72 . 18. Der. 1897. Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgang des Mittelalters von Emil Michael 8. ck. (Fortsetzung.) II. Ale Aestedeknug des Hfleus. Die größte Eroberung, welche von dem deutschen Wolke je gemocht wurde, war die des deutschen Ostens und Nordostens, die sich vollzogen hat ganz besonders im 13. Jahrhundert. Es ist die Großthat des deutschen Volkes im Miitelalter, vielleicht die ruhmreichste That der Deutschen überhaupt, in erster Linie eine That der Kirche und der Orden, ivie wir ja im Folgenden sehen werden. S. 86 — 87. Die reiche Literatur über diese Kolonisation ist von Michael mit solchem Geschick verwerthet, daß wir diesen II, Abschnitt, ohne Widerspruch fürchten zu dürfen, als den besten des Buches bezeichnen können. Schritt für Schritt begleiten wir den deutschen Ordcnsmann, Bauer und Ritters nach dem Osten, und da wir uns mit ihnen als unsern Volksgenossen eins fühlen, freuen wir uns der herrlichen Erfolge, welche vereinte deutsche Kraft für alle folgenden Jahrhunderte errungen hat. Möge dem Schreiber dieses hier der Ausdruck des Bedauerns gestattet sein, daß der schöne Bund der drei Culturarbeiter in der Kutte, im Kittel, -n der Bräune ein- für allemal zerrissen ist! Im Vordergrund der Kolonisation standen während des 12. Jahrhunderts die durch elementare Ereignisse und Nebervölkernng zur Auswanderung gezwungenen Niederländer, welche von den Herren östlich der Elbe gerne aufgenommen worden waren. Die Urkunde des Vertrages ist noch erhalten, den sechs Holländer aus der Diöcese Utrecht im Jahre 1106 mit Erzbischof Friedrich von Bremen abgeschlossen haben. Dieser Vertrag ist vielfach maßgebend geworden für die Festsetzung der Bedingungen, unter denen sich die späteren Siedler aus den Niederlanden und aus Deutschland im fernen Osten niedergelassen haben. Gegen einen mäßigen Zins von dem Vieh und den Früchten wurde ihnen eigene weltliche Gerichtsbarkeit gewährt unter Anerkennung der Obergerichtsbarkeit des Erzbischofes nnd unter Zuweisung von Zehnten an die Kirche. Die ihnen auferlegten Verbindlichkeiten müssen als sehr geringfügig gelten, die zugestandenen Freiheiten als überaus wcrthvoll. S. 87 — 89. Das Gebiet zwischen Elbe und Oder bis nach Meißen und Lausitz wurde in bunter Mischung von fleißigen Bauern aus den Niederlanden und aus Sachsen besetzt. S. 89. Die Kolonisation war allerdings zunächst das Verdienst derer, welche selbst das mühevolle Werk vollbracht haben, dann aber nicht minder jener Fürsten, welche die Besiedlung gefördert haben. Zu diesen gehören im 12. Jahrhundert die Erzbischöfe von Hamburg nnd Bremou, Friedrich, Adalbero, Hartwig I., Siegfried, Hartwig II. und der Erzbischof Wichmanu von Magdeburg. Unter den weltlichen Fürsten ragten hervor Heinrich der Löwe, Albrecht der Bar und Adolf II. von Schauenbnrg, Graf von Holstein. S. 89. Die Kolonisten fanden ihre Hauptstütze an den Prä- moustratenserklöstern, welche die Christianisirung der Weudenvölker bis zum Ende des 12. Jahrhunderts übernommen hatten. Noch zu Lebzeiten des hl. Stifters Norbert erfolgte die Gründung von Leitzlau und von Jerichow (1114),' die Domstiftcr zu Brandenburg und Havelberg waren mit Prämonstratenscrn besetzt. 1154 wurde das neugegründete Bisthnm Rntzeburg dem Prä- monstratenser Evermod übertragen; dem Bischöfe folgte eine Kolonie aus dem Muttcrkloster, das Domkapitel wurde von Männern desselben Ordens gebildet. In Pommern verdankte um das Jahr 1150 das Prämon- stratenserstift Grobe auf Usedom seine Entstehung dem Fürsten Ratibor. Der pommcrsche Fürst Casimir veranlaßte 1170 die Gründung von Brode, 1177 wurde das Kloster Velbnck gebaut, 1180 Gramzow gestiftet. S. 89-90. Die weitere Entwicklung der Christianisirung und Gcrmanisirung des slavischen Ostens knüpft sich an die Cisterzienser, die Träger der Kolonisation im 13. Jahrhundert. Dieser Orden war für die ihm zugefallene Mission wie geschaffen. Genügsam in ihren Ansprüchen und frei von Familicnbanden, wurden sie die berufenen Pioniere des Landescultur. Mit dem Jahre 1170 begann die Gründung der zahlreichen Cisterzienscrabtcicn im Wendenlande. Sümpfe nnd Wälder waren ihre Domänen. „Nach wenigen Menschenaffen! stand die einem Cisicrzicnserkloster geschenkte Wüstenei als ei» blühender Landstrich voll deutscher Dörfer da; ohne diese Klöster würde die Mark Brandenburg dem heutigen Ungarn gleich geblieben sein, wo deutsches Wesen nur in den Städten herrschend geworden ist." WaS sagt der aufgeklärte Berliner zu diesen Worten von Räumers? Seine Cultur soll im Cistcrzieiisergarten zu sprossen angefangen haben? Es ist hier nicht der Ort, den Einzug der christlich- deutschen Cultur in den Wcndcnlanden Mecklenburg S. 91 — 94, Pommern S. 94 — 97, Brmideuburg S. 97 — 98, Schlesien S. 98—106, Preußen S. 108 bis 126 in extonso zu schildern. Wir verweisen auf die meisterhafte Partie des Buches selbst.. Mit be- tvnndernswerther Sicherheit und Klarheit zeichnet M den Siegeszng von Christenthum und Dentschthnm nach dem heidnisch-wendischen Osten; höher schlägt dem heutigen Volksgenossen das Herz über Leistungen, deren Werth und Bedeutung erst den Epigonen zum rechten Bewußtsein gekommen ist, Leistungen, welche unsere eigene Liebe und Begeisterung für christlich-deutsches Wesen nähren und mehret,. Doch der Strom der Auswanderung ergoß sich auch, wenngleich in geringerer Stärke, nach Böhmen, Mähren, Polell, Ungarn und Siebenbürgen. Hier m»f dem Neulande des Ostens wiederholten sich alle Impulse des Mutterlandes rascher, hier griff man energischer zu, hier löste man die Fragen neuer gesellschaftlicher und politischer Bildung systematischer, hier lebte man anfangs llbraus- setziuigsloser in weitgehender socialer Gleichheit. Mit der raschen Entwicklung des Ostens hing es zusammen, daß durch das koloniale Deutschland die tonangebende Stellung des Westens eine gewaltige Einbuße erlitt. Freilich war die deutsche Einwanderung in die genannten Länder nicht dicht und nachhaltig genug. Aber deutsche Culffir war der Nährboden für die Völker, nnd wenn diese im Dränge politischer Leidenschaften und nationalen Chauvinismus das vergessen, so bleibt es nicht minder ivahr. Ganz Deutschland hat an der Wanderung nach dem Osten sich bethriligt. Indem der Einzelne zum erstenmale aus der Beschränkung des Stammes Hermisttat, kam zum er-stcn- 498 male auch die nationale Einheit znm Bewußtsein des Volkes. S. 126-128. Die bis ins 13. Jahrhundert fortdauernde Urbarung der Wälder in den deutschen Stammlanden, die Hufen- theilniig, die Einwanderung in die Städte und die schnelle Verbreitung der Deutschen in den damals gewonnenen östlichen Theilen des Reiches sind nur erklärlich aus dem raschen Wachsthum der Bevölkerung. Aber die Thatsache der großen Kolonisation wurde wesentlich bedingt dadurch, daß die Herrschaft des in engen Grenzen sich bewegenden Agrarsystems erschüttert war und daß eine neue Wirthschaftsform sich anbahnte, die Gcldwirthschaft. S. 128. III. Die Städte. 