tti-. 23 » 28. AM 1897. Christliche Kmrstiuteressen. Kirchenrestaurirungen in Bayern.*) H, I'. I'. Das Beispiel der glücklich durchgeführten Erneuerung der katholischen Frauenkirche in Nürnberg regte bald auch die Protestanten zur Betreibung der Ausbesserung der noch ruinösem altehrwürdigen St. Sebaldus- kirche dortselbst an. Die vor sieben Jahren begonnene Arbeit schreitet unter der Oberleitung des berühmten Gothikers Pros. Gg. Hauberrisser in München und der Ballführung des gründlich gebildeten und energievollen Architekten Jos. Schmitz in Nürnberg ihrer Vollendung entgegen. Und wenn die von Essenwein vollzogene Renovation der Frauenkirche im Ganzen als eine Achtung gebietende künstlerische Leistung anerkannt werden muß, so stellt sich auch die von Hauberrisser fast vollendete Erneuerung der Sebalduskirche, besonders in architektonischer Äeziehung, als ein mustergiltiges Nestaurattonswerk dar. Der Ostchor war der am meisten ruinöse von allen .äußern Bauthcilcn. Dieser wurde kurz nach Erbauung der Frauenkirche zwischen 1361—1377 dem ältern romanischen bezw. frühgothischen Schiffe, von der gleichen Länge mit diesem und seinem Westchor, angebaut. Er liegt aber mit dem Schiff nicht in einer geraden Achse, sondern biegt merkwürdiger Weise stark nach Norden ab. Zehn Pfeiler tragen die Kreuzgewölbe des Chores, der gleich einer eigenen dreischiffigcn Hallenkirche sich prä- fentirt. Während die Breite des Mittelschiffes im ältern Theile regelmäßig 23 Fuß und die Arkadenweite der Pfeiler etwa 17 Fuß beträgt, dehnt sich die Breite des Chormittclschiffcs durch Abweichung der nördlichen Pfeilerrcihe von 23 bis zu 28 Fuß aus, indessen der Abstand der Pfeiler von einander (Arkadenweite) sich mehr und mehr von 32 Fuß bis auf 21 Fuß im Chorabschlusse verringert. Um den offenen Chor des Mittelschiffes mit dreiseitigem Abschluß bildet der äußere mit seinen 14 Mauerpfeffer» einen Umgang mit den sieben Seiten des Scchzehnecks abschließend. Den Grund der nördlichen Abweichung wollen manche im Erdreich, andere in der Absicht des Baumeisters, bannt anzudeuten, daß Christus am Kreuze sein Haupt zur Rechten geneigt habe, finden. (?) Die Erweiterung gegen das Oktogon dürfte aber wohl Effekt- berechnung sein. Denn dadurch wird die Perspektive größer (während sie sonst sich verjüngt), und die Chor- halle» vom Schiffe aus gesehen, domiuirt. Die zwei ersten der Strebepfeiler sowohl an der Nord- wie Südseite verstärken sich zu den Seitenwänden je einer Portalvorhalle, die an der Grenze zwischen Chor und Langschiff in das Innere führen. Zu den interessantesten und prachtvollsten Stellen des äußern Baues zählt ohne Zweifel das nördliche von diesen, der Spätzeit des XIV. Jahrhunderts angehörende Portal, die „schöne Brautthüre", so genannt, weil unter ihr die Brautleute gesegnet wurden, bevor sie zur Trauung in die Kirche traten. In den rechtwinkeligen Rahmen des offenen Manerthores ist oben ein mit Krabben besetzter Spitzbogen und unter demselben ein Rundbogen gespannt, deren Zwischcnräume mit Maßwerk und durchbrochenen Rosetten filigranartig ausgefüllt sind, während S. Beilagen 17 u. 19. der Rundbogen noch unten mit einem Kamme reichverzierter Spitzbögen besetzt ist. An der äußern Seite des Portals stehen die schönen statuarischen Figuren einer Madonna und des hl. Sebald; an den innern Eiugangs- seiten Adam und Eva und über ihnen Christus im Brustbild. An den geschmackvoll gestellten Säulen der Laib- ungen lehnen beiderseits, auf