63 . Möge zm Augsömger ^sstzertmg. 30. Oßt. 1897. Von dem Werke I. Kgl. Hoheit der Prinzessin Therese von Bayern, welches, wie schon in letzter Nummer erwähnt, Mitte November im Verlage von Dietrich Reimer (Berlin) erscheinen wird und in welchem die hohe Autorin ihre Reise in den brasilianischen Tropen schildert, geben wir aus den Aushängbogen folgende Probe: Petropolis — Facenda des Senhor Bar- boza. — Donnerstag, den 30. August. Die Nacht über schlug der Regen auf das Dach, in dessen Gebälk wir von unserem Lager aus hinaufsehen konnten. Noch bei völliger Finsterniß wurde mit dem Ausbruch begonnen, denn ein langer Tagesmarsch lag vor uns. Unsere Hausleute hatten Ueberraschungen für uns bereit. Der Mann schenkte uns ein schönes Otternfell, welches ich seiner geringen Größe und seiner satten, graubraunen Farbe nach für das Fell einer I^utra, Loliiaria Mit. halte.* *) Die Frau war die ganze Nacht aufgeblieben, für ihre Landslcnte echt bayerische Speisen zu backen, Kücheln und Hascnöhrln, von denen wir, soviel noch immer möglich, anf das Pferd mitnehmen mußten. Kurz nach 6 Uhr saßen wir auf und nahmen herzlichen Abschied von unseren biederen Wirthen. An der Spitze unseres Reitertrupps befand sich der Brandenburger Karl Frank, welcher, wie man solches hier häufig sehen kann, die Sporen an den bloßen Füßen angeschnallt hatte. Den Nachtrab bildete Ferrari, das Gewehr quer über den Sattelknopf gelegt. Wir ritten einzeln hintereinander, da der Weg zu einer anderen Reitweise zu schmal war. Die Packthiere mit den Knechten brachen unabhängig von uns auf. Wir pflegen sie den halben, auch den ganzen Tag nicht zu sehen und können meist erst Abends zu unserem Gepäck gelangen, was wegen Unterbringung der unterwegs gesammelten Objekte nicht immer bequem ist. Von unserem Nachtquartier weg saßen wir sechs Stunden ununterbrochen im Sattel. Der Nebel, welcher des Morgens anf dem Thale gelegen, wich der höher- stcigenden Sonne, und nur dem Umstände, daß wir heute größtentheils durch Urwald ritten, hatten wir die Erträglichkeit des schönen Wetters zu danken. Der dichte Pflanzenschutz neben und über uns ließ absolut keinen Sonnenstrahl anf uns durchdrungen, und so befanden wir uns, die kurzen Strecken Roxa abgerechnet, den ganzen Tag im denkbar tiefsten Schatten. Stunden- und stundenlang zogen wir an den undurchdringlichen Urwaldwänden vorüber, die sich rechts und links von uns hin- dehnten. Auch uns zu Häupten schloß sich eine Pflanzendecke, durch welche das Auge nicht aufwärts dringen konnte. So sahen wir nur das Nächstliegende, Nächst- hängcnde; einige Fuß seitwärts in den Wald oder senkrecht nach oben war jedweder weitere Blick durch einen *) Da an diesem präparirten Fell Nase, Schweif rc. fehlen, ist die Bestimmung der Art erschwert, doch Vergleiche mit dem Fell der Imlra brssilisnsis Rax und dem der Imtra solitaria Ratt. im Wiener Naturhistorischen Museum weisen unbedingt darauf hin, daß es das Fell einer I-. solitarw ist. Insofern als bisher angenommen wurde, daß I-. solitori» nur in Süd- und Centralbrasilien s vorkomme, obwohl in Pelzeln (Brasilische Säugethiere S. 53), zwar nur mit Fragezeichen, ein Exemplar aus Bahia angeführt wird, ließe sich denken, daß das von mir in Petropolis erhaltene Fell ein importirtes gewesen sei,-doch besonders wahrscheinlich ist letzteres nicht. grünen Laubschlcier gehemmt. Nur an den Waldrändern und den künstlichen Lichtungen konnten wir eine Uebersicht über die Vegetation gewinnen. Hier war das Sprichwort: „man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht", buchstäblich erfüllt. Allerhand Banniriesen und sonstige pflanzliche Merkwürdigkeiten begegneten uns ini heutigen Naiv virZsm. Da war ein Balsamo mit Balsamgeruch im angehauenen Holze,2) dort eine Barrigudo (Obormia origpiüora 8. L. L ), eine Bombacee, deren Heller Stamm über und über nlit kleinen konischen Holzstacheln übersät und gegen die Basis zu wie ein Faß aufgetrieben ist?) Es folgten verschiedene riesige Päo d'alhos (Oalloma Oora/sma, Nog.), mit ihren bis hoch hinauf astloscn Stämmen, ihrem hellgrünen Laub und ihren verhältnißiiläßktz kleinen Blättern. Ein gefällter Kamerad, der am Wege lag, erfüllte die Luft weithin mit seinem unerträglichen Knoblauchduft?) Auch ein Zwiebelbaum, wohl seines Geruches wegen so genannt oder weil sein Stamm gegen die Wurzeln zu zwiebelähnlich aussieht, ^) stand unfern im Dickicht. An einer Stelle ritten wir unter einigen, eine Gruppe bildenden Sapucaias (Iwozctstis kisonis 6aml>.) hindurch. Ihre kerzengeraden, weit hinauf astfreien Stämme trugen das helle Laubdach, wie Säulen daS Gewölbe einer Kirche. Am Boden lagen Dutzende der holzigen, bnchseuähnlichen Nicsenfrüchte dieser gigantischen Bäume, Früchte, welche sich dem Asteinlauf gegenüber durch einen von selbst abfallenden Deckel öffnen und ein Gewicht besitzen, daß sie, aus ihrem luftigen Hochsitz herabkommend, wohl einen Menschen erschlagen könnten. Unter den bescheideneren Bäumen, denjenigen, welche die mittlere Etage im Urwald bilden, fehlte nicht die Jaboti- caba (Nz-roiaria. .labuticaba LsrZ) mit ihren kugeligen Laubmassen. Im Dickicht fielen Mamoeiras (Oario» papuM I,.) auf durch ihre astlosen Stämme und ihre am Gipfel zusammengedrängten, bandförmigen, regelmäßig gestellten Blätter. Etliche Banmfarne, von denen einer eine bedeutende Höhe erreichte, breiteten ihre graziösen Wedel über das Unterholz. An einer Stelle hatten sich viel Iripalmen (^strocmrz'um Fzmi Nart.) zusammengedrängt, an einer anderen ziemlich viel Palmitos (Lntorpe eeinlis Nart.), deren Kronen blättcrarm waren. Zwischen den Waldriesen wucherten und erstickten sich gegenseitig, im Kampf um Luft und Licht, zahllose andere Pflanzen von einem Artenreichthum, der dem Auge keinen Nuhcpunkt gewährte. Lianen umspannten und umwallen die Bäume. Ein Cip6, dessen Stamm sich roseu- kranzähnlich in ganz regelmäßigen Abständen zu kugeligen ") Nach den von mir mitgebrachten Stammtheilen gehört dieser Balsambamn in keine der batsamspendenden Gattungen Unmirinm, Lrotium, Nyrox^Ion und Oopai- kora. Anatomisch würde er am ehesten auf Simsruba awara ^nbl. stimmen. Doch auch für diesen Baum fehlen ihm einige wichtige Merkmale. >> *) Die ebenfalls Barrigudo genannte Oavauillosta arborea Lobumavn — Lourretia tndsronlata Llart. kann unser Barrigudo nicht gewesen sein, da sie nicht stacdel- bewehrt ist und ihre Ausbauchung weiter oben, in der Mitte der Stammhöhe liegt. *) Die anatomische Untersuchung der von mir niitae- s brachten Holzprobcn ergab, daß diese Bäume zweifellos Llallsnia Vorankam kckoq. waren. Was den Geruch betrifft, könnte es Orataeva tapi» I-. gewesen sein; ob auch der Gestalt des Stammes nach vrataova topis anf diesen Zwicbelbaum paßt, ist aus der Literatur nicht zu ersehen. 434 Anschwellungen erweiterte, sicher irgend eine Micania, zog sich durch die Laubfülle; Schlingpflanzen mit gedrehtem Stamm stiegen nach aufwärts in das Blätterdach des Urwaldes, nnd eine Bauhinia, .lubuti-mutä,- mutü, hatte ihren merkwürdig flachen, starkgewcllten Stamm mindestens ein halb Dutzend Male nebeneinander hinauf und hinab geschlungen und gehangen. Die Lianen- und Luftwurzeldraperie des Urwaldes war dermaßen ineinander- gesponnen, daß, als das störrische Maulthier meiner Reisegefährtin einen Sprung in das Dickicht wagte, sie wie das Thier, aus der sie augenblicklich einschnürenden Pflauzenumstrickung, erst durch die hilfreichen Bnschmeffer der zwei Führer wieder befreit werden konnten. Auch an farbenprächtigen Blüthen fehlte es heute nicht im Urwald, und es berührte uns eigenthümlich, manche unserer Gartenpflanzen hier in wildem Zustande wiederzufinden. Die rosablühende LoZonia angulurio LaäckiO) gedieh am Rande der Picada, Rittcrsterne (^inarMis I,.), von denen die meisten nur eine Blüthe trugen,') leuchteten feurig roth im Dunkel des Waldes auf. Die kavonia multiüora L. flnss., ^) eine strauch- förmige Malvacee, unterbrach mit ihren ebenfalls rothen Blüthen das ewige Grün der Pflanzenwände. Bignonien rangen im allgemeinen Streben nach pflanzenwllrdigem Dasein um ihre Existenz, und Greisenbärte (IManäsiu U8N6oick68 I>.) hingen ihr silberweißes Geflecht von den Baumästeu herab. Eine Araponga (6Im8worz'NLiiu8 nuäieoUis VieiU.), einer jener schneeweißen, scheuen Vogel, welche die höchsten Neste der Riesenbäume aufsuchen und den Urwald mit ihren Glockentönen erfüllen, ließ sich vor uns auf den Weg herab, floh aber erschreckt vor den Hufen der Maulthiere. Hübsche Pfefferfrcsser mit ganz gelbem Leib und schwärzlichen Flügeln, vermuthlich ^näi^ena bailloni VioiU.,b) wetzten ihre charakteristischen Riesenschnäbcl am dichten Geäst. An einer lichteren Stelle zogen einige der großen, grünflügeligen Araras (^ra astloroMrg. (7. L. 6r.) kreischend über uns hinweg. Später ritten wir durch Capoeira-Vcgetation an einem hohen Strauch vorbei, welcher von oben bis unten mit grünen, orange- stirnigen Periquitos (Oonurus auraus 6in.) besetzt war, welche rastlos durcheinander kletterten. Unser Saumpfad war über alle Beschreibung schlecht. Wieder hatten wir viel Piloes, solch lehmige, wie durch einen Pflug gerissene Erdtreppen zu passiren, in deren Löcher unsere Thiere tief einsanken. Dann ging es wieder so steil bergauf und bergab, daß wir uns bald an die Mähne unserer Mulas klammern, bald nach dem Schweifriemen zurücklangen mußten, um nicht aus dem Sattel zu gleiten. Von Zeit zu Zeit führte unser Weg an Ansiedelungen vorbei, welche ganz vereinzelt auf einer Rodung inmitten des Waldes lagen und von Anus (tlrotopstuga Lni I,.) heimgesucht waren. Wir fanden hier, mit Ausnahme eines Preußen, nur Brasilianer als ") Daselbst in mein Herbarium gesammelt. ') Welche Species es war, ist nicht zu ergründen, da es mehrere ein- bis zweiblüthige, rothblühende Species in diesen Theilen Brasiliens gibt. 6) Daselbst in mein Herbarium gesammelt. °) Die Schattirung des Gelbs der gesehenen Tukane habe ich in meinen Reisenotizen nicht genauer angegeben. Gelben Leib, aber Heller schattirt als H.. bailloui, haben auch die in den Küstcnwäldern gemeinen LtsroAlossu8 vvisäi Sturm, doch da ich keine rothe Bauchbinde notirt habe, dürfte letztgenannte Species in diesem Falle wohl ausgeschlossen fein, ich müßte denn in Folge des Dickichts die rothe Bauchbinde nicht bemerkt haben. Kolonisten. Mit jedem Reisetag landeinwärts nahmen die bebauten und bewohnten Strecken sichtlicher ab, und immer mehr trat der jungfräuliche Wald in seine noch unbestrittenen Rechte. Man konnte deutlich ersehen, loie von der Küste her die Cultur Schritt für Schritt in die Urwaldwildniß vordrang. Wir berührten die Ufer eines von Süd nach Nord dem Nio Doce zuströmenden Flusses, der den Namen Santa Maria trägt, wie der Flußlauf, welchen wir von Victoria aus zu Canon aufwärts verfolgt hatten. Die urwaldbedeckten Ufer des Flusses, welche streckenweise die eines Waldsees vortäuschten, waren anmuthig, aber an Ueppigkeit nicht zu vergleichen mit den Seeufern in der Amazonasniederuug. Ueberhaupt blieb die Vegetationsfülle des hiesigen Nuto vir^oru hinter derjenigen der Hylaea zurück. Namentlich fehlte die strebepfeilerartige, überwältigende Entwicklung der Bombaceenstämme und -Wurzeln; Tafelwurzelbildnngen waren nur in bescheidener Weise vertreten. Terrestrische und epiphytische Bromeliaceen, einige mit rothem Blütheustand, schmückten das Waldinnere. Riesige lanzettliche und herzförmige Araceenblätter, wohl Blätter von Anthurien und Ca- ladien, überkleideten den Boden. Bambusgräscr standen zu Dickichten zusammen. Ueber die Wipfel einiger Bäume hatten Schlinggewächse ihren farbigen Blüthen- mantel geworfen. Unser Weg führte nun über einen Berg, welchem noch höhere, uns als Serra da Desgra^a bezeichnete Berge zur Linken blieben. Von unserem erhöhten Standpunkt aus, hatten wir einen schönen Blick hinab in ein weites, urwaldbedecktes, vom Rio Doce durchströmtes Thal. In der Mitte des Thales erhob sich ein konischer Hügel, jenseits wurde dasselbe von einem bewaldeten Höhenzug begrenzt. Den ersten kurzen Aufenthalt nach sechsstündigem Ritt nahmen wir bei einer von Wälschtirolern bewohnten Hütte, wo uns die sympathischen Laute der italienischen Sprache fast wie Heimathklänge begrüßten. Doch erst nach einer weiteren halben Stunde Reitens wurde Mittagsrast gehalten, und zwar waren es wieder Südtiroler, welche uns gastlich aufnahmen. Wir theilten ihr nationales Mahl, Risotto und Polenta, welche uns weit besser mundeten, als die meist mangelhaften brasilianischen Gerichte. Es war hier eine größere Ansiedlung mit Mais-, Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen und schönem, großem Hornvieh. Daß der zu cultivirende Boden noch erweitert werden sollte, bewies uns ein zu Roduugszwecken angezündeter naher Waldstreifen, welcher prasselnd nnd knisternd in sich zusammenstürzte. Da wir hier einige frische Maulthiere eintauschen mußten, wurde unser Aufenthalt wider Willen auf etliche Stunden ausgedehnt. Obwohl es schon im Schatten 29,5 ° 6. hatte, — es war Nachmittags 2 Uhr —, benutzte ich nichtsdestoweniger die aufgezwungcne Pause, um auf dem sonnigen Wiesenhang nach Schmetterlingen zu jagen. Da gab es solche, welche ganz roth zu sein schienen und wohl der in Brasilien durch mehrere Arten vertretenen Gattung Dioue zugehört haben dürften. Daneben flatterten intensiv blau schillernde Theclen, vielleicht Mrövla kubriola Lrum. Und dort gaukelten zwischen den farbenprächtigeren Brüdern Danainen mit florartig durchsichtigen und solche mit braungelb, schwarz nnd weiß schmal gestreiften und gefleckten Flügeln. Doch all diese gelang es mir nicht, mit dem Netz zu erhäschen. Mein Jagdergebniß war eine OaUieors 6rarn., eine kleine Nymphaline, deren Flügel oberseits auf schwarzem Grund eine goldgrüne Binde führen, indessen die Unterseite zum Theil prachtvoll roth, zum Theil weiß mit schwarzen Streifen merkwürdig gezeichnet ist. Ferner erjagte ich einige der durch ihr buntes Kleid ausgezeichneten Ontagrarning, Oru. und eine Rurema, ^lliula, 6rg.ua. vnr. Linas 6oät., eine kleine Pierine, die, bis auf den Saum und die Vorderflügelspitzcu, welche schwarz sind, ein durchaus weißes Gewand trägt. Bon den in dieser Gegend häufigen Tapiren (la- pirns arnsriognns 6.) bekamen wir bisher leider keine zu Gesicht, doch waren in den verschiedenen Kolonistenhäusern Felle zu sehen, von denen wir ihres Umfanges und ihrer Steifheit wegen leider keine mituehmen konnten. Speziell hier, in der Nähe der Wälschtirolcr Ansicdlung, in welcher wir Mittag machten, waren schon siebzehn dieser größten Landthiere Brasiliens erlegt worden. Man jagt sie ihres schmackhaften Fleisches, namentlich aber ihres geschätzten Leders wegen, welch letzteres allerlei Verwendungen findet. Erst am Spätnachmittag wal der Maulthicrtansch beendet und konnten wir unseren Ritt wieder aufnehmen. Bis zum nächstmöglichen Nachtquartier, der Fazenda des Brasilianers Senhor Fortunato Barboza de Menezcs, lagen noch drei Stunden Weges vor uns. Der Saumpfad führte meistens durch Urwald, welchen nur selten Rodungen unterbrachen. Auf letzteren erhoben sich fast nirgends Häuser, die hier übrigens richtiger als Lehmhütten zu bezeichnen wären. Wir vermutheten deßhalb in diesen Rodungen solche, welche die Ansiedler, oft fern von ihren Wohnplätzen, zur Prüfung der Güte des Wald- bodens anzulegen pflegen. Wieder wechselten Araras über unseren Weg. Eine Schaar grüner Periquitos (wohl Lrotogorz's tirion Om.) zog mit wildem Geschrei vorbei, auf Suche nach dem Platz, wo sie aufbäumen konnte. Aus dein Waldesdickicht schlug das Girren einer Taube 1 °) und das laute Brummen eines Mntnms (Orax carunoulata, l'smm.) an unser Ohr. Noch andere Vogel waren hörbar und sichtbar. Namentlich die Araponga ließ ihren metallisch klingenden Ruf unermüdlich durch die Waldeinsamkeit ertönen, das Nahen der Dunkelheit verkündend. Viel Z)ri- palmen (lf.8trooLrzmm ä.zri LInrt.) standen zerstreut im Dickicht. Eine Copaiveira (Ooxnivsrn trapsmiolia. Hnxns), ein Urwaldriese mit Hellem Stamm und Hellem Laub, ragte beherrschend über seine Umgebung heraus. Lianengewinde hingen aus der Höhe herunter. Hoch oben auf der schirmförmig gebreiteten Krone eines dunkelbelaubten Baumes lag, gleich einer Riesenmiitze, ein ganz hellgrüner, vielverzweigtcr Busch mit zart gefiederten Blättern breit hingegossen. In der Kraut- und Halb- strauchvegetation des Urwaldes leuchteten durch Farbenpracht schön rothe, als giftig geltende Blumen (Lrzckirrina,? ?)") hervor. Die gleiche Waldregion schmückten der Blüthe unseres Immergrüns (Vinoa, ") Es könnte die Stimme der von Prinz Wied in den Wäldern Mittelbrasiliens oft gehörten Oolumba rntmn ll'smm. gewesen fein. Siehe Wied: Beiträge zur Naturgeschichte Brasiliens, IV, 455. ") Wied (Reise nach Brasilien, I. 44) erwähnt im Küstenwald niedrig wachsende, rothblühende Erythrina, indessen in LIartii k'Ioia brssilisnsis. XV I, S. 172 ff. für Brasilien überhaupt keine kraut- und halbstrauchartigen Erythrinaarten angeführt sind. Die Erythrina enthalten, L. OoraUocksnäron 6. etwa ausgenommen, auch keine giftigen Stoffe Winor) ähnliche, nur etwas größere lila Blüthen, welche ich für diejenigen einer Vincaspecies gehalten hätte, wenn in Brasilien schon irgendwo lilablühende gefunden-worden wären. r2) Inmitten des Wnldgestrüpps überraschten uns ein paar Termitenhügel aus Lehm, die wohl den Haufen bildenden Termiten (1'srmo8 eumnlnno XoU.) zuzuschreiben waren, da diese weitverbreitete Art auch in Wäldern anzutreffen sein soll. Nach und nach war die Nacht herabgesunken und hatte Alles in ihre schwarze Fittichen gehüllt. Wie auf einen Zanbcrschlag begann nun die nächtliche Thier- symphonie des Urwaldes, jenes Tongemälde, dessen seelencrgreifendc Mächtigkeit sich in Worten nicht wiedergeben läßt. Es setzten Vogel, Cicaden, Grillen ein und die Schmiedenden Laubfrösche (klzln k'ndsr )Viock), deren Glockenstimmcn durch die hehre Banmhalle läuteten. Doch bald wurden unsere Sinne von der Poesie der Urwaldmelodien unbarmherzig in die Prosa einer unerquicklichen Lage zurückgerufen. Wir hatten nicht, wie zwei Tage vorher, eine Laterne bei uns, welche uns den Weg wenigstens nothdürftig hätte erkennen lassen können. Unsere Beleuchtungsapparate lagen zutiefst in einem Sack verpackt und, momentan unerreichbar, einem der Tragthiere aufgeschnürt. Auf unserer Picada aber war es so finster, daß man nicht einmal den Kopf seines eigenen Manlthieres, geschweige denn den Boden unterscheiden konnte. Als Richtschnur diente nur die weiße Kopfbedeckung des jeweiligen Vordermannes, welche im allgemeinen Schwarz wie ein etwas lichterer Punkt erschien. Und der vorderste Reiter heftete sein Auge krampfhaft auf den nicht ganz so tiefschwarzen Streifen, als welchen der Saumpfad sich aus dem Waldesdunkel Herausahnen ließ. So ging es in der undurchdringlichen Finsterniß manchmal steil hinab in die Tiefe, ohne daß man nur wußte wohin. Doch unsere Maulthiere waren wunderbar, was die Sicherheit des Trittes betraf. Wir ritten durch den keineswegs seichten Rio Santa Joauna, einen Parallelflnß des Vormittags gesehenen Rio Santa Maria. Dann vertieften wir uns neuerdings in die Urwaldnacht. Hierbei gcrieth ein Bügel in Verlust, welcher jedoch mittelst Zündholzbeleuchtung mühsam gesucht und endlich wieder gefunden wurde. Inzwischen hatte unser Führer Frank uns verlassen und war nach der Fazenda vorausgeeilt, Quartier zu machen. Der Fazendciro soll nämlich ein schwer zu behandelnder Herr sein, und wenn man nicht sehr uuter- thänig um Aufnahme bittet, läuft man Gefahr, im Walde übernachten zu müssen. Es galt nun, ihn auf eine Einquartierung von sieben Personen, Führer und Knechte mit eingerechnet, und von zehn Maulthieren vorzubereiten und für dieselbe günstig zu stimmen. Wir klebrigen setzten auf Gerathewohl den unbekannten Weg im stockfinsteren Walde fort. Plötzlich, auf einer lichteren Stelle, verloren wir die Richtung und ge- . riethen in einen Sumpf. Unsere Thiere schnaubten aus Angst, und wie festgewurzelt stemmten sie ihre Beine mit eiserner Gewalt gegen jeden Versuch, sie vorwärts zu treiben. Diese instinktive Weigerung war begreiflich, jeder weitere Schritt konnte uns Verderben bringen. Es folgten einige peinliche Minuten der Rathlosigkeit und^ des Angenageltseins an der Stelle. Da endlich fand ") Jedenfalls scheinen es Apocyneen gewesen zu sein» vielleicht ^mdliavrusra leptoxllMa Null. XiA., doch ist l dies eine Kletterpflanze der Catingawälder. 436 einer der abgesessenen Packthicrknechtc die Spuren des im SunipfgraS verloren gegangenen Weges, und im rechten Winkel -zur fälschlich eingeschlagenen Richtung verlieben Ivir die gefahrdrohende Niederung. Wir hatten einen der uugciuüthlichsteu Momente unserer ganzen bisherigen Reise glücklich überstanden. Nochmal führte unser Pfad durch eine pechschwarze Urwaldstrecke, dann lag die Fazenda des Scnhor Barboza einladend vor unseren Blicken. Wir fanden daselbst eine wohlhabende, kinderreiche Familie mit Dienerschaft und im ganzen Hanse einen weit vornehmeren Anstrich als in all den Ansiedler- häusern, in welchen wir bisher über Nacht untergekommen waren. Daraus erwuchs für uns der Nachtheil, daß wir, statt nach neune'mhalbstündigcm Ritt uns ausruhen und ruhig unsere Ncisenotizen schreiben zu können, uns zu dem Fazendciro und seiner Frau in den Salon setzen und portugiesische Konversation führen mußten. Es war dies etlvas bitter. Doch erfuhren wir durch diese Konversation Manches über die Lebensverhältnisse eines solchen Ansiedlers, der auf viele Stunden im Umkreis keinen Nachbarn hat. Von diesem verlorenen Posten im ' Urwald war der nächste Priester vier Tagereisen weit entfernt, und ebenso weit, wenn nicht weiter, war es bis zum nächsten Arzt. Man erzählt, daß Scnhor Fortnnato Barboza seine Kinder erst taufen läßt, wenn sie im Stande sind, selbst zum Priester zu reiten. Nicht nur dies, man erzählt sogar, daß er der Vereinfachung wegen mit dem Spendenlassen des Sakramentes wartet, bis zwei oder drei seiner Sprößlinge zn einem gemeinsamen Taufritt herangewachsen sind. Auf meine Frage, was bei der llucrreichbarkeit des Arztes zu geschehen pflegt, wenn eines der Kinder erkrankt, gab mir die Mutter die lakonische Antwort: „Sie werden nicht krank." Die Senhora selbst hatte seit fünf Jahren die Fazenda mit keinem Schritt mehr verlassen. In einem kleinen, höchst einfachen Raume wurden uns zwei Damen echt brasilianische, steinharte Betten als Lagerstätte angewiesen. Es war uns letzteres für unsere reitmiidcn Glieder gerade nicht angenehm. Unangenehmer aber noch waren uns die Schaarcn von Barattas tLIattiäao), welche in dem winzigen Zimmer kreuz und quer liefen und vor welchen wir unser kostbares Gepäck nicht zu retten wußten. Die Praktische Bedeutung des Thvmasstndiums. Von M. Grab mann. Eichstätt. Der um die Ncpristination wahrer christlicher Philosophie hochverdiente spanische Denker Jakob Balm es charakterisirt das Genie in folgenden Worten:^ „Die Menschen von wahrhaftigem Genie unterscheiden ich durch die Einheit und den weiten Umfang ihrer Auf- assnng. Wenn sie eine schwierige und verwickelte Frage rehandeln. so vereinfachen und ebnen sie dieselbe, indem ie einen hohen Gesichtspunkt nehmen nnd eine Grundidee fhiren, welche über alle anderen Licht verbreitet: wenn sie einen Einwnrf zurückweisen wollen, so bezeichnen .sie den Ursprung des Irrthums und zerstören mit einem Worte dre Täuschung des Sophismus; wenn sie di^Syn- ithese anwenden, so treffen sie sofort das richtige Princip, das mr Grundlage dient, und zeichnen mit einem Worte den Weg, den man einschlagen muß, um zum gewünschten .Resultate zu gelangen: wenn sie der Analyse, sich bedienen, so geben sie genau den Punkt an, von dem die Auflösung ausgehen muß, sie erkennen die verborgene Verkettung H BalmeS „Fundamente der Philosophie" übers. von Vr. Loriiffer. Regensburg, Manz, 1855. I, cx. 4 n. 5i. und öffnen Nils gleichsam mit einem Schlage das Geheimnis; des Gegenstandes nnd zeigen uns sein verborgenstes Innere." Diese Charakteristik ist auch ein Bild des Geisteslebens des hl. Thomas von Aqnino, der mit derselben Gewalt des Genius den höchsten Fragen der Metaphysik und theologischen Spekulation in erster Linie wie auch den mehr praktischen Fragen in zweiter Linie sein Augenmerk schenkte. Die Sonne von Aguin hat zuerst den .Höhen des theoretisch-spekulativen Erkennens überreiches Licht gespendet und zugleich die Niederungen des praktischen Wissens, Lebens und Handelns erhellt. Die folgenden Zeilen sollen einen Beitrag liefern zum Erweis der These: „Das Studium der Werke des hl.'Thomas ist von eminent praktischer Bedeutung." Indem wir das Wort „praktisch" im weitesten Umfange nehmen, bestimmen wir unseren Satz also: Aus den Werken des hl. Thomas kann der Gelehrte ablernen, wie mau praktisch Wissenschaft treibt und schreibt, die Werke des Aqniuaten sind für den Pädagogen, den Prediger und Asceten, für den Juristen und Socialpolitikcr eine Fundgrube goldener Wahrheiten. Unserem Heiligen Vater Leo XIII., der vom hohen Standpunkte mit größter Klarheit das Gewirr der gegenwärtigen materiellen nnd ideellen Lebensbewcgungen überschaut, ist es deshalb ein Herzenswunsch, die Werke des hl. Thomas all denen, die in obigen Fächern heimisch werden wollen, in die Hände nnd ins Herz zu drücken. 1. Was lernt der Gelehrte aus den Schriften des Aquinaten? Das Beispiel dieses größten Denkers des Mittelalters in der Cnltivirnng und organischen Darstellung der verschiedenen Zweige menschlichen Wissens einerseits und die Lehre desselben über die Gesetze des wissenschaftlichen Forschens oder die Wissenschaftslehre des hl. Thomas anderseits, diese beiden Momente verdienen Beachtung und Nachahmung von Seite der modernen Wissenschaft, welche vielfach das überreiche Forschuugsmaterial nicht mehr wissenschaftlich zu gestalten versteht. Der hl. Thomas ist, und das müssen selbst seine heftigsten Gegner zugeben, ein Meister der wissenschaftlichen Systematik. Thomas hat, wie PorLmami^) sagt, Aehnlichkeit mit den großen Malern Giotto und Orcagna, welche mit peinlicher Genauigkeit die kleinsten Details ihrer Werke ausführten und anderseits in ihren großen cyklischen Darstellungen diese Details zn einem Ganzen verbanden. In seinen Oxuscnüa. ist der englische Lehrer den einzelnen Fragen bis in die letzten Verzweigungen nachgegangen, in seinen großen Werken aber hat er diese einzelnen Glieder zum lebensvollen Organismus zusammengeschlossen, zum hehren Dome von Wahrheiten construirt. Wie herrlich sind nicht die einzelnen Artikel nnd Quästionen und Theile der theologischen Summe aufgebaut und gegliedert! Wer sich die Mühe nimmt nnd vergleicht und stndirt, wie der englische Lehrer die Fülle der christlichen Wahrheit kurz und schlicht in seinem sogenannten Katechismus grnppirt, wie dann derselbe hl. Lehrer dieselben Wahrheiten im ^Oowxonckium tsiooloAisa" zur Dog- matik im Lapidarstil zusammenfügt, wer weiterhin verfolgt, wie ebcndiese Summe übernatürlicher Wahrheiten in den tzuLsstiones ckwMtnkao um den Gesichtspunkt der Trinität sich grnppirt, wer endlich den Gedankengcmg der theologischen Summe einer Analyse unterzieht, wer , -) Die Systematik in den tzoaest. clispnt. Jahrbuch I für Philosophie u. spek. Theologie Bd. VI, S. 48 n. 127. 437 dieser lohnenden Arbeit sich unterzieht, wird viel, sehr viel lernen können für die praktische Bethätigung wissenschaftlichen Forschens, besonders für die wissenschaftliche Systematik. Die diesbezüglichen, für den Mann der Wissenschaft beachtenswerthen Vorzüge der Werke des hl. Thomas hat Alexander Piny, 0. kraoä./) in präciser Form also zusammengefaßt: M snmrnnin xsrvcmitz esns Lumina, uk>1 irr äoasnäo snktüljs, in äioonäv toevnnäus, in suaäoncko eonvineentissirnns, ndi in rosvlvenäo aoutns, in xrovanäo vsrvosus, in vivoenciv xorxetnns, ndi vräv rnelivr in vptimis, porsxieuitas wa.jvr in wa- xiwis, prokunckitas summa in summis. lind derselbe spätscholastische Philosoph fügt hinzu: udi äoaont äootoros atqus äoeontui-, sock intoi- tot cwnsorcs sine oon- sura. Ja von der milden und bescheidenen Kritik und Polemik des hl. Thomas könnten manche moderne Gelehrte und Schriftsteller viel lernen.") Von den Gedanken des Aguinatcn über Methodik rc. der Wissenschaften, von diesen praktischen Richt- und Lichtpunkten für den Mann der Wissenschaft sei nur einer angefügt, der für die moderne Philosophie eine beachtens- werthe Fundamcntalwahrheit ausspricht: „Ltuäium xllilo- soxstiao von esk acl üoc: ^uoci soiatnr, gnici kiomirws kenssriub, seä c^nalitor so habend veritas rerum." (6omm. in bristet, äs uuiv. I. 1, leot. 2.) Eine Zusammenstellung und Darstellung der thomist- ischcn Wissenschaftslehre wäre ein literarisches Verdienst und würde dein Manne der Wissenschaft manche schätzenswcrthe Winke an die Hand geben. Wenn nun das Thomasstudinm für den Mann der Wissenschaft in formeller Beziehung hohen praktischen Werth hat, so gewinnen ferner manche mehr praktische Wissenszweige in materieller Hinsicht aus den Werken des Aquinaten außerordentlich viel. Es kommen hier Pädagogik, ascetische Theologie, Rechts- und Social- wissenschast in Betracht. St. Thomas und die Pädagogik. Es ist hier eine direkte und indirekte Beeinflussung der Er- zichungslehre durch die Schriften des Aquinaten zu unterscheiden. In ersterer Hinsicht wird der Erzieher bei Thomas sowohl klare wahre Principien, welche den schwierigen Pfad der Erziehungskunst beleuchten, wie auch eine Fülle vorzüglicher praktischer Winke und Anweisungen finden. Die tiefste principielle Grundlage für Erziehung und Unterricht, die Darlegung, wie der aktuell die Wahrheit besitzende Mensch auf den anderen, der dieselbe nur potentiell besitzt, einwirken kann, dies alles ist ausgeführt in der theologischen Summe (I. Hu. 117) und besonders tief in der Huaostüv äisp. äe verit. 11 cie maZistro. Praktische Anleitungen und interessante pädagogische Exkurse finden sich im Commentar zur Ethik und Politik des Aristoteles. In Lolit. 1. VII leot. 12 wird von der somalischen Erziehung des Staatsbürgers gehandelt, ibiä. I. VIII leet. 1, 2 u. 3 wird von ideeller Bildung desselben einläßlich gesprochen; besonders der musikalischen Ausbildung ist ein längeres Referat gewidmet. Bekanntlich hat ja der Aquinate auch eine von Uccclli wiedergefundene Monographie: „äs musica" geschrieben. b Alex. Piny, Orcl. ?r.: Oursus pbilosopliious tbo- mistieus 1870, 2 Bde. okr. Commer'sches Jahrbuch 1894, S. 380. ') Man vergleiche: Zöllner F. R., Das deutsche Volk und ferne Professoren. Eine Sammlung von Citaten ohne Commentar. Lpz. 80. Indirekt kommt für den Pädagogen die thomist- ische Philosophie, zunächst die Ethik und Psychologie, in Frage. In seiner Tngendlchre und vornehmlich in seiner Theorie der Affekte hat der heilige Lehrer gezeigt, daß er nicht bloß der scharfsinnige Metaphysiker, der Mann des abstrakten Denkens ist, nein, er hat eine Fülle con- kreter praktischer Einzelbeobachtungen in feinsinnigster Weise in diese herrlichen Traktate eingeflochten. Wer das viclbewegte Meer menschlichen Gemüthslebcns studiren will und wer dieses Gemüth in rechter Weise bilden will, der studire die herrlichen Exkurse des Aquinaten über Liebe, Haß, Freude, Schmerz, Zorn u. s. w. Er wird hier die Quellen, die Aeußerungen, die Ausartungen, die Gegenmittel dieser Gemüthsbewegungen klar wiedergegeben finden. Es ist dies eine der schönsten und originellsten Partien in den Werken des Aquinaten. Psychologisch und pädagogisch nicht uninteressant sind die Auslassungen über die Freundschaft im Commentar zur Ethik des Stagiriten (üb. 8 u. 9). Die ganze thomistische Pädagogik ist getragen und gehoben dnrch die dem hl. Lehrer so geläufige Auffassung des Menschen als Gotteskindes. Eine systematische Darstellung der thomistischen Erziehnngs- grnndsätze mit Bezugnahme auf des Aquinaten Gnaden- lehre und übernatürliche Tugendlehre wäre ein Lehrmittel und Heilmittel für die moderne Pädagogik, welche, durch das Irrlicht moderner Philosopheme getäuscht, so vielfach nicht mehr die Wege des Christenthums einschlägt. (Schluß folgt.) Theosophie nnd katholischer Glaube. Von Charles Saint-Paul. Der Congrcß deutscher Theosophen und die Gründung der „International. TheosophischenBrüderschaft" hat neuerdings die Aufmerksamkeit auf die Frage nach dem Wesen der modernen Theosophie gelenkt, die seit einer Reihe von Jahren so vielfach umstritten wurde. Es gewinnt deßhalb ein vor kurzem erschienenes Werk von C. G. Harrison, betitelt „Das transcendentale Weltenall", in welchem nicht nur der Werth des theo- sophischen Systems, sondern auch die Person der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft und ihre „Mahatmas", sowie das Verhältniß der neuen „Offenbarung" zum katholischen Glauben beleuchtet werden sollen, an Interesse. Dasselbe, von Carl Graf zu Leiningen-Billighcim übersetzt, Z besteht aus sechs Vortrügen über „Geheimwissen, Theosophie und den katholischen Glauben", die der Verfasser vor der „Bereun Society" gehalten hat. Letztere ist ein „Verein von Forschern in theoretischem Okkultismus, der seinen Namen von Apostelgeschichte XVII, 10 und 11 ableitete, welcher angemessen erachtet wurde, nicht so sehr die Wesenheit, als die Richtung ihrer Forschungen zu bezeichnen". Der Verfasser bestimmt in der Vorrede den Zweck der Vortrüge noch genauer, indem er sagt, er habe Materialien zur Unterscheidung der wahren Gnosis von den Einreden der fälschlich sogenannten Wissenschaft -/vchoecu;) an die Hand geben wollen und habe sie mit besonderer Bezugnahme auf die Schwierigkeiten veranstaltet, welche Viele darin finden, die von der Theosophischen Gesellschaft aus Licht gebrachten „Wahrheiten" mit der christlichen Grundlchre 0 „Das transcendentale Weltenall". Sechs Vortrüge über Geheimwiffen. Theosophie und den katholischen Glauben, von C. ,G. Harrison. Uebersetzt von Carl Graf zn Leiningen-Billigheim. München, Th. Ackermann, 1897. Erlös einem wohlthätigen Zwecke gewidmet. Preis 5 M. 438 in Einklang zu bringen, und die theils aus einem „unvollkommenen Auffassen der okkulten Thatsachen, theils aus ungenügender Kenntniß der philosophischen Literatur der Kirche entstehen". Wir glauben nun allerdings nicht, daß es ihm gelungen ist, diese Schwierigkeiten zu lösen, zumal einige Aeußerungen über Origencs und Dionysius den Areo- pagiten wohl kaum als genügende und anzuerkennende Bereicherung letzterer Kenntniß betrachtet werden können. Immerhin waren aber seine Beiträge zur Unterscheidung wahrer und falscher Gnosis in anderem Sinne für uns von Interesse, insofern manche „Enthüllungen" über die Geschichte der neueren Theosophie und nebenbei manche kritische Bemerkungen über dieselbe in seinem Werke zu finden sind, welche zur Aufklärung beitragen können. „Die theosophische Bewcgnng oder das Wiederaufleben der Gnostik (!) ist nach Harrisons Ansicht eine sehr merkwürdige und verdient, ernst genommen zu werden. Man kann sie nicht mit einigen wohlfeilen Spöttereien über ,koot-IIooinU oder ,Bringungen von Theetassen' abthun." Letztere Worte beziehen sich auf eine Erzählung des Mr. Sinnet in „Ifis Oaoalk liVorlä« (London, 1884, TrübnerLOo,, 4. Anst. S. 47), derzufolge Mine. Blavatsky gelegentlich eines im Walde abgehaltenen Picknicks den angeblichen „Apport" einer vergessenen Theetasse durch okkulte Kräfte veranlaßte. Schade nur, daß sie nicht mehr Damen in ihren Künsten unterrichtete; fie hätte gewiß dankbare Schülerinnen gefunden. „Die Anzahl ihrer Anhänger kann," Wie Harrison ferner ausführt, „nicht zur Genüge aus Gründen menschlicher Leichtgläubigkeit erklärt werden." „Die Leute mögen in der Mehrzahl Narren sein oder nicht, aber die Reihen der Theosophen werden nicht aus der Mehrheit oder dem nicht denkenden Theil der Gesellschaft rekrntirt. Die große Kraft der Theosophie liegt darin, daß sie ein zusammenhängendes System ist. Sie ist eine Kosmogonie, eine Philosophie und eine Religion. Sie beansprucht, den Schlüssel zu bisher unlösbar gehaltenen Problemen des Lebens und des Geistes zu besitzen, den religiösen Instinkt im Menschen zu erklären und nach dem Entwicklungsgesetze die verschiedenen Formen zu deuten, in welchen derselbe bei verschiedenen Menschenrassen und zu verschiedenen Zeitabschnitten der Weltgeschichte Ausdruck findet." Harrison bespricht nun die wachsende Abneigung gegen den Materialismus und das allmähliche Freiwerden aus den Fesseln wissenschaftlicher Traditionen. Ueberdies aber weist er auf die angeblich wachsende Tendenz nach kirchlicher Freiheit hin und sagt etwas vorn Widerwillen gegen die „nichtswürdige Gesetzlichkeit der lateinischen Theologie"; indem er zugleich seine Hoffnungen hinsichtlich des Wiederauflebens des origenistischen Gedankens ausspricht, der seit Kaiser Justinian verdammt wurde, während der „christliche Gedanke in die eisernen Bande der Lehre des hl. Augnstin geschlagen wurde".(!) Der anglikanisch - katholisch - gnostisch - origenistisch - okkultistische Autor findet ferner, daß Frau Blavatzky bemüht war, der katholischen Kirche eine Rivalin in der Theosophischen Gesellschaft zn geben, und behauptet nun vorerst, daß Frau Blavatsky, wie man zu glauben Ursache habe, die wahren Quellen ihrer Eingebungen größtentheils selbst nicht kannte und ein Werkzeug in den Händen nicht gewissenhafter Personen war, welche ihre merkwürdigen Gaben zu selbstischen Zwecken ausbeuteten. Wenn mehr über die Art des Kampfes bekannt werden sollte, der um ihre unglückselige Persönlichkeit Henna wüthete, würde sie so betrachtet werden, als sei an ihr mehr gesündigt worden, als sie selbst sündigte. Trotz ihres vielumfassenden („der Himmel weiß woher, doch beinahe sicherlich nicht aus Thibet erlangten") Wissens habe sie übrigens manchmal eine außerordentliche Unwissenheit an den Tag gelegt, welche ohne die Unterstellung absichtlicher Täuschung der Uneingeweihten schwer erklärlich sei. Auch ihre Geheimlehre sei äußerst mangelhaft, sowohl in Bezug auf ihre Anthropogenesis wie aus ihre Kosmogenesis, namentlich auf letztere, und dabei von ihrer Persönlichkeit in einem Grade tendenziös gefärbt, daß deren wissenschaftlicher Werth ernstlich in Frage stehe. Füge man noch hinzu ihr leidenschaftliches Schelten, die Verdrehung von Thatsachen, wenn diese nicht in ihre Theorien hineinpassen, und ihren parteilichen Eifer zu Gunsten aller und jeder nichtchristlichen Religionssysteme, — mit einziger Ausnahme des Judenthums —, so verbinde sich Alles, um sie zn einem sehr unsicheren Führer zu höherem Wissen zu machen. Diesen recht bedenklichen Behauptungen über die moderne Theosophiu reiht Harrison nach längeren Erörterungen über Offenbarung im Allgemeinen und das Verhältniß von christlicher und „heidnischer Offenbarung" noch eine Anzahl von Schlüssen an, zu denen er nach genauerer Prüfung des Systems der Mme. Blavatsky gelangt ist. Wir glauben, daß ähnliche Schlußfolgerungen auch von andern bereits gezogen worden sind. Er findet, daß die neue Theosophie, „so hochinteressant und bedeutend sie auch voin wissenschaftlichen Standpunkte aus sein mag", ethischen Zwecken nicht angepaßt ist. Als Kosmogonie ist sie aber für ihn, „trotz ihrer Fehler, ein werthvoller Beitrag zur Geheimwissen- schaft". „Jeder europäische Okkultist muß anerkennen, daß sie der Forschung weite Strecken bis' jetzt unbekannten Gebietes eröffnet hat." Als Philosophie läßt sie seiner Ansicht zufolge viel zu wünschen übrig, da sie keinen Versuch macht, das Problem des freien Willens zu lösen, welcher die eigentliche Wesenheit der Persönlichkeit ist. Sie sei zu fatalistisch. Ferner fehle ihr, als Religion betrachtet, die Antriebskraft, da sie kein Material zur Begründung des Altruismus liefere, auf welchen die Theosophie so strenge dringe. „Ein Glauben an Karnia und Reinkarnation kann im besten Fall nur einen selbstsüchtigen Beweggrund, Gutes zu thun, abgeben und im schlimmsten Fall jedes individuelle Bestreben lähmen. Der Altruismus kann niemals etwas Anderes als ein starres Dogma sein, wenn er nur eine Nützlichkeitsgrnndlage hat. Mit anderen Worten, der Glaube an die Verbrüderung der Menschen ist vom Glauben an dse Vaterschaft Gottes untrennbar, welch letztere von den Theosophen, als mit der Un- persönlichkeit unvereinbar, geläugnet wird, die, wie sie sagen, für den Begriff eines göttlichen Wesens wesentlich ist. Doch dies Läugnen ist für den Anspruch der heutigen Theosophie, die „Alte Weisheits-Religion" vorzustellen, verhäugnißvoll; denn keine jemals bestehende Religion lehrte den Unsinn eines unpersönlichen Gottes. Selbst der Positivismus, jenes Frankenstein'sche Ungeheuer einer materialistischen Philosophie, bekennt den Glauben an eine schattenhafte Persönlichkeit, die der mittleren Kraft der Totalsumme menschlicher Thätigkeit ankleben soll und mit dem Namen der Menschheit geschmückt wird. Natürlich ist die Anbetung (wenn sie ächt) Götzendienst, da der katholische (allgemeine) Glaube der ist, daß wir einen 439 Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit anbeten und die Anbetung irgend eines anderen Gottes Götzendienst ist, es sei nun das Ideal „Die Menschheit" (Anbetung des Geschöpfes) oder ein meta- M)s,scher Begriff des Unbegrenzten, als das Unendliche maSkirt, oder ein scheußlich geschnitzter Holzblock — Religion ist das Band, welches den Menschen mit Gott verbindet. Sie kann viele Formen annehmen, jedoch nur eine, die allen Menschen und allen Zeiten angepaßt ist. Die Lehre: „Das Wort ist Fleisch geworden", vermag allein gleichzeitig den religiösen Instinkt des Menschen zu befriedigen, ohne unseren Gottesbegriff zu verkümmern und herabzuziehen. Das Christenthum ist vor allem eine umfassende Religion. Es verkündet Einen Herrn, Einen Glauben, Eine Taufe. Sein Einer Gott ist der Führer des Menschengeschlechtes, sein Einer Glaube ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen, seine Eine Taufe ist die Bürgschaft für die Solidarität der Menschheit, jener organischen Einheit, welche, wenn sie erkannt wird, alle entgegengesetzten Meinungen über Religion in Harmonie auflösen würde, die ihre Lebenskraft aus sich bekämpfenden Interessen ableiten, indem sie eine direkte Verbindung mit dem Geiste der Wahrheit herstellt, aus dem alle Formen intellektueller Thätigkeit hervorgehen." Was werden die Blavatskosophen zu solchen Worten ihres neuesten Widersachers sagen, der Okkultismus und „Geheimlehre" ebenso wie die von gewissen Theosophen verachteten Martinisten und Rosenkreuzer (älterer Richtung) auf die Basis des persönlichen Gottesbegriffes und einzelner christlicher Grundbegriffe aufgebaut wissen will? Nur schade, daß der Autor, der an anderer Stelle noch von dem Universum als einer großen Symphonie spricht, deren Thema die Liebe Gottes und deren Schlüssel sei: Lt iucaruatiis sst äs Lxiritu La-noto, der den „einst den Heiligen überlieferten Glauben" hochhält, auf einem Felsen, einer ewigen Wahrheit, gegründet, die den Schlüssel zu jedem Probleme im Universum biete, daß dieser sonderbare Apologet selbst im Verlaufe seiner Erörterungen seine christlichen Ideen nicht genauer präcisirt. Allgemeine religionsphilosophische Klarlegungen in seinem Werke hätten wahrlich viel kürzer gegeben werden können, anderseits hätten auch Ausfälle gegen die römische Kirche, deren Wesen er nicht genauer zu kennen scheint, im Vergleiche mit der anglikanischen, weggelassen werden können. Wir können die Gründe seiner Hochschätzung der „englischen Kirche", von der er sich so eingreifende Reformen christlicher Auffassung in der Zukunft verspricht, nicht finden, allerdings finden wir einzelne seiner antirömischen Ausfälle begreiflich, wenn er uns (x. 45) sagt, daß das Mannesalter des neuen Europa sich vom 16. Jahrhundert herleite. Doch kehren wir, ehe wir diesen Standpunkt weiter beleuchten, zu seinen Aufklärungen über die Theosophische Gesellschaft zurück. Die deutsch - französischen Allianzen im 18. und 19. Jahrhundert. Von V (Schluß.) Der Krimkrieg, von den russischen Chauvinisten heiß ersehnt, da man eine Niederlage der russischen Waffen und eine Selbsteinkehr des russischen Geistes oder Reformen von ihm erwartete, stärkte nur die nihilistische Partei, welche an der deutschen Philosophie, besonders Hegel, Schalter und Rosenkranz, sich großgezogen hatte, wie sie ja auch das altdeutsche Kostüm der deutschen Burschenschafter adoptirte. Alexander Herzen gab in London den nihilistischen „Kolokol" heraus, der die Petersburger Palastgeheimnisse besser kannte, als oft der Zar selbst, und die Geheimpolizisten, die gegen ihn nach London gesandt werden sollten, schon Wochen voraus avisirte. Herzen's Diktatur über das Publikum vernichtete, um sich selbst an die Stelle zu setzen, der Hohepriester der Panslavisten Katkow, derselbe, der als Student für Hoffmann und Heine geschwärmt, ä Is, Napoleon und Lord Byron posirt und unaufhörlich, selbst auf der Straße, mit zum Himmel erhobenen Augen Freiligrath's Gedichte deklamirt hatte. Während eines Festmahls war er, von Schwermut!) befallen, auf die Straße gestürzt und hatte dort einen Zusammcnlauf verursacht. Auch war er eine Zeit lang Anglomane, die Zielscheibe deS Spottes seiner Kameraden. Aber nachdem er der Reihe nach für alle Culturnationen geschwärmt hatte, begann er sie zu schmähen und sich auf die russische Nationalität zu capriciren. Sein Todfeind war der bedeutendste russische Kritiker Belinski, dem schrift- stellernde Generäle den Hof machten, der aber in Gesellschaft vor Schüchternheit kein Wort zu reden wußte. Auch der Schriftsteller Gribojodow fällt über die russische Literatur folgendes Urtheil: „Ich kann vor französischer Lektüre nicht einschlafen, während ich mich über russischen Büchern krank geschlafen habe." Eine bittere Enttäuschung brachte auch der Moskauer Slavencongreß 1867. Wie beim babylonischen Thnrmbau verstanden die einzelnen Deputationen einander nicht, und die Czechen, Nnthencn, Bulgaren, Wenden mußten deutsch sprechen, um sich zu verständigen! Während damals eine Hungersnoth in Rußland herrschte, sammelte man enorme Summen für das Theater in Prag und für das russische Theater in Lemberg. Die russische Regierung indeß war ganz im Schlepptau dieses Moskauer Redacteurs, und die Zeiten, wo der spätere Kanzleidirector v. Westmann ihn mit einem Hahne verglichen hatte, der auf dem Misthaufen kräht, waren vorbei. 1883 wurde das letzte russische Blatt freierer Richtung unterdrückt. Jetzt dominirte der unglaublich seichte „Grashdanin" des Fürsten Mesch- tscherski, der sich auch durch Franzosenhaß hervorthat. Die Aera Pobedonoszew, des Absolutisten strengster Ob- servanz, hatte begonnen, der slavisches Pathos mit tar- tarisch-brutalem, eisig despotischem Geiste verbindet, ein- herrasend in hochgradigem Panslavistenwahnsinn, übrigens, wie Katkow, ein durchaus unredlicher, vor Geschichts- fälschungen nicht zurückschreckender Mann, dessen Ideal die Wiedereinführung der Leibeigenschaft bildet.'^) Nach ihm hat Rußland die Mission, Europa gegen Asien zu bewachen, wie es schon 1300 die Mongolengefahr abgewendet habe. Schade nur, daß dies falsch ist, daß gerade Rußland den Mongolen unterlag, sie aufnahm, ihren Geist in sich aufsog und damit die mongolische Gefahr noch näher an Europa rückte. Von einer ganz anderen Mission weiß der Dichter Tschaadajcw, der heimlich zum Katholicismus übertrat, zu berichten: „Wir sind nur dazu da," ruft er aus, „daß die Welt ein abschreckendes Beispiel an uns nehme." In der That ist jedem, der Lanin's Schilderungen aus Rußland liest, jeder Z -eifel geschwunden, daß Rußland keine höhere Mission erfüllen kann, wenn es auf diesem Wege weitcrschreitet. ") Siehe sein Lehrbuch des Civilrechts. IH. Auflage 1883, Theil I. Seite 44. 440 Wäre es uns um Sensation zu thun, so würden wir z. V. aufführen, wer in Rußland zu Universitätspedellen gestellt wird, wie die Justiz dort umgangen wird, wer die Geißel der Hungersnoth verursacht, die wie ein moderner Minotaurns sieben- bis achtmal in jedem Jahrhundert Rußland heimsucht. Es ist dies nicht die gewöhnliche europäische Hungersnoth, die auch Entsetzens genug bietet, sondern jene ist nur in Rußland möglich, bei der die Mäuse Hungers sterben und die Ratten auf Krücken gehen müssen. — Geschickte Vertreter panslavist- ischer Interessen im Auslande waren: der Gesandtschaftspriester Najewski in Wien, General-Obrutschcw in Paris, zugenannt der „schöne General", der sich am meisten auf seine elegante Figur einbildete, die „ksvisv ok Iloviorvg" in London, die ihre Spalten für politische russische Agenten und Spione offen hält, dann die berüchtigte Hinterthür- diplomatie des Trios: Madame Adam, Nowikow und des „freien Kosaken" Aschinow. Nowikow blieb es vorbehalten, die russischen Gefängnisse Erziehungsanstalten zu nennen; mit demselben Rechte könnte man Sibirien mit seinen giftigen Morasten und für die Sonne undurchdringlichen Eisflächen, diese Botany-Bah des Zarenreichs, dieses Nendcz-vons alles Elends und aller Verbrecher, einen gesunden Kurort nennen. Während heute Rußland mit der Türkei in dem Tone süßlicher Friedseligkeit spricht, zeigte es sich in seiner wahren Gestalt gegenüber Bulgarien, wo das offizielle Rußland sich nicht entblödete, nihilistische Politik zu treiben, und zwar an einem Volke, das eben erst vorn türkischen Joche befreit war und gegenüber den russischen Insulten eine unerhörte Mäßigung, Selbstbeherrschung und Sinn für Gesetzlichkeit an den Tag legte. Der Fürst von Bulgarien, der nicht der gekrönte Sklave Rußlands sein wollte, gegen den man aber auch nicht die Blut- und Eisenkur anwenden wollte, wurde der Gegenstand zahlloser, von den russischen Regierungsagenten veranlaßter Complotte und Attentate; man hetzte seine Offiziere gegen ihn auf, brachte seinen Salonzug zum Entgleisen, suchte entlassene Sträflinge zu Meineiden zu veranlassen. Wenn Frankreich, wie es den Anschein hat, immer mehr davon abkommt, im Bunde mit Rußland die Voll- streckerin panslavistischer Ideen zu werden, wenn es überhaupt noch ein Europa im politischen Sinne gibt, wenn mit dem Worte überhaupt noch ein sittlicher Begriff verbunden werden kann, dann werden auch die panslavistischen Bäume nicht in den Himmel wachsen, und Rußland, der Bär, wird nicht, wie Heine fürchtete, an dem verstümmelten Deutschland und Frankreich seine Freßgier stillen. Recensionen und Notizen. Hake P., Katholische Apologetik. II. Aufl., bcarb. von I. F. Hückelheim. 8°. VIII -j- 232 SS. Frei- burg i. Br., Herder 1897. M. 2 40. § An Lehrbüchern der Apologetik (Hettinger, Gut- berlet, Schell, Schanz u. s. w.1 haben wir keinen Mangel, gerade in jüngster Zeit ist auf diesem Gebiete viel Literatur erschienen. Gegenwärtiges Buch will mit den bewährten Werken durchaus nicht in Concurrenz treten. Scii: Zweck ist vielmehr, unter Benützung der bekannten Meisterwerke, eine knappe und klare Darstellung des Stoffes zu bieten, wie er von reiferen Gymnasialschülern bewältigt werden kann. Und diese Absicht ist in dem trefflichen Werke m ganz mustergiltiger Weise erreicht worden. Scharf und deutlich sind die Erklärungen, vorzüglich sind die Einteilungen, welche sich schon durch die Anordnung des Druckes dem Auge leicht erkenntlich zeigen. Dem Stu- direnden, der ein verständiges Erfassen des Glaubensinhaltes erstrebt, könnte für den ersten Gang in die wissenschaftliche Vertheidigung der katholischen Lehre kein praktischeres, besseres Buch in die Hand gegeben werden. Das Studium größerer Werke wird dann mit um so größerem Nutzen möglich sein. * Das prächtig ausgestattete erste Heft des neuen Jahrganges des D eutschen Hausschatzes beginnt mit zwei Romanen, die, nach den bis jetzt gegebenen Nummern zu schließen, als Perlen der Erzählungskunst bezeichnet werden dürfen. B. Corony's Roman: Im Banne der Kunst, nimmt einen vielversprechenden Anfang, wir ahnen jetzt schon den traurigen Konflikt, der das Leben der jungen, vornehmen Künstlerkreisen entstammenden Frau verbittern wird. Noch spannender scheint sich der Roman eines Egoisten von Champol, einem der bedeutendsten katholischen Romanschriftsteller Frankreichs, gestalten zu wollen. Die ersten Kapitel fesseln ungemem. M. Herbert gibt in der Novellette: Das Sterbekleid der Madame Roland, eine wahrhaft erschütternde Episode aus dem Leben des unglücklichen Sohnes Ludwigs XVI. An belehrenden Artikeln, die zugleich dem Zweck der Unterhaltung dienen, ist das Heft besonders reich. Dr. F. I. Holly gibt in Poetische Friedhofsblumen eine sehr anziehende Blüthenlese aus Gedichten, die sich auf Allerseelen beziehen. Der allbeliebte Reiseerzähler Karl May ist in diesem Hefte noch nicht vertreten, doch theilt die Redaction mit, daß er die Fortsetzung des interessanten Romans Im Reiche des silbernen Löwen auf das bestimmteste in Aussicht gestellt habe.. Die Hälfte des Romans ist bereits in Händen der Redaction. Der Bilderschmuck dieses Heftes ist überaus reich und gediegen. * Mittheilungen der Leo-Gesellschaft. Herausgegeben vom Direktorium- Nr. 7 dieser Mittheilungen gibt einen Bericht über die vortrefflich verlaufene 6. Generalversammlung der Gesellschaft in Klagenfurt (26. bis 29. Juli), sowie verschiedene andere Mittheilungen über die Sitzungen des Direktoriums über den Stand der Publikationen der Leo-Gesellschaft und einen Prospekt über ein katholisches Prachtwerk ersten Ranges, dessen Edition die Gesellschaft veranstaltet unter dem Titel „Die katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener in Wort und Bild". Der erste Band befaßt sich mit der Centralregierung der Gesammtkirche, und bildet ein für sich abgeschlossenes Werk. Es soll den Lebenslauf des jetzt regierenden Papstes, eine Darstellung der Organisation und Thätigkeit der höchsten und hohen Prälatur unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung, eine Schilderung der vatikanischen Institute, sowie die Kongregationen und Centralcommissionen u. s. w. und ihres Wrrkens geben. Der Plan des Unternehmens hat den Beifall Sr. Heiligkeit des Papstes und mehrerer katholischer Fürstenhöfe gefunden. Der I. Band umfaßt circa 720 Textseiten mit 60 Tafelbildern und circa 1100 sonstigen Abbildungen und wird in 30 Lieferungen ä 1 M. ausgegeben. Subscriptionen können bei der Leo-Gesell- chaft in Wien angemeldet werden. Höhler, vr.. Fortschrittlicher „Katholizismus" oder KatholrscherFortschritt? Mrtbischösl. Approbation. 3. Aufl. 89 S. gr. 8". Preis 1 M. Trier. Paulinus-Druckerei. Bereits in dritter Auflage sind diese Beiträge zur Würdigung der bekannten Broschüre des Pros. Dr. Schell in Würzburg: „Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts" erschienen. Diese Schrift erörtert in außerordentlich klarer und überzeugender Weise die Anschauungen, welche mehrfach in der vielbesprochenen Broschüre des Würzburger Professors sich finden. Die maßvollen und vielfach klassischen Ausführungen des immer sachlichen Kritikers über die Seminarbildung des Klerus, kirchliche Autorität und Gedankenfreiheit, Wissenschaft und Glaube rc. sind sehr beachtenswerth. Auch die Zusätze der neuesten 6. Auflage der Schell'schen Schrift sind m einem Nachtrag berücksichtigt. Allen denjenigen, welche sich rasch über die Streitfragen orientiren wollen, wird diese Schrift willkommen sein. Verantiv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.