1. Entstehung der Städte. Geldwirthschaft. Die deutschen Städte sind beim Beginne des Mittelalters, auch noch nicht im 10. Jahrhundert, politische Verwaltnngskörper; sie bilden keine politische Unterabtheilung des Staats- und Verfassungslebens. Jede Stadt gehört noch zu einem größeren Verbände, zu einem Grafschafts- oder Territorialverband, der von einem Beamten des Königs, Landes- oder Grundherrn geleitet wird. Trotzdem hebt sich die Stadt aus dem umliegenden Landgebiet in mancher Beziehung stark hervor. Diese Beziehungen, wie überhaupt die Entwicklung der Städte, werden von Michael eingehend gewürdigt. In dem Streite der Gelehrten um die Entstehung der Stadt- verfassung nimmt er für keine der vielen Hypothesen Partei; denn dem Entstehen liegt nicht eine, sondern eine Reihe von Ursachen zu Grunde. Die eine ist hier, die andere da wirksam und formgchend gewesen. S. 133 bis 135, Anm. Darum haftet der Darstellung auch etwas Sprunghaftes an; es mangelt die organische Entwiälnng, wie sie zeitlich in die Erscheinung getreten ist. Doch ist das eine Folge davon, daß nicht ein Parteisiandpnnkt vertreten wird. Die Städte wurden von dem stachen Lande aus bevölkert. Gaben die Einwanderer auch vielfach die Be- wirihschastuug von weitcuilegenen Grundstücken auf, so wurde doch auch in den Städten viel Ackerbau getrieben; manche Städte besaßen sehr ausgedehnte Feldflnren. Insbesondere Gärten befanden sich in der Nähe und innerhalb der Mauern und des Walles, welche beide jedoch nicht nothwendig znm Wesen der Stadt gehörten. S. 129-130. Die Ausgangspunkte der meisten Städte sind in den königlichen Pfalzen, in den Sitzen der Fürsten, in den Höfen der geistlichen und weltlichen Grnndherren zu suchen, insbesondere in Bischofssitzen und Klöstern. Dadurch wurde der Ort nicht bloß für geistiges Leben ein Mittelpunkt, sondern auch für Gewerbe und Handel. Infolge des festen Sitzes der geistlichen Herren nahmen ihre Städte eine raschere Entwicklung als die königlichen. S. 130-131. Jede Stadt hatte einen Markt, auf dem die Erzeugnisse des städtischen Handwerkes und die Erträgnisse der Landwirthschaft zum Verkaufe standen. Eine Stadt ohne Markt war undenkbar, denkbar aber ein Markt ohne Stadtrccht. Das Marktrecht war in der Regel ein den veränderten Verhältnissen angepaßtes Landrecht, auf dessen Ausgestaltung das Verkehrsrccht größeren oder geringeren Einfluß ausgeübt hat. Der Stadtfricde war Königs- sricde, auch Gottesfricde, sein Symbol meist ein Kreuz, das Stadtkren-,. S. 131 — 132. Die Selbstständigkeu einer Stadt bestimmte sich nach den Befugnissen, welche der die Stadtgemeinde vertretende Bürgeransschuß, der Rath, entweder rechtlich besaß oder doch thatsächlich ausübte. Der von dem Stadtherrn bestellte Richter oder Vogt war nur dem Nanun nach das Oberhaupt. Der Rath brachte gewöhnlich die Gerichtsbarkeit an sich, ihm stand die Ausübung der erworbenen Hoheitsrcchte zu, die Verwaltung der Finanzen und des städtischen Grundbesitzes — er war kommunales Verwaltungsorgan. In Handelsstädten hatte er, zumeist aus Kaufleuten bestehend, aristokratisches Gepräge, an gewerblichen Orten eigneten sich die Innungen die Stadt- regierung an, herrschte die Demokratie. Eine gemischte Stadtverfassung bildete sich dort aus, wo die Zünfte dem aristokratischen Rath das Gleichgewicht hielten. Die Beseitigung einer alten Negicrungsform und die Einführung einer neuen war oft mit schweren Verwicklungen und heißen Kämpfen verbunden. S. 133 — 135. Die deutschen Städte haben Dank den Fortschritten der Volkswirthschaft im 13. Jahrhundert ihre Vorblüthe erreicht, aber noch nicht ihre „Blüthe", wie Michael will. Die Existenz des städtischen Marktes hat den endlichen Sieg der Geldwirthschaft über die bisher vorherrschende Natnralwirthschaft entschieden. Deuten auch die Ablösungen der Hörigkeitsabgaben durch Geld im 10. Jahrhundert auf die ersten Anfänge der Geldwirthschaft hin, so haben diese Spuren der neuen Wirthschaftsordnung nur sehr allmählich und durch die Vermittlung von langwierigen -Entwicklungsstadicn um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts sich Bahn gebrochen. S. 136. Meisterhaft inhaltlich wie formell faßt der Verfasser zusammen: „Es war im Anschluß an die großartigen Erfolge, welche die Arbeit des Landmannes begleiteten, auf dem gesummten wirthschaftlichen Gebiete ein Umschwung der Dinge eingetreten, wie er bisher in der Geschichte des deutschen Volkes unerhört gewesen, ein Umschwung, der nicht bloß dem Jahrhundert, in welchem er sich vollzog, sein Gepräge verliehen hat, sondern der dem Leben der Nation auf weit hinaus eine bestimmende Richtung geben mußte." Die Wirkungen des Ucbergangcs von der Natnralwirthschaft znr Geldwirthschaft, von der hofrechtlichcn Verfassung zum Städtewcscn, können nicht sticht überschätzt werden. Die reine Natnralwirthschaft ist geschlossene Hans- und Hofwirthschaft, ist Eigenwirthschaft. Gütertausch war hier eine Ausnahme. Mit der durch die Städte aufkommenden Gcldwirthschaft trat Arbeits- thcilung und damit grundsätzliche Scheidung der Berufe ein. So entstand der Beruf der Handwerker, der Kaufleute, der freien Taglöhner. Damit war die Möglichkeit größerer Vervollkommnung der einzelnen Zweige, die Steigerung der Ansprüche und die Befriedigung höherer Forderungen gegeben. Die Verkchrsform zwischen Stadt und Land wurde das Marktwesen und der Preismaßstab das Geld, welches die Kapitalbildnng ermöglichte. S. 136-137. Durch die Gcldwirthschaft sind auch andere Formen menschlichen Strebens, und menschlicher Thätigkeit ins Leben getreten. Bis zum 13. Jahrhundert sind der Klerus und im besondern die Klöster ausschließlich die Träger der Wissenschaft und der Kunst, die Stätten jeder höheren Cultur gewesen. Der Grund dieser Erscheinung lag in den wirthschaftlichen Vorbedingungen. Ein auf erhabene Ziele gerichteter Geist muß den Sorgen des Alltaglebens entrückt sein. Laienbildung war also erst denkbar, als der Einzelne durch die Geldwirthschaft ein sorgenloses Dasein bekam und seine Zeit edleren Bestrebungen widmen konnte. S. 138. Die Stellung der bisher wirksamen wirtschaftlichen Faktoren, des Grundbesitzers und des Arbeiters, verschob sich; verbesserte sich einerseits, verschlechterte sich anderseits für den Arbeiter, der seine sichere Stütze verloren hatte. Erfreute sich dieser durch seine Entlassung aus dem gntsherrlichen Verhältniß jetzt auch größerer Freiheit, so wurde er auch der genossenen Vortheile beraubt, da sein Interesse mit dem eines andern innig verknüpft war. — Die Üeberlegenheit des Reichthums druckte auf die minder begabten Coucurrenten, die trotz aller Anstrengung nicht mehr emporkommen konnten. Erst mit der Herrschaft der Geldwirthschaft ist enormer Reichthum auf der einen Seite, Massenelend und Neberhandnehmen des Proletariates auf der andern möglich geworden. S. 138-139. Die üblen Folgen der an sich vollkommen berechtigten Geldwirthschaft sind von den Dichtern und Predigern des 13. Jahrhunderts mit lebendigen Farben geschildert worden, so von dem Dichter des Freidank, von Walther von der Vogelweidc, von einem unbekannten Dichter des Stiftes Benediktbcnern, besonders aber von Berthold von Rcgens- burg. Dieser letztere war unermüdlich in seinem Eifer gegen die Schäden der Geldwirthschaft. Es nimmt den Anschein, als habe der von Liebe zu den Seelen glühende Bnßprediger alle seine Kraft aufgeboten, um das noch junge Unkraut in der Wurzel zu treffen, mit Stumpf und Stiel auszurotten und so größerem Unheil vorzubeugen. S. 139—144. Gegen die Schäden der Geldwirthschaft wurde ein wirksames Heilmittel gerade in jener Einrichtung gegeben, durch welche dieselbe wesentlich gefördert wurde. Es war das Zunftwesen. 