther selbst das Princip des allgemeinen Priester- thumes unter die Massen geworfen, spielte er doch bis 1525 mit Vorliebe den Anwalt der Unterdrückten. Wie das Volk diese demokratischen Anschauungen zu verarbeiten verstand, erhellt klar aus dem „Fürhalten des Dorfmeisters zu Wendelstein an den neuangchenden Pfarr- ') Vergl. Hösler, „Die Aera der Bastarden am Schlüsse des Mittelalters". Prag 1891. Daß übrigens „in allen Klöstern und Pfarreien der Oberpfalz das Concnbinat zu finden war", hat Lippert (S. 4) nicht erwiesen. Was die angebliche Aeußerung des Kardinals Campcggi 1524 über das Concubinenwcscn betrifft, so ist Slcidanus ein nicht einwandfreier Antor. Uebrigens konnte zum Jahre 1524 eine derartige Aeußerung Campeggi's weder in den lateinischen Commentarien (Ivan. Aoicloni Os statu rsliZiovis st rsipublioas Osrolo V Oasssrs donunentarli LlI)1>V, p. 88) noch in der deutschen Nebersetzung (Joh. Sleidani Warhafrige Beschreibung aller Händel so sich in Glauben Sachen und Weltlichen Regiment unter Karl V. zugetragen. Frankfurt a/.M. M. D. Lix (1559) Seite xlv) entdeckt werden. Die von Lippert benützte Ausgabe Frankfurt 1785 I 240 stand uns leider nicht zur Verfügung. Das Citat aus dem Tridentinnm konnte ich weder Lass. XXIV ean. 9, noch bei derselben Sitzung cls rekorinntions co.p. 8, noch Lsss. XXV äs rskorin. sap. 14 auffinden. *) In dem Gutachten der Geistlichkeit des Kapitels Neumarkt vom 16. Oktober 1524 wird bemerkt: Die Stadtgeiftlichen könnten gegen die Bürger, der Landklerus gegen Vögte und Pfleger eine Reihe von Beschwerden vorbringen: sie wollten indessen hicvon nichts weiter reden. (Past.-Blatt des Visth. Eichstätt 1870, 19.) Diese Gutachten beweisen außerdem, daß „die wissenschaftliche Unfähigkeit des Klerus nicht so groß war, wie der Am- berger Rath sagte, daß der katholische Klerus „keine fünf Emwohner" von der Liebe zu Luther abhalten konnte" (Lippert S. 3). Die Städte Amberg und Neumarkt standen unter dem Banne der Reichsstadt Nürnberg, deren Haupt- bestreben war. die bischöfliche Jurisdiktion abzuschütteln. Schrieb ja doch Pirkheimer: „Den Reichsstädten erscheint der Türken Joch leichter als jenes der Bischöfe". (Past.-Bl. 1869, 178.) ' Herrn" an: Mittwoch nach Gallt Anno 1524. (Niederer, Nachrichten znr Kirchen-, Gelehrten- und Büchergeschichte. Altdorf 1763, Bd. !I, 333-346.) Demgemäß soll der Pfarrer nur der Diener der Gemeinde sein: „nicht Du hast uns zu gebieten, sondern wir haben Dir zu gebieten, und deßhalb befehlen wir Dir, uns das lautere, klare Evangelium vorzusagen. Opfer, Seelgeräth fallen in Zukunft weg, das Widdum soll dein Pfarrer genügen. Hat derselbe Klagen gegen die Gemeinde, so soll er Niemanden nach Eichstätt citiren, sondern an die mark- gräslichc Herrschaft; ebenso wird es die Dorfgemeinde halten." Aehnliche Ideen spukten auch vielfach in den Köpfen der Oberpfälzer. Da war es nun vor allein Aufgabe der Bischöfe, ihre Hecrden zu belehren, ihre Geistlichen vor der Hinneigung zu dem Lnthcrthnm zu warnen. Aber die Fürsten traten hindernd und hemmend entgegen: sie befürchteten Abbruch an ihren landesherrlichen Gerechtsamen. So schreibt Lippert S. 18: „Als der Administrator des Bisthums Negensbnrg diese Beschlüsse des Konvents von Negensbnrg an alle seine Geistlichen hinansgeben wollte, erhielt der Bischof von der oberpfälzischen Regierung dazu mit Rechts?!) das pluoet nicht, und Friedrich befürwortete bei seinem Bruder deren Jnhibirnng." Unter solchen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, wenn die „positiven Resultate der Ncgensbnrger Reformation recht magere waren". Als der Bischof von Eichstätt, Moriz von Hütten, im Oktober 1548 den Klerus seiner Diöcese zu einer Synode znsammenberief, da fragten die Nenmarktcr Geistlichen am 14. November bei der Regierung an, ob sie dieser Einladung Folge leisten sollten. Die Regierung antwortete ganz lax, wie selbst Lippert (S. 40 A. 4) sagt: „Daß einer oder zwei Geistliche, das wir doch zu ihrem Gefallen stellen, die Synode besuchen und hören lassen, was daselbst gehandelt wird; wo alsdann ihr^s Gewissens etwas beschwert, würden Ellas Hanschild und Kaplan Georg Priesinger wohl Weg wissen." Ja die Regierung scheute sich nicht, in einer Erklärung vom 11. April 1539 (Lippert S. 29) den Bischof von Regensbnrg über die Neichnng der hl. Kommunion unter zweierlei Gestalt durch den Prediger Hügel in Amberg geradezu anzulügen — erst der Politik wurde Hügel seitens der weltlichen Gewalt geopfert! In Augsburg hatten die protestircnden Stände bei Ueberreichnng ihres Bekenntnisses 1530 an ein „gemein, frei, christlich Concilium" appellirt und gefordert, daß der Kaiser den Papst zur Abhaltung eines „solch Gcncral- concilinms" veranlassen möchte (Müller, die symbolischen Bücher S. 37); als endlich Paul III. am 2. Juni 1536 das Ausschreiben zu der allgemeinen