ö!r. 50. 28. Aug. 1897. Gibt es eine katholische Wissenschaft? Rede des Freiherr» v. Hertling auf dem Freibnrger Wissenschaft!. Katholiken-Congreß am 17. August 1897.*) In der zweiten allgemeinen Sitzung des vor drei Jahren in Brüssel abgehaltenen Kongresses kam ein Vor- trag von Msgr. d'Hnlst znr Verlesung, dessen Jdeen- reichthum und überzeugende 5klarheit allgemeine Verwunderung hervorriefen. Der Verfasser war selbst nicht anwesend; durch eine äußere Abhaltung am Erscheinen verhindert, mußte er sich einer befreundeten Stimme bedienen. Heute ist auch das nicht mehr möglich. Voll tiefen Schmerzes erinnern wir uns, daß der Mann, der recht eigentlich als der Vater der internationalen wissenschaftlichen Katholiken-Congrcsse bezeichnet werden muß, nicht mehr unter den Lebenden weilt und es uns nicht mehr vergönnt ist, uns an der Würde seiner Erscheinung, der vornehmen Eleganz seiner Rede und der Tiefe seiner Gedanken zu erheben. Wenn ich es unternehme, in wenigen kurzen Worten die Erwägungen zusammenzufassen, aus denen unsere Eongressc hervorgegangen sind und denen sie ihre Berechtigung entnehmen, so durfte dies nicht geschehen, ohne daß ich dabei ausdrücklich an jenen Brüsseler Vortrug von Msgr. d'Hnlst erinnerte, welcher für alle Zeiten die Bedeutung eines Programmes besitzen wird. Unsere Kongresse sind Katholiken-Kongresse. Ihre Theilnehmer bekennen sich als Glieder der römisch-katholischen Kirche. In allem, was den Glauben angeht, unterwerfen sie sich dein unfehlbaren kirchlichen Lehramte. Der enge Anschluß an die Autorität der Kirche fand seinen Ausdruck in dem Schreiben, welches die Organi- sations-Commission sogleich beim Beginne ihrer Thätigkeit an Se. H. Papst Leo XIII. gerichtet hat. Er tritt nicht minder deutlich in dem Umstände hervor, daß ein Mitglied des Episkopats, der Hochw. Herr Bischof von Lausanne und Genf, die Güte gehabt hat, den Ehren- vorsitz zn übernehmen. Er fand seinen Wiederhall in den Kundgebungen der Aufmunterung und Sympathie seitens hervorragender Kirchenfürsten der verschiedensten Länder, von denen wir gestern Kenntniß genommen haben und denen ich heute noch die des Hochw. Bischofs von Padcrborn hinzufügen kann. Unsere Kongress« sind weiterhin wissenschaftliche Kongresse. Philosophie und Geschichte, orientalische und klassische Philologie, Rechtswissenschaft und National-Oekono- mie, Mathematik und die Natnrwisscnschaft in ihrem weitesten Umfange werden die Gegenstände zu den viertägigen Vortrügen und Discnssionen bieten. Ausschließlich die Regeln der strengen, reinen Wissenschaft sollen für diese Verhandlungen Zielpunkt und Methode liefern. Denn der Grund, auf dem wir stehen, und das Princip, dem wir folgen, ist die Ueberzeugung, daß es keinen Widerspruch gebe zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalte der Offenbarung, den die Kirche uns vorstellt, und den gesicherten Ergebnissen, welche menschliche Forschung zu gewinnen im Stande ist. Es gibt keine zweifache Wahrheit. Was der Glaube uns lehrt, was die Vernunft erkennt, es stammt zuletzt aus dergleichen Quelle, aus der einen, allumfassenden göttlichen Wahrheit. "I Nach der Köln. Volksztg. Kann man darum von einer katholischen Wissen» schaff reden? Die Frage läßt sich nicht mit einem kurzen Ja oder Nein beantworten. Gewiß, die Wissenschaft strebt nach Erkenntniß der Wahrheit, und da die Wahrheit nur eine ist und mir eine sein kaun, so gibt es auch, von den höchsten Gesichtspunkten aus betrachtet, nur eine und dieselbe Wissenschaft für Katholiken und Andersgläubige, für Juden und Heiden. Aber nicht in allen einzelnen wissenschaftlichen Disciplinen ist dieses Ideal wirklich erreicht, schon darum nicht, weil der Charakter derselben ein verschiedener ist, weil nicht alle das gleiche Maß wissenschaftlicher Gewißheit besitzen und über den gleichen Umfang völlig gesicherter Ergebnisse verfügen. Vollkommen verwirklicht ist es von der Mathematik. Von jeher war sie Muster und Vorbild stringenter Beweisführung und unerschütterlicher, dem Wechsel der Meinungen entrückter Gewißheit. Es gibt darum auch keine katholische Mathematik im Unterschiede von der protestantischen, sondern nur eine für alle gültige und alle gleichmäßig zwingende mathematische Wissenschaft. Ganz ebenso sollte es in der Natnrforschnng sein, oder vielmehr es ist in eben dein Maße wirklich so, in welchem diese sich der Mathematik annähert und in ihre Erklärungen den mathematischen Calcnl einführt. In die Physik, in die Chemie spielt die Verschiedenheit des religiösen Standpunktes nicht hinein. Für sie handelt es sich einzig darum, die Erscheinungen der unbelebten Natur aus den Gesetzen der Bewegung und der Wirksamkeit stofflicher Elemente herzuleiten, auf Grund der gegebenen und als constant vorausgesetzten Natur-Ordnung. Die Frage nach dem Ursprünge und der Bedeutung dieser Natnr- Ordnnng überlassen beide Wissenschaften der Philosophie. Mit den Hülfsmitteln der sogen, cxactcn Forschung, so virtuos sie dieselben zn handhaben wissen, läßt sich darüber nichts ausmachen; für die erfolgreiche Bethätigung innerhalb ihres eigenste» Gebietes kommt darauf nichts an. Nicht ebenso steht es mit der Wissenschaft von der lebenden Natur. Daß die Erscheinungen dieser letztem auf eine Mechanik kleinster Thcilchen zurückzuführen seien, ist eine Forderung, von deren Erfüllung wir noch weit entfernt sind. Vieles ist hier noch unserer Erkenntniß verborgen, und vor allem: in den Thatsachen tritt uns hier ein Problem entgegen, welches einer exacten Erklärung aus mechanischen Principien nicht fähig ist. Wohl schließen Aufbau und Lebensgang der Organismen physikalische und chemische Processe ein, aber die einzelnen neben und nach einander verlaufenden dienen der Verwirklichung eines ursprünglichen und vorgreifenden Zweckes. Sie sind einem höher» Gesetze unterworfen, welches die sämmtlichen in der Richtung der räumlichen Ausgestaltung wie des zeitlichen Ablaufes nach einem feststehenden Plane ordnet. Das Zustandekommen des Individuums in seiner charaktcrisirten Beschaffenheit und die Erhaltung der Art bezeugen die Herrschaft dieses Gesetzes; die Mittel, durch die es sich zur Geltung bringt, sind uns unbekannt. Noch ist es keinem gelungen, durch eine nach eigenem Ermessen unternommene Combination physikalischer und chemischer Factoren einen Keim ärmlichsten Lebens hervorzubringen. Und eine zweite und für alle Zeiten nnübersteigliche Schranke stellt sich der mechanischen Natnrerklärnng in den psychischen Thatsachen entgegen. Es gibt keinen Weg, der mit verständlicher 346 Klarheit von den Schwingungen materieller Theile zu Empfindung, Gedanke, Selbstbewußtsein hinüberführst. Die Wissenschaft muß diese Grenzen anerkennen. Sie kaun, was die Erscheinungen der lebenden Natur angeht, das Thatsächliche reinlich umschreiben und genau feststellen; in cxacter Weise erklären aber kann sie nur, was dem Experiment und der mathematischen Berechnung zugänglich ist. Der Mensch aber möchte mehr wissen. Die Constatirungcn des Thatsächlichen und die wissenschaftlich sichergestellten Ergebnisse ergänzen wir darum .durch mehr oder minder glaubhafte Vorstellungen, durch die wir uns deutlich zu machen suchen, wie etwa darüber hinaus das Zustandekommen der Dinge und der Verlauf der Begebenheiten sich denken lasse. Die Geschichte der Wissenschaften kennt Hypothesen als Vorstufen fest begründeter Lehrsätze, und sie kann ihrer im Interesse der fortschreitenden Erkenntniß nicht entbehren. Sie weist andere auf, die nie zu beglaubigten Theorien werden können und doch oft genug damit verwechselt oder fälschlich dafür ausgegeben werden. Von diesen letzter« spreche ich hier. Sie bezeichnen die Stellen, an denen die Individualität des Forschers, feine angewöhnte Denkweise, seine Interessen und Neigungen, seine gesummte Weltanschauung, sein religiöser oder irreligiöser Standpunkt sich geltend machen. Um zn verstehen, was ich meine, braucht man nnr an die sogenannte Entwickelungslehre zu erinnern, die, wie bekannt, die biologische Forschung der Gegenwart im weitesten Umfange beherrscht. Mit ihrer Hülfe soll der Zweck, der sich der mechanischen Erklärung nicht fügen will, dadurch aus der lebenden Natur beseitigt werden, daß das, tvas sich uns heute als zweckmäßig aufdrängt, als nothwendiges Ergebniß eines in der Vergangenheit liegenden rein mechanischen Processes begriffen wird. Daß eine solche Auffassung schlechthin und unter allen Gesichtspunkten verwerflich ist, behaupte ich nicht, nur muß man sie als das geben und nehmen, tvas sie allein ist, eine hypothetische Ausstellung, welche gar niemals zu einer wissenschaftlich feststehenden Theorie erhoben werden kann. Denn auf einen derartigen, in der Vergangenheit liegenden Proceß läßt sich nnr mit größerer oder geringerer Zuversicht zurücksckstießen; daß er wirklich stattgefunden habe, dafür ist ein zwingender Beweis nicht zu erbringen. Weit entfernt, daß die Entwickelungslehre, wie fälschlich behauptet wird, die endgültige Bestätigung der materialistischen Weltansicht brächte, ist es im Gegentheil nur materialistisches Vorurtheil, tvas ihre Aufnahme unter die sichergestellten Lehrsätze der Wissenschaft beansprucht. Der katholische Forscher, der sich diesem Vor- urtheile nicht beugt, der insbesondere die Anwendung der Entwickelungslehre auf die vermeintliche thierische Abstammung des Menschen verwirft, wahrt nicht nnr das Neckst feiner entgegengesetzten christlichen Weltansicht, er wahrt zugleich die strenge Ehre der Wissenschaft, welche nnr das als vollgültigen Lehrsatz ausspricht, was sie mit ihren Mitteln zuverlässig beweisen kann. Es gibt keine gläubige und keine ungläubige Natur- wissenschaft, so lange dabei nur an jenen Theil theoretischer Naturbetrachtung gedacht wird, für welchen ausschließlich die strengen Normen dr exacten Forschung maßgebend sind. Rechnet man aber dazu auch die mancherlei unbewiesenen und unbeweisbaren Vorstellungen, durch welche da und dort die Lücken vollwichtiger Er» kcnntniß ausgefüllt zu werden pflegen, so ist die Anmaßung zurückzuweisen, welche hier nur materialistischer > Denkweise Bürgerrecht verstatten will, und wir verlangen für uns das Recht, die Naiur in dem hellen Lichte zu betrachten, das über sie aus dem christlichen Glauben strömt. Auch eine konfessionelle Philosophie sollte es nicht geben, sondern nnr eine einzige philosophische Wissenschaft, welche mit der einen wahren Religion in vollem Einklänge stände. Und doch sprechen wir von einer katholischen Philosophie und werden in absehbarer Zeit von einer solchen sprechen müssen. Und dabei denke ich in diesem Zusammenhange nicht einmal an die in engerem Sinne mit diesem Namen bezeichnete, an die traditionelle Philosophie unserer Schulen von Boethins und Alcnin her, durch Albert und Thomas und die Scholastiker der spätern Jahrhunderte hindurch bis auf die Gegenwart. Die Eigenart der Philosophie bringt es mit sich, daß mit der Individualität des Forschers auch sei» religiöser Standpunkt — wenn er einen solchen besitzt — weit stärker zur Geltung kommen wird, als dies in der Naturwisseuschaft der Fall ist, und das Ereclo ut iutelliAain auch den natürlichen Wahrheiten gegenüber seine Wirkung übt. Nicht daß es gestattet wäre, Glaubenssätze mit philosophischen Argumenten zu vermischen und die Konsequenzen eines Dogmas zur Stütze einer philosophischen Lehrmcinuug zu verwerthen. Auch für die Philosophie, so lange sie Wissenschaft bleiben will, darf kein anderer Maßstab Gültigkeit beanspruchen, als der von dem strengsten wissenschaftlichen Verfahren dic- tirtc. Und doch ist es selbstverständlich, daß wir katholische Philosophen festhält«»» an dem Dasein des persönlichen Gottes, an der Gcistigkcit und Unsterblichkeit der Seele, an der Freiheit des Willens und dem Bestände eines allvcrbindlichen Sittcngcsetzes. Des wissenschaftlichen Charakters aber würden wir nur dann verlustig gehen, wenn wir diese großen Wahrheiten, die uns freilich vor allem am Herzen liegen, mit andern Gründen beweisen wollten, als mit denen, die wir aus Vernunft und Erfahrung schöpfen und die sich vor dem Richter- stuhle der Logik auszuweisen im Stande sind. Wenn wir uns somit zur Metaphysik bekennen, welche seit hundert Jahren als falsche Scheinwisscnschast gcbrandmarkt oder als Bcgriffsdichtung verspottet zn werden pflegt, so tröstet uns der Umstand, daß allen skeptischen Einwendungen zum Trotz der menschliche Geist es nicht lassen kann, nach einer Antwort auf die Frage nach den letzten Gründen der Dinge zu suchen. Noch ein kurzes Wort über die Geschichte. Sie zeigt uns gleichsam ein doppeltes Antlitz. Nach der einen Seite die Sammlung des Materials, die Erforschung der Quellen, die kritische Würdigung der Berichterstatter zur Feststellung der Thatsachen. Hier muß der Forscher sich aufs ängstlichste hüten, seinem Fühlen und Meinen, seiner Sympathie und Antipathie den kleinsten Raum zn verstatten. Die Erkenntniß dessen, was wirklich geschehen ist, muß das einzige Ziel seines Strebens bilden, und zur Erreichung desselben können ihm allein die strengen Regeln wissenschaftlichen Verfahrens behülflich sein. Hier ist vollkommenste Objektivität nach innen sittliche Pflicht, nach außen das Unterpfand der Glaubwürdigkeit. Aber in der Geschi chts-Erzählu ng, in der Zusammenfassung der einzelnen und für sich auch vereinzelten Thatsachen, in dem Anfsnchcii der Gründe, in der Würdigung der Personen und Ereignisse, da liegt es anders. Nur im Geiste des Forschers gewinnen die Thatsachen einer todten Vergangenheit Licht und Zusammenhang. 347 So schließt die Gcschichts-Erzählnng von vorn herein ein subjectives Element ein, das sich nur schwer, wenn überhaupt elimlniren läßt. Hierzu bedürfte es in jeden: Falle der Bekanntschaft mit allen äußern Umständen und allen inneren Motiven einer geschichtlichen Begebenheit. Nnr zugleich mit abschließender Gewißheit ließe sich vollkommene Objectivität der Darstellung gewinnen, aber weitaus in den meisten Fällen müssen wir uns mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit begnügen und bleibt unser Wissen Stückwerk. lind auch der denkbar höchste Grad historischer Gewißheit in Bezug auf die Erklärung einer Begebenheit würde noch nicht völlige Objectivität in ihrer Beurtheilung mit sich führen. Die Würdigung der Person und Ereignisse wird je nach dem Standpunkte des Forschers sehr verschieden ausfallen, so lange dieselben noch irgend einen Zusammenhang mit dem Leben der Gegenwart besitzen und den Interessen, die es beherrschen. Wenn also der katholische Historiker bei jener Würdigung den Maßstab anlegt, den er seinem katholischen Bekenntnisse entnimmt, so thut er nicht etwa nnr, was er nicht lassen kann, sondern er macht von seinem guten Rechte Gebrauch, vorausgesetzt, daß er in der Feststellung des Thatsächlichen sich rein und ausschließlich von dem Streben nach Erkenntniß der Wahrheit leiten laßt. Gibt es also eine katholische Wissenschaft? Die kurzen Erwägungen haben gezeigt, in welchem Sinne die Frage zn bejahen ist. Unter katholischer Wissenschaft verstehen wir die Wissenschaft katholischer Gelehrten, welche in allen rein wissenschaftlichen Fragen keine andern Regeln kennen, als die des allgemeinen wissenschaftlichen Verfahrens, welche aber überall da, wo unbeschadet dieser Regeln der Standpunkt des Forschers seinen Ausdruck finden darf oder finden muß, ungeschent die Fahne ihrer aus übernatürlichem Grunde stammenden Glaubens-Ueberzeugnng aufpflanzen, fest durchdrungen von dem Satze, daß zwischen Glauben und Wissen kein Widerspruch möglich ist, so lange der Glaube wirklicher, auf göttlicher Offenbarung ruhender Glaube, und das Wissen wirkliches, vor keiner kritischen Prüfung zurückschreckendes, aber auch keiner grundlosen Behauptung Raum verstattendes Wissen ist. Cardinal Otto Truchseß von Waldburg, Bischof von Augsburg (1543—1573). Von vr. Thomas Specht.*) Wie bekannt, soll in Dillingen ein Bischofsdenkmal errichtet werden. Unter den Repräsentanten der Bischöfe von Augsburg wird dabei auch der Cardinalbischof Otto Truchseß von Waldburg, der Gründer der Universität Dillingen, sich befinden. Schon dieser Umstand läßt es wünschcnswerth erscheinen, das Leben oes genannten Bischofs den Freunden der Denkmalssache zu schildern. Dazu kommt, daß Otto eine der kraftvollsten Gestalten auf dem bischöflichen Stuhle des hl. Ulrich tvar und nicht bloß innerhalb seines Bisthums, sondern weit darüber hinaus eine nicht unbedeutende Thätigkeit entfaltete. Demgemäß schrieben die „Historischpolitischen Blätter" (B. 110 S. 781 f.): „Zn den ausgezeichneten Geistern, welche sich sowohl um ihr Vaterland, als besonders um die allgemeine Kirche, vor allem aber um die eigene Diöcese die größten und bleibendsten Verdienste erworben haben, gehört vorzugsweise der ') Nach einem im Histor. Vereine zu Dillingen gehaltenen Vortrage. Cardinal Otto Truchseß von Waldburg. Er glänzte au dem dunkeln Himmel des 16. Jahrhunderts als Stern erster Größe." Es ist freilich fraglich, ob der letztere Satz allgemeine Anerkennung finden wird. Man kann in der That darüber streiten, ob Otto wirklich als Stern erster Größe zu bezeichnen ist. Allein soviel ist gewiß, und darin stimmen sicherlich alle nbere'in, daß er zu jenen nicht allzu zahlreichen Männern des 16. Jahrhunderts gehört, welchen Geburt, Stellung, Eharakter, Tugend und Wirksamkeit einen bevorzugten Platz in der Geschichte einräumen. Es ist nur zu bedauern, daß Otto noch keinen Biographen gefunden hat. Bausteine zu einem biographischen Denkmal sind im Laufe der Zeit allerdings gesammelt werden. Gerade hierüber möchte ich, bevor ich auf das Leben und Wirken unseres Kardinals eingehe, einiges im voraus bemerken. An erster Stelle nenne ich die Pappenheim'sche Chronik der Truchsessen von Waldburg, deren erster Theil zu Memmingen 1773 und deren zweiter Theil zu Kemptcn 1785 gedruckt wurde. Matthäus von Pappcn- heim war Domherr in Augsburg und verfaßte sein Manuskript in der ersten Hellste des 16. Jahrhunderts. Mit Zusätzen und Ergänzungen wurde es in den genannten Jahren herausgegeben. Neuesten? ist derselbe Gegenstand behandelt worden von Dr. Vochezer: Geschichte des fürstlichen Hauses Waldburg in Schwaben. Bis jetzt ist aber nur der erste Band erschienen (1888), der noch nicht bis zur Zeit Otto's reicht. Sehr eingehend wird Cardinal Otto behandelt von Braun in seiner Geschichte der Bischöfe von Augsburg (B. 3 S. 358 — 520). Braun schöpfte mehrfach aus der Pappenheim'schcn Chronik, aber auch noch aus vielen andern gedruckten und angedruckten Quellen, besonders aus dem bischöflichen Archiv. Aus neuerer und neuester Zeit sind zn erwähnen die unsern Cardinal behandelnden kleineren Artikel im Kirchenlexikon (1. Anst.), in der „Allgemeinen deutschen Biographie" (B. 24), in den „Historisch-politischen Blättern" (B. 110 S. 781 ff.). Im Histor. Jahrbuch veröffentlichte Duhr 8. ll. zwei Artikel: Zur Biographie des Kardinals Otto Truchseß (B. 7 S. 177 ff.) und: Reformbestrebungen des Cardinals Otto Truchseß von Waldburg (S. 369 ff.). Sehr wichtig für die Geschichte Otto's sind seine Briefe. Er schrieb der damaligen Sitte und seiner eigenen persönlichen Neigung folgend Tausende von Briefen entweder selbst oder durch seine Secretäre. Allein seine Korrespondenz ist bisher nur zum Theil aufgefunden und veröffentlicht worden. In den „Beiträgen zur Geschichte des Bisthums Augsburg" gab vr. Wimmer, Scriptor der kgl. Universitäts-Bibliothek zu München, vor 40 Jahren einen Theil heraus unter dem Titel: Vertraulicher Briefwechsel des Cardinals Otto Truchseß von Waldburg, Bischofs von Augsburg, mit Albrecht V., .Herzog von Bayern, 1568 — 1573. (Ist auch separat erschienen.) Den Briefwechsel Otto's mit Albrecht V. aus den Jahren 1560 — 1569 veröffentlichte Bander, Vorstand des kgl. Archiv-ConservatoriumS in Nürnberg, im „Archiv für die Geschichte des Bisthums Augsburg" (B. 2 S. 123 ff.). Alle diese Briefe sind deutsch abgefaßt. Strichele schickt den: von Baader mitgetheilten Briefwechsel folgende Bemerkung voraus: „Die Briefe Otto's aus jenen Jahren sind von höchstem Interesse und für die Zeitgeschichte von größter Wichtig- keit. Sie entrollen ein lebhaftes Bild aller Vorkomm- lüsse, zeugen von stauuenswerther Thätigkeit des Cardinals für die katholische Kirche und das deutsche Vaterland, und bekunden seinen Einfluß auf Papst, Kaiser und Fürsten. Die Ansichten und Urtheile der Correspondenten, namentlich Otto's, über religiöse und politische Zeitfragen veroffenbaren ebenso warme Vaterlandsliebe, als sie einen Schatz politischer Weisheit enthalten, wie sie auch durch die Erfahrung meistens als die richtigen sich bewährten" (S. 124). Wimincr aber bemerkt: „Dieser (Otto) schrieb, und zwar ausnahmslos „rund wie es ihm nius Herz ist", meist gleichsam mit Leib und Seele, den unmittelbaren Eindrücken des Augenblicks hingegeben, und fast in jeder Zeile seiner Briefe spiegelt sich wieder sein heißes, leicht erregbares, cholerisches Temperament" (S. 19). Im vorigen Jahrhundert hat unter andern eine große Anzahl von Briefen (etwa 100) veröffentlicht der berühmte Latinist Lagomarfini 8. öl. in den von ihm herausgegebenen Briefen des Ginlio Poggiano. Dieselben sind an die verschiedensten Persönlichkeiten gerichtet und von höchstem Werthe. (Vgl. Histor. Jahrbuch B. 7 S. 187.) Poggiano, gleichfalls ein ausgezeichneter Latinist, stand längere Zeit in den Diensten des Cardinals Otto. Er war wegen der vielen Briefe, die er für den Cardinal zu schreiben hatte, sehr ungehalten (Histor. Jahrb. B. 7 S. 187), und das war wohl ein Hauptgrund, warum er nicht länger bei Otto aushielt. Die Briefe au den Cardinal Hos ins, Bischof von Ermcland, aus den Jahren 1560—1561 gab neuestens gesondert und mit Anmerkungen heraus Pros. Weber in Negensbnrg/') und zwar aus einem bisher noch nicht benutzten Codex im bischöflichen Archiv zu Augsburg. Auch von Trüffel hat eine Anzahl von Briesen Otto's oder an Otto veröffentlicht, besonders im 1. und 2. Bande der „Briefe und Akten znr Geschichte des 16. Jahrhunderts". Ich habe im ganzen 11 gezählt, sie sind theils ausziiglich, theils wörtlich wiedergegeben. Die Adressaten sind Kaiser Karl V., Kurfürst Moriz von Sachsen, Kurfürst Friedrich von der Pfalz, Eck und andere. Der Inhalt der Briefe bezieht sich großentheils auf die religiöse Bewegung und den schmalkaldischen Krieg. Auch andere haben gelegentlich Briefe Otto's bekannt gegeben, wie Dnhr in dem angeführten Artikel zeigt. Es ist indeß kein Zweifel, daß noch eine ganze Reihe von Briefen Otto's im Staub der Archive ruht. Erst wenn die Corrcspondcnz vollständig veröffentlicht ist, wird es möglich sein, eine nach allen Seiten hin erschöpfende Biographie zu schreiben. Jw der That sollen sich zwei Forscher, Giefel-Stnttgart und Schwarz-Berlin, Mit der Herausgabe der Corrcspondenz befassen. Nach diesen etwas trockenen, aber immerhin nicht uninteressanten Vorbemerkungen gehe ich zur Darstellung des Lebens und Wirkens unseres Cardinals über. Natürlich beschränke ich mich auf das Wichtigste. „Zumaßen", um mit der Pappenhcim'scheu Chronik zu reden, „wenn man alles mit seinen Umständen beschreiben wollte, hiezu ein eigenes Buch erfordert würde" (I, 104). . Otto entstammte dem oberschwäbischen, früher reichs- unmittclbarcn, in der Nähe von Navensbnrg ansässigen Geschlechte der Wald bürg, dessen Ursprung ins 12. Jahrhundert hinaufführt. Er wurde geboren auf dem Schlosse Scheer bei Sigmaringen den 26. Febr. 1514 *) Icktsras » Pruebsssso ack Ao8ium cmnis 1560 st i 1561 äatas . , . eälckit . , . X, IVaber. Ilatisbonas 1892. > als der Sühn Wilhelms des Acltcren und seiner Gemahlin Sibylla, einer geborenen Gräfin von Sonnenberg. Otto, welcher schon in der frühesten Jugend Neigung zum geistlichen Stand verrieth, wurde von seinen Eltern zum Studium bestimmt. Wir treffen ihn im Alter von 10 Jahren an der Akademie zu Tübingen. Es währte nicht lange, da bekam er, noch unmündig, durch den Einfluß seines Vaters, die Einkünfte der Pfarrkirche zu Tachcnhansen bei Nürtingen in Württemberg (Histor. Jahrb. B. 7 S. 179) und ein Kanonikat in Speher. Damals herrschte eben die Sitte oder Unsitte, daß die nachgeborcncn Söhne von Adeligen durch Zuweisung von Pfründen und beziehungsweise deren Einkünften versorgt wurden. Otto begab sich nun auf die Hohe Schule zu Dole in Burgund, wo er sich hauptsächlich mit der Erlernung des Französischen beschäftigte. Von Frankreich ging er nach Italien und studirte an den Universitäten zu Padua, Pavia und Bologna. In Pavia wurde er zum Rcctor gewählt. Die oberitalicnischen Universitäten nahmen bekanntlich bei ihrer demokratischen Organisation den Rector aus der Zahl der Schüler. Das Nectorat brachte ihm zwar viel Ehre, nahm aber seine finanziellen Mittel sehr in Anspruch. Die Zimmer'schc Chronik sagt, er sei dabei „etliche tausend Gulden ohne geworden" (Histor. Jahrb. B. 7 S. 179). In Bologna hörte er die Vorlesungen des gelehrten Hugo Boncampagni, welcher später unter dem Namen Gregor XIII. Papst wurde. Zn seinen Mitschülern Zählte er angesehene Männer, unter anderen Alexander Farnesius, Christoph Madruccius, Stanislans Hosins, welche später mit dem römischen Purpur geschmückt wurden. In Bologna wurde er mit dem höchsten akademischen Grade, dem Doktorate, ausgezeichnet. Da Otto entschlossen war, sich dem geistlichen Stande zu widmen, so verzichtete er schon im Jahre 1552 zu Gunsten seiner Brüder auf alle väterlichen lind Familicn- gütcr. Zehn Jahre daraus bestimmte ihm sein Vater ein jährliches Leibgeding von 600 Gulden, dessen er sich aber zu Lebzeiten des Vaters begab. Einem Manne von der Abstammung und Befähigung Otto's konnte es an Beförderung nicht fehlen. Karl V., welcher die Treue und Anhänglichkeit der Waldburg an den Kaiser, das Reich und das Haus Oesterreich Wohl würdigte, ernannte Otto 1541 zu seinem Rath und Vertrauten und ertheilte ihm die mit dieser Würde verbundenen Rechte und Privilegien. Im gleichen Jahre oder im Jahre darauf wurde Otto in das Dom- capitel zu Augsburg ausgenommen, nachdem er vorher auch Dekan der Domkirche in Trient geworden war. Um diese Zeit reiste Otto nach Nom, wo er durch seine Geistesgabcn und sein gesetztes Auftreten das Vertrauen des Papstes Paul III. gewann, der ihn zu seinem Kämmerer ernannte und in einer wichtigen Angelegenheit als Jnternuntins an den König von Polen, Sigmnnd, schickte. Auf dem Rückwege kam ihm ein päpstlicher Kämmerer entgegen, welcher ihm den Auftrag des Papstes vermittelte, als Abgesandter zu dem von dem römischen Könige Ferdinand auf das Jahr 1543 ausgeschriebenen Reichstag nach Nürnberg sich zu begeben und die Ankündigung des in Trient abzuhaltenden Concils dorthin zu überbringen. Während des Reichstags zu Nürnberg, den 14. April 1543, starb der Bischof von Augsburg, Christoph Stadion. Otto mußte nun als Domherr von Augsburg znr Wahl eines neuen Bischofs abreisen. Die Wahl fand in Dillingcn statt, wo das Domcapitel um jene Zeit, aus Augsburg vom dortigen Rathe vertrieben, sich aufhielt. Auf Empfehlung Ferdinands und anderer hoher Persönlichkeiten wie der bayerischen Herzöge Wilhelm und Ludwig, des in Nürnberg anwesenden Cardinals Granvella wurde Otto, obwohl im Domcapitel sich einige sehr würdige Männer befanden, zum Bischof gewählt. Dies geschah am 10. Mai 1543, und bereits am 1. Juni wurde die Wahl von Paul III. bestätigt. Der Papst dispensirte den neuen Bischof wegen mangelnden Alters (er war noch nicht 30 Jahre alt) und ertheilte ihm zugleich die Erlaubniß, die bisher innegehabten Benefizien zu behalten. Dieselben sind bereits genannt worden. Dazu kamen später noch andere. So wurde Otto 1553 Propst des Stiftes Ellwaugen und 1558 Propst zu Freising. Als Otto zum Bischof gewählt wurde, war er noch nicht Priester, sondern bloß Diakon. Er ließ sich nun alsbald zum Priester und dann znm Bischof weihen, was ihm in Anbetracht der damaligen Gewohnheiten als Beweis seiner streng kirchlichen Gesinnung ausgelegt wurde. Die Consecration fand in Dillingen unter großer Feierlichkeit statt. Otto, der schon bisher verschiedene Würden besaß, wie wir gesehen, wurde als Bischof von Papst und Kaiser noch weiter ausgezeichnet. Vom Papste wurde er auf Benennung des römischen Königs im Jahre 1544 zum Cardinal ernannt. Wenn die „Allgemeine deutsche Biographie" (B. 24 S. 635) bemerkt, daß man zu dieser Erhebung einstweilen die direkte Veranlassung nicht einzusehen vermöge, so scheint dies doch nicht richtig zu sein, denn Otto hatte eben kurz vorher eine zwischen dem päpstlichen Stuhle und dem kaiserlichen Hofe entstandene Zwistigkeit glücklich beigelegt (Chronik I, 105; Braun III, 368). Ein anderer Papst, Pins IV., übertrug ihm später den Vorsitz bei der geistlichen Jnquisirion und ernannte ihn durch eine Bulle vom 5. Juli 1560 znm löFatns a lators in der Angsburgischen Kirche und in den Besitzungen der Trnchsesse von Waldbnrg, womit unter andcrm das Recht verbunden war, gewisse päpstliche Nescrvatrechte auszuüben. — Nicht weniger ward Otto vom Kaiser und seinem Bruder geehrt. Karl V. ernannte ihn zu seinem Rath, und der römische König Ferdinand machte ihn znm Protektor der deutschen Nation in Rom. Ein anderer Kaiser, Maximilian II., betraute ihn 1563 bei seiner Rückreise aus Italien mit dem ehrenvollen Auftrage, seine zwei Söhne, die Erzherzoge Rudolf nnd Ernst, auf ihrer Reise nach Spanien zu begleiten nnd dem König Philipp II. vorzustellen. (Fortsetzung folgt.) Walther von der Vogelweide. (Schleiß.) 3. Lastn. Dies war der letzte leidenschaftliche AuSbrnch des Dichtcrfeners. Mit dem Alter war der Kampfesmuth gewichen, die Leidenschaften waren milder geworden. Eine einzige große nnd erhabene Idee erfüllte ihn in den letzten Lebensjahren, und rastlos ist er bemüht, das Scinigc zur Ausführung beizutragen: zur Befreiung des heiligen Landes aus den Händen der Ungläubigen. Er dichtete eines seiner schönsten Lieder als Aufforderung zur Kreuzfahrt, die er selbst nicht mehr wagen durfte. Das Unheil war jedoch nicht aufzuhalten. Der Kaiser schiffte sich wirklich am 8. September 1227 mit dein Landgrafen Ludwig von Thüringen in Brindisi ein, kehrte aber, nach dem Tode des letzteren, angeblich selbst schwer krank, nach drei Tagen wieder zurück. Papst Gregor IX., der inzwischen auf Honorius gefolgt war, erklärte die Krankheit als Verstellung nnd verhängte am 29. Scpt. 1227 den Bann über Friedrich. Den siegreichen Feldzng, den der gebannte Kaiser im folgenden Jahre nun mit Ernst unternahm, hat Walther nicht mehr erlebt. Andere Sorgen forderten den Sänger für sich: der junge König Heinrich begann in seiner hochmüthigen Weise die Re- gicrungsgeschäfte zu leiten, da richtet Walther einen scharfen Spruch wider ihn, nennt ihn ein selbstgcwachscnes Kind, das krumm geworden sei, da man es nicht habe gerade biegen können. Zn groß sei er leider schon für die Ruthe, zn klein für das Schwert. Er möge ruhig bleiben nnd schlafen. Endlich prophezeit er ihm ein übles Ende. So sehen wir Walther bis in seine letzten Tage für das Interesse des deutschen Reiches thätig. In seinen letzten Jahren dichtete Walther manchen kunstvollen Spruch voll Weltkenntniß nnd Lebensweisheit; manche können auch dazu dienen, der Persönlichkeit Walthcrs etwas näher zu kommen. Ein Mahngcdicht hebt an: Niemand könne mit Ruthen allein den Kindern Zucht beibringe»; auf ein feines Gemüth wirke schon ein Wort des Tadels wie ein Schlag. — Der Weise gäbe eher sein Leben, Hab nnd Gut verloren, als daß er auf Gottes Huld und Ehre verzichtete. — Wer sich mäßig hält, dem fällt alles Gute zn. Es schickt sich nicht für einen ehrbaren Mann, daß ihm die Zunge vom Weine hinke. Viele Sprüche Walthcrs zielen auf die Vertheidigung seines eigenen Ichs ab, was sich leicht begreift; denn die Zeitgenossen waren keineswegs bereitwillig, den Dichter in ihm anzuerkennen nnd auszuzeichnen; er mußte sich seine Stellung erst machen, mußte sich als Künstler legitimsten und beweisen, daß er nicht wegwerfend beurtheilt werden dürfe, daß er nicht ein fahrender Mann sei wie die Gaukler, Ncifspringcr und Possenreißer. Sodann erklärt sich mancher seiner Sprüche, wie oben schon angeführt, aus seiner Reizbarkeit, wodurch ihm schnell ein scharfes und verletzendes Wort auf die Lippen trat, das dann nicht wieder zurückgenommen werden konnte. Im übrigen war Walther Sanguiniker nnd in seinen späteren Jahren das, was wir „nervös" nennen. Von diesen Voraussetzungen erweisen sich etliche Sprüche Walthcrs wcrthvoll. Frauen mag man schön nennen, für Männer ist das abgeschmackt nnd unpassend. Kühn, offen mit Herz und Hand, fest soll er sein, diese drei Dinge schicken sich Wohl zusammen. Das gilt jedoch »nr für den innern Menschen, den man prüfen muß, denn es wäre unwürdig, auf das Aenßere hin zn urtheilen. Mancher Mohr mag ein weißes Herz haben. Des Mannes Sinn muß fest sein wie ein Stein, schlicht nnd gleichmäßig wie ein geglätteter Stab aus einem Stück. Wer sich hochmüthig über estum treuen Freund erhebt und ihn gering schätzt, den Fremden hingegen ehrt und vorzieht, der wird es erfahren, daß auch er von einem Höheren verletzt wird, daß die Bnsenfreundschaft sich löst, sobald Gut nnd Ehre auf dem Spiele stehen. Alle sind über das Sprichwort einig, daß ein sicherer Freund nnd ein tüchtiges Schwert erst die Noth kennen lehre. Ein großes Wunder habe ich gesehen; lebte es im Meere, dann hielte man es für ein fabelhaftes Thier; meine Freude ist darüber erschrocken, mein Schmerz erwacht: das ist ein schlechter Mann. Er beißt, ohne zuvor geknurrt zu haben. Seine beiden Zungen blasen aus einem Rachen kalt und warm. Ein giftiger Stachel liegt in seinem Lachen versteckt, und 3R> uns dem wolkenlosen Himmel seiner Heiterkeit fällt ein scharfer vernichtender Hagel. Das ist ein schlechter Mensch, welchem Stande er auch angehöre, der freiwillig betrügt und seinen Herrn lügen lehrt. Solche Leute verderben uns auch die wahrhaft Edlen. Allzu viele Herzen sind wie Gaukler, die behend trügen und täuschen. Wir klagen immer, daß die Alten sterben und starben; besser wäre es, darüber zn jammern, daß jetzt Treue, Zucht und Ehre todt sind. Die Menschen lassen Erben zurück, diese drei jedoch haben keine Kinder. Uebel ergeht es dem Manne, der hohe Verwandte, aber keine Freunde besitzt. Fester ist Freundschaft als Sippschaft. Verwandtschaft ist eine Ehre, die einem von selbst zuwächst, Freunde muß man sich verdienen: deßhalb kann ein Verwandter uns ganz gut unterstützen, ein Freund aber besser. Gewinnt man einen sicheren, zuverlässigen Freund, den muß man werth halten. Man muß sich nicht wohlfeil machen. Wollt Ihr Euch bereit finden lassen ohne rechten Lohn, dann büßt Jhr's an Eurem Heile. Es erniedrigt Euch selbst, wenn Ihr mit schlechtem Danke bezahlt werdet. Eure Ehre mindert sich, und überdies habt Ihr den Schinerz, daß Ihr eine Zeit lang schmähliche Hoffnung nährt. Damit prägt Walther den köstlichen Satz ein, daß Arbeit ohne Lohn unsittlich ist. Und mit dem schönen Spruche sei geschlossen: Wer erschlägt Löwen und Niese» und überwindet alle, die mit ihm kämpfen? Das ist der, welcher cS versteht, sich selbst zn bezwingen, und der seinen wilden Leib in feste Zucht fügt. Abgcborgte Selbstbeherrschung, die nur vor den Leuten gewahrt wird, die rann wohl vor Fremden erschimmern, aber ihr Glanz ist nnstät und schwindet bald. In all diesen Sprüchen steckt Walther sich selbst und seiner Zeit ein Ideal männlicher Festigkeit, welches für ihn den obersten Zielpunkt seines Strebens bildet, das er aber trotz alles Ningens nicht ganz zu erreichen vermag. Glücklich, wem ein wohlwollendes Geschick das ruhige Gleichmaß in die Seele legte, den sicheren Compaß in allen Fährlichkeiten des Daseins! Weniger glücklich, aber gewiß nicht weniger riihmenswerth, der nicht nur dem Schiasal, sondern auch dem eigenen heißen Blut den Gewinn seines Lebens, die Arbeit und die Ehre, welche Walther immer mit Gottes Huld verbindet, abringen muß. Dieser kämpft den härteren Kampf, und ihm gebührt der höhere Loh». Den erntet sicher auch Walther von der Vogelweide. Walther blieb thätig bis zu seinem Ende; die Freude des Schaffens hat ihn nicht verlassen. Sie quoll immer von neuem aus dem Gefühle innerer Befriedigung, mit welcher er auf seine Lebensarbeit zurückblicken durfte. Es gibt kein rühmenswertheres Leben als Ncchtthun bis zum Ende. Mit stiller Gefaßtheit sieht er dem Ende seiner Tage entgegen; sein Hanptwnnsch ist der, daß seine Seele Heil erfahren möge. „So lange ich in der Welt lebte, habe ich viele Menschen froh gemacht, Männer und Frauen. Hätt' ich nur dabei mich selbst zu retten gewußt! Aber, lobe ich des Leibes Minne, so schadet das der Seele. Sie sagt mir dann, ich lüge oder rede irre. Nur der wahren, der himmlischen Liebe spricht sie Dauer zn und rühmt, wie gut sie sei und unvergänglich. Darum, Leib, laß jene Minne, welche ja auch Dich verlaßt, und halte Dich an die ewige Liebe!" I» einer Allegorie, welche den Teufel als Inhaber eines Wirthshauses darstellt, in welchem die reizende Frau Welt als Schenk- mädchen die Gäste festzuhalten sucht, nimmt der Dichter Abschied von den Freuden des Lebens: Frau Welt, Ihr müßt dem Wirthe sagen, das; ich ihn ganz bezahlt schon habe — die große Schuld ist abgetragen — daß er mich aus dem Schuldbrief schabe. Wer ihn zum Gläubiger hat, dem macht es Sorgen. Eh' ich ihm lange schuldig wär', wollt' ich bei einem Juden borgen. Er schweigt bis auf den letzten Tag: dann fordert er ein Pfand von dem, der sich zn lösen nicht vermag. Nach dem Jahre 1228 erfahren wir nichts mehr von Walther. Wir dürfen demnach nicht zweifeln, daß er das schwere Siechthun!, dessen er in seinem letzten Gedicht gedenkt, nicht überstanden hat und noch 1228 gestorben ist. Er hat somit ein Alter von ungefähr 60 Jahren erreicht, was man ein hohes Alter nennen darf, wenn man die durchschnittlich geringere Lebensdauer in jener Zeit und Walther's aufreibende Thätigkeit in Betracht zieht. Wo unser Sänger starb, wissen wir nicht, ebenso ist uns nichts Bestimmtes über seine Grabstätte mitgetheilt. Nach Angaben, die zwar der Zeit seines Todes schon einigermaßen fern stehen, aber doch ziemlich glaubwürdig sind, ist er Zn Würzbnrg im Krenzgang des Neumünsters unter einer stattlichen Linde begraben. Der Grabstein trug eine Inschrift, welche, aus dem Latein ins Deutsche übersetzt, folgendermaßen lautet: „Der Du die Vogel so gut, o Walther, zu weiden verstandest, Blüthe des Wohllauts einst, der Minerva Mund, Du entschwandest! Daß nun der himmlische Kranz Dir Redlichem werde bcschieden. Spreche doch, wer dies liest: Gott gönn' ihm den ewigen Frieden!" Eine handschriftliche Chronik erzählt eine liebliche Sage, welche sich an das Grab des Dichters knüpft. Nach einer Bestimmung seines Testamentes nämlich sollten täglich auf seinem Grabsteine die Vogel mit Weizen- körnern gefüttert und mit Wasser versorgt werden; daher habe er in den Stein, unter dem er begraben liege, vier Löcher machen lassen. Noch im 17. Jahrhundert, so erzählt man, ist eine Störung der Singvögcl auf der Linde an Walthers Grab durch den Tod des Frevlers alsogleich gerächt worden. Als die Nachtigall in Würzbnrg verstummte, da ging ein allgemeines und schmerzliches Klagen durch die Schaar der deutschen Dichter: das waren Stimmen tief empfundenen Schmerzes, die sich zum Theil in der rührendsten Weise Luft machten. Vor allem geschah dieses durch Gottfried von Straßbnrg. „Wer", so fragt er in seinem Tristan, nachdem er den Tod Ncinmars beklagt hak, „soll jetzt die liebe Schaar der Nachtigallen anführen und das Gesinde weisen? Ich denke wohl, daß ich sie finde, die das Banner tragen wird, ihre Meisterin, die von der Vogelweide. Hei, wie hier über die Heide ihre hellen Töne klingen! Wie viel Wunderbares bringt sie hervor, wie kunstvoll setzt sie ihre Melodien in Musik, wie trefflich weiß sie ihre Tonarten zn wechseln in ihren Minneliedern! Die soll Kämmerin sein am Hofe der Minne, soll die andern leiten und wird es vortrefflich, denn sie versteht, wo sie die Melodien für den Minnegesang suchen muß. Sie und ihre Genossinnen werden durch ihre herrlichen Lieder die sehnsuchtsvolle Traurigkeit der Minne in Freude nmschaffen." Walther wird also hier als der erste lebende Sänger hingestellt, wiewohl ausschließlich auf seinen Minnegesang Rücksicht genommen wird. Ulrich von Singenberg, Walthers Schüler, hat ihm folgenden Nachruf gewidmet: „Unser äü! Scmgcsmeister, den man einst von der Vogclweide nannte, ist jetzt znr letzten Fahrt ausgezogen, die keinem von uns erspart bleibt. Was hilft's ihm nun, daß er alles in der Welt erfahren hatte? Trotzdem ist sein hoher Sinn schwach geworden. Wir wünschen ihm nm seines süßen Sanges willen, da jetzt doch seine Weltfrcude entschwunden ist, daß jenseits der liebe Vater ihn gnädig unter seinen Schutz nehme." Mit andern verstorbenen Dichtern zusammen wird er gepriesen von dem Marner und von Ncinmar von Brcnnenberg, die ihn ausdrücklich als ihren Meister bezeichnen, von Rubin, Hermann dem Damen, Hugo von Trimberg (vergl. das Motto!). Franenlob nennt ihn mit Neimnar und Wolfram. Er gehört nach der Sage auch zu den Sängern, die am Wartburgkrieg theilnahme». Sein Name lebt in der Tradition der Meistersänger fort. Wenn auch nach Jahrhunderten der Name dieses größten lyrischen Dichters des Mittclaltcrs, des Vermittlers zwischen Rittcrdichtnng und Spielmannsdichtung, dieses wahrhaft deutschen, patriotischen und echt katholischen Dichters vergessen wurde und sein Bild im Dunkel der Aufklärung verschwand, so hat die Gegenwart ihn, gleich andern ruhmbedeckten Sängern, dem Banne der Vergessenheit entrissen. Es sei nus noch gestattet, zum Schlüsse das schöne Gedicht, in welchem F. A. Muth Walthers von der Vogclweide Bcgräbniß so rührend schildert, anzuführen: Nun ist er stumm, der süße Mund Deß von der Vogeliveide, Der uns gesungen vorn Waldesgrund, Von Blumen auf der Heide. Der süß wie Nachtigallen schlug. Wie Lerchen in der Frühe, Der sich geschwungen wie Adlerflug In sonnige Himmclsglühe. Die Frauen, die er rein besang, Als gab' es einzig rechte, Sie gehen mit den letzten Gang, Und Ritter von edlem Geschlechte. Da kamen die Böget herangeschwirrt. Die Lerchen und Nachtigallen; Ei, wic's von süßen Sängern wirrt In des Münsters Bogenhallen! Sie singen und klingen und wcrdcn's nicht müd', Die Sänger aus Wald und Heide; Es ist der ewigen Minne Lied Deß von der Vogclweide. Und als sie ihn gelegt ins Grab, Die Vögcl die Gruft umfangen, Darein vom Müusterthurm herab Gar hell die Glocken klangen. Nicht ist er stumm, der süße Mund Deß von der Vogclweide, Der uns gesungen von: Waldesgrund, Vom Lindeugrün der Heide. Möge bald in Erfüllung gehen, daß, wie Schönbach wünscht, die Verse der schönsten Lieder und Sprüche dieses wahren Repräsentanten jener goldenen Zeit in der Geschichte der Poesie, wo die innige und kindliche Begeisterung für die hohen Ideale des Christenthums noch nicht dem Dienste des Pluto und der Venus weichen mußte, uns von den Lippen fließen wie den Italienern die Terzinen Dante's und die Stanzen der Gcrnsalcmme Liberata! Recensionen und Notizen. F. P.Funk, Kirchengeschichtliche Abhandlungen und Untersuchungen. Erster Band. Pader- born, Schöniugh, 1897. VI-st 510 S. 8 Mk. ? Man mag über Funk denken wie man will, man mag vielleicht seinen Ansichten nicht bloß über rciukritische, sondern auch , über culturhistorischc und kirchenpolilische Fragen aus diesem oder jenem Grunde wenig Sympathie entgegenbringen, das Prädikat, auf das es schließlich einem Kritiker und Historiker in erster Linie aukoinmt, werden ihm ohne Zweifel auch seine objectiv urtheilenden Gegner nicht verweigern wollen: strenge Liebe zur Wahrheit. Durch sie und durch seine auf wissenschaftlicher Höhe stehende Methode bat der Tübinger Kircheuhistoriker sich selbst und der katholischen Wissenschaft alle Ehre gemacht. Das muß auch gesagt werden von seiner neuesten Publikation, die wir hier zur Anzeige bringen wollen. Wie schon der Titel besagt, enthält dieser Band kein einheitliches Thema, sondern eine Reihe von Abhandlungen, die größtentbcils schon in mannigfachen Zeitschriften, wie Histor.-pol. Äl., Histor. Jahrbuch, Tüb. Theol. Quartalschrift, erschienen sind, und die der Herr Verfasser nun in verbesserter und vermehrter Gestalt gesammelt ausgibt. Er thut das, wie er in der Vorrede sagt, cincstheils, weil „bei der Bedeutung, welche die Abhandlungen für die Wissenschaft haben, indem sie altherkömmliche Irrthümer berichtigen oder neue Irrthümer in wichtigen Fragen abwehren", eine solche Neubearbeitung angezeigt schien, an- derntheils, .um seinen Schülern eine Ergänzung seines „Lehrbuchs der Kirchengcschichte" an die Hand zu geben und zugleich sie zu ähnlichen Versuchen anzuleiten. Zu letzterem Zwecke sind Funks Abhandlungen trefflich geeignet, denn sowohl für Privatstudium als für Arbeiten in historischen Seminarien sind sie mit ihrer klaren, einfachen, scharfsinnigen und nüchternen Beweisführung und Exegese vielfach vorbildliche Muster-leistungen. Was nüherhin den Inhalt des Bandes betrifft, so ist sein Gebiet vorzüglich die sog. innere Kirchengcschichte besonders die des Alterthums, die kirchliche Verfassung, der Cultus, die Disciplin und Literatur. Die Literatur wird noch mehr zu ihrem Recht kommen im zweiten Bande, der über Patristik handeln soll. Von einzelnen Thematen erwähnen wir: der Primat der römischen Kirche nach Jgnatius und Jrenäus (bekanntlich die ersten patristischen Zeugen für den Primat); die Bischofswahl im christlichen Alterthum und im Ansang des Mittelalters (Betheiligung des Volkes, der niederen und höheren Geistlichkeit): die Berufung der ökumenischen Synoden des Alterthums «eine viel discutirte, durch dogmatische Voreingenommenheit oft verwirrte Frage, die Funk auf Grund eingehender Untersuchungen sS. 39—89 und 498—508) dahin beantwortet: Die Synoden wurden vom Kaiser berufen, die Verhandlungen von: Kaiser geordnet, und der Kaiser gab den Beschlüssen seine Bestätigung. Die Giltigkcit der Beschlüsse dachte man nicht abhängig von einer Bestätigung des Papstes). Dann kommen mehrere Artikel über Kirchen- disciplin: Cölibat und Priesterebe im christlichen Alterthum: zur altchristlichen Bnßdisciplin; die Bußstaticmcn im christlichen Alterthum (Ursprung, Verbreitung und Ende der Einrichtung): die Katcchumcnatsklassen des christlichen Alterthums (es gab gar keine derartige Klaffen); die Entwicklung des Osterfastcns: die Abendmahlsele- mcntc bei Justin (gegen Harnack, der Brod und Wasser als cucharistischc Elemente bei Justin nachweisen zu können glaubte); der Connnunionritns (culturbistorisch sehr interessant); der Canon 36 von Elvira („Illaenit xioturii« in eeelsÄs. non esse ckebsrs, ns gnocl solitur st aüoralnr in paristibns üepinKictnr"); die Entstehung der heutigen Tansform n. a. Von hohem Interesse sind auch die Ausführungen Funks „Zur Geschichte der altbrilischenKirche"; sie zeigen an der Hand einer Polemik gegen Ebrard nicht bloß, welche Zerrbilder protestantische Voreingenommenheit zu Stande bringt, sondern geben uns ein anziehendes Bild aus der kirchlichen Vergangenheit Englands. Das sind nur einige Andeutungen über den reichen Inhalt des Buches, dessen Werth sorgfältige Ausstattung und ein treffliches Register erhöhen. Möge es fleißig studiert werden, und möge der Verfasser muthig weiterarbeiten! Die Jugend des Papstes Leo XIII. gemäß dessen bis jetzt unveröffentlichten Briefen von Boycr d'Agen. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Dr. Ceslans M. Schneider, gr. 8°. S. XVI, 444. Mit 55 Text-Illustrationen und 6 Heliogravüren. Preis: Eleganter Originalbnnd 12 Mark. Der von der Tagespreise und Zeitschriften bereits 352 rühmlich besprochene und warm empfohlene Prachtband kam leider erst vor kurzem in unsere Hände; daher die unliebe Verzögerung. Die Vorrede des dentschen Bearbeiters bringt eine treffliche Abhandlung über Leo XIII. und seine Zeit. Der Besuch im Geburtsorte Leo's bietet gleichsam als Präludium die oompositio looi. Daran schlichen sich die 3 Theile des Buches. Der erste Theil macht uns näher bekannt mit der Familiengeschichte der Pecci, insbesondere auch mit den Eltern des Papstes und seiner damaligen Umgebung. So wird das Verständniß des Briefwechsels vorbereitet. Dieser selbst bildet den zweiten, den Haupttheil. An der Hand der eigenen Briefe können wir den Entwicklungsgang des großen Papstes von frühester Zeit au verfolgen. Leo selber stellt sich vor, wie er sich in den Studienjahren ausbildete, steine Zwischenbemerkungen unterbrechen die Briefe. Sie beginnen im Alter von 7 Jahren und enden mit der Ernennung zürn Dclegaten von Benevent im Alter von noch nicht 28 Jahren. In aller Reinheit wirken sie auf den Geist und bilden eine lebendige Charakteristik dieser Lebensjahre des Papstes. Was etwa im Zusammenhange der Briefe noch dunkel und unklar geblieben sein könnte, das erhellt voll und klar der dritte Theil mit den drei Kapiteln : „Der Traum einer Mutter," „Die Denkwürdigkeiten eines Obersten," „Rückkehr nach Carvineto". Aus den Jugendeindrücken verstehen wir so recht die planmäßige, großartige Wirksamkeit Leo's zum wahren Wohle der Völker. Das immer wieder von ihm uachdrncksam empfohlene hl. Rosenkranzgebet lernte er im trauten Familienkreise schätzen und lieben. Da lernte er auch kennen das unschätzbare Glück einer echt christlichen Familie; darum „der Verein der hl. Familie" eine seiner Lieblingsideen. Das in frühester Jugend liebgewonnene, innige, patriarchalische Verhältniß zwischen den armen Bewohnern, den Bauern und Hirten, und der Gutsherrschaft lehrte ihn den Weg zur Versöhnung der verschiedenen Interessen, wie er so klar im berühmten Arbeiter-Rundschreiben gezeigt wird. Seine geradezu stannenswcrthe Verehrung des hl. Thomas von Aguin reicht zurück bis ins kindlichste Alter. Deshalb sieht es der Heilige Vater als eine von Gott ihm zugewiesene Aufgabe an, den Agninaten als Heilmittel gegen die Verwirrungen unserer Zeit entschieden und mit aller ihm verliehenen Autorität auf den Leuchter zu stellen. Das schöne Buch verdient alle Anerkennung. _ Heiner Franz, Katholisches Kirchenrecht. 1. Band. Die Berfassung der Kirche. 2. Auflage. Pader- born, Ferdinand Schöningh. 1897. 8". XII und 395 SS. Brosch. 8.60 M. -r. Die erste Auflage dieses Werkes erschien 1893, und es ist ein erfreulicher Beweis seiner Brauchbarkeit, daß, obwohl doch an Lehrbüchern, und zwar an tüchtigen Lehrbüchern des Kirchenrechts kein Mangel ist, sobald schon eine zweite Auflage nöthig wurde. Diese weist .gegenüber der ersten zahlreiche Verbesserungen und eine Erweiterung um 4 Seiten auf. Die Vorzüge, welche wir schon der ersten Auflage nachrühmen konnten: gemäßigtes Urtheil, wie es namentlich in der Streitfrage über die Natur der Concordate, über das Verhältniß von Kirche und Staat u. a. wohlthuend hervortritt, Uebersichtlichkeit und Klarheit der Darstellung sind in verstärktem Maße auch der zweiten eigen und lassen das Werk insbesondere für Anfänger, überhaupt zur Einführung in das Studium des Kirchenrechts, als empfehlenswert!) erscheinen. Funk F. lk., Kirchengeschichtliche Abhandlungen und Untersuchungen. 1. Band. Paderborn, Ferdinand Schöningh. 1897. 8°. VI und 516 SS. Broschirt -r. Der gefeierte Tübinger Gelehrte bietet uns hier eine Sammlung der von ihm über wichtigere Fragen der Kirchengeschichte veröffentlichen Aufsätze, deren Veranstaltn»,g umsomehr als gerechtfertigt erscheinen dürfte, als sie in verschiedenen Zeitschriften zerstreut uud daher mitunter schwer zu erreichen, zudem durchwegs neu überarbeitet und vom Verfasser als Ergänzung seines etwas knapp gehaltenen Lehrbuchs der Kirchengeschichte gedacht sind. Die Arbeiten bewegen sich hauptsächlich auf dem Gebiete der inneren Kirchengeschichte, der kirchlichen Verfassung, des Kultus, der Disciplin und Literatur. Ganz besondere Beachtung verdienen die Abhandlungen über die Berufung der ökumenischen Synoden des Alterthums, über die päpstliche Bestätigung der ersten acht allgemeinen Synoden, über Cölibat und Priester-Ehe, worin Funk seine früheren Ausführungen gegen die von verschiedener Seite laut gewordenen Bedenken mit, wie uns dünken will, durchaus überlegenen Gründen aufrecht erhält. Außer ihnen mögen hervorgehoben werden die Untersuchungen über die Bußdisciplin, Bußstationcn, Katechu- menatsklassen des christlichen Alterthums, über den Primat der römischen Kirche nach Jgnatius und Jrenäus, die Bischofswahl im christlichen Alterthum und im Anfange des Mittclalters, die Entwicklung des Osterfastens, die Abendmahls-Elemcnte bei Justin, der Communionritns, die Bulle Unam s-motsm. Funk ist als ein durchaus gründlicher und nüchterner Gelehrter und Forscher in weitesten und zwar nicht bloß katholischen Kreisen zu sehr bekannt und anerkannt, als daß seine Arbeiten einer weiteren Empfehlung bedürften. U. Johann Maria Meister, 0. 88. R., „Maria, Heil der .Kranken." Münster, Alphonsius- Bnchhandlung. 1897. Geb. 1 M. Böhmen ist ein an natürlichen, wundervollen Heilquellen, wie Marien-, Karlsbad, Teplitz, sehr reiches Land, aber auch mit vielen übernatürlichen Gnaden- qnellcn gesegnet. Eine der letzten, die dort entsprang, ist der Gnadcnort Philippsdorf in Nordböhmen. Der hochw. Verfasser wirkte längere Zeit an diesem Gnaden- orte und da bekam er die Anregung, den Titel des Gnadenbildes: „Maria, Heil der Kranken", zu einem recht tüchtigen, Erbauungs-, Belehrungs- und Gebetbuch für weitere Kreise zu verwerthen. Der Leib- und Scelen- kranken gibt es in dieser trostlosen Zeit ja nachgerade mehr als genug! — Das Büchlein mit der Liebe und Sachkenntnis) des frommen Ordensmannes und Missionärs geschrieben, bietet eine Fülle mitunter recht praktischer Recepte für die Kranken beider Kategorien. Das recht elegant ausgestattete Lehr- und Gebetbuch wird besonders den Tausenden von Wallfahrern nach Maria Philippsdorf, aber auch allen Leib- und Seelenkranken allüberall herzlich willkommen sein. Vsz'ion Xm., Imxioou ooptieum: Xccockaut auotsris ox epüomericki ssp^ptisos Lsiolinsvbi sxsrpto. (8io!) 4" pp. XXVIII -st 470 -st 20. Lorolück, Oalvsrz? 1890. U. 36,00. X. IcknKua eoptiea pauoos babot intor amatoros rorum orisvtalieum eultorss, otMmvn a IbsoloKw 8i»ltom nogus- quam oovismnsväs est, cum praotsr vstsrom saori oo- ckiois vorsionom littsratura coptios novickck obristiava von psuoa ooickinsst opsra ckiKua, quas loZÄntur. IckvAus ooxtieas 8tuckiosis erst oalaircktLw, quock unioum loxieon IVz-roicki pras8tavtissimum ss kickt raritato, ut spuck Iidrsrio8 aiitiquario8 von iukrs 70 kraiww vouals pro- «titseit. Itaqno opv8 valcko äs.ckcksratum cksnuo ockitum sst, uov quickem uovis tvpis exousum, «eck mocko vbsmo- tzqckeo roprockuotum; sliqua solummocko vovabuls in suetario rsosntor assumpta, uovis iwqns elsKsutlssimis koruck« manckatü, oontiuentur. Liter arische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9.—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 8 u. a.: Zur Kunst des Mittelalters. (F. Schneider.) — Bartmann, St. Paulus und St. Jacobus über die Rechtfertigung. (Gla.) — Eisen- hofer, Procopius von Gaza. (Sickenberger.) — Schell, Die göttliche Wahrheit des Christenthums. Erstes Buch. (Koch.) — ?68ob, kraelsetiouss ckoAmstieao. (Atzberger.) — Kirstein, Entwurf einer Aesthetik der Natur und Kunst. (Gutberlet.) — Nikcl, Herodot und die Keilschriftforschuug. (Dornstetter.) — v. Schulze-Gaevernitz, Carlyle. (Walther.1 — Pfeilschifter, Der -Ostgothenkönig Theoderich der Große und die katholische Kirche. (Albers.) — Schell-Ehrhard, Gedenkblätter zu Ehren des hochwürdigen Geistlichen Rathes Dr. Joseph Grimm. (Krieg.) — Rndolphi, Zur Kirchenpolitik Preußens. (Franz.) — Nachrichten. — Büchertisch. Verantm. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.