§il', 49 M 25. Aug. 1897. l Lippert — ein Anti-Janfsen. (Schluß.) Nach Lippert sind die fürstlichen Mandate, wornach alle Schimpf- und Schmähreden auf der Kanzel verboten waren, in der Oberpfalz eingehalten worden. „Die Visitationsprotokolle von 1557 — 1620 beweisen, daß die Verfehlungen gegen dieses Mandat äußerst selten und in grober Weise niemals vorkamen. Mögen doch Wittmann- Jaussen ihre gemeinen Vorwürfe beweisen." (S. 61.) Nun, Janssen hat über diesen Punkt gar nichts gesagt. Wer aber die Literatur jener traurigen Periode nur einigermaßen kennt, weiß, mit welchen Liebenswürdigkeiten sich damals die hadernden Parteien, Katholiken, Lutheraner, Calvinisten, überhäuft haben. Auf dem Neligionsgespräche zn Negeusburg 1601 wurde der Papst der Antichrist genannt; als htegegen der anwesende Maximilian von Bayern Protest einlegte, erklärte Hunnius: man müsse jedes Ding beim rechten Namen benennen, zumal in Glaubenssachen; in unseren Kirchen sei dies keine Schmähung, den Papst als Antichrist zu bezeichnen. (Lotn «olloo;. üutisbonoimis 1601. Nonuobü 1602 144.) Nach den schmalkaldifchen Artikeln hatte Hunnius nicht zu viel behauptet. Ueber das Resultat der ersten Kirchenvisitation in der evangelischen Kirche der Oberpsalz (15. Febr. bis 15. April 1557) gibt Lippert folgende Glosse: „Man kann sich denken, wie Wittmann (pa-x. 25)-Janssen (IV, xa,A. 41) aus diesem Gcneralbericht einen Strick drehten, die Reformation zu geißeln. Aber abgesehen davon, daß jede Visitation nicht Lobhudeleien, sondern Aufdeckung der Fehler bringen wird, muß die ganze „Hcidcnschaft, Unwissenheit und Unmoralität," über welche die Visitatoren klagten, als eine böse Erbschaft aus katholischer Zeit betrachtet werden." (S. 72.) Ferner bemerkt Lippert (S. 73): „Da außerdem erwiesen, daß dreiviertel der Geistlichen aus dem Papstthum stammten und es unmöglich war, diese Leute zu ersetzen, wie der Generalbericht nachweist, so hat Janssen damit nur seine eigene Schande aufgedeckt, wenn er diese Visitationsresultate verhöhnt, die immerhin, im Gegen- halte zu jenen, welche Sngenheim und Knöpfler um diese Zeit von „katholischen" Ländern veröffentlicht haben, goldene zu nennen sind." Wenn die Oberpfälzcr wirklich ein solches Verlangen nach dem Evangelium sowie einem biblischen Christenthum bekundeten, wie Lippert S. 2 angibt, so ist es unfaßbar, wie 1557 sich derartige beklagenswerthe Zustände finden konnten. Janssen hat die Visitations- resultate nicht verhöhnt, sondern nur die „unerfreulichen Berichte aus der Oberpfalz" mitgetheilt, wie sie die Visitatoren in ihrer Hauptrclation niedergelegt hatten. Bezüglich der Pfarrer von 1557 sagt uns Lippert (S. 73), daß auf den circa 200 Pfarrstellen der Oberpfalz (mit Schulstellen 350) die römischen Geistlichen zum größten Theil unter Annahme der neuen Kirchenordnung fortgelebt haben. Von 119 Geistlichen ist ausdrücklich gesagt, daß sie Priester (88) und Mönche (31) waren. Von 25 Geistlichen ist nicht festzustellen, ob sie früher Priester waren. Nur von 43 Geistlichen läßt sich cou- statireu, daß sie evangelisch geprüft und ordinirt waren. Neben dieser Reihe von 115 tauglichen Geistlichen und solchen, die noch ganz papistisch waren, sind 28 erwähnt, die später durch bessere ersetzt werden sollten. 12 Geistliche, die tveder in äootring, noch woribim entsprachen, wurden sofort abgeschafft, davon waren nur fünf Unwürdige, die anderen mit ihrer Unwissenheit waren ein Erbe des Papstthums. (Lippert S. 76.) Wenn es Ott- heinrich wirklich um die dogmatische und moralische Wiedergeburt der Oberpfalz zu thun geivescn wäre, so hätte er Mittel und Wege ausfindig machen sollen, um das geringe Einkommen der Pfarrstellen, welche mit unwissenden Personen besetzt waren, zu erhöhen. Freilich belehrt Lippert seine Leser (S. 72): „Zu einem vollen Ersatz der alten katholischen Geistlichkeit fehlte es an Geld und Leuten — und Uubarmherzigleit. Man mußte doch dem Evangelium Zeit lassen, sich einzuwurzeln. Die Reformation ist noch gar nicht da (aber nach Lippert beginnt sie schon 1520!) und soll schon alle harten, Jahrhunderte alten Volksschäden geheilt haben; das ist doch zn viel verlangt." Aehnlich S. 70 Anm. 2: „Ein Volk wird in einem Jahre nicht anders, und die Reformation war (1557) erst im Anfang." Ueber das Einkommen der Pfarrer von 1557 bemerkt Lippert: „Die Reformation sorgte streng dafür, daß die Pfarrer ausreichend zu leben hatten. Von 140 Stellen, die ich nachrechnete, trugen 9 keine 25 st., 55 blieben unter 50 fl., 56 unter 100 st., und nur 20 erreichten den Betrag oder mehr von 100 fl., eine Summe, wie sie allerdings zum reichlichen Auskommen einer Familie nothwendig gewesen loäre. Oft besserten die Fürsten mit Holz oder Zulagen die Pfarrer, aber natürlich konnten sie nicht erreichen, was Rom versäumt hatte." Dieser Ausfall ist lächerlich, denn Rom hat auch die Jahrtagstiftungcn, die Klöster nicht für den fürstlichen Säckel eingezogen! Aber, belehrt uns Lippert fernerhin (S. 77), daß dadurch die Sache so weit gekommen, daß Wittmann und Janssen behaupten können, die Pfarrer verfertigten „Schuhe und Brautkleider", machten „Barbiere, Hoch- zcitlader, Leichenbitter" und „spielten znm Tanz auf" — das ist von Grund aus erlogen. Hätte doch Anti-Jansscn angegeben, wo diese „von Grund aus erlogene" Stelle bei dem Verfasser der Geschichte des deutschen Volkes zu finden wäre; trotz eifrigen Nachschlagens konnte ich sie nicht ausfindig machen.°) Von den lutherischen Predigern unter Ludwig VI. dem Milden (1576-1583) sagt Lippert S. 133: „Dazu hatten die Geistlichen wenigstens den Vortheil der Armuth. Die Stellen waren schlecht, die Pfarrer °) S. 190 Anm. 2 bespricht Lippert diesen Punkt noch einmal. Die Nachricht bei Löwenthal und Wittmann, daß der Pfarrer von Siegenhofen oder Deiningen Dorfbader war, die Brautschuhe machte u. s. w., hält er für „einen schlechten Witz und bisher unbewiesene Wahrheit." „Der ganze Passus bei Janssen ist Schwindel." Mit welcher Oberflächlichkeit Lippert gegen Janssen vorgeht, zeigt seine Bemerkung zu Bd. IV. S. 330: „Janssen hat die Sache wieder so gegeben, als wenn der „Rath" zur „That" geworden unv nun auch wirklich „alle Bilder" öffentlich verbrannt worden wären." (Lippert S. 90 Anm. 2.) An fraglicher Stelle berichtet Janssen. daß auf dem Landtag zu Amberg 1566 „bezüglich der in den lutherischen Kirchen der Oberpfalz noch vorhandenen Altäre und Bilder" der Theologe Olevian vorgeschlagen habe: „Die Abgötterei müsse weg. gleichviel mit Axt und Feuer: es wäre gut, wenn die Götzen öffentlich verbrannt würden. Daß dieser Vorschlag ausgeführt worden wäre, davon findet sich bei Janssen keine Andeutung! 342 verhcirathct, und der Fürst gewährte selten eine Verbesserung; Noth und Arbeit (auch aus dem Felde) mögen wohl in den meisten Pfarrhäusern zu finden gewesen sein." ^Wozn also dieses Echauffcment gegen Wittmann und Lausten? Mit Pharisäcrmine (wohl Pharisäermiene zu lesen) weist Jausten (Bd. IV, xag. 41), da er doch die Verbreitung des Concnbinats unter dem katholischen Klerus kennen mußte, auf die Klagen der VIsitatoren über „Unzucht" hin. Dieser Vorwurf Lippcrts (S. 83) ist ganz unzutreffend, da Jausten einfach in ruhigem Tone erzählt, was die Visitatoren berichten, ohne sich in ein apologetisches Verfahren einzulassen. Eigenartig ist Lippcrts Logik angesichts der Klagen aus dem Munde der calvinischen Visitatoren unter Friedrich III. (1559 — 1576): „Ihr Bericht verdient keine Beachtung und wir müssen es uns verbitten, daß Wittmann-Jansten es zum Maßstab des ganzen kirchlichen Zustandes nehmen wollen" (S. 120). Auch die Schilderungen der Zustände in den Gemeinden (1583 bis 1620) gefallen Lippert nicht; darum sind ihm die Klagen der Calvinisten „natürlich übertrieben" (S. 201 A.4)?) Einen Beweis für diese Annahme bringt Lippert jedoch nicht bei; die Schattenseiten der lutherischen Zustände werden von ihm entschuldiget (S. 137). Die fortwährenden Aenderungen zwischen lutherischen und calvin- ischcn Katechismen haben das Volk ganz verwirrt gemacht, so daß ganz unpassende Antworten herauskamen. „Das ist doch zu erwägen, ehe man das Maul aufreißt, wie Jausten, über die Ignoranz jener Zeit. Es war keine Zeit der Ignoranz, sondern der großartigsten Schul- fuchserei, die je ein Stamm durchgemacht hat, wie jene evangelische ganze Zeit über lauter theologischer Disputation gar nicht die papistische politische Macht heranrücken sah" (S. 199). Ueber die Wendung: „Jausten als Maulaufreißer" sparen wir bester die Tinte. Ueber Janssens Unwissenheit, „der die Zustände der Oberpfalz nur aus den Verleumdungen Wittmanns kenne" (Lippert S. 204 A. 3), macht sich der feinfühlende Anti- Jansscn lustig, wenn er schreibt (S. 197 A. 1): „Holl- weck, Jansscn-Wittmann (pag. 108) hätten bester über die eigene Ignoranz gespottet, wenn sie von einem Monatsverhör mit 158 Wissenden bei 4000 Einwohnern (Ambergs) sprechen." Bei Jansten konnte ich keine Bezugnahme auf diesen Bericht finden, den Hollweck (Geschichte des Volksschulwesens in der Oberpfalz, Negcns- burg 1895 S. 49) in das Jahr 1600 verlegt, während er nach Lippert dem Jahre 1602 angehört. Mit welcher Leichtfertigkeit Lippert arbeitet, erhellt unzweideutig aus der Bemerkung zu der Schulordnung Otthcinrichs aus dem Jahre 1556: „Hollweck (Geschichte des Oberpf. Schulwesens 1895) weiß nichts von dieser Hochbcdcutsamen Schulordnung Otthcinrichs nnd ihrer Durchführung in der Obcrpfalz." (S. 224 A. 1.) °) S.209 sagt dagegen Lippert: „Man darf nur nicht wie Wittmann-Janssen einzelne von calvinischen Kirchcn- rätlien verfaßte Berichte, in welchen sie die Nnmoralität absichtlich gerade so übertrieben hinstellten, als oben mit Unrecht die Unwissenheit des Volkes, um eben ihr cal- vinischcs Licht leuchten zu lassen, als Maßstab für das ganze Land gelten lassen. Es ist nicht nachweisbar, daß die Oberpfalz in besondere Widerlichkeit in dieser calvin- jschcn Periode (1583—1620) hinabgesunken sei; — wer war mehr für Kirchcnzucht als Calvin?" Nun aber verbreitet sich Hollweck, Lehrer in Regens- bnrg, S. 44 seines Buches ziemlich ausführlich über die Schulordnung des Jahres 1556, und S. 177—182 in der zweiten Beilage findet sich ein Auszug aus dem Visi- tationsprotokolle des Jahres 1557, soweit es die Schulen betrifft. Dieses alles hat Lippert übersehen! Ein solches Verfahren richtet sich selbst. Aus den bisherigen Darlegungen dürfte sich ergeben haben, daß Lippert der Nachweis nicht gelungen ist, die Oberpfalz für die Periode von 1520—1620 als Zu- gehör der evangelischen Confession beanspruchen zu können, noch auch Janssens „Geschichtslügen" widerlegt zu haben. Zu einem Anti-Jansten fehlen dem Pfarrer von Amberg, der auf streng lutherischem Standpunkte steht, die Ruhe und Sachlichkeit des Kritikers und des Forschers. Schönfeld. Ad. Hirschmann. Walther vo» der Vogelweide. (Fortsetzung.) ü. Lastn. Uebrigms haben wir ganz klare und unumstößliche Zeugnisse über Walthcrs Gläubigkeit, nämlich seine religiösen Gedichte. Unter diesen nimmt der berühmte „Leich" die erste Stelle ein. Es ist dieses ein überaus kunstvoll, symmetrisch, in schwierigen Strophen gebautes, durchcvmponirtes Stück. Es ist eine Darstellung wichtiger, obschon nicht aller wichtigen Glaubensthatsachen nnd Glaubenslehren, geordnet in der Weise eines Gebets, zum großen Theile beinahe, als wenn die Gedankenfolge des Vaterunsers dabei vorgeschwebt hätte. Das Gedicht beginnt mit dem Bekenntniß der Trinität, deren Personen wie im Symbolum des hl. Athanasius erörtert werden. Nun bittet er Gott um seine starke Hilfe im Kampfe gegen den Teufel und die Sünde, durch welche wir von Gott entfernt wurden. Dann geht er über zum Preise der jungfräulichen Gottesmutter, der Königin des Himmels, und bittet sie, daß sie für uns bitte und uns Trost vom Himmel sende. Nur die Reue kann das sündenwunde Herz heilen; Gott möge sie uns senden durch seinen heiligen Geist, der die wahre Reue gibt. Wir bedürfen des rechten Glaubens, aber auch der rechten Werke, zu beiden möge uns Gott verhelfen. Darauf wird Maria, die Rose ohne Dorn, die auf Erden nnd im Himmel von allen Zungen Gepriesene, um ihre Vermittlung bei Gott angerufen. Wenn ihr Gebet vor dem Ursprung der Barmherzigkeit erklingt, dann dürfen wir hoffen, daß die Schuld erleichtert werde mit welcher wir uns belastet haben. Das Bad unserer Reinigung wird die Rene sein, welche außer Gott und Maria niemand zu spenden vermag. — Es ist übrigens ganz unmöglich, von der reinen Poesie, von der lauteren Frömmigkeit dieses Stückes durch einen Auszug die richtige Vorstellung zu geben. In einem anderen Gedichte preist Walther die Macht Gottes, von der er den tiefsten Eindruck empfangen. Dann wieder bekennt er seine Sündhaftigkeit, lehrt, wie gefahrvoll der Weg znm Himmel ist. Wie die rechte Liebe sich bethätigt, zeigt der Dichter in dem schönen Spruch: „Wer ohne Furcht, o Herr und Gott, will sprechen deine zehn Gebot' nnd bricht sie doch, dem fehlt die rechte Minne. Es ruft dich „Vater" früh und spät gar mancher; der als Bruder mich verschmäht, der spricht die schönen Worte dann mit schwachem Sinne. Wir alle sind aus gleichem Talg gegossen; es nährt uns Speise, die, sobald wir sie genossen, verliert, den sie zuvor besaß, den Werth. Wer 343 weiß den Herrn vom Knecht zu unterscheiden, Hut er sie lebend noch so gut gekonnt, wenn er nichts als die nackten Knochen fand, das Fleisch von Würmern völlig war verzehrt? Nur Einem dienen alle: Christen, Jnden, Heiden, ihm, der die Welt erschuf und sie ernährt." — Seine beiden Lieder für die Kreuzfahrer sind aus tief gcwurzelter, frommer Empfindung hervorgegangen, die er nicht ergreifender hätte anssprcchen können, wenn er selbst mitgezogen wäre ins hl. Land. Wir könnten noch manche Perle von Walthcrs religiösen Gesängen anführen. Doch die angeführten mögen genügen, um daraus zu ersehen, daß unser Sänger ein Christ im ganzen und vollen Sinne seiner Zeit war. Walther hatte für feine Dienste um die Sache Kaiser Otto's geringen Lohn geerntet. Er mahnt den Kaiser, daß er in seiner Bcdrängniß doch des armen Gastes nicht vergesse. Doch es war vergebens; auch Walther wandte sich mit vielen anderen beim Erbleichen von Otto's Stern dem jungen Sprossen des Hanfes der Staufer zu, in dessen Hut er das Reich sicherer geborgen wußte, als bei dem rauhen und kargen, unfreundlichen und freundloscn Welsen. — Mögen die Gründe, die Walther bewogen haben, zu dem sogen. Pfaffenkönig Friedrich überzugehen, noch so triftige gewesen sein, so dürfte es auch dem begeistertsten Verehrer des Sängers denn doch schwer werden, ihn von einer Verleugnung der Principien und von Jnteressenpolitik freizusprechen. Es ist zu bedauern, daß das politische Verhalten des Dichters einen Schatten auf das leuchtende Bild wirft, welches wir von ihm als Sänger, Menschen und Christen besitzen. Der junge Staufer nahm den großen Sänger mit königlicher Huld auf; er erkannte eben die Macht, welche er durch den leidenschaftlichen Dichter im Kampfe gegen Rom erhalten hatte. Walther bekennt selbst, daß er noch durch nichts eine Belohnung von dem „besten" Herrn, wie er Friedrich nennt, verdient habe. Er erhielt nämlich von: Könige dreißig Mark Einkünfte, aber wahrscheinlich von einem entlegenen Gut im Besitze Otto's oder eines seiner Anhänger; jedenfalls war der Zins nicht einzutreiben, und so bleibt dem Dichter von dein großen Erträgniß nichts als der Name, worüber er nur spottet. Soviel wir wissen, ist Walther jetzt nicht am Hofe Friedrichs geblieben, sondern sein unruhiger Geist hat ihn abermals und zwar durch längere Zeit in einem nn- stäten Leben nmhergeführt. Während der vorhergehenden bösen Zeit war dein Sänger das schönste Licbesglück aufgeblüht. Walther lernt nämlich, durch eigene Entwicklung, vielleicht auch durch den Verkehr mit Wolfram dahin gebracht und der schlichten, natürlichen Neigung sich zuwendend, ein hübsches Mädchen in einem von Wien unfcrncn Dorfe kennen. Diesem widmet er nun seine besten Minneliedcr; der Königin Minne will er sein Leben weihen. Dazu bedarf er auch des Glückes, und darüber spricht er in einem hübschen Spruch: „Fortuna theilet ringsum ihre Spenden; mir aber kehrt sie ihren Rücken zu, sie läßt mich ohne Gnade fort mit leeren Hände». Noch weiß ich nicht, was ich ihr deßhalb thu'. Sie wendet sich ungern zu mir: lauf' ich um sie herum, stets bleib' ich hinter ihr. Sie nimmt sich gar nicht Zeit, mich anznsch'n. Ach, möchten doch die Angen ihr im Nacken steh'», dann mußt' es wider ihren 'Wunsch gcschch'n." Die Krone aller Dichtungen WaltherS ist jenes Lied, in welchem er schildert, wie das zur Wahrheit geworden, was er so oftmals geträumt: Unter der Linden an der Heide, wo ich mit meiner Liebsten saß, da mögt ihr finden wie wir beide die Blnmen brachen und das Gras; vor dem Wald in einen: Thal — Tandaradci! herrlich sang die Nachtigall! Ich kam gegangen zu der Aue. und mein Liebster war schon dort; da ward ich empfangen, heilige Frane, daß ich bin selig immerfort. Ob er mich wohl oft geküßt? Tandaradei! Seht, wie roth der Mund mir ist! Mit dem Gedichte „Unter der Linde" hat das Liebesverhältniß äußerlich und innerlich seinen Höhepunkt erreicht. Darnach kann nichts mehr kommen, und deßhalb dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir aus Walthers Liedern darüber auch nichts mehr erfahren. Daß ihm, als er schon die Vierzig überschritten hatte, das süßeste Licbesglück erblühte, wird niemand unwahrscheinlich finden, ebenso wenig, daß es nicht allzu lange währte. Allein die Entsagung fällt ihm nicht sehr schwer, wie wir aus dem Lied, in welchem er Frau Minne den Dienst kündigt, vernehmen: „Liebe, die hat eine Art, wollte sie doch die vermeiden, besser schien sie mir. Mancher bliebe dann bewahrt vor der Liebe Schmerz und Leiden; übel schickt sich's ihr. Es sind ihr viernnd- zwanzig Jahre viel lieber, als ihr vierzig sind, und sie stellt sich böse an, sieht sie irgend graue Haare." „Liebs, hatte mir's zu gnt, während sie sich Kämpfer wählt, setz' ich mich hierher. Weitaus hab' ich frischem Muth/, als noch mancher Springinsfeld. Was will sie von mir mehr? Ich dien' ihr sonst, wie ich's vermag. Sie laufe ihren sechscn nach, von mir gewinnt sie in der Woche nur den sieb'nten Tag." Walthern lag jetzt anderes am Herzen. Am heimischen Hofe war während seiner Gastfahrten eine neue Knust aufgekommen. Es war die höfische Dorfpoesie, als deren Führer und hauptsächlichster Träger der bayerische - Ritter Neid hart von Reuenthal am Wiener Hof auftrat. Neidhart war jünger als Walther, vielleicht ebenso um zehn Jahre, wie Walter Ncinmarn nachstand. Er stand am Wiener Hofe in hoher Gunst und war namentlich bei Herzog Friedrich II., dem Streitbaren, dem letzten Babenberger, sehr beliebt. Neidhart hat zuerst die höfische Kunst des Minncgcsangs erlernt, wcß- wcgen er Ncinmar und Walther kennt; letztere!» ahmt er nach, thut es jedoch in einer Weise, daß er dabei sclbst- srändig bleibt. Als vorwärtsstrcbender Künstler in der Realistik gerätst er bald in scharfen Gegensatz zu Walthern, dem Vertreter der klassischen Richtung. Walther erhob scharfen und entschiedenen Protest gegen diese Bancrn- pocsie, Neidhart nahm den Handschuh auf, varodirte Walthers Prcislicd und andere seiner besten Stücke, nnk so sind die beiden Männer anseinandcrgekommen. Auf seinen Wanderfahrten hat Walther als Gast an manchem Hofe geweilt, nicht immer als beliebter, denn seine Haltung gegen Papst und Geistlichkeit mag ihm manchen üblen Willkomm zugezogen haben, so z. B., 344 in dem Benediktincrstifte Tcgernsee in Oberbahcrn. Er rächt sich mit einem Spruche, in welchem er ärgerlich den Abt als „Mönch" bezeichnet: „Man sagt' mir stets von Tcgernsee, wie dort ein gastlich Hans in Ehren steh', drnm wandt' ich mich dahin mehr als 'ne Meile von der Straße. Ich bin ein sonderbarer Alaun, daß ich mir selbst so wenig kann vertrau'» und mich so sehr auf and'rer Wort verlasse. Ich schelte niemand, doch will ich, bei Gott, sie meiden. Dort trank ich Wasser und so nasser mußt' ich von des Mönches Tische scheiden." Sogar bis nach Kärntcn hinunter kam der Sänger. Im Jahre 1219 befand sich Walther wieder bei Herzog Leopold dem Glorreichen von Oesterreich. Es war in demselben Jahre, in welchem der Herzog von dem Kreuz- zuge (1217 —1219) heimkehrte, welcher mit der Eroberung Damiettcs glücklich beendigt war. Vorher hatte der Herzog für die Fahrt das Geld zusammengespart, jetzt wurde er freigebig, auch gegen unsern Dichter. Allein das Ende seines Aufenthaltes ist, daß der Herzog ihn in den Wald schickt — etwa wie heute „dahin, wo der Pfeffer wächst". Es war eben schwer, mit diesem Säuger zu verkehren, der ein hochbcschwingtcs, aber auch sehr empfindliches und erregbares Gemüth hatte. Besser kam er mit dem Grafen Dicther II. von Katzeuelubogen aus. Diesen preist er zuerst mit stolzen Warten als freigebigen Herrn, »vorauf ihm der Graf einen Ring mit einem kostbaren Diamant schenkt; nun folgt eine Strophe des Säugers, in welcher er den Spender einen der schönsten Ritter nennt. Inzwischen waren die großen politischen Pläne Friedrichs gereift, der jetzt nicht mehr durch die Rücksicht auf seinen ehemaligen Vormund und Beschützer, Papst Juuocenz, gebunden war, und dessen diplomatische Kunst, seinen Scharfblick und seine Herrscher-stellung er nicht mehr zu scheuen brauchte. Zur Durchführung seiner Absichten zog er die bewährte Hilfe des volksthümlichen Säugers heran. Walther wird nun von den Plänen des Kaisers unterrichtet und bemüht sich, dieselben durch den Einfluß seiner Poesie zu fördern. Früher war es ein freiwilliges Anerbieten von Fall zu Fall, er stellte seinen Saug in den Dienst des Reiches; nunmehr ist er als politischer Agent zu betrachten, der tu ein festes Dieustverhältuiß tritt. Dein entspricht der Lohn des Säugers: ein eigenes Heim. Nachdem er in einem Spruch die öffentliche Meinung dafür zu gewinnen sucht, den Sohn des Kaisers, den jungen Heinrich, zum deutschen Könige zu wählen, was ja auf dem Frankfurter Hoftage, 17. April 1220, gelang, bittet er den König in rührenden Worten um eine Heimstätte: „Ihr, Vogt von Rom, Apulieus Fürst, laßt Euch erbarmen, und laßt mich nicht, trotz reicher Kunst, also verarmen! Gern möcht' ich, könnt es sein, am eigenen Herd erwärmen." Als Heinrich zum Könige gewählt und am 22. November von Papst Hvuorius III. zum Kaiser gekrönt war, da vergißt er auch nicht des Sängers. Walther erhielt ein Lehen in der Gegend von Würzburg, wahrscheinlich mit Rücksicht auf seine Verwendbarkeit im Reichsdienste. Da nun sein langjähriger Wunsch erfüllt ist, bricht er in stürmischen Jubel und begeisterten Dank an seinen königlichen Herrn aus: „Ich hab' »nein Lehn, hör's alle Welt, ich hab' mein Lehn. Nun fürcht' ich nicht den harten Frost an meinen Zehen und brauch' bei kargen Herrn nicht mehr zu flehen. Der edle, milde König hat mich so berathest, daß ich im Sommer kühl und warm im Winter wohne." Daß Walther hier übertreibt, ist ganz begreiflich und liegt im Zwecke des Spruches; man darf den Sänger sich nicht als einen Landstreicher neuesten Datums vorstellen. Friedrich fand die wesentlichen Grundlagen seiner Macht in seinen italienischen Besitzungen, vornehmlich in Sicilien. Dort fühlte er sich auch zu Hause; denn er war überhaupt kein Deutscher, sondern ein Italiener nach Geburt, Sprache, Erziehung und allen Anlagen seines reichen Geistes. Seine gesammte Persönlichkeit ist un- dcutsch, nur die Tradition, welche auf seine Politik einwirkt, ist staufisch. Aber die Politik seiner Vorfahren, der früheren Hohenstanfen, war bei allen Fehlern eine offene und ehrliche, freilich oft sehr gewaltthätige gewesen, „allein Friedrich wußte seine Weltherrschaftspläne, seinen tiefen Haß gegen den päpstlichen Stuhl mit raffinirter Schlauheit unter der Maske der Heuchelei zu verbergen. Er schwur Jnnocenz die feierlichsten Eide, machte seinem Nachfolger die weitgehendsten Versprechungen, ohne auch nur im entferntesten an deren Erfüllung zu denken. An« meisten lag dein frommen Papste Honorius der allgemeine Kreuzzug am Herzen, den Friedrich bekanntlich wiederholt aufs feierlichste versprochen hatten Allein mit allerlei Vorwänden wußte er sich stets seiner Verpflichtung zu entziehen. Ein Zng nach Italien zum Ausbau seiner Macht daselbst war ihm wichtiger. Während seiner Abwesenheit in Italien übergab er die Reichsregentschaft einer Commission aus großen staufischen Reichsministerialen, an deren Spitze der heiligmäßige Erzbischof Engelbrecht von Köln sich befand. Das war ein kluger, energischer, zuweilen sogar rücksichtsloser Mann, der die Ordnung vortrefflich zu erhalten, den habgierigen und gewaltthätige»« Adel zn bändigen wußte. Man nannte ihn wohl darum den „Fürstenmeister". Freilich machte er sich unter der Ritterschaft dadurch tvenig Freunde. Mit diesem mächtigen und bedeutenden Manne war Walther von der Vogelweide nahe verbunden und mahnt ihn in sekneu, dieser sichern Stütze des staufischen Regiments gewidmeten Sprüchen, sich nicht um die Drohungen der Feiglinge zu kümmern, welche ihn befeinden; er habe das nicht nöthig: er, der treue Königspfleger, des Kaisers Ehreuhort, der beste Kanzler, der Kämmerer der hl. drei Könige und der elftausend Jungfrauen, d. h. der kostbaren Reliquien im Dorne zu Köln. Daß Walther der Erzieher des jungen, sittlich verwahrlosten Königs Heinrich war, liegt von der Wahrheit wohl sehr weit ab. In kurzer Zeit darnach wurde Erzbischof Engelbrecht am 8. Nov. 1225 von seinem Verwandten, dein Grafen Friedrich von Altena-Jsenburg, ermordet. Allgemein war die Bestürzung und Entrüstung des Volkes über die Frevel- that. Walther widmet dem Lobe des Verstorbenen einen besonderen Spruch, der sich hauptsächlich wider den Verbrecher kehrt: er kann keine Marter finden, welche die Unthat sühnen würde, und hofft, der Mörder werde lebend von der Hölle verschlungen werden. Bei dem schrecklichen Ende, welches der Graf von Jsenburg am nächsten Jahrestag von Engclbrechts Tod zu Köln fand, ist ein Theil der von Walther genannten Strafe an ihm vollzogen worden. (Schluß folgt.) Verantiv. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg-