Apostolische Constitutimr Keiner Heiligkeit Heo's, durch die göttliche Vorsehung Papstes, über die Wiederherstellung der Einheit des Hrdens der Minderen Ariider. Leo Bischof. Diener der Diener Gottes. Zum ewigen Andenken. Es ist Unseres Erachten?, durch eins glückliche Fügung und jedenfalls nicht zufällig geschehen, daß Uns einst von allen Provinzen Italiens gerade Umbrien, die Hcirnatb dcS heiligen Franziskns von Assisi, zn Theil ward, um das bischöfliche Amt zu versehen. Denn durch die Gegend selbst dazu aufgefordert, ergaben Wir Uns einem eingehenden Studium über den seraphischen Vater, und da Wir so viele Denkzeichen an ihn und gleichsam seine Fuß- stapfen betrachteten, die Uns nicht nur an ihn erinnerten, sondern ihn persönlich Uns vor Augen zu stellen schienen; und nachdem Wir wiederholt die Bergeshöhe von Alvernia erstiegen und die Orte sich Unseren Blicken darboten, wo er das Tageslicht erblickt, wo er gelebt und gestorben, von wo aus durch sein Werk soviel des Guten und.Heilsamen in alle Gegenden des Westens und des Ostens sich ergossen, da erkannten Wir um so besser und vollständiger die Größe des Mannes und der ihm von Gott zugewiesenen Aufgabe. Wunderbar ergriff Uns Francisci Auftreten und Wirken, und weil Wrr gewahrten, daß die innere Kraft seiner Einrichtungen die christliche Gestaltung des Lebens gar sehr gefördert hat und auch durch die Länge der Zeit nicht abgeschwächt werden kann, bestrebten Wir Uns, während Wrr das Bisthnm Perugia innehatten zur Mehrung der christlichen Frömmigkeit und zur Erhaltung der guten Sitten im Volke den dritten Orden, dem Wir nun selbst seit 25 Jahren angehören, wiederherzustellen und zn verbreiten. Auch nachdem Wir den apostolischen Stuhl bestiegen, behielte» Wir die gleiche Gesinnung und ,,Absicht bei. Und da Wir aus diesem Grunde wünschten, daß dieser Orden nicht innerhalb enger Grenzen, sondern allüberall "erblühe und, wie früher, Gutes schaffe, milderten Wir, soweit es Uns nothwendig schien, seine Regelvorschriften. damit solche zeitgemäßere Normirung beim christlichen Volte allgemeinen Anklang fände. Der Erfolg erfüllte unsere Hoffnung und Erwartung. Doch Unsere Liebe zum großen heiligen Franziskns und zu seinen Stiftungen forderte von Uns noch etwas weit Bedeutenderes, und Wir beschlossen auf göttlichen Antrieb dessen Ausführung. Es hat nämlich jetzt der erste FranziSkaner-Orden Unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und es gibt kaum einen zweiten, finden Uns eine wachsamere und liebevollere Obsorge zustünde. Denn gar ansehnlich und des Wohlwollens und der Zuneigung des apostolischen Stuhles würdig ist die -Ordensfamilie der Minderen Bruder, die zahlreiche und nimmer aussterbende Nachkommenschaft des heiligen F-ran- ziskus. Ihr Vater hat befohlen, daß sie die Regeln und Lebensvorschriften, die er gegeben, in der ganzen Folge der Zeiten aus das Gewissenhafteste befolge, und er hat nicht vergeblich befohlen. Denn es gibt kaum einen anderen Mcnschenverein, der so viele Tugendhelden, so viele Prediger des Christenthums, so viele Märtyrer Christi so viele Bürger des Himmels hervorgebracht hätte, oder in dem so viele Männer vorhanden gewesen, die durch Pflege jener Wissenschaften, die am meisten geschätzt werden, der Christenheit und auch dem bürgerlichen Gemeinwesen Ruhm und Nutzen gebracht haben. Zweifellos wäre die Menge dieser Güter größer und dauernder gewesen, wenn das Band engster Einigung und Eintracht, wie es in der ersten Seit des Ordens bestand, immerdar geblieben wäre: denn je geeinigter die Kraft ist, desto stärker ist sie; durch Trennung wird sie gemindert (8. Illwm. 2, 2 c>a°, 9. 37, !>. 2, aä 3). Der vorausblickendc Geist des heiligen Franziskns hat das wohl erkannt und dadurch Vorsorge getroffen, daß er die Gesellschaft der Seinigen als eine unauflöslich verbundene und zusammen- bängende Körperschaft ganz richtig erdachte und gründete. Was wollte er anders, was that er anders, als er eine einzige Lebensrcgel vorlegte, die Alle ohne jede Ausnahme der Zeit und des Ortes befolgen sollten, oder als er anordnete, daß Alle der Gewalt eines einzigen höchsten Vorstehers unterworfen sein und gehorchen sollten? Daß die Bewahrung dieser Eintracht sein vorzüglichstes und beständiges Streben gewesen, bestätigt klar und deutlich sein Jünger Thomas von Celano, indem er sagt: „Er hatte den beständigen Wunsch und ein wachsames Streben, das Band des Friedens unter den Brudern zn bewahren, damit Diejenigen, die ein Geist herbeigezogen, ein Vater gezeugt batte, im Schooße einer Mutter friedlich versammelt waren." (Vita saemuls, p. 3, v. 21.) Doch hinlänglich bekannt sind die späteren Ereignisse. Mag es an der Unbeständigkeit des menschlichen Willens, oder an der Verschiedenheit der Geister in einer so zahlreichen Gesellschaft, oder an der allmäblig veränderten Richtung des allgemeinen Laufes der Zeit liegen: kurz. unter den Franziskanern griffen verschiedene Auffassungen über die Einrichtung des gemeinsamen Lebens Platz. Jene vollständige Eintracht, die Franziskns im Auge hatte und anstrebte, und deren gewissenhafte Bewahrung von Seiten der Seinen er wollte, umfaßte hauptsächlich zwei Punkte: die Liebe zur freiwilligen Armuth und die Nachahmung seines Beispieles in der Uebung der übrigen Tugenden. Das ist die Devise des Ordensinstitutes der Franziskaner, das die Grundlage seines unversehrten Bestandes. Indessen einige seiner Jünger wünschten zwar ganz dieselbe äußerste Armuth an Allem, die der Heilige in seinem ganzen Leben so hochgehalten: Andere aber, denen diese zu schwer schien, zogen eine gemilderte Lebensweise vor. So erfolgte eine Trennung, und es entstanden einerseits die Observanten, andererseits die Conventualen. Ebenso wollten Einige jene strengste Enthaltsamkeit und die erhabenen Tugenden, durch die Franziskns so wunderbar geleuchtet, in großherziger Strenge, Ändere in milderer Weise nachahmen. Nachdem aus den ersteren die Ordensfamilie der Capuziner sich gebildet hatte, war eine Dreitheilung erfolgt. Doch darob schwand der Orden keineswegs dahin: denn es ist allbekannt, daß die Mitglieder der einzelnen erwähnten Ordenszweige durch herrliche Verdienste um die Kirche und Tugendrnhm hervorragen. Bezüglich der Orden der Capuziner und der Con- ventnalen haben Wir durchaus keine neue Bestimmung getroffen. Beide mögen ihre rechtmäßige Verfassung und Einrichtung, wie bisher, auch in Zukunft besitzen. Dieses Unser Schreiben betrifft nur Diejenigen, die durch Verleihung des apostolischen Stuhles vor den übrigen den Vorrang haben und den reinen, von Leo X. (Oon3(. ,,Us 6t V 03 " IV. Lsl. lau. 1S17) erhaltenen Namen „Mindere Bruder" festhalten. Auch ihre Lebensweise ist nicht allenthalben die nämliche, da sie zwar die Bestimmungen der gemeinsamen Regel zu beobachten trachten, doch die eine mehr, die andere weniger strenge. Dieser Umstand hat bekanntlich vier Kategorien hervorgebracht: die Obser- vanten, die Reformaten, die Excalceaten oder Alcantariner, die Recol lecten; doch wurde die Gemeinsamkeit nicht gänzlich aufgehoben. Denn obschon die einzelnen Ordensfamilicn in Privilegien, Statuten und Lebensweise sich unterschieden und jede ihre eigenen Provinzen und Noviziate hatte, so hielten doch stets, damit das