Kirchenversammlnng, welche im Mai des kommenden Jahres zu Mantua zusammentreten sollte, ergehen ließ und auch zu den neu- glänbigcn Fürsten den Legaten Petrus van der Borst, Bischof von Acqui, mit Einladungsschreiben abschickte, da war es nach Lippert Seite 21 „den Protestanten Ehrensache, ein solches Concil nicht zu beschicken, und sie gaben die Hoffnung aus eine päpstliche Reformation auf". Worin diese Reformation bestehen sollte, erhellt unzweideutig aus den schmalkaldischen Artikeln, der Antwort Luthers und seiner theologischen Freunde auf die päpstliche Einladung zum Concil. Nicht um die Lehre, nicht um die neuen Dogmen war es den pro- testirenden Fürsten zu thun, sondern um die Oberhcrr» 328 schaft über die Kirchen ihres Landes. Wer soll oberster Richter in Glaubenssachen sein: der Papst oder die weltlichen Territorialherren? Das war der Kernpunkt der ganzen Bewegung. Um die Spaltung zu erhalten, erklärte man in Schmalkalden den Papst als den leibhaftigen Antichrist. „So wenig wir den Teufel selbs für einen Herr oder Gott anbeten können, so wenig können wir auch seinen Apostel, den Bapst oder Endechrist, in seinem Regiment zum Haupt oder Herrn leiden. Denn Lügen und Mord, Leib und Seele zu verderben ewiglich, das ist sein bäpstlich Regiment eigentlich." (Pastor, Die kirchlichen Reunionsbestrebungen, S. 100.) (Fortsetzung folgt.) Wie ist das Osterfest zu verlegen? Von I. B. Ach atz. (Schluß.) Ein anderer Vorschlag sieht, wie vom Frühlingsvollmonde, so auch vom Frühlingsanfänge — gänzlich ab und geht dahin, daß Ostern am 2. Sonntag im April zu feiern fei. Darnach fiele Ostern stets in die Zeit vom 8. bis 14. April incl. Dieser Vorschlag ist in einer Hinsicht noch annehmbarer als der vorhergehende, weil er nämlich vom jüdisch-astronomischen System ganz absieht. In anderer Hinsicht ist aber mich dieser Vorschlag auf einer sehr willkürlich gewählten, völlig bedeutungslosen Grundlage aufgebaut. Durch diesen Modus würde nicht bloß das Osterfest, sondern das ganze Kirchenjahr eine Einbuße an seinem idealen Charakter erleiden. Aber gleichwohl verdienen die beiden vorerwähnten Vorschläge mit Rücksicht auf den angestrebten Zweck dennoch volle Anerkennung. Um jedoch eine befriedigende Lösung der Osterfrage herbeizuführen, sollte ein allenfallsiger Vorschlag nach Möglichkeit und-dem kirchlichen Charakter des Osterfestes entsprechend mehr im Kirchenjahre selbst als im bürgerlichen Jahre einen Stutzpunkt finden, damit so die sinnvolle Bedeutung des Kirchenjahres immer klarer zu Tage trete. Ich will es deßhalb versuchen, unter dem erwähnten Gesichtspunkte einen Vorschlag zu machen, der hauptsächlich das Kirchenjahr und die christliche Zeitrechnung zur Grundlage hat, und der deßhalb die christliche Idee der kirchlichen Festzeiten nicht unbedeutend heben dürfte. Sollte mit diesem Vorschlage auch weiter nichts erreicht sein, als daß er neue Gedanken und Gesichtspunkte für eine möglichst befriedigende Lösung der Osterfrage in Anregung gebracht habe, so ist er immerhin ein Beitrag zur Klärung der Sache. Zunächst sei also darauf hingewiesen, daß das Osterfest und der ganze bewegliche Osterfestkreis ein wesentlicher Bestandtheil des Kirchenjahres ist. Das Kirchenjahr ist aber seiner Bedeutung nach nichts anderes als eine Darstellung, Vergegenwärtignng, Erneuerung des Erlösnngswsrkcs, der ganzen Erlösnngsgeschichte. Jni Laufe des Kirchenjahres schauen und durchleben wir im Geiste und in der Erinnerung alle die verschiedenen Zeiten und denkwürdigen Ereignisse unserer Heilsgcschichte, angefangen von den ersten Menschen im Paradiese, die Verheißung und Ankunft des Erlösers (Advent), dessen Geburt und verborgenes Leben (Weihnachten), dessen öffentliches Wirken, Leiden und Sterben (Fastenzeit), seine Auferstehung und Himmelfahrt (Osterzeit), die Sendung des hl. Geistes, die Stiftung, Ausbreitung und Wirksamkeit der Kirche bis zum Ende der Zeiten (Pfingsten und Sonntage nach Pfingsten). Alle diese Zeiten und Ereignisse werden in der geschichtlichen Darstellung nach der allgemein üblichen christlichen Zeitrechnung bestimmt mit Rücksicht auf das Geburtsjahr des Welterlösers, indem angeben wird, im wievielten Jahre vor oder nach Christi Gebnrt sie stattgefunden. Die Geburt Christi bildet also gleichsam den Mittelpunkt, von dem aus alle geschichtlichen Ereignisse zeitlich fixirt und berechnet werden. Und dazu ist das Geburtsfest des Herrn durchaus geeignet. Denn einmal ist es ein feststehender, unveränderlicher, allgemein anerkannter Zeitpunkt, der 25. Dezember, der nicht von weitläufigen wissenschaftlichen, astronomischen Berechnungen abhängig ist. Ferner bildet das Geburtsfest Christi die Grundlage, gleichsam das Fundament, auf das alle übrigen Feste des ganzen Kirchenjahres gegründet sind. Die Advent sonnt age werden ohnehin schon mit Rücksicht auf das Weihnachtsfest gerechnet. Die Beweglichkeit des ersten Adventsonntages zeigt uns schon die Art und Weise der Beweglichkeit des Osterfestes und der übrigen beweglichen Feste. Eine weitere bedeutsame Folge wird die sein, daß der Weihn achtsfestkr eis und Osterfestkreis, die bisher in einem losen Verhältnisse zu einander standen, auch einen äußeren, harmonischen Zusammenhang erhalten. Gerade dieser Umstand zeigt uns auch den Weg, auf dein unser Vorschlag seinen eigentlichen Zweck erreicht. Indem wir nämlich das Osterfest nach dem Weihnachtsfeste bestimmen, müssen wir nicht bloß diese Festtage im Einzelnen ins Auge fassen, sondern vielmehr die ganze Festzeit, d. h. den Weihnachts- und Osterfestkreis je als ein einheitliches Ganzes, berücksichtigen. Die Nachfeier des Geburtsfestes Christi dauert 40 Tage; es schließt somit die Weihnachtszeit oder der Weihnachtsfestkreis ab mit dem 40. Tage nach Weihnachten, d. i. am 2. Februar, dem Feste Mariä Lichtmeß (kurifioat. L. dl. V. sau kraesantat. vooailli). Dies ist wieder ein ganz fixer, vom Ge- bnrtsseste des Herrn zeitlich abhängiger Tag, der überdies sowohl in kirchlicher als bürgerlicher Beziehung eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Der Lichtmeßtag bildet also den ganz bestimmten Abschluß des Weihnachtsfestkreises und mit Rücksicht auf sein Festgeheimniß (Aufopferung des Herrn im Tempel) zugleich den Uebergangspnnkt zum Osterfestkreis. Der Osterfest kreis, d. i. die Vorfeier zum Osterfeste, beginnt stets mit dem Sonntage Loxtua- Zasimas oder dem 9. Sonntage vor Ostern. Der Sonntag 8op>tua§68ima.6 ist nach den heutigen Verhältnissen denselben Schwankungen unterworfen, wie das Osterfest selbst. Derselbe kann vom 18. Januar bis 21. Februar einschl. auf 35 verschiedene Tage fallen, so daß der Anfang des Osterfestkreises einmal noch mit dem Weihnachtsfestkreise zusammenfallen, ein anderes Mal dagegen weit von demselben sich entfernen kann. Dieses lofe, nnzusammcnhängende Verhältniß der beiden großen Festkreise bildet gewissermaßen einen Mangel, eine Lücke im einheitlichen Charakter des Kirchenjahres, abgesehen von der unnatürlichen Occnrrenz des Weih- nachtsfcstkreises und der Septnagesimalzeit. Dieser Defekt wird aber auf sehr einfache Weise dadurch beseitigt, daß man an den Weihnachtsfestkreis stets den Osterfestkreis direkt anschließen läßt, indem man bestimmt, daß der Sonntag nach Lichtmeß jedesmal die Dominion LoxtunAeoinirrs sein solle. Durch diese Bestimmung würden nicht nur manche Unebenheiten beseitigt, sondern auch eine Menge positiver Vortheile erzielt. Namentlich wäre dadurch die Frage einer Beschränkung der Beweglichkeit des Osterfestes in der allereinfachsten, natürlichsten, zweckmäßigsten und idealsten Weise gelöst. Durch diese Bestimmung wäre erreicht, daß LoptnaZosimas immer in die Zeit vom 3. bis 9. Februar incl. und somit Ostern, welches stets am 10. Sonntag nach Lichtmeß zu feiern wäre, in die Zeit vom 7. bis 13. April incl. fallen würde. Nur in einem Schaltjahr wäre auch der Fall denkbar, daß Ostern schon auf den 6. April treffe. Der eigentliche Hauptzweck, Ostern auf die erste Hälfte des April zu verlegen und in seiner Beweglichkeit angemessen einzuschränken, ist durch diesen Vorschlag vollends erreicht, und zwar hält die Mobilitätszeit vom 7. bis 13. April die Mitte zwischen den beiden obengenannten Vorschlägen. Jnsoferne aber auch die Ausgestaltung des Kirchenjahres und die Anwendung der christlichen Zeitrechnung in Betracht kommen, ist die Gcbnrtszeit Christi gewiß ein viel vorzüglicherer, würdigerer Ausgangspunkt für die Zeitbestimmung unserer kirchlichen Feste, als der jüdisch-astronomische Frühlingsanfang oder der in einem zweifelhaften Rufe stehende 1. April. Die naturalistische Auffassung des Osterfestes wird ganz entschieden zurückgedrängt durch das christliche Princip der neuen Festrechnung. Auf die einzelnen bc- merkenswerthen Vortheile, die eine Lösung der Oster- frage gemäß unserem Vorschlage zur Folge haben würde, wollen wir nicht weiter eingehen, sondern dieselben dem forschenden Blicke und der Beurtheilung der geehrten Leser überlassen. Nur auf eines sei noch kurz hingewiesen. Wenn manche Kreise die Befürchtung hegen, daß eine solche Neuerung unmöglich sei, weil sie eine große Umwälzung herbeiführen würde, so ist diese Befürchtung ganz und gar unbegründet. Denn was das bürgerliche Leben betrifft, so wird diese Neuerung allgemein als eine vor- theilhafte Reform gewünscht und begrüßt. In kirchlicher Beziehung bleibt so ziemlich alles beim alten. Es braucht deßhalb nicht ein einziges liturgisches Bück nothwendig abgeändert zu werden. Immerhin mag es ja wünschenswerth sein, daß bei Neuauflagen kleine Veränderungen vorgenommen und namentlich im Breviere die überflüssig gewordenen Feste aus den betreffenden Theilen weggelassen werden. Bezüglich der Einführung einer