73 M AllgS « >l> S4. Aq. W7. Lücksbantam: Düm-v, Rümsti wackburam maäbnrskcsbaram, Lrubz» icavitä-eLIckäm, vsncks V slmürj-lcokrilam. Den Valmiki will ich preisen, diese süße Nachtigall, Die der Dichtung Zweig bestiegen, nun in süßer Töne Schall Unablässig, nimmermüde ,Rama' singt mit Widerhall. ck: So preist der Inder poesievoll, wie er von Haus aus ist, seinen Lieblingsdichter, den Verfasser des herrlichen Raina-Liedes. Die Hochschätzmig, die dieser Fürst im Reiche der Dichtkunst bei seinem Volke genießt, die Huldigung, die Jahrhunderte ihm zollen, ist sie nicht zugleich ein Ehrenzengniß für das ganze Volk? Ja, der Ruhm Valmikis strahlt zurück auf den, so begeistert ihm zujubelt: Vor dem Hort des reichsten Wissens, vor Valmikis hehrer Muse, . Will ich mich zum Gruß verneigen, huldigend zu frommem Gruße. „Wie Jlias und Odyssee, so gehören auch die zwei großen indischen Epen, das Mahabharata und das Ramayana, zu den Marksteinen der Weltliteratur.. Die Sagenwelt, das Geistesleben, die Bildung und Eigenart eines der merkwürdigsten alten Kulturvölker hat sich darin zu einem großen Gesammtbilde verkörpert, an dem die folgenden Geschlechter durch mehr als zwei Jahrtausende sich erfreuten und begeisterten, belehrten und heran- schultcn." (Al. Baumgartner.) Das Ramayana (IkLmn- llz'ML-stüvz'nnr ^ das sich auf Rama beziehende Gedicht) soll nunmehr zum ersten Mal vollständig in deutscher Sprache erscheinen'), und die meisterhafte Uebertragung obiger, der Widmung „an den Dichter" entnommener Verse berechtigt uns zur Annahme, daß der Uebersctzer seiner schwierigen, nicht wenig Geduld erheischenden Aufgabe -auch gewachsen sein wird. Mahabharata und Ramayana: was bedeuten diese Worte für uns? Wir hoffen nicht, daß unter den Lesern dieses Blattes solche Barbaren sind, welche das Volk der Inder, dem die wohllautendste, reichste und ausgebildctste Sprache eignet, die wir bisher kennen, das Volk, aus dem ein Kalidasa, der Dichter der Sakuntala, hervorgegangen, kurzer Hand den „ivrlden Stämmen" zurechnen (eine Ansicht, die man von manchen „Wilden" unserer Umgebung d. h. von sog. „Gebildeten" leider zuweilen hören kann); wir nehmen schon aus Höflichkeit au, daß unsere Leser mit den „Marksteinen der Weltliteratur" vertraut sind, gleichwohl befürchten wir, es möchten Manche aus dem litcraturgeschichtlichen Unterricht der Mittelschule sich mir eine etwas traumhafte Erinnerung an die beiden Worte „Mahabharata" und „Ramayana" bewahrt haben. Es seien darum einige Erörterungen gestattet. Das Mahabharata nun, das eine der beiden großen Heldengedichte der Sanskritlitcratur, ist ein Riesenwerk von 100,000 Doppelversen; es setzt sich aus Theilen von sehr verschiedenem Werth und Inhalt, von verschiedenen Verfassern und weit anseinanderliegenden Ab- ') KLmrlMua: Das Lied vom König ULwa, ein altindisches Heldengedicht des VSlrmüi in sieben Büchern, zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, eingeleitet und angemerkt von vr. I. Menrad, k. b. Gymnasiallehrer. 1. Band. 12°. Ist! -s- 307 SS. M. 4,80. München, Th. Ackermann, 1897. fassungszeiten zusammen. Ihm gehört z. B. an die namentlich durch Nückert bekannt gewordene reizende Exisode „Nala und Damayanti", das liebliche Savitri- Idyll, ferner der „Raub der Draupadi" sowie die hochberühmte „Bhagavad - gita", ein tiefernstes, erhabenes Lehrgedicht?) von A. W. von Schlegel meisterhaft ins Lateinische übersetzt. — Das Ramayana, das andere große Epos der Inder, ist ein Knnstgedicht von einheitlichem Gepräge; als sein Verfasser wird Valmiki genannt. Eine ausführliche Inhaltsangabe gibt Herm. Jacobs (Das vamü^ana: Geschichte und Inhalt, nebst Con- cordanz der gedruckten Recensionen. 1893. S. 140 bis 208), sowie das feinsinnige, ausgezeichnete Werk „Das Lümüyana und die Hünm-Literatur der Inder" (Frci- bnrg, Herder, 1894) des deutschen Jesuiten k. Al. Baumgartner (S. 140—208). Wir geben hier den Inhalt der sieben Bücher (nach vr. Menrad, S. XV) in gedrungener Kürze''): In Ayodhya (jetzt Oudh), der Hauptstadt des blühenden Reiches der Koealer, regiert der vortreffliche König Dac'-aratha aus der almenreichen Dynastie der zzkshvakuiden oder Raghuideu, die ihr Geschlecht bis auf Brahma selbst zurückführen. Seinem Glück fehlt nur ein männlicher Nachkomme. Endlich erhält er durch ein Roßopfer nicht nur einen, sondern vier Söhne: Nama von seiner vornehmsten Gemahlin Kau,a. dann Bharata von seiner zweiten Gattin Kaikeyi (d. i. Tochter des Kekaycrfürsten), Lakshmana und Oatrughna von der dritten, Snmitra. Der älteste, Rama — nach späterer Auffassung eine Inkarnation des Gottes Nishnu — entzückt Hos und Land durch seine Vorzüge. Er wird mit Sita vermählt, der Tochter Dshanakas, des benachbarten Königs von Mithila, der dieselbe erst als Mägdlein beim Ackern in einer Furche gesunden und ihr nach dieser den Namen (sita — Furche) gegeben hat. Daearatha will seinem Sohne Rama schon bei Lebzeiten Thron und Reich übertragen, allein eine Palastintrigue durchkreuzt seinen Plan. Kaikeyi, die zweite Gemahlin Dayaratbas, hintertreibt die Königswürde Raums und weiß den König, der ihr einst die Gewährung zweier Wünsche feierlich versprochen, zu bestimmen, ihren eigenen Sohn Bharata zum König zu weihen, Nama aber aus 14 Jahre in den Wald zu verbannen. Gelassen fügt sich Raum aus Achtung vor seines Vaters Willen in sein Geschick: dem alten König aber bricht die Trennung von seinem ältesten Sohne das Herz. Sita, Rama und fein unzertrennlicher Lieblingsbruder Lakshmana ziehen in den Wald und erbauen sich in der Nähe der UaMuna am Berge Tshitrakuta eine Einsiedelei. Der zum Thron bestimmte Bharata will aber die Regierung nicht übernehmen und sucht Rama auf, um ihn. zurückzuführen. Ein cdelmüthiger Wettstreit entspinnt sich zwischen den beiden Brüdern. Rama bleibt fest in seinem Entschlüsse, das seinem Vater gegebene Versprechen zu halten, bis Bharata zuletzt sich seine Sandalen erbittet, um sie als Symbol der Herrschaft auf den Thron von Ayodhya zu legen, während er selbst Nandikramä zu seinem Herrscher- sitz erwählt. — Bald daraus wenden sich die Einsiedler in Raums Nachbarschaft au diesen um Schutz gegen dämon- 2) Wilhelm von Humboldt wurde davon so tief ergriffen, daß er an Gcntz schrieb: er danke Gott, daß er ihn so Imme habe leben lassen, um dieses Gedicht lesen zu können. Vergl. das vortreffliche Werk: Schröder» Indiens Literatur und Cultur (Leipzig 1887) S. 694. — Die auffallenden Anklänge der philosophischen Lehren dieses merkwürdigen Gedichtes mit christlichen Grundsätzen hat Lorinser so weit als möglich erörtert. Vor neueren Versuchen, theosophisch-spiritistische Hirngespinnste daniit zu verquicken, muß man warnen. Diese Bestrebungen, die mit einer gewissen Schwindlerin Blavatzky in Zusammenhang gebracht werden, stehen nicht mehr auf dem Boden sonder Forschung. ") Aus typographischen Rücksichten können wir der Transscription des Verfassers nicht durchweg folgen. 