71 . Wage zur Aligsömgtl Weitung.»^ Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters von Emil Michael 8. il. (Fortsetzung.) 2. Die gesellschaftliche Stellung der Bauern. Dafür wurde von weittragender Bedeutung die christliche Lehre über Pflicht und Ehre der Handarbeit und über die Gleichheit aller Menschen. Ueber dem Kampfe der Kirche gegen die heidnische Sklaverei mutzten naturgemäß Jahrhunderte vergehen, bis die Macht der Wahrheit und Gerechtigkeit im öffentlichen Leben des deutschen Volkes ihre Wirkungen äußern konnte. Im Zeitalter der Karolinger kann die Sklaverei als beseitigt gelten. S. 37—38. Es hatte sich indessen vielfach durch die Bedrückungen seitens der Großen eine Art jüngere Leibeigenschaft gebildet, ein nicht mehr so entwürdigendes, aber immerhin sehr hartes Dienstverhältniß. Auch dieses verschwand in manchen Gegenden während des 12. Jahrhunderts gänzlich, indem zum Heile der Seelen oder bei festlichen, freudigen Ereignissen unfreie Leute oft schaaren- wcise freigegeben wurden. „Mit meinem Sinn, sagt der Verfasser des Sachsenspiegels, kann ich es nicht begreifen, daß jemand des andern eigen sei; auch haben wir darüber keine Urkunde." Aehnlich auch der Schwabenspiegel. S. 39-41. Verschieden von diesem Zustande der Unfreiheit ist die Hörigkeit. Infolge anhaltender Kriege in der späteren Karolingerzeit trugen bei dem gänzlichen Mangel einer starken Reichsgewalt viele ärmere, freie Bauern ihre Landstellew mit Vorliebe geistlichen Großen anf, um sie mit dem Versprechen des Schutzes gegen Entrichtung gewisser Abgaben als Lehen wieder zurückzubekommen. So war das wtrthschaftliche Fortkommen des Bauern gesichert und seine persönliche Freiheit gerettet. S. 39. Noch andere Umstände begünstigten die Besserung des Looses der dienenden Klaffen, zunächst die Kreuzzüge. Der Kreuzfahrer trat mit seiner Familie, Hans und Hof unter den unmittelbaren Schutz der Kirche. Viele tüchtige Arbeiter verließen, durch solche Aussichten angelockt, die Heimath, was einen wohlthätigen Einfluß anf die Lage der Zurückbleibenden ausübte. Der Gutsherr sah sich zur Verhütung größerer Verluste genöthigt, Schonung zu üben und mancherlei Milderungen eintreten zu lassen. Daher datiren die vielen Freilassungs- nrkunden aus der Zeit des zweiten und dritten Kreuz- zuges. S. 41—42. Dazu kamen die niederländischen Kolonien im spärlich bevölkerten Norden und Nordosteu des heutigen Deutschland. Erzbischof Friedrich von Bremen gewährleistete den dort Zugewanderten die persönliche Freiheit, das Recht der Erbfolge und selbstständige Gerichtsbarkeit. Der ersten folgten bald weitere holländische Niederlassungen, welche mit dem Segen der Entlastung für die deutsche Bevölkerung dieser Gebiete verbunden waren. Die Klöster und geistlichen Fürsten sahen bald die ungleich vortheilhaftere Bewirthschaftung ihrer Ländereien durch freie Leute ein. Auch neue, rein deutsche Ansied- lnngcn erfreuten sich der den Holländern gewährten Vergünstigungen. Unter solchen Umständen wurde der einzelne Arbeiter um so wcrthvollcr, je mehr sich die Ge- sammtzahl verringerte. Um die Zurückgebliebenen sich zu erhalten, mußten sich die Gutsherren zu Versprechungen und Erleichterungen verstehen. S. 42—43. Endlich kam dazu die Anziehungskraft der sich entwickelnden Städte. Die Städte, welche an der Steigerung