2. Die Zünfte. Ein altdeutsches Sprichwort lautet: „Niemandes Herr und niemandes Knecht, das ist des Bürgerstandcs Recht." Das war das Ideal des mittelalterlichen Genossenschafts- oder Zunftwesens. S. 144. Das bisher durch gntsherrliche Abhängigkeit gebundene und eben erst in den Städten frei gewordene Handwerk empfand das Bedürfniß einer Sicherstellnng für die errungene Freiheit. Es wurde befriedigt durch das Einignngsprincip. In ganz Deutschland traten unter mannigfachen örtlichen Verschiedenheiten Zünfte ins Leben. Ursprünglich vielfach bloß kirchliche Vereine, bildeten sie sich zu gewerblichen Vereinen um, ohne den kirchlichen Charakter je zu verlieren. Die weitaus meisten wurden von vorneherein zu gewerblichen Zwecken begründet. Das beweist vor allem der Zunftzwang, der keineswegs als lähmende Fessel empfunden wurde; darnach mußten alle Gewerbetreibenden dem entsprechenden Verbände des Ortes beitreten, wodurch das freie Handwerk lebensfähig und kräftig wurde. Er ging aus von den Stadtherren, die anfänglich den Zünften gegenüber bedeutende Rechte hatten. Mit der wachsenden Freiheit des Handwerkes wurde er durch einen von den Genossen gewählten Zunftmeister geübt. Das Aequivalent des Beitrittes war für des „Handwerks rechten Genossen" das durch die Zunft gewährleistete Recht auf Arbeit. Durch den Zunftzwang war offenbar auch bedingt das Baunrecht, d. h. innerhalb eines gewissen Unikreises eines Marktes durfte kein Gewerbetreibender sich niederlassen und, seine Waare» unabhängig von der Zunft in der Stadt absetzen. S. 145-148. Aus dem 12. Jahrhundert sind nur 5 Handwerke» znnftbriefe erhalten, im 13. Jahrhundert ist ihre Zahl Legion. Am frühesten vereinigten sich naturgemäß jene Handwerke, welche den Bedürfnissen des täglichen Lebens zunächst entsprachen. Mit der Entfaltung eines Hand> Werkes gingen aus einer ursprünglich einzigen Zunft oft mehrere hervor. Die Münchener Weberzunft spaltete sich in Leinen- und Lodeuweber, Tuch- und Zeugmachcr. Tuchschcerer, Strumpfwirker und -stricker. S. 148 — 149 Das Bedürfniß des Zusammenschlusses vereinigte dir Genossenschaften auch örtlich, indem in den mittelalter- lichen Städten die Straßen vielfach nach den Gewerbs> leuten benannt wurden, welche in ihnen wohnten. S. 149-150. Das Zunftrecht war erblich; auch Frauen hatten Zutritt. S. 149. Nachdem die Zünfte im 13. Jahrhundert als gewerbliche Genossenschaften sich Geltung verschafft hatten, erlangten sie im 14. auch politische Bedeutung, indem sie mit den Geschlechtern oder gegen die Geschlechter zu den ersten städtischen Verwaltungsämtern gelangten. Auch die militärischen Verpflichtungen und die gesellige Unterhaltung spielten jetzt noch eine untergeordnete Rolle. S. 150. Weit stärker trat der religiöse Charakter der Zünfte hervor. Die Religion und ihre Uebung verband die Zuuftgenossen in Lieb und Leid. Die Zunft war eine große Familie, welche vom Geiste des Glaubens durchweht war. Sie bildeten zugleich immer fromme Bruderschaften oder waren solchen eingegliedert, sie hatten Heilige zu Schutzpatronen, hatten gemeinsame Gottesdienste, auch für die Verstorbenen. Die Pflicht der Sonntagsheilignng ward strenge eingeschärft und ihre Verletzung durch Geldbußen geahndet. Große Opfer- willigkeit bekundete sich unglücklichen Genossen gegenüber. Scharf wachte die Zunft üoer die Sittlichkeit der Mitglieder, noch schärfer aber über die gewissenhafteste Ehrlichkeit des Handwerkes; diese Vorschriften waren unerbittlich, die Strafen empfindlich, was der Verfasser mit vielen Beispielen belegt. Speziell „mit dem Weiufälschen nahm man es fast so ernst wie mit einem Attentat auf die jungfräuliche Ehre oder mit einerDiajcstätsbeleidigung". „Falsches Werk", d. h. schlechte, vorschriftswidrige Arbeit, war ausgeschlossen. S. 150—153. Diese Satzungen gingen anfangs wohl von der Stadtobrigkeit aus, ebenso die Bestimmung des Preises für die Waaren der Handwerker. Allein schon im 13. Jahrhundert wurde die Preisregulirnug von den Gewerbetreibenden selbst versucht. S. 154. Man unterließ auch nicht, die Höflichkeit im Ver- kehrslcben zu empfehlen. Ein Radikalmittel gegen die Urwüchsigkeit der Fischweiber war das Verbot des Fischhandels für Frauen in Notheuburg und Augsburg. S. 155. — Die Strafen bestanden meist in Geldbußen, selten in körperlicher Züchtigung und entehrender Schaustellung. Die härteste Strafe war Ausschluß aus der Zunft und traf denjenigen, dessen „Bosheit sich bewährt hatte". Die Zünfte sollten rein sein, als wären sie, wie das Sprichwort sagt, von den Tauben zusammengelesen worden. S. 155 — 156. Die Ueberwachung des Gewerbes und die Ermittlung von Zuwiderhandelnden war Ausgabe derer, welche von der Stadtobrigkeit, später von den Zünften selbst dazu erwählt wurden. Diese Vertrauensmänner hießen Meister. S. 166. 500 ES beruhte also im Mittelalter wie der landwirth- schaftliche Betrieb, so auch der gewerbliche auf der Vereinigung von Kapital und Arbeit. Die Arbeitskraft war noch nicht gezwungen, sich gegen die Abschlagszahlung eines Lohnes an das Kapital zu verkaufen. Wer durch unlautere Mittel sich bereichern wollte, den schloß die christliche Gesellschaft aus ihrer Mitte aus. S. 157. Zur Zunft wurden außer den Familienangehörigen auch die Gesellen und Lehrlinge gerechnet. Eine Scheidung zwischen Geselle und Lehrling ist selten möglich vor 1300. Man verstand darunter die jungen Leute, welche sich befähigen sollten, ihr Gewerbe meistens selbstständig auszuüben. Der Meister hatte die Pflicht, für tüchtige Schulung seiner Pfleglinge zu sorgen, vor allem aber ihre sittliche Führung zu überwachen. Mit dem Verfasser dürfen wir das vorgeführte Verhältniß als ein patriarchalisches bezeichnen; aber in der Praxis ist es auch hier nichts damit, sowenig wie mit dem „wahrhaft patriarchalischen Gepräge" der Hofgenossenschaft. S. 53, 157—158. Die Länge der Lehrlingszeit hing von der Vereinbarung ab. Nachdrücklich verboten ist die eigenmächtige Lösung des Vertrages. Von einem Meisterstück der Gesellen ist in den Urkunden des 13. Jahrhunderts noch nichts zu finden. S. 158 — 159. Die Zünfte boten im 13. Jahrhundert das Schauspiel edlen Ringens. Ihr größtes Verdienst war die Heranbildung eines kräftigen Bürgerthums. Der Corps- geist des deutschen JnnungSwescns fand Nahrung darin, daß die gleichartigen Zünfte verschiedener Städte des In- und Auslandes stets eine gewisse Verbindung miteinander unterhielten. Auf der wirthschaftlichen und socialen Grundlage des Zunftwesens hat das Mittelalter eine in ihrer Art vollendete Organisation der Arbeit und der politischen Gemeinschaft aufgebaut. Dieser Zustand trat indessen erst ein, als durch den Aufschwung des Handwerkes das bewegliche Kapital in gewerblicher