zierlichen Sittlichen stehend, die Statuen der klugen und thörichten Jungfrauen. Diese Figuren, fern von allem Naturalismus und noch ganz auf idealer Grundlage ruhend, streben mehr nach Schönheit als nach Wahrheit. Der Ausdruck der fast gleichen Köpfe ist mir wie schwach skizzirt. Klugheit und Thorheit und in Folge davon stillselige und erhabene Ruhe der Haltung auf der einen, Neue und Betrübniß in der Bewegung auf der andern Seite: das ist die stille Predigt, die hier der Künstler den Brautleuten in unübertrefflich anmuthiger Weise hält. Er hält sich Hiebei strenge in der Grenze, welche die noch herrschende Obmacht der Architektur über die Sculptur ihm zieht. Nicht auf dem Verschiedenen, sondern aus dem Gleichmäßigen liegt hier der Nachdruck, wodurch das architektonische Interesse, das einer ruhigen Gesammtwirkung, befriedigt wird. Dabei weiß er in klassischer Manier die gleichen Formen seiner in feinster Nuance bewegten und eingebogenen schlanken Gestalten durch einen wieder ganz frühgothisch fließenden, uobeln Faltenwurf zu beleben. Diese, sowie die andern gleichzeitigen Bildnisse in Nürnberg verrathen einen Geschmack in der Bekleidung und Anordnung der Gewänder und Bildung der Formen, und zeigen besonders die langgezogenen, weichen und geschwungenen Falten einen Stil, welche, gewiß ursprünglich von der römischen Antike beeinflußt, mit der Entwicklung der Gothik von Frankreich durch Deutschland nach Italien zurückwanderten. Dieser Stil findet sich in diesen drei Ländern gleichzeitig. In Deutschland kann man seine Entwicklung an einer Reihe von Denkmalen — der Bam- berger, sächsischen und Kölnerschule, und unter deren Einfluß an den Domen zu Mainz, Negensburg, sowie besonders ausfallend in Nürnberg, außer bei unsern 10 Jungfrauen, an den sogen. Schonhofer'schen Figuren des schönen Brunnens*) und des Portales der Frauenkirche — studiren. Auch diese Brunnen-Statuen, die sich gleichsam mit der Architektur in den Ruhm der Vortrefflichkeit des Monumentes theilen, zeichnen sich durch schöne Linienführung, naturwahre Durchführung und gute portraitirende Charakteristik aus, sind aber nicht so meisterhaft ausgeführt wie die besseren alten Arbeiten der Sebalduskirche. Die jetzigen untern Hauptfiguren sind übrigens minderwerthige Copien! Das andere südliche Portal des Chores zeigt aus derselben Zeit die Darstellung der hl. drei Könige in vier Rundbildern und außen an der Mauer das Bilduiß eines Bischofs. Von den roh ausgeführten Reliefbildern an den Strebepfeilern zeigt der am ersten nördlichen dargestellte „Einzug Jesu in Jerusalem" ein feines künstlerisches Verständniß. Das Original des weniger guten Nachbildes befindet sich im Germanischen Museum. Der zwischen den zwei genannten Portalen sich bewegende Chorumgang gehört noch zu jenen durch den ') Nach neuern Forschungen wurde das Monument von Heinrich dem Balier von 138 b —96 ausgeführt. 162 Reichthum ihrer Formen und Ornamente sich auszeichnenden gothischen Baudcnkmalcn. Gleichwohl weist er auch schon deutliche Spuren des Verfalles der Gothik auf. Wie an den langweiligen Pfeilern im Innern der Mangel der Capitale und Gesimse auffällt, so springt hier am Aenßern das Zusammendrängen des plastischen Schmuckes in die Mitte der Mauern, resp. Streben, gegenüber der mehr nüchternen Behandlung der hoher» Theile in die Augen. Da Mauer und Strebepfeiler ohne Unterbrechung bis zum Dache hinaufreichen- so bekommt die Kirche in diesem ihrem östlichen Theile das Aussehen eines einschiffigen Baues. Mauer und Streben sind bis zur Fensterbrüstung schmucklos und bilden dadurch einen massiv-kräftig erscheinenden Unterbau. Ueber dem untern Hauptgesims beginnt der reiche plastische Schmuck der mittleren Mauerpartie. Er besteht au den Pfeilern vornehmlich aus nischenartigcu, von Säulen getragenen und Fialen gekrönten dekorativen Giebeln, die zur Aufnahme von Heiligenfiguren auf Postamenten und unter Baldachinen bestimmt sind. Diese Figuren waren fast sämmtlich n i ch t mehr vorhanden. Die hohen Fenster, die schon theilweise sischblasenartiges Maßwerk enthalten, verdrängen nicht vollständig das Manerwerk zwischen den Streben (wie z. B. bei der Lorenzksrche in Nürnberg) und über letzteres breitet sich bis zu °/z Höhe die reiche plastische Dekoration aus. Auf einem feinen Gesimse oberhalb dieses Fialenschmuckes erheben sich schlanke Säulchcn, welche den obern Theil der Fensterlaibung einrahmen und den mit Krabbenyrnament und Kreuzblume versehenen Wimperg tragen. Die den Abschluß bildende Gallerie, sowie jene vor und über derselben emporragenden Fenstergiebel (Wimperge) und Fialenpyramiden wurden schon im Jahre 1561 bei eintretender Banfälligkeit abgebrochen, so daß seitdem das Dach ohne jede Vermittlung der Mauer wie in plumper Weise aufgestülpt erschien. Diesem ruinösen Ostchor, der die größere Raumhälfte der ganzen Kirche umfaßt, galt der erste Angriff der Ernencrungsarbeiten. Den Fuß des Daches umgibt wieder eine neue Gallerie, schön und maßvoll in ihrem Verhältniß zum Ganzen. Und diese wie die wieder hergestellten hohen Wimperge und Fialenpyramiden bilden den neuen belebenden Bekrönnngsabschluß der Chormauer. Diese Schlußpyramiden der Pfeiler könnten vielleicht Manchem im Verhältniß zu der Masse der Pfeiler etwas winzig erscheinen. Die untern Phramidenauslänser sind bedeutend kräftiger. Doch diese Anlagen beruhen auf individueller Anschauung und weisen auch die bewunderten Bauten des Mittelalters in dieser Beziehung verschiedene Stil- und Geschmacksrichtungen der alten Baumeister auf. Während man in Straßbnrg dieselben zarten Auslänfe ^der Pyramiden sieht, zeigen andere Bauten die charakteristischen schlanken und hochstrcbenden Glieder der Gothik. — Die ganze Steindckoration, Wasserspeier, Krabben, Blumen und> andere Ornamente sind sauber und charakteristisch gearbeitet. Die etwa sechzig Statuen am Aenßern des Ostchores, aus Kalkstein gemeißelt, sind von dem tüchtigen und leistungsfähigen Bildhauer Lcistner, Lehrer an der Knnstgewerbeschnle in Nürnberg, gewandt und stilistisch gut modcllirt und ausgeführt. Sie sind nach dem vom ehemaligen alten Bildschmuck noch vorhandenen reichen Vorbildermatcrial unter Benutzung ganzer Stellungen, Gcwandparticn, Köpfe rc. im alten Charakter gearbeitet. Man sieht es denn auch den pei nlichen Nach ahmungen der alten Bildwerke gleich an, daß sie nur dekorativ wirken und „sich ganz der Architektur unterordnen" sollen. Von moderner Empfindung braucht, ja soll nichts vorhanden sein und hat die Herstellung des Neuen in der Absicht der reinen Täuschung stattgefunden. Und nun wird auch wohl mancher Betrachter die Figuren für alte halten, besonders da sie gleich gedunkelt sind. Dem Kenner wird aber der Unterschied nicht entgehen. Denn in Wirklichkeit stehen sie im Detail hinter den bessern alten Meisterarbeiten entschieden zurück. Man vermißt nicht nur jene feine weiche Modcllirnng und Kraft des Ausdrucks der Köpfe (bei solchen exponirten, auf sich selbst gestellten Statuen), sondern auch den zarten Zug der Draperie, jene sich so weich und leicht anschmiegende Gewandung, in welche die alten Meister mit so viel Empfindung den Körper ihrer Figuren zu kleiden wußten. Dann erscheinen diese vielen Statuen doch auch gar zu „einheitlich". Interessanter wäre jedenfalls der ganze Fignren- schmnck ausgefallen, wenn mehrere so gewandte Bildhauer, wie Leistner einer ist, die Modelle gefertigt hätten. Gerade bei der Sebaldnskirche, die so viele Stilrichtungen ausweist, wäre eine gewisse individuelle Verschiedenheit der massenhaften Sculptnren am Platze gewesen. So rührt auch, wie bei der Nürnberger Frauenkirche, so bei andern reicher ausgestatteten Fagaden, Portalen und Außenwänden der alten gothischen Kathedralen der plastische Bildschmnck in der Regel von mehreren, oft sogar in Auffassung und Technik sehr verschiedengearteten Meistern her. Daß die neue Bildnerei so monoton ausgefallen ist, dafür kann aber der beauftragte Künstler nicht. Das wäre jeden: Andern bei der Masse von Figuren, die ja vorgeschricbenermaßen nur dekorativ sein sollten, auch passtrt. Der reiche Figurenschmuck im Innern ist sehr vielseitig. Die Sculptnren vertreten mehrere Jahrhunderte, und eine ist schöner wie die andere. Keine ist verwittert, und alle sind noch gut erhalten. Es gibt darunter vorzügliche Statuen, die sehr nachahmnngswcrth sind. Diese hätten zur Richtschnur dienen sollen. , (Schluß folgt.) Streifzüge durch die socialpolitische Literatur der Renaissance. Von Frz. Jos. Stroh meyer, Benefiziat in Oberstdorf. (Schluß.) Mit Recht hat man Bodin als denjenigen bezeichnet, welcher zuerst im 16. Jahrhundert wieder den Anlauf unternommen hat, die christlichen Grundsätze auf socialem und politischem Gebiete zu vertreten, und ganz in seine Fußstapfen trat Gregor von Toulouse (1570 bis 1617) in seinem Werke „cks ropudlion iiöri 26". Aber, wie gesagt, die literarischen Produkte beider bedeuten nur einen Anlauf zum christlichen Princip: wir finden bei keinen: von beiden die nöthige Klarheit und Sicherheit und Konsequenz. Dagegen hat Giovanni Botero (1540 — 1617) wieder die goldene Mittelstraßc gefunden. Er ist wohl der einzige in dieser Periode, der wieder ganz auf die sittlich-religiöse Grundlage des positiven Christenthums zurückging und darum die richtigen Fundamente einer Gesellschaftsordnung gefunden hat; aber er wurde in dem Sturme nicht gehört. Berühmt ist er geworden durch sein Buch von der Ncgicrnngskunst (äells rnZivns äi 163 statv). Diese Schrift ist direkt gegen die macchiaveüistische Staatslehre gerichtet") und weist der Religion die ihr gebührende fundamentale Bedeutung im Staats- und Gesellschaftslebcn zu. Sie ist mit Geist, tiefer historischer Erudition und Weltteiintniß abgefaßt und will zeigen, wie das Nützliche nie vom Sittlichen getrennt werden und das Ungerechte nie nützlich sein kann. Weniger berühmt ist sein Werk: cie vitn xrinoixio oürimiani; dagegen wurde Botero einer der Gründer der statistischen Wissenschaften durch sein Werk von den Staatskräften der europäischen Reiche. In einem neuen Gewände tritt der absolutistische Gedanke hervor in der Satire Llanippös unmittelbar nach dem Einzug Heinrichs IV. in Paris 1594 erschienen. Diese Satire hat zum Gegenstand die Tagung der Generalstände von 1593, und es ist besonders die Rede des Vertreters des dritten Standes, die uns deutlich genug die politischen Ansichten des Verfassers, wahrscheinlich Pithon's, erkennen läßt. Hier quellen die Empfindungen so stark aus der Seele des Verfassers, daß sie die Form der Satire sprengen und uns die aufrichtigen Worte des Herzens vernehmen lasseim Wir vernehmen Worte feuriger Begeisterung für die absolute Monarchie und eines tiefen Nationalgesühls, das wir, mit solcher Energie vorgetragen, nur selten in der Literatur einer Zeit finden, der der Begriff der Nationalität noch nicht allzulange aufgegangen war. Indeß eine allgemeine Bedeutung hat die Satire nicht erlangt: sie ist nur ein Mittel gewesen zur moralischen Eroberung der öffentlichen Meinung für die Herrschaft Heinrichs IV., und diesen Zweck hat sie vollauf erreicht, indem sie mehr als das Schwert diesem König den Weg ebnete. Erwähnung verdient an dieser Stelle auch jener Mann, von dem Ranke") schreibt: „Den eigenthümlichen Inhalt seiner Gedichte aber schöpft er aus der Weltstcllung der emporkommenden Monarchie und den Handlungen Heinrich's IV." Es ist Frangois de Malherbe (1555 — 1627). Wenn wir ihm auch keine so hohe, selbstbewußte Auffassung seiner dichterischen Produktion zuschreiben, wie Ranke, so ist doch wichtig, daß ein Mann von seinem Einfluß sich so rückhaltslos zu den Grundsätzen der absoluten Monarchie bekennt und, was ihm nie abzusprechen ist, von tiefstem patriotischem Gefühle beseelt ist. In der Glorifizirung der Herrscher seines Landes übertrifft er fast noch den Ronsard; auch ist er wie dieser von der künftigen Weltherrschaft seines Volkes fest überzeugt. Ganz charakteristisch aber ist bei ihm die Jdentifizirung von Staat und Monarch.") So wären wir am Ende unserer „Streifzüge" angekommen. Wollen wir unsere Beobachtungen kurz re- gistriren, so müssen wir sagen: in der Renaissance-Periode macht sich das lebhafteste Bestreben geltend, auch auf dem Gebiete der Rechts- und Gesellschaftswissenschaft mit der christlich-conservativen Vergangenheit zu brechen. Plan versucht in dieser Zeit des Ucbergangs das Staatsrecht vollständig umzubilden, und zwar im Gegensatz zu der altchristlichen Rechtsanschauung und zu den altchristlichen socialen Principien, lind der Boden, auf dem man das neue Gesellschaftsidcal aufbauen will, ist ein ganz materialistischer. Aber die Konsequenzen, zu denen man getrieben wurde, stehen zu einander im Gegensatz. Dieser ") Walter. Naturrccht und Politik S. 539. 648. ") Ranke, ebdas. Bd. III S. 394. ") Band I. Nr. XIX V. 57. ct'. das spätere Wort: »llütai v'est mvi." Gegensatz läßt sich in den zwei Schlagwörtern ausdrücken' dynastischer Absolutismus und demokratischer Liberalismus. Aber bei der Gleichheit des principiellen Programms ist dieser Gegensatz nur ein äußerer, auf den Gegensatz der egoistischen Interessen gegründeter, kein innerer und principieller; denn beide extremen Richtungen involviren den Widerspruch gegen die christlich-conservative Idee. Indeß darf man nicht glauben, daß diese Zeit eine Ausnahme gemacht hätte von den Eigenthümlichkeiten der Uebergangszeiten. Das Charakteristicnm der Uebergangs- zeiten ist, daß sie nur ephemere Erscheinungen liefern, die bald wieder der Geschichte anheimfallen. Und so kommt auch die Periode der Renaissance nie über den Anlauf, den Versuch hinaus. Keines ihrer socialpolitischen Systeme ist in den Fluß einer geschichtlichen Entwicklung eingetreten, sie treiben nur wie Schaumblasen aus der allgemeinen Gährung der Geister hervor, um bald wieder zu verschwinden. Und was sie eine Zeit lang lebebensfähig an der Oberfläche erhielt, war das religiöse Ferment, das gerade damals zu einer radikalen Umgestaltung des kirchlichen Lebens trieb. Darum finden wir auch beide politische Richtungen dieser Periode unter einer religiösen Maske. Das „Wort Gottes" war das religiöse Schlagwort für die egoistische Erweiterung der Fürstenmacht; „evangelische Freiheit" war die Parole für die liberale Revolution von unten. Erst nachdem die. religiöse Aufregung sich gelegt, war auch dieses Schlagwort unbrauchbar geworden. Und jetzt war die Zeit gekommen, in der man mit der radikalen Umgestaltung der Rechts- und Gesellschaftstheorie Ernst machte. Die Parole hieß „Naturrecht". Schon Hugo Grotius, Bcllarmin, Suarez, Puffen- dorf, Thomasius haben auf diesem neuen Boden ihre politische Doktrin aufgebaut. Aber namentlich waren es Hobbes und Locke, die sich für berufen hielten, die philosophische Basis zu gründen für die in der Renaissance ausgestreuten Ideen. Und es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß gerade zu einer Zeit, in welcher der Absolutismus in der französischen und englischen Politik seine conkrete, praktische Ausgestaltung erhielt, Ideen am Webstuhl der Zeit ausgebrütet werden konnten, die später eine so blutige Katastrophe heraufbeschworen haben. Hobbes und Locke waren diejenigen, welche die schon in der Renaissance deutlich genng erkennbare demokratische Strömung in ein konsequent ausgebautes, fertiges System brachten. Sie gehen beide von der Idee des Social- contraktes aus und nehmen demnach einen sogenannten Naturzustand an, formell ziehen sie aber die entgegengesetzten Konsequenzen. Hobbes huldigt dem monarchischen Absolutismus, Locke dem demokratischen Absolutismus. Zu diesem Gegensatz mochten die äußeren Verhältnisse beider Männer viel beigetragen haben: Hobbes war entschiedener Anhänger von König Karl II. von England und mochte in den religiös-politischen Wirren seiner Zeit eine eiserne Faust wünschen, die wieder Ordnung in das Chaos bringt; Locke dagegen ist in der republikanischen Gährung unter Karl I. aufgewachsen und war Anhänger der Parlamentspartei. Selbstverständlich hatte Locke's Auffassung mehr Chancen für sich, weil ein viel allgemeineres Interesse. So hat das Locke'sche sogenannte Naturrecht unter dem Einfluß der durch Baco von Verulam und Cartesius emancipirten Wissenschaft vorzugsweise dem demokratischen und rcvolntionär-repMkamschen Princip Bahn gebrachen. 164 Die geistige Nachkommenschaft Locke's waren Montesquieu und Rousseau.") Neceitsione» und Notizen. Schmid, u. Bernhard 0. 8. R.: Armand-Jean le Bonthillicr de Nancö. Abt und Reformator von La Trappe, in seinem Leben und Wirken dargestellt. Mit Erlaubniß der Klosteroberen und oberhirtlicher Druckgenehmigung. Regensburg 1897. Nationale Verlagsanstalt. 8°. Preis 3 M. 60 Pf. Der Bibliothekar des Bencdiktinerstiftes Scheuern, k. Bernhard Schmid, — ein in kathol.-theolog. Kreisen wohlgekanntcr literarischer Name von bestem Klänge — hat für uns gegenwärtige deutsche Leser die Lebensgeschichte des Abtes de Rancö so zu sagen erst unter der Bank hervorziehen müssen. Denn seit der 1844 zu Ulm herausgegebenen Uebertragung der Arbeit Chateaubriand's über den Reformator von La Trappe ist wohl nichts neues Nennenswcrthes über diese großartige Persönlichkeit bei uns erschienen. Und welche interessanten Seite,:- und Einblicke in das politische und religiöse Leben Frankreichs während des siebzehnten Jahrhunderts gewährt nicht die Durchforschung der umfassenden Thätigkeit des Stifters der Trappisten, dessen erste Lebensperiode sich zu Paris in unmittelbarem Contakt mit dem französischen Hofe abspielte! Der Vater de Rancö's ist Sekretär der Königin Marie von Medici, der Wittwe Heinrich's IV., die den kleinen Armand auf ihren Armen trug; zum Tanfpathen hatte dieser den Cardinal und Staatsmmister Richelieu erhalten. Der Verfasser führt uns in das Kloster Port Rojal, zu dem Hauptsitz des Jansenismus, welcher letztere zu Nutzen von Lesern aus der Laienwelt ein paar kräftige Schlaglichter vertragen hätte, geleitet dann nach La Trappe, wo de Nancö die Mönche in einen nahezu barbarischen Zustand versunken trifft. Alsbald beginnt die Schilderung der unter widrigsten Anfeindungen vor sich gehenden Reformirung des Cistercienser- ordens. Die in mehr als einer Hinsicht merkwürdige Person des Kardinals von Netz, eines der thätigsten Mitglieder der Fronde, wird da und dort berührt. Der Aufenthalt des Abtes de Rancö in Rom wird eingehend erörtert. Eine gewisse Vorliebe unseres Biographen für die strenge Observanz ist unverkennbar, kommt indeß dem Gegenstand des Buches in der Art zu gute, daß die historische Treue nicht darunter leidet. Ber der nun folgenden Schilderung der Weise, in welcher die Reform zu La Trappe durchgeführt wurde, wetlteifert der Autor in begeisterter Liebe für die höchsten Ziele des Ordenslcbens mit demjenigen, welchen seine Feder contcrseit. Die einzelnen Streitigkeiten beider Observanzen sind für Religiösen hochinteressant, für andere Leser bietet ihre anschauliche Auseinandersetzung zum mindesten einen neuen Beweis, daß die Geschichtsschreibung heute eine Domäne der Katholiken geworden ist. Die Kampfschriften zwischen dem gelehrten Mauriner Mabillon und de Rancö bezüglich der Pflege der Studien in den Klöstern finden ruhig abwägende Würdigung, die mit jener des Philosophen Leibnitz, des Universalgenie's der damaligen Zeit, übereinstimmt. So recht an die Herzkammern anpochend ist der Bericht von den letzten Schmerzenstagen des großen Abtes, der. gleich dem Laokoon in der berühmten Gruppe den Mund kaum zum Seufzen öffnend, jenes spätere Kaiserwort erfüllte: Lerne leiden, ohne zu klagen. Die Zeilen über das Hinscheiden des Vaters der Trappisten wird kein fühlender Mensch ohne innerste Rührung zu lesen vermögen. Die vorliegende Biographie gehört in jedes Männer- und Frauenkloster, sollte im Bücherregal des Weltgcistlichen gleichfalls nicht fehlen und wird auch alle Laien fesseln, die für Detailgeschichte, besonders wenn sie in solcher gefälligen Form, wie hier, geboten wird, Interesse hegen. Sre empfiehlt sich besonders auch als Geschenk für studirende Jünglinge. Der Preis ist in Anbetracht der hübschen Ausstattung des Werkes als ein niedriger zu bezeichnen. Dr. Joseph Her deck. ") Den näheren, inneren Zusammenhang entwickelt Meyer, Grunds, d. Rechts u. d. Sittlich!. S. 199 ff. Ecker Jak., Jmmanuel: Am großen Tag der Kommunion. Paderborn, F. Schöningh (1897). 8°. VII -si 800 SS. M. 3,00; geb. M. 8,20. s Ein treffliches Werk in zu Herzen dringender Sprache, Belehrungs-.Bctrachtungs- und Gebetbuch zugleich in höchst geschmackvoller Ausstattung. Der erste Theil (S. 1—121) gibt die dogmatische Grundlage in klarer, kurzer, aber wohl durchdachter Form mit gewissenhafter Angabe der Schrift- und Väterstellen. Der zweite, erbauende Theil mit acht Communionandachten ist bewährten Geisteslehrern, gott- erleuchteten Personen aus dem Ordensstande entnommen. Manches verdankt man der innigen Auffassung deutscher Mystiker. Das Titelbild, eine bekannte süßliche Darstellung französischen Geschmackes, wäre besser weggeblieben. Solche Absonderlichkeiten religiöser Aesthetik vertragen wir vielfach noch ganz vernünftige Deutsche nun einmal nicht. _ Memminger Anton. Der Talmud. 8°. 104 SS" Würzburg, Memminger 1897. (II.) M. 1,00. HH Die Schrift gibt ein Bild von der Entstehung und dem Inhalt des riesigen Werkes, welches die Jsraeliten als ihren durch Alter und Sitte geheiligten Rcchtscodex verehren. Nachdem durch die Urtheile von Münchener Gerichten die Verbreitung des sogenannten Talmud- Auszuges in Bayern verunmöglicht worden ist, lenkt sich die allgemeine Aufmerksamkeit erst recht auf den Talmud. Wer sich einigermaßen über dessen Bedeutung unterrichten will, ohne allzu tief in den Gegenstand eindringen zu wollen, kann in vorliegender Schrift die nöthigste Auskunft erholen. Besonderes Vertrauen aber können wir einem Verfasser nicht schenken, dessen Kenntniß christlicher Theologie so gering ist. daß er (S. 33) von der „talmud- ischen -Moraltheologie der Jesuiten" zu reden wagt. Allgemeine Kunstgeschichte vorn Standpunkt der Geschichte, Technik, Aesthetik von vr. ?. Albert Kühn, 0. 8. L. Im Jahre 1890 wurde vor: Venziger u. Comp. das obige Lieferungswerk angekündigt und zum Abonnement darauf eingeladen mit der Erklärung, das Manuskript sei bis auf die letzten Bogen abgeschlossen und das regelmäßige Erscheinen der Hefte im voraus gesichert. Die paar ersten Lieferungen trafen auch wirklich in nicht allzulangen Zwischenräumen ein. Aber seitdem herrscht die größte Unregelmäßigkeit und Verschleppung. Einmal blieb ein Heft sogar ein volles Jahr aus, und jetzt, nach Verlauf von beinahe sieben Jahren, sind wir glücklich im Besitz von 9 ganzen Lieferungen. Wenn das so fortgeht, werden wir den Abschluß des auf 28 Hefte berechneten Werkes mit Müh' und Noth vielleicht in weiteren 18 Jahren erleben, falls man nicht vorder die Geduld verliert und das Abonnement aufgibt. Nennt man dies sein Versprechen halten? Denn wenn das Manuskript abgeschlossen ist, liegt die Schuld an der Verschleppung doch offenbar nur an der Verlagshandlung. Diese könnte sich ein gutes Beispiel nehmen an Hinrichs in Leipzig, bei dem die vermehrte und umgearbeitete 4. Auflage von Overbecks zweibändiger Geschichte der griech. Plastik in unglaublich kurzer Zeit erschienen ist. Wenn der Verlag der Knhn'schen Kunstgeschichte zu einem schnelleren Tempo veranlaßt werden soll, wird es nothwendig sein, daß noch mehr Subskribenten gegen die unerträgliche Langsamkeit in Erfüllung seines Versprechens energisch protesüren. Or. Emin, Mehemed Esendi, Cultur und Humanität. Völkerpsychologische und politische Untersuchungen. 8°. II-i-168 SS. M.3,60. Würzburg. Stahcl 1397. Ein bei der gegenwärtigen Orientkrisis besonders beachteuswerthes Buch! An die höchsten Ideale der europäischen Culturmenschheit „Cultur und Humanität" legt der Verfasser dieses Buches die kritische Sonde. Das Ergebniß, zu dem er gelangt, entspricht zumeist nicht den modernen Anschauungen, verdient aber volle Beachtung. Besonders eingehend behandelt der Verfasser den Grundsatz der Gleichberechtigung der Menschen (ohne Unterschied der Rasse, Nationalität, Religion und Klasse), welcher niemals vollkommen durchführbar sei und — wenigstens zum großen Theil — allerorts ein todter Buchstabe bleiben müsse. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.