wr. 61 . 3. Kept. 1897. Dillingen. Von Hugo Arnold. Durch ein weites Thal wälzt die Donau ihre Wellen von Westen nach Osten; die Kunst der Wasserüanmeister hat den wilden Strom bezwungen und seinen Fluthen zwischen festen Dämmen eine gemessene Bahn gewiesen. Aber die vielgewundencn Altwasser auf beiden Seiten des Strombettes und das ausgedehnte Nied am Gestade bis zu dem Höhenzuge des rechten Ufers bezeugen, daß einstmals die Gewässer in ungehemmtem Laufe sich je nach Laune und Lust den Weg wählten und das Thal erfüllten. Das mag freilich in eine sehr weit entfernte Zeit zurückreichen; denn die Grabhügel, die drüben im Ried, südwestlich vom Kathariuenhof, geöffnet wurden, gehören der sogenannten La Töne-Pcriode an, d. h. sie sind, wenn man die archäologische Bezeichnung in die landläufige Ziffernsprache übersetzt, beiläufig über zwei Jahrtausende alt. Zur Zeit ihrer Wölbung muß jedoch der Boden bereits nicht mehr den: Spiele der Fluthen preisgegeben gewesen sein. Den unmittelbaren Saum beider Ufer bilden buschige Anen mit üppigem Baumwuchs, und nordwärts streicht das leichtg'ewellte Hochufer heran, hinter dem, stufenweise anschwellend, die wald- bedeckten Ausläufer der schwäbischen Alb, des Juragebirges, sich erheben, indessen das südliche Gestade drüben aus dein Ried mit steilem Abhänge, wie in einem Rucke, sich erhebt und tafelartig sich gegen Süden dehnt. Es sind keine imponirenden oder sofort in Entzücken versetzenden lieblichen Reize, welche die Landschaft des oberen Donauthales schmücken; aber sie tragen einen ernsten Charakter, ich möchte sagen, einen großen Zug, der in den Linien und in dem Aufbau der Höhen liegt und durch die Schatten der Wälder auf den Knppen des Hintergrundes sein Gepräge erhält. Freundlichen, heiteren Anstrich dagegen verleihen dem Bilde die zahlreichen Ortschaften, deren Kirchthürme und blinkende Gehöfte aus dem Grün ihrer Gärten hervorlugcn und dem Wanderer vermelden, daß hier ein kräftiges, betriebsames und fleißiges Geschlecht haust, die Nachkommen der alten Alamannen, welche die schönen Gaue einst den Römern abnahmen. Zwar „reine Schwaben" (wie der hochgc- feierte Geschichtsforscher Erzbischof von Steichele sagt) sind es nicht, die hier sitzen; denn die gedrungene Statur der Bauern, denen du begegnest, das schwarze Haar und das dunkle Auge, das zahlreichen drallen schelmischen Schönen gar reizend steht, — diese Formen und Farben sagen dir, daß hier ein starker Niederschlag der alten keltischen, stark mit manchen andern fremden Volks-Ele- rncnten des weiten Römcrreiches gemengten Ureinwohner sitzen geblieben ist, mit dem sich die zugewanderten Schwaben- Alamanncn vermischten. Die keltische Zunge klingt dir auch aus den Flnßnamen der Gegend entgegen: Donau, Glött, Egau und Brenz, und sie bestätigen, was aller Orten zutrifft, daß die Namen der Gewässer fort und fort die Erinnerung an Völker tragen, welche längst verschwunden sind. Denn die breiten Laute der Sprache, die an unser Ohr schlügt, sind ächt schwäbisch, und ächt schwäbisch wiederum sind die Namen der Orte, die in ganz besonders abzeichnender Gestalt auf — ingen, auf diese spezielle schwäbische Form, endigen: Gnndel- fingesi, Launigen, Bechingep, Faimiugeu, Wittislingen, Mödingen, Finningen, Schabringen, Offingcn, Gund« remmingen, Dürrlauingen, Aisllngen, Weisingen u. s. w. schließen im engen Umkreise weniger Stunden Dillingen ein. Die Wurzel aller dieser Namen ist ein Personenname und die Endung —ingen ist patrouymisch, wie die Gelehrten es bezeichnen, d. h. sie deutet auf einen Ahnherrn zurück, auf einen Stammvater, der sich einst bei der Besitznahme des Landes an den betreffenden Stätten niederließ, nach dem sich die Sippe nannte. In die moderne Sprache übersetzt würde „—ingen" daher lauten „zu oder bei den Nachkommen des N. N." Dillingen heißt daher: „bei den Nachkommen deS Thilo oder Dilli", in niederdeutscher Form Tilly, — ein Name, der für Bayern durch den Feldherrn des Kurfürsten Max I. und der Liga unvergeßlich geivorden ist. Urkundlich wird VUIinZs. zum ersten Male im Jahre 973 unserer Zeitrechnung genannt. Doch reichen die menschlichen Niederlassungen an dieser Stätte in weit ältere Zeiten zurück. Unwillkürlich gedenkt man zuerst der Römer. Aber römische Spuren hat man in Dillingen selbst noch nicht gefunden (auch die Burg ist kein römisches Bauwerk, worauf wir noch zurückkommen werden), obwohl die linksusrige Donaustraße der Römer von Faimiugen her durch die Vorstadt von Laniugen, nördlich von Hausen vorüber, am Südrande von Donaualtheim hin und nördlich an Schretzheim vorüber läuft und ich jenen Wegezug für römisch halten möchte, der aus dem Thale der Glött vom rechten Donauuser kommt, das Ried schneidet und auf dem linken Donauufer von Donanaltheim au der Kapelle (Punkt 436 auf dem Blatte des topographischen Atlas) vorbei nach Obcrfinningen und weiter nach Norden verläuft; er bildet auf dem ganzen genannten Zuge eine schnurgerade Linie, was ein Hauptkennzeichen für Römer-straßen ist, solange sie nicht Gelände und Gefälle zu Abweichungen zwingen. Im Weichbild von Dillingen ist er allerdings an der Oberfläche nicht mehr zu erkennen. Auch vor der Kapuziner- kirche wurde erst in jüngster Zeit bei Gelegenheit von Kanalisirungsarbeiten ein Stück Straße bloßgelcgt, dem wahrscheinlich römischer Ursprung zuzuerkennen ist. Die ältesten Funde, die ältesten Spuren menschlichen Aufenthaltes bei Dillingen liefert aber das manche Räthsel bietende ausgedehnte Gräberfeld am Ziegclstadcl auf der Flur unmittelbar vor der westlichen Front der Stadt Dillingen. Hier hatte zuerst das kaiserliche und darauf das französisch-bayerische Heer im unheilvollen Jahre 1704 ein verschanztes Lager angelegt, und die Gräben desselben durchschneiden das alte Grabfeld. Es enthält in Reihen angelegte trichterförmige, in den Lehm eingebettete Gruben, und die aus denselben erhobenen Thongefäße werden in die sogenannte ältere „Bronzezeit" versetzt, sind also vor beiläufig drei Jahrtausenden verfertigt worden. Hier scheint die Besiedelung viele Jahrhunderte durch fortgedauert zu haben, bis sich um die Grafeuburg nach und nach eine neue Niederlassung bildete und Alt-Dilliugen immer mehr an Bedeutung verlor. Zwei Jahrtausende liegen demnach dazwischen, bis auf Dillingen das Licht beglaubigter urkundlicher Geschichte fällt. Damals besteht hier eine Burg auf der Stätte des jetzigen Schlosses, sie ist im Besitze eines mächtigen Grafengeschlechtes, welches wohl von alter Zeit her die Grafschaft im Brenzgan, sowie im angrenzenden Albgau i verwaltete und in den jetzigen bayerischen Bezirksämtern 354 -Donauwörth und Dillingen und in den württembergischen Oberämtern Neresheim, Heidenhcim, Ulm und Aalen angesessen war. Die Stammburg scheint Wittislingen gewesen zu sein, denn dort sind die Eltern des hl. Ulrich bestattet, und es ist kein gewagter Schluß, wenn man die Felscngrüfte bei Wittislingen, denen die prachtvollen, jetzt eine Zierde des Münchener Natioilalmuscums bildenden Schnmctsachcn aus dein 7. oder 8. Jahrhundert entstammen, für die Begräbnißstätten von Ahnen des Dil- lingcr Grafenhauses hält. Die ältesten uns bekannten Stammcltcrn sind Hupald (gestorben 909 oder 910), der als Seliger verehrt wurde, und seine Gattin Dictbirg, eine Schwester des Herzogs Bürthart I. von Schwaben. Bon ihren Kindern sind hervorzuheben: Graf Dietpald, welcher in der Ungarn- schlacht auf dem Lechfcldc (10. August 955) den Heldentod fand, der hl. Ulrich — der größte unter den Bischöfen Augsburgs (923—973), rastlos und thatkräftig in Ausübung des bischöflichen Amtes, ein pricsterlicher Held bei Abwehr der Ungarn-Horden vor seiner Stadt, welt- verläugnend wie ein Mönch in seiner Klosterzelle, ein frommer Beter am Altare Gottes, eine Zier und Leuchte seiner Zeit und seiner Kirche - , ferner die Tochter Lust-, garde, die Gattin eines oberschwäbischen Grafen Pcier und Mutter von drei Söhnen: Rcginbald, welcher in der gleichen Schlacht mit seinem Oheim fiel, - Adalbero, der Liebling und Coadjntor seines Oheims, des hl. Ulrich, und Mangold, der durch seine Tochter Bcrtha der Urgroßvater des.vortrefflichen Geschichtschreibers Hermanns des Lahmen, Grafen von Beringen und Mönches in der Reichen»!!, wurde. Hierauf legt sich Dunkelheit über die Geschichte des Hauses, und man weiß auch nicht mit Sicherheit, ob demselben wirklich die zwei Brüder und Bischöfe von Konstanz Warmann (1026 bis 1034) und Eberhard (1034 bis 1046) beigezählt werden dürfen, wie es gewöhnlich geschieht. Erst von 1070 an treten wieder Persönlichkeiten auf, die ihm mit Bestimmtheit angehören: Pfalzgraf Mangold, Hupald (-f 1074) und dessen Sohn Graf Hartmann I. Der Letztere erbte durch seine Mutter die Grafschaft im alten Fliuagan und durch seine Gemahlin Adelheid den reichen Besitz des Winterthur'schen Hauses, eines Zweiges von dem uralten, vornehmen und reichbegüterten Geschlechte der Udalrichinger. Als ein erbitterter Gegner Kaiser Heinrichs IV. stand er in dessen' Kampf mit dem Gegcniönige Rudolf von Schwaben auf der Seite des letzteren, gründete mit seiner Gemahlin nnd seinen Söhnen (darunter Ulrich, in der Folge Bischof von Konstanz, 1111 —1127) im Jahre 1095 das später zu hoher Blüthe gedieheuc Kloster Neresheim und starb als Mönch dortselbst 1121. Sein Ur-Urenkel Hartmann IV., der Sohn Adalberts III. und einer Tochter Heilika des ersten wittclsbachischen Herzogs Otto von Bayern, wurde der Ncnbegrüuder, des Klosters Söflingcn nnd befand sich im Besitze des Marschallamtes des Herzogthnms Schwaben als staufischen Lehens. Außer mehreren Töchtern überlebte ihn nur ein Sohn, Graf 'Hartmann V., welcher den geistlichen Stand erwählt hatte und 1249 — 1286 als Nachfolger seines großen Ahnen, des hl. Ulrich, auf dein bischöflichen Stuhle von Augsburg saß. Beim Tode Hartmanns IV- (1258) fielen die. vom Reiche oder vom schwäbischen. Herzogthnme zu Lehen gehenden Rechte des.Hauses zurück, so. daß Konradin mit dem genannten Marschallamte, der Grafschaft im Flinagau und der dazu gehörigen Vogtci über Ulm den Grafen Ulrich von Württemberg belehnte; manches Erbe kam an die Schiviegersöhne des Grafen Hartmann IV.,'so das Grafenamt im Albgau an das helfensteinische Haus; den Rest des einst so reichen Besitzes übergab Graf Hartmann V. seiner bischöflichen Kirche. Zu diesen Gütern gehörten insbesondere Burg und Stadt Dillingen, die Kirchen-Patronate, Vogteien und alles Eigenthum zwischen der Donau und der Nics-Halde, zwischen den Dörfern Laugenan bei Uln- nnd Blindheim, der ganze Dienstadel (mit Ausnahme von 6 Ministerialen nnd den Eigenlenten zu Ulm, die er erst bei seincml Tode an dieselbe Kirche schenkte), alle Bauern und Eigenlcutc. Einiges scheint auch Herzog Ludwig von Bayern an sich gezogen zu haben. So war die alte, reiche Grafschaft Dillingen zertheilt und zerbröckelt worden; ihr Kern jedoch, Stadt und Burg Dillingen mit dem altchrwürdigen Wittislingen, wuchs nnd gedieh unter der Pflege der Bischöfe von Augsburg und blieb ein theueres Kleinod des fürstlichen Hochstiftes, so lange dieses selbst bestand. (Fortsetzung folgt.) Cardinal Otto Trmhscß von Waldbnrg, Bischof von Augsburg (1543—1573). Bon vi-. Thomas Specht. (Fortsetzung.) Doch durch Aufzählung dieser Ehrungen sind wir bereits in eine spätere Periode des Lebens Otto's eingetreten. Wenden wir uns wieder zurück. Als Otto Bischof von Augsburg geworden war, hatte die Lehre Luthers wie im übrigen Deutschland, so auch im Bisthnin Augsburg nnd in dieser Stadt selbst große Fortschritte gemacht. Otto hing mit ganzer Seele an der alten katholischen Religion nnd trat im innigen Bnnde mit dem Kaiser und den bayerischen Herzögen für dieselbe ein. An den wiederholten Versuchen, die religiöse Einheit in Deutschland wieder herzustellen, nahm er den regsten Antheil. Den Reichstagen und anderen Versammlungen, welche Karl V. zur gütlichen Ausgleichung der beiden Hauptpartcicn veranstaltete, wohnte er nicht bloß persönlich an, sondern versah dabei mehrmals die Stelle eines kaiserlichen Commissärs. Ich komme damit zur kirchlich-politischen Thätigkeit Otto's. Im allgemeinen ist dieselbe in dem eben Gesagten bereits gekennzeichnet. Doch gehen wir auf das einzelne genauer ein. Drei Jahre, nachdem Otto die bischöfliche Würbe angenommen hatte, entstand der schmalkaldische. Krieg (1546), in welchem sich Otto auf Seite des Kaisers und seiner Partei stellte, während die Stadt Augsburg selbst, die schon 1537 die Ausübung der. katholischen Religion innerhalb ihrer Mauern verboten nnd die gesammte Geistlichkeit, mit dem Bischof an der Spitze, zur Auswanderung gezwungen hatte, sich den Gegnern des Kaisers anschloß. Otto stellte einen Hänfen von 200 gerüsteten Pferden nnd 4 Fähnlein Landsknechte. Nach dem glücklichen Aus- gang des Krieges für die kaiserliche nnd katholische Partei kehrte Otto mit seinem Domcapitel von Dittingen wieder nach Augsburg zurück. Auch die Geistlichkeit zog wieder ein. Nunmehr konnte auch der katholische Gottesdienst nach lOjähriger Unterbrechung wieder gefeiert werden. So freundlich sich bisher das Verhältniß Otto's zu. Karl V. gezeigt, hatte, so trat doch. bald eine gewisse Verstimmung ein. Denn die vom Kaiser znr Versöhnung der Protestanten eingeschlagene Vermittlnngspolitik fand bei Otto, der überall ganze Arbeit gethan wissen wollte, 355 keinen Beifall. So war er kein Freund des auf dem Reichstag zu Augsburg 1548 erlassenen Interims, d. i. der Vorordnung, wie es bis zur Entscheidung des allgemeinen Concils in den streitigen Religionsangelegenheiten gehalten werden sollte. Otto widerstrebte es von Haus aus, daß der Kaiser in kirchlich-religiösen Dingen Bestimmungen traf. Da er indeß die kaiserliche Forderung nicht gut ablehnen konnte und das Interim immerhin gewisse Vortheile bot, so ließ er es, wenn auch in modifizirter Fassung, in seiner Diöcese verkünden. So sollte der Kelch nur gestattet werden nach Abgabe einer Erklärung vor einem katholischen Priester, daß Christus auch unter einer Gestalt ganz gegenwärtig sei und darum das Sakrament auch unter einer Gestalt giltig empfangen werden könne. (Vgl. Allg. deutsche Biographie B. 24 S. 636.) Schwere Leiden kamen über Otto und das Hochstift Augsburg 1552 durch die Truppen des Kurfürsten Moriz von Sachsen, der aus einem Freunde ein Feind des Kaisers wurde und gegen Süddentschland marschirte. Otto begab sich von Dillingen, wo er sich eben aufhielt, nach Innsbruck zum Kaiser und dann nach Salzburg. Von hier eilte er nach Rom, „wo er seinen Unterhalt als Cardinal zu haben hoffte," wie er selbst in einem von Druffel (II, 513) mitgetheilten Briefe an den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz bemerkt. Diese Hoffnung hat ihn in der That nicht getäuscht. Er fand große Unterstützung namentlich an dem Cardinal Pole. Dieser, so schreibt Otto später an seinen Vater von Dillingen aus, habe ihm durch seinen Hofmeister und Kaplan einen Sack mit 1000 Goldkronen auf den Tisch geschüttelt und versichert, er wolle ihm dieselbe Summe jährlich geben, so lange er (Otto) von Land und Leuten vertrieben sei (Hist. Jahrb. B. 7 S. 194). Nach Abschluß des Passaner Vertrages, der noch im August desselben Jahres erfolgte, konnte übrigens Otto wieder in sein Stift zurückkehren. Eine sehr prononcirte Stellung nahm Otto 1555 auf dem Reichstage zu Augsburg ein. Auf diesem sollten — gemäß der im Passaner Vertrag getroffenen Vereinbarung — endlich einmal die religiösen Angelegenheiten beglichen werden. Als man in den vorbereitenden Versammlungen schließlich sich dahin geeinigt hatte, daß, wenn auch in der Religion selbst keine Vergleichung zu stände kommen sollte, zwischen den getrennten Confessionen — nämlich der katholischen und der Augsburger Konfession, die Calvinisten wurden bekanntlich in den Angs- burger Religionsfrieden nicht eingeschlossen — wenigstens eine rechtlich-politische Einheit fortbestehen sollte, da erhob sich als entschiedener Gegner dieses Beschlusses der Cardinal- bischof Otto von Augsburg. Er erklärte keinem Abkommen zustimmen zu können, welches die Spaltung der Nation in zwei getrennte confessionelle Lager zu verewigen drohte. Er wollte immer noch die Hoffnung nicht ausgeben, daß durch ein allgemeines Concil die religiöse Einheit noch hergestellt werden könnte (Janssen, Geschichte des deutschen Volkes B. 3 S. 724). Am 23. Dezember reichte Otto bei den Ständen einen förmlichen Protest ein. Er wartete indeß den Ausgang der Angelegenheit nicht ab, sondern reiste, da während der gepflogenen Debatten Papst Julius III. gestorben war, nach Rom zur Papstwayl. Es ist begreiflich, daß das Verhalten Otto's gegenüber der Vermittlungspolitik des Kaisers und seines Bruders Ferdinand, sowie der ihnen beistimmenden Fürsten, wie diese Politik im Interim und im Religions- fricden zum Ausdruck kam, auf Seite der Gegner übel aufgenommen wurde. Diese üble Stimmung verdichtete sich in allerlei Gerüchten, wie z. B. daß Otto zwischen Papst und Kaiser ein Bündnis; unterhandle, durch welches der Rcligionsfriede umgestoßen und ein neuer Krieg wider die protestantischen Stände angezettelt werden sollte. Diese Gerüchte fanden um so leichter Verbreitung, als Otto von Deutschland abwesend war. Er hatte sich, wie wir eben vernommen, nach Rom begeben. Bei seiner Ankunft daselbst fand er übrigens den päpstlichen Stuhl von Mar- cell II. bereits wieder besetzt. Da jedoch dieser Papst schon nach einigen Wochen das Zeitliche segnete, so wohnte Otto der Wahl seines Nachfolgers, Pauls IV., bet und gab Hiebei nach dem Berichte Pallavicino's (Ilwt. 6ono. , Iriä. 1. 13 c. 11 Z 2) durch sein großes Ansehen den Aüsschlag. Auch nach der Wahl blieb er noch längere Zeit in Rom, da sich der neue Papst seiner Einsicht und seines Rathes bedienen wollte (Braun B. 3 S. 437). Erst im Jahre 1556 kehrte er in die Heimath zurück. Eine seiner ersten Thaten war, daß er zur Widerlegung ^ der in seiner Abwesenheit entstandenen Gerüchte eine Apologie im Drucke erscheinen ließ. Dieselbe ist mit" edlem Freimuth abgefaßt und macht offenbar den Eindruck, daß ihm Unrecht widerfahren ist (Braun B. 3 S. 440 ff.). Einige Jahre später hatte sich Otto wieder gegen eine höchst verletzende Verleumdung zu vertheidigen. Es handelte sich um die Absendung einer Gesandtschaft an den König Heinrich II. von Frankreich, um von ihm die Zurückgabe der dem Reiche entrissenen Bisthümer Metz, Toul und Verdun zu erwirken. Als Gesandte waren aus- ersehen Cardinal Otto und der Herzog Christoph von Württemberg. Letzterer weigerte sich aber, mit Otto zu reisen. Es wurde nämlich von einer höchst angesehenen Persönlichkeit, einem französischen Cardinal, dem Herzog durch einen Brief die Meinung beigebracht, er würde, da er ein entschiedener Lutheraner sei, auf Anrathen Otto's und mit dem Einverständnisse des Papstes vergiftet werden. Die Unwahrheit eines solchen Planes kam dadurch klar zu Tage, daß später der Verleumder selbst seine Verleumdung zugestand und Otto um Verzeihung bat. Es wäre noch manches über die kirchlich-politische Thätigkeit Otto's in der späteren Zeit seines Lebens zu sagen. Nur folgendes sei noch erwähnt. Otto betheiligte sich 1566 an dem Reichstag zu Augsburg unter Maximilian II. und unterstützte dabei aus's kräftigste und standhafteste den päpstlichen Legaten Commendone. Dreimal nahm er theil an der Wahl eines neuen Papstes, nämlich Pius' IV. (1559), Pins' V. (1566) und Gregors XIII. (1572), seines ehemaligen Lehres in Bologna. Nach der Wahl Pius' IV. verweilte er zwei Jahre in Rom, während welcher Zeit er von dieser Stadt für sich wie für das Truchseß'sche Geschlecht das römische Bürgerrecht erhielt. Mit den Herzögen von Bayern, besonders mit Albrecht V., stand Otto in freundschaftlichem Verhältniß und genoß deren volles Vertrauen. Von Albrecht wurde er bei allen wichtigeren Familienfesten, Taufen und Trauungen, beigezogen; er vertrat bei mehreren Kindern desselben Pathen- stelle. Im öffentlichen Leben ging beider Männer Streben auf die Erhaltung der alten Religion. In der Wahl der Mittel stimmten sie freilich nicht immer mit einander überein. Das hatte seinen Grund wohl hauptsächlich in der Verschiedenheit der Charaktere. Albrecht V. glaubte das Ziel durch Milde und weitestes Entgegenkommen zu^ 356 erreichen. Otto war vermöge seiner Naturanlage und seiner streng kirchlichen Gesinnung ein Gegner dieser schüchternen, zaghaften Politik. Er gab auch seiner Unzufriedenheit über die von den höchsten Spitzen der weltlichen Gewalt hinsichtlich der religiösen Angelegenheit eingeschlagenen Wege brieflich wiederholt Ausdruck. Er meinte, durch fortwährendes „Constituiren, Conniviren, Lavircn und Temporisiren" sei nichts zu erreichen (Wimmer a. a. O. S. 88; vgl. Baader S. 173, 177). Ich muß nun von der eigentlich kirchlichen oder, um es genauer auszudrücken, von der re- formatorischen Thätigkeit Otto's sprechen. Car- dinalbischof Otto war ein Reformator im wahren Sinne des Wortes. Die Uebel, an welchen die Kirche des 16. Jahrhunderts krankte, waren ihm wohl bekannt, und mit der ganzen Kraft seines energischen Charakters suchte er an deren Heilung zu arbeiten. Nicht das katholische Dogma, die katholische Lehre, sondern das kirchliche Leben, die kirchliche Disciplin sollte reformirt werden. Darauf war sein Wirken gerichtet. Ich rechne dazu seine Stellung zum Concil von Trient und seine Bemühung zur Hebung der Kirchenzucht in der eigenen Diöcese. Otto hielt die Abhaltung eines allgemeinen Concils zur Beilegung der religiösen Wirren und zur Verbesserung des kirchlichen Lebens für dringend nothwendig. Als dann das wirklich zu stände gekommene Concil 1552 wegen der von Moriz von Sachsen demselben drohenden Gefahr suspendirt werden mußte, trat Otto schriftlich und mündlich immer wieder für die Fortsetzung desselben ein. An den Herzog Albrecht V. von Bayern schrieb er im Jahre 1560: „Zu stillung aller schwebender gefahr ist he kain sicherer oder gewisser rsivoäium dann das Oovoilinrv" (Archiv für die Geschichte des Bisthums Augsburg B. 2 S. 166). In diesem Sinne wirkte er durch den Herzog auch auf den Kaiser ein (Baader S. 169 ff. 185). Dieser hatte nämlich ebenso wie sein Bruder Ferdinand große Bedenken gegen die Wiederaufnahme des Concils. Sie meinten, es würden dadurch die Gemüther der Protestanten, welche durch mehrere ihrer Stände ein entschiedenes Eintreten gegen die Wiedereröffnung des Concils verlangten (Janssen a. a. O. B. 4 S. 145), nur auf's neue aufgeregt, und es könnte die Sache der Religion und des Vaterlandes Schaden leiden. In dieser Beziehung schrieb Otto an Herzog Albrecht:- „Es ist nn- bezwcifelt, daß Ihre Majestät die Sache gut meine, aber es ist nicht ein klein Mitleid mit Ihrer Majestät zu haben, daß sie die Religionssachen mehr auf menschliche Klugheit denn göttliche Fürsehnng setzen und hoffen, durch Zögern und Conniviren viel zu gewinnen, so doch das Gegentheil unvermeidlich daraus entstehen möchte". Ein anderes Mal sagt er: „?rc>vicionclo ot von inr- pikor covvivovcio 8tahiIiovckiro 8vvt ros" (Baader S. 88). So eifrig indeß Otto mich für das Concil von Trient eintrat, so wohnte er demselben doch nicht an. Der Kirchcngeschichischrciber Flenry behauptet zwar das Gegentheil, aber das ist ohne Zweifel ein Irrthum (vgl. Chronik ll, 91). Otto sandte übrigens gleich zum Beginn des in Trient eröffneten Concils den Domcapitnlar Andreas Rhein und seinen Theologen Claudius Jains (I,o ckaz-) und bestellte zum Prokurator bei demselben den Franz Piccolomini, Bischof Montnlcinensis (Braun B. 3 S. 377). Warum Otto an dem Concil nicht persönlich thcil- .'.ahm, scheint mir noch nicht vollständig klar gelegt zu sein. In einem Briefe an Kaiser Karl vom Jahre 1551 sagt er, sein Gesundheitszustand und Stiftsgeschäfte hinderten ihn an der Theilnahme; überdies habe ihn der Papst wissen lassen, daß er ihn zur rechten Zeit berufen würde, was aber bis damals nicht geschehen sei (Druffel I, 801). Diese Gründe mögen für den damaligen Moment und für die erste Periode des Concils überhaupt (1545—1552) zutreffend gewesen sein. Warum sich aber Otto nicht zu dem im Jahre 1562 wieder eröffneten Concil begeben, dafür haben wir keine sicheren Nachrichten, wohl aber Vermuthungen, die sich aus der damaligen Zeitlage ergeben. Es ist nämlich Thatsache, daß die Bischöfe, welche zugleich Reichsfürsten waren, aus Furcht vor den protestantischen Ständen nicht in eigener Person auf dem Concil zu erscheinen wagten. Die Erzbischöfe von Trier, Salzburg und Mainz erklärten ausdrücklich: Würden sie ihre Diöcesen verlassen, so könne leicht der Untergang derselben erfolgen (Janssen IV, 145). Ob nun Otto von den gleichen Motiven sich leiten ließ, kann man vermuthen, aber es ist nicht eigentlich zu beweisen. Vielleicht haben die nicht unbedeutenden Geldverlegenheiten, in welchen Otto, wie wir noch sehen werden, sich befand, auch mit eingewirkt. Denn als Reichsfürst konnte er nicht so einfach auftreten, wie irgend ein anderer Bischof. (Schluß folgt.) Grundlegende Gesichtspunkte für Beurtheilung der Währungsfrage. Von vr. Schw. Die Währungssrage, wie sie seit geraumer Zeit in den verschiedensten Ländern in Fluß gekommen ist, gehört bis zur Stunde zn denjenigen Fragen, welche fortwährend das Interesse der Allgemeinheit beschäftigen, über welche jedoch eine Einigung nicht zu Stande zu kommen scheint. Immer mehrt sich die Zahl der Broschüren und Abhandlungen, welche die Frage von diesem oder jenem Standpunkte aus behandeln, ohne daß im wesentlichen viel Neues zn Tage gefördert würde. Zwei Parteien stehen sich gegenüber, die sich energisch befehden, und die Argumente sowohl der einen wie der andern Anschauung sind im wesentlichen immer die gleichen, so daß neue Bearbeitungen, abgesehen allenfalls von einer Verwerthung neuen statistischen Materials, eigentlich nur eine Beitrittserklärung zn der einen oder andern Richtung bedeuten, da die beiderseitigen Grundsätze und Argumente sozusagen bereits als codificirt erscheinen. Wenn man nun diesen Kampf der Anschauungen, der zugleich ein Jntcressenkampf ist, von außen betrachtet, so drängt sich dem ruhigen, vornrthcilsfreien Beobachter unwillkürlich der Gedanke auf, wie so es denn kommt, daß eine Frage, die doch keine politische, sondern zum großen Theile eine wissenschaftliche Frage ist, trotz der eifrigsten und der scharfsinnigsten Behandlung doch um keinen Schritt ihrer Lösung näher gebracht wird. Es will uns fast scheinen, als ob der Grund darin zn erblicken sei, daß das. Währungsproblem geradezu in seinem eigensten Wesen verkannt, mehr und mehr zu einer Parteifrage gestempelt wurde. Daher ist es nur zn begreiflich, daß vielfach mehr mit Leidenschaft als mit Sachgründen vorgegangen wird. Dadurch, daß man die Währungssrage in den Dienst einer sonst guten Sache zu stellen versucht, wird ihre Bedeutung, wenn nicht überschätzt, so doch einseitig beurtheilt und dadurch ein an sich schwieriges Problem durch einseitige Verquickung mit heterogenen Elementen erst recht verdunkelt. Als politisches Schlagwort wird die Frage unter die Massen geschleudert und damit um so mehr Aufsehen und Beifall erregt, je weniger sie von der Allgemeinheit verstanden wird. Die vielen bereits vorhandenen Abhandlungen sind nur zum geringsten Theile geeignet, dem gemeinen Verständnisse einige Klarheit über unsre Frage zu verschaffen, da dieselben sich entweder von vornherein nur an speciell geschulte Kreise wenden oder zwar der Allgemeinheit dienen wollen, trotzdem jedoch häufig mit ziemlich weitgehenden Vorkenntnissen des Lesers rechnen, die derselbe aber meistens doch nicht besitzt. Man mag nun allerdings einwenden, die Währungsfrage sei überhaupt eine Frage, die gewissermaßen nur von Fachleuten behandelt werden könne und dürfe und deren Verständniß deßhalb niemals zum Gemeingute aller werden könne. Diesem Einwände kann eine gewisse Berechtigung vielleicht auf den ersten Blick nicht abgesprochen werden. Allein, sei dem wie ihm wolle, soviel ist feststehend, daß unsre Frage ganz sicherlich das Interesse Aller berührt und daß sie insbesondere thatsächlich nicht bloß innerhalb beschränkter Personenkreise behandelt wird, sondern auch vor der Allgemeinheit mehr und mehr angezogen, in öffentlichen Versammlungen diskutirt und in das Programm wenn nicht gerade ganzer Parteien, so doch gewisser Richtungen und Vereinigungen aufgenommen wird. Unter diesen Umständen hat die Allgemeinheit auch ein Recht darauf, daß sie über eine Frage, für oder gegen welche sie sich vielleicht über kurz oder lang entscheiden soll, entsprechend belehrt und aufgeklärt werde. Es ist dies um so nothwendiger, als gerade die Behandlung unseres Problems eine Reihe von Vorkenntnissen und grundlegenden Gesichtspunkten voraussetzt, die unbedingt zum Verständnisse des Ganzen nöthig erscheinen. Ich will daher im Folgenden keineswegs in den Kampf der Parteien hinabsteigen, sondern lediglich versuchen, in voraussetzungsloser, gemeinverständlicher Weise eine Reihe einzelner Begriffe und Gesichtspunkte hervorzuheben, von welchen jeder, gleichviel welchen Standpunkt er einnehmen will, ausgehen muß und über die im Allgemeinen auch eine gewisse Uebereinstimmung herrscht. Es ist nun einleuchtend, daß in erster Linie der Begriff der Währung näher bestimmt und beschrieben werden muß. Mit dem Begriffe der Währung hängt ein anderer auf das engste zusammen, so zwar, daß man das Wesen der Währung nicht verstehen kann, ohne zugleich das Wesen desselben zu kennen, der Begriff des Geldes. Die beiden Begriffe werden im gewöhnlichen Leben nur zu häufig durcheinandergebracht; sie müssen jedoch strenge auseinander gehalten werden, da hievon bereits ein guter Theil des Verständnisses der ganzen Frage abhängt. Wenn wir von Geld sprechen, so sind wir gewohnt, darunter Geldstücke, gemünztes Geld, also Münzen aus Edelmetall geprägt, zu verstehen. Hierin liegt bereits , ein großer Irrthum. Unter Geld hat man vielmehr im allgemeinen nichts anders zu verstehen, als ein wirth- schaftliches Gut, das bestimmte Aufgaben im Verkehrs- lebeu zu erfüllen hat. Ueber die Beschaffenheit dieses Gutes ist dabei noch gar nichts gesagt. Es kann vielmehr eigentlich begrifflich jedes Gut als Geld dienen, soferne nur der Verkehr oder ein Machtausspruch ihm wirksam die Funktionen des Geldes überträgt. Bei dem Begriffe des Geldes darf mau daher noch an gar kein wirkliches Gut, an gar keinen bestimmten Stoff, sondern lediglich an die Summe der dem Gelde zugedachten Aufgaben denken. Erst die Bestimmung desjenigen Stoffes, welchem im einzelnen Falle die Funktionen des Geldes zukommen sollen, führt zum Begriffe der Währung. Unter Währung versteht man daher, zum Unterschiede vom Gelde, einen ganz bestimmten concreten Stoff als Grundlage des Geldes, des Münzwesens. Daher ist z. B. bei der Goldwährung das Gold als Stoff betrachtet, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Form und Größe, Träger der Geldfunktion. Dadurch, daß dem Golde eine gewisse Aufgabe im Verkehre übertragen wird, wird es zum Gelde. Der Begriff der Währung setzt also den Begriff des Geldes voraus; jedoch nicht umgekehrt; denn man kann recht wohl über das Wesen des Geldes Reflexionen anstellen, ohne dabei einen bestimmten Stoff der Körperwelt im Auge zu haben. Welches sind nun die Aufgaben, welche das Geld im Verkehrsleben erfüllen muß und die deßhalb das Wesen des Geldes ausmachen? Diese Funksionen sind im einzelnen folgende: 1. Das Geld ist allgemeines Tauschmittel, d. h. eine Waare, gegen welche man jederzeit andere Waaren eintauschen kann, also ein Gut, welches jederzeit von jedem angenommen wird. 2. Das Geld ist allgemeiner Werthmaßstab, d. h. ein Gut, an welchem der Werth der übrigen Güter gemessen wird, in welchem der Werth der übrigen Güter ziffermäßig festgestellt und ausgedrückt wird. 3. Das Geld ist allgemeines Zahlungsmittel, d. h. ein Gut, durch dessen Hingabe mau sich in gesetzlicher Weise von seinen gesetzlichen oder vertragsmäßigen ökonomischen Verpflichtungen befreien kann. 4. Das Geld ist allgemeines Werthanfbewahrungsmittel, d. h. ein Gut, welches dazu dient, Werthe dauernd zu erhalten und von der Gegenwart auf die Zukunft zu übertragen. Diese vier Aufgaben werden dem Gelde gemeiniglich zugeschrieben, und es gehört zum Wesen des Geldes das gleichzeitige Zusammentreffen sämmtlicher vier Funktionen. Fehlt die eine oder andere Aufgabe in einem gegebenen Falle, so spricht man nicht mehr von Geld, sonder» Geldsnrrogat. Es liegt nun auf der Hand, daß nicht alle Güter in gleichem Maße geeignet sind, als Träger der genannten Funktionen angesehen zu werden. Aufgabe der Währungspolitik ist es vielmehr, denjenigen Stoff auszuwählen, welcher in hervorragendster Weise die aufgestellten Aufgaben zu erfüllen vermag. Dies führt nun dazu, daß thatsächlich eine Reihe von Gütern, ja die meisten Güter, zwar nicht als begrifflich unfähig, wohl aber als thatsächlich weniger geeignet und deßhalb nicht verwendbar angesehen werden müssen, als Geldstoff zu dienen. Die meisten haben thatsächlich auch niemals als Geldstoff gedient, andere sind im Laufe der Zeit ganz oder znm Theile untauglich geworden. Jeder weiß, daß in den frühesten Zeiten der Durchschnittswerts) eines Stückes Vieh als Geldeinheit diente, worauf der Zusammenhang der Wörter xomm und xeounia hindeutet. Desgleichen ist bekannt, daß es heute noch Völker gibt, welche Muscheln oder Schmnckgegenstände als Geld benutzen. Wenn von alledcm in unserem modernen Ver- 358 kehrsleben auch keine Rede mehr sein kann, so ist diese Thatsache doch in so fern von Bedeutung, als sie uns zeigt, daß die Edelmetalle keineswegs und ausschließlich zum Geldstoffe sozusagen prädestinirt sind. Der heutzutage bestehende, fast ausschließliche Gebrauch von Edelmetallen als Träger der Geldsanktion beruht vielmehr auf dem besondern Maße und der besondern Art, in welcher sie die Funktionen des Geldes zu erfüllen vermögen, die sie hiezu derart qualifiziren, daß thatsächlich sie allein in Betracht kommen. Es zeigt sich dies am deutlichsten, wenn wir kurz die Anforderungen ins Auge fassen, welche wir heutzutage an einen Träger der Geldidce zu stellen gewohnt sind bezw. im Interesse des Verkehrs stellen müssen. Alle diese Anforderungen stellen sich dar als ein unmittelbarer oder mittelbarer Ausfluß der im einzelnen bereits hervorgehobenen Aufgaben des Geldes sowie des Verkehrsbedürfnisses, welches eine möglichst vollkommene Verwirklichung der einzelnen Ausgaben dringend verlangt. Im einzelnen ist Folgendes von Bedeutung. ' Der Geldstoff muß selbst Werth haben, d. h. um einer selbst willen geschätzt und begehrt sein., Dieses Postulat ergibt sich einerseits aus dem Wesen des Gutes als Mittel zur Bedürfnißbefriedigung, andererseits aus der Eigenschaft des Geldes, allgemeiner Werthinaßstab zu sein. Wie soll an einem Gegenstände der Werth . eines andern Gegenstandes gemessen werden, wenn dieser , erstere selbst keinen Werth besitzt? Daraus ergibt sich ^ von selbst die Unrichtigkeit der Anschauung, welche meint, der Staat hätte es in der Hand, jederzeit die Geldmittel durch Ausgabe von Noten beliebig zu vermehren. Der Staat kann keine Werthe schaffen, sondern nur vorhandene Werthe anerkennen, beglaubigen. Und würde er sich beikommcn lassen, etwas als Werth zu bezeichnen, was in Wirklichkeit nicht Werth ist, der Verkehr ließe sich hiedurch nicht beirren, er würde die so in Umlauf gesetzten Mittel alsbald durch ein entsprechendes Disagio brandmarken und den usurpirten Werth wieder benehmen. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß nicht der Staat innerhalb der Grenzen seiner Creditfähigkeit unterwerthiges Geld oder Zeichengeld auf einem höhern Werthe durch Verleihung eines Zwangskurses erhalten kann. Näheres . hierüber soll an späterer Stelle hervorgehoben werden. Der Geldstoff muß im Verhältniß zu den zu bewältigenden Umsätzen und deren Werth ein Gut sein, das selbst hohen Werth bei bequem zu handhabendem Volumen besitzt. Sind die Umsätze im allgemeinen gering, so genügt ein geringerwerthiger Stoff; sobald jedoch mit Zunahme des Reichthums und des Verkehrs die TranSaction von Werthen gleichfalls wächst, bedarf der Verkehr eines entsprechend höherwerthigen Stoffes. Hierauf beruht ohne Zweifel die Thatsache des all- mähligen Ueberganges der Culturländer von der Silberwährung zur Goldwährung. Es ist gewiß kein Zufall, sondern eine eklatante Bestätigung des eben Gesagten, daß England mit seinem ausgedehnten Handelsverkehr zuerst zur Goldwährung überging und bis zur Stunde unentwegt an ihr festhält. Wir verlangen ferner von einem guten Geldstoffe, daß er Dauerhaftigkeit, chemische und mechanische Widerstandsfähigkeit besitze, daß er in hohem Maße theilbar sei, und zwar so, daß der einzelne Theil einen seinem Antheil am Ganzen entsprechenden Werth besitze. Ersteres Erfordernd erscheint als ein naturgemäßer Ausfluß der Werthaufbewahrungsfunktion, letzteres als ein Gebot des Verkehrs, welcher für die kleinsten wie für große Umsätze eine entsprechende Münze verlangt. Neben diesen mehr natürlichen Eigenschaften ist daS Wichtigste wirthschaftliche Erforderniß die Werthbeständigkeit des Geldstoffes. Ein Stoff kann, um von anderem abzusehen, nur dann geeignet sein, Werthe der Gegenwart der Zukunft zu übermitteln, wenn der Werth dieses Stoffes selbst möglichst beständig, constant ist. Jede Schwankung des Werthes des Geldes bringt Unsicherheit in den Verkehr und hat Speculationen mit all den schlimmen Wirkungen znr Folge. Die Zahl der Merkmale eines guten Geldstoffes könnte wohl noch vermehrt werden, indeß mag es'mit Hervorhebung dieser wenigen, die immerhin die wichtigsten sind, sein Bewenden haben. Sie genügen, um erkennen zu lassen, daß die Eigenschaften eines guten Geldstoffes am besten bei den Edelmetallen und hier wieder bet Gold und Silber ausgeprägt sind. Hierin ist die Herrschaft dieser beiden Metalle als Währnngsgrundlage begründet. Indeß schon ist auch ein Kampf dieser beiden Metalle um die Vorherrschaft entbrannt, und es ist kein Zweifel, daß das Gold vor dem Silber manches voraus hat. Das Gold ist chemisch widerstandsfähiger als das Silber, es oxydirt nicht, Gold besitzt ein höheres spezifisches Gewicht und im Verhältnisse zu einem gleichen Volumen Silber einen bedeutend höheren Werth; dazu kommt, daß das Gold in seinem Werthe heutzutage geringeren Schwankungen unterworfen ist, als das Silber. Im Mittelaltcr verhielt sich der Werth eines Quantums Silbers zu einem gleichen Quantum Gold etwa wie 1:11,z5>: bereits zu Anfang des 18. Jahrhunderts hatte sich das Verhältniß zu Nngnnsten des Silbers in 1: 15^ geändert. Seit dieser Zeit bis etwa 1870 ist der Werth ziemlich stabil geblieben und zeigte nur geringe Abweichungen von der sogen, klassischen Werthrelation 1:15'/z. Seit 1870 ist der Werth des Silbers rapid gesunken, und heute hat sich das Verhältniß bereits in 1:30 und noch ungünstiger gestaltet. Seit etwa 20 Jahren hat also das Silber die Hälfte seines Werthes verloren. Es ist dies gewiß keine erfreuliche Erscheinung; der Grund derselben muß hier ununtersucht bleiben, da hierüber bereits die Meinungen auseinandergehen, eine Erörterung derselben deßhalb dazu führen müßte, zu dem Streite der Parteien Stellung zu nehmen. Es mag die Bemerkung genügen, daß die Gegner der bestehenden Währnngsverhältnisse diese Wcrthveränderung des Silbers nicht Silberentwerthung, sondern Goldvertheuerung nennen. Thatsache ist jedenfalls, daß das Werthverhältniß in der angegebenen Weise etwa sich geändert hat und daß hieraus der Schluß gezogen werden muß, daß in rein technischer Beziehung das Silber dem Golde bezüglich seiner Befähigung, Träger der Geldfunktion zu sein, nachsteht, da gerade unsere Zeit mit kolossalen Umsatzziffern rechnet und demgemäß eine hochwerthige Geldgrnndlage verlangt. Die Thatsachen der Gegenwart, insbesondere die unleugbare größere Beliebtheit des Goldes im Verkehre, stehen damit in vollem Einklänge. Das Ausgeführte mag genügen, um über das Wesen des Geldes und den Begriff der Währung zu einer klaren Vorstellung zu gelangen. (Fortsetzung folgt.) 359 Mittelalterlicher Burgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. , Vor Kurzem ging durch diese Blätter ein Artikel über „Die Entstehung, Anlage und Bedeutung der römischen Grenzmark in Deutschland"?) Wie bereits angedeutet, sei im Anschlüsse daran nunmehr auch jener unzähligen Wehrbaüten gedacht, welche uns erinnern an das sturmbewegte, jugcndkrüftige, frühmittelalterliche Deutschland, ich meine die deutschen Ritterburgen. Liegt es doch auf der Hand, daß zwei Epochen, die sich unmittelbar nacheinander und dazu noch auf demselben Boden entwickelten, gerne gegenübergestellt werden, daß aber auch andererseits die Denkmäler derselben, und hier wieder vor allem die der Baukunst, bezüglich ihrer genaueren Unterscheidung gewisse Schwierigkeiten bieten. In der That hat sich ob dieser letzten Frage auch in unserem Falle bereits manch heißer Kampf entsponnen, und die Untersuchungen über römische Befestigungsanlagen und mittelalterlichen Burgenbau nehmen zur Zeit in der deutschen Alterthumsforschung einen ganz hervorragenden Platz« ein. Meine Zeilen sollen daher im Besonderen diesem Punkte gewidmet sein. Von der einschlägigen Literatur zunächst möge der Satz gelte», daß sie sehr mannigfach und verschieden ist, sowohl dem Werthe als der Auffassung nach. Zu den bekannteren und wichtigeren Autoren gehören neben Mone, Mutzel und andern besonders Krieg v. Hochfelden, Esscn- ivcin, v. Cohansen, v. Nähers, sowie in neuester Zeit Otto Piper durch ein umfassendes Werk?) das im vollsten Sinne des Wortes eine „wissenschaftliche Grundlage" ist, wenngleich es in einer nie ermüdenden Polemik oft etwas bedenklich weit geht und sich ch „selbst Mauern errichtet, um sie nachher wieder umzulegen"?) Vor allem wird es nöthig sein, in unserm Falle ein etwas bestimmtes Bild zu gewinnen von den beiden Befcstignngsartcn, die sich charakterisiern in zwei Grundformen, nämlich in dein römischen Lager und in der frühmittelalterlichen Ritterburg. Das Hiebei in Frage kommende Land sei, wie bereits gesagt, Deutschland und insbesondere das alte Deknmatenland mit Vindelicien und dem nördlichen Rätien. Was das römische cnstrum betrifft, so wurde dasselbe in dem oben erwähnten Artikel eingehend besprochen; des Zusammenhangs und der Vollständigkeit halber seien nur noch einmal folgende Hauptpunkte angeführt: 1) die rechteckige, manchmal auch quadratische Grundform neben wenigen Ausnahmen, welche wahrscheinlich in Nom durch allgemeine Normen und Vorschriften von vornherein festgesetzt wär; 2) die vier Thore mit ihren Vertheibigungs- thürmen und die regelmäßigen Lagerstraßcn; 3) die Verbindung zwischen den einzelnen Castcllen, dem Limes und der Provinz bedurfte offenbar noch weiterer Anlagen, der ') Siehe Nr. 41, 43. 44 der Beilage znr Augsbnrger Postzeitung. . -) Burgenknnde von O. Piper. München 1895. °) v. Oechelhänser im Repertorium für Kunstwissenschaft XIX, 3. , Außerdem wurden benutzt: Cori, „Bau und Einrichtung der deutschen Burg": Kugler. „Führer durch die Altmühlglp": Schober, „Führer durch den Spessart": Hotter, „Das Bezirksamt Elchstätt"; James Yates, Abhandlung ini Jahrb. des histor. Vereins f. Schwaben und Neuburg, Jayrg. XXIII-, Marggraff, „Die römische Rcichsgrenze in Germanien und ihre Bauten." sogenannten oxooulas oder burgi — kleinere Thürme oder Wachthäuser, deren Höhe kaum über 6 — 7 m hinausging, und die uns wahrscheinlich in den bekannten Skulpturen der Trajanssänle angedeutet sind?) In diesem Stile, wenn der Ausdruck erlaubt ist, waren ausschließlich die römischen Befestigungen angelegt, deren Ruinen uns jetzt zwischen dem Rhein und den nördlichen Alpen begegnen. Sie gehören in jene Zeit, in welcher die Römer noch einen festen Stand in Germanien hatten. Als jedoch nach Bildung der Völkervercine der schlaffgewordene römische Krieger dem jugendkräftigeu Germanen weichen und allmählich das Deknmatenland aufgeben mußte, da änderte sich auch theilweise die römische Taktik, es entstanden besonders unter Kaiser Valentiniaii °) südlich von der Donan und links vorn Rheine eine Reihe von Wehrbaüten, die von der obigen Castralform dnrch- aüs verschieden sind und, wie Ohlenschlager?) sich ausdrückt, „einer Zeit angehören, wo die Römer nicht mehr im Vertrauen auf die Kraft und Kriegstüchtigkeit ihrer Truppen an Ausdehnung ihrer Macht dachten, sondern wo sie sich begnügen mußten, den Besitz durch starke Mauern vor Ucberfall zu schützen". Diese Art von Vertheidigungsanlagen gehört jedoch nicht mehr in den Rahmen unserer Betrachtung, und wir wollen von dem römischen Lager sogleich auf die mittelalterliche Bnrganlage übergehen. Was zunächst den Namen Burg betrifft, so wird man ihn wohl als ein altes Gemeingut aller /indogermanischen Stämme betrachten müssen; es kommt in allen möglichen Variationen vor als -.^ 70 «:, durgrw, hur, ffnrug, horougü, borgo, jurrc und iiourg, was ungefähr immer „eine bergende, schätzende Stelle" bezeichnet. Man unterscheidet in althergebrachter Weise gewöhnlich zwischen Höhenbnrgen und Wasserburgen. Die letzteren liegen natürlich in der Ebene, womöglich auf einem kleinen inselartigen Terrain. Gewöhnlich erhoben sie sich an starken Ausbieguugen von Flüssen oder aus Landzungen, indem auf der vierten Seite ein künstlicher nasser Graben das Hinderniß bildete. Eine Ringmauer oder wenigstens ein Pallisadcnzaun umschloß das eigentliche Gebäude, das sich meist durch starke flankirende Eckthürme auszeichnet. Beispiele dieser Art finden sich viel-« fach in der norddeutschen Tiefebene, recht charakteristisch dafür dürften auch sein Gelnhausen an der Kinzig, erbaut von Kaiser Barbarossa, sowie die beiden Odenwald- burgen Erwach und Fnrstenan. Die HLHenbnrg, welche ungleich häufiger vorkommt und daher ganz, besonders der Gegenstand unserer Betrachtung werden wird, muß nach den Worten Pipers b) wenigstens ein bewohnbares wehrhaftes Gebäude und eine Ringmauer enthalten?) Es ist klar, daß uns eine so primitive Anlage, selten entgegentritt. Die Burg besteht meistens aus verschiedenen °) Näh. f. bei Piper „Burgenknnde" S. 64 oder bei v. Cohansen „Der röm. Grenzwall" S. 343 sowie in meinem früheren Artikel Nr. 43 S. 338. , ") Näheres s. bei Nnnniaiws LIaresII. XXVIII, 2. -) Ohlenschlager, Wcstd. Zcitschr. S. 14 (1892). °) Piper, Hnrgenkundc. S. 4. °) Einen solchen „kleinen wehrhaften WohnbaN" haben wir Uns gewöhnlich unter dem Ausdrucke Burg stall vorzustellen (Cori S. 159). allerdings wird Bnrgstall auch , in anderem Sinne gebraucht, so für Burgplatz, für eine I in Trümmern liegende Burg und sogar für „Walllrone". Theilen, welche alle durch die Ringmauer oder auch durch ein entsprechendes Gelände in ein einziges „Vertheidigungssystem" zusammen geordnet sind: Die Vor bürg, auch Vorhof genannt, liegt, wie schon der Name angibt, vor der Hanptburg, und zwar auf der Angriffscite, welche natürlich identisch ist mit jeden: leicht zu erstürmenden, sanften Thalabhange. Die Vorburg ist in vielen Fällen eine für sich abgeschlossene Anlage mit Thor und Zugbrücke, einer oder mehreren Ringmauern, die oft bastioncnartig gegen das Thal vorspringen. Innerhalb dieses Raumes finden sich die Stallungen (daher auch „Viehhof") sowie die Wohnungen der dienstbaren Besatzung, der Reisigen und Knappen. Eine zweite Zugbrücke führt uns dann in die Hanptburg. Häufig zeigt sich das Thorhaus mit allen möglichen Vertheidignngs - Einrichtungen, vorspringenden Thürmen, Füllgütern, Gnß- und Pechnasen, versehen. Der meist langgestreckte, hallenartige Thorbau mündet in den Burghof, um welchen sich als Mittelpunkt die übrigen Gebäude ringsherum gruppiren. Stoßen diese letzteren nicht unmittelbar an die Ringmauer, so entsteht dadurch ein gassenartigcr Raum, der sogenannte Zwinger oder Zwingolf, eine Bezeichnung, die übrigens auch von dem tiefen Bnrggraben, von „dicken" Thürmen, manchmal auch von der Vorburg, selbst von dem Franengcmach gebraucht wurde. Die Ringmauer trug an der Innenseite einen meist balkenartigcn Wehrgaug, auf dem die Vertheidiger standen und zwischen den Zinnen hindurch den anstürmenden Feind bekämpften. Uebrigens finden wir bei günstigen Tcrrainverhält- nissen die Ringmauer oder „Ziugel" einfach durch die Front der Gebäude vertreten. Auf der Angriffsseite, besonders wenn sie von einem nahegelegenen höheren Punkte beherrscht wird, erhebt sich am Neckar und am Rhein eine querstehende, ausnehmend hohe und breite, oben mit einer Plattform versehene Mauer, die sogenannte Schild mauer (oder der hohe Mantel), welche eine gefährliche Beschießung von der Ucberhöhung aus unmöglich machte. , Eine ähnliche Anlage ist der fast nie fehlende Berchfrit (Belfrit, Thurm- Torn), der gewöhnlich an der gefährlichsten Stelle der Burg feinen Platz hat. Der Zugang zu ihn: ist oberirdisch und wird vermittelt durch eine Leiter oder durch einen leichten Holzsteg. Auch das Dach scheint vielfach nur provisorisch gewesen zu sein, so daß man es gegebenen Falles abnehmen und eine für die Vertheidigung geeignete Plattform schaffen konnte. Das eigentliche Wohngebäude der Burgherrnfamilie ist der Palas, gewöhnlich ein stattlicher zweistöckiger Bau mit dem Rittersaale im oberen Stocke, der besonders zu Empfängen und festlichen Gelegenheiten be- nützt wurde. Hier befindet sich ferner die sogenannte Kemenate, die wir etwa als Familicnzimmer, vielleicht noch besser als das Franengcmach betrachten dürfen. In größeren Anlagen, z. B. auf der Wartburg in Thüringen, finden sich gewöhnlich noch die Dürnitz (ein eigenes Gesindehans), Vorrathshäuser, die Kapelle, das Brunnenhaus, ! Remisen u. s. iv. i Es wäre jedenfalls zu weitläufig und überdies dem obigen Thema wenig förderlich, auf all die weiteren I kleineren Einrichtungen, auf die Zinnen, Schieße scharten, Gußlöcher,Pechnasen, Kragsteine rc. einzugehen, welche fast jeder deutschen Ritterburg eigenthümlich sind. Schon diese kleine Gegenüberstellung möchte etwa den Anschein erwecken, nls ob ein Vergleich und ein Annäherungsversuch zwischen römischer Befestigung und deutschem Burgenban gar nicht möglich sei. Doch ist immerhin zu bedenken, daß die beiden obigen Bilder nur Normalanlagen sind, die sich höchst selten rein vorfinden, während Einzelheiten und Spezialitäten sich oft so gestalten, daß gewisse Aehnlichkeiten zu Tage treten, die auf den ersten Blick frappiren können. In der That war man noch vor nicht langer Zeit, ja man ist noch heutzutage und selbst in gebildeten Kreisen vielfach der Ansicht, daß der deutsche Burgenban nnt wenigen Ausnahmen sich einfach auf römische Baute" zurückführen lasse. Das deutsche Volk, welches in seiner bekannten Vorliebe für Fremdes, Alterthümliches, Seltsames nur gar zu gerne ein „altes Römergeschloß" oder einen „Heiden- thnrm" vor sich sah, aber auch der für Rom schwärmende Gelehrte, welcher sich oft bemühte, manchem unschuldigen mittelalterlichen Gemäuer die römische Toga anzulegen, ob sie nun dem deutschen Michel passen wollte oder nicht, diese beiden haben das Ihrige zu jener weitverbreiteten Anschauung beigetragen. Es hat sich sogar eine kleine Literatur darüber ausgebildet, besonders in den Namen Mone/°) Mntzel und Krieg von Hochfelden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monat- schrift. Jahrgang 1897. 12 Nummern. Mk. 4,—. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 11 u. 12: Die sechsundzwanzig japanischen Blutzeugen vom 5. Februar 1597. — Tibet nnd seine Missionäre. (Schluß.) — Die Wahrheit über Madagascar. (Schluß.) — Der wirthschastliche Betrieb in den Reductionen von Paraguay. (Schluß.) — Nachrichten aus den Missionen: Türkei (Thätigkeit der Assumptionisten: Die Lazaristen in Konstantinopel): Griechenland (Larissa); Palästina (Die Lage): Syrien (Hebung des Klerus); China (Die Mission in der Mandschurei ; Der russische Nachbar); Vorderindien (Erdbeben): Ceylon (Anuradbapura): Südafrika (Transvaal): Nordamerika (Die Mädchenschule in Rosebnd); Brasilien (Die religiösen Verhältnisse); Ecuador (Greuel in Niobomba): Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Beilage für die Jugend: Sidya. der treue Sohn. (Schluß.) — Diese Doppelnummer enthält ein Titelbild und 19 Illustrationen. _ Osbarbockoa. (8. 9.), Dxainsn aä U8um olsri in Aratiam prasoipus Zaesrckotnin saora sxsroitia obsuntinm, RseoAnovit st auxit 9 os. 8oünsiäor (s. 9.). 12° pp. VIII -j- 310. Ratwbonas, k'r. kustst 1897. (VI.) N. 2,80 ÜK. S. Oslsdsrriinus so psrntilw Iibsllu8 omnibus saosr- ckotibua vommockain, insmoriam valcks ackznvantsm mann- äuotionein examinis oonseisntias tarn Asnoralio guaw xartisularw. Utiqns prs8bzcksrornm guilibot nitickmn 11- bollum, gusmvis guanäoqns aovU8atorsm, in sxsroitiis nsonon in votiäiano U8U oarum asotiinabit oomitsm st inonitorein. Hova sckitio sam xras 8S tsrt sIsAantiain, gna t^poKraxbiam Luststianain inckiso masfis inaAwqus xroüosrs novünuo. '") Mone, Urgeschichte des badischen Landes, 1845; Mutzel, „Die röm. Wartthürme besonders in Bayern" 1850; Krieg von Hochfelden, Geschichte der Militär- architektur in Deutschland von der Römerherrschaft bis zu den Kreuzzügen, 1859. Verarstrv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.