ki>'. 40 14. Itlli 1897. Wage M Aligsßmgkl Kaspar Aquila, Pfarrer von Jeugen, und Bischof Christoph von Augsburg. Das; auch in der protestantischen Geschichtschreibung der mittelalterliche Hang zur Legendcnbildung nachwirkte, ist eine hinlänglich bekannte Thatsache. Nicht erst dies zu beweisen oder auch nur die Beweise hiefür durch einen neuen Beleg zu vermehren, sondern lediglich zur Steuer der Wahrheit soll im Folgenden der „Fall Aquila" einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Ueber Kaspar Adler, oder, wie er sich mit latini- sirtcm Namen nannte, Aquila, welcher i. I. 1560 als Superintendent zu Saalfeld in Thüringen starb, nachdem er der Sache des Protestantismus durch Unterstützung Luthers in der Bibelübersetzung, durch zahlreiche Schriften und durch mannhaftes Auftreten gegen das Interim wesentliche Dienste erwiesen hatte, sind mehrere Monographien geschrieben worden. Dem Umfange nach die bedeutendste und durch Heranziehung reichen Quellen- materials die gehaltvollste ist die von Christian Schlegel verfaßte Lebensbeschreibung, betitelt: „Ausführlicher Bericht von dem Leben und Tod Caspar! ^uilae", Leipzig und Frankfurt 1737. Diese Biographie dient bis heute als vorzüglichste Quelle für die Aquila-Artikel in den großen Sammelwerken. Allein die Arbeit Schlegels läßt vielfach die nöthige Kritik der Quellen vermissen. Da nun seither außer Joh. Voigt (Briefwechsel der berühmtesten Gelehrten mit Herzog Albrecht von Preußen, S. 18—40) kaum jemand neues Quellenmaterial, in größerem Umfang über Aquila beigebracht hat, so erklärt es sich leicht, daß die Darstellung Schlegels bisher in keinem wesentlichen Punkte als kritiklos erwiesen worden ist, wenn sie auch neuestens, wie die vielen Fragezeichen in der Abhandlung Kawerau's (3. Aufl. der Nealencykl. f. prot. Theol.) beweisen, als sehr revisionsbedürftig anerkannt wurde. Im Folgenden beschäftigen uns nur die Beziehungen Aquila's zum Bisthnm Augsburg und zu Bischof Christoph von Stadion bis zum Jahre 1523, insbesondere das Vorgehen des Bischofs gegen Aquila wegen Häresie. Aquila war einer angesehenen Augsburgcr Bürgersfamilie entsprossen und wandte sich dem geistlichen Staude zu. Angeblich i. I. 1516 erhielt er von Bischof Heinrich von Lichtenau die Pfarrei Jengen. Daß ihm Franz von. Sickiugen hiezn verholfen habe (Plitt in Herzogs Ncalenc. 1. Auflage), ist nicht nachweisbar. Was den Zeitpunkt seiner Anstellung in Jeugen betrifft, so ist sicher, daß er im Mai 1517 dort in; Amte war; denn eine von seinem Sohne David aufgezeichnete kalendarische Notiz, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln kein Grund vorliegt, läßt ihm am 20. Mai 1517 zu Jengen einen Sohn geboren werden (Schlegel 68 A. 61). Daß mau ihn auf Grund dieses Ereignisses „die Ehre der Clero- gamic" allen übrigen, Luther anhängenden Priestern „streitig machen" lasse (Schlegel 66), ist in keiner Weise angängig, da die Voraussetzungen einer auch nur subjektiv rechtmäßigen ehelichen Verbindung für die in Frage stehende Zeit völlig mangeln. Hier ist noch ein anderer Irrthum festzustellen. Schon der Lokalhistoriker Liebe, auf den wir noch zurückzukommen haben, spricht in seiner LalkelcloArapkia von der Pfarrpfründe Zeugen als einem perpingue sacer- äotium (Schlegel 65 Anm. 56); Schlegel macht aus dem dermalen 370 Einwohner zählenden Dorfe ein „Stäbtgcu" (auch Kawcrau: „die gute Pfarrei Zeugen"). Die Absicht ist ja sehr klar; allein die Sache verhält sich doch wesentlich anders. Es ist zwar gewiß, daß die Pfarrpfründe Jengen zu den einträglichen Pfründen zählte» bevor deren Einkünfte dem bischöflichen Stuhle einverleibt wurden, was i. I. 1454 geschah; daher finden wir auch in einem auf ältere Vorlagen zurückgehenden, nach dem Ertrage der Pfründen klassifizirten Verzeichnis; der Pfarreien des Landkapitels Kaufbeuren v. Jahre 1510 die Pfarrei Zeugen unter den maioros aufgeführt. Aber zu jener Zeit, als Aquila die Pfründe erhielt, waren die diesbezüglichen Verhältnisse in Folge der erwähnten Jncorporation völlig verändert. Die vorwiegend im Großzehnt bestehenden Einkünfte der Pfarrei flössen zur bischöflichen Hofkammer, welche daraus dem als vioarius perpstuus angestellten Seelsorger eine Competenz reichte. Die früheste Aufzeichnung über diese Competenz stammt aus dem Jahre 1623. Für unsern Zweck können wir uns sehr wohl an diese Aufzeichnung halten; denn keincn- falls war die Comvetenz i. I. 1520 höher als hundert Jahre später; vielmehr ist nach anderwärts zu machenden Beobachtungen das Gegentheil in hohem Grade wahrscheinlich. Im Jahre 1623 nun wurde das Gcsammt- cinkommen der Pfarrpfründe Zeugen im Durchschnitt auf 270 Gulden jährlich gcwcrthct. Zur Vergleich;;»» steht eine Reihe von Einkünfteschätzuugcn umliegender Pfarreien aus demselben Jahre zur Verfügung. Die niedrigste Schätzung schwankt zwischen 150 und 200 fl. Eine gute Pfarrei jedoch, wie es z. B. damals — vor der Einverleibung in die bischöfliche Kammer — das benachbarte Aufkirch noch war, wurde auf jährlich 900 fl. geschätzt. Zeugen erhob sich demnach zu Anfang des 16. Jahrhunderts kaum über das Niveau einer geringen Pfründe, konnte jedenfalls nicht einmal den mittelguten Pfarrpfründe» beigezählt, geschweige denn ein porpinZue saeerciotium genannt werden. Seine Pfarrei hätte sonach Aquila kaum die Mittel zur Fortsetzung seiner Studien verschafft. Wenn er gleichwohl sich um die Wende des Jahres 1520 in Witten- berg aufhalten und dort am 24. Januar 1521 den Magistergrad erwerben konnte, so hatte er dies der freigebigen Unterstützung des im nahegelegenen Emmenhausen begüterten und sehr frühzeitig für Luther sich iuteressirenden Augsburgcr Patriciers Hans Houold zu verdanken. Die allgemeine Annahme geht dahin, daß dieser zweite Besuch der Universität Witteuberg — schon 1513 war Aquila daselbst immatrikulirt (Kawerau) — nach der Gefangenschaft im Thurm zu Dilliugen und nach Entsetzung vom Pfarramts zn Zeugen einzureihen sei. Schlegel, der Urheber dieser Chronologie, mochte bet solcher Anordnung der Daten von der stillschweigenden Voraussetzung ausgegangen sein, daß Aquila durch das Pfarramt am Besuch der Universität behindert worden wäre. Wie wenig eine solche Voraussetzung zutreffend ist, weiß jeder Kenner damaliger Mißstände auf scelsorg- lichein Gebiete. Im Gegentheile erweisen die Sicgelamts- rcchnnngen im Ordinariatsarchiv bis zur Evidenz, daß Aquila noch Ende 1521 zu Zeugen im Amte war; sie führen nämlich unter den Rückständen für 1521 unter andern; auf: Caspar LcUer, Investitur; all perpetuaw vioariam iu ckeuZo, teuetur aclliuo, d. h. er hatte die Jnstitntionskosten noch nicht bezahlt (nach 5 Jahren!); 282 rr war also sicher seiner Pfründe Ende 1521 noch nicht entsetzt. Demnach kaun der Zusammenstoß zwischen Aquila und der bischöflichen Behörde vor 1522 nicht stattgefunden haben. Derselbe wird aber auch nicht später anzusetzen sein. Freilich nennt sich Aquila in zwei im Sommer 1523 gehaltenen und durch Druck veröffentlichten Predigten noch „Pfarrer zu Jhengen"; allein das erklärt sich hinlänglich als eine zu dem Charakter des Mannes sehr wohl stimmende Mißachtung der bischöflichen Anfügung seiner Absetzung. Dazu kommt, daß Bischof Christoph gerade im Sommer 1522 gegen mehrere neugläubige Priester seines Bisthums einschritt. Und mit Aquila hatte er in der That bis dahin Nachsicht genug geübt. Uebrigens bezeichnet dieser selbst das Jahr 1522 als das seiner Gefangensetzung (Schlegel 81). Nun erzählt die Legende, Aquila fei „auf einem Karren gefänglich nach Dillingen" gebracht und „daselbst in ein hartes, unsauberes und tiefes Gefängniß gelegt worden, worin er den ganzen Winter hindurch, über ein halbes Jahr, habe liegen müssen, ohne einen warmen Bissen oder eine Suppe zu bekommen" (Schlegel 74 f.; genau so auch Jocher im Gelchrtenlexikon und Zapf, Christoph von Stadion l6. Allg. d. Biogr.: „unterirdisches Gefängniß; viel Jammer und Elend"; Plitt: „hartes Gefängniß"). Ehe wir zur kritischen Würdigung dieses stimmungsvollen Bildes übergehen, müssen wir noch daran erinnern, daß das Mittelaltcr gegen die Gefangenen, welche sich in Untersuchungshaft befanden, ganz allgemein roh und nach unsern Begriffen grausam vorging. Sofern also obige Schilderung des Gefängnisses den Schein besonders heftiger und mit besonderer Standhaftigkeit ertragener Verfolgungen um des Glaubens willen erwecken soll, ist dieselbe tendenziös gefärbt. Alles oben Erzählte konnte jedem Untcrsuchnngsgefangencn in jener Zeit zustoßen, gleichviel weßhalb er in Untersuchung gezogen war. Was an der Schilderung gewiß als richtig angenommen werden darf, ist die zwangsweise Ueberführung nach Dillingen. Denn nach dem ganzen Charakter Aqnila's ist es zuin vorhinein zu erwarten, daß er einer bischöflichen Vorladung nicht Folge leistete und deßhalb zwangsweise nach Dillingen verbracht werden mußte. Aber doch wohl kaum auf einem Karren. Auf solch entehrende Weise wurden gemeine Verbrecher an den Sitz des Gerichtshofes verbracht, wie man sich aus der Chronik Clcm. Senders (Chroniken d. deutschen Städte 23, 160) überzeugen kann. Thatsache ist ferner Aqnila's Haft in Dillingcn. Eine solche mutz schon um der Untersuchung willen angenommen werden. Zudem spricht er selbst davon, daß er im Thurm zu Dillingen gelegen sei (Schlegel 81). Die Angabe über die Haftdauer dürfte eine Uebertreibung sein, wie sich noch zeigen wird. Die Möglichkeit, daß die Haft in den Winter 1522/23 fiel, ist nicht auszuschließen. Ganz ablehnend müssen wir uns aber weiterhin verhalten hinsichtlich der Schilderung, wie die Haft ihr rühmliches Ende fand. Darüber weiß Schlegel (S. 75 f.) folgendes zu berichten: Es hätten sich unterschiedliche Patricier in Augsburg beim Kaiser für Aquila verwendet; dieser habe seine Schwester Maria (Jsabella) nach Dillingen geschickt (I). Der Bischof habe sie da mit allen Ehren empfangen, sie aber habe sich geweigert, vom Wagen abzusteigen, bis er ihr nicht eine Bitte gewähren wolle; nach erhaltener Zusage habe sie Aquila freigebeten, „worauf zwar der Bischof in etwas gestntzet und sich entfärbet hätte, denn er bereits beschlossen gehabt, den tlguilum des andern Tages hinrichten (i) zu lassen, solches jedannoch ihr als einer sehr großen Dame pur ironour nicht abschlagen können". Für diese Mittheilungen bezieht sich Schlegel aus „unterschiedliche geschriebene Nachrichten"; aus den Citaten ergibt sich näherhin, daß hiefür frühester Gewährsmann Silvester Liebe ist» ein geborner Saalfelder, Bürgermeister zn Naumbnrg, in seiner nur handschriftlich vorhandenen, im Jahre 1625, also 65 Jahre nach Aqnila's Tode, verfaßten 8a.1k6läoZrLxftia., derselbe» welcher auch in einer Anwandlung von lokalpatriotischer Schwäche für seinen Helden aus der Pfarrpfründe Zeugen ein parpinZua sacorckotiuin gemacht hat. Zwar berichtet Liebe noch nichts von einer Verwendung Augs- bnrgischer Patricier beim Kaiser — dieser Zug der Legende geht auf andere handschriftliche Nachrichten zurück, deren Glaubwürdigkeit dadurch eine bedenkliche Beleuchtung erhält, daß einige von ihnen die selbst von Schlegel abgewiesene Märe enthalten, der Bischof habe den hartnäckigen Pfarrer in einen großen Fenermörser laden und über die Mauer hinausschießen lassen wollen —, aber die Erzählung von dem im äußersten Moment erfolgenden rettenden Eingreifen der Schwester des Kaisers mit all den oben erwähnten Umständen geht auf diese trübe Quelle zurück (Schlegel 76 Anm. n.). Soviel ich übersehen kann, ist der Bericht Liebe's in dem Punkte, daß der Bischof Aquila habe hinrichten lassen wollen, ganz allgemein preisgegeben. Nirgends in den Darstellungen aus neuerer Zeit, wenn wir vom Freiburger Kirchenlcxikon 1. Anst. (10, 326) absehen, wurde dieser, mit dem sonstigen Auftreten und dem Charakter Stadions ganz unvereinbaren Absicht Erwähnung gethan. Dagegen halten auch die Neueren unbedenklich an der Verwendung der Schwester des Kaisers fest; Kaweran ist der erste, der auch hier durch ein Fragezeichen Bedenke» erhebt. Und mit Recht, wenn nämlich ein Brief des Ritters Hans von der Planttz an Kurfürst Friedrich von Sachsen vom 28. Februar 1523 auf den Fall Aquila zu beziehen ist. Durch eine Anfrage des mit Herausgabe des Briefwechsels zwischen dem Ritter und dem Kurfürsten beschäftigten Herrn vr. Virek in Weimar habe ich von dem Briefe Kenntniß erhalten, und der genannte Gelehrte gestattete nur in entgegenkommendster Weise, von seiner Mittheilung, Gebrauch zn machen. Planitz schreibt: „Eyn brister ym stift Angspnrgk hat auch das ewangelium geprediget und also, das es dem bischoff nicht gefallen. Darnmb der prister ist ange- nomen (— gefänglich eingezogen) worden; hat man ym zn seyner erledigung eynen urfrid oder eydt vorgehalten. . . . Als nun der arm brister auf den morgen hett den eydt thun sollen, yst er den abent zuvor darvon kamen, sich under die grasten von Ottyngen gewant, die »einen sich seyn an und dem bischoff ist nicht woll darbey." Daß hier von einem von Erfolg begleiteten Flucht- ausbruch die Rede ist, bedarf nicht erst des Beweises. Verschiedene Umstände legen die Beziehung dieses Berichtes auf Aquila nahe. Vor allem paßt derselbe außer auf Aquila auf keinen jener Priester, von welchen bisher bekannt geworden ist, daß Bischof Christoph im Jahre 1522 oder Anfang 1523 wegen Häresieverdachtes gegen sie einschritt. Es kommen hier in Betracht Kaspar Haslach, Prediger in Dillingcn, welcher jedoch den verlangten Eld leistete; ferner die Prediger Speiser und Frosch in Augsburg, bei welchen sich aber das Domkapitel einem Einschreiten des Bischofs mit Erfolg widersetzte. Nur von Aqnila wissen wir, daß er gesanglich eingezogen wurde und zu einem Widerruf wohl nie wäre zn bestimmen gewesen. Dazu kommt, daß wir Aqnila alsbald nach der Dillinger Affaire in Beziehungen zu Knrsachsen finden. Noch im Sommer 1523 ließ er eine Predigt zu Zwickau in Druck gehen; im folgenden Jahre aber lehrte er an der Universität Wittenberg Hebräisch und versah sehr wahrscheinlich zugleich das Amt eines Predigers in der Schloßkirche daselbst (Schlegel 146). Sodann findet gerade in einem unrühmlichen Ende der Haft, wie es in der widerrechtlichen Entfernung durch Flucht gegeben war, das Bedürfniß und Bestreben nach Verherrlichung dieser Haftbefreiung seine Erklärung. Endlich — und das ist charakteristisch für Legenden- bildungen — ist in dem Berichte des Ritters und in dem Berichte Liebe's ein gemeinsamer Zug enthalten, welcher für die Beziehung des erstgenannten Berichtes auf Aqnila spricht, nämlich die Erledigung aus der Haft im letzten Moment — dort am Vorabend vor der Äbschwörnng, hier am Vorabend vor der Hinrichtung. Wenn nun, wie es als in hohem, Grade'wahr-, scheinlich bezeichnet werden mutz, Hans von der Planitz in seinem Briefe von Aquila spricht, so ist es klar, daß dessen Haft in Dillingen lediglich eine Untersuchungshaft war, welche wohl kaum ein halbes Jahr lang und darüber gedauert hat, und daß das Ende derselben nicht durch die an sich unwahrscheinliche hohe Intervention, sondern durch Flucht herbeigeführt wurde. Selbstredend wurde Aquila nach diesen Vorgängen seiner Pfarrei kanonisch entsetzt. Später, als Aquila bei Gelegenheit des Augsbnrger Reichstages 1530 mit Bischof Christoph zusammentraf und diesem nicht mehr als unbotmäßiger Diöcesanpriester, sondern als Superintendent von Saalfeld gegenüberstand, erfuhr er von Seite des Bischofs eine ehrenvolle Aufnahme. Freilich hatte sich unterdessen auch Christoph von Stadion selbst innerlich dem Protestantismus mehr genähert. vr. A. Schröder, Domvikar. Die ehemalige Stiftskirche zum heiligen Geist uud die Lib1iotd66L kg-lLtina in Heidelberg. Von Frz. Jac. Schrnitt, Architekt in München. (Schluß.) Zwei steinerne Wendeltreppen sind für die nördliche und südliche Bibliothek-Empore ausgebaut und waren sowohl von außen als auch vom Innern der Kirche zugänglich. Die zwei Emporen sind in einer Höhe von 11 Metern über dem heutigen Kirchenfnßboden angelegt; in solcher Höhe würde man keine derartige bauliche Anlage gemacht haben, wenn es sich für die Besucher um Assistenz bei dem im Chöre stattfindenden Gottesdienst gehandelt hätte. Für die Bibliothekzwecke aber war es geradezu ein großer Vortheil, möglichst abgeschieden und ungestört von den im unteren Theile der Kirche vor sich gehenden Funktionen zu bleiben. Die unteren mit Kreuzgewölben aus Sandsteinrippcn überdeckten Seitenschiffe haben ihre für sich abgeschlossenen, mehrtheiligen, gothischen Stab- und Maßwerksfenstcr, und ebenso entsprechen den zwei oberen Emporen ganz gleiche Fenster, welche sich über besonderen Kaffgesimscn erheben. Hätte man cS mit einer nachträglichen Bcnianlagc zu thun, so würden die Fenster der Höhe nach ungethcilt von unten bis oben durchlaufen, wie es auch wirklich beim Chöre der Heilig- geist-Kirche zur Ausführung gekommen ist. Seitlich vom Westthurme hat sich bis zum heutigen Tage ein ebenfalls gewölbtes Bibliothekzimmer erhalten, das einen schlichten Kamin enthält; hier haben wir also den heizbaren Stndir- ranni für die kalten Tage des Jahres. Bei der 1886 gelegentlich der 500jährigen Univcrsitätsfeier stattgehabten Restauration der Heiliggeist-Kirche durch den Gr. Bad. Baurath Hermann Behage! in Heidelberg wurden an den achteckigen Pfeilern der zwei Emporen, gegen das Mittelschiff, noch die Spuren ehemaliger Verglasnug gefunden. Möglich, daß diese sich an einen aus gothischem Stab- und Maßwerk anschließenden Einbau fügte, ivie solches an vielen mittelalterlichen Kreuzgängen heute noch beobachtet werden kann. Auch Neste kleinerer Kunstgegenstände in Terrakotta fanden sich bei der in Rede stehenden Restauration, und Baurath Behaget nahm wohl mit Recht an, daß diese Decorationswerke zur Ausschmückung der Bibliothekräume gedient hätten. Das zweite Joch vom Langschiff besitzt ein einfaches' Sterngewölbe, und es tragen die Rippen einen kreisrunden Steinkranz, dessen Oeffnung offenbar dazu diente, um mit Hilfe einer im Äachraum aufgestellten Winde alle Bücher und Bi'blioihetschätzc bequem zur Höhe der Emporen zu ziehen, welchem Zwecke die mit voller Spindel schmal angelegten Wendeltreppen nicht genügen konnten. So hatte denn das Ende des vierzehnten und der Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts eine Bibliothek, welche vierhundert Quadratmeter Grundfläche bot, in durchgehends feuersicher gewölbten Räumen mit den Formen der gothischen Architektur in zweckentsprechender Weise angelegt und durch die große Höhenlage auch möglichst gegen etwa beabpchtigte widerrechtliche Beraubung geschützt, wozu außerdem die Verbindung mit dem Gotteshause durch die diesem naturgemäß gezollte Verehrung das Weitere beitrug. Die Pergament-Codices oder Quartanten lagen auf langen Pulten, jeder mit einer Kette angeschlossen, welche an den Enden der Pulte mit Schlössern, versehen war. Die zwölf Chorherren hatten die Schlüssel, jeder einen und immer zwei in ein Schloß passend. Kurfürst Ludwig III. (1410—1436) vermachte im Jahre der Erfindung der Bnchdruckerkunst feine aus 152 Bänden bestehende Privaibibliothek dem Stifte; schon 1421 ward das Vermächtniß aufgerichtet, „damit alle Stiftspersonen Ivie auch Schüler und Meister des neuen Studiums dieselben brauchen mögen" n. s. w. Diese Bücher sollten aber Niemand in's Haus gegeben werden, mit alleiniger Ausnahme der fürstlichen Personen, und auch diesen unreinen Monat. Anfänglich waren es mir fünf Pulte, später wurden es acht, und mit dem Vermächtnisse des vr. Andreas Port von Brambach mit 28 Büchern kam ein weiterer Pult hinzu, und kurz nach der Reformationszeit wuchs die Bibliothek zn einer sehr bedeutenden Büchermasse an. Der in der Heiliggeist-Kirche beigesetzte Hulderich von Fnggcr-Kirchbcrg hinterließ der Universität als Vermächtniß seine ganze, sehr kostbare Bibliothek, die außer den gedruckten Büchern über tausend Handschriften enthielt. Die 150 Bücher, welche Ludwig III. dem Stifte vermacht hatte, waren nur gelehrte, meist lateinische Werke; die kostbaren, von ihm und seinen Vorfahren zusammengebrachten . deutschen Handschriften hatte er auf dem 28L Heidelberger Schlosse behalte». Seine Nachfolger Kurfürst Philipp, dann Ludwig V. (1508 — 1544) und Friedrich II. (1544 — 1556) theilten diese edle und kostspielige Liebhaberei, wie später auch Otto Heinrich (1556 bis 1559). In Italien liest Kurfürst Philipp durch den gelehrten Agricola (1485 -j) Handschriften griechischer und römischer Autoren ankaufen und einverleibte dem Stifte auch die Bibliothek des Pfalzgrafcu Johann (1486 f) von der Mosbacher Linie, gewesenen Dompropsts zu Augsburg, sowie die von Agricola vermachte Prtvat- bibliothck. Der Wormscr Bischof und kurfürstliche Kämmerer Dalberg half treulich die Schätze mehren, besonders geschah dies durch die Büchcrsammlnng der uralten Abtei Lorsch. Kurfürst Ludwig V. sammelte vornehmlich medicinische Bücher, Friedrich II. liebte wieder besonders Werke deutscher Dichtkunst, daneben wurde in Frankreich, Italien und Griechenland Neues angekauft. Schon war die Sammlung der Palatiua so bedeiltend angewachsen, daß Friedrich II. eigens dafür den runden Bibliotheks-Thurm auf dem Schlosse errichten ließ. Nun kam Otto Heinrich, welcher den edlen Hang seiner Vorfahren theilte; auf seinen Reisen im Oriente hatte sich der nachmalige Kurfürst sehr werthvolle Werke gesammelt, deren Derzeichniß noch erhalten ist. Als Otto Heinrich im Jahre 1556 die Regierung antrat, brauchte er den in der Nähe des von ihm errichteten Schloßtheiles bestehenden Bibliotheks-Thurm für seine Nechnungskammer und ließ die gesammte Libliotsiooa krüatiua zu der fürstlichen Stifts-Bibliothck in dieHeiliggeist-Kirche bringen, freilich nur aä interim, bis er auf dem Jettenbühl einen bequemen Neubau aufgeführt haben würde, welchen der ettvas wohlbeleibte Regent leicht in seinem Wagen erreichen konnte. Allein der Tod rief schon im Jahre 1559 Otto Heinrich ab, ehe der Neubau auch nur begonnen war, nie kam derselbe zur Ausführung, und so blieb die Lidliotlioou Lalatina in der Heiliggeist-Kirche bis zur Zeit geborgen, wo sie nach Rom wandern mußte. (Siehe Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelberger Büchersammluugen von Hofrath Friedrich Willen zu Heidelberg» 1817.) Unter Kurfürst Otto Heinrich wurde in der Stiftskirche zum heiligen Geiste der protestantische Gottesdienst eingeführt, entfernt wurden die Altäre, Bildwerke und Gemälde, wodurch denn natürlich das Stift den größten Theil seiner Einkünfte verlor, weil in Folge dieser Veränderung die von Papst Bouifacius IX. damit vereinigten Präbcndeu zu Worms, Speyer, Neustadt, Nenhausen und Wimpfen im Thale von den Kirchen stiften, welche dieselben zu entrichten hatten, entweder ganz zurückbehalten oder aber nur zwangsweise und spärlich bezahlt wurden. Die noch übrigen drei Präbenden überließ Otto Heinrich im Jahre 1557 der hohen Schule zu Heidelberg, die alleren Gefalle der Stiftskirche zum heiligen Geiste wurden ^er geistlichen Güter-Verwaltnng übergeben und so das ganz Collegiat-Stift völlig aufgehoben. Nach der Schlacht bei Wimpfen ain 6. Mai 1622 und der Eroberung .Heidelbergs durch die Bayern unter Tilly, im September 1622, wurde die Heiliggeist-Kirche sammt allen anderen .Kirchen der ganzen Pfalz, bei der Wiedereinführung des katholischen Glaubens von 1622 — 1632, dem protestantischen Gottesdienst entzogen und dabei die ganze überaus wcrthvolle Bibliothek nach Rom verschenkt. — Der päpstliche Legat Leo Alacci ließ dieselbe in 184 Kisten von 100 Manlthieren über die Alpen und in den Vatican verbringen, von wo im Jahre 1815 Einiges, so namentlich 890 Handschriften, Heidelberg zurückgegeben wurden. Bald nach der Wegführung der berühmten Büchersamm- lung hielt Professor Dr. Schmidt eine Predigt in Heidelberg, welche 1640 in Straßburg im Drucke erschienen ist. Klagend ruft der Professor, welcher die Verschleppung selbst mit angesehen hatte, in jener Predigt aus: „So ist sie denn dahin» die weltberühmte Bibliothek, welche einst ini obern Theile der Kirche zum heiligen Geiste stand." Hierdurch haben wir eines Zeitgenossen authentische Bestätigung über den Aufstellungsort der Libliotllooa kalatina, auf den Emporen über den gewölbten Seitenschiffen des Langhauses der Heiliggeist-Kirche. Man beklagt es, daß Herzog Maximilian von Bayern eine so großartige, werthvolle Sammlung an Urban VIII. verschenkte und diese Deutschland für alle Zeiten entführt wurde, um fortan den Glanz und Reichthum der vatikanischen Bibliothek erhöhen zu helfen: was für Deutschland ein Verlust schien, das war für die Sammlung als solche ein Glück. Ohne Frage wäre sie bei der Zerstörung der Stadt Heidelberg durch die französischen Mordbrenner in Asche verwandelt worden. In Heidelberg blieben nach dem Unglückstage, dem 23. Mai 1693, nur einige wenige Häuser und die Heiliggeist-Kirche übrig; auch sie war im Innern verwüstet, der schieferbedeckte hölzerne Helm des Glockenthnrmes und alle Dachungeu der Kirche abgebrannt, nicht einmal die Gräber der vierzehn im Chöre beigesetzten Kurfürsten waren von Melac's Horden verschont worden. Nach den durch Baurath Behage! gemachten Untersuchungen sind die heutigen Gewölbe des Chores der Heiliggeist-Kirche nicht die ursprünglichen, woraus wir auf deren Einsturz in Folgt der Verwüstung vom Jahre 1693 schließen dürfen; bei der Erneuerung wurden sonderbarer Weise die Kämpfer der Rippengewölbe des Chorumgangcs in die Kämpfer- Höhe der da befindlichen Maßwerks-Fenstcr gerückt, und es liegen diese nun hier weit über einen Meter höher, als bei den freistehenden Säulen. Die Gewölbe des dreischiffigen Langhauses einschließlich der beiden Biblio- theks-EmPoren sind noch die ursprünglichen, was durch die sknlptirten Gewölbe-Schlußsteine bewiesen wird. An Stelle des ehemaligen Satteldaches, welches sich noch bet alten Darstellungen in Heidelberger Stadtansichten vor 1693 zeigt, erhielt die Heiliggeist-Kirche nun ein Mansardendach und das Achtort des Glockenthurmes ein zopfiges Schieferdach. Zu allen Unbilden, welche der Kirche zum heiligen Geiste im Laufe der Jahrhunderte zugefügt wurden, gehört auch die 1705 erfolgte Errichtung einer Scheidemauer zwischen Chor und Langhaus, um zwei verschiedenen Religions-Genosseu- schaften die Vornahme des Gottesdienstes getrennt zu ermöglichen. Im Jahre 1886 bei der fünfhundertjährigen Jubelfeier der Heidelberger Universität, dem Zeitpunkte der letzten Restauration der Kirche zum heiligen Geiste, wo der feierliche Festakt darin abgehalten werden sollte, konnte mit freiwilliger Zustimmung der verschiedenen christlichen Konfessionen die entstellende Mauer niedergelegt werden, und es vermochte nun das ehrwürdige Gotteshaus die große Zahl der aus Fern und Nah erschienenen Festtheiluchmer aufzunehmen. Peranlw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.