506 ische Unholde, die sie bei ihren frommen Uebungen und Opfern stören. Rama muß sich aus der Ruhe der Waldeinsamkeit zu voller Thätigkeit aufraffen und den Kampf mit verschiedenen Recken bestehen. Zwar geht er als Sieger aus demselben hervor, jedoch verwickelt er sich dadurch in einen Streit von größerem Umfange, da der mächtigste aller Dämonen Ravana, der Beherrscher der Jnselsiadt Lanka (Ceylon?), Rache für die erschlagenen Verwandten zu nehmen sinnt. Zunächst gelingt es demselben, Raums Gattin Sita durch List zu entführen. Lange bleiben die Versuche des klagenden Helden, eine Spur seiner geraubten Gattin zu entdecken, erfolglos. Endlich kommt er seinem Ziele näher durch ein Bündniß mit dem Affenfürsten Sngriva, den er von seinem Bruder Balin, der lencm Thron und Gattin geraubt, durch Erlegung desselben befreit. Sugrivas tüchtigem Oberfeld- herrn Hanumant gelingt es nun, Sitas Aufenthalt ausfindig zu machen, durch einen Sprung über das Meer zu ihr selbst zu gelangen und ihr Nachricht von ihrem Gemahl zu geben, wobei er die Lage der feindlichen Stadt auskundschaftet. Nach mancherlei Abenteuern kommt Hanumant zu dem auf dem Festlande seiner harrenden Heere zurück. Nun rüstet man auf beiden Seiten zum Entscheidungskampfe. Von den Affen wird das Material zur Erbauung einer Brücke vom Festland nach Lanka herbeigeschafft, so daß das Heer vor die feindliche Stadt rücken kann. Nach zahlreichen Einzelkämpfen und Schlachten der verschiedensten Art wird Ravana endlich von Rama durch das furchtbare Brahmageschoß mitten ins Herz getroffen. Ravanas Bruder, Vibhishana, der beim Kampfe auf Seiten Raums gestanden, wird vom Sieger als König von Lanka eingesetzt. Die Vereinigung der Gatten erfolgt aber erst, als der Feucrgott Agni feierlichst ein Zeuginß für die unversehrte Reinheit und Treue Sitas ablegt, worauf der sieggekrönte Herrscher nach Ayodhya heimkehrt und die Regierung antritt. — Damit wäre die Handlung zu einem genügenden Abschluß gekommen. Allein eine spätere Fortsetzung — das 7. Buch — läßt nach weitläufigen Mythen und Genealogien (besonders der Ravanas) in Raum noch einmal Zweifel an Sitas Reinheit aufkommen. Sie wird von ihrem Gemahl gelegentlich eines Waldaufenthaltes verstoßen und gebiert dort die Zwillinge Kn?a und Lava, die beim Einsiedler-Dichter Valmiki Aufnahme und Pflege finden, bis sie herangewachsen ihrem Vater seine Thaten nach dem von ihrem Meister geschaffenen Gedicht vortragen. Rama ist zur Wiederaufnahme seiner Gattin bereit, wenn sie sich durch einen Eid von jenem Verdacht reinigt; Sita aber ruft die Erde an und wird von ihr in die Unterwelt entrückt. Rama wird auf eine Wiedervereinigung mit ihr in der Himmelswelt vertröstet, und diese erfolgt endlich, als er am Flusse Sarayn als Vifhnn wieder göttliche Gestalt annimmt und für sich und sein sämmtliches Gefolge Aufnahme in den Himmel findet. Das ist der Inhalt des Rama-Licdes, das in sieben Büchern 24,000 Doppclverfe zu je 16 Silben, also 48,000 V'erszeilen umfaßt, somit weit hinter dem ungeheueren Umfang des Mahabharata zurückbleibt, aber doch die beiden homerischen Epen, die zusammen 27,800 Vers- zeilen (Hexameter) zählen, an Verszahl fast ums Doppelte übertrifft. Die Abfassnngszeit des Gedichtes fällt nach Jacobis Untersuchungen zwischen das 8. und 5. Jahrhundert v. Chr. und sein Inhalt war in der Folgezeit der unversicgliche Born für Kuustdichtnugen verschiedener Art: das Nama-Lied spiegelt sich wieder in einer Episode des Mahabharata und in den Purauas, sowie in der buddhistischen Literatur als Dcitzaratha- Dschataka; eines der schönsten späteren Kunstepen, das Naghnvan^a des unvergleichlichen Dichters Kalidasa, behandelt den Sagenkreis des Ramayana; ein ganz absonderliches Kunststück ist das Bhattikavha, das die Nama- Geschichte zu einem Lehrgedicht von 1521 Versen verarbeitet, die den Zweck haben, die Formenlehre der SaiiskriLgrammatik darzustellen; endlich trat die Nama- sage auch in zahlreichen Schauspielen auf die Bühne und fand in den Volkssprachen Indiens Bearbeitungen; ja heute noch tragen in Indien Rhapsoden Stücke aus dem Namahana öffentlich vor.Z Ueber den poetischen Werth des Ramayana urtheilt ein Kenner, wie Monier Williams (Inäian opic poer > ?. 12), daß es im ganzen Umfang der Sanskritliteratur kein schöneres Gedicht gibt; man begreift, was das beißen will, wenn man weiß, daß schon der Araber Alberuni die Sanskritliteratur als unermeßlich reich bezeichnet hat. Die wunderbar abgeklärte, ideale Schönheit hellenischer Dichtung dürfen wir freilich vom N...nayana nicht erwarten; das strenge Ebenmaß und das harmonische Verhältniß zwischen Form und Inhalt konnte nur das Voll leisten, das überhaupt an künstlerischem Gefühl einzig und unübertroffen in der Culturgeschichte dasteht, die Griechen. Dafür aber hat das Ramayana andere, eigenartige Schönheiten. Eine uns neue Welt voll üppiger Zauberpracht, gleich dem indischen Urwald voll berauschenden Blüthenduftes, enthüllt sich unserm staunenden Auge, eine fremde Welt, oft durch maßlose, groteske Phantastik unsern Anschauungen widerstrebend, oft aber auch eine überraschende Gemeinsamkeit des Empfindens und Denkens offenbarend, wie sie eben das Band der Blutsverwandtschaft zwischen zwei Völkerstämmen bezeugt. Mit Meisterschaft handhabt der Dichter die Knnstmittel des sprachlichen Ausdruckes, klar und einfach, von klassischer Reinheit und einschmeichelndem Wohlklaug ist sein Stil, reich an feinen Zügen echt poetischen Gefühls. Ueberans zart sind besonders die Naturschildernngen, von einer Pracht und eigenartigen Schönheit, wie wir sie bei Griechen und Römern nirgends finden, denen man ja deßhalb den Sinn für ästhetische Naturbctrachtung gänzlich abgesprochen hat. In der indischen Dichtkunst dagegen überrascht uns, mächtig anheimelnd, ein intimes Leben mit Thier- und Pflanzenwelt, eine aus religiösem Grunde hervorgewachsene poetische Liebe und Andacht zur Natur, die als mitfühlende Theilnehmerin an den Leiden und Freuden des Menschen gedacht ist. Aber auch in die Regungen des Mcnscheuherzens weiß der Dichter mit tiefem Blick einzudringen; scharf und treffend ist seine Charakteristik der Personen: in Sita hat er uns vielleicht das schönste Frauenbild der indischen Literatur gezeichnet, voll hingebender Zartheit und heldenhafter Opferfreudigkeit ; in Da^aratha spiegelt sich Vaterlandsliebe, in Lakshmana treueste Bruderliebe in ergreifender Weise. (Vgl. Baumgartner SS. 66—72.) Daß ein solches Gedicht werth ist, in deutschem Gewände sich Eingang in den Kreis unserer „Gebildeten" zu bahnen, bedarf wohl keiner Rechtfertigung mehr. Nachdem es vom Ramayana bereits eine vollständige italienische Uebersetzung (mit Text von Gorresio, Paris 1843 bis 1858, 10 Bde.), eine französische (von Fauche, Paris 1854—58) und zwei englische, eine metrische (von Griffith, Benares 1870—74) und eine prosaische (von Manmatha Nath Dutt, Calcutta 1891—93), gibt, ist es eine Ehrenschuld, das herrliche Gedicht auch unserer Muttersprache zu schenken. Wir heißen darum das Unternehmen des für Valmikis Kunstwerk begeisterten Ucbersetzers willkommen und wünschen seiner Arbeit eine gedeihliche Fortsetzung und Vollendung; möge Dr. Menrad bald mit stolzer Genugthuung sich sagen können, er habe den Ge- *) Vgl. Baumgartner S. 75—161. — Dazu sind noch zwei vorzügliche Ausgaben neueren Tatnms zu erwähnen: Lriinat ^nckbra ULmäMnaw (VonkatiAiri 1895. 