ihrer Einwohnerzahl ihr Interesse hatten, fragten nicht nach der persönlichen Stellung der Zugewanderten, sie gewährten ihnen ihren städtischen Schutz, ursprünglich auch dem Unfreien das Bürgerrecht, später Aufnahme als Pfahlbürger. Hatte der Gutsherr nicht binnen Jahr und Tag nach der „Landflucht" seinen Hörigen zurückgefordert, so machte ihn die Stadtlnft ohne weiteres frei. S. 43—45. Doch darf man sich die Auswanderung in die Städte lange nicht so stark vorstellen, als man das geneigt war, bevor man annähernd ziffcrmäßig die Größe der städtischen mittelalterlichen Bevölkerung kannte. Durch die Freilassungen seitens der Herren, durch Selbstbefreiung auf dem Wege des Loskaufes oder der Landflucht hat sich der keineswegs verachtete Stand des freien Gesindes oder der Dienstboten, auch Ehehalten, entwickelt, welche sich durch den Gesindevcrtrag auf bestimmte Zeit gegen einen festen Lohn verdingen. S. 45-46. „Aus dem Zusammenwirken der geschilderten Verhältnisse ergab sich eine bedeutende Erleichterung für die niederen Schichten der Bevölkerung, und wenn religiöse Rücksichten nicht im Stande waren, einen Grundherrn zur Milde zu stimmen, so wurde er häufig durch die äußeren Umstände gezwungen, die Lasten seiner Arbeiter zu ermäßigen. ,So geschah es denn, daß während des 12. und 13. Jahrhunderts in Bezug auf die dienende Klasse der Landleute eine große Veränderung vorging. .... Am Schlüsse des 13. Jahrhunderts waren die leibeigenen Handwerker in Deutschland verschwunden, und mit Ausnahme der ehemals slavischen Länder fand man Hörigkeit nur noch in geringer Zahl?" S. 47. Den Schlußsatz können wir nicht unterschreiben. Nicht einverstanden sind wir auch mit den folgenden Bemerkungen Michaels über die „Eigenschaft" und „Leibeigenschaft". S. 47—48. Thatsächlich mag ja das Leben der Freien wie Unfreien vielfach das gleiche gewesen sei», rechtlich bestand eine Kluft, die noch lange nicht ausgefüllt wurde. „Zinslcute" sind keine „Eigcnleute", „Eigenleute" sind die „Leibeigenen". Es wird dem Verfasser nicht gelingen, die Identität des Begriffes „eigen" in „Eigcnleute" und „eigene Kinder, eigene Frau" aus den Quellen zu erweisen. „Mit meinem Sinn kann ich es nicht begreifen, sagt der Sachsenspiegler, daß jemand des andern eigen sei". Wollte er damit die Zinshörigkeit verurtheilen oder die Leibeigenschaft? Wir meinen doch letztere! In den schwäbischen Urkunden des 15. Jahrhunderts — früher kennen wir sie nicht so genau — wechseln „Eigenleute" und „Leibeigene" mit einander als völlig gleichbedeutend ab. Die Hörigen unterschied man, abgesehen von kleineren Abstufungen, in Grund- und Schutzhörige. 1. Grnndhörige hießen Leute, welche einer geistlichen oder weltlichen Grundherrschaft unterstanden, persönlich frei waren und nach Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten gegenüber dem Gutsherrn Freizügigkeit besaßen. Jedes hörige Bauerngut war so groß» daß der Besitzer seine Familie ernähren und die mit dem Gute verbundenen Lasten tragen konnte. Die Abgaben waren 494 räch der Anschauung Michaels „in der Regel gering", bei Unglücksfällen wurden die üblichen Leistungen ganz oder thcilweise nachgelassen; drückend waren vielfach die Frohnden, nach unserer Anschauung jedenfalls drückender als nach der des Verfassers, insbesondere die Burgbau- frohnden. Verdient die rücksichtsvolle Zartheit zwischen Herren und Knechten in den Weisthümern besondere Hervorhebung, so nicht minder die ebenso häufige schandbare Behandlung der Untergebenen. Uebercifrige Beamte haben nicht selten dem Bauern das Dasein verbittert, und die Hcrabminderuug der bäuerlichen Abgaben durch diesen oder jenen Grundherrn spricht auch nicht selten gegen das patriarchalische Regime, an das M. manchmal denkt. Nicht immer und überall war auch unter dein Krummstab gut leben, von den weltlichen Herren, die naturgemäß mehr Aufwand trieben, ganz zu schweigen. Wer aus Straßenraub sich kein Gewissen macht, wie viele Adelige jener Zeit, der kennt auch für seine Grnndholden keine Rücksicht. Nicht selten mußte die Kirche zu Gunsten der Unterdrückten mit allen ihren Machtmitteln einschreiten. — An sich einer der schwersten Dienste waren die Wein- fuhren der Frohnbauern im Herbste, doch wurde nicht selten durch die Leutseligkeit der geistlichen Häuser daraus ein kleines Volksfest. S. 48—52. Eine häufig wiederkehrende Abgabe war in älteren Zeiten das Bcsthaupt, d. h. das beste Stück Vieh, welches der Gutsherr nach dem Tode des Hörigen aus dessen Nachlaß sich aneignete. S. 53. Daß hie Bauern beim Aufkommen dieser Abgaben damit zufrieden waren, ist doch schwerlich glaubhaft. Der Grundherr läßt ein sreigewordencs Bauerngut nicht uubcnützt liegen. Nicht zu jedem, der sich ihm anbietet, hat er das nöthige Vertrauen; er kann es vernünftigerweise nur dem Sohne des Verstorbenen geben, und es wäre sehr merkwürdig, wenn dieser trotz seines Versprechens der pünktlichen Entrichtung von Grundabgaben auch noch das Erscheinen des gutsherrlicheu Beamten begrüßt hätte, der ihm das beste Pferd oder die beste Kuh aus dem Stalle trieb! Im 13. Jahrhundert wurde das Besthaupt mehrfach verpönt, das erhoben wurde zu einer Zeit, wo die Familie ihr Haupt, ihren Ernährer verlor. Daß es damals schon zn Erleichterungen kam, mag richtig sein; bewiesen hat es der Autor nicht, und wir haben bisher geglaubt, daß es erst recht von da an zur allgemeinen Einführung kam. In Bayern und auch anderswo bestand es bis ins 19. Jahrhundert, bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft. Darum können wir auch nicht mehr so allgemein an „das wahrhaft patriarchalische Gepräge" glauben, welches trotz mancher Ausschreitungen bestanden haben sollte. Die Auflösung des Hofsystcms wirft jedenfalls einen bedenklichen Schatten darauf zurück. „Das patriarchalische Hofsystem machte auch die Einholung der Erlaubniß zum Heirathen der im Hosverbaude lebenden Leute nothwendig, natürlich auch wieder gegen eine Abgabe", S. 53- 54, doch ist diese nicht als Ablösung eines schandbaren gutsherrlicheu Vorrechtes aufzufassen, des sog. ,jus xriraao noetis, welches nie nnd nirgends bestanden hat, aber mit der Lcbeus- zähigkcit einer frommen Legende in gelehrten Köpfen noch mehr als in »»gelehrten sein Dasein fristet. War auch das Mittclalter weniger feinfühlig für uns anstößig dünkende Verhältnisse, so ist es immerhin empörend, ihm traditionell eine Schmach aufzubürden, die eine gänzliche Verachtung aller menschlichen und christlichen Sitte voraussetzt. Wir können es mit dem ganzen Geiste des Mittelalters nicht vereinbaren, es ist dem deutschen Rechte durchaus fremd gewesen, mögen aber auch anderseits nicht in