Nr. 62 23. Mt. 1897. » Apostolische ConNLulion Keiner Heiligkeit Keo's, durch die göttliche Vorsehung Papstes/ über die Wiederherstellung der Kinßeit des Ordens der Minderen Urüder. (Schluß.) Indem Wir all dieses lange erwogen, erinnerten Wir Uns Unserer Vorgänger, die, so oft es nöthig war, für das Wohl und Gedeihen der Franziskaner rechtzeitig zu sorgen pflegten. Nicht nur Pflichtbewußtsein, sondern auch andere Gründe, die Wir eingangs erwähnt, bewogen Uns zu demselben Streben und dem gleichen Wohlwollen. Nun aber sahen Wir ein, daß die Zeit durchaus verlangt, daß die alte Einigung der Gemeimamkeit des Lebens im Orden wiederhergestellt werde. So werden nach Entfernung der Ursachen zu Zwist und Streit Alle ihren Willen nach dem Winke und unter der Leitung eines Einzigen richten und einigen, und in Folge dessen wird die vöm Stifter und Gesetzgeber beabsichtigte Verfassungsform wiederhergestellt werden. Wir zogen zwei Punkte in Erwägung, die zwar der Berücksichtigung werth, aber doch nicht derart sind, daß sie Unseren Entschluß irgendwie'aufhalten könnten, nämlich die Aufhebung der Privilegien der einzelnen Zweige und die Nothwendigkeit, alle Minderen Brüder allüberall derselben Disciplin zu unterwerfen. Denn die Privilegien waren allerdings damals zeitgemäß und fruchtbringend, als sie erworben wurden, jetzt aber, bei veränderter Zeitlage, nutzen sie der gewissenhaften Befolgung der Statuten nicht nur nicht, sondern schädigen sie. Ebenso war es solange schwierig und unzeitgemäß, allen dieselben Gesetze aufzuerlegen, als die verschiedenen Zweige der Minderen Brüder sich durch die innere Disciplin stark von einander unterschieden: das Gegentheil hat jetzt statt, wo die Unterschiede nur gering sind. Weil aber eine Angelegenheit von größerer Wichtigkeit in Frage stand, so haben Wir, eingedenk der Gepflogenheit Unserer Vorgänger, den Rath und das Urtheil derjenigen eingeholt, denen hierüber solches am ehesten zusteht. Zunächst ließen Wir, nachdem im Jahre 1895 die Abgeordneten des ganzen Ordens der Minderen Brüder in Assis; zusammengetreten waren unter dem in Unserem Namen geübten Vorsitze des Cardinals der heiligen römischen Kirche und Erzbischofs von Ferrara, Äegidius Mauri, seligen Andenkens, über die geplante Vereinigung der Ordenszweige die Stimmen der Einzelnen einholen. Die meisten stimmten dafür. Es wurde von der Versammlung ein Ausschuß gewählt zur Abfassung von Constitutiouen, die allen gemeinsam sein sollten, sobald der apostolische Stuhl die Vereinigung genehmigt hätte. Ueber- dies ließen die Cardinäle der heiligen römischen Kirche aus der Kongregation der Bischöfe und Regulären, die gleich den Cardinälen der heiligen römischen Kirche von der Congregation der Propaganda in dieser ganzen Angelegenheit vollständig Uns beistimmten, die Verhandlungen des Generalcapitels von Assisi und alle Gründe für und wider sorgfältig prüfen und erklärten nach Durchsicht und, so weit für gut erachtet wurde, Verbesserung der Constitutiouen, daß sie sich dafür entschieden hätten, daß mit Aufhebung des Unterschiedes der einzelnen Zweige ein Orden hergestellt werde. So erkannten Wir, daß dies durchaus ersprießlich und nützlich sei und ohne allen Zweifel auch mit der Absicht des heiligen Stifters und mit dem Willen Gottes selbst übereinstimme. In Anbetracht dessen stellen Wir durch Unsere apostolische Autorität kraft dieses Schreibens im Orden der Minderen Brüder, der bisher in verschiedene Zweige zerfiel, eine volle und vollkommene Einheit und Gemeinsamkeit der Lebensweise, so daß er unter Beseitigung jedes Unterschiedes von Zweigen einen einzigen Körper ausmacht, wieder her und erklären sie für wiederhergestellt. 1. Dieser Orden soll gemäß der Anordnung des heiligen Vaters Franziskus unter Tilgung der Namen Observanten, Reformaten, Excalceateu oder Alcantariner und Recollecten ohne jeden Beisatz Orden der Minderen Brüder heißen, unter einheitlicher Leitung stehen, dieselben Statuten befolgen, sich der nämlichen Ordensverwaltung bedienen in Gemäßbeit der neuen Constitutiouen, die mit aller Treue und Beharrlichkeit von Allen überall beobachtet werden müssen. 2. Die besonderen Statuten, wie auch die besonderen Privilegien und Rechte, welche die einzelnen Familien genossen, und Alles, was irgendwie aus Unterschied und Verschiedenheit deutet, soll ungiltig sein, ausgenommen die Rechte und Privilegien gegen dritte Personen, welche Rechte und Privilegien nach Erfordernis; von Recht und Billigkeit in Geltung bleiben sollen. 3. Alle sollen in der Kleidung und sonstigen Aeußer» lichkciten einander gleich sein. 4. Wie Lei der Leitung des ganzen Ordens ein Generalminister, so soll auch nur ein Prokurator sein: ebenso ein Secretär und ein Postulator in Heiligsprechungs - Angelegenheiten. 5. Alle, die von diesem Tage an das Minoriten- Ordenskleid in gesetzmäßiger Weise genommen und die feierliche oder einfache Gelübde abgelegt haben, sollen sämmtlich den neuen Konstitutionen unterworfen und zu den hieraus sich ergebenden Pflichten verbunden sein. Wer die Unterwerfung unter die neuen Coustitutionen verweigert soll zur Einkleidung und Gelübde-Ablegung nicht zugelassen werden. 6. Sollte eine Provinz diesen Unseren Vorschriften nicht Folge leisten, so darf in ihr weder ein Noviziat zurückgelegt noch eine Profeß abgelegt werden. 7. Für die nach höherer Vollkommenheit und den; sogenannten kontemplativen Leben Strebenden sollen in jeder Provinz einer oder zwei Conveute eigens hiezu bestimmt sein. Diese Häuser müssen nach den neuesten Constitu- tionen geleitet werden. 8. Wenn feierliche Ordensprofcssen aus gerechten Gründen die Annahme der durch dieses Schreiben eingeführten Disciplin ablehnen, so mögen sie sich in be- ondcre von dem Willen der Obern bezeichnete Häuser ihres Ordens begeben. 9. Tritt die Nothwendigkeit ein, die Grenzen oder die Zahl der Provinzen zu ändern oder zu vermindern, so soll dies dem Generalminister in Verbindung mit den Generaldefinitoren zustehen, jedoch nach Einholung der Ansicht der Definitoren der Provinzen, um die es sich handelt. 10. Sobald der Generalmiuister und die anderen zur Leitung des gesammten Ordens berufenen Männer ihr Amt niedergelegt haben werden, ist es Unser Wille, daß Wir selbst bei der gegenwärtigen Sachlage den General- minister ernennen. Die Generaldefinitoren und die übrigen Inhaber der höheren Aemter, die sonst im Gencralcapstel gewählt zu werden pflegen, soll diesmal die heilige Eon- gregation der Bischöfe und Regulären bestellen, nachdem sie früher die Meinung der gegenwärtigen Genergldesiui- toreu eingeholt. Inzwischen mögen der Generalmüuster und die Generaldefinitoren in ihrem Amte verbleiben. Es freut Uns, daß es Uns gegönnt war. Unsere alte Verehrung gegen den heiligen Franziskus durch eine dauernde Verfügung Zu bethätigen, und sagen der göttlichen Güte besonderen Dank dafür, daß sie Uns in Unserem höchsten Alter diesen Trost aufbehalten hat. Alle Mitglieder des Ordens der Minderen Brüder aber mahnen und beschwören Wir, voll der besten Hoffnung, daß sie, eingedenk der Beispiele ihres großen Vaters, das, was Wir zu ihrem gemeinsamen Wohle beschlossen haben, zum 'Anlasse nehmen zu neuem Eifer und Tugendstreben, auf daß sie würdig Wandel); „der Berufung mit aller Demuth und Sanftmutb, mit Geduld, einander ertragend in Liebe, bedacht, die Einheit des Geistes zu wahren im Bande des Friedens". (Lxbss. 