8°. 2 Bde. 1645 SS.), die beste Ausgabe des Tclugn-Werkes; ferner das „Letnbanäba" in der Bombayer Ausgabe (497 SSO von 1895. 507 bildeten deutscher Zunge eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur zum ersten Mal in vollständiger deutscher Uebersetzung zugänglich gemacht. Vorläufig liegt uns das erste Bündchen, das erste Buch des ganzen Gedichtes („Buch der Jugend" — dkIn-irLaä»,) enthaltend, in gefälliger, vornehmer Ausstattung vor. Das Werk beginnt mit einer Lobpreisung des Dichters, die ein späterer Verehrer desselben vorangestellt hat, und welche vr. Menrad (wie die obigen Beispiele zeigen) in formvollendeten deutschen Versen wiedergibt. Das erste Buch schildert Geburt und Jugendalter des Helden bis Zu seiner Vermählung in 77 Abschnitten und 2316 Doppelversen. Das Versmaß des tzloka ist so locker gefügt, daß man dem Uebersetzer wohl beistimmen wird, wenn er in schlichter deutscher Prosa die passendste Umformung des indischen Metrums gesehen hat, da erfahrungsgemäß die Nachbildung des tzloka unserem Geschmacke ebensowenig zusagen würde, wie etwa der uns ebenso fremde epische Hexameter Homers. Die Uebersetzung ist einfach, klar und fließend; sie wird auch dem die besten Dienste leisten können, der sich ihrer beim Studium des Urtextes bedient. Sehr lobens- werth ist die übersichtliche Anordnung des Druckes mit den Jnhaltsüberschriften der einzelnen Kapitel. Erklärende Anmerkungen philologischer, historischer, culturgeschichtlicher, mythologischer Natur, sowie interessante Verweisungen auf Parallelen aus der Literatur (z. B. Homer) erleichtern dem Leser auf einem ihm doch fremdartigen Gebiete das Verständniß und beleben den Gang der Rede. Die umfangreiche Einleitung, die der Herausgeber seiner Verdeutschung vorausschickt, handelt vom Dichter und der Entstehungszeit des Gedichtes, sie bringt eine kritische Beurtheilung und ästhetische Werthschätznug des Rama- Liedes, führt die Recensionen und Ausgaben an und gibt namentlich eine dankenswerthe, sehr ausführliche Inhaltsangabe des in die 77 Abschnitte zergliederten ersten Buches mit einer dispositiven Uebersicht über die Handlung und die Hauptmomente der Erzählung. Der Uebcrtragung ist die treffliche, mit einer wahrhaft klassischen lateinischen Uebersetzung versehene Ausgabe von Aug. W. Schlegel (Bonn 1829 — 38) zu Grunde gelegt, die leider über die beiden ersten Bücher nicht hinausgekommen ist. Der Uebersetzer spendet dieser Ausgabe in kritischer Hinsicht das höchste Lob, selbst im Vergleich mit der neuen Bombaycr Ausgabe.^) Mag sein. Wenn aber dann die beiden ersten Bücher übersetzt sind, was dann? Da wird eben doch nichts anders übrig bleiben, als für die übrigen fünf Bücher entweder selbst einen kritisch bearbeiteten Text herzustellen, eine überaus schwierige und langwierige Vorarbeit, oder mit der Bombayer Ausgabe vorlicb zu nehmen, die ja auch die nördliche Recension, die ursprünglichere, enthält. Diese vorzügliche Ausgabe umfaßt auch den großen Commentar, der jedenfalls unentbehrlich ist. Wer sich je mit Lektüre von Sanskrittexten befaßt hat, weiß, wie oft selbst das große Petersburger Wörterbuch in sieben Foliobänden im Stiche läßt und der Commentar durch das Synonymon das einzige Rettungsmittel gibt, auf die passende Bedeutung eines Wortes zu kommen. Als durch die Bemühungen der ersten europäischen Sanskritforscher (Chözy, Wilson, Schlegel, Bopp) dem Westen die erste Bekanntschaft mit der- indischen *) c> t Valmilci, n'itli tlls Oowmsa- tarx- (Illlaka) ot LLma eckitocl i>x LKsiuLtlr. Lünclui-KiiK Larab. 8". 2 voll. Uombg^ (dlirnava Sahara Liess) 1883 (II.). Literatur vermittelt wurde, da war man freudig überrascht über diese wahren Perlen der Dichtkunst; kein Geringerer als Goethe hat des Kalidasa Saknntala und Meghaduta jubelnd begrüßt. Nicht weniger verdient das Ramayana unsere Aufmerksamkeit; die Bekanntschaft mit dem indischen Alterthum trägt gewiß zur Veredlung des Geschmackes bei und dürfte doch jedenfalls das Interesse des Gebildeten in Anspruch nehmen, der weiß, daß Jlias und Odyssee, die uns von der Schule her vertraut sind, demselben Kreise indogermanischer Gesittung angehören, wie das indische Epos. Wir schließen mit dem Wunsche, es möchte die woblgelungene Uebertragnng des ersten Buches mit derselben Begeisterung aufgenommen werden, womit sie unternommen wurde, der beste Lohn für den Herausgeber und die beste Ermnthigung, die weiteren Theile in nicht allzu ferner Zeit folgen zu lassen. Es wäre bedauerlich, wenn durch die Theilnahmslosigkeit des Publikums, das für Schundromane, die heute gefeiert und morgen vergessen werden, Geld im Ueberfluß hat, das Unternehmen, ein Meisterwerk der Poesie von unvergänglichem Werthe unserer Literatur einzuverleiben, nicht zu Ende geführt werden könnte. Möge die Hoffnung, die der Herausgeber auf den guten Geschmack der Leser setzt, nicht getäuscht werden l Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahrhundert bis zum Ausgaug des Mittelalters von Emil Michael 8. lk. (Fortsetzung.) 3. Handel und Verkehr. Die Hansa. Deutschlands Handel datirt, abgesehen von dürftigen Resten des nie bedeutend gewesenen Verkehrs mit den Römern, von König Heinrich I. an. Man unterschied Händler, welche das Produkt ihres Fleißes selbst auf den Markt brachten; Krämer, welche im Absatz ihrer Waaren auf einen örtlich begrenzten Kreis beschränkt waren und unter dem Stadtrath standen; endlich Kaufleute, welche den Schutz des Königs genossen und zu jeder Zeit und an jedem Orte Handel treiben durften. Kaufmannsgilden waren im 13. Jahrhundert nichts Seltenes mehr. Besonders betont war die gesellige Unterhaltung: die reichen Kaufleute durften sich fröhliche Gelage öfter und mit größerem Aufwande gestatten, als die in beschränkteren Verhältnissen lebenden Handwerker. S. 162 — 163. Wie die Zunft, war auch die Gilde eine religiöse Bruderschaft und wachte über den Charakter der Mitglieder, gleichviel ob in Deutschland oder im fernen Lissabon. S. 163-164. Nun folgt das wichtige Kapitel von dem Unter- uehmergewinn, unbestritten eine der schönsten.Seiten des soviel verlästerten Mittclalters. Einen gerechten Zins hat die Kirche dem Handel, der ja auch werthbildend ist, nie untersagt. Aehnlich ist es auf oem Gebiete des Schuldwesens und des Wechselverkcbrs. Die Anfänge des Wechselrechtcs in Deutschland gehen auf Italien und das 12. Jahrhundert zurück. S. 164—166. Bezweckten die Kaufmannsgilden den Schutz kaufmännischer Interessen, so strebten die Handelsgesellschaften genossenschaftlichen Betrieb und prozentualen Antheil der Mitglieder am gemeinsamen Gewinn an nach den Ka- pitalseinlagcM. Wirthschaftete einer der Gesellschafter als Geschäftsführer mit dem gemeinsamen Gute, oder übertrug ein Geschäftsherr einem Andern als Diener seine Güter zu Gewinn oder Verlust, war natürlich auch der 508 Gewinn- oder Verlustantheil ein anderer. Die Handelsgesellschaften entwickelten sich naturgemäß früher und großartiger ini Süden Deutschlands infolge der Verbindung mit Italien und im Norden infolge der Nähe des Meeres, als in