Hinsicht dem Grund und Boden gleichgestellt war, und als die politische Gleichstellung der Patrizier mit den Handwerkern der wirthschaftlichen folgen mußte. Der Ausdruck dieser inneren Nothwendigkeit waren die Zunft- unruhen, welche fast überall zu Anfang des 14. Jahrhunderts ausbrachen und einen natürlichen Abschluß in der Entwicklung der deutschen Städte herbeigeführt haben. Von nun an hörten die Patrizier auf, allein Bürger zu sein. Es erwuchs ein neuer Bürgerstand, der sich aus den Geschlechtern, den Gewerbetreibenden und den Handelsleuten zusammensetzte. S. 159—162 (Fortsetzung folgt.) Fernan Caballero. Zum hundertjährigen Geburtstag der größten spanischen Dichterin dieses Jahrhunderts. (Schluß.) Zahlreiche spanische Volkslieder finden wir in der Fernan Caballcro'sch cn Sammlung der irdi schcn Liebe gewidmet, doch ist in keinem derselben die Liebe zu einem Menschen über die Liebe zu Gott gestellt. Im Gegentheil, die Seele gehört immer Gott zuerst, und es wird als Sünde betrachtet, jemanden mehr als die Jungfrau vorn Berge Karmcl zu lieben. Ja, diese wird geradezu um ihre Hilfe beim Gesang der Liebeskinder angerufen: ..Gib mir, Mutter von dem Karmel, Anmuth, Witz und Feine, Denn das Singen fordert deren. Und ich habe keine." ?') Ohne jegliche böse Absicht mischt das spanische Volk selbst die Namen der allcrheiligsten Dreifaltigkeit in derartige Reime. So beginnt z. B. in der durch Fernan Caballero bethätigten Sammlung von Ständchen gleich das erste Lied mit den Worten: „In dem Namen unseres Gottes Und des heiligen Geistes bringe Ich das erste Lied dir dar. Das an deiner Thür ich singe." Von den religiösen Liedern ihres Volkes, welche uns Fernan Caballero gesammelt hat, beziehen sich weitaus die meisten auf die allerseligste Jungfrau Maria; denn es ist eine allgemein bekannte Sache, mit welcher Verehrung und Liebe der Spanier der Gottesmuttter zugethan ist; besonders gilt dies vom Geheimnisse der „Unbefleckten Empfängniß": „An der Schwalbe, sagen sie. Ist die Brust von weißer Art; Und ich sage, daß Maria Ohne Sünde empfangen ward." Gar lieblich und kindlich sind ferner die Weihnachtslieder, bei deren Lesung ich mich unwillkürlich der nenpro- ven^alischen Wcihnachtslieder des südfranzösischen Pfarrers Lambcrt") erinnerte. Man kommt da wirklich in Verlegenheit, welches man aus denselben zur Probe herausgreifen soll. Ich wähle nachstehendes, das mich besonders anmuthet, aus: „Eine Pandereta (— Tambourin) klinget. Weiß doch nicht, wohin sie gehet; Gehet sie nach Bethlehem, Bis sie vor der Thür dort stehet. Bei dem Sang des Instrumentes Tritt St. Joseph in die Thür: Wecket doch nicht meinen Knaben, Denn er schläft ein wenig hier. Eingesungen hält im Arme Ihn die Mutter hold und rein: Sang so süße, daß selbst ruhig Gott dabei konnt' schlafen ein." Mit sehr großem Interesse wird vor allem der Deutsche die spanischen Volks- und Kindermärchen unserer Dichterin lesen; denn in denselben weht unverkennbar deutsche Geistes- und Gemüthsart. Man kann dieselben füglich in drei Klassen eintheilen:^) erstens in Erzählungen von religiösem Inhalte mit besonderer moralischer Tendenz, in Spanien Ejemplos genannt, wie z. B.: „Wenn es Gott gefällt", „Das Vertrauen zu den Heiligen"; zweitens Kindermärchen, z. B. „Frau Fortuna und Herr Geld", und drittens eigentliche Vvlks- crzählungen im engeren Sinne, z. B. „Die Ritter vom Fisch". Was einstens die Gebrüder Grimm bei Herausgabe ihrer Sammlung deutscher Haus- und Kindermärchen sagten, die Poesie derselben sei so schön, daß man ihr wider Willen zugethan sein müsse, und ihr poetischer Inhalt bedürfe keiner Vertheidigung, darf wohl auch hier gesagt werden. Fernan Caballero hat sich ") Fernan Caballero, die gründliche Kennerin des andalnsischen Volksgeistes, versichert ausdrücklich, daß beim Singen dieser und ähnlicher Lieder von ihren Landsleuten keine Jrreverenz gegen Heiliges beabsichtigt sei. ") „Bethlehem." Aus den neuprovenoalischen Weih- uachtsliedern des Pfarrers Lambert. Ausgewählt und frei übertragen von W. Kreiten, 8. 1. Freiburg, Herder, 1882. '') Hosäns, t. o. S. 138. 501 durch deren Aufzeichnung unstreitig ein großes Verdienst erworben, zumal da sie hiebet ebensoviel poetischen Geschmack als geschichtlichen Sinn an den Tag gelegt hat. Von den Lebensschicksalen Fernan Caballcro's wäre noch nachzutragen: Nach dem Tode ihres dritten Gemahls, des Advokaten Antonio de Arrom, der 1863 durch Selbstmord endete, veränderten sich ihre materiellen Verhältnisse gar sehr zu ihren Ungunsten. Zum Glück wurde ihr die Erziehung der königlichen Kinder übertragen, jedoch wegen Krankheit mußte sie diesen Posten bald wieder aufgeben; doch verblieb ihr bis zu ihrem Lebensende eine freie Wohnung im AlcLznr in Sevilla zugewiesen. Bald hier, bald in Pucrto de Santa Maria bei Cadiz in stiller Zurückgezogenheit lebend, widmete sich unsere Dichterin bis zu ihrem am 7. April 1877 zu Sevilla erfolgten Tode der Schriftstcllerei. Ihr Andenken wird bei allen, die den hohen Werth der guten, christlichen Literatur zu schätzen wissen, ein gesegnetes bleiben, und es wäre nur zu wünschen, daß auch in Deutschland ihre Werke immer mehr bekannt würden. Wer die spanische Sprache lernt oder nach Spanien reisen will, dem ist vor allem die Lektüre sämmtlicher Schriften unserer großen spanischen Dichterin Feruan Caballero würmstens zu empfehlen; doch auch diejenigen, welche der wohlklingenden spanischen Sprache nicht mächtig sind, werden in der Lektüre ihrer Werke, soweit dieselben bereits ins Deutsche übersetzt sind, den herrlichsten geistigen Genuß finden. Nimm einmal und lies die Schriften Fernan Caballcro's, und du wirst dich, freundlicher Leser, von der Wahrheit des Gesagten überzeugen! Forschungen zur bayerischen Geschichte. -n. Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Natzinger*) eine Reihe von Untersuchungen hauptsächlich über die mittelalterliche Geschichte Bayerns. Die erste Hälfte des Werkes bildet die Geschichte des Passaucr Dekans Albert Böheim, des seit Aventins parteiischer Darstellung so berüchtigten päpstlichen Legaten und Gegners Friedrichs II. Natzinger bietet hier mit Heranziehung des gesammteu einschlägigen Quellenmaterials und unter Darlegung der damaligen Zeitvcrhältuisse ein anschauliches Bild von dem Leben und Wirken jenes Mannes, dessen Verwandtschaft mit deni bayerischen Hcrzogshaus (Albert war wahrscheinlich Taufpathe Herzog Ötto's II.) im Nachtrag, S. 628 ff., eine eigene Erörterung gewidmet ist. — Die zweite Hälfte des Werkes enthält 14 gesammelte Abhandlungen. Die erste derselben betrifft das alte römische Bisthum Lorch (staariaaum), dessen Zusammenhang mit dem späteren Bisthum Passau der Verfasser nachzuweisen sucht. Die in Passau verfertigten falschen Papstbullen, die den Nachweis erbringen sollten, daß Lorch und ebenso Passau in den ersten Zeiten ein Erzbisthum gewesen, werden zum größten Theil mit dem Projekt der Errichtung eines Bisthums Wien unter dem Passauer Bischof Wolfger (1191 — 1204) in Verbindung gebracht. Mit diesem Projekt beschäftigt sich die nächste Abhandlung eingehender. Die Errichtung eines Wiener Bisthums wurde besonders von den Babenbcrger Herzogen Leopold dem Glorreichen c. 1208 und Friedrich II. c. 1244 eifrig betrieben, doch ohne Erfolg. Das Bisthum wurde bekanntlich erst 1468 gegründet. Die nächstfolgenden Abhandlungen beziehen sich haupt- "1 Forschungen zur bayerischen Geschichte von Dr. G. Natzinger. Kcmpten, Jos. Kösel. 