solchen Neuerung geht unsere Ansicht dahin, daß, insofern« die Ost er fei er in erster Linie eine kirchliche Angelegenheit und in zweiter Linie wohl auch für das bürgerliche Leben von Bedeutung ist, zunächst die kompetente kirchliche Behörde zur Berathung der Sache berufen ist, um mit den maßgebenden staatlichen Behörden eine Verständigung herbeizuführen. Eine Verständigung ist nothwendig, insoferne auch andere christliche Neli- gionsgesellschaften in Betracht kommen. Zur besseren Orientirnng lassen wir noch eine Tabelle oder übersichtliche Darstellung der beweglichen Feste folgen, wie sie die anf Grundlage des Geb u r t s- festes Christi reformirte christliche Festrechnnng bedingen würde. ladellg. kssstorum rnodillum rsesutior rsLorm^g.. 3. Fcbr. 16. Mai, 26. Mai 6. Juni. 7. April. 27. Nov. 1. Juni. Walther von der Vogelweide. (Fortsetzung.) fl. Lastn. Trotz der bitteren Erfahrung, daß die Welt den reichen Thoren dem armen Klugen vorzieht, strebt er weiter und höher; Walther wendet sich dem feineren Frauendienste zu mit dem schönen Liede Minne- gesangs Frühling und wächst sichtlich mit feiner Aufgabe. Voller und reicher ist dieses und die folgenden Dichtungen gegen vorher. Aber trotz des Glückes, das ihm die Minne bringt, fehlt es nicht an trüben Stunden; Lügner und Verleumder treten zwischen ihn und seine Herrin. Er faßt sich rcsignirt, und er will sich aufmachen und es anderwärts versuchen. Zuvor aber rechnet er in dem Gedicht „lest cvil nn teilen, e lest var" mit denen ab, welche ihm seinen Frühling verdorben haben: Nun will ich theilen, eh' ich zieh'. Mein fahrend Gut und festes Land, daß niemand streite, außer die, so ich als Erben hab' erkannt. Mein Unglück will ich jenen lassen, die gerne neiden, gerne hassen, dazu mein angebor'nes Leid; den Kummer soll der Lügner erben; der Liebe ungestümes Werben sei treulos Liebenden geweiht; Euch Frauen aber will ich schenken der Liebe schmerzliches Gedenken. Bis hierher reicht der erste Abschnitt in dem Sängerleben Walthers von der Vogclweidc. Es sind vielversprechende Anfänge, die die Jugendlust und -Kraft des Dichters ahnen lassen. Wenn man das Vorbild aus denselben noch herausahnt, so löst er sich doch sichtlich vom Zauber des Meisters und bricht mit jugendlichem Muthe sich Bahn. Aus dem Jüngling wird der Alaun,. 330 welcher sich mit festem Schritt in die Welt hinauswagt, um sein Leben zu erstreiten und den Platz sich zu erwerben, den das Können, das er in sich fühlt, ihm in der Ferne zeigt. Um welche Zeit Walthcr als fahrender Sänger vom Wiener Hof ausgezogen ist, wissen wir nicht. Auch die Umstände können wir bloß ahnen. Denkbar wäre es, daß Neinmar dazu beigetragen hat, zu welchem Walthcr in ein feindseliges Verhältniß getreten war. Man schließt dieses eins den Klagestrophcn, welche er dem in Palästina verstorbenen Herzog Leopold V. widmete. Als der erste unter den ritterlichen Dichtern treibt er jetzt das Gewerbe eines fahrenden Spielmanns durch die deutschen Lande und darüber hinaus mehr denn zwanzig Jahre. Die Flüsse Seine und Mnr (in Steiermark), Po und Trabe bezeichnet er als Grenzen, innerhalb deren er das Leben der Menschen beobachtet habe. Wir sind jedoch außer Stande, die ganzen Wanderungen des Dichters im einzelnen zu verfolgen; dazu reichen die mannigfachen An- haltspnnkte doch nicht aus, die uns durch seine Gedichte geboten werden. Die darin enthaltenen Andeutungen sind vielfach zn unbestimmt und für uns nicht mehr verständlich. Doch wie haben wir uns Walthcr als fahrenden Mann zn denken? Zn Pferd zog er als Ritter von einem Ort zum andern. Die Höfe adeliger Herren, der Grafen, Bischöfe und Fürsten waren die großen Stationen seines Zuges. Während er in den kleinen Herbergen, in Dörfern und Weilern, ein Gast war, der für Unterkunft und Zehrung bezahlte wie jeder andere, war für ihn an den Höfen nicht nur beides frei, sondern dem Sänger wurde nach kürzerem Aufenthalte ein Geschenk zn Theil, etwa Geld, Stoffe, Schmuck, ein Pferd. Gefiel seine Knust und auch seine Persönlichkeit dem Herrn, so behielt er ihn länger, nahm ihn vielleicht sogar unter seinen Hofstaat, in sein „Gesinde" auf. Wenn man dem Sänger und Edelmann auch im ganzen gewiß mit Achtung begegnete, so gab es doch ebenso gewiß auch Widerwärtigkeiten, welche ihm durch Concnrrenten und Streber bereitet wurden. Musik und Gesang, Vortrüge von Liedern, erwartete man von ihm. Sein Instrument führte der Sänger mit sich, entweder die Fiedel nebst Bogen, die, mit einem Tuch umhüllt, beim Reiten an den Sattel geschnallt oder wie der Sack eines heutigen Touristen über den Rücken gehängt wurde; vielleicht hatte er auch eine kleine Harfe, welche der Sänger auf das Knie stellte und gegen die Brust stemmte. Ort und Zeit des Vortrags war wohl Winters und Sommers verschieden: in einem der großen Bnrgzimmer nach dem Mahle oder des Abends, wenn das Feuer in dein mächtigen Kamin loderte. Während des Sommers aber bot der Banmgarten oder der Hof in der Burg, vielleicht auch eine der steinernen Lauben, wie sie sich am Oberstock alter Schlösser manchmal hinziehen, den passenden freien Raum. Waren die Hörer im Halbkreis versammelt, die vornehmsten auf erhöhten Sitzen in der Mitte, dann hub der Sänger an. Es läßt sich vermuthen, das; er zuerst ein Vorspiel auf seinem Instrument zum Besten gegeben haben wird. In welcher Art jedoch der eigentliche Vortrug der Lieder stattfand, darüber besitzen wir keine genaueren Mittheilungen, auch die überlieferten Bildwerke nützen uns nichts. Doch soviel ist wahrscheinlich: entweder begleitete der Sänger sein Lied selbst auf einer kleinen Knieharfe (liet blasen nennt das Ncidhart) oder er wurde von einem Genossen auf der Fiedel begleitet. Walthcr nennt einmal seinen Knappen Dietrich, der ihm wohl die nöthige Hilfe geleistet hat. Ulrich von Lichtcnstein und später der Graf Hugo von Montfort sangen auf dieselbe Weife mit Unterstützung eines Begleiters. Walther hat die Weifen zn seinen Liedern und Sprüchen selbst componirt, wie denn auch alle angesehenen ritterlichen Minnesänger vor und nach ihm gethan haben. Ja, Walther ist gerade seiner Melodien wegen berühmt gewesen. Gottfried von Straßburg widmet ihm gerade deßwegen hohes Lob; er preist die kunstvolle Harmonie und die anmnthigen Tongänge seines musikalischen Vortrages und erhebt ihn darum über alle Zeitgenossen. Reininar und Walther hatten nach Gottfrieds Zeugniß vor allein das Verdienst, den weltlichen Gesang künstlerisch ausgebildet zn haben. Manches Lied Walthers singt sich fast von selbst, man fühlt nicht bloß den Rhythmus, sondern auch die Intervalle der Melodie. Zn nicht weniger als 101 solcher Kompositionen sind uns die Texte erhalten, darunter umfangreiche und schwierige Nummern. Nur ein großes durchcomponirtes Stück ist dabei, der Leich, die übrigen haben bloß je eine Weise für mehrere Strophen. Außer seiner eigenen Poesie hat Walther sicherlich noch die Minnelieder anderer Herren, aber auch sonstige beliebte Stücke, z. B. die volkstümlichen Dichtungen aus der Heldensage, seinen Zuhörern vorgetragen. Auf seinen Sängerfahrten hat Walther von der Vogelweide die rechte Meisterschaft in dem höfischen Sauge gewonnen, wodurch er selbst znr Höhe emporgehoben wurde. Er zieht alle Register der Kunst, um die Liebe zu einer schönen vornehmen Frau zu besingen. Ich darf dir nur in's Antlitz schauen, so ist mir schon, als fälst fürwahr den Himmel selbst, den dunkelblauen, in Sommernächten rein und klar. Zwei Sterne, mir ein Gottessegen, sie lächeln mich so freundlich an — O Herrin, komme mir entgegen, daß ich mich darin spiegeln kann; und bin ich noch so alt und krank, ich werde jung durch deinen Dank! Und deine Wangen erst, o sprich, Gott selbst hat sie gemalt, mein Kind. so weiß und roth und miuniglich, wie Lilien und Rosen sind! Es ist doch, Herrin, keine Sünde, daß ich dich schöner als das Blau des Himmels und die Sterne finde? — Doch stille, Mund! Die beste Frau, sie sieht dich bald von oben an, denn zu viel Lob entehrt den Mann. Ein andermal singt er in tiefer Empfindung: O wie gut bist du und rein, meine Seele ist dir offen; o laß ab und schone mein, die du mich in s Herz getroffen! Lieb und lieber? Nein, du bist nur das Liebste, das ich kenne; wenn ich deinen Namen nenne, alles Leid verschwunden ist. Noch gehobener ist die Stimmung des Sängers in den vollklingenden Versen des Gedichtes: Wenn die Blumen aus dem Gras sich drängen, als ob sie lachten ge'n den Glanz der Sonne, im holden Mai und in der Morgenfrühe, da gleicht auf Erden nichts mehr dieser Wonne. Man glaubt sich schon im halben Himmelreich. Und dennoch sah ich einst, ich sage euch, was meinen Augen wohler noch gethan und noch thun würde, fälst iclsts wieder an. 331 ,Ihr zweifelt wohl? Nun denn, das ist ein Weib, ein junges, schönes, hochgebornes Weib: das mit dein Kranz im aufgcbnnd'ucn Haar, geschmückt mit festlich wallendem Gewand, voll Zucht einhergcht in der Frauen Schaar. Ein holdes Lächeln sitzt auf ihrem Munde, verstohlen blickt sie manchmal in die Runde und wirft in manches Herz der Liebe Brand. Wie uicter Sternen steht sie, eine Sonne — o armer Mai! wo bleibt da deine Wonne? All deine Blumen las; ich gerne steh'n und will nur sie in ihrer Schönheit seh'n. Ihr neigt das Haupt und lächelt? Nun wohlan! Mit Blüthen ist bestreut die grüne Bahn, und unter Nachtigallentönen zieht siegreich ein der königliche Mai. O blickt auf ihn, doch schaut auch auf die schönen und keuschen Frauen mit holden Wangen! Wem glüht da nicht die Seele vor Verlangen, und wer aus euch fühlt sich von Fesseln frei? Ihr heißt mich wählen: Frühling oder Frauen! Bei Gott, da gibt's kein überlanges Schauen: März müßt ihr sein, Herr Mai, der wolkenbleiche, bevor