Abrede stellen, daß da und dort ein unsittliches Verhältniß des Gutsherrn zu seinen weiblichen Untergebenen stattgefunden hat; aber es als rechtliches Institut aufzufassen nnd darzustellen, verräth bodenlose Ignoranz oder Bosheit. Vgl. S. 54, Anm. 2. — Nach dem Grundsatz: „die unfreie Hand zieht die freie nach sich", folgten die Kinder immer der „ärgeren Hand". Hatte so der Grundherr dem Hörigen gegenüber bedeutende Rechte, so war er jenem keineswegs schütz- und rechtlos preisgegeben, vielmehr verbürgten die wirthschaftlichen Opfer und persönlichen Dienste dem Hörigen meist ausreichende Sicherheit seiner Existenz, S. 55, doch möchten wir diese Sicherheit auf den normalen Verlauf der Dinge beschränken. Jedenfalls segensreicher als die Hofgeuosseuschaft wirkten anf die Besserung der bäuerlichen Verhältnisse die Kreuzzüge, die Kolonisation, der Aufschwung der Städte und besonders das Walten der Kirche. Diese Dinge trieben die Boden- nnd Gctreideprcise in die Höhe, aber trotz der Preisesteigerung ist der Ncunwerth der Abgaben derselbe geblieben; ihr Werth betrug infolge der Mnnz- verschlechtcrung nnd der gesunkenen Kanfkraft des Geldes kaum noch die Hälfte des früheren Zinses. Bedeutete mithin das unerhörte Steigen der Grundrente schon eine sehr beträchtliche Verminderung der einstigen Last, so wurde diese nochmals wenigstens doppelt leichter, wenn sie die Form der Geldzahlung angenommen hatte. S. 56 bis 57. Die wirksamste Ursache aber, nicht wie M. will, eine der wirksamsten, für die gesellschaftliche Hebung der landarbeitendcn Klassen war die Auflösung des Hofsystems. Wir constatiren hier einen Widerspruch des Verfassers vorher im Preise des Hofsystems und jetzt seiner Verurtheilung. Insbesondere die Nothlage mancher Gutsherren führte zur Einführung neuer Bodennutzungsformen in den verschiedensten Arten der freien Pacht. Durch diese und andere Vergünstigungen besserte sich die Lage der bäuerlichen Bevölkerung zusehends. Die wachsende Freiheit und zunehmende Wohlhabenheit des Einzelnen beruhte aber zum mindesten aus gntsherrlicher Freundlichkeit, Schonung nnd Menschenliebe, wie M. glauben machen will. Gefördert wurde die Wohlhabenheit des Bauer» noch durch die Unthcilbarkcit des Gutes, durch Anf kommen des Auerbeurechtcs. Ob dieses aber auch zum Nutze» des Volkes, ist eine sehr diskutable Sache. Einch weiteren Schutz endlich fand der Bauer darin, daß nach dem Sachsenspiegel Erbschaftsschulden nur insoweit zu bezahlen waren, als die fahrende Habe reichte. S. 57—59. 2. Die Schutz- oder Vogteihörigen waren nur einer Schutzherrschaft infolge freier Wahl oder Abstammung von schutzhörigen Eltern unterstellt. Für den Schutz zahlten sie alljährlich eine Abgabe, im übrigen genossen sie vollkommene Freiheit und konnten auch über ihr Vermögen nach Gutdünken verfügen. Zu den Schutzhörigen zählen in erster Linie viele Altarhörige, dann die Wachs- zinsigcn, die jährlich nur ein paar Pfund Wachs oder einige Denare abzuliefern hatten — die mildeste Form der Hörigkeit, wie jedermann einsehen muß. S. 69. Neben den genannten, in sich vielfach abgestuften Kategorien gab es auch allenthalben in Deutschland ganz freie Bauerngüter nnd Bauerngemeinden, über welche wir gerne nähere Angaben gewünscht hätten, als bloß das Zeugniß Ncidharts und Seifried Helbiugs. Wenn am Ende des 13. Jahrhunderts z. B. in Oesterreich alle Bauern frei waren, so hätte deren Lage eine zum mindesten halb so breite und klare Darstellung verlangt. 495 wie die der Grundhörigen. Aber wir fürchten den Werth von Dichterzeugnissen und lassen sie nur sehr subsidiär gelten; Michael hätte es auch thun sollen. Zum Schlüsse möchten wir noch einen Wunsch aus- sprechen; wir vermissen an dem farbenprächtigen Bilde einige Töne: die Art der Veräußerung von Grund und Boden, sowie eine Darstellung des Pfandrechtes an Grund und Boden. Der Mangel läßt sich ja leicht gutmachen. 3. Baneruleben. Während die beiden vorausgehenden Abschnitte die bäuerlichen Verhältnisse in Gesammtdentschland berücksichtigen, handelt dieser fast ausschließlich von dem Bauernlebeu im Süden und Südosten des Reiches. Wenn auch nicht gerade behauptet werden darf, daß der Süden und Südosten in den beiden ersteren Partien zu kurz gekommen ist, das wird der Verfasser uns zugeben müssen, daß die reichlich fließenden Quellen dieser Gebiete ihn hier verleitet haben, ihnen fast ausschließlich zu folgen. Läßt auch die Thatsache, daß die rechtliche und gesellschaftliche Lage der Bauern in ganz Deutschland fast dieselbe gewesen ist, vermuthen, daß ihr Leben in gleichem Rahmen sich bewegt habe, so hätten doch die vielfach grundverschiedenen Eigenschaften von Nord und Süd, die vielfach doch anders gelagerten und gearteten Verhältnisse am Nheine und an der Donau, in der norddeutschen Tiefebene, im deutschen Mittelgebirge und in den Alpen eine auch in diesem Abschnitte mehr zu würdigende Darstellung verlangt. Immerhin mag es schwieriger gewesen sein, eine solche Menge von Zeugnissen für den Norden und Westen aufzubringen, im Interesse einer gleichmäßigen Behandlung, einer einwandfreien Würdigung wäre eine disfcrcnzirte Darstellung wünschenswert!) gewesen. Das ist offenbar ein Mangel des Buches, der mit dem Mangel von Vorarbeiten nicht ganz entschuldigt werden kaun, wenn er damit auch erklärt wird. Ueberrascht hat uns, daß M. eine bessere Quelle, als es Dichter' sind, für diese seine Darstellung nicht verwerthet hat, nämlich die Landfriedensgesetzgebnng der bayerischen Herzoge in der Mitte und zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Wir fürchten fast, der Verfasser habe, weil er ein Feind ist aller Nohheit und Schlechtigkeit, mit Absicht diese tiefen Schatten Übergängen, jedenfalls nicht zum Vortheile seines Buches. Wir können leichter über diesen Abschnitt (S. 61 — 85) hinweggehen, als ja diese Dinge von selbst das Interesse der meisten Leser mehr in Anspruch nehmen, als sie ohnehin in den verschiedenen Handbüchern für Cultur- geschichte (zuletzt sehr gut von Grupp) einen breiten Raum einnehmen und es gewiß wenig Gebildete geben wird, die nicht an der dem modernen Denken so nahe stehenden Dorfgeschichte (Meier Hclmbrecht), an den Dichtungen und farbenprächtigen Schilderungen eines Ncidhart von Rcnenthal, an der „Märe von den Ganhühncrn" sich unmittelbar erfreuen. Wir lernen da den Bauern kennen, wie er sich benimmt in Lust und Leid, in glücklichen und schweren Tagen, bei der Arbeit und beim Vergnügen, wie er sich kleidet, fremde Tracht und Sprache nachäfft, mit seinem Reichthums prahlt und sich lächerlich macht, wir sehen ihn in Glauben und Hoffen, Leben und Wirken, Sein und Schein. „Die Thatsache, daß ein so unerbittlich scharfer Sittenrichter, wie Bruder Verthold von Rcgcnsünrg es war, der die Gaue Deutschlands, Oesterreichs und Böhmens durchzog, allenthalben geliebt und verehrt wurde, beweist zur Genüge, daß auch das Land« Volk bei allen Auswüchsen einen gesunden Kern hatte. Man vertrug den Tadel des Missionsprcdigers trotz aller Herbheit, und wenn Bruder Bertholt) sich zeigte, so strömten die Schaaren meilenweit herbei; die Aecler entvölkerten sich. Die damalige thcilweise Entartung der Bauern ging nicht, wie später, aus Verzweiflung hervor, sondern aus Uebermuth; es gab unter dem Landvolke noch keine Proletarier, und neben den Entarteten war auch eine bedeutende Anzahl Männer, die im Glück Maß zu halten wußten, ihren Stand achteten und jene ,Zucht' besaßen, die da ist ,eiue Krone über alle Edelkeit'." S. 85. Anmuthend zum Theil, zum Theil abstoßend ist das Leben des damaligen Bauern, der voll überschäumender Lebenslust war und gläubig dcmüthiger Hingabe an die Kirche und ihre Diener, roh und brutal, mitleidig und human — ein Bild des Kampfes der christlichen Idee gegen die zum Bösen geneigte Natur des Menschen, gegen die im Volksglauben noch lange nicht ausgestorbenen finsteren Mächte des Aberglaubens und des Heidenthums. (Fortsetzung folgt.) Fernan Caballero. Zum hundertjährigen Geburtstag der größten spanischen Dichterin dieses Jahrhunderts (Fortsetzung.) Im Jahre 1849 erblickte im Feuilleton des „Clamor Publico" ihr erstes Geistesprodukt die Öffentlichkeit. Es' war der Roman „fta 6s.viota", „Die Möve". Ueber den Verfasser oder die Verfasserin vermochte niemand Aufschluß zu geben, aber alles erblickte in dieser Erstlingsarbcit ein Meisterwerk. Die Tendenz des Romanes war gegen den modernen Kunstenthnsiasmus und Kunstschwindel gerichtet. Die Hanptheldin desselben, Marsilad«, ist eine von den Kunstenthusiasten ob ihrer wunderbar schönen Stimme und ihrer unübertrefflichen Darstcllnngsgabe geradezu angebetete Primadonna, die sich jedoch im wirklichen Leben undankbar, roh und hartherzig zeigt und infolge dessen mit der Zeit zur ordinären Komödiantin hernntcrsinkt. Das zweite größere Werk Caballcro's ist „Lagrimas", nach Kreiteu ein Werk von wirklich literarhistorischer Bedeutung. In „Lagrimas" gab die Dichterin die christliche Antwort auf die ncuhcidnischc Weltschmerzpoesie, welche aus Frankreich, Deutschland und England in die Literatur Spaniens Eingang gefunden hatte und bereits an dem Marke der spanischen Jugend zehrte. Lagrimas, das stille, kränkliche Kind eines hartherzigen, nur nach irdischen Glücksgütern jagenden Millionärs, ist das Bild der christlichen Dulderin, welche ihre leidcnsstarke Seele mit den Worten aushaucht: „^.brÜLoins eon las cckavss V ras rsolino eon la erur:. l?ara gas sieroxrs nie ainxares Oules Lscksntor ckssus."') Als der beste ihrer Romane wird von gewichtigen Autoritäten „Clemenci.a" erklärt.^ Er ist ein Selbstporträt der Dichterin, fest im Glauben, überlegend in ihren Handlungen. Clemencia steht vor dem Leser als eine starke Frau, welche in den über sie hereinbrechenden Schicksalsschlägen die Prüfung besieht. In „Eli a", dein vierten und letzten der größeren Werke Caballcro's, findtn °) „Ich klammere mich an deines Kreuzes Nagel, Der du für mich gestorben bist, Und lehne mich an's Kreuz, daß du mich schützest, Geliebter Heiland Jesus Christ." °) «Stimmen aus Marm-Laach" Bd. 14 S. 302. 496 wir den Nachweis geliefert, daß der in der Literatur existirende Spiritualismus seine einzige feste Grundlage nur in der katholischen Religion habe. Die Dichterin spricht dies selbst aus mit den Worten: „Der Beweis dieser Behauptung ist in dem Gemälde Elia's, unseres Vorbildes, entwickelt, ein wahres und geliebtes Vorbild, das wer mit der Befriedigung eines Malers hier bieten, der die Copie eines schönen Originales vorzeigt. . . . Die stoffliche Entwicklung dieser Erzählung ist 10 einfach, so alltäglich, wir alle haben soviele ähnliche Fälle gesehen; ihre Conseqnenz in dem moralischen Sinne, den wir andeuteten, ist so augenicheinlich, daß, wer vor- urthcilsfrei und ehrlich die Anwendung macht, sich überzeugen muß, es sei der Himmel allein die wahre Anziehungskraft für jeden Spiritualismus." In ergreifender Weise weiß uns Caballero zu schildern, wie die kaum zur Jungfrau erwachsene Elia der Liebe wegen gar Hartes erduldet, nach langem Kampfe der Welt einsagt und rein und unschuldig als Novizin in jenes Kloster, wo sie erzogen wurde, eintritt. Aber in Elia zeichnete uns die Dichterin wie ein Charakter- so auch ein Zeitbild. Das sagt schon der Titel des Romanes: „Elia, oder Spanien vor dreißig Jahren." Alle Typen der damaligen geistigen und politischen Strömung vom streng conservativen Altspanier bis zum fortgeschrittensten Liberalen begegnen uns in der „Elia". Wir kommen zu den Novellen und Dorfgeschichten Fernan Caballero's. Ihr literarischcr Werth steht wohl kaum hinter dem ihrer Romane zurück. So zählt man z. B. „IIn Vorano on Lornos" („Ein Sommer in Bornos") zu dem Schönsten und klassisch Besten, was die Dichterin geschrieben hat. Der Spanienreisende Nolef berichtet uns,?) wie in ganz Spanien und besonders in Andalusien in Jedermann's Munde der Name Fernan Caballero sei. Fast alle Spanier, mit denen er sich unterhalten, hätten ihn gefragt: „Sie haben gewiß Fcuian Caballero gelesen? Kennen Sie auch ,IIn Voi-g.no in kornoa'?" Es sei ihm da gerade so vorgekommen, als wie wenn wir Deutsche einen Ausländer, der Deutsch lernt, fragen würden: „Haben Sie Schiller's Wilhelm Teil und GLthe's Hermann und Dorothea gelesen?" Gewiß, ein Beweis, welcher Beliebtheit sich bei den Spaniern die Werke der Fernan Caballero und vor allem die Novelle „Ein Sommer in Bornos" erfreuen. Aehnlich wie Rolef erging es mir, wenn ich während meiner Reise in jenes Land mit gebildeten Spaniern über ihre Schriftsteller sprach. Stets machte ich die Wahrnehmung, daß unsere Dichterin zu den beliebtesten und gelesensten Autoren bei ihren Landsleuten gehöre. Was nun speziell die vorhin erwähnte Erzählung betrifft, so wollte Caballero durch dieselbe die Unklngheit darthun, welche der Adel dadurch begangen hatte, daß er das Hoflebeu gegen seinen Beruf auf dem Lande eintauschte. Als Muster einer Dorfgeschichte gilt „Die Familie von Alvareda". Frisch und lebendig ist die „Arme Dolores" geschrieben, ganz dem andalusischcn Volksleben abgelauscht „Servil und Liberal". „Das Votivbild", „LI Lx-Voto", zeugt von der hohen Verehrung des spanischen Volkes, selbst in seinen minderwerthigen Individuen, gegen das hl. Kreuz. Ueber die ganze Erzählung ist zugleich der zarte Duft Stlster'schcr Novellenpoesie, verschmolzen mit dem tiefen Zauber der Mcerbilder Heine's, aus- gegossen.