1898. VIII n. 653 S. sächlich auf die ältere Kircheugcschichte Bayerns, die ja wegen Mangels an genügenden Quellen noch sehr im Dunkel liegt. Bietet der erste dieser Aufsätze über die „älteste Reliquienverehruug in Bayern" schon manches Interessante, so ist besonders der folgende: Zur älteren Kirchengerichte Bayerns beachtenswert!). Auf Grund der vor 15 Jahren veröffentlichten Grazer vita 8. Ruperti weist der Verfasser nach, daß Rupert nicht als Apostel der Bayern, die schon im 6. Jahrhundert bekehrt wurden, sondern als Klostergründer zu betrachten ist. Ferner wird hier die Bedeutung des hl. Valentin gewürdigt, der nicht bloß ein Tiroler „Lokalheiliger" sei, wie die moderne Kritik will, sondern seine Wirksamkeit im 5. Jahrhundert auf ganz Rätien erstreckte. — Nach einer Geschichte der Marienfcste in Bayern, worin die Einführung und Feier der einzelnen Feste besprochen wird, folgen zwei Abhandlungen, die über noch wenig erforschte Partien der bayerischen Kirchengeschichte unter den Agilolfiugcrn Licht verbreiten: Quirinus und Arsacius, die Schutzpatrone von Te- gernsee und Jlmünster, und der bayerische Kirchen- streit unter dem letzten Agilolfinger. Erstere Abhandlung verbreitet sich über die Translation jener Heiligen aus Rom sowie über die Grüudungsgeschichte der beiden Klöster im 8. Jahrhundert durch die Huosier, die muthmaßlichen Vorfahren der Schyreu-Wittelsbacher. Der andere Aufsatz beleuchtet den Streit zwischen dem germanischen Eigenkircheusystem und der römisch-kanon- istischen Auffassung von der Verwaltung des gestimmten Kirchenvermögeus durch den Bischof, den Streit zwischen den bayerischen Klöstern und fränkischen Bischöfen. Der Umstand, daß in diesem Streit Herzog Tassilo mehr auf Seite der Klöster stand, während Karl der Große die Partei der Bischöfe ergriff, habe wesentlich zum Sturze des letzten Agilolfingers beigetragen. Die folgende Erörterung handelt über die sociale Bedeutung des hl. Frauziskus, dessen Orden die Vermittlerrolle zwischen Luxus und Elend zu übernehmen bestimmt war. In Verbindung mit diesem Aufsatz steht der nächste über die Anfänge der Bettelorden in der Diöcese Pas sau im 13. Jahrhundert. Auf Grund der Werke Nidharts von Rcueuthal, Wernhers des Gärtners u. a. entwirft Natzinger sodann eine Schilderung über bäuerliches Leben im 13. Jahrhundert. — Ein bayerisch-mailändischer Briefwechsel aus dem 12. Jahrhundert, zwischen dem Biographen Gregors VII., Paul von Vermied, nebst seinem Schüler Gebhard, den Gründern von St. Mang in Stadtamhof» und dem Schatzmeister des Mailänder Damkapitels, Martin, ist nicht nur in theologischer, sondern auch in culturgeschichtlicher Hinsicht merkwürdig. Er gibt Aufschlüsse über die Thätigkeit lomb (irdischer Bauinnungcn in Bayern, besonders über die der Bauarbeiter von Como. Man ließ in Bayern im Mittel- alter für Steinbauten meist italienische Baumeister kommen; daher die vielen Nachahmungen italienischer Kirchen bei uns. Die vorletzte Abhandlung beschäftigt sich mit der Würde des Diakonats in der altchristlicheu Kirche und bekämpft besonders die Auffassung, daß unter den im ersten Briefe an Timotheus (3, 11) erwähnten Diakonissen Frauen der Diakonen zu verstehen seien; es seien dies vielmehr weibliche Diakonen, Jungfrauen oder Wittwen. Daran schließt sich eine Erörterung über städtische Gemeiudearmenpflege im Mittelalter; Per« 502 fasser weist die protestantische Ansicht zurück, die eine geordnete Armenpflege als Verdienst Luthers und der Reformation hinzustellen beliebt. Es gab Armen- und Almosenordunngcn schon lange vor Luther. — Den Schluß bildet eine Erörterung über das Projekt eines Münchener Bisthums, das zuerst 1579 unter Herzog Wilhelm V. ins Auge gefaßt, von den Kurfürsten Ferdinand Maria 1678, Max Emanuel 1696 wieder aufgenommen wurde, aber nicht zur Ausführung kam. So bietet das Werk genug des Interessanten und Anregenden, nicht nur für den Fachmann, sondern für jeden Gebildeten, und wird jedem Freunde der bayerischen Geschichte willkommen sein. vr. xkil. Emil Wahrendorp's Broschüre „Katholicismus als Fortschrittsprincip". " Unlängst fiel uns ein Flugblatt „des (jüdisch-frei- maurcrischcn — s. „A- Postztg." 1897 Nr. 131 —) Verlages der Handclsdruckerei in Bamberg" in die Hände, in welchem in großsprecherischer Weise die oben angeführte Broschüre dem Lesepublikmn empfohlen und namentlich auf die 2. Auflage derselben aufmerksam gemacht wird, „die wegen der Behandlung verschiedener, die Frauenwelt angehender hochwichtiger Fragen auch diese mit Interesse lesen wird". Zum Schlüsse heißt es: „Diese Broschüre wird in der bevorstehenden Wintersaison wegen ihres außerordentlich gediegenen wie sachlich gehaltenen Inhalts und ihrer hervorragend vornehmen, ruhigen Diction zweifellos in allen Gesellschaftskreisen den Mittelpunkt der Konversation bilden." Kann man in der Anpreisung einer simplen Broschüre noch mehr leisten ? Referenzen stehen der Broschüre zur Seite von den „Münchener Neuesten Nachrichten", vom „Das Menfchenthum", „Der Freidenker", „Volks-Frühling" u. a. geistesverwandten Zeitungen, in welchen die deutsche Sprache zu einer grotesken Lobhudelei mißbraucht wird. Durch all' das auf's höchste neugierig gemacht, wollten auch wir die Frucht der „gereiften Wißcnschaft" des Hrn. Wahrendorp, leine Schrift, „welche vom wissenschaftlichen Standpunkte aus dem Würzburger Theologen (Dr. Schell) entgegentritt" und keineswegs ein Zeugniß für die eigene „geistige Jnfcriorität" des Verfassers ist, wohl aber die „vieler katholischer Theologen" brandmarkt, kennen lernen. Die hochwichtigen, die Frauenwelt interessircnden Fragen konnten wir missen, darum genügte uns auch die 1. Auflage dieser „lehrreichen" Broschüre, um in ruhiger, vornrtheilsloser Lcctüre uns ein Urtheil zu bilden über „die rein sachliche und vornehme Ausführung, womit der Verfasser mit „„Virtuosität"" die Unrichtigkeit und Un- haltbarkcit der Schell'schen These nachweist". Wer ist nun Herr Wahrendorp? Wenn es wahr ist, daß er dem auScrwählten Gottesvolke angehört, dann ist er allerdings berufen, berechtigt und überaus geeignet, über katholische Dinge mit einzigartigem Verständnisse und genauester Sachkenntniß abzusprechen und der katholischen Kirche den Text zu lesen und auch „die orthodoxprotestantische Theologie nicht zu schonen". Doch, besehen wir- uns sein Machwerk etwas genauer, so finden wir, daß es von Entstellungen und Unrichtigkeiten strotzt, an denen der Verfasser trotz aller Richtigstellung in öffentlichen Blättern hartnäckig festhält. Die Broschüre ist von einem vollständig religionslosen Standpunkte aus geschrieben; die Anschauungen und Gesinnungen des Verfassers sind wohl schon damit genugsam gekennzeichnet, daß er nur erborgte Brocken aus Heigl, Nivpold, Dnller, Droper< Noack, Scholl, Scherr u. ähnl. bietet. Rein formalistisch angesehen, ist sie ein kunterbuntes Sammelsurium ohne jegliche Ein- und Abtheilung und logische Ordnung. Was den Inhalt anlangt, so stößt man in ihr auf Behauptungen, die entweder von der pyramidalen Unwissenheit des Verfassers auf religiösem und historischem Gebiete ein glänzendes Zeugniß ablegen, oder die rohe Ausgeburt eines von infernalem Hasse gegen alles Katholische erfüllten Herzens sind. So heißt es (Seite 9), daß der Papst au jedem Charfrcitag öffentlich und feierlich alle Ketzer .... verfluche: (S. 12) daß der römische Katholicismus in Wirklichkeit alle Nichtrömischkatholischen für verloren halte. Der Katholicismus kaun dem Fortschritte nicht dienen und die Cultur nicht fördern; die Wege der Cultur und der Religion kreuzen sich (S. 17 f.); alle Religionen sind bildungsfeindlich (Seite 19)-, Religion und Wissenschaft, Glaube und Wissen haben sich noch nie anders, als wie Feuer und Wasser vertragen (S. 33 f.). So lange es Menschen gibt, waren Religionen stets das größte und stärkste Hinderniß jeglichen Fortschrittes (S. 53). Daß zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalte der göttlichen Offenbarung und den sicheren Ergebnissen menschlichen Wissens, zwischen Katholicismus und Wissenschaft in unsern Tagen lein Widerspruch besteht, daß, wo der Glaube herrscht, auch das Wissen gedeihen kaun, das beweisen uns doch die Schriften so vieler katholischer, glanbenstreucr Gelehrten der Jetztzeit, die sich über alle Gebiete menschlichen Wissens verbreiten. Von solchen Schriften und Männern wird allerdings -iöerr Wahrendorp keine Kenntniß haben, daher existiren sie für ihn auch nicht, wohl aber „die Bildungsfeindlichkeit der katholischen Kirche". Daß die katholische Kirche im Lause der Jahrhunderte mächtige Bausteine zum Ausbau wahrer Wissenschaft und Cultur geliefert hat, das erzählen uns die Blätter der Geschichte, das verkünden uns die großen christlichen Denkmäler vergangener Zeiten. Was hat nur der eine Benedictiner-Orden für Bildung und Gesittung, für Kunst und Handwerk, für Erziehung, Unterricht und Wissenschaft gethan? Was haben Jahrhunderte lang die zahlreichen Benedictiner - Schulen geleistet? Durch sie, sowie durch die wissenschaftliche Thätigkeit dieser eifrigen Mönche wurde in den schrecklichen Jahrhunderten, die auf die Stürme der Völkerwanderung folgten, die Fackel der Wissenschaft vor dem Erlöschen bewahrt und die Tradition der wissenschaftlichen Cultur aus dein Alterthum in die späteren Zeiten hiuübergercttet. Wenn die Renaissance sich berauschte vom Glänze der antiken Wissenschaften und in dem Genusse der römisch-griechischen Redner und Dichter schwelgte, so verdankte sie diese Schätze allein der mühevollen und emsigen Arbeit der Mönche, welche die klassischen Schriftsteller des Alterthums für ihr eigenes Studium sowohl als auch für ihre Schulen brauchten und deßhalb durch unermüdliches Abschreiben vervielfältigten. Das alles scheint der „wohlunterrichtete" Herr Wahrendorp, der stolz und verächtlich auf die Kirche des Mittelalters herab- blickt, nicht zu wissen. Daher möchten wir ihm zur Ergänzung seines lückenhaften Wissens das Studium nachstehender Werke auf's angelegentlichste empfehlen: M. Ziegelbauer, Uistoria rsi Utsrarias orclinio 8. Usns- ckioti. HwK. Vinci, st Hsrbixol. 1784. Mabillon, Os stnäiis mcmastiois. Unris 1609. Hurter, Papst Jnno- cenz 111. Band 4. Seite 97 sf. Monta lembert. Die Mönche des Abendlandes. Deutsch von K. Brandes Regensburg 1860. Oder haben sich seine „Wahrheitsliebe" und sein „Gerechtigkeitssinn" gegen ein der Wahrheit entsprechendes Zeugniß gesträubt? Hat er vielleicht ein besonderes Interesse daran, all' dieses abzuleugnen? Er weiß ja doch, was Goethe sagt: „Das Erste und Letzte, was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe." Trotz seiner „tiefgehenden" kulturgeschichtlichen Studien scheint ihm weikers die allbekannte Thatsache entgangen zu sein, daß aus und neben den Klosterfchulen im katholischen Mittelalter unter der Aufsicht der Kirche, mit ausdrücklicher Bestätigung der Päpste, mit materieller und geistiger Unterstützung der Bischöfe und des Klerus Wapst Urban V. unterhielt tausend Studirende zu gleicher eit auf den verschiedenen Universitäten) sich die großen ^ochschulen als die Hochburgen und Centren der Gelehrsamkeit entwickelt haben, um welche sich zahlreiche Jünglinge fchaarten, um das Gold der Wissenschaft, welches die geistige Kraft christlicher Denker zu Tage gefördert, in Empfang zu nehmen, und daß daselbst die großen Geistesherocn des Mittclalters jene Lehrgebäude schufen, die uns heute anmuthen, wie die großen gothischen Doms mit ihren reichen Kunstschätzen, die sie bergen. (Vgl. Die Geschichte der deutschen Universitäten von Georg Kaufmann. I. u. II. Band. Stuttgart. Cotta. 1888. 1896. Deuiflc, Die Universitäten des Mittelalters bis 1400. Berlin 1885.) „Es ist eine unbestreitbare Thatsache — schreibt der - Protestant Gnizot im Hinblick auf diese Zeit —. Europas 503 ganze intellektuelle und moralische Entwicklung ruht wesentlich auf seiner Theologie, welche die Geister beherrscht und leitet. — — Dieser Einfluß war höchst segensreich, denn er hat nicht nur die geistige Bewegung in Europa genährt und befruchtet, es war vielmehr eben dadurch ein System gegeben, das unendlich höher stand als alles, was die alte Welt gekannt hatte." Fürwahr, vom Lichte, welches die unsterblichen Sonnen des Mittelalters, ein Albertus d. Gr., ein Thomas von Aquin, ein Alexander v. Hales u. a.. ausgestrahlt, ist Hr. Dr. Wahrendorp sicherlich noch nie beschienen worden; man merkt es feiner Wissenschaft an. Herr Wahrendorp kann sich auch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Jesuiten einen — Fußtritt zu versetzen, ja deren Vernichtung als die wichtigste Cultur- aufgabe aller europäischen Staaten „mit aller Wärme" zu vroclamiren (S- 40, 42 ff.). Daß hier fanatische Gehässigkeit den Stift geführt, springt in die Augen. Er wärmt den alten Kohl „vom Zwecke, der die Mittel heiligt", wieder auf; er erlaubt sich diese „wissenschaftliche" Verleumdung, ohne nur im geringsten einen Beweis für seine Behauptung zu versuchen, und doch hätte er sogar dabei ein kleines Profitchen machen und die 1000 Gulden verdienen können, die einstens L. Roh auf der Kanzel zu Frankfurt demjenigen geboten hat. welcher diesen Satz als in Jesuitenschriften enthalten und von Jesuiten vertreten nach dem Schiedssprüche von drei Universitäten nachgewiesen hätte. Die Summe ist noch immer deponirt, trotzdem wird das alte Lied in allen Tonarten weiter geleiert. Mit solchen rostigen Waffen sollte man nicht als Vorkämpfer für die Wissenschaft auf den Plan trercn. Was Herr Wahrendorp über den Streit zwischen Janscnisten und Jesuiten sagt, berechtigt zu der Annahme. Herr Wahrendorp kenne den eigentlichen Streitpunkt gar nicht, und er habe anch nie mit einem Auge einen Blick in die einschlägige Literatur gewagt; trotzdem fühlt er sich berufen, große Worte auszusprechen. Ja, wenn man Wortmacherer und Wissenschaftlichkeit für identisch hält. dann gebührt allerdings Herrn Wahrendorp Krone