4, 1. 3.) Wir beschließen aber, daß gegenwärtiges Schreiben und sein gesummter Inhalt nie und nimmer ob des Fehlers der Subreption oder Obreption, oder ob des Mangels Unserer Absicht, oder sonst wegen eines Dcfectes angegriffen oder bekämpft werden könne, sondern stets giltig und in seiner Kraft sei und bleibe und von Allen, was immer für eines Grades oder Vorrangs, unverletzlich in und außer den; gerichtlichen Verfahren beobachtet werden müsse, indem wir für ungiltig und nichtig erklären, was rmmer in dieser Hinsicht von wem immer 426 aus was immer für einer Autorität oder Vorwand wissentlich oder unwissentlich dagegen unternommen werden mag: dem soll nichts entgegenstehen, mag es auch specieller Erwähnung bedürfen, dem Wir allem aus der Fülle Unserer Macht, in sicherer Kenntnis; und aus eigenem Antrieb bezüglich des Vorerwähnten hiemit ausdrücklich dcrogiren. Wir wollen aber, daß den Exemplaren dieses Schreibens, auch den gedruckten, wenn sie die Unterschrift eines Notars tragen und mit dem Siegel eines kirchlichen Würdenträgers versehen sind, derselbe Glaube bcigemesscn werde, wie er Unserer Willensbezeigung nach Vorweisung des Gegenwärtigen beigemessen würde. Es sei also keinem Menschen gestattet, diese Urkunde Unserer Constitution, Anordnung, Vereinigung, Beschränkung, Derogation und Willens zu übertreten oder ihr freventlich entgegenzutreten. — Sollte aber Jemand dies zu thun wagen, so wisse er, daß er den Zorn des allmächtigen Gottes und der Heiligen Petrus und Paulus, seiner Apostel, sich zugezogen. Gegeben zu Rom bei St. Peter am vierten Tage vor dem Namen des Oktober im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1897, in; zwanzigsten Jahre Unseres Pontificats. C. Card. Aloisi-Masella. Pro-Datarius. A. Card. Macchi. Visa ve vuria. I. Dell' Aguila Visconti. Stelle des Bleisiegels. Reg. im Secret. der Brcven. I. Cugroni. Aus den Briefen JanssenS an Pfarrer Andreas Schneider in Berngau. (Schluß.) G Jansscn ist bekanntlich auch eine Zeit lang Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses gewesen. Seine parlamentarische Thätigkeit war jedoch keine hervorragende, da er sich die meiste Zeit mit Studien für seine deutsche Geschichte beschäftigte, was ihm anfangs verschiedene Mal den Tadel Windthorsts eintrug. Er hatte die Wahl auch nur seiner Geschichte wegen angenommen. Ein Brief vom 22. April 1875 gibt hierüber näheren Ausschluß. Er schreibt in demselben: „Es besteht im Wahlkreis Malmedy-Schleidcn- Montjoie die Absicht, mich nächsten Montag an Stelle des verstorbenen Herrn v. Savigny ins Abgeordnetenhaus zu wählen, und es ist höchst wahrscheinlich, daß ich gewählt werde und dann gleich nach Berlin abreisen muß. Vorher noch meine herzlichsten Grüße an. Sie mit vielem Dank für Ihren lieben Brief und mit der Bitte, mich durch ein öfteres frommes Memento und mit guten Wünschen nach Berlin zu begleiten. Nach langer Ueber- lcgnng habe ich mich entschlossen, die mir angetragene Candidatnr nicht zurückzuweisen, nicht, um mich überhaupt aus meinen wissenschaftlichen Arbeiten in's parlamentarische Leben zu stürzen, sondern vielmehr, um für meine historischen Arbeiten durch Verkehr mit so vielen ausgezeichneten Männern bei einem ein- oder zweimaligen Aufenthalt in Berlin zu gewinnen und mir auch einige praktische Kenntnisse anzueignen, die dem Historiker znm Verständniß der Vergangenheit so sehr nothwendig sind." Seinen geschichtlichen Arbeiten, namentlich seiner deutschen Geschichte, galten ja alle seine Sorgen, dies sein Lcbcnswerk beschäftigte ihn früh und spät, und er beklagte jede Stunde, die er nicht zur Arbeit bcnützen konnte. Entnehmen wir seinem Briefwechsel mit Schneider einige bemcrkenswcrthe Angaben über seine Arbeiten. „Ich bin fast den ganzen Tag über im Wald und beschäftige mich dann vorzüglich mit Büchern für deutsche Geschichte", schrieb er von Nicderrad am 1. Juni 1870. „Mit meiner Rcichscorrespondenz geht es langsam vorwärts, aber doch vorwärts. Sonntags kommt gewöhnlich Meister aus Mainz herüber; ich fürchte aber sehr, daß ich bis Ostern nicht mit der Arbeit, auch abgesehen vom Drucke, fertig werde; es wird wohl Juli werden. Abends, wo ich nicht correspondiren kann, lese ich mancherlei, so im Laufe des letzten Monats: ,Aus Schellings Lcbeist, in Briefen; . . . ferner das neue Buch über Friedrich Leopold von Stolberg von Pros. Heimes in Mainz, den neu hcrausgekommenen Briefwechsel Lavaters n. s. w." Brief vom 7. Jan. 1871. „Auch wenn Sie praktisch noch so viel zu tpun haben, sollten Sie doch täglich regelmäßig nach strikter Ordnung wenigstens zwei Stunden sich ernsten historischen Studien widmen, man muß in regelmäßiger Uebung bleiben, sonst verliert man allmählich Kapital nebst Zins", mahnt er im nämlichen Schreiben seinen Freund. „Ich bin noch immer an der Reichscorrespondenz, die mich den ganzen Winter viel beschäftigte und viel gute Laune geraubt hat. Die Arbeit ist viel» viel schwieriger als ich erwartet, und es wird wohl auch der nächste Winter ganz vorübergehen, bevor ich das Opus gedruckt vor mir habe." „Was haben Sie wohl von mir gedacht, daß Ihnen nicht zu Ihrem Namenstag geschrieben. Aber Sie müssen Nachsicht mit mir haben, es war keine Nachlässigkeit — ich war gerade für jene Zeit etwas unwohl und zudem so mit Arbeiten überladen, daß ich auch nicht eine ruhige Stunde finden konnte. Mit dem Druck der Neichs- correspondenz habe ich begonnen, er macht eine furchtbare Last, da ich keinen rechten Setzer auftreiben kann. Die Arbeit ist bezüglich des Manuskriptes zum allergrößten Theil vollendet, und ich hoffe zu Gott, vom 2. Januar an mich täglich wenigstens einige Stunden mit meiner deutschen Geschichte beschäftigen zu können. Ich empfehle sie sehr Ihrem Gebet." (Brief vom 23. Dez. 1871.) Am 7. Juli 1872 meldet er seinem Freund: „Von der Reichscorrespondenz sind 20 Bogen der neuen Abtheilung gedruckt, bleiben noch etwa 12 Bogen. Inzwischen habe ich die deutsche Geschichte nicht ruhen lassen und freue mich wie ein Kind darauf, daß ich mich etwa vom November an, so Gott will, ausschließlich damit beschäftigen kann." Die Arbeitslast ward ihm oft erdrückend, zumal er wiederholt recht leidend war, doch er arbeitete weiter, so lange Gott ihm Kraft und Gesundheit gab. „Daß meine Reichscorrespondenz fertig, sehen Sie an beifolgendem Exemplar, das ich Ihnen für Ihre Liebe anzubieten mir die Freude mache. Da steckt schwere Arbeit, denn gottlob ist sie fertig. Inst geht's mit aller Arbeitskraft, die mir der liebe Gott schenken wird, ganz ausschließlich an die neuere deutsche Geschichte; ich habe schon lustig geschafft. Ein Glück ist es, daß ich vorläufig bloß noch zu sammeln und zu notiren habe, denn viel schreiben könnte ich nicht wegen des Handübels." Er litt nämlich um diese Zeit (20. Jan. 73) an einem Uebel an der rechten Hand so arg, daß er nach seinen eigenen Worten kaum schreiben konnte. Doch jm Vertrauen auf Gottes Beistand und das Gebet seiner Freunde arbeitete er ruhig weiter. „Ich habe ein rechtes Vertrauen auf Ihr Gebet", schrieb er am 8. August 1873/ „mein lieber Schneider, und habe es nöthig, daß mau für mich bete, besonders auch für das rechte Gedeihen meiner Arbeit, der deutschen Geschichte seit der Kirchenspaltung, die unter Gottes gnädigem Beistand gute Fortschritte macht. Ich finde die herrlichste Auswahl manch ungebrauchter Materialien, und es wäre für mich ein wirkliches Labsal, mich mit Ihnen darüber etwas ausführlicher zu besprechen. Mit welcher Oberflächlichkeit — ich will nicht sagen, mit welcher Untreue gegen die Wahrheit — ist doch von Protestanten, auch von solchen katholischen Bekenntnisses — diese Periode behandelt worden." Ueber seinen ursprünglichen Plan seines Lebcns- werkes gibt eine Stelle im Briefe vom 30. April 1874 näheren Aufschluß. Es heißt darin: „Ich fand Ihren lieben Brief und Glückwunsch bei meiner Rückkehr von Frcibnrg vor, wo ich mit Herder den Verlagscoutrakt über meine deutsche Geschichte (seit Ausgang des Mittelalters bis 1806 in sechs Bünden) abgeschlossen habe. Beten Sie für mich, daß ich in rechter Weise und im rechten Geiste arbeiten möge, wie es wirklich zu thun mein Wille ist. So Gott will, hoffe ich, um Ostern den Druck des ersten Bandes beginnen zu können, vielleicht schon etwas früher. Wie gerne läse ich Ihnen einiges bereits Ausgearbeitete vor." Unter der Arbeit jedoch wurde Janssens Plan ein anderer, das Material war zu groß, um es bei der Genauigkeit Janssens in 6 Bänden, wie ursprünglich geplant, unterzubringen. Bekanntlich sind für den Zeitraum bis zum Jahre 1618 bereits 7 Bände nöthig geworden. „Ich habe tüchtig gearbeitet", theilte er am 22. April 1875 seinem Freunde mit. „Hoffentlich kommt im Spätherbst der erste Theil des ersten Bandes meiner deutschen Geschichte. In wenigen Wochen erscheinen ,Zeit- und Lebensbilder' von mir, eine Umarbeitung und Erweiterung bisheriger Aufsätze in den Histor.-pol. Blättern, die Sie hoffentlich interessiren werden." Im Jahre 1876 konnte er ihm den ersten Band schicken, 1878 die Fortsetzung mit der Bitte, recht f!U ihn und seine Arbeit zu beten. 1879, am 8. April, theilte er freudig mit, daß er mit der Corrcctnr des letzten Bogens seines zweiten Bandes zu Ende sei. Am 29. Nov. 1882 sandte er ihm ein Exemplar der Schrift „An meine Kritiker" und schrieb ihm: „Mit der Eor- recturrcvision meiner drei früheren Bände bin ich ganz in Anspruch genommen." Bis Ende 1884 wollte er den vierten Band fertig bringen, aber bis Ostern 1885 nahm ihm derselbe alle Zeit weg und kostete ihm noch ein schweres Stück Arbeit. Von Freibnrg aus schrieb er 1888, daß er den ganzen Winter über recht tüchtig habe arbeiten können. Schon im nächsten Jahr wurden die Mittheilungen, daß er wiederholt leidend gewesen, häufig. Um diese Zeit betrieb er auch Kneippkur, die ihm sehr wohl bekam. „Der Mann von Wörishofen ist auch mir ein Wohlthäter geworden", schrieb er 1889. Mittlerweile hatte er auch seinen 6. Band beendigt. Nun ging es mit all seiner Kraft au den 7. „Sehr wahrscheinlich, meinte er am 1. Juni 1890, werde ich den Sommer und Herbst fernweg von Frankfurt auf einer großen volkswirthschaftlichen Bibliothek für meinen 7. Band arbeiten müssen und erst im Spätherbste nach Frankfurt zurückkehren." Leider sollte es ihm nicht mehr beschieden sein, ihn ganz zur Vollendung zu bringen. Der Tod machte seinem kostbaren Wirken ein Ende. Am 12. Juni 1891 schrieb er seinen letzten Brief an Schneider. „Lieber Freund! Ich weiß gar nicht mehr, ob ich Ihnen schon geschrieben und für Ihren so lieben Brief und die Gaben zum Besten der armen Kinder meinen Dank ausgesprochen habe. Seit langer Zeit bin ich gar nicht Wohl; gottlob geht es in den letzten Tagen etwas besser, aber frisch fühle ich mich noch keineswegs und zur Arbeit nicht befähigt. Was im Sommer — bis jetzt herrscht Kälte — mit mir geschehen wird, weiß ich noch nicht. Beten Sie, bitte, recht oft für mich." Am 24. Dezember desselben Jahres starb er, be- trauert vom ganzen katholischen Deutschland und weit über dessen Grenzen hinaus. Wo holte sich dieser große Mann trotz seines leidenden, vielfach kränklichen Zustandes die Kraft zu seinen vielfachen, anstrengenden Arbeiten, so müssen wir unwillkürlich fragen? Doch die Antwort kann nicht schwer fallen. Eine recht innige Frömmigkeit und ein großes Vertrauen auf den Schutz Gottes und die Hilfe von oben bei seinem Lebenswerk liehen ihm jene Kräfte. Zahlreich sind die Bitten nm ein frommes Moments bei der heiligen Messe und um das Gebet seines Freundes für sich und seine Arbeit. Eine besondere Wohlthat war es für ihn, daß er seit Beginn der Fastenzeit des Jahres 1871 eine eigene Kapelle besaß. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erhebend und wohlthuend es für mich ist, daß ich eine eigene Kapelle habe und nun jeden Tag celebriren kann. Seitdem bin ich viel Wühler," schrieb er kurze Zeit später. Wer Janssen von diesem Gesichtspunkt betrachtet, wird seinen großartigen Erfolg begreifen oder ihn sich wenigstens erklären können. Er betrachtete die Abfassung seiner deutschen Geschichte als ein ihm von Gott auferlegtes Lebenswerk, das er gewissenhaft zu vollenden strebte. „Für mich ist es jedenfalls am besten, in Frankfurt zu bleiben und dort ruhig, so lange Gott will, an meinen Werken zu arbeiten," schrieb er am 9. August 1884 an seinen Freund Schneider. Darum Ehre seinem Andenken! Wir Katholiken jedoch schulden ihm auch unsere Dankbarkeit und unser Gebet, nm das er in seinem Leben so oft gefleht hat; wollen wir es also ihm nicht versagen! k. I. k. Tanzbär, Papagei nnd Pithekanthropuö. LsZ Aus der Pfalz. Der Artikel über den modernen Darwinismus nnd seine Gegner in Beilage Nr. 57 der „Angsb. Postzeitung" hat uns an zwei andere Aufsätze über den gleichen Gegenstand erinnert. Es ist eine Auslassung über „Katholicismus nnd Freisinn als Gegner der Entwicklungslehre" von Professor Leh- mann-Hohenberg, der auf dem vorjährigen Lehrer- tage zu Hamburg die bekannte Rede über „Volkserziehnng nach entwicklungsgeschichtlichen Grundsätzen als Staats- knnst der Zukunft" gehalten hat (siehe „Der Volkscrzieher". Organ für Familie, Schule und öffentliches Leben. Herausgegeben von Wilhelm Schwaner in Berlin. Nr. 2 vom 15. Juli 1897), und dann ein Feuilleton der Wiener „Neuen Freien Presse" vom 9. Juli 1897 „Gorilla und Schimpanse", das uns von einem Freunde der „Postzeitung" übersendet worden ist, wohl damit wir darüber ein „kräftig Wörtlein" sagen. Bekannt ist die Anekdote von der Beschreibung des Kamcels, die einen: Deutschen und einem Engländer auf-. 428 erlegt worden sein soll. Zur Lösung dieser Aufgabe zog sich der Deutsche in sein Kämmerlein zurück, um das Bild des Kameels aus den Tiefen seiner Wissenschaft zu schöpfen; der Engländer jedoch eilte zu Schiffe, um das Kamee! in seiner Heimat!) aufzusuchen. Aehnlich nun wie sein Landsmaim verfuhr Mr. R. L. Garner in Bezug auf die Affen. Ausgerüstet mit einem zerlegbaren Käfig aus Stahldraht, der mit grüner Schutzfarbe angestrichen war, begab er sich nach dem innern Afrika, in den von giftigen Insekten, Schlangen und wilden Thieren wimmelnden fieberschwaugern Urwald, um die Sitten und die Sprache der großen Affen in deren Häuslichkeit zu beobachten. Das Ergebniß machte er der Welt kund in seinem Buche „Oorillas anä Lbiroxanriaes", aus welchem ein Herr Dr. Th. Beer in dem genannten Feuilleton das Wesentliche mitgetheilt hat. „Mit einer gewissen Rührung", so schreibt Herr Beer, „wird man von den tiefsten Wurzeln unserer Sprache, dieser wundervollen Blüthe menschlicher Entwicklung lesen und sich des Aufschwunges der Menschheit aus so primitiven Anfängen erfreuen. Daß wir uns in kurzer Zeit so hoch erhoben haben, gibt gute Hoffnung auf noch viel herrlichere Entwicklung." Abgesehen von der „kurzen Zeit", die von Darwin und Häckcl auf Hunderte und Tausende von Millionen Jahren geschätzt wird, welches sind jene „tiefsten Wurzeln unserer Sprache", die Mr. Garuer bei den großen Affen des afrikanischen Urwaldes gefunden haben will? Wie Herr vr. Th. Beer mittheilt, hat Mr. Garuer sich besonders mit den Schimpansen und Gorillas beschäftigt. Er unterscheidet zwei Arten von Schimpansen, von denen der eine Knlu-Kamba, d. h. „der Knin sagt", von den Eingeborenen geheißen wird. „Der Kulu ist intelligenter als sein Vetter und zeigt die Fähigkeit zum Denken fast wie ein menschliches Wesen. Er hat einen großem Reichthum von stimmlichen Aeußerungen, von denen manche sanft und musikalisch sind." Leider hat der Berichterstatter von diesen stimmlichen Aeußerungen, die er Worte nennt, und die wohl den nächtlichen Gedankentönen des Katers Hidigcigei entsprechen, keine mitgetheilt, und das wäre doch nicht allein wegen einer „gewissen Rührung", sondern mehr noch aus wissenschaftlichen Gründen von einem gewissen Interesse gewesen. Es wird von diesen angeblichen „Worten" leider nur bemerkt: „Der Affe verwechselt sie nie in ihrer Bedcntnng, und wurde umgekehrt ihm in seiner Sprache ein Wort mitgetheilt, so verstand er es und handelte darnach". Diese Entdeckung ist gewiß um so rührender, als es. alle übrigen Thiere genau gerade so machen. Sie haben seit Uranfang ihre unveränderlichen Laute, welche nicht nur von den Wilden, sondern auch von „Europas übertiinchter Höflichkeit", z. B. zu Jagdzwcckcn, sogar mit Glück nachgeahmt werden. Hanptgegcnstand der Beobachtungen vr. Garncr's war ein junger Schimpanse, der aber kaum ein Jahr alt bereits gestorben ist. „In der Absicht, die Sprache der Menschenaffen zu stndiren, berichtet vr. Th. Beer, verwendete Garuer die größte Aufmerksamkeit auf die von seinem Pflegling hervorgebrachten Laute." „Garuer konnte bald fast alle Laute, die das Baby (der junge Affe) hervorbrachte, wiederholen, aber er konnte in der kurzen Zeit ihres Zusammenlebens nicht alle deuten. Doch lernte er bald eine Smnmänßernng oder ein Wort, mit dem der Schimpanse alles bezeichnete, was ihm vertraut war, «in anderes für Alles, was ihm fremd war. Er hatte ein Wort für Hunger, Nahrung, Essen rc., ein anderes für Wohlbefinden, ein anderes für das Gegentheil davon." „Der Schimpanse gebraucht ein bestimmtes Wort, wenn er seinesgleichen zu sich rufen will. Eingeborene versichern, daß eine Mutter immer mit diesem Wort ihr Junges ruft." Allerdings, wir gestehen es, „mit einer gewissen Rührung" lasen wir von diesen „tiefsten Wurzeln unserer Sprache", über welche Mr. Garuer bei den Wilden eine Belehrung sammelte, die er viel wohlfeiler zu Hanse im ersten besten Hühnerhof hätte finden können, wo jede Henne mit dem alten „Gluk, Gluk, Gluk" ihre Küchlein unter ihre Flügel ruft. „Garner versuchte auch, das Baby einige menschliche Worte sprechen zu lernen. Es dauerte lange, bis der Schimpanse begriff, um was es sich handelte; aber nach einigen Wochen unermüdlicher Versuche seines geduldigen Lehrers und bei der An- eiferung mit Corued Bcef — wofür er eine besondere Schwäche hatte, — begann er schließlich zu begreifen, um was es sich handelte; er beobachtete Garner's Lippen und bemühte sich, deren Bewegungen nachzumachen. Das französische Wort „kou", das deutsche „wie" brachte er verständlich zusammen, und Garner meint, daß der Schimpanse, wenn er länger gelebt hätte, diese und andere Worte vollkommen zu meistern gelernt hätte." Noch rührender! Mr. Garner zeigte sich ja wett geschickter in Erlernung der Stimmänßerungen seines Affeubabys als dieses in Erlernung menschlicher Worte! Welche Snperiorität! „Daß wir uns in kurzer Zeit so hoch erhoben haben, gibt gute Hoffnung auf noch viel höhere Entwicklung", meint Herr Beer; der Verfasser des Aufsatzes in Beilage Nr. 57 der „Postzeitung" jedoch bemerkt, auf Grund der Verschiedenheiten zwischen Mensch und Affe liege weit näher der andere Schluß, daß nicht der Mensch vom Affen, sondern der Affe vom Menschen abstamme und eine durch fortgesetzte Verwahrlosung bis zur äußersten „Jnferiorität" herabgekommene Mcnschen-Abart sei. Denn Thiere wie Pflanzen Pflegen nach der allgemeinen Erfahrung von selbst nicht sich zu veredeln, sondern immer zu verwildern. Und wenn I. Ranke sagt, die sogenannten Menschenaffen, „die Anthropoiden werden in Beziehung auf den aufrechten Gang vom Tanzbär weit übertroffen", so muß Mr. Garner's Schimpanse vor dem Staar der „schönen Müllerin", vor Lebrccht Hühnchens Raben „Hopdiquax" und vor jedem Papagei ob seiner abgründigen „Jnferiorität" in die innerste Seele hinein sich schämen. Und gar erst noch der Gorilla! „Garner hält den Gorilla, schreibt Beer, für den schweigsamsten Affen; er konnte von wilden und zahmen nicht mehr als vier Laute lernen, von denen nur zwei verdienen, Worte genannt zu werden. Aber sein nächtliches, meilenweit hörbares Gebrüll, das am ehesten an Eselsgcschrei erinnert, soll schauderhaft sein." Darum tief, meerestief mag die Rührung sein, wenn so ein „Edclmensch", wie Herr Professor Lchmanu-Hohenberg auf dem Hamburger Lehrertag sich und seine Zuhörer titulirt hat, wenn so ein „Edelmensch" liest, was vor ihm der „intelligente" Kulu- Kampa sanft musikalisch oder der Schweiger Gorilla nächtlich esclslaut in Tönen gedacht, und wie dann wir es so herrlich weit gebracht, ans so „primitiven Anfängen" zu so „wundervoller Blüthe menschlicher Entwicklung", wie z. B. zu so einer Edelmensch-Ncde vom „erhöhten Standort" an den „Gsistesadcl der deutschen Nation". Der grün angestrichene Stahldrahtkäfig des Mr. 429 Garner im tropischen Urwald Afrikas war also verlorene Liebesmühe. Viel naher hätte das Gute für seine philologischen Forschungen in einem Affentheater gelegen. Freilich Pflegen dort keine sogenannten Anthropoiden, keine von ihren Freunden als menschenähnlich bezeichnete Affen aufzutreten. Schon die verschiedenartigsten Mitglieder des Thierreiches haben ihre Künste zum Besten gegeben, aber ein Schimpanse, ein Orang-Utan, ein Gorilla ist auf den Brettern, welche die Welt bedeuten und gerade einem Anthropoiden zur Entfaltung des affen- mäßigen Nachahmungstriebes Raum geboten hätten, noch nicht erschienen. Auch für Mr. Garner's Affenbaby war es ein rechtes Glück, daß es als „gescheidtes Kind" nicht alt geworden ist. Denn Virchow sagte in seiner Rede auf dem Anthropologen-Congreß zu Speyer 1896 (Cor- respondenzbl. 9 rc. S. 82): „Wir wissen schon lange Zeit, daß die größte Aehnlichkeit mit dem Menschen nicht bei den großen ausgewachsenen Exemplaren besteht, sondern gerade bei den kleinen; die jungen Orang-Utans und Gorillas sind dem Menschen sehr veil ähnlicher, als ihre mehr entwickelten Formen. Darum habe ich vor vielen Jahren die These aufgestellt, daß, je mehr der Affe sich entwickelt, er um so mehr sich vom Menschen entfernt." „Je weiter der Affe kommt, um so thierischer wird er." Vor einigen Jahren entdeckte der holländische Arzt Engen Dnbois fast in der Mitte der Insel Java, wie Virchow erzählt (I. v. 81), eine Stelle, von der es, weil vulkanische Produkte in großer Mächtigkeit mit sedimentären Ablagerungen gemischt sind, heute noch nicht klar sei, welcher geologischen Zeit sie angehört. Dort hatte ein Fluß ein tiefes Bett mit steilen Abhängen gerissen, und in einer tiefen Schichte um das Flußbett fand Dnbois unter anderen Knochenresten der jüngsten Tertiärzeit ein Schädeldach, zwei Zähne und einen Oberschenkel, und zwar in verschiedenen Jahren und in verschiedener Entfernung bis zu 15 Meter von einander. Man konnte mancherlei Zweifel darüber hegen, sagt Virchow, ob sie überhaupt zusammengehörten. Dnbois nahm jedoch an, daß sie zusammengehören, und „auf Grund von vier Stücken, den einzigen dieser Art, die er fand, schlug er vor, das Individuum, dem sie angehörten, mit dem Namen Pithekantropus (Affenmensch) zu belegen und dasselbe als eine Uebergangsform zwischen dem Affen und dem Menschen anzuerkennen". „Wir haben seiner Zeit in der Berliner anthropologischen Gesellschaft eine ganze Reihe von Sitzungen diesen Dingen gewidmet, Herr Dnbois ist in Person zu uns gekommen, und wir haben eine ganze Sitzung nur über diesen Gegenstand gehandelt, ohne daß wir zu einer vollkommenen Verständigung gekommen sind." „Ich habe dann gefunden, und darin stimme ich mit Herrn Dnbois überein, daß unter den bekannten lebenden anthropoiden Affen einer ist, der in der That in vielen Dingen mit dem Pithekanthropns übereinkommt; das ist der Gibbon, oder, wie er zoologisch genannt wird, der Hylobates." „Ich habe durch meinen sehr geübten Zeichner eine genaue, ganz speciell controlirte geometrische Zeichnung machen lassen vom Gibbonschädel, habe dann diese vergrößern lassen, soweit, daß sie in der linearen Grundlage mit dem Schädel des Pithekanthropns übereinstimmt, und dann habe ich beide in einander zeichnen lassen. Es hat sich eine so große Uebereinstimmung ergeben, daß damals wenigstens alle Anwesenden sie anerkannten. Auch Zweifler sagten: ja, es muß doch dieselbe Thicrart sein. Seitdem hat einer meiner Collegen, Professor Wilhelm Krause, ein sehr geübter und erfahrener Anatom, sich über die Gibbonskelette hergemacht und ist genau zu demselben Resultate gekommen. Ich kann daher nicht umhin, zu erklären, daß für mich der Pithekanthropns ein dem gegenwärtigen Gibbon außerordentlich nahe verwandtes Wesen gewesen ist, und ich finde in mir wenigstens keine Schwierigkeit, mir vorzustellen, daß neben den Gibbons der Gegenwart es einen riesigen Gibbon der Vergangenheit gegeben hat, wie das in der Paläontologie so oft vorkommt." Allein während Dnbois, der Entdecker jener vier Knochenstücke, noch zurückhaltend ist und blos zu beweisen versuchte, daß dieselben durch wesentliche Merkmale nicht allein von andern Affen, sondern auch vom Menschen sich unterscheiden, um so sein Uebergangsgeschöpf herauszubringen, ist nach Virchow's Worten (i. o. 83) „in den Reihen derer, welche den menschlichen Charakter dieser javanischen Reste betont haben, die Kühnheit immer größer geworden, bis kürzlich Herr HonzL den komo xrimiKknius llavanensis constrnirte". „Unter den zwei Zähnen, die da gefunden wurden, ist einer, der eine weit auseinanderstehende Wurzel hatte, so weit, daß man nicht recht begriff, wie sie in einem menschlichen Kiefer hätte Platz finden können. Der Kiefer ist nicht gefunden worden; davon weiß man nichts, man weiß nur, daß einen solchen Riescnzahn kaum ein Mensch hat. Jetzt hat Herr Houzä nach langer, anstrengender Arbeit entdeckt, daß es einen solchen Zahn vom Menschen gibt; einen hatte er aufgefunden mit Hilfe aller seiner Freunde." „Herr Honza nimmt einen Zahn von Java, der dem Pithekanthropns angehört haben soll, und einen, glaube ich. aus Australien, diese zwei stellt er zusammen und schließt daraus, daß der Pithekanthropns der Urmensch war. Das ist das ganze Material, auf Grund dessen er die so schwierige Frage entscheiden will." „Diese Methode ist nicht ganz neu auf dem Gebiete der Paläontologie. Die Paläontologen haben es mir früher schon übel genommen, daß ich darauf hingewiesen habe, daß es eine ungenügende Methode ist, aus einem einzigen Knochen eine entscheidende Schlußfolgerung zu ziehen." „Wer sich dann berufen fühlt, auf Grund eines einzigen, vielleicht nicht einmal vollständigen Stückes ein definitives Urtheil über das ganze Geschöpf, ja sogar endgültige Erklärungen über die höchsten Probleme, welche die Geschichte der Menschheit überhaupt betreffen, abzugeben, der ist gewiß ein sehr tapferer und entschlossener Mann (Enthusiasten hat Virchow solche Leute vorher genannt), aber ob er ebenso klug wie entschlossen ist, das muß erst die Zukunft lehren." Ein so tapferer und entschlossener Mann scheint nun Professor Lehmann-Hohenberg zu sein. Als solcher bewährte er sich schon in der vorjährigen Hamburger Rede über „Volkserziehnng nach entwicklnngsgcschichtlichen Grundsätzen als Staatskunst der Zukunft", die er nach eigener Erklärung („Volkserzieher" Nr. 2) „in einer außerordentlich stark besuchten Vorversammlnng des Deutschen Lchrertages hielt, und die mit großem Beifall aufgenommen wurde". Emporgeschwungen auf den „erhöhten Standort der Betrachtung" läßt er im Vollgefühle seiner Snpcriorität mit gewaltigem Flügelschlagen seine stimmlichen Aeußerungen ertönen: „Leben wir in einer verkehrten Welt? Die Wissenschaften werden auf den Gassen verkündet, und die Menge (Socialdemokraten, 430 Frauenrechtlerinnen u. s. w.) treibt damit ihren Unfug .... Waran liegt das 2 Alles echte Wissen hat einen aristokratischen Charakter und kann niemals in vollem Umfang Besitz der großen Menge werden. Schuld daran kann mir die Nückständigkeit unserer leitenden Kreise sein." Ohne den Widerspruch zu merken, der in einer solchen Beschuldigung der leitenden Kreise liegt, kanzelt nun Herr Professor Lehmannn die Kirche, die Regierungen, die Hähern Schulbeamten, die Theologen, die Juristen, Historiker, Philologen, besonders Hrn. Bischof Kornm, die Abgg. Nickert, Rören, v. Eyncrn, Virchow, das ganze preußische Abgeordnetenhaus wegen ihrer „Nnckständigkeit" herunter und empfiehlt ihnen Bücher zum Studium. „Ich behaupte, erklärt Herr Lehmann- Hohenberg, die neue Weltanschauung der Entwicklungs-Lehre beherrscht bereits den größten Theil der Volksschullehrerschaft." Von den „höheren Erzichungs- und Schulbeamten" habe „keiner selbst naturwissenschaftlich gearbeitet". Eine besonders große Nntvissenheit habe Bischof Kornm an den Tag gelegt in seiner Rede vor dem Katholischen Bezirks- Lehrervercin Trier am 9. Juni l. Js. „Die Frage nach der th ierischen Abstammn« g des Menschengeschlechtes ist wissenschaftlich längst bejahend entschieden," erklärt er dem Bischof- „Es nützt uns alles nichts, schreibt Herr Professor, gegen unsere Herkunft können wir nichts ausrichten, und wir müssen nns damit abfinden, daß wir alle ohne Ausnahme au einem Orte geboren wurden, von dem wir nicht gerne sprechen. „Intim kaaevZ et urivmm imsciinnr," das sollte unsern Hochinnthsdiinkcl mäßigen. Jedes Menschenleben beginnt mit der elementarsten Form der organischen Zelle. Embryologie, vergleichende Anatomie, Paläontologie führen zu dem zwingenden Schluß: Menschen nnd Thiere besitzen eine gemeinsame Abstammung." Andere Leute sind nun aber, wie aus dem Obigen sich ergibt, gerade der gegentheiligen Ansicht. Interessant ist besonders die Erklärung, daß die neue Weltanschauung Lchmann-Hohcnberg's „den größten Theil der Volksschullehrerschaft beherrscht". Die Gegenüberstellung ihrer Snperiorität gegen die Rückständigkeit der kirchlichen und staatlichen Behörden, auch der „hohem Erziehungs- und Schnlbeamten" ist allerdings „eine verkehrte Welt", und die Art und Weise, ivie Lchniann - Hohenberg sich als competenter Vertreter einer materialistischen Weltanschauung gebärdet, hat mehr Socialdemokratisches als Aristokratisches an sich, und gleicht mehr dem Treiben der -Menge, das von ihm selber als „Unfug" bezeichnet wird. Sollte der Mensch wirklich vom Thier abstammen, so würden weit besser als Schimpanse, Orang-Utan, Gorilla u. s. w. zn Vorfahren des aufrecht gehenden nnd sprechenden Menschen sich gualificiren der Tanzbär oder Papagei. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Fortsetzung.) So hatte auch vor dem 70er Kriege Victor Hugo auf dem Fncdenscoiigreß von Lausanne gesprochen. Was hat er gesprochen? so fragte man in köstlicher Persiflage ! seines excentrischen Stils, und weiter: „Wer hat 1823 ! den spanischen Krieg besungen? Victor Hugo. Wer hat ! 1828 die Austerlitzsäule verehrt ? Victor Hugo. Wer-Hai 1832 eine Ode auf Napoleon II. gedichtet? Victor Hugo Wer spricht also heute gegen sich selbst? Victor Hugo." Interessant ist es, zu wissen, daß während des Krieges 1870/71 die einzige französische Zeitung in Petersburg, das „Journal de St.-Petersbourg", ganz unparteiisch und gemäßigt vornehm war. Nur der „Golos" und die russische Börsenzeitnng waren deutschfeindlich, während die russischen Offiziere sich an den deutschen Siegen begeisterten. Das französische „Journal de St.-Petersbourg" war damals redigirt von dem Belgier Victor Capellemans, einem für die Versöhnung zwischen Deutschland nnd Frankreich schwärmenden Enthusiasten. Interessant ist in dieser Beziehung seine Broschüre: „6o Hus pourra, otrs una rönnmn xrb- xarakoirs aux clölistaratioim clo l'assemlMo oon- stiknankö cig Kranes?" Der Hochbegabte starb im Wahnsinn, von der fixen Idee ergriffen, der erste Tenorist zn sein. Wenn man heute viel von einer französisch-russischen Allianz spricht, die geschlossen werden soll oder schon geschlossen worden ist, je nachdem man darüber etwas zn wissen glaubt, so ist nnstreitbar richtig hieran, daß zum ersten Male in der Weltgeschichte eine Annäherung zwischen diesen beiden Reichen constatirt werden muß. Diese Annäherung datirt seit dein Berliner Congrcß, also immerhin geraume Zeit nach dem deutsch-französischen Kriege. Die Slavophilcn und Panslavisten haben hiezu beigetragen. — Als Ursachen des Deutschenhasses in Rußland hat man sogar die deutschen Offiziere im Heere Karls XII., die nun schon fast zweihundert Jahre todt sind, bezeichnen zu müssen geglaubt. In Wirklichkeit ist es die nationale Reaktion der Russen gegen den überlegenen deutschen Geist. Es ist unbestritten, daß Rußland nicht nur seine Dynastien (Katharina II. war eine Deutsche), ja seine Gründer (die Waräger), sondern auch seine Feldherren, Staatsmänner, Generäle nnd Minister zumeist den Deutschen verdankt. Kein modernes Volk hat so bereitwillig fremden Einflüssen, Namentlich deutschen, sich hingegeben, hat aber auch aus eigenen Kräften so wenig originelle Geister und bedeutende, selbstständige Geister hervorgebracht — als das heilige Rußland der Slavophilcn, das aber ziemlich unheilig ist, dessen Regierungsprincip die Knute, Sibirien und der Galgen ist. Was hat Rußland, dieses unermeßliche Völkermeer, im Vergleich zn Deutschland und Frankreich geleistet? Die kolossalsten Weltereignisse sind spurlos an ihm vorübergegangen, so die mongolische Weltherrschaft, als deren Nachklang nur der durch Bi- zarrerien auffallende Kreml in Moskau anzusehen ist. Ueberhanpt ist Exceutricität das begleitende Merkmal aller begabten Russen: Iwan der Schreckliche hatte ein Vergnügen daran, martervollen Hinrichtungen, wie dem Sieden eines Menschen in geschmolzenem Blei, beizuwohnen, und er war kein Regent des „finsteren Mittelalters" mehr, sondern Zeitgenosse der „jungfräulichen Königin Elisabeth von England"; Peter der Große hatte ein Vergnügen am Zähneziehen, Romanzoff ließ die unglaublichsten Berichte drucken, Potemkin putzte Tage lang seine Diamanten, die Dolgorukys können keine Katzen und Aepfel leiden, Nikolaus I. hatte, wie wir sahen, ein Idiosynkrasie gegen Paris. Die meisten bedeutenden Russen aber waren fremdländischer Herkunft: die Glinskij's und Kantemir's sind tartarischen Ursprungs, die Oussupow's und Urussow's nogaischcn, die Engalytschew's, Jenikeiew's mordwinischen 431 Ursprungs; aus der Mandschurei stammen die Aktschnrin's, Küdaschew's, Dejew's und Gantimurow's; aus Kankasien stammen die Bagration's, Baratajew's, Abamelik's, Man- ivclow's, Turkestanow's, Zizianow's, Dadian's; aus Armenien die Argutinskij-Dolgorukij's, Nasarow's, Ba- sarow's, Deljauow's. Die Historiker Karamsin und Boltin sind tartarischen Ursprungs, ebenso der Dichter Dershawin. Puschkin ist der Sohn eines Mohren, die Mutter Shu- kolvskij's ist eine Türkin, die Lewschin's hießen früher Löwenstein, die Tschintscherin's (Ciceri) stanimen aus Italien, die Schafirow's (Schapiro) und Nubinstein sind jüdischer Abkunft; aus Caccioni (Italien) wurde Kastchenowskij; die Tolstoi's stammen aus Deutschland, die Naschtschokin's aus Italien, die Kapuist's aus Venedig, die Kossagowskij's aus Posen. Chomutow ist russificirt aus Hamiltou, Dorimedontow aus Richmoud, Degourow aus Degour, Pagankow aus Pageukampf, Kosodawlew aus Kos von Dalen; die Hauptgehilfen Peters I. waren der Franzose Lefort, der Schotte Bruce, der Engländer Gordon und unter Katharina II. der Däne Münich, später der deutsche General Bauer, der Staatsmann Sievers, die Deutschen Diebitsch (der berühmte General), Rüdiger, Roth, Geismar. Tartarischen Ursprungs waren der Zar Boris Goduuow, die Familie der Matjuschkin's, Meschtscherskij's, Chitrow's, Rostoptschin, General Jer- molow, die Apraxin's, Tichmeujew's, Bachnietjew's, Bibikow's, Muchanow's, Kolokoljzew's. Kläglich ist es besonders um die streng wissenschaftliche, exakte Forschung in Rußland bestellt; ein „Historiker" wie Salowjew würde in anderen Ländern nicht erwähnt werden. So konnte Fürst Wjascmski in einem Spottgedicht schreiben: „Geist der Prügel und der Peitschen. All' des Volks, das uns lief zu. Insbesondere Hort der Deutschen, Russengenius, das bist Du." Das mußte anders werden; Rußland mußte sich auf seine russischen Füße stellen; das Schönste und Großartigste auf der Welt fand man plötzlich in der, wie man glaubte, naiven, offenherzigen, sinnlich behaglichen Natur des Nationalrnssen, besonders des russischen Bauern. Man schwärmte für die oolurostaja, uatura (breite Natur) des russischen Charakters. Man vergoß slavophilische Thränen der Rührung, wenn man an den guten russischen Muschik (Bauern) dachte, dessen Unredlichkeit, Verlogen- steil, Schamlosigkeit und Stupidität übrigens seines Gleichen sticht. In den Augen dieser nationalen Fanatiker galt Europa als ujolcarist^ (nicht christlich), infolgedessen Rußland gegenüber nach slavophilischer Logik als rechtlos, das von ihm auch „christianisirt" werden dürfe. Welcher Art war nun das russische Christenthum, war der als Muster empfohlene russische Volksgeist? Rußland, der gefährliche und unerbittlichste Feind des Katholicismus, ist in einer lächerlichen Sectircrei erstarrt, der moderne russische Bauer ist atheistisch angehaucht und verspottet die Popen; diese Art Muschik ist sogar jetzt die Lieblings- fignr des russischen Dramas. Es ist ein wahres Wort, daß in Despotien der Katholicismus nicht gedeihen kann, daß er freier, menschenwürdiger Institutionen bedarf, um sich zu herrlicher Blüthe entfalten zu können. Rußland hat den Katholicismus abgelehnt, dafür den lächerlichen griechischen Cercmoniendienst beibehalten — und damit sein Schicksal sich selbst bereitet. Den russischen Volks- geist illnstriren folgende Sprichwörter: „Was nicht eingeschlossen ist, gehört der ganzen Welt." „Nur das Siegel muß man schonen" (hängt mit dem griechischen Bilderdienst zusammen). Die Lüge ist ein panrnssischcs Uebel; die Russen sagen hierüber: „Das Lügen begann mit der Welt und wird mit ihr sterben." „Eine schmackhafte Lüge ist besser als bittere Wahrheit." „Der Roggen schmückt das Feld, und das Lügen verschönert die Sprache." „Von der Falschheit lebt der Mensch, und sie ist nicht das Kraut, woran er stirbt." „Lügen ist nicht wie Teig- kauen; man erstickt nicht daran." „Im Handel und Wandel, sagt ein russischer Pope, würde der Rassereine Seele dem Teufel verschreiben und dann wieder dem lieben Herrgott verpfänden; wollte ihn ein Engel deßhalb zur Rede stellen, so würde er nur ungläubig lächeln und in seiner Uebertretnng fortfahren." Die Lüge und der Branntwein sind die Götzen der russischen Gesellschaft. Die russischen Beamten theilt man in zwei Kategorien ein: die „ordentlichen" Menschen und die „prächtigen" Menschen; erstere sind jene, die ihr dem Staat gestohlenes oder sonst erpreßtes Geld für sich verwenden, „prächtige" Menschen aber nennt man jene, die das Geld unter die Leute kommen lassen. Wird ein solcher Beamter in Strafe genommen, so nennt man ihn eineu „Unglücklichen". Leroy-Beanlieu, ein rnssenschwärmender, daher vertuschender und beschönigender Franzose, will wissen, daß die meisten Ehen in Rußland geschlossen werden. In der Zeit von 1811—1821 kamen auf Moskau 1 Ehe auf 239, in Paris aber 1 auf 160, in Rom 1 auf 170. 1800 — 1804 war das Verhältniß der unehelichen zu den ehelichen Kindern in Rußland: 1:11, 1834: 1:6, in' Frankreich 1840 aber bloß: 1:33. — Den Slavophilcn erscheint Rußland als' der gute, heldenhafte Jüngling, der, ein zweiter Siegfried, den europäischen Drachen erlegen und Europa unterjochen wird. Ja, es ist ein Jüngling, aber er hat die Nnvollkommenheiten der zartesten Jugend und alle Laster des Alters. Welches sind die ersten Anfänge, die Kinderschuhe der Slavophilcn? Der excentrische Iwan Aksakow, der schon in der Jugend französische Briefe, die seine Mutter bekam, mit der Nadel durchbohrte"), aber durchaus noch kein Panslavist war, da er die katholischen Polen und Böhmen verabscheute. Ein anderer Aksakow ließ sich in Moskau mit hohen Stieseln, dem rothen russischen National- hemd mit ärmellosem Rock sehen und erregte sofort Sensation. Neben dem Spielen mit Seifenblasen war jetzt russische Volksthümelei die Modekrankheit. Moskau aber wurde der Augiasstall dieser und später der panslavist- ischcn Thorheiten; denn Petersburg war den Schwärmern zu modern, zu europäisch. Die meisten späteren Nihilisten waren in der Jugend Slavophilcn, so Herzen, den man bald „den Franzosen" nannte; Tschadajew katholisirte, und der spätere Reaktionär Chomjäkow Hatte den Spitznamen „der Deutsche". Wie eingewurzelt übrigens die nationale Bornirtheit und Verachtung des. europäischen Westens war, zeigt ein Aufruf des polnischen Agitators Mieroslawski vom Jahre 1830: „Der europäische Westen ist verfinstert, demoralisirt, abgestorben, in Fäulniß übergegangen und leuchtet nur noch durch den Glanz des phosphorescircnden Moders und der spanischen Fliegen der Spitäler." (Schluß folgt.) ") Samson Himmclstjernev, Rußland unter Alexander Ul. 432 Recensionen nnd Notizen. * Mitte nächsten Monats erscheint im Verlag von Dietrich Reimer in Berlin ein Werk, dessen Autorin I. K. Hobest Prinzessin Tberese von Bayern, Tochter S. K. Hoheit des Prinzregenten, ist, und das eine Reise in den brasilianischen Tropen behandelt. Das Werk wird ohne Zweifel Aufsehen erregen nicht bloß der hoben Verfasserin wegen, sondern auch wegen der Tüchtigkeit des Inhalts, wovon uns die vorliegenden Aushängebogen eine Probe geben. Prinzessin Thercse ist bereits mehrfach schriftstellerisch thätig gewesen. Mit ungewöhnlichen Kenntnissen ausgestattet, hat sie sich nicht darauf beschränkt, lediglich anregend auf die Entstehung des Buches zu wirken, sondern sie hat sich persönlich während 8 Jahre auf das Eingehendste mit ihrem Gegenstände beschäftigt und neben der Schilderung ihrer persönlichen Erlebnisse mit wahrhaft unermüdlichem Fleiß das umfassendste wissenschaftliche Material zusammengetragen und durchgearbeitet. Gleich beschlagen in Zoologie, Geologie und Botanik, berücksichtigt die hohe Verfasserin besonders die letzte Wissenschaft, die sie um zwei Species bereichert hat. Von der großen Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, mit der alle einschlägigen Autoren in Betracht gezogen sind, zeugt das umfangreiche Lsteraturverzcichuiß. Das Werk ist mit zahlreichen Illustrationen, zum Theil mit eigenhändigen Skizzen ausgestattet. st er Katholik. Nedigirtv.Joh.Mich.Raich. 12Hefte M. 12. Mainz, Kirchhcim. Jnhaltvon 1897, Heft X. Oktober: Dr. A. Kirstein, Hermann Rudolf Lohe, ein Repräsentant der modernen deutschen Philosophie. — Dr. Nirschl, Panagia Capuli bei Ephesus. — Dr. Martin Luther's Freundschaft mit Ulrich von Hütten. — Wilh. Schmilz, 8. ck.. Das christliche Element in den Unterhaltungen und bei den Festen des Mittelalters. — Thomas Esser, Orck. vrasck., Beitrag zur Geschichte des Rosenkranzes. — Dr. M. Spähn, Bockspiel Martin Luther's. — Literatur: v. lAvatiuo ckoilor, Orck. Llin>, 8. Laimvsnturns prineixia cks oon- vursu Del Kvnorali ack aetiones oausarum ssounäarum. — v. 9. vorrmann, Institutionss ibsoloZias ckoKinatieao. Miscellen. * Professor Vr. Pastor. In Nr. 60 der Beilage S. 418 war Professor vr. Pastor den Historikern geistlichen Standes zugerechnet: daß er dem geistlichen Stand nicht angehört, ist uns wohlbekannt und ist es nur einem U ^ersehen in der Durchsicht des betreffenden Manuskriptes zuzuschreiben, daß die nöthige Correctur unterlassen wurde. Dieses Ueberschen hat uns übrigens eine mit Humor geschriebene Berichtigung eines Freundes vr. Pastors eingebracht, die einige interessante Notizen persönlicher Natur über den großen Historiker gibt. Er wird es uns wohl nicht übelnehmen, wenn wir die Zuschrift abdrucken: „Daß Professor vr. Pastor geistlichen Standes ist, ist ein allerliebster, aber bereits alter und weitverbreiteter Irrthum, für den es fast schade ist, daß er richtiggestellt werden muß. Es mag verzeihlich erscheinen, wenn man angesichts der immerhin kleinen Zahl katholischer gelehrter Laien unter einem correct katholischen Professor, der noch dazu mit emem so geistlich klingenden Namen versehen ist, sich sofort einen Geistlichen denkt. Zur Erhaltung dieses Irrthums mag auch der Umstand beitragen, daß man den Pros. Pastor nirgends zu sehen bekommt. Er ist noch nie auf einer kathol. Generalversammlung erschienen, und wir wissen zufällig, daß er absichtlich allen persönlichen Demonstrationen aus dem Wege geht. Auch sein Bild ist, außer dem Literaturkalender, kaum da oder dort einmal erschienen, vr. Pastor ist Frankfurter Bürgers- und Kaufmannssohn. war zuerst für den Kanfmannsstand bestimmt, kam durch glückliche Fügung zum Studium nnd bildete sich unter Janssens Leitung zum Historiker aus. Zum geistlichen, Stande hat er keinen Beruf gefühlt, und damit nicht später ein solcher Beruf in ihm erwachen konnte, hat er sich rechtzeitig eine Frau geholt, jene berühmte Constanze, die als einzige Tochter des Oberbürgermeisters von Bonn es meisterhaft verstanden hat, ihre schwesterlichen Rechte sieben Brüdern gegenüber stets siegreich zu vertheidigen, und die dann, namentlich als die häuslichen Sorgen noch nicht allzu groß waren, an dem Triumphe des Historikers nicht ganz unbetheiligt war. Wenn sie auch nicht an der Abfassung seiner Werke be- theiligt war, so war sie doch bei der Herausgabe derselben nicht ohne Einfluß: um so mehr, als sie durch die vorausgegangene Hcrzcnscorrespondenz gelernt hat, die wunderbar räthselhafte und bodenlos schlechte Handschrift des gelehrten Professors mit einiger Leichtigkeit zu entziffern. Ihr macht es immer besonderen Spaß, wenn der Herr Gemahl irgendwo als „geistlicher Herr" angeführt wird. lind es geschieht immer mit besonderer Grazie und einem ganz eigenartigen Lächeln, wenn sie ihm Briefe überweist, die an den „hochwüroigen Herrn Professor vr. Pastor" adressirt sind. Auch die Kinderschaar — es sind deren fünf — ist bei der Abfassung der historischen Werke nicht unbetheiligt. Das Studirznnmer des Professors, ein wahres Arsenal von Gelehrsamkeit, ist das größere Zimmer des Hauses, so daß die Kinder es nicht begreifen wollen, daß gerade dieses Zimmer ihnen nicht für ihre Spiele zur Verfügung stehen soll. So gelingt es rhnen manchmal, aus der Studirstube die Kinderstube zu machen, und dann müssen die gelehrtesten Folianten dazu dienen, eine Ritterburg zu bauen, die unter Ludi's Führung im Sturme eingenommen wird, bis der erzürnte Papa mit einem tzuoo «so die ganze Räuberbande hinausjagt, wo dann der Räuberhanvtmann mit Thränen im Auge sich bei Mama beklagt, daß Papa sie nicht einmal in seinem Zimmer Räuber spielen läßt. Nicht bloß zu den katholischen Geistlichen ist vr. Pastor gezählt worden. Es war schon zweimal der Fall, daß durchreisende protestantische Geistliche sich nach dem Pastor des Ortes erkundigten und man hat sie zum Professor Pastor geschickt, wo sich die Sache in gegenseitiger Heiterkeit aufklärte. Gott sei Dank, daß er uns gehört, wenn er auch mcht im schwarzen Rocke geht! _ * Ei» Niesenlexikon der lateinischen Sprache- Bereits in früheren Jahrhunderten, sowie auch zu Anfang des unseligen ist mit mehr oder weniger Glück der Versuch unternommen worden, den Sprachschatz der Lateiner zu sammeln. Ein solches phänomenales und kostspieliges Unternehmen ist auch jetzt im Werke. Daß es aber überhaupt möglich war, daran zu denken, es in dem großen Stile durchzuführen, in dein es geplant ist, ist die erste Frucht eines Eartells der ersten fünf deutschen Akademien der Wissenschaften in Berlin, Göttinnen, Leipzig, München und Wren, wozu auf Vorschlag des Sectionschefs Hofrath vr. Ritter v. Harte! im Jahre 1892 von der Wiener Akademie die Anregung gegeben wurde. Zur Herstellung des llAosaurus livAnas latinas — dies der Name des Werkes — wurde eine Commission eingesetzt. Diese besteht aus je einem Mitgliede der fünf cartellirten Akademien, ferner aus drei zur Leitung des Unternehmens bestellten Directoren, und zwar den Herren Professoren Buechcler (Bonn), Lev (Göttingen) und Wölffler (München). Präsident der Commission ist der gefeierte Gelehrte Sectionschef von Harte!. Das ganze Unternehmen wurde auf 20 Jahre mit einem Gesammtaufwande von 650,000 Mark veranschlagt. Von dieser Summe hofft man 100,000 Mark, im günstigsten Falle 150,000 Mark durch Buchhändlerhonorare zu decken. Die somit verbleibende Summe von rund 500,000 Mark vertheilt sich gleichmäßig auf die fünf Akademien, so daß auf jede in den zwanzig Jahren 100,000 Mark, also jährlich 5000 Mark fallen. Der Plan für den TAssam-us bezeichnet die Aufgabe desselben als eine psychologisch-historische. Der Ibosauruo will die Geschichte der lateinischen Sprache schreiben, die Lebensgeschichte der einzelnen Wörter, ihre Entstehung, Verbindung, Vermehrung, Abänderung in Form und Bedeutung, ihre gegenseitige Vertretung und Ersetzung, soivie ihr Absterben, kurz, die tausendfache Brechung, welche die Geschichte des nationalen Fühlens und Denkens zum Ausdrucke bringt, darstellen. Die Sitzungen der Commission finden jährlich in der Pfingst- woche, nnd zwar der Reihe nach in Berlin, Göttmgen, Leipzig, München und Wien statt. Die Berichte der Konferenzen geben Zeugniß von dem rastlosen Eifer, mit dem das Werk betrieben wird. Außer dem llAosaurus livAuas latinas werden die cartellirten Akademien auch zugleich einige große naturwissenschaftliche Aufgaben durchführen. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. - Druck». Verlag des Lit.Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.