tti-. 55 22. Kepi. 1897. « l Dillingen. Von Hugo Arnold. (Schluß.) Schon tn den ersten Jahrzehnten des 14 . Jahrhunderts ist die eigentliche Stadt ebenfalls von schirmenden Mauern umfangen und ist die Rede von Vorstädten; in der ersten Hälfte des nämlichen Jahrhunderts hat sie sich bedeutend nach Westen erweitert und entsteht ein neuer Stadttheil, die Neustadt, gleichfalls mit Mauern umschlossen. Unter Bischof Friedrich von Zollern wurde dann auch die Vorstadt, der östliche Stadttheil, mit einem Mauerung, Thoren und Thürmen gefestet und mit der Stadt vereint (1498). Leben und Verkehr förderten Jahrmärkte, in deren Genuß sich Dillingen bereits im Anfange des 14. Jahrhunderts befand; im Jahre 1356 errichtete Bischof Marquart mit Bewilligung des Kaisers Karl IV. in Dillingen eine Münze. Kaiser Sigmund Verlieh 1431 dem Bürgermeister und Rathe der Stadt das Recht des Halsgerichts über landschädliche Leute. Derlei Einrichtungen und Gerechtsame hoben das Gedeihen und den Wandel der Stadt. Vollends erfüllte sich das Wort „Unterm Krummstabe ist gut wohnen", als mit der Verlegung der bischöflichen Residenz hieher auch das weltliche Regiment des bekanntlich ein stattliches Fürstcnthum vorstellenden Hochstifts nach Dillingen kam, der Hofstaat und die weltlichen Behörden sich hier con- centrirten und auch der Klerus der Diöcese sich zn Synoden hier versammelte, während in Augsburg uur der Generalvikar seinen Sitz behielt, der von da aus das Bisthum in geistlichen Dingen verwaltete, in allen wichtigen Fällen die Verfügung des Bischofs einholend. Hierin trat auch keine wesentliche Aenderung ein, nachdem im vorigen Jahrhuuderie die Bischöfe wieder öfter und auf längere Zeit die Pfalz in Augsburg bezogen; Dillingeu blieb der Sitz der weltlichen Regierung und der höchsten Behörden des Hochstiftcs und bildete wegen der Universität, der Seminarien und Schulen den Brennpunkt für das geistige Leben des Bisthumssprengels. Eine völlige Umwälzung dieser Verhältnisse brachte der Ncgeusburger Reichsdeputationshauptschluß, der in Folge des Friedens von Lnucville den Kurfürsten von Pfalz-Bayern u. a. mit dem Gebiete des Fürstbisthnms Augsburg entschädigte; schon am 1. Dezember 1802 nahm der knrpfalz-bayerische Civilcommissär Gras von Lcrchenfeld Besitz von der Stadt, über die fortan wie über die seit dem Erlöschen der Hohenstaufen bereits unter Wittelsbachischem Scepter stehenden Nachbarorte im Städtckranz an der Donau Gundelfingen, Laningen, Höch- städt die weißblauen Fahnen flattern sollten. Freilich traf der Schlag hart: das Schloß hörte auf, die Residenz eines Reichsfürsten zu sein, und lag öde, aus der Universität wurde ein Lyceum, aus dem Regierungssitze eines ansehnlichen Fürstenthums eine einfache Landstadt der Provinz Schwaben; der Adel, die geistlichen und weltlichen Beamten verließen die Stadt, und an Stelle der zahlreichen dirigircnden Behörden trat ein einfaches Landgericht. Doch auch dieser Schlag wurde überwunden, wie mancher andere, unter dem in Kricgszeiteu die Stadt schwer zu leiden hatte. Ein warnendes Beispiel, welchen Schaden es bringt, sich gegen die Unbill des Krieges nicht vorsorglich zu rüsten, mußte Dillingen im Schmal- kaldcner Kriege erleben. Seine frühmittelalterliche Befestigung hatten die das Militärwesen vernachlässigenden geistlichen Fürsten nicht dem Fortschritte der Fortifikations- kunst gemäß verbessert, weßhalb es kam, daß die Stadt ihre Thore öffnen mußte, als der Feldoberst der Schmal- kaldcner, Schcrtlin von Burtenbach, am 23. Juli 1546 vor ihren Mauern erschien. Die Bürgerschaft mußte sich verpflichten, drei Monate lang nicht wider die Schmal- kaldencr zu dienen; das Eigenthum des Bischofs, darunter 10 Falkonets, eignete sich der Bund an; Stadt und Umgebung kamen unter württembergisches Sequester; ein Theil der gefangenen Knechte wurde zur Ergänzung des Stadtfähuleius nach Augsburg geschickt. Auch im 30jährigen Kriege fiel Dtlliugcn — im März 1682 — ohne Gegenwehr in die Hände der Schweden und wurde mit einer bedeutenden Brandschatzung belegt, für deren nicht rasch genug erfolgende Bezahlung vier Jesuitenpatres als Geiseln nach Augsburg geschleppt wurden. Nach der Schlacht bei Nördltngen kamen die Kroaten nach Dillingen, plünderten und raubten, ärger noch als die Schweden. In allen Kriegen der folgenden Epochen erfuhr Dilliugen durch Truppendurchznge und Einquartierungen schwere Bedrückungen, das Donauthal ist ja der natürliche Paß für alle Hecresbewegungen aus Osten nach Westen und in umgekehrter Richtung. Während des Rheinfeldzuges 1688 zog der französische Brigadier Marquis de Feuquiöres nach seinem Einbrüche in das südliche Franken brennend und brandschatzend über Nörd- liugen, Dillingcn, Lauingen vor Ulm. Während der ersten Jahre des spanischen Erbfolgekrieges wurde Dillingcn bald vom Feinde, bald vom Freunde heimgesucht. Am 9. Oktober 1702 besetzte es der kaiserliche Feldmarschalllieutenant Graf Palffy, ließ von da aus seine Husaren raubend und plündernd bis Ulm und weit nach Süden streifen, insbesondere die Verbindung zu Wasser mit Jugolstadt unterbrechen, bis der bayerische Oberst Costa nach 8 Tagen die Stadt wegnahm. Ende Juni des folgenden Jahres wurde die Stellung zwischen Lauingen und Dillingen ein Operationspunkt für die französische Armee. Der Marschall Villars bezog hier mit seinem Heere ein verschanztes Lager, das sich mit seinen Flügeln an die genannten, durch ihren Mauerring festen Städte lehnte und seinen Rücken gegen die Donau kehrte; es war in der Front durch den Zwergbach und durch starke Netranchements geschützt. Von hier aus beherrschte Villars den Strom und suchte die Kaiserlichen am Uebcrschreiten der Donau und an der Besetzung Augsburgs zu verhindern. Vor seiner Stellung traf am 3. Juli der kaiserliche Gcuerallieutcnaut (wir würden jetzt sagen „Generalissimus") Markgraf Ludwig von Baden ein und verlegte seine Armee ihr gegenüber in eine ebenfalls stark verschanzte Position auf den Höhen zwischen Haunsheim und Wittislingen. In beobachtender Haltung lagen sich beide Heere hier sieben Wochen gegenüber, wobei die Franzosen durch VerpflegSschwierigkeiten und den Ausbruch von Krankheiten schwer litten. Da der Markgraf den Angriff auf die französische Stellung für unausführbar hielt, ließ er einen Theil seiner Streit-' kräfte unter dem General Stymm bei Haunsheim stehen und marschirte mit dem Gros auf Augsburg ab, um Villars aus seiner Stellung wegzumanövriren (21. August). Am 31. August kam Kurfürst Max Emanuel und setzte seine 382 Truppen ebenfalls auf Augsburg in Bewegung, wohin ihm Villars am 2. September folgte, gegen Styrum den General d'Usson zurücklassend. Die Unternehmung der Verbündeten auf Augsburg scheiterte, dagegen führten ihre weiteren Operationen gegen Styrum zu dessen schwerer Niederlage bei Höchstädt (20. September). Das nämliche Lager bezogen Kurfürst Max Emanuel und die französische Reiterei unter Marsin im nächsten Jahre vor der Schlacht am Schellcnberge (2. Juli), wo sie sich während des Anmarsches des Prinzen Eugen und des Herzogs von Marlborough gegen den auf dein Schellen- berg isolirt stehenden General Grafen Arco in völliger Ruhe verhielten, so daß die Alliirten dort einen glänzenden Sieg errangen, worauf die Erstgenannten die Stellung bei Dillingen räumten. Das Schloß zu Dillingen selbst hielt vom September 1703 bis nach der Schelleuberger Schlacht der französische Lieutenant de Jaliguier mit einer kleinen Abtheilung besetzt. Nach der erwähnten Affaire erschien der kaiserliche Generalwachtmeister Graf Fngger mit drei Cavallerie- Regimentern vor der Stadt, ließ seine Reiter absitzen und die Stadt über eine vorgefundene Bresche stürmen, worauf sich die bayerische Besatzung in das Schloß zurückzog. Am 8. Juli verlangte sie gegen freien Abzug zu capituliren, was abgeschlagen wurde. Am 15. ergab sie sich auf energische Sturmandrohuug an den kaiserlichen Oberstlieutenant Böhme und wurde nach Nördliugen abgeführt. Hierauf wurden die Bauern der Umgebung aufgeboten, um die Verschanzungen des Lagers einzuebnen. Noch war die Rolle Dilliugens in diesem Kriege nicht zu Ende. Abermals bezogen die Bayern und die Franzosen dortselbst ein Lager auf den wohlbekannten Feldern, von wo aus sie zur zweiten Schlacht bei Höchstädt abrückten, und nach der Katastrophe (13. August 1704) flüchteten die Trümmer ihrer geschlagenen Heere eben dahin und nach Lauingen zurück. Prinz Eugen und Marlborough aber folgten auf dem Fuße nach und besetzten am nächsten Tage Dillingen, wo sie große Beute machten, namentlich an Geschütz und gefangenen Offizieren. Auch während der französischen Revolntions- und der Napoleonischen Kriege erfuhr Dillingen viel Ungemach durch Durchmärsche und Einquartierungen. Im Jahre 1796 nach der unentschiedenen Schlacht bei Neresheim überschritt ein Theil der österreichischen Armee, vor Moreau ausweichend, am 13. August bei Dillingen die Donau und zog sich auf dem rechten Ufer des Stromes nach Neuburg und Jngolstadt, um dort abermals über die Donau zu setzen und sich nach dem genialen Plane des Erzherzogs Karl auf die Armee Jourdans zu werfen, unterdessen Moreau nur zögernd folgte und erst am 19. August bei Lauingen, Dillingen und Höchstädt die Donau überschritt und dem Erzherzoge freie Hand gegen Jourdan ließ. Während Moreau durch Schwaben und Bayern bis an die Jsar vorrückte, kam es in Dillingen zu einem Aufstand gegen die dort verbliebenen Franzosen, wobei die wüthigen Dilliuger allerdings ihre Stadt und ihre Haut in große Gefahr brachten. Zum Schutze gegen die Nachzügler hatte Moreau eine Sauvegarde zurückgelassen. Am 4. September traf eine Schaar rother Husaren ein, welche einquartiert werden mußte und mit ihren Pferden in den Stall des Hospitals verwiesen wurde. Wegen der übertriebenen Anmaßungen der Franzosen entstanden mit dem Pachter, der die Oekonomiegütcr des Spitals in Verwaltung hatte, Streitigkeiten, wobei die Husaren ihre Säbel zogen, der Pächter zu einem tüchtigen Prügel griff und eine Rauferei sich entspann. Anstatt nach der Mannschaft der Sauvegarde zu rufen, zog nun ein Spitalinsasse die Sturmglocke. Es war Sonntag. Die Dillinger Bürger saßen großentheils in den Schenken und disputirtcn eifrig über die Rohheiten, Ausschweifungen und Räubereien, welche sich die Franzosen bei ihrem Durchmärsche hatten zu Schulden kommen lassen; die Gespräche und das Bier hatten die Köpfe stark erhitzt. Beim Schalle der Sturmglocke wurden die Stadtthore gesperrt, eine große Menschenmasse bewaffnete sich eiligst mit allen erdenklichen Mordinstrumenten und strömte vor dem Spitale zusammen. Einzelne Franzosen drangen durch das Gewühl. „Schlagt die Hunde todt! schlagt sie todt!" brüllten viele Stimmen aus der erregten Menge, und das Gemetzel begann, mehrere Feinde fielen unter den Streichen. Die Sauvegarde eilte herbei, an ihrer Spitze ein Rittmeister, der bisher wegen seines würdigen Betragens von den Einwohnern hoch geschätzt worden war. Vergeblich suchte er die Wüthenden zu beruhigen; er wurde vom Pferde gerissen und, ungeachtet er mit gefalteten Händen um das Leben flehte, erbarmungslos erschlagen. Gleiches Schicksal widerfuhr einem Artillerieoffizier mit grauen Haaren. Die Franzosen hatten sich in ihre Quartiere geflüchtet, und schon machte die Menge sich daran, sie in den Häusern aufzusuchen, da nahte Oberstlieutenant v. Naglovich (damals noch in bischöflich augsburgischen Diensten, gestorben als königlich bayerischer General der Infanterie und Chef des Generalquartiermeisterstabes) mit der Garnison (der Bischof war neutral geblieben), er entwaffnete die Wüthenden, nahm die Franzosen unter seinen Schutz und wurde dadurch zum Retter der Stadt. Denn nach einigen Stunden kamen einige Hundert Franzosen rachedürstend aus Wittislingen hcreingesprengt, sie forderten Genugthuung für den an ihren Kameraden begangenen Mord und wollten brennen und plündern. Mit Mühe gelang es ihren Offizieren, sie zu besänftigen und wieder aus der Stadt zu entfernen. Die Rädelsführer bei der Affaire wurden eingezogen und in Criminal- Nntersuchuug genommen. — Trotzdem der Ausbruch ver- zweifluugsvoller Wuth erklärlich ist, hätte er fast verderbliche Folgen für die Stadt nach sich aexogei , denn die Theiluehmer waren dem Kriegsrcchte verfallen, und die Franzosen hätten sicherlich blutige Rache genommen, wenn inzwischen nicht Erzherzog Karl durch die über Jourdan bei Amberg und Würzburg erfochtenen Siege auch Moreau zum Rückzüge veranlaßt hätte. Als die Armee des letzteren sich gegen die Donau zog, verließen die noch in Dillingen befindlichen Franzosen die Stadt und brannten die Brücke hinter sich ab. Dieser Umstand kam der Stadt zu statten, indem sich bald darauf 3- bis 4000 Mann der Donau näherten, aber nunmehr den Strom nicht zu passiren vermochten. Bald darauf traf die Vorhut der Kaiserlichen ein, befreite die Gefangenen aus ihren Kerkern und erlöste die bangen Dillinger von ihren Besorgnissen. Im Feldzuge des Jahres 1800, am 19. Juni, kam es bei Dillingen zu einem ernsten Zusammenstoße. Nachdem die Oesterreicher das rechte Donauufer geräumt hatten, setzten ihnen die Franzosen dahin nach. Die Generale Gyulay und Sztarray suchten dem bei Grem- heim über die Donau gegangenen rechten Flügel des französischen Heeres zwischen .Höchstädt und Dillingen entgegenzutreten, wurden aber von General Lecourbe umgangen und nntcr großen Verlusten auf Gundelfingen und über die Brenz zurückgeworfen. Starke Durchmärsche verursachten im Jahre 1805 die Operationen Napoleons zur Umzingelung des unter Feldzeugmeister Mack zwischen Memmingen und Ulm stehenden österreichischen Heeres. Die französischen Corps setzten damals vom linken auf das rechte Donauufer über, jene von Murat und Launes bei Donauwörth und Dillingen, und am 8. Oktober schlug Murat bei Wertingen den österreichischen General Auffenberg nach hartnäckigem Widerstände. Aus deni Kriegsjahre 1796 ist noch einer wenig bekannten, interessanten Episode zu gedenken. Der Erbe des französischen Thrones, der Graf von Provence, König Ludwig XVIII., irrte damals als Flüchtling umher und suchte ein sicheres Asyl auf dem Gebiete des Bischofs von Augsburg und Kurfürsten von Trier, des sächsischen Prinzen Clemens Wenzeslaus, dessen Vater ein Bruder seiner Mutter war. Er wandte sich nach Dillingen, wo es von Emigranten wimmelte und wo auch fein Bruder, der Gras von Artois (später König Karl X.), bereits weilte. Am 19. Juli traf er dort ein und stieg in dem heute noch bestehenden Gasthofe zum „Goldenen Stern" ab, ohne sich den Behörden zu erkennen zu geben. Den ganzen Nachmittag über arbeitete er. Abends 10 Uhr begab er sich mit einem Herrn seines Gefolges an das Fenster. Eine Viertelstunde stand er dort: da krachte plötzlich aus dem Hausflur eines gegenüberliegenden Hauses ein Schuß. Die Kugel traf den Prinzen dicht am Scheitel, schlug in die Mauer und siel dann ricochettirend auf den Boden. Das Gefolge eilte herbei, Diener legten dem blutüberströmten Prinzen /den ersten Verband an, die rasch gerufenen Aerzte konnten feststellen, daß nur die Schädeldecke leicht gestreift und keine Gefahr vorhanden sei. Man schob die Schuld des Attentates auf Jakobiner, welche dem Prinzen von Landau aus durch den damaligen Convent nachgeschickt worden seien; allein die sofort eingeleitete Untersuchung blieb ohne jedes Ergebniß, und das Dunkel, das über dem Thäter ruht, wurde nie gelichtet, der räthselhafte Schleier dieses Mordanschlages uie gelüftet. Unter der weisen Regierung der bayerischen Könige sind alle Wunden verharscht, alle Schäden ausgeglichen, und Dilliugen erfreut sich durch die Betriebsamkeit seiner Bürger eines soliden Wohlstandes, wenn es auch nicht mehr im Glänze einer fürstlichen Residenz prunkt. Reges Leben herrscht auf seinen saubern Straßen und Gassen, die staatlichen Gebäude, das weithin sichtbare Schloß niit seinen hochragenden Mauerfronten und Thürmen, die breite Hauptstraße, die schmucken bis zur Donaubrücke sich dehnenden Parkanlagen mit dem imposanten Denkmale zu Ehren der im großen Kriege 1870/71 Gefallenen gewähren einen freundlichen Eindruck. Und wie jeder Stadt ein besonderes Kennzeichen eignet, so schwebt über dem einstigen Bischofssitze noch der Hauch von Weihrauchduft, und die schwarzen Gewänder der zahlreichen Kleriker und Pricstercandidaten verleihen dem auf den Straßen verkehrenden Publikum einen geistlichen Anstrich; doch plötzlich schmettern helle Trompetenklänge, Rosse wiehern, Eisen klirren, wcißblaue Fähnlein wehen, die Taxis-Chevaulcgers kehren vom Uebungsritte heim — in die eintönige Koloratur des Bürger-kleides geben Schwarz und Grün, Soutane und Waffenrock den farbigen Einschlag! Mittelalterlicher Burgenbau gegenüber römischer Befestigung in Deutschland. Von Gg. Hock. (Fortsetzung.) Die römischen spsoulav und ünrgi konnten nur den Zweck des Signaldienstes haben und außerdem den Wächtern Unterkunft bieten. Der Berchfrit, wie wir ihn jetzt noch vor uns sehen, vertrat wohl auch eine Warte, sein Hauptzweck jedoch lag in der Vertheidigung. Er diente offenbar als „Reduit", welches in gefährlicher Zeit die Schätze und Kleinodien barg und im Augenblicke der höchsten Noth den letzten Zufluchtsort des Belagerten bildete. Für diese den römischen Wartthürmen jedenfalls entgegengesetzte Bestimmung spricht die ganze Anlage, wie wir sie oben gesehen haben, der mächtige Ban, der meist hoch angelegte Eingang und endlich die unleugbaren geschichtlichen Urkunden. Daß sich etwa gar ganze Truppeuabtheilimgcn hinter solchen Monopyrgien verborgen hätten, ist wegen des beschränkten Raumes und der Schwierigkeit der Vcrpro- viantiruug absolut undenkbar, würde auch völlig gegen die damalige Taktik der Römer verstoßen, welche sich nach den Worten James Uates' „lieber mittels Erhörten und Legionen vertheidigen, die zusammen marschirteu und fvchten und sich höchstens in Lagern oder Städten leicht verschanzten".^) Wären den Römern solche Thürme nöthig gewesen, so hätten sie dieselben doch ohne Zweifel am ersten in der Nähe des Limes selbst anlegen müssen, weil hier die gefährlichsten Posten waren. Aber auf der ganzen Limesstrecke finden sich überall nur die Fundamente von ver- hältnißmäßig ganz leichten Bauwerken, ähnlich wie sie die Abbildungen der Trajaussäuleu uns zeigen. Beispiele sowohl für römische als mitte'altcrliche Wartthürme, und zwar in unmittelbarster Nähe, bieten sich besonders charakteristisch im östlichen Odenwalds. Dort läuft bekanntlich von Wörth am Maine bis gegen den Neckar hin eine durch vielfache Ausgrabungen fast bis ins genaueste nachgewiesene Castcll- und Thurmlinie. Die Mauern zeigen oft wegen der Nähe der Sandstein- formation eine sonst seltene feine Technik, aber kein Thurm besaß eine besondere Stärke oder Höhe, vielleicht 8—10 in, wie sich Wohl aus den schwachen Fundamenten schließen läßt. Im Gegensatze dazu winken allenthalben aus der Nachbarschaft die mächtigen Bcrchfrite der Odcn- waldburgen, die kolossalen Thürme von Otzberg, Breu- berg, Erbach. Gewöhnlich werden von den Romanisten, wenn wir sie so nennen dürfen, außer der eigentlichen Mauertcchuik, von welcher erst später die Rede sein soll, noch zwei Hauptgründe in das Treffen geführt, um diese Thürme von den Römern abstammen zu lassen. Das ist vor allem das eigenthümliche Correspondenzverhältniß, in welchem sich die meisten Thürme unter einander befinden sollen, und das der Beweis dafür sei, daß sie einst als römische Signallinie fuugirten. Für das erste nun ist es mit diesem Correspondenzverhältniß gar nicht so ernst zu nehmen. Marggraff sagt zum Beispiel ganz treffend: „Vermerken wir alle die vermeintlichen Römerthürme innerhalb der Mischen Provinz in einer Karte, so haben Abhandlung im Jahrbuch des histor. Vereins für Schwaben und Neuburg. Jahrg. XXIII. 384 wir keinerlei Zusammenhang derselben mit den einstigen militärischen Linien der Römer, ja gerade auf Haupt- rontcn fehlen Thürme gänzlich."^ Wenn man aber trotzdem nicht selten bemerkt, daß einzelne dieser Bauten sich miteinander verständigen konnten, so möchte ich fragen, warum denn die adeligen Herren des Mittelaltcrs nicht auch das Bedürfniß haben konnten, einander Zeichen und Signale zu geben. Es wäre doch ein wenig naiv, anzunehmen, daß auf jeder Burg ein Raubritter hauste, der wie ein Geier von seinem Felsen hernieder schaute und jedem Nachbar die Zähne wies. Das Nanbritterthum war immerhin bloß eine Ausartung; für gewöhnlich werden sich benachbarte adelige Familien friedlich gegenübergestanden sein und in Zeiten der Bedrängniß einander geholfen haben; kurz und gut, der Berchfrit konnte auch im Mittelalter seinen Zweck als Meldethurm erfüllt haben. So wurden noch gegen das Ende des 15. Jahrhunderts (1492) von der kurmainzischen Regierung auf weithin sichtbaren Höhen Wartthürme erbaut, um die Gegend zu überwachen „und in Fällen der Noth die Bewohner auf räuberische Einfälle aufmerksam zu machen. Zu diesem Zwecke hatten die Orte der Umgegend die Verbindlichkeit, einen ständigen Wachtposten dort zu unterhalten"?') An zweiter Stelle pflegt man gerne zu sagen, baß der Berchfrit oder angebliche Nömerthnrm offenbar früheren Datum? sei, was ja schon durch seine besondere Festigkeit und Anlage gegenüber den übrigen Theilen der Burg gezeigt werde. Das muß man zugeben, der große Thurm ist meistens älter als die Burg selbst, denn er ist auch der nothwendigste Theil; aus eben dem Grunde musste er aber hinwiederum im Gegensatze zu den Ncbenbauteu ganz besonders stark und dauerhaft errichtet werden. So hat denn der Berchfrit auch oft alle Stürme glücklich überstanden, während um ihn alles andere in Trümmer sank, man hat diä^-urg vielfach vergessen und kennt nur noch den gewaltigen Thurm; unter vielen anderen möchte ich hier nur an den Rabenthurm der ehemaligen Schwabsbnrg bei Nicrstcin (a. Rh.) oder an den Schcnkcnthnrm vom einstigen Schenkcnschlosse unweit Wnrzbnrg erinnern. Wohl mancher arme Ritter wird sich zunächst mit einem solchen „Torn" begnügt haben, der höchstens noch von einem Graben und einer Ringmauer geschützt wurdet) So ist zum Beispiel der bekannte angebliche Römcrthurm tu Nasscnfcls bei Ncnbnrg (a. d. D.) urkundlich nachgewiesen aus dem 12. Jahrhundert. Bereits im Jahre 1108 cxistirt nach Hotter "ch ein Arnold von Nassensels. Die Anlage wurde bald vergrößert und hatte bereits f°) Marggraff: „Die römische Reichsgrenze in Germamen und ihre Bauten" S. 44. D Vgl. Schober: „Führer durch den Spessart, Kahl- grnnd und das Maiuthal" S. 82. °°) In neuerer Zeit glaubt man mit Recht, daß die dcutiche Burg auf die sogenannte inota zurückzuführen sei. Mau versteht darunter einen kleinen, entweder künstlich aufgeschütteten oder abgeplatteten Hügel, umgeben von einem Palissadenzauue und einem Graben. In der Mitte stand ein thurmartiger Bari, anfangs nur aus Holz, später aus Stein. Bergt. Essenivcin S. 45, der diese motas sogar von den alten Wallburgen oder Wallkronen herleiten will. „Das Bezirksamt Eichstätt" S. 40. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. 1247 durch deu Grafen Gcbhardt V. von Hirschberg eine Belagerung auszustehen. Nachdem der Eichstätter Bischof Conrad II. das Bnrghutrccht im Jahre 1297 verworfen, baute er das „cmstelluiu" um, und Friedrich IV. legte ein neues Haus sowie den Zwinger an. Das dürfte ein kleines Beispiel sein, wie die meiste» deutschen Burgen allmählich entstanden sind. Die Thatsache müssen wir jedoch schließlich zugestehen, daß wohl hie und da auf den Trümmern einer römischen Anlage, besonders aber unter Benützung des alten Materials, ein späteres Monpyrghinm sich erhob, oder daß ein römischer Thurm, wie es in einigen Fällen constatirt ist, durch eine Umniantclung und Erhöhung verstärkt und so zum Berchfrite tauglich gemacht werden konnte. Aus dem Zwecke und der Bestimmung der römischen und mittelalterlichen Befestigung erklärt sich auch meistens die „Ocrtlichkeit", welche in beiden Fällen verwendet wurde, und ihre auffallende Verschiedenheit. Ueber die Auswahl des Castelltcrrains finden sich schon genaue Angaben bei Vegetius und Hyginus. Der letztere unterscheidet hauptsächlich vier Stufen in seiner Schrift „äs muuitiouo eastrorum". Der beste Lagerplatz ist nach ihm der allmählich von der Ebene ansteigende, den zweiten Rang haben die in der Ebene liegenden, den dritten die auf einem Hügel befindlichen, den vierten die auf einem Berge erbauten Castelle — Sätze, welche wir bei dem Bnrgenbau wohl kaum vertreten finden. Der Hauptgrund dürfte aber immer wieder der fein, daß sich die Römer wenigstens noch in der besseren Zeit stets die Offensive vorbehielten und von der Defensive nur zeitweilig Gebrauch machten. Das Hauptbedürfniß einer Burg dagegen war nach einem mittelalterlichen Ausdrucke ein „sturmfreier Platz"?") Wenn man auch selten ein ganz unzugängliches „Felsennest" haben konnte, wie wir es uns gerne unter den romantischen Namen „Falkenstein", „Drachenfels" oder „Geiersburg" vorstellen mögen, so suchte man doch eine Stelle, welche auf drei oder wenigstens zwei Seiten „Schutz gegen Angriffe und die größte Vertheidigungsfähigkeit" bot. An zweiter Stelle wohl und nicht an erster, wie Essenwein meint, wird die „Nothwendigkeit maßgebend" gewesen sein, „den Punkt zu besetzen, weil er die Gegend beherrsche"?') (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Gobincau, Die Renaissance: Historische Scenen. Deutsch von Ludw. Schemann. 12°, 516 SS. Leipzig, Ph. Rcclam. 1897 (Univ.-Bibl. 3511—15). M. 1.00. 7- Wirklich prächtige Bilder aus der Culturgeschichte einer Zeit, die an Glanz in Künsten und Wissenschaften ebenso bedeutend ist, wie an bodenloser Gemeinheit der Gesinnung und Lascivität des Lebens. Bekannte Gestalten wie Savonarola, Michelangelo, Alexander VI., Lucrezia, Machiavelli, Julius II., Raphael, Bembo, Frundsberg, Karl V. und andere Größen der Zeit werden uns hier in lebhafter Darstellung, die sich in die Form des Dialogs kleidet, vor Augen geführt. Jeder Freund der Geschichte wird die geistreichen Essays des Grafen Gobineau mit großem Interesse lesen. °°) S. Piper: „Burgenkunde" S. 7. D Esfenwein: „Kriegsbaukunst" S. 42. Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.