und Palme. Den Eindruck, den die Broschüre des Herrn Wahrendorp auf die Jesuiten gemacht, die er mit Schmutz beworfen, ersieht man daraus, daß sie sich um sein Geschreibsel gar nicht gekümmert nnd ihn nicht eines Wortes der Erwiderung gewürdigt haben. (Schluß folgt.) Als Antwort auf die Erwiderung des „einzig autorisirten Uebersetzers" in Beilage 68 gelte Folgendes: 1. Es ist dieser Erwiderung gelungen, den oiroulns Miosns seiner ganzen Schrift recht deutlich zu machen. Der Zweck seiner Schrift ist doch der, die letzte Schrift des Kardinals Manning recht hochbedeutsam und gewichtig erscheinen zu lassen. Darum will er die Autorität Pur- cells retten. — Obwohl nun die wiederholt zugestandenen Widersprüche desselben, bei dem „die angeborne Wahrheitsliebe endlich doch zum Durchbruch kommt", dieselbe gewiß nicht heben, besonders da er ebenso unglücklich in seiner ersten Zurückhaltung wie in seiner späteren Erklärung der Widersprüche war, so fühlt Herr „Wahrmut" nicht, daß er, je mehr er die Autorität Pnr- cells zu retten sucht, die des Cardinals begräbt. — Wer sich so viele psychologische Widersprüche, wie dieser, muß beweisen lassen, welches Gewicht können denn feine Urtheile auf einem Gebiete haben, wo die Psychologie so große Bedeutung hat? Kann man deutlicher beweisen, daß Wahrmuts Schrift „pro nibilo" ist?—Er liebt sichtlich kräftige Citate: — also „partnrinnt wouiss u. s. w." 2. Ich bin weder blindgehässig genug, um Purcell zum Fälscher zu stempeln, noch Lakai oder hochmüthig genug, um ihm je das Handwasser reichen zu wollen. Es ist mir gar nicht eingefallen, seine Wahrheitsliebe oder sein Wiffen zu bezweifeln, aber sein Standpunkt gefällt mir so wenig, wie der feines Uebersetzers. — Wenn dieser über der zo großen Ehrfurcht vor Purcell und Spectator, nnd jener über seiner Wissenschaft die Ehrfurcht vor den Decretcn des cono. llü-icksnt. nicht außer Acht gelassen hätte, so wäre xa§. X und noch mehr unterblieben, und Herr „Wahrmut" hätte die Expectorationen seiner englischen Autoritäten nicht nachgebetet. 3. Da ich mich nur mit feiner Broschüre beschäftigte, auch kein Ueberietzer bin, so hatte ich Uebersetznugsfebler Anderer nicht zu erwähnen. Aber zu meiner' Interpellation hatte ich allen Grund; denn faktisch fehlen die Schlußzeichen, ferner ist das Citat pax. X so kraß, daß ich nicht wagte, es einem so katholischen Purcell zuzuschreiben. Aber mußte es nicht allen Verdacht erwecken, wenn ein unbekannter Jemand so kräftig auftritt und erklärt sich für den einzig autorisirten Uebersetzer; und wenn man dann fragt: „Wer sind Sie denn?" so beliebt es ihm, sich hinter den Busch der Pseudonymität zu verstecken und sich noch überdies „Wahrmut" zu nennen. — karturiunt montos .... Er braucht weder als Schriftsteller die „Hyperboreer", noch als Geisterseher die eingebildeten Gespenster von — „Katholicismus" zu citiren, sein eignes „Zuvieldenken" ist ihm gefährlich geworden. Larturlunt ., . . Der -eb-Recensent. Recensionen und Notizen. Dr. X. Dichtungen von Cordula Peregrina. Die rühmlichst bekannte Dichterin des herrlichen, schon in 7. Auflage beiFelician Rauch in Innsbruck erschienenen Bündchens „Was das ewige Licht erzählt". Cordula Peregrina(Schmid-Wöhler), hat seit diesem Erstlingswerk eine seltene poetische Fruchtbarkeit bewiesen. Und die geistvolle Convertitin schreibt keine Alltagsrcime und Alltagsgedankcn; alles, was aus ihrer Feder kommt, hat hohen poetischen Gehalt, athmet Frische und Begeisterung und ist kernig und von tiefer Frömmigkeit und wahrer Glaubensbcgeisterung durchdrungen. Die Dichterin hat in diesem Jahre ein wahres Füllhorn von poetischen Gaben über ihre zahlreichen Verehrer und Verehrerinnen ausgegosscn. Wir nennen zuvörderst ein 416 Seiten starkes Bündchen Gedichte, das im Verlag von Anton Pustet in Salzburg nach Gebühr glänzend ausgestattet wurde. „Singt dem Herrn! Das Kirchen- lahr in Liedern", betitelt sich diese dankenswcrthe neueste Gabe der gottbegnadeten Sängerin. Im ersten Theile ist für jeden Sonntag des Kirchenjahres ein passendes Lied geboten, welches den doppelten Zweck der Herzenserhebnng und des guten Vorsatzes erfüllt, im zweiten Theile wird ganz besonders den lieben Heiligen gehuldigt. Der geschmackvolle Goldschnittband eignet sich auch seinem Aeußeren nach vorzüglich als werthvolles Fest- geschenk. Als solches empfiehlt sich ferner das Bündchen: „Feierglocken zu heiligen Freudenlagen" (Verlag von Andreas Göbel in Würzburg), in einem sehr ansprechenden Einbande mit Goldschnitt (Preis 3 M.). Das Bündchen ist als Festgabe namentlich für die weibliche Jugend zur ersten hl. Communion oder zur Firmung gedacht, wird aber anch Knaben und Jünglingen nicht unwillkommen sein. Die tief empfundenen, glaubens- bcgeisterten, frommen Poesien der gottbegnadeten Sängerin sind so recht geeignet, die jungen Seelen auf jene schönsten Tage ihres Lebens vorzubereiten und die gehobene Stimmung immerdar wach und lebendig zu hatten. — Ein weiteres Werk der Dichterin erschien soeben im Verlage von Felix Rauch in Innsbruck: „Aus Lebens Liebe, Lust und Leid, ein Pilgersang zur Abendzeit". (Gebd. 3 M. 40 Pfg.) Diese mit dem Porträtbilde der Dichterin geschmückte, reiche Folge von Liedern in sechs Abschnitten wird in ihrem Zusammenhange erst durch die Vorrede verständlich, die für Manche fast ebenso interessant sein wird, wie die Gedichte selbst- Tenn Frau Cordula Schmid-Wähler erzählt uns hier, zwar nicht an der Hand ihrer Tagebücher, aber doch in anschaulichen Commcntaren zu den einzelnen Liedern und Liederkreisen, die Geschichte ihres Lebens und hauptsächlich ihrer Bekehrung und ihrer wechselvollen Schicksale nach dem Uebertritt zür katholischen Kirche. Das rührendste Capitel der Vorrede und der Gedichtsammlung umfaßt die Zeit, als die von den Eltern verstoßene, fein- gebildete mecklenburgische Pastorentochter sich zur dienenden Magd erniedrigte, um ihr tägliches Brod zu erwerben und ihrem Glaubet: leben zu können. Doch. wir wollendem Leser nicht vorgreifen. Das vierte neue Werk von Cordula Peregrina ist ganz dem Dienste der heil. Jungfrau geweiht, enthält ausschließlich Marienliedcr und betitelt sich „Marienrosen, entsprossen zu Füßen unserer lieben Frau". Wohl selten hat man in einem Bündchen (222 Seiten) so viel wahre Madonnen-Poesiq. 504 eine solche Fülle begeisterter bimmlischer Harfeutöue znm Lob und Preis der jungfräulichen Gottesmutter vereinigt gefunden. Der erste Theil ist mehr allgemeiner Natur, der zweite Theil ist den Festen Mariens gewidmet, der Anhang enthält Marienlieder für alle, welche außerhalb der Kirche stehen. Ein liebliches Bild — die.hl. Jungfrau wird von ihrem göttlichen Sohne als Himmelskönigin gekrönt - ist dem hochelegant ausgestatteten Goldschnittbande als Titelbild einverleibt. Die Einband- decke zeigt die hl. Jungfrau mit dem .Kinde auf Goldgrund in Rosenornamcntcn. Das im Verlage der Alphonsus-Buchhandlnng in Münster i. W. erschienene Buch kostet in dieser entzückenden Ausstattung gebd. nur 3 M. 60 Pfg. Edward von Steinle's Briefwechsel mit seinen Freunden. Herausgegeben und durch ein Lebensbild eingeleitet von A. M. von Steinle. Frei- burg, Herder, 1897. gr. 8°. 