1 ^. 53 . 11. Krpt. 1897. Katholicismus und Wissenschaft. (Stenogramm der Rede des Frhrn. v. Hertling auf dem Deutschen Katholikentag in Landshut.) (Redner wird von der Versammlung mit stürmischem Beifall begrüßt.) Gelobt sei Jesus Christus! (Vers.: In Ewigkeit. Amen.) Excellenz, Hochwürdigster Herr Bischof, hochverehrte Versammlung! Der sehr verehrte Herr I. Präsident hat in seiner Eröffnungsrede ein Programm der Generalversammlung entwickelt, er hat die verschiedenen Themata berührt, die hier zur Verhandlung kommen sollen, und so hat er den nachfolgenden Rednern im Grunde nur die Aufgabe zugewiesen, diese einzelnen Themata, sei es weiter auszuführen, sei es auch nur ergänzende Bemerkungen zu dem von ihm bereits Gesagten hinzuzufügen. Dies gilt im großen auch von mir, dem die Rednercommission das Thema „Katholicismus und Wissenschaft" zugewiesen hat. Indem ich mich zur Erörterung dieses Themas anschicke, darf ich zunächst noch ein Wort von dem auch bereits von dein Herrn Präsidenten erwähnten internationalen katholischen Gelehrtencongreß in Freiburg sagen, nicht etwa nur darum, weil ich selbst diesem Eongresse beigewohnt habe, sondern ausdrücklich deßhalb, weil die Erwähnung dieses Coimresses die beste Illustration meines Themas abgibt. Nahem 700 Männer waren in Freiburg erschienen. (Bravo!) Franzosen und Engländer. Polen und Italiener, Spanier, Amerikaner und Deutsche. Man sah die Tvpen der verschiedensten Nationalitäten, man hörte die Laute ihrer Sprachen, und auch die Gegenstände der Berathungen waren außerordentlich verschieden. Denn der internationale Congreß war ein wissenschaftlicher Congreß, und zwar handelte er von der Wissenschaft im weitesten Sinne. Da sprach man von Mathematik, Physik und Kunstwissenschaft, von Philologie und Nationalökonomie, und von allen anderen Gebieten menschlichen Wissens. Und nun, meine Herren, werden Sie fragen, was war denn in dieser ungeheuren Verschiedenheit der Nationalitäten, bei diesem weiten Auseinandergehen wissenschaftlicher Interessen, was war denn der Einheitspunkt, was war das Band, das alle diese verschiedenen Elemente verknüpfte? Dieser Einheitspunkt, dieses vereinigende Band, es war die gemeinsame Unterwerfung unter die kirchliche Autorität. (Bravo!) Es war die gemeinsame Absicht, Zeugniß dafür abzulegen, daß zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalt der göttlichen Offenbarung und dem sichergestellten Ergebniß menschlichen Wissens niemals ein Widerspruch bestehen kann. (Bravo!) So hat denn jener Congreß in der That unser Thema illustrirt, er hat uns gezeigt, daß auch in der Gegenwart eine Harmonie zwischen Katholicismus und Wissenschaft besteht. Ich sage absichtlich: in der Gegenwart: denn daß diese Harmonie m der Vergangenheit bestand, darüber ist kein Streit. Auch unsere Gegner müssen zugestehen, daß es im Mittelalter eine katholische Wissenschaft gab. Wer wollte die große Cultur-mission der Kirche m den früheren Jahrhunderten leugnen? Wer es leugnen wollte, dem werden die Blätter der Geschichte, die (stoßen Denkmäler der vergangenen Jahrhunderte entgegenstehen. Die Glaubens- doten, die den barbarischen Völkern das Evangelium verkündeten, sie waren zu gleicher Zeit die Lehrer aller Bildung und Gesittung, sie waren es, die unseren! Vaterlandc die Wälder ausrodeten und die Sümpfe austrockneten, sie waren es, die in ihren Klöstern die Jugend unserer Vorfahren mit allen Wissenschaften bekannt machten. Und nicht nur das. die fleißigen Mönche der vergangenen Jahrhunderte, sie waren es anch, die in unermüdlicher Thätigkeit die Schätze der antiken Wissenschaften dem späteren Geschlechte übermittelten. Als daher die Renaissance so hochmüthig auf das Mittelalter herabblickte,, als sie sich berauschte von dem Glänze der antiken Wissenschaften, als sie schwelgte in dem Genusse der römisch- griechischen Redner und Dichter, da vergaß sie, daß es die mühevolle Arbeit der Mönche gewesen war, denen sie allein diese Schätze verdankte. Und nicht nur als erziehende Macht, nicht nur im Sinne der Erhaltung der alten Wissenschaften war die Kirche thätig, sondern sie erzeugte auch selbstständig eine eigene Wissenschaft. AnS den Klosterschulen, aus den Schulen der Kathedralen gingen die großen Hochschulen des Mittelalters hervor; zahllose wißbegierige Jünglinge schaarten sich um sie, und wie in den alten Zeiten zn Alexandrien eine Schule christlicher Wissenschaft stand, wo die christliche Wissenschaft die antiken Lehren in sich aufnahm, um sie im Sinne des Christenthums zu verwerthen, so geschah es neuerdings, im Mittelalter. Alles, was bis dahin die geistige Kraft zu Tage gefördert hatte, was die antiken Denker erforscht hatten, was unsere Vätcr in erleuchtetem Sinne hinzugefügt hatten, was die ganze Weisheit der Araber hinzugesetzt hatte, das Alles vereinigten in den großen Centren der katholischen Wissenschaft die großen Heroen des Mittel- alters. und es entstanden jene Lehrgebäude, die uns heute anmuthen, wie die großen gothischen Dome. Und es entstanden jene unsterblichen Sonnen eines Albertus Magnus, Thomas von Äguin. (Bravo!) Und so sage ich, darüber kann kein Streit bestehen, daß es in den vergangenen Jahrhunderten ein harmonisches Verhältniß zwischen .Katholicismus und Wissenschaft gab. Aber nun behaupten unsere Gegner, daß das mit der neuen Zeit anders geworden sei; sie leugnen nicht, daß die Kirche im Mittelnlter die Lehrmcisterin der Völker gewesen sei, aber sie behaupten, daß die mündig gewordenen Völker der Lehrmeisterin nicht mehr bedürfen, daß die Wissenschaft, die vom 16. Jahrhundert an beginnende, ihren Siegeslauf über die Erde vollzogen hat; und sie fügen hinzu, daß daS doch eigentlich erst die wahre und ächte Wissenschaft sei, daß diese Wissenschaft mit dem Katholicismus sich nicht vertrage. Gerade am Anfange, sagt mau uns, besteht schon der große Conslikt der alten aristotelischen und ptolemäischen Weltanschauung mit den Lehren eines Kopernikus, Galilei, Newton. Die.Alten meinten, daß unsere Erde im Mittelpunkt der Welt stehe, daß sich darum wie krystallene Sphären die Gestirne bewegen, daß das ganze Gebäude eingeschlossen sei vom Fixsternhimmel, und daß dann jenseits des Fixsternhimmels das Paradies beginne. Die Entdeckungen der Männer der Neuzeit haben nun dieses Gebäude zerschlagen; die Erde ist nicht im Mittelpunkte der Welt, sie ist ein kleiner Planet, der um die Sonne kreist, und die Sonne selbst ist nicht der Mittelpunkt des Alls. Noch vor wenigen Jabren hat David Strauß daS höhnende Wort gesprochen, daß durch die Entdeckungen des Kopernikus, Galilei und Newton an den persönlichen Gott die Wohnnngsnoth herangekommen sei. So dachte damals im 16. Jahrhundert und später gar mancher/ sie glaubten, daß mit der mittelalterlichen Weltanschauung das Christenthum müsse begraben sein, daß man mnr Aristoteles und Ptolemäus anch den Glauben an den persönlichen Gott habe aufgeben müssen, Heilte lächelt jeder ernste Blaun über solche Thorheit ; was macht es aus, daß , unsere Erde nicht mehr der Mittelpunkt des Weltalls ist, was macht es aus. daß wir nicht mehr mit Aristoteles und Ptolemäus jenseits des Fixsternhimmels das Paradies vermuthen? Nur um so unermeßlicher dehnt sich für uns das Weltall aus, nur um so größer wird für uns das Zeugniß für die Macht des Schöpfers. (Lebhafter Beifall.) Man sagt uns weiter, das war nur der Anfang; im 16. Jahrhundert da begann ja erst die Naturwiffenschaft ihre ersten tastenden Versuche. Seitdem haben sie sich befestigt, seitdem sind sie die Wissenschaft geworden, und diese Wissenschaft hat euren Glauben besiegt. Denn, die Naturwissenschaft leitet uns an, in allem, was uns in der Natur umgibt, nur die Erzeugnisse eines nothwendig verlaufenden mechanischen Geschehnisses zu erblicken. Das erste und letzte, das ist der Stoff und die Bewegung. Aus nranfünglichen Elementen, die mit bestimmten Kräften begabt waren, die nach bestimmten Gesetzen thätig waren, hat sich Alles und Jedes entwickelt. Alles, was heute ist, das Weltall mit seinen Planeten und Sonnen und jedes kleine Gesträuch am Wege, Alles unterliegt der Nothwendigkeit der Naturgesetze, und darum ist kein Platz mehr für den schöpferischen Gott, darum ist kein Raum mehr für die Welterhaltung, darum ist noch viel weniger Platz sür das Wunder. So behauptet nicht die Wissenschaft, sondern der vulgäre Materialismus. 