Princip der ursprünglichen Einigung nicht verloren ginge, alle an dem Gehorsam gegen einen und denselben Vorsteher fest, den sie mit Recht „Generalministcr des gesummten Ordens der Minderen Brüder" nennen (Ueon X. vo»8t. oit. „Its et vos'-). Mochte diese Vertheilung Vortheils,after erscheinen als die vollkommene Gemeinschaft oder nicht: sie hat den -Orden zwar gespalten, aber nicht .gebrochen. Ja, da seine einzelnen Zweige seeleneifrige und durch Tugend und Weisheit hervorragende Stifter und Mitglieder hatten, wurden sie des Wohlwollens und der Gunst der römischen Päpste für würdig erachtet. In dieser Beziehung gewannen sie Kraft und Fruchtbarkeit und erwiesen sich mächtig in Hervorbringnng heilsamer Wirkungen und in Erneuerung der Tugendmuster der alten Franziskaner. Doch, welche menschliche Einrichtung kann sich denr Einflüsse des Alters entziehen? Jedenfalls lehrt die Erfahrung, daß das Streben nach 422 Vollkommenheit, welche beim Ursprung und in der erst m Zeit der religiösen Orden so streng zu sein pflegt, allmübi a nachläßt und der ursprüngliche Eifer meist mit dem Alter abnimmt. Dieser Ursache des Verfalles, den die Zeit mit sich bringt und der allen menschlichen Vereinen von Natur aus anhaftet, gesellt sich als äußere Ursache feindliche Gewalt bei. Der gewaltige Sturm, der seit mehr als hundert Jahren gegen die katholische Christenheit wüthet, hat in seinem natürlichen Verlaufe auch die Hilfstruppen der Kirche. Wir meinen die religiösen Orden, getroffen. Gibt es eine Gegend im Gestade Europas, die nicht ihre Beraubung. Vertreibung, Verbannung, feindliche Behandlung gesehen? Wir müssen uns glücklich schätzen und es dem göttlichen Beistand zuschreiben, daß wir sie nicht gänzlich vernichtet sehen. Nun aber haben sie aus diesen beiden Gründen nicht wenig gelitten; denn die doppelte Bedräng- niß konnte nicht umhin, ihr Gefüge zu lockern, die frühere Disciplin ->u schwächen, wie in einem kranken Körper das Leben abnimmt. Daher die Nothwendigkeit einer Erneuerung. Es kehlte auch nicht an religiösen Orden, die aus eigenem Antriebe und mit lobenswcrther Bereitwilligkeit die erwähnten Wunden zu heilen und zu ihrem früheren Zustande zurückzukehren bemüht waren. Obwohl nun die Minderen Brüder dies sehr wünschen, so können sie es doch schwer oder gar nicht erreichen, weil bei ihnen das Zusammenwirken vereinter Kräfte vermißt wird. In der That, das Haupt des Ordens besitzt nicht über alle ein- elnen Zweige eine volle und absolute Gewalt; die bc- onderen Statuten einiger derselben gestatten manche einer Anordnungen zurückzuweisen; es ist klar, daß dadurch den; Widerstreit der Meinungen und Gesinnungen tets die Thür offen steht. Ueberdies, obschon die ver- chiedenen Gemeinschaften einen Orden ausmachen und gewissermaßen eine Einheit bilden, aber doch den Provinzen nach geschieden sind und je ihre eigenen Noviziate haben, so geschieht es nur zu leicht, baß jede einzelne sich von ihrem eigenen Interesse leiten läßt und sich mehr liebt als die Gesammtheit, so daß, da die einzelnen auf sich selbst sehen, die großen Vortheile der Gemeinsamkeit außer Acht gelassen werden. Schließlich ist es kaum von Nöthen, die Streitigkeiten und Zwistigkeiten zu erwähnen, welche die Verschiedenheit der Ordenszweige, die Mannigfaltigkeit der Statuten, die ungleichen Bestrebungen so oft erzeugt haben, und die sich beim Fortbestände derselben Ursachen täglich wiederholen können. Was ist aber verderblicher als Zwietracht? Hat sich diese einmal festgesetzt, so schwächt sie die Hauptlebenskräfte und bringt auch die blühendsten Gemeinschaften den Untergang entgegen. Darum muß der Orden der Minderen Brüder durch Beseitigung der Zersplitterung seiner Kräfte gestärkt und gefestigt werden, umsomehr, als heutzutage die Volks- thümlichkeit eine große Rolle spielt; daher berechtigt eine Genossenschaft von Ordensleuten, die rhrem Ursprünge, ihrer Lebensweise, ihren Einrichtungen nach volksthümlich sind, zu keinen geringen Erwartungen. Denn Jene, die für volksthümlich gelten, können sich viel leichter an das Volk wenden und so für das gemeinsame Wohl wirken und handeln. Wir sind dessen gewiß, daß die Minderen Brüder diese Gelegenheit, sich wohl verdient zu machen, eifrig und erfolgreich benützen werden, wenn sie stark, geordnet, gehörig ausgerüstet dastehen. (Schluß folgt.) Heinrich Mehul. Zu seinem 80jährigen Todestag (18. Okt. 1817) von A. G. Die Zelt, in der wir leben, ist schnelllebcnd, aber auch schell vergessend, nnd doch ist es Pflicht der Nachwelt, eingedenk des Satzes: umwinisso z'nvat, sich der Vorwelt zn erinnern, besonders wenn man an den Thaten der Verlebten gleichsam noch zehrt, sich ihrer Schöpfungen erfreut, sich an denselben ergötzt. So möge, wenn auch kurz und bündig, Heinrich Mehul's gedacht werden, dessen unsterbliches Werk „Joseph und seine Brüder" auch die Deutschen heute noch begeistert. Er ist eines Mementos werth nicht nur als Komponist, sondern auch als Mensch. Heinrich Mehul, einer der größten Musiker Frankreichs, erblickte das Licht der Welt am 24. Juni 1763 zu Givet, einer kleinen Stadt im Departement der Ar- dennen. Arm von Haus aus, ohne Mittel zu seiner Ausbildung, mit einer guten Stimme begabt, begeistert schon als Knabe für die Musik, genoß er zuerst den Unterricht eines blinden Organisten, sang auf dem Chor der Franziskanerkirche seiner Vaterstadt und war deren Organist bereits in einem Alter von zehn Jahren. Es wird seine Kunstfertigkeit auf der „Königin der Instrumente" damals schon gelobt, und die Franziskanerkirche bezw. das Orgelspiel des Kleinen zog Hunderte aus der Hauptkirche dorthin. Der Abt eines nahen Klosters kam auf einer Inspektionsreise auch nach dem Prämonstcatenser- kloster Schussenricd im heutigen Württembergischen Schwaben- laud, allwo jetzt das Kloster in eine Staatsirrenanstalt umgewandelt wurde. Dort war Wilhelm Häuser Chorregent, der den Abt auf seine inständigen Bitten nach seinem französischen Kloster begleitete, um hier Kirchen- gesang und Kirchenmusik, zu reformiren. Mehul hörte alsbald davon, ließ sich vorstellen, und der Anfang zu seinem Glück, der Anfang zn seinen; Ruhm war gemacht — gemacht durch ein Kloster, durch eine Anstalt also, bei deren Nennung heutzutage mancher Deutsche sofort eine gewaltige Gänsehaut bekommt! Hanser erkannte alsbald das Talent des jungen Mehul, der ihn öfters besuchte. Da aber die Abtei ziemlich entfernt war, da der Knabe bezw. dessen Eltern die Mittel nicht hatten, ihn als Pensionär im Kloster unterzubringen, so nahm letzteres denselben gratis auf, und in dem Kloster und dessen herrlicher Umgebung erlebte er, wie er selbst gestand, die schönsten Tage seines Lebens. Mehul war aber auch dankbar, dankbar durch seinen Fleiß und sein stetes rastloses Streben, dankbar dadurch, daß er im Kloster zwei Jahre lang den Organistenpostcn versah. Wenig hätte gefehlt, er wäre stets im Kloster geblieben als Ordensmann. Der Oberst eines in der Nähe garnisonirenden Regiments trug die äußere Schuld, daß es anders kam. Derselbe, ein vortrefflicher Kenner der Musik, hatte auch Mehnls großes Talent erkannt, er schlug ihm vor, ihn nach Paris mitzunehmen, dem Mittelpunkt des musikalischen Treibens von ganz Europa, und ihn dort vollends ausbilden zu lassen, und Mehul schlug ein. Dorthin zog er, sechzehn Jahre alt, im Jahre 1778. „Bei der ersten Aufführung von Glucks ,Jphigenic in Tauris' konnte er Zeuge sein der großen Aufregung, welche der Wettstreit zwischen der italienischen und deutschen Musik hervorgerufen hatte, nnd in dem Erfolg der letzteren einen mächtigen Antrieb zu eigenem Schaffen gewinnen," wie Mendel sagt. Mehnls Eifer in seiner Forivnonng, weicyc von oen besten Meistern betrieben wurde, war ungemein groß, und bald erschienen die ersten Erzeugnisse seines Wissens und Könnens, nämlich mehrere Klaviersonaten, gewidmet seinem Lehrer, dem Componisten Edelmann. Diese Erzeugnisse bewiesen aber dem Componisten selbst, daß er sozusagen für die Instrumentalmusik nicht geboren sei, und in Erkenntniß hievon wandte er sich mit noch größerem Eifer der Vocalmnsik, besonders dem dramatischen Stile, zu — seinem Felde. Sehr zn statten kam damals dem jugendlichen Mehul die Zuneigung nnd Liebe des Meisters Gluck, der die französische Oper re- gencrirt hatte. ^23 ^7 » Drei Erstlingsopern hielt er selbst der Aufführung nicht würdig, eine vierte „^lonxo st Oors.«, reichte er bei der Großen Oper ein, und nach vollen sechs Jahren wurde dieselbe endlich aufgeführt. Auch die Komische Oper brachte Werke des Meisters theils mit mehr, theils mit weniger Erfolg, die Franzosen waren, >vie sie noch sind, mitunter zu verwöhnt, mitunter zu wetterwendisch. Das aber steht fest: Mehul zeigte sich als Meister hauptsächlich in der Jnstrumentirung. Es folgte Werk auf Werk, Mehul stieg im Ansehen als Komponist — die Werke einzeln aufzuführen, würde den uns zugewiesenen ,Raum weit überschreiten — er war aber auch ein vorzüglicher Lehrer und leistete als einer der Jnspectoren des Konservatoriums Großes und Bedeutendes, benutzte aber diese seine Ehrenstelle zugleich stets dazu, seine eigene musikalische Bildung noch zu vervollkommnen. Wenig Glück hatte er in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts mit verschiedenen Nachahmungen der italienischen Opera bulla, welche alle Sujets ziemlich leichter bis sehr leichter Art zur Grundlage haben. Zwei neue Sterne ersten Ranges stiegen am musikalischen Himmel auf, Cherubim und Spontini; ersterer feierte mit seiner „Faniskä", letzterer mit der „Bestalln" geradezu riesige Triumphe. Mehul mußte in das Lob nolsns völsus einstimmen, er that es, zugleich aber warf er sich wieder auf das eifrigste Studium besonders des Kontrapunkts und der Fuge, und die Frucht des Studiums war zunächst die Oper „Joseph in Egypten", welche erstmals vor 90 Jahren, am 17. Februar 1807, in Paris aufgeführt wurde. Sie gefiel, aber nicht so, wie der Komponist es hoffte. Da gerade diese Oper alsbald auch auf dem deutschen Theater Eingang fand und bis heute noch in Deutschland gern gehört wird, so mögen über dieses Werk speciell einige Kritiken von Kennern hier einen Platz finden. Der vielfach von Komponisten gefurchtste Musikkritiker Hanslick-Wien schreibt: ,Joseph und seine Brüder' hat den Ruhm des Meisters für immer besiegelt. Mehuls Grundsätze in der dramatischen Komposition waren im großen und ganzen die Glucks, nur modificirt, ivenn man will gemildert durch die Verschiedenheit des Temperaments, der Nationalität, des Alters. Als oberstes Gebot betrachtet er die Uebereinstimmung der Musik mit dem Wort, dem Charakter, der Scene. Die dramatische Wahrheit ist ihm die oberste, aber nicht die einzige Forderung; den Reiz der Melodie, die Kraft der musikalischen Erfindung will er nirgends missen. „Du hast", schrieb er au Verton nach der Aufführung von dessen komischen Oper „I-s ostsvalisr ciss LäiMASk", „mit ausgesuchtem Geschmack den Punkt erfaßt, bei dem man einhalten muß, um nicht melodiös nur zu deklamiren, um nicht un- dramatisch bloß zn singen." Am reinsten und schlichtesten finden wir diesen Grundsatz in Mehuls „Joseph" verkörpert." Und Freiherr v. Biedenfeld sagt in dem Werke „Die komische Over": „Mehuls Meisterwerk ,Joseph und seine Brüder' wird stets Beifall finden und stets als ein in sich vollendetes Kunstwerk tiefster nnd blühendster Innigkeit, lebensvoller Melodie und erhabener Schönheit, einfacher Harmonie erscheinen." Da Mehul mit den Erfolgen, die sein „Joseph" in Paris erzielte, bei weitem nicht zufrieden war, wurde er mißmuthig und wandte sich einerseits der „Balletmusik" zu, anderseits der Komposition von Symphonien, hatte aber hier keine Lorbeeren zu erringen. Er hatte sich bei den letztgenannten Kompositionen Haydu als bestes Vorbild genommen, blieb aber weit hinter diesem zurück. Betrübt durch solche Mißerfolge, ein Brnstleidcn mit sich herumtragend, lebte er still für sich und seine Lieblinge, die Blumen, in einem abgelegenen Häuschen einer der Pariser Vorstädte. Noch einmal raffte er Geist und Körper zusammen, indem er die Oper „I-a, sournss aux avsnturss" zur Aufführung einreichte. Sie wurde mit Beifall aufgenommen — enthält auch schöne Pieren —, aber der Beifall galt mehr dem Manne, der viel geleistet und jetzt krank war, er galt seinem „Schwannengesaug". Die körperlichen Leiden nahmen zu, der Aufenthalt in einer milderen Gegend wirkte wohlthuend, aber das Heimweh trieb den Kranken wieder nach Paris zurück, wo er am 18. Oktober 1817 im Alter von 54 Jahren mit Tod abging — nach dem Tode mehr geschätzt und geehrt, als im Leben, wie es so manchem Sterblichen gegangen ist, geht und gehen wird. Mehul hat viel geleistet, am Ende zu viel, nnd darum nicht immer Hervorragendes. Als Mann war er von strengster Rechtlichkeit, größter Uneigennützigkeit und Einfachheit, in den Sitten. Gern half er, wo er konnte» nnd er war ein väterlicher Freund seiner Schüler. Glück hatte er nicht viel, und manche Mißerfolge waren schuldig, daß er erbittert wurde und überall Feinde zu haben glaubte, besonders in den letzten Jahren seines Lebens und Wirkens, als bereits der Körper krank wurde — sein Geist blieb klar und hell, bis er starb. Auf materielle Vortheile war der von Haus aus arme Meister nie erpicht. Zum Beweise hiefür mag schließlich noch eine Episode aus seinem Leben angeführt werden. Als Kaiser Napoleon I. ihm die erledigte Kapellmeisterstclle anbot, machte Mehul demselben den Vorschlag, sie zwischen ihm und Cherubim zu theilen. Dieser collegialische schöne Plan wurde freilich durch Napoleon vereitelt, der Cherubim nicht hold war. „As ms parlsx xas äs sst stsrnms IL!" war die Antwort des Kaisers, und die Stelle erhielt ein Dritter. Deßgleichen wollte Mehul den Kaiser bestimmen, Cherubin! den Orden der Ehrenlegion zu verleihen, den er selbst besaß; sein Bestreben war vergebens, aber Mehuls Eintreten für Cherubim zeigt klar sein gutes Herz, Cherubim war ja sein Rivale. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) Nach dieser Abschweifung wird es am Platze sein, jetzt den 70er Krieg mit seinem ganzen Jammer und Elend und mit seiner Fülle tragischer Mißverständnisse vorüberziehen zu lassen. Viel ist über diesen welthistorischen Krieg geschrieben worden, in Gedichten und Prosa; wollte man diese Ergüsse alle zählen, sie erreichen fast die Zahl der französischen Kriegsentschädigungssumme, ohne jedoch auch nur annähernd den klingenden Werth derselben zu besitzen. Zunächst war die äußere Veranlassung Prinz Leopold von Hohenzolleru; wenige werden wissen, daß dieser zweifach (durch Mnrat und Beanharnais) mit Napoleon III. verwandt war. Ebenso ist es durchaus irrig, zu glauben, die Kriegsbegeisteruug sei in Paris eine allgemeine gewesen. Noch im September 1870 stritt man sich in der Pariser Akademie, ob mau — das Grab der Makkabäer ankaufen solle; man sprach von der Sensation erregenden Polka „Colibri" des Pianisten H.» 424 n..c ganz wenig vom Kriege. Der „Rappel" war iinmcr friedliebend,' ebenso dcmonstrirte eine riesige Arbeiter- versammlung gegen den Krieg. Am Tage der offiziellen Kriegserklärung erschoß sich in Washington der französische Gesandte Prövost-Paradol, da er den Ausgang ahnte; ebenso rief Louis Blaue, der die Nachricht mit Emil dc Laveley ein London empfing, ans: „Wir werden unterliegen!" Eine weitere Legende des 70er Krieges ist die Begeisterung der französischen Soldaten für Napoleon. d'Hörisson erzählt,'4 daß der Kaiser im Lager von Ehülons sich von Witzbolden anulken lassen mußte. Als die Soldaten an ihm vorbei defilirten, rief ein Spaßmacher: Vivo i'Lwporsur!; dann zählten die andern 1, 2, 3 und riefen: N . .. . (ein gemeines Schimpfwort). Trotzdem schrieb der „Monsieur" unterm 20. August hierüber: „Die Soldaten haben ihn umringt und ihn gebeten, sie vorwärts zu führen." Napoleon III. war es auch, der den vielgcschmähten, von Gambetta moralisch hingeschlachteten Bazaine zum Sündenbock seiner Politik machte; er redete ihm in alles hinein, und als feine Rathschläge sich als die denkbar schlechtesten erwiesen, zog er sich nach Chälons zurück, damit Bazaine die furchtbare Last der Verantwortlichkeit allein trage. Vom August 1870 schreibt der patriotische Franzose d'Hörisson: „Paris hat mehr das Aussehen, als bereite sich eine Revolution (gegen Napoleon) vor, nicht eine Belagerung." Derselbe schiebt alle. Verantwortung Napoleon III. zu; mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit wirft er auch der Kaiserin Engenie vor, sie habe Napoleon zur Uebernahme der Hcerführnng gedrängt, um während ihres Gemahls Abwesenheit in Paris die Regentschaft an sich reißen zu können. — Während der Pariser Belagerung herrschte die kläglichste Uneinigkeit und Zerfahrenheit unter den leitenden Persönlichkeiten. General Trochn, der Stadtcommandant, hielt, statt die Vertheidigung zu organisircii, lange Reden er besaß eine Virtuosität darin — und nannte sich den „Jesus Christus" der Situation, während der verlogene Theater- held Gambetta, der seine Laufbahn damit begonnen hatte, in der Kammer zwei Soldaten der Linie zu vertheidigen, welche in die Correctionstrnppc geschickt wurden, da sie einem Redner applandirt hatten, welcher die Ermordung Napoleons III. besprach, in den Provinzen sich nmher- trieb und lügenhafte Telegramme über Telegramme allenthalben versandte. Mit rührender Beredsamkeit wußte er auseinanderzusetzen, er habe schon als Kind, jedenfalls in Borausahnuug der kommenden Dinge, sich selbst ein Auge ausgestoßen, um nicht Priester werden zu müssen, um besser seinem Vaterland dienen zu können; vielmehr verlor Gambetta sein Auge, als er einem Messerschmied zuschaute und — als Kind von sechs Jahren — jedenfalls noch keine Nevanchegedauken hegte. Ebenso sicher ist, daß die sonst so ehrwürdige Jungfrau von Orlöans, deren Heldengestalt gerade während des 70er Krieges sich wieder zu erheben begann, in ihrer Jugend weder Schafe noch Schweine gehütet hat. Lesigne in „Im Lu ä'uirv löAanäa" (Paris 1889) hat den ihr anhaftenden romantischen Nimbus — bei aller Achtung ihrer wahren, nn- gcheucheltcu Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit — zerstört und damit dem giftsprüheuden, grünängigen Ungeheuer der Revanche einen seiner gefährlichsten Eckzahne ansge- brochen. Die Ironie der Weltgeschichte will ja auch, das; das Heldenmädchen nicht gegen die Preußen, sondern gegen den wirklichen Erbfeind der Franzosen, die Engländer, kämpfte. Thatsache ist, daß 1870 mehrere hysterische Französinnen sich als Nachfolgerinnen der Jungfrau von Orlöans berufen fühlten und ins Irrenhaus gebracht werden mußten. Noch einige Worte über den sonderbaren Patrioten Thiers, den liböratour tlo territoire. Was es mit letzterem Beinamen für eine Bewandtnis; hat, ist wirklich kostbar. Die „Befreiung des Territoriums", die von den Franzosen so heiß ersehnte, hatte nämlich Bismarck dem ehemaligen Finanzminister Pouyer-Quertier schon bewilligt, Thiers aber, um selbst das Verdienst zu haben, ignorirte dies; denn, sagte er, sonst würde ich der uasomklös gegenüber die Rolle einer vioillo könne spielen. So kam es, daß Bismarck einmal ein besserer französischer Patriot war, als der eitle Thiers, der .Hohepriester des Patriotismus. Derselbe Thiers verstand es, nach dem Friedensschlüsse durch die vielen Büttel seiner diplomatischen Hausapotheke einige russische Emigranten, die sich in das politische Lazarett, Paris geflüchtet hatten, an sich zu locken, so die Prinzessin Lisa Trnbetzkoi, welche mit französischem Gelde 1872 in Petersburg ein französischrussisches Journal (In blorva.) gründete, das jedoch bald einging. Die Prinzessin verfeindete sich später mit Mac- Mahon und starb in Vergessenheit. 1874 reiste der Zar nach England, ohne Frankreich zu berühren. Eine Entente schien also in weiter Ferne, so sehr auch der Duodez- Catilina Henri Rochefort, der politische Klopffechter, und der pompöse Odenfabrikant Victor Hugo ihre Künste spielen ließen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Huck Chr., Dogmenhistorischer Beitrag zur Geschichte der Waldenser, nach den Quellen bearbeitet. 8'. pp. II 83. Freiburg i. Br., Herder 1897. M. 2,00. § Die Geschichte der Waldenser wurde seit Flacius Jllyricus von den protestantischen Kirchenhtstorikern aus begreiflichen Gründen immer mit besonderer Vorliebe behandelt. Nur wurden dabei die ältesten und zuverlässigsten Quellen, sofern sie katholischer Herkunft sind, über Gebühr vernachlässigt, um eben das Bild zu gewinnen, das man wünschte. Der Verfasser des Buches rit der erste, der auf katholischer Seite es unternimmt, die dogmengeschichtliche Entwickelung des Waldenserthums einer quellenmäßigen Darstellung zu unterziehen und sein Verhältniß zum Protestantismus klarznlegen. So füllt das Buch eine Lücke in unserer Literatur aus und ist als eine verdienstliche, werthvolle Gabe zu begrüßen. Leb recht Jo h., Geistliches Brennglas, oder: Eine Rom» reise mit nützlichen Abstechern. Ein Büchlein für Arbeiter. 8", 92 SS- Freiburg i. Br., Herder l897. M. 0,50 gebd. -- Unterhaltliche und lehrreiche Plaudereien in frischem Ton gehalten, dem mau nur ein bischen die Absicht anmerkt, ein berühmtes Muster zu erreichen. Der Titel ist ganz verunglückt nnd von ausgesuchter Geschmacklosigkeit. Das Büchlein bietet im Rahmen einer Reise eine für das Verständniß des Volkes berechnete Vertheidigung katholischer Einrichtungen und Bräuche, die so gelegentlich zur Besprechung kommen und zwar mit eurem großen Aufwand von Begeisterung. Auch einige Bilder schmücken das Buch, welches gewiß nicht ungern gelesen wird und in den Kreisen, für die es geschrieben ist, sicher Gutes wirken kaun. ") In seinen: ckonrnsl ä'un okkeier (Paris 1885). " V - Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.