«) ') Rolef, Reisebriefe aus Spanien und Maroceo. Seite 46. °) „Stimmen aus Maria-Laach" Bd. 14 S. 39. Die vier Erzählungen „Lady Virginia", „Das Glück schenkt Nichts, es leiht nur", „Verschwiegenheit im Leben und Verzeihung im Tode" und „Das Gewissen läßt sich nicht bestechen" haben jedesmal ein Verbrechen als schauerlichen Hintergrund und zeigen, wie diejenigen, welche die Glücklichsten zu sein scheinen, in Wirklichkeit oft die Unglücklichsten sind. Wie in den eben angeführten Novellen und Dorfgeschichten, so auch in allen andern nicht weiter mehr zu bezeichnenden tritt uns Fernan Caballero als unübertroffene Darstellerin andnlusischer Denk- und Empfindungsweise entgegen. Ueberall zeigt sich ihre scharf ausgeprägte Tendenz des Konservatismus in Religion, Vaterland und Familie, ihre Glaubens- und Königstreue. Mit viel Aufwand von Arbeit, Zeit und Geduld sammelte Caballero Spanische Volkslieder und Volksreime und Spanische Volks- und Kindermärchen. Nach ihrem eigenen Urtheile finden sich in den seuten ziösen Liedern und Reimen des spanischen Volkes bewnnderungswerthe moralische und psychologische Gedanken, in den Liebesgedichten feinste poetische Empfindung, in den epigrammatischen Versen beißender Witz, in den heitern Anmuth und Laune und vor allem in den religiösen ein tiefes, zartes und aufrichtiges frommes Gefühl. Einige Beispiele aus dieser von dem seltenen Beobachtungstalente der Dichterin zeugenden Sammlung sollen als Beleg hiefür dienen. So drückt z. B. der Andalusier die alte Erfahrungsthatsache, daß sich in der Welt die Werthschätzung häufig nur nach dem Geldsacke bemißt, mit den Worten aus: „Als mein Beutel voll und schwer. Hieß ich stets von ll'owäs (d. i. Herr Thomas), Jetzo, da er dünn und leer Heiß ich ll'omäz uv was."") Unser bekanntes Sprichwort: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben", gibt der Spanier durch folgende Sentenz: „Niemand sag' Viktoria, Wenn er noch im Bügel stehet, Denn es hat sich selbst im Bügel Mancher noch den Fuß verdrehet." Sehr drastisch wird das Bestreben jener, die nur auf das Zusammenraffen irdischer Güter bedacht sind, gekennzeichnet: „Wer hier ewig nur erwirbt. Gleichet, Freund, dem fetten Schwein, Das für andere, wenn es stirbt. Erst beginnt, nützlich zu sein." (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Die wöchentliche Commnnion. Ein Wort über den öfteren Empfang der heiligen Sakramente der Buße und des Altars von M a r. von Segur. Äutorisirte Uebersetzung. 3. Annage. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim, 1897. (63 S.) Preis geb. 20 Pf. Der innere Werth dieses weitverbreiteten Büchleins besteht in der klaren und eindringlichen Weise, womit der hochverdiente Verfasser den wöchentlichen würdigen Empfang der hl. Commnnion erklärt und anempfiehlt. Sowohl den Mitgliedern des geistlichen Standes als auch des Laienstandes wird der Gebrauch vielen Nutzen verschaffen. Ll. Wilhelm Hasans übertrug im Jahre 1861 die von Fernan Caballero gesammelten Originale spanischer Volkslieder und Volksreime in's Deutsche und ließ dieselben bei Schöningh in Paderborn 1862 erscheinen. Dieser Ueber- setznng sind obige Lieder entnommen. "y d. i. Thomas, du hast nichts mehr. Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.