Mitteldeutschland. S. 166 — 170. Die Geschäfts- tvie die Gelehrtensprache war durchgängig Latein. S. 170. Für die Belebung und Sicherheit des Verkehrs hat die Kirche mehr gethan, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Bischöfe und Orden haben Brücken und Wege gebaut, für sicheres Geleit gesorgt; Papst und Bischöfe haben vielfach Ablässe zum Bau von Brücken gewährt, was der Verfasser durch viele Beispiele und Stellen aus Schriftstellern belegt. Die Kirche hat den Schuh und die Förderung des Verkehres als verdienstliches Werk empfohlen, und darum hat die Frömmigkeit dem Pilger und Kaufmann auch an abgelegenen Orten die Wege gebahnt. Trotzdem waren diese oft genug noch bodenlos, das Mittelalter hatte dafür wenig empfindliche Nerven. S. 170—173. Mit den Bemühungen der Kirche verbanden sich die Gesetze der weltlichen Macht. War auch das Waffentragcn den Kaufleuten verboten, wollten sie nicht wehrlos sein, mußten sie wohlbewaffnet reisen. S. 174. Eine lästige Störung des Verkehres überhaupt war das Strand- und Grnndrnhrrccht. Dieses Recht war von Anfang an ein Mißbrauch, ein schreiendes Unrecht, w nn es auch nach Michael in seiner streng rechtlichen Begrenzung nicht jene Härte besessen haben soll, die man mit seinem Begriff zu verbinden pflegt. Darum forderte Kaiser Friedrich II. reichsgesctzlich die Rückerstattung gestrandeter Güter an den Eigenthümer (1220). S. 174 bis 175. Kein Kaufmann war verpflichtet, sich um das Geleite zu bemühen. Forderte er es von dem Herrn des Landes, durch welches er reiste, hatte er dafür einen Zoll zu erlegen. Besser geborgen aber war der Kaufmann unter der Uuvcrletzlichkeit, welche die Pilger genossen. S. 175-176. Für die Sicherheit des Reifens und die Verpflegung der Fremden sorgten in ihrer Art die Klöster. Gewerbsmäßige Wirthshäuser gab es nicht allzuviele, es herrschte die Gastfreundschaft. Die Regel des hl. Bcnedikt befiehlt mit Nachdruck die Aufnahme besonders der Armen »nd Pilger. Die Klöster haben für die Bewirthung der Fremden zumeist an einsamen, weltverlassenen Orten Hospitäler gebaut. Die Gründung des Johanniterordcus erfolgte von Kaufleuten nur für die Pflege der Fremden. Die größte Wohlthat waren entschieden die sogenannten Hospize in wilden Gebirgsgegenden und au Alpcnpässen. S. 176 — 177. S. 178 zählt Michael die bekanntesten Tiroler Hospize auf, ein Denkmal des cnlturfrenndlichen Opfergcistcs und der wcrtthätigen Nächstenliebe des Christenthums. Must stand vor den Thoren der Städte ein Spital, welches zu jeder Tages- und Nachtszeit dem Fremden offen stand. S. 179. Der Aufschwung des Handels im 13. Jahrhundert wurde bedingt durch die Fortschritte der Laudwirthschaft und des Gewerbes, insbesondere aber durch die Kreuz- züge, die unmittelbar die Blüthe der südenropäischcn Städte herbeiführten. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts ivar die mächtigste Handelsstadt Süddcutschlands Ncgcnsbnrg, seine Kaufleute waren unter den ersten, welche im b'miäaeo clei 'Illäkaatii zu Venedig Handelsgeschäfte erledigten. Ihm zunächst stand Nürnberg „mit seinen künstlerisch vollendeten Metallarbciteu", wozu wir aber ein großes, großes Fragezeichen machen, dann Ulm und Augsburg. Die Produkte des Südens und Nordens wanderten herüber und hinüber. S. 179 — 183. Seit dem Anfange des 13. Jahrhunderts wurde Wien die Beherrscherin des Donauhandels und kam die von Juden gerne besuchte Frankfurter Messe in Aufschwung. S. 183 bis 184. (Hier fügt Michael sehr bemerkenswerthe Aufschlüsse über die Juden im Mittelalter ein, „des hl. römischen Reiches Blutegel". Ihre maßlose Ausbeutung des Wucherprivilegs ließ die Christen wiederholt Repressalien üben. Jude und Wucherer waren identische Begriffe.) Die erste Nheinstadt war Köln, danr Straßburg. Stark besucht waren auch von deutschen Kaufleuten die Messen der Champagne. S. 184—186. Die größte Schwierigkeit für den Verkehr mit Italien bildeten natürlich die Alpen; von ihren Pässen waren die wichtigsten der große St. Bernhard, der Sep- timer, der St. Gotthard und der Brenner, welche sich einer wechselnden Beliebtheit erfreuten und deren Höhen meist Hospize krönten. S. 186 — 189. In ihrem Verkehr mit Italien gaben die deutschen Städte fast nur Rohstoffe, insbesondere des Bergbaues. Dieser hatte bedeutende Ausdehnung über ganz Deutschland auf alle Metalle und Mineralien und ein hochentwickeltes Recht. Das Jglauer Bergrecht enthält die Keime des gesammten deutschen, ja des europäischen Bergrechtes. Deutschland war im 13. Jahrhundert das Peru Europa's. S. 189 — 194. In dem Verhältniß, in welchem Italien mit seinen Handelsprodukten zu Deutschland stand, stand dieses zu dem europäischen Norden und Osten. Sammelplatz des Ostseehaudels ist seit 1163 Wisby auf Gotland; von hier aus ist die Gründung des deutschen Hofes in Nowgorod erfolgt. Deutsche Kaufleute unterhielten Handelsbeziehungen mit Dänemark, Schweden und Norwegen (Bergen), wo sie jedoch nicht gerne gesehen waren» weil sie dem Laster der Trunksucht der Einwohner schmeichelten. S. 194 — 196. Auch die Nordsee beherrschte der deutsche Kaufmann. In London besaßen die Deutschen schon im 12. Jahrhundert eine Gildchalle, den später bedeutend erweiterten Stahlhof, ein kleiner, sclbstsrändiger Staat, eine eigenthümliche Welt mit fast klösterlicher Zucht. Hier begegnet uns 1282 bei einem zwischen den deutschen Kaufleuten und der Stadt London ausgevrocheueu Streit zum erstenmale der Name „Deutsche Hansa". Er bezeichnete damals lediglich einen Gestimmt-- verein, welcher sich aus den Verbrüderungen der Kaufleute einzelner Städte gebildet hatte. S. 196 — 197. Vorausgegangen waren schon Bündnisse zwischen den verschiedensten Städten. Von hervorragender Bedeutung für die Bildung des Hansabuudcs wurde Lübeck, welches 1226 nach wechselvolleu Schicksalen von Friedrich II. die Ncicks- freihcit bestätigt erhielt. Seine Machtstellung vor allen übrigen Städten gewann es durch seine Tapferkeit und Kühnheit in den Kriegen mit den nordischen Reichen. S. 197—200. Die Verbrüderung der deutschen Kaufleute also im Auslande, die Bündnisse der festländischen Seestädte und der unbestrittene Vorrang der Stadt Lübeck hat das einigende Band um den Hansabund geschlungen. S. 201. Die Handelsartikel waren von der verschiedensten Art, eine nicht unbedeutende Rolle spielte der Häring, ein sehr geschätztes Tauschobjekt für den Verkehr mit den deutschen Binnenlanden. S. 202 — 203. Wir schließen unsere rcferirenden Ausführungen am besten mit den Worten des Verfassers: „Stramme Zucht 509 und Ordnung sind auch in erster Linie die Mittel gewesen, mit denen nicht etwa ganz Deutschland, sondern nur ein Theil des Gesammtkörpers ohne Zuthun von Kaiser und Reich jahrhundertelang in der Hansa eine Seemacht entfaltet hat, welche als die großartigste organisatorische Schöpfung des durch Gewerbe und Handel gehobenen deutschen Bürgerthums', als ,die herrlichste Blüthe des deutschen Genossenschaftswesens' gelten muß." S. 204. IV. Das Nitterlhum. Mauöwesen und Iriedeus- vestrevungcrr. 1. Lehenwesen und Nitterthnm. Eine Verleihung von Grundstücken gegen Kriegsdienst kannten die Römer schon; den Germanen eigenthümlich war ein persönliches Treuvcrhältuiß. Aus diesen zwei Elementen ging das Lchenwesen hervor, ein Nechts- verhältniß zwischen dem Obcreigeuthümcr eines Grundstückes und einem Vasallen, der dasselbe unter der Bedingung wechselseitiger. Treue als Nutzeigenthum empfing. Die gegenseitige Treue fand ihre Grenze in dem Gebote der Sittlichkeit. Die Verletzung der Treue, Felonie, wurde mit dem Tode bestraft. S. 205—206. Aus dem Wesen des Lehens erhellt seine innige Beziehung zur Naturalwirthschaft. S. 206. Die Lchenverfassuug hat die Fürsten mit dem Volke, Land mit Leuten, Alaun mit Gut verknüpft; sie ist die wahre Mutter des Reiches und des inneren Ländcrvcr- bandes geworden. Als Uebergaugsstadium in der Entwicklung unseres Volkes hat sie einen ebensoviel und ebensowenig „grundsätzlich staatszcrstörcnden Charakter" als jede andere Ucbergangsform im Staats- und Gesellschaftsleben. Das sollte dem Geschichtsschreiber der Evolution, Lamprecht, ohne weiters einleuchten! S. 207. In Deutschland fiel das Feudalsystem mit dein Kriegswesen zusammen; aus der fortlaufenden Kette der Lehenverbindungen beruhte die Heerschtldordnung, wie sie mit kleinen Abweichungen in den Rechtsbüchern niedergelegt ist. S. 207—210. (Den 5. Hecrschild haben die Schöffenbarfreicn inne; nach Zallinger habe es solchen Stand gar nicht gegeben. Nun, Eile von Nepgau rechnet sich selbst dazu; er wird wohl kaum für sich allein einen Heerschild beansprucht haben! Diejenigen Freien, die ihre angeborne echte Freiheit durch kein Lehen- noch Dienst- verhältniß gemindert haben, wie die friesischen Etheliuge, die freien bäuerlichen Großgrundbesitzer, wie Meier Helmbrecht, bilden die Schöffcnbarfreien. Was sollen wir uns aber unter den „altfreien Ministerialen" R. Schröders denken? S. 209.) Infolge seines Dienstes konnte anch der Unfreie alle Ehren des Ritterstandes genießen; aber nicht alle, welche zum Nittcrstande gehörten, waren dadurch schon ritter- bürtig; man mußte auch soviel Vermögen besitzen, um rittcrmäßig d. h. vornehm leben zu können. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es fast nnr freie Ritter. Frankreich ist für das Nitterthnm Deutschlands die hohe Schule gewesen, doch hat es von den Franzosen nicht immer Gutes gelernt. S. 211—212. Als einen der gelungensten Abschnitte im Werke Michacl's dürfen wir den von der Entstehung, dem wesentlich christlichen Charakter des Nitterthums, dem Jdealbilde eines Ritters bezeichnen. Zucht und Scham, Gehorsam und Sittigkeit, Geduld und reine Gottesminne, Demuth und Treue, Tapferkeit und Stärke, Zartheit und Edelmuth mußten den wahren Ritter zieren. S. 212 bis 220. Doch wir sind frivol genug, es ausznsprechen, wie wenig wohl diesem Ideale entsprochen worden sein mag! Solche Fälle von Tugenden und menschlich schönen Eigenschaften eignet nicht denen, deren „Erbtheil von Alters her Kampfeslust bis zum Uebermaß" war. Michael vergißt zwar nicht ganz, die Ausschreitungen in der Ritter- welt zu erwähnen — an Beispielen mangelt es wahrlich nicht —, um so reichlicher aber bedenkt er die Zierden der Ritterschaft. Wir möchten nicht, ivie es der Verfasser thut, den Fall verallgemeinern, daß einen Ritter die Betrachtung einer welkenden Blume zur Weltentsaguug vermochte. Auch möchten wir die Wnudergeschichte von Walther von Birbach gerne missen. S. 221—224. Mit Fug und Recht werden wir an die Ritterschaft anch zur Zeit ihrer schönsten Blüthe den Durchschnittsmaßstab des Menschen anlegen dürfen, wenn wir auch das Complimcnt, welches der Italiener Thomasin von Zirklaria der deutschen Ritterschaft macht, indem er sie als die würdigste preist, nicht ablehnen wollen. Fast wie eine Ironie auf die vorausgehenden, von dem Zauberglanze idealer Betrachtungsweise verklärten Ausführungen klingt es, wenn der Verfasser weiter schreibt: „Noch zu Ende des 13. Jahrhunderts ist der österreichische Ritter und Dichter Scifried Helbling eine ehrcnwerthe Erscheinung." S. 225. So schnell ist das Morgenroth der Ritterherrlichkeit verblaßt! Wenn Theorie und Praxis nicht so ganz grundverschiedene Dinge wären! Der Ritter, wie er sein sollte und zum Theil auch wirklich gewesen sein mag, ist ein Mann von Charakter gewesen: er handelte nach den Grundsätzen der Wahrheit und Gerechtigkeit, zu der ihn seine Erziehung hinlcitete. Waren die ersten Kinderjahre unter der Obhut der Mutter vorüber, so mußte der Junker die „Vrumicheiteu" des Ritters erlernen, wozu auch das Dichten gehörte. Singen und Sagen lernte die adelige Jugend auch in den Klosterschulen. Gewöhnlich brachte der Vasall seine Söhne auf die Burg des Lehenshcrrn oder an einen Fürstcnhof zur Erlernung der „Zucht" unter einem Znchtmcister, einem älteren erprobten Ritter. Die jungen Herren gingen wohl auch mit ihrem Hofmeister in die Fremde. Manche lernten auch Latein und — Griechisch, was dem Verfasser Niemand glaubt; zumal es nicht einmal darauf angekommen ist, den „kindelin" Lesen und Schreiben beizubringen. S. 225- 230. Den Inbegriff alles dessen, was ein Nitterkind an höfischer Zucht und Sitte sich anzueignen hatte, enthält, die Dichtung „Der Winsbeke". S. 230—231. Erst mit der Schwcrtlcitc oder Schwertnahme, wegen ihres religiösen Charakters anch Nitterwcihe genannt, trat der junge Mann eigentlich in den Nittcrstaud ein. Vor diesem Akte führte der Streiter den Namen Knappe oder Knecht. S. 230—235. Für die Weihe des Ritters gab es eine bestimmte kirchliche Formel. Anch kannte man im 13. Jahrhundert schon den Ritterschlag. S. 235 bis 240. Den kirchlichen Ceremonien folgten weltliche Vergnügungen und Lustbarkeiten, insbesondere Turniere, ohne welche ein mittelalterliches Fest der höheren Stände sowenig denkbar war, wie ein nicderbayerisches Volksfest ohne Pferderennen. Man unterschied den Buhurd, ein Waffcnspiel; die Tjost und das Turnier, welche beide wirkliche Kämpfe waren und gefährlich werden konnten, wie zahlreiche Beispiele beweisen, obwohl das zarte Geschlecht nicht unter den Zuschauern fehlte. Turniere gab es um Ehre und um Beute. Das Siegeszeichen war oft wie für den olympischen Sieger eine wenig kostbare 510 Gabe, oft aber auch ein kostbares Beutestück oder die Hand einer Dame. S. 240—245. - Solange die Turniere blos; Kampfspiele blieben zum Zwecke der Waffenübnng, lies; sich dagegen nichts einwenden. Allmählich indeß kamen die scharfen Rennen auf von durchaus gefährlichem Charakter, die ein Spiel waren mit dem Leben und daher von der Kirche strenge verboten wurden, wenn auch einzelne, namentlich deutsche, Kircheufürsten geneigt waren, sie mit mildern Augen anzusehen. S. 245—246. Wir meinen, daß überhaupt nur Menschen aus gröberem Holze geschnitzt an Kampfspielen Gefallen finden können. Jedenfalls aber ist es dem mittelalterlichen Ritter eher nachzusehen, als dem akademischen Bildnngsritter von heute, der die Zahl seiner Semester an der Zahl seiner Schmisse erkennt! Waffcnspiele und ähnliche Bergnügen tragen den Keim der Ausartung schon bei ihrer Entstehung an sich. Das Nitterthnm ist darum so bald an der eigenen inneren Unwahrheit umgekommen. 2. Raub- und Fehde Wesen. Gottes- und Land- f r i e d e n. S t ä d t e b ü n d n i s s e. Kampflust bis zum Uebermaß war von Alters her das Erbthcil der germanischen Stämme. Die künstliche Pflege, welche sie im Nitterthnm fand, die Verachtung der andern Stände, welche nur die materiellen Interessen förderten, und der dadurch genährte, sich selbst überschätzende Hochmuth waren ungesunde Elemente und mußten nur zn bald unliebsam in die Erscheinung treten. Man braucht im Raub- und Fchdcwesen mit Michael gar nicht „eine Abkehr von der Gesetzgebung Karls d. Gr. und eine bedauerliche Rückkehr zu der leidenschaftlichen Ungebunden- heit des Hcidenthnms" zu erblicken. S. 247. Die Kirche, welche durch ihr ganzes Wesen sänftigend auf die germanische Raub- und Rauflust wirkte, entbehrte vielfach der Unterstützung der weltlichen Macht. S. 247. Von dem Lütticher Bischof Heinrich ging das Institut des GotteSfriedens aus, welches der Znchtlosigkeit des Adels heilsame Schranken zog, 1082. Im nächsten Jahre folgte Erzbisck^f Siegwien von Köln dem Beispiele, geistliche und weltliche Strafen schreckten bor Verletzung dec ervur-a, zurück. S. 247 — 250. 1085 bereits erfolgte die Ausdehnung des GotteSfriedens über ganz Deutschland. Wahr ist, daß „das Ideen des echten Nitterthnms" sind (S. 250), nur gingen sie nicht von diesem aus, richteten sich vielmehr gegen einen großen Theil desselben, welches hartnäckig gegen jede Beschränkung seiner Zügellosigkeit sich wehrte. Der Gottcsfriede ist in der Folgezeit noch oft erneuert worden, aber ebenso oft verletzt worden. S. 250 bis 251. Zeitlich später waren die Landfriedensbcstrebuugen auf dasselbe Ziel gerichtet. Gottes- und Landfrieden waren gewaltige Anstrengungen, welche die von Lebenskraft und Kampflust überschäumenden Geister in den Grenzen der Gesittung halten sollten. S. 251—252. Die politischen Wirren unter Kaiser Friedrich Barbarossa durchkreuzten dessen Friedensbestrebungen und erleichterten den Freibeutern ihr Treiben. Im 13. Jahrhundert haben der Sachsenspiegel nnd Friedrich II. der öffentlichen Sicherheit gewaltig vorgearbeitet; doch auch jetzt „war dem Landfrieden nicht zn tränen". S. 252 bis 254. Es gelang wohl manchmal, so einen adeligen Nanbgeselten in die Mitte zn nehmen nnd ihn radikal zn knrireu. Die Besitzer der jetzt von dem Lichtzanbcr der Romantik nmflossenen Burgen am Rheine waren besonders gefürchtet. S. 254—255. Hier vermissen wir ganz besonders die von den bayerischen Herzogen entfaltete Landfriedensthätigkeit, wie Hermann von Niederaltaich sie uns überliefert hat. Der Landesherr hat bei dem wachsenden Verfalle der Reichsgewalt die Rechte und Pflichten dieser sich selbst beigelegt und geübt. In dieser Lage haben die von dem Raubwcsen am schwersten Betroffenen, die Städte, in ihrer gegenseitigen Verbindung das wirksamste Mittel der Selbsthilfe gefunden. Zahlreich sind die Städtebündnisse des 13. Jahrhunderts. Seit 1254 wuchs aus kleinen Anfängen ein mächtiger Friedensbund der Städte heraus: Mainz, Worms, Oppenheim nnd Bingcn bildeten den Kern des Bundes; der erste geistliche Fürst nnd mächtige Erzbischof Gerard von Mainz schloß sich ihm unter dem Drucke des Papstes Jnnozenz IV. an, am 13. Juli 1254 beschwor er mit vielen Herren und Städten auf 10 Jahre das Bündniß, welches seine Spitze vornehmlich gegen die adeligen Herren richtete, von denen die Vergewaltigungen der Kaufleute und die Zollerpressungen ausgingen. Am 10. März 1255 bestätigte König Wilhelm den Bund. 1256 umfaßte er, nachdem er mit überraschender Schnelligkeit sich ausgebreitet hatte, .ganz Deutschland, von Loth-, ringen bis an die Ostsee, von Bremen bis nach Basel nnd Zürich. S. 255—261. Das Organ des Bundes war die Bundesversammlung, zusammengesetzt aus je vier Vertretern der einzelnen Herrschaften nnd Städte, betraut mit der Wahrnehmung der hündischen Interessen. Was er im letzten Grunde bezweckte, war ein allgemeiner Landfriede und schloß damit an die Reichsgesctzgebnng des Jahres 1235 an. S. 262. Die Bemühungen des Bundes, vornehmlich seine Rücksicht für die wirthschaftlich Schwachen, bekunden eine große und freie Auffassung der socialpolitischen Verhältnisse nnd eine staunenswerthc, schöpferische Kraft. S. 265. Zerfiel er auch schon nach drei Jahren, so trug daran zunächst die unglückselige Doppelwahl von 1257 die Schuld. Gleichwohl bedeutet er einen gewaltigen Aufschwung des bürgerlichen Lebens. S. 265. Noch im Laufe des 13. Jahrhunderts ist man aus seine Grundsätze wiederholt zurückgekommen; er hat die Idee des Mainzer Landfriedens über die Periode der Auflösung im Interregnum in das erneute Reich Rudolfs, von Habsburg hinübcrgerettet. S. 263—265. Die grundsätzliche, allerdings nicht thatsächliche Abstellung der Fehde erfolgte erst 1495, doch nur für die Ritterschaft, nicht für die Reichsfürsten. S. 265. Ein trauriges Vorrecht, die eigenen Händel mit den Bluts- strömen der Unterthanen auszntragen l (Schluß folgt.) vr. xki!. Emil Wahrendorp's Broschüre „Katholicismus als Fvrtschrittsprincip" ? (Schluß.) Um weitere Punkte in seiner Broschüre zu berühren, so spricht Herr Wahrendorp auch mit tiefer Entrüstung von der Schrift des Moralprofessors am k. Lyceum in Dillingen. Herrn Dr. Leistle, „Die Besessenheit mit besonderer Berücksichtigung der hl. Vater . die derselbe vor 10 Jahren abgefaßt hat, und die unseres Wissens von kompetenter Seite eine beifällige Kritik erfahren hat. Wir erwarteten, Herr Wahrendorp werde den Versuch einer Widerlegung der in dieser Schrift vorgebrachten Thatsachen und Beweisgründe machen, aber wir sahen uns sehr enttäuscht. Herr Wahrendorp und Gesinmmas- 511 genossen scheinen die Meinung zu hegen, wenn sie den Glauben an die Existenz des Teufels und seiner Wirk- amkeit, an die Möglichkeit und Wirklichkeit seiner sinnen- älligen Erscheinungen, an Besessenheit u. dgl. „ungeheuer- ichen Blödsinn" schelten, so sei dieses volltönende Wort aus ihrem Munde ein vollständiger Ersatz für jeden Gegenbeweis. Doch — diese „wissenschaftliche" Argumentation imponirt uns nicht. Die Existenz Satans, die Wirklichkeit seiner Umhüllung in sinnlich wahrnehmbare Gestalten, Besessenheit, sein Einfluß auf die Menschenwelt u. dgl. sind in der hl. Schrift ebenso verbürgt, wie die göttliche Institution der Beschneidung (vgl. Schell, Katholische Dogmatik, II. Bd. S. 257 ff., 322 f.; III. 1 S. 432 f. — Heinrich, Dogmatische Theologie, V. Bd. S. 580 ff., 590 ff., 779 ff. — Hurt er, üls- änlla tbeol. ckoZumtieas p. 389, 991 sgg. n. a.). Daß Herr Wahrendorp auf die Schrift des Herrn Professors Leistle, die unseres Erachtens vielleicht richtiger den Titel „Die Besessenheit nach der Schrift- und Väterlehre" tragen und damit auch präciser den Inhalt — Darlegung der Besessenheit und einschlägiger Fragen nach der hl. Schrift und altchristlichen Literatur — bezeichnen würde, einen Lobgesang anstimmen würde, haben wir nicht erwartet, aber auch nicht, daß der ganze Passus über diese Schrift eine Kette von Entstellungen, Verdrehungen und Unrichtigkeiten sei. So wird (S. 49) Herr Pros. Leistle eine Stelle über die wunderähnlichcn Wirkungen Satans in den Mund gelegt, die er als Anschauung anderer Autoren (Thomas Ag., Suarez u. a.) durch Citation kennzeichnet. Ja, Herr Wahrendrop ist mit solch „peinlicher" Sorgfalt bei der Aushebung dieser Stelle aus der genannten Schrift vorgegangen, daß er das in Parenthese Gesetzte einfach durch Weglassung derselben mit dem laufenden Texte vermischte, so daß die bctr. Stelle dadurch gänzlich unverständlich wird. Solche Textcsmiß- handlnug wird getrieben, um den Autor der vollen Verachtung seines „kritikfähigen" Publikums preisgeben zu können. Dann weist Herr Wahrendorp auf eine Fußnote in Leistle's Schrift bin und will ihn hier auf einer horrenden Ungeheuerlichkeit von Aberglauben ertappt haben. Diese Stelle ist in Herrn Wahrendorp's Broschüre nicht einmal richtig abgeschrieben; verschwiegen ist jedoch, daß Herr Dr. Leistle die ganze Sache ausdrücklich als einen Betrug bezeichnet, der in Frankreich gespielt habe. Das kümmert aber Herrn Wahrendorp nicht, weil es für seinen Zweck, den Dillinger Moral- professor bei dem „gebildeten", auf Wahrendorp's Wissen- fchaftlichkeit schwörenden Publikum anzuschwärzen, nicht paßt. Daß Hiebei aber die Wahrheit zu kurz kommt, bereitet Herrn Wahrendorp, der ja „rein sachlich" verfährt, keine schlaflose Sekunde, zumal ihm Hiebei seine Kenntniß der „Jesuitenmoral", die nach ihm lehrt: „Der Zweck heiligt die Mittel", trefflich zu statten kommt. Ebenso bat er sich auf S. 50 eine Entstellung erlaubt, so daß der Sinn dessen, was Herr Pros. Leistle anf S. 23 feiner Schrift schreibt, unter Wahrendorp's „fachgemäßer" Behandlung ein total anderer geworden ist. Die Stelle über die sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungsweisen des bösen Geistes entlehnt Hr. Wahrendorp aus der Frankfurter Zeitung, aus der sie einen Rundgang durch alle gesinnungstüchtigen Blätter machte, und zwar mit allen Unrichtigkeiten und Verstümmelungen, obwohl aus dieselben schon in Beilage 16 der „Augsburger Postzeitung" vom 19. März 1897 eine Richtigstellung erfolgte. Es mangelt uns der parlamentarische Ausdruck für ein solches „wissenschaftliches" Gebahren; wir dürfen es sicherlich eine „literarifche Gaunerei" nennen. Es wurde in der genannten Beilage eigens betont, daß der Verfasser referire und genau die Fundgnellen (zumeist Vätcr und altchristliche Kirchenschriftsteller), welche die Frankfurter Zeitung unterdrückt hatte, für die von ihm angeführten Erscheinungsweisen angebe, daß also diese Stelle nicht ein reines Hirngespinnst des Verfassers sei. Es wurde zudem hervorgehoben, daß Herr Pros. Leistle seine Anschauung über die Berichte aus altchristlicher Zeit über das Auftreten Satans in sichtbarer Gestalt, sowie über den Einfluß desselben auf die Menschheit gleich im Anschlüsse daran und an verschiedenen Stellen seiner Schrift in einer Weise zum Ausdruck bringe, daß man ihm durchaus nicht den Vorwurf der Leichtgläubigkeit, sondern eher eines kalten Skeptizismus machen könne. Wir verweisen u. a. auf S. 29 ff.,44,175 ff. der bctr. Schrift. Das alles existirt für Herrn Wahrendorp und die Troßknechte antichristlichcr Zeitungsblätter nicht. Deßhalb geben sie doch vor, im Dienste der „Wahrheit und Wissenschaft" zu stehen. Oder meinen sie vielleicht, eine Unwahrheit würde durch öftere Wiederholung zur Wahrheit? Wären Herr Wahrendorp und die Frankfurter Zeitung, die sich doch in katholischen Fragen ein maßgebendes Urtheil anmaßen — Hr. Wahrendorp ist in der altchristlichen Literaturgeschichte so bewandert, daß er Tcrtullian zum Kirchenvater promo- virt —, mit der katholischen Literatur ein wenig vertraut, so hätten sie in der erwähnten Stelle der Schrift des Herrn Pros. Leistle keine „Monstrosität" erblicken können, welche dieser Herr ihrer Ansicht nach mit besonderer Vorliebe und ganz abseits von anderen katholischen Theologen cultivire. In seiner Real-Encyklopädie der christlichen Alterthümer (II. Bd. S. 856) handelt Herr Pros. Dr. Kraus in Freiburg von den verschiedenen Gestalten, in welchen sich die Phantasie des christlichen Alterthums den Teufel vorgestellt habe, und er berichtet genau so, wie Herr Pros. Leistle, nur daß letzterer noch zahlreichere Belegstellen beigeschafft hat. Im Kirchenlexikon (II. Ausl. 4, 850 f.) spricht sich Herr Pros. Dr. Kaulen in Bonn über die Frage des Erscheinungsleibes Satans ebenso aus wie Herr Pros. Dr. Leistle, d. h. er führt wie dieser einige von ihm in der christlichen Literatur hierüber gefundene Erscheinungsweisen an. In dem klassischen Werke des Papstes Benedikt XIV. Os ssrvornm Osi beatiüoa- tions st eanonirationS (I. 3. eap. 30. u. 13. n. oap. öl. u. 3.) finden sich ähnliche aus der frühchristlichen Literatur geschöpfte Angaben. Wenn Herr Wahrendorp diesen beide» deutschen gelehrten Theologen und dem gelehrten Papste in einer nächsten Auflage einen Ehrensitz neben Herrn Pros. Leistle gütigst einräumt, so wird das jedenfalls seine „wichtige" Schrift noch zugfähiger machen und „sein äußerst umfangreiches Wissen, mit dem er au seine Aufgabe herantritt", noch umfassender erscheinen lassen. Zum Schlüsse (S. 52) schmiedet Herr Wahrendorp aus Sätzen, die er aus der Schrift des Herrn Pros. Leistle (S. 146) verstümmelt heraushebt, ein Conglomerat von Unrichtigkeiten und maßlosen Anschuldigungen, beziehungsweise entlehnt es aus dem „Menschenthum" und krönt (ein Werk, indem er die Schale seines Zornes und seiner ganzen Gehässigkeit über das „Centrumspfaffenthum" entleert. Wir haben allen Grund, anzunehmen, Herr Wahrendorp habe die Schrift des Hrn. Pros. Leistle mit eigenen Augen noch nie gesehen, da er feine ganze Kenntnis über die Schrift des Dillinger Professors aus der, wie uns. scheint, freimaurerifchen Zeitschrift „Menschenthum". die er für seine Angaben citirt, schöpft und die Schrift „Im Programm der k. Stndienanstalt Dilliugen 1886/87" erscheinen läßt. Was sich der gelehrte Herr wohl dabei gedacht hat? Das sind also die Männer, die anf der Hochwarte der Wissenschaft zu stehen und mit ihrem blanken Schilds dieselbe zu schützen und zu decken sich brüsten, Männer, die durchaus nicht wählerisch und skrupelhaft in ihren „wissenschaftlichen" Mitteln sind, vor Entstellungen nicht, zurückschrecken, in katholischen Dingen eine geradezu phänomenale Unwissenheit bekunden, dennoch aber kühn« und frech über sie den Stab brechen und so vor ihrem gleichwcrthigen gläubigen und andächtigen Leserkreise sich den Schein hoher, — für gläubige Christen unerreichbarer Gelehrsamkeit zu geben verstehen. Wer nicht mit ihnen im Bunde die Pfade des Unglaubens und der Negation dahinzieht, gilt ihnen als wissenschaftlich inferior. Einen Mann, der mit erborgten Lappen seine Blößen deckt und damit noch prunken will, können wir nicht als urtheils- fäbig über katholische Wissenschaft, katholisches Streben, kalholische Forschung, überhaupt über christliche Fragen anerkennen. Sehr beklagenswert!) und wirklich geistig inferior müßte das deutsche Lescpublikum sein, wenn ein! solches Machwerk wie Herrn Wahrendorp's Broschüre wirklich den „Mittelpunkt der Conversation in allen Gesellschaftskreisen in der bevorstehenden Winter-Saison bilden" könnte, wie das die Verlagshandlung jedenfalls nur aus rein „ideellen Motiven" wünscht. 512 Recensionen und Notizeui Karl Ernst von Baer nnd seine Weltanschauung. Von Dr. Remigius Stölzle, Professor der Philosophie an der Universität Würz bürg. 8". (XI u. 687 S.) Regensbnrg, Nationale Verlagsanstalt, 1897. Preis 9 M. Karl Ernst v. Bacr (gest. 1876) war der Begründer der vergleichenden Keimesgeschichte (Embryologie) als einer eigenen Wissenschaft. Er ist daher in den Kreisen der Naturforscher ebenso hochgeschätzt wie in denjenigen der Descendenztheoretiker, die in seinen embryologischen Ent- oeckungcn eine Hauptstütze der Entwicklungslehre zu finden glaubten. Baer war aber zugleich auch ein denkender Naturforscher und als solcher ein entschiedener Anhänger der teleologischen Weltanschauung und ein ebenso entschiedener Gegner der rein mechanischen Naturerklärung des Darwinismus. Von ganz verschiedenen Seiten, ja von feindlich einander gegenüberstehenden Lagern wird Baer als Bundesgenosse citirt; er ist einer von jenen seltenen Männern, die bei allen Parteien Achtung gewonnen haben, und die daher alle gern auf ihrer Seite sehen möchten, um dadurch ihrer Sache größeres Gewicht zn verleihen. Um so bedeutungsvoller sind die Fragen: Welches waren eigentlich die philosophischen Anschauungen Baers? Welches war sein geistiger Entwicklungsgang? Eine zuverlässige Antwort hieraus gibt uns das obenerwähnte Werk von Pros. Rem. Stölzle. Dasselbe bietet daher nicht bloß das rein persönliche Interesse einer biographischen Skizze, sondern ein viel weiteres und höheres. Es ist ferner eine durchaus wissenschaftliche Studie, nicht etwa eine leichte, oberflächliche Unterhaltungsschrift. Mit der gewissenhaftesten Objectivität geht der Verfasser auf jeden einzelnen Zug des geistigen Porträts ein, das er entwerfen will: er selbst vergleicht daher seine Studie mit einer nicht retonchirten Photographie, in welcher das Geistesbild jenes modernen Naturforschers mit seinen Vorzügen und seinen Mangeln treu wiedergegeben wird, ohne ctivas hinzuzufügen oder hinwegzulassen, zu verschönern oder zu entstellen. Stölzle will Baer schildern, wie er wirtlich war, namentlich aber will er über seine philosophischen und religiösen Anschauungen volles Licht verbreiten. Hierbei steht der Verfasser jedoch nicht etwa aus dem Standpunkte einer „farblosen Neutralität", sondern voll und ganz auf demjenigen der theistisch-christ- lichen Weltanschauung. Diese bildet den Maßstab der Wahrheit, der hier an Baers Gedankenwelt gelegt wird. Durch diese kritische Beleuchtung der philosophischen Ansichten Baers erhebt sich Stölzle's Baer-Stndie zugleich zu einer indirekten Apologie der christlichen Weltanffassnng. Hierin liegt ein neuer Werth des vorliegenden Werkes, dem wir deßhalb besonders in den Kreisen der modernen Naturforscher, die weiteste. Verbreitung wünschen. (Stimmen von Maria-Laach 1897 Heft 10.) I In dem Verlage der Alphonsus-Drnckerei in Münster erschien ein neues Bündchen von 1'. Georg F reund. 0. 8s. R., dessen populäre Abhandlungen über „Die Gesellschaft" binnen drei Monaten schon die zweite Auflage erreichten. Das neueste Werkchcn bietet „Sociale Vortrüge" über aktuelle Fragen, über Wissenschaft, Kommunismus, Reichthum, Armuth, Religion ist Privatsache, Liberalismus des vierten Standes, Fraucnemancipntion, Selbstmord, Duell u. s. w. und wird jedenfalls viele Freunde finden. Beide Bände kosten elegant gebunden je 3 M. Der Katholik. Redigirt v. Joh. Mich. Raich. 12 Hefte. M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1897, Heft XII. Dezember: A. Wibbelt, Die Unbefleckte Empfängnis) in Calderon's -suitos säora- nioutalos. — Carl Maria Kaufmann, Die Fortschritte der monumentalen Theologie auf dem Gebiete christlich-archäologischer Forschung. — Thomas Esser, Vrä. kramt., Beitrag zur Geschichte des Rosenkranzes. — vr.Nirschl, Panagia Cavnli bei Ephesus. — k. Martin Gcinder O. 8 . 1 )., Die Geologie und die Sündfluth. — Literatur: I-uäovicus äs 8au, 8. ck., ll'ratatus n Südafrika. — Die Mission von Alaska. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: China (Eine Missionsrcise in Kiangnan(Schluß): Vorderindien(Hungers- noth): Madagascar (Uebcrblick); Südafrika (Unter-Sambesi: Natal, Hilferuf): Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Beilage für die Jugend: Die Schiffbrüchigen. (Fortsetzung.) — Diese Nummer enthält acht Illustrationen. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. H oberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Dreiundzwanzigster Jahrgang: 1897. 12 Nummern. M. 9. —. Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlnng. Inhalt von Nr. 12 u. A.: Die Berliner Ausgabe der alten griechischen Kirchenschriftsteller. (Bardenhewer.) — Nowack, Handcommentar zum Alten Testament. (Peters.) — Schulz, V.S psklmis Draäualibns. (Vandcnhoff.) — Hauck, Kirchcngeschichte Deutschlands. (Kraus.) — 8sraxbieas Ds^islatiovis tsxtus originales. (Albers.) — Wasmann, JiMinkt n.Jntelligenz imTierreich.lSchneider.)—Wasmann, Vergleichende Studien über das Seelenleben der Ameisen und der höhcrn Thiere. (Schneider.) — Fischer, Geschichte der neuern Philosophie. (Äraig.) — Die Freimaurerei Oesterreich-Ungarns. (Franz.) — Grimme, Geschichte der Minnesinger. (Hellinghaus.) — Steinte, Edw. v. Steinle's Briefwechsel mit seinen Freunden. (Keller.) — Röhm, Der Protestantismus unserer Tage. (Paulus.) — Nachrichten. — Büchertisch. ' ' Franz Wörther, ein Dichter und Denker ans dem Volke. Von Karl Schrattenthal. Preß- bürg, Selbstverlag, 1897. 8°. VI, 6l S. M. 1. ssH Professor K. Weiß-Schrattenthal ist bekanntlich der literarische bezw. publicistische Impresario mehrerer Natur- und Volksdichter und Dichterinnen. Sein neuester Stern, eine Art Hans Sachs, lebt in Klein-Hcnbach am Main (daselbst geb. am 6. Dezbr. 1830) als Schuhmacher. Der Erlös der vorliegenden Publikation ist als Bencfizinm für diesen bayerischen Volkspoeten gedacht. Die Sammlung birgt einige recht ansprechende Gaben: manches aber ist sehr hausbacken, unklar und schwülstig, die Lebens- phitofophie des Dichters nicht frei von Hnmanitätsphrasen eines Autodidakten. Und dann, wieviel überhaupt geht auf Conto des Impresarios dieser Sammlung? Gott, Natur und Menfchenherz. Gedichte von Cordon de Seda. München, Pfeiffer, 1894. 8°. 139 S. t Nur wenig einigermaßen Annehmbares! Die Metrik wie die Poesie sind für den Autor nicht das Land, wie er es nennt: „Wo der Lorbeer Ruhmgier fächelnd steht", und es gehört etwas dazu, wenn er (S. 42) von sich sagt: er „walte im Reich der Geister weihemächtig ein Poet". _ Wie Studenten Schauspieler werden. Lustspiel in 5 Aufzügen von I. v. Terberdi. Speyer. Jäger, 1897. Kl. 8°, 59 S. 60 Pf. - 2 . Das Stück ist kein „Lustspiel", sondern eine Burleske von bisweilen drastischer Urwüchsigkeit. Es passirt viel auf der Scene, doch kann von einer „Handlung" in dramaturgischem Sinne nicht immer die Rede sein. Die Formel der „Nutzanwendung" klingt ziemlich hausbacken. Als FastnachtsschwaNk aber und durchaus wohlanständige» Volkswitz dürfte das Stück mit Recht auf Verbreitung rechnen! , Verantw, Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck n. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg