Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtʒeitung“. №. 1. Dienſtag, den 2. Januar1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas & Grabberr in Augsburg (Vorbesiꜩer Dr. Max Huttler). Neues Jahr. Singet, ſingt ein neues Lied, Singet es dem Herrn, Sein das Jahr, das von uns ſchied, Reihend Stern an Stern! Neues Licht und neuer Strahl Glänʒt am ʒeitenthor, Huld und Gnaden ohne ʒahl Quellen'raus hervor. Stimmet wie ʒu Engel Sang Hoch und hehr den Muth! Vor der ʒukunſt ſteht nicht bang, Der ſie lenkt, iſt gut! Gottes Reich, der Seinen Glück, Steht uns noch bevor, Blicket ʒweifelnd nicht ʒurück, Hoffend ſtrebt empor! — Auf verwegener Bahn. Kriminalnovelle von Guſtav Höcker. — [Nachdruck verboten] Es war am 21. Auguſt Abends gegen 10 Uhr. Kein Mondſtrahl ſtahl ſich hinter deu bewölkten Himmel hervor. Um ſo glänʒender hoben ſich in der Dunkelheit ʒu beiden Seiten des breiten Stromes, welcher die Hauptſtadt in ʒwei Hälften theilt, die langen geraden Feuerlinien unʒähliger Gaslaternen ab. Ueber die Waſſerfläche drang ein heiſerer, unheimlicher Ton. Er war einem Hilfeſchrei ähnlich, noch beſſer ließ er ſich mit dem nervenʒerreißenden Geräuſch vergleichen, welches durch das Rücken eines größeren Möbels verurſacht wird, nur daß man ſich hier den Schall vertauſendfacht denken mußte. Der Ton wurde durch die Dampfpfeife eines Kellendampfers hervorgebracht, welcher eine lange Reihe ʒillen oder Frachtkähne ſtromaufwärts ſchleppte, und es war das gewöhnliche Signal für andere Fahrʒeuge, den Weg freiʒuhalten. Der Dampfer bedurfte ʒu feiner Vorwärtsbewegung weder der Schraube noch der Schaufelräder. Eine endloſe eiſerne Kette, welche auf dem Grunde des Stromes lag, lief über das Schiff hinweg, und indem ſie ſich um ʒwei auf dem Deck angebrachte Walʒen oder Trommeln wickelte, die von der Maſchine gedreht wurden, ʒog ſich daran das Fahrʒeug mit ſeinem langen Gefolge vorwärts. Vorn und hinten Schiffsraum hinaus, der vordere nahm die Kette auf, ragte je ein mit Rollen verſehener Ausleger über den der hintere gab ſie, nachdem ſie um die Trommeln ge⸗ laufen war, dem Strome wieder ʒurück. Plötʒlich ließ der Mann, welcher in der Nähe des vorderen Auslegers ſtand, einen Ruf ertönen, ergriff eine der langen Hakenſtangen und ſchob ſie mit haſtigen Bewegungen nach dem Waſſer hinab. Der Kapitän auf der Brücke glaubte, irgend ein kleines, unvorſichtiges Fahrʒeug ſei in Gefahr, von dem Dampfer überrannt ʒu werden. Mit einem Fluche gab er durch das Sprach⸗ dohr das ʒeichen ʒum Stoppen in den Maſchinenraum hinab. Das Raſſeln der Maſchine, das dumpfe Rollen der Kette ſchwieg. Die Vermuthung des Kapitäns be⸗ ſtätigte ſich jedoch nicht. Der Mann am Ausleger hatte m Scheine der Signallaterne, der auf dem Waſſer ʒitterte, bemerkt, wie mit der Kette ein dunkler Gegenftand emporkam, und darin einen menſchlichen Körper erkannt. Nur mit Hilfe einiger Schiffsleute, die ebenfalls mit Hakenſtangen ʒugriffen, konnte der unheimliche Fund von der Kette befreit und an Bord geʒogen werden Es war der Leichnam einer Frau, der noch nicht lange, vielleicht kaum eine Stunde, in dem Wellengrabe gelegen haben mochte, und wer weiß, wo und wann er demſelben entriſſen worden wäre, hätte ſich nicht das ungewöhnlich lange ſtarke Haar in die Glieder der Kette verwickelt Wäre der Dampfer nur eine Sekunde ſpäter ʒum Stillſtand gekommen, ſo würde die Reibung der Kelle an der Rolle des Auslegers die Strähne des Haares wie Spinnweben ʒerriſſen und dem Strome ſeine Beute ʒurückgegeben haben. Auf Befehl des Kapitäns beſtiegen ſofort ʒwei ſeiner Leute das Boot, um auf der nächſten Poliʒeiſtation von dem Funde Anʒeige ʒu machen. Die Mannſchaft hatte ſich anfangs um die Leiche gedrängt, da ihr aber der Anblick Ertrunkener nichts Ungewohntes war, ſo war ihre Neugier bald befriedigt, und unbeachtet lag der dunkle, regungsloſe Körper ʒwiſchen Theertonnen und ʒuſammengerollten Ankertauen auf dem Vorderdeck. Als aber nach einer halben Stunde ein Kommiſſar mit mehreren Schutʒleuten an Bord erſchien, war Jeder begierig ʒu hören, wie die allwiſſende Poliʒei ſich ʒu dem Falle ſtellen werde, und dicht ſchaarte ſich Alles bis ʒum letʒten Schiffsjungen hinab wieder um den graufigen Fund, der mit raſch herbeigeholten Laternen von allen Seiten beleuchtet wurde. — 2 — Die Todte war ſehr einfach gekleidet, doch ließen mancherlei Merkmale erkennen, daß ſie den reicheren Ständen angehörte. Ihr aufgelöſt um die Schultern hängendes, langes, ſtarkes Haar ʒeigte noch nicht den Silberſchein des Alters, aber die Ʒüge und Runʒeln des Geſichts wieſen ſie hart an den Ausgang der Fünfʒig. „Aus Liebesgram iſt die ſchwerlich ins Waſſer geſprungen,“ bemerkte ein älterer Matroſe, der mit großer Seelenruhe ſeinen Stummel rauchte. Seine Genoſſen lachten roh. „Geſprungen?“ nahm der Kommiſſar das Wort auf, der eben das Licht der Laterne auf den Hals der Leiche hatte fallen laſſen und mit großer Aufmerkſamkeit hinſaß, „die Frau iſt weder ins Waſſer geſprungen, noch iſt ſie überhaupt ertrunken.“ Erwartungsvolles Schweigen folgte dieſer überraſchenden Eröffnung und die ʒu hinterſt Stehenden machten lange Hälſe. „Dieſe Frau war ſchon todt, ehe nur eine Welle ſie naß machte,“ fuhr der Kommiſſar fort, „man hat ſie ʒuerſt von hinten erwürgt und dann ins Waſſer geworfen. Ich kenne dieſes ʒeichen,“ fügte er hinʒu, indem er auf eine kreisförmige, blutunterlaufene Furche in der Mitte des Halſes deutete,„man nennt es die Strangulationsmarke.“ Daß man es mit keinem Selbſtmorde oder Unfalle, ſondern mit dem ſcheußlichen Verbrechen eines Dritten ʒu thun habe, brachte eine allgemeine Bewegung hervor. Die Männer drängten ſich näher heran, um die Spur des Verbrechens ſelbſt ʒu ſehen, und wichen dann um ſo weiter ʒurück, als möchten ſie mit der Sache nichts mehr ʒu thun haben. Das Wort„Raubmord“ wurde hier und da laut, aber der Kommiſſar ſchüttelte ungläubig den Kopf; er hatte in der einʒigen Taſche des Kleides unter dem durchweichten weißen Schnupftuche, das mit einem R. geʒeichnet war, ein ſehr niedliches Damenportemonnaie gefunden, welches ʒur Aufbewahrung einer größeren Summe als der darin enthaltenen wenigen Markſtücke und einiger Nickelmünʒen abſolut nicht geeignet war; auch trug die Ermordete mehrere, offenbar ſehr werthvolle Ringe an den Fingern und um den Nacken eine ſchwergoldene Kette, die ſich ʒwiſchen den Bruſtknöpfen des Kleides verlor. An den Enden der Kette, die der Poliʒeikommiſſar vollends hervorʒog, war ein ʒiemlich großes, goldenes Medaillon befeſtigt. Das Vorhandenſein aller dieſer Gegenſtände bot keinen Anhalt, daß es ſich um einen Raubmord handeln könne. „Kennt vielleicht Jemand ʒufällig die Frau?“ wandte ſich der Kommiſſar an ſeine Unterbeamten. Nein, Niemand erinnerte ſich, ſie vorher unter den Hunderttauſenden dieſer Stadt geſehen ʒu haben. „Iſt Ihnen auch Niemand bekannt, der dieſem Herrn ähnlich ſieht?“ frug der Kommiſſar und ließ das Medaillon, welches er der Leiche abgenommen und geöffnet hatte, die Runde machen. Es war der photographiſche Porträtkopf eines Offiʒiers, der in den vierʒiger Jahren ſtehen mochte und Majorsepauletten trug. Ein dicker Poliʒeiwachtmeiſter betrachtete das Bild mit beſonderem Intereſſe, bald brachte er es dicht ans Auge, bald hielt er es weit davon ab, wobei er mit der anderen Hand fortwährend die Spiꜩen ſeines gewaltigen grauen Schnurrbartes drehte. „Will mich hängen laſſen, wenn ich den Mann nicht bekannt habe,“ unterbrauch er endlich die erwartungsvolle Stille. Er war Compagnie-Chef in dem Bataillon, bei dem ſch ſtand, mag ſo an etwa ʒwanʒig Jährchen her ſen. Später wurde er mit dem ganʒen Regiment von hier ins Reichsland hinverſetʒt. War ein Hitʒkopf! Da hat ihn etwa vor ein Dutʒend Jahren der Teufel wieder einmal hierher geführt, auf Urlaub, glaub' ich, und da gabs irgend einen böſen Handel mit einem Andern, ein Piſtolenduell, wobei er erſchoſſen wurde. Je länger ich das Bild anſehe, deſto gewiſſer wird mir's, daß er's iſt; aber auf ſeinen Namen kann ich mich nicht mehr beſinnen.“ Der Poliʒeikommiſſar hatte am Fundorte der Leiche nichts mehr ʒu thun, als ein Protokoll aufʒunehmen, welches er vom Kapitän des Dampfers und den bei der Auffiſchung ʒunächſt betheiligten Leuten unterʒeichnen ließ. Dann wurde der Körper ins Boot gebracht und mit den Poliʒeibeamten ans Ufer gerudert, wo bereits ʒwei Träger mit einem Korbe warteten, um die unheimliche Laſt nach der Leichenſchauhalle ʒu tragen, begleitet von einer neugierigen, unterwegs fortwährend anſchwellenden Menge. Inʒwiſchen nahm an Bord des Dampfers die Kette mit dumpfem Geräuſch ihre Arbeit wieder auf, die Eiſenglieder, woran noch Strähne des langen Frauenhaares hingen, rollten über die Trommeln hinweg, um ſich hinter dem Schiffe an derſelben Stelle, wo ſie den Fund emporgebracht hatten, wieder in die Tiefe ʒu verſenken, und der Dampfer ʒog mit ſeinem durch die Nacht ſprühenden Funkenſchwarm wieder ſeine Bahn dahin. (Fortsetʒung folgt.) Die neue Kreis⸗ undStadt⸗Bibliothek in Augsburg. (Hieʒu die Bilder auf Seite 4 und 5 nach Photographien von Hof-Photograph Fritʒ Höfle in Augsburg.) Vor ein paar Wochen wurde die neue Augsburger Kreis⸗ und Stadtbibliothek ihrer Beſtimmung übergeben. Einige Mittheilungen über die bisherige Geſchichte derſelben und über den jeꜩigen Neubau, welche wir der „Belletriſtiſchen Beilage ʒur Augsb. Abendʒtg.“ entnehmen, dürften nicht ohne Intereſſe ſein. Die Kreis⸗ und Stadtbibliothek ʒu Augsburg hat ein mehr als dreihundertjähriges Alter hinter ſich, indem ihre Gründung in das Jahr 1537 fällt. Sie birgt einen großen, werthvollen Bücherſchatʒ von mehr als 200,000 Bänden und beſteht großentheils aus den beſten Büchern der alten Kloſterbibliotheken, die der Rath der Stadt ʒur damaligen ʒeit aus den leerſtehenden Klöſtern, welche nach Einführung der Reformation von der katholiſchen Geiſtlichkeit und den Mönchen verlaſſen worden waren, ſammeln und ordnen und in dem von ſeinen bisherigen Bewohnern aufgegebenen Dominikaner⸗Kloſter aufſtellen ließ. Joh. Heinr. Held wurde der erſte Bibliothekar und erhielt aus der Stadtkaſſe jährlich 50 Goldgulden, um durch Anſchaffung neuer Bücher die Sammlung fortgeſetʒt ʒu bereichern. Schon nach wenigen Jahren ʒeigten ſich daher die Räumlichkeiten als ungenügend und es wurde für die„Liberey“ das Ballhaus bei St. Anna beſtimmt, welches Gebäude der Rath für Granvella, erſten Geheimen Rath des Kaiſers KarlV., Biſchof von Arras, auf ſeinen Wunſch in nächſter Nähe des ehemaligen Karmelitenkloſters und nunmehrigen St. Anna⸗Gymnaſiums, 1548, ʒum Ballſchlagen hatte herſtellen laſſen. Aus verſchiedenen Gründen verʒögerte ſich der beabſichtigte Umʒug, bis 1561 das ſchadhaft gewordene Ballhaus abgebrochen und auf - 3 - demſelhen Plaꜩe für die Bücherſammlung ein eigenes Haus in gleicher Größe gebaut wurde, Eine Inſchrift an der Südſeite des Gebäudes beſagt: Bibliothecam hanc S. P. Q. Augustanus bonarum artium studiis et doctorum hominum usui exstruxit MDLXII. 1568 wurde das neue Gebäude beʒogen. Die Bibliothek wurde von gelehrten Männern aus weiter Ferne ſo ſtark benüꜩt, daß der Rath ʒu ihrer Schonung 1617 die Anordnung treffen mußte, daß nur mit Wiſſen der BibliothekDeputirten ein Buch ausgefolgt werden dürfe, denn manches Werk war verloren gegangen. Einer hohen Anerkennung ihres Werthes erfreute ſich die Bibliothek durch Papſt Pius VI., welcher ſie am 4. Mai 1782 beſuchte und die ſeltenen Werke eingehend beſichtigte. Dieſer Beſuch iſt auf einer Marmortafel verewigt. Gelegentlich der Einverleibung der ehedem reichsunmittelbaren Stadt ʒur Krone Bayerns im Jahre 1806 kam ein Theil des Bücherſchatʒes, darunter wohl die werthvollſten Sachen, nach München, doch ſind immerhin noch ſeltene Werke und Handſchriften im Beſitʒ der Augsburger Bibliothek, um welche ſie manche andere große Bibliothek beneiden könnte, und die heute noch einen Anʒiehungspunkt für die wiſſenſchaftliche Welt bilden. Durch Ʒuſchüſſe aus Stadt⸗ und Kreismitteln wird für die Evidenthaltung der Bibliothek geſorgt, wenn auch nur in beſcheidenem Maße. Das Gebäude nun, in welchem ſich die Kreis⸗ und Stadtbibliothek ſeit mehr als 300 Jahren befand, wurde vor drei Jahren vom Staate angekauft, um es abbrechen ʒu laſſen und an ſeiner Stelle einen Erweiterungsbau für das proteſt. St. Anna⸗Gymnaſium ausʒuführen. In Folge deſſen machte ſich für die Stadtgemeinde die Nothwendigkeit geltend, für andere Bibliothekräume Sorge ʒu tragen. Dies ſollte in erſter Linie durch Adaptirung eines urſprünglich ʒu Kloſterʒwecken dienenden, ſpäter als Kaſerne(Kreuʒkaſerne) verwendeten Gebäudes, des ehemaligen ſogen. Prälatenbaues der Auguſtiner-Chorherren, geſchehen, welches Projekt auf ca. 180,000 Mark Koſten veranſchlagt war. Angeſichts dieſer bedeutenden Summe drängte ſich jedoch die Frage auf, ob es ſich denn wirklich lohne, ein altes Gebäude ʒu Bibliothekʒwecken ʒu adaptiren, da die ʒu adaptirenden Räume in Folge ihrer Höhe von ʒirka 3½ Meter, wollte man die mitunter ſehr gefährliche Benutʒung der Bücherleitern vermeiden, viel todten Raum aufwieſen. Es wurde deßhalb vom ſtädti— ſchen Baubureau ein Neubauprojekt ausgearbeitet, das einſchließlich der inneren Einrichtung einen Koſtenaufwand von 230,000 Mark erforderte. Aber auch dieſes Projekt erfuhr eine weitere Umarbeitung, da erſtens der Wunſch ausgeſprochen wurde, das Aeußere monumentaler ʒu geſtalten und auch dem Treppenhauſe eine reichere architektoniſche Ausſchmückung angedeihen ʒu laſſen, ʒweitens auf eine eventuelle ſpätere Unterbringung des ſtädtiſchen Archivs, das ſich gegenwärtig in einem gemietheten Gebäude befindet, Rückſicht ʒu nehmen. Leꜩterer Punkt führte auf eine Vergrößerung des Projektes, und ſo entſtand, nachdem der Verfaſſer des Projekts, Herr Baurath Steinhäuſſer mit dem Bibliothekar Herrn Dr. Rueß mehrere neuere Bibliotheken in Augenſchein genommen hatte, das ʒur Ausführung gelangte Projekt, wofür die ſtädtiſchen Kollegien 269,000 Mark genehmigten. Als Bauplatʒ für das neue Bibliothekgebäude wurde ein ſtädtiſches Grundſtück in der Schäʒlerſtraße gewählt, gegenüber dem Stadtpflegerangerſchulhauſe, in der Nähe des Juſtiʒpalaſtes und des prächtigen Stadttheaters. Die Längsaxe des Gebäudes geht von Süden nach Norden, die Hauptfront iſt gegen Oſten gerichtet. Sie ſteht ʒirka 12 Meter von der vorbeiführenden Straße ʒurück. Das Gebäude enthält ein hochgelegenes Kellergeſchoß, ein Erdgeſchoß und ʒwei Obergeſchoſſe. Im Kellergeſchoß, deſſen Fußboden ſich ʒirka 1 Meter unter dem äußeren Terrain befindet, ſind eine Hausmeiſter-Wohnung ſowie die Räume für die Heiʒung, außerdem Magaʒine für ʒeitungsdoubletten ꝛc. untergebracht, während das Erdgeſchoß, deſſen Fußboden in guter Manneshöhe über dem äußeren Terrain liegt, die ſämmtlichen Verwaltungs⸗Räume und theilweiſe Bücherſammlungen enthält. Die beiden oberen Geſchoſſe ſind durch ʒwiſchenböden in vier Stockwerke getheilt und umfaſſen lediglich Büchermagaʒins⸗Räume. Tritt man durch das in der Mitte der Längsfront befindliche Portal in das Innere des Gebäudes, ſo hat man ʒunächſt die bis in das ʒweite Hauptgeſchoß führende dreiarmige Haupttreppe vor ſich. Links finden ſich die Verwaltungsräume, und ʒwar links diejenigen für die Bibliothek, während die rechtsſeitigen für die Archivverwaltung reſervirt ſind. Die Verwaltungsräume für die Bibliothek umfaſſen ʒunächſt ein unmittelbar neben dem Eingang gelegenes Dienerʒimmer, ſodann Katalogʒimmer, welches jeder Bibliotheklbeſucher betreten muß, ehe er in den Leſeſaal und in das Arbeitsʒimmer des Bibliothekars gelangt, und dn gewiſſermaßen ʒugleich das Kontrolʒimmer iſt. Der Leſeſaal befindet ſich gegen Oſten. Derſelbe hat eine Länge von 12,0 und eine Breite von 6,2 Meter und enthaͤlt drei ʒweiſeitige Leſetiſche, an denen ſich 24 Sitʒplätʒe für Leſende befinden. Die weitere Ausſtattung des Leſeʒimmers beſteht aus ʒwei Schränken für Lexikalien, Atlanten ꝛc., ſowie einem Tiſch für ʒeitungen, ʒeitſchriften u. dgl. Das Arbeitsʒimmer des Bibliothekars wie das Leſeʒimmer ʒeichnen ſich ſowohl durch gute Beleuchtung wie außerordentlich behagliche Einrichtung aus und es muß ein wahres Vergnügen ſein, darin ſchaffen und ſtudiren ʒu können, beſonders in dem gegen den v. Schnurbein'ſchen Park gelegenen Arbeitsʒimmer des Bibliothekars, Hiſtorienmaler Andreus Mayr †. in welches als einʒiges Weltgetöſe höchſtens im Sommer Finkenſchlag und Droſſelſang dringen dürfte. Unmittelbar an das ʒimmer des Bibliothekars ſtößt ein Büchermagaʒinsraum, der durch eine ʒwiſchendecke in ʒwei Ge— ſchoſſe getheilt iſt, die unter ſich durch eine gußeiſerne Wendeltreppe verbunden ſind. In der ſüdweſtlichen Ecke des Gebäudes liegt ʒwiſchen maſſiven Mauern eine bequem angelegte Nebentreppe, welche die Verbindung mit dem Kellergeſchoß, mit den ſämmtlichen Büchermagaʒinen und mit dem Dachraum vermittelt. Dieſe Nebentreppe hat ſich bereits beim Einräumen der Bücher als äußerſt praktiſch erwieſen, da die Haupttreppe hierbei noch nicht in Verwendung kommen konnte. Auch auf der anderen, nördlichen Seite des Gebäudes befindet ſich eine ſolche Nebentreppe und ein ʒweigeſchoſſiger Magaʒinsraum für Archivakten. Sonſt iſt bei den Verwaltungsräumen in dieſem Theil des Gebäudes eine etwas andere Eintheilung als bei der Bibliothekverwaltung getroffen. Gegen Weſten befindet ſich ein kleineres ʒimmer, das Solchen ʒum Arbeiten eingeräumt wird, die ſich Speʒialſtudien in der Bibliothek oder im Archiv widmen. Die Lage dieſes Tuskulums iſt noch weltvergeſſener, als die des Leſe- und Bibliothekarʒimmers, und es iſt mit ſeiner uralten bequemen Möblirung und den beiden aus dem Sternwartenthurm der alten Bibliothek ſtammenden Rieſengloben recht eigentlich ein Studirʒimmer. Der geräumige, 7,85 Meter lange und 7,00 Meter tiefe Saal daneben hat als Archivkanʒlei ʒu dienen, an welche gegen Oſten das Arbeitsʒimmer des Archivars ſtößt. Die anderen ʒwei gegen Oſten gelegenen ʒimmer ſind vorläufig für andere ʒwecke reſervirt. Die Eintheilung des Gebäudes für Bibliothek- und Archibʒwecke iſt überhaupt ſo gedacht, daß jede Verwaltung und jede Magaʒinirung vollſtändig für ſich getrennt beſtehen kann, und es iſt eine Theilung ſowohl in horiʒontaler als vertikaler Weiſe möglich.(Gegenwärtig iſt die horiʒontale Theilung durchgeführt, um eine ungleichmäßige Belaſtung der einen Gebäudehälfte gegenüber der andern ʒu vermeiden, und weil über die Unterbringung des Archivs noch keine Entſcheidung getroffen iſt.) Das Kellergeſchoß kann ſowohl vom Haupttreppenhauſe wie vom Hofraum aus und durch die beiden Nebentreppen betreten werden. Die hier befindliche Hausmeiſterwohnung umfaßt 3 ʒimmer, Vorplatʒ, Küche und ʒubehör. In den eigentlichen Bücherräumen, den beiden in je 2 ʒwiſchenſtockwerke getheilten Hauptgeſchoſſen, nimmt den Mitteltrakt eines jeden der letʒteren ein größerer Saal von 8,8 Meter Länge und 6,2 Meter Tiefe ein. Jeder Neue Kreis- und Stadt-Bibliothek Augsburg. — 5 — dieſer beiden Säle iſt durch Thüren mit den angrenʒenden Magaʒinsräumen verbunden und dient ʒur Aufnahme der werthvolleren Bibliothekſchäꜩe, der Incunabeln, Kupferſtiche ꝛc, die ʒum Theil in Schaukäſten ſichtbar gemacht ſind. Eine Gallerie in jedem Saale dient ſowohl ʒur Aufnahme von Büchergeſtellen, wie ʒur Verbindung der Ʒwiſchengeſchoſſe. Die Büchergeſtelle in den Magaʒinsräumen ſtehen in einer Axenentfernung von 2 Metern von einander, was für die ganʒe Anlage des Projektes maßgebend war. Die niedrigen Ʒwiſchengeſchoſſe wurden deshalb gewählt, um durch Anwendung niedriger Bücherrepoſitorien eine bequeme Handhabung der Einſtellung und Entnahme der Bücher unter Wegfall jeder Benutʒung von Leitern erʒielen ʒu können. Wie bei der geſammten übrigen Einrichtung, ſind auch beʒüglich der Repoſitorien die einfachſten und ʒweckmäßigſten Vorbilder genommen und dadurch die brauchbarſten Ergebniſſe erʒielt worden. Die eigenartige, aber höchſt einfache Lagerungsweiſe, Verſtellbarkeit der Bücherbretter, ermöglicht in der That eine ganʒ außerordentlich leichte Ein- und Umſtellung der Bücher, ohne daß ſelbſt bei ſchwer belaſteten Brettern ein Gehilfe nöthig wäre. Ʒur Anwendung gelangt iſt das patentirte Syſtem der Herren Stadtbauinſpektor Wolf und Stadtbibliothekar Dr. Ebrard in Frankfurt a. M. Treppenhaus der neuen Kreis- und Stadt-Bibliothek in Augsburg. — 6 — Dasſelbe geſtattet mit den einfachſten Mitteln, auf Grund des alten Ʒahnleiſtenſyſtems, aber in umgekehrter Anwedung, die leichteſte Verſtellbarkeit der Bücherbreltter, an welchen beſonders geformte ʒapfen befeſtigt ſind, die ſich in den Ʒahnleiſten leicht auf und ab bewegen laſſen. Der weitere Vortheil iſt aber der einer vermehrten Raumgewinnung. Im Ganʒen ſind in der neuen Bibliothek an Repoſitorienflächen(in der Anſicht) 1719 Quadratmeter vorhanden. Außexdem ſind die Kellermagaʒine belegt mit Doubletten, Ʒeitungen und dergl. Eine hübſche Einrichtung iſt ferner die Anbringung von ſpielend leicht ʒu handhabenden Klapptiſchchen an den Seitenwänden der Büchergeſtelle, auf welchen die Bücher behufs kurʒer Muſterung ihres Inhalts oder auch vor der Einordnung bei Umſtellungen ꝛc. niedergelegt werden können. Leer ſteht noch der Erdgeſchoßraum rechts(der für die Archivverwaltung in Ausſicht genommen iſt, vgl. oben), das geſammte ʒweite Hauptgeſchoß mit ʒwiſchenſtock und der Dachraum. Ueber bauliche Einʒelheiten möge folgendes bemerkt ſein. Den erſten Anforderungen an einen ſolchen Bau, nämlich möglichſte Feuerſicherheit, ausreichende Lichtʒufuhr ꝛc., wurde, ſoweit nur immer möglich, Rechnung getragen. Jedes der Hauptgeſchoſſe iſt in ſich durch maſſive Decken in Eiſenkonſtruktion mit Betongewölben abgeſchloſſen. In den Verwaltungsräumen ſind die Deckengewölbe durch Gypsdielen und Mörtelverkleidung verdeckt. Die geſammte Eiſenkonſtruktion iſt auf 3380 ʒentner im Gewicht veranſchlagt und wurde von der Maſchinenbauaktiengeſellſchaft Nürnberg als der Mindeſtfordernden geliefert und koſtete einſchließlich der Nebentreppenanlagen und der Saalgallerie 32,576 Mark. Dex Dachſtuhl iſt vollſtändig freitragend konſtruirt und der als Speicher vorgeſehene Dachraum deßhalb durch keine Stütʒen beengt. Das Dach iſt mit ʒinkblech nach dem Leiſtenſyſtem eingedeckt. ʒur Abhaltung der Feuchtigkeit von den Kellergeſchoßräumen wurden in den Fundamentmauern, die an ſich ſchon in ʒementbeton ausgeführt ſind, unter der Fußbodenhöhe Blei⸗Iſolirplatten eingelegt, außerdem wurde rings um das Gebäude ein Traufpflaſter aus Asphaltbelag hergeſtellt. Die Holʒfußböden in der Hausmeiſterwohnung beſtehen aus in Asphalt gelegten Buchenriemen, die übrigen Kellerräume haben des Lichtes wegen einen Bodenbelag von Solnhofer Platten. In den Verwaltungsräumen ſind die Fußböden aus eichenen Riemen gebildet(im Leſeſaal mit Linoleum belegt). Alle Büchermagaʒinsräume haben nach den Treppen ʒu feuexrſichere Thürabſchlüſſe. Außer den von Föhrenholʒ hergeſtellten Fenſtern in den Verwaltungsräumen beſtehen alle anderen Fenſter aus Schmiedeeiſen. Alle ſind mit großen Lüftungsflügeln verſehen, ſodaß im Verein mit den einʒelnen bis über das Dach reichenden Ventilationsſchächten eine ausreichende Ventilation aller Räume erreicht wird. Geheiʒt, und ʒwar durch Niederdruckdampfheiʒung, können vorläufig nur die Wohn- und Bureauräume werden, doch kann dieſe Heiʒung mit Leichtigkeit in allen anderen Räumlichkeiten eingeführt werden. Selbſtverſtändlich iſt auch Waſſerleitung vorhanden. Die Länge des Gebäudes beträgt etwas über 50 Meter, die überbaute Fläche 824 Quadratmeter, die Höhe von der Terrainoberfläche bis ʒur Hauptgeſimsoberkante 19,1 Meter. Für das Aeußere des Gebäudes gelangte der Putʒbau in Anwendung, weil derſelbe hier doch einmal landesüblich iſt und Hauſtein die Koſten ʒu ſehr erhöht hätte. Letʒteres Material, und ʒwar Granit, ſowie Pappenheimer Marmor, kam nur für einige Sockel, Geſimſe und Baluſtraden ʒur Anwendung. Im Uebrigen iſt das Gebäude im Barockſtil aufgeführt, ʒeigt im Aeußeren wie am Treppenhauſe einen monumentalen Charakter und macht durch ſeine Verhältniſſe wie die gewählte Architektur einen imponirenden Eindruck. Das Treppenhaus, das der Eintretende ſofort vor Augen hat, wirkt namentlich vortheilhaft durch die gewählte Säulenſtellung und die dasſelbe flankirenden, flott entworfenen Karyatidenpaare(von einem trefflichen Augsburger Künſtler, Herrn Böhe im). Dadurch, daß eine Einfriedung in der feſtgeſetʒten Vorgartenlinie vermieden iſt und lediglich der rückwärtige Hofraum durch ein Gitter abgeſchloſſen wurde, tritt die Façade noch mächtiger hervor. Vor derſelben wird ſpäter ein Blumenparterre hergeſtellt, ſeitlich aber ſollen die ſchon beſtehenden Anlagen in der Weiſe umgeſtaltet werden, daß ſie vorn ebenfalls flach und hinten dichter gehalten werden, was die Wirkung des mächtigen Baues ſicher nicht beeinträchtigen wird. So vereinigt ſich alles, um das neue Werk ʒu einem ebenſo äſthetiſch anſehnlichen und wirkungsvollen wie praktiſch brauchbaren ʒu ſtempeln, ſodaß die Kreishauptſtadt Augsburg auf dieſe ihre neueſte Errungenſchaft mit gerechtem Stolʒ hinweiſen darf. Andreas Mayr, Hiſtorienmaler von Unterthingau im Algäu. Eine Skiʒʒe ſeines Lebens und ſeiner Werke. (Hieʒu das Bild Seite 3.) Am 12. November 1893 ſtarb ʒu Unterthingau (Marktflecken imB.⸗A. Oberdorf) ein Mann, in deſſen Hinſcheiden Kunſt und Kirche einen großen Verluſt erlitten. In Andreas Mayr, Hiſtorienmaler, ſchied ein eben ſo edler, treuer, kindlich frommer Sohn der Kirche wie echt chriſtlicher, tüchtiger Jünger der heiligen Kunſt aus dieſem Leben. Ein Sonntag war's, der Tag des Herrn, dem er ſo treu und freudig gedient, das Schutʒfeſt Mariens, deren Bild er ſo oft, ſo gern, ſo lieblich mit Stift und Pinſel dargeſtellt, da er in ſeinem trauten Heim, von deſſen Wand eines ſeiner lieblichen Bilder: „Maria mit dem Jeſuskinde“ den Wanderer grüßt, im Atelier, dem Raume ſeines langjährigen, fleißigen, frommen, ſchönen Schaffens, das Bild eines wie im Tode verklärten Künſtlers und Dulders, als eigenthümlich ſchöne Leiche lag. Geboren am 30. November 1820, am Tage des heil. Andreas, ʒu Unterthingau im ſchönen Algäu, der Heimath ſo vieler Künſtler und Denker, wo die nahe großartige Bergwelt der Alpen den Menſchen leichter und ſchneller als ſonſtwo über das Niveau des Gewöhnlichen erhebt, als Sohn des Ʒimmermeiſters Franʒ X. Mayr, wetteiferte Andreas bald mit ſeinem älteren Bruder Ulrich an Kunſtſinn und Kunſtfertigkeit. Während jedoch letʒterer Vorliebe für plaſtiſche Bildwerke ʒeigte— er fertigte unter Anderm für die heimathliche Pfarrkirche herrliche Apoſtelſtatuen— neigte ſich Andreas der edlen Malkunſt ʒu. Schon als Knabe von ʒehn Jahren ʒeichnete und malte er Porträts. Einmal hatte der damalige Herr Lehrer an der großen Schultafel ſelbſt Gelegenheit, die Porträtähnlichkeit einer Kopfʒeichnung ʒu bewundern, und doch war das nur eine leicht und ſchnell hingeworfene Skiʒʒe des kleinen Andreas. Nach Entlaſſung aus der Volksſchule ſeines Heimathortes übergab ihn ſein Vater, der — das Talent ſeines Sohnes erkannte, im 14. Lebensjahre dem Hiſtorienmaler Lochbühler in Wertach ʒur Vorbildung für ſeinen Künſtlerberuf. Der reichbegabte, eifrige Schüler machte ſehr raſche Fortſchritte in der edlen Malkunſt und malte bis ʒum Jahre 1839 in Kempten und Kaufbeuren Porträts, ʒugleich ʒur Uebung der erlernten Kunſt wie ʒur Beſchaffung der nöthigen Geldmittel, um die Akademie beʒiehen ʒu können. Im Jahre 1845 ſah er dieſen ſeinen ſehnlichſten Wunſch verwirklicht. Die Akademie ʒu München ſtand damals unter der Leitung des Profeſſors Schlotthauer.— Heß, Ʒimmermann, Schraudolph, Cornelius, Eberhard blühten damals an der jungen, von König Ludwig I. Auguſtus, dem erhabenen Kunſtmäcen, errichteten k. Akademie für bildende Künſte als Meiſter. Kaulbach, Fiſcher, Claudi, Kaſpar, ſowie der noch nicht ſo lange verſtorbene letʒte dieſer Kunſtgenoſſen aus dem Algäu: Bentele, waren Mitſchüler unſeres Künſtlers. Im Jahre 1846 ſchon wurde der ſtrebſame Jünger der Kunſt Andreas Mayr durch Profeſſor Heß, deſſen beſonderer Gunſt und Werthſchätʒung er ſich erfreute, dem Profeſſor Schraudolph empfohlen, dem damals von König Ludwig I. die Ausſchmückung des Domes ʒu Speyer mit Freskogemälden übertragen wurde. Da nur die beſten Kräfte der Akademie für dieſes wahrhaft königliche Werk Verwendung fanden, ſo iſt dieſe Empfehlung allein wohl genügend, des jungen Künſtlers Talent und akademiſche Bildung, nicht minder ſeinen liebenswürdigen Charakter ʒu beweiſen. Im Jahre 1847 wurde A. Mayr bereits mit der ſelbſtändigen Ausführung des erſten großen Hauptbildes im Speyrer Dome: „Der Tod Mariens“, betraut. Der junge Künſtler ʒeigte ſich ſeiner Aufgabe vollauf gewachſen und rechtfertigte glänʒend das in ſeine Kraft geſetʒte Vertrauen ſeines Meiſters. Ein ʒweites Hauptbild: „Der Einʒug des hl. Bernardus in Speyer“, im linken Seitenchore desſelben Domes gelang ihm gleichfalls vortrefflich. Das dritte Hauptbild war: „Die Enthauptung des hl. Papſtes Stephanus“ im rechten Seitenchor. Im Langhauſe des Speyrer Domes ſind ſeine Hauptbilder: „Die Geburt Chriſti“, eines der ſchönſten Gemälde des Domes. „Die hl. Familie“. „Die Flucht nach Aegypten“. „Die Opferung Mariens.“ „Die Weisſagung des Propheten Iſaias an König Achaʒ.“ „Noah's Dankopfer.“ Außer dieſen größeren Werken ʒieren noch mehrere einʒelne Figuren die bilderreichen Wände des farbenprächtigen Domes, in dem alſo allein acht große Gemälde von unſeres Künſtlers Hand ſeinen Ruhm verkünden, an einer der denkwürdigſten Stätten des deutſchen Reiches der Nachwelt überliefern. Bis ʒum Jahre 1853 malte Andreas Mayr im Speyrer Kaiſerdom, als der einʒige Hiſtorienmaler außer Schraudolph, der von Anfang bis ʒu Ende bei der ebenſo ehrenvollen als ſchwierigen und langwierigen Arbeit ausharrte, hochgeachtet und geliebt von ſeinem Meiſter. Von Speyer ʒurückgekehrt, wartete ſeiner neue Anerkennung ſeiner künſtleriſchen Vervollkommnung, neuer ehrenvoller Auftrag, der den Ruf unſeres ſchwäbiſchen Landsmannes über die Grenʒen des deutſchen Vaterlandes hinaus— nach England, trug. In München wurde ihm nämlich von Herrn Profeſſor Heß, Direktor der kgl. Glasmalerei, unter Leitung des Herrn Inſpektors Ainmüller Entwurf und ʒeichnung von ſechs Cartons für Glasgemälde in die St. Pauls⸗ Kirche ʒu Cambridge in England übertragen. In denPinſel in herrlicher Geſtaltung und Farbengebung dar: „Abrahams Opfer.“ „Die Bußpredigt des Johannes in der Wüſte.“ „Petrus, Johannes und der Lahmgeborene an der Tempelpforte ʒu Jeruſalem.“ „Paulus vor König Agrippa.“ „Stephanus und Laurentius.“ Nach Vollendung dieſer Arbeit malte er ein Freskobild „Die Krönung Mariä“ und „Die vier Evangeliſten“ in ſeiner Heimathkirche ʒu Unterthingau. Dort baute er ſich im Jahre 1862 ein Atelier und ließ ſich bleibend nieder, allein der heiligen Kunſt im Dienſte Gottes und der Kirche lebend. Ferner lieferte ſeine kunſtfertige Hand ein Altarbild: „St. Georg“ in die Kirche ʒu Bodelsberg, ein Hochaltarbild: „St. Blaſius“ in die Kirche ʒu Vorderburg, ein Seitenaltarbild: „St. Sebaſtian“ und ein Chorbild: „Die Kreuʒigung des heil. Andreas“ nach Frankenried, „Die Kreuʒigung Chriſti“ in die proteſtantiſche Kirche ʒu Memmingen, drei Altarbilder und ein Freskobild in den Chor ʒu Benningen, ʒwei Faſtenbilder nach Buchenberg, drei Altarbilder nach Oberbechingen, drei Altarbilder(Hochaltarbild: „Der hl. Dominikus empfängt aus den Händen Mariens den hl. Roſenkranʒ“, SeitenAltarbilder: „St. Antonius“ und „Der Engliſche Gruß“), drei Faſtenbilder ſowie einen Kreuʒweg in die Pfarrkirche ʒu Unterthingau, ein Freskobild in den Chor ʒu Hohenfurch, drei Altar⸗ und drei Oberbilder in die Kirche ʒu Bertoldshofen, drei Altarbilder nach Burk, drei Altarbilder und ʒwei weitere: „St. Wendelinus“ und„St. Aloyſius“, in die Kirche ʒu Oberbeuren, ʒwei Seitenaltarbilder in die Curatie-Kirche ʒu Hochgreuth, Pfarrei Betʒigau, bei Kempten („Mariä Heimſuchung“ und „St. Wendelinus?“). Dieſe letʒteren ʒwei Gemälde, ſowie jene ʒu Unterthingau, die Hauptaltarbilder in den Kapellen der Filialen Schweinlang und Weſtenried, Pfarrei Unterthingau („Tod des heil. Joſeph“ und „Der heil. Antonius empfängt das Jeſuskind aus den Händen Mariens“) ſind dem Schreiber dieſer ʒeilen aus eigener Anſchauung bekannt, die anderen meiſt nur nach Skiʒʒen. Da der uneigennüꜩige, freigebige Künſtler die oft ſehr ſchön, ähnlich fertigen Kunſtwerken ausgeführten, gemalten Skiʒʒen regelmäßig den Beſtellern der Originalgemälde ſchenkte, ſind dieſe Skiʒʒen leider ſelten ʒu ſehen. Beſonders erbauend und feſſelnd wirkt auf ein frommes Gemüth die Darſtellung der allerſeligſten Jungfrau und Gottesmutter Maria, wie ſie der kindlich fromme, reine Sinn, die kunſtfertige, feine Hand des echt chriſtlichen Malers in dem Bilde „Mariä Heimſuchung“ in Hochgreuth und in einem kleineren Bilde „Maria mit dem Jeſuskinde“(im Beſiꜩ der ehem. Haushälterin Frl. Johanna Obexweiler), wie auch ſonſt oft geſchaffen. Mag auch manch kritiſches Auge die Madonnen unſeres Künſtlers etwas ʒu kindlich, ʒu jugendlich finden, ʒum Nachtheil gereicht dieſer kindlich-jungfräuliche, ungemein holdſelige, oft wahrhaft himmliſche, heilige Ausdruck in dem Antliꜩ der Gottesmutter gewiß weder ihrem Bilde noch dem Beſchauer. Wollte der Künſtler, wie von ihm ſelbſt erklärt, durch die jugendliche Form, den kindlichen Geſichtsausdruck kindlich unſchuldige jungfräuliche Reinheit ausdrücken, ſo kann man kaum leugnen, daß ihm dies meiſt ausgeʒeichnet gelungen, iſt. Gewiß regt manche Madonna eines Raphael und anderer Künſtler mit berühmten Namen weniger ʒur Andacht, weniger ʒur Ehrfurcht und Achtung vor der jungfräulichen Würde der Gottesmutter an, als jene des Andreas Mayr. Ja, der Schreiber dieſer Zeilen ſelbſt hat ſchon über eines der beſten und berühmteſten Werke eines Correggio beʒüglich ſeiner Madonna in dem vom natürlichen, ſinnlichen und rünſtleriſch⸗ techniſchen Geſichtspunkte aus prachtvollen Bilde „Die heilige Nacht“ ein ſo bedenkliches Urtheil aus Volksmund gehört(yox populi, vox Dei!), daß er ohne Bedenken ein ſonſt noch ſo beſcheidenes Bild des edlen, chriſtlichen Algäuer Künſtlers für eine Kirche vorʒiehen und das andere in eine Gemäldegallerie verweiſen würde. Iſt doch ſo manches ſog. Heiligenbild für Künſtleraugen an Genuß, für fromme und reine Augen ſelbſt in Kirchen ein Aergerniß. Das Hauptaltarbild der Filialkapelle ʒu Schweinlang, Pfarrei Unterthingau, war eines der leꜩten Werke unſeres Kunſtlers. Auge und Hand des Malers waren nicht mehr ſo ſicher als in beſſeren Tagen. Den „Tod des heil. Joſeph“ ſtellt das ſchöne Bild dar. Schreiber dieſes Berichtes war Zeuge, mit welch ängſtlicher Sorgfalt, welch peinlicher Gewiſſenhaftigkeit, welch ſteter Unʒufriedenheit mit dem eigenen Können und Schaffen, welch edler Uneigennüꜩigkeit der gute, beſcheidene Andreas Mayr an dieſem wie an anderen Gemälden arbeitete und verbeſſerte und vervollkommnete, ſo lange er ſie nur auf der Slaffelei in ſeinem Atelier ʒurückbehalten konnte. Man mußie ihm oft die Bilder faſt mit Gewalt entführen. Freilich ging wohl auch ſtets ein Stück ſeines eigenen Selbſt mit den Bildern fort; dieſe frommen, von tiefer, edler Frömmigkeit durchgeiſtigten, ʒur Frömmigkeit erbauenden Gemälde begreift man nur in ihrem vollen Werthe aus dem in ſie verwobenen kindlich⸗frommen, reinen Charakter des Künſtlers ſelbſt. Wer ihn arbeiten ſah im Atelier, wer ihn beten ſah in der Kirche, wer ihn gar als Dulder kennen lernte auf dem Krankenlager, der mußte ihn lieb gewinnen, mußte ihn achten, ja bewundern. Der in geſunden Tagen eben ſo fröhliche als fromme, ſo beſcheidene, heitere, freundliche, kurʒ durch und durch liebens⸗ und achtungswürdige Künſtler wurde während ʒweier Jahre noch ſchwer auf ſeinen echten, reinen Goldgehalt geprüft. Wiederholte Schlaganfälle raubten ihm die Sprache und den freien Gebrauch der ſonſt ſo ſchaffensfreudigen Glieder, ſchwächten endlich auch das Gedächtniß. Schwermüthig mochte wohl und ſchmerʒlich ſo manchesmal ſein umflorter Blick von ſeinem Krankenlager an der Stätte ſeines früheren vieljährigen freudigen, fleißigen, künſtleriſchen Schaffens, in ſeinem Atelier, auf den ſkiʒʒenbedeckten Wänden ruhen, die ihn an ſchönere, beſſere, lang vergangene Zeiten mahnten. Doch wie als Künſtler, war er auch als chriſtlicher Dulder wahrhaft groß, wirklich bewundernswerth in ſeiner kindlichen, gottergebenen, ſeltenen Frömmigkeit. Wohl entbehrte er nicht treuer, fürſorgender, liebevoller Pflege, obwohl er wie ſein guter, im Jahre 1885 ihm vorangegangener ehem. Mitſchüler, Freund und Nachbar von Obergünʒburg, Johannes Kaſpar, unverehelicht geblieben war, um ſeine ganʒe reine Liebe der chriſtlichen, heiligen Kunſt ʒu weihen; doch mochte er in ſeiner langen, bangen Leidensʒeit, ʒur ſchmerʒlichſten Unthätigkeit verurtheilt, oft nach jenem Troſte ſeufʒen, den Johannes Kaſpar während 10jährigen Leidens doch genoß nach dem Tode ſeiner Schweſter und ſo ſchön beſchrieb in den Worten: „Nun ſtehe ich allein da; doch nein! Meine erſte Liebe, die ſchon früh erkorene Braut, die Himmelstochter, die heilige Kunſt, ſie iſt mir treu geblieben. Sie iſt es, die mich in meiner Einſamkeit unterhält, Kurʒweil ſchafft, mich tröſtet, mich das leibliche Elend vergeſſen läßt oder es doch weniger fühlbar macht; die ein ſchon faſt erſtorbenes Gebein wieder belebt. Sie tritt immer mit neuen Reiʒen geſchmückt vor die Augen meiner Seele und feſſelt mich hienieden noch durch den Anblick in ihrer unverwelklichen Schöne. Mit ihr lebe und ſterbe ich.“*) Doch, konnte den edlen Dulder künſtleriſches Schaffen neuer Werke ʒur Ehre Gottes und ʒum Frommen ſeiner Geſchöpfe wie ʒur Freude der Freunde der Kunſt wie des Künſtlers nicht mehr tröſten, der Gedanke an das bereits Geſchaffene und deſſen Segen mußte ihn bei aller Beſcheidenheit bei jedem Blick ſeiner mattgewordenen Augen auf ſeines Ateliers und Krankenʒimmers Wände erfreuen. Als der Zeichner dieſes beſcheidenen Lebensbildes am Lager des Dulders einſt ſpät Abends ſtand, da kamen ihm beim Anblick des leidenden Künſtlers unwillkürlich die ſinnigen, frommen Verſe der ehrwürdigen Dienerin Gottes M. Crescentia von Kaufbeuren in den Sinn: Ich muß es bekennen, Gott hobelt mich ſehr, Er ſchneidet und ſticht mich, doch fällt's mir nicht ſchwer. Wilift wiſſen, warum denn?Ich, halte dafür, Golt ſchniꜩe ſo gern einen Engel aus mir. Die Verſe lagen ihrem Sinne und Geiſte nach auch in den gottergebenen Zügen dieſes Dulderbildes ausgeprägt. Andreas Mayr machte ſeinem hl. Patron in der Liebe ʒum Kreuʒe Ehre. Ein Jahr darauf ſtand der Berichterſtatter wieder Nachts in jenem Atelier — am Sarge des Verblichenen. Als die Decke weggehoben ward — da ʒeigte ſich das Antlitʒ der Leiche ſo vergeiſtigt, ſo eigenthümlich ſchön — es war der vierte Tag nach dem Tode — ſo anʒiehend, ſo eines chriſtlichen, frommen Künſtlers im Tode noch würdig, daß der göttliche Zweck des Leidens an dieſem herrlichen edlen Ebenbilde Gottes erfüllt ſchien. Have pia anima candida! Leitershofen, am Vorabend von St. Andreas. L. Boſch, Pfarrer, ehem. Benefiʒiat in Unterthingau. *) S. Geſchichte der Pfarrei Obergünʒburg von Fr. X. Gutbrod. Kempten. Joſ. Köſel.(Johannes Kaspar.) Schachaufgabe Schwarʒ Weiß. Weiß ʒieht an und ſetʒt in 2 Zügen matt „Augsburger Poſtzeitung“. №. 2. Freitag, den 5. Januar 1894 Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg (Vorbeſitzer Dr. Max Huttler). Auf verwegener Bahn. Kriminalnovelle von Guſtav Höcker. (Fortſetzung.) In einer der am Stromufer gelegenen Vorſtädte ſtand in noch wenig angebauter Gegend ein ſchmuckes einſtöckiges Gebäude, hinter welchem ſich eine weite Gartenanlage mit Gewächshäuſern ausdehnte. Neben den Häuſern führte eine Gitterpforte in den Garten und über derſelben erhob ſich in einem Halbbogen ein blechernes Schild mit der Aufſchrift: „Kunſtund Handelsgärtnerei von Eduard Ritter.“ Etwa eine Stunde vor der eben erzahlten Begebenheit ſaß in einem Parterrezimmer des Hauſes der ſogenannte Gärtner an einem einfachen hölzernen Tiſche beim Scheine der Lampe und las mit lauter, eintöniger Stimme aus einem methodiſtiſchen Andachtsbuche vor. Der Zuhörer war ſeine im Bett liegende Frau, welche ſeit einigen Tagen an Magenkrämpfen litt, einem alten, von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Uebel. Schlicht wie das ganze Zimmer, deſſen einziger Schmuck das lithographirte Bildniß John Wesleh's, des Gründers der Methodiſtengemeinde, bildete, war auch die äußere Erſcheinung des in den vierziger Jahres ſtehenden Ehepaares. Während der Gärtner in ſeiner Vorleſung eine Pauſe eintreten ließ, ſchlug die alte Schwarzwälder Uhr neun, was in ihrer Sprache ſo viel wie viertelzehn hieß, da ſie mit großer Punktlichkeit ſtels eine Viertelſtunde nachging und in dieſer berechtigten Eigenthümlichkeit von ihren Beſitzern auch nicht verkümmert wurde. „Wo nur Anna heute mit Frau Rollenſtein bleibt!“ ſagte Frau Ritter.„Die Abendgottesdienſte gehen lange vor neun zu Ende und von unſerer Kapelle bis hierher braucht man keine Viertelſtunde.“ „Anna freilich nicht und wir beide auch nicht!“ entgegnete der Mann, „aber die alte Dame, die am Krückſtock gehen muß.“ „Man ſoll nicht über die Gebrechen anderer ſpotten!“ uuterbrach ihn die Frau ſtreng. „Das iſt Sünde!“ „Aber, Sophie, das habe ich ja gar nicht gethan,“ verwahrte ſich Ritter in ſauft beſchwichtigendem Tone, „ich habe nur —“ „Wenn wir in unſer Inneres ſchauen,“ eiferte ſie weiter,„ſo finden wir da viel ſchlimmere Gebrechen, die des Krückſtocks bedürfen. Leider ſehe ich Jemand ſeit einigen Tagen auch an ſolch' einem inneren Krückſtocke gehen.“ „Meine Schweſter Anna?“ frug der Gärtner. „Wen könnte ich denn ſonſt meinen? Du freilich merkſt nichts, denn Du ſiehſt das Mädchen mit andern Augen an, als ich.“ Das war allerdings der Fall. Unſer Gärtner, der jüngſte unter ſechs Brüdern, war eben der Schule entwachſen geweſen, als ihm das einzige Schweſterchen beſcheert worden war. Er hatte ſie gepflegt, gewartet, ihre erſten Schritte geleitet, und als in ſpäteren Jahren ihm ſeine Verhältniſſe geſtatteten, ſie bei ſich aufzunehmen, räumte er ihr in ſeinem Herzen neben dem Platze einer Schweſter zugleich denjenigen einer Tochter ein, zumal er ſelbſt keine Kinder beſaß. Seine Frau empfand es mit Bitterkeit, daß ihr das Mutterglück verſagt war, ſie konnte in der erwachſenen Schwägerin keinen Erſatz erblicken; die Selbſtſtändigkeit und Energie des Charakters, die ſich in Anna herausgebildet hatten, während ſie draußen in der Welt ſich ihr eigenes Brod erworben, ſtießen Frau Ritter ab; ſie ſchätzte Demuth und Unterwürfigkeit höher, beſonders bei einer Perſon, die das Brod ihres Mannes aß. Daß Anna ſich im Geſchäfte ſehr nützlich machte, betrachtete die Schwägerin als eine ſelbſtverſtändliche Pflicht; daß das nicht unbegabte Mädchen einen gewiſſen Anſpruch auf „Bildung“ beſitzen wollte, auf welche der Bruder ſtolz war, erregte den Neid der einfachen Frau, die über die Durchſchnittsbildung der Volksſchule nie hinausgeſtrebt hatte. — „Was iſt's denn, Sophie, was Du gegen Anna vorzubringen haſt?“ frug Ritter. „Was ſoll ich denn nicht merken?“ „Daß ſie ſeit einigen Tagen vergeßlich, zerſtreut und geiſtesabweſend iſt,“ antwortete die Frau.„Sie träumt mit offenen Augen am helllichten Tage. Ich, die ich jetzt an's Bett gefeſſelt bin und Anna nur während der Mahlzeiten und abends ſehe, habe das bereits herausgefunden, — und Du, der Du ſie täglich im Geſchäft um Dich haſt, ſcheinſt wie mit Blindheit geſchlagen.“ „Ich habe nicht darauf acht gegeben,“ entſchuldigte ſich Ritter achſelzuckend. „Dann iſt es Dir wohl noch gar nicht aufgefallen,“ frug die Frau ſpöttiſch, „daß ſie plötzlich ihr Haar anders trägt und den ſchlichten glatten Scheitel mit der neueſten Modethorheit vertauſcht hat?“ „O ja, das habe ich wohl bemerkt,“ ſagte der Gärtner.„Sie hat ſich vorn über die Stirn das Haar — 10 — kurz abgeſchnitten und nach dem Geſicht herabgekämmt, was man, glaub' ich, Ponyfranſen nennt. Mir gefällt das ſehr. Es ſteht ihr ſo gut zu Geſicht. Ich hab' mich darüber gefreut und hätte ſie beinahe nicht wiedererkaunt.“ Eben wollte die Frau erwidern, da hörte man draußen das Gitterthor auf⸗ und wieder zuſchließen. „Das iſt Anna!“ ſagte Frau Ritter auflauſchend. „Aber allein? Wenn ſie Frau Rollenſtein mitgebracht hätte, müßte man doch auch die Hausthür ſchließen und in dem Flur das Aufſetzen ihres Krückſtocks hören. Man hat es doch bisher ſtets durch die dünne Ziegelwand hindurch gehört.“ Der Eintritt in die Gärtnerwohnung geſchah nämlich, wie wir hier erläutern müſſen, durch die Gartenpforte und eine Seitenthür des Hauſes, während der Treppenflur, welche zu der im erſten Stock befindlichen Wohnung Frau Rolleuſteins, der Beſitzerin des Hauſes und des Gartengrundſtücks, führte, von dem Parterregeſchoß durch eine Mauer geſchieden und nur durch die vordere Hausthür zugänglich war, durch welche außer der alten Dame Niemand ein⸗ und ausging. Auna trat in's Zimmer, ein Gebetbuch in der Hand, und bot Bruder und Schwägerin den üblichen Gruß. Der Lenz der Jugend war auf ihrem Antlitz bereits verblüht, aber ſie beſaß jene intereſſanten, frauenhaften Züge, die bei manchen Brünetten von geſetztem Alter noch immer feſſeln, und jenes große ſchwarze, feurige Auge, deſſen Glanz ſich belebend dem Antlitz mitgelheilt. Dazu kam die üppige dunkle Haarfülle, die ſie ſeit neueſter Zeit ſo kokett zu tragen wußte, und die volle und dabei doch ſchlank gewachſene Geſtalt. „Haſt Du denn Frau Rollenſtein nicht mitgebracht?“ frug Frau Ritter unruhig. „Frau Rollenſtein? Ach je, Frau Rollenſtein!“ entfuhr es den Lippen des Mädchens, als beſänne ſie ſich jetzt erſt, wobei ſie die Hand vor die Stirn hielt und, wie aus einem Traume erwachend, rings um ſich blickte. Die Gärtnersfrau warf ihrem Manne einen bedeutſamen Blick zu, als wollte ſie ſagen: „Da haſt Du nun ſelbſt eine Probe von ihrer Vergeßlichkeit und Träumerei.“ „Frau Rollenſtein hat den Weg ja ſchon oft allein gemacht, wenn ihr, wie heute, abgehalten waret, die Abendandacht zu beſuchen, und ich bei einem meiner Oheime zu Beſuch weilte,“ ſagte Anna ſich raſch tröſtend. Aber gerade jetzt, wo ſie von ſchwerer Krankheit geneſen iſt, hätteſt Du die alte Dame unter keinen Umſtänden allein gehen laſſen ſollen,“ warf ihr die Schwägerin vor, „und nun gar heute, wo es draußen ſo finſter iſt! Und dazu der einſame Weg am Stromufer, wo die Laternen ſo dünn ſtehen, daß es eine wahre Schaude für die Stadt iſt, die ſo große Summen für Luxusanlagen zum Fenſter hinauswirft, für die Beleuchtung eines Wegs aber, der zu einer Methodiſtenkapelle führt, kein Geld hat. Wenn der alten Dame nun unterwegs irgend ein Strolch begegnete?“ „Warum ſollte ihr denn Jemand etwas anhaben?“ wandte Anna ein. „Warum? Trägt ſie nicht koſtbare Ringe? Kann nicht die ſchwere goldene Erbstette, an der ſich das Medaillon befindet, das Auge irgend eines Gauners lüſtern machen? So etwas funkelt auch im Dunkeln. O Gott, wenn der Frau etwas geſchehen wäre! Es gefiel mir ſchon nicht, als ſie letzthin das Medaillon verloren hatte. Wenn das nur kein ſchlimmes Vorzeichen iſt! dachte ich bei mir. Ich hatte eine Baſe, die verlor auch ihr Medaillon mit dem Bilde ihres verſtorbenen Mannes, das ſie ſonſt ſo ängſtlich hütete. Wenige Tage ſpäter gerieth ſie unter die Hufe durchgehender Pferde und blieb auf der Stelle todt. Ihr Seliger hatte ſie nachgezogen.“ „Wenn's der ſelige Herr Rollenſtein damit ſo eilig gehabt hätte,“ verſetzte Anna lächelnd,„ſo würde er ſich nicht ſchon ein Dutzend Jahre oder noch länger Zeit damit genommen haben. Als ich übrigens ſo glücklich war, das verlorene Medaillon im Garten zu finden, konnte ich der Verſuchung nicht widerſtehen, es zu öffnen. Das Bild darin iſt gar nicht dasjenige ihres verſtorbenen Gemahls, den das große Oelgemälde oben in Frau Rollenſteins Wohnung mit ſo ſprechender Aehnlichkeit darſtellen ſoll, ſondern es iſt die Photographie eines Offiziers.“ „So?“ ſagte Frau Ritter, ihre Ueberraſchung über einen ſo lange mit ſich herumgetragenen Irrthum verbergend, während der Gärtner ſeine Schweſter mit offenem Munde anſah. „Du mußt aber doch wiſſen, wo Du unſere alte Dame gelaſſen haſt?“ inquirirte Sophie weiter, deren Unruhe fortwährend wuchs. „Als die Andacht zu Ende war und ich mich mit Frau Rollenſtein noch nicht weit von der Kapelle entfernt hatte, wurde ſie von einem älteren Herrn angeredet, welcher der Andacht ebenfalls beigewohnt hatte,“ erzählte Anna.„Liebes Kind,“ ſagte der Herr zu mir, „bitte, laſſen Sie uns ein paar Augenblicke allein, ich habe etwas mit der Dame zu beſprechen.“ Ich ging voraus, blieb mitunter ſtehen, um zu warten, und da ſie nicht kam, ging ich langſam nach Hauſe —“ „Ohne wieder an Frau Rollenſtein zu denken!“ ergäuzte Sophie ſchnippiſch. „Haſt Du den alten Herrn ſchon früher in unſeren Gottkesdienſten geſehen?“ „Nein, aber er war derſelbe,“ antwortete Anna, „der ſchon vorgeſtern hier war und mit Frau Rollenſlein ſprechen wollte. Du haſt ihn ja auch geſehen,“ wandte ſie ſich an ihren Bruder. „Ich erinnere mich genau,“ nickte dieſer, „als wir ihm ſagten, daß die alte Dame keine Beſuche annehme, übergab er Dir ſeine Viſitenkarte und bat Dich, ſie Frau Rollenſtein zu überbringen und ihr zu ſagen, er laſſe ſie in einer ſehr dringenden Angelegenheit um eine kurze Unterredung erſuchen.“ „Wie heißt der Herr?“ frug Sophie neugierig ihre Schwägerin. „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Anna. „Haſt Du denn ſeinen Namen nicht auf der Viſiten„ karte geleſen?“ „O ja, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt.“ Natürlich — vergeſſen, verträumt!“ höhnte Sophie und warf ihrem Manne wieder, wie vorhin, einen bedeutſamen Blick zu. „Gabſt Du die Karte ab, Anna?“ „Ja.“ „Und nahm Frau Rollenſtein den Beſuch des alten Herrn an? „Nein,“ verſetzte Anna kurz. „Sie wurde ſogar ſehr aufgebracht,“ ergänzte der Gärtner,„als ſie den Namen las, er ſei von allen 11 Menschen unter der Sonne der letzte, dem sie ihre Thür öffnen werde, ließ sie ihm sagen, er solle sich zum Kuckuck scheeren und sich nicht einfallen lassen, ein zweites Mal zu kommen. Und noch viel stärkere Ausdrücke gebrauchte sie, nicht wahr, Annas" Es war dem Mädchen offenbar nicht lieb, daß ihr harmloser Bruder die unwilligen Worte der alten Frau wiederholte, denn sie ward sich jetzt erst bewußt, einen Fehler begangen zu haben, dem so schroff Abgewiesenen nun doch zu der früher vergebens erstrebten Unterredung behilflich gewesen zu sein. Von dieser Seite faßte denn auch Sophie die Sache sogleich auf. „O, Du unvorsichtiges Mädchen!" rief sie in bitterem Vorwurf, „das begreift ja ein Kind, daß sich der alte Herr nur in die Abendandacht eingeschlichen hat, nm Frau Nollenstein dort aufzusuchen und sich auf dem Nachhauseweg an sie heranzumachen. Du wußtest, daß sie sich den zudringlichen Menschen durchaus vom Halse halten wollte, und läßt ihn dennoch mit ihr allein!" „Ei! was gehen mich schließlich Frau Nollensteins Angelegenheiten an!" entgegnete Anna mürrisch, indem sie ihren Hut auf den Tisch warf. „Glaubst Du, sie wird es ruhig hinnehmen, daß Du ihr diesen Streich gespielt hast?" schalt Sophie weiter. „Du kennst ihren nachtragenden Charakter, Du weißt, wie schwer sie etwas verzeiht." „Ich fürchte mich vor ihrem Strafgericht nicht im mindesten," lachte Anna verächtlich, heftig an ihren Handschuhen zerrend. „Du nicht, nein," rief Frau Ritter, „aber wir. Dein Bruder und ich, wir werden dafür zu büßen haben. Sie wird den demnächst ablaufenden Pachtkontrakt nicht wieder erneuern, und dafür dürfen wir uns dann bei Dir bedanken." „Das wird sie bleiben lassen," versetzte Anna, „denn so gutmüthige Pächter, die für ihr schweres Geld sich von ihr auch zu allerlei und unterthänigcn Diensten gebrauchen lassen, findet sie gewiß nicht wieder. Höchstens wird sie Euch im Pachte steigern; das hat sie aber bisher bei jedem neuen Pachtabschlusse gethan, denn ihre Habsucht und ihr Geiz —" „Bst!" zischte Sophie mit erhobenem Finger, als könnte die Abwesende es hören. „Ja wohl, ihre Habsucht und ihr Geiz schreien zum Himmel," fuhr Anna, durch die Reden ihrer Schwägerin schon längst gereizt, nur noch lauter und heftiger fort. „Es ist eine Sünde und Schande! Auf eine Million schätzt man das Vermögen dieser Fran, sie könnte in einem Vierspänner fahren, statt an ihrem Stock einher- zuhinken, hält sich aber nicht einmal ein Dienstmädchen, ißt sich nicht ordentlich satt, gönnt Anderen kgum —" „Bst!" wiederholte Sophie mit aus den Höhlen quellenden Augen und beugte sich wüthend gegen die Schwägerin vor. „Bst!" sekundirte ihr jetzt auch Ritter, von der Furcht seiner Frau angesteckt. Aber schwerlich würde Anna sich dadurch im Fluß ihrer Rede haben aufhalten lassen, wenn nicht ein von draußen wahrnehmbares Geräusch, welchem Bruder und Schwägerin plötzlich lauschten, auch ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte. An der vorderen Hausthür, die zu Frau Rollen- stein's Wohnung führte, ließ sich nämlich das bekanute Knarren des Schlüssels hören. Es wurde auf- und wieder zugeschlossen, dann vernahm man in dem Hausflur schlürfende Schritte und unterschied bei jedem zweiten Schritt deutlich das Aufsetzen des Krückstocks. „Tapp! tapp!" schleppte es darauf langsam die hölzerne Treppe hinauf und endlich hinkte es, gerade über den Köpfen der Lauschenden, im oberen Zimmer herum. „Gott sei Dank, sie ist da!" unterbrach Fran Ritter, wie von einem schweren Alp befreit, das herrschende Schweigen, worauf Anna, ebenfalls erleichtert anfathmend, mit einem sehr kurzen „Gute Nacht" sich in ihr anstoßendes Gemach zurückzog und auch der Gärtner, nachdem er die Lampe ausgelöscht, die nächtliche Ruhe aufsuchte. „Gebe nur Gott," flüsterte Sophie, „daß sie im Vorübergehen die Schimpfreden Deiner Schwester nicht gehört hat, die Fensterläden sind gar so dünn!" „Und ihr Gehör ist gar fein!" dachte Ritter, sagte aber nichts. Hierüber hätte sich das Ehepaar beruhigen können, wohl klang es um diese Zeit in den Ohren der alten Dame, aber es waren die Wellen, die darin flüsterten, die Ohren waren für immer taub und das ungeschmeichclte Charakterbild, welches Anna mit harten Strichen von ihr entwarf, war ihr Nekrolog gewesen. * » * (Fortsetzung folgt.) Die Hand. Von Maximilian Dursch. lNachdruck vnroiM'l Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der Hand. Was wir sind, was wir besitzen, verdanken wir ihr. Was ist aller menschliche Scharfsinn, aller Erfindungsgeist, was der mächtigste Wille ohne die Hand s Sie ist das vollkommenste Glied unseres Körpers, das, ausgerüstet mit mannigfachen, vorzüglichen Eigenschaften, ebenso leicht die gewaltigsten Aufgaben menschlichen Strebens, wie die geringsten Verrichtungen kunstreicher Geschicklichkeit vollbringt. Mit Recht nennt sie Herder daS „Werkzeug eines immerwährenden Tastend nach neuen, klaren Ideen". Die Hände entsprechen durchaus den Geistesgaben, der Intelligenz des Menschen, und darauf hat bereits Aristoteles, der größte Gelehrte und Beobachter aller Zeiten, hingewiesen, indem er sagte: „Der Mensch hat Hände, weil ex das weiseste Geschöpf ist." Wie viele vorzügliche Eigenschaften vereinigt die Hand in sich I Welche Kraft, welche Gewandtheit, welche Zartheit wiederum vermag sie in ihren Handlungen zu entwickeln! Reizbar und feinfühlig, leitet sie ihre Bewegungen mit der größten Sicherheit, mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit, Mannigfaltigkeit und Eleganz. Und wie schön und zweckentsprechend ist sie gebildet, wie kunstvoll das Gefüge ihrer Knochen und Sehnen, wie verwickelt und doch dem Willen stets dienstbar der Mechanismus der Muskeln, und wie reich vertheilt in ihr sind die nahrungspendeuden Blutgefäße und die tastenden Nerven! Was wir sind, waS wir haben, das erwarb uns die Hand. Seht ihr jene Kornfelder, wie sie, wind- bewegt, ihre goldenen Wellen schlagen? Der Hand des 12 Landmannes verdanken wir sie. Jene Heerden auf grüner Trift — was wären sie uns, könnten wir ihr Fleisch und ihre Milch nicht zur Nahrung, ihre Haut nicht zum Schutze unserer Füße, ihre Knochen nicht zu Werkzeugen aller Art verwenden? Aber das vermögen wir nur durch die Hand. Unsere Kleidung ist ihr Werk. Sie schuf aus dem Flachs das blendende Linnen, sie wob aus der Wolle das warme Tuch, aus dem Gespinst der Raupe die schimmernde Seide. Die Hütten der Armen und die Paläste der Fürsten, die prachtvollen Dome und himmelanstrebenden Thürme — wer baut sie denn anders als der Fleiß geschickter Hände? Auf eisernen Pfaden braust das Dampfroß einher, die volkreichsten Städte, die einsamsten Dörfer verbindend; hoch durch die Lüfte von Land zu Land trägt der Zauberdraht unser Wort. Das sind die Werke der Hand. Selbst das Meer macht sie uns Unterthan. Stolze Schiffe mit werthvollen Ladungen führt sie durch seine Wasscrwüste und aus seinen Tiefen holt sie die kostbarsten Schätze. Und was wären Kunst und Wissenschaft ohne sie? Großes danken wir ihr. Zum Götterbilde gestaltet die Hand des Meisters den Marmorblock. Auf die todte Leinwand zaubert der Pinsel in der Hand des Malers das blühende Leben, die Schönheit, die prangende Welt. Eine Fülle stnnberauschender Melodien entlockt des Künstlers Hand jenem Gebilde, das so seelenvoll weint und klagt, jubelt und jauchzt. Und welches Wissen, welche Gelehrsamkeit ist in unzähligen Büchern niedergelegt von der Hand geistreicher Männer! Aber allerdings, „was Hände bauen, können Hände stürzen". Verwirrung, Verderben, Unheil, Noth und Tod — zwei winzige Hände können sie schaffen, wenn sie sich ausstrecken nach dem Hab und Gut des Andern, wenn sie sich mit Blut beflecken. Die furchtbarste Geißel der Menschheit, der Krieg, ist ein Werk der Hand. Unbarmherzig mordet sie das blühende, kraftvolle Leben; Städte sinken durch sie in den Staub und Paläste zertrümmert sie. Nicht Tugend schont sie und Recht; an das Schöne und Edle, an das Hohe und Heilige wagt sie sich frevelnd heran. — Die Bedeutung der Hand ist ausgedrückt in vielen Sprichwörtern alten, zum Theil biblischen Ursprungs, und die geflügelten Worte, die sich aus die Hand beziehen, lassen die Hochschätzung dieses Gliedes erkennen. „Eine Hand wäscht die andere", — „Hand muß Hand wahren" — „In Hand und Halter geben" — „Um die Hand anhalten" — „Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte thut" — „Aergert dich deine Hand, so haue sie ab!" — Ja, wir übertragen sogar die Eigenschaften einer Person auf ihre Hand und sprechen von einer milden, barmherzigen, von einer grausamen und mächtigen, von einer lieben Hand. Wir sagen, „die Hände sind ihm gebunden", oder „seine Hand reicht weit". — Die Hand hat auch eine eigene, sehr verständliche Sprache, durch die sie alle Regungen der Seele, alle Gefühle des Herzens auszudrücken vermag. Vor Freude oder Staunen schlägt man die Hände zusammen; in banger Furcht, in Schmerz und Verzweiflung ringt man sie; im Zorne ballt man sie zur Faust; drohend, warnend erhebt man ihren Finger. Beim Gruße wie beim Abschied reicht man sich die Hand; Freunden winken wir mit ihr, lästige Menschen weisen wir ab. Und welch bekedte Spräche führt die Liebe durch sie! Ein sanfter Druck von ihr, ja schon die leiseste Berührung verräth uns die Gefühle im fremden Busen. „Was die Lippe nicht zu sagen wagt, die Hand bringt es zum Ausdruck." Gedenken wir des Händedrucks der Liebe, des zarten Spieles geheimen Drucks und Gegendrucks! — Wer hat nicht schon in Stunden der Leiden die Wohlthat eines teilnehmenden Händedrucks empfunden? Und wie vermag der warme Händedruck der Mitfreude ein Herzensglück noch zu erhöhen! — Ja, eine liebe Hand kann gar Vieles ausdrücken, — sie kann mit uns weinen, uns trösten, mit uns glücklich sein! Nach der Art seines Händedrucks kann man auf das Innere des Menschen schließen, denn wie wir die Hand geben, so denken, fühlen, so sind wir. Liegt es doch so nahe, daß der volle, warme Händedruck ein warmfühlendes Herz, ein feuriges, heißes Temperament kennzeichnet, daß ein schwacher, lauer oder kalter auf das Gegentheil hinweist. Man achte einmal darauf, wie leicht und lose manche Menschen ihre kühlen Finger in unsere Hand legen, — nein, das bekundet kein herzliches „Willkommen", kein warmes „Lebewohl", kein hoffnungsfrohes „Auf Wiedersehen!"*) Nicht unerwähnt bleiben darf die Gelberden- und Zeichensprache. Auch sie ist das Verdienst der Hand. Aber durch sie spricht nicht das Herz, sondern der Verstand, sprechen nicht Gefühle, sondern Gedanken. Bei der Geberdensprache ist die Hand für den Taubstummen Zunge und Gehör. Wie viele Unglückliche sind durch sie einem Zustande entzogen, der an die Natur des Thieres grenzt! — Bei allem Hohen und Heiligen, das uns bewegt und erfüllt, gebrauchen wir die Hand. Zum feierlichen Eidschwur erheben wir sie, und mit einem Handschlag verpfänden wir unsere Ehre. In Liebe, Dankbarkeit und Verehrung küssen wir die Hand, die uns Gutes erweist. Innig und warm drücken wir die Freundeshand, wenn wir den heiligen Bund der Treue schließen, und das Zusammenlegen der Hände einigt zwei Menschen für Leben und Ewigkeit. Sanft ruht die Hand auf unserm Haupte, wenn ein liebreicher Mund Worte des Segens, Worte des Trostes spricht. Im tiefsten Weh sind es die Hände, die wir flehend zum Himmel emporheben, und wiederum im höchsten Glück, da falten wir sie zu inbrünstigem Gebet. — Aus dem Baue, dem ganzen organischen Gefüge der Hand geht ihre größte Zweckmäßigkeit für alle nur möglichen Verrichtungen hervor. Die geringfügigste Thätigkeit der Hand, das kleinste Zeichen mit dem Finger läßt eine große Menge von Muskeln in Wirksamkeit, ebenso viele aber wieder außer Wirksamkeit treten. Die Einen spannen an, die Andern erschlaffen, immer aber werden sie mit der größten Sicherheit und Genauigkeit geleitet, und geradezu bewunderungswürdig ist die Thätigkeit der kleineren Muskeln in der Handfläche und zwischen den Knochen der Mittelhand, welche an die nahen Enden der Fingerknochen angefügt sind. Mit diesem feinen Muskelapparate erhalten die Finger eine erstaunliche Beweglichkeit, die auch in Bezug auf Zartheit und Feinheit in der Ausführung nichts zu wünschen übrig läßt. Es sind dies vorzugsweise die Organe, denen die Musiker ihre Fertigkeit im Spielen musikalischer Instrumente zu danken haben. Die Hand würde aber ihre Verrichtungen in dem ihr angewiesenen großen L *) M. Polchau. 13 -<.1 L i Umfange nicht auszuführen vermögen, das Gefüge der Knochen, Bänder, Muskeln, Gefäße und Nerven würde den Einflüssen äußerer Gewalt bald unterliegen, wenn die Handflächen, die inneren Seiten der Finger und ihre Spitzen nicht durch fleischige Kissen, durch nachgiebige starke Wülste, die zugleich die Apparate zur Ausübung des Tastsinnes bilden, vor Gefahren geschützt würden. Diese Kissen bilden in der Hohlhand mit Hilfe eines quer über die Hand gehenden, kräftig wirkenden Muskels nicht nur eine natürliche Vorrichtung zum Wasserschöpfen, den Becher des Diogenes, sondern an den Enden der Finger auch die vorzüglichste Einrichtung zum Tasten. Mittels dieser prallen, elastischen Wulst des Fingers ist der Mensch befähigt, bewunderungswürdig fein zu fühlen. Mit ihm fühlt der Arzt den Arterienpuls. Kein anderes Organ ist dazu so vollkommen geeignet, wie der Finger, und selbst die feinfühlige Zunge vermag wegen der Weichheit ihres Gefüges den Pulsschlag im Handgelenk nicht zu erfassen. Gleichsam als zweite Hand oder mindestens als Gehilfe der größern kann der Daumen angesehen werden. Denn vermöge einer Anhäufung von Muskeln, welche den Ballen des Daumens bilden, besitzt er eine Beweglichkeit, eine Geschicklichkeit und Kraft, die ihn nicht nur zum unentbehrlichen Mithelfer der Hand, zu ihrem wichtigsten Gliede macht, sondern ihn auch zu zahllosen selbst- ständigen Leistungen befähigt. Am Ende der zehn Finger befinden sich, schildartig, die Nägel. Sie sind nicht nur der unentbehrliche Schutz der Fingerspitzen, sondern auch eine herrliche Zierde der Hand; nichts verunstaltet letztere mehr als bis auf das Fleisch kurz abgebissene Nägel; pfui! Betrachtet man Größe, Form und Farbe der Hände eines jeden Einzelnen, erinnert man sich des Gefühles bei der Berührung einer fremden Hand, so muß man gestehen, daß die Verschiedenheit sehr groß ist. Da findet man breite und plumpe, schmale und schlanke, feste und zarte Hände; es gibt weiche und rauhe, schwache, aber auch kraftvolle Hände; Alabasterhände gibt es, deren Marmorkühle uns durchschauert, und Hände, weiß wie Blüthenschnee, deren Berührung wohlthut, bis ins innerste Herz. Unangenehm weiche Hände findet man, und solche, denen wir es ansehen und anfühlen, daß sie niederen Leidenschaften fröhnen. Jedem verständlich, tragen die Einen das Merkmal körperlicher Gesundheit zur Schau, während Andere, bleich und durchsichtig, verrathen, wie oft sie auf einem kranken Herzen geruht. Es gibt endlich Hände, die von Fleiß und emsiger Wirthschaftlichkeit sprechen, während uns andere schließen lassen, daß sie wohl mit Rosen zu tändeln und anmuthig den Fächer zu bewegen wissen, aber niemals des Hauses Leitung sicher zu führen und segensreich zu walten. Die Schönheit der Hand schätzen manche Leute höher, als die des Gesichtes, und Viele beurtheilen den Menschen nach seiner Hand. Und vielleicht nicht mit Unrecht. Eine Gabe aus schöner Hand — ist sie uns nicht doppelt angeuehm, und wird sie uns nicht zum Ekel, wenn sie aus einer häßlichen Hand kommt? Darum sollen die Hände immer sorgfältig gehalten werden; verständige Pflege läßt selbst Unvollkommenheiten in Form oder Größe minder bemerkbar werden. Eine schöne Hand ist um so höher zu schätzen, als ihre Schönheit bis in's hohe Alter sich erhält. Für den Künstler ist es eine der schwersten Aufgaben, eine Hand bis in alle ihre feinsten Nuancen und Linien wahrheitsgetreu darzustellen. Ein berühmter Maler äußerte einst, es sei leichter für ihn, eine vollständige Landschaft auf die Leinwand zu schaffen, als eine einzige tadellos ausgeführte Menschenhand. Manches Gemälde wäre ein Meisterwerk zu nennen, wenn nicht die Unnatürlichkeit der Form oder Haltung der Hände, die Häßlichkeit der Finger oder der Nägel zu störend wirkte. Auch die gebildeten Völker des Alterthums wußten die hohe Bedeutung der Hände nicht nur wegen ihrer Eigenschaft als unumgänglich nothwendige Kunstgehilfen der Seele zu schätzen, sondern sie bewunderten auch an ihnen die Schönheit der Formen und bemühten sich in Folge dessen, den Händen die größte Pflege angedeihen zu lassen. Alle Völker des Orients, namentlich aber die in den Harem eingeschlossenen Schönen, welchen der Putz und die Schmückung des Körpers als die alleinige Lebensaufgabe galt, waren eifrig darauf bedacht, die Hand sorgfältig zu Pflegen und ihre natürliche Schönheit zu erhalten und zu erhöhen. Wir wissen dies z. B. von den Indern, die sich überhaupt ein feines Gefühl für Schönheit und Ebenmaß angeeignet hatten. Sie hielten eine kleine, schlanke Hand für eine Bedingung jeder Schönheit, und man wird nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß die Ringe von den Indern ursprünglich zu dem Zwecke erfunden worden waren, um die Finger durch fortgesetzten sanften Druck, durch eine schützende Decke schlank und zart zu erhalten. Die Sorgfalt, die Schönheit der Hände zu bewahren und die Finger mit Ringen zu schmücken, lebt auch bei den Orientalen der Gegenwart noch fort, und namentlich sind es die Hindu, welche im Ebenmaß und in der Niedlichkeit der Hände ihr höchstes Ideal sehen. „Die Hände der Hindu", sagt ein berühmter Orientreisender, „sind zart gebaut und gleichen einer feinen Weiberhand, daher auch die Griffe der indischen Säbel für die meisten europäischen Fäuste zu klein sind." Bei den schönheitsliebenden und hochgebildeten Griechen wurden solche Hände für vollkommen gehalten, die mäßig voll waren und bei denen sich über den Knöcheln der Finger kaum merklich gesenkte Grübchen, die mehr wie sanfte Beschattungen bemerkbar waren, vorfanden. Die Finger mußten lang und zart sein und sich unvermerkt abrunden. Die Römer kamen in diesem Geschmack mit den Griechen überein und theilten der Minerva die schönste Hand, der jugendlichsten aller schönen Göttinnen aber, der Diana, die schönsten Finger zu. Auch unsere Vorfahren stellten dieselben Forderungen an die Hand. Sie fanden das Ideal derselben in der Weiße und Weichheit der Haut, in der Kleinheit und der länglichen schmalen Form, sowie in laugen, geraden Fingern mit spitzem Ende und glänzenden, rosenfarbenen Nägeln. — Wie die Pflege der Hand überhaupt, so fand insbesondere die Pflege der Fingernägel bei den Römern die höchste Beachtung. Namentlich hielten sich die vornehmen Damen, welche in ihren Toilettenzimmern ein Heer von Dienerinnen um sich versammelten, zur Pflege der Nägel kunstgeübte Sklavinnen, die sich zum Putzen und Glätten derselben statt einer Scheere kleiner silberner Zangen und feiner Messerchen bedienten, aber auch häufig Gebrauch von allerlei Säften, Kräutern und mineralischen Pulvern machten, um die rauhen Unebenheiten und Neben- 14 auswüchse der Nägel abzuglätten und zu entfernen. Erst dann hatte der Nagel unter der geschickten Hand der Sklavin seine vollkommene Schönheit erreicht, wenn er, regelmäßig beschnitten und rein abgeglättet, in sanfter Fleischfärbung erglänzte. Vielleicht noch mehr als heutzutage beachtete man vor zwei Jahrtausenden schon, daß zu den Bewegungen der Hand, wodurch sich der Mensch klar und verständlich machen, seine Empfindungen so schön und ausdrucksvoll darlegen kann, auch schöne Finger und ein wohlgepflegter Nagel erforderlich seien. Und in der That, zu keiner Zeit hat man es besser verstanden, die Hand als ein Werkzeug des Ausdrucks zu gebrauchen, wie im Alterthum. Namentlich waren es die Nömer, welche beim Sprechen lebhaft gestikulirten und das Verständniß der Rede durch häufige und geschickte Bewegungen mit Händen und Füßen vermittelten. Diese Geberdensprache gewann noch an Bedeutung, als man anfing, die Haud- bewegnugen in bestimmte Regeln der Kunst zu bringen. Es entstand so die Cheironomie oder die Kunst, mit den Armen, Händen und Fingern regelmäßige Biegungen, Wendungen und Geberden hervorzubringen. Sie wurde gleichsam als eine Vorbereitungslehre zur nachahmenden Tanzkunst angesehen, bei der es im Alterthum weniger auf die Gelenkigkeit der Füße, als auf die ausdrucksvolle Beweglichkeit der Hände und Finger ankam, so daß der sachverständige Ovid nicht die Füße, sondern nur biegsame Hände als Erforderniß zum guten Tanze angibt. Wie der Taubstumme die Hand zur Dolmetscherin seiner Empfindungen macht, so verstanden es namentlich auch die orientalischen Haremsdamen, nicht minder aber die Römerinnen, durch die Sprache der Finger Mittheilungen irgend welcher Art an die richtige Adresse zu bringen. Die Finger aber, welche eine so beredte Sprache führten, mußten sich selbstverständlich auch durch Schönheit und Ebenmaß, durch Zierlichkeit und glänzende Fleischfärbung der Nägel auszeichnen. Unsere Schauspieler, ja auch die Kanzclredner verdanken ihre Erfolge wesentlich den maßvollen, schönen und ausdrucksvollen Bewegungen der Hände, und auch die Maler haben es verstanden, auf ihren Bildern die Sprache der Hände zum Ausdruck gelangen zu lassen. Dem Alterthume entstammt auch die Kußhand. Sie ist religiösen Ursprungs und diente anfangs nur als Ausdruck der Gottesverchrung. Später, zumal in der römischen Kaiserzeit, ward ihr Gebrauch allgemeiner. Otho wendete als Kaiserkaudidat Kußhändchen dem Volke gegenüber an, um ihm zu schmeicheln; Nero lehnte einen Ehrenkranz für sein Zitherspiel ab, indem er dem versammelten Publikum eine Verbeugung machte und Kußhündchen zuwarf. Ueberhaupt dankte der Schauspieler, wenn man ihm Beifall klatschte, durch Kußhändchen, und der Bettler suchte dadurch die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erwecken. — Wenden wir uns nun zum Schlüsse der Chirognomie zu, der Lehre von der Beschaffenheit der Hand und ihrer Gestalt als ein Ganzes, die besonders von dem Kapitän d'Arpentigny in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts in ein System gebracht wurde. Henri Delaage weist in seiner „kerksotionnemsut xl^sigus äs Irr raes IrurnLivs« nach, daß die Körpergestalt das Nelicfbild des moralischen und geistigen Wesens des Menschen sei; die Gedanken und Empfindungen verleihen der Gesichtsbildung ihren Ausdruck, bringen ihn entweder dem Thiere näher oder verschönern ihn durch poetischen Hauch. Die Hand ist ebenso eine Physiognomie wie das Gesicht; eine schöne Hand ist ein von der Natur mitgegebener Empfehlungsbrief, aber während Gesicht und Gehirn unter den gestaltenden Einflüssen der Vergangenheit und Gegenwart sich heransformen, soll die Hand das Buch der Zukunft sein. Die Hände sind das lebende Wappen, das ein Kind wie eine Erbschaft in die Welt mitbringt; sie sind daS Kennzeichen der Nasse. Die Hände aristokratischer Familien sind wesentlich verschieden von denen der Bürger oder der unteren Volksklassen; schöne Hände, die durch edle Form, durch wunderbar feines, bläulich und scharf durch die elfenbeinfarbene Haut hindurchleuchtendcs Geäder, sowie durch rosige, gewölbte, lange Nägel entzücken, sind wie Adelsbriefe, die von einer Reihe edler Vorfahren Zeugniß ablegen. — Thackeray hebt hervor, daß es vor allen anderen Gliedmaßen die Hände seien, welche durch die Art der Beschäftigung am meisten in ihrer Formation beeinflußt und bestimmt werden. Eduard Reich bemerkt, daß die Bedeutung der Hände für das Seelenleben immer größer wird, je höher die Stufe organischer und socialer Entwicklung des Menschen ist. Merkwürdig aber sei es, daß die Intelligenz nicht so großen Einfluß auf die Verfeinerung der Hände ausübt, als das Gefühlsleben, und je höher dieses in guter oder böser Richtung potenziert ist, desto feiner organisirt sehen wir die Hände. Viele der größten Geister besaßen Hände, die einem Landsknechte des Mittelalters Ehre gemacht hätten, während Menschen mit höchst entwickeltem Gefühlsleben meistens vergeistigte, ätherisch schöne Hände auszuweisen haben. d'Arpentigny theilt die Handformen in sieben Kategorien: elementare, schanfelähnliche, künstlerische, nützliche, philosophische, seelische und gemischte. Die elementare Hand zeigt eine sehr niedrige Stufe der Civilisation an; ihr Handteller ist mächtig groß, dick und hart, die Finger klotzig, ungelenk; „eL ist die Hand der gröbsten Arbeit, ihr Inhaber kann sein Glück namentlich im Kriege als tüchtiger Dreinschlägcr machen." Die schanfelförmige Hand zeigt einem Grabscheit ähnliche erste Fingerglieder. Leute mit solchen Händen sind außerordentlich thätig, in steter Bewegung, im Frieden tüchtige Handwerker oder Anhänger leichter Liebhabereien, im Kriege muntere Soldaten; Billardspieler von Profession; die Tanzbodenkönige, Fechtmeister und dergleichen haben fast immer Schaufelhände. — Die künstlerische Hand hat im ersten Gliede ziemlich starke Finger, die mehr oder minder kegelförmig spitz zulaufen; der Daumen ist klein, der Handteller gut entwickelt. Menschen mit solchen Händen suchen alles Schöne nur in der Gestalt, ziehen das Schöne dem Nützlichen, die Form dem inneren Wesen vor. Enthusiastische Schwärmgeister, auch Abenteurer, Glücksjäger, von ihrer Verschmitztheit lebende Personen besitzen fast ausnahmslos derartige Hände. — Die nützliche Hand ist von mittlerer Größe, hat plumps- Finger mit vierkantigem Endgliede, großen Daumen mit stark entwickelter Wurzel. „Dies ist die Hand der Mehrzahl der Industriellen und Bourgeois", die das Bequeme an Stelle des Schönen setzen, — der Menschheit nützliche Leute, die Eisen- und Pferdebahnen anlegen, sich mehr bequem als elegant kleiden, für welche Liebe und Ehe häufig nur ein materielles Geschäft sind. — Die philosophische Hand hat einen ziemlich großen, elastischen Handteller, starke Fingergelenke, einen großen Daumen. Eine solche, 4 L/- - 0 15 von allen anderen am leichtesten zu unterscheidende Hand besitzen die Grübler in wissenschaftlichen Dingen, die Forscher. Die seelische Hand ist ohne Zweifel die schönste und auch seltenste: die aristokratische Hand. Sie ist im Verhältnisse zur Körpergröße klein und fein, der Handteller mittlerer Größe, die Finger gelenkig, die Fingergelenke wellig und schlank. Sie ist das Anzeichen elegant harmonischer Bewegungen, der Sitten der besten Gesellschaft, — aber Zur Arbeit ungeeignet, befähigt sie nur zu einem Leben gleich dem der Böge! unter dem Himmel oder der Lilien auf dem Felde. Eine solche Hand ist das Entzücken der Frauen. — Die gemischte Hand, welche überaus häufig vorkommt, läßt sich in keine dieser Kategorien einreihen, sondern zeigt Kennzeichen aus ihnen allen gemischt. Kleine Daumen zeigen einen Gefühlsmenschen an, der mehr dem Impulse als der kalten ruhigen Ueber- legung folgt. Auch die Fingcrnägel haben ihre Bedeutung. Lang geformte Nagel kennzeichnen eine gesunde Natur und einen mißtrauischen Charakter; lange und breite Nägel verrathen Leichtsinn und Verschwendung, ebenso kleine, halbkreisförmige; kleine, runde Nägel bezeichnen einen zornigen verdrießlichen Menschen; kleine, eingebogene Nägel lassen auf Ehrgeiz und Hoffart schließen; flache auf Uu- offenheit und Falschheit; dicke, fleischige auf Trägheit und rohe Sinnlichkeit, während endlich schön gezeichnete, mandelförmige Nägel einen vornehmen Charakter, Stolz und Idealismus kennzeichnen. Um nun zu prüfen, ob und wie viel Wahres in Obigem enthalten sei, ist das einfachste Mittel, an der Hand der Selbsterkenntnis; feine eigene zn studieren oder die Hände von Freunden und Bekannten darauf hin zu untersuchen. Zu einem sicheren Erfolge ist aber Erfahrung und reiche Kenntniß des Lebens erforderlich. Ebenso wie gebildete Leute an Phrenologic glauben, ist dies auch mit der Chirognomie der Fall; oftmals macht mau bei Anwendung ihrer Lehren erstaunliche Entdeckungen, oftmals aber kommt man auch in die Lage, auf sich selbst einen Vergleich aus dem Thierreiche anzuwenden. Wie immer, liegt auch hier die Wahrheit in der Mitte und thut die Phantasie ein klebriges. -- Münchens Bierbrauereien. München steht in Bezug auf eigenen Vielverbrauch und in Bezug auf Güte und Weltruf seines Gebräues unter allen biererzeugendcn Großstädten der Erde zweifellos in erster Linie. Viele, so schreibt die „K. Z.", unter den dreißig jetzigen Brannbierbrauereien Münchens haben eine mchrhnndertjährige, in ihrer Art nicht uninteressante Geschichte, wie denn z. V. am 27. September 1889 vom kgl. Hofbräuhaus und dieses Jahr von der Eberl - Faber - Brauerei der Jahrestag des 300jährigen Bestehens festlich begangen worden ist. Daran, daß, abgesehen von der eigenen Brauerei im Hause, das Brauwesen bis zum 11. und 12. Jahrhundert fast ausschließlich und auch seitdem noch vielfach in den Klöstern betrieben wurde, erinnern die Augnstincrbrauerei und die die Salvatorbrauerei der alten Paulaner Mönche weiter cnltivirende Zacherlbrauerei, während der Francis- caner- oder Leistbräu blos die Zufälligkeit des Namens mit der Brauthätigkeit der Frait^scanermönche gemeinsam hat. Obwohl nicht alle Brauer dies gelten lasten wollen, ist es doch zweifellos, daß die bayerische Bier- Industrie ihre Blüthe theilweise der mittelalterlich strengen, die Verwendung aller andern Grundstoffe als Malz, Hopfen und Wasser mit hoher Strafe belegenden Gesetzgebung, sowie dem durch das staatliche Hofbräuhaus gegebenen guten Vorbild verdankt. Unter allen biererzeugenden Ländern steht Deutschland in erster Linie (innerhalb Deutschlands wiederum Bayern und innerhalb Bayerns die Stadt München); demnächst kommen in der Reihenfolge England, Nordamerika, Oesterreich-Ungarn, Belgien und Frankreich. Auf dem europäischen Continent galten bis vor Kurzem und gelten noch vielfach heute die beiden Münchener Niesenbraueien „Zum Löwenbräu" (Actiengcscllschaft) und „Zum Spaten" (Privatbesitz der Gebrüder Anton, Johann und Karl Sedlmayr) in Anbetracht ihrer ungeheuren Biererzeugung als die größten. Bei vollem Betrieb geht aus jeder dieser beiden Brauereien täglich eine Viermenge hervor, die für eine halbe Million Seidel Bier ausreicht. Dabei sei bemerkt, daß jedwede das fertige Bier berechnende Statistik auch für Bayern blos auf Schätzung beruhen kann, während wegen der staatlichen Malzbesteuerung die Statistik des von den einzelnen Brauereien verbrauchten Malzes, wie sie in Bayern alljährlich am 1. Juli veröffentlicht wird, sehr genau ist. Bei der Umrechnung des verbrauchten Malzes in fertiges Bier läßt die bayerische Regierung auf je 100 Hektoliter Malz 220 Hektoliter Bier entfallen, während in Wahrheit bei dem jetzt üblichen Münchener Brauverfahren blos etwa 205 bis 206 Hektoliter Bier herauskommen. Nun sind 1892 in München 2,954,798 Hektoliter Braunbier gebraut worden, wovon die größere Hälfte mit 1,586,505 Hektoliter an Ort und Stelle aus- gctrunken, die kleinere dagegen mit 1,372,260 Hektoliter in den eisgekühlten eigenen Waggons der Großbrauereien (Spatenbräu besitzt deren allein gegen 150) nach allen Himmelsrichtungen versandt wurde. Jener vielleicht 1000 Waggons umfassende und ausschließlich der Bier- ansfuhr dienende Wagenpark, wie er sich dem mit der Eisenbahn Ankommenden als das Erste darstellt, waS er von München erblickt, gehört entschieden mit zu den Sehenswürdigkeiten der süddeutschen Großstadt. Von sämmtlichen 30 Brannbierbrauereien Münchens sind im Sndjahre 1892/93 1,346,606 Hektoliter Malz verbraucht worden, wovon auf die beiden größten Anlagen (Löwcubräu und Spatenbräu) je fast eine Viertclmillion Hektoliter, auf die kleinste dagegen blos 68 Hektoliter entfallen. Die Reihenfolge der bekannteren Brauereien ist nach dem Malzverbranch von 1892/93: Löwcubräu, Spatenbräu, Leistbräu (auch Franciscaner-Bräu genannt), Pschorrbräu, Augustinerbräu, Bürgerliches Brauhaus, Hackerbräu, Zacherlbrän, Hofbräu, Kochclbräu, Münchner Kindl, Eberlbrüu u. s. w. Aeußerst feine, für den Nicht- fachmann ganz unwesentliche Unterschiede abgerechnet, wird in allen Münchener Sudhäusern genau nach dem gleichen, von altersher empirisch festgestellten Recept ge- brant.' Die Theorie namentlich deS Gährungsproccsses, die von dem jetzt verstorbenen, um Münchens Brauwesen hochverdienten Commcrcienrath Gabriel Sedlmayr aus England auf bayerischen Boden verpflanzt wurde, hat weniger an der Beschaffenheit des Bieres geändert, als daß sie durch Verbesserung der gewaltigen maschinellen Anlagen den Betrieb im Großen erleichterte und auch 16' wohl eine größere Gleichförmigkeit des Fabrikats ermöglichte. DaS Münchener Bier ist gegen frühere Zeiten andauernd etwas stärker geworden. Auch sind, seit der Staat Ende der sechziger Jahre aufgehört hat, je nach dem Marktwerth von Malz und Hopfen den BierpreiS festzustellen, die früheren Unterschiede zwischen leichterem Winter- und schwererem Sommerbier mehr und mehr verwischt worden. Letzteres wird jetzt während des ganzen Jahres verzapft, während zwei untereinander sehr ähnliche, eigentlich blos durch den Namen verschiedene Münchener Specialitäten, nämlich das schwere Salvator- und das süßliche Bockbier, alter Sitte und Geschmacksrichtung entsprechend, blos im Frühjahr zu haben sind. Während die oft gehörte Behauptung, als ob das in Berlin oder Köln znm Ausschank gelangende Münchener Exportbier oder das zum Versandt in die Tropenländer bestimmte pasteurisirte Flaschenbier stärker als das in München verzapfte eingesotten sei, von den Münchener Brauern bestritten wird, verhält sich allerdings der Exiract- gehalt des schweren und süßen Bockbieres zu demjenigen des gewöhnlichen wie 20 zu 14. Wer die Räume dieser oder jener Münchener Groß- braucrei durchwandert, wird zuerst auf die wohlgelüfteten Lagerräume stoßen, wo der zur Bewahrung seines Aromas in luftdichten eisernen Cylindern eingepreßte bayerische oder böhmische Hopfen und die aus dem Boden aufgeschichtete deutsche oder ungarische Gerste, die, damit der sogen, schwarze Wurm (ein Rüsselkäfer) sie nicht frißt, des öfteren umgeschaufelt werden muß, der Verwendung harren. Große Sorgfalt wird der-Noinigung der Gerste und der Entfernung der kleineren, einen gleichförmigen Keimungsproceß verhindernden Körner zugewandt. Ungeheure Bottiche aus Eiseu oder Stein und Cement dienen dem zweitägigen Aufquellen der mit Wasser vermengten Gerste, während eingepumpte Luft durch Hin- und Herschieben des Kornes eine Beseitigung des etwa noch vorhandenen Schmutzes bewirkt. Man glaubt sich in das kühle Labyrinth einer geradezu ungeheuerlichen Anlage von unterirdischen Kirchcugrüften versetzt, wenn man zu jenen weißgetünchten, mit Lithographensteinen belegten endlosen Kellergewölben — bei Spatenbräu umfassen diese Malztennen 12,500 Quadratmeter — her- niedersteigt, wo die etwa alle acht Stunden, unter der Beleuchtung des elektrischen Lichtes, umgeschaufelte Gerste bei niederer Temperatur (während der heißesten Sommerzeit wird kein Malz bereitet) ihren acht- bis neuntägigen Keimproceß durchmacht. Wer brauen will, darf vor schroffen Temperaturwechseln keine Angst haben, denn nun geht es zur zweistöckigen Malzdarre, deren Fußboden aus feinem, von unten her die Hitze durchtastendem Draht besteht, und wo jetzt ein sehr verwickelter Mechanismus das Umwenden der 24 Stunden im obern und ebenso lange im heißern untern Stock verweilenden Gerste besorgt. Früher aber und jetzt noch in kleinen Brauereien mußte Menschenhand bei 70° R (also blos 10 oder hier im hochgelegenen München 9° unter dem Siedepunkt des Wassers) die letztgenannte Arbeit verrichten. Die geröstete Gerste, die nunmehr Malz heißt, wird in fein erdachten Maschinen von den unten im Keller herangekeimten Wurzelfasern befreit, die dem Bier einen unangenehmen Geschmack geben würden, und lagert dann vor der Benutzung, in Säcke verpackt, wenigstens einige Wochen lang, damit aus der Luft wieder etwas Feuchtigkeit aufgesogen werden kaun. Kurz vor dem Sudverfahren wird das Malz in der Weise zerquetscht, daß, während der Kern zu staubigem Mehl zerfällt, die später als Filtrirmittel dienende Hülse des Gerstenkorns möglichst unzerrisscu bleibt. Die Sudwerke sind allerdings während des Winters stärker als im Sommer. In den Gährkellern, wo das Thermometer etwa 6 bis 8° ü, über Null zeigt, wird als weißgelbliche, einem Mehlteig gleichende Masse die Hefe zugesetzt. Acht oder zehu Tage währt es, bis das Einsinken des Schaumes und die Klärung der Masse das Ende der Gührung ankündigt und das Bier seinen Weg zu noch kühleren Kellern (im Sommer zeigt dort das Thermometer gewöhnlich */z Grad über Null) in die je 30—50 Hektoliter enthaltenden Lagerfäffer nimmt. Zwei Monate genügen vollauf zur Ablagerung, und das meiste Münchener Bier dürste etwa in zwei- bis dreimonatlichem Alter getrunken werden. Bei längerem Lagern verliert sich der hier beliebte ganz leicht süßliche Geschmack. Die so überaus ergiebige unter dem Namen „Malzaufschlag" bekannte bayerische Bicrstcuer wird auf eine ebenso einfache wie sinnreiche Weise festgestellt. Bei jenen Maschinen, die das Brechen des Malzes besorgen, befindet sich ein selbstregistrirender, mit amtlichen Siegeln versehener Apparat, an dem die Beamten, sei es täglich, sei es wöchentlich, die Menge des gcschrotencn Rohmaterials ablesen. Während früher in den großen Münchener Brauereien, ähnlich wie dies noch jetzt auf dem Lande der Fall ist, mit Natureis gekühlt wurde, hat die Rücksicht auf Ranmersparniß immer mehr Zur Kälte-Erzeugung durch Dampfmaschinen geführt. --SrNZ-S-.--- ALLesLSll. Bei der Wahrsagerin. „Wenn ich Ihnen die Geheimnisse Ihrer Vergangenheit und Zukunft enthüllen soll, haben Sie fünf Mark zu zahlen, mein Herr." „Hier sind sie. Und damit ich an die Enthüllungen meiner Zukunft glauben kann, erzählen Sie mir etwas aus meiner Vergangenheit." „Nichts leichter als das. Sie sind in Ihrer Ehe unglücklich gewesen." „Ich war nie verheirathet." „Hm. Sie haben von falschen Freunden zu leiden gehabt." „Meine Freunde sind erprobt." „Hm. Man kann sich irren. Sie sind ein Vielgereister." „Mein weitester Ausflug hat sich bis znm nächsten Dorfe erstreckt." „Er, da muß ich doch Ihre Hand genauer ansch'n. So — gleich kann ich besser darin lesen. Nun hab' ich's. Sie haben einen Geldverlust erfahren." — „Ganz recht; die fünf Mark, die Sie mir soeben abgenommen haben." --SW2SS-..- Homonym. Von einem Volk ich mich AlS Gott verehren ließ, Mein Ansch'n längst entwich, Weil mich daS Volk verstieß. Ich bin nicht recht gescheidt, Erdulde Spötterei'», Kommst du zu später Zeit, Lass' ich dich nicht herein. Lr. Auslösung der Schachaufgabe in Nr. 1: Weiß. Schwarz. 1. <14 und 2. 0 entsprechend resp. lli : bü -j-. ---EZH-- 3 . 1894 . „Augsburger Postzeitung". Dienstag, den 9. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Znstirnts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). Auf verwegener ZZahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Elegant möblirt, aber durchaus nicht mit Luxus überladen, war das Zimmer, in welchem eine junge 20 jährige Dame vor dem Trumeauspiegel stand. Zum Ausgehen angekleidet, warf sie eben einen letzten prüfenden Blick hinein. Ihr Wuchs war hoch und schlank, aber von einem solch wunderbaren Ebenmaße, daß sich die Größe ihrer Figur nur bestimmen ließ, wenn andere, neben ihr stehende Personen Gelegenheit zu einem Vergleiche boten. Ihr reiches Haar schimmerte wie Gold, ohne dazu erst der Mithilfe der Sonnenstrahlen zu bedürfen; es fiel in kleinen natürlichen Löckchen auf die Stirn und war im Nacken einfach zu einem griechischen Knoten verschlungen. In dem schönen, milden Antlitz strahlten ein Paar große, tiefblaue Augen, wie zwei Sterne. Ihr beabsichtigter Ausgang sollte einem Einkaufe für den heutigen Nachtisch gelten, und eben stand sie im Begriff, sich für diesen Zweck mit einem zierlich geflochtenen Körbchen zu versehen, als Martha, das Dienstmädchen, eintrat. „Ihr Herr Vater läßt Sie bitten," meldete diese ihrer Herrin, „heute Vormittag zu Hause zu bleiben; er habe mit Ihnen zu sprechen. „Gut", sagte Siglinde kaum hörbar, während sich das Mädchen wieder entfernte. Sie war betroffen. Daß der Vater, dieser mit pedantischer Strenge sich an die Geschäftsstunden bindende Kaufmann, während der Comptoirzeit seine Fa- milienwohnung betrat, war etwas ganz Ungewöhnliches, ja Unerhörtes. Siglinde erinnerte sich nur eines einzigen derartigen Ausnahmefalles; als er bei dem Tode der Mutter heraufgeholt worden war. Sie machte sich daher auf etwas sehr Ernstes gefaßt. Schon seit Jahr und Tag hatte sie ihm einen schweren Kummer angemerkt, jein Haar war in dieser Zeit gebleicht, sein Gesicht sehr gealtert. Aber sie hatte nicht gewagt eine Frage an ihn zu richten, denn sie glaubte, ihre Schwester Erika sei die Ursache seines Kummers, und dieser Name durfte in Gegenwart des Vaters nie ausgesprochen werden. Erika, acht Jahre älter als Siglinde, war von bodenlosem Leichtsinn gewesen. Alle auf ihre Erziehung verwenvete Sorgfalt hatte nichts genützt. Als größeres Schulmädchen bereits eine Schönheit und vollendete Coquette, gab sie sich Rendezvous mit verliebten milch- bärtigen Gymnasiasten und machte dem makellosen Rufe der Familie Unehre. Nachdem sie der Schule entwachsen, brachte der Vater sie in einem strengen Erziehungsinstitute in Brüffel unter. Von dort entfloh sie, und bald erfuhr man, daß sie sich einer wandernden Sängergesellschaft angeschlossen hatte. Ihre schöne Stimme bahnte ihr später den Weg zur Bühne; dann war sie nach Amerika gegangen, und seitdem hatte man bis zum heutigen Tage nichts mehr über sie gehört. Den Leichtsinn hätte der Vater ihr vielleicht noch verziehen, daß sie damit .aber zugleich eine herzlose Gleichgiltigkeit gegen ihre Familie verband, nach welcher sie nie wieder gefragt hatte, und daß darüber das zärtlich liebende Herz der Mutter brach —, das vermochte ihr der Vater niemals zu verzeihen. Er hatte sich gänzlich von der entarteten Tochter losgesagt, hatte ihren Namen aus seinem Gedächtniß gestrichen, als ob er sie niemals besessen, und mit der Zeit war über dem Grabe in seinem Herzen Gras gewachsen. Und nun? Hatte dieses Grab sich vielleicht wieder geöffnet? Hatten sich im Vater bei seinem zunehmenden Alter Regungen der Sehnsucht nach dem verlorenen Kinde eingestellt? Waren harte Schicksalsprüfungen über Erika hereingebrochen, vor deren erschütternder Tragik die Eisrinde um das väterliche Herz zu schmelzen begann? War wohl gar eine jähe Katastrophe eingetreten, welche den schleichenden Gram des alten Mannes bis zu jener fieberhaften Aufregung, die Siglinde seit einigen Tagen an ihm wahrgenommen, gesteigert hatte? Während Siglinde, den Kopf in die Hand gestützt, noch mit diesen Gedanken beschäftigt war, trat Schönaich, ihr Vater, selbst ein. Kummer und Sorge hatten tiefe Falten in sein Antlitz gegraben, sein Haar war ergraut und sein Kinnbart schneeweiß, aber in seiner aufrechten Haltung und in seinen Bewegungen verrieth sich noch ungebrochene Kraft. „Ich sehe Dir's an, Siglinde", begann er, nachdem er eine Weile schweigend auf- und abgegangen war, „daß Du auf eine ernste Nachricht vorbereitet bist." „Mir ahnt, daß sich etwas mit Erika —" Sie hatte den Muth gefunden, diesen Namen übn ihre Lippen zu bringen. Aus dem Kopfschüttcln des Vaters und mehr noch aus dem eisigen Lächeln, wovon jenes begleitet war, merkte sie sogleich, daß ihre Vermuthungen sich auf einer falschen Fährte bewegt hatten. Er rückte sich einen Stuhl zurecht, ließ sich darauf nieder und begann von Neuem: „Du hast einen starken Geist, Siglinde. Ich kann mir daher alle weitläufigen Auseinandersetzungen ersparen. Heute noch, und zwar so bald wie möglich, mußt Du Deine Sachen packen. Ich begleite Dich nach dem Gute Nottenbach, zu Deiner Freundin Helene Steinau, und kehre dann wieder zurück. Du bleibst bis auf Weiteres dort. Von diesen trauten Räumen hier, wo Du geboren und aufgewachsen bist, nimm Abschied, Du wirst sie wahrscheinlich nie wiedersehen." — Siglinde fühlte sich von dieser Eröffnung wie von einem Donnerschlage berührt, denn Schreckliches mußte sich im Hintergründe derselben bergen. Aber sie faßte sich, um das berechtigte Vertrauen des Vaters in ihre starkgeistige Natur nicht zu täuschen. „Du kennst die Einschränkungen," fuhr Schönaich fort, „die ich allmählich in unserem Haushalte eintreten ließ, und hast mich darin in opferwilliger Weise unterstützt, Du hast auf die meisten der gewohnten Vergnügungen verzichtet, hast Dich schon seit langem mit nur einem Dienstmädchen behalfen und die Hauptlast des Haushaltes auf Dich genommen, ohne nur zu fragen, weßhalb. Du hast vielleicht geglaubt, es sei eine plötzliche grillenhafte Laune Deines reichen Vaters, sich einer engherzigen Sparsamkeit zu befleißigen. Das war es aber nicht, sondern es war ein eiserner Zwang. Ich habe ohne mein Verschulden schwere geschäftliche Verluste erlitten, ein Schlag traf mich nach dem andern. Ich habe Dir's bis zur letzten Stunde verheimlicht, jetzt aber mußt Du es erfahren, daß ich unmittelbar vor dem Bankerott stehe. Meine Hauptgläubiger haben mir eine Gnadenfrist von wenigen Tagen gegeben, weil ich mich noch an eine schwache Hoffnung auf Rettung klammerte. Die Hoffnung hat getrogen, die Frist ist verstrichen. Zu jeder Stunde kann dieses Haus unter Siegel gelegt werden. Du sollst nicht Augenzcu- gin von dem kläglichen Zusammenbruche werden, deßhalb bringe ich Dich heute noch mit einem der nächsten Eiscn- bahnzüge zu Deiner Freundin, die von unserer Ankunft bereits unterrichtet ist." Von allen Empfindungen, welche diese ganz unerwartete Hiobsnachricht in dem jungen Mädchen wachrief, war keine so stark, als das schmerzliche Mitleid mit dem geliebten Vater, den nach den harten Schicksalsprüfungen, die sein Familienleben heimgesucht, nun, da sein Haupt ergraut war, auch noch das bittere Loos der Verarmung treffen sollte, und das sogar unter Umständen, die ihn bei seinem strengen Ehrbegriff und seinem Nedlichkeits- gefühl sein Unglück nur um so tiefer empfinden lassen mußten. Siglindes nächster Gedanke war, ob wirklich keine Hilfe, keine Rettung möglich sei? Und da tauchte unwillkürlich eine lebhafte Erinnerung an ihre Kinderzeit in ihr auf. Sie sah sich mit ihrer älteren Schwester Erika in einem großen, schönen Garten, der weit draußen in einer Vorstadt lag. Dort hatte sie sich oft umherge- tummelt unter den Augen einer Frau, die an einem Krückstock ging. Diese Frau, welcher der Garten gehörte, war ihre Tante, die Schwester der verstorbenen Mutter. Seit ihrem achten Jahre etwa hatte Siglinde den Garten nicht wieder betreten und die Tante nicht mehr gesehen; es war zwischen sie und dem Vater ein dunkles Zer- würfniß getreten und hatte die Familie entzweit, aber nie war sich Siglinde darüber klar geworden. Doch wußte sie, daß die Tante reich, steinreich war und noch lebte. Wenn Jemand helfen konnte, so war sie es. „Vater", begann Siglinde, wie aus einem Traum erwachend, „verzeihe mir, wenn ich Dir in meiner Unwissenheit einen Rath zu geben wage, den vielleicht Dein Stolz verwerfen muß. Ich weiß nicht, was zwischen Dir und Tante Rollenstein einst vorgegangen ist, aber in einer Lage, wie die Deinige, würde die Schwester meiner Mutter Dir vielleicht ihre Hilfe nicht versagen." Schönaich zuckte zusammen, wie von etwas Giftigem berührt, und seine Stirn legte sich in finstere Falten. „Es wäre ein Verbrechen, wenn ein Mann in meiner Lage auch noch stolz sein wollte," entgegnete er. „Eben die Tante war jene letzte schwache Hoffnung, an der ich mich festzuhalten versuchte. Ich machte den bitteren Gang zu ihr, aber sie nahm meinen Besuch gar nicht an. Dennoch ließ ich mich durch diese Zurückweisung nicht abschrecken, sondern wußte sie außerhalb ihres Hauses zu treffen. Sie mußte mich anhören; ich gestand ihr meine verzweifelte Lage, nannte ihr die Summe, mit der ich mein leckgewordenes Schiff wieder flott machen könne, und bat sie um ihre Hilfe, nicht meinetwegen, sondern um der Ehre des Namens wegen, den ihre todte Schwester getragen hatte. Mit Hohngelächter wies sie mich abl" „O, welche Härte des Herzens I" rief Siglinde, das Gesicht in den Händen bergend." — „Ich will", versetzte Schönaich bitter, „Dir erzählen, was es zwischen ihr und mir einst gegeben hat, — und darnach wirst Du bemessen können, welche Ueberwindung dazu gehörte, mich ihr jetzt als Bittender zu nahen . . . Sie hatte in ihrer Jugend ein Verhältniß mit einem Leutnant v. Harnisch. Aber Beide waren arm, und ein Leutnant, der selbst nichts besitzt, kann kein Mädchen ohne Vermögen zur Gattin nehmen. Die Tante war es, welche die Hoffnungslosigkeit dieser Liebe zuerst einsah, denn als ein alternder Junggeselle, ein Millionär, von ihrer blendenden Schönheit bestochen, ihr seine Hand anbot, griff sie zu, ohne sich lange zu besinnen. Auch der Leutnant wußte sich zu trösten; er heirathete ein Mädchen, deren Vermögen zu einem standesgemäßen Leben ausreichte. Bei Beiden hatte also die Vernunft gesiegt, aber die Herzen schien dies nicht getrennt zu haben, wenigstens ging Harnisch im Hause seiner ersten Geliebten aus und ein, bis er mit seinem Regiment nach Elsaß versetzt wurde. Als vor zwölf Jahren der alte Rollenstein starb, wollte Harnisch, der inzwischen Wittwer geworden war, die Tante heirathen, und er kam hierher, um die Sache persönlich zu betreiben. Seine Bewerbung fand bei der ehemal'gen Geliebten eine sehr willige Aufnahme. „Alte Liebe rostet nicht," sagt das Sprichwort, er durfte noch immer als ein schöner Mann gelten, war auch inzwischen zum Major avanciert und der Titel „Frau Majorin v. Harnisch" mochte dem Ohre der Tante nicht wenig schmeicheln. Als die Heirath eine beschlossene Sache war, warnte ich die Tante ernstlich vor diesem Schritte. Sie hatte damals bereits die Mitte der Vierzig überschritten, von ihrer ehemaligen Schönheit war längst die letzte Spur verweht, und seit sie in Folge eines Hüft- leidens operirt worden war, hatte sie einen hinkenden Gang und mußte am Stocke gehen. In der besten und wohlmeinenvsten Absicht von der Welt und in der schallendsten Weise stellte ich ihr dies vor und versuchte sie zu überzeugen, daß der Major v. Harnisch bei seinem Eheantrage gewiß von ganz anderen Beweggründen geleitet werde, als das Ideal seiner Jugend als Gattin heimzuführen. Dunkle Gerüchte, die mir über seinen Straßburger Aufenthalt schon früher zu Ohren gekommen waren, hatten mich veranlaßt, an zuverlässiger Quelle Erkundigungen einzuziehen, und da hatte ich denn erfahren, daß er schlimmen Leidenschaften huldigte und daß er das ganze Vermögen seiner verstorbenen Frau im Hazardspiel vergeudet hatte. Nichts konnte klarer sein, als daß er sich nun in die Arme der früheren Geliebten retten wollte, um sich an ihrem Reichthum zu erholen. Meine Offenheit in Bezug auf ihre geschwundenen Jugendreize nahm mir die Tante sehr übel; meine Mittheilungen über das sittenlose Leben des Majors glaubte sie mir einfach nicht. Sie warf mir vor, daß ich mich nur durch die schmutzigste Selbstsucht zu solchen Verleumdungen habe hinreißen lassen, um die Heirath zu hintertreiben. Die Tante muß den Inhalt dieser Unterredung dem Major mitgetheilt und dabei mein abfälliges Urtheil über seinen Lebenswandel in dem gehässigsten Lichte dargestellt haben. Er suchte mich am nächsten Abend in einer öffentlichen Gesellschaft auf und schlug mir Mit der Reitpeitsche ins Gesicht, daß ich blutüberströmt und bewußtlos zu Boden stürzte. Ich konnte mich mit den Striemen in meinem Gesicht mit Ehren nicht mehr auf der Straße, nicht mehr in meinem Comptoir sehen lassen, wenn ich nichts als ein gerichtliches Strafurtheil gegen meinen Beleidiger als Sühne auszuweisen gehabt hätte. Als ehemaliger Reserveoffizier wußte ich, was ich zu thun hatte. Ich forderte den Major auf Pistolen. Er zielte nach meiner Stirn und streifte mir nur das Haar, ich zielte nach seinem linken Arm und traf sein Herz." Das also war es, was die beiden Familien entzweit hatte, und jetzt konnte sich Siglinde erklären, weß- halb der Vater einst viele Monate lang abwesend war und weßhalb sie aus der Schule genommen und lange Zeit hindurch zu Hause durch Privat- lehrer unterrichtet worden war. „Vater!" sagte Siglinde, „ich verstehe jetzt die Demüthigung, welcher Du Dich als Hilfesuchender bei der Tante ausgesetzt hast. Ich habe keinen Antheil an dem, was ihre Rachsucht gegen Dich erweckt hat, ich bin an jenen Ereignissen unschuldig und ich weiß, daß sie mich in den Tagen meiner Kindheit gern gehabt hat. Vielleicht gelingt mir, was Dir nicht gelang. Ich will zu ihr eilen, ich will sie auf meinen Knieen anflehen, Dich zu retten." „Ich danke Dir, geliebtes Kind," entgegnete Schön- aich mit einem warmen Blick auf seine Tochter. „Aber Du kennst das steinerne Herz dieser Frau schlecht, Du selbst bist ein Werkzeug ihrer Rache an mir." „Ich?" frug Siglinde mit ungläubigem Erstaunen. „Höre nur, Du wirst mich gleich verstehen. Der alte Rollenstein hat ein Testament hinterlassen, wonach sein Vermögen nach dem Tode seiner Wittwe entweder nur an die nächsten Blutsverwandten übergehen darf oder der Stadt zu gemeinnützigen Zwecken anheimfällt. Fremde Personen können nichts erben, wobei der Testa- tor jedenfalls an Harnisch gedacht hat, auf den er eifersüchtig war und dessen Besuch in seinem Hause er sehr ungern sah. Da Nollenstein keine näheren Verwandten mehr besaß, so waren unter den nächsten Blutsverwandten nur Du und Erika zu verstehen, und in diesem Sinne hatte denn auch die Tante in ihrem eigenen Testamente verfügt. Als Erika aus dem Pensionat entfloh und zum Theater ging, wurde sie natürlich aus der Erbfolge ausgeschlossen. Du wurdest nun Universal- Erbin und — Du bist es noch bis zu dieser Stunde." „Wie?" rief Siglinde, „selbst nach jenem Familien- zerwürfniß sollte diese Bestimmung unverändert aufrecht geblieben sein?" „Unverändert allerdings nicht," erwiderte Schönaich mit einem sarkastischen Lächeln, „sondern Du bist an gewisse Bedingungen gebunden, durch welche sie die von ihrem Gemahl ihr auferlegte Beschränkung, daß Fremde nichts erben dürfen, geschickt zu umgehen versucht. Der Major v. Harnisch hat nämlich einen Sohn hinterlassen, und nur unter der Bedingung, daß Du diesen Sohn heirathest —" Er hielt inne. Warum war Siglinde plötzlich so bleich geworden? Es war wohl nur ein täuschendes Spiel des Sonnenlichtes auf ihrem Antlitze, hervorgerufen durch die veränderte Haltung ihres Hauptes. „Nur unter der Bedingung, daß Du den jungen Harnisch heirathest, wirst Du Erbin; weigerst Du Dich, so tritt die andere Bestimmung in Kraft, wonach das ganze Vermögen der Stadt zufällt. Der Hauptzweck, den die Tante dabei verfolgt, ist offenbar der, durch diese Heirath dereinst dem jungen Harnisch ihren Reichthum in die Hand zu spielen, welchen mit ihr selbst zu genießen dem Vater nicht vergönnt war. Dabei schlägt sie uns zugleich ein Schnippchen, indem sie Deiner freien Selbstbestimmung Fesseln anzulegen und Dir als Gatten den Sohn eines Mannes aufzudrängen versucht, der mich thäilich mißhandelt hat. Ich habe Dir von dieser Erbschaftsaugelcgenhcit nie etwas gesagt, um Dich nicht unnütz aufzuregen." „Wo ist dieser Sohn des Majors?" frug das junge Mädchen. „Kennst Du ihn?" „Ich habe ihn nie gesehen," antwortete Schönaich. „Er ist in Straßburg aufgewachsen. Beim Tode seines Vaters mag er etwa dreizehn Jahre alt gewesen sein, folglich wäre .er jctz fünfundzwanzig. Ich hörte, die Tante habe ihn zu sich nehmen wollen, doch kam ihr ein in New-Zjork lebender Bruder des Majors zuvor." „So lebt er also in New-Iork?" „Bis vor Kurzem, ja", nickte der Vater, und zog aus der Tasche einen Brief, den er entfaltete, während Frnnz Lonn. 20 Siglinde ihm dabei mit einer gewissen scheuen Spannung zusah. „Es ist noch keine vierzehn Tage her, da erhielt ich von ihm diese Zeilen, die er mir von London aus unterm 10. August schreibt. Der Brief hat jetzt kein thatsächliches Interesse mehr, doch will ich Dir ihn vorlesen." Siglinde verfügt habe, wenn dieselbe mir ihre Hand zum Ehebund reiche. Eine kürzlich von Frau Rollenstein empfangene Depesche, worin sie mir ihre schwere Erkrankung meldet und die Befürchtung ihres nahen Todes ausspricht, mahnte mich, daß die Entscheidung § über meine Zukunft vielleicht nahe sei und meine per- Ein gefährliches Kpiel — „Ich bitte Dich darum," sagte Siglinde. ^ sönliche Anwesenheit dort wünschenswerth erscheinen lassen „Geehrter Herri" las Schönaich, während Siglinde > könne. In Folge dessen benutzte ich den ersten von mit vorgebeugtem Antlitz an seiner Lippe hing. „Schon ! New-Iork abgehenden Dampfer, und hier, in London vor Jahren hat Ihre Schwägerin, Frau Nollenstein, ^ angelangt, erlaube ich mir, Sie und Ihre Fräulein mir die Mittheilung zukommen lassen, daß sie über ihre § Tochter auf meinen '.Besuch vorzubereiten. Wenn Sie Hinterlassenschaft zu Gunsten Ihrer Fräuleins Tochter > das Vergangene vergessen können, so kann ich es auch. 21 Die Kinder stehen außerhalb der Ereignisse, die ihre Vater verfeindeten. Ueber das Berechtigte oder Unberechtigte einer Beleidigung, wie mein Vater sie Ihnen zufügte, maße ich mir kein Urtheil an und für seinen Tod kann ich Sie nicht verantwortlich machen, denn Sie thaten nur, was die Vertheidigung Ihrer Ehre erfor- hätte ich ihm nur antworten können: Meine Schwägerin befindet sich, wie ich zufällig durch meinen Hausarzt erfuhr, bereits wieder auf dem Wege der Genesung." „Aber angenommen, sie wäre ihrer Krankheit erlegen?" forschte Siglinde. „Wie würde dann Deine Antwort gelautet haben?" MDWW Die Katastrophe. derte und was ich im ähnlichen Falle selbst thun würde. Genehmigen Sie u. s. w. Jesko v. Harnisch." „Was hast Du auf diesen Brief geantwortet, Vater?" frug Siglinde. „Hätte sHarnisch mir seine Adresse angegeben, so Schönaich seufzte tief auf. „Das stand bei Dir, Siglinde, nicht bei mir." „So will ich Dir sagen, Vater, was Du ihm mit meinem vollen Einverständnisse hättest zur Antwort geben können: Es ist mein Wunsch, daß meine Tochter Siglinde sich der testamentarischen Bestimmung ihrer Tante 22 unterwirft, und da meine Wünsche stets auch die ihrigen gewesen sind, so kann ich mich für ihren kindlichen Gehorsam verbürgen." Marmorblässe bedeckte das Antlitz des jungen Mädchens, während sie diese Worte sprach, und ihre bebende Stimme stockte zuweilen, aber um ihren Mund lag der Zug fester Entschlossenheil. (Fortsetzung folgt.) -»-sSSWi-S-- In allerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberger. - - (Nachdruck verboten.) i. Erst vor einigen Tagen ist meine liebe Base nach München gezogen. Ihr war's drauß' auf dem abgelegenen Schlosse, seit der Gatte das Zeitliche gesegnet, nicht mehr heimisch. Auch ein Hauptgrund des Abzuges war die Sorge für die Fortbildung ihres Söhnchens. Es ist ja das Einzige. Zwar hatte bis jetzt eine treffliche Gouvernante die Erziehung übernommen und der kleine Karl war auch, wie die Mama im. verzeihlichen mütterlichen Stolze mir öfters versicherte, wohlerzogen, sittig, wie kaum ein Stadtbube, doch er streifte das neunte Jahr, da dürfte am Ende eine weibliche Erziehung nicht vollständig mehr genügen und einen Hofmeister für den „Schloßprinzen", wie ihn scherzweise lieb Mütterchen auch nannte, konnte die Base auf die Dauer nicht finden. Schon den ersten Sonntag kam sie mit ihrem Herzensjungen zu uns. Ich schlug einen Spazierweg zum Klein- hesseloher See und durch den prächtigen Wald zum Au- meister vor. Einverstanden. Aber als wir durch das Hofgartenthor schritten und meine Base die Menge Cafs-Güste sah, stieß ich auf ein unüberwindliches Hinderniß. „Ei, wie ist's so schön hier, Vetter, wollenem nicht auch ein Schälchen trinken," sagte sie und meine Frau, eben auch keine Freundin langgedehnter F-ußpartieen, ac- compagnirte. Also überstimmt. Meiner Fremden gefiel hier das Leben. Die elegante ! Welt, die ringsherum an den kleinen Tischchen im neuesten Frühlingsprunke saß oder durch die Baumreihe wallte, war ein ungewohntes Augenspiel, das ihr angenehm die Zeit vertändelte. Indeß wie ich litt. Nach einer langen, mürrischnassen Woche der erste lachende Maientag, so inbrünstig erwartet, so ausfluglockend. Mir brannte es unter der Sohle — und ich bin angeschmiedet, ein anderer Prometheus, wenn auch nicht am kaukasischen Felsen, so doch am durchlöcherten Buchs meines Sessels. Von den Theatinern schlug es fünf Uhr. Netto drei Stunden Sitzung. Länger hielt ich's nimmer aus. 