366 der sich mit falscher Wissenschaft brüstet. (Lebhaftes Bravo!) Eine Zeit kann hat dieser Materialismus vielleicht Schule gemacht. Heute darf man kühn sagen, daß es keinen ernsthaften Gelehrten gibt. der auf materialistische Doktrinen noch irgend einen Werth legen wird. (Beifall.) Denn. wenn alles so ausgemacht wäre, wie die mechanische Natnrcrklärnng es uns zeigen möchte, so blieben nach wie vor die großen Fragen, die sie nicht lösen kann. Woher der Anfang der Weltbewegung, wie kam es, daß zum erstenmale jene materiellen Elemente sich in bestimmter Weise zusammenfanden, so daß gerade diese Bewegung, die wir kennen, entstehen mußte? Und was ist es. was den Naturgesetzen ihre Macht gibt? Ihr redet wohl von Naturgesetzen und doch bedeutet das Naturgesetz im Grunde nichts Anderes, als das; die Ereignisse regelmäßig in gleichförmigen Gestalten ac;chehen. Aber warum es so geschieht, welches die Macht ist. die den Ursachen in der Natur bestimmte Wirkungen ein- für allemal vorgezeichnet hat, das hat noch keine mechanische Naturerklärung zu sagen vermocht. Da liegen die großen Fragen, die uns immer wieder zur Anerkennung hinführen: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Und auch die nach dem englischen Naturforscher benannte weitberühmte Hypothese, die sogenannte Darwinsche Entwicklungslehre, hat darin gar nichts geändert. Kein größeres Vorurtheil, kein Zeichen geringeren wissenschaftlichen Lcrstehens, als wenn behauptet wird, mit dem Darwinismus sei die materialistische Weltansicht besiegelt. Die Entwicklungslehre sagt uns, daß die heute vorhandene Thier- und Pflanzenwelt nur das Ergebniß eines in der Vergangenheit liegenden, Jahrtausende durchlaufenden Processes sei, daß, was uns heute mit dem Scheine wunderbarer Zweckmäßigkeit täuscht, nur das nothwendige Ergebniß eines früheren langen mechanischen Processes sei. Nicht Gott, sagt man uns, hat die Dinge, die Pflanzen, Thiere so ausgerüstet, wie sie sind, damit sie ihr Leben bethätigen können, sondern unter den unzählig vielen Pflanzen und Thieren, die die vergangenen Jahrtausende erzeugt, sind nur diejenigen übrig geblieben, die sich unter den bestehenden Bedingungen erhalten konnten, und bannt glaubt man den Zweck aus der Natur beseitigt zu haben, damit glaubt man thörichter Weise die zweckschaffende, schöpferische göttliche Kraft beseitigt zuhaben. Keine größere Thorheit! Denn wenn es wahr wäre, was nicht bewiesen ist und gar niemals bewiesen werden kann, wenn es wahr wäre. daß in der Vergangenheit jener Entwicklnngsproceß stattgefunden hätte, so fragen wir immer wieder, woher der Anfang. Es bleibt die eine große Frage, woher das erste Lebendige, woher der erste Keiln kümmerlichen Lebens, aus dem dann die folgenden Jahrhunderte den ganzen Zauber der heutigen Natur entwickeln konnten? (Beifall.) Noch vor welligen Tagen hat ein hervorragender Vertreter der Wissenschaft, der in keiner Weise auf unserem Standpunkt steht, dieser Wahrheit Zeugniß gegeben. Virchow hat jüngst aiisdrücklich gesagt, der Darwinismus kann den Ursprung des Lebens nicht erklären. (Hört! hört!) Alles Lebendige setzt ein Lebendiges voraus. (Beifall.) Das erste Lebendige, fügen wir hinzu, es ging aus Gottes schöpferischer Hand hervor. (Beifall.) Und das Zweite, die zweite große Thorheit des Darwinismus ist, zu behaupten, daß diese Entwicklungsreihe continuirlich hingeführt hat bis zum Menschen. Nein, meine Herren, wenn es wahr wäre, was der Darwinismus behauptet, wenn jener Entwicklungsproceß des organischen Lebens stattgefunden hätte, so hätte er nicht bis zum Menschen hingeführt, sondern eine neue schöpferische Ursache hätte den Menschen als ein von allen Dingen durchaus verschiedenes Geschöpf in das Dasein gesetzt. Demi keine Aehnlichlcit der körperlichen Organisation, keine Erzählung aus der angeblichen Urgeschichte kann uns darüber hinwegtäuschen, daß den Menschen voin höchstorganisirtcn Thiere eine nnübcrfchrcitbare Kluft trennt. (Beifall.) Also, meine verehrten Herren, wenn die Naturwissenschaften nur wirkliche Wissenschaften bleiben, wenn sie nur das als gesichertes Ergebniß hinstellen, was wirklich gesichert ist, wenn sie nur das als wirkliche wissenschaftliche Theorie verkündet, was sie mit ihren Mitteln beweisen können, so ist kein Widerstreit zwischen unserer gläubigen Ueberzeugung und ihren Ergebnissen. (Bravo!) Der ganze Siegeslauf der Naturwissenschaften, den wir dankbar, den wir gerne anerkennen, hat also nur im Gegentheil dazu geführt, die grundsätzlich stets festgehaltene Harmonie zwischen Katholicismus und Wissenschaft neuerdings zu bethätigen. Es gibt keinen Gegensatz. (Lebhafter Bestall.) Nun aber, verehrte Herren, sagt man wohl, es möge mit den Naturwissenschaften stehen, wie es will. sie mögen denen, die da wollen, es überlassen, daß sie jenseits der sichtbaren und greifbaren Welt, der Dinge, die wir mit den Mitteln unserer exakten Forschung feststellen, noch irgend etwas Unerkennbares, einen Gott oder immer etwas suchen; aber mit dem alten historischen Christenthum, dünnt ist es doch zu Ende, denn es ist die Geschichte, die hier den Nachweis gebracht hat. Und so verändert man den Angriffspunkt. Nicht die Naturwiffenschaft, sondern die Geschichte soll es fein, die dem Katholicismus den Garaus zu machen berufen fei. Jedoch ist das nicht neu. Schon die alten Vertreter des Protestantismus der früheren Jahrhunderte glaubten, auf dem Wege der geschichtlichen Kritik der katholischen Kirche beikommen zu können, schon sie glaubten, erweisen zu können, daß das Meiste von den katholischen Ueberlieferungen unbegründet fei, daß Betrug und Täuschung zum sogenannten System der katholischen Kirche geführt hat. Dann haben ein Jahrhundert später die englischen Deisten den Gedanken aufgenommen, aber sie find nicht bei der katholischen Kirche stehen geblieben, sondern sie haben das gleiche Argument gegen alles positive Christenthum gekehrt und wollten nur bloßen Natnrstoff übrig lassen, indem sie behaupten, alles Uebrige sei im Laufe der Geschichte durch willkürliche Zuthaten hinzugekommen. Endlich haben wir es ja noch in unseren Tagen erlebt, mit welchem Eifer, welcher Energie, fast möchte ich sagen, Fanatismus die kritische Geschichtsforschung alle Mittel anwandte, um unsere Ueberlieferungen zu untergrabe!;. Und, meine Herren, was war das Ergebniß? Das Ergebniß war, daß alle die großen Ueberlieferungen, die mit der Lehre der Offenbarung in engem Zusammenhang stehen, nur als unerschütterlich feststehende Thatsachen erwiesen wurden. Zwei hervorragende protestantische Gelehrte haben in neuerer Zeit Aussprüche gethan, die überaus beherzigens- werth nach dieser Richtung sind. Das Ergebniß unserer historischen Untersuchung bestätigt weit mehr die katholische als die protestantische Auffassung. (Hott!) Und der andere hat gesagt: Das Ergebniß unserer auf die ältesten christlichen Urkunden gerichteten Untersuchungen ist viel mehr in; Sinn einer Wiederherstellung der alten Tradition als einer Untergrabung derselben. Lassen Sie mich diese beiden Zeugnisse noch durch eine persönliche Reminiszenz ergänzen! Bekanntlich hat seit der Mitte dieses Jahrhunderts die Erforschung des christlichen Alterthums einen ungeheuren Aufschwung genommen. Unter der Aegide des längst in Gott ruhenden großen Papstes Pins IX. hat namentlich die Katakomben- forschnng in Rom zu den größten, staunenswerthesten Resultaten geführt. Man hat dort die Spuren der ersten Christen mit den Händen greifen können, man hat dokumentarisch ihre Art des Lebens, ihre Einrichtungen, ihre Verfassung, kurz all' das nachweisen können, was vollkommen der katholischen Ueberlieferung entsprach. Nun bin ich selbst als junger Mensch vor 30 Jahren in den Katakomben gewesen, und hatte das Glück, geführt zu sein von dem verstorbenen Giovanni Battista de Nossi. Ich war der einzige Katholik, alle anderen waren Protestanten, zumeist protestantische junge Gelehrte, und ich war Zeuge des Eindrucks, den der Besuch der Katakomben und die Erklärung de Rossi's auf diese Zuhörer machte. Ick habe die Unterredung mitangehört. die sie auf ihrem Nachhauseweg führte;;, ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie einer unter ihnen sprach: „Nach dem, was wir heute gesehen und gehört haben, kann unsere protestantische Austastung von der katholischen Ueberlieferung nicht mehr festgehalten werden. (Bravo!) Und so sage ich — ich muß mich ja auf die wenigen Bemerkungen beschränken —: So wenig wie die Natnr- wiffenschast kann die Geschichte irgend etwas feststelle;;, was mit den Lehren des Katholicismus im Widerspruch wäre. So sehr wie die Naturwissenschaft, so sehr wird auch die Geschichte immer wieder bestätigen, daß zwischen den beiden Quellen der Erlcnntniß ein Widerspruch nicht möglich ist. Aber, meine Herren, wenn das nun so ist, wenn kein Widerspruch zwischen Glauben und Wissen besteht, wenn das vorurtheckslose freie Forschen auf dem weiten Gebiete des Wissens nicht von (staubiger Ueberzeugung abführen kann, wenn es im Gegentheil dazu hinführen muß, wie kommt es dann, daß uns doch immer der Vorwurf gemacht wird. ein solcher Widerspruch bestände, und ein Katholik könne kein würdiger Vertreter der Wissenschaft sein? Was diese Frage betrifft, so bat unser sehr verehrter Herr Präsident schon einen Theil der Antwort vorweggenommen. Es ist leider nicht zu leugnen, daß wir an diesem uns immer wieder gemachten Vorwarf zu einem großen Theil mit Schuld sind. Denn, meine Herren, es genügt nicht, daß wir nur im Grundsatz behaupten, es bestehe kein Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glaube, sondern es kommt darauf an, diesen Grundsatz auch im einzelnen jederzeit zur That werden zu lassen (Sehr richtig!), und ich kann dem sehr verehrten Herrn Präsidenten nicht Unrecht geben, daran haben wir es bisher wohl etwas zu sehr fehlen lassen. Nun brauchen Sie nicht zu fürchten, daß ich ein Klagelied über katholische „Jnferiorität" anstimmen werde. (Lebhafter Beifall.) Ich habe das Wort bisher nie ausgesprochen, und ich protestire gegen das Wort. Wer nnterlebt hat, was zumal das katholische Deutschland in den letzten 30 Fuhren geleistet hat, wer diese Masse politischer Arbeit und politischer Intelligenz mitangeseheu hat, wird über den Vorwurf der Jnferiorität Nur lächeln. (Sehr wahr!) Aber das, meine Herren, ist begründet, daß wir gilt thun werden, die Superiorität, die wir auf politischem Gebiet glänzend bekunden können und bekundet haben, auch auf wissenschaftlichem Gebiete zu bekunden. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich bin weit entfernt davon, die Wissenschaft überschätzen zu wollen, aber, meine Herren, ich kann wohl sagen, daß. wer sich überhaupt ernsthaft mit Wissenschaft beschäftigt, mehr und mehr von dieser Ueberschätzung abgeführt wird. Ich darf wohl sagen, daß wirkliche Beschäftigung mit der Wissenschaft nicht anmaßend, sondern bescheiden macht, (Sehr wahr!), daß, wer sich ernstlich mit Wissenschaft zu befassen hat, sich gar sehr der Grenzen alles menschlichen Wissens und gar sehr der Grenzen seines eigenen Könnens bewußt wird. Anmaßend macht nicht die Wissenschaft, anmaßend macht die Halbbildung (Bravo!), die mit erborgten Brocken der Wissenschaft prunkt und auf die Massen zu wirken sucht. (Allgemeiner lebhafter Beisall.) Was speciell den katholischen Gelehrten betrifft, so habe ich mir immer seine Aufgabe so gedacht, in dem Trinmphzng des lebendigen Gottes über die Erde als Fackelträger zu dienen. (Lebhaftes Bravo!) Aber auf der andern Seite freilich dürfen wir die Wissenschaft nicht unterschätzen, und da gilt doch zunächst, daß wir alle die Pflicht der Arbeit haben. Wohl sind wir ia, da wir durch Gottes Gnade Kinder der katholischen Kirche sind, im Besitze der übernatürlichen Wahrheit, wohl wissen schon unsere Kinder über die größten Fragen des Lebens mit einer Sicherheit und Klarheit Bescheid zu geben, um die sie mancher Weise beneiden möchte. Aber vergessen wir über dem glücklichen Besitz des übernatürlichen Glaubens nicht die Nothwendigkeit wissenschaftlicher Erkenntniß. (Lebhafter Beifall.) Wenn das zu allen Zeiten nothwendig war, so ist es besonders in der Gegenwart nöthig. Die Alten rühmten die Wiffcnschastlichkeit, daß sie den Menschen für sich allein glücklich zu machen im Stande sei, daß die Wissenschaft den Beruf l-abe, als rein theoretische Beschäftigung den Geist zu befähigen. Heute hat die Wissenschaft eme ganz andere Stellung, heute greift die Wissenschaft auf allen Punkten mächtig ins Leben hinein, heute sehen wir uns überall von Triumphen der Wissenschaft umgeben. Wenn es heute keine Grenzen mehr gibt, wenn alle Entfernungen ausgeglichen sind, wenn es kein Hinderniß mehr gibt, nicht das Meer und nicht die Berge und nicht die Eisberge, wenn alles die menschliche Kunst zu überschreiten im Stande ist, so ist es menschliche Wissenschaft gewesen, die die Wege bahnt, die die Formeln ausrechnet, die die Möglichkeit, dieses oder jenes Problem technisch auszuführen, zuerst theoretisch feststellte, und von diesem engen Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Technik, zwischen theoretischer Erkenntniß und Gütern der Cultur, von ihm ist ja heute unsere ganze Welt erfüllt. Jedermann weiß das. Jedermann preist die Wissenschaft vor allem, weil sie die Cultur so mächtig gefördert bat. Und nun sage ich, wir dürfen diese Güter doch nicht als Bettler von fremder Hand nehmen, wir müssen uns doch selbst an ihrem Erwerbe bckheiligen, wir müssen selbst mitwirken, um gleichfalls zu entdecken lind zu erfinden auf allen Gebieten, wie die Andersgläubigen es gethan haben, und namentlich, meine Herren, wenn unsere stndirende Jugend, die von Begeisterung für die Wissenschaft und ihre Macht erfüllt ist, in der Geschichte der Wissenschaft und der großen Errungenschaften des menschlichen Geistes immer nur die Namen Andersgläubiger findet, und nur hie und da einen katholischen Gelehrten, so ist die Versuchung sehr nahe für solche jugendliche und noch schwankende Geister, an die Jnferiorität des Katholicismus zu glauben. Diese Gefahr müssen wir beseitigen; wir werden sie wirksam beseitigen, wenn wir auf allen Gebieten menschlichen Wissens hervorragende Gelehrte besitzen. Das in der That ist nur der Wunsch, der mich von ganzem Herzen erfüllt. Ich stehe seit 30 Jahren in der Gelehrtencarriöre drinnen, meine Herren, es ist vielfach ein einsamer Weg gewesen: von den ersten Jahren an habe ich mich darnach gesehnt, daß diese Einsamkeit überwunden werde und eine große Zahl gleichstrebender Männer sich um mich schaaren möchte. Gott sei Dank, manches ist besser geworden, aber doch noch nicht viel. und wir sind immer noch die vereinzelten, man könnte sagen, die weißen Raben. So ist es die große Aufgabe des katholischen Deutschlands, diesem Uebelstande abzuhelfen, und mit unserem verehrten Herrn Präsidenten rufe ich auch unsere diesjährige Generalversammlung an, uns dazu zu verhelfen. Nicht jeder kann ja selbstverständlich ein Gelehrter sein, nicht jeder hat den Beruf, nicht jeder die Zeit, nicht jeder die materiellen Mittel, aber was wir von Ihnen Allen, ivas wir vom ganzen katholischen Deutschland anstreben, das ist die richtigeWerthschätzung wissenschaftlicher ' Äethätignng. (Lebhafter Beifall.) Weil der Weg eines katholischen Gelehrten vielfach ein einsamer ist, darum ersehnt er nichts mehr, als das Verständniß und die Sympathien seiner Glaubensgenossen, darum wünscht er vor Allem, daß in seinen Kreisen, in den Kreisen der Katholiken volles Verständniß für die Mission des Mannes auch der reinen Wissenschaft sei, und ganz besonders richte ich meinen Appell an alle die, denen die Erziehung der Jugend obliegt. Die Jugend ist ja so leicht für Ideale zu begeistern, die stndirende Jugend blickt voll Bewunderung anf die Größen der Wissenschaft bin, in talentvollen Jüngern der Wissenschaft ist es nicht schwer, das Interesse zu erwecken und die Neigung, selbstthätig anf dem Gebiete der Wissenschaft mitzuarbeiten. Stärken Sie dieseNeignng, begeistern Sie diese junaeHerzen und steigern Sie die Ideale wissenschaftlicher Bethätigung, indem Sie als ihre große Aufgabe hinstellen, diese wissenschaftliche Bethätigung in dem Sinne und Geiste der Kirche vorzunehmen. (Beifall.) Und nun zum Schlüsse denn auch noch ein Wort an die katholischen Gelehrten. Nicht daß ich sie aufzufordern hätte, mehr ivie bisher ihren Dienst der großen Sache zu widmen. Es ist ein anderer Wunsch, den ich ausspreche. Wir sind nur wenige in Deutschland, unsere Zahl ist immer noch verschwindend klein gegenüber der Zahl der anderen, und darum müssen wir vor allem zusammenhalten (lebhafter Beifall), und bannn können wir vor allem nichts weniger vertragen, als gegenseitiges Mißtrauen und gegenseitige Verdächtigung. Die Neigungen mögen verschieden sein, die wissenschaftlichen Gewohnheiten mögen verschieden sein, die speciellen Interessen mögen auscinandergeben. aber der Geist muß derselbe sein, der Geist ernstesten Strebens nach Wahrheit* und der Geist der katholischen Liebe. (Stürmischer Beifall und nicht enden wollender Jubel und Händeklatschen.) Dillingen. Von Hugo Arnold. (Fortsetzung.) Was nun das gegenwärtige Schloß zu Dilliugen betrifft, so ist vor allem davon keine Rede, daß die alten Buckelquadermaueru römisches Bauwerk und hier ein römisches Castell gewesen sei, wie man bis vor kurzer Zeit allgemein geglaubt hat. Den Zauber dieser Fabel 368 hat Herr v. Strichele vernichtet, indem er darauf hinwies, das; sich keine der aus den römischen Quellen bekannten Nömerstättcn nach Dillingen verlegen läßt, das jedenfalls ein bedeutender Römerort gewesen sein müßte, und daß kein Nömerdenkmal, keine Statne, keine Inschrift, nicht einmal eine römische Münze bisher zu Dillingen gefunden wurde. (Der Straßenstrccke im Weichbilde DillingenS, die möglicherweise römisch ist, wurde oben gedacht.) Die Burg gestört vielmehr sicherlich dem frühen Mittelaltcr an. Indessen erscheint es mir nicht so ganz zweifellos, wie Herrn v. Steichcle, daß die gegenwärtig noch vorhandenen Bnckelgnadcrmnnern von dem ältesten ursprünglichen Ban des Schlosses, aus dem 10. Jahrhunderte oder gar aus noch früherer Zeit, herrühren; ich wäre vielmehr geneigt, sie in das 12., frühestens in das 11. Jahrhundert zu versetzen. Ich habe jedoch diese Mauern nicht untersucht, sondern nur betrachtet, und vielleicht unterzieht sich Herr I)r. Piper, der Verfasser des ausgezeichneten Werkes über „Bnrgenknnde" und zugleich der beste Kenner der Burgen und aller mit ihnen zusammenhängenden Dinge, einmal der Mühe, den Resten der Burg eine gründliche Untersuchung zu widmen, zumal ihm ihr Vorhandensein bis vor kurzem ganz entgangen war. Wenn er dann das Ergebniß seiner Forschung dem rührigen Historischen Verein zu Dillingen zur Veröffentlichung in dessen Jahresberichten überlassen will, so wird er nicht bloß diesem Vereine und der Stadt für die Lokalgeschichte, sondern auch der Wissenschaft einen großen Dienst erweisen. Das „Schloß", wie die Burg seit langem genannt wird, ist ein unregelmäßiges, in seiner quadratischen Grundaulagc verschobenes Gebäude von ungleichen Flügel- längen, das in seiner gegenwärtigen Gestalt das Gepräge verschiedener Ban-Perioden au sich trägt. Auf allen vier Seiten zeigt der Unterbau bis zur Höhe von 7 oder 8 Meter die ungeheuer dicke Mauer aus Buckel- quadern, ebenso bis zur Höhe von 26 Meter in 50 Schichten das Viereck des außerordentlich starken und festen Thurmes, des sogenannten Hofthurmcs, an der nordwestlichen Ecke; eine hohe und nngemcin dicke Mauer, gleichfalls aus Bnckclqnadcrn mit Zwischeufüllnng, umschloß nördlich vom Schlosse die Ziigchörungcn desselben oder die alte Stadt, die somit die sogenannte „Vorbnrg" bildete. Bedeutende Neste dieser Umfassungsmauer sind noch sichtbar am Pfarrhofe, am großen Kloster, an der Pfarrkirche und am kleinen Kloster, und unter der Erde liegen sie im Hofe des Hofbränhanses und im Schloßgarten. Außer dem bereits genannten Thurme beschirmten niedrigere, runde Thürme die übrigen Ecken; als Haupt- eingang diente wahrscheinlich das an der Westseite noch bestehende, durch Rundbogen und Pfeiler sich als uralt kennzeichnende Portal, über weichein an der Außenseite ein köstliches Steinbild der hl. Jungfrau Maria mit dein Kinde steht. Auf einem dem Andenken des Bischofs Hartmnnn, der Burg und Stadt Tillingcn der bischöflichen Kirche zu Augsburg schenkte, und seines Vaters gewidmeten Monumente, das vielleicht vom Bischof Friedrich von Zollcrn errichtet worden und jetzt an der östlichen Innenwand des Hofes eingemauert ist, befindet sich eine Abbildung der Burg, wie sie noch im 15. Jahrhunderte gestaltet war; sie zeigt die Westseite mit dem Portale, rechts davon steht ein runder, die Burg überragender Thurm, links ein viereckiger, der jetzige Hofthnrm, hinter ihm wieder ein runder Thurm; sämmtliche Thürme verlaufen in niedrige Helme. Von der Zeit an, da die Bischöfe ihren ständigen Aufenthalt zu Dillingen nahmen, geschahen vielfache Veränderungen an der Burg, insbesondere wurden auf den massiven Buckelquader-Unterbau Stockwerke aufgesetzt, einzelne Bautheile wurden abgebrochen, andere umgebaut, so daß das Schloß genügende Räume für den Hofhält und im Aeußeren jene Gestalt gewann, in welcher wir es heute noch vor uns sehen. Es war jetzt nicht mehr Festung, sondern Palast. Drei Jahrhunderte hindurch diente es den Bischöfen als Residenz und blieb nach dem Anfalle des Bisthums Augsburg an Bayern auch für den Dienst des königlichen Hofes vorbehalten, bis es im Jahre 1832 dem Staatsärare überlassen und zu Kanzlei- stuben für die in Dillingcn befindlichen königlichen Aemter oder. zu Wohnungen für die Beamten umgewandelt wurde: ein Schicksal, das so vielen einst glänzenden Dynastensitzen und Schlössern widerfuhr, wiewohl es immer noch besser sich gestaltet als die Verwendung zu Kasernen für das reisige Kriegsvvlk oder zu Kerkern für grau mon- tirte Büßer. . Eine groß« archäologische und baugeschichtliche Merkwürdigkeit bildet- ferner der unterirdische Gang, der sich. von der Umfassungsmauer des Schloßgartens, gegenüber der südwestlichen Schloßecke, unter dem Garten von Süd nach Nord in das Innere des Schlosses auf eine Strecke von etwa 60 Meter hinzieht; dann scheint er abwärts zu laufen. Weiteres Vordringen ist wegen Verschüttung nicht möglich. Die Wölbung des Ganges ist im Rundbogen aus Backsteinen ausgeführt, ungefähr in der Mitte zeigt sich enger zusammentretend ein runder Bogen, und der Bogen am äußeren Ende ist gothisch geformt. Die Höhe und die Breite dieses Ganges betragen fast 5 Meter. Neben demselben läuft zu beiden Seiten ein niedriger, rnndgewölbter Seitengang; er ist durch viereckige Pfeiler aus Back- und Bruchsteinen, zwischen denen wieder Rundbögen gesprengt sind, mit dem Hauptgange verbunden, so daß mau beim Anblicke des Ganzen an die Form von dreischiffigen romanischen Kirchen erinnert wird. Der östliche Seitengang ist sammt den Zwischenwölbungen der Pfeiler nunmehr vollständig mit Mauerwerk ausgefüllt, dcßgleichen fast alle Zwischengewölbe der Pfeiler zur Linken, der Nebengang auf dieser Seite hat sich aber thcilwerse erhalten. Ueberhaupt wurde an diesem Bauwerke vielfach gebaut, gebessert und gestützt. Herrn von Strichele stimme ich darin bei, wenn er die Entstehung des Ganges als gleichzeitig mit dem Schlosse annimmt; allein da ich die Erbauung des letzteren, soweit es die Neste der alten Burg enthält, nicht wie er in das 9. oder 10. Jahrhundert, sondern erst in das 12. anzn-, fetzen geneigt bin, so rücke ich auch die Anlage des Ganges um so viel herunter. Die Sage von dem Vorhandensein derlei unterirdischer Gänge haftet fast an jeder alten Burg, und bei einer ziemlich bedeutenden Anzahl wurden auch wirklich dergleichen entdeckt, indessen meistens nnr solche von minderen Ausmaßen in Bezug auf Höhe und Breite; in der Regel wird ihnen eine bedeutende Längenerstreckung zugeschrieben, bis zu einer andern Burg in der Nachbarschaft. Das wirkliche Verhältniß läßt sich gegenwärtig jedoch nirgends feststellen, da die Gänge meistens verschüttet oder eingestürzt sind und nur auf kurze Strecken begangen werden können. Letzteres ist auch bei der Burg Stein an der Atz, nördlich von Traunstein, dem Sitze des fabelhaften Raubritters Heinz von Stein, der Fall. Dort sind eine Reihe von Gemächern in den Nagelstnh- 369 felsen eingehauen, und von ihnen laufen zwei unterirdische Gänge aus, von einer solchen Höhe, daß ein Mann bequem aufrecht gehen kann, und von einer Breite, die meiner Erinnerung nach mehr als 3 Meter beträgt. Die gangbare Länge mag sich auf ein Paarhundert Schritte bemessen, die Ueberlieferung weiß aber, daß sie einst bis zu den Burgen von Tengling und Trostberg führten, also auf Entfernungen von 10, bezw. 5 Kilo- meter. — Da das Kapitel der unterirdischen Gänge zu den interessantesten der Burgenkunde gehört und gerade hierüber noch sehr wenig exakte Forschungen vorliegen, würde der Historische Verein von Dillingen sich ein ansehnliches Verdienst erwerben, wenn er dort bei der Burg in die Tiefe steigen, messen, zeichnen, graben und die Ergebnisse zu Tage bringen würde, welche die Grubenlampe — eine Laterne thut es übrigens auch — beleuchtet hat. Wir können vom Schlosse nicht scheiden, ohne den „heiligen Thurm" des Cardinals Otto (Truchseß von Waldburg, Bischof 1543 — 1573) und die Schloßkapelle betrachtet zu haben. Den alten Rundthnrm an der Südweftecke wandelte der fromme Kirchenfürst zu einem religiösen, mit den kostbarsten Kunstschätzen geschmückten Heiligthum um, die 5 Stockwerke waren zu Oratorien, Aufbewahrungsräumen für Kirchengeräthe und Reliquien kmd einer Kapelle eingerichtet. Von der alten Herrlichkeit ist keine Spur mehr vorhanden, und der obere Theil des Thurmes ist jetzt abgetragen. Auch die dem heiligen Evangelisten Johannes geweihte Kapelle ist profanirt, hat indessen insoferne ein glückliches Loos gezogen, da sie seit mehreren Jahren dem Historischen Vereine als Museum eingeräumt worden ist, nachdem sie zuletzt als Magazin des königlichen Bauamtes gedient hatte. Obwohl dieser Verein noch nicht lange besteht und nur über bescheidene Mittel verfügt, hat er durch seine Rührigkeit, Thätigkeit und Umsicht und unter der Leitung vortrefflicher Vorstände — des verewigten Lyccalprofcssors Daisenberger, des Gymnasialprofessors Dr. Englert, des Lycealprofcssors Dr. Schlecht — sowie Dank dem sachkundigen, unermüdlichen Wirken des bisherigen, Konservators Professor Harbaner es verstanden, Alterthümer aus der Umgebung von Dillingen zu einer Sammlrmg zu vereinigen, die in Bezug auf prähistorische und römische Gegenstände und im Hinblicke aus die kurze Zeit seit ihrer, Gründung wohl von keiner anderen derartigen, Lokaleinrichtung übcrrroffen wird; allerdings trug die rühmenswerthe Opscrwilligkeit einzelner Personen wesentlich zur Mehrung der antiquarischen Schätze bei. Ein Gutsbesitzer im nahen Dorfe Aislingen überließ z. B. gleich bei Gründung des Vereins demselben die Frucht und das Ergebniß jahrelanger Mühen, nämlich nicht weniger als 16 große Kisten römischer Alterthümer, welche aus dem umfangreichen Römcrcastcll bei diesem Dorfe (vielleicht Da-rroärmum) und aus der vor dessen Wällen auf dem Zi'cgclfclde gelegenen bürgerlichen Niederlassung herrühren. Außer diesen sehr zahlreichen Funden von Aislingen, ist die Nömcrzeit noch vertreten durch viele Funde vou Faimingcn (wo der wackere Lehrer Scheller unermüdlich an der Aufdeckung des Castells Uouwua arbeitet); recht, viel Dinge von wissenschaftlichem Werthe lieferten ferner die Ausgrabungen des Vereins im Grab- felde an, Zicgeistadcl, (ältere Bronzezeit), an den Hügelgräbern, im Donauried, bei Aislingen, Zöschingen, dlick- lingen (Bronze-, Hallstatt- und La Töne-Zeit) und den alamannischen Neihengräbern bei Gnndelsingcn, Wittis- lingen und Schretzheim, bei welch letzterem Orte bis jetzt bereits 189 Neihengräber, theilweise mit einem außerordentlich reichen Bestattnngsinventar, geöffnet wurden; hier hat sich aaoä. vaoä. vat. Kirchmann hervorragende Verdienste erworben. Im Rahmen dieses Aufsatzes ist es nicht möglich, auch nur einzelne Gegenstände durch Benennung hervorzuheben; ich kann bloß sagen, daß der Verein inib begründetem Stolze auf seine Leistungen blicken kann, die außerordentlich Vieles zur Aufklärung der Geschichte des oberen Donauthales und damit der Geschichte unseres Vaterlandes beitragen. Nicht in letzter Linie ist ferner auch die Sorgfalt zu erwähnen, die er den alten Funden zuwendet; alle Gegenstände, welche einer Reinigung oder Nestaurirnng bedürfen, schickt er an das Römisch-Germanische Centralmuseum in Mainz, um sie, von L. Lindenschmit's kundiger Hand in besten Stand versetzt, als wirkliche und höchst werthvolle Zierden in seiner Schatzkammer der Wissenschaft und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Endlich müssen wir nochmals auf den oben bereits erwähnten Hofthurm zu sprechen kommen. Derselbe ist als der Hauptthurm der Burg, als der sogen. Bergfried, zu betrachten. Zur größeren Hälfte besteht er aus Bnckelquader-Mauerwerk, wie bereits erwähnt wurde; über diesem Unterbau ließ Bischof Marquard von Berg einen Achteckaufsatz aufführen, der 3 Glocken in sich faßt und mit einer kupferbedeckten Kuppel schließt. Die Ge- sammthöhe des Thurmes beträgt 175 alte daher. Fuß; hoch überragt er alle Gebäude, gibt der Silhouette der Stadt ein Charakteristikum und ist weit im Donauthale sichtbar. (Fortsetzung folgt.) Grundlegende Gesichtspunkte für Beurtheilung der Wührungsfrage. Von Dr. Schw. (Fortsetzung.) Die Schwankungen des Geldwerthes bei dein einen und andern System sind bestimmt durch die Schwankungen des jeweils der Währung zu Grunde liegenden Metalls; bei der Papierwährung fehlt ein solcher Anhaltspunkt; die Schwankungen sind daher möglicherweise rapiden Aenderungen unterworfen. Wie bereits betont wurde, ist die Währuugsfrage nicht so fast eine nationale, als vielmehr eine internationale Frage. Handel und Verkehr ist heute nicht mehr ein localer, auch nicht bloß nationaler, sondern ein internationaler, ein Weltverkehr. Für diesen Verkehr wäre es von der größten Bedeutung, wenn die einzelnen Staaten, welche miteinander in Handelsbeziehungen stehen, die gleiche Grundlage des Geldwesens besäßen. Thatsächlich ist dies jedoch nicht der Fall. Wir haben in der Wirklichkeit nicht bloß mit einer Verschiedenheit der Eiutheilnug innerhalb gleicher Währungssysteine, sondern auch mit ganz verschiedenen Währungssystemcn zu rechnen. Insbesondere letzterer Umstand übt äußerst einschneidende Wirkungen auf den Verkehr aus, die-sich in den sogen. Valntaschwauknngcn ausdrücken. Unter Valuta versteht- man den Werth des Geldes eines Staates ausgedrückt im Gelde eines andern Staates. Won Valuta spricht man daher lediglich im internationalen Verkehre. Die Gleichung des Edelmetall- werthes zweier Währuugsmnuzcu verschiedener Länder.. 370 ausgedrückt in Einheiten einer der beiden verglichenen Münzen, nennt man Parität. Länder, welche beide die Goldwährung oder beide die Silberwährnng haben, besitzen einen nnverändcrlichcn Gleichungspunkt, eine sogen, feste Parität. Z. B. Deutschland und Frankreich haben gegenwärtig Goldwährung; in beiden Staaten ist also der Werth des Geldes mit dein Werthe des Goldes verknüpft. Der Werth des Goldes ist aber in beiden Ländern derselbe, da er durch den Weltmarkt bestimmt wird. Der verschiedene Werth der deutschen und französischen Goldmünzen beruht daher lediglich aus der Verschiedenheit der Eintheilnng. Nach dem deutschen Münz- gesctze werden aus einem Kilogramm Feingold 2790 M. geprägt, nach dem französischen Gesetze aus 1 Gold von Feinheit 3100 Franken ausgebracht. Daraus ergibt sich, das; Frankreich aus 1 stss .Feingold 3100 X '°/g — Franken gewinnt. Sonach sind 2790 Mark ---- rrooo^ Franken (denn beide enthalten 1 Ic§ Feingold), und hieraus folgt, daß 100 Franken jederzeit — 81 Mark sind. Wer also 100 Franken in Gold eiuschmelzen lind in Mark ausprägen läßt, bekommt genau 81 Mark. Er verliert nur den Betrag der Prägekosten oder tvas an der Münze allenfalls durch Abnutzung verloren gegangen ist. Bei Ländern mit gleicher Währung ist deßhalb lediglich eine Rechnnugsoperativ» vorzunehmen; eine weitere Schwierigkeit oder gar eine 'Gefahr für den Verkehr besteht nicht. ^ Ganz anders verhält sich die Sache bei Ländern mit verschiedener Währung; wenn also beispielsweise das eine Land Goldwährung, das andere Silberwährung besitzt. Im Goldwährungslande folgt der Werth des Geldes dem des Goldes, im Silberwährnngsland dem des Silbers. Hier fehlt der feste Gleichnngspunkt. Man kann lediglich ausrechnen, wieviel aus einem Pfunde Gold in dem einen Lande und wieviel aus einem Pfund Silber im andern Lande ausgeprägt wird. In welchem Verhältniß jedoch Gold zum Silber steht, das bestimmt sich jeweils nach dem Weltmarkt. Wir haben hier also keine feste, sondern eine schwankende Parität. Mit jeder Veränderung der Wcrthrclntiou zwischen Gold und Silber ändert sich demnach auch der Werth der Valuten zwischen den Gold- und Silberländcrn. Diese Valutaschwanknngen bringen es mit sich, daß der Handel zwischen Ländern mit verschiedener Währung auf einer schwankenden Basis beruht, er ist stets zugleich mit einer Speculation verbunden, da keiner der Contraheuten bei Abschluß des Geschäftes weiß, wieviel er bei Erfüllung im heimischen Gelde ausgedrückt bekommt. Dadurch ist der Handel zwischen solchen Ländern, weil mit einem gewissen Risico verbunden, schon wegen der Währuugsverschiedenheit erschwert. Noch viel mehr ist der Verkehr mit Ländern mit Papierwährung mit Gefahr verbunden, da Hiebei jede feste Grundlage mangelt. Das Barometer, an welchem die Valntaschwank- nngcn wahrgenommen werden können, bilden die Wechselkurse. Der Ausgleich der gegenseitigen Zahlungsverpflichtungen im internationalen Verkehr geschieht nicht in Geld, sondern in Waaren. Das Mittel, durch welches dieser Ausgleich der Transactioncn bethätigt wird, ist der Wechsel, welcher an die Stelle von Baargeldsendnngen zwei inländische Zahlungen treten läßt. Hicdurch wird eine Reihe wirthschaftlicher Vortheile erzielt, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Lediglich ein Mehr der Verpflichtungen des einen Staates gegenüber dem andern Staate muß in Geld ergänzt werden. Während in dem Falle, daß die gegenseitigen Verpflichtungen sich ungefähr das Gleichgewicht halten, der Wechselkurs zwischen Ländern mit gleicher Währung der Parität entspricht, bei Schwankungen zwischen Gold- und Silberländcrn den Schwankungen der Wcrthrelation folgt, kommt dann, wenn die Verpflichtungen zweier Staaten sich nicht ausgleichen, ein weiteres Moment hiezu, das den Preis der Wechsel beeinflußt. Anf Seite des Staates nämlich, der mehr Verpflichtungen zu er-, füllen hat, entsteht eine erhöhte Nachfrage nach Wechseln jenes Landes, dem er sie zu erfüllen hat. Hicdurch wird nach den Gesetzen der Preisbewegung eine Abweichung von: Parikurs hervorgerufen, die aber eine ganz bestimmte Grenze nach oben und nuten besitzt. Die oberste Grenze, bis zu welcher der Kurs steigt, ist bestimmt durch die Kosten der Baargeldsendnug, der Umwechselung, allenfalls der Umprägnng und des Zinsverlnstes; sobald nämlich der Preis des Wechsels so hoch über Pari gestiegen ist, als die oben erwähnten Aufwendungen ausmachen, wird ein weiteres Steigen dadurch verhindert, daß nunmehr nicht mehr Wechsel, sondern Baargelder ins Ausland geschickt werden. Diese obere Grenze nennt man den obern Goldpnnkt. In ähnlicher Weife geht es dann, wenn ein Land an das andere ein Mehr von Forderungen hat. In diesem Falle ergibt sich im ersten Lande ein Mehrangebot von Wechseln auf das andere Land. Der Preis dieser Wechsel fällt daher unter Pari. Sobald aber diese Differenz so groß wird, daß es für den Gläubiger rentabel wird, statt eines Wechsels Baargeld aus dem Auslande zu beziehen, ist die unterste Grenze oder der untere Gold- punkt erreicht. Die beiden Goldpunkte sind gleichwett vom Parikurse entfernt. Der ausländische Wechselverkehr wird naturgemäß durch die Banken vermittelt. Ist dieser Wechselverkehr und damit der Handel schon zwischen Ländern mit gleicher Währung einigermaßen complicirt, so kommt vollends in den Verkehr zwischen Ländern mit verschiedener Währung, insbesondere in den Verkehr mit Ländern mit sinkender Valuta ein derart spekulatives Moment, daß dadurch die schwierigsten Krisen heraufbeschworen werden können. Aus dem Dargestellten geht bereits zur Klarheit hervor, welch' große Bedeutung die WährungSfrage für das ganze Erwerbs- und Wirthschaftsleben besitzt. Der Einfluß dieser Frage wird als ein noch bedeutenderer erachtet werben, wenn wir noch Folgendes berücksichtigen: Es ist eine weitverbreitete, aber nichtsdestoweniger irrige Anschauung, daß der Werth des Geldes etwas Unveränderliches ist. Man ist eben gewohnt, das Geld als die feste Elle zu betrachten, an welcher alles gemessen wird. Allein das Geld ist ein Gut und unterliegt der Preisbestimmung, wie jedes wirthschaftliche Gut, d. h. es ist in seinem Werthe veränderlich. Sobald eine Waare im Preise steigt oder sinkt, pflegt man die Ursache dieser Erscheinung auf Seite der Waare zu suchen, während doch die gleiche Veränderung dadurch hervorgerufen werden kann, daß das Maß, an welchem der Wechsel der Erscheinung gemessen wurde, in der entgegengesetzten Richtung sich verändert hat. So gut wie aus dem gleichen Quantum eines Stoffes mehr oder weniger Einheiten gemacht werden können, je nachdem diese Einheit selbst kleiner oder größer gewählt wird, ebenso wird 371 der Werth einer Waare auch dann steigen oder fallen, wenn der Werth des Geldes gefallen oder gestiegen ist, auf Seite der Waare selbst aber ein werthveränderndes Moment nicht gegeben ist. Wie ist nun dieser Irrthum bezüglich der Wcrthconstanz des Geldes zu erklären? Wenn >vir auf einem beweglichen Gegenstände uns befinden, also die Bewegung dieses Gegenstandes mitmachen, wenn wir also beispielsweise auf einem in Bewegung sich befindenden Schiffe weilen, so nehmen wir die Bewegung nur wahr, wenn wir einen festen, ruhende» oder anders bewegten Punkt außerhalb des Schiffes ins Auge fassen, nicht wenn wir unseren Gesichtskreis auf das Schiff allein beschränken. Oder wenn wir uns in einem Eisenbahuznge befinden, der sich allmühlig in Bewegung setzt, so glauben wir nur zu häufig, ein daneben stillestehender Zug bewege sich, während der Zug, in dem wir sitzen, fülle stehe. Trotzdem aber befindet sich das Schiff, der Zug, in dem wir uns befinden, in Bewegung; nur die Wahrnehmung dieser thatsächlichen Bewegung ist erschwert. Ganz ähnlich verhält es sich mit den für das Wirthschaftslcbcn so wichtigen Gcld- werthändernngcn. Nehmen wir unsere Goldwährung an. Hier ist der Werth des Geldes unzertrennlich mit dem Werthe des Goldes verknüpft. Das Geld macht die Veränderungen des Werthes des Goldes mit. Das Gold hat scheinbar immer einen festen Preis, das Kilo Gold kostet immer 2790 Mark. Allein dies heißt nichts anderes, als daß aus 1 ÜA Gold stets 2790 Mark geprägt werden und 1 Mark immer der 2790. Theil eines Kilo Goldes ist. lieber den Werth des Goldes ist damit gar nichts gesagt. Dieser kann nicht an unserm Gelde gemessen werden; denn das hieße Gold mit sich selbst messen. Den Werth des Goldes, die Kaufkraft des Geldes nehmen wir erst wahr, wenn wir denselben mit dem eines andern Gutes vergleichen, dessen Werth wir allerdings dann momentan als ruhend ansetzen müssen. Allein auch der Werth dieses Gutes ist thatsächlich im Flusse; es gibt überhaupt kein Gut, das unabänderlichen Werth besitzt, daher fehlt es geradezu an einem absolut sicheren Maßstab. Hieraus ergibt sich, wie schwer es ist, die Gcldwcrthverändernngen tvahrzunehincn. Die Schwierigkeit der Feststellung ändert jedoch nichts an ihrer Existenz. Wie kann man nun trotzdem eine Beobachtung dieser Aenderung in den Erscheinungen ermöglichen? Man hat insbesondere drei Mittel, durch deren gleichzeitige Anwendung, bezw. drei Einzelerscheinungen, durch deren gleichzeitiges Zusammentreffen man mit einer gewissen Sicherheit auf die Aenderungen des Geldwerthcs schließen kann, nämlich die Höhe der Waarenprcise, des Arbeitslohnes und des Discontsatzes. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Altfränkische Bilder mit erläuterndem Text von Dr. Theodor Henner. Herausgegeben und gedruckt in der kgl. Universitätsdruckercl von H. Stürtz in Würzburg, 1897 (mit einem Kalender für das Jahr 1897). A1VL. Es mag als ein Anachronismus erscheinen, einen Kalender für das Jahr 1897 anzuzeigen, nachdem schon mehr als die Hälfte des Jahres in das Meer der Ewigkeit hinabgesunken ist. Doch dieses Kalendarinm gehört nicht zu jenen Tages- und Monatsanzeigern, die mit der fortschreitenden Zeit immer mehr von ihrem Werthe verlieren und am Ende des Jahres in daZ Feuer geworfen werden: durch die innige Beziehung, in welche die fliehende Zeit mit den bleibenden Denkmälern der Kunst gebracht wurde, sind diese Blätter selbst vor der Gefahr des Unterganges wirksam bewahrt. Es ist in Wirklichkeit ein sinniger Gedanke, der nun zum drittenmal verwirklicht wird. diese Verbindung von Gegenwart nnd Vergangenheit, dieser täglich vorgeführte Eontrast zwischen der wirren Flucht der Erscheinungen und der majestätischen Ruhe. in welcher die Denkmäler früherer Jahrhunderte daran erinnern, daß nicht alles vergänglich ist, sondern das bestehen bleibt, rvas in den Dienst irgend einer hohen, unvergänglichen Idee gestellt wurde, zugleich aber eindringlich und ernst daran mahnen, daß auch wir unseren Vatern gleich die flüchtige Zeit zur Schaffung unvergänglicher Werke benähe». Wer m dieser edlen Weise einen neuen Ansporn gibt zu tüchtigem Thun. verdient den Daist der Besten, lind darum ist es noch ehrenvoller für die Nachkommen der alten Franken, als für deil Leiter dieses Unternehmens selbst, daß die Initiative des um Frankens historische und künstlerische Vergangenheit so hochverdienten Universitäts-Profeffors Dr. Heun er in den weitesten Kreisen seines engeren Vaterlandes ein so entgegenkommendes Verständniß fand. Das Titelblatt dieses 3. Jahrganges ist womöglich noch glänzender ausgestattet als früher; das ganze Heft aber reiht sich den früheren in Allen, auf das würdevollste all. In bunter Reihenfolge ziehen diesmal vornehmlich kleinere fränkische Städte und selbst Dörfer, Steinbach bei Lohr, Miltenberg, Wertheim, Karlstadt, Arnstein, die ehemalige Abtei Oberzell, sodann die großen Metropolen Würzburg und Bamberg, nicht zuletzt Aschaffenburg. unsere Auf» merksamkeit auf sich, und Stadt, Städtchen und Dorf. alle spenden das eine oder andere Denkmal aus der größeren oder geringeren Fülle ihrer Kunstschätze, verschieden an Werth, mannigfaltig in ihrer künstlerischen Erscheinung, bald der jüngsten Kunstperiode des 18. Jahr-', lmnderts «»gehörig, bald weit hinausragend in die frühere Reihe der Jahrhunderte, alle Zweige der Kunst darstellend; von der würdigen Architektur des 11. Jahrhunderts bis zu dem prunkhaften Palaststil des 18., von dem ernsten Grabdenkmal bis zu den Musengruppen des Hofgartens in Veitshöchhcim, die am Mangel des Ernstes nichts zu wünschen übrig lassen, von den kirchlichen Gerüchen bis zu den Erzeugnissen der frciesten profanen Kunst. Alle aber verdienen Beachtung und verständuiß- volle Würdigung, denn alle sind Zeugen des Strebcns nach dem Ideal wahrer Kunstthätigkeit, alle sprechen von der historischen Bedeutung der fränkischen Lande, alle singen, jedes nach seiner Weise, das Lob Frankens. Als Interpret fränkischer Geschichte und fränkischer Kunst begleitet dei, Wanderer der liebenswürdige »Hwtorlvus ttonnsr uostor", der jedes Denkmal in seinen historischen Rahmen hineinzustellen, jedem den in ihm liegenden Zauber zu entlocken weiß. Mag darum auch der Herbst mit großen Schritten hcraneilen und des müden Wanderers Schritte zurücklenken an die Stätte seiner täglichen Arbeit, — auf den Höhen, die der Kunst geweiht sind, gibt es keinen Hcrbstnebel noch Winterfrost, sondern lauter Sonnenschein. Möge jeder, der diese Bilder mit sinnigem Auge betrachtet, diesen Sonnenstrahl hineinleuchten lassen m das tägliche Getriebe seiner Lebensthätigkeit, möge er sich begeistern für die wahren Ideale des Lebens und seine Strophe hinzufügen dem großen Gesänge, den Geschichte und Kunst, Vergangenheit und Gegenwart, Mensch und Menschheit. Jahr und Jahrhunderte demjenigen zu singen bestimmt sind, von dessen unendlicher Schönheitsfülle die menschliche Kunst ein Abbild zu sein und eine 'Ahnung zu geben bestimmt ist! Meringer Rud., Indogermanische Sprachwissenschaft. 12". 136 SS. Leipzig, G. I- Göschen 1897. Preis 80 Pfg. gebunden. ^ „Brugmann in der Westentasche" könnte man dieses treffliche Büchlein nennen, wollte man es mit dem Namen des Meisters der neueren indogermanischen Sprachwissenschaft bezeichnen; enthält es doch in nnoo, übersichtlich geordnet. die gesicherten Ergebnisse indogermanischer Sprachvergleichung in einer wohlverständlicheu nnd doch streng wissenschaftlichen Darstellung. Es betritt damit das 59. Bündchen der gediegenen „Sammlung Göschen" ein Wissensgebiet, das. auf die engsten Fachkreise beschränkt, der Popularifirung nicht geringe Schwierigkeiten entgegen» 372 fetzt. Der Verfasser, ein namhafter Sprachforscher, hat ferne Aufgabe in musterhafter Weise gelöst. Es ist erstaunlich, wie reichhaltig dieses kleine Büchlein ist, welche Fülle von Beispielen das Kapitel „Die Lautlehre der indogermanischen Grundsprache" bietet. Meringer gibt uns einen zuverlässigen Führer für den ersten Gang in ein hochinteressantes Gebiet, das, durch den Scharfsinn hervorragender Linguisten erst in neuerer Zeit erschlossen, doch schon eine große Ausdehnung und Vertiefung gewonnen hat und mit Riesenschritten täglich zunimmt, mag es auch noch viele Räthsel bergen. Der Einblick in den Wunderbau indogermanischer Sprachverzweigung fördert in dem denkenden Leser immer mehr die Einsicht, daß »richt Willkür, sondern Gesetzmäßigkeit im Leben der Sprache herrscht. Ist die Sprachwissenschaft auch weit entfernt, alle Sprachen (nach dem biblischen Bericht) auf eine einzige Ursprache zurückführen zu können, und wird sie dies Ziel wyhl auch nie erreichen, so kann sie doch gegen die Möglichkeit einer Ursprache (vgl. S. 42) keine wissenschaftlichen Gründe geltend machen: im Gegentheil, die Forschung zieht die Kreise der Sprachverwandtschaft immer weiter: ist die junge Wissenschaft jetzt schon im Stande, die große Zahl indogermanischer Sprachen auf einen ur- indogermanischen Stamm in sicher erschlossenen Formen zurückzuführen, so darf man ihr auch nicht die Fähigkeit absprechen, in Zukunft einmal Svrachstämme zu vergleichen, die jetzt noch für unverwandt gelten: Versuche dazu haben wir bereits. Vorzüglich ist die Ausstattung des Büchleins: man fragt sich, wie es bei der den Druck erschwerenden und vertheuernden. Mit Hilfe der vielen diakritischen Zeichen wissenschaftlich durchgeführten Umschrift möglich ist, ein solches Buch, das sich feiner Natur nach an keinen großen Leserkreis wendet, um M Pfennige -zu bieten! Gymnasialschüler dürften sich beglückwünschen, eil» so handliches und vortreffliches Büchlein zu besitzen, das ihnen Anleitung gibt, dre sprachlichen Studien der Schule, die dem Kreise des indogermanischen Stammes zugchören, mit mehr Sinn und Verstand zu betreiben, als es gewöhnlich geschieht. Leider haben freilich auch sogenannte „Philologen" sehr oft keine blasse Ahnung von Sprachgeschichte und Sprachvergleichung. Hecker Osk., Die italienische Umgangssprache in siiste- matischer Anordnung und mit Äussprachehilfen. 8°. XII -st 312 SS. Braunschweig, G. Wettermann, 1897. Preis 4 Mk. geb. r Nach dem Vorbild der ausgezeichneten „deutsch- französischen Phraseologie" von Bernh. Schwitz (Berlin, Langenscheidt. 11. Aufl. 1895. VIII -j- 180 SS. Preis 8 Mk. gebd.), nur eingehender und umfangreicher, ist vorliegendes Buch bearbeitet worden. Es hat vor den zahlreichen ähnlichen Arbeiten ganz erhebliche Vorzüge und bringt einen überaus reichen Schatz wirklicher Umgangssprache, alltäglicher und doch in Lehr- und Wörterbüchern so oft vergeblich gesuchter Redewendungen in übersichtlicher Anordnung. Jede Seite des Buches, welches das reinste Toskanisch in seiner vollen Mannigfaltigkeit und l-bendigen Schönheit widerspiegelt, gibt Zeugniß vom jahrelangen, redlichen Bemühen des Verfassers, eine wirklich viel beklagte Lücke in den Lehrmitteln des Italienischen auszufüllen. Größte Sorgfalt ist auf die Aussprachebezeichnung verwendet worden, welche die üblichen Handbücher fast durchgehends vernachlässigen; so sind die offenen und geschlossenen v und o (an denen sich der Ausländer in Italien sofort verräth), sowie die harten und weichen s und durch eigene Zeichen unterschieden, auch der Wortton ist genau bezeichnet. Man kann dem werthvollen Buche nur ein uneingeschränktes Lob spenden; es ird dem lernbegierigen Leser ein mächtiger Ansporn sein. sich in der schönsten aller modernen Sprachen immer mehr zu vervollkommnen. Friese C., Die Rückenmarkskrankheiten und ihre Behandlung. 8°, 72 SS. Berlin, Hugo Steinig 1897 (II). M. 1.50. Das vorliegende Buch. zu dessen Erscheinen eine neue Behandlungsmethode der Rückcnmarksleiden die äußere Veranlassung geboten hat, ist in der neuen Auflage vom Verfasser so ausgedehnt und erweitert worden, daß es vollständig ein Bild der verschiedenen hieher- gehörenden Erkrankungsformen bietet, ihr Wesen und ihren Verlauf erörtert, und neben der neuen auch die alten Behandlungsmethoden schildert und einer eingehenden Kritik ihres Werthes, ihrer Bedeutung und ihrer Erfolge unterwirft. Der Leser, der Belehrung sticht, findet in der Abhandlung alles, was ihn interessiren kann, und zwar in einer Darstellung, die an das Verständniß des Äaienpublikums keine besonderen Anforderungen stellt. Ganz besonders muß das Buch den Leidenden selbst empfohlen werden, weil sie hier sich schnell, bequem und ausgiebig über das orientiren können, was irgend eine Heilmethode zu leisten vermag, und auf welchem Wege sie am raschesten zu einer definitiven Heilung oder gegebenenfalls zu einer wesentlichen Besserung chrer Beschwerden und ihres Leidens gelangen. Gihr Nik., Das heilige Meßopfer dogmatisch, liturgisch und ascetisch erklärt. 8». XVI -st 734 SS. Frei- burg i. Br., Herder. 1897. (VI.) Preis 7 Mk. » Zum sechsten Male erscheint Gibr's klassisches Werk über das Meßopfer, ein Beweis für den Werth und das Ansehen, das es unter dem Klerus genießt. Man kann in der That dieses herrliche Buch, eine reiche Quelle der Belehrung und Betrachtung, immer wieder von neuem lesen, ohne dessen überdrüssig zu werden. Das Werk gehört zum unentbehrlichen Rüstzeug auch bescheidener theologischer Bibliotheken, lind findet, wie die starken Auflagen zeigen, meistens wohl auch darin den verdienten Ehrenplatz. Möchte man nur auch allenthalben den Nutzen daraus ziehen, dem erhabenen Opfer, das es behandelt, seine Bedeutung im Mittelpunkt alles Cultus zu wahren, damit dieselbe nicht durch die Unmasse der „beliebten" Volksaudachten in den Hintergrund gerathe! Gruber, Pater H., 8. 3., Aberglaube und Unglaube bei den Anhängern des lutherischen bezw. reformirtcn Bekenntnisses. Einige Glossen zur kirchen-politischen Ausschlachtung des Vaughan- Schwindels durch den Superintendenten Gallwitz. 45 Seiten. Preis 50 Pfg. Verlag der Germania, Berlin. Unter diesenr Titel liegt nun aus der Feder des in der letzten Zeit vielgenannten k. Gruber 8. 3. ebenfalls ein höchst schätzenswertster Beitrag vor. Man sieht es denr Verfasser an, daß er nur mit Widerstreben in wissenschaftlichen Kreisen längst bekannte Dinge von Neuem behandelt. deren ausführliche Darlegung natürlich obendrein vielen Protestanten nicht einmal angenehm sein wird. Allein er wurde dazu durch die Haltung der protestantischen Presse und insbesondere eines evangelischen Superintendenten, des Herrn Gallwitz in Sigmaringen, da einige allgemein gehaltene schonende Hinweise und Richtigstellungen hartnäckig ignorirt wurden, förmlich gezwungen. Die Abfertigung, welche insbesondere Herrn Gallwitz zu Theil wird, »st zwar scharf, aber in vollem Maße ver- dient. Jeder billig denkende Leser wird die Schrift mit vielem Genuß und mit reicher Belehrung zur Kenntniß nehmen. Namentlich sei auch auf den Abschnitt derselben verwiesen, in welchem die erstaunlichsten Dinge über früheren und zeitgenössischen Aberglauben bei Anhängern des reförmirten Bekenntnisses mitgetheilt werden. __ Erinnerungen aus schwerer Zeit. Zugleich ein Beitrag zur Entwickelung der Schulfrage in Preußen von Theodor Palatiuus. Münster i. Wests. Verlag der Älphonsus-Buchhandlung. Preis 40 Pf. Das auf dem Boden gewissenhaftesten Studiums des einschlägigen Quellenmaterials beruhende Werkchen führt uns ein Stück Eulturkampfgeschichte. und zwar eines der allerbeklagenswerthesten, in überaus fesselnder Darstellungsweise vor Augen. Die Entchristlichung der Schule, wie sie vom Fürsten Bismarck in rücksichtslosester Weise eingeleitet wurde, zeitigt bereits heutigen Tages die traurigsten Früchte, und heute ebenso wie vor 20 Jahren besteht die Hauptaufgabe aller auf christlich-conservativem Boden stehenden Politiker in dem Kampf um die Zurück- eroberung der Schule für das Christenthum. Wer in diesen» Kampfe sich bethätigen will — und Niemand sollte sich davon ausschließen — dem wird die vorliegende Broschüre eine Fülle schätzenswerthen Materials bieten. Nerantw Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.