2 Bde. XX, 1056 S. Mit 19 Lichtdrucktaseln. M. 18: geb. in Leinwd. M. 22. -i- Seiner Abstammung nach gehört E. v. Steinle dem Süden an; sein Vater war aus dem Stift Kempten, seine Mutter aus Oberösterrcich; seine Jugend verlebte er in Wien, er war ursprünglich znm Musiker bestimmt. Als Altmeister der christlichen Kunst gehört Steinle der ganzen gebildeten Welt an. Und jedem, der für Kunst und einen ihrer genialsten und feinfühligsten Jünger sich interessirt, wünschen wir das vorliegende Buch m die Hände; es wird ihm eine reiche Quelle aktueller Anregung, Belehrung und Erhebung sein. Aber nicht bloß in diesem Sinn ist diese Publikation aus Pietät- und verständniß- voller Sohneshand nutzbar, sie bildet auch in vielen Dingen einen Qucllcnbeitrag zur zeitgenössischen Geschichte. indem wir hineingeführt werden in den lebendigen geistigen Austausch des Altmeisters mit jenen, die das Land gleicher Interessen für Knust, Glaube, Kirche und Vaterland ibm näherte. Auch in das fesselnd geschriebene Lebensbild sind Briefe an und von Zeitgenossen und Freunden geschickt verwoben. Die Ausstattung durch den Verleger ist sehr sorgfältig. Von den Kunstbeilagen hat uns der Lichtdruck „Christus bei Nikodemus (nach einem Aguarell, 1863, im Städel'sch. Institut) am meisten angesprochen. Und wenn auch ein Dcsidcrium zu Worte kommen soll, so hätten wir außer dem Personenvcrzeich- niß und dem chronologischen Verzeichnis; von Steinle's Werken auch ein chronologisches Register dieser Briefe gewünscht. Mit einigen Bemerkungen des Herausgebers über die Vertretung der christlichen Kunst in der Gegenwart sind wir nicht einverstanden. Atlas der Himmels künde auf Grundlage der cölest- ischcn Photographie. 62 Karteublätter (mit 135 Einzeldarstellungen) und 62 Folio-Bogen Text niit ca. 500 Abbildungen. Mit besonderer Unterstützung hervorragender Astronomen, sowie seitens zahlreicher Sternwarten und optisch-mechanischer Werkstätten. Von A. v. Schweiger-Lerchenfeld. In 30 Lieferungen zum Preise von 1 M. (N. Hart- lebeu's Verlag in Wien.) Erschienen sind Lieferungen 1—20. Mit den Lieferungen 17—20, die uns kürzlich zugekommen sind, haben Text und Karten der bisher erschienenen Lieferungen dieses astronomischen Prachtwerkes eine weitere interessante Bereicherung erfahren. Den Haupt- gegenstand der lichtvollen textlichen Ausführungen bildet diesmal die Fixsternwelt, und zwar an der Hand von Abbildungen, die nach den neuesten photographischen Aufnahmen voir Sternhaufen und Nebelflecken hergestellt wurde». Besonderes Interesse erregen die Roberts'schen Photogramme von Spiralnebeln. Bemerkenswert!) sind wieder die großen Tafeln, photographische Reproductionen von Mondlandschaften (die Blätter „Karpathen", „Eu- doxns und Aristoteles", „Atlas". „Herkules" sind sehr schön und instruktiv), eine Partie des Sternbildes der Zwillinge (Pariser Aufnahme), dann die Farbenbilder „Mondfinsternis;" und „Svektraltascl'. Der große Anklang. den diese ausgezeichnete Arbeit nicht nur in weiten .Kreisen, sondern auch unter den Kachaslronomen gefunden hat, fußt in der geschickten Verwerthung der neuesten Forschungsergebnisse und in einer erstaunlichen Fülle von Abbildungen, zu welchen die Sternwarten der ganzen Erde die Originale bereitwilligst zur Verfügung gestellt haben. Jeder Freund der Himmelsknnde wird mit Spannung den; Erscheinen der folgenden Lieferungen entgegensehen. A u s Marfa's Lugendzeit.. Erzählung von E. M. Hamann. Mit 3 ganzseitigen Tonbildcrn und 10 Text-Illustrationen. 8". 142 Seiten, in farbigem Halbleincnband 1 M. 20 Pfg. Verlag von Niffärth in Gladbach. Die deutsche Literatur ist nicht arm an Lesestoff für die Jugend; Christoph v. Schund, Herchenbach, Ambach, Jsabella Braun, Emmy Giehrl bieten zweckmäßige Lcctüre für die Jugend beiderlei Geschlechts. Dre Specialisirung erstreckt sich aber in neuester Zeit sogar auf die Jugendlectüre, indem sie sich scheidet in solche für Knaben und in solche für Mädchen, und wir halten das für ebenso zweckmäßig, wie die Scheidung der Jugendspiele. Als Lectüre für Knaben sind in neuester Zeit durch Nebersetzungen zugänglich gemacht die hübsche englische Novelle „Der kleine Lord Fauntleroy" von Burnett, deutsch von Emmn Becher, die italienische „Herz" von de Amicis, deutsch von Wülser, die wunderschönen Schilderungen aus dem amerikanischen Erziehungswesen, welches allerdings von dem in deutschen Pensionaten sehr verschieden ist, „Tom Plaifair" und „Percy Winn" von Finn, 8. 3., deutfch von P. Betten. Als Parallele zu dieser für Knaben bestimmten Lectüre gibt Rifsarth m M.-Gladbach eine „Mädchenbibliothek" heraus, von welcher uns das 5. Bündchen mit obigem Titel vorliegt. Die Erzählung schildert die Schicksale eines 14 jährigen Mädchens, welches, der Eltern beraubt, in die Familie eines Oheims in Petersburg kommt und dort eine gleich- gesinnte Cousine und zwei hochadelige Freundinnen findet. Christlicher Familiensinn durchweht das Ganze. Ernstes und Heiteres wechselt anmnthig miteinander ab. Einen besonderen Vorzug finden wir darin, daß die Erzählung nicht blos Unterhaltung, sondern auch Belehrung bietet. Petersburg mit seinen schönen Kirchen und dem Kaiserpalast, mit dem lustigen Treiben im schncereichen Winter, der Aufenthalt in der Sommerfrische ist so lebendig und anschaulich geschildert, wie das die Verfasserin nur aus eigener Anschauung geschöpft haben kann; Matuschka, das alte Erbstück der Familie, ist der Typus einer treuen russischen Dienstmagd, welche innig mit der Familie verwachsen ist — also topographisches und ethnographisches als belehrende Staffage zu der psychologisch gut angelegten Erzählung. Nebenbei sei bemerkt, daß die Verfasserin identisch ist mit E. M. Harms, unter welchen! Namen sie den bereits in 2. Auflage erschienenen, allerseits sehr günstig beurtheilten „Abriß der deutschen Literaturgeschichte" (nach Brugier, Freiburg, Herder) veröffentlicht hat. Dr. H. W. „Katholischer Schulfreund" mit der periodischen Beilage „Der katholische Jüngling" beschließt mit der uns soeben zukommenden Nr. 12 seinen heurigen, den zweiten Jahrgang. Wenn wir die reiche Fülle überblicken, welche diese eigenartige, streng katholische, pädagogische Monatschrift im jetzt abgeschlossenen Jahrgange 1897 um den ungewöhnlich billigen jährlichen Bezugspreis von nur fl. 1.20 ihren Lesern geboten hat, so muß man staunen über die Opferwilligkeit des Vereines zur Heranbildung katholischer Lehrer in Oesterreich, dessen Organ sie ja ist, und wohl auch der zahlreichen — Schriftsteller, die sich in den Dienst einer wahrhaft guten Sache gestellt haben. Freudig zu begrüßen ist es auch, daß wir endlich im „Katholischen Schulfreund" eine katholische Zeitschrift haben, die ihre Aufsätze mit entsprechenden eigenen Illustrationen ziert und erläutert. — Die Leitung verspricht, den kommenden Jahrgang zur Ehre des Regierungs- jubiläums des Kaisers besonders schön auszustatten, ein weiterer Grund, den Bezug dieser wackeren Monatschrift allen unseren Lesern angelegentlichst zu empfehlen. X. Lerantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg,