-if. 60 . 16. Oüt. 18S7. Aus deu Briefen Jansfens an Pfarrer Andreas Schneider in Berngau. (Fortsetzung.) G Die Frucht des" innigen und vertrauten Freundschaftsverhältnisses zwischen Janssen und Schneider bildet eine größere Anzahl Briefe aus der Feder des Frankfurter Gelehrten mit sehr interessantem, zum Theil werth- vollem Inhalt. Sie gewähren uns einen Einblick in Janssens Schaffen und Dulden, seinen edlen Charakter, seine innige Frömmigkeit und sein nicht zu erschütterndes Gottvertranen. Die Ehrfurcht vor diesem großen Manne, das Staunen über seine ungeheure Arbeitskraft wächst mit jeder Zeile, die das Auge mit Neugierde zu entziffern sucht. Die mitunter schwer leserlichen Züge, oft in der Eile geschrieben, enthalten so Lemerkenswerthe Belehrungen und Aneifernngen zu historischen Studien und Ausarbeitungen für die katholische Presse, scharfe Urtheile und feine Kritiken über kirchliche und politische Borgänge, bittere Klagen über die Leiden der Kirche, daß dieselben beim Lesen unwillkürlich das lebhafteste Interesse wachrufen und man sich nur schwer von ihnen trennen kann. Die wichtigsten Briefe stammen aus den Jahren 1870 bis 78, einer sehr bewegten Zeit, der Janssen bei seiner regen Theilnahme für die Tagesfragen selbstverständlich nicht gleichgültig gegenüberstand. So bildeten die Kämpfe auf kirchlichem Gebiete, namentlich die Nnfehlbarkeiis- frage und dann der in Preußen beginnende Cnltnrkampf, den Gegenstand seiner tiefsten Besorgnis; und seines Schinerzes, der wiederholt in den Briefen an Schneider zum Ausdruck kommt. Doch immer knüpft er die Hoffnung daran, daß Gottes Hilfe zur rechten Zeit erscheinen werde. Sein Vertrauen auf Beistand von oben verließ ihn nicht. So schreibt er aus Niederrad am 1. Juni 1870 seinem Freund: „Auf kirchlichem Gebiete verdunkeln sich die Dinge immer mehr, wenigstens scheinbar. Die Journalisten hetzen immer stärker hüben und drüben, und so dringen die Streitfragen immer tiefer ins Volk. Aus der Schweiz erhalte ich darüber von verschiedenen, gut unterrichteten Seiten sehr traurige Mittheilungen. Dons xroviäeüit." Die Unfehlbarkeit hatte eben die Gemüther in ziemlich heftige Aufregung versetzt. Auch in Janssens Frankfurter Freundeskreisen wurde lebhaft über sie disputirt. Besonders aber gericth durch sie ein gewisser Freund von ihm in Wallung. „N.", schreibt Janssen am 9. August 1870, „ist über die Unfehlbarkeit noch aufgeregter wie jemals, und es ist nicht mehr möglich, mit ihm ruhig darüber zu sprechen. Die Vorgänge auf kirchlichem Gebiet gestalten sich nun so, das; ich wohl nicht mehr als ,Schwarzsehet gelte, wenn ich von Anfang an diese Unfehlbarkeitsfrage als die unglaublichste bezeichnete, von der die Kirche seit Jahrhunderten heimgesucht worden. Am Rheine insbcsonders gehen die Wogen so hoch, daß das Aergste zn befürchten steht. Gott schütze die Kirche." Im November desselben Jahres schreibt er: „Möge Muth und Gottvertranen in uns immer stärker werden. Wir bedürfen dies in einer kirchlich so traurigen Zeit wie die unsrige ist. Nirgends, wohin unser Blick sich wendet, findet er ordentliche Nuhepnnkte, aber man muß in Demuth vor Gott sich beugen." In einem denkwürdigen Briefe vom 23. Juli 1871 aus Niederrad heißt es über die kirchenfeindlichen Bestrebungen Preußens, welches damals die Altkatholiken zur Gründung einer deutschen Nationalkirche verwenden wollte: „Seitdem ich, aus den vielerlei Störungen und Anforderungen des Frankfurter Lebens heilsam befreit, Zeit zur ruhigen Arbeit habe und meine Gedanken aus- dcnken kann, fühle ich mich auch geistig erfrischt und trotz oder vielmehr wegen all der furchtbaren Angriffe gegen unsere heilige Kirche voll gehobenen Glanbensnmthes und größter Glanbcnsfrendigkeit, als ich seit lange gehabt. Preußen spielt ein verwegenes Spiel, das schließlich zn seinem Verderben ausschlagcn muß. Der Bischof von Mainz hat es doch seit Jahren richtig vorausgesagt, daß von Preußen aus der eigentliche Kirchenstreit, gegen den die Wirren von 1837 nur als Kinderspiel anzusehen, werde heraufbeschworen werden. Aber nicht Preußen hat Verheißung, nur die Kirche allein besitzt dieselbe, und der alte Gott lebt noch und läßt sie nicht im Stiche. Möge jeder nur auf seinem Posten stehen, furchtlos, Wenns noth thut, deu Kampf aufnehmen, aber ihn im rechten Geiste führen, ihn nur als Mittel betrachten, ugr den Frieden wiederznerriugen. In Frankfurt gehen die kirchlichen Dinge immer krauser, und man hetzt jetzt sogar von Negicrungswcgen znm förmlichsten Kirchenconflikt. Lvaugelirmutur paupsres. Die weder arm im Geiste noch reich am Guten sind, wollen nichts mehr vom Evangelium hören. Der vierte Stand ist gegenwärtig das eigentlichste Arbeitsfeld für die Kirche." Am 30. April 1871 klagt er in einem Briefe: „Wie gerne würde ich andere Arbeiten vornehmen (als die Reichscorrespondenz, die ihm viel Arbeit und Schwierigkeit bereitete), die auch dem Gemüthe Nahrung geben, wozu ich in dieser in kirchlicher Beziehung so schweren nnd drückenden Zeit tiesinnerstes Bedürfniß fühle. Wie traurig sicht's in dem theologischen Bajn- waricn aus, wo nun allmählich alle Welt, wie ehemals im scl. byzantinischen Reich, im Glauben Geschäfte macht und man an den vielen neuen Kirchenlichtern, dies besonders unter den Vatern der Städte, die Wahrheit, daß den Bajuwaren ,gleich nach den; Biere die Religion kommt', von neuem bestätigt findet. Ich galt bei meinen Freunden seit dem Beginn des Concils als Schwarzseher, und nun kommen die Dinge doch noch schlimmer als ich gefürchtet. Gottlob nur, daß kein Bischof brüchig geworden, aber die Autorität der Bischöfe hat doch bet allen furchtbar gelitten." Doch Janssens Muth wuchs, als er erkannte, daß die Gegner mit ihren feindseligen Plänen zur Gründung einer mit Spreewasser durchsäuerten Nationalkirche schlechte Geschäfte machten und alle Machinationen au der Einheit und Treue der Katholiken einen starken Hemmschuh fanden. Voll Freude schreibt er am 23. Dezember 1871 seinem Freunde Schneider: „Was sagen Sie dazu, daß ich, der so schwarz in die Zukunft gesehen, halber Optimist geworden bin bezüglich der kirchlichen Dinge, trotzdem ich überzeugt bin, es kommt noch Schlimmeres gegen die Kirche als bisher. Mein Optimismus, wenn ich ihn so nennen soll, gründet sich daraus, daß Episkopat und Klerus und Volk so einheitlich zusammenstehen, wie meiner Meinung noch nie in der Kirchengeschichte. Ich habe besonders die Güte des bayerischen Klerus sehr unterschätzt. Daß es doch, trotzdem die Regierung den Abfall begonnen, stützt und bezahlt, nicht mehr Hosemcinncr gibt, als den Bim mit seiner Gesellschaft, ist wirklich so erfreulich, wie ich nichts Aehnlichcs aus der letzten Zeit kenne. Die Altkatholiken können nichts gründen, das hat sich sattsam gezeigt. Gott helfe weiter. — Sehr wichtig ist auch, daß die Herren Preußen in ihrer Rechnung auf ihre aufrichtigen Anhänger unter den Katholiken jetzt gründlich sich enttäuscht haben, das; Dolle Klarheit in die Situation gekommen. xosteriori geschlossen, ist nichts erfreulicher, als daß die gewiß gut gemeinten Wünsche des deutschen Episkopates auf dem Concil nicht dnrchgedrnngen sind. Sie wissen, früher habe ich anders gedacht, aber die Ereignisse haben mich gründlich eines Bessern belehrt. Haben Sie Muth, lieber Freund, wirken Sie recht auch mit der Feder für die ächte Aufklärung des Volkes." Janssens Zuversicht stieg immer mehr. „Die Dinge stehen gut, lieber Schneider, schreibt er am 7. Juli 1872, seien Sie nur ja nicht eutmuthigt; ich hoffe nur, daß der betrunkene Wagenlenker in immer rascherem Tempo weiter kntschire . . ., könnte ich nur mit Ihnen darüber Näheres sprechen. Sie kennen mich schon, daß ich kein Optimist bin, aber zur Zeit, meine ich, stehen die Dinge besser wie je, weil das katholische Bewußtsein, vor allem das katholische Leben so geweckt werden, das wird auch in Bayern kommen. Wäre nur der Ton so vieler Blätter, wie ,Vaterland' n. s. w., ein anderer. Eisern Sie auch Ihrerseits gegen den so gemeinen Ton, der unserer Sache so viel Schaden bringt." „Il taut cias ovociusZ martz-rs, jetzt werden sie kommen." „Welche Gesetzentwürfe, ruft er unter dem Eindrucke der Gesetzgebung des Jahres 1872 und 73 aus, aber besorgen Sie nichts, sie sind bald zu Ende." Es dauerte allerdings längere Zeit, bis sich seine Hoffnung erfüllte. „Seien Sie mnthig", mahnt er am 8. August 1873 seinen Freund, „auch unter den trüben Erscheinungen aus kirchlichem Gebiet; soweit ich beobachten kann, macht der ächt kirchliche Geist unter den Katholiken erfreuliche Fortschritte, wenn sie auch nicht überall schon im äußern Leben sich zeigen — was wächst, macht keinen Lärm. — Im neuen deutschen Reiche gilt fast nichts mehr als Jude und Pickelhaube — alle geistigen Kräfte sind erlahmt. Daran habe ich wahrhaftig keine Freude, aber die größte Freude habe ich an der Einheit unseres Episkopates, an der Energie, an der Treue des Klerus und des Volkes- während auf der gegnerischen Seite die Selbstanflösnng immer raschere Fortschritte macht. Ich sage jetzt, ivas früher Thisscn zu sagen pflegte, .es geht gut'." „Lassen Sie sich in Ihrem Muthe und Gottvcrirancn durch nichts stören. Die Cnltnrkänipfer sind bald am Ende ihres Lateins. Violontoo non ciurant." So schrieb er am 30. April 1874, und er hatte recht. Freilich, die Angriffe auf die Rechte der Kirche dauerten fort und nahmen an Heftigkeit zu, aber Janssen erlebte auch noch den Sieg der guten Sache, und das machte ihm die größte Freude. Janssens Liebe zu seinem deutschen Vaterlande war trotz dieser unseligen Zustände eine recht innige. Vaterlandsliebe und kirchliche Treue bilden eben keine Gegensätze, und sie können auch keine solche bilden, da ja die Kirche die sicherste Stütze für die Staaten ist und den Gehorsam gegen die staatliche Autorität in allen weltlichen Sachen zur Pflicht macht. Auch Janssen hing mit vollem Herzen an seinem Vatcrlande, dessen ruhmvolle Geschichte er wie wenige zu würdigen verstand, und an Anhänglichkeit an dasselbe hat den großen Geschichtschreiber keiner seiner vielen Gegner übertroffen. Welch regen Antheil nahm er nicht an den deutschen Siegen vom Jahre 1870! Hören wir seine eigenen Worte, welche er am 9. August 1870 an seinen Freund schrieb: „Das soll Ihnen, lieber Freund, noch am Abende der Verkündigung des Sieges von Nezonville zufliegen und Ihnen meine herzlichsten Grüße bringen und den Ausdruck meiner Freude über den Erfolg unserer Waffen. Ich weiß, daß auch Sie als guter Patriot diese Freude theilen. Gottlob, nun läßt sich wieder mit ganz andern; Muthe eine deutsche Geschichte schreiben. Auch das Bürgerblut von 1866 ist durch den gemeinsamen Patriotismus und die trotzig mnthige Tapferkeit aller deutschen Stämme gesühnt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich über die Bayern freue. Ehre auch Ihrem Könige, .... der jetzt Mann geworden. Ich war gerade beschäftigt, eine neue Auflage meines Schriftchens /Frankreichs Rheingelüste' zu veranstalten, als die ersten Nachrichten unserer Siege von Saarbrücken und Wörth einliefen, und nun ist das.Eiscnstechen wohl nicht mehr nothwendig. Hoffentlich wird mit Napoleon und seiner ganzen Catilinaricrbande gründlich aufgeräumt, und die Franzosen erhalten nun, ihren langen hundertjährigen Wünschen gemäß, ihre ,natürlichen Grenzen', nämlich die Vogesen, zurück. Die schwierigste Frage wird nur sein, mit wem in Frankreich bei den zerrütteten Zuständen des Landes ein dauernder Friede zu schließen ist. Aber Gott wird weiter helfen, und ihr Bayern bekommt Deutsch-Loth ringen (!! was sich allerdings nicht erfüllte), Metz wird Bundcsfestnng." Die Krönung König Wilhelms zum Deutschen Kaiser kam Janssen, der die Entwicklung dieser Frage scharf verfolgt hatte, gar nicht überraschend. Interessant sind seine diesbezüglichen Ausführungen in einem Brief von; 7. Januar 1871, also noch vor der vollendeten Thatsache: „Die Erhebung des Königs von Preußen zum Kaiser liegt meiner Ansicht nach ganz in den realen Verhältnissen, >vie Gott deren Gestaltung zuließ, begründet» und ich stehe ganz auf dem Standpunkte der badischen Abgeordneten, und unterschreibe so jedes Wort in der Ihnen gewiß bekannten Rede von Baumstark. Aber eine andere Frage ist's, ob es zeit- und zweckmäßig war, die Sache jetzt schon aufzuspielen, sie nach Versailles zu verlegen und damit -die Franzosen anf's Tiefste zu beleidigen. Erst nach geschlossenem Frieden auf deutschen; Boden wäre, scheint mir, die Verwirklichung der Kaiser- idee recht an; Platze gewesen." (Schluß folgt.) Die Zerstörung Magdeburgs.") In unserem Aufsätze „Die Wahrheit in der Geschichte" (vgl. 1. Jahrg. S. 257) haben wir den Gedanken ausgesprochen: „Seitdem eine gründliche Geschichtsforschung ... so viele Irrthümer in der Geschichte aufgedeckt hat, kann nur mehr böse Absicht angenommen werden, wenn immerfort die alten Fabeln leichtgläubigen Lesern und unerfahrenen Schülern als geschichtliche Wahrheit vorgelegt werden. Und doch geschieht das leider so viel!" Zu den Unwahrheiten, welche mit Vorliebe in der Geschichte verbreitet werden, gehört auch die, im dreißigjährigen Kriege sei Magdebnrg durch den kaiser- O Aus den; Oktoberhefte der „Wahrheit" (Herausgeber Oe. Kaufen in München, Verlag von Rudolf Abi). 416 lichen General Tilly zerstört worden, und dieser katholische Feldherr habe dabei mit unmenschlicher Grausamkeit verfahren. Eine Hauptqnelle dieser Geschichtslüge ist der Dichter- Friedrich von Schiller, dem viele Geschichtsdarstcller getreulich ihre Geschichte des dreißigjährigen Krieges nachgeschrieben haben, obschon Schiller von sich selber bekennt: „Ich werde immer eine schlechte Quelle für einen künftigen Historiker sein, der das Unglück hat, sich an mich zu wenden. . .." Und das soll Geschichte zur Belehrung für die Jugend sein! Kann aus solcher Quelle die „lautere Wahrheit" geschöpft werden? Gewiß nicht. Die ist auch wohl nicht gesucht worden, sondern eine Partei-Darstellung. Es war ein wohlberechneter Plan, nach einer Seite den der neuen Lehre zugethanen, aus der Nachbarschaft herübergekonnncnen Schwedenkönig mit dem Glorienschein großherzigen Martyriums für eine heilige Glanbenssache auszuschmücken, dagegen den glanbenstrenen deutschen General Tilly, weil er katholisch war und die katholische Sache vertrat, der Verachtung und dem Hasse preiszugeben,. obschon es Thatsache ist, daß dieser die Sache seines Kaisers und Kriegsherrn mit Hingebung und Tapferkeit vertrat, während Gustav Adolf nichts als ein kühner, eroberungssüchtiger Abenteurer war, welcher seine gutgeschulte Armee an der nördlichen Küste Deutschlands gelandet hatte mit der Absicht, den Versuch zu machen, von dem zerrissenen, in sich gespaltenen, seit bereits zwölf Jahren durch eine beutelustige, ob feindliche, ob freundliche Soldateska ansgesogenen Deutschland ein gutes, ihm günstig gelegenes Stück an der Ostsee an sich zu reißen. Ueber 200 Jahre lang hat der Makel, er habe nicht aus taktischer Nothwendigkeit, sondern schier aus Grausamkeit, ohne Mcnschengesühl die Stadt Magdeburg durch Feuer und Schwert zerstört und die Bewohner grausam hingemordet, auf dem edlen Tilly gelastet. Erst in neuerer Zeit sind Darstellungen zu Tage getreten, welche den Beweis führen, daß die Anklage ungerecht, eine böswillig erfundene Verleumdung ist und der Wirklichkeit nicht entspricht. Im Folgenden sott aus denselben ein gedrängter Auszug für unsere Leser gegeben werden, da es ja die nächste Aufgabe dieser Blätter ist, der Unwahrheit entgegenzutreten, um der „Wahrheit" Eingang zu verschaffen. Nach dem sogenannten Nestitntionscdiktc, welches Kaiser Ferdinand II. erlassen hatte, nachdem der Dänenköuig Christian IV. bei Lütter am Barcnberg gründlich geschlagen war, sollten die Protestanten alle Kirchen und Güter, welche sie dem Vertrage entgegen nach Abschluß des Passaner Vertrags im Jahre 1852 sich zugeeignet hatten, wieder herausgeben. Die Forderung war ohne Zweifel gerecht, doch wäre es klüger gewesen, sie nicht zu stellen. Bon dem Edikte fühlte sich auch die Stadt Magdeburg an der Elbe schwer betroffen, denn sie sollte ihren Erzbischof wieder annehmen und die Privilegien, in deren Besitz sie gelangt war, wieder verlieren. Der Brandenburger Prinz Christian Wilhelm, welcher sich als Administrator des Erzbisthnms in den Besitz der zum Erzstifte gehörigen Ländereien gesetzt hatte, wandte sich mit der Stadt an Gustav Adolf um Hilfe gegen Tilly, welcher ihn vertrieben hatte. Gustav Adolf stand mit seinem Heere nur einige Meilen von Magdeburg entfernt. Tilly, mit der Ausführung des Ediktes beauftragt, belagerte in Verbindung mit dem General Pappenheim Magdeburg. Gustav Adolf, anstatt die Stadt zu entsetzen, sandte den Dietrich von Falkenberg, einen erfahrenen Offizier, um die Vertheidigung zu leiten. Es ist mit Recht aufgefallen, daß Gustav Adolf nichts weiteres gethan, um der Stadt zu Hilfe zu kommen. Tilly eroberte schließlich die Stadt und überließ, wie es damals KriegSbranch war, dieselbe den Eroberern zu einer dreistündigen Plünderung. Während derselben brach an verschiedenen Stellen in der Stadt Feuer aus, welches sich weiter und weiter verbreitete und allmählich die ganze Stadt mit Ausnahme einiger weniger Häuser und des prächtigen Domes in Asche legte. Aus der Eroberung und der Weise, wie sie ausgeführt worden, ist nun eine Anklage gegen Tilly erhoben, welche, wie gesagt, Jahrhunderte lang in protestantischen Geschichtsbüchern verbellet und beim Unterricht in protestantischen Schulen ausgenutzt wird, um Haß gegen Katholisches zu schüren. Daß die Anschuldigung eine spätere Erfindung ist und keineswegs aus der Zeit, in welcher das Ereignis; statt hatte, stammt, ergibt sich aus einer Schrift Otto's von Gnerike, des berühmten Erfinders der Luftpumpe, welcher zur Zeit der Katastrophe in Magdeburg Nathsherr war und später daselbst als Bürgermeister an der Spitze der Stadt stand. Derselbe schreibt in seiner „Chronik der Stadt Magdeburg von der letzten Zerstörung der Stadt vom Jahre 1629 bis 1631":') „.Am 18. Mai 1631 sandte Tilly zum dritten Male einen Trompeter mit der Aufforderung der Kapitulation in die Stadt. Da man aber alle Stunden und Augenblicke die Hilfe des Schwcdenkönigs erwartete, lehnte man alle Verhandlungen ab. Aber Gnerike legte die Fortschritte Pappenheims an dem Bollwerke bei der Neustadt als so gefährlich dar, daß man jede Stunde überfallen werden könnte. Darum entsendete der Rath Gnerike an Falkenberg mit dem Auftrage, dieses kund zu thun. Dies geschah am 19. Mai. Falkenbcrg ließ nun den Bürgermeister ersuchen, daß sich der Rath am folgenden Tage, am 20. Mai, morgens um 4 Uhr versammlc, um einen Entschluß zu fassen. „So geschah es. Der Rath sandte drei Mitglieder, unter diesen Gnerike, zu Falkenbcrg, der in einer besonderen Stube des Nathhanses weilte, um mit ihm die Bedingungen zu vereinbaren und mit dein Trompeter Tilly's Gesandte hinansznschi'ckcn. Aber Falkenberg fing an zu reden, sagte, daß jeden Augenblick Gustav Adolf vor der Stadt erscheinen konnte, redete weiter und immer weiter, eine ganze Stunde lang, bis der Rathsherr Gnerike, den die Ungeduld hiuausgetrieben hatte, mit der Meldung zurückkehrte, das; bereits Pappenheims Soldaten in der Fischergasse seien. Falkenberg stürzte hinaus, stieg zu Pferde und eilte in den Kampf, wo er von einer Kugel getödtct wurde. „Falkenbcrg hatte offenbar die Rathsherren irregeleitet. Denn er wußte wohl, daß Gustav Adolf nicht zur Hilfe käme, da ihm der Schwede am 27. April geschrieben hatte: .Wir hoffen, das; ihr Gelegenheit haben werdet, euch selbst in etwas Rath zu schaffen? ') Bedauerlicher Weise ist die Chronik erst 1860 bekannt geworden und gedruckt. Der.Herausgeber Hosfmanu fand die Chronik in Magdeburg. Später fand sich auch in Berlin ein Exemplar, welches sich jedoch durch größere Vollständigkeit von dem ersten Exemplare unterscheidet. In der Magdeburger Ausgabe sind nämlich verschiedene Stellen durchstrichen, welche der Chronist unterdrückt hatte, aus Furcht vor den Schweden, welchen darin die Schuld der Zerstörung zugeschrieben wurde. .. 416 Wie aber schaffte Falkcnberg sich und seinem König Rath? Indem er die Stadt in Brand steckte. Falkcnberg hatte alles wohl vorbereitet. Das Mittel zum Brande war angelegtes Pulver, seine Werkzeuge zur Ausführung ein Theil der Schiffskncchte vom Elbufer. „Es fragt sich nun um das Verhalten Tilly's. Dreimal hatte er die Stadt zur llebergabe aufgefordert, aber umsonst. Am 19. Mai hielt er Kriegsrath. Alle Generale, besonders Pappenheim, drangen auf Sturm am nächsten Morgen, Tilly gab nach mit Vorbehalt des Signals. Am andern Morgen schickte Tilly dem Grafen von Mansfeld die Nachricht, daß er sich anders besonnen, das; er mit dem Sturm noch warten wolle. Tilly gab also das verabredete Zeichen nicht, obschon es schon sieben Uhr war, denn er hoffte noch immer, sein Trompeter werde mit der Unterwerfung der Stadt zurückkehren. Zuletzt verlor Pappenheim die Geduld und ließ stürmen auf eigene Faust. Der Sturm gelang und ebenso der Sturm der Mansfelder im Süden. Im Nu waren sämmtliche Stadtthore vom Feuer ergriffen, und um Mittag brannte die ganze Stadt. Die Sieger aber hausten fürchterlich in der Stadt. „Aber nicht mit Einwilligung oder gar auf Befehl Tilly's! Er suchte vielmehr dem gräßlichen Unglück Einhalt zu thun. Als er die Rauchwolken aufsteigen sah, ritt er eilends in die Stadt hinein und kam bis zum herrlichen Dome, der ganz von Menschen gefüllt war, namentlich von Frauen. Tilly versprach ihnen, für ihr Leben und ihre Ehre zu sorgen, und verordnete eine Truppe zur Bewachung und zum Schutze des Domes. Dann wandte er sich zum Liebfrauenkloster. Tilly rief dem Abt desselben zu, nicht abzulassen, zu retten und soviel in's Kloster zu führen, als er könne. Darauf gelangte er zur Dompropstei, bestimmte dieses Gebäude zur Aufnahme flüchtiger Frauen und Kinder. Weiter eilte Tilly; überall gab er Befehle, zu retten und zu flüchten; denn das Feuer hatte die ganze Stadt bereits erfaßt. Am Abend hob sich erst recht die ungeheure Glnth, die ganze Stadt war ein Flammenmeer. Aoa omnss, st Piilius, Inor^iriLs tunäelmmus. Wir alle, auch Tilly, vergossen Thränen!" Das ist also die Darstellung eines Augenzeugen, eines Protestanten» eines Mitgliedes des Rathes der schwer betroffenen Stadt. Es liegt in dem Gesagten nicht allein nicht ein Beweis für die Anklage gegen Tilly, vielmehr das gerade Gegentheil. Auch läßt es sich nachweisen, daß im 17 . und bis tief in's 18. Jahrhundert hinein eine Anklage gegen Tilly noch nicht bekannt gewesen ist; keine der Schriften aus jener Zeit, welche über die Zerstörung Magdeburgs berichten, macht Tilly für den Brand Magdeburgs verantwortlich. Erst nach dieser Zeit ist die Anklage entstanden und die Sage von Tilly's persönlicher Grausamkeit erhoben. Wie hat aber die Sage entstehen können? Warum, von wem ist die Anklage erhoben worden? Neuere Geschichtsforscher machen Falkenberg, den Vertreter Gustav Adolf's in Magdeburg, dafür verantwortlich und behaupten, derselbe habe auf Anweisung seines Herrn das Feuer angelegt und die Einäscherung der Stadt betrieben. Das Verhalten Falkenberg's scheint Allerdings, auch nach der Erzählung Otto's von Guerike, als räthselhaft und unverständlich; ebenso unfaßlich ist es, daß Gustav Adolf der bedrängten Stadt keinerlei Hilfe gebracht^Hat.^Wcnn wir aber nach der Darstellung deZ Geschichtsschreibers Drohsen annehmen, daß das eroberte Magdeburg für Tilly's Plan von großer Bedeutung war, sobald er es möglichst unversehrt in seine Hände bekam, damit es ihm als Stützpunkt für seine weiteren Operationen diene, daß also Gustav Adolf dahin trachten mutzte, dieses zu verhüten, so liegt es nahe, daß er sich entschließen konnte, die Stadt, deren Eroberung durch Tilly er nicht mehr verhüten konnte, lieber selbst zu zerstören, als in ihr dem Feinde eine wichtige Operations- basis zu überlassen. In solcher Weise sind auch die Worte verständlich, welche, wie Otto von Guerike berichtet, Gustav Adolf unter dem 27. April an Falkenberg geschrieben hat: „Wir hoffen, daß ihr Gelegenheit haben werdet, euch selbst in etwas Rath zu schaffen." Falkenberg hatte alles vorbereitet für die Zerstörung der Stadt, dadurch schaffte er Rath. Dasselbe geht aus einem Schreiben hervor, welches der Reichskanzler Oxen- stierna einige Wochen nach der Zerstörung aus Hamburg geschrieben hat, „weil Gustav Adolf die Stadt ohne Feldschlacht nicht entsetzen konnte, hätte er gern gesehen, daß Falkenberg sie in Brand gesteckt habe". Allerdings durften die unglücklichen Betroffenen keine Ahnung davon erhalten, daß sie das Unheil, welches sie betroffen, ihrem Verbündeten, von welchen! sie vielmehr Hilfe und Rettung erhofft hatten, verdankten. Darum ist vom Anfange an alles angewendet, um den Verdacht von den Schweden abzulenken. Dazu mußte ihm insbesondere die Presse dienen, und zugleich, um Tilly für die Magdeburger Greuel verantwortlich zu machen und um unliebsamen Enthüllungen zuvorzukommen, wurde der Professor Sp anheim in Genf mit dem Material zu den gewünschten Berichten versehen. So entstand 1633 in französischer (!) Sprache die Schrift: „Der schwedische Soldat," worin unter anderem gesagt wird: „Man bemerkt, daß Tilly seit den Magdeburger Greueln in seiner Unternehmung wenig glücklich war. Und gewiß, wenn das, was man beharrlich von ihm erzählt, sich bewahrheitet, so darf man sich darüber nicht Wundern. Denn bei der Plünderung zeigte er ein Tigerherz. Als die Seinigcn die außerordentlichen Grausamkeiten gemeldet hatten, welche verübt wurden, damit er ein Ende mache, antwortete er kalt, man solle noch eine Stunde gewähren lassen, dann solle man wieder kommen. Aber auch nach einer Stunde zeigte er sich noch immer taub und gebraucht Ausflüchte, bevor er zum Rückzüge blasen ließ." „Wenn das, was man beharrlich darüber erzählt, sich bewahrheitet?" Aber, es ist eben nicht ivahr, daß von Tilly derartiges beharrlich erzählt sei. Diese Worte deuten vielmehr an, daß Spanheim, der Genfer Berichterstatter, kaum selbst an die Wahrheit geglaubt und seinerseits Bedenken getragen habe, solche Beschuldigung zu verbreiten. Er hatte nur auf seinen Auftraggeber Rücksicht zu nehmen. Gleichviel! Im Laufe der Zeit ist der verleumderische Bericht Spanheim's als der Wahrheit entsprechend in die läufigen Geschichtsbücher übergegangen und durch diese verbreitet worden. Sonderbar nur, daß deutsche Schriften aus jener und späterer Zeit, auch solche von protestantischen Verfassern, über eine solche Tillysage nicht mehr zn berichten wissen. Für Deutschland blieb Schiller Jahrzehnte hindurch die Haupt- quelle und ist es für nicht wenige, welchen sie in dieser Form eben paßt, noch jetzt. Solche beweisen freilich eine traurige Unkcnntniß der anerkannt gründlichen Erzeugnisse der neueren gcschicht- 417 Wen Literatur. Der ebenso regsame und gründliche, wie unbefangene und einsichtsvolle Historiker Onno Klopp hat in verschiedenen Schriften die Tillysage gründlich behandelt. Daß die Darstellung Schiller's über Lilly falsch und unwahr sei, ist darnach nicht zu bezweifeln. Ferner: der bekannte geschätzte Geschichts- schreiber Nanke, ein Protestant, erklärt es in seiner im Jahre 1872 erschienenen „Geschichte Wallcnsteins" als „sehr wahrscheinlich, daß zu dem Brande von Magdeburg von dem militärischen Befehlshaber, einem Deutschen in schwedischem Dienst (Falkenberg), und selbst von den entschiedenen Mitgliedern des Staatsrathcs eine eventuelle Veranstaltung im voraus getroffen war. . ." Ncberall bat die Ueberzeugung, daß nicht Lilly den Brand von Üllagdebnrg hervorgerufen, sondern daß er durch die Schweden bewirkt und durch eigene Bürger der Stadt gefördert worden sei, so ziemlich allgemein Aufnahme gefunden, seitdem Albert Heifing in seiner Schrift „Magdeburg nicht durch Lilly zerstört" für diese seine Behauptung ein überreiches Material herbeigeschafft und Karl Wittig in dem Qnellenwerke „Magdeburg, Gustav Adolf und Lilly" nach reiflicher Prüfung aller Darlegungen und Berichte von Augenzeugen die Ueberzeugung ausgesprochen hat, daß . . . Lilly „nicht der grausame Wütherich gewesen, als welcher er zwei Jahrhunderte hindurch in der Tradition gelebt" hat. Das Resultat unserer Untersuchung wäre also, daß Magdebnrg nicht durch Lilly, sondern anf Veranstaltung Gustav Adolf's zerstört worden ist. Dr. H. Meurer. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) Frei von den Bizarrerien seines Oheims, aber auch ohne dessen Energie und Kraft, war Napoleon III. ein planloser, ziel- und charakterloser Mensch, jeder feineren Moral bar. Die Hauptschuld des Unglückskrieges 1870 trägt er. Der einzige planvolle und hochbegabte Minister, den er hatte, Drouyn de Lhuys, wurde oft durch Eigenmächtigkeiten, die Napoleon hinter seinem Rücken vornahm, aus das empfindlichste desavouirt. Oft erließ der Kaiser Manifeste, von denen die Ministerien erst aus den Zeitungen erfuhren. *2) Noch 1867 war er daran, eine Allianz mit Preußen abzuschließen, nachdem er 1864 Englands Hilfe gegen dieses Land abgewiesen hatte. Nur Thiers verhinderte oft die ganz verblüffenden Zickzackkurse der kaiserlichen Politik. 1868 noch konnte der Chef des Ministeriums, Emil Ollivier, eine Rede halten, worin er der Allianz zwischen Deutschland und Frankreich auf das wärmste das Wort redete, und kurze Zeit darnach spielten sich die skandalösen Manöverinsulten ab. Kurz vorher hatte man auch Rußland durch den strengen Prozeß gegen Berezowsky geschmeichelt, welcher 1867 in Paris anf den Zaren geschossen hatte. So irrte dieser politische Uhu planlos im Dunkel der Nacht umher, und seine Politik vermochte nur kleine Mäuse und Wiesel zu fangen, aber keinen greifbaren Erfolg auszuweisen. Ja, 2) Leipzig, Dunckcr und Hnmblot, 1872 Anst. 3 S. 148 und 149. Berlin, Enßenliardt, 1846. 0 Berlin 1874, Bd. 1, S. 207. ") Hansen Jules „Oonlissss cks ckiplomatis" (Paris, 1880). etwas Lichtscheues, Eulenartiges klebt Napoleons III. Politik an; er will nicht einmal offen und ehrlich erscheinen, wie sein großer Gegner Bismarck, der durch raffinirte Ehrlichkeit zu täuschen wußte; seine verschleierten, nicht zu enträthselnden Augen sind das einzige Wahre an ihm. — Noch Mitte September 1869 schien der Friede so gesichert, daß die meisten Regimenter nach Aufhebung des Lagers von Chnlons nach dem Westen verlegt wurden. Die Kaiserin reiste damals nach Kou- stantinopel und besichtigte den Harem: in Paris sprach man 4 Wochen lang nur von dem bestialischen siebenfachen Raubmörder Tropmann; für neue Sensation sorgte der Tod des Sonderlings Saint-Beuve, der in Wuth gerieth, wenn ernnr das Wort „Cultus" oder „Kirche" hörte. Niemand ahnte den nahenden Krieg. Nur die Zeitung „Patric" zeigte sich 1869 prcußcnfcindfich; im selben Jahre wurde unter lebhafter Betheiligung von Franzosen ein Ncchtshilfsverein für unbemittelte Deutsche gegründet. Nur über die Anmaßung evangelischer deutscher Pastoren, welche mitten in Paris die französische Sprache als unevangelisch und dem Geiste Luthers widersprechend in den Schulen ausmerzen wollten, eine allerdings große Unverfrorenheit, die auch durch plumpe Be- kehrungsvcrsuche sich verhaßt machten, führte Gaidoz im März 1870 in der „Ikovuocl'instruetion pndligus" Klage. Wie wenig übrigens heute, noch in jüngster Zeit, diese Art Arroganz in Paris Anklang findet, bewies vor einigen Jahren der Beschluß fast sämmtlicher Pariser Künstler, zum Acrger der protestantischen Pastoren die Bartholomäusnacht alljährlich in Paris festlich zu begehen. Doch wollen wir die Schatten des Krieges von 1870, die wir schon heraufbeschworen haben, noch zurückdrängen, um dessen Vorläufer, den dänischen Krieg, in seinen Wechselwirkungen anf Deutschland, Frankreich und Rußland zu betrachten. Nur unbedeutende französische Schriftsteller wie de Bouillß, de Bourgoing und Desprcz interessirtcn sich für die dänische Frage; auch waren 1864 die größten Pariser Zeitungen: „Le Constitutionel", „Le Temps", dessen Redacteur der Elsässer Ncfftzer war, deutschfreundlich. Auch die Snbscription zu Gunsten der Dänen, die 1867 in Paris abgehalten wurde, hatte nicht viel Erfolg; man wußte, wie perfid sich Dänemark gcgcv Napoleon I. bewiesen hatte. In den Jahren 1860 — 1870 war die Stimmung Rußlands sehr wenig auf Seite Frankreichs. 1864 anf 65 wurde als das offiziöse Organ in St. Petersbnrg sogar die deutsche „Petersburger Zeitung" des verdienstvollen Mcycr-Waldeck gewählt, nachdem das französische „Journal de St.-Petcrsbourg" fast keine Leser mehr hatte. Eine ergötzliche Geschichte weiß über diese Prcß- vcrhältnisse derselbe Meyer-Waldeck zu erzählen: Es brach damals in Schweden eine Hungersnoth aus, so daß man Brod aus Baumrinde aß. Artikel hierüber kamen auch in russische Zeitungen; der Censor, Herr v. Pencker, beanstandete nicht das Geringste; nur mußte, statt „Schweden", „Frankreich" geschrieben werden. „Denn", so begründete er dies wörtlich, „mit Schweden stehen wir gut; dagegen über Frankreich dürfen wir alles sagen." Als Meyer ein andermal Napoleon III. den Fiebcrstoff im Blut Europa's nannte (politischer Brandstifter wäre der richtigere Ausdruck gewesen), wurde er zwar dafür gescholten, doch durfte der betreffende Artikel gedruckt werden. Diese und ähnliche Censorenstückchen erinnern an die nikolaitische Zeit 1831, wo das Wort „Polen" nicht gedruckt werden durfte. Daß übrigens 418 Aich die Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland nicht allzu intim war, beweist, daß 1862 die nihilistische Zeitschrift des L. v. Blümner in Berlin geduldet wurde. Selbst in den Zeiten der scheinbar engsten Verbrüderung schien ein feindseliges Moment sich störend einzudrängen. So bezeichnet das berühmte „Lustlager zu Kalisch' (11. bis 22. September 1835) den Höhepunkt der Annäherung Rußlands an Preußen, das preußisch-russische Aranjucz, wo die Fürsten bei einem großen Manöver zusammenkamen. Die Preußen glaubten von der Aufnahme entzückt sein zu dürfen; aber man braucht nur Tscherny- schew's, eines russischen Lieutenants, Schmähgedicht auf den Preußcnkönig zu lesen, um die russische Vcrstellnngs- knnst als unerhört zu verachten. Das Machwerk, wegen dessen der Autor zum Flügeladjutanten ernannt wurde, schildert die Fürsten folgendermaßen: Den Zaren: „Wie vom Morgenroth geboren. Wie vom Himmel selbst erkoren." Den „deutschen Zaren" dagegen: „Plump und häßlich, grau von Haaren, Rotbe Nase, gelb Gesicht, Riesenmaul und dünne Arme, Beine, daß sich Gott erbarme, Schmächt'ge Brust und hohle Backen rc (Fortsetzung folgt.) Offenes Antwortschreiben eines katholischen Seelsorgers an einen katholischen, aber wankend gewordenen Freund aus dem Beamtenstande. Du wirfst in Deinem letzten Brief dem katholischen Seelsorgeklerns — ehrenwerthe Ausnahmen willst Dn ja gelten lassen — Förderung des Aberglaubens und der Volksverdummung, Mangel an wissenschaftlichem Streben und konfessionelle Hetze gegen Protestanten vor, machst die Jesuiten für altes Unheil verantwortlich wegen ihrer angeblich einseitigen Theologie und fortschrittsfeindlichen Tendenzen, und meinst geradezu, man müsse sich unter solchen Verhältnissen schämen, katholisch zusein; dabei berufst Du Dich auf das Urtheil hervorragender katholischer Theologen, die dasselbe behaupteten und als Fachmänner doch das alles wissen müßten. Urtheile nun selber, ob Du recht hast mit solchen Vorwürfen! — Um gleich mit den Jesuiten anzufangen, so sind gerade sie es, welche nicht bloß auf theologischem Gebiete, sondern in allen Fächern des Wissens mit an der Spitze marschiren. Vergleiche nur deren „Stimmen aus Maria-Laach" über ihre wissenschaftliche Thätigkeit in allernenester Zeit: über Naturwissenschaft und Physik (L. Dressel, Neueste Messung der Gravitalionsconstante), über Erd- und Völkerkunde und Nationalökonomie (?. Schwarz, Der Werth Afrika's, Concurrenz im Welthandel), über Gesetzkunde und verschiedene Rechtsproblemc (L. Cathrein, Rechtspositivismus u. Socialdemokratie), über Astronomie (?. Müller, Die Sonnenflecken im Zusammenhang mit dem Copernikauischen Weltsystem) usw. Und wer hat das Sonnenspektrum erfunden, womit man jetzt die physikalische Beschaffenheit des Sonnenkörpers erforscht? Der Jesuit L. S ecchi. Neuestens lese ich. daß die Jesuiten in Valkenburg (Holland) für ihre Sternwarte einen Refraktor sich angeschafft, der dein der Berliner Sternwarte an Größe nicht nachsteht, an Construktion aber (aus Aluminium) jenen noch übertrifft: sogar in der Elektrotechnik zeigen sie sich als Meister. Wie sollte also eine Gesellschaft, die so rastlos für allgemeine Bildung und Wissenschaft wirkt, die Geister für eine einseitige theologische Richtung gefangen nehmen wollen und rückschrittliche Tendenzen verfolgen? Das reimt sich doch schlecht zusammen. ^ Und was das wissenschaftliche Vorwärtsstrebeu des Weltklerns betrifft, so ist noch nie soviel für Geschichtsforschung, Literatur, christliche Knust, überhaupt auch für allgemeine Volksbildung geschehen, wie gerade jetzt. Ich erinnere nur au die epochemachenden Werke geistlicher Historiker wie Janssen, Pastor, des Eulturhlstorikers Grupp rc. rc., dann an die uns näher liegenden Special- werke über Diöcesangeschichte, in Franken von Stämmiger, Braun. Amrhein, in Augsburg von Steichele usw., au das Kirchenlexikou von Wetzer und Welte, eine wahre Encyklopädie der Theologie und ihrer Hilfswissenschaften, das Staatslexikou von katholischen Juristen der Görresgesellschaft, ein Werk, um das uns sämmtliche Gegner beneiden. Was ferner die katholischen Gelehrten-Congreffe der Gegenwart für alle Zweige der Wissenschaft, die socialen Eurse katholischer Priester zur Lösung der socialen Frage, die pädagogischen Eurse für das christliche Schul- und Erziehnngswcsen. die geistlichen Präsides in den katholischen Gesellen-, Arbeiter-, Lehrlinas- vereinen für allgemeine christliche Bildung und socialen Fortschritt leisten, ivird Dir doch bisher mcht entgangen sein, sofern Du Dich um diese Dinge kümmertest. Noch unbegründeter ist der Vorwurf konfessioneller Hetze. Wie froh wären wir katholische Geistliche, wenn unsere konfessionellen Gegner uns nur überall in Frieden lassen wollten! Wo bringt eine Katholikenversammlung je etwas Verletzendes gegen Andersgläubige? Dagegen kann z. B. der „Evangelische Bund" oder „Gustav Adolf- Verein" kaum ein Fest abhalten, ohne gegen Rom, Papis- mus, Jesuitismus, Meß- und Ablaßkram u. dgl. loszuziehen. Es ist der reinste Verfolgungswahn, der anf diesen Versammlungen manchmal zum Ausdruck kommt; sogar in Berlin, der Hochburg des Protestantismus, fühlen sich die Rufer ini Streite nicht mehr sicher vor den angeblichen Ansprüchen Roms, des Gefangenen im Vatikan. Sollen denn wir kathol. Seelsorger die Grundsätze über die gemischten Ehen heute ganz verschweigen, damit hiutennach unglücklich gewordene katholische Eheleute uns für ihr Unglück verantwortlich machen und, wie schon oft geschehen, uns zurufen: warum habt ihr uns nicht rechtzeitig hierüber aufgeklärt und gewärmt? Sollen wir das katholische Volk in dem von den Protestanten genährten Wahne belassen, als ob zwischen katholisch und protestantisch kein wesentlicher Unterschiedsei? Was wäre dann die Folge? Daß die Katholiken, besonders die gebildeten, sich allmählig dem Protestantismus als der leichteren und bevorzugteren Religion zuwende». Der gegen uns Seelsorger aus dem eigenen Lager gerichtete Vorwurf konfessioneller Hetze kommt mir im Augenblicke vor wie der Versuch, bei einer ausgebrochenen Revolution die könig streuen Besatzungstruppen zu entwaffnen und in den Kasernen zu consigniren. Nicht urinder unrecht thut mau dem Klerus, wenn man ihm Förderung des Aberglaubens vorwirft. Man darf doch die Ueberspanntheiten einiger französischer Kleriker nicht der ganzen Geistlichkeit znr Last legen! Die Dämonologie (Lehre vom Dasein und schädlichen Wirken böser Geister) ist biblisch begründet und auch von den Protestanten angenommen; der Teufels - mahn jedoch, der überall Teufeleien wittert, hat seinen Sitz weder in der Bibel noch in der kathol. Religion, sondern in dem natürlichen Hang kleiner und großer Kinder zum Geheimnißvollen, Schauerlichen oder auch Abenteuerlichen. Der Miß-Vaughan-Schwindel und der Schwindel mit dem „verkappten Erzherzog" zu Aachen stammen aus einer Quelle. Es sind nicht immer die Dümmsten, die bei solchen Wahnperioden „einfallen", freilich auch mcht gerade die Gescheitesten. So kam vor einigen Jahren auch über meine Pfarrgemeinde eine derartige Wahnperiode. Die Nachtwächter sahen nämlich um die Carnevalszeit eine weiße Frau über die Brücke schleichen, und am anderen Morgen hieß es in der ganzen Stadt: ein schreckliches Gespenst geht hier um! Jeder Tag brachte entsetzlichere Gerüchte: Bürger Hans behauptete steif und fest, der Bürger Kunz habe das feuerspeiende, nach Schwefel riechende grauenhafte Ungethüm durch das Grabengäßchen schweben sehen und sei vor Schrecken fast gestorben. Die Kinder waren bei der Dämmerung nicht mehr aus dein Hanse zu bringen und im Hause nicht mehr in das anstoßende Zimmer. Die Erwachsenen, selbst die verrufensten Nachtschwärmer, gingen nicht mehr allein, sondern nur in Haufen Abends aus und eilten, wie ich mit eigenen Augen sah, flucht- ähulich. wie voir einer unsichtbaren Geivalt gejagt, durch 419 die Straßen. Sogar die Nachbarorte waren von der allgemeinen Panik ergriffen, und die Eisenbcchnschaffner streuten die schauerliche Märe von dem höllischen Besuch nach allen Windrichtungen. Ich schämte mich, von solchem Unsinn öffentlich auf der Kanzel Notiz zu nehmen, in den Schulen geschah alles Mögliche zur Aufklärung — alles umsonst. Erst nach 8—10 Tagen endete die Wahnperiodc. Es war wie eine geistig moralische Pest, gegen die es kein Mittel gibt. Da bekämpfe einmal Einer das Angstgefühl eines Nervenkranken mit Vernunftgründen! Uebrigens ist Thatsache, daß auch die Ungläubigen nicht frei von Aberglauben sind; sie haben ihre Wahrsagerinnen, ihre Klopfgeister, vor allem ihrer: Spiritismus mit Geistercitationen, das genügt. Wären Deine theologischer: Fachmänner gegen den dummer: Teufel Bitru rechtzeitig, d. i. vor dessen Entlarvung und Errvürgnng durch den französischer: Erzgauner Taxil, zu Feld gezogen, so hätte ihr Vorgehen ja einer: Sinn gehabt; aber jetzt — hintcnnach — einer: todten Teufel noch einmal toötzuschlager: und die schreckhafte Leiche den geistlicher: Arutsbrüderr: an die Rockschöße zu hängen, das ist lächerlich. Ich kam: leider Deinen theologischen Cclcbritäter: den Vorwurf nicht ersparen, durch ihre Streitschriften die gebildete katholische Laienwelt vor: der katholischen Kirche mehr oder weniger abgedrängt und sonach das Gegentheil von dem erreicht zu haben, was sie vorgeblich wollten. Sie Haber: die verleumderische Anklage, welche die vereinigten Gegner uns Katholikei: schon seit langem ins Gesicht schleudern, daß wir nämlich eine minder- werthrge Klasse von Staatsbürgern seien und in dem modernen Cultur-staat e:ncn Platz garnicht verdienten, als katholisch-theologische Fachmänner vor aller Welt sozusagen bekräftigt und dadurch bewirkt, daß sich jetzt die edelsten und gebildetster: unter dcn katholischen Laien schämen, katholisch zu sein. Du selbst bist mir ja ein Beweis für diese Behauptung. Aber sollte dein: an den: Vorwurf der Minderwcrthig- keit der Katholiken nicht doch etwas Wahres sein? Warum stellen die Katholiken nicht das entsprechende Eoutiugent zu den Gelehrteucollegien unserer Universitäten? Gestatte mir, lieber Freund, diese Frage an Dich zu richten: Warum erzieht ihr gebildete Katholrken denn eure Söhne nicht so, daß sie später, zu Aemtern und Würden gelangt, ihrer Kirche und Religion zur Ehre und zum Vortheil gereichen? Ja, warum denn nicht? Das katholische Volk und der Klerus thun ihre Schuldigkeit; die katholischen Seelsorger in Stadt und Land führen durch Ertheilnng von Privatunterricht den höheren Bildungsanstalten eine erhebliche Anzahl von Jünglingen zu und haben durchaus nichts dagegen, wenn ihre Zöglinge etwas anderes Tüchtiges werden als Priester: aber sollen sie denn den Bauern und Handwerkern befehlen, ihre Söhne v o:: vornherein einem anderen Stand als den: geistlichen zu widmen? Wie soll man denn die Sache da anfassen? Da scheint mir der Vorschlag im bäuerischen Reichsrath, für katholische Gelehrte Privatdvcentcnstelleu zu gründen, viel'praktischer. Schafft nur einmal die erforderlichen Pferde herbes die Reiter werden dann fchon von selber kommen! Aber gelbst davon dürfen wir heute nicht zu viel erwarten. Man vergesse doch nicht, daß die katholische Kirche als schärfste Vorkämpfern: der christlichen Welta n s ch auun g mit der atheistischen Auffassung, die leider in den Kreisen der Gebildeten bereits stark überwiegt, zur Zeit im heftigsten Kampfe liegt und von: Gegner allgemein als Verd u m m ungsanstalt ausgeschrieen wird. Man kann aber auf gebildete Katholiken erfahrungsgemäß keinen tieferen Eindruck machen, als mit dem spöttischen Hinweis: ihr vertretet einen längst überwundenen Standpunkt, eine Verlorne, gehaltlose Sache, die Sache der Dummheit. Das ist das grobe Geschütz, womit die Vorkämpfer des Atheismus fortwährend Bresche schießen in unsere Reihen. Es gehört für einen gebildeten Katholiken mehr Muth dazu, vor solchem Geschütz Stand zu halten, als vor dem modernen Schnellfeuer eines feindlichen Armeecorps. Ein Held ist Jeder gern, aber kein „dummer Junge". Aber sind denn die Katholiken nicht wenigstens in: Geschäftsleben hinter den Protestanten und Juden zurück, fragst Du weiter? Die Juden laß nur gleich aus dem Spiele; ihre geschäftliche Snpcriorität ist eine Rassenfrage, die nnt der Religion wenig zu thun hat. Was dagegen die Protestanten betrifft, so genießen sie augenblicklich noch in der Welt Schonzeit, solange sie nämlich sich von den Vorkämpfern der atheistischen Weltanschauung als Hilfstruppen gegen den Katholizismus gebrauchen lassen: sie gehören sonach zur Zeit noch zur bevorzugten, herrschenden Kaste im Lande, während die Katholiken im Allgemeinen als die Parias gelten. Wen:: daher die Katholiken wirthschaftlich nicht so emporkommen wie die Protestanten, so ist das vielfach die Folge planmäßiger socialer Zurückdrängung des katholischen Elements, nicht aber ang eborner oder unerzogner Minderw erthigkeit desselben. Freilich sollte man an manchen Orten von den Katholiken mehr Intelligenz, Gemeinsinn und Geschäftsenergie erwarten, als man thatsächlich findet. Allein da sprechen eben die mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten des Volkscharaktcrs, natürliche Anlagen, örtliche Verhältnisse n. dgl. auch ein entscheidendes Wort nnt. Welche Summe von Intelligenz, Gcschäftstüchtigkeit, materiellem Wohlstand herrscht nicht unter den Katholiken der Rhcinlande, Belgiens, Hollands n. s. w.? In: Jahre 1870 iah ich zu Fnlda eine Schaar vornehmer, katholischer Industrieller von: Rhein in Prozession, den Rosenkranz in der Hand, laut betend zum Grabe des hl. Bonisazius wallen. Die katholische Religion hindert wahrlich nicht, intelligent, geschäftsgewandt und wohlhabend zu sein. Damit will :ch nicht gesagt haben, daß die Katholiken überall auf der Höhe stehen, auf der sie stehen sollten und könnten, sondern nur soviel, daß der Protestantismus die Menschen nicht gescheidter und der Katholizismus nicht dümmer macht als sie ohnedies wären. Eines aber muß ich zugeben, und das ist von e:n- schncidender Bedeutung, daß nämlich die Katholiken in sogenannten kathol. Ländern, wo der JosepHinismus oder das Staatskirchenthum herrscht, hinter den Katholiken anderer, selbst protestantischer, Länder sowohl im religiös-kirchlichen wie wirthschastlichen Leben auffallend zurückstehen. Merke wohl: ich bringe hier nicht Katholiken mit Protestanten, sondern Katholiken nnt Katholiken in Vergleich. Es scheint da mit dem kathol. Volke ganz dieselbe Wandlung vorgegangen zu sein, wie nnt den mittelalterlichen katholischen Gotteshäusern in den letzten dreihundert Jahren. Wie nämlich diese monumentalen Kirchen in den Händen der Protestanten, die ja bekanntlich keine kirchliche Kunst und daher auch keine Knnstverirrnng auf diesen: Gebiete haben, ihren ursprünglichen Stil und Charakter unversehrt beibehielten, in den Händen der Katholiken dagegen während der Renaissanccperiodc oft bis zur Unkenntlichkeit verzopft wnrdcn, so hat auch das katholische Volk unter der Herrschaft des protestantischen Staates, seine ursprüngliche Glaubens- und Lebenscnergie in der Regel viel besser bewahrt, als unter der Herrschaft des.v sogenannten katholischen Staates,wo das josephin-» ischc Regime den katholischen Volkscharakter- oft bis zur link enntlichke it zu entstellen mußte.' Vergleiche nur einmal das katholische Volk in solchen, joscphinisch regierten katholischen Ländern — Du brauchst.' ja nicht weit zu reisen — nnt den: in: protestantischen Preußen, besonders am Rhein und in Ländern nnt reli--. giöser Freiheit; hier ernste Kirchenzncht, die sich be-' sonders in den Gotteshäusern so wohlthuend benicrkbar macht, dgrt Disciplin losigkeit und Mißachtung der geisttichen Autorität; hier alle Stände, höhere und niedere, wie aus einem Guß, eins und einig in Bethätigung des katholischen Glaubens und der Liebe, dort Kirchen- flncht der höheren Stände einerseits und.religiöses Formelwesen, nennen wir's Sakramentalismns, der niederen Stände anderseits: hier ächter, katholischer Ge- m ein sinn und brüderliches Zusammenhalten auf allen Gebieten, dort vielfach jämmerliche Zerfahrenheit und Verrath an der eigenen katholischen Sache; hier festgcschlossene, innerlich gesunde Kirchengemeinden- in welchen die abgestandenen Katholiken weder Platz haben noch solchen verlangen, dort offenstehende, innerlich zersetzte Gemeinden, in welchen die abgestandenen Ka- thoftken in: Leben und in: Tode trotz entgegenstehender kirchlicher Satzungen als vollberechtigte Mitgfteder gelten und den kirchlich-socialen Organismus vollends vergiften ; hier überall gemeinsame Bildung und Bildüngs- trieb mit wwthschastlichen: Emporblühen, dort vielfach in den unteren Schichten Mangel an bernfs» 420 mäßigem Wissen und an Wißbegierde mit wirth- schaftlichem Niedergang. Es gibt ja auch da Ausnahmen, und zwar nach beiden Richtungen, aber die Regel wird dadurch nur bestätigt. Wie kann es auch anders sein? Wo das katholische Volk in der Kirche Jesu Christi nicht mehr die frer- geborne Tochter Gottes, sondern die willfährige Dienstmagd dcS Staates vor sich sieht, kann seine -Hochachtung vor ihr und ihren Organen wahrlich nicht steigen:'auch ist da nicht zu verwundern, wenn die Leiste ihrem Seelsorger nur noch insoweit Gehorsam entgegenbringe», als sie die Staatsgewalt hinter ihm aufgepflanzt sehen, und wenn sie dann in ihrem Pfarrer mehr einen Voltsbedrücker als Volksbeglücker zu erblicken anfangen. Ich gebe also gerne zu, verehrter Freund, daß es einen verdorbenen Katholizismus — ich meine ja damit nur das äußere Leben der Katholiken — im Lande gibt; aber daran ist der Seelsorgeklerns wahrlich nicht schuld: er leidet gerade am schwersten darunter. Wie da zu helfen, fragst Du mich? Meine Ansicht darf ich offen aussprcchen: Vielleicht könnte durch zeitgemäße Erneuerung einer ächt kirchlichen, aber längst einge- schlafencnInstitution, nämlich der Diöcesansy-roden, die nenestens bereits in einigen auswärtigen Bisthümern mit glänzendem Erfolg und zur größten Freude des Heiligen Vaters wieder eingeführt wurden, eine Wendung zum 'Besseren hervorgerufen werden. Das Hirtenamt der Kirche muß meines Erachteus in das Volksleben wieder mehr eingreifen und das geschieht dadurch, daß die geistliche Regicruug mit dem katholischen Volke durch das Mittel gemeinsamer Srinodalthätigkeit wieder den erforderlichen Contakt gewinnt. Doch weiteres gehört in praktisch-theologische Fachschriften. Ich spreche hier nur eine Meinung aus. ohne den zuständigen Faktoren vorgreifen zu -vollen. Hicnach glaube ick) aber, daß Du Deine Vorwürfe gegen den katholischen Seelsorgeklerns -licht mehr aufrecht erhalten kannst. In treuer Freundschaft Necensiouen rmd Notizen. Nürnberger A. I., Dr., Papstthum und Kirchenstaat. 1. Vorn Tode Pins VI. bis zum Regierungsantritt Pius IX. (1800—1846). Mainz 1897, Franz Kirchheim. (X und 259 SS.) M. 3,00. Wie die Kirche, so hat auch das Papstthum unter dem Zeichen des Kreuzes begonnen. Mit dem Titel eines Patriarchen von Rom war Jahrhunderte lang die Ehre der Martprerkrone verbunden. Unter dem Zeichen des Kreuzes verlaufen auch die Pontificate des XIX. Jahrhunderts. Die ehrwürdigen Greise Pins VI. und Pins VII. wurden in strenge Gefangenschaft abgeführt. In der Mitte des Jahrhunderts reicht eine revolutionäre Erhebung im Kirchenstaat der andern die Hand. Puls IX. muß vor der Revolution von nuten die Flucht ergreifen und wird von der Revolution von oben feiner weltlichen Herrschaft beraubt. In seinem päpstlichen Palast auf dem Quirinal hat ein anderer Fürst seinen Thron aufgeschlagen, und seitdem betrachtet sich Pins IX. und nach feinein Beispiele sein Nachfolger Leo XIII. als Gefangener, der den Vatikan nicht verlassen darf. Diese mannigfaltigen Geschicke der Inhaber des päpstlichen Stuhles voll 1800—1846 schildert der Professor der Kirchengcschrchte an der Universität zu Breslau in obiger Schrift an der Hand der bestell Quellen sehr objektiv und in geschickter Gruppirung. Die Fortführung dieser Geschichte bis auf die Gegenwart soll noch ili diesem Jahre erscheinen und den ersten, auch separat käuflichen Band eines größeren Werkes „Zur Kirchengeschichte des XIX. Jahrhunderts" abschließen. Die folgenden Bände der sehr zeitgemäßen, gemeinverständlichen Geschichtsdarstellungen sollen dann folgende Themen behandeln: Säkularisation und Reorganisation der Kirche in Deutschland. — Restauration und Revolution in Frankreich. — Das Waticannni und seine religiösen Opponenten. — Die katholische Kirche in Preußen. — Mit Spannung verfolgt der Le ser die in vorliegendem Band geschilderten Wechselfälle, die für die Katholiken unserer Tage von aktueller Bedeutung sind, da sie im Zusammenhang stehen mit der „römischen Frage", die für die katholische Welt noch immer eine ungelöste Frage ist. Wir empfehlen daher diese verdienstvolle, nobel ausgestattete Schrift allen, welche einen tieferen Einblick in das revolutionäre, anti- christliche Treiben unserer Zeit gewinnen wolle». Dr. R, Saladln, ^ehova's gesammelte Werke: Eine kritische Untersuchung des jüdisch-christlichen Neligions-Ge- bäudes auf Grund der Bibelforschung. 8", XIV u. 348 SS. Zürich, W. Schanmburg, 1897. s. Eine gewisse Presse hat dieses Buch mit höchsten! Entzücken begrüßt: es ist nichts mehr und nichts ivemger. als eine mit frivolstem Paukeewitz losgelassene Schimpfiade auf jede positive Religion, besonders das Christenthum, und das in einem Tone von verblüffender Roheit. Der Verfasser dieses erbärmlichen Machwerkes heißt eigentlich W. Stewart Roß und leistet sich hicmit das heldenhafte Kraftstück, das, ivas den Christen das Heiligste ist und auch vorn Ungläubigen, soweit er nämlich etwas Anstand hat, wenigstens geschont wird, in den Koth zu ziehen: das geschieht in einer Weise, die alles übertrifft, was uns je voll antichristlicher Literatur zu Gesicht gekommen; Alles, ivas je unter dem Namen Gotteslästerung in Gerichtssälen zur Verhandlung gekommen, erscheint dagegen als harmlose Ungezogenheit. Aus jeder Zeile blitzt wahnsinniger, teuflischer Haß gegen christliche Lehre und Cultur. Die Argumente, mit denen dieser „Denker" operirt, sind so einfältiger und oberflächlicher Natur, daß sie auch dem blödesten Leser nicht impomren können. Nur die Gewandtheit des Stiles ist im Stande, die Aufmerksamkeit etwas in Allspruch zu nehmen. Die maßlosen Verhöhnungen jeden religiösen Gedankens müssen selbst den Leser anekeln, der den Standpunkt des Verfassers theilen sollte. Das ist ein wohlfeiler Ruhm, ernsthafte Dinge damit abzuthun, daß man sie lächerlich macht und jeden Funken des Forschens nach wahrer Erkenntniß in unverschämtem giftgeschivollenem Spotte zu ersticken sucht. Die Meinung, daß dieses Geschreibe den Ehrennamen „kritische Untersuchung" und „Bibelforschung" führen kann, überlassen wir neidlos den geistig verkommenen Lebemännern der blasirten Salonwelt, die da nichts gelernt haben und es vielleicht zuwege bringen, Saladins Unglaubensbekenntnisse geistreich zu finden. Der Geschmack lst eben zu verschieden. 'Aber nur Dummköpfe können von einem Possenreißer sich am Narrenseil führen lassen. Itiuers-rium, d. i. christlicher Reisesegen, übersetzt aus dein Lateinischen des Breviers und mit einem Vorwort und Allhang versehen von L. Cölestin, Kapuziner, München. Verlag der I. I. Lcntner'schen Buchhandlung. 1898. Den Priestern wird von der Kirche an's Herz gelegt, daß sie, so oft sie eine Reise antreten, das Reisegebet des Breviers verrichten sollen. Aber auch Laien ist es dringend zu rathen, diesen schönen Gebrauch der Kirche zu befolgen. Denn „schon manche", wie der Herausgeber mahnend bemerkt, „sind gesund zur Eisenbahn gegangen und haben nicht geahllt, daß diese Reize die letzte ihres Lebens sei und sie am gleichen Tage noch antreten würden die große Reise in die andere Welt". Obige Uebersetzung auf 32 Seiten iu Taschenformat bietet auch noch 10 köstliche Reise- Regeln für die Eisenbahnfahrt und kann darum allen Reisenden anf's beste empfohlen werden. Dr. A. Hettinger Fr., Timotheus: Briefe an einen jungen Theologen. II. Auflage von Alb. Ehrhard. 8", vv. XX u. 610. Freiburg i. Br., Herder, 1897. M. 4.50; geb. M. 6,30. Diese beliebten „Briefe" befinden sich wohl in den Händen jedes jungen Theologen, nur werden die darin niedergelegten Ermahnungen nicht immer befolgt. Ein wohlthuender Hauch der Begeisterung durchweht dieses kostbare Buch, das eine Neuauflage vollauf verdient hat, an der man überall die bessernde Hand des gelehrten Pros. Ehrhard erkennt, der keine Zeit und Mühe gescheut hat, die vielen Citate nachzuprüfen, zu vervollständigen und noch weitere einzufügen. Der gefeierte Name Het- tingers genügt, um den Leserkreis des Buches immer größer zu machen. Verautw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.