ich je von meiner Herrin weiche! Walther kann hier mit den besten Dichtern der Gegenwart um die Paline ringen. Er zeigt da die Verwegenheit des Dichters, der seiner Mittel und ihrer Wirkung vollkommen sicher ist; er fühlt sich seinem Publikum überlegen, er leitet zu dem Genusse, welchen er selbst vorbereitet hat. Das Kunstmittel, die Hörer persönlich in das Interesse zu ziehen, hat Walther allein ausgebildet. Es wäre uns ein Leichtes, noch eine große Anzahl Dichtungen unseres Meisters anzuführen, nm das vollauf zn bestätigen, was Willmanns in seine»; bedeutenden Werke über „Walther von der Nogelweide" (2. Auflage 1883) über den Stil des Dichters sagt: „Nicht weniger als durch die Mannigfaltigkeit des Stoffes zeichnet Walthers Kunst sich durch einen erfrischenden Wechsel der Stimmung aus. Freude und Schmerz, ruhiger Ernst, treffender Spott, sittliche Entrüstung, streitbare Kampflust, kecker liebcrmuth, heiterer Scherz, frohes Behagen, Sehnsucht, Unwillen, Wehmnth und Humor: alle Stimmen des menschlichen Herzens klingen uns aus seinen; Liede entgegen, nud so rein und lieblich, so kräftig und ergreifend, daß man ihnen gerne lauscht. Der Reichthum des Stoffes und die Mannigfaltigkeit der Auffassung verbinden sich bei unserm Dichter mit einer Kunst der Darstellung, welche ihm, obschou er nicht überall auf derselben Höhe steht, unter allen Dichtern des Mittclalters den ersten Platz sichert. Die Aufgabe des vortragenden Künstlers, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zn fesseln und zu befriedigen, ist für den Säuger schwerer zu lösen als für den Erzähler. Und doch verfehlt Walthers Kunst nicht die Wirkung; sie ist lebendig für die Empfindung, klar für den Verstand, anschaulich für die Phantasie; sie erfreut in; einzelnen und im ganzen." Unter dem Zauber seines Wortes beleben sich die Abstraktionen, gewinnt das heimlichste Gefühl lebendigen und packenden Ausdruck. Allein auch der Dichter hatte von dieser Periode seines Schaffens einen großen Gewinn. Seine Erfahrungen wurden ein bleibender Gewinn für sein Leben; sie machten ihn ernster und tiefer, aber sie rüsteten ihn auch zu den Aufgaben, die seiner harrten und zu deren Lösung das deutsche Reich und Volk sein Leben und seine Kunst für sich forderten. Bis zum Ende seines Wiener Aufenthalts blieb Walther unberührt von den politischen Ereignissen/ wenn wir uns darüber auch klar sind, daß die große und herrliche Zeit Barbarossas und seines Nachfolgers einen tiefen Eindruck auf sein warmes Dichter herz hervorrief. Das änderte sich jäh, als Kaisci Heinrich VI., Barbarossa's harter Sohn, der „Haimnc der Erde", wie die Zeitgenosse!; ihn nannten, am 28 September 1197 zn Messina schnell dahinstarb. Mitten au? den kühnsten Plänen und weitgrcifcndstcn Entwürfen riß ihn der Tod. Mit eherner Faust hatte er Italien zu Boden gerungen, in Deutschland die Furcht als Hüterin von Gesetz und Recht aufgestellt, überall die Scheu vor dem kaiserlichen Namen erweckt und wach erhalten. Nun bemächtigte sich eine ungeheure Verwirrung aller Gemüther; der Machtbau Heinrichs brach sofort in sich zusammen; denn während das ungeheuere Reich mit seinen vielen widerstrebenden Elementen eines kräftigen Manncs- ariues bedurft hätte, hinterließ er als Thronerben ein dreijähriges Kind. Von einem Ncichsverweser wollten die Fürsten nichts wissen, und ein neuer König sollte gewählt werden. Die Fürsten vermochten sich nicht zn einigen. Gcgenkönige wurden gekürt, und wie eine schwere Gewitterwolke hingen die Greuel des Bürgerkrieges an dem finstern Horizont und über der schwülen Luft. Hie Wels! Hie Waiblingcn! hieß es. Die hohenstansische Partei wählte den Bruder Heinrichs VI., den Schwaben- herzog Philipp, während die Gegenpartei Otto von Braunschwcig zum König wählte. (Fortsetzung folgt.) Recensionen nud Notizen. Sepp I., Ansiedelung kricgsgefangcncr Slaven oder Sklaven in Altbayern und ihre letzten Spuren. München, M. Poeßl. 1896. Gr. 8". 78 Seiten mit Bildniß. Preis 2 Mark. Wenn der Verfasser in seiner Vorrede den Nebcr- griffcn des lilerarischei; Panslavismns entgegentreten will, so scheint er beinahe im weiteren Verlauf seiner Darstellung selbst diesen Ansprüchen zn weit entgegen zu kommen bei der Aufspürung von Zwangsansiedlung der slavischen Nachbarn im Gebiete des bajuwarischen Volksstammes. Es darf bei einer Reihe von Ortsnamen die versuchte Herleitung aus den; Slavischen füglich bezweifelt werden. So insbesondere bei Scharnitz, das zwar ;n der Endung an slavischen Ursprung erinnern konnte, jedenfalls aber nicht mit dem slavischen tseborn^ — schwarz zusammenhängt, da wohl ein Umlaut in o, nicht aber in s. denkbar ist und ebensowenig ein Abschleifen des charakteristischen slavischen tseb in «ob. Ebenso dürfte es sich mit einer Reihe von Ortsnamen, insbesondere des Winingen an der Mosel, und der Ableitung der Flußbezeichnung Loisach verhalten. Damit soll indeß nicht gesagt sein, daß für die meisten der von; Verfasser mit wahrem Bienenfleiß« zusammengesuchten Ortsbezeichnungen nicht ein slavischer Zusammenhang bestehe und auf Beimengung anderer Volkseleuiente hinwerfe. Letztere tritt auch in einer Reihe von Familiennamen zn Tage und widerlegt damit, daß die fremde Beimischung aus- sterbe, ein Umstand, der nur vorgetäuscht wird durch Namensänderung, wie wir den gleichen Umstand zu Un- gunsten des Deutsche!; bei unseren slavischen Nachbarn ii; Polen und Böhmen sowie in Ungarn beobachten können, wo deutsche Namen durch slavische Endungen oder direkte Ucbersetzung ins Frcmdnationale ihren Träger stempeln. Dagegen berührt es angenehm, mit dein Verfasser den Spuren zu folgen, die die gewaltige Eypausivkraft des bäuerischen Volksstammes donauabwärts bekunden, wo in heißem Kampfe Schritt vor Schritt im Laufe der Jahrhunderte deutsche Kultur und Sprache verbreitet wurde, welch letztere jedoch leider an einzelnen Strecken daselbst zurückzuweichen beginnt. Allerdings ist auch der Beweis nicht erbracht von; Verfasser, daß um Verona u. s. w. deutsche Sprache allerorten im Volksmunde war, und dürfte es sich mehr um isolirte Sprachinseln und ,im übrigen um ein Verhältniß wie in den baltischen Ostsee- landen gehandelt haben, wo die herrschenden Klassen die Deutschen bildeten. Anders wäre ein so radikales Ver- 332 schwinden des Deutschen aus Jstrien, Kram und Trient nicht zn erklären. Auch kann man sich freuen, in dem Werkchen hervorgehoben zu sehen, welch großen Antheil an diesem Culturwerke unsere bayerischen Klöster hatten, die das mit den Waffen gewonnene Land erst der Cultur erschlossen, wenn gleich, wie der Verfasser mit Recht hervorhebt, die Slaven durchaus nicht auf einer niederen Cultur standen. Insbesondere wird man auf Freising stolz sein, das seine Besitzungen in Oberkrain bis zur Säkularisation inne hatte und deutsches Wesen dort verbreitete, welches jetzt dort wieder ini Schwinden ist. So darf das Werkchen als interessante Studie bezeichnet werden, umso mehr in diesem Zeitpunkte, wo die bayerischdeutsche Ostmark erhebliche sprachliche Verluste erleidet. Möge sie als Weckruf dienen für die schlummernden Kräfte des Volksstammes! Dr. Gaill. Jahrbücher der christlichen Kirche unter dem Kaiser Theodosius dem Großen. Versuch einer Erneuerung der ^.uvalss Lee1ssia>8tiei des Baronius für die Jahre 378—395 von Gerhard Rauschen, Doctor der Theologie und Philosophie, Ober- und Rcligionslehrer am kgl. Gymnasium zu Bonn. gr. 8°. (XVllI u. 610 S.) Freibnrg, Herder, 1897. Preis 12 Mark. r. Ein großes Unternehmen ist es, das sich der Verfasser gestellt hat — nichts Geringeres strcbi er an, als eine kritische Neubearbeitung der kirchlichen Annalen des Baronius für die Jahre 373—395. In diese Jahre fällt die Regierung jenes Mannes, dem es beschieden war, das weltbewegende Ringen um Leben oder Tod, wie es das Christenthum mit täglich wachsendem Erfolge mit dem Heidenthum aufgenommen hatte, zu Gunsten des Christengottes dauernd zu beendigen, zugleich aber auch die junge Kirche durch Niederwerfung der die erhabensten Geheimnisse des Christenthums und damit dieses selbst gefährdenden Lehren der Arianer und Pneumato- mchchen innerlich zu stärken und zu kräftigen; diese Jahre umspannen zugleich die klassische Zeit der großen Kirchenväter, in welcher das kirchliche Leben so lebendig pulsirte und in einer Fülle von Synoden. Gesetzen und Schriftwerken seinen Ausdruck fand. Im Unterschied von Baronius und Tillemont ordnet Rauschen das Quellenmaterial wie die Forschungsergebnisse für jedes einzelne Jahr nach folgenden Gesichtspunkten: Kaiser, höhere römische Beamte, Religionsgesetze, Cultnrgesetze, Concilien, Kirchenväter, hervorragende Bischöfe und Mönche, Häretiker und Heiden. Hieran reihen sich nicht weniger als 26 Excurse über wichtige Fragen der christlichen Literatur-, Kirchen- und Prosangeschichte, endlich als Anhang zwei Untersuchungen über die schriftstellerische Thätigkeit des Ambr osius vor und nach der Regierungszeit des Theodosius I. und des Johannes Chry- sostomus vor seinem öffentlichen Auftreten als Prediger zu Antiochia. Das Buch ist mit voller Beherrschung des Quellenmaterials wie der einschlägigen Literatur, mit emsiger Sorgfalt und peinlicher Genauigkeit gearbeitet, bietet eine Fülle neuer Ergebnisse und Berichtigungen für die Kirchen- wie Reichsgeschichte und verdient vollauf das reichliche Lob, das ihm von berufenster Seite zu Theil wurde. Wir können dem Verfasser unsere ganz besondere Anerkennung nicht versagen, daß er trotz der vielen Arbeit, die das so Verantwortungsreiche Amt des Religionslehrers an einer Mittelschule auferlegt, noch Zeit, Lust und Kraft erübrigt hat, sich einer so mühevollen wissenschaftlichen Aufgabe zu unterziehen und sie so befriedigend zu lösen, und würden es freudigst begrüßen, wenn nicht bloß er selbst seine Forschungen fortsetzen, sondern mit seiner Thatkraft auch andere zu ähnlichem Eifer anregen und ermuntern könnte! Jos. Raph. Kröll, Jmmortellenkränze und Epheuranken. Grabreden». Allerseelenpredigten. Mit bischöflicher Genehmigung. Paderborn, Esser. I, 1895. II, 1896. 319 und 183 Seiten, zusammen 4 M. 80 Pfg. O Stadtpfarrer Kröll in Lanchheim, Diöcese Rotten- burg, gibt uns hier aus der reichen Fülle einer bald 40jährigen Seelsorge eine Sammlung von 91 Grabreden („Jmmortellenkränze" I. Bd.) und von 24Aller- scelenpredigten („Epheuranken" II. Band). Die 91 Grabreden sind in 4 Klassen eingetheilt. Es sind Trauer-Ansprachen über eine große religiöse Wahrheit oder über die Stände (Priester, Bauer, Handwerker, Arzt rc.) oder über die Zeit des Kirchenjahrs oder über den betreffenden Namenspatron. Hier kann jeder Homilet lernen, wie mau am Grabe mit Nutzen predigen kann und soll: der große Grundgedanke wirkt durch sich selbst, die speciellen Umstände des einzelnen Falles und die lobenswertheu Charakter-Eigenschaften des Verstorbenen werden kurz und sehr geschickt an passender Stelle ein- geflochten. Texte, Themata, Eintheilungen, klarer Ausbau und übersichtliche Durchführung — alles verdient Anerkennung, vor allem auch hier wieder die schöne, edle, volksthümliche Form, die liebliche Kraft und salbungsvolle Milde, welche über allen Predigten liegt. Am Grabe eines Selbstmörders, eines im Streite Getödteten, eines Verstockten zu reden, ist immer eine schwere Aufgabe. Wie man sie lösen soll, kann man von Kröll lernen. — Die 24 Allerseelen-Predigten sind ebenso zu loben, nach Inhalt und Form. „Todtenklagen, Todtentrost, Todtenleben", so betitelt der Verfasser selbst deren drei Klassen. Beispiele aus Kirchengeschichte und Legende sind wiederum reichlich am passenden Orte eingestreut nebst ergreifenden Erzählungen aus dem Leben. Das gibt den Predigten Krölls überhaupt einen eigenen Reiz und besonderen Werth. Wie beliebt sind nicht Erzählungen bei den Zuhörern in Stadt und Land! Das haftet oft tief und lange. — Zum Schluß möge der Wunsch ausgesprochen sein: Um schnell sich zu orientiren über das. was in einem mehrbändigen Predigtwerk sich findet, ist für den Seelsorgepriester ein alphabetisches Register unentbehrlich. Wie oft drängt die Zeit! Für eine Predigt oder zu' einer Leichenrede sollte man Tex,t und Thema haben. Wie froh ist man da, wenn man em Heftlein von 16 Druckseiten hat, in welchen: man durch einen einzigen Blick überschauen kann, welche und wie viele gute Vorbilder und welche erprobte Muster mau für den vorliegenden Fall in der um gutes Geld gekauften Predigtsammlung besitzt, und wo die oft in mehreren Bänden zerstreuten Themata über einen und denselben Gegenstand stehen. Oder man will schnell ein Beispiel, das man bei Kröll schon gelesen hat, wieder nachschlagen: wie schnell orientiren da Stichworte wie „Arche, Rosenkranz, Maria. Lichtmeß, Ostern" rc., während man sonst vielleicht vergebens alle einzelnen Bände durchblättert. Ein kurzes alphabetisches Register und eine Uebersicht aller Themata würde den Kanzelreden Krölls noch mehr Beliebtheit und leichte Verwendbarkeit verschaffen, als sie bisher schon besitzen. Haßl Guido, Kaplan: „Machen die Kirchenwände den Christen?" Ein Büchlein fürs Volk zur Lehr und Wehr. Dorn'schcr Verlag. Ravensbnrg. VIII, 105 Seiten. In ansprechender Dialogform behandelt obiges Schrift- chen mit seinem vielleicht nicht gerade glücklich gewählten Titel eine Frage, die umschrieben lautet: „Genügt die rein innere, die sogen. „Herzensreligion", oder muß sich die Religion auch sichtbar kundgeben in Wort und That, muß zur Religion auch eine Consession treten?" In seinen überaus logischen Ausführungen legt der Verfasser die Unhaltbarkeit und Verderblichkeit des Jndifferentismus, der modernen religösen Anschauungen dar. Auf höchst populäre Weise wird die Frage: „Was ist,Religion'?" beantwortet. Das trostlose Brld, das uns von der „rein innern, konfessionslosen Religion" entworfen wird, muß völlig als aus dem praktischen Leben entnommen erkannt werden. Der sattsam bekannte Ausspruch: „Religion ist Privatsache", wird auf Grund gut gewählter Citate aus demokratischen und socialdemokratischen Schriften als das gekennzeichnet, was er ist. Im letzten Kapitel wird der katholischen Männerwelt mit eindringlichen Worten das ans Herz gelegt, was in religiöser und politischer Hinsicht ihre Pflicht ist. Möge das vortreffliche Büchlein, das sich nach Inhalt und Ausstattung (Preis 35 Pfg.) den Werken des bekannten Volksschriftstellers Dekans Wetzel würdig anreiht, die verdiente Beachtung und entsprechende Verbreitung finden! v. Fugger. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsbura. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.