's war gewiß artig, charmant, und mein Lehrer Knigge, der strengste Lebensumgang-Pädagog, hätte mir ein Compliment gemacht, weil ich bislang nicht zum Gehen drängte. Nun probirte ich's, erst durch die Blume: „Am wunderschönen Maientag, Wo Baum und Blumen treiben, Das wären Leut' vom seltenen Schlag, Die trotzdem sitzen bleiben." Die Frauen achteten kaum darauf, also die Blume war zu versteckt, zu veilchenartig bescheiden, zu wenig penetrant, eine andere Gattung: Jasmini — „Der wundervolle Maientag wird es uns sicher," fuhr ich fort, „wenn wir ihn einmal per Sonntagslokomotiv drauß' auf dem Lande aufsuchen, tüchtig eintränken, weil wir seine erste Einladung so on nehmen und lieber aus der kleinen Tasse das alltägliche Bohnenbouguet schlürfen, als aus seiner weitkreisenden Bowle den duftenden Frühlingstrank. Die Base lächelte — das war Alles. Nun aber griff ich nach einem Büschen von Aller- mannsharnisch und Knoblauch, bestaubte ihn noch mit Patschuli; um die Wirkung zu erhöhen, band ich noch eine Stechpalme bei, prosiatuiu 68t; „die Todsünde," sprach ich, „so der hinübernimmt zu den Pforten Sankt Peters, der nicht wenigstens den Abend noch andächtig durch die neuerstandene Natur pilgert, möchte ich nicht auf mein Gewissen laden." Dieser Odem drang zu vehement durch die Nasenflügel. „Nun denn," sagte die Base zu ihrem Prinzen, der schon lange ungeduldig auf dem Stuhle hin- und hcr- schaukelte, „hör' mal, Karlchen, Du kannst ja dem Vetter- Gesellschaft leisten. Wir bleiben noch ein Stündchen und gehen dann nach Hause. Es ist so heiß und schwül unter der Sonne. Karlchen hörte wohl, jedoch plötzlich blieb er wie festgeriegelt auf seinem Sessel haften. „Hast Du mich verstanden, Karl, Du sollst dem Vetter Gesellschaft leisten." „Aber ich mag nicht dem Vetter Gesellschaft leisten, ich möcht' mit Euch aus der Trambahn fahren," erwiderte der Prinz. „Junge, nicht doch, wir fahren ja gar nicht. Wir gehen. Sei gut, Junge, und geh' mit dem Vetter." „Nein, und ich weiß schon, Ihr fahrt, hab's vorhin gehört, wie Du's der Base zugeflüstert hast. Ich weiß, Du fahrst immer und ich möcht' auch fahren, und ich geh' einmal nicht mit dem Vetter — und ich mag einmal nicht sein Gesellschafter sein — und nein, ich mag nicht." Ich muß gestehen, ich hatte mir von dem gepriesenen Schloßprinzchen eine andere Redensart erwartet. Uebrigens ist es ohnehin wunderlich, mir den Herzensjungen förmlich als Gesellschafter aufzudrängen, wußte denn meine Base, ob mir damit ein Gefallen erwiesen? Jedenfalls meinte sie das, denn sie bat, ja nicht in Uebel zu nehmen, daß ich allein gehen müßte. „Nicht im Geringsten," entgegnete ich, innigst froh, ohne ihren durch vorige Reminiscenz mir ganz unsympathisch gewordenen Prinzen meine Wanderung beginnen zu können. Ich war noch nicht bis zum Tempel des Hofgartens gekommen, hörte ich hinter mir rufen: „Halt, Vetter, halt, ich geh' mit." „So, das ist schön, Karl, was verschafft mir das überraschende Vergnügen?" „Mama hat gesagt, Du führst mich in den Paradies- Garten und dort gibt's Schaukel und Karoussel und türkische Musik und feine Pavcsen und —" Ich unterbrach ihn, das Vergnügungs-Menü hatte mir zu viel Gänge: „Ei, was Deine Mama nicht alles weiß." „Ja, die Base hat ihr's gesagt." „Nun, wir werden ja sehen." Schweigsam gingen wir dann nebeneinander. Ich wählte beflissentlich nicht den Weg nächst des Kanals, der uns rectement in's Paradies gebracht hätte, drückte mich vielmehr in einen der Labyrinth-Gänge und schon 23 sind wir in einer ziemlichen Entfernung glücklich an den tzimmelspforten vorbeigesteuert. Mir ist's wahrlich nicht zu thun, bei einer Pavesenpartie, und hingen die goldenen Giselafransen noch so einladend herab, meinen Abend hinzuschlachten. Leider erscholl auf einmal schmetterndes Tschindaradada und hui! — einem hungernden Reh gleich brach mein Freund durch Gebüsch querfeldein der Sirenenfanfare zu. Jetzt ist er im Paradies verschwunden. Mir war das höchst peinlich. Mußte natürlich dem Wilde nach und da ich mir die Freiheit des kürzesten Weges, wie mein lieber Freund, für den das Betretungs- verbot ein überwundener Polizeiparagraph war, nicht erlauben durfte, ging's eine erkleckliche Zeit her, bis ich im irdischen Eden des englischen Gartens eintreten konnte. „Siehst so weit vornehm aus, Vetterchen," bemerkte ich. „Dort, — dort," und er deutete auf die Schaukel, „die bösen . . . bösen — es stieß ihn, als bearbeiteten seinen Rücken die gebogenen Hörner eines heimathlichen Bockes, „dort . . . die . . . ungezogenen . . . Bu . . . ben . . haben . . . mich" — ein neuer Kataract von Schmerzesnaß und ein abermaliges, gräuliches Plärren erstickten seine Rhapsodien. Wirklich, mir that der Junge leid. Mit einem martialischen Blick maß ich den Schauplatz der Niederlage meines Freundes. Das machte aber auf seine Feinde, die sich lustig fortschaukelten, nicht den geringsten Eindruck. „Recht ist ihm g'scheh'n," riefen einige, als gerade Mtramare. BUM, Ich suchte Karl, und traf ihn, nicht weit weg von dem Kindcrbelustigungsvlatze. Er kam auf mich zu - allein in welchem Zustande? Unsäglich. Von seinem Florentinerhütchen, das er heute zum ersten Male auf seinem Scalp getragen und nun in der zitternden Linken hielt, hing das rothseidene Band in zwei Fetzen herab, der silberne Anker, das Matrosenemblem, war verloren, die Hutscheibe eingetrieben und zeigte gegen die linke Seite hin einen weitklaffenden Leck. Des Prinzen Mähne: er trug streng nach dem Bazar auf der Stirne abgeschnittenes, nach rückwärts aber gerippt niederfallendes Haar, stand jäh, wie die Nadeln der Kleopatra, zu Berg. Aus den Augen quollen Zährenbäche hinab über die Backen, wovon die eine wie in Zinzolin getaucht hochroth schimmerte. die dichtbesetzte Muschel von den Lüften herab auf den Schwerpunkt nieder sich schwang, „warum hat er zuvor die kleinen Maderln hcrausschmeiß'n woll'n". „Was, Karl?" „Ja, damit er 'ncn besser'» Platz 'kriagt hätt'!" „'s ist nicht wahr, Vetter! nein, nein, nicht wahr." „Net wahr? Du Lugenbeut'l, Du verlog'ner, wart', wir sän glei' wieder da und trischak'n Di' no a mal, nachher dagibt's g'wiß, Du Lug'nbeut'l, Du miserabliger." Ich verstand nicht mehr Alles, denn die eigenartige, wie ein großer Perpendikel sich hin und her schwingende Rednerbühne, von der bald vom linken, bald vom rechten Luftschnitt die ^parlamentarischen Ergüsse herabkamen, rranchirte mir immer im unteren Bogenschwung, als wäre ein Gedankenstrich inzwischen — den so wichtigen 24 Zusammenhang unbarmherzig entzwei. Allein fest stand, besser das Feld räumen, als einer zusehends stärker werdenden Allianz von Feinden ohne Noth die Spitze bieten, zumal nicht zu unterschätzende EinmischungsSymptome auch bei größeren Leuten hervortraten. Wenigstens auf einem Seitentische in meiner Nachbarschaft waren mehrere Recken aufgestanden, die offenbar zum Geblüte der Luftredner gehörten und — je nachdem — mich L In Oarolus trischakt hätten. Einer dieser Poly- pheme ging nun auch richtig auf mich los; er klopfte mir ziemlich stark wohlmeinend das Schulterblatt. „Ich rath' Ihnen — nichts für ungut, Herr Nachbar, ich rath' Ihnen —" und dabei wurde sein Fingerspiel auf meiner Epaulette-Fläche immer munterer, „nichts für ungut, nehmen's z'Haus' Ihr g'schmach's Buberl zwischen die Beine und laffen's — no, Sie wissen's schon — wohin ich mein' — den Ochsenfiesel — aber: pfuit, pfuit, ordentlich d'raufpfeifen. Ich hab's g'seh'n, ich sag' Ihnen, der Kerl hat's weidlich verdient. Nichts für ungut, aber wenn er mein thät' g'hör'n, Ihr Bua — maus- — maustodt thät' ich ihn schlag'n." Ich bedankte mich, nicht ohne Verlegenheit, für den gutmeinenden, herzlichen Rath und betheuerte, daß ich gewissenhaft Alles besorgen werde. Kaum hörte mein Junge dieses furchtbare Wort, schrie er gottlästerlich, so zwar, daß ich nolsns volsns ihm bemerken mußte, ich dächte an eine so grausame Zucht nicht, weiß ich ja, daß Hinfür mein kleiner Vetter ein braver Knabe sein werde. Lächelnd durch die feuchten Aeuglein versprach mir's mein Gesellschafter. (Fortsetzung folgt.) Zu unseren Bildern. Franz Dann. Franz Bonn (v. Muis) wurde g«boren in München am 30. Juli 1830 als der Sohn eines Oberrechnungsrathes. Er oblag in seiner Vaterstadt humanistischen und akademischen Studien und trat 1857 in den Dienst der reinen Justiz. Vierzehn Jahre lang hatte er Hiebei in verschiedenen Provinzial- städten Gelegenheit, sich mit dem Pulsschlag des Volkslebens vertraut zu machen, und seine Lieder zeigen, wie aufmerksam er demselben lauschte. Das Jahr 1872 führte ihn als Staatsanwalr an das k. Oberlandesgericht München. Neun Jahre verharrte er in dieser Stellung und trat dann mit 1. Januar 1881 in den Dienst des Fürsten von Thurn und Taxis als Präsident der Tomänenkammer und Direktor des Civilcollegialgerichts II. Instanz in Regensburg. Unser Dichter gewann durch den i persönlichen Umgang niit Deutiger und Redwitz die entscheidende Bestimmung. Der junge Poet wollte Romantiker sein und klassisch dichten. Aus dieser Zeit stammt die lyrische Dichtung „Wolfrum" (1854) und das kleine Epos „Schott von Grünstein" (1855). Unter dem Pseudonym Frhr. v. Rachwitz veröffentlichte er sodann in den „Fliegenden Blättern" die „Lavagluthen", eine Art ltteratur-historischer Komödie, deren Pointe direkt gegen die Nachzügler Jung-Deutschlands gerichtet war. In der Folgezeit hat Freiherr v. Rachwitz seinen Domino vertauscht und sich in den jovialen Herrn „v. Miris" verwandelt. Dieser Herr „v. Miris" ist seitdem in ganz Deutschland populär geworden, zunächst als Mitarbeiter der „Fliegenden Blätter" und der „Münchener Bilderbogen", dann aber auch durch eine ganze Reihe höchst launiger Büchlein in Vers und Prosa. Gleichzeitig kultivirte Bonn mit glücklichem Erfolg das Gebiet der Jugendliteratur (hauptsächlich in den Jugendblättern von Jsabella Braun). Von den neueren dramatischen Arbeiten des Dichters erwähnen wir das Singspiel „Mozart", sowie die Schauspiele für die Jugend „Die hl. Cäcilia" und „St. Elisabeth" (1890). Das Beste, was er als Epiker geleistet, ist sein Gedicht „Jacopone" (1889). In den letzten Jahren hat sich Bonn's Neigung wiederum der heiteren Muse zugewandt („Franz der Streber", „Von mir is's"). Aus der allerjüngsten Zeit stammt der bei I. Habbel in Regensburg (1891) erschienene Band Gedichte: „Für Herz und Haus". Ein gefährliche» Spiel — Die Katastrophe. Die Tischdecke hat es ihnen angethan, den kleinen, unerfahrenen Vierfüßlern. Mußte sie doch stets so verführerisch baumeln, wenn sie unter dem Tische sich neckten und mit ihrem Körper das Ende berührten I Wie oft mag es ein einzelner der drei Hunde versucht haben, ein Stück derselben zum eigenen Spielbedarf abzureißen. Aber der solide Stoff hat den Zähnen stets genügend Widerstand geleistet. Endlich versuchen sie es mit v,weinten Kräften, sich in den Besitz der ganzen Decke zu setzen, deren Enden sie so oft angezogen. Und es glückt. Langsam gibt sie nach, und das spornt den Eifer der kleinen Unholde noch mehr an. Da — ein Ruck, und die Gesellschaft liegt auf dem Rücken, bedeckt von den Trümmern des „Theeservices, das eben für den Gebrauch der Familie auf den Tisch gestellt worden war. Die Hündin, die anfänglich sich an den Anstrengungen ihrer Sprößlinge ergötzt, steht mit Schrecken auf diese Szene. Ob sie wohl um die Jungen besorgt ist, da sie aus eigener Erfahrung die klatschenden Folgen solch übermüthigen Gebahrens kennt? Miramare. Unweit Trieft erhebt sich, an der felsigen Meeresküste nahe der Südbahnstation Grignano gelegen, das kaiserliche Lustschloß Miramare. Eine breite Marmortreppe führt vom Meere zum Garten und Schlosse empor. Das Auge wird entzückt durch die herrlichen Park-Anlagen, deren immergrüne Bäume und Büsche den Unterschied zwischen Sommer und Winter fast zur Lüge machen. Weißblühende Laurentius, buntblättertger Anbutus, zartrothes Haidekraut und blaßblauer Rosmarin von Manneshöhe, golden schimmernder Lorbeer, weißknospige Myrten vermischen hier ihre Blätter und Blürhen zu einem dichten, duftigen Dach, während großblüthiges Immergrün den Boden mit einem blauen Teppich bedeckt. Hier finden wir Cedern vom Libanon, Föhren aus Australien, Cacteen vom Atlas. Das Schloß wird nach der Meercsseite von einer Terrasse umgeben, von wo aus man einen herrlichen Ausblick auf den Meeresspiegel hat. Miramare ist Schöpfung und ehemaliger Wohnsitz des Erzherzogs Maximilian, des unglücklichen Kaisers von Mexico. Allerlei. Gemüthlich. Kaufmann (der Nachts heimkehrend, einen Einbrecher an seinem Geldschrank findet): „Sie, verderben Sie mir das Schloß nicht, hier ist der Schlüssel .... d'rin is nischt!" Der Toast des Referendars. „Unbesoldet, wie ich mich habe, ergreife ich das Wort, in der Hoffnung, daß Sie wenigstens meinem Toaste nicht jeden Gehalt absprechen werden. . . ." Jagdglück. Sonntagsjäger fder endlich einmal einen Hasen geschossen hat): „Gott, es wird doch nicht am End' was Anderes sein!" Der Philosoph. Taschendieb (nachdem er das dritte leere Portemonnaie erwischt hat): „Fürwahr, auch ein Zeichen der Zeit!" -—. Nikder-Hlät-sel. i— U/WgM Hm.. / ^L4. 1894 - „Nugsburger PostMung". Ireklag, den 12. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Du bist mein braves, großherziges, edeldenkendes Kind!" sagte Schönaich tief bewegt. „In Deinem Alter hat man Ideale und selbst der Besitz einer Million kann keinen Ersatz bieten für die Freiheit der Herzenswahl, aber ich wußte im voraus, daß Du zur Rettung Deines Vaters selbst dieses größte aller Opfer willig dargebracht hättest." Schönaich hatte sich erhoben und drückte seine Tochter zärtlich an seine Brust. „Beiläufig gesagt, ist der junge Harnisch einer schweren Gefahr entgangen," erinnerte er sich plötzlich, indem er in seiner Tasche suchte und die neueste Zeitung zum Vorschein brachte. „Der Dampfer, mit dem er England verließ, ist zwischen Dover und Calais mit einem anderen zusammengestoßen und versunken. Viele Menschen haben dabei ihr Leben eingebüßt. Die Katastrophe hat am 12. ds. Mts. stattgefunden und heute bringt die Zeitung die amtliche Liste der Geretteten." Bet diesen Worten reichte er der Tochter das Blatt hin und deutete auf den betreffenden Artikel. Neugierig überflog Siglinde den ausführlichen Bericht über den Unglücksfall; er schloß mit der namentlichen Aufführung derjenigen Passagiere, welche dem Tode glücklich entgangen waren, und unter diesen laS sie auch den Namen Jesko von Harnisch aus New-Iork. Es geschah zufällig, daß sie einen Blick auf den nächstfolgenden Artikel der Zeitung warf, doch wurde ihr Auge sogleich durch einen gesperrt gedruckten Namen gefesselt; in fieberischer Hast glitt es über die Zeilen, während das Blatt in ihrer Hand heftiger und heftiger zitterte; aus dem ganzen Inhalt vermochte sie nur eine einzige, furchtbare Thatsache klar zu erfassen, alles Andere, was noch daran und darum war, taumelte an ihrem Geiste wie irre, durcheinander geworfene Bilder vorüber. Bleich und entsetzt in den Stuhl zurücksinkend und die Hand, welche das Zeitnngsblatt hielt, wie gelähmt herabfallen lassend, rief sie: „Hast Du das gelesen, Vater?" „Was?" frug dieser, über den aufgeregten Zustand seiner Tochter ebenso beunruhigt wie erstaunt. „Den Artikel, der unter der Ucberschrift „Lokalsachen" unmittelbar hinter der Dampferkatastrophe folgt?" Schönaich schüttelte den Kopf. „Ich lese den lokalen Theil der Zeitung nicht," entgegnete er, nähertretend. „O, mein Gott!" brachte Siglinde gepreßt hervor, während sie sich aufrichtete und die Zeitung wieder vor's Auge hielt. „Höre mir zu, Vater I" Langsam, um das vorhin Unverstandene jetzt nachzuholen, las sie nun Folgendes vor: „Der weibliche Leichnam, welcher vorgestern Abend mit den deutlich erkennbaren Spuren vorhergegangener Ermordung von einem Kettendampfer aufgefischt wurde, ist als derjenige der in der Noscnstraße wohnenden ver- wittweten Rentiere Nollenstein rekognoscirt worden." „Barmherziger Himmel!" rief Schönaich. „Und vorgestern Abend? Vorgestern? Das ist nicht möglich!" „So steht es hier, und der Bericht trügt das heutige Datum. „Lies weiter, Kind, lies weiter!" Siglinde fuhr fort: „Das der Ermordeten zugehörige Haus wird außer ihr nur noch von dem Kunst- und Handelsgäriner Ritter, der das Gartengrundstück von ihr gepachtet hat, seiner Ehefrau und seiner Schwester bewohnt. Abends kurz vor 10 Uhr, fast um dieselbe Zeit, wo die Leiche aus dem Wasser gezogen wurde, hörten dieselben das Haus ausschließen und glaubten an dem hinkenden, von einem Krückstock unterstützten Gange des Ankömmlings, welcher sich die Treppe hinauf in die im ersten Stock belcgene Wohnung begab, Frau Nollenstein zu erkennen. Als sich dieselbe am andern Tags um die Stunde, wo sie einen Spaziergang durch den Garten zu machen pflegt, nicht zeigte, wollte Ritter nachsehen, ob der kürzlich erst von schwerer Krankheit erstandenen alten Dame vielleicht etwas fehle. Zu seincmEr- staunen fand er die von der Straße aus zu ihrer Wohnung führende Hausthür, die man doch am Abend vorher wieder hatte zuschließen hören, unverschlossen. Auch die Zimmerthür war offen, die Bewohnerin selbst in keinem der Zimmer zu sehen. Dennoch fand sich in einer Ecke ihr Stock, ohne den sie nicht zu gehen vermag, an einem anderen Orte stand die kleine Handlaterne, welche sie bei ihren Abendausgängen bei sich zu tragen pflegte und beim Betreten ihres Hauses anzündete, und an Sekretär und Kommoden steckten die Schlüssel, von denen sie sich nie trennte. Alle Schubkästen waren herausgezogen und offenbar durchwühlt, sämmtliche Möbelüberzüge und auch Bett und Matratzen aufgetrennt, überall herrschte eine Zerstörung, als wäre die ganze 26 Wohnung nach verborgenen Schätzen durchsucht worden. Als Ritter in größter Bestürzung zu seiner Familie zurückgekehrt, kam ihm seine Schwester schon mit der Zeitung entgegen, welche den Fund der weiblichen Wasserleiche meldete und deren AeußereS und Kleidung genau beschrieb. Namentlich führte die Erwähnung eines Medaillons au goldener Kette auf die Befürchtung, die Aufgefundene könne Frau Rollenstetn sein, was denn auch Ritter beim ersten Anblick der Todten in der Leichenschauhalle sofort bestätigt fand. Wie wir schon in der kurzen Notiz unseres gestrigen Blattes mittheilten, ist die unglückliche Frau von mörderischer Hand erwürgt und hierauf in den Fluß geworfen worden, in welchem sie vom Orte der That aus von den Wellen stromabwärts getrieben worden ist, bis sie von der Kette an den Haaren erfaßt und an Bord des Schleppdampfers gezogen wurde." „Nach Aussage des Gerichtsarztes," fuhr Siglinde im Lesen fort, „kann die Leiche kaum eine Stunde im Wasser gelegen haben. Offenbar hat ihr der Mörder Schlüssel, Handlaterne und Stock vorher abgenommen, um sich derselben zur Ausführung seines weiteren Planes zu bedienen, und bei seiner Ankunft im Hause seines Opfers dessen Gang geschickt nachgeahmt, um die Mitbewohner des Hauses zu täuschen. Wahrscheinlich war das Wiederschließen der Hausthür nur ein Scheinmanöver, um beim späteren Verlassen des Hauses, was wohl in den Strümpfen geschehen sein dürfte, jedes Geräusch zu vermeiden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Verbrecher mit den Gewohnheiten seines Opfers wie auch mit der Lokalität des Hauses genau vertraut gewesen ist. Ob man Vermuthungen über seine Persönlichkeit hat oder derselben schon auf der Spur ist, vermögen wir bei der vorsichtigen Zurückhaltung, welche die Kriminalpolizei über diesen geheimnißvollen Mord bewahrt, nicht zu sagen." Mit bebender Stimme und zuweilen innehaltend, hatte Siglinde den Bericht vorgelesen. Als sie zu Ende war, vermochte sie die Thränen nicht länger zurückzuhalten, denn so sehr auch das Andenken der hartherzigen alten Frau getrübt war, so war es doch Siglindens Tante, der todten Mutter Schwester, die ein so schreckliches Ende hatte finden müssen. Schönaich stand bleich und mit gerungenen Händen da. Sein Blick war wie geistesabwesend. „Vorgestern Abend!" murmelte er unter fortwährendem Kopfschütteln, als könne er es nicht begreifen, — „vorgestern Abend!" Plötzlich erinnerte sich Siglinde wieder der verzweifelten Lage ihres Vaters, die sie auf einen Augenblick vergessen hatte, des Testaments und des jungen Harnisch. Ihre eigenen Worte, mit denen sie vorhin dem Vater ihre kindliche Opferwilligkeit betheuert hatte, und die nun doch zur Wahrheit werden, die in ihrer ganzen ernsten Tragweite erprobt werden sollten, kamen ihr wieder ins Gedächtniß. Sie preßte krampfhaft beide Hände an's Herz, als wollte sie dessen ungestümes Klopsen zum Schweigen bringen; sie nahm Abschied von einem lieben Bilde, das sie darin bewahrte, und ein schöner Traum, der ihre Seele ausgefüllt, sank dahin vor dem eisernen Gebote der Pflicht. „Vater!" rief sie, ihr Antlitz an seiner Brust bergend, „nun nimm mich beim Worte! Du bist gerettet!" . . . Dennoch reiste Schönaich mit seiner Tochter um die Mittagsstunde nach dem Gute Nottenbach ab, da die neue Lage der Dinge die Schritte seiner Gläubiger vorläufig doch nicht aufzuhalten vermochte. * * * (Fortsetzung folgt.) - >-«, » > - . - In nUerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberger. (Fortsetzung.) II. Wir hatten das Paradies verlassen und schritten still selbander. Mein Vetterlein schmiegte sich wie ein frommes Lämmchen an meine Seite. Er hatte mittlerweile den vielen Thau von seinen Augäpfeln gewischt und mit der Hand die sträubenden Haarbesen wieder auf die Stirne gestrichen. Das Hutbändchen befestigte ich so gut es ging an der Wandung des kostbaren Strohs, und den Spalt am Rande der Scheibe drückte ich thunlichst zusammen. Halbwegs konnte sich der Schloßprinz wieder sehen lassen. Ich gab ihm dann einige heilsame Lehren und sie schienen mit andächtigem Ohr entgegengenommen zu werden. „Du kennst, mein lieber Vetter," sagte ich zu ihm, „das schöne Lied: „Der Wiederhast — im Eichen- thal — hallt's nach so lang, — so lang". Und was hallt es lang? Die freudigen Worte, die lieben, die in den Eichenwald hineingesungen werden, und wie meinst Du, wenn unfreundliche, unliebe Worte hineiNgerufen würden, daß die Antwort hieße?" — „Grob", erwiderte Karl; „ebenso grob als man selber ist — o, das haben wir oft zu Hanse in unserem Forst getrieben." „Also siehst Du, bist Du freundlich, sind's auch die Andern, bist Du aber rauh, grob, wirst Du in der Welt ohne Kniffe und Schläge nicht durchkommen." „O," meinte Karl, „— o — zum Lachen, wär' nur die Mama und die Gouvernante dagewesen." „Warum?" „O, die ungezogenen Buben — eine wahre Freud' hätt's sein müssen — wären ordentlich hergerupft worden. Ha, ha, wie zogen die bösen Nachbarsbuben die Beine hinauf, wenn sie von Mama und der Gouvernante an den Schmalzfedern weidlich hergerissen wurden." Demzufolge war ich ein Prediger in der Wüste, meine Salbung fiel auf steriles Land. Wir kamen nach Brunnthal. Ich hatte hier ohnedies im Kurhaus zu thun. Ein auswärtiger Freund ersuchte mich, ihm den Prospekt zu besorgen. Denselben wollte ich nun im Bureau abholen. Ich hieß Karl an der Schwelle zum Haupteingang des Kurgebäudes warten. Als ich bei einem der Bediensteten mein Anliegen vorbrachte, führte mich dieser sogleich zur Besitzerin des Bades, zur Frau Hofrath. Die Dame bat mich, Platz zu nehmen. Freundlichst setzte sie mir Alles und Jedes auseinander: HauS- und Kurgebrauch, Tisch- und Zimmertaxe, Bedienung und Entlohnung. Mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit führte sie mich dann durch die hallenden Corridore ihrer Anstalt, und ich muß gestehen, waS ich hier sah, war jegliches so komfortable, so praktisch, so säuberlich, daß man förmlich — Gott verzeih' mir den Frevel — sich den schönsten Gelenkrheumatismus wünschen könnte. Die Frau Hofrath wollte sogar, nur damit ich eine kleine Idee von Temperaturerwärmung erhielte, eine heiße Metallader anzapfen, ich aber — in mir 27 arbeitete eS ohnedies schon, meines harrenden Prinzen gedenkend, siedend heiß — lehnte die Freundlichkeit dankend ab. Wir schritten wieder zurück zum Empfangssalon. Gerade stand ich im Begriff, mich zu empfehlen, da schlug auf einmal Spektakel, Rumor, Tumult an unser Ohr. Was ist das zu unseren Füßen ? Was weinen die Kinder, was raisonniren Damen und Herren? Wir eilen zum Fenster, von wo aus der ganze Nestaurationsgarten übersehen werden konnte. Der Lärm wuchs. Die Kaffeegäste fuhren vom Sessel auf und am Ufer des durch den Garten laufenden Büchleins entsteht ein Knäuel von jungen und alten, großen und kleinen Menschen, der unentwirrbar scheint. Mitten d'rin, gewissermaßen die Spule, steht ein Bube, von einer dienenden Nymphe krampfhaft gehalten. Die Spule will entgleiten. „Sonst Nichts mehr", ruft die Vergewaltigerin, „zahlen, tpem gehörst Du, zahlen!" Und wie ein Echo — man weiß ja, daß das Wort „Zahlen" eines der wirkungsvollsten im deutschen Sprachbuch ist — scholl eS durch Busch und Baum, von den Bänken und Tischen, bald wie im lachenden Jux, bald wie im donnernden Ernst: „Zahlen! Zahlen!" Von der Musikanten-Bühne herab schmetterte schon zum wiederholten Male das Piston und erdröhnte der Aufruf: „Der Eigenthümer des Knaben möge sich doch endlich gefälligst melden." Ein gewisses unabtreibbares Gefühl sagte mir: „DaS ist Karl!" — Um des Himmels willen, was hat der Teufelsjunge schon wieder angestellt. Ich bog mich über die Brüstung des Fensters. „Ein ungezogener Bengel", bemerkte die Frau Hofrath mir gegenüber, „ein eigensinniger. Er gibt absolut keine Antwort. Er meint wohl, auf diese Weise kommt er mit der Zeche durch. Jemandem im Garten muß das Früchtchen doch gehören." „Am Ende ist der Knabe taubstumm," warf ich Mitleidig ein. „Möglich, aber kaum wahrscheinlich. Doch da werden wir bald Gewißheit haben." Die Frau neigte sich nun weit über das Fensterbrett, unter der Nische stand Johann, ihm befahl sie, den Knaben herauszubringen. Johann war eine musculöse Gestalt, sein Ami das eines Badedicners. Er hatte schon größere Lasten gefaßt, als die des klebrigen Buben, obschon sich dieser wie ein Aal bald nach oben, bald nach unten schlangelte. In den nächsten Minuten schon ließ er sein zappelndes Fischlein auf das Parqnet seiner Herrin nieder. Hintendrein kam die Amazone, kollernd vor Wuth, ihrer Stimme kaum mächtig. Endlich erfuhren wir, was der Bösewicht angestellt. Er hat die kleinen Mädchen, die im Büchlein ihre blecheruen Kühne schwimmen ließen, in's Wasser stoßen wollen, und .... „Nein, 's ist kein Wort wahr, sie lügt", heulte der Verbrecher, „hab' ... nur ... so — so ... gethan, als wenn ... war nur ein ... „Spassetchen" ergänzte die Hofräthin, und mir sich zuwendend, äußerte sie: „Sehen Sie, mein Hcxr, er ist nicht stumm. Ich war bescheiden in der Fensternische zurückgeblieben, meine Gründe bestimmten mich dazu. „Nein," entgegnete ich, auf die gottesjämmerliche Gestalt das Auge werfend, „er ist nicht stumm." O ich wußte das im Moment, als ihn der Badeherkules hereinbrachte, es war ja leibhaftig mein Freund, mein Vetter, mein Gesellschafter, der Schloßprtnz. Allein kaum vernahm Karl meine Stimme, die, obwohl im rauhen Baß erschollen, für ihn die hellste Engelsstimme war, stürzte er auf mich, umklammerte meine Knie, drückte, preßte meine Hände, küßte sie und schaute so mitleideinflößenden, so zerknirschten Blickes, einen ganzen Park von Barmherzigkeit herausfordernd, auf zu mir. Lächerlich, und ich ärgerte mich darob, diese Nührscene stimmte mich um, machte mich weich, ich griff hinab und kam mir im Moment wirklich wie der biblische Vater vor, der seinen verlorenen Sohn zu sich verzeihend emporzog und an's entgegenschlagende Herz drückte. Langsam erhob sich der Reumüthige, jedoch meine beiden Hände gab er nicht los, krampfhafter hielt er sie und scheu und wirr ließ er die flimmernden Stern- lein seiner Augen bald auf zu mir schillern, bald zum Kaffeefrüulein, das vor Freude hochbusig aufathmend — denn sie hatte in meiner Person die Verkörperung ihres quittmachcnden Guthabens erblickt — ihm knapp an der Ferse stand. „Nein, nein," flüsterte das kleine arme Sünderchen, „nein, Du laßt mich nicht einsperren, und die da — die — die will mich einsperren lassen, und unten der dicke grobe Mann will mich auch einsperren lassen — in's tiefste Loch — wo — so hat er gesagt — wo Hund' und Katzen sich gute Nacht geben und einen langsam die Ratten auffressen, wenn nicht Alles bis auf den letzten Pfennig bezahlt wird." Demnach war also die Neue vor der Furcht der Strafe, leine selbstthätige, sondern eine Reue zweiter Klaffe; mich machte das verschnupft, indeß mehr noch das Wort: „wenn nicht Alles bezahlt wird." Wer sollte zahlen — natürlich ich, — warum ließ ich das Kind — würde sicher die Frau Base im Regreß- falle gesagt haben — so ganz ohne Aufsicht. Ich hätte das snkant tsrrtdls in der Mitte vor Zorn abbrechen können, doch „tapfer ist der Löwenfieger, doch tapfrer, wer sich selbst bezwäng", ich simulirte eine klassische Ruhe, beschwichtigte Karl und lächelnd sagte ich zu der in trutziger Ungeduld und kopfschüttelnd dastehenden Gläubigen«: „Fräulein, belästigen wir Ihre Herrin nicht länger, lassen Sie das unsere Sache sein, ich meine, Ihre Rechnung werden wir auch noch erschwingen können." Sodann verabschiedete ich mich von der Frau Hofrath in verbindlichster Form, um Entschuldigung ob dieser unliebsamen Scene bittend. Die ihrerseits erhob lächelnd und bedeutsam, wie drohend, den kleinen Finger, als wollte sie sagen: „Du bist ein schwaches Papachen." Ich merkte, eine gewisse Verlegenheit beengte ihr Wesen, denn sie konnte unmöglich vergessen haben, daß der Bengl und das Früchtchen gerade keine besondere Decoration für mein „Söhnchen" war. Mit der Hebe war ich bald fertig. Dank äs lrruit xonr uns tasss sacke! Sie hatte nämlich auf einer großen Platte eben sechs Tassen mit Kuchen servieren wollen, Karl kam ihr in dem Moment, als ein Herr ihn wegen seiner Splisset- chen ein bischen anzureden wünschte, rückwärts Zwischen die Füße. Platte, Tassen, Kuchen, Kaffee, Milch, Zucker natürlich purzelte auf den Asphalt nieder. Nun, Porzellan ist nicht von Eisen und der Kuchen nicht aus Stein, auch Milch und Kaffee nicht compakt genug, einen solchen Salto aushalten zu können, — daher gab es eine Rechnung — und mit der Bezahlung war die Sache friedlich beglichen. 28 III. Ich verließ die Hallen Aeskulaps, wohlweislich nicht durch das große Eingangsthor, sondern wir drückten uns durch ein hinteres Seitenthürchen, denn das Publicum, das die erste Scene des Einacters gesehen, schien sich darauf zu steifen, auch den Schluß zu genießen, so dicht stand es auf dem Chamotteparquet vor den Fenstern der vordern Front. Jedoch kaum hatte ich die Wasserheil- Anstalt mit meinem Liebling, in der wir eine ebenso unfreiwillige als kostbare Douche genommen, im Rücken, so gtng's auch schon in schärfster Tonart über Karl her. „Karl," sagte ich, „Du bist ein ganz heilloser Mensch, mit Dir kann man kaum einige Augenblicke gehen, ohne nicht in das peinlichste Malheur zu gerathen, ich werde Deiner Mutter energisch in das Gewissen reden, Du mußt anders werden, in der Stadt kann man keine so ungezügelten Buben brauchen. Du bleibst nun bei mir, gehst mir nicht mehr von der Seite. Ich werde trachten, Dich sobald wie möglich nach Hause zu bringen. Von der Jsarbrücke werden wir bis zum Bahnhof fahren, und von da weg weißt Du ohnedieß nach Hause." — „Juche! Fahren! Das ist g'scheidt, ja vom Bahnhof weiß ich ganz gut heim, — fahren! Juche!" — das war die einzige Erwiderung. Statt Zerknirschung ein Juhschrei. Der Mensch schien, wenn eine gute Wirkung zu erhoffen sein sollte, unaufschiebbar handgreiflich behandelt werden zu müssen, woran eS zweifelsohne lieb Mama und gut Gouvernante bis jetzt ermangeln ließen. Wir stiegen langsam den Bogenhauser Steig empor, kamen an der Damenburg des Mnximiliansstifts v rbei und schwenkten in die Anlagen ein. Der linde Abend hatte eine ungewöhnliche Menge von Passanten auf die schönen Höhen gelockt. Es war auch prächtig. Der weiße und rothe Dorn blühte, die Dolden waren aufgesprungen und sandten ihren süßen Hauch durch die Lüste, in saftigstem Grün breiteten sich die Wiesen aus und kunterbunt webten die Maien- blümlein ihr liebliches Dessin hinein. Die Wässerlein quollen lustig aus dem Gestein und aus dem feuchten Hange und ringelten sich in den kieselhcllen Bettchen, kindlich plaudernd und plätschernd, noch einige übermüthige Cadenzen wagend, hinab in den Alpenstrom. Die Schmetterlinge, die wie im Kreisel einander nachtanzten, dachten noch lange nicht daran, ihren Cotillon aufzugeben, noch weniger aber war das beschwingte Orchester, das durch die überzweigtcn hohlen Gassen strich, und aus dem dieser oder jener Solist auf wiegendem Ast seine Arie sang, bei der letzten Programm- Nummer angekommen. O welch frische Lust auf Baum und Pfad, wie durchdrängt sie frohmüthig Jung und Alt, und unwillkürlich mahnt es uns zum Danke, nicht allein gegen den himmlischen Schöpfer, der diese an- muthende Idylle so herrlich gedeihen ließ, sondern auch gegen den irdischen, den unvergeßlichen König Max, der sie geschaffen. Es versteht sich von selbst, daß die Anlagen zumeist dem Schutze des Publicums anvertraut sind, die Lustwandelnden behüten sie, und wehe dem, der sich erdreisten wollte, auch nur ein Zweiglein zu brechen. Ich blieb mit Karl in der Nähe eines kleinen Gehölzes stehen. Von hier aus ging der Blick frei gegen die im Südosten sich verlierende Bergkette. Sie starrte theilwetse noch in Schnee und Eis, nur einige Borwände hatten ihr blaudnftendes Gewand angethan. Ich machte meinen jungen Freund auf dieses entzückend schöne Bild aufmerksam, benannte ihm die Häupter und versprach, wenn er recht brav und sittig werde, seiner Mama und mir Freuds mache, eine Hochtour hinauf. Um die Umrisse besser zu unterscheiden, holte ich meinen Feldstecher hervor, und während ich noch versunken in dem niemals sattgesehenen Bilde schwelgte, kommt aus den Bosquets gesprungen, freudig einen mächtigen Zweig schwingend, — Karl. „Da schau, Onkel," rief er, „da schau, den, da schau, den bring' ich der Mama." „Karl, in drei Teufels Namen," fuhr ich den Schrecklichen, jedoch mehr in zischendem, als lautem Tone, an, „auf der Stelle den Ast weg, her zu mir, — gutwillig, sag' ich, nun, wird's was?" Doch Karl folgte nicht, er lief ungefähr zwanzig Schritte vor meinen Füßen dahin, den über und über im rothen Schmucke blühenden Schleh wie eine Siegestrophäe emporhalteud. „Ein gut gezogenes Kind," diese und andere Glossen mußte ich von Leuten, die hinter mir ihre Promenade machten, als Dessert zu meinem Zorn hinabschlucken. Da marschirte ein Gendarm auf mich zu. „Gehört der Junge Ihnen?" fragte er. „Für den Augenblick leider." „Nun, so darf ich um Ihren Namen bitten. Sie wissen, nach Paragraph —" „Ich weiß, ich weiß, aber ich bitte" — es umklammerte uns ein immer größer werdender Menschenring — „ich bitte, machen Sie kein Aufsehen, ich werde mich morgen bei der königlichen Polizcidircction stellen." Ich wollte dem strammen Hüter des Gesetzes meine Karte geben, leider fand ich sie nicht. Einer aus der Ansammlung, der. mich, ich weiß nicht woher, kannte, leistete für meine Person Bürgschaft, und da der grüne Waffcnmann aus mir unbekannten Gründen dieselbe annahm, war die Sache hiemit abgethan, sonst hätte ich am Ende noch in einer weiteren allerliebsten Gesellschaft durch die menschenstrotzenden Alleen zum Tempel der heiligen Hermandad wallen müssen. (Fortsetzung folgt.) --- Logogryph. Eins ragt himmelan und weist Wie da schafft des Menschen Geist. Füg' als Zwei ein Zeichen d'ran, Jetzt beim Mahl siehst Du den Mann. Einen Kopf nun für Eins, Zwei, Jetzt, ihr Händler, kommt herbei. Seht, die Eins ist gut besucht, Eurer wartet gold'ne Frucht. Markt und Straßen, welck Gewühl! Lust und Gold ist Aller Ziel. Und die Zwei, ein Jeder kennt Sie als nützlich Instrument. Auslösung des Homonyms in Nr. 2: Thor. Auslösung des Bildcr-NciMels in Nr. 3: Gute Lehren kann Niemand entbehren. ^L5. 1894. „Augsburger postzeitung". Dienstag, den 16. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas K- E> WM! lMLE? LMZ LÄ-'^ --S77 WGEE MM 34 I- Direktor der preußischen Kunstsammlungen Geheimrath Robert Dohme; am 14. Nov. in Frankfurt a. M. der Kammersänger Theodor Wachtel; am 4. Dez. der englische Naturforscher Professor Tyndall; am 6. Dez. in Frankfurt a. M. der Maler Karl Theodor Neiffen- stein; am 12. Dez. in Berlin der Orientalist Professor Dr. von der Gabelentz; am 18. Dez. in Frankfurt a. M. der Schauspieler Paul Zademack; und am 23. Dez. der englische Ingenieur Sir George Elliot. ^ - Höchstädt. (Hiezu das Bild Seite 3ö) Anderthalb Stunden unterhalb Dillingen liegt am linken Donauufer in ebener Lage die Stadt Höchstädt. Auf der Erhöhung, die sich aus der Ebene von Höchstädt erhebt und auf der noch heute das k. Schloß steht, scheint in alter Zeit ein Castell gestanden zu haben zu Schutz und Schirm der Ansiedler in der nächsten Umgebung, welche, wie das Castell, zum Reiche gehörte und von diesem allmälig zum Hauptgut der staufischen Kaiser gezogen wurde. Darum fiel Burg und Stadt Höchstädt mit dem Tode Konradins im Jahre 1266 wie fast alle Güter desselben an Herzog Ludwig von Bayern. Die erhöhte Lage des Castells — „hohe Stätte", — gab der Oertlichkeit den Namen, daher „Hohstetin", „Hohstat", „Hohestet", „Höstettin", „Höchsteten", wie der Ort im Mittelalter hieß, bis in der Neuzeit der Name Höchstädt stetig blieb. Zum Erstenmale erscheint Höchstädt in der Geschichte im Jahre 1081. Eine blutige Schlacht führt es in die Geschichte ein. Es war die jammervolle Zeit, da die Mißregierung des lasterhaften Heinrich IV. das Reich zerriß und der bessere Theil der Nation durch Gegenkönige das Joch des Tyrannen brechen wollte. Das Heer des Gegen- , königs Hermann von Luxemburg und des Herzogs Wels von Bayern stieß am 11. August 1081 bei Hohstetin plötzlich auf das Heer des Kaisers Heinrich IV. und seiner Verbündeten, Herzog Friedrichs von Schwaben und des bayerischen Pfalzgrafen Kuno. Es kam zum Kampfe, in welchem Heinrichs Heer vollständig geschlagen wurde und Pfalzgraf Kuno umkam. Zur Zeit, als Höchstädt zum Reiche gehörte, erhielt auch Kloster Neichenau durch Schenkungen der Kaiser hier mehrere Güter, die im 13. Jahrhundert durch Kauf an's Kloster Kaisersheim kamen. Auch die Grafen von Dillingen, deren Gebiet Höchstädt ganz umschloß, besaßen Güter im Orte und seiner nächsten Umgebung, darum finden wir im 12. und 13. Jahrhundert in Höchstädt nicht nur ritterliche Dienstmänner des Reiches, sondern auch Reichenau'sche und Dillingen'sche Vasallen, d. h. Ritter, welche in und um Höchstädt Güter vom Reiche oder von Reichenau und von den Grafen von Dillingen zu Lehen trugen. Im 12. Jahrhundert nennen die Urkunden die Ritter Marquard, Sigfrid und Ulrich von Hohestet. Im Jahre 1270 schenkte ein Ritter Wernher auf seinem Schlosse zu Hohstet einen Hof zu Mörslingen an's Kloster Kaisersheim. Obwohl Ritter Wernher Dienstmann des Reiches war, so trug er doch auch gräflich Dillingen'sche Güter vom Bischof Hartmann zu Lehen und kämpfte im Jahre 1270 für den Bischof gegen Herzog Ludwig von Bayern. Da Herzog Ludwig sich bald nach diesem Kampfe gegen Bischof Hartmann in Besitz von Burg und Stadt Höchstädt als Erbe Konradins setzte, war es mit der Herrlichkeit der Reichsritter in Höchstädt vorbei. Schloß und Stadt wurden bayerisch. Schon anno 1280 bestand nach dem bayerischen Saalbuch das herzogliche Amt in Höchstädt. Das Nittergeschlecht von Höchstädt scheint sehr zahlreich und weitverzweigt gewesen zu sein. Schon Mitte des 13. Jahrhunderts zogen sich mehrere dieses Geschlechtes in die Städte, wie Donauwörth und Nördlingen, und nahmen dort das Bürgerrecht an. Noch mehr war dies der Fall, als die bayerische Herrschaft zwischen 1270 bis 1280 sie aus Höchstädt vertrieb. Aus den Rittern von Hohesteten wurden städtische Patrizier, deren Geschlecht in mehreren Städten durch das ganze Mittelalter blühte. Unter der bayerischen Herrschaft fiel Höchstädt in Folge der häufigen Landestheilungen der bayerischen Herzoge bald an diese, bald an jene Linie. Bei der Theilung von 1329 kam „Hochstet diu purch und stat" an Kaiser Ludwig, der anno 1342 Höchstädt „Ordnungen für Handel und Wandel, Maß und Gewicht" gab. Vom Jahre 1477 bis 1503 gehörte Höchstädt zu Bayern - Landshut. Die Geldnoth zwang jedoch die bayerischen Herzoge, auch Höchstädt häufig zu verpfänden. Schon Ludwig der Bayer verpfändete es anno 1322 an die Grafen Johann und Ulrich von Helffenstein. Im Jahre 1353 war Herzog Friedrich von Teck Pfandinhaber des Landgerichts Höchstädt und blieb es bis 1382, in welchem Jahre er als Mitstifter des Spitals von Höchstädt erscheint. Sogar der Graf von Württemberg hatte die Herrschaft von 1383 bis 1405 im Pfandbesitze. Als Ludwig der Bärtige sie im Jahre 1405 ausgelöst hatte, scheint die Herrschaft im unmittelbar bayerischen Besitze geblieben zu sein, bis im Jahre 1505 die sogenannte „junge Pfalz" mit der Hauptstadt Neuburg für die Söhne Rupprechts von der Pfalz errichtet wurde, zu welcher das ganze Amt Höchstädt geschlagen wurde. Höchstädt war nun Pfalz-neuburgisch und blieb es bis 1777. Im Jahre 1545 erwarb die Stadt gegen Erlegung von 2000 Gulden von der geldnothigen Regierung in Neuburg die niedere Gerichtsbarkeit in der Stadt und im Burgfrieden. (Schluß folgt.) -^S-888-S-- Goldköruer. Man verzeiht leichter unangenehme Fehler als unbequeme Tugenden. K. Könnten die Großen donnern Wie Jupiter, der Gott hätt' keine Ruh; Denn jeder kleine, winz'ge Richter braucht' Den Himmel nur zum donnern, nichts als donnern, O gnadenreicher Himmel! Shakespeare. -SLöScS- Germanisches Gericht. (Hiezu das Bild Seite 33.) Karl der Große, das Urbild eines kraftvollen, weisen Herrschers, hatte, nachdem er mit dem Schwerte in der Hand die Grenzen seines großen Reiches gezogen, seine ganze Kraft und Sorge der Ordnung der inneren Zustände desselben zugewandt. Schule, Wissenschaft und Kunst zu heben, war sein unermüdliches Bestreben, ganz besondere Aufmerksamkeit aber schenkte er, in richtiger Würdigung ihrer schwerwiegenden Bedeutung für das Wohl des Ganzen, der Rechtspflege. Er hatte keine leichte Arbeit. Jede der vielen Völkerschaften, die er unter seiner Krone vereinigt hatte, hing fest an ihren 35 angestammten Rechtssatzungen, und diese waren den > nißvolle Runenschrift eingeritzt ist, stehen sich der Beklagte Charaktereigenthümlichkeiten der einzelnen Stämme so innig angepaßt, daß sie nicht ohne weiteres umgestoßen werden durften. Aber aus dem guten Boden alten Rechts war im Laufe der Jahre so mancher giftige Pilz aufgeschossen, und ganz besonders der verheerende Strom der großen Völkerwanderung hatte einen für Mißbrauche und Anmaßungen recht fruchtbaren Boden angeschwemmt. Das fcst- gewucherte Unkraut auszuroden und einen sicheren Mittelpunkt zu schaffen, ohne das Nechtsgefühl der verschiedenen Stämme zu verletzen, war die Aufgabe des großen Frankenkönigs. Als Grundlage für sein Staatswesen schuf er eine einheitliche Eintheil- ung des Reichs in Bezirke, Gaue genannt, und diese Gaue theilte er wiederum in kleinere Bezirke, die Hundertschaften. Letzteren setzte er denCentgrafen als Haupt vor, während in den Gauen der Gaugraf oder auf kirchlichem Gebiet der Bischof, beide von ihm ernannt und eingesetzt, das Regiment führten. Die Amtsführung dieser Beamten kontrollierte Karl durch seine Sendboten, Königsboten, 1111881 rs^ii genannt, die er von Zeit zu Zeit durch das ganzeReich sandte. Dies eKönigsboten vertraten auch die Gaugrafen, welche der Kriegsdienst oft lange Zeit von zu Hause fernhielt, als Richter in wichtigen Fällen. Solche Fülle wurden meist auf dem sogen. „großen echten Ding", einer Nathsversamm- lung,bei der allefreien Leute der Grafschaft s« - Stadtpfarrkirchr in Höchltiidl. erscheinen mußten,und Original-Ausnahme von Gustav Baader Photograph inKrmnbach, sVervielsältigungsrcchi vorbehalicn.I das,Gerüst^, denNoth- mit seinem Eideshelfer und die Sippe des Klägers gegenüber. Die Klage geht auf Mord, der Körper des Erschlagenen liegt, von dem unfreien Knecht gestützt, in der Mitte der Malstatt. Hinter dem steinernen Gerichtstische hat der Sendbote des Königs Platz genommen, ihm zur Rechten und zur Linken die beiden Schöffen, im Rathe bewährte und ehrenhafte Männer des Gaues, die dem Richter zur Auffindung gerechten Urtheils behülflich sein sollen. Nachdem der Richter mit dem Stab auf den Tisch geschlagen, Stille geboten und den Gerichtsfrieden gebannt hat, beginnt die Verhandlung. DerBruderdesGe- mordeten,der,in seinen Mantel gehüllt, auf den Speer gestützt, zu Füßen des Todten steht, erhebt die Anklage. Zürnend und grollend bringt er die Beschuldigung vor, und nichts vergißt er, was den Thäter belasten und dessen Schuld erweisen könnte. Bittere Feindschaft hatte schon lange geherrscht zwischen dem Beschuldigten und demErmordeten. Einst gute Freunde und treue Waffengenossen, hatten sie sich beim Spiele entzweit und waren zu verschiedenen Malen mit harten Worten aneinander- gerathen. Ja einmal schon hatten sie zum Schwert gegriffen,und nur dem Einspringen der Genossen war es zu verdanken, daß kein Blut geflossen.Von der Jagd nach Hause reitend, hatte der Bruder die dreimal im Jahre abgehalten wurde, verhandelt. Außer diesen regelmäßigen Versammlungen fand noch bei besonderen Veranlassungen, die eine Verzögerung nicht zuließen, ein „außerordentliches Ding" statt. Es ist eine germanische Gerichtssitzung, die unser Bild vorführt, ein „außerordentliches Ding." Unter der mächtigen Eiche, dem uralten Versammlungsplatz des Gaues, den noch aus heidnischer Vorzeit her der Pferdeschädel, das Opfer OdinsZ, des Welten- ordners, ziert, haben sich Richter und Parteien zusammengefunden, um Recht zu sprechen und Recht zu empfangen. Umschlossen vom Kreise der Malsteine, in welche geheimes Odin — oberster Gott der Germanen. schrei des Gemordeten, im Walde gehört, und als er hinzueilte, den Beklagten mit blutigem Schwert allein an der Seite des Sterbenden gefunden. Bei seinen Waffen schwört dies der Kläger und fügt, das blitzende Auge auf den Beschuldigten gerichtet, hinzu, daß ihn nur der Gehorsam gegen des Kaisers Verbot abgehalten habe, das zu thun, was seine Altvordern in solchem Falle gethan hätten, mit dem Schwert die Unthat zu sühnen, Blutrache zu üben an dem schändlichen Uebelthäter. Der Kläger schweigt, und mit ernstem Worte gemahnt der Königsbote den Beklagten, sich von der Anschuldigung zu reinigen. Unbedeckten Hauptes, mit den 36 Flammen des Unmuths auf dem Gesichte tritt der vor. Er leugnet nichts von dem, was sein Ankläger gesagt, aber er legt die Hand auf seine Klinge und schwört, daß sie makellos sei, unbesudelt von des Todten Blut. Er erzählt, wie auch er den Hilferuf des Erschlagenen vernommen, herbeigeeilt sei, dem Bedrängten beizuspringen, nach seiner Ehrenpflicht. Den habe er in hartem Kampfe getroffen mit einem fremden Manne, und bevor noch ein Dazwischeneilen möglich gewesen, sei jener unter den Streichen des Fremden erlegen. Wie sie aneinander gerathen, sei ihm unbekannt, aber im Anblick des Gefallenen habe er Streit und Zwist vergessen und sei wuthentbrannt auf den Mörder eingedrungen. Er ruft das Blut, das noch an der Klinge klebt, zum Zeugen an, daß er des Freundes Fall gesühnt und den Gaudieb so gezeichnet habe, daß er wohl nicht mehr weit gekommen sein dürfte. Die finsteren Blicke und die trostlose Traurigkeit des greisen Vaters, der Gemahlin und Kinder des Gemordeten haben sich während dieser Erzählung allmählig verloren. Wenn das wahr ist, was der Beschuldigte vorbringt, so haben sie wenigstens den Trost, den geliebten Todten nicht von Freundeshand erschlagen und sein Blut gesühnt zu wissen. Nur der Bruder steht noch in düsterem Sinnen da. Wenn er der Rede des von ihm Bezichtigten glaubt, so hat er falsche Klage erhoben j und Tapferkeit und Treue mit schmählicher Verdächtigung ' vergolten. Die Worte des Beklagten haben mächtig auf ihn gewirkt, der Zornesrausch ist verflogen, und jetzt erst bedenkt er, daß es ein ehrlicher Recke, den kein Makel befleckte, ist, den er des feigen Meuchelmordes geziehen. Nun spricht der Alte und heischt vom Richter die Bahr- probe. Das ist das rechte Wort, das den Bann dumpfen Zweifels bricht. Mit stummem Kopfnicken dankt der Beschuldigte dem weisen Alten. Nachdem er seine Aussagen nochmals beschworen und sein Eidhelfer seine Glaubhaftigkeit bezeugt, tritt er dicht an den Erschlagenen heran. Aller Augen sind gespannt auf den Todten gerichtet, denn: „Das ist ein großes Wunder, oftmals es noch geschieht, Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten steht, So bluten dem die Wunden . . ." berichtet das Nibelungenlied, und so war auch der feste Glaube der Germanen. Aber die Todes-Wunde verändert sich nicht. Das erstarrte Blut beginnt nicht zu fließen, selbst da der Beschuldigte seine Rechte auf die Wunde legt. Da zögert der Bote des Königs nicht länger. Er erhebt sich und spricht den Beschuldigten von der Anklage frei: „Kann jemand anders sagen, der spreche ohne meinen Zorn!" Die Schöffen schlagen an ihre Waffen und geben befriedigt ihre Zustimmung. Der Bruder des Todten aber reicht dem Gereinigten die Hand, und dessen kräftiges Einschlagen beweist, daß die Klage keine Feindschaft hinterlassen, und daß die Beiden eins sind, des Todten Sühne zu vollenden. Der Richter legt den Stab nieder, das Gericht ist „aufgeschlagen", das „Ding" geschlossen! -- — Her Winter im Walde. (Zu unserem Bild Seite 31.) „Im Wald und auf der Haide, da such' ich meine Freude!" heißt es in einem bekannten Liede — und mit Recht! Ein Gang durch den grünen Tann zur Sommerszeit, wenn die Sonne glühende Hitze spendet und der Vöglein Lied erschallt, hat er dich nicht schon erquickt? Doch auch im Winter bietet der Wald des Schönen viel. Schneedecke breitet sich über Moos und Wurzel und weißglitzernd und schimmernd hängt es an Ast und Strauch! Futter suchend ziehen Hirsche und Rehe durch's stille Gehege! Verstummt ist die murmelnde Quelle, unter eisiger Hülle schlafen des Baches Wellen! Stille ringsum, an des Waldes herrliche Winterpracht mahnender Friede! -—i««»—-- Allerlei. In einer der neueren Nummern der Münchener „Fliegenden Blätter" findet sich von dem bekannten Dichter v. Miris (F. Bonn) nachstehendes reizende Gedicht: Hu üs stöole. Unbehaglicher im Ganzen Wird es täglich auf der Welt. Von zu vielen Menschenpflanzen Ist der Garten vollgestellt! Eine macht der andern streitig Grund und Boden, Luft und Licht, Sich zu schaden gegenseitig Wird der Selbsterhaltung Pflicht. Als noch still bei Unschliltkerzen Abends die Familie saß, Und die Lichtputzscheer' mit Scherzen Zu gebrauchen nicht vergaß, Spärlich war, wie in den Zimmern, Die Beleuchtung auch der Stadt, Aber ohne vieles Kümmern Aß man sich behaglich satt. Trottoir mit spitzen Steinen Noch als gutes Pflaster galt, In geselligen Vereinen Freut' sich harmlos Jung und Alt. In den Sitten, in der Mode Herrschte schlichte Einfachheit; Auch zur Krankheit und zum Tode Ließen sich die Menschen Zeit. Von Poeten und Gelehrten ^ Ward Reklame noch verschmäht. Leichter war's berühmt zu werden, Sei's als Denker, als Poet. Wenig' helle Geisteslichter Leuchteten von Haus zu Haus — Sechzehntauscnd deutsche Dichter Weist der neu'ste „Kürschner" aus! Was du heute auch ersonnen, Gestern fiel's schon Andern ein. Was du heut' mit Glanz begonnen, Morgen wird's veraltet sein. Unerquicklich ist das Leben, Nur ein ruheloser Kampf, Wüstes Hasten, rastlos' Streben — Elektrizität und Dampf! Damals heimliches Behagen, Reizende Gemüthlichkeit — Heute rings ein wildes Jagen Auf dem Feuerroß der Zeit! Ausbruchdrobend grollt der Krater — Wahrlich! Wenn die Wahl wär' mein, Möcht' mein eig'ner Urgroßvater Lieber ich gewesen sein! -- Milder-Nätyset. 4 « MX M 55 6 . Ireitag, den 19. Januar 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesiher vr. Max Huttler). Auf verwegener Mhn, Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Inzwischen war die Stunde, auf welche ihre Vorladung lautete, bereits überschritten, und als eben ein vornehm gekleideter Herr mit feinem schwarzen Schnurr- bart und goldener Brille, eine Aktenmappe unter dem Arme, aus einer der Thüren trat, faßte sie endlich Muth und wendete sich an ihn mit der Frage, ob er ihr nicht sagen könne, wo . . . Plötzlich erstarb ihr die Rede auf ven Lippen, als sie ihn näher ins Auge faßte. Hier an diesem Orte sollte sie dem Antlitz wieder begegnen, das sie sich so oft höher schlagenden Herzens in ihrer Erinnerung vergegenwärtigt hatte. An diesen Mann, gerade an diesen, sollte sie mit der Frage herantreten, welche sie selbst Menschen gegenüber, die ihr gänzlich gleichgültig waren, kaum über die schüchterne Lippe gebracht hatte? Schon der Gedanke, an diesem Orte, wo Alles sich mit Armcnsündermienen anblickte, von ihm gesehen und erkannt zu werden, jagte ihr die heiße Scham- röthe in die Wangen. Sie war ein paar Schritte zurückgeprallt, dann wandte sie sich um und entfloh wie ein aufgejagtes Neh. Wie an den Boden gewurzelt, blickte er der rasch Verschwindenden nach. War sie es oder war sie es nicht? Nur eine Einzige kannte er mit solch' gold- schimmerndem Haar und von so unvergleichlicher Gestalt, — aber um den schwarzen Schleier zu durch- dringen, der ihr Antlitz verhüllte, dazu hatte der kurze Augenblick nicht hingereicht. Er schüttelte den Kopf: „Nein, nein," murmelte er, „es war eine Täuschung. Welchen Grund hätte sie gehabt, vor mir zu fliehen?" Dann verließ er langsamen Schrittes und in sich gekehrt wie ein Träumender das Gerichtsgebäude. Sig- linde hatte ihre Flucht durch mehrere sich kreuzende Korridore fortgesetzt. Als sie einen Blick auf die Inschrift der Thüre warf, vor welcher sie endlich Halt gemacht hatte, um Athem zu schöpfen, zeigte es sich, daß der Zufall sie gerade vor das so lange vergebens gesuchte Zimmer des Untersuchungsrichters geführt hatte, dessen Namen ihre Vorladung trug. Jetzt, wo sie ihrer ganzen Fassung bedurfte, fand sie dieselbe auch wieder. So trat sie denn ein. Nach girier Stunde kam sie tief gebeugt wieder heraus. Es stand schlimm um den Vater! Sie durste nicht thatlos die Dinge herankommen lassen, es mußte etwas geschehen, es galt einen Kampf gegen die zermalmende Gewalt der unglücklichen Umstände, die sich gegen ihn verschworen hatten, um ihn schuldig erscheinen zu lassen. Was aber konnte sie, das schwache Mädchen, thun? Wer gab ihr einen guten Rath in ihrer Verlassenheit? Sie eilte zu einer befreundeten Familie; es sei Niemand zu Hause, hieß es da. Als ihr bei einer zweiten Familie dieselbe Abfertigung zu Theil wurde, da wußte sie, woran sie war, nnd erkannte ihre neue Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft, in welcher für die Tochter eines Mörders und bankerotten Kaufmanns kein Platz mehr war. Aber den einzigen Rath, den Andere ihr hätten geben können, fand sie selbst; sie konnte sich nur an einen tüchtigen Advokaten wenden. Und da kam ihr unwillkürlich der Name Doktor Volkmar ins Gedächtniß, ein viel genannter noch junger Nechtsgelehrter, dessen außerordentlicher Ruf als Vertheidiger auch schon zu ihren Ohren gedrungen war. Er hatte, selbst in den verzweifeltsten Fällen, der Staatsanwaltschaft schon oft die Palme des Sieges wieder aus der Hand gerungen. Mit dem Scharfsinn des Juristen vereinigte er eine hinreißende Beredsamkeit. Vor der Gewalt seiner Rede stürzten die festgefügtesten Anklagen wie Kartenhäuser über den Haufen; wo der Gegner eine schwache Seite zeigte, da brach er eine Bresche und drang mit einem Alles niederwerfenden Ungestüm vorwärts; er wußte aber auch — und darin wurzelte das eigentliche Geheimniß seiner Kraft — die Herzen bis in ihre innersten Fasern zu ergreifen und zu erschüttern und auf Schöffen und Geschworene zu wirken, daß ihnen der Schweiß der Gewissensangst auf die Stirne trat. Mehr als eine dieser gewaltigen Reden, die von den Zeitungen stets in ihrem ganzen Umfange wiedergegeben wurden, hatte Siglinde mit Bewunderung gelesen, und vor Kurzem erst hatte dieser geniale Vertheidiger die Unschuld einer achtzigjährigen Dame, welche wegen Unterschlagung bereits zu Gefängniß verurtheilt worden war, an den Tag gebracht und der Greisin Freiheit und Ehre zurückgegeben. Zu diesem Herrn Doktor Volkmar lenkte denn auch Siglinde mit neuer Hoffnung im Herzen ihre Schritte. Es war am Morgen des zweiten Tages nach der Verhaftung ihres Vaters, als sie in das Bureau des Nechts- anwalts trat. Sie mußte im Vorzimmer, wo ein halbes Dutzend 30 Schreiber an ihren Pulten arbeiteten, warten, da Doctor Volkuiar in seinem anstoßenden Kabinet gerade mit einem Clienten beschäftigt war. Inzwischen bot man der jungen Dame einen Stuhl an, auf welchem sie mit klopfendem Herzen Platz nahm. Während die Schreiber ihre Federn über das Papier rascheln ließen, fiel unter ihnen in längeren Zwischenpausen zuweilen ein halblautes, abgebrochenes Wort, das sich noch auf eine vorhergegangene, durch Siglinden's Eintritt gestörte Unterhaltung zu beziehen schien. „Also genau auf dieselbe Welses" sagte Einer. „Ganz genau so," nickte ein Anderer, der sehr lang und hager war. „Erwürgt von hintenher?" frug ein Zweiter. Der Hagere, an den die Fragen gerichtet wurden, antwortete durch ein stummes Nicken. Siglinde wußte nicht, wohin sie vor Verwirrung blicken sollte. Offenbar schien von dem Morde an ihrer Tante die Rede zu sein. Das Gespräch der jungen Leute, die nicht ahnten, wen sie vor sich hatten, konnte höchst peinlich für sie werden. „In einem Gebüsches" erkundigte sich ein Dritter. „Im Kastanieuwäldchen," gab der Hagere zur Auskunft. Das junge Mädchen athmete auf. Die zuletzt vernommenen Reden schienen sich doch wohl auf irgend einen anderen Fall zu beziehen. Soeben öffnete sich die Thür des Kabinets; ein Herr trat heraus und verabschiedete sich mit einer Verbeugung von dem Rechts- gclehrten, welcher, ohne selbst sichtbar zu werden, ihn bis an die Thür begleitet hatte und dieselbe eben wieder zuziehen wollte. „Bitte!" lud einer der Schreiber Siglinde mit einer Handbewegung nach der Thür ein. Sie erhob sich, trat ein und stand plötzlich wie festgebannt, denn sie blickte wieder in dasselbe Gesicht mit dem feinen schwarzen Schnurrbart und der goldenen Brille, vor welchem sie gestern im Gerichtsgebäude die Flucht ergriffen hatte. Sie zögerte, sie kämpfte mit sich selbst, während ihr Antlitz unter dem Schutze des Schleiers purpurn erglühte. „Sei es denn!" ermannte sie sich endlich und schlug entschlossen die dunkle Hülle zurück. „Siglinde!" entfuhr es den Lippen des Anwalts. Sein etwas bleiches Gesicht nahm unter dem Eindrucke der Ucberraschung eine lebhaftere Färbung an, aus seinen klaren, schönen grauen Augen schössen Blitze der Freude. „Verzeihen Sie diese unehrerbietige Vertraulichkeit, mein Fräulein," fügte er hinzu, ihr die Hand entgegenstreckend. „Daß sie mir in der ersten angenehmen Ucberraschung entschlüpfte, dürfte kaum als Entschuldigung gelten, daß aber jener schöne Name der einzige ist, unter welchem ich Sie kenne, wird mir hoffentlich als mildernder Umstand angerechnet werden." „Ich weiß es erst seit wenigen Augenblicken," antwortete Siglinde, „daß mein fremder Retter und der berühmte Nechtsgelehrte, dem mein jetziger Besuch gilt, eine und dieselbe Person sind. Unter verhängnißvollen Umstünden prägten Sie sich meinen Vornamen ein, wie hätte ich damals ahnen können, daß eine noch viel traurigere Veranlassung Ihnen zu meinem Zunamen verhelfen werde s Wenn ich Ihnen denselben nenne, werden Sie auch alles Uebrige wissen. Ich bin die Tochter des unglücklichen Schönaich, der im Verdachte des . . Sie kam nicht weiter, ein Würgen in ihrer Kehle erstickte jedes weitere Wort. Sie war einem Wetn- krampfe nahe, aber sie gebot den Thränen und biß die Lippen fest aufeinander. Doktor Volkmar wußte genug. Sein Antlitz blieb unbeweglich. Er ergriff sie sanft bei der Hand, führte sie nach einem Sessel, nahm ihr gegenüber selbst Platz und sagte dann, ihr Anliegen ahnend: „Darf ich hoffen, daß Sie gekommen sind, um meinen juristischen Rath zu hören, vielleicht mir die Vertheidigung Ihres Vaters anzuvertrauen s" Siglinde nickte ihm mit einem schmerzlichen Lächeln zu, worin sich zugleich Dankbarkeit ausdrückte, daß er ihr die Nothwendigkeit, ihre Bitte erst aussprechen zu müssen, in zart zuvorkomuiender Weise erspart hatte. „Herr Doktor!" begann sie dann in feierlichem Tone, „ich glaube an die Unschuld meines Vaters, wie an Gott. Er ist einer solchen That unfähig; selbst wenn noch viel mehr als sein materielles Wohl und Wehe auf dem Spiele gestanden, selbst wenn es sich um Leben oder Tod gehandelt hätte, würde er zurückgeschreckt sein, seine Zuflucht zu einem verbrecherischen Mittel zu nehmen." „Sie stehen mit dieser Ansicht nicht allein," erwiederte der Nechtsanwalt, „ich habe angesehene Leute, die Ihren Vater schon lange kennen, Aehnliches behaupten hören." „Durch mich erfuhr er die Kunde von dem Morde zuerst," fuhr Siglinde fort, „ich las sie ihm aus der Zeitung vor. Man muß, wie ich, seinen Schreck, sein Entsetzen gesehen haben, um zu wissen, daß die Nachricht ihn mit der ganzen Gewalt einer furchtbaren, unerwarteten Neuigkeit ergriff. Und daß er nie Talent zu einem Schauspieler hatte, weiß Niemand so gut, wie ich, die ich von meiner Kindheit an ihn kenne. Und so etwas, wie die Verstellungskunst, lernt sich auch nicht plötzlich. „Ist Ihnen das gegen Ihren Vater vorliegende Strafmaterial bekannt?" frug der Nechtsgelehrte. „Nur zum Theil." „ES ist nöthig, daß wir uns über Alles aussprechen, selbst über das Peinlichste. Darf ich Ihnen sagen, wie sich nach den mir zugänglichen Quellen in den Gerichtsstuben der Fall darstellt?" „Sprechen Sie, ohne mich zu schonen, Herr Doktor. Es wäre Feigheit von mir, wollte tch mein Auge vor der Gefahr verschließen." Der Anwalt gab nun Siglinde einen klaren, umfassenden Ueberblick über alle jene gegen ihren Vater zeugenden Indizien, wie wir sie zu Anfang dieses Kapitels zusammengefaßt haben. Mit einer Ruhe und Fassung, die Volkmar nur bewundern konnte, hatte das junge Mädchen zugehört und dabei leise mit dem Kopfe genickt. Dann sagte sie: „Das ist noch nicht Alles. Aus gewissen Fragen, die gestern der Untersuchungsrichter an mich richtete, geht hervor, daß noch ein neues Moment hinzugekommen ist. Man hat im Nachlaß meiner Tante deren Testament gefunden. Ich bin darin als Universalerbtn ernannt, wenn ich . . ." Sie stockte endlich nicht ohne Selbstüberwindung: „Wenn tch eine gewisse Bedingung erfülle." „Und diese Bedingung ist?" „Daß ich die Gattin eines Mannes werde, den tch 31 noch nie gesehen habe," fügte Siglinde hinzu. Sie hatte die Augen zu Boden gesenkt und fühlte den heißen 'Hauch, der ihr dabei verrätherisch über daS Antlitz lief. „Diese Verbindung konnte aber meinem Vater nur dann ein RettungsMittel werden, wenn durch den Tod meiner Tante die Erbschaft flüssig wurde, und so schiebt man jetzt meinem Vater auch noch das Motiv unter, daß er —" „Diesen Tod gewaltsam herbeigeführt habe," ergänzte der Rechtsgelehrte, „um sich durch die Heirath seiner Tochter zu helfen?" „So ist es. Nur möchte ich wissen, wozu dann mein Vater noch den Versuch gemacht haben sollte, die Tante nach an ihr vollbrachtem Morde zu berauben. Was er der Todten hätte nehmen können, hätte er ja nur seiner eigenen Tochter entwendet, die deren Erbin war!" „Dieser Widerspruch wird keinen Staatsanwalt und keinen Richter in Verlegenheit bringen," bemerkte Doktor Volkmar mit einem leisen Lächeln, „sie würden Ihnen 'antworten: Ihr Vater habe sich, da eine Heirath sich nicht von heute auf morgen vollziehen läßt, zunächst aus der allerschlimmsten Noth helfen, habe seinem Falliment vorbeugen wollen oder auch sich für den immerhin möglichen Fall, daß die Tante inzwischen das Testament geändert haben könnte, durch einen Griff in ihre Schätze sicher stellen wollen." „Ja ja," seufzte das Mädchen, „das läßt sich allerdings geltend machen. Es kommt zu dem Allem noch hinzu, daß meine Tante vor Kurzem lebensgefährlich erkrankt und somit Hoffnung auf meinen baldigen Antritt ihres Erbes vorhanden war. Ihre unerwartete Wiedergenesung könnte, nach richterlicher Auffassung, für meinen Vater nur ein Grund mehr gewesen sein, das Ereigniß, vor welchem ihre kräftige Natur Halt machte, auf gewaltsamem Wege herbeizuführen." Auf Volkmar's Ersuchen, ihn vertrauensvoll in die Familienverhältnisse einzuweihen, die er zur Beurtheilung der Situation kennen müsse, erzählte ihm Siglinde Alles ausführlich, was sie vor wenigen Tagen durch ihren Vater erfahren hatte, von dem Zerwürfniß zwischen ihm und der Tante angefangen, bis zu dem Briefe, womit der Sohn des Majors von London aus seine Ankunft ankündigte. Der Anwalt war Siglindens Mittheilung mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. „Hat Ihr Vater diesen Brief zustimmend beantwortet," frug er nach einer Pause, „so daß Herr v. Harnisch sich auf Ihre Hand Hoffnung machen durfte?" „Nein, Herr v. Harnisch hatte keine Adresse angegeben, weil er fast unmittelbar seinem Briefe folgte. Auf der Ueberfahrt von Dover nach Calais ist das Schiff, auf welchem er sich befand, in Folge Zusammenstoßes mit einem andern zu Grunde gegangen, doch las ich seinen Namen in der Liste der Geretteten." „Ich kann mir denken, daß Sie, um Ihren Vater vor dem Ruin zu bewahren, in die Verbindung mit dem Sohne seines ehemaligen Gegners eingewilligt hätten," bemerkte Volkmar, wobei Siglinden ein leises Beben seiner Stimme nicht entging. „Ich erklärte mich allerdings zu diesem Opfer bereit," antwortete sie kaum hörbar, wieder, wie vorhin, erröthend zu Boden blickend. „Inzwischen hat sich Herr v. Harnisch Ihnen noch nicht vorgestellt?" fragte der Anwalt. „Meine Dienerin theilte mir mit, es fei vorgestern Nachmittag, nachdem ich mit meinem Vater nach Gut Nottenbach abgereist war, ein Herr dagewesen. Ich vermuthe, daß es Herr v. Harnisch war." „Und seitdem hat er nichts wieder von sich hören lassen?" „Nein. Er dürfte inzwischen von dem schrecklichen Ereignisse, an welchem man meinem Vater eine so blutige Schuld vorwirft, gehört haben und wird natürlich die Tochter eines Mörders als Gattin verwerfen." Doktor Volkmar blickte nachdenkend vor sich hin. Dann stand er auf, nahm einige Zeitungen aus einer Mappe und blätterte darin. „Der Zusammenstoß der beiden Dampfer hat am 12. d. Mts. stattgefunden," bemerkte er aus einer Zeitung aufblickend. „Zwischen dieser Katastrophe und Herrn v. Harnischs vermuthlichem Besuche liegen elf Tage. Von Calais hierher braucht man doch höchstens 48 Stunden. Was hat er in jener Zeit getrieben?" Die letztere Frage hatte der Advokat murmelnd gesprochen, wie an sich selbst gerichtet. (Fortsetzung folgt.) ---Ss-Ar-ss-- In allerliebster Gesellschaft. Eins Humoreske von Element Kleeberger. (Fortsetzung.) Mein Freund Karl stand ungefähr zwanzig Schritte von dieser Scene entfernt. Halb und halb schien er sich bewußt, um was es sich handelte. Ich befahl ihm, herbeizukommen. Er blieb hartnäckig stehen. „Herr Gendarm," rief ich nun, denselben ver- ständnißtnnig anblickend, mit forcirter Stimme, „ziehen Sie den Säbel und hauen Sie den Taugenichts sofort zusammen — wenn er nicht auf der Stelle —" Der Renitent ließ mich nicht ausreden, er kam herangeschlichen, denn er sah das rothe Aermeltnch des Gewaltigen bereits hinab gegen den Säbelkorb streifen. Brav Büblein, wie ein Schläge fürchtendes Windspiel kam es fast gekrochen, jedoch krämpfig den Zweig festhaltend. In dem Momente aber, als der Bewaffnete seine Hand an's Schwert legte, entfiel dem zu Tode erschrockenen Frevler das oorxus äelioti — ich ließ es liegen und empfahl mich mit meinem Gesellschafter in Eilschritten, denn unser neues Schauspiel hatte ein nichts weniger als dankbares Publicum. Um schneller zu entrinnen, bogen wir in die Fahrstraße ein, jedoch auch hier gab es Spaziergänger genug, und hie uud da konnte mit bester Vorsicht ein kleines Anrempeln nicht vermieden werden. So zehn Minuten sausten wir dahin, dort, wo von der Straße weg es wieder hineinführt zu den schlängeln- den Fußpfaden, stießen wir auf einen mir sehr befreundeten jungen Doctor. Ich hatte mit demselben vor einigen Jahren eine hochinteressante Dolomitenfahrt gemacht, und das lange Zusammenwandern brachte uns auch in der Stadt näher. „Um alle Welt, Herr Compagnon," rief er mir schon von weitem entgegen, „Sie jagen — welche Verantwortung — Ihrem Stammhalter die schönste Luftröhrenschwindsucht an den Hals. Ein so galoppirendes Lustwandeln ist im höchsten Grade polizeiwidrig. WaS ist's denn? Haben Sie den heutigen Abendspaziergang in Accord? Terminversäumniß? — 32 Nein straf' mich der Orkus, wenn'S nicht so ist — Ihr Gesicht glüht auf den Jsargrund nieder wie der purpurne Rosengarten auf den Bozner Boden. — Ei, Ihr Kleiner, der schnauft ja wie ein zu Tod gehetztes Böcklein. Hetzt er Dich, Dein Papa?" sagte er dann, sich gutmüthig an Karl wendend, „ssinxsr iäsin" —, und Karl Machte eine so weinerliche Fratze, zum Steinerweichen, und nickte unaufhörlich mit dem Kopfe, es siel ihm aber nicht ein, sein Hütchen, wie es doch die erste Anstandslehre erfordert, grüßend zu lüpfen. Ich nahm es ihm ab, doch der Neisefreund bat, das erhitzte Haupt nicht den kühlen Luftstrichen auszusetzen. Eine sanfte Ironie, denn die Lüfte waren lau und lind, und ich behielt deßhalb das Hütchen um so vorsätzlicher in der Hand. Die Zeitungen meldeten gerade die schrecklichen Verheerungen, die der Karneidbach im Eggenthal angerichtet, und daß der Wirth in Birchabruck, dem Mittelpunkt des Thales, dadurch ein ruinirter Mann geworden wäre. Wir kannten ihn gut, waren bei ihm bestens aufgehoben und bedauerten herzlich das Unglück. Unsere Reise-Erinnerungen verwickelten uns in ein immer lebhafter werdendes Geplauder. Karl wollte auch sein Vergnügen haben, und er hat es auch gefunden. Nämlich mein lieber Doctor ist nicht nur ein hochgelahrtes Haus, Philosoph onra suinwa lanäs, sondern auch eine hochgewachsene Stange. Seine Gewohnheit war, im Gesprüchseifer die beiden Aermel in die Hüfte zu stützen. Wenn er nun auf einem etwas erhöhten Punkte stand, so blickte für den, der zu ihm emporschaute, durch die offenen inneren Armwickel das blaue Auge des Himmels heraus. Diese lachenden Ziele waren für Karl, der zu Hause auf Alles und Jedes geworfen, und oft mit virtuoser Sicherheit durch die Guckerlfenster des heimathlichen Erkers seinen Ball gesendet, zu verführerisch. Er schlich sich abseits in das tiefer gelegene Gehölz, und richtig schwirrte alsbald ein rundes Steinchen durch die Arm- spreize, aber so frei, daß kein Fältchen des Rockes gestreift wurde. Der Philosoph sah das Geschoß wohl vor sich hin und hinaus in die Wiese fliegen, indeß er achtete nicht besonders darauf, doch da nach einer kurzen Pause, und zwar von der anderen Hüftseite weg, wieder ein Kiesclchen schwirrte, drehte er etwas das Haupt, gleichwohl ließ er sich in seinem Thema und in seiner Stellung nicht beirren. Da flog abermals ein Steinchen, und weil der Doctor zufällig den Arm straff an sich zog, blieb es innerhalb des Armwickels stecken. Also der Punkt geschossen und getroffen. Karl jauchzte, wie der Zieler an der Scheibe. Ich aber eilte auf den ungerathenen Schützen zu, unbarmherzig wollte ich ein paar Schellen fliegen lassen. Karl war nicht der Junge, der sich gutwillig hinstellte, um dankbar sein Tractement in Empfang zu nehmen, im Gegentheil, er machte sich den Jux, mit mir „fang' das Männchen" zu spielen, dazu mußte die lange Stange des Doctors das Object bilden, denn rund um ihn herum ging die Jagd. Der Doctor bat, doch gütigst seine Person außer Betracht zu lassen. „Nicht weiter mehr aufregen, bitte ich, — aus Ihrem hoffnungsvollen Jungen wird unzweifelhaft noch 'was recht Tüchtiges werden, — wenn die Schweizer wieder einmal einen Teil brauchen, sofort offeriren Sie das Söhnchen, es hat dHs berufenste Talent dazu " Ich verbiß meinen Unmuth, war ich doch dem Schloßbengel gegenüber die reinste Ohnmacht. Meine Entschuldigungen wollten kein Ende nehmen, der Reise- freund aber meinte, ja er bat mich, doch seinethalben den Knaben nicht allzustark mit dem schon von Horaz so trefflich besungenen davulus bekannt zu machen. Der Ton, den mein sonst so gutmüthiger Doctor an- schug, hatte etwas Beimischung von Lauge und aufrichtigem Bedauern. Wir schieden, das war mir klar, nicht so freundlich wie wir uns trafen, und der Gedanke, daß wir in den heurigen Ferien selbander abermals eine Lustwanderung machen sollten, ward nicht mehr fort- gesponnen. Es that mir ordentlich weh uw meinen lieben Neisefreund, ich mußte auf ihn verzichten, das alles wegen meines allerliebsten Gesellschafters. IV. Nun nahm ich den Burschen wieder auf die Seite. „Gräßlicher Mensch", knirschte ich, „hat Dir Deine Gouvernante gar keinen Schliff beigebracht? Du bist ja der vollkommenste Hottentott, ein Bauernbengel der ersten Sorte und ich muß mich geniren, mit Dir überhaupt noch einige Schritte weiter zu gehen. Bei meiner ausgedehnten Bekanntschaft bringst Du mich in den Geruch, den ungehobeltsten aller Buben in Besitz zu haben. Danke für die Ehre. Doch wenigstens auf dem Weg, den Du mit mir noch gehst, will ich, daß Du eine Idee von Anstand zeigst. Merk' Dir, wenn ich grüße, läss'st Du nicht, wie bisher, Deinen Deckel auf Deiner Bürste, sondern nimmst ihn ab, und bleib' ich stehen, so bleibst Du auch stehen und verneigst Dich und bedeckst Dich erst dann wieder, wenn man Dir's erlaubt. Bursche, ich rath' Dir, folge, folge, sonst — nehm' ich Dich bei Deinen Schmalzfedern und ziehe solange daran, bis sie mir in der Hand bleiben. Verstanden?" Mein Freund erwiderte keine Silbe und ging knickend, den Kopf vorgehängt und niedergeschlagen das Auge, wie um die Suche nach dem Himmelsschlüssel, neben mir her. War das Demuth, Heuchelei oder endlich einmal thätige Neue? Wir kamen glücklich ohne neuen Unfall zu der Baumgruppe, die, vorgeschoben bis zum Hang, so zu sagen den aus der Stadt ziehenden Luftkneipern die Honneurs macht. Unten über die Grabenbrücke seh' ich eben jetzt einen mir nur zu gut bekannten Herrn schreiten. Seiner Korpulenz Tritte waren heute besonders langsam, zögernd, fast suchend, als ob sie die neue Schotterschichte sondiren und über einige kantige Kiesel sich Hinwegheben wollten. Ein kleiner Wehestand an der großen Zehe mochte etwa zu dieser Vorsicht mahnen. Die arme Korpulenz, der zu Hause die schönste Carroffe und zwei prächtige Rappen zur Verfügung standen, mußte gehen, der Leibarzt befahl es — und der Patient folgte. Ich war erst vorgestern bei ihm, einer Wohnung halber. Er besaß nämlich in einem der neuen Stadttheile mehrere Häuser und in einem davon wollte ich gern meinen Familiensitz aufschlagen. Es wäre fürwahr ein trauliches Heim gewesen, luftig, sonnig, weiten Blickes über Wiesengrund zu Bayerns Alpenwand; es handelte sich nur noch um ein Oefchen, das er in ein kleines, doch zum einsamen Schaffen und Lernen so recht geeignetes Zimmer nicht will setzen lassen. „Zu umständlich", sagte er mir am Freitag, „soll am Montag wieder kommen, weil wir doch 33 — ruhige Inwohner wären, würde er sehen, was sich thun läßt." Die Entscheidung war also morgen, indeß in unserm Familienrath ward bereits beschlossen, daß wir allenfalls die Herstellungskosten selber übernehmen wollten, so magnetisch zog's uns in sein Haus. In meiner Angst, der hoffentliche Hausherr möchte Mich stellen und Karl, die ewige Unruhe, könnte einen unliebsamen, folgeschweren Eindruck auf die ruheliebende Corpulenz machen, drückte ich mich, den Knaben fester zu mir ziehend, in's Gebüsch. Hier glaubte ich mich befreit von einer Dakapo-Scene L In Coloß von Rohdus. Seine Hausherrlichkeit geruhten jetzt eben am Gasteig, am Fuße des Llonts kiauo Halt zu machen, die kleinen Augenrädchen drehten sich etwas zaghaft empor zur Höhe, nun umspannte das klumpige Händchen kräftiger die australische Olive, ein Stecken stark genug, ein noch größeres Volumen zu stützen, und vorwärts: Auf zur Fahrt! Das Gewicht zog ziemlich hinab, die gleißende Stirne und das Wogen des Brustkorbs bewies, daß der Mann noch lange hin hatte, um in die Zunft der ehrsamen Bergfexen aufgenommen werden zu können. Einige Mal blieb er stehen und wischte sich mit seinem blendend weißen Sacktuch das purpurne Glacis seines Hauptes, dann stieg er wieder weiter, jedoch seine Blicke flimmerten gleich Irrlichtern umher; wie, wollte er etwa eine oa8U oder Unterkunftshütte erspähen? Er hielt wieder Rast, seine fetten Gesichtspolster öffneten sich, und aus einer Scharte seiner Zahnpallisade schoß es heraus, zweifellos ein kleines Complimentchen über den genialen Ingenieur, der die steile Bergstraße ohne Serpentinen angelegt. Endlich ging's wieder aufwärts, tapfer aufwärts, aber abermals auf that sich sein Mund, weit, sehr weit, hai- artig, und sog und sog den gerade über den Hang harmlos hinubstreichenden Flug Mailüftchen schockweise ein. Wahrhaftig, noch einige solcher Jonaszüge und das Oxygen, das doch für das Universum berechnet war, würde von ihm bis auf das letzte Theilchen aufgepumpt worden sein. Obwohl er nun längst seinen Fuß auf den Nacken des Berges gestellt, schritt er nicht vorwärts, ja doch gottlob. Mir ward schon etwas schwül, er möchte am Ende gar die linke Schulter vornehmen und auf der Bank neben uns Platz suchen, es pochte wirklich an meine Rippen und froh war ich, als der Herzhammer seine Arbeit aussetzte; — da — welcher Gedanke hat dem Mann den Kopf gedreht? oder ist Karlchcn, dem das Mäuschenstille halten schon lange zuwider geworden, in der Freude der Erlösung zu rasch aufgesprungen — da kehrt er sich um, der Kies knirscht unter seinem Absatz, er sieht die Bank und schnurgerade geht's auf das neue Ziel los. „Sie haben sich hier ein recht einladendes Plätzchen heansgcsucht", sagte er dann und ließ sich langsam in dem andern Eckchen nieder. Ich erhob mich, grüßte verbindlichst, auch Karl zog seinen Florentiner und verneigte sich ehrerbietigst. „Du bist einmal ein charmanter Knabe, schön, mein junger Freund: Mit dem Hut in der Hand — kommt man durch's ganze Land", dann wendete er sich zu mir: „Ihr Jüngster?" „Der Jüngste und Aelteste", antwortete ich, natürlich doppelsinnig, wie ein delphisches Orakel. „Aso nur Einen?" „Zu dienen, Herr Rath;" muß nebenbei bemerken, mein präsumtiver Hausherr war nicht nur vielfacher Hausherr, sondern auch vielfacher Rath: Verwaltungs-, Distrikts-, Pflegschaft-, Armen-, auch gewesener Stadtrath, kurzum Universalrath. „Ein Kind, ein Schreckens-Kind," lächelte er. „Ja, ja, im wahrsten Sinne des Wortes, ja nur zu wahr." „Nun, nun, nicht gleich so voller Angst, der Knabe sieht gesund und wohl aus, wie selten ein Stadtkind, strotzend wie eine aufgesprungene Pfingstrose. Alle Sprichwörter hinken. Der da," dabei tätschelte er Karl's Schulterblatt, „hat seinen 100jährigen Geburtstag verbrieft in der Tasche. So, mein junger Freund, so setze Dich, ich habe ja gesehen, wie Du ein gut gezogener, überaus höflicher Knabe bist. Komm', bedecke Dich, setze Dich." Wirklich, Karl war zu artig, als daß ich nicht gern sein Väterlein spielen wollte, um so mehr die hausherr- liche Sympathie für ihn eine nicht zu unterschätzende Reverenz für meinen morgigen endgiltigen Wohnungsgang sein konnte. „Karl," sagte ich nun zu dem Jungen, der noch immer tief geneigt vor Seiner Hausherrltchkeit stand, „der Herr Rath haben's erlaubt; komm', bedecke Dich, setze Dich" — aus Artigkeit und Speculation nämlich hatte ich wieder Platz genommen. Wer sich nicht bedeckte, nicht sich setzte, war Karl. Dessen Höflichkeit war in den Comparativ übergegangen, denn er neigte sich zusehends tiefer, und schon war sein Kompliment bei der Kniescheibe angelangt, dabei ließ er die Arme wie Dreschflegel hängen. Ein kleines Bläschen des Unmuths flatterte bereits über meiner Stirne; das Bläschen wuchs, wurde zum Wölklein, zur Wolke, zu mehreren Wolken, sie drängten sich so masstg, so eng am glühenden Horizont der Hirnschale zusammen — nach den atmosphärischen Gesetzen mußt es alle Augenblicke niederhageln. „Karl," rief ich, „Karl, Du belästigst den Herrn, den Kopf in die Höh', bedeck' Dich, setz' Dich." Er bedeckte sich nicht, er setzte sich nicht, und statt den Kopf aufzurichten, ließ er ihn sinken, das Kompliment hatte den Superlativ erreicht, — sinken schier in den Schooß des ihn unwillig von sich schiebenden Hausherrn. Blitz, Krach, Hagel — das Gewitter ging los. Ich sprang auf, nahm den Burschen beim Kragen, wollte den Kopf mit Gewalt in die Höhe bringen, der Renitent drückte seine Mähne hinab und ich hatte factisch nur den Kragen der Jacke in der Hand; bei dieser unsäglichen Procedur geschah es aber, daß ich den widerspänstigen Burschen zu weit gegen die große Zehe des hausherrlichen Pedals vordrängte. O der Ton, der jetzt dem unglücklichen Besitzer des Tonwerks entfuhr; er gellte mir an's Ohr wie eine Applicatur-Saite, die eben abgesprungen. Ich entschuldigte mich, nein, ich wollte mich entschuldigen, ich sagte immer und immer: „Es thut mir leid, Herr Rath, recht leid, unendlich leid, Herr Rath können es mir glauben, müssen mir's glauben, wie unsäglich leid es mir thut." „Und mir, mir," antwortete der Herr Rath, nachdem er sich von seinem Wehdam ein bischen erholt hatte, „mir thnt's noch leid... der... er" — in seinem Zorn und Hohn gebrauchte er offenbar absichtlich eine ungrammatische Steigerungsform; der schneidende Accent, mit dem er das letzte Wort markirte, wies znr Genüge darauf hin, — „und ich bedanke mich recht schön," — 34 setzte er dazu, «wenn Sie glauben, wein Bein sei ein Blitzableiter für die väterliche Wuth." „Herr Rath," entgcgnete ich rasch, „Sie denken etwa, dieser Satan sei mein Sohn, — nein, Gott bewahre mich vor diesem Ausbund." Wie mich jetzt der Mann fixirtc, wie er mich verächtlich anstarrte, vom Kopf bis zum Fuß maß. Wohin classificirte er mich; eine ganze Wagenreihe von wilden Thieren mußte an seinem Geiste vorbeigefahren sein, aber eine Art, Bestie, die, wenn das Junge ihr unliebsam wird, dasselbe verlängnet, davon hat nicht einmal irgend ein Explicator berichtet. Der hoffentliche Hausherr faßte fester den wuchtigen Silberknopf seiner Olive, richtete sich an ihm auf, knappte einige Schritte, dann blieb er abermals stehen; „also." sagte er, sarkastisch lächelnd und auf Karl deutend, „also ein Findelkind. — Uebrigens brauchen Sie sich morgen nicht mehr zu mir zu bemühen."-Bild!- V. „Bild!" sagte ich vorher; was war da ein schönes, ergötzliches Genrebild, ein lustiger Defregger-Ball auf der Alm, eine wonneselige Grützner-Weinprobe im Kloster- keller im Gegensatz zu dem, welches sich jetzt vor mir aufgerollt. Das ist: Max, hautdurchschauernd, herz- zerschneideud, unglückbrütend L 1a. Kindsmörderin, das ist die Glocke von Huasca, des spanischen Malers, der gleich Krautköpfen die Köpfe der Enthaupteten vor der Klosterpforte aufhäufte. Während nämlich der verstoßene Hausherr seine letzten, denkwürdigen Worte ans- gestossen, war Karl durchgebrannt, hinab den Berg, an der Jsarbrücke vorbei, dem Damme zu, auf ihm, nein, unten am Nasen, wo der schneegeschwollene Alpenstrom anbrandete, weiter. Ich hatte einmal die Verantwortung, Karl wohlbehalten seiner Mama abzuliefern, übernommen, daher blieb mir nichts anders übrig, als dem Ausreißer auf der Fährte zu bleiben. Was waren meine Sorgen um den Knaben bis jetzt? — Jux, Spaß, nichts. Ein Scheibchen Krenn beim Osterschmanse, ein graues Härchen im schwarzen Vollbart, ein Secündchen Wachen bei durchschlafender Rächt. O Base, o Mutter, o Gouvernante, löst mich ab. Ich schärfte meinen Blick. Warum bin ich nicht Argus, der Huudertüugige, nicht Lynkeus, der über die Ecke sah, und selber wär' ich er: der Balg war nicht zu bewachen. Bald sah ich ihn, bald nicht, bald stand er auf dem Damme, bald unten am Nasen. Ich lief und konnte ihn nicht erreichen, denn ein entsprungenes Fohlen, wie das meinige, hat andere Läufer, als der, dem bereits der Jahre Blei an den Knieen hängt. Da hör' ich einen Mark und Bein durchschneidenden Schrei. Es ist Karl's Stimme. Wo ist er? Ich laufe dem Schalle zu; athemlos die Hände ringend steh' ich vor dem rauschenden Strom. Gott, wo ist Karl? am Ende!-Mir wurde warm im Gehirn, heiß, so heiß, so glühend heiß — am Ende? — — und nicht anders ist's, kann — kann nicht anders fein — es muß so sein — muß — wo wär' er denn? — er ist fortgerissen, — ertrunken. Ich ging hinab den Nasen, vorsichtig bis zur Brandung. Nichts, als das jagende Wasser, die Wogen, die übereinander stürzend einander begruben. O Mutter, so haben sie auch Deinen Sohn begraben, Deinen einzigen Sohn, Dein anderes Leben. Ein Schwerer Reiter und sein Mädchen standen hinter mir. In meinem Schrecken hörte ich sie nicht kommen. — „Laßt's gut sein, Herr," sagte der Reiter, und sein Mädchen setzte dazu: „o das Leben ist so schön! net wahr, Gustl? so schön, o ich möcht' noch hundert Jahre über den jüngsten Tag hinaus leben mit meinem Gustl." „So ist's," pflichtete der Netter bei — „und warum gleich wegen jedem Pfifferling in's Wasser springen? Was ist Ihnen denn über die Leber 'krochen?" Ich schaute das Paar wie versteinert an. „Ah, sind S' g'scheidt und froh, und sind S' dankbar, wenn der alte Knochenhauer recht lang net kommt; und ein Fischfressen abgeben wollen, dies, meiner See?, wär' mir das Allerallerletzte. Geh'n S' weiter und sind S' wieder fidel." „Und mi' freut mein ganzer Ausgaug net, wenn ich in Ihr verzweifeltes Gesicht seh'," untersuchte die Julie ihren Romeo. „Ich bin sehr verbunden," entgcgnete ich, „und wahrhaftig, ich bin der Verzweiflung nahe. Denken Sie, mir ist gerade mein Bub' — ich sah ihn bis zu dieser Stelle laufen — ertrunken." „DaS ist, teufelneun, natürlich eine andere Nummer," bemerkte der Reitersmann. „Wie sah er denn aus? — Einen Matrofenhut?" »Ja —" „Einen zerrissenen Matrosenkragen?" „Ja." „Und so einen Matrosenspenser?" „Ja." „Und rothe Strümpf'?" „Ja, — um des Himmelswillen —" „Und schwarzlackirte — aber über und über koth- saftige Halbstiefel?" ^ »Ja, ja — schnell — um Gotteswillen, haben Sie ihn hineinfallen sehen?" — „Nein, das zwar nicht, aber da steht er hinter der dicken Pappel —" „Und so oft Sie," ergänzte jetzt die Schwere Neiters- braut, „in d' Näh' kamen, ist der Spitzbub' immer rund herum g'schlichen, daß Sie ihn haben nicht sehen -können." Im nächsten Moment waren der Soldat und die Seinige Karl's habhaft. Der „Schwere" zog den Buben an den Löffeln, die Alliirte nahm ihren Entout- cas beim Krrauf und begrüßte mit dem keineswegs schwachen Stock ein um das andere Mal den katzen- ähnlich emporgezogenen Buckel des Ungezogenen, und unter Fortsetzung dieser Darreichungen brachten sie mir den wie ein zur Schlachtbank gezerrtes Ferkel schreienden Gesellschafter. „Herr," sagte der entrüstete Soldat, „soll ich diesen Erzgauner recht hertrischaken, nein, so seinen Vater in Angst setzen, und uns auch, denn wir haben gemeint, Sie wollten sich ersäufen." „Wie — dieser Gedanke!" „Ja — so is," betheuerte Julie, „und wir sind g'rad so g'laufen, daß wir noch recht 'kommen sind, und der Mein' hat schon ang'fangt d' Säb'lgurt abzuschnallen — wär' Ihnen «achg'sprungen — o der hätt' Sie net ersäufen lassen. Ich kenn' den Mein'n." Ich dankte gerührt, doch für den ersten Augenblick war es mir gewiß nicht um eine weitere Züchtigung zu thun. Ich war todfroh, den fatalen Jungen wieder 35 — gesund vor mir zu sehen. Den Schweren Neitersmann aber, meinen ficherlichen Lebensretter, bat ich, auf mein Wohl mit seiner gefühlvollen Herzallerliebsten ein paar Extra-Steine zu trinken, und drückte in Gestalt eines blinkenden Zweimarkstückes die Quasi-Rettungs-Medaille in die bieder dargebotene Hand. Es bedarf wohl keiner wetteren Erklärung, daß unsere Scene allmählig ein ganz anständiges Contingent Zuschauer ansammelte. Ich zog daher vor, Nomeo und Julie alleinig auf der Bühne lassend, mich mit meinem Freund zwischen die Coulissen, heißt das, in ein enges Seitengäßchen zu drücken, um von da aus auf Umwegen die Neichenbach - Brücke zu erreichen. Als wir in ein ziemlich abgelegenes Gewinkel kamen, konnte ich nicht umhin, meine beiden Hände auszustrecken, um den Ohren des Jungen eine energische Visite zu machen. Aber in demselben Augenblick, als ich aufzog, fing der Schreckliche zu schreien an, wie wenn er ein Messer an der Gurgel hätte. Mit krampfhafter Festigkeit und den Boden stampfend deckte er sich die Gehörmuscheln zu, und es war absolut unmöglich, anzukommen, dabei heulte er unaufhörlich: „anh, auh — und ich sag's schon meiner Mama, auh — und kein Mensch — auh, auh — hat's Recht — auh, anh, auh — kein Mensch — auh!" — Ich mußte von der weiteren Vollstreckung ablassen, denn es pfiffen von einem Dachstübchen herab die zurückgeschobenen Läden und krächzte eine Stimme: „Ihm," hieß es, „ihm soll man die Schmalzfedern aufziehen, ihm, weil er's nicht erwarten kann, bis er mit seinem Buben nach Haus kommt." Natürlich räumte ich im Eilschritte das Feld, nicht aber ohne vorher einen geringschätzenden Blick auf die Nachtenle zu werfen. Da kam ich recht, Himmel, dieses Lexikon von dillots äoux die fetzenweise, wie vom Sturme weggefegtes Laub, niederwirbelten, und bald darauf hörte ich nachbarliche Fenster sich öffnen, und nun ist's schon kein Lexikon mehr, sondern eine ganz respektable Bibliothek, die mir nachgeschleudert wurde. Mein Rückzug aber glich einer Flucht, einer vollendeten Deroute, die mich in eine Sackgasse, wo eingeschlossen die Bora am ergiebigsten wirken konnte, trieb. Durch einen freien Hausgang schimmerte Lichtung. Es war ein Durchhaus. Gott sei Dank, wir standen wieder in den Anlage». Hier trocknete ich meine Stirue, lange, lang, und dann schritt ich, meinen Liebsten am Acrmel, schleunigst der Neichenbach-Brücke zu. Karl trabte trutzig neben mir. Ein ganzer Felsblock, ja der ganze Wendelstein mitsammt seinem Haus und seiner Kathedrale wälzte sich, als wir uns der Müllerstraße näherten, meiner gepreßten Brust ab. Die Möglichkeit, das Nesthäkchen bald dem besorgten Mntterlein wieder zuführen zu können, wuchs ja von Schritt zu Schritt. Der Centralbahnhof, in dessen Umkreis die Base wohnte, war nun vermittelst der Trambahn in einigen Minuten zu erreichen. Eben fuhr der Wagen der Haltestelle zu, jedoch seine Tour giug zur Jsarbrücke, die meine, entgegengesetzt, zum „Stachus". „Magst Du fahren mit mir bis zum Bahnhof, Karl?" frug ich im gütigen Tone. Er antwortete nicht, sondern sprang davon, hinüber über den Brei der Straße, fort im Galopp auf den Wagen zu, und war auch schon darin entschwunden. Durch eben diesen aufgelösten Macadam stürzte ich, k keine Lache, keinen See, keinen Oker scheuend, dem Burschen nach. Ich winkte dem Conducteur vergebens. Soweit geht doch die Rücksicht nicht, daß für den Ein» zelnen Alle warten sollen. Der Wagen fuhr sein Geleise. Mit einer derben Verwünschung zwischen den Zähnen und einem um so tieferen Seufzer zog ich mich aus der braunen Sulze Zurück, und im Laufschritt, so zwar, daß mir die Hüfte stach, verfolgte ich die Arche. Auf der Jsarbrücke, dachte ich, werde ich den gottlosen Rangen jedenfalls wieder treffen, und in dieser Hoffnung kürzte ich meinen ohnedies langsamer werdenden Gang noch um einige Tempi. Endlich langte ich beim Brückenkopf an. Das Wasser wehte eine fröstelnde Brise mir an die schweißtriefende Stirne, an Kehle und Hals. In der Mitte der Brüstung steht ein Haufe Buben; die Passage sperrend, gaudirten sie sich an der wilden Wellen- jagd. Ein Gendarm schreitet auf die Bande los und verscheucht sie. Ich frug den Sicherer der Ordnung, ob er nicht einen so und so aussehenden kleinen Burschen hätte vorher aussteigen sehen. Er bejahte es, hinzufügend, daß das junge Herr» chen aber einem älteren Herrn — er kenne ihn, es sei ein Hauptmann a. D. — sich anschließend nach dem Ostbahnhof weiter gefahren sei. Ich schüttelte den Kopf, dann stand ich wie versteinert. Der Gendarm errieth augenblicklich meine Be» stürzung. „Der junge Herr," sagte er tröstend, „kommt wohlbehalten an, er ist in guter Gesellschaft; der Herr Hauptmann logirt in der Nähe des Bahnhofs." Nun war mir's klar, wie das Herrchen zur Weiterfahrt kam. Der Herr Hauptmann a. D. war augenscheinlich mit ihm eingestiegen und gab dem Villete austheilenden Conducteur als Reiseziel Ostbahnhof au. Da Karl weder den Globus der Stadt und noch weniger die Weltgcgend-Bahnhöfe kannte, so genügte ihm das Wort „Bahnhof" vollends, um in guter Gesellschaft seiner vermeintlichen Heimath entgcgeuzurollen. Aber — aber — verliefe er sich, irrte er umher, das Gewiukel der Vorstadt durchheulend, und ergriffen sie ihn zur späten Nacht als herrenloses Gut, als wohnungS- loscs Individuum, denn ich muthmaßte, daß der Schloßprinz weder seine Hausnummer noch die Straße wußte, und Mama kaum noch Zeit gefunden haben wird, ihre» Einzug in die Residenz der Polizei anzumelden — barmherziger Gott, eine Nacht in den Katakomben der heiligen Hcrmandad brächte ihn in Fraisen, in Epilepsie, den Tod. Und ich, wenn ich zu seiner Mutter träte, ohne ihn, und sie mir zuriefe: „Wo ist Dein Vetter Karl?" mir müßte es werden, wie einstens Kain, als der Herr ihm zugerufen: „Wo ist Dein Bruder Abel?" Ich eile über die Brücke, lasse mein Auge hinab- schießen in die Au —: „ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für 'n Pferd," so rief in seiner höchsten Verzweiflung einst der englische Richard, und ich rufe in der nämlichen Verzweiflung: „Eine Droschke, eine Droschke, meinen Beutel für eine Droschke t" (Fortsetzung folgt.) 36 ALLexLer. Der „Haupttreffer". Eine in Wien sehr bekannte Familie ist in der letzten Zeit von einem tragischen Geschicke betroffen worden. In der Praterstraße wohnt Prokurist Theodor St. mit seiner aus vier Personen bestehenden Familie. Herr St., welcher der Bruder eines seither verstorbenen Wiener Cafetiers ist, lebte in den besten materiellen Verhältnissen, da ihm ein ziemlich bedeutendes Einkommen gestattete, nicht nur für seine Familie zu sorgen, sondern auch noch Ersparnisse zurückzulegen. Trotzdem war der Mann unzufrieden. Er äußerte immer die Befürchtung, seine Familie werde darben müssen, wenn ihm etwas widerfahre, und nur ein großes Vermögen könne vor einer solch' traurigen Zukunft schützen. Dieses Vermögen suchte sich Herr St. durch den Ankauf von Loosen und Promessen zu verschaffen. Seine Ersparnisse legte er ausschließlich in Loosen an und außerdem kaufte er zu jeder größeren Ziehung eine Promeffe. Einmal hatte er mit einem Kommunalloose hart an den Haupttreffer gestreift und seither lebte St. in der festen Ueberzeugung, daß er noch einmal das große Loos ziehen werde. Unlängst fuhr er Morgens von Baden, wo seine Familie zum Sommeraufenthalte weilte, ins Geschäft. Dort angelangt, nahm er die Zeitung zur Hand und durchsing den geschäftlichen Theil. Plötzlich sahen die andern Beamten den Prokuristen erblassen und mit zitternder Hand etwas in der Tischlade suchen. Es war das Verzeichniß der ihm gehörigen Loose. Nach einer Weile sprang er auf und rief jubelnd: „Meine Herren! Ich habe den Haupttreffer der Bodenkreditloofe gemacht! Entschuldigen Sie mich beim Chef, aber ich muß sofort nach Hause zu meiner Frau." In größter Aufregung fuhr Herr St. nach Baden, wo ihn seine Frau, erstaunt über sein unerwartetes Erscheinen, empfing. Freudig erzählte er ihr von feinem Glücke und wies zur Bekräftigung die Zeitung vor. Die Frau laS die Nummer, dann sagte sie: „Ja, hast Du denn auch ungarische Bodenkreditloofe?" Der Mann starrte die Frau bestürzt an, riß ihr das Blatt aus der Hand und nachdem er gelesen, sank er bewußtlos auf ein Fauteuil. Er hatte in seinem Glücke nicht bemerkt, daß eS sich hier um die Ziehung ungarischer Bodenkreditloofe handelte, während er nur solche österreichischer Papiere besaß. Die Erkenntniß des Irrthums hatte eine furchtbare Wirkung auf den Unglücklichen geübt. Die ganze Lebensfreudigkeit schien geschwunden und alle Tröstungen seiner Frau halfen nichts. Dann schlug die Stimmung plötzlich um. Herr St. kam eines TagS fröhlich nach Hause und bestellte bei seiner Gattin ein feines Souper, da Gäste kämen. Als es Abend wurde, erschien Niemand und St. wußte gar nicht, daß er etwas Diesbezügliches gesagt habe. In den nächsten Tagen machte er sich durch größere ganz überflüssige Geldausgaben bemerkbar und sprach stets von Millionen. Er bildete sich ein, alle Taschen voll Millionen zu haben, und beschenkte alle Leute reichlich. Der Arme ist jetzt reich und im Wahnsinn hat er das Glück gefunden, dem er so unvernünftig nachgejagt hatte. Herr St. ist gegenwärtig in einer Privat-Heilanstalt untergebracht; die Aerzte haben jedoch nur geringe Hoffnung auf seine Wiederherstellung. » Ein Phantast. Bummel: „Kennst Du den Gerichtsvollzieher Schnüffel?" — Stummel: „Ja, leider. Warum?" — Bummel: „Der Mann hat seinen Beruf verfehlt, der hätte sollen Dichter werden. Die Phantasie, die der hat. Du hast keine Ahnung. Denke nur, gestern war er bei mir und da hat der Phantast, so wahr ich lebe, an meiner Kette — eine Uhr vermuthet." - I >*>- An das Ar»«eußerz. Ein wundersames Räthsel ist das Herz, Daran ich glaub' wie an ein fromm' Orakel; Sein Zauber rührt, und wärst du kalt wie Erz, ES ist ein Edelstein ohn' allen Makel! Ein freudiges Geheimniß birgt'S in sich, So hoch und hehr, daß man eS nie begreifet, Und Frucht erzeugt es, schön und minniglich, So wie sie sonst auf Erden nimmer reifet. Bewährt es stets sich edel, treu und rein, Den wunderbarsten Segen schließt es ein; Es ist ein Quell, an dem man ewig trinket, Deß' reiner Bronnen nie im Schlamm versinket. Ihm gab der güt'ge Gott den eig'nen Geist, Mit göttlichem Gewinn an Lieb' und Stärke; So schafft eS nun die überird'schen Werke, Die seine Huld allein den Menschen weist. An seiner Gnade trinken alle Seelen, Der Bettler wie der König froh beglückt; Mit ihnen kann eS Seligkeit vermählen, Und ohne Ende werden sie entzückt. Wo Sündenschuld des Menschen Geist entstellt, DeS Lasters trübe Gährung in der Welt» Da weiß das Herz die Rettung ihm zu finden Und ihm Erlösung freudig zu verkünden. Dies große Räthsel, such' eS nie zu lösen, Den zarten Schleier hebe nie empor! Denn solchen Reichthums sinnig frommes Wesen, Es beut sich nicht der Menschen Aug' und Ohr. Willst du ergründen, was noch unergründet In ungemcss'ner Tiefe ruhend liegt, Was den allein, der jenes Glück empfindet, In unbegreiflich hoher Art berückt? Wo kalt Verstand, wo Forschung an ihm grübelt, An jenem Quell, der aus der Gottheit fließt, Die Gotteöpracht der Zweifel da verübelt, Den Zauber bannt, der sich um sie ergießt. Nicht McnschenwciShcit mag den Werth erhöhen, Womit das Herz von höchster Hand begabt; Sie kann wohl etwas, alles nicht erspähen, Der Glaube ist's, der hier allein sich labt! So frevle nie am Herzen; denn die Sünde, Die an dem Herzen frevelnd sich verging, Verschalt mit einer eisig starren Rinde Der Liebe Gut, das es vow Herrn empfing. WaS sich so mild, so liebend dir gegeben, Du sollst es freudig auf den Thron erheben! Es sendet das Gemeine erdenwärts Und strebt zu Gott, es ist das Frauenherz! L. L ---SV-r'-Se—>- Telegramm-Räthsel. Die Striche sind durch Vokale, die Punkte durch Konsonanten zu ersetzen: Auflösung des Logoaryphs in Nr. 4: Esse, Esser, Messe, Messer. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 5: Zwei tragen Freud und Leid besser als nur Einer. M „Nugsburger Postzeitung". 7. Dienstag, den 23. Januar 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Vorbesttzer Dr. Max Huttlcr). Auf Verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Siglinde glaubte zu beobachten, daß irgend ein plötzlicher Argwohn in Volkmar aufgestiegen sei, wagte aber keine Bemerkung zu machen. Es war ein längeres Schweigen eingetreten, welches der Rechtsgelehrte endlich unterbrach, indem er sagte: „Zunächst werde ich selbst ein wenig Untersuchungsrichter und Kriminalpolizei spielen. Diese Nachhilfe wird nöthig sein, denn das Gericht wird mit dem vorliegenden Thatbestände die Untersuchung als abgeschlossen betrachten und auf seinen Lorbeeren ausruhen. Zudem hat man bereits mit dem neuen Morde alle Hände voll zu thun." „Ein neuer Mord?" frug Siglinde, wobei ihr die vorhin vernommenen Reden der Schreiber wieder einfielen. „Davon weiß ich noch nichts." Doktor Volkmar reichte ihr eine auf dem Pulte liegende Zeitung und deutete mit dem Finger auf die betreffende Notiz. Wie Siglinde daraus erfuhr, war gestern früh sechs Uhr in dem sogenannten Kastanien- wäldchen, welches unweit eines öffentlichen Conzert- gartens lag, der vollständig entkleidete Leichnam eines Mannes aufgefunden worden. Der Tod war, genau wie bei der kurz vorher begangenen Mordthat, durch Erwürgung von fremder Hand erfolgt, die ihr Opfer hinterrücks angegriffen hatte, und mochte, wie die ge- richtsärztliche Untersuchung festgestellt hatte, etwa sieben bis acht Stunden vor der Auffindung eingetreten sein. Wer der Ermordete sei, hatte man bis jetzt noch nicht ermitteln können, da sich nirgends eine Spur von einem der Kleidungsstücke, die er getragen, vorfand. Das einzige Kennzeichen war eine kürzlich erst geheilte Wunde auf dem oberen Theile des rechten Schulterblattes, welche von einem heftigen Schlage mit einem kantigen, wahrscheinlich hölzernen Instrumente herzurühren schien. Kopfschüttelnd und unter einem tiefen Seufzer gab Siglinde das Zeitungsblatt zurück. „Die genaue Uebereinstimmung der Todcsart in diesem wie in dem vorhergegangenen Falle könnte auffallend erscheinen," bemerkte der Anwalt. „Ließe sich daraus schließen, daß der Mörder jenes unbekannten Mannes auch Ihre Tante erwürgt habe, so wäre dies ein günstiges Moment für Ihren Vater, welcher um die Zeit, wo dieser zweite Mord begangen wurde, bereits verhaftet war. Doch glaube ich an keinen Zusammenhang ; der zweite Thäter hat dem ersten nur in der Wahl des Mittels nachgeahmt, so etwas kommt oft vor, ein Verbrechen hat immer etwas Ansteckendes. Im Uebrigen, Fräulein Siglinde — Fräulein Schönaich," verbesserte er sich . . . „Nennen Sie mich getrost beim Vornamen," bat das junge Mädchen, „wenn ich Ihnen damit eine besondere Gunst erwiese, so besäßen gerade Sie ein altes Anrecht darauf." „Ich danke Ihnen, Fräulein Siglinde," erwiederte er erfreut. „Ich wollte sagen, daß die Sache Ihres Vaters von heute an die meinige ist. Was das Gericht als Jndicien auffaßt und durch die schwarze Brille ansieht, das habe ich mich gewöhnt, zunächst für. das Zusammentreffen unglücklicher Zufälle zu nehmen und durch die Loupe zu betrachten. Schon oft bin ich dadurch zu vorher ungeahnten Resultaten gelangt und nicht selten kam es vor, daß statt des Untersuchungsgefangenen ein ganz Anderer auf der Anklagebank Platz nahm. Für Eines verbürge ich mich im voraus: an Ihrem Vater soll kein Justizmord verübt werden. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort!" Siglinde hatte sich während seiner Rede erhoben, ergriff die Hand, die sich ihr mannhaft entgegenstreckte, und verabschiedete sich mit dankerfülltem Herzen. Oft genug hatten die vier Wände dieses Arbeitszimmers ihren Bewohner in tiefen Gedanken versunken gesehen, aber als Träumender sahen sie ihn heute zum ersten Male. Jawohl, der schneidige Jurist träumte: Er versetzte sich um ein Jahr zurück, wo er auf einer Reise im Hochgebirge an einem nebeligen Abende einer Gesellschaft von Herren und Damen begegnet war, die sich in großer Bestürzung befanden. Sie hatte soeben die Entdeckung gemacht, daß eines der Ihrigen, eine junge Dame, fehle. Volkmar kannte Niemand unter den Ausflüglern, die sich in einer der Pensionen des im Theile liegenden Städtchens wohl auch nur zufällig aus verschiedenen Gegenden Deutschlands zusammengefunden hatten, doch wurde fein mit überlegener Geistesgegenwart gegebener Rath dankbar angenommen und ohne Verzug ausgeführt. Während einer der Herren mit den ermüdeten Damen den Nachhauseweg fortsetzte, kehrten die übrigen wieder um. Einer blieb auf dem Hauptwege, die andern schlugen nach und nach die von demselben sich abzweigenden Nebenpfade ein und jeder rief 38 von Zeit zu Zeit mit lauter Stimme den Namen der Vermißten. Bald tönten nach verschiedensten Richtungen hin die Rufe: „Siglinde!" Auch Volkmar befand sich unter den Suchenden. Wohl eine Stunde lang hatte er, immer höher und höher steigend, und durch geisterhaft ihn umwallende Nebelwände schreitend, vergebens seine Rufe ertönen lassen, als er eine schwache Antwort vernahm. Mit doppelter Eile bewegte er sich vorwärts und näher und näher kam die Stimme seinem von Zeit zu Zeit wiederholten Rufe: „Siglinde!" bis er einer dunkeln Gestalt ansichtig wurde, die auf einem am Wege liegenden Felsstück saß. Es war die Vermißte. Volkmar erklärte mit wenigen Worten sein Erscheinen an diesem Orte und Siglinde erzählte ihm, wie sie plötzlich einen werthvollen Schmuck vermißt und sich, um diesen zu suchen, von der übrigen Gesellschaft getrennt habe. Während sie zurückging, war sie in Folge des zunehmenden Nebels von dem mehrfach durchkreuzten Hauptpfade abgeirrt, und bei dem Versuche, die Wand des Hohlweges zu erklettern, um sich zu orientieren, habe sie sich den Fuß verrenkt. Wohl war in einiger Entfernung ein schwacher Lichtschein bemerkbar geworden, welcher die Nähe einer menschlichen Wohnung ankündigte, aber ihr Hilferuf verhallte ungehört, mit Mühe nur hatte sie sich bis zu der Stelle geschleppt, wo ihr der fremde Netter erschienen war; weiterzugehen machte der schmerzende Fuß unmöglich. Trotz ihrer anfänglichen Einwendung mußte sie das Anerbieten Volkmars, sie bis zu dem vermutheten Hause zu tragen, dessen Richtung sie sich genau gemerkt hatte, annehmen. Er hob sie auf seine kräftigen Arme, hüllte sie in seinen Ueberzieher und erreichte mit seiner süßen Bürde, dem aus dem Pebel auftauchenden Lichte folgend, bald ein kleines Bauerngehöft, das sich den späten Wanderern gastfreundlich öffnete. Was der schmelzende Wohllaut der Stimme und die schlanken Formen der Gestalt in der Dunkelheit nur ahnen ließen, das fand Volkmar noch weit übertroffen, als das hell lodernde Herdfeuer Sigkindens jugendfrisches schönes Antlitz beleuchtete, sich in ihren großen blauen Engelsaugen spiegelte und das wunderbare Gold ihres Haares beschien. Volkmar machte es seinem durchfrorenen Schützling auf einem alten Lehnstuhle in der Nähe des wärmenden Feuers bequem; die Bäuerin mußte Leinwandzeug Herbeibringen, welches Volkmar in schmale Streifen riß, um Siglindens Fuß kunstgerecht zu verbinden. Sie sträubte sich zwar anfangs, aber er redete ihr so ernst und energisch zu und traf dabei seine Vorbereitungen mit einer Sicherheit, daß sie ihn für einen Arzt hielt und ihm endlich den kleinen alabasterweißen Fuß mit dem starkgeschwollenen Knöchel willig überlieferte. So legte er dem kranken Gliede nach allen Regeln der Chirurgie den Verband an; er hatte sich diese Fertigkeit im Feldzuge 1870 erworben, welchen er, damals eben angehender Student, als freiwilliger Krankenpfleger mitmachte. Während Siglinde einen von der Bäuerin rasch bereiteten Kaffee zu sich nahm, spannte der Bauer sein Wägelchen ein. In schützende Decken gehüllt, legte die Gerettete an Volkmar's Seite die Fahrt nach dem Städtchen zurück und freudig wurde sie im Pensionshause begrüßt, nachdem von den jungen Männern, die sich an ihrer Aufsuchung betheiligt hatten, einer nach dem andern unverrichteter Sache zurückgekehrt war. Siglinde war von Glückwünschenden so umdrängt und namentlich von der um ihre Gesundheit besorgten Familie, welcher sie sich von Hause aus für diese Sommerreise angeschlossen hatte, so in Anspruch genommen, daß Volkmar sich überflüssig vorkam. Er wollte den Schein vermeiden, als sei ihm darum zu thun, nun auch den allgemeinen Dank der Gesellschaft einzuheimsen, nachdem unterwegs bereits das junge Mädchen ihrer Dankbarkeit in rührenden Worten Ausdruck gegeben hatte. So stahl er sich unbemerkt davon, er hatte ohnehin mit einem Freunde auf morgen in einem andern Theile des Gebirges brieflich ein Rendezvous verabredet, und benutzte noch den letzten Eisenbahnzug zur Weiterfahrt. Je rascher ihn derselbe von dem Schauplatze seines heutigen Erlebnisses entführte, desto mehr bereute er, sich von der Nähe des schönen Mädchens freiwillig verbannt zu haben. Er glaubte sie, während er sich dem Haibschlummer überließ, noch immer durch den Nebel zu tragen und hatte fortwährend das Gefühl, als hielte ihr Arm seinen Nacken umschlungen, als spüre er den süßen Druck ihrer weichen, schmiegsamen Glieder. Wer und woher sie war, wußte er ebensowenig, wie sie dieß von ihm wußte; beide waren unter Umständen zusammengetroffen, die sich für eine ceremonielle gegenseitige Vorstellung nicht eigneten, und beim traulichen Geplauder in der Bauernhütte und während der Heimfahrt hatten sie vergessen, das Versäumte nachzuholen. Am anderen Tage erschien dem Nechtsge- lehrten das Erlebte wie ein Traum, bald aber gestaltete es sich zu einem festen Punkt seiner Erinnerung, es wurde sein Lieblingsgedanke, und die Frage, ob ihn das Leben wohl wieder mit der goldhaarigen, liebreizenden Siglinde zusammenführen werde, beschäftigte ihn mehr, als er sich selbst gestehen mochte. Ein Mal sah er sie im Theater, freudig überrascht erwiederte sie seinen Gruß von weitem, aber beim Hinausgehen aus dem überfüllten Hause gelang es ihm nicht, sie unter der drängenden Menge zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie in der gleichen Stadt wohnte, war mit dieser flüchtigen Begegnung allerdings gegeben, aber die Frage, wer sie war, hatte erst heute eine ebenso unerwartete als betrübende Lösung gefunden. Ihr Besuch hatte in Volkmar ein Gefühl zurückgelassen, als dürfe er sie nun nie wieder verlieren. Würde er, wenn es ihm nicht gelang, ihren Vater von der Blutschuld zu reinigen, wohl der Gesellschaft trotzen und die Tochter des Gebrandmarkten mit seinem Namen decken? Ja, das würde er! Würde aber das hoheits- volle Mädchen, die ihr grausames Geschick mit so viel Würde trug, je einwilligen, die Seinige zu werden, wenn jener entehrende Fleck auf ihrer Familie haften blieb? Nein, das würde sie nicht! War aber denn nicht dem scharfblickenden Juristen während des Gesprächs mit ihr plötzlich ein Strahl der Hoffnung, eine Art Offenbarung aufgegangen, daß ein Anderer der Mörder sein könnte? Allerdings hatte außer Schönaich noch eine ganz bestimmte Persönlichkeit ein gewichtiges Interesse an Frau Rollenstein's Tode haben müssen, und das war Siglindens designierter Bräutigam, jener Jeseo von Harnisch. Er war über das Weltmeer herübergekommen in der bestimmten Erwartung, die alte Frau nicht mehr am Leben zu finden und die Erbin ihrer Million zum Traualtar zu führen. Statt dessen fand er eine Wieder- genesene, die nur das Grab von ihrem Mammon zu trennen vermochte. Konnte ihn diese furchtbare Enttäuschung nicht zu einem verzweifelten Verbrechen hin- 39 reißen, für dessen Ausführung er sich die günstige Gelegenheit, der alten Dame an einem bestimmten Abende nach dem Methodistengottesdienste sicher zu begegnen, zu Nutze machte, nachdem jener Andere, dem man die That zuschrieb, vielleicht eben harmlos von ihr gegangen war? Daß der Heirathskandidat Schönaich's und seiner Tochter Jawort noch nicht hatte, war kein Grund, ihn vor einer so furchtbaren That zurückschrecken zu lassen, denn leicht konnte er nach seiner Ankunft die stadtkundige verzweifelte Finanzlage des Vaters erfahren und sich daraus den Schluß gebildet haben, daß unter solchen Umständen die Tochter sicher nach der Million und dem damit verbundenen Anhängsel greifen werde. Offenbar hatte er sich schon mehrere Tage hier in der Stadt aufgehalten, ehe er sich im Schönaich'scken Hause einfand. War er denn so wenig neugierig die Millioncnbraut von Angesicht zu Angesicht zu sehen? Oder war es ihm das Großherzog Ernst Kndmig von Hcstcn und seine Wort gegönnt habe, weiter nichts. Pfui über solche Schwäche! Pfui!" * * * Doktor Volkmar hatte seiner schönen Clientin versprochen, er werde, unabhängig von dem Gange der gerichtlichen Untersuchung, den Spuren des Verbrechens auf eigene Faust nachgehen, und er säumte nicht mit der Ausführung. War Sigliudens Vater unschuldig und ein Anderer der Mörder, so mußte bei diesem dieselbe genaue Kenntniß der Wohnung und Gepflogenheiten seines Opfers vorausgesetzt werden, wie bei Schön- aich. Daher lenkte der Rcchtsgelehrte am Nachmittag seine Schritte nach der Rosenstraße, um die Hausgenossen Frau Nollenstein's über deren Bekanntenkreis zu son- diren. Er verfuhr dabei mit großer Vorsicht. Als er, langsam dahinschlendernd, das Gartengrundstück erreichte und in demselben Leute beschäftigt sah, die ihn beob- tzvM H, MW ' - MWU Prinzessin Pikloria von Snrhscn-Totiurg-Golha. Wichtigste, zunächst das Hinderniß wegzuräumen, welches unerwartet zwischen die Braut und die Million getreten war? „Aber," fügte Volkmar dieser Reflexion hinzu, indem er plötzlich den Kops schüttelte und die Hand auf's Herz legte, „hat denn ein Mensch, der die Katastrophe eines Schiffsuntergangs durchmacht, nicht das Recht, Nerven zu besitzen und in Folge der ausgestandenen Angst und Aufregung in eine Krankheit zu verfallen, die ihn einige Tage in Calais zurückhält? Da bildete ich mir nun ein, daß der spitzfindige Jurist aus mir spräche, und am Ende ist es weiter nichts, als die Scheelsucht des mißvergnügten Liebhabers, welche mich die schmachvollsten Verdächtigungen auf jenen Herrn von Harnisch häufen läßt. Und warum? Weil das Mädchen, welches ich gern selbst besitzen möchte, in aufopfernder Kindesliebe für ihren Vater bereit war, jenen zu Heimchen. Es ist ganz gemeine Eifersucht, der ich da das achten konnten, gab er sich den Anschein, als führe ihn der Zufall hierher. Er studierte das bogenförmige Schild, auf welchem sich die „Kunst- und Handelsgürtncrei von Eduard Ritter" empfahl, las dann auch die Inschrift zweier Porzellanplatten, die links und rechts des Eingangs angebracht waren und die pomphaften Worte enthielten: „ImFlisli sxolmii Iisrs" und „I^i on parltz tran^a-is," trat endlich ein, die Pforte hinter sich bedächtig wieder schließend. Die Hände auf dem Rücken, schritt er langsam den breiten Weg dahin, wobei er von Zeit zu Zeit stehen blieb, um mit jenem Behagen, womit man sich einem Naturgenusse hingibt, links und rechts die langen Reihen blumiger Beete zu überblicken und mit erhobener Nase den Duft einzusaugen. So näherte er sich zwei Frauen, welche an einem Beete mit dem Ausstechen von Blumen beschäftigt waren, um sie in Töpfe zu setzen. Es war während der letzten Tage 40 in den Zeitungen so viel die Rede von der Gärtnerfamilie gewesen, welche im Gefolge der Mordaffaire ein gewisses öffentliches Interesse erregte, daß Volkmar in den beiden Frauen leicht Frau Ritter und ihre Schwägerin errieth. Er grüßte höflich und erkundigte sich nach verschiedenen Pflanzen, die er zu kaufen wünsche. „Ein prächtiges Grundstück!" bemerkte er dann, sich umblickend. „Ihr Eigenthum?" „Nein, wir sind nur Pächter," antwortete Frau Ritter. „Und wer ist der Besitzer?" Nur mit ärgerlichem Widerstreben sprach die Gärtnersfrau den Namen Rollenstein aus. „Ah, das ist ja wohl die Dame, die so schrecklich ermordet worden ist?" rief Volkmar scheinbar überrascht und warf einen Blick nach den Fenstern des Hauses empor. „Da hat es in diesen Tagen gewiß nicht an Neugierigen gefehlt," fuhr Volkmar fort, „die Sie mit Fragen über die Mordgeschichte belästigt haben?" „Ja, und wie es scheint, sind diese Belästigungen noch nicht zu Ende," nahm Anna ihrer Schwägerin mit einem feindseligen Blicke auf den Besucher die Antwort ab. Schlechter hätte sich Volkmar bei ihr gar nicht einführen können, als damit, daß er die Rede auf dieses Ereigniß brachte, an welchem die Schwägerin ihr alle Schuld beimaß; diese hatte ihr geradezu vorgeworfen, sie habe Frau Rollenstein auf dem Gewissen, weil sie dieselbe mit dem Mörder allein gelassen hatte. Daß sie (Frau Ritter) ihren ehrlichen Namen in Verbindung mit jener blutigen That in den Zeitungen lesen mußte, erschien ihr wie eine öffentliche Schande, wofür Anna natürlich ebenfalls von ihr verantwortlich gemacht wurde. Der Rechtsgelehrte that, als habe er die Malice überhört, denn einige der ausgegrabenen Topfpflanzen schienen plötzlich sein ganzes Interesse in Anspruch zu nehmen. „Das ist, was ich längst gesucht habe, setzen Sie mir alle sechs Stück bei Seite. — Wie ich am Thore draußen las," fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, „wird hier Englisch und Französisch gesprochen. Bei dem starken Fremdenverkehr in hiesiger Stadt ist das ein nicht zu unterschätzender Vortheil, worin es kaum einer Ihrer Konkurrenten Ihnen wird gleichthun können." Er hoffte, der Gärtnersfrau damit etwas Angenehmes gesagt zu haben. Diese aber nahm die Bemerkung mit einem verächtlichen Lächeln auf. „Wer ist denn dieser Sprachkundige? Gewiß Ihr Gemahl?" frug er, indem er sich nach der anderen Seite des Gartens umdrehte, wo Ritter mit einigen Gehilfen arbeitete. „Nein," sagte die Frau frostig und deutete nachlässig auf Anna, „hier meine Schwägerin besorgt das Parliren." „Ah! Sie, mein Fräulein?" wandte Volkmar sich mit einer respektvollen Neigung des Hauptes an das Mädchen. „Sprechen Sie diese beiden Sprachen perfekt?" „Wenn man sich längere Zeit in England und Frankreich aufgehalten hat, so versteht sich das von selbst!" erwiederte Anna hochmüthig. „Ja," setzte Frau Ritter hinzu, „freilich nur in dienender Stellung bei fremden Herrschaften, in London als Bonne, in Paris als Zofe." Für diese Erläuterung empfing sie von Anna einen bitterbösen Blick, den aber Volkmar nicht zu bemerken schien, denn seine ganze Aufmerksamkeit war wieder von einigen Topfpflanzen gefangen genommen, die er nach einander an seine Nase brachte. „Es wird vielmehr behauptet," sagte er mit einer leichten Wendung des Hauptes nach dem Hause, „der alte Schönaich sei unschuldig, die ihn genau kennen wollen, schwören darauf, daß er einer solchen That nicht fähig sei, und meinen, es könne auch ein Anderer, der im Hause der alten Dame genau Bescheid gewußt habe, das Verbrechen begangen haben." „Da wüßte ich wirklich Niemanden," versetzte Frau Ritter mit einem kurzen Auflachen. „Empfing denn die alte Dame keine Besuche?" frug Volkmar, immer noch an den Blumen riechend. „Stand sie mit gar Niemand im Verkehr?" Frau Ritter schüttelte entschieden den Kopf und sagte in abweisendem Tone: „Mit Niemandem, außer mit uns." „Aber zu Ihnen kommen doch sehr viele Leute," fuhr der Rechtsanwalt fort, „da könnte wohl einmal ein böser Mensch unter dem Vorwande, hier Einkäufe zu machen, Jemanden von Ihnen über Frau Rollenstein ausgeforscht haben. Es gibt Leute, die sich so schlau darauf verstehen, Einem ganz unter der Hand und nebenher Alles zu entlocken, was sie wissen wollen, daß man's selber gar nicht merkt." „Meinen Sie?" frug die Gärtnersfrau mit leisem Höhne. „Davon ist mir nichts bewußt." Mittlerweile hatte Ritter sich genähert, um den Kunden, den er mit seiner Frau unterhandeln sah, zu begrüßen. Volkmar zeigte ihm die Pflanzen, die er bereits gekauft hatte, erkundigte sich über die Behandlungsweise derselben und gab Andeutungen, daß seine Kauflust noch nicht befriedigt sei. „Wir sprachen eben über die bcdauernswcrthe alte Dame," bemerkte er wie beiläufig und mit einer kurzen Bewegung des Zeigefingers nach der verwaisten Wohnung hinauf, „wie es scheint, war sie menschenscheu, da sie sich von der Außenwelt so abgesperrt hielt. Gab es denn außer Ihnen wirklich gar keine Menschenseele, die sich um sie gekümmert hätte?" „Keine auf der weiten Gotteswelt," antwortete der Gärtner fast feierlich. „Niemand frug nach ihr und sie frug auch nach Niemandem." „Na, na!" versetzte Frau Ritter mit einer abwehrenden Handbewegung gegen ihren Mann, „das wäre doch zu viel behauptet. Einige Bekannte hat sie schon gehabt. Ließ sie nicht sogar ein Zimmer in Bereitschaft setzen für eine Dame, die sie von auswärts erwartete? Auch in Amerika muß sie Bekannte gehabt haben, denn als sie so schwer krank lag, hast Du selbst ihr zweimal zwei Depeschen, die nach New-Iork gingen, aufs Telegraphenamt besorgen müssen." „Nun ja," gab der Gärtner zu, „aber Amerika ist weit von hier!" (Fortsetzung folgt.) -- I*. Hieronymus Gratzmüller 0. 8. L., StiftSprior und k. geistl. Rath in Augsburg, geboren am 19. Januar 1824 zu München, seit dem Jahre 1846 dem Benediktinerstift St. Stephan dahier angehörig, hat mit dem 19. ds. Mts. sein 70. Lebensjahr erreicht. Sechsunddreißig Jahre hindurch leitete er das „Institut für höhere Bildung" bei St. Stephan, im Volksmunde als das „adelige Institut" bekannt. Welche Summe von Mühe, Geduld und Opfersinn zu einer solchen Aufgabe gehört, weiß der zu würdigen, der das Wort „erziehen" schon praktisch kennen gelernt hat. Diese Thatsache allein schon würde ein ehrendes Gedenken seiner Thätigkeit an diesem bedeutsamen Lebens- Abschnitte rechtfertigen. Gratzmüller war jedoch auch auf einem anderen Gebiete hervorragend thätig und diese Thätigkeit hat seinen Namen bekannt gemacht weit über unsere vaterländischen Grenzen hinaus. In München hatte unser bayerischer Landsmann Gabelsberger seine Stenographie erfunden und eben sein großes Werk „Die deutsche Redezeichenkunst" herausgegeben, als Gratzmüller sich ihm zugesellte, zuerst als begeisterter Schüler, dann als treuer Helfer im Lehren, alsbald auch als persönlicher Freund. Den Werth der Stenographie vollauf erfassend, trat er sofort mit aller Energie, mit der ganzen Kraft eines reichen Geistes für die Verbreitung derselben ein. Die erste Frucht dieses Wirkens war Einführung derselben an der Studienanstalt St. Stephan dahier am 1. November 1848, zu einer Zeit, wo man anderwärts noch nicht an solches dachte. Die Eröffnung dieses Unterrichts geschah auf Veranlassung Gratz- müllers durch Gabelsberger selbst. Nahezu 40 Jahre wirkte Gratzmüller als erster staatlich geprüfter Lehrer der Stenographie an der erwähnten Anstalt in Augsburg. Als Gabelsberger im Jahre 1849 starb, war Gratzmüller berufen, ihm als Lehrer der Stenographie an der Universität München zu folgen, der Wille seines Abtes hielt ihn jedoch hier zurück. Das hinderte jedoch Gratzmüller nicht, sich in die ersten Reihen derer zu stellen, die das Werk Gabels- bergers fortzubauen sich gelobt. Er nahm an allen hervorragenden Versammlungen thätigen Antheil, und als im Jahre 1852 beschlossen wurde, einen Preis für ein einheitliches Lehrbuch der Stenographie Gabelsbergers auszusetzen, da war es Gratzmüller, der aus diesem Wettbewerb als Sieger hervorging. Sein Lehrbuch, unter dem Namen „Preisschrift" bekannt und 1853 zum erstenmal erschienen, hat feinen Namen hinausgetragen über der Heimath Grenzen, es ist — in mehr als 40 Auflagen bis jetzt erschienen — Tausenden der Führer zur Kenntniß der Stenographie geworden. Im Jahre 1856 gründete Gratzmüller den Gabelsberger - Stenographenverein Augsburg, der seit langem der weitaus größte aller Gabelsberger-Vereine ist und im Sinne und Geiste seines Gründers wirkt. Groß ist daher insbesondere die Freude der Angehörigen dieses Vereins, Herrn Prior Gratzmüller zum erreichten siebzigsten Lebensjahre gratuliren zu können. Gratzmüller gründete auch die stenographische Monatschrift dieses Vereins, die „Monatblätter", welche sich heute noch großer Beliebtheit erfreuen. Im Jahre 1870 ließ er eine Uebertragung von „Thomas a Kempis' Nachfolge Christi" erscheinen, welche wiederholte Auflage erlebte. Der 10. August 1890 fand Gratzmüller anläßlich der Enthüllung des Gabelsberger-Denk- mals zu München in Mitte der stenographischen Welt, denn um jene Zeit fand nicht nur der Allgemeine deutsche Stenographentag, sondern auch derJnter- nationale Stenographencongreß daselbst statt. Vor einer solchen internationalen Zuhörerschaft, darunter noch manch ehrwürdiges Haupt aus Gabelsbergers Zeit, hielt Gratzmüller am Morgen jenes Tages am Grabe Gabelsbergers eine tiefempfundene Gedächtnißrede, ausklingend in die Mahnung, fortan treu und unentwegt die Kunst zu pflegen. Die Rede und dieMahnung andiesem geweihten Orte fand Anklang und Wiederhabt bei allen Hörern. Wenn die Wichtigkeit der Erfindung Gabelsbergers für unser öffentliches Leben — insbesondere auch für die Publizistik — heute allgemein anerkannt werden muß, wenn sie als eine der besten geistigen Errungenschaften, als eine Helferin aller Wissenschaften erscheint, so muß Dank und Ehre den Männern gezollt werden, die uns dieses schöne Werk in seiner Einheit und Reinheit erhalten haben. — Im Jahre 1880 stiftete Gratzmüller eine Jahresmesse für Gabelsberger, welche alljährlich am 4. Januar in der Kapelle des Mutterhauses der barmherzigen Schwestern dahier abgehalten wird. So stand er in jeder Richtung in vorderster Reihe, wenn es galt, die von ihm vertretene und als gemeinnützig erkannte Sache zu fördern und deren Erfinder zu ehren, ausgehend von der Ueberzeugung, daß gründliche Kenntniß der Stenographie nicht lediglich ein ideales Gut, sondern ein sehr praktisch nützliches Gut ist, welches sehr Vielen schon zu besserem Fortkommen und zu einer sicheren Existenz verholfen. Slistsprior r. Hieronymus Gratzmüller 0. 8. L 42 Die ganze Gabelsberger'sche Schule wird daher am 19. Januar ds. Js. ihres Altmeisters Gratzmüller ehrend gedenken und alle, welche inner- und außerhalb der stenographischen Kreise stehen und den auch persönlich äußerst liebenswürdigen Herrn Prior kennen lernten, von besten Wünschen für ihn erfüllt sein. Schon im voraus wurde diesem Geburtsfeste von Allerhöchster Stelle die Weihe gegeben, indem Se. Kgl. Hoheit der Prinz-Negent ihn durch Verleihung des Titels und Ranges eines königl. geistl. Rathes auszeichnete, ein Beleg dafür, daß Allerhöchsten Ortes das stille, aber fruchtbare Wirken Gratzmüllers anerkannt ist. Wir freuen uns darob aufrichtigst, insbesondere auch darüber, daß wir Herrn Prior Gratzmüller so lange in unserer Mitte haben, daß er ein Angehöriger unserer Stadt ist (man verzeihe uns diesen Ausbruch unseres Lokalpatriotismus), und daß hier durch seine Thätigkeit so viel für Verbreitung einer guten Sache geschehen ist. Möge Herrn Prior und kgl. geistl. Rath Gratzmüller noch ein langer, ungetrübter Lebensabend beschicken sein! —SÄWkS- * Höchstädt. (Schluß.) (Hiezu das Bild Seite 43) Die alte Stadt Höchstädt bildete eine eigene Pfarrei und hatte eine der HI. Jungfrau Maria geweihte Pfarrkirche, deren Patronatrecht das Kloster Reichenau bis zum Jahre 1356 besaß. Mit dem Kirchensatz, den das ehrwürdige Bodensee-Kloster besaß, war der Großzehnt im Pfarrsprengel Höchstädt verbunden. All dies verkaufte das Kloster im genannten Jahre um 300 Pfd. Heller an den reichen Ulmer Bürger Heinrich v. Roth, dessen Familie nun auf die Pfarrei präsentirte. Ein Glied dieser Ulmer Patrizier-Familie, Johannes v. Roth, war im Jahre 1358 Pfarrer in Höchstädt und bezog als Einkommen 12 Malter Korn, den kleinen Zehnt und Opfer- gefälle. Im nämlichen Jahre noch aber stiftete Heinrich v. Roth und sein Sohn, der Pfarrer Johannes v. Roth, in der St. Nikolaus-Kapelle, die nahe bei der Pfarrkirche in der Altstadt stand, eine Frühmesse mit der Auflage, daß der Pfarrer einen „Gesellpriester" (Kaplan) zu sich in Kost nehmen, dafür aber statt der 12 Malter Roggen den großen Zehnt der Pfarrei beziehen solle. So blieb es bis 1451. Da stiftete der Pfarrer in der Altstadt, Peter Schaflitzel, und die Kirchenpfleger mit zwei Höfen in Deisenhofen in der St. Nikolaus- Kapelle ein Benefizium, dessen Inhaber wöchentlich wenigstens fünfmal „Morgens sobald man die Thore anschließe" in der Kapelle, an Sonn- und Feiertagen aber in der Pfarrkirche unter dem Amt die hl. Messe lesen und dem Pfarrer und „seinem Gesellen" in geistlichen Sachen „behalfen sein" mußte. Cardinalbischof Peter bestätigte diese Stiftung anno 1452. In alter Zeit reichte die Pfarrei Steinheim bis an den Westrand der alten Stadt Höchstädt. Ueber diesen Rand hinaus bildete sich vom 13. Jahrhundert an eine neue Ansiedelung, die sich rasch entwickelte. So entstand eine Neustadt Höchstädt, auch Neu-Höchstädt genannt. In dieser Neustadt bestand schon im Jahre 1382 eine eigene Pfarrkirche, deren Patronat dem Kloster Reichenbach in der Oberpfalz zustand, weil die Neustadt im Pfarrsprengel Steinheim entstanden war, das zu jenem Kloster gehörte. Dieses Kloster besetzte die Pfarrei der Neustadt sogar eine Zeit lang mit seinen Conven- tualen. Einer derselben, Kunrat der Ratzenberger, war im Jahre 1384 Pfarrer zu Höchstädt. Die Neustadt hatte schon im 14. Jahrhundert die Altstadt an Bedeutung weit überflügelt, so daß diese als offene Vorstadt erschien. Die Neustadt war mit Mauern umgeben und enthielt den Haupttheil der Bevölkerung. Dafür zeugt, daß allein in der Zeit von 1372 bis 1452 in der Neustadt acht Benefizien meist von den Bürgern gestiftet wurden. Ueber sämmtliche Benefizien hatte der Rath das Ernennungs- und Kloster Reichenbach das Präsentationsrecht. Auch die Pfarrei der Neustadt brachte der Rath bald an sich und erwarb im Jahre 1544 auch das Patronatrecht über die Pfarrei der Altstadt sammt dem Benefizium St. Nikolaus. Im Jahre 1542 zwang Pfalzgraf Otto Heinrich sein ganzes Land Pfalz-Neuburg, also auch die Stadt Höchstädt, protestantisch zu werden. Der nun lutherisch gewordene Magistrat ging nun übel mit den geistlichen Pfründen, Stiftungen und Kirchengütern um. Die Pfarrei der Altstadt wurde aufgehoben und mit jener der Neustadt vereinigt. Alle Benefizien und ihre Güter zog der Magistrat ein, verkaufte dieselben und verwendete sie zu weltlichen Zwecken oder zum Spital, das im Jahre 1387 von einigen wohlthätigen Bürgern und dem Herzog Friedrich von Teck gestiftet worden. Im Jahre 1557 wurde sogar die Pfarrkirche der Altstadt und die Nikolauskapelle abgebrochen. Als im Jahre 1614 Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm sein Land wieder zur katholischen Kirche zurückführte, stieß er gerade in Höchstädt auf den heftigsten Widerstand, weil die Anhänger des Lutherthums in der alten Pfalz- gräfin-Mutter, einer unbiegsamen, eifrigen Protestantin, die im Schloß zu Höchstädt ihren Wittwensitz hatte, festen Rückhalt hatten. Acht Jahre lang scheiterten alle Bemühungen des eifrigen katholischen Pfalzgrafen, für den katholischen Cultus wenigstens die Spitalkirche zu bekommen, an der lutherischen Zähigkeit und Ausdauer seiner „gnädigsten geliebten Frau Mutter." Als er im Jahre 1624 dem Rath befahl, die Spitalkirche für die katholische Religionsübung einzuräumen, befahl die Pfalzgräfin dem Rath auf's Bestimmteste, nicht das Geringste einzugehen. Ihrem Sohne, dem Pfalzgrafen, drohte sie, lieber Höchstädt zu verlassen, als die katholische Religion in der Spitalkirche zu dulden. Diesmal gab jedoch der Pfalzgraf nicht mehr nach. Er bat den Bischof, einen katholischen Priester auf Sonntag nach dem Dreifaltigkeitsfest nach Höchstädt zu senden, welcher die Einführung der katholischen Religion in der Spitalkapelle vornahm. Am 23. Juni kam der Stadtpfarrer Sixtus Bischer von Dillingen, hielt in der Spitalkirche den katholischen Gottesdienst und führte den Priester Georg Pistorius als ersten katholischen Pfarrer nach dem Lutherthum in Höchstädt ein. Am nämlichen Tage ließ der Pfalzgraf durch seinen Kanzler seiner Frau Mutter, der Herzogin Anna, die Versicherung geben, daß, so lange sie lebe, in der Pfarrkirche und in der Hofkapelle die lutherische Religionsübung unangefochten bleibe und Niemand zur katholischen Neligionsübung gezwungen werde. So hielt es der Pfalzgraf bis zum Tode seiner Mutter. Als sie aber anno 1632 gestorben war, ließ er die Prädikanten aus Höchstädt schaffen, die Pfarrkirche dem katholischen Cultus zurückgeben und verlangte im 43 Jahre 1634, daß Rath und Bürgerschaft wieder katholisch werden. Die wollten nichts davon wissen. In der Hoffnung, daß die kaiserliche Macht, welche eben die Donau heraufzog, eine schwere Niederlage erleiden werde, gebrauchten sie allerlei Ausflüchte. „Das Spiel ist noch nicht aus", sagten vorlaute Rathsglieder. Nach dem glänzenden Siege der Kaiserlichen bei Nördlingen mußte sich auch der „steiflutherische" Rath zur Umkehr bequemen, aber nur langsam und schwer vollzog sich die Rückkehr Höchstädts zur Kirche. Erst als um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein neues Geschlecht an Stelle des alten getreten war, war die Rückkehr zur Kirche auch innerlich vollzogen. * In Folge der Aufhebung der alten Benefizien war nach Wiederherstellung der katholischen Religion der Priestermangel sehr fühlbar; darum stiftete der Rath im Jahre 1720 das Benefizium St. Veit, dessen Inhaber In allerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberg er. (Fortsetzung.) VI. Langsam zu den Lüften hinauf, die Rosenheimer Straße empor, fuhr ein Nachfolger des roß- und fahr- kundigen Ajax. Ich stürze auf ihn zu, reiße den Schlag seiner Kalesche auf und befehle: „Ostbahnhof und retour Central- Staatsbahnhof, aber rafcy." Die Ueberrumpelung ging so rapid schnell, daß der Epigone kaum Zeit hatte, den Kragen zu drehen und seinen Gast zu sehen. Er ließ also seinen Bucephalus halten und erschien am Wagenschlag. „Ja, was ist's," fuhr ich ihn unwillig an, „habt Ihr mich nicht verstanden? Halten auch noch." 's. H » - 52.2 Schloß tzöchftädl. Original-Ausnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. sBervielsaltigungSrecht vorbehalten.; den Stadtpfarrer im Beichtsitzen, Predigen rc. unterstützen sollte. Im Mittelalter entstand in der alten Stadt ein Frauenkloster, genannt die „Klause", das später die Regel des hl. Augustin annahm. In der Reformation wurde dieses Kloster aufgehoben und seine Güter eingezogen. Auch ein Kapuzincr-Hospitium war im Jahre 1740 auf der Höhe der Stadt erstanden, erlag aber schon nach 62 Jahren der Säcularisation. Sonst fühlte Höchstüdt im Jahre 1803 wenig von den revolutionären Wirkungen und Umgestaltungen der Säcularisation, da ihr die Reformation zum Säcularisiren nichts mehr übrig gelassen hatte und Stadt und Amt Höchstüdt schon seit 535 Jahren dem bayerischen Scepter unterworfen waren. (Aus „Bisthum Augsburg III. 660—680 von Dr. v. Steichele.) -»S-SW-S,- „So hitzig," antwortete der Roßlenker, „geht's g'rad' net, und damit Sie's gleich wissen, können S' gleich wieder aussteigen auch, ich bin schon bestellt. Muß 'n Passagier abholen, der kommt mit 'n Blitzzug." Bei dem Wort „Blitzzug" blitzte es mir durch's Gehirn. — Treff' ich den Jungen, will ich — und im Coupä wird mir der Gesellschafter nicht durchbrennen können — mit dieser Expreßgelegenheit nach Hause. „Brav, mein Lieber," antwortete ich, die wohlklingendsten Register meines Stimmkastens aufziehend, „brav, das lob' ich mir, und wenn ich wieder einmal für eine Tagesrundfahrt einen Kutscher brauch', keinen andern als Euch würd' ich engagiren, brav, da ist ein Verlaß. Ich will aussteigen, gleich aussteigen, wenn Ihr so wollt, doch da Euer Thierchen ohnedieß zum Ostbahnhof trabt, könnte es mit Eurer Erlaubniß — ich bin ja ein ganz schmaler Mensch — mich mitnehmen." 44 Ich machte wirklich Miene aufzustehen, der Brave jedoch gestattete es nicht: „ein gutes Wort findet guten Ort, — und eine gute Cigarre ist eine beliebte Waare — und extra noch eine Mark in die Tatze — da nicht gefällig sein, wär' nicht am Platze." Die Peitsche knallte, der Gaul zog aus. Lustig trabten die Hufe und alsbald standen wir vor dem immer noch vergebens auf seine Zukunft harrenden Bahnhof der Ostmetropolis. Der Telamonier sprang von seinem Bock und öffnete, sein attisches Profil nun in der freundlichsten Fayade gebend, den Wagenschlag. „Bald wieder die Ehr', gnä Herr," mit diesem klassischen Reim entließ er mich aus seinem Gehäuse. Natürlich war mein Erstes, schnurstracks auf den Tramwagen loszuschreiten. Gerne gab mir der Kondukteur Auskunft. Ein Bübchen, ja wohl, mit einem defekten Matrosenhut sei mitgefahren, und hinter einem Herrn, „ich hab' geglaubt, es wär'der Vater," — hätte er den Weg über den Orleansplatz eingeschlagen. „So, recht schön," antwortete ich, verbindlichst dankend. Ich ließ meinem Unmuth die Zügel nicht schießen, denn statt des: „so, recht schön," wär' mir die Zunge mit einem ganz anderen Herzenserguß durchge- brannt. Ich wollte mich bemeistern, kühl werden. Es ist einmal so im Leben, wenn man in der Tinte sitzt, kommt es auf eine größere oder kleinere Alizarin-Tonne nicht mehr an. Regen einen im ersten Momente Lappalien oft ungebührlich auf, sind wir ernsten, wirklichen Schicksalsschlägen gegenüber, denen mit festem Auge in die düstere Tafel gesehen werden muß, standhafter, ruhiger, kälter. Ich nahm mir vor, ein Philosoph zu sein nach dem Horaz'schen Recept: „Nil nämiraii", ein Stoiker ü tu Cato, nur mit besserer Konsequenz, denn was soll's, wenn dieser sich doch wegen ein bischen Meinungsabweichungen, so er mit seinem ehemaligen Freund Cäsar hatte, das Herz durchbohrte? Mit gefrorenem Blut und eisiger Ruhe, nonchalant bis zum Exceß, wollte ich die neuen Dinge heranrücken lassen. Ich bummelte dem Orleansplatz zu, die Arme auf dem Rücken verschränkt, so ein Gefühl himmlischer Wurstigkeit wandelte mich an, ich lächelte über mich, über meinen Aerger, über meine Lage, ich fand sie sogar amüsant, über die Alltagsleisten hinaus, piquant. Find' ich den Burschen, recht, — find' ich ihn nicht, auch recht. Ich thue meine Schuldigkeit und damit basta. Um meiner frohmüthigen Visage noch einen behaglicheren Ton geben zu wollen, steckte ich ihr eine „Braun", nämlich so heißt die renommirte Firma meines Leiblieferanten, Reichenbachstraße Nr. 36, in's Zahngehege. Ich hatte kein Streichhölzchen — was macht's — ich rauche kalt. So schlenderte ich gemüthlich, schwankenden Gangs, wie ein eben von seiner langen Kamerunfahrt an's Land gestiegener Bootsmann, hinab den Seitenweg. Bald sah ich einen Herrn, quer über der Straße, der gerade die Asche von seinem Schnuller abstreifte. Auf diesen ging ich zu, bat um Feuer, doch im Moment, als ich meiner „Sansibar" das Köpfchen abbeißen wollte, schob sich von rückwärts ein Aermel herein, an dem Aermel befand sich eine gestreckte Hand, und diese Hand griff nach meiner Afrikanertn, und klapps ist sie auch schon enthauptet. — „Entschuldige —und abbeißen auch noch, wie vandalisch," mit dieser Rüge überreichte, seine Guillotine einsteckend, ein alter Spezi mir die Enthauptete wieder. Ich zündete an und empfahl mich dankend bei dem Feuerspender. Mein Spezi aber war ganz frappirt, mich einmal in seiner Zone zu sehen. Er hatte nämlich, seitdem er a. D. war, sich hinter der maximilianischen Akropolis niedergelassen, währenddem mein Himmelsstrich über dem Scheitel der Bavaria niederging. Ostend und Westend, wie soll man da zusammenkommen? (Schluß folgr.) -—«-v-r—- Winter. Hat man Dir nicht erzählet Dereinst von einer Maid, Die sich einem Ritter vermählet, Der sie vom Zauber befreit? Auf einem hohen Schlosse Im Schlaf die Jungfrau lag, Mit Pferden, Hund und Trosse Schlief sie viel Jahr und Tag. Da kam ein edler Recke, Der brach sich offene Bahn, Und sprach am Dornverstecke Als wüthiger Freier an. Hei! welch ein Helles Klingen, Die Schläfer sind erwacht, Heil welch ein tolles Springen, Im Schloß wird Hochzeit gemacht. Die Jungfrau ist die Erde, Sie ruht im Flockenkleid, Und harrt mit stummer Geberde Des Ritters, der sie freit. Es ragen die Tannen dunkel, Sie halten ihr treue Wacht, Auf ihrem Haupt als Gesunkel Glitzert der Sonne Pracht. Es sausen darüber die Winde, Sie fahren ihr lustig in's Haar, Sie reißen dem schlummernden Kinde Am silbernen Brauttalar. Und klingt in den frostigen Räumen Der Schlitten Schellengeklirr, Dann muß sie spinnen und träumen In bunter Bilder Gewirr. Dornröschen, warte nur, balde Naht Dein Befreier, Dein Held, Sein Weckruf erschallet im Walde, Hallt wieder vom Berg und im Feld. Dann gehet ein Jubiliren Weit durch das einsame Land, Muß alles sich schmücken und zieren Mit Schleifen und Federn und Band. Wer nahm doch die schneeige Decke, Wer brachte das bräutliche Kleid? Der Frühling kam wieder, der Recke, Und hat um die Erde gefreit. Adolph Müller. -«Wies- Großhcrzog Ernst Ludwig von Hessen und dessen Kraut. (Zu unserem Bild Seite 39.) Das jüngste Brautpaar aus fürstlichem Geblüte sind der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und Prinzessin Victoria von Sachsen-Coburg-Gotha, die sich am 9. Januar in Gotha verlobten. Großherzog Ernst Ludwig ist zu Darmstadt am 25. November 1868 geboren und seinem Vater in der Regierung am 13. März 1892 gefolgt. Prinzessin Victoria ist auf Malta am 25. November 1876 geboren; der Vater der Braut, Herzog Alfred von Sachsen-Coburg-Gotha, und die Mutter des Bräutigams, Prinzessin Alice von Großbritannien, waren Geschwister; das neue Braulpaar ist also Cousin und Cousine. Die ält-ste Schwester der Braut, Prinzessin Maria, hat sich bekanntlich im vorigen Jahre mit dem Prinzen Ferdinand von Rumänien ver- hcirathet. 8. Ireitag, den 26. Januar 1894,' Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Der Advokat hatte während Frau Ritter's Rede, durch welche sie sich mit ihrer früheren Behauptung in entschiedenen Widerspruch setzte, nicht wenig die Ohren gespitzt. Die Hoffnung, aus diesen vorsichtigen Leuten etwas herauszubringen, war ihm bereits geschwunden. Jetzt ging ihm plötzlich die Erkenntniß auf, daß dieser verschlossenen Frau die Oppositionslust gegen ihren Ehegemahl die schweigsame Zunge löste. Er versuchte daher weiter zu experimentieren und wiederholte, sich diesmal an den Gärtner wendend, was er schon vorhin gegen dessen Frau geäußert hatte, daß nämlich Schönaich vielleicht unschuldig sei; die Unnahbarkeit Frau Rollenstein's schließe ja die Möglichkeit nicht aus, daß Jemand, der vielleicht schon längst mit dem Plane des Verbrechens umgegangen sei, sich unter der Maske eines Käufers hier eingeschlichen und durch geschickt gestellte Fragen die Gelegenheiten zur Ausführung seines mörderischen Vorhabens ausgekundschaftet habe. Herr Ritter schüttelte mit überlegenem Lächeln das Haupt. — „Wir sprechen mit unseren Kunden nicht mehr, als was zum Geschäft gehört," entgegnete er. „Hihi!" kicherte die Gärtnersfrau mit einem bös- haften Seitenblick auf Anna. „Wir sind nicht die Leute," fuhr Ritter fort, „die sich aushorchen und übertölpeln lassen. Die selige Frau Nollenstein haben wir immer hoch geehrt, und weil wir wußten, daß ihr nichts verhaßter war, als in der Leute Mund zu kommen, so haben wir — weder meine Frau, noch ich, noch meine Schwester, die hier steht — auch niemals geduldet, daß ihre Person in's Gespräch gezogen wurde." „Na, ich habe doch wahrhaftig auch noch Ohren und Augen!" lehnte sich Frau Ritter, die Arme in die Seiten stemmend, gegen die Behauptung ihres Eheherrn auf. „Verstehe ich mich auch nicht auf's Kauderwälsch, wie Deine hochgelehrte Schwester, so merkte ich doch, wovon die Rede war. Er stellte mit bezauberndem Lächeln allerlei leicht hingeworfene Fragen und sie antwortete auf jede derselben, und dabei blickten Beide fortwährend nach Frau Rollenstein's Fenstern. Und als diese dann selbst herabkam, um ihren gewohnten Spa- ziergang durch den Garten zu machen, da hat er die alte Dame fast mit den Augen verschlungen! Ich glaube ja nicht, daß sich dahinter eine schlimme Absicht versteckte, denn darnach sah mir der Mann nicht aus, wenn Du aber sagst, daß unsere Kunden sich mit uns nur über Geschäftliches und nicht auch über andere Dinge, für welche Neugierige sich interessiren, unterhalten können, so hättest Du Deine Schwester davon ausnehmen sollen." Volkmar bückte sich uach dem Beete herab und schien den eben vernommenen Worten wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei entging ihm nicht, wie Anna plötzlich blntroth geworden war. „Wovon sprichst Du denn eigentlich?" frug mit einem Schafsgesicht der Gärtner seine Frau. „Wer hat denn gefragt und wer hat geantwortet?" „Du wirst Dich wohl noch auf den fremden Herrn erinnern können," sagte sie, „der in der Woche vor dem Morde hier war —" „Der sich die Fächerpalme bei Seite stellen ließ?" „Ja, und sich nicht wieder hat blicken lassen. Er kaufte ein Bouqnet und wählte die Blumen dazu mit Deiner Schwester selbst aus. Erst sprach er deutsch, aber da ich mir in der Nähe zu schaffen machte und ihm im Wege zu sein schien, so fing er englisch an, und englisch war's, denn es kam das Wort „las" öfter vor, und so viel verstehe ich auch davon." „Meine gute Frau, müssen Sie wissen, ist nämlich ein wenig mißtrauisch," wandte der Gärtner sich lächelnd an Volkmar. „Wenn in Gegenwart meiner Frau meine Schwester mit Jemand englisch oder französisch spricht, fuhr der Gärtner zu Volkmar gewandt fort, so denkt sie gleich, es geht über sie her oder es wird irgend eine Verschwörung gesponnen. — Was hast Du denn damals mit dem Engländer gesprochen, Anna? Besinne Dich einmal und sag's uns, damit Sophie sich beruhigt." Anna warf den Kopf in den Nacken. „Wie soll ich mir von jedem Herrn, der hier Blumeneinkäufe macht, merken können, was er mit mir spricht?" entgegnete sie trotzig. „Oh, oh!" höhnte Frau Ritter, „wenn Einem Jemand so gleichgültig ist, daß man nicht mehr weiß, was man mit ihm gesprochen hat, so geht man nicht nachher herum wie ein Traumbuch und macht sich auch noch Ponyfransen! Anna lachte laut auf, aber es war ein gezwungenes 46 Lachen, und dabei glühte ihr Antlitz wie Purpur. Sie warf einen raschen Blick auf den fremden Käufer, und als sie seinem scharf forschenden Auge unter der goldenen Brille begegnete, wandte sie sich mit einer unwilligen Bewegung ab und machte sich in einem andern Theile des Gartens zu schaffen. Volkmar hatte sich den Anschein gegeben, als nähme er von diesem kleinen Familienstreite keine Notiz, und die Gärtnersfrau hatte in ihrem gehässigen Eifer gegen ihre Schwägerin seine Gegenwart fast vergessen. Er ließ sich jetzt von Ritter in die Gewächshäuser führen, kaufte noch einige kostbare Zimmerpflanzen, bezahlte seine Rechnung mit klingender Münze und verhieß seine baldige Wiederkehr, da er mancherlei seltene Gewächse gesehen habe, die er ebenfalls zu besitzen wünsche. Um durch Nennung seines Namens und Standes sich bei den Gärtnerslenten nicht verdächtig zu machen, nannte er die Adresse eines ihm befreundeten Kaufmanns, an welchen die heutigen Einkäufe zu schicken seien. Er war mit dem Resultate seiner Nekognoszirung über Erwarten zufrieden. Die Thatsache, daß ein Fremder kurze Zeit vor der Ermordung Frau Rollenstein's sich angelegentlich über dieselbe erkundigt hatte, stand fest. Dieser Fremde hatte die gewünschte Auskunft nicht bei der älteren Frau gesucht, sondern diese umgangen und sich an das weniger erfahrene Mädchen gewendet und dieß offenbar mit allen Künsten der Galanterie umstrickt, um zu seinem Ziele zu gelangen. Der Umstand, daß er englisch sprach, weckte in dem Juristen den bereits niedergekämpften Argwohn gegen Jesko von Harnisch auf's Neue. Von dem Mädchen selbst Näheres über die Persönlichkeit jenes Bouguetkäufers und über die Fragen, welche dieser an sie gerichtet hatte, zu erfahren, schien dem Rechtsgelehrien hoffnungslos, dazu war sie ihm gleich von Anfang an zu animos entgegengetreten, und daß er nachher den für sie so peinlichen Gesprächsgegenstand angeregt hatte, konnte sie nur noch unversöhnlicher gegen ihn stimmen. Auch wiesen die hämischen Anspielungen Frau Nitter's und Anna's wiederholtes Errathen darauf hin, daß ihr der „Engländer" ein tieferes Interesse eingeflößt haben mußte; um so weniger würde sie sich bewegen lassen, den Inhalt ihrer Unterhaltung mit ihm profanen Ohren preiszugeben. Aber es war schon ein großer Gewinn für Volkmar, daß er in Frau Ritter Anna's natürliche Feindin erkannte und zugleich auch das Mittel gefunden hatte, aus dieser Alles herauszubringen. Er brauchte das, was er wissen wollte, zwischen ihr und ihrem Manne nur zu einer Streitfrage zu machen, um der sonst so verschlossenen Frau selbst das tiefste Geheimniß zu entlocken. — Als Siglinde sich von dem Rechtsgelehrten nach Hause begab, war ihr Muth von neuem belebt, die Sache ihres Vaters ruhte nicht mehr auf den Schultern eines schwachen Mädchens, sondern sie war jetzt den besten, erprobtesten Händen anvertraut. Die Lage des Vaters glich derjenigen eines Schwerkranken, und Siglinde fühlte jene Erleichterung, die das Eingreifen eines geschickten Arztes und sein beruhigender Zuspruch gewährt. Aber das menschliche Gemüth, welches unter dem Druck einer Hangen Entscheidung steht, ist einem schroffen Wechsel zwischen Hoffnung und Zweifel unterworfen, und als Siglinde wieder in ihrer Wohnung angelangt war, machte ihre gehobene Stimmung dem früheren Kleinmuth Platz. Die Gestalt des Vaters wandelte nicht mehr durch diese Räume, in denen Siglinde selbst nur als geduldeter Gast weilte: er war daraus geschwunden, wie ein Todter, den man nach dem Kirchhofe getragen hat, und wie die Todten niemals wiederkehren, so benahm ihr die erschreckende Aehnlichkeit dieses Vergleiches und die sie umgebende Leere auch die Hoffnung, den unglücklichen, alten Mann jemals der Freiheit wieder zurückgegeben zu sehen. Hatte Doktor Volkmar etwas Anderes thun können, als ihr Trost und Muth zuzusprechen? Glich er, der Jurist, hierin nicht auch wieder dem Arzte, welcher den Angehörigen eines hoffnungslos Erkrankten bis zum letzten Augenblicke schonend verschweigt, daß eine Rettung unmöglich ist! Und gerade er, der ihr einst in Nacht und Nebel als Netter erschienen war, der sich mit so zarter Sorgfalt ihrer angenommen hatte, — er wäre wohl der Letzte gewesen, ihr eine schreckliche Wahrheit, die ihr das Herz brechen mußte, in's Gesicht zu sagen. Wie er mit feinfühliger Hand ihr die Verbände um den verletzten Fuß gelegt hatte, daß sie die Berührung der schmerzhaften Stelle kaum gemerkt hatte, so zart schonend war er jetzt auch mit der blutenden Wunde ihres Herzens umgegangen, — und zwar um so schonender, je unheilbarer sie ihm erscheinen mochte. Der schmerzliche, kummervolle Zug, der sich um ihre Lippen gelegt hatte, während sie dasaß und sich diesen trüben Gedanken hingab, wich allmählich einem freundlicheren Ausdruck, ja ihr Mund begann zu lächeln, ihr Auge blickte träumerisch. In jenem raschen Uebergange der Stimmungen, wie er kindlich reinen Naturen eigen ist, hatte sie sich in jene Stunde zurückversetzt, wo er sie, die Verirrte, aufgefunden, und wie ein hilfloses Kind sicheren Schrittes nach der Bauernhütte getragen hatte; noch jetzt begann ihr das Herz höher zu schlagen in der Erinnerung an den Augenblick wo sie sich aus dem Dunkel der Nacht in die blendende Helle des Herdfeuers versetzt sah und sich nach dem ersten verstohlenen Blick, den sie auf ihren Beschützer warf, von dem Eindruck des Bedeutenden und Ueberlegenen, der sich in jedem seiner Züge wie in seiner ganzen Erscheinung aussprach, überwältigt fühlte. Sie hatte es gleich damals geahnt, daß sie es mit einem Manne zu thun habe, dessen Wirken in hervorragender Weise dem geistigen Gebiete angehöre und der vielleicht einen berühmten Namen trug, aber sie hatte sich nicht träumen lassen, daß er der vielgenannte Rechtsgelehrte sei, dessen schlagfertige Rede die Gerichtssäle ihrer Heimathsstadt beherrschte. Nie mehr war sein Bild aus ihrem Herzen gewkchen; ihn wiederzusehen, war seitdem das Ziel ihrer stillen Sehnsucht geblieben, und oft hatte sie sich jene angstvolle Stunde, wo sie sich in hilfloser Verlassenheit den Schrecken der dunklen Nebelnacht preisgegeben sah, wieder zurückgewünscht, nur um ihrem Netter noch einmal ins Antlitz blicken, ihm noch einmal ihren Dank stammeln zu können. Unwillkürlich schrak sie zusammen, als die Thür sich öffnete und Martha in's Zimmer trat, eine Visitenkarte zwischen den Fingern haltend. „Der Herr wünscht Ihnen seine Aufwartung zu machen," sagte das Mädchen, die Karte überreichend. „Jesco von Harnisch," laS Siglinde. Das war ein rauhes Erwachen aus ihren glückseligen Träumereien, welche sie auf Augenblicke all ihr Unglück hatten vergessen lassen. Vor diesem Besuche 47 hatte sie sich schon längst gefürchtet. Wie ein Reif im Frühling, der Knospen und Blüthen abtödtet, war ihr dieser Name auf's Herz gefallen, als sie ihn zum ersten Male von den Lippen ihres Vaters hörte. Und nun war der Mann selbst erschienen und seine Anwesenheit mußte zu Erörterungen führen, die ihr, dem alleinstehenden Mädchen, peinlich waren. »Ich lasse Herrn von Harnisch bitten," sagte sie unter einem bangen Seufzer zu Martha, sich in's Unvermeidliche fügend. Herr von Harnisch trat ein. Er war unleugbar eine schöne Erscheinung, hoch und schlank gewachsen, mit dunklem Vollbart. Sein tiefbraunes Auge hatte etwas Faszinirendes, was auf viele Frauen einen unwiderstehlichen Zauber ausübt, von dem sich jedoch das lautere, reine und keusche Wesen Siglindens abgestoßen fühlte. Der Besucher vermochte eine angenehme Ueberraschnng, welche die berückende Schönheit des jungen Mädchens auf ihn hervorbrachte, nicht zu verbergen. „Sie finden mich allein, Herr von Harnisch, und unter sehr unglücklichen Umständen," sagte Siglinde, nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Es bedarf keines Wortes, Fräulein Schönaich," entgegnete er in rücksichtsvollem Tone und mit einer sanft abwehrenden Bewegung seiner Hand, „ich. kenne Alles aus den hiesigen Zeitungen." „Ich bedaure," bemerkte Siglinde, „daß Sie sich bereits ein Mal vergeblich hierher bemüht haben." Da der Besucher sie fragend anblickte, so fügte sie hinzu: „Vor einigen Tagen, während ich gerade verreist war." „Nein, mein Fräulein," versetzte Harnisch, „ich betrete dieses Haus zum ersten Male." „Wirklich?" frug Siglinde überrascht. „Mein Mädchen erzählte mir nach meiner Rückkunft, es sei ein fremder Herr dagewesen, und die Beschreibung, die sie mir von ihm gab, stimmt mit Ihrer Persönlichkeit überein." Herr von Harnisch schüttelte deu Kopf. „Allerdings bin ich schon vor fünf Tagen hier angekommen. Ich hielt es jedoch für passend, die erste aufregende Gemüthsstimmung, in welche die Ereignisse Sie versetzt haben mußten, vorübergehen zu lassen, ehe ich mich Ihnen vorstellte, was meinen späten Besuch hoffentlich entschuldigen wird." Siglinde scheute den Augenblick, wo er auf den Kernpunkt feines Besuches zu sprechen kommen werde, und suchte denselben durch Nebendinge hinauszuschieben. Daher sagte sie: „Auf Ihrer Ueberfahrt von England nach Calais sind Sie einer schweren Lebensgefahr entgangen. Ich las den Zusammenstoß der beiden Dampfer in der Zeitung und fand Ihren Namen in der Liste der Geretteten. Gestatten Sie mir, Sie zu beglückwünschen." Harnisch verneigte sich dankend. „Ja," nickte er, „die Elemente schienen sich gegen mich verschworen zu haben. Das unfreiwillige kalte Bad in dem tückischen Kanal hatte mir zudem ein Fieber zugezogen, welches mich acht Tage laug in Calais zurückhielt. Auf meiner Weiterreise drohte mir in dem Hotel, wo ich übernachtete, auch noch Feuersgefahr," fügte er lächelnd hinzu. „Der Kellner, der mir in mein Zimmer hinauslenchtete, kam mit dem Lichte dem Vorhang zu nahe, dieser sing sogleich Feuer, welches sich rasch verbreitete und zu einem so gründlichen Zimmerbrande anwuchs, daß die Feuerwehr herbeigerufen werden mußte." „Wann übernachteten Sie in Köln?" frug Siglinde. Der Gefragte mochte dies für müßige Neugier halten, aber es lag ein tiefer Grund vor. Sie hatte Doktor Volkmars furchtbaren Argwohn gegen Harnisch sehr wohl durchschaut. Herr von Harnisch zählte an den Fingern. „ES war in der Nacht vorn 21. zum 22.," gab er zur Antwort. Damit war Volkmar mit seinem Verdachte geschlagen, denn gerade in dieser Nacht ist Tante Nollenstein ermordet worden. Es trat jetzt eine Pause ein. Vergebens suchte Siglinde nach einem neuen Anknüpfungspunkte, um der gefürchteten Gesprächswendung auszuweichen. Harnisch ließ jenes verlegene Näuspern hören, womit man sich auf eine wichtige Rede vorbereitet. Siglinde wußte vor Beklommenheit nicht, wohin sie blicken sollte. „Ich darf wohl annehmen, Fräulein Schönaich," begann er, „daß Ihr Herr Vater Sie über den Zweck meines Besuches bereits unterrichtet hat." „Allerdings," antwortete Siglinde, ihre Geistesgegenwart zusammenraffend, aber seitdem hat, wie Sie wissen, die Sachlage eine unerwartete Wendung genommen, und ich glaube, daß damit auch der Zweck Ihres Besuches hinfällig geworden ist." „Wie darf ich das verstehen?" frug er etwas stutzig. „Daß wir gegenseitig vergessen können, was einst zwischen unsern Vätern vorgefallen ist, finde ich begreiflich. Daß Sie aber die Tochter eines Mannes, welcher unter dem Verdachte des Mordes verhaftet ist, noch zur Gattin begehren können, glaube ich nicht." Der Ausdruck befremdeter Enttäuschung in seinem Gesicht sagte ihr, wie sehr sie sich in ihrem Glauben irrte. „Ich zweifle ernstlich an seiner Schuld," entgegnete er im Tone fester Ueberzeugung. „Der Vater einer solchen Tochter kann unmöglich ein Mörder sein; dafür werde ich meine Hand in's Feuer legen. Aber selbst das Unwahrscheinliche, das Unmögliche, er sei schuldig, angenommen, so würde mich dies keinen Augenblick abschrecken können, um Ihre Hand zu werben, öcnn diese Hand ist rein von Blut und an die Theorie der Vererbung habe ich niemals geglaubt. Ich würde Ihnen mit Freuden meinen Namen geben, ich würde Ihnen die Welt, die Sie in thörichtem Vornrtheil ansstößt, ersetzen, und der verlassenen Tochter eines Unglücklichen Stab und Stütze sein." Siglinde würde diese Worte geglaubt haben, wenn sie aus Volkmar's Munde gekommen wären. Harnisch gegenüber aber mußte sie an die Million denken, womit der Besitz ihrer Hand eine so edle Selbstverleugnung belohnen würde. Sie wurde ihrer peinlichen Lage mehr und mehr Herr und fand den Muth ihm Alles zu sagen, was sie ihm sagen mußte. „Wodurch Hütte ich ein so großes Opfer verdient?" frug sie. „Was könnte mir einen so hohen Platz in Ihrer Meinung über mich verschafft haben? Sie kennen mich noch nicht, sondern sehen mich heute zum ersten Male. Sie haben Jahre vergehen lassen, ohne sich um das Mädchen zu bekümmern, mit deren Hand —" „Eine so reiche Erbschaft verbunden ist, wollen Sie sagen," nahm er ihr das Wort von der zögernden Lippe. „Sie wollen mir vorwerfen, daß ich erst den Zeitpunkt 48 habe herankommen lassen, wo die Erbschaft zum Abfallen reif war. Sie haben Recht, Fräulein Schönaich, mir dies vorzuhalten. Ich will offen sein. Ich nahm mir Zeit, ich hegte gegen Sie jenes Vorurtheil, welches man gegen Personen zu haben pflegt, an die man, ohne sie nur zu kennen, durch Zwang, durch grillenhafte Testa- mentsbestimmungen gebunden werden soll. Da wittert man irgend eine Schattenseite und der nächste und natürlichste Zweifel ist der, ob das Glück, welches einem Geld und Gut in den Schooß wirft, in seiner Verschwendung so weit gehen sollte, auch noch Schönheit, Jugend und Liebenswürdigkeit hinzuzufügen. Auch ich zweifle an der Vollkommenheit meines Glückes. Ich will nicht leugnen, daß ich den Weg über das Meer, ja selbst noch den Gang nach diesem Hause mit dem Vorurtheil eines Verkauften angetreten habe, — aber ich bin auf's Angenehmste enttäuscht, denn ihr erster Anblick — ich gestehe es unumwunden — hat mich gründlich bekehrt!" „Dennoch muß ich mich von Ihrem Edelmuthe, mir selbst als der Tochter eines Mörders die Hand reichen zu wollen, leider beschämen lassen," entgegnete Siglinde. „Allerdings war ich bereit, die Ehe einzugehen; da mein Herz dabei nicht in Frage kam, so konnten mich natürlich nur äußere Beweggründe zu einem solchen Entschlüsse bestimmen." „Das finde ich ganz unbegreiflich," gab Herr von Harnisch zu, sehr gespannt auf das Weitere. (Fortsetzung folgt.) -IWU-»- In allerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberg er. (Schluß.) Mein Freund war eine ausnehmend weiche Seele, er stellt sich, seit ihm Muße geworben, der ausübenden, allgemeinen Wohlthätigkeit zur Verfügung. Er war ein Apostel der Humanitas, ihr Obersamaritan, ihr Sprecher, ihr Sammler, darum dieser Dolch durch sein Herz, als er sah, wie ein Cigarrenspitzchen auf so himmelschreiende Weise zu Grunde gehen sollte, dieser Meilenstiefel-Tritt über den Platz, dieser plötzliche Hebelgriff. „Aber," sagte ich zu ihm — „Nichts aber", schnitt er ab, „nichts, mein Lieber. Weiß, was Du einwenden willst, käm' auf ein Spitz- chen nicht an, da kleidet man kein Heidenkind, ja wenn jedes Blatt, jed' Gräslein, jedes Steinchen, der Tropfen, der Strahl so sagen würde, wo wären da Habanakisten, die Prärien, der Chimborazo, das Stille Meer und die glühende Sonne. Freund, der Champagner und Bock, ein ungestilltes Sehnen blieb's, wenn jede Perle und jedes Hopsenzäpfchen renitent wäre. Doch, wie kommst Du denn eigentlich in meine Hemisphäre?" fragte er dann nach einer kleinen Pause, mir gleichsam Zeit lassend, mich von seiner Strafpredigt zu erholen; „Du, dem doch an der andern Halbscheibe der Stadt der Wigwam liegt. Vielleicht, ja ich hab's, recht hast, es logirt sich schöner, billiger, gesunder auf dem Hochplateau, als unten in der Jsargrube. Du willst also Nechts-Jsarathenienserwerden?" „Wer sagt Dir denn, daß ich hier außen —" „Halt ein — nicht noch einmal das unglückseligste Wort, das Dir je über die Zunge gerumpelt. Hier außen! Irorribilo äiatu! Du hast's gesprochen. Lernst 6t vmissuin volut irrsvooabils verbum — sagt unser Horaz, den wir auf der gemeinschaftlichen Bank trakttrt haben. — Ja. Du hast's gesprochen, und unwiderruflich ist das einmal gesprochene Wort, aber ich will mildernde Umstände zubilligen — ohne Ueberlegung. Hier außen. Ha, ha, ha — als ob der große Puls der Stadt an der großen Zehe schlüge. Wohin ziehen sich die Adern und Venen Monacos? Hinauf zum Herzen, und dies ist der Hosbräuhauskeller, der Obertempel des Gambrinus. Hier ist die Aorte, das wahre Leben, Hoch und Nieder, Klein und Groß saugt in langen Zügen aus seinem Quell. Die ächte Intelligenz in Politik und Wissenschaft, in Kunst und Gewerbe, selbst in der Theologie, thront nur hier. Das lebendige Wort ist's, das bei breitem Stein alle Phasen des Denkens in gemüthlichster Form offen legt, darum diese nie endenden Karawanen, zu denen die nach der Kaaba Mekka's kaum der Schatten einer Wallfahrt sind." Wir waren bislang auf einem Fleck stehen geblieben. Mein Spezi bot sich an, mich auf meiner Wallfahrt, denn natürlich sei doch der „rothe Tempel" mein eigentliches Ziel, zu begleiten. Ich sagte zu. „Kann ich doch bei dieser Gelegenheit den Fortschritt der Bauten und etwa auch", fügte ich gleichgiltig bei, „meinen Buben wieder finden." „Deinen Buben?" „Der mir in der Neichenbachstraße durchgebrannt und per Trambahn hieher kutschirt ist." Der Spezi blieb wieder stehen und schaut mich lange an. Ich benutzte diesen Umstand, von einem mir eben entgegenkommenden Herrn Feuer zu erbitten, scheint's, über die hofbräuhausliche Preisrede hatte ich vergessen, weiter zu rauchen. Ich zündete gemächlich an und dankte höflichst, den Herrn noch fragend, wo er sein so famos riechendes Kräutlein kaufe. Es entstand da eine längere Discussion; er bezog sein Rauchzeug tausendweise, mehrere theilten sich darein, und wenn ich von der Gesellschaft sein wollte, würde er mich mit Vergnügen bedenken. Ich benamste ihm dann meine Sorte, die nicht minder hochfein wäre, und erlaubte mir, einige rauchende Ningelein unter seine behutsam prüfenden Nüstern hintänzeln zu lassen. Wir wechselten hernach unsere Karten und Cigarren und verabschiedeten uns freundlichst. „Hör' einmal", sagte nun mein Spezi, „Deine Fisch- blütigkeit ist classisch. Nun komm, ich helf' Dir Deinen Buben suchen." „Nur nichts überhudeln, man wird den Deserteur schon irgendwo aufgreifen, da ist mir nicht bange." „Aber mir." Er schlug ein rascheres Tempo an. Wohl oder übel, ich mußte mit ihm Schritt halten. „Eine Schlappe, wirklich," fuhr er fort, „wenn die Polizei ihn aufgriffe und ihn ausschellen ließe." „Ha, ha, ha, die Unkosten." „Du lachst dabei? Nein, nein, nein, das ist das Wenigste, das Meiste ist die Volksstimme, die Dich ver- urtheilt. Nichts für ungut, ich meine, Du bist halt ein bischen zu streng, wenn ich Kinder hätte, ein Wink, ein Blick, Schläge helfen nichts, nichts, und unsere Kinder sind auch keine Hunde, und die schlechteste Erzieherin ist die Peitsche. Da gibt's so Altweiber-Sprüche: Wo nicht herrscht der Ochsenziemer, Wird die Jugend immer schlimmer! Ich aber sage: Immer schlimmer, immer dümmer Macht des Vaters Ochsenziemer. 49 Ich für meinen Theil würde Eltern, die nach diesem Recept erziehen, unverweigerlich unter Staatscuratel stellen." „Gut." „Wo kommt da die Pietät, wo die Liebe zu den Eltern hin? — wo —" „Sehr gut!" „Wohin die Achtung vor den Mitmenschen? Die Humanitas ist ein schaler Begciff —" „Noch besser." „Eine tsrru iuooAnita,, eine kata ivor§auu im Mond." „Ausgezeichnet." „Ein leeres viersilbiges Wort." „Nicht zu widerstreiten: Hu ... mu .. nl.. tos." „Wenn man — darf ich's sagen? — seine eigenen Kinder so — so — so miserabel unliebenswürdig behandelt." „Zart, sehr zart — doch darf ich bitten, stehen zu bleiben, ich weiß nicht, wie Du Dir während des Sturmschritts nicht Knöchel und Lunge auskegelst. Hab' schon vom Zuhören Seitenstechen. Uebrigens muß ich Dir leider bekennen, daß Du kaum mehr aus einem alten Saulus einen jungen Paulus machen wirst." „Leider, leider —Er blieb stehen. „Und sag', hast Du schon einmal gesehen, daß ein Adler sein Junges hat fallen lassen? „Nein." „Ein Löwe sein Kleines gebeutelt?" „Nein." „Ein Tiger sein Kätzchen bei den Ohren genommen?" „Nie." „Daß ein Krokodil von ihren sechzig Eiern auch nur ein einziges verletzt hätte?" „In meinem Leben nie —" „Und Du! — Du! —" Ein heulendes Geschrei schnitt jetzt unbarmherzig den Text durch. „Das ist das Trompetcn-Solo unseres Jungen," fiel ich ein. „Ich kenne das, Instrument." Ungefähr zwanzig Schritte von uns hatte sich ein Hanfe Menschen angesammelt, aus der Mitte heraus kam das Geflenne. „Dein Junge!" — Weiteres bedurfte der Ober- samaritan nicht. In menschenfreundlichstem Laufschritt marschirte er dem Appell des Aermsten zu. Langsam trat ich nach, blieb aber wohlweislich plötzlich stehen, denn die langgestreckten Finger Karl's und die verächtlichen Blicke seiner Umgebung wiesen mir eine vorsichtige Reserve an. Ich hatte mich mit dem Gedanken getragen, Karl würde mir, sobald er meiner ansichtig, zu Tode froh entgegeuspringen, nun bemerkte ich das purste Gegentheil. Er scheute zurück. Der Menschenfreund machte sich in seine nächste Nähe, bearbeitete ihn, brachte ihn zum Stehen, garantirte, daß keine Strixen für die Flucht in Aussicht ständen, daß Alles verziehen sei, das Bübchen solle nur getrost zu mir zurückkehren. Doch 's Bübchen ist eigensinnig, um keinen Preis näherte es sich, mit meinem Freund will's gehen, nimmermehr mit mir. Es lasse sich nicht wieder bei den Ohren nehmen und die Haare «Meißen, und zu Tod schinden. Ein allgemeiner beileidsvoller Unwillens-Ausbrnch begleitete den schluchzenden Märtyrer. Nun trat ich selber in den Ring und befahl Karl, auf der Stelle mir zu folgen. Der Bube versteckte sich jedoch hinter meinem Spezi und heulte noch fürchterlicher. Das Publikum vermehrte sich und auch die Komplimente, die mein Ohr umschmeichelten. „O Väter gibt's, Rabenväter, Schindersknechte l Wenn unsereins einem ungezogenen Racker eine Dacht! gibt — da hast Du's — kommt gleich die Polizei wegen Kindermißhandlung; aber die gnädigen Herren-" „Ja Bauer, das ist 'was Anderes," mengte sich eine demokratische Stimme in's Concert, „die dürfen mit der Cigarr' im Maul ihre Kinder umbringen." „Und nachher," meinte eine ehrwürdige Matrone, „nachher können s' ihnen net g'nua lernen, und sperren s' ein und lassen s' Hunger leiden, daß d' Nippen krachen, und unter die Ersten müssen s' kommen, denen ihre Kinder", — „wenn's gleich um keinen Pfennig Hirn haben," pfefferte abermals der Demokratische darein, — „nur damit man glauben soll", fuhr eine andere, ziemlich bissig aussehende Dame weiter und fixirte mich vom Hut bis zum Stiefel, „g'scheidte Eltern, g'scheidte Kinder". Mein Spezi, dem sonst das Mundwerk unvergleichlich arbeitete, stand sprachlos. Auch er betrachtete mich, doch barmherzigeren Blickes, wie wenn's ihm auf der Zunge läge: „Hörst Du! Hörst Du! Volksmund, Gottesmund", und im Geiste schien er mir die zweiundsechzig unverletzten Krokodils-Eier noch ganz brutwarm Präsentiren zu wollen. „Es bleibt nichts anderes übrig", sagte ich endlich, meinem Freund auf die Schulter klopfend, „Du fährst mit dem Jungen per Expreßzng nach Hause." „Wie, ich?" „Zu seiner Mutter — bemerke nebenbei, daß ich nicht die Ehre habe, der Schöpfer dieses Marterkinbes zu sein." „Wie? was?" „Nur jetzt — bitte — nur jetzt keine Details —" „Aber ich kenne —" „Ich werde Dich meiner Base durch Vermittlung ihres Hausherrn, der nämlich Fernsprechstcll-Besitzer ist, telephonisch vorstellen. — Keine Einwendung — nichts, nichts, mein Lieber, Du bist das, der Verfechter der Menschlichkeit, Deinen rührenden Humanitätsprinzipien schuldig. Oder nicht, mein Obersamaritan? — Hier ist Raum für Deine Tugend." Und mein Freund konnte sich nicht selber verneinen. Er legte seine Hand in die des Bübchens und schritt mit ihm zum Bahnhof. In ziemlicher Entfernung ich ihnen nach. — Der Zug rollt herein und rollt wieder ab. Ich besorgte unterdessen die Vorstellung. Ich bin während dieser Zeit mit meinem braven Menschenfreund nicht mehr so recht in Allianz, den Spezicharakter habe ich ganz eingebüßt. Er scheint mir seine Expreßreise dick angekreidet zu haben; gleichfalls brach meine Base jeden Verkehr mit mir ab. Es thut mir leid, wer weiß, wie ihr Söhnchen mich schwarz gemalt hat. Nun, da sie auch hier noch eine eifrige Leserin Ihres Blattes ist, mag sie entnehmen, was ich ausgestanden mit meinem „allerliebsten Gesellschafter." --*- i » -« » - 50 Die Massai. Wir haben die — jetzt noch sehr zweifelhafte — Ehre, die so sehr gefürchteten Massai in Deutsch- Ost afrtka zu unsern „deutschen Brudern" zu zählen; und da dieses Volk, wie deutsche und englische Forscher berichten, ein ganz „eigenthümliches und merkwürdiges" ist, und selbst Msgr. Le Roh schreibt:*) das Volk der Massai verdiene eine eingehende Beschreibung: so wollen wir uns mit demselben auch etwas näher, als es bisher geschehen ist, befassen. Das Land der Massai hat den bedeutenden Umfang von 150,000 Quadratkilometer. Es beginnt im Norden Deutsch-Ostafrika's am 1. südlichen Breitegrad, am Ostuser des Victoria Nyanza-See's, wo die Grenze Deutsch-Ostafrika's ist, und reicht bis zum 5. Breitegrad hinab. Seine Ausdehnung von Osten nach Westen ist verschieden — etwa 15—25 deutsche Meilen (?). Die Massai sind einst vom Gebiete des obern Nil — an der Ostseite des Victoria Nyanza — herabgekommen, und gehören also zu den sogenannten „nilotischen" Völkern. Nach dem apostolischen Vicar Le Roy besteht das Massai-Volk aus zwei großen Familien: aus den eigentlichen Massai und aus den Kiwawi, welch letztere das Hochgebirg Leikipia zwischen dem Berge Kenia und dem Baringosee bewohnen und vom Nomadenleben zum seßhaften Leben übergegangen sind. Nach Karl Peters gehören die zahlreichen Bewohner des Ostabhanges vom Kilima-Ndjaro, die seßhaften W a r a m b o (mit ihren 30,000 Kriegern), auch zu den Massai, welche demnach aus drei großen Familien beständen. Die eigentlichen Massai wohnen im West- und Nordgebiete des Kilima-Ndjaro, ziehen aber weit gen Süden hinab. Sie sind in verschiedene Clane getheilt, welche ihre Abzeichen auf den Kriegsschilden haben. Jeder Clan hat seinen Namen. Die Regierung ist patriarchalisch. Sie sollen aber auch einen gemeinsamen Häuptling haben. Der gegenwärtige — Mbatian — ist ein hochbetagter Greis und steht bei dem Volke in hohen Ehren. Mbatian gilt dem Volke als ein mächtiger Zauberer, der durch seinen Stab allein seine große Viehheerde so beherrscht, daß er keiner Hirten bedarf; der Stab braucht nur vor der Heerde hergetragcn zu werden. Der „große und reiche Alte" wohnt am Nordabhang des Kilima-Ndjaro. Die Massai nennen seinen Namen hundert Mal des Tages; und bei ihrem Kriegsgesang heißt stets der „Kehrvers": „Wir bitten . Gott und Mbatian l" Mbatian wohnt an der Nordseite des Kilama-Ndjaro, den die Massai Dany Ebor, d. i. „Weiß-Berg" (Llont blano), nennen — aber auch Engadi, Engai, d. i. „Gottesberg". Die Massai sind ein Hirtenvolk und treiben weder Ackerbau noch Gewerbe und Handel. Allerdings sind sie gefürchtete Krieger, aber sie ziehen nicht aus, um Sklaven zu erbeuten, sondern Vieh. Zur Würde eines Clan- Häuptlings berechtigt weniger das Erbrecht, als Verstand, Muth, Reichthum und auch medicinische Kenntniß, sowie die Kunst das Wetter zu prophezeien. Dieses Hirteu- *) In: »Lu Xtllvm-dkcharo. ttkrtgns orientals.« Msgr. Le Roy war eine Reihe von Jahren Missionär im apostolischen Vicariat zu Sansibar, und ist nun apostolischer Vicar von Gabun in Westasrika. leben ist nicht, wie Manche glauben, ein Faulenzerleben, da gibt es viele und schwere Arbeiten und harte Tage. Nur die ältern Männer sind weniger geplagt. Sie haben hauptsächlich für das Auffinden neuer Weideplätze zu sorgen. Ihrer Abstammung nach sollen die Massai, wie auch ihre Körpergestalt und ihre Sprache andeuten, verwandt sein mit einigen Völkern am obern Nil, etwa mit den Latika und Bari. Da sie aber seit Jahrhunderten schon ein für sich abgeschlossenes Volksleben geführt, so sind sie zu einem eigenartigen Volke geworden. Ihre Hautfarbe ist schokoladebraun. Obgleich als Kinder „triefäugig und schmutzig," entwickeln sie sich zu einem schönen Menschenschlag, der von dem Neger- typus nichts an sich hat. Msgr. Le Roy schildert sie mit den Warten: „Die jungen Männer von 17 bis 30 Jahren sind das wahre Bild eines wilden Kriegers. Sie haben (messen) meist 6 Fuß — und manche mehr; ihre Glieder sind von einem vorzüglichen Ebenmaß; ihre Muskeln wie von Stahl; ihre Haltung ebenso kühn als edel. Dazu haben sie eine prächtige, fließende Sprache und ein Geberdenspiel, um das sie mancher Redner beneiden könnte. Ihre Haare sind lang und geordnet. Der Kopf ist bei manchen rund, bei manchen oval; die Nase gerade und gut entwickelt (!), die Lippen sind oft schmal; die Züge von jenen der Negerrasse ganz verschieden; die Kinnbacken aber treten vor und die Augen stehen etwas schief, wie bei den Mongolen." — Ihre Kleidung verfertigen sie aus Ochsenhäuten, welche derart gegerbt sind, daß sie so biegsam sind wie grobes Tuch. Sie schmücken sich mit Glasperlen und in überladener Weise mit Draht-, Eisen- und Metallringen. Große Metallringe umgeben wie ein Schilddach den Hals, und die ungeheuer breit durchlöcherten Ohren sind mit erstaunlich schweren Gehängen belastet. Der Metallschmuck eines Massai hat, ohne Gewand und Perlen, ein Gewicht von mindestens 12 Kilogramm; das gilt besonders von den Frauen, die sehr anständig bedeckt sind. Eine Besonderheit der Massai ist auch, daß sie nicht nackren Fußes gehen, wie die Neger, sondern Sandalen tragen. Zur Massai-Toilctte gehört besonders noch rother Ocker, eine weiße Farbe, Butter und Fett. Den Bart lieben die Massai nicht; denn sie rasiren sich, oder rupfen die Haare aus. — Ihr Hausgerüth besteht aus verschiedenen Schüsseln, Schalen und Töpfen. Auch verfertigen sie Säcke, Schläuche, Zeltdecken und hübsche Zaumzeuge. Ihre Nahrung ist sehr kräftig, denn es fehlt ihnen nicht an Milch, Butter und Fleisch. (Von Sitten und Gebräuchen.) Der Massai ist stolz. Kein Mann trägt je Etwas; selbst die Kuhhaut, die er fortzubringen hat, schleift er. Denn das Tragen ist eines Mannes unwürdig; das gehört dem Esel. Darum verachtet er auch die Träger der Karawanen und beehrt sie mit dem Namen Esel. — Die Geburt eines Kindes wird nicht festlich begangen; ein Knabe ist beliebter als ein Mädchen; denn ein Knabe kann einst Kühe rauben; ein Mädchen sie nur melken. Kinderword scheint bei ihnen nicht gebräuchlich, nur bei krüppelhaften Kindern mag er vorkommen. Zarte Pflege wird den Kleinen nicht zugewendet. Der Säugling wird alsbald in einen Sack gesteckt, den diL Mutter aus dem Rücken trägt. Sobald das Kind gehen, oder gar erst kriechen kann, wird es so viel als sich selbst überlassen. Gebadet oder gewaschen wird es nie, nur gut gefüttert. Später 51 macht sich der Knabe Bogen und Pfeil und wird Htrrsn- bube. Nun beginnt zunächst seine kriegerische Selbstbildung, nach den Mustern, die er bei den Erwachsenen gesehen. Hat der Knabe das 15. oder 16. Lebensjahr erreicht, so wird er der Beschneidung unterworfen. Dieser Act soll aber einen religiösen Charakter nicht haben. Dies erscheint uns zweifelhaft, wenn dabei auch keine religiösen Ceremonien vorkommen. Es ist immerhin ein noch abrahamitischer religiöser Ausfluß; vielleicht den heutigen Massai unbekannt (?). Wenn dieser Act keine religiöse Bedeutung hat, so bezeichnet er einen socialen Wendc- punkt im Lebensgang des jungen Massai: wir meinen die Einleitung in's mannhafte Alter der Krieger, das mit dem 17. Lebensjahre beginnt; dabei konnte die Beschneidung doch auch einen religiösen Charakter haben und eine Art Weihe für die neue Lebeusperiode bedeuten. Nach der Beschneidung wird der Jüngling von seinem Vater mit Schild und Lanze ausgerüstet. Die Schilde tragen in rother, schwarzer und weißer Farbe die Abzeichen der Clane; die Lanze, prachtvoll, massiv aus Eisen, blinkt wie Silber. Dazu gehören noch die Kriegs- keule und das lange Kricgsmesser. Nun wird der angehende Krieger Mitglied des Kraal, der eigens für die jungen Mannsleute bestimmt ist, die hier bis zu ihrer Verheirathung gemeinsam leben und einer strengen Ordnung unterworfen sind. Ihre Kost besteht aus Milch, Fleisch und Blut; Pflanzenkost dürfen sie durchaus nicht genießen, auch keine berauschenden Getränke, und dürfen keinen Gebrauch vom Tabak machen. Hier ist die militärische Schule mit ihren technischen und taktischen Lehren, und praktischen Uebungen, wobei die wie fliegenden Eilmärsche, schlauen Scheinangriffe und wilden Erstürmungen eine große Rolle spielen; natürlich fehlen auch die Kricgsgesäuge und KriegStänze nicht. Was das BInitrinkcn anbelangt, so wird das warme Blut unmittelbar aus den Adern eines Ochsen genommen. DaS ist ihr LiebliugStrank (I). Medicinisch interessant dürfte es sein, daß dieser Lebensabschnitt mit einer MilchlH^beginnt; die jungen Leute leben nämlich von nichts, als von Milch, so lange sie es aushalten können. — Die jungen Krieger wühlen sich einen General und einen Redner. Ist ein Beutezug beschlossen, so gehen ihm voraus Tänze, Fest- schmaus und Gebete. Die Krieger sind derart ausgerüstet und fürchterlich hergerichtet, daß oft ein einziger genügt, die feindlichen Neger in die Flucht zu treiben. Es ist nur gut, daß die Massai keine Feuerwaffen besitzen und vor denselben eine höllische Furcht haben. Wenn sie einmal geworfen sind, so ist es ein Spaß, sie laufen zu sehen: Schild, Lanze, Keule, Kopfputz und Mantel (er ist weiß) werfen sie dann von sich und behalten überhaupt nichts mehr an sich, als die Sandalen. Was den Viehraub betrifft, so meinen sie wirklich, sie seien damit im Recht. Sie sagen nämlich: Gott habe ihren Vatern alles Vieh zur Hut übergeben, und da die Heerde endlich zu groß geworden, hätten sie einige Stücke den Nachbarstämmen überlassen; und so seien es nur die Nachkommen dieser geliehenen Kühe, von denen sie, die Massai, wieder an sich zu bringen suchten. Von den „Nachbarstämmen" aber haben sie einen ungeheuern geographischen Begriff. Was den sittlichen Zustand der Massai betrifft, so haben die jungen Männer vor der Heirath — gewöhnlich von 17—30 Jahren inclusive — eine solche sittliche Freiheit, daß man sie geradezu unsittlich nennen kann. Wenn der Krieger sich ausgetobt hat, wird er bedächtig und heirathet. Nach der Anzahl seiner Kühe nimmt er ein, zwei oder drei Weiber. Nun ist ihm erlaubt, auch Pflanzenkost zu genießen und Tabak zu rauchen und zu kauen. Die alten Männer schnupfen und haben ganz sonderbar geformte Dosen, welche sie an einer Halsschnur tragen. Die verheiratheten Männer werden friedfertig, wissen mit Anstand sich zu benehmen, zählen zu den Rathshcrrcn — und lassen das Honigbier sich gut schmecken. Was nun die Religion der Massai betrifft, so glauben sie an einen persönlichen Gott, den sie Ngai heißen; eigentlich Gar, das N ist Präfix und bedeutet „ein" — der (Gott). Sie kennen die Begriffe: gut und bös, glauben an die Hilfe Gottes, an die Kraft des Gebetes und des Opfers, und an das Fortbestehen der Seele nach dem Tode; auch glauben sie an die Nothwendigkeit der Sühne. Wenn Jemand gestorben ist, darf man seinen Namen nicht mehr nennen, damit der Geist nicht zurückkehrt und als Gespenst einhergeht. Ihre Glaubenslehren sind wenig entwickelt. Ihre Gebete und Opfer gelten wohl nur der Bitte, nicht dem Danke, und sind zumeist auf materielle Dinge gerichtet und auf Abwendung von Ungemach und Unglück. Sie haben eine Art Priester, denen sie außerordentliche Kräfte zuschreiben, und die sie sehr hochachten. Begreiflich sind sie, wie dergleichen Völker, auch sehr abergläubisch. So darf z. B. die Kuh nur zur Nachtzeit gemolken und die Milch durchaus nicht gesotten werden. Fetischhütten haben sie nicht, wohl auch keine Götzenbilder, auch keine Amulette, und an einen Teufel scheinen sie auch nicht zu glauben. Ueber ihren moralischen Zustand läßt sich nicht viel sagen. Sie lieben die Kinder und beten besonders um eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Jugend begegnet den Alten mit großer Ehrfurcht (und bet uns Christen?!). Au Streitigkeiten fehlt es begreiflich bei ihnen auch nicht. Wenn aber dabei ein Todesfall eintritt, so wird er als ein Unfall aufgefaßt und hat die That keine Strafe zur Folge; der Meuchelmord dagegen wird sehr streng bestraft. Die verstorbenen Kinder werden im Lager oder im Zelte begraben. Ein altmystischer, wenig bekannter Gebrauch ist es, daß die Massai beim Tode eines Erwachsenen eine Reinigung des Kraals durch das Eingeweide eines zu opfernden Ochsen vornehmen. Die Leiche wird unter einem Baume (ebenfalls mystisch) in sitzender Lage in eine seichte Grube gesenkt und mit Steinen und Kräutern bedeckt. Neben den Todten wird eine Schale Milch gestellt, und dann — „überläßt man alles Uebrige den Hyänen in der folgenden Nacht(!)". Was die Bekehrungsfrage dieses merkwürdigen Völkchens betrifft, so meint Msgr. Le Roy: „Es ist ein wahres Glück, daß dieses wilde Kriegervolk nicht den Islam angenommen hat; denn wenn sich dessen Fanatismus noch in seine Adern ergösse, so würden sie unbändig sein. Und so sei doch die Hoffnung nicht ganz ausgeschlossen, daß sie dereinst die besänftigende Lehre Christi annehmen. ll. 0. -- 52 Allerlei. Zur Hygiene des Cigarrenrauchens. Wie der B. Landesbote erfährt, haben auf Anregung der Fabrikinspektion die badischen Verwaltungsbehörden die Cigarrenfabriken veranlaßt, in die Fabrikordnnng eine Bestimmung aufzunehmen, welche dem Arbeiter das Benutzen des Mundspeichels beim Abschließen der Spitze der Cigarre untersagt. Der größte Theil der Raucher erfährt bei dieser Gelegenheit vermuthlich zum ersten Male, daß es bei der Herstellung des Glimmstengels, den er so behaglich zwischen den Lippen hält, nicht ganz appetitlich zugegangen sein könne. Um der Cigarre die haltbare Form zu geben und insbesondere das Aufblättern des Deckblattes zu verhindern, wird dieses beim Abschluß mit Kleister fixirt. Dabei haben viele Arbeiter die Gewohnheit, mit Speichel nachzuhelfen, auch die überflüssigen Tabaktheilchen abzubeißen und die Spitze des zu bedeckenden „Wickels", welche durch das Trocknen in einer Form hart geworden, zur leichteren Bearbeitung im Munde aufzuweichen. Den größten Nachtheil dieser Arbeitsmethode hat der Arbeiter selbst. Durch das beständige Belecken der Tabakblätter und des Kleisters ist er der Gefahr chronischer Nikotinvergiftung in hohem Grade ausgesetzt; Verdauung?- und Cirkulationsstörungen kommen auch gerade bei Cigarrenarbeitern, bei sonst günstigen hygienischen Verhältnissen der Fabrikräume, sehr häufig vor. Für den Raucher ist die geschilderte Methode, auch abgesehen von der Möglichkeit einer Uebertragnng von Jnfektions- keimen durch die Cigarre, jedenfalls nicht appetitlich, und wenn auch das Köpfchen der Cigarre vor dem Rauchen abgeschnitten wird, so bleibt doch noch Kleister genug übrig, der von der Schnittfläche sich unmittelbar dem Munde mittheilt. Die erwähnte Verordnung der badischen Bezirksämter ist aus diesen Gründen gewiß freudig zu begrüßen; ob sie aber den beabsichtigten Erfolg in größerer Ausdehnung erreichen wird, erscheint sehr zweifelhaft. Die gerügte Methode ist der Bequemlichkeit und dem Bedürfniß nach rascher Arbeit entsprungen; der Lohn des Cigarrenmachers berechnet sich nach der gelieferten Stückzahl, und das Aufgeben der alten Methode würde eine Kürzung seines Lohnes bedeuten. Viel einfacher und sicherer wäre es, wenn man bei Herstellung der Cigarre von der Anwendung eines Klebemittels ganz absehen könnte, wenn die Fabrikation sich entschließen könnte, zu einer andern als der jetzt üblichen Form des Abschlusses überzugehen, welche den Kleister überhaupt überflüssig macht. Ein derartiger Versuch ist von einer Heidelberger Fabrik gemacht worden und hat auch den Beifall des badischen Fabrik- Jnspectors gefunden; in dieser Fabrik wird das überschüssige Deckblatt nicht ganz abgeschnitten, sondern umgelegt und mit einem feinen Gummiring an der Cigarre festgehalten. Dadurch ist dem Arbeiter jeder Anlaß genommen, mit dem Munde zu arbeiten, dagegen ist die Zeitersparniß nicht gering, so daß die Mehrkosten für Verwendung der Gummiringe nahezu vollständig ausgewogen werden. Die Cigarre ist appetitlich, sie bleibt fest und reinlich beim Rauchen, ihr Geschmack wird durch nichts beeinträchtigt. Dem Arbeiter ist nicht nur seine Arbeit erleichtert, er ist auch der Gefahr der Nikotinvergiftung entrückt. * Ein Arbeiter- oder vielmehr Gesellentag besonderer Art wird dieses Jahr in Nantes sich versammeln. ES ist der mittelalterliche Gesellenbund (sowx3All0llll3§s), der den seit 1886 zwischen seinen drei Zweigen geschlossenen Frieden besiegeln und die Erneuerung der alten Einrichtung vervollständigen soll. Die 6owx3.§llonna.§s ist eine Fortsetzung der mittelalterlichen Bruderschaften der Handwerker, besonders der viel reisenden Bauhnndwerker, und hat sich dann auf andere Gewerbe verpflanzt. Es gilt hauptsächlich, dem wandernden Gesellen überall Schutz und Arbeit, ein Heim (die Herberge) zu sichern. Der Gesellenbund hat einen gewissen religiösen Charakter beibehalten, die Mitglieder müssen nach Sainte-Baume (bei Marseille) wallfahrten und dort Stab mrd Bänder weihen lassen. Die Trennung in drei Zweige wurde durch verschiedene Ursachen herbeigeführt, dann aber mit Fabeln umgeben. Die Trennung sollte beim Bau des Tempels Salomonis stattgefunden haben, indem zwei Arbeiter, die Meister Jacques und Soubise, eigene Verbünde stifteten; die Kinder des Meisters Jacques klagten Soubise an, ihren Vater ermordet zu haben. Daher Streit und Kampf jedesmal, wenn Mitglieder der Verbände zusammentrafen. Der Hauptstamm sah Salomon und Hierum als Stifter an. Seit Jahrzehnten haben reichgewordene Compagnons für Aussöhnung und Erneuerung des Bundes gearbeitet und geschrieben. (George Sand erhielt von einem seiner Mitglieder, Agricol Perdiguier, die Aufschlüsse für ihren „OowxaAllon äu tour äs dralles".) Seit 1886 fanden Versammlungen statt und wurden die Kämpfe eingestellt, die Verbände der einzelnen Städte gründeten Anstalten zur fachlichen Ausbildung der Mitglieder u. s. w. Der Gesellenbund zeichnet sich durch festes, unverbrüchliches Zusammenhalten seiner Mitglieder aus, die durchweg zuverlässige Männer und geschickte Arbeiter sind. Ein früherer Kompagnon, der als reicher Brodherr in Orlsans starb, sicherte dem Bund ein Vermächtniß von zwei Millionen. Auch andere Schenkungen fehlen nicht. Es darf hervorgehoben werden, daß die vorschriftsmäßige Reise durch Frankreich (lour äs Kranes) Elsaß, Lothringen und Flandern ausschließt, daß also diese nicht als zu Frankreich gehörig angesehen werden. Dort hav,.^r.Bund nie Herbergen und Verbände gehabt. * Guter Rath. Doctor: „Es ist zum Verrücktwerden, nicht einen Hasen hab' ich bis jetzt umbringen können." — Förster: „Verschreiben Sie den Hasen 'was, Herr Doctor!" -^SSWS-- Räthsel. 1 19 7 17 2 19 16 7 eine freie Reichsstadt des Mittelalters, 19 13 7 1 t6 13 ein Königreich, 7 16 19 5 13 1 19 eine Stadt in Schlesien, 17 5 10 14 13 4 5 11 9 5 19 18 5 13 1 13 18 ein Offizier, 2 16 9 13 4 9 17 9 eine Stadt in Italien, 19 16 19 13 4 5 ein Aktenstück, 16 5 17 9 4 5 13 22 von Regenten bewohnt, 17 14 5 18 22 5 13 4 9 5 13 17 18 ein heidnischer Kultus, 5 17 10 9 12 14 ein Bewohner des Nordens, 16 5 1 11 15 ein Torf am Fuße des St. Gotthard. Die Anfangsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, nennen die älteste katholische Zeitung Deutschlands. Auslösung des Telegramm-Räthsels in Nr. 6: Lass' sie kritteln, lass' sie lachen Schließ' voll Gleichmuts» deine Ohken; Wer es allen recht will machen, Geht zuletzt sich selbst verloren! --AMZS-- 9. 1894 . „Augsburger Postzeitung". Dienstag, den 30. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas volle Thatsache, daß die Tante auf ihrem Krankenlager sie ihrer Stimme beraubte: mit ihrem Rücktritt von der Bühne war der Stern erblichen, der bisher über dem Lpernunternehmen ihres Gemahls geleuchtet hatte, der schwache Besuch der Vorstellungen trug nicht mehr die Kosten ein und in kurzer Zeit war Jmhoff ein ruinirter Mann. Er versuchte sein Glück nun wieder als Schauspieler, aber wie er früher in diesem seinem ursprünglichen Berufe niemals Erfolg gehabt hatte, so sah er sich auch jetzt wieder in die ganze Misere zurückgeschleu- dert, welche an den kleinen Wanderbühnen Nordamerikas noch viel jämmerlicher ist, als hier in Deutschland. Seine Lage wurde immer tröst- und hoffnungsloser. An ihren Vater wollte sich Frau Jmhoff nicht wenden, lieber entschloß sie sich zu dem verzweifelten Schritte, ihre Tante um Hilfe anzugehen. Ihre Ehe verheimlichend, schrieb sie u»ter ihrem Mädchennamen, den sie auch als Sängerin beibehalten hatte, an Frau Rollenstein einen zerknirschten Brief, worin sie ihre Reue über ihr vergangenes Leben ausdrückte und sich zu jeder Buße bereit erklärte. Die Tante war nicht unerbittlich, sie stellte ihrer Nichte die Bedingung, Methodist!» zu werden, und lud sie ein, zu ihr zu kommen, damit sie sich von ihrer Buße und Besserung selbst überzeuge. Die Nichte sollte, wenn sie diese Probe bestand, bei der Tante eine Heimstätte finden und auch in deren Testamente bedacht werden. Dem Briefe Frau Rollenstcin's lag eine namhafte Geldunterstützug bei, von welcher zugleich die Reise nach Europa bestritten werden konnte ..." Das war ohne Zweifel der Besuch, dachte Volkmar, den die alte Dame erwartete und für welchen sie, wie die Frau Ritter hatte sagen hören, ein Zimmer in Bereitschaft setzte. Auch in diesem Punkte herrschte also, wie schon hinsichtlich der beiden Depeschen, volle Uebereinstimmung zwischen Harnisch's Mittheilungen und dem, was die Gärtncrsfrau sich hatte entschlüpfen lassen. Siglindens Betrachtungen waren anderer Art: sie erwog die Frage, ob dem überraschenden Zuvorkommen, welches die sonst so harte Tante gegen Erika bezeigte, nur das Bedürfniß zu Grunde lag, für den Abend ihres Lebens eine Pflegerin um sich zu haben, die in einem sklavischen Abhängigkeitsverhältnisse zu ihr stand, oder ob sie sich mehr von dem rachsüchtigen Wunsche leiten ließ, ihrem tiefgehaßten Schwager, dessen Unversöhnlich- keit gegen die verstoßene Tochter sie kannte, durch die Aufnahme derselben ein Aergerniß zu bereiten. Vielleicht traf Beides zu. Während dieser Gedankengänge seiner beiden Zuhörer fuhr Harnisch ununterbrochen fort: „Frau Jmhoff schwankte, was sie thun solle. Nahm sie das Anerbieten an, so war nur ihr geholfen, nicht aber ihrem Gatten, von welchem sie sich trennen mußte. Die Aussicht auf ein Erbtheil war wohl für Beide verlockend, lag aber in ungewisser Ferne. Dieser Unentschlossenheit wurde jedoch ein Ende gemacht, als bald nach jenem Briefe das Telegramm anlangte, worin die plötzlich erkrankte Tante mittheilte, sie fühle ihr Ende nahe, und Erika aufforderte, sofort abzureisen. Jetzt gab es kein Zaudern mehr, auch war keine Zeit zu verlieren. Die Möglichkeit, von der Tante etwas zu erben, war in unmittelbare Nähe gerückt; mit dem nächsten Dampfer reiste Frau Jmhoff ab, und ihr Gemahl begleitete sie, vielleicht aus Mißtrauen, daß die designirte Erbin, einmal durch das Weltmeer von ihm getrennt, nicht wieder zu ihm zurückkehren möchte. Das war der Anlaß zu der Reise, während welcher ich Ihre Frau Schwester kennen lernte. Ganz zufällig traf ich mit ihr und ihrem Gemahl, nachdem wir uns in London getrennt hatten, auch auf dem „)1orninA-8ta,r" wieder zusammen, ver uns nach Calais bringen sollte." Diese Worte waren mit einem unheilverkündenden Ernst gesprochen. Wie von einer inneren Bewegung ergriffen, erhob sich Harnisch von seinem Stuhle und machte, die Arme über der Brust verschränkt und das Antlitz zur Erde gebeugt, einige Gänge durch das Zimmer. Kaum hatte Siglinde vernommen, daß ihre Schwester sich auf dem unglücklichen Dampfer befunden habe, den eine so schreckliche Katastrophe ereilte, als sich ihrer eine namenlose Angst bemächtigte. Ehe sie den Muth fand, sich über Erika's Schicksal durch eine entschlossene Frage Gewißheit zu verschaffen, suchte sie sich in die Erinnerung zu rufen, ob die Rettungsliste auch den Namen Jmhoff enthalten habe; aber vergebens strengte sie ihr Gedächtniß an. Der Name war ihr fremd gewesen und würde sich ihr, selbst wenn sie ihn gelesen hätte, ebensowenig eingeprägt haben, wie irgend ein anderer. Sie vermochte diese entsetzliche Ungewißheit nicht länger zu ertragen. „Herr von Harnisch!" sagte Siglinde mit bebender Stimme, indem sie aufstand und sich mit der Rechten auf die Lehne des Fauteuils stützte, „was ist aus meiner Schwester geworden? Schonen Sie mich nicht, sondern sagen Sie mir die Wahrheit! Oh, ich ahne das Schlimmste! Ich lese es in Ihrer Miene, — ich hatte schon vorhin den Eindruck, als trügen Sie sich mit einer für mich niederschmetternden Mittheilung. Reden Siel Bitte, reden Sie!" Doktor Volkmar, dem ebenfalls nichts Gutes ahnte, wollte auf Siglinde zueilen, um ihr Worte der Beruhigung und der Theilnahme zu sagen, aber er trat verstimmt wieder zurück, denn Harnisch kam ihm zuvor, indem er, sich schon als Siglindens natürlicher Beschützer und Tröster fühlend, ihre Hand ergriff. „Mein liebes Fräulein," sagte er in bittend beschwichtigendem Tone, „leider muß ich Sie auf eine Trauerkunde vorbereiten." Ein schmerzliches Stöhnen entwand sich Siglindens Brust. „Warum sagten Sie es mir nicht schon vorgestern?" „Ich fühlte nicht den Muth dazu, auch widerstrebte es meinem Gefühle, mich bei Ihnen als Hiobsbote einzuführen." „Meine arme Schwester ist ertrunken, — nicht wahr?" frug Siglinde zögernd und mit dem Weinen kämpfend. „Leider ist es so, wie Sie fürchten." „Wissen Sie es ganz sicher?" drang Siglinde in ihn, sich an einen Strohhalm von Hoffnung klammernd. „Könnte sie nicht gerettet sein, vielleicht noch mit Andern, die man ebenfalls ertrunken glaubt? O, bitte, erzählen Sie mir, wie das Schreckliche sich zutrug. Wohl las ich den Hergang in der Zeitung, aber ohne die Aufmerksamkeit, die ich dem traurigen Ereignisse geschenkt haben würde, wenn ich gewußt hätte, wie nahe mein Herz daran betheiligt war." „Die Katastrophe vollzog sich mit erschreckender Schnelligkeit," berichtete der Amerikaner in tiefem, gedämpftem Tone. „Es herrschte ein fast undurchdringlicher Nebel. Da ertönte ein gewaltiges Krachen. Unser Schiff war von dem französischen Dampfer „Sirene" gerade in der Mitte getroffen. Fünf Minuten nach dem Zusammenstoße sank es und zwar so rasch, daß die drei Boote der „Sirene" von den 160 Passagieren des „LlorninA-star"' nicht den vierten Theil zu retten vermochten. Zwar hatte unser Schiff auch drei Boote herabgelassen, aber ehe diese noch bestiegen werden konnten, kenterte das eine derselben, während die beiden andern so schnell abtrieben, daß sie von Niemand erreicht werden konnten. Was nicht von der „Sirene" aufgenommen wurde, ist ertrunken, darüber herrscht leider nicht der mindeste Zweifel, denn stundenlang noch wurde die Wasserfläche ringsumher abgesucht, jedoch ohne Erfolg. Wir waren im Ganzen 31 Gerettete und wurden nach Calais gebracht. Aber Ihre Frau Schwester, nach welcher zu forschen mein Erstes war, befand sich nicht darunter." MGUK Auf dem Naubzuge MU UM ZWM WN In stillen Thränen ergoß sich Siglindens Schmerz. > Hatte die Ungleichartigkeit des Alters und der 1 Charakteranlagen auch stets eine Scheidewand zwischen ; den beiden Schwestern gebildet, war Siglinde auch noch ein Kind gewesen, als Erika das elterliche Haus verließ, so hatte sie doch nie aufgehört, die Entfernte, Verschollene als ihre Schwester zu lieben und ihrer wehmüthig zu gedenken. Die nie erloschene Hoffnung, sie dennoch einst als Wiedergefundene in ihre Arme zu schließen, war mit der Kunde von ihrem Tode für immer dahin; das unnatürliche Ende, das Erika gesunden, die harten Schicksalsprüfungen, welche ihre letzten Lebensjahre verdüstert hatten, drückten den Stachel des Schmerzes nur um so tiefer in Siglindens Herz. Sie ließ sich von Harnisch, der ihr die letzte Kunde von der Verstorbenen gebracht, während der letzten Stunden ihres Lebens mit ihr verkehrt hatte, genau beschreiben, wie Erika ausgesehen, wie ihre Stimme geklungen, welche Kleidung sie getragen hatte, um sich das Bild fest einzuprägen und es wie eine heilige Reliquie in ihrer Erinnerung zu bewahren. ! Ein langes tiefes Schweigen war eingetreten. Weder Volkmar noch Harnisch hätten gewagt, dasselbe zu unterbrechen. Als Siglinde ihre Fassung wiederfand, ward sie sich erst bewußt, daß während der ganzen Zeit Harnisch ihre Hand in der seinigen gehalten hatte. Sie erkannte sehr wohl, daß dieser sich ein Recht herausgenommen hatte, welches Volkmar zwang, bei Seite zu stehen und Trost und Zuspruch dem scheinbar Bevorzugten zu überlassen. Sie erschrak, und einen Blick auf den Anwalt werfend, entzog sie dem Amerikaner rasch die Hand. ^ (Fortsetzung folgt.) Der berühmte Z . . . Es war im Jahre 1875, als ich mich mit meinem Roman „Unglückliche Liebe" um einen Preis der Akademie bewarb. Aber was nützt es, lieber Leser, Dir diesen Titel zu nennen. Er ist Dir ohne Zweifel unbekannt, denn die große Mehrzahl der Exemplare desselben ruht ungestört auf den Regalen der Buchhandlung, und das Werk hat auch nicht den geringsten Preis gewonnen. „Sie sind gar zu moralisch", sagte mir der Verleger, der das Buch übrigens auf meine Kosten hatte drucken lassen. Ironie des Schicksals! Der Areopag der Vierzig verwarf mein Buch, weil einige Szenen darin zu „gewagt" seien. Wer soll daraus klug werden! Und dieser doppelte Mißerfolg hatte nicht einmal die gute Wirkung, mich von weiteren Produktionen abzuschrecken, obgleich ich es meiner „Unglücklichen Liebe" verdanke, mich einmal in meinem Leben lächerlich gemacht zu haben. Ich will hoffen, daß es das einzige Mal war. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Ich war jung, denn ich zählte nicht viel mehr als zwanzig Jahre, und unerfahren, denn nachdem ich die Naivetät gehabt, einen Roman auf meine Kosten drucken zu lassen, hinterlegte ich drei Exemplare desselben bei dem Sekretär der Akademie, ohne irgend welche Schritte zu seiner Empfehlung zu thun, nur im Vertrauen auf seinen inneren Werth. Eine alte Tante, der ich meine ehrgeizigen Pläne mittheilte, sagte mir: „Mein lieber Neffe, ich kenne einen Akademiker, den berühmten Z . . . Schicke ihm einen Band Deines Romans mit einer Widmung. Ich werde mit ihm von Dir sprechen,' denn ich treffe > ihn wenigstens einmal in der Woche in der Welt, in 1 der man dintrt." Am folgenden Morgen befand sich mein Band in den Händen des berühmten Z . . . Jetzt ist er todt, aber wie man sehen wird, ist er nicht an der Lektüre meines Romans gestorben. Der 'Sommer verging, und ich reiste nach Burgund ab. Ich sehnte mich nach Landluft, nach den Meinigen und nach „Ersparnissen." Das Druckenlassen meines Werkes hatte meine Kasse erschöpft In unsern Zeiten sind es nicht mehr die Schriftsteller, welche die Verleger ruiniren. Oh, dieser „Selbstverlag"! Diese Erfindung ist fataler für den Geldbeutel, als die Roulette. Im Coupö der Eisenbahn ward mir eine der süßesten Freuden zu Theil, die mir die Literatur bescheert hat. Leider war sie nur von kurzer Dauer, aber was thut's. Bis auf diesen Tag kann ich nicht ohne Bewegung an diese unschuldige und — flüchtige Jugenderinnerung denken. , Wir waren drei im Coups: erstens ich; dann ein Mann von etwa sechzig Jahren, klein von Wuchs, roth von Angesicht, kahlköpfig und — sonderbar in seinem Alter — nickt dekorirt. Er mochte Verstand besitzen, jedenfalls verbarg er ihn unter einem schwerfälligen Aeußern. Seine Kleidung verrieth wenig Rücksicht auf die Forderungen der Mode. Die junge Dame, welche ihn begleitete, ohne Zweifel seine Tochter, schien mir eine vornehme Persönlichkeit, denn sie trug jeidene Strümpfe. Ich habe seitdem, auf meine Kosten, gelernt, daß man auf seidene Strümpfe kein Gewicht legen darf; aber diese Geschichte trug sich zu vor zwölf Jahren, und ich war damals jung. Uebrigens, wenn die Unbekannte Holzschuhe angehabt, nur ein Auge und einen Buckel gehabt hätte, es wäre mir in dem Augenblicke gleichgiltig gewesen. Denn nicht auf ihr weilten meine freudestrahlenden Blicke, sondern auf dem Buche, das sie las; ein Buch in einem lachsfarbenen Umschlage, den ich auf einen Kilometer Entfernung erkannt Hütte. Gerechter Himmel! Es war mein Buch! Jedermann kann die Druckerpresse ins Stöhnest bringen. Wer macht sich heutzutage nicht das vorzügliche Vergnügen, seinen Namen in einem Ladenfenster zwischen Octave Feuillet und Balzac prangen zu sehen? Aber sich lesen sehen! Welche Wonne! Kleopatra selbst hat trotz aller Raffinirtheit im Genießen die Art des Genusses nicht entdeckt, und ich bedaure sie deshalb, denn ich habe diese Seligkeit einmal in meinem Leben genossen; ja, leider nur einmal! „Also du", dachte ich, „du liebes, gesegnetes Wesen, du hast mein Buch gekauft! Es sind meine Gedanken, die du denkst, meine Empfindungen, die du empfindest, meine Worte, die deine rosigen, hübschen Lippen in leise Bewegung setzen." Aber ach, was mußte ich erblicken? Diese rosigen Lippen öffneten sich allerdings, aber — um zu gähnen! Gewiß ist sie, der Abreise wegen, sehr früh aufgestanden, suchte ich mir einzureden. Ihre Augen schlössen sich, das zarte Kinn sank auf ihre Brust, die fein behandschuhten Hände ließen mein Buch los, und es sank — auf den Teppich. Nun, es ist doch keine Schande, einem hübschen Mäochen zu Füßen zu fallen, besonders zu solchen Füßchen in seidenen Strümpfen. Sie regte sich nicht. Ihr Schlaf war gesund, prima 59 Sorte, ausdauernd. Vielleicht war das eine Familien- eigenthümlichkeit, denn der Vater schlief schon lange, ganz ohne die „Unglückliche Liebe" gelesen zu haben. Dieser Gedanke war sehr beruhigend. Ach, meine Freude war von kurzer Dauer gewesen! Sie hatte das Buch nicht gekauft, denn auf der ersten Seite fand ich diese Zeilen von meiner eigenen Hand geschrieben: „Dem Herrn Z . . ., Mitglied der Akademie von Frankreich. „Erlauben Sie, hochverehrter Meister, einem Unbekannten, Ihnen seine Huldigung durch die Zusendung dieses bescheidenen Buches darzubringen, als Zeichen seiner ehrerbietigen Bewunderung Ihres hohen Talents." Aber wie! Welche Freude! Dieser apoplektische, nachlässig gekleidete Schläfer war der berühmte Z . . .! Er hatte mein Werk seiner Beachtung gewürdigt, da er es auf die Reise mitgenommen hatte. Er hatte seinem Kinde erlaubt, vielleicht gar gerathen, es zu lesen. Nun brauchte ich nur dieses glückliche Zusammentreffen auszunutzen. Noch sechs Stunden lang würde ich die Gesellschaft des berühmten Mannes genießen. Das war mehr als genug, um mir seine Gunst zu sichern, welche, nach der Ansicht meiner Tante, die der 39 Andern nach sich ziehen würde. Und es war mir ja auch nicht verboten, vermittelst seiner Tochter auf ihn einzuwirken. Das hieß, auf einem Umwege an sein Ziel gelangen, aber auf welch einem niedlichen Umwege. Man denke sich eine reizende, recht muthwillig aussehende Brünette, mit blitzenden Augen und kirsch- rothen Lippen und einem Wüchse, der jeden Maler begeistern würde. Aber in diesem Augenblicke galt es nicht, sich zu verlieben, sondern an mein Buch zu denken. Das Uebrige würde sich später dann schon finden. Armes Buch! Bis jetzt war es noch nicht einmal aufgeschnitten, und wenn es so weiter ging, hatte es wenig Aussicht, aufgeschnitten zu werden. Da ich nichts Besseres zu thun hatte, zog ich mein Messer aus der Tasche und machte mich an die Arbeit. Das Knistern des Papiers weckte meine Nachbarin auf, die etwas erstaunt schien über meine Beschäftigung. — „Mein Herr..." begann sie, die Hand nach ihrem Eigenthum ausstreckend. „Mademoiselle," antwortete ich, „erlauben Sie mir, Ihnen eine Arbeit zu ersparen. Ich werde in fünf Minuten fertig sein." Sie dankte mir mit einem Lächeln. Welche reizenden Zähnchen I Was konnte die Akademie mir Aehnliches bieten? Ich sah, daß sie mich mit Wohlgefallen betrachtete. Der Augenblick, den Angriff zu beginnen, war gekommen. Ich machte ein so schelmisches Gesicht, wie ich nur konnte, und sagte: „Uebrigens habe ich ein gutes Recht dazu." „Ein gutes Recht," wiederholte sie, mich mit ihren großen Augen anblickend, und ein niedliches Grübchen erschien auf ihrem Gesichtchen. „Jawohl! Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen. Ich bin der bescheidene und unbekannte Verfasser dieses Buches." Sie nahm das Buch und las neugierig das plebejische Pseudonym auf dem Deckel. Sorgloses Kind! Sie hatte angefangen, meine „Unglückliche Liebe" zu lesen, ohne sich zu kümmern, wer sie geschrieben hatte. Ich konnte sogar bemerken, daß der banale Name „ Pierre Lejeune" ihr Interesse für mich abkühlte. Mit etwas verächtlichem Tonfalle sagte sie: „Also Sie sind ein Schriftsteller?" „Ich habe diese Ehre, mein gnädiges Fräulein, denn ich zweifle nicht daran, daß das in Ihren Augen für eine Ehre gilt. Sie kennen gewiß die meisten litterarischen Größen unserer Zeit?" „Ja, einige von ihnen besuchen uns, aber meistens nur die Alten." „Der Papa bewacht sein Töchterchen sorgfältig," dachte ich, und sagte: „Sie lesen gewiß sehr viel?" „Oh ja, sehr viel, im Sommer, auf dem Lande. Im Winter habe ich keine Zeit dazu." Ich drückte durch eine Geste aus, daß ich das sehr natürlich fände. In ihrem Alter, bei ihrer Schönheit machte sie selbstverständlich sehr viele Gesellschaften mit. Dann fragte ich, der mir am Herzen liegenden Hauptsache eingedenk: „Glauben Sie, daß Ihr Herr Vater mir die Ehre erweisen würde, diesen bescheidenen Versuch anzusehen? Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie wichtig mir sein Urtheil wäre, denn ..." „Das ist nicht mein Vater, sondern mein Onkel. Sie kennen ihn?" „Seinen Ruf, gewiß. Welch ein Talent!" Sie nickte zustimmend. Dann sagte sie leise: „Zum Unglück fängt er an, altersschwach zu werden; seine Arbeit ist sehr angreifend. Die Saison in diesem Jahre war sehr ermüdend; mehrere große Diners jede Woche. Die Uikolaikirche zu Hamburg. MV 60 Unter uns gesagt, ich finde, daß man von meinem alten Onkel zu viel verlangt." „Ja, das ist einmal das Schicksal der großen Männer. Aber jetzt wird er sich erholen. Sie gehen doch wohl aufs Land?" „Glauben Sie, daß das Leben im Schloß eine Erholung ist? In Burgund hören die Diners nicht auf." „Wie, Sie reisen auch nach Burgund?" „Ja, nach Chambrive." „Zu der Herzogin? Werden Sie lange da bleiben?" „Den ganzen Herbst. Kennen Sie Chambrive?" „Ich habe früher dieses herrliche Schloß besucht. Was würden Sie wohl sagen, gnädiges Fräulein, wenn Sie mich eines Tages dort ankommen sähen?" Sie schien erstaunt und betrachtete mich mit prüfenden Blicken, als wolle sie ergründen, ob ich im Ernst gesprochen. (Schluß folgt.) -S-iSMS—- Zu unseren Bildern. Das Jüngste. Der Storch war in's Haus gekommen und hatte den Kinderchen ein allerliebstes kleines Brüderlein gebracht. Jetzt ruht es in der Wiege, in sanfte, weiche Kissen gebettet und schläft. Die Mutter hat für kurze Zeit das Zimmer verlassen und diese Gelegenheit benützen die Kinder, das Brüderchen einmal fti sehen. Leise kommen sie heran; Mariechen hebt das Tuch, das schützend über des jungen Weltbürgers Köpfchen ausgebreitet ist. Da liegt es nun, das herzige Wesen, einem schlummernden Engel gleich. Neugierig betrachten die Kinder das schlafende Brüderchen und heimliche stille Freude glänzt aus ihren Augen. Auf dem Daukzuge. Reineke ist ein gar arger Dieb und Räuber. Das sagt uns schon die Strophe des bekannten Liedes: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen I" Aber nicht bloß auf Gänse und Hühner und sonstiges Geflügel hat es Meister Reineke abgesehen, er verachtet auch so ein Häslein nickt. Abend ist's geworden und Lampe hat sich im Schnee soeben ein Nachtlager zurechtgerichtet. Das Häs- lein ahnt nicht, daß der Feind in der Nähe. Leise kommt er über die Schneedecke herübergeschlichen, Fuchs der Schlaue, Listige; schon hat sein Auge das Opfer erspäht. Ob sein Raubzug auch von Erfolg begleitet sein wird? Die Mkolaikirche zu Hamburg in ihrem jetzigen Zustande. Dem großen Stadtbrande in Hamburg, der vom 5. bis 8. Mai 1842 einen großen Theil der Stadt in Asche legte, ist auch die alte Nikolaikirche zum Opfer gefallen. Während schon in den angrenzenden Straßen ein unabsehbares Feuermeer Tod und Verderben brachte, wurde in der Kirche noch Gottesdienst gehalten. Um 12 Uhr Mittags am ersten schrecklichen Tage war der Gottesdienst beendet, um 1 Uhr begannen einzelne Flammen am Thurme emporzuzüngeln und in wenigen Stunden lagen Thurm und Kirche in Asche. Ihre damalige Gestalt hatte sie seit 1658, und ihr Thurm zeigte die ansehnliche Höhe von 400 Fuß und war von dem massiven Mauerwerk an ganz mit Kupfer gedeckt. In seiner Laterne hing ein schönes, holländisches Glockenspiel, welches moraens um 6 und mittags um 1 Uhr eine halbe Stunde lang Chorälc spielte. Am fraglichen Tage begann der Thurm sich selbst sein Schwanenlied zu singen. Sein herrliches Glockenspiel, man weiß nicht, ob durch die Hitze oder eine andere Kraft in Bewegung gesetzt, begann zu tönen, doch nicht einer seiner gewohnten Choräle, sondern eine Melodie voll wilden Schmerzes, voll herzzerreißenden Webes erklang über die brennende Stadt hinweg. Schon um 3 Uhr nachmittags hatte das Feuer den ganzen Thurm ergriffen, gegen 5 Uhr wankte die Spitze und wenige Minuten darauf stürzte sie, zum Theil die Häuser der Geistlichen zertrümmernd, zum Theil in das Innere der Kirche sich senkend. Die Kirche brannte vollständig nieder, erstand aber wieder in der neuen Gestalt, in welcher sie sich auf unserem Bilde präsenttrt. Allerlei. George Eliiot. Als ein Opfer der Influenza verschied am Weihnachtsabend 1893 in England ein Mann, der wie wenige von sich rühmen konnte, daß er alles, was er errungen, seiner eigenen Thatkraft verdanke, ein sslk-waäs man im vollsten und besten Sinne des Worts, Sir George Elliot, der ehemalige Kohlen- träger, der sich bis zum Bergwerkbesitzer und Baronet aufgeschwungen. Am 18. Juni 1815, dem Tage der Schlacht von Belle-Alliance, als Sohn eines armen Kohlen- arbeiters in Durham geboren, begann er seine Lebensthätigkeit frühzeitig in dem väterlichen Berufe. Von Stufe zu Stufe es durch Fleiß und geistige Regsamkeit so weit bringend, wie die Verhältnisse es gestatteten, versäumte er es dabei mcht, sich Kenntnisse der mannigfachsten Art anzueignen. Des strebsamen jungen Bergmannes nahm sich ein Ingenieur, Spopwish, an, der ihn auf seinem Bureau und bei Vermessungsarbeiten beschäftigte. Gleichwohl kehrte Elliot im Jahre 1830 zu seinem früheren Berufe zurück, in dem er jetzt in rascher Folge zum Vormann und Obersteiger aufstieg. Im Jahre 1840 war bereits der intelligente Obersteiger mit Hilfe befreundeter Kapitalisten Grubenbesitzer geworden, und jetzt häufte sich Erfolg bei ihm auf Erfolg. Der glückliche Unternehmer legte im Jahre 1851 die Stelle des Obersteigers nieder und trat als technischer Direktor an die Spitze der ausgedehnten Kohlenwerke des Marquis von Londonderry, im Jahre 1863 kaufte er das Bergwerk, in dem er 35 Jahre zuvor seine Thätigkeit als armer Häuer begonnen, und im Jahre 1874 wurde er zum Baronet ernannt. Bekannt ist seine Theilnahme an der Legung des ersten transatlantischen Kabels, ebenso seine schriftstellerische Thätigkeit, die er unter anderem durch die sensationelle Schrift „Wie lange reicht unser Kohlenvorrath?" bethätigte. Politisch gehörte Elliot zu der Torypartei, die er mehrfach im Parlamente vertrat. Himmelsschau im Monat Februar. —X. Merkur L ist gegen Ende des Monates als Abendstern gut sichtbar in WSW. Venus ? verläßt anfangs nach 7 Uhr abds. den Horizont im S. und wird gegen Ende Morgenstern. Am 7. steht er in der Nähe des Mondes. Mars im Skorpion und Schützen geht zwischen 5 U. und 4 U. morgs. auf und befindet sich am 1. in der Nähe des Mondes. Jupiter im Stier erreicht-bereits 6 U. abds. die höchste Höhe und geht zwischen 3 U. und 1 U. früh unter. Am 13. ist er nahe beim Mond. Saturn geht auf zwischen 11 U. 54 M. und 10 U. 2 M. nachts und kommt am 24. in die Nähe des Mondes. Nikder-Näthsel. zm 10. Ireitag, den 2. Februar 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von HaaL L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Auf Verwegener Wahn. Kriminalnovclle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Siglinde hatte über ihrem Schmerze alles Andere vergessen. Erst jetzt fiel ihr ein, zu fragen: „Ist der Gatte meiner Schwester auch ertrunken?" „Nein," gab Harnisch zur Antwort, und ein seltsames Lächeln spielte um seinen Mund. „Jmhoff hat sich gerettet. Ich selbst sprach ihn auf der „Sirene", welche uns nach Calais brachte. Ich bin ihm hier begegnet, obwohl er mich nicht bemerkte, und nach der Beschreibung Ihrer Dienerin war er jener Fremde, der zu Ihnen wollte, während Sie abwesend waren. Und dennoch steht sein Name nicht auf der Liste der Geretteten verzeichnet," fügte Harnisch mit Betonung hinzu. „Wahrscheinlich ist bei der Aufstellung der Liste ein Versehen unterlaufen," meinte Doktor Volkmar, „oder der Name ist in der Zeitung, in welcher Sie das Ver- zeichniß nachgelesen haben, durch die Unachtsamkeit des Setzers weggelassen worden." Herr von Harnisch schüttelte sehr entschieden den Kopf. „Ich habe die Liste in französischen und deutschen Zeitungen gelesen," entgegnete er, „und überall fehlte der Name Jmhoff. Dennoch zählte ich stets einunddreißig Namen. Es kann sonach keinem Zweifel unterliegen, daß Jmhoff einen falschen Namen statt des seinigen angegeben hat, vielleicht denjenigen eines Ertrunkenen, um unter der falschen Maske —" „Um unter der falschen Maske . wiederholte Siglinde gespannt, da Harnisch zögerte. „Ein Verbrechen zu begehen," ergänzte dieser. „Der Gatte meiner Schwester?" frug Siglinde betroffen. „Der Gatte Ihrer Schwester," nickte Harnisch. „Wenn Ihren Herrn Vater sein unbescholtener Name nicht schützte, einer Blutthat beschuldigt zu werden, — mit welchem Rechte sollte Jmhoff über den Verdacht eines Verbrechens erhaben sein." „Die Vergangenheit Jmhoff's ist durchaus nicht fleckenlos," fuhr Herr von Harnisch fort. „Einer meiner Mitpassagiere, ein sehr glaubwürdiger Mann, der ihn kannte, erzählte mir während der Ueberfahrt von Ncw- Jork, daß Jmhoff in früheren Jahren Pächter einer Spielhölle in Sän Francisco gewesen sei. Wer die amerikanischen Verhältnisse kennt, der weiß, daß eine solche Carriere eine Hochschule der Verbrechen ist." Siglinde schauerte zusammen bei dem Gedanken, daß ihre Schwester an der Seite eines solchen Mannes gelebt haben sollte, über dessen Vergangenheit und Charakter sie sich vielleicht durch eine gefällige Außenseite hatte täuschen lassen. „In Ihrer Gegenwart war es," fuhr Harnischen Siglinde fort, „wo mich zum ersten Male der Gedanke eines schweren Verdachts gegen Jmhoff durchzuckte; seitdem ist in zwei schlaflos verbrachten Nächten dieser Verdacht fast bis zur Gewißheit gewachsen." Es trat eine Pause ein, während welcher der Rechtsgelehrte einige Male mit lebhaften Schritten das Zimmer durchmaß. „Geben Sie zu, Fräulein Schönaich," nahm endlich Harnisch wieder das Wort, „daß Ihre Schwester Tante Nollenstein's Gewohnheit, ihr Geld in den verschiedensten Verstecken ihrer Wohnung aufzubewahren, gekannt habe?" „Gewiß," antwortete Siglinde; „es war von dieser Seltsamkeit der Tante in unserer Familie oft genug die Rede. Aber warum fragen Sie mich dies?" „Um die Möglichkeit festzustellen," versetzte der Amerikaner, „daß Ihre Schwester ihrem Gatten in gelegentlichem Gespräch diesen Umstand mitgetheilt haben könnte, ehe dieser selbst sich träumen ließ, daß er je in Versuchung gerathen werde, davon Nutzen zu ziehen." Erstaunt heftete sich Siglindens Blick auf Harnisch's Lippen, ohne daß dieser weitergesprochen Hütte. Offenbar wollte er, wie es dem Nechtsgelehrten schien, nicht recht mit der Sprache heraus, getraute sich nicht, das bisher nur dunkel Angedeutete in schonungsloser Klarheit auszuführen, aus Furcht, Siglindens Gefühle zu verletzen, indem er den Verdacht einer mörderischen That zwar von ihrem Vater nahm, aber nur, um ihn auf die Schulter ihres Schwagers zu wälzen. Er warf dem Doktor einen Blick zu, als wolle er sagen: Helfen Sie mir, Sie wissen ja gewiß, was ich meine. Dieser nickte ihm verständnißvoll-zu und ergriff statt des Amerikaners das Wort: „Gestatten Sie mir," wandte er sich an Siglinde, „daß ich mit dem kalten Blute des Advokaten die Schlußfolgerung ziehe, auf welche Herrn von Harnisch's Vermuthung und Beobachtungen hinauslaufen. Stellen Sie sich Jmhoff's Lage vor: Seine Existenz ist vernichtet, — da winkt seiner Frau eine Erbschaft in Deutschland, — auf dem Wege dahin ertrinkt die Frau und mit ihr 62 sind seine Zukunftshoffnungen ebenfalls im Meere begraben. Aber ein Mann, der schon ein Mal in einer kalifornischen Spielhölle zu Hause war, weiß das Glück -zu zwingen und schreckt vor nichts zurück. Aus dem harmlosen Geplauder seiner Frau über Jugend und Heimath kennt er die Schrulle Ihrer Tante, ihre Schätze in ihrer Wohnung aufzubewahren, — darauf gründet er seinen Plan, sich durch Raub und Mord zu ertrotzen, was ihm, so nahe schon dem Reiseziele, das neidische Geschick entzog. Die Umstände begünstigen ihn — in der Heimath seiner Frau weiß Niemand, daß er deren in alle Verhältnisse eingeweihter Gatte war, und um zur größeren Sicherheit seine Person gänzlich aus der Welt verschwinden zu lassen und für ertrunken zu gelten, gibt er einen falschen Namen an, ein Beweis, daß er schon bei seiner Landung in Calais mit seinem Entschlüsse im Reinen gewesen ist." Siglinde hatte, während sie zuhörte, bald den Sprechenden, bald Harnisch angeblickt und gesehen, wie der letztere dem Advokaten bei jedem Satze beistimmend zunickte. „Sie vermuthen also, Herr Doktor," frug sie, „daß der Gatte meiner Schwester —" „Der Mörder Ihrer Tante sein könne?" vollendete Volkmar. „Ja!" „Ich selbst hätte meine Gedanken nicht klarer aus- sprechen können," antwortete Harnisch auf einen fragenden Blick Siglindens, „als Herr Doktor Volkmar es eben gethan hat." „Das Glück, welches wir ja oft auf der Seite des Verbrechers finden, begünstigte den kühnen Plan," fügte der Nechtsgelehrte hinzu. „Jmhoff erspähte in der Nähe der Methodistenkapelle die Gelegenheit, sein mörderisches Vorhaben auszuführen, — da findet er sein Opfer im Gespräch mit Ihrem Vater; — als dieser sich entfernt hat, schreitet er zur That, und der Verdacht derselben fällt auf einen Unschuldigen." „Und glauben Sie, Herr Doktor," frug Siglinde, „daß durch dieses neue Moment, welches wir Herrn von Harnisch verdanken, mein unglücklicher Vater entlassen werden kann?" „Ja, ich glaube es!" sagte Volkmar bestimmt und ein aus tiefster Brust kommendes Aufathmen der Erleichterung war Siglindens Antwort. Der Rechtsgelehrte würde in seiner schönen Klientin keine so bestimmte Hoffnung erweckt haben, wenn Harnisch's Aussagen sein einziger Haltepunkt gewesen wären, obwohl ihre außerordentliche Wichtigkeit und Tragweite nicht unterschätzt werden durften. Allein Volkmar wußte mehr als Harnisch und Siglinde, er besaß einen Schlüssel zu dem Geheimniß, welches noch über dem Verbrechen schwebte, er vermuthete, daß Jmhoff in jenem englisch sprechenden Bouquetkäufer gefunden sei, welcher die Schwester Ritters über Frau Nollenstein ausgeforscht und sich dadurch verdächtig gemacht hatte. Doch behielt er dies für sich, denn es war sein Schachzug, Niemandem in seine geheimen Minengänge Einblick zu gestatten, selbst denjenigen nicht, in deren Interesse sie angelegt waren. „Es wäre vielleicht nicht überflüssig," wandte er sich in leicht hingeworfenem Tone an den Amerikaner, „wenn Sie Jmhoff's Aeußeres beschreiben." „Betrachten Sie mich, Herr Doktor," gab Harnisch zur Antwort, „so haben Sie ungefähr Jmhoff's Signalement, allerdings nur in allgemeinen Zügen." „Sie werden in dem Prozesse eine wichtige Zeugenrolle spielen," fuhr Volkmar fort. „Nur fürchte ich, daß Sie als Schiffbrüchiger, der nur das nackte Leben gerettet hat, nicht mit den Legitimationen versehen sein werden, durch welche Sie sich über Ihre Persönlichkeit ausweisen müssen, um unseren Gerichten als einwands- freier Zeuge zu gelten." „Glücklicher Weise ist es mir gelungen," versetzte Herr von Harnisch, „einen kleinen Handkoffer mit mir in das Boot zu retten, in welchem sich alle meine wichtigen Dokumente befanden. Da ich sogar mit sämmtlichen Papieren ausgerüstet bin, welche ein deutsches Standesamt zur Vornahme einer Trauung verlangt," fügte er lächelnd hinzu, so dürfte ich dem Gerichte gegenüber kaum in Verlegenheit kommen." Volkmar warf einen Seitenblick auf Siglinde; diese war jedoch in so tiefes Nachsinnen verloren, daß sie die Anspielung Harnisch's gänzlich überhört zu haben schien. „Ich kann mir nicht helfen," verlieh sie jetzt ihren Gedanken Worte, „ich muß mir die beiden, so unmittelbar aufeinander gefolgten Mordthaten immer im Zusammenhang denken, obwohl es mir an einer Erklärung fehlt. Glauben Sie auch jetzt noch nicht an einen Zusammenhang, Herr Doktor?" „Von welchem zweiten Morde sprechen Sie, Fräulein Schönaich?" frug Harnisch. „Von dem in dem sogenannten Kastanienwäldchen, welcher ganz auf die gleiche Weise wie derjenige an meiner Tante begangen worden ist." „Ah! ganz recht," entsann sich der Amerikaner, „ich las davon in den Zeitungen." „Nach den Eröffnungen, welche Herr von Harnisch uns heute gemacht hat," erwiederte Volkmar auf Siglindens Frage, „wäre ein Zusammenhang allerdings denkbar." Während er sich mit der Hand über die hohe Stirn fuhr, als wolle er den Gedanken erst in sich zur Klarheit kommen lassen, ruhten die Blicke der beiden Anderen erwartungsvoll auf ihm. „Vielleicht war der Ermordete einer der geretteten Mitpassagiere Jmhoff's," führte Volkmar aus, „der ihm hier in den Weg lief und durch welchen er sein Inkognito gefährdet glaubte. Um sich von dem Unbequemen zu befreien, schaffte er ihn bei günstiger Gelegenheit einfach bei Seite." Weder dem Rechtsanwalt noch Siglinden war es entgangen, daß bei diesen Worten sich über Harnisch's Gesicht plötzlich leichenhafte Blässe verbreitet hatte. Er war sich dessen bewußt, und indem er zu fühlen schien, daß er darüber eine Erklärung schuldig sei, sagte er lächelnd: „Sie mögen mich für schwach halten, aber bei dem Gedanken, daß das gleiche Schicksal auch mich hätte treffen können, der ich von allen Mitpassagieren Jmhoff's wohl der ihm gefährlichste bin, überlief mich ein Schauder." „Hat denn übrigens die Kriminalpolizet noch nichts über diesen zweiten Mord herausgebracht?" fuhr Herr von Harnisch fort. „Ich weiß darüber nicht mehr, als was in den Zeitungen steht," versetzte der Nechtsgelehrte. „Es hat sich Jemand gemeldet, der in jener Nacht einen Mann mit einem Bündel unter dem Arme, in welchem sich die Kleider des Ermordeten befunden haben könnten, von dem Kastanienwäldchen hat herkommen und den Weg nach dem nahen Stromufer einschlagen sehen. Einige Verdächtigscheinende, die getragene Männerkleider und — 63 Uhren versetzt und verkauft haben, find verhaftet, aber auch schon wieder in Freiheit gesetzt worden." Der Amerikaner erhob sich, da eine gewisse Unruhe im anstoßenden Bureau verrieth, daß bereits neue Klienten warteten. „Ich danke Ihnen, Herr von Harnisch, für die wichtigen Aufschlüsse, welche Sie uns gegeben haben und die Ihrem Scharfsinn alle Ehre wachen," sagte Volkmar beim Abschiede. „Im Uebrigen brauche ich wohl nicht erst hinzuzufügen," wandte er sich zugleich mit an Sig- linde, „daß Alles, was wir heute verhandelt haben, streng unter uns bleiben muß." Während Harnisch sich mit einer Verbeugung gegen den Rechtsgelehrten und Stglinde verabschiedete, war die Letztere ebenfalls aufgestanden, um dem Beispiele des Amerikaners zu folgen. „Fräulein Siglinde," sagte Volkmar, als beide allein waren, in warmem Tone und drückte ihr die Hand, „lassen Sie mich jetzt nachholen, daß ich an dem unglücklichen Schicksale Ihrer Frau Schwester und an Ihrem Schmerze den innigsten Antheil nehme. Ich fand vorhin nur keine Gelegenheit, Ihnen dies zu erkennen zu geben, da Herr v. Harnisch es als ein Vorrecht für sich selbst in Anspruch nahm." Siglinde errieth leicht, was er damit meinte. „Ich kann nicht in Abrede stellen," anwortete sie, die Augen zu Boden gesenkt, „daß der unschätzbare Dienst, welchen Herr v. Harnisch der Sache meines armen Vaters leistet, ihm Vorrechte erwirbt, denn ich habe ihm als Preis für die Rettung meines Vaters meine Hand zugesagt." „Es ist Ihnen dies wohl nicht schwer geworden?" frug Volkmar im Tone eines leisen Vorwurfs, während ein Zug bitteren Schmerzes sich um seinen Mund legte. „Für meinen Vater ist mir kein Opfer zu groß," entgegnete Siglinde, „unterschätzen Sie aber das Wort Opfer nicht, denn indem ich ein solches bringe, gebiete ich meinem Herzen ein schmerzliches Schweigen." Sie hatte das Auge zu ihm erhoben und in ihrem Blicke, über den sich schnell wieder die langen schwarzen Wimpern senkten, lag das süßeste Geständniß und zugleich die schmerzlichste Entsagung. „SiglindeI" rief Volkmar feurig und mit mühsam gedämpfter Stimme, „sollte ich Sie recht verstanden haben? Sie rauben mir in demselben Augenblicke den Himmel, wo Sie mir ihn ausschließen." „O! erschweren Sie mir mein Opfer nicht noch mehr!" bat das schöne Mädchen, während eine dunkle Nöthe sich bis unter das Gold ihrer Haare ergoß, „und lassen Sie hiervon zwischen uns nie wieder die Rede sein. Leben Sie wohl!" Er drückte ihre kleine Hand an sein Herz und preßte einen heißen Kuß darauf. Erst als einer der Schreiber ihm einen neuen Klienten meldete, bemerkte er, daß er allein war, und schien auS einem tiefen Traume zu erwachen. * * (Fortsetzung folgt.) Gol-Körirrr. Verwandte Seelen knüpft der Augenblick DeS ersten Sehens mit diamantenen Banden. Shakespeare. Der berühmte Z.... (Schluß.) „Wenn es auch nur wäre," fuhr ich fort, „um zu erfahren, was Sie von meinem Buche denken, und ob Sie die Güte gehabt haben werden, nachdem Sie es gelesen, Ihrem Herrn Onkel ein freundliches Wort darüber zu sagen." Sie brach in ein reizendes, wohllautendes, entzückendes Lachen aus. Nein, wie war sie hübsch! „Sie scherzen!" sagte sie endlich. „Mir wird Ihr Besuch wohl nicht gelten." „Warum nicht? Nun, Sie werden schon sehen. Ueberlassen Sie das mir und versprechen Sie mir nur, daß Sie bis dahin den nicht vergessen werden, der ewig an ihre entzückende Anmuth und Schönheit denken wird." — Sie war zu klug, um nicht zu merken, daß meine Worte aufrichtig gemeint waren, nicht dumm genug, um sich zu ärgern, denn trotz der Kühnheit meiner Sieden war meine ganze Haltung sehr ehrerbietig. Daß sie übrigens das Kokettiren meisterhaft verstand, sah ich wohl« In dieser Kunst konnte ich von ihr lernen. Bald amü- sirten wir uns so prächtig zusammen, daß ich die Akademie und die Akademiker, selbst den, der da so laut in seiner Ecke schnarchte, völlig vergessen hatte. Wir plauderten von tausenderlei Dingen, von Paris und von Burgund; von den Theatern und von der Jagd; von der Herzogin von Champrive, die sie sehr genau zu kennen schien, aber über die sie mit vornehmer Zurückhaltung sprach. Endlich wagte ich mit der Kühnheit meiner zwanzig Jahre, sie nach ihrem Namen zu fragen. Sie antwortete mit entzückender Naivetät: „Felicie Legerot." „Ihr Herr Onkel ist also nicht ein Bruder Ihres Herrn Vaters," bemerkte ich, „da Sie nicht seinen Namen tragen?" Was soll ich weiter sagen? Diese Reise glich einem köstlichen Traum. In Tonnerre, wo der Zug um die Frühstückszeit hielt, hatte ich die Ehre, sie an das Büffet zu begleiten, denn der berühmte Z . . . klagte über furchtbare Migräne und wollte nicht aussteigen. Der Vortreffliche! Ich bediente seine Nichte mit einem Eifer, als sei sie eine Königin. Als ich in Dijon ausstieg — meine Reisegefährten fuhren noch weiter bis Beaune —, hatte ich allerdings für meine literarische Zukunft nicht viel gewonnen; aber mit dem Siege, den ich im Herzen der schönen Felicie errungen, durfte ich wohl zufrieden sein. In dem 4100 Meter langen Tunnel von Blaisy hatte ich ihre kleinen, in stark parfümirtem Ziegenleder steckenden Händchen mit tausend Küssen bedeckt und ihr mit leidenschaftlichem Händedruck ein „Auf baldiges Wiedersehen!" zugeflüstert. „Aber das ist unmöglich!" hatte sie ohne Zorn erwiedert. „Nein, machen Sie keinen Versuch, mich wiederzusehen, Herr Lejeune." Jetzt war die Reihe zu lachen an mir. „Aber haben Sie denn nicht errathen, daß Lejeune nur mein Schriftstellername ist?" . Darauf hatte ich meine Lippen ihrem rosigen, kleinen Ohre genähert^ vielleicht etwas näher, als es die Etikette erlaubte, und hatte meiner Nachbarin den Titel und den stolzen Namen, die ich von meinen Ahnen geerbt, anvertraut. Unter andern Umständen wäre Felicies Ant- I Wort meinem Schriftstellerstolz kränkend erschienen. --SÄNNST- 64 „Ich habe schon lange gedacht, daß Sie nicht wie ein Schriftsteller aussehen," hatte sie gesagt. . Endlich war der Onkel aufgewacht. Aber aus einem mir unverständlichen Grunde hatte seine Nichte sich geweigert, mich ihm förmlich vorzustellen, und es war mir sogar so vorgekommen, als wundere sie sich sehr darüber, daß ich es durchaus wollte. Da dieser berühmte Z ... ein sehr einfacher, über die dummen Vorurtheile der Etikette erhabener Mann zu sein schien, hgtte ich mich, als der Zug anhielt, genähert und gesagt: „Atem Herr und theurer Meister, ich habe es nicht gewagt, den Schlaf eines Mannes von Ihrer Geistesgröße zu stören. Erlauben Sie mir nun, Ihnen meinen lebhaften Wunsch, bald bei der Herzogin Ihnen vorgestellt zu werden, auszusprechen. Sie ahnen nicht, daß Sie einen Bittsteller vor sich sehen." Er schien im höchsten Grade erstaunt, antwortete aber in sehr gemüthlicher Weise, ohne sich viel darum zu kümmern, ob er mich verstanden: „Mein Herr, wenn Ihre Bitte etwas betrifft, das zu meinem Fach gehört, so können Sie auf mich rechnen." Wir hatten uns dann mit einem herzhaften Hände- drucke getrennt. Es wird meinen Lesern gleichgiltig sein, wie ich es zu Wege brachte, in der folgenden Woche bei der Herzogin von Champrive eingeführt zu werden, die mich mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit zum Frühstück einlud. Alle Welt kennt ja, wenigstens der Beschreibung nach, das herrliche, im reinsten Renaissancestil gebaute, noch wohlerhaltene Schloß von Champrive. Die Herzogin, eine majestätische Blondine nahe den Vierzigen, brauchte, um ihr Alter zu vergessen, nur ihren Anbetern zu glauben und in ihren Spiegel zu blicken, zwei Dinge, die sie auch noch heute gern thut. Was mich anbetrifft, so dachte ich zu viel an Felicie, um die Reize einer andern Dame zu beachten. Aber wie groß war meine Enttäuschung, als wir zu Tische gebeten wurden, und ich unter den Gästen weder sie, noch ihren Onkel vorfand. Was war denn vorgefallen? Felicie hatte mir doch gesagt, daß sie den ganzen Herbst bei der Herzogin zubringen werde. Eine Pause im Gespräche benutzend, sagte ich: „Ihr berühmter Freund Z . . . hat Sie schon verlassen, Frau Herzogin? Ich hoffte, ihn hier zu treffen." „Er ist in diesem Jahre nicht zu uns gekommen. Sie kennen ihn?" „Gerade genug, um ihm ein Buch zu widmen, welches ..." „Ach ja, eben fällt es mir ein. Sie sind ja Schriftsteller. Mein Freund Z ... hat mir ihr Buch geliehen, es mir als das Werk eines Landsmannes empfohlen. Ich habe es gelesen. Es ist charmant." Arme Frau! Gott verzeihe ihr die Lüge! Aber in dem Augenblick beachtete ich diese kaum. „Wie? Herr Z ... ist nicht gekommen? Ich habe doch die Reise mit ihm gemacht. Er und seine Nichte hatten die Absicht, Sie zu besuchen." „Seine Nichte?" „Ja, Frau Herzogin. Sie liebt Sie sehr. Eine reizende, ausgezeichnete junge Dame." „Eine Nichte von Z . . .! Wissen Sie ihren Namen?" „Mademoiselle Felicie Legerot." Die Herzogin warf mir einen niederschmetternden Blick zu. Der Herzog betrachtete mich verstohlen mit einer ganz possierlichen Miene. Zufällig siel mein Blick auf das Gesicht des Haushofmeisters, der sich gerade mir gegenüber befand, und ich las auf dem Antlitze dieses Würdenträgers einen Ausdruck so tiefer Bestürzung, daß ich wohl merkte, ich hätte einen furchtbaren und unverbesserlichen Schnitzer gemacht; unverbesserlich, da ich nicht die leiseste Ahnung hatte, worin ich gefehlt. Es entstand eine Pause, dann fing man an, von andern Dingen zu reden. Im ersten Augenblick war ich entschlossen, meinen Mund nicht mehr aufzuthun, auch zum Essen nicht, denn mein Appetit war völlig verschwunden. Wenn es von meinem Willen abgehangen hätte, wäre jetzt ein Feuer im Schlosse ausgebrochen, damit ich in dem Tumulte unbemerkt hätte davonlaufen können. Aber Flucht war unmöglich. Ich mußte das Ende der Mahlzeit abwarten und mich stellen, als fände ich die Unterhaltung unendlich angenehm. Ich durfte mich in den Saal begeben und aus den Händen dieser stolzen Juno eine Tasse Kaffee annehmen. Sie um etwas Zucker zu bitten, wagte ich nicht, aus Angst, noch einmal ihren verächtlichen Blicken zu begegnen. Endlich kam die letzte Prüfung. Man bot einigen Pariser Gästen und mir an, das Schloß zu besehen. Nach diesem Rund- gange hoffte ich, nach meinem Wagen fragen zu dürfen, um zu meinen Penaten zurückzukehren. Vielleicht würde früher oder später irgend ein Zufall offenbaren, welchen Mißgriff ich begangen. Er ließ nicht lange auf sich warten, dieser Zufall! Als wir in die Küchenräume hinabstiegen, ich an der Seite der Herzogin (man wird mich nie glauben machen, daß sie das nicht absichtlich eingerichtet hatte), wen erblickte ich da in dem riesigen, gewölbten, von Pfeilern getragenen Raume, der wie eine Krypta aussah? Wen sah ich in einer weißen Jacke, einer weißen Schürze, einer weißen Mütze an dem riesigen Herde? Keinen Andern als meinen berühmten Z . . ., den Akademiker, noch röther, nockf dicker aussehend, als im Eisenbahnconps, aber diesmal nicht schlafend, sondern einen Aspic von Geflügel zum Diner garnirrnd. Und wen sah ich durch eine andere Thür Hereintreten, mit einer koketten weißen Schürze angethan, eine Theemaschine in den Händen, die sie wohl mit kochendem Wasser füllen wollte? O du meine Güte! Felicie Legerot in eigener Person! Diese junge Unbekannte, die ich in Tonnerre so eifrig bedient hatte, deren Hände ich mit so unbesonnener Leidenschaft in dem Tunnel von Blaisy geküßt hatte, war die Kammerjungfer der Herzogin. Und mein vermeintlicher berühmter Z . . . war der Küchenchef, dessen Werke ich eben verspeist hatte. Und die „Unglückliche Liebe", die Ursache all dieser Verwirrung, hatte Felicie heimlich aus dem Zimmer ihrer Herrin genommen. Seht, junge Schriftsteller, was aus den Büchern wird, die Ihr der großen Welt darbringt! Wir Drei, Felicie, ihr Onkel und ich, müssen sehr komisch ausgesehen haben, als wir uns erkannten, denn die Herzogin brach, trotz all ihrer Würde, in ein solches Gelächter aus, daß sie sich an einen der Pfeiler stützen mußte. Felicie, das freche Geschöpf, flüchtete ins Nebenzimmer, und dort hörte ich sie so unsinnig lachen, daß ich meinte, sie werde ihren Geist aufgeben. Zwölf Jahre sind seitdem vergangen, aber in Champrive hat Niemand mich wiedergesehen. In Paris bin 65 ich der Herzogin ein paar Mal in Gesellschaft begegnet, aber ich hoffe, daß sie mich nicht erkannt hat. Jedenfalls, wenn es der Fall war, war es nicht durch meine Schuld. -.^SSWSS-- Die Parität in der Reichsstadt Augsburg. —(Nachdruck verboten ) B.. H. Seit dem gewaltthätigen Sturze des Kammerpräsidenten Slavada und des Burggrafen Martiniz am 23. Mai 1618 aus dem Schloßfenster zu Prag in den achtzig Fuß tiefen Graben waren kaum 14 Jahre verflossen, und sie genügten, einen großen Theil des deutschen Reiches, noch vor hundert Jahren die Wohnstätte eines in allen Zweigen der Gesittung sich auszeichnenden Volkes, in eine Wüste zu verwandeln. In den durch die Hufe der Schlachtrosse zerstampften Getreidefeldern und in den durch verwilderte Kriegshorden der Stöcke beraubten Weinbergen wucherte nichts als Unkraut, und Brandreste in Mauertrümmern bezeichneten die Stelle, wo vormals der Sandmann und der Weingärtner hausten. Schlösser und Abteien waren nur Ruinen und die Kunst- und Bücherschätze, die ihre Säle bargen, waren verbrannt oder verschleppt. Auf den verödeten Landstraßen bewegte sich kein Lastwagen, denn es gab keinen Handel, und kein Wanderer, der sein Leben schätzte, wagte sich vor das Thor der Stadt. Hundertköpfige Haufen unglücklicher Menschen schwärmten durch geistliche und fürstliche Gebiete, mit Betteln und Stehlen oder als Räuber und Mordbrenner ihr elendes Dasein fristend. Nicht minder trostlos sah es in vielen Städten aus. Belagerungen im Wetteifer mit Seuchen und Hunger vernichteten eine blühende Einwohnerschaft und brachten die Ueberlebendcn an den Bettelstab, und es lösten sich alle Bande der Ordnung. Häufig stritt der Bürger gegen den Bürger, denn alle erfaßte Mißtrauen, Neid und Verfolgungssucht, erzeugt durch die kirchlichen Wirren und genährt von jeder Partei, welche gerade zur Herrschaft gelangte. Jetzt wälzte sich das unheilvolle Gewitter vom Norden her über die Donau und im April 1632 kündete sich der Ausbruch des Sturmes über der Reichsstadt Augsburg an. Binnen drei Jahren fiel ihm das Leben des vierten Theils der Bürgerschaft zum Opfer, die Armuth ging nur an wenigen Häusern vorüber und 8 Millionen Gulden verschlang die sogenannte Schwedenzeit aus den öffentlichen Kassen. Allenthalben wuchs die Noth und der Jammer in's Grenzenlose und eine jede Partei im Lande sehnte sich nach Ruhe. Gerne bot Kaiser Ferdinand III., seit 1637 des Reiches Oberhaupt, die Hand znr Versöhnung, allein er vermochte Frankreich und Schweden dafür nicht zu gewinnen. In gleicher Weise verlief erfolglos der 1640 nach Negeusburg einberufene Reichstag. Auf demselben kam zum Erstenmale die Parität für Augsburg zur Sprache. Dr. jur. Johann David Herwart, ein Patrizier und vormals Stadtvogt, von der evangelischen Bürgerschaft auf ihre Kosten dorthin abgeschickt, brachte 36 Grava- miua und Wünsche mit, darunter das Verlangen: „es sollte aller Billigkeit nach der Rath und die Stadtämter, der große Rath und das Stadtgericht nebst der Kanzlei halbiert werden." Der vom Geheimen Rath 1636 als Stadtkanzler angenommene Dr. jnr. Leuxelring bestritt bei den Stünden die Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit einer solchen Theilung und diese kamen wegen der höchst wichtigen Angelegenheiten des ganzen Reiches nicht dazu, mit den Bedürfnissen einer einzigen Stadt sich zu befassen. Der vorsichtige und unermüdliche Anwalt Herwart gab jedoch eine sxaoiss trurti zu den Akten, welche der Rath mit keiner Gegendeduction beantwortete, worüber dann Leuxelring, die Bedeutung des Schrittes seines Gegners wohl erkennend, nach HauS schrieb: „ich sorge, es werde große Diffikultäten geben." Ehe das Jahr 1641 zu Ende ging, gelang es dem Kaiser, die Kronen Frankreich und Schweden zu bestimmen, auf Friedenspräliminarien zu Hamburg sich einzulassen, welche 1644 zu den allgemeinen Friedensunterhandlungen zu Münster und Osnabrück führten. Leider tobte dessenungeachtet der Krieg fort, der noch zweimal über Augsburg großes Unglück brachte. Im September 1646 rückte die schwedisch-französische Armee vor die Reichsstadt und beschoß sie von Osten und Westen neunzehn Tage lang, und 1647 verwüstete ein Streifkorps derselben Heerführer die ganze Umgegend. In Münster, wo der Kaiser mit den fremden Mächten tagte, und in Osnabrück, wo die kaiserlichen, reichsständischen und schwedischen Gesandten, jedoch in steter Verbindung mit den Potentaten, berathschlagten, spielten nicht ohne Einfluß des wechselnden Kriegsglücks die augsburgischen Verhältnisse keine untergeordnete Rolle. Aus den Beredungen mit mehreren Ständen und Gesandten glaubte Or. Herwart auf einen günstigen Verlauf seiner durch 478 Unterschriften der ansehnlichsten evangelischen Bürger unterstützten Bestrebungen hoffen zu dürfen. Er sah Kursachsen und Brandenburg an seiner Seite, die Schweden sagten ihm zu, von der Parität sich nicht abwendig machen zu lassen, und einige Fürsten weigerten sich, den Or. Leuxelring als den Prokurator des Raths anzuerkennen, er führe nur für die Katholiken das Wort, es sei aber Augsburg eine evangelische Stadt, in welcher, wie ihnen glaubhaft berichtet worden, 1635 unter 16,432 Männern, Weibern und Kindern 12,017 Evangelische und nur 4415 Katholiken sich befanden und nach der Zählung am 25. August 1637 von 4453 Bürgern im Alter von 16 bis 60 Jahren 2989 der evangelischen und 1464 der katholischen Kirche angehörten, ein Verhältniß, das noch jetzt bestehe, denn am 3. August 1645 zählte man 19,960 Personen, worunter 4987 wehrhafte Männer, welche 13,790 bezw. 3368 evangelisch und 6170 bezw. 1619 katholisch seien. Um so überraschender wirkte daher die Rede des Frankfurter Nathsconsulenten Dr. Zacharias Stenglin, der gleichzeitig die evangelische Partei Augsburgs in der Conferenz durch Vollmacht vertrat: „dieselbe habe die Parität in kolitiois nie besessen, suche sie auch nicht, mit Ausnahme „etlicher gewisser Partikuliers", weil sie für andere Reichsstädte ein großes Präjudicium verursachen würde, ihr Petitum gehe nur auf die Restitution der Zustände, wie solche vor der Reformation 1629 durch Ferdinand II. bestanden hatten." Dieser Vertrag machte mehrere Stände schwankend, und wenngleich Herwart sogleich, im März 1647, eine Widerlegung einreichte, so war nicht sie die Ursache, daß die kaiserlichen Commissäre sich erstmals den Evangelischen günstiger zeigten, sondern der Abfall des Kurfürsten Maximilian von Ferdinand III. und dir Eroberung von Bregenz durch die Schweden. Geängstigt durch Frankreichs gesteigerte Forderungen, gab Wien durch feine Bevollmächtigten in Münster zu erkennen: „die evangelischen Bürgerschaften in den Städten Augsburg, Viberach, 66 Dinkelsbühl und Navensburg könnten nicht allein in LoolssiLstisis in den Stand von 1624 völlig restituirt, sondern auch rntiöns kolitisorum munsrnrn st äi§ni- tatunr in die Parität eingesetzt werden." Daß binnen drei'Monaten diese ausfallende Sinnesänderung in das Gegentheil umschlagen konnte, befremdete weniger, als daß am 4. Juli Kurbrandenburg und etliche evangelische Gesandte mit dem kaiserlichen Rathe Grafen v. Trauttmansdorff zu Osnabrück sich vernehmen ließen, „die Parität sei eine unthunliche Sache, an ihr zerschlage sich das ganze Friedenswerk". Heftig protestirte dagegen der Lindauer Abgesandte Dr. Valentin Heyder Namens der Evangelischen Augsburgs: „die Restitution ohne Parität habe keinen Halt, die Bürgerschaften wixtas rslixionig kommen zu keiner Einigkeit, hingegen xotsn- tius, äiAuitalis st auotoritatis asHualis xartiviputio sei die watsr souooräias zwischen beiden Theilen, ein rechtes ^.sguilibrium für Fried'und Einigkeit." Herwart aber sah ein, daß im gegenwärtigen Augenblick nichts zu machen sei, denn Bayern gab die Neutralität auf und näherte sich wieder dem Kaiser, weßhalb er rieth, vorerst nicht weiter zu verhandeln. Die Betheiligten bemühten sich im Geheimen unablässig, Bundesgenossen zu gewinnen, während länger als ein halbes Jahr die Conferenzen mit anderen Gegenständen sich beschäftigten, so daß die Städte besorgten, ihre Angelegenheiten möchten bei dem Friedenstraktate völlig unberücksichtigt bleiben. Wie erstaunten daher ihre Vertreter, als am 11. März 1648 ohne vorausgegangene Ankündigung die kaiserlichen Commissäre in der Sitzung einen Entwurf über die Restitution für die bereits genannten vier Reichsstädte und in sxsois über die Parität in Augsburg vorlasen. Dr. Heyder erbat sich sofort eine Frist für seine Bedenken gegen den Vortrag aus, die ihm durch Vermittelung von Sachsen-Altenburg, Braunschweig und der Schweden auf ein paar Tage verwilligt wurde. Ihm erschien nämlich als unannehmbar, daß vorgeschlagen wurde, der geheime oder engere Rath bestehe aus 7 Mitgliedern, 4 Katholiken und 3 Evangelischen, was dem Grundsätze der karitus zuwiderlaufe, und schriftlich und mündlich bekämpfte er diesen Passus. Er richtete jedoch nichts aus. Die Commissäre lehnten jegliche Abänderung des Projektes ab, „weil kaiserliche Majestät eher Leib, Gut und Blut aufsetzen wollen^ als sich noch weiter treiben zu lassen", denn die Evangelischen bekämen nicht nur mehr Rechte, als sie jemals besaßen, sondern es werden auch alle Hauptfragen durch den Senat erledigt, in welchem die Stimmen unter den beiden Religionen eben so gleich vertheilt seien, wie „beim ^.srario und ^.rinainsntario (Zeughaus), worauf der nsivus rsixnbliorrs bestehe", auch müßten die Katholiken, weil in der Minderzahl, „etwas mehr Handhabe und die Llajora bekommen, um nicht von dem anderen Theile verdrungen zu werden." Graf von Lamberg kam bet der Unterredung in eine solche Aufregung, daß er unwillig ausrief: „es ist eine Schande, so in sie zu dringen, gleich als wenn Bauren traktirten." Diese Vorgänge hätten jedoch den vr. Heyder nicht bestimmt, vom Platz zu weichen, wäre er nicht allmälig ganz allein in der Opposition gestanden, denn Niemand wagte es, wegen der strittigen einzigen Rathsstelle das Friedenswerk auf's Neue in's Stocken zu bringen, wenn nicht gar über den Haufen zu werfen. So wurde endlich am 24. März allseitig ein Schlußprotokoll unterzeichnet, und was dadurch in Münster vereinbart worden war, billigte Osnabrück. Am 24. Oktober 1648 erfolgte daselbst die Auswechslung der gefertigten, unterschriebenen und besiegelten Friedensinstrumente. Damit endete auch der schreckliche Krieg, welcher vor 30 Jahren gerade in der Stadt entbrannt war, in welcher der schwedische Heerführer Graf Königsmark mit seinem fliegenden Corps durch die Ueberrumpelung der Kleinseite von Prag die letzte glänzende That in dem blutigen Trauerspiele ausführte. Am 1. November 1648, vier Tage nach dem Ableben des um die evangelische Sache seiner Vaterstadt hochverdienten Johann David Herwart, traf die Nachricht über den Abschluß des Friedens in Augsburg ein. Der in lateinischer Sprache abgefaßte Vertrag setzte für die Reichsstädte Augsburg, Biberach, Dinkelsbühl und Regensburg in Kirchen- und Schulsachen den Besitz nach dem Stande vom 1. Januar 1624 fest, führte im weltlichen Regiments die Parität ein und enthielt in deutscher Ueber- sctznng wörtlich die nachfolgende Bestimmung: „Was insbesondere die Reichsstadt Augsburg anbelangt, sind 7 Senatoren des geheimen Raths aus den Geschlcchterfamilicn zu wählen, wovon 2 die Präsidenten des Staates, Stadtpfleger genannt, sind, der Eine ein Katholik (0.), der Andere ein dem augs- burgischen Glaubensbekenntnisse Angehöriger (H.. 0.); die übrigen 5 Nathsstcllen sind mit 3 0. und mit 2 H.. 0. zu besetzen. Die Senatoren des kleinen Raths wie auch die Syndici, die Beisitzer des Stadtgerichts und alle Beamte (otLeialss) sollen in gleicher Zahl einer der beiden Religionen sein. Der Nent- und Säckelmeister seien eS 3, wovon zwei der einen und der dritte der anderen Religion angehöre, und zwar so, daß im ersten Jahre 2 0. und 1 0. und im anderen Jahre 2 0. und 1 0. die Stellen bekleiden und in gleicher Weise wechselnd alljährlich. Die Zeughaus-Aufseher, gleichfalls 3, lösen sich in derselben Ordnung ab. Solches ist auch der Fall bei den Steuer-, Proviant-, Bau- und anderen Aemtern (olüsia), welche von je 3 Personen versehen werden, dergestalt, wenn in einem Jahre 2 Aemter — wie das Rentmeister-, Proviant- und Bau-Amt — 2 0. und 1 0. innehaben, eben selbigen Jahres 2 andere Aemter — wie Aufseher des Zeughauses und der Steuern — 2 H.. 0. und 1 0. übertragen werden, künftigen Jahres aber bei diesen Aemtern anstatt 2 0. nun 2 H.. 0. und für 1 0. dann 1 0. zu wählen sind. Aemter, welche gebräuchlich einem Mann allein anvertraut werden, sollen nach Erforderniß der Sache entweder ein oder mehrere Jahre unter den 0. und H.. 0. Bürgern umgewechselt werden, ganz in der Weise wie bei den von 3 Personen verwalteten Aemtern so eben gesagt wurde ...... Kein Theil darf aber die in seiner Religion liegende Macht zur Unterdrückung des anderen Theiles mißbrauchen oder mittelbar oder unmittelbar mit einer größeren Zahl die Würden der Stadtpfleger, des Raths oder aller sonstigen Aemter verstärken; was hierin wann immer oder auf welche Art geschehen sollte, sei null und nichtig." Jetzt ruhte das Schwert, dagegen arbeiteten emsig viele Federn für und wider die neuen Zustände. Es war eine besondere Erekutions-Kommisston eingesetzt, um die Friedens-Bestimmungen in's Leben zu bringen, und die Aufgabe hiezu fiel den schwäbischen kreisausschreibenden Fürsten, dem Herzog Eberhard von Württemberg und dem / 67 Bischof Johann Franz in Konstanz, zu, welche ihre Sub» delegirten hiefür bevollmächtigten und denen im Nothfalle der Arm des benachbarten Bayern zu Gebote stehen sollte. Um all das kümmerte sich der Rath in Augsburg nichts in der Erwartung neuer politischer Wirren, welche den Boden wieder befestigen würden, den er unter den Füßen wanken fühlte. Davon machten die Herren auf dem Nathhause lediglich kein Geheimniß, nicht einmal dem Kaiser gegenüber. Sie vergaßen sich soweit, an die Majestät zu schreiben: „ein der bisherigen Verfassung unbekanntes Prinzip weder anzuerkennen noch einzuführen, daher die Seelen verderbliche Parität, weil doch an dem Bestand des Friedens zu zweifeln sei, niemals zugegeben werde, denn eine derartige Religionsgleichheit in weltlichen Dingen habe im Normaljahr 1624 niemals bestanden." Als daher die Subdelegirten am 19. Dezember in der Stadt eintrafen, ließ sie der Rath unbeachtet, ungeachtet sie ihm ohne Verzug ihre Ankunft förmlich anzeigten und etliche Tausend evangelische Bürger ihnen jubelnd entgegen gegangen waren. Erst die Mahnung Ferdinands III., „dem Lostrumönto xavis nachzukommen und dem ausgegangenen Edikte sich zu bequemen", bewirkte den feierlichen Empfang der Gesandten am 26. Januar 1649. Allerdings war dabei keine Rede von der Eröffnung von Verhandlungen, allein die Bevollmächtigten hatten doch so viel erreicht, daß sie mit dem Domkapitel, den Geistlichen und Klöstern, sowie mit den Vertretern der milden Stiftungen und Wohlthätigkeitsanstalten den Besitzstand für die Kirchen und Schulen vom 1. Januar 1624 aufnehmen konnten, wobei es freilich an Protestationen und Einreden mancher Art nicht fehlte. Nun sollte die Frage der Parität in Angriff genommen werden, und dabei wußte Dr. Leuxel- ring eine solche Menge von Bedenken und Zweifeln über den Begriff „Aemter" und „Dienste" vorzutragen, daß der Rath beschloß, in so lange auf nichts sich einzulassen, bis aus Wien eine Entscheidung erfolgt sein werde. Es wurde nämlich dorthin berichtet: „Bei der Aemtervertheilung xaritatis oausa, besteht eine ungleiche Meinung. Unter „anderen Aemtern und Diensten" will der evangelische Ausschuß alle und jede, auch die geringsten Dienste und Dienstlein, die in der Zahl auf Hunderte hinauslaufen, sogar die Karrenzicher, Stubenheizer, Bürstenbinder, Kamin- kehrer u. dergl., verstanden haben, solche in die Parität ziehen und den halben Theil Katholische, so derselben zur Zeit genießen, luotuoso ab larnantudili exomplo Karbon verstoßen; wir hingegen verstehen diese munara xudlicm nur auf diese und zwar unterschiedliche Aemter, die den Obrigkeits- und Raths-Personen in ziemlich starker Anzahl anvertraut sind. Dieser Verstand soll um so mehr Platz greifen, als die Parität, welche in dieser Stadt soll iutroäuoirt werden, im ganzen Reich nit Herkommens, niemals gehört, ganz ungebührlich, oäiosu, daher in all- weg zu restrivAiran (einzuschränken) und nit zu axtsu- äiran (auszudehnen) ist." Der Ausschuß war nicht geneigt, dem einseitigen Ausspruche über den Sinn eines Friedens-Artikels sich unterzuordnen, weßhalb er die noch in Münster versammelten Fürsten und Stände anrief, die Exccution beschleunigen zu lassen. Der Rath wünschte jedoch nicht die Einmischung Bayerns in diesen Streitfall, der er dadurch zu begegnen hoffte, daß er nach München in ähnlicher Weise wie nach Wien berichtete, mit der Versicherung, er beabsichtige keineswegs die Verzögerung der Verhandlungen. Kurfürst Maximilian, über die Umtriebe auf dem Rathhause wohl unterrichtet, ließ eine sehr ungnädige Antwort abgehen, deren Schlußsatz feinen Unwillen kräftig ausdrückte: „Obwohl ihr anregt, daß ihr Unser wegen euer hitzigen und unbescheidenen Anzüg beschehenes Nesentiment zu Verhütung Oblsos mit Stillschweigen übergehen wollt, so können Wir Uns jedoch damit nicht begnügen, sondern Wir sind von euch einer mehreren und gebührenden Satisfaktion gewärtig und versehen Uns beneben, ihr werdet denjenigen passtonirten Concipisten, welche eine so spitzige und unverschämte Feder führen, auch solche sogar in den letzteren Schreiben nicht gar moderiren können, eine mehrere und bessere Diskretion injugiren. Wir hätten auch wohl Ursache gehabt, euch mit einigem Schreiben oder Antwort nimmer zu würdigen, wie Wir dann Bedenken tragen. Unsere Registratur mit dergleichen LoartsAuen entehre» zu lassen, derowegen Wir befohlen, euch solche iv Original! zu remittiern." Den hohen Herrn noch mehr zu reizen, wagte Niemand, denn er hatte in der Stadt 1226 Mann Infanterie liegen und es war kein Geheimniß, daß die Subdelegirten des Wohlwollens des Commandanten Obersten Freiherr« von der Nöres in hohem Grade sich erfreuten. Auch aus der kaiserlichen Kanzlei lief ein ernstlicher Befehl ein, „aller unzulässigen, im Friedensschlüsse verbotenen und zu böser Konsequenz gereichenden Einreden und Exceptionell sich zu mäßigen". Es war demnach hohe Zeit, wieder einzulenken und die militärische Exekution abzuhalten, welche auch der evangelische Ausschuß nicht beabsichtigte. Aus diesem Grunde und eingedenk der in dem Frieden angedrohten Folgen allzuweit gehender Ansprüche trat er um so lieber von einigen Forderungen zurück, als der wegen fortgesetzter Nabulistereien bei den Bürgern der Augsburger Konfession verhaßte Stadtkanzler Dr. Leuxelring die erbetene Entlassungssignatur vom Rathe erhalten hatte. Anstandslos vollzog sich jetzt die Mehrung der Geschlechter durch einige evangelische Familien, man verständigte sich über die Art der Besetzung der Kanzleiämter und der niederen Dienste, und ohne Aufregung in der Bürgerschaft gingen die Wahlen von statten, eine zeitraubende Arbeit, da bei 700 Personen ausgelesen werden mußten, denn auch die Stadthandwerker, die Waaren- schauer und das Personal auf den Bestandgütern fiel in den Kreis der Parität. Die Beseitigung etlicher Anstünde blieb einer späteren Zeit vorbehalten. Am 11. März 1649 wurde unter der Leitung der beiden Stadtpsleger David Weiser der Aeltere, 0., und Leonhard Weiß, 0., die erste Nathssitzung nach der neuen Ordnung gehalten, welche Verfassung ohne Unterbrechung genau 157 Jahre in Kraft blieb, bis zum 3. März 1806, dem Tage des Ueberganges der Reichsstadt an die Krone Bayern. Am 9. April verließen die letzten Kommissare Augsburg. In den evangelischen Kirchen wurde am 8. August 1650 das erste Friedens- und Dankfest begangen, das sich jährlich wiederholte und allmälig zu einem gemüthlichen allgemeinen Frcudentag der ganzen Bürgerschaft sich gestaltete, weßhalb auch die bayerische Landesdirektion von Schwaben mittels Neskriptö vom 18. Juli 1806 „das Toleranz- und Friedenssest" für die Zukunft beibehielt. Wie ließ sich nun die xaritag in xolitieis an? Die fremdartige, ebenso sehnlichst begehrte, wie leiden» 68 schaftlich bekämpfte Schöpfung erfüllte weder beim Eintritt in das praktische Leben, noch während ihres andert- halbhrmdertjährigen Bestandes die Prophezeiung des Dr. Heyder aus Lindau, welcher in ihr die Mutter der Eintracht erblickte. Freilich verlangte Niemand von ihr mit einem Zauberschlage den friedlichen Ausgleich aller Gegensätze, und man wunderte sich nicht, daß die aus den einflußreichen Stellen verdrängten Patrizier der Neuerung abhold waren und die in städtischen Diensten um ein leicht verdientes Brod gebrachten Bürger grollten, allein mit dem Absterben der einen Generation vererbten sich auf die nachfolgende alle Beschwerden und Unznträglich- keiten, ja sie vermehrten sich sogar in mitunter wundersamen Formen. Und dabei wirkten verschiedene Ursachen mit. (Schluß folgt.) -«-k-v-I-a-- Allerlei. Ist die Zunahme der Nervosität ein charak-, teristisches Zeichen unserer Zeit? Ueber diese Frage sprach kürzlich der berühmte Nervenarzt Pros. Wilhelm Erb bei der diesjährigen Stiftungsfeier der Universität Heidelberg. Da das Nervensystem, so führte der Professor, der „Frkf.Ztg." zufolge, aus, die Grundlage der gesummten Lebensthätigkeit darstellt, so ist eS natürlich, daß alle Ereignisse des Lebens es berühren müssen, und es konnte nicht ausbleiben, daß die großen Umwälzungen im politischen und wirthschaftlichen, im sozialen und religiösen Leben, im wissenschaftlichen und künstlerischen Streben einen starken Einfluß auf das Gemüths- und Geistesleben der Menschen üben mußten. Die intensivsten und verbrettetsten Gruppen der Nervosität sind die Hysterie, welche auch unter den männlichen Individuen im Zunehmen begriffen ist, die Hypochondrie, und vor Allem die Neurasthenie. Eine organische oder anatomische Veränderung des Nervensystems ist bei diesen Krankheitszuständen nicht nachweisbar, sie stellen eine Abnormität dar, bei den beiden ersten Formen eine solche des Gemüthslebens, bei der Neurasthenie eine solche der Hirnarbeit. Die Neurasthenie, mit der sich Professor Erb eingehend beschäftigte, stellt er als eine besonders den gebildeten Klassen anhaftende Krankheit dar, entsprungen einer Ueberan- strengung bei geistiger Arbeit. Mit der Entwicklung der Kultur in unserem Jahrhundert sind auch die Bedürfnisse der Menschen außergewöhnlich gestiegen und der Kampf ums Dasein erfordert die äußerste Entfaltung der Kräfte. So tritt eine Ueberbürdung des Geistes schon in der Mittelschule ein und wird noch gesteigert durch die Lehrmethode einer mehr philologisch als pädagogisch gebildeten Lehrerschaft; dabei ist die zum Ausruhen des Geistes und zur Entwickelung der körperlichen Gesundheit nöthige Zeit viel zu kurz bemessen. Die Jugend wird frühzeitig schon den Genüssen des gesellschaftlichen Lebens zugeführt, und diese bekomme immer mehr den Charakter einer Ueberreizung des Nervensystems. Die Dichtkunst ist crassem Materialismus verfallen, die Musik ist überlaut geworden, selbst die Malerei schreckt nicht davor zurück, die häßlichsten Seiten des Menschenlebens uns unversöhnt vor Augen zu führen. Die Beschäftigung mit der Wissenschaft ist aufreibend geworden durch deren Verzweigung in Spezialitäten. Der Handeltreibende und Industrielle ist den wechselvollsten Erregungen und Erschütterungen ausgesetzt. Zu den Aufregungen des Berufs kommen noch die Hast des Lebens, die Ruhelosigkeit. besonders des Reifens, hinzu, und vor Altem sind die weitesten Schichten der Bevölkerung erfaßt von den Politischen, sozialen, religiösen Kämpfen, welche sich, wie das übertriebene Vereinsleben, bis in die kleinsten Gemeinschaften fortsetzen. Alle diese Aufregungen müssen verletzend auf den menschlichen Geist wirken, und da unser viclberufcncs firr äs srsels so überreich an diesen „Psychischen Träumen" ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Zunahme der Neurasthenie eine Folge des modernen Lebens ist, wenn auch die Nothwendigkeit einer von den Eltern ererbten Disposition, die sogenannte neuropathische Belastung, zum Zustandekommen der Neurasthenie nicht geleugnet werden kann. Trotz alledem glaubt Professor Erb nicht, daß der Wunsch aufkomme, zur Lebensweise unserer Großcltern zurückzukehren; er sieht auch nicht zu schwarz in die Zukunft, als ob ein Niedergang unserer Nation zu befürchten sei. Die Jndu- stricbevölkeruug erscheint ihm durch ihre Arbeitsart und Lebensweise, sowie durch politische Aufregungen ebenfalls von der Nervosität ersaßt, dagegen sieht er in der ländlichen Bevölkerung und dem Mittelstände den Boden, von dem aus der heutigen Gesellschaft immer wieder neue Kraft zugeführt werden muß. Vor Allem aber sei es nöthig, daß eine besondere Hygiene des Nervensystems sich entwickele, welche in erster Linie die Erziehung der Jugend ins Auge fasse. Ich gkattöe. Du tröstest Dich? so frug mich jüngst ein Spötter, Du tröstest Dich, wie ist es möglich doch? Dein liebstes Kind, Dein Stolz und Deine Freude, Es ward des kalten, starren Todes Beute; Und Du, Du lebest noch? Ich lebe noch, ich tröste mich, ich glaube, Sein letzter Gruß, er galt auf ewig nicht. Ein Engel, wartet er jetzt seiner Lieben, Die noch in diesem Jammerthal hienieden, Sie cinzusühr'n zum Himrnelölicht. Leb' wohl, leb' wohl, mein süßes Kind, ich hoffe Auf nahes Wiederseh'n in bess'rcr Welt. WaS, mir verborgen noch, Dein Auge schaut, Was über jenem Sterncuhimmel blaut, O sag' der Mutter, wie es Dir gefällt! Logogryph. Du findest mich bei Baum und Strauch, Zuweilen dann im Gasthaus auch. Und bist Tu klug, weißt Tu auch dann, Daß ich fünf Köpfe tragen kaun. Fünfmal verschieden ist mein Sinn: Bold zieh' ich über'm Wasser hin, Bald drück' ich Deinen Rücken nieder, Bald auch lab' ich die müden Glieder, Bald bin der Eile ich verwandt, Bald reicht der Wirth mir froh die Hand. Auflösung des Nätbsels in Nr. 8: Augsburg Ungarn Gruenan Sekondclieutel-ant Brindisi Urkunde Residenz Goetzendienst Eskimo Ncalp Augsburger Postzeitung- -- 11 . 1894. „Augsburger PostMung". Dienstag,, den 6. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas So Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). Auf verwegener Mahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Als Doktor Volkmar es übernahm, in dem bevorstehenden Kriminalprozesse gegen Schönaich dessen Vertheidigung zu führen, hatte er sich nicht von seinem juristischen Ehrgeize leiten lassen, sondern die Person Sig- lindens stand dabei im Vordergründe; ihr Unglück rührte ihn, der flammende Eifer beseelte ihn, für das liebliche Kind, welches er als theuerstes Bild seiner Erinnerungen im Herzen getragen, seine ganze Kraft einzusetzen, und über dem Allem schwebte die Hoffnung, sich als Preis für die glückliche Lösung seiner Aufgabe ihre Hand zu gewinnen. Nun hatte er hören müssen, daß ein Anderer nicht nur um diesen Preis warb, sondern auch die Zusage desselben erhalten hatte. Mit rückhaltloser Offenheit hatte ihm dies Siglinde gestanden. Welch' unerschütterliches Vertrauen mußte sie in Volkmars Hochherzigkeit setzen, um trotz dieses Bekenntnisses sicher zu sein, daß sein Eifer für die Sache ihres Vaters nicht erkalten werde. In diesem Vertrauen sollte sich Siglinde nicht getäuscht sehen, sie sollte erkennen, wie rein und selbstlos er sie liebte, indem er mit Aufbietung seiner ganzen Energie an der übernommenen Aufgabe weiterarbeitete, ohne sich dadurch entmuthigen zu lassen, daß nur bittere Entsagung sein Lohn sein werde. Sein nächstes Augenmerk mußte darauf gerichtet sein, zu ermitteln, ob die äußere Erscheinung jenes Kunden, der sich unter verdächtigen Umständen von Anna Ritter ein Bouquet hatte binden lassen, mit dem Signalement Jmhoff's übereinstimmte, für welches ihm Herr von Harnisch in seiner eigenen Persönlichkeit gewisse Anhaltspunkte gegeben hatte. Er machte daher den Gärtnersleuten in der Rosen- straße abermals einen Besuch. Er fand Ritter allein- im Garten arbeitend; bald jedoch gesellte sich auch dessen Frau hinzu, denn sie hatte den Herrn, der sich bei seinem vorigen Besuch als ein hochschätzbarer Kunde eingeführt, von Weitem erkannt und begrüßte ihn mit so großer Zuvorkommenheit, als das ihr eigenthümliche frostige Wesen überhaupt zuließ. Volkmar machte wieder einige namhafte Einkäufe, während ihn das Ehepaar durch verschiedene Gewächshäuser begleitete, wobei nur von gleichgültigen Dingen gesprochen wurde. „A — propos," frug Volkmar, vor einer Gruppe Palmen stehend, „ist der „Engländer" noch nicht wiedergekommen, der sich die Fächerpalme hat bei Seite stellen lassen?" „Nein, der hat sich noch nicht wieder blicken lassen," antwortete Frau Ritter mit einem bitteren Zuge um den Mund. „Vielleicht erinnert er sich gelegentlich seines Einkaufs," bemerkte Volkmar. „Sollte er aber nicht wiederkommen, so nehme ich Ihnen die Palme ab." Es war dies die unverfänglichste Art, sich über Wiederkehr oder Wegbleiben des Engländers eine Kontrole zu verschaffen. „Wie sah er denn übrigens aus?" frug Volkmar unbefangen. „Wär er groß oder klein? Blond oder schwarz?" Absichtlich hatte er die Frage an den Gärtner gerichtet, denn wenn dieser versagte, so hatte er, wie er aus Erfahrung wußte, in dessen oppositionslustiger Frau eine gute Reserve. „Er war klein und rothhaarig," antwortete Ritter zerstreut, ins Leere starrend. „Ei! wo Du nur wieder ein Mal Deine Gedanken hast," lachte die Gärtnersfrau auf. „Da machst Du dem Geschmack Deiner Schwester ein schlechtes Kompliment, vor der nur hoch und schlank gewachsene Männer mit schwarzem Haar und Vollbart und mit dunklen, feurigen Augen Gnade finden." „Ach, ja!" gab, sich korrigirend, der Gärtner zu, „ich habe den Engländer mit dem Andern verwechselt, der den Lorbeerbaum einhandelte und ebenfalls noch wiederkommen soll." Hatte Volkmar auf seine Frage auch keine direkte Antwort erhalten, so durfte er doch mit Sicherheit annehmen, daß die von Frau Ritter entworfene Schilderung der Jdealgestalten ihrer Schwägerin dem Porträt des Engländers entsprach. Da die allgemeinen Kennzeichen mit Jmhoff's äußerer Erscheinung, für welche die Aehnlichkeit mit Harnisch maßgebend war, übereinstimmten, so fühlte Volkmar sich von der erhaltenen Auskunft befriedigt. „Ich bedaure, Ihr Fräulein Schwester nicht anwesend zu finden," wandte er sich, auf die oben Erwähnte zurückkommend, an den Gärtner. „Hoffentlich ist sie wohl und munter?" Er sagte dies in einem Ton, wie ihn nur die lebhafteste Theilnahme und das freundlichste Interesse an der genannten Person eingeben konnte, und hoffte da- durch die schcelsüchtige Schwägerin wieder zu kleinen gehässigen Indiskretionen zu reizen. „Danke der gütigen Nachfrage/' antwortete Ritter geschmeichelt. „Sie ist, Gott sei Dank, wohlauf. Hat gerade einige Geschäftsgänge in der Stadt zu besorgen." Frau Ritter lachte höhnisch. „Die Geschäftsgänge sind in der letzteren Zeit sehr häufig geworden," warf sie ein. „Seit sie die Ponyfransen trägt, hat sie allerlei in der Stadt zu thun und geht nur noch in ihrem besten Sonntagsstaate aus, nachdem sie sich vorher zehnmal im Spiegel besehen hat." „Ei, Du mein Himmel!" versetzte der Gärtner entschuldigend, „laß vem Mädchen doch ihre kleinen Eitelkeiten. Sie will sich ein Bischen sehen lassen." „Oder sich im Englischen vervollkommnen," verbesserte Frau Ritter boshaft. „Haha!" fügte Sophie mit gehobener Stimme hinzu, „Anna würde uns ganz gewiß sagen können, wohin wir die Fächcrpalmen zu schicken hätten!" Der Gärtner ward hochroth im Gesicht. „Schäme Dich, Sophie, meiner Schwester so etwas nachzusagen," verwies er der Frau mit zürnender Sanftmuth, „Anna wird sich nie herabwürdigen, die Wohnung eines Herrn zu betreten!" „Das will ich auch nicht gesagt haben," entgegnete Sophie spöttisch, „es gibt ja andere Orte, Promenaden, Kaffeegärten und dergleichen, wo man Herzensergieß- ungen austauschen kann " . r . Doktor Volkmar bezahlte seine Einkäufe, gab die frühere Adresse an, an welche sie abzuliefern waren, und schied mit dem Versprechen, bald wiederzukommen. Wenn der von Haß und Mißtrauen geschärfte weibliche Scharsblick der Gärtnersfrau nicht trog, so hatte sich also zwischen Anna und dem Engländer, der nun mit der Person Jmhoff's identisch erschien, ein Verhältniß angesponnen. Warum setzte er diese Tändelei fort? Gehörte er zu Jenen, die ohne Frauen nicht leben können, und war ihm Anna ein willkommenes Liebesabenteuer? Oder fürchtete er, mit ihr zu brechen, fürchtete er die Rache des feurigen Mädchens, welches ebenso leidenschaftlich hassen als lieben konnte? War sie in sein Verbrechen etwa eingeweiht? Nein, das glaubte Volkmar nicht. Sie war nur ein willenloses Werkzeug gewesen; der hübsche gewandte Mann hatte schnell und leicht das Herz der Heirathslustigen gewonnen und ihre Zunge entsiegelt, — das war Alles. Vielleicht wünschte er nur die über sie erlangte Macht zu benutzen, um sich an gefährlicher Stelle eine zuverlässige Freundin zu erhalten, durch welche er über die Vorgänge im Hause der Ermordeten fortdauernd unterrichtet blieb, und die ihn vielleicht vor drohender Gefahr warnen konnte, indem er sie geschickt auszuforschen verstand.- Bei alledem aber ließ sich schwer erklären, was den muthmaßlichen Mörder so lange in dieser Stadt festhalten konnte, die doch für ihn ein so heißer Boden war. Der Zweck seiner entsetzlichen That war verfehlt; er hatte bei seinem Opfer nicht die erhofften Schätze gefunden. Sann er etwa auf neue Verbrechen? Was hatte er nach vollbrachtem Morde bei Schönaich gewollt? Warum war er nicht wiedergekommen? Fürchtete er in diesem Hause Herrn von Harnisch zu begegnen? Doch all diese Fragen waren jetzt nur nebensächlicher Natur; zunächst kam es darauf an, die ungreifbare Schattengestalt Jmhoff's mit fester Hand zu fassen. Wie war ihm beizukommen, ohne daß die amtlichen Sicherheitsorgane in Bewegung gesetzt werden mußten, welche durch rücksichtsloses, rauhes Eingreifen leicht mehr verderben als nützen konnten? Nein, noch war er nicht reif für die Staatsanwaltschaft; ihn für diese zuzurichten, ihn als entscheidenden Trumpf in Schönaich's Prozesse ausspielen zu können, war Volkmar's Aufgabe. Wo der Mörder sich vielleicht am sichersten glaubte, sah Volkmar seine schwache Stelle: in Anna Ritter. Sie war die Schlinge, in der er gefangen werden mußte, und um die Wege hierzu zu ebnen, war es nöthig, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, ob das Liebesverhältniß wirklich bestand, welches Frau Ritter argwöhnte. Wenn Beide sich heimlich Rendezvous gaben, so mußten sie sich über Ort und Zeit verständigen. Das konnte durch Verabredung von einer Zusammenkunft zur andern geschehen; verfehlten sie sich aber einmal, so war der Kontakt zwischen ihnen aufgehoben, und für solche Fälle mußten sie über ein Verbindungsmittel verfügen, um den Faden wieder anzuknüpfen. Das war durch Briefe möglich, aber eine solche Korrespondenz wäre jedenfalls dem Argusauge Frau Ritters nicht entgangen. Wo derartige Hindernisse obwalten, sind Bestellungen in öffentlichen Blättern, unter verstohlenen Chiffren mas- kirt, ein beliebtes und einfaches Auskunftsmittel. Vielleicht traf dies auch hier zu. Volkmar erinnerte sich, in der Hand des Gärtners, als er denselben begrüßte, den „Generalanzeiger" gesehen zu haben, das in keinem Hause fehlende Hauptannoncenblatt der Stadt, die Börse des Klatsches, der Vcrcinigungspunkt aller Privatinter- essen, welche durch Druckerschwärze sich dem Auge zu Präsentiren trachteten, das nach ihnen suchte. Auch Volkmar hielt dieses Blatt, bekam es aber selten zu Gesicht, da es meist nur unter seinem Bureaupersonal zirkulirte. Heute ließ er es sich sofort geben, um die beliebte, den Annoncentheil beschließende Rubrik zu studiren, in welcher sich allerlei delikate persönliche Verhältnisse wieder- spiegelten. Da warnte ein Mann vor seiner Frau, die auf seinen Namen Schulden machte. — Der „wohlbekannte Herr," welcher einen neuen Hut an sich genommen und dafür seine eigene schäbige Kopfbedeckung zurückgelassen hatte, wurde zum sofortigen Umtausch aufgefordert, widrigenfalls man seinen Namen der Oeffent- lichkeit zu übergeben drohte. Frau X. nahm die Beleidigung znrück, die sie gegen Herrn I. ausgesprochen hatte. — Dem dicken August brachten seine Freunde zu seinem heutigen Geburtstage ein donnerndes Hoch, daß die ganze Schloßstraße wackelte. — „Ein Brief liegt postlagernd bereit unter der angegebenen Adresse," verständigte „Amanda E . . ." einen unbenannten, sehnsüchtig harrenden Verehrer. Eine Einladung zu einem Stelldichein befand sich heute aber nicht unter diesen interessanten Inseraten. Während das zuletzt gelesene derselben: „Ein Brief liegt postlagernd bereit," dem Rechtsgelehrten fortwährend noch wie eine Melodie, die man trotz ihrer Abgeschmacktheit nicht los werden kann, in den Ohren summte, begab er sich auf den Weg nach dem nahen Hauptpostamte, um ein wichtiges Schreiben aufzugeben, dessen Besorgung er aus besonderen Gründen keinem seiner Leute vertrauen wollte. Als er in den weiten, von einem geschäftigen Publikum belebten Hallen an dem großen Schalterfenster 71 vorüberkam, welches eine Überschrift als Ausgabestelle für postlagernde Briefe bezeichnete, mußte er unwillkürlich daran denken, daß auch Amanda's Brief hier bereit liege. Aber das Lächeln, welches diesen müßigen Gedanken begleitet hatte, verschwand plötzlich und sinnend blieb er vor dem Schalter stehen. Wie es häufig zu geschehen pflegt, daß ein unbedeutender äußerer Anlaß wie mit einem Zauberschlage eine Jdeenverkettung hervorruft, auf welche das tiefste logische Nachdenken nicht führen würde, so hatte Amanda's Brief und der Schalter für postlagernd anlangende Sendungen plötzlich auf einen verwandten Gedanken geleitet. Er frug sich, ob nicht Jmhoff oder seine Frau in New-Aork Freunde oder Bekannte zurückgelassen haben sollten, die ihnen aus irgend einem Anlaß schreiben könnten. Wenn Beide für diesen Fall Vorsorge getroffen hatten, so konnten sie sich die Mittheilungen ihrer Correspondenzen nur postlagernd bestellt haben, denn Jmhoff für seine Person wäre nicht in der Lage gewesen, sich Briefe unter ihrem Fraueunamen in die Wohnung ihrer Tante bringen zu lassen, da sie derselben ihre Heirath verschwiegen hatte, Ein solcher Brief, gleichviel, ob an Jmhoff oder an seine Frau gerichtet, konnte Beziehungen erschließen, die demNechtsgelehrten vielleicht wichtiges Material lieferten. Obwohl er zweifelte, daß Jmhoff, wenn er postlagernde Correspondenzen zu erwarten hatte, dieselben noch nicht abgeholt haben sollte, trat er dennoch an den Schalter heran und frug, ob vielleicht Briefe für Herrn oder Frau Jmhoff da seien. Der Beamte griff in eines der nach dem Alphabet geordneten Fächer, nahm einen Stoß Briefe heraus und ließ dieselben mit gewandtem Fingergriff Revue passiren, warf dabei zwei bei Seite und reichte diese, nachdem er die übrigen wieder in das Fach zurückgelegt hatte, dem Nechtsgelehrten mit den Worten dar: „An Frau Erika Jmhoff." Volkmar betrachtete die Briefe. Die Adresse beider zeigte die gleiche Handschrift, der Poststempel war London und beinahe drei Wochen alt, der eine Brief war nur einen Tag später als der andere aufgegeben worden. Jmhoff selbst hatte also keine Briefe zu erwarten und wußte wohl auch nicht um die Correspondenz seiner Frau, sonst würde er längst schon nachgefragt haben, und bei dieser Gelegenheit würden ihm auch die beiden Briefe an die letztere ausgehändigt worden sein. Volkmar fühlte sich nicht berufen, die Briefe an sich zu nehmen, aber als die nächste Verwandte der verstorbenen 'Adressatin besaß Siglinde Anspruch darauf. Er gab sie dem Postbeamten zurück mit dem Bemerken, daß er vorläufig nur habe nachfragen wollen und daß die Dame, welche das Recht zur Erhebung der Briefe habe, selbst kommen werde. Adolf K'Arronge. In sein Bureau zurückgekehrt, unterrichtete er durch einige Zeilen Siglinde sogleich von seinem Funde auf dem Postamte und bat sie, die beiden Briefe persönlich abzuholen und ihm von deren Inhalte, falls derselbe für die schwebende Frage von Bedeutung sei, Mittheilung zu machen. Em Tag nach dem andern verging jedoch, ohne daß Siglinde auch nur ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, und so nahm er an, daß die Briefe ohne Wichtigkeit gewesen seien. Inzwischen studirte Volkmar jeden Morgen den „Generalanzeiger", wobei ihm eines Tages in der bewußten Rubrik folgende Zeilen in die Augen fielen: „LrnAdt. — Gestern vergeblich gewartet! — 6 Uhr Kleist-Breitestraße." war ein englisches Wort und hieß zu deutsch „Ritter." Das war sehr vorsichtig, aber für einen argwöhnischen Advokaten, wie Volkmar, verdächtig genug, denn er bezog das maskirende Wort sogleich auf Anna Ritter. Kleist-Breite- straße war eine Ecke, an welcher sich, wie Volkmar sich erinnerte, eine Haltestelle der Pferdeeisenbahn befand. Da als Zeit der Zusammenkunft schlechthin nur diesechste Stunde angegeben war, so ließ sich annehmen, daß diese Bezeichnung für den Tag galt, an dem der Generalanzeiger erschien, im vorliegenden Falle also für den heutigen. Befand sich Volkmar auf der richtigen Fährte, hatte er wirklich die vermuthete Geheimcorrespon- denz entdeckt, so war die größte Vorsicht geboten, um in den Beiden keinen Argwohn zu erwecken. Daher hielt er es auch nicht für gerathen, in der Expedition des Blattes nach dem Aufgeber des Inserats Erkundigungen einzuziehen, von denen er sich ohnehin keinen Erfolg versprach, da zu derartigen diskreten Geschäften doch in den meisten Fällen sogenannte Dienstmänner als Mittelspersonen verwendet zu werden pflegen. Ebenso gewagt schien es ihm, sich persönlich an dem Orte des Stelldicheins blicken zu lassen, denn leicht konnte ihn Anna wiedererkennen, und war er ihr bis jetzt auch als harmlos, vielleicht als ein neugieriger Schwätzer erschienen, so konnte sie doch leicht auf den mißtrauischen Gedanken kommen, daß diese Begegnung kein Zufall sei, und ihm war alsdann das Spiel verdorben. Volkmar griff daher zu einem anderen Auskunftsmittel. Er begab sich zwischen der sechsten und siebenten Stunde in die Gärtnerei, und wie er vorausgesehen hatte, erfuhr er auf sein Befragen nach Anna, daß diese nicht zu Hause sei. ! Diese Abwesenheit um dieselbe Zeit, welche im Jn- j serate als Stunde des Rendezvous angegeben war, konnte ! sozusagen als Probe gelten, daß Volkmar's Rechnung 72 stimmte, und daß er Anna's Jucognito unter der Firma „ivmAlit" wirklich entdeckt hatte. War hierüber -noch ein Zweifel zulässig, so wurde dieser gelöst, als einige Tage später der Generalanzeiger unter derselben Chiffre abermals eine Bestellung zu einer Zusammenkunft brachte und Bolkmar sich auch diesmal von Anna's Abwesenheit um die bestimmte Stunde bei ihren Verwandten persönlich überzeugte. „Xnixlrt" — Dringend! — 4 Uhr. — Königs- Platz-Johannesstraße," hatte dieser Avis gelautet und Volkmar hatte sich auf dem Rückwege von der Gärtnerei vergewissert, daß auch diese Straßenecke, wie die vorige, ein Hauptplatz der Pferdeeisenbahn war, woraus sich schließen ließ, daß Beide vom Orte des Zusammentreffens aus gemeinsam Excursionen machten, um sich an einem geeigneten Ziele derselben, wo sie ungestört waren, gegenseitig auszusprechen. Bald, nachdem Volkmar von diesem Gange zurückgekehrt war, erschien Siglinde bei ihm. Seit er ihr jene Zeilen wegen der beiden postlagernden Briefe geschrieben, waren fast vierzehn Tage vergangen. Er erschrak über ihren Anblick. „Was ist Ihnen, Fräulein Siglinde?" frug er- betroffen. „Sie sehen bleich und angegriffen aus!" „Ich war krank," gab sie zur Antwort, „der Arzt § befürchtete ein Nervenfieber, aber Dank meiner kräftigen Natur ging diese Gefahr vorüber." „Ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen zu Ihrer Wiedergenesung," sagte Volkmar mit warmer Theilnahme. „Ein Wunder ist es nicht, daß so harte Lebensprüfungen, wie sie Schlag auf Schlag das Schicksal über Sie verhängt hat, endlich selbst die festeste Gesundheit erschüttern." „Als ich Ihre freundlichen Zeilen erhielt, war ich bereits bettlägerig," erzählte Siglinde. „Erst gestern war es mir gestattet, wieder auszugehen. Mein erster Gang war nach dem Postamte, wo ich die beiden Briefe an meine Schwester erhob." „Nun, und ist der Inhalt von Wichtigkeit?" frug der Advokat gespannt. „Für die Sache meines Vaters wohl kaum, für mich persönlich aber um so mehr. Ich nahm an, daß die Ehe meiner Schwester kinderlos geblieben sei; aus diesen Briefen geht aber hervor, daß ein dreijähriges Töchterchen vorhanden ist, welches die Eltern mit nach Europa gebracht und, da es ihnen hier begreiflicher Weise im Wege gewesen wäre, in London bei einer Dame in Pension gegeben haben. Von dieser Dame, die sich Frau Webster nennt, sind die beiden Briefe. In dem ersten, der von dem gleichen Tage datirt, wo meine arme Schwester ertrank, schreibt Frau Webster, daß das Kind in der vergangenen Nacht erkrankt sei, und daß der Arzt befürchte, es könne sich Diphtheritis einstellen. In dem zweiten Briefe, der am Tage darauf geschrieben wurde, theilt Frau Webster mit, es sei bei Jenny — so heißt das Kind — unerwartet eine wesentliche Besserung eingetreten, welche baldige Genesung hoffen lasse. Wenn sich das Befinden der Kleinen nicht verschlimmert, werde kein weiterer Brief folgen. Da seitdem mehrere Wochen vergangen sind und nur diese beiden Briefe da waren, so darf ich um die Gesundheit meiner kleinen, mutterlosen Nichte wohl unbesorgt sein. Der Gatte meiner Schwester — nur mit Widerstreben nenne ich ihn so — scheint keine Kenntniß davon gehabt zu haben, daß Erika für unvorhergesehene Fälle Frau Webster vorsorglich eine vorläufige Adresse zurückließ, sonst würde er doch schon längst selbst auf der Post nachgefragt haben. „Der Meinung bin ich ebenfalls," nickte Volkmar, „was mir aber am meisten auffällt, ist, daß Herr von Harnisch des Kindes mit keiner Silbe Erwähnung gethan hat. Unmöglich kann ihm doch während der langen Seereise und bei seinem vertrauten Verkehr mit Ihrer Frau Schwester entgangen sein, daß sie ein Töchterchen bei sich hatte." „Das war auch mir räthselhaft," entgegnete Siglinde, „und deßhalb schickte ich gestern, nachdem ich von dem Inhalte der Briefe Kenntniß genommen, mein Mädchen sogleich nach seinem Hotel und ließ ihn um seinen baldigen Besuch bitten. Er kam noch an demselben Vormittage." „Sie sprachen ihn also bereits darüber?" frug der Rechtsgelehrte aufmerksam. „Nun, und wie erklärte er jenen seltsamen Widerspruch?" „Allerdings habe er um das Kind gewußt, gestand er mir. Er ist im Ungewissen gewesen, ob das Kind sich auch mit auf dem „NominA-star« befunden, habe dies aber als selbstverständlich angenommen, und da er es mit der Mutter ertrunken glaubte, habe er dasselbe lieber gar nicht erwähnt, um meinen Schmerz nicht zu vermehren." „Auch nach meinem Gefühle war dies das einzig Nichtige, was er unter den obwaltenden Verhältnissen thun konnte," sagte Volkmar mit zustimmendem Kopfnicken. „Es ist mein fester Entschluß," fuhr Siglinde fort, „das Töchterchen meiner Schwester als das theuerste Andenken an die arme Unglückliche zu mir zu nehmen. In längstens acht Tagen hoffe ich wieder so weit gekräftigt zu sein, um die Reise nach London wagen zu können und das kleine unschuldige Wesen abzuholen." „Weiß Herr von Harnisch um Ihre Absicht?" frug Volkmar. „Ich habe ihm kein Hehl daraus gemacht," antwortete Siglinde; „sollte es zwischen ihm und mir zum Eheschluß kommen, sagte ich ihm, so werde er sich neben der Million meiner Tante auch die ihm vielleicht weniger angenehme Mitgift eines fremden Kindes gefallen lassen müssen." „Und wie nahm er diese Eröffnung auf?" „Er erklärte sich mit Freuden bereit, Jenny an Kindesstatt zu adoptiren ..." (Fortsetzung folgt.) -»—j—v-i—- Scheidensgkocke. Klagend schallt die Scheidensglocke In mein stilles, kleines Zimmer, Sagt mir, daß ein Herz verlassen Gottes schöne Welt für immer. War's ein Herz, das schmerzbeladen Gerne heim zum Frieden ging, Oder war's ein Herz, das ängstlich An des Lebens Gütern hing? Beiden wünsch' ich jene Ruhe, Die auf Erden niemals ist, Die nur wohnt in Himmelsauen, Wo uns Gottes Antlitz grüßt. Max Malber. - ^ s^WMF ^ W W T KGi Ä H" : xX MM ^ ^ MML ^ - Schwarz und Weitz. Nach dcm Gemälde von E. Jeanmatre. 74 Gebrtmaschinen der Tibeter. (Hiezu die Bilder auf Seite 74 und 75 ) Im Süden des großen Hochlandes von Hinteraßen, zwischen dem Himalayagebiet, dem Küen-lün und dem chinesischen Alpenlande liegt Tibet. Die auf etwa sechs Millionen Seelen zu schätzende Bevölkerung dieses 30,654 Quadratmeilen umfassenden Gebietes setzt sich aus den Tibetern und verschiedenen andern mongolischen Völkern, aus Türken, Kirgisen, Mohammedanern, Chinesen und Jndiern zusammen. Der eigentliche Tibeter bekennt sich zu einer Abart der buddhistischen Glaubenslehre, zu dem Lamaismus. Lama, d. h. einer, der keinen über sich hat, ist der stolze Titel, den sich die Priester und namentlich die Klosteräbte der Tibeter, Mongolen und Kalmücken beigelegt haben, dessen vollgültige Anerkennung die zahllehnen, der allein die guten Götter gnädig zu stimmen, die bösen Geister zu versöhnen und zu bändigen, Krankheit und Siechthum zu bannen, die Zukunft vorauszusehen und zu gestalten versteht. Der Lama kennt seine Leute; er hängt seinen Gewaltthätigkeiten und Ausschweifungen das Mäntelchen der Heiligkeit um und ist sicher, seinen Tribut unangefochten erheben zu können. Opfer und Gebet sind der Weg zur Gnade der Götter und Geister, in der Hand der Priester liegt die Ueber- mittlung. Der wackere Lama hat das Gelübde abgelegt, nur von Almosen zu leben, und es wird ihm Niemand nachreden können, daß er dieses Gelöbniß nicht treulich erfülle. Er sammelt gewissenhaft sein Almosen an Geist, an Körper und an Gut; daß die frommen Gläubigen ihn mit ihren Gaben überladen, ist fürwahr nicht seincSchuld. MW 4 «^ Gcbelmaschinen der Tibeter: losen Vertreter des geistlichen Standes eifersüchtig überwachen. Der Lama ist der alleinige Inhaber und Lehrer der Weisheit, in seinen Glaubenssätzen liegt der Grund aller Wissenschaft. Mit der buddhistischen Heiligenlehre hat der Lamaismus die Verehrung zahlreicher Götter und Geister guter und schlimmer Art verbunden und damit seinen Priestern, den Vermittlern zwischen den übersinnlichen Wesen und dem Menschen, eine Macht verliehen, deren Einfluß sich kein Gläubiger zu entziehen vermag. Mit fanatischem Eifer verfolgt der Lama jeden Abtrünnigen, durch geschickte Gaukeleien weiß er die Gläubigen anzufeuern und zu blinder Verehrung hinzureißen. Der Tibeter, dessen Hauptcharakterzüge kriechende Unterwürfigkeit gegen den Mächtigen und rohe Gewaltthätigkeit gegen den Schwachen bilden, ist nicht der Mann dazu, sich wider den aufzu- Tempelvorhalle mit Gebetcylindern. ! Neben den Opfern und Almosen nimmt das Gebet die wichtigste Stelle ein. Es übt eine mächtige Wirkung, eine geradezu magische Gewalt auf die Gottheiten aus, vorausgesetzt, daß es in richtiger Form dargebracht wird. Ja, die richtige Form! wer hilft da aus der Noth? Wer anders als der gelehrte Lama, der sein ganzes Leben dem Dienste der Götter geweiht, der den Geschmack der Geister erforscht hat. Will man sich nicht der Gefahr aussetzen, statt Segen Fluch herabzubeten, was bei der Empfindlichkeit der Gottheiten durch einen kleinen Verstoß gegen das Ceremoniell geschehen kann, so muß man sich unter den bewährten Beistand des erfahrenen Lama begeben. Thut mon dieß, so kann der erwünschte Erfolg nicht ausbleiben, vorausgesetzt daß derselbe nicht durch eigene Unachtsamkeit verscherzt wird. Der Lama ist keinesfalls an einem etwaigen Mißerfolg schuld, denn sein Rath ent- 75 springt der direkten Eingebung der Götter, mit welchen er fortgesetzt in innigstem Rapport steht. Diesen Rapport unterhält er durch ununterbrochenes Beten. Da nun aber diese Gegenleistung für die Gnade und die Gewogenheit der Ueber- und Unterirdischen vom Standpunkt der Bequemlichkeit aus betrachtet — und der heilige Lama ist durchaus nicht abgeneigt, die Berechtigung dieses Standpunkts anzuerkennen — trotz gewohnheitsmäßiger Ausübung ein mühseliges Stück Arbeit bleibt, so ist der weise Priester auf ein äußerst sinnreiches Aushilfsmittel verfallen, auf die Gebetmaschinen. Der Gottheit, so sagt der erleuchtete Lama, kommt es im Grunde genommen nur darauf an, daß man ihr durch Darbringung der vorschriftsmäßigen Gebetsformel seine Verehrung erweist. Ob sich nun diese Verehrung durchBewegung derLip- pen oder durch einen mechanischen Ersatz dieser Bewegung dokumen- tirt,ist denUnsterblichen einerlei. Ja, die Göttlichen werden diesen Ersatz sogar mit ganz besonderem Wohlgefallen begrüßen, da ein Mechanismus in der kor- rektenWiederholung des Gebets unstreitig um ein Bedeutendes mehr zu leisten vermag als ein Paar Meuschenlip- pen. Die Gläubigen lauschen andachtsvoll der Botschaft des heiligen Mannes. Die Lehre muß den Göttern wohlgefällig sein, da sie dem Munde des Gerechten gestatten, sie zu verkünden. Gut! Der Lama geht ans Werk. Er schnitzt die Gebetsformel: Ow, muui packms! chum! (Das Kleinod im Lotus, Amen!) in Holzblöcke ein und druckt dasselbe mittels dieser „Holzschnitte" und rother Farbe unzähligemal auf lange Papierstreifen ab. Diese wickelt er sodann um eine enge Röhre und überzieht, wenn der Wickel die genügende Stärke erreicht hat, denselben mit einer Hülle von Leder, Holz oder Metall. Nun wird noch eine Achse mit hölzernem Griff in die ! Röhre gesteckt, ein kleines Gewicht an den Cylinder gehängt und die Maschine, von den Tibetern Gesetzesoder Religionsrad (1«osto8irllor) genannt, ist zum Gebrauche fertig. Der Beter hat nur den Gebetcylinder durch eine leichte Handbewegung in Drehung zu erhalten, um den geehrten Gottheiten die wohlgefällige Formel myriadenmal vorzubeten, denn jede Umdrehung der Walze befördert den ganzen in derselben aufgespeicherten Gebetsvorrath an deren geschätzte Adresse. Es ist bei dieser frommen Verrichtung nur auf zwei Dinge zu Gebelmaschinen der Tibeler: Gcbetmühle. achten: erstens darf die Drehung nur von rechts nach links erfolgen und zweitens muß solange gedreht werden, bis die angeflehte Gottheit befriedigt ist. Die entgegengesetzte Umdrehung würde den Segen in Fluch verwandeln, das zu frühzeitige Einstellen des Gebets hätte den Zorn der Götter, die Nichterfüllung der Wünsche des Beters zur Folge. Der letztere hat nun allerdings keine Kontrolle dafür, ob er den Göttern Genüge gethan, bevor ihn der Erfolg dafür belehrt, der kluge Lama jedoch und sein vortrefflichis Instrument sind für alle Fälle gegen den Vorwurf des Betrugs und der Untaug- lichkeit gesichert. Diese einfachste Art der Gebetmaschinen erfreut sich im Lande Tibet großer Beliebtheit und allgemeiner Verbreitung. Jeder gläubige Lamait führt wo er steht und geht das fromme Werkzeug mit sich und sorgt so seinestheils dafür, daß es den Göttern nicht an der schuldigen Verehrung und den braven Priestern nie am nöthigen Absatz fehlt. Besonders vorsichtige Leute ziehen den eben beschriebenen einfachen die doppelten Bet- maschinen vor, die aus zwei Cylindern bestehen, von welchen der kleinere mitGebetzetteln für die guten,der größere mit solchen für die bösen Geister angefüllt sind. „Dem Teufel muß man zwei Lichter anzünden", das Sprichwort steht auch bei den Tibetern in Achtung, wie man sieht. Außer diesenTaschen- exemplaren trifft man in den Tempeln der Lamaiten eine Menge größerer Gebetcyliuder von halber Mannshöhe bis zu 3 Meter Höhe an. Sie stehen mit ihren Achsensenkrechtzwischen zwei Querbalken und werden entweder direkt mit der Hand oder vermittelst einer Kurbel mit Transmission in Bewegung gesetzt. Diese Maschinen zeigen theils dieselbe Einrichtung wie die kleinen, theils sind sie so konstruirt, daß zwei in einiger Entfernung von einander angebrachte Walzen durch einen langen Papierstreifen verbunden sind, der sich beim Drehen von der einen Rolle auf die andere aufwickelt. Häufig sind an diesen großen Cylindern kurze Stäbchen angebracht, welche bei jeder Umdrehung an kleine Glocken anschlagen und so die Aufmerksamkeit der Götter in äußerst zweckmäßiger Weise auf den frommen Beter lenken. So raffinirt und leistungsfähig diese Maschinerien zur massenhaften Verrichtung des Gebets durch Handbetrieb sind, der Tibeter hat sich nicht mit ihnen begnügt. Wenn 76 es ihm seine Mittel erlauben, setzt er seine Gebetcylinder mit einem Wind- oder Wasserrade in Verbindung und läßt durch dieses sinnreiche Mühlwerk den Verkehr mit den Göttern in der bequemsten und ausgiebigsten Weise besorgen. In beschaulicher Ruhe sieht der Glückliche auf das Werk der willig frohnenden Naturkräfte, die da den Weizen seiner irdischen und himmlischen Seligkeit mahlen und ihn in den friedlichen Schlummer des Gerechten klappern. Um den Gläubigen noch weitere Gelegenheit zu geben, seine Andacht zu verrichten, sind an den Straßen hohe Säulen aufgestellt, an welchen kleine, mit der Gebetsformel beschriebene Räder angebracht sind. Außer diesen Säulen findet man, meist in der Nähe von Quellen und kleineren Kapellen, riesige Stangen, welche an ihrer Spitze breite Papierlampions und darunter lange schmale Flaggen aus weißem mit der Gebetsformel bemaltem Baumwollstoff tragen, die fortwährend vom Winde bewegt Tag und Nacht für das Wohl der braven Tibeter beten. .-Ss-A-8-e-- Zu unseren Bildern. Adolf L'Arronge kennt wohl jeder Theaterbesucher. „Mein Leopold", „Hasemann's Töchter", „Doctor Klaus" rc. find Repertoirestücke aller guten Bübnen. Und doch war L'Arronge ursprünglich nicht zum Dramatiker bestimmt. Sein Vater war der Theaterdirektor und Schauspieler E. Th. L'Arronge in Hamburg. Derselbe schickte seinen am 8. März 1838 geborenen Sohn auf das Leipziger Konservatorium, und Adolf war so glücklich, alsbald als Theater- Capellmeister in Köln, Königsberg, Würzburg, Stuttgart u'w. sein Können verwerthen zu dürfen. 1866 übernahm er die Direktion der Kroll'schen Oper in Berlin und schrieb hier seine erste Posse „Das große Loos". L'Arronge leitete auch eine Zeit lang die „Berliner Gerichtszeitung", zog dann nachmals nach Breslau und lebt seit 1878 in Berlin. Von seinen zahlreichen Theaterstücken ist das Volksstück „Mein Leopold" das bekannteste. Schwarz und Weiß. Der schwarze Geselle auf unserm Bilde, der junge Kaminfeger, ist doch ein recht übermüthiger Bursche. Der Konditor- lehrling mit der frischgebackenen Torte scheint ihm just zu gelegener Zeit in die Quere gekommen zu sein! Was thut der Spaßvogel nicht? Schnell fährt er mit dem rußigen Finger in das süße Gebäckwerk; der propre Junge mit dem Milchgesicht ist darob nicht wenig erbost; fast möchte er dem Bösewicht Eins versetzen! Wie der „Kameruner" lachen kann, während der „Weiße" schier Thränen vergießen will ob der erlittenen Unbill. - Allerlei. Ueber die Behandlung der Seekrankheit giebt die soeben zur Ausgabe gelangte Sanitätsordnung für die deutsche Kriegsmarine folgende Vorschriften: „In den meisten Fällen wird die Seekrankheit allmählich durch Gewöhnung überwunden, bei schwächlicher Körperanlage und bei vorhandenen Organleiden des Magens können jedoch durch schwere Verdauungsstörungen und das heftige unstillbare Erbrechen bedenkliche Zustände herbeigeführt werden. Zur Vorbeugung empfiehlt sich der anhaltende Aufenthalt auf Oberdeck, besonders mitschiffs, und die fortgesetzte Thätigkeit in frischer Luft unter Anspannung der Willenskraft, auch der Genuß von kleinen Mengen leicht verdaulicher Nahrungsmittel und von Alkohol ist trotz des bestehenden Widerwillens zweckmäßig. In schweren Fällen ist die Rückenlage am besten in der Hängematte und bei geschlossenen Augen dienlich, bis größere Gewöhnung oder mäßigere Bewegung des Schiffes eingetreten ist. Gegen das anhaltende heftige Erbrechen erweisen sich Eis, geeiste Getränke (Selterswasser mit Kognak) und narkotische Mittel als zweckdienlich." * Gladstone ist stets stolz auf seine rein schottische Abstammung gewesen. Aber selbst seinen eifrigsten Verehrern war es neu, daß der greise Staatsmann von niemand Geringerem abstammt, als von dem von Macbeth ermordeten schottischen König Duncan. Die Kunde kommt von dem schottischen Städtchen Dingwall, dem Geburtsort der Mutter Gladstones, das den Premier zum Ehrenbürger ernannt hat. Gladstone stammt nämlich nur mütterlicherseits von Duncan. Die Hochlandfamilie Robertson — die Gladstone's waren eine Unterlandfamilie — ist eigentlich der Clan Donachie und dieser stammt von Duncan, durch den Sohn des letzten keltischen Earls von Atholl. Der Dingwaller Genealoge sagt sogar, daß Gladstone nicht nur von der älteren Linie der schottischen Monarchen, sondern von den berühmtesten und mächtigsten alten keltischen Fürsten, den Lords von Kintail und Eilean Douan, seine Herkunft ableiten könne. * Die Kaiserin von China hat eine lang andauernde Krankheit überstanden, dabei wurde sie von nicht weniger als 423 Aerzten behandelt, welche, wie das Pekinger Amtsblatt berichtet; mit reichen Geschenken bedacht wurden. Diese Krankheit der Kaiserin rief bei den Alt-Chinesen Aussprüche des blödesten Aberglaubens hervor. Sie behaupteten nämlich: „Die lange Dauer der Krankheit Ihrer Majestät der Kaiserin habe die Eisenbahn verschuldet, deren „Rauch und Lärm die Götter höchst unangenehm berühre." Diesem Aberglauben trat nun ein Regierungs-Erlaß entgegen, darinnen wohl dem Buddha Wisch nu für die Genesung der Kaiserin gedankt, zugleich aber auch ausgesprochen ist, — „daß die Fortschritte der Wissenschaft dem Wohle des Reiches keineswegs zum Schaden gereichen." --«-v-cs- Schachaufgabe. Von I. Plachutta. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. Auflösung des Bilder-Rätbsels in Nr. 9: » Folterkammer. Auflösung des Logvgryphs in Nr. 10: Ast, Mast, Last, Last, Rast, Hast, Gast. -—-i-888-i—-- 12. Ireilag, den 9. Februar L894ä Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg (Vorbegtzer vr. Max Huttlcr). Auf verwegener ISahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Etwa acht Tage nach diesem Besuche SIglindens hatte diese sich von Volkmar verabschiedet und die Reise nach London angetreten, um ihre kleine Nichte abzuholen. Herr von Harnisch war wiederholt dagewesen, ohne den viel beschäftigten Advokaten zu Hause zu treffen, doch stellte sich, als dieser ihn deshalb endlich in feinem Hotel aufsuchte, heraus, daß er nichts Besonderes auf dem Herzen hatte, sondern nur ungeduldig war, zu erfahren, ob Volkmar auf Grund des ihm an die Hand gegebenen Materials schon Resultate erzielt habe. Der Nechts- gelehrte, welcher, wie wir wissen, Niemanden in seine Karten blicken ließ, antwortete ausweichend und wies darauf hin, daß bis zur nächsten Schwurgerichtsperiode, wo der Proceß Schönaich zur Verhandlung kommen sollte, noch vollauf Zeit sei. Inzwischen ließ er sich keine Nummer des Generalanzeigers entgehen, denn so bald die bekannte Chiffre wieder darin erscheinen werde, wollte er einen entscheidenden Schritt thun. Es war in der Geheimcorrcspondenz eine auffallend lange Pause eingetreten und bereits begann dieselbe dem Advokaten peinlich zu werden, als endlich, kaum acht Tage nach Sig- lindens Abreise, das ersehnte Stichwort wieder vor Volkmar's suchendem Auge auftauchte. Der geheimnißvolle Avis, der sich an diese Losung schloß, lautete diesmal folgendermaßen: ' „Bin wieder zurück. Alles gut. — 2 Uhr, Kleist- Breitestraße." Also eine Abwesenheit war die Ursache der langen Pause gewesen; da zu vermuthen stand, daß die Parole „Lui^stt" beiden Interessenten als gegenseitiges Erkennungszeichen diente, so blieb die Frage offen, wer der anwesend gewesene Theil war, ob Anna oder ihr Galan. Doch dies war für den Augenblick von untergeordneter Bedeutung. Volkmar sandte einen seiner Schreiber in Siglinden's Wohnung und ließ deren Dienerin, Martha, die ihre Herrin nicht auf der Reise begleitet hatte, zu sich bitten. Das Mädchen kam gleichzeitig mit dem zurückkehrenden Boten. Sie wußte, daß Doktor Volkmar die Sache ihres unglücklichen Herrn führte, und dachte sich, daß sie irgend eine damit zusammenhängende wichtige Frage beantworten sollte. „Gewiß erinnern Sie sich noch des fremden Herrn," redete der Advokat sie an, „welcher an dem Tage, wo Herr Schönaich verhaftet wurde, diesen hat sprechen wollen, aber nicht mehr zu Hause antraf." Martha bejahte sehr bestimmt. „Glauben Sie, daß Sie ihn sogleich wiedererkennen würden, wenn Sie ihm auf der Straße begegneten?" „Ei, ganz sicher, Herr Justizrath," nickte Martha, „ja sogar unter tausend Anderen. Wenn ich mit Jemand nur ein einziges Mal gesprochen habe, weiß ich so genau, wie er aussieht, daß ich ihn malen könnte." „Um so besser," bemerkte der Advokat. „Nun geben Sie Acht, was ich Ihnen sagen werde. An der Ecke der Kleist- und Breitestraße befindet sich eine Haltestelle der Pferdccifenbahn. Dorthin begeben Sie sich heute Nachmittag Punkt 2 Uhr, aber keine Minute später. Um diese Zeit werden sich an dieser Ecke ein Herr und eine Dame treffen und wahrscheinlich den nächsten Pferdebahnwagen besteigen. Ueberzeugen Sie sich genau, ob der Herr jener Fremde ist, der ..." „An jenem Unglückstage zu Herrn Schönaich wollte," ergänzte das Mädchen verständnißvoll. „Ganz recht. Damit Sie Ihrer Sache auch sicher sind und Zeit haben, sich den Herrn ordentlich anzusehen, steigen Sie ebenfalls in den Wagen und fahren so weit mit, als Sie es für nöthig halten, um sich gründlich zu überzeugen." „Und die Dame, die mit dem Herrn zusammentreffen wird?" frug Martha, „ist sie groß oder klein?" „Die Dame," antwortete Volkmar, „ist in Ihrer Größe, schlank gewachsen, ohne mager zu sein, nicht mehr ganz jung, aber immerhin hübsch. Ihr Gesicht ist, was man pikant nennt." „Ich verstehe." „Sie hat große, feurige, schwarze Augen und ebenso dunkles Haar, welches sie auf der Stirne genau so trägt, wie Sie das Ihrige. Beobachten Sie das Paar während der Fahrt, lassen Sie sich aber ja nichts davon merken und zeigen Sie namentlich dem Herrn Ihr Gesicht so wenig wie möglich, denn es wäre fatal, wenn er Sie wiedererkennt. Also vorsichtig! hören Sie?" „Seien der Herr Justizrath nur ganz unbesorgt. Wir sind nicht aus Dummsdorf!" entgegnete das Mädchen mit der Keckheit, welche das Bewußtsein einer wichtigen Mission verleiht, und dabei schien, nach ihrem neckischen Mienenspiele zu schließen, plötzlich ein schlauer Einfall in ihr aufgeblitzt zu sein. 78 „Es versteht sich von selbst, daß Sie mit Niemand über die Sache sprechen, sondern das strengste Geheimniß bewahren," fügte der Advokat mit einem so durchbohrenden Blicke auf das Mädchen hinzu, daß dasselbe unwillkürlich einen Schritt zurücktrat und die Hand betheuernd auf's Herz legte. „Sobald Sie Ihren Auftrag ausgeführt haben, kommen Sie wieder zu mir, um mir darüber zu berichten." Nachdem Martha, ganz von der hohen Bedeutung ihrer Mission erfüllt, sich mit einem tiefen Knix empfohlen hatte, gab Volkmar seinen Schreibern Auftrag, ihm das Mädchen, sobald es sich wieder einfinden werde, sogleich zu melden. Um die Nachmittagsstunde, wo er Martha jeden Augenblick von ihrem Unternehmen zurückerwarten durfte, begann sich Volkmar's eine prickelnde Unruhe zu bemächtigen. Von den Lippen eines einfachen Dienstboten sollte er nun hören, ob feine Combinationen richtig waren, ob jener schattenhafte Doppelgänger, nämlich der „Engländer" Anna's und der fremde Besucher Schönaich's, hinter welchem sich nach Harnisch's Ueberzeugung Jmhoff verbarg, sich wirklich als eine und dieselbe Person ausweisen würde, und ob er sich nicht überhaupt durch ein Spiel des Zufalles hatte täuschen lassen, indem er das englische Wort im Generalanzeiger für Anna Nitter's anglisierten Namen hielt und dem Umstände, daß deren zweimalige Abwesenheit sich mit der Stunde des Stelldicheins deckte, allzu großes Gewicht beigelegt hatte. Seine Unruhe nahm derart überhand, daß er keine Aufmerksamkeit mehr für seine Arbeit hatte, sondern oft aufstand, um einige Schritte durch's Zimmer zu machen oder an's Fenster zu treten und an die Scheiben zu trommeln. Da sah er plötzlich draußen eine Droschke vorfahren; neben dem Kutscher auf dem Bock befand sich einNeise- korb, aus dem Innern stieg eine Dame, in welcher er, so rasch und schemenhaft auch ihre Gestalt vor seinem Blicke aufgetaucht und wieder verschwunden war, dennoch Siglinde zu erkennen glaubte. Die Droschke wartete; offenbar kam Siglinde unmittelbar von der Reise und wollte auf dem Wege vom Bahnhöfe nach ihrer Wohnung bet Volkmar vorsprechen. Er ging ihr entgegen, und kaum hatte er die Thür des Vorzimmers geöffnet, als er Siglinde in bestaubter Neisekleidung vor sich sah. Herzlich von ihm Willkommnet, trat sie in das Sprechzimmer. In ihren Mienen drückte sich große Niedergeschlagenheit aus. „Sie kommen, wie es scheint, allein zurück? Ohne das Kind Ihrer Schwester?" frug Volkmar. „Ist der Kleinen etwas zugestoßen?" „Sie ist spurlos verschwunden!" war Siglindens überraschende Antwort. „Verschwunden?!" wiederholte der Rechtsgelehrte erstaunt und betroffen. „Wann ist das geschehen?" „Drei Tage vor meiner Ankunft in London," antwortete Siglinde. „Hat Frau Webster, welcher das Kind anvertraut war, auf Sie den Eindruck einer rechtlichen Person gemacht?" erkundigte sich Volkmar. „In jeder Hinsicht. Ich fand sie noch ganz unter dem Eindrucke des Schreckens und der Bestürzung." „In welchen Beziehungen stand sie zu Ihrer Schwester? War ihr Jenny durch Jmhoff oder durch Ihre Frau Schwester übergeben worden?" „Frau Webster hatte in der Zeitung annoncirt, daß sie ein Kind in Pflege zu nehmen wünsche. Darauf hin meldete sich meine Schwester und vertraute ihr Jenny an. Bei diesem Besuche befand sie sich in Begleitung Jmhoff's. Als sie dann noch einmal kam, um von ihrem Töchterchen Abschied zu nehmen, befand sie sich allein. Bei dieser Gelegenheit trug sie Frau Webster auf, ihr etwaige briefliche Mittheilungen über das Kind vorläufig postlagernd zu machen." „Und auf welche Weise verschwand Jenny ?" forschte der Rechtsgelehrte weiter. „Frau Webster ist eine Witwe, die in ziemlich dürftigen Verhältnissen, zum Theil von Ztmmervermiethcn lebt," erzählte Siglinde. „Eines der Zimmer stand gerade leer und in Folge der an der Hausthüre angehefteten Vermiethungsanzeige fand sich eine Dame ein, miethete ein Zimmer und bezog es noch an demselben Tage. Die Dame war sehr anständig gekleidet und von freundlichem, einnehmendem Wesen; sie zahlte eine halbe Monatsmiethe voraus, daher Frau Webster sich darüber, daß sie kein Gepäck mit sich führte, sondern dasselbe erst erwartete, nicht beunruhigte. Vom ersten Augenblicke an schien die neue Mietherin großes Wohlgefallen an Jenny gefunden zu haben, sie liebkoste das Kind, brachte ihm von ihrem Ausgange kleine Geschenks mit, behielt es stundenlang auf ihrem Zimmer, um mit ihm zu plaudern, und hatte sich schnell auch die Zuneigung des Kindes erworben. Am zweiten Tage bat sie sich von Frau Webster die Erlaubniß aus, Jenny in eine nahegelegene Konditorei zu führen. Frau Webster fand darin nichts Unrechtes, kleidete Jenny an und blickte wohlgefällig dem fröhlich an der Hand der Dame hüpfenden Kinde nach, bis sie Beide in die Konditorei treten sah . . . Die Dame ist mit Jenny nicht wieder zurückgekehrt. In der Konditorei haben sich Beide eine Viertelstunde aufgehalten, und man hat nur noch gesehen, daß die Dame beim Verlassen des Lokals draußen ein vorüberfahrendes Cab anrief, dasselbe mit der Kleinen bestieg und rasch davonfuhr." „Alle polizeilichen Recherchen sind bis jetzt erfolglos geblieben," fuhr Siglinde fort. „Man sagte auf dem Polizeioffice, daß mein längeres Verweilen überflüssig sei, und gab mir die Zusicherung, mich sofort telegraphisch zu benachrichtigen, sobald sich nur eine Spur des Kindes oder seiner Entführerin finden würde." „Haben Sie sich das Aeußere der Dame beschreiben lassen?" frug Volkmar. „Frau Webster hielt sie für eine Ausländerin, da sie das Englische mit fremdem Accent sprach," antwortete Siglinde. „Von Gestalt war sie —" An der Thür des Sprechzimmers wurde ein Klopfen hörbar; ein Schreiber streckte seinen Kopf herein. „Wenn es Ihnen gefällig wäre, Herr Doktor," sagte er. Martha war also zurückgekehrt. Volkmar fühlte sich wie zwischen zwei Kreuzfeuern. Siglinde merkte ihm an, daß er sich in großer Unruhe befand, und ersuchte ihn, sich durch ihre Anwesenheit von seinen Geschäften nicht abhalten zu lassen. Mit der Bitte, ihn auf einige Augenblicke zu entschuldigen, begab er sich ins Bureau. Aber die Erwartete sah er nicht. Eine elegant gekleidete Dame saß da, das Antlitz unter dem hochfeinen Sommerhütchen dicht verschleiert. Sie erhob sich und ging auf ihn zu. „Nicht wahr," redete sie ihn an, „der Herr Justizrath kennen mich selbst nicht wieder?" 79 Dabei schob sie den Schleier zurück und überrascht blickte Volkmar in das lächelnde Gesicht Martha's. „Um mich unkenntlich zu machen," fügte sie hinzu, „habe ich Schleier und Kleider aus der Garderobe meines gnädigen Fräuleins entlehnt." „Nun, und was haben Sie mir zu berichten?" frug er leise und führte sie bei Seite. „Die Dame haben mir der Herr Justizrath so genau beschrieben, daß ich sie sogleich erkannte," begann Martha flüsternd. „Gekleidet war sie in —" „Die Kleidung interessirt mich nicht," entgegnete ungeduldig der Advokat. „Der Herr, welcher bei ihr war, ist die Hauptsache." „Der Herr war nicht jener Fremde." „Wie? Nicht jener Fremde, den Sie in Abwesenheit Ihrer Herrschaft empfingen?" „Nein, er war es nicht," wiederholte Martha und schüttelte mit einem über alle Zweifel erhabenen Lächeln den Kopf. „Dann haben Sie sich geirrt, Kind!" behauptete Volkmar, der an seine furchtbare Selbsttäuschung noch immer nicht glauben wollte. „Nein, Herr Justizrath, ich habe mich nicht geirrt, denn es war Herr von Harnisch." „Unmöglich I" rief Volkmar, wie von einem elektrischen Schlage getroffen. „Der Begleiter der Dame, die Sie mir beschrieben haben, war Herr von Harnisch, den ich sehr genau kenne," wiederholte Martha, jedes ihrer geflüsterten Worte betonend. „Wissen Sie genau, daß er zu der Dame gehörte und nicht etwa zufällig mit ihr in denselben Pferdeeisenbahnwagen gestiegen ist?" „Wenn die Beiden nicht miteinander einverstanden waren, Herr Justizrath, so will ich mir den Kopf abschlagen lassen! Sie sprachen während der Fahrt nicht viel zusammen, aber man merkte leicht, daß sie sich viel zu sagen hatten. Herr von Harnisch richtete dann und wann eine Frage an seine Begleiterin, worauf diese meist nur durch ein Nicken oder Schütteln mit dem Kopfe antwortete, und dann sah er sie mit einem so gespannten Blicke an, als wollte er das Uebrige aus ihrer Miene sangen. Ganz gewiß hatte ihm die Dame etwas Wichtiges zu erzählen, wovon sie ihm unterwegs nur zu naschen gab." „Haben Sie von dem kargen Gespräch dann und wann ein Wort verstanden?" „Nein, denn es war nicht deutsch, was sie sprachen. Vor einem Kaffeegarten, weil draußen in der Vorstadt, stiegen beide aus, und ich sah sie hineingehen. Ich fuhr noch ein Stück weiter und kehrte dann mit dem nächsten Wagen zurück." „Sind Sie gewiß, daß Herr von Harnisch Sie nicht erkannt hat?" „Erkannt hat er mich auf keinen Fall, denn erstens war der Wagen zu sehr besetzt, als daß er mich besonders beachtet hätte, und zweitens schützte mich meine Verkleidung und der doppelt zusammengelegte Schleier vor dem Erkennen." „Ich danke Ihnen vorläufig," sagte Volkmar. „Uebri- gens ist die Besitzerin dieser Verkleidung von ihrer Reise zurückgekehrt." Das Mädchen wurde feuerroth und warf einen angstvollen Blick auf die Kleidung, die sie unrechtmäßig trug. „Du meine Güte," stammelte sie, „wie werde ich nur in die Wohnung kommen, ohne daß mich das gnädige Fräulein sieht!" „Dazu haben Sie noch Zeit, denn Ihre Herrin befindet sich eben noch in meinem Sprechzimmer," versetzte der Advokat. „Eilen Sie also, ihr zuvorzukommen; verrathen Sie ihr aber um Gotteswillen keine Silbe von Ihrem heutigen Abenteuer auf der Pferdeeisenbahn!" Hören Sie?" „O Herr Justizrath!" betheuerte Martha mit gefalteten Händen und wie um Gnade flehend, „ich werde stumm sein wie ein Grab!" Der Boden brannte ihr unter den Füßen, und so eilig, als die Höflichkeit es gestattete, verabschiedete sie sich. Das diensteifrige Mädchen hatte sich mit ihrer wohlgemeinten Maskerade selbst eine Falle gestellt, die den Advokaten mehr als die feierlichsten Schwüre ihrer Schweigsamkeit gegen ihre Herrin versicherte und ihm ein augenblickliches Lächeln abnöthigte. Dann kehrte er zu seiner Besucherin zurück, ohne auch nur durch eine Miene zu verraihen, was in ihm vorging und von welchem überraschend neuen Gesichtspunkte er die Dinge, die Siglinden so nahe angingen, in den wenigen Minuten feiner Abwesenheit betrachten gelernt hatte. „Verzeihen Sie diese Störung, Fräulein Siglinde", sagte er, ihr gegenüber ruhig wieder Platz nehmend. „Wir waren unterbrochen worden, als Sie mir eben die Persönlichkeit jener Fremden, die mit Ihrer kleinen Nichte verschwand, näher bezeichnen wollten. Sie war nach ihrer Aussprache des Englischen zu schließen eine Ausländerin; von Gestalt —" „Von Gestalt war sie etwas kleiner als ich," nahm Siglinde ihre Rede wieder auf, „der Wuchs schlank, dabei aber voll; sie war über die erste Jugendblüthe hinaus, hatte aber jene frauenhaften interessanten Züge, die man bei Mädchen in den höheren Zwanzigern oft antrifft und welche durch ein dunkles, glühendes Auge noch gehoben wurden. Das sehr reiche schwarze Haar trug sie vorn in Stirnlocken." ' Unwillkürlich hatte Volkmar diese Personalbeschreibung mit einem zustimmenden Kopfnicken begleitet, denn dieselbe wies Zug für Zug auf Anna Ritter hin, deren Signalement er selbst erst heute Siglindens Dienerin gegeben. Er hätte Siglinden, als sie ihn bekümmert verließ, durch die trostreiche Zusicherung aufrichten können, daß er ihrer kleinen Nichte bereits auf der Spur sei und sie in nicht ferner Zeit in ihre Arme zu legen hoffe, er hätte ihr noch vieles Andere sagen können, was ihr höchstes Erstaunen erregt haben würde, — er hätte ihr auch sagen können, wie ein einziges Wort Martha's, ein einziger Name, den sie ausgesprochen, ihm ein unerhörtes Jntriguenspiel, ein teuflisches Truggewcbc enthüllt hatte, daß ihm selbst davon noch schwindelte, — er hätte durch wenig Worte sie mit Staunen und Schauder, mit Hoffnung und Freude erfüllen können, aber er wollte und durfte sie nicht mit erdrückenden Geheimnissen belasten, die sie genöthigt hätten, bei einer etwaigen Begegnung mit Herrn von Harnisch sich in ihrem Benehmen einen Zwang aufzuerlegen, der diesem geriebensten aller Gauner gewiß aufgefallen wäre. . . . Nach Siglindens Entfernung schritt Volkmar eine geraume Weile in seinem Zimmer auf und ab, bald mit räschen, heftigen Schritten, bald langsam, bald stehen blet- 60 bend. Dann öffnete er eine Zigarrenkiste, entnahm derselben eine Havannah, zündete sie an und blickte, mit dem Rücken gegen sein Pult gelehnt und die Beine über einander gekreuzt, sinnend den bläulichen Nanchwölkchen nach, welche sein Mund in die Lust hauchte. Als das Aroma der Cigarre in das anstoßende Bureau drang, schnupperten die Schreiber und blickten einander bedeutungsvoll an. Einer nach dem anderen schlich sich an die Thür, um durch das Schlüsselloch hindurch den rauchenden Nechtsanwalt an seinem Pulte lehnen zu sehen. Für gewöhnlich gönnte er sich während der Geschäftszeit den Genuß einer Cigarre nicht; wenn es aber geschah und der Duft des aromatischen Krautes sich in die Nasen der Schreiber einschmeichelte, so wußten diese schon, daß ein verwickelter Fall die Gedanken ihres Herrn beschäftigte und daß er auf einen „Coup" sann, der Denjenigen, welchen er traf, sicher zerschmetterte. Gegen Abend machte Volkmar einen Spaziergang nach dem bekannten Garten in der Nosenstraße. Er fand das Gärtnerpaar im Wohnzimmer, von den Mühen des Tages ausruhend. Sein Besuch galt der Fächer- palme, nach welcher der „Engländer" noch immer nicht gefragt hatte. Er kaufte sie und erkundigte sich im Laufe des Gesprächs wie gewöhnlich nach Fräulein Anna's Befinden. „Ich treffe es immer so unglücklich, daß sie nicht da ist," fügte er hinzu. „Heute hätte ich sie gern gefragt, warum sie vorigen Dienstag, als sie mir in der Stadt begegnete, so stolz an mir vorüberging, ohne meinen höflichen Gruß zu erwidern." „Vorigen Dienstag?" wiederholte Ritter. Da kann sie Ihnen unmöglich begegnet sein. Sie haben eine Andere für meine Schwester gehalten, denn am Dienstag war sie noch nicht von ihrer Reise zurück." „So? War Fräulein Anna verreist?" warf Volkmar hin. „Hihi!" ließ Frau Ritter ihr schadenfrohes, dem Advokaten stets verheißungsvoll klingendes Lachen vernehmen, welches.auf einen tückischen Hinterhalt deutete. Als fühle er sich aber davor heute sicher, warf der Gatte ihr einen geringschätzigen Seitenblick zu und fuhr ruhig fort: „Sie war, wie jedes Jahr um diese Zeit, zur Kirchweih bei meinem ältesten Bruder, der zehn Meilen von hier in einem Landstädtchen ein kleines Gut hat. Dort bleibt sie gewöhnlich eine bis zwei Wochen." Frau Ritter besaß die Fähigkeit, einen Aergcr über ihre Schwägerin lange mit sich herumzutragen, um ihn bei einer Gelegenheit Plötzlich zur Sprache zu bringen, wo es ihrem Manne am unangenehmsten war. So auch jetzt. „Ja, wer's nicht besser wüßte!" kicherte sie. „Deine Schwester wird sich diesmal wohl in vornehmerer Weise amüsirt haben, als bei Kirchweihkuchen. Ich traute der Sache nicht und schrieb an Deinen Bruder. Seine Antwort trage ich schon ein paar Tage lang mit mir in der Kleidertasche herum. Anna hat sich gar nicht bei ihm blicken lassen." Der Gärtner war wie vom Donner gerührt. Volkmar machte dem ehelichen Zwist ein vorläufiges Ende, indem er das Geld für die Fncherpalme auf den Tisch zählte und sich empfahl. Als er durch die Gitterpforte schritt, begegnete ihm eine elegant gekleidete Dame. Es war Anna, die jetzt erst von ihrem Rendezvous zurückkehrte. Volkmar zog artig grüßend seinen Hut. Sie dankte ihm mit einem verächtlichen Kopfnicken. Er wußte, daß sie ihn haßte, weil er einst Zeuge ihrer Demüthigung durch ihre hämische Schwägerin gewesen war und sogar die unmittelbare Veranlassung dazu gegeben hatte. Und dennoch bedurfte ex ihrer jetzt, dennoch gab es augenblichlich keine Person, die ihm so nöthig gewesen wäre, wie sie. Aber er hatte das Mittel, die Stolze zu zähmen, die ihm Feindselige sich willfährig zu machen, bereits gefunden, und ihre ungnädige Erwiderung seines zuvorkommenden Grußes entlockte seinen Lippen ein siegreiches Lächeln. * * * (Fortsetzung folgt.) --^- 1 - - Die Parität in der Reichsstadt Augsburg. (Schluß.) Die wichtigste Ursache war, daß der Argwohn unter den Bürgern, in Nachtheil versetzt zu werden, niemals verstummte. Die Schuld daran lag an den fast jährlich wiederkehrenden Wahlen für die Staatsämter und zur Besetzung der Stadtdienste. Diese bildeten das Tagesgespräch unter den Geschlechtern und den Kaufleuten in ihren Gesellschaftsstuben, wie unter den Meistern in den Zunfthäusern, und beschäftigten noch lebhafter die Gemüther der Familien, der Werkstätten und des offenen MarkteS. Aber Niemand fragte dabei nach der Tüchtigkeit und Brauchbarkeit der zu erkiesenden Männer, sondern die allgemeine Sorge drehte sich lediglich um die Prüfung, ob es keiner Partei an genügenden Mitgliedern zum Vorschlagen fehle. Bei dem durch die ganze Bürgerschaft gehenden Riß reichte keine Hand herüber oder hinüber, eine etwaige Lücke auszufüllen, das kirchliche Bekenntniß blieb allein ausschlaggebend, mochte dabei dem Staate gedient sein oder nicht. Ein solcher leidiger, Neid, Mißtrauen und andere niedere Leidenschaften erzeugender Zustand führte fortwährend daS große Wort auf den Bierbänken, das sich meist auf das Gebiet der Kirche selbst, deren Einrichtungen und ihre Diener verirrte, was blutige Streitigkeiten nach sich zog, daher der Rath wiederholt unter Androhung der Strafe des „Gewölbes" einschärfte: „deS ungeschicktenDisputierens, Schändens und Schmähens von Neligionssachen in den Wirthshäusern sich zu enthalten." Eine schlimmere Folge war jedoch, wenn auf der einen oder anderen Seite ein Vortheil winkte, daß aus schnödem Eigennutze nicht selten der Uebertritt zu der anderen Confession angestrebt wurde. Zwar hielt eine jede Kirche eigene „Aufpasser" und der Kurfürst von Bayern sowie das markgräfliche Oberamt Burgau besondere „Re- ligions-Agenten" mit der Aufgabe, das Verführen gemeiner Leute aus ihrem Lager in das andere zu verhindern, allein der Rath billigte diese dem westfälischen Frieden und dem Nürnberger Rezesse zuwiderlaufende Gewissensbeschränkung nicht. Er ermächtigte deßhalb einen evangelischen und einen katholischen Bürgermeister, dem sich meldenden Konvertiten einen „Schutzbrief" auszuhändigen, kraft dessen er vor allen Belästigungen sicher gestellt wurde. Dieses Verfahren erzeugte zahlreiche Conflicte, verbitterte die Familienglieder und machte in der Regel die amtirenden Herren zu Gegnern. Die vielen Uebel vermehrten sich dadurch um ein weiteres. 81 Nichts fand sich in der gespaltenen Stadt, geeignet, die Versöhnung anzubahnen und zu bewerkstelligen, denn das ganze öffentliche und bürgerliche Leben war so eingerichtet, daß eine gegenseitige Berührung als kein Bedürfniß empfunden wurde. Die Zünfte besaßen eine katholische und eine evangelische Herberge, und wollten die Meister und Gesellen in der freien Luft sich erholen, so wanderten sie entweder gegen den Lech, wo sie bei dem katholischen Stadtjäger einkehrten, oder sie besuchten den evangelischen Stadtjäger auf der Wertachseite; doch gab es auch ein neutrales Gebiet bei dem Paritätswirth in der unteren Stadt. Der biedere Bürger konnte in der Atmosphäre seiner Confession die Pfeife rauchen, indem 4 katholische und ebensoviele evangelische Kaffeehäuser ihn einluden; um die Leinwand oder den Wollenzeug nach seinem kirchlichen Bekenntnisse untrüglich kaufen zu können, waren in dem Weberhause evangelische und katholische Verkaufsgewölbe eingerichtet, und in der Metzg ging man nicht fehl, wenn man ein Nippenstück 0. oder einen Schlachtbraten ^1. 0. begehrte und sich an die Verkäuferin mit oder ohne Haube wandte, denn ein protestantisches Mädchen trug niemals die bayerische d. h. katholische Ntegelhaube. Die gleiche Sorgfalt der Väter der Stadt für strenge Beachtung der Parität zeigte sich auch bei den Sicherheitsorganen. Genau nach der Religion halbirt waren die Stadtgardisten unter dem Befehle eines katholischen und eines evangelischen Lieutenants und in diesem Verhältnisse bezogen sie die Wachen, damit ein unter dem Thore angehaltener Vagant oder ein betrunkener Nachtschwärmer stets von einem Soldaten seiner Confession auf die Polizeistation transportirt werden konnte. Und empfindliche Buße ereilte den Trabanten, welcher einen nicht seiner Kirche angehörenden Bürger auf das Nathhaus vorlud. Endlich wurden die Verstorbenen nicht vergessen, indem man sie in kirchlich getrennten Friedhöfen zur letzten Ruhe bettete. In Zweifelsfällcn entschied über den Ort des Begräbnisses die Religion des jeweiligen Bürgermeisters. Ein Senatsdekret vom 26. Februar 1750 bestimmte nämlich: „Die todten Körper aufgefundener unbekannter Personen sind in demjenigen Gottesacker zu bestatten, welcher Kirche der Bürgermeister angehört, dem die Anzeige gemacht worden war." Diese und alle ähnlichen Vorgänge und Einrichtungen stellten sich dem Bürger als den naturgemäßen Ausfluß eines durch Gesetz sanktionirten Prinzips dar, worin er so wenig etwas Außerordentliches fand, daß er sogar solche Vorfälle und Zustünde vertheidigte, die den Sar- kasmus eines in die Denkweise der Bevölkerung nicht Eingeweihten reizen mußten. Als der katholische Nachfolger des gestorbenen evangelischen Handwerkdieners auf dem Webcrhaus in der Amtsstube ein Weihbrunnkesfelcin aufhing, zeigte der Dc- putatus H.. 6. dem Rathe „den aasura in kxpooausto xrrklioo parrtaetioo xlaris in anciitum als große Unruhe erzeugende Neuerung" 1758 an und seine confes- sionsverwandten Mitbürger belobten den Mann ob solchen Eifers. Bei dem beklagenswerthen Webertumult 1766 gegen den evangelischen Fabrikanten Schüle führte dessen Anwalt als großes Gravamen auf, daß „der Paritätsverfassung s ätametro zuwider" ein katholischer Weber die ostindtschen Cottons nach ihrer Qualität begutachtet hatte, worauf der Rath die bürgermeisteramtliche Anordnung außer Wirksamkeit setzte und eine vepulatio utriusgns reli§ioni3 zur Prüfung der ausländischen Waare ernannte. Das Musikorchester in den evangelischen Kirchen verwendete bei den Aufführungen alle Instrumente mit Ausnahme der Violine, weil der helle Ton der Violinquinte, also die L-Saite, einen katholischen Klang hatte. Geräuschlos und zur Zufriedenheit der Einwohnerschaft kam bei der Bäckerzunft die weltliche ParitaS zum Durchbruch. Die katholischen Mitglieder bauten vor dem Wertachbruckerthor die Stallungcn für ihre Schweine und die evangelischen Meister beherbergten ihre Borstenthiere außerhalb des Jakoberthors, und Niemand nahm daran ein Aergerniß, daß die Thüren mit 0. und H. 6. bezeichnet waren. Schließlich sei noch eine Scene erwähnt, vor welcher merkwürdiger Weise der Vorhang erst sich niederließ, als schon 10 Jahre lang die Karitas in xolitiois der Vergessenheit anheimgefallen war. In der paritätischen St. Jakobspfründe wurde die gemeinschaftliche Wohnstube mit Kerzen erleuchtet, woraus ein die idyllische Ruhe der Pfründner schwer schädigendes Zerwürfniß erwuchs. Die Insassen durften nämlich die Lichterstumpen unter sich vertheilen zur Verwendung in ihren Kammern, und dieses erzeugte den bedauerlichen Hader, welche Stumpen als evangelische und welche als katholische anzusehen seien, eine Streitfrage, welche in Güte die Verwaltung nicht zum Austrag zu bringen vermochte. Die Stiftungspfleger entschieden deßhalb am 4. Oktober 1816 durch förmlichen Beschluß: „um den bisherigen Zänkereien wegen der sog. katholischen und evangelischen Stumpen ein Ende zu machen, soll künftig keine Kerze, sondern paritätisch untheilbares Oel gebrannt werden." Mittlerweile hatten die Bürger insgesammt das Friedensfest in dem Bewußtsein begangen, daß nur sie miteinander die Gemeinde Augsburg bilden. --»-i V i - - Wie mau alt und wie alt man wird! Ein Kapitel über das Alter von Klara Reichn er. (Nachdruck Verbote».) „Unser Leben währet 70, wenn's hoch kommt, sind's 80 l" — Vom „Alter" zu reden, ist eigentlich jawohl ein verbotener Gegenstand? — Alt werden — ü 1g. kontiern-! — Aber alt sein, — altern gar? — Lorrour! — Schwamm drüber! — Speciell das schönere, aber schwächere Geschlecht soll — man sagt es — die liebenswürdige Schwäche haben, zuweilen in Collision mit dem eisernen Bestand des Taufscheins zu gerathen, — allerdings um so verzeihlicher, als weibliche Anmuth bekanntlich keinen Kalender besitzt. — Manche historische oder historisch gewordene Frau hat den Nnuenzeichen der Zeit zu trotzen, ihrer eigenen Jahrgänge zu spotten gewußt, so manche Künstlerin des Lebens und der Bühne scheint die ewige Jugend in Pacht, scheint ein giltig bleibendes Schönheits-Abonne- ment genommen zu haben! — Von der in Bezug auf unverwüstliche Körper- und Geistesreize sprichwörtlich gewordenen französischen Aspasia: Ninon de Lenclos, geboren 1616 zu Paris, erzählt man, daß sie im Groß- und Urgroßmutter-Alter noch Männern, die ihre Enkel 82 sein konnten, den Kopf verdrehte, und Josephine Bona- parie, Napoleons I. erste Gemahlin, soll — über fünfzig — kurz vor ihrem Tode so bezaubernd jung gewesen sein, resp. ausgesehen haben, daß sie der schöne Czar Alexander von Rußland entzückt „eine zweite Ninon" hieß. — Auch die liebreizende Gräfin Potacka, deren Porträt noch jetzt eine Zierde in der Bilder-Gallerie historischer Schönheiten bildet, konnte im Matronenalter von 60 Jahren getrost mit den jüngsten Beautös concurriren, wofür die beste Quittung die unabgekühlte Bewunderung ihrer zahlreichen Verehrer war. Mag man also immerhin mit dem weisen Salomo von gewissen Jahren sagen: „sie gefallen mir nicht, da sich krümmen die Starken und die Gesichter finster werden, da alle Lust vergeht und Alles eitel ist!" — so hat es doch zu allen Zeiten Beispiele von Exempeln schon gegeben, daß die schöne Sage vom „Jungbrunn" trotzdem kein leerer Wahn und das Herz an keinen Taufschein gebunden ist! — Aus diesem einleuchtenden Grunde soll auch König Georg III. von England (1760—1620) auf seine Frage, gestellt an eine hochbetagte Hospitalin: „wann denn eigentlich die Frauen aufhören zu lieben?" die prompte Erwiderung erhalten haben: „Ja, da müssen Ew. Majestät eine Aeltere fragen I" Und der gleichen Maxime folgte so manche andere Lebens-Veteranin, so mancher altehrwürdige Veteran!— Der Herzog von Richelieu vermählte sich zum dritten Male im 84. Blüthenjahre seines Erdenwallens, nachdem lange vor ihm ein Tiroler Baron Barravicino de Capellis, der 1270 mit 104 Jahren starb, bereits bewiesen, daß Alter nicht vor Thorheit schützt, das heißt gleichfalls im 84. Jahre sogar seine vierte bessere Hälfte sich erkor, während der venetianische Konsul in Smyrna, Franz Gongo, es bis zu 112 Jahren und 5 Frauen brachte und bet seinem 1702 erfolgten Tode nicht weniger als — 49 Kinder hinterlassen haben soll! — Im Jahre 1733 entschlossen in Norwegen von sieben noch ledigen Hundertjährigen drei Paare sich, Pool kesium in den heiligen Ehestand zu treten. — Im gleichen, dem vorigen Jahrhundert erwählte die Polin Margarethe Krusiowna mit 94 Sommern als dritten Gatten sich den um elf Jahre ältern Kaspar Haykolt und beglückte ihn 14 Jahre noch durch ihre Gegenwart, da sie mit 108 Jahren 1763 das Zeitliche segnete. — In unserem eigenen Säculum aber heirathete 1843 zu Luzern der Schweizer Violinist Piu eine „erst" 62jährige Wittib, als hoffnungsvoller Wittwer, der 25 Enkel und — 106 Jahre schon besaß, und in Moskau soll zu ungefähr derselben Zeit eine Russin von 168 Jahren gelebt haben, welche die Courage hatte, in ihrem 122. Lebensjahre noch den fünften Mann zu nehmen. — Daß jedoch diese und andere Beispiele verspäteter Heirathscaudidaten keineswegs nur Zeiten angehören, die vergangen sind, hat jüngst in la Kalla Italic,, ein „junges" Ehepaar bewiesen, als nämlich zu Proforte der Gutsbesitzer Rubianco, ein rüstiger Greis von 90 Jahren, eine 86jährige Signorina heimführte. — Man sieht: „Die Liebe altert nicht, — nein, nein! Ist und bleibt Sonnenschein!" — Nicht nur Schönheit und Liebe indessen, sondern auch Geist und Kraft schlugen gar häufig dem grämlichen Alter ein Schnippchen! Dieses kalt acLowpli haben nicht allein die biblischen Methusalems bewiesen! — Der weise weiße Nestor des klassischen Alterthums lebt eigentlich ja heute noch als sprichwörtliche Nedefigur; — dem unsterblichen Tragödien-Dichter der Antike: Sophokles, blieb die Muse bis in sein jugendliches Alter hold und treu, und zwei andere alte Griechen, der ernsthafte wie der lachende Philosoph: Pythagoras und Demokrit, wurden alt und grau bei ihrem probaten VerjüngungsMittel: außen Oel und innen Honig. — Der hl. Hieronymus, der große Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, wurde alt und blieb jung bei einsiedlerischer Ascese und der gewiß nicht lucullischen Ernährung von Wasser, Brod und Salat, und der gelehrte englische Mönch des Mittelalters: Baco oder Bacon, erreichte nicht weil, sondern obgleich man ihn „Oootor mirakilig" hieß, sein hohes Alter bei wissenschaftlichen Studien und physikalischen Experimenten. — Der „Zwölfnnzen-Mann" aber, der edle Venetianer und Mäßigkeits-Apostel Ludovico Coruaro (geb. 1466), brachte es fertig, fast 100 Jahre zu werden, durch die exemplarische Hungerkur von 12 Unzen pro Tag, hauptsächlich aus „Panatella" — venetianischer Semmelsuppe — bestehend, nachdem er als 40jähriger Prasser und Schlemmer für so incurabel schon gegolten, daß man keine Unze mehr für sein Leben gegeben hätte, während er noch heute im Gedächtniß aller Fastenkünstler, sowie in der alten Bilder-Gallerie des Palazzo Pitti lebt, verewigt als Neunzigjähriger von seinem berühmten Zeitgenossen und Mers-Concurrentm, dem damals 80jährigen Tizian, der gleichfalls bis auf Hundert kam. Auch die Neuzeit besitzt ihre menschlichen Antiquitäten, die nicht veralteten, das heißt nicht nur ein hohes, sondern — was mehr sagen will — ein glückliches Alter erreichten. — Selbst große Denker, Staatsund Schlachtcnlenker, wie: Newton, Franklin, Alexander von Humboldt, Fürst Metternich, Lord Palmerston, Wellington, Moltke, Kaiser Wilhelm und viele Andere, nahmen tapfer den Kampf mit dem größten und ge- fürchtetsten aller Menschen - Eroberer auf, und blieben Sieger in demselben. Mehr aber noch will es bedeuten, wenn sogar jene Kämpfer um's Dasein dem Alter Concessionen abringen, denen eS geht wie der — Nachtlampe: „criüa inLörvienäo ccmsumor" — ich verzehre, indem ich Andern diene, — die Jünger Aescnlaps! — In England starb 1658 mit 80 Jahren der berühmte Anatomie-Professor vr. William Harvey, als wahrer Jüngling gegen seine 18 Landsleute und Collegen spätem Datums, die — nach dem Jahresbericht des chirurgischen Kollegiums von 1845 — damals zusammen die hübsche Summe von 1714 Jahren repräsentirten, was durchschnittlich 951/z pro ineäioo betrug. — In Wahrheit zählte der Senior dieses ärztlichen Patriarchen-Konsortiums: John Volger, eigentlich für sich allein 111 Jahre, der nachfolgende Alters-Präses, I. Corridge, 108, und der Dritte im Bunde der Aeltesten, William Pearry, netto 100 Jahre. — Auch der sogenannte „Krüuterdoctor" Morris Thurston zu Exeter starb 1844 in seinem 108. Jahre — als berühmter Naturheil-Arzt, der noch zwei Monate vor seinem Ende wacker drauf los kurirte. — Ein französischer renommirter Medicus: Dr. Grandison (gestorben 1846), hielt es bis zu 92 Jahren hier auf Erden aus, obgleich seine Hauptspecialitüt das menschliche Nerven- System war. — Selbst deutschen Aerzten passirt es zuweilen, ausnahmsweise hoch die steile Jakobsleiter des Alters zu erklimmen! — „Der alte Heim", eine der populärsten Persönlichkeiten von Alt-Berlin, der neben seiner honorirten Praxis noch jährlich 3—4000 Menschen gratis behandelte, gelangte trotzdem nahe an die Neunzig, 63 der Medicinalrath Hagen zu Königsberg i. Pr. aber feierte am hl. Weihnachtsabend 1849 seinen 100. Geburtstag, ohne an's Sterben zu denken. Werfen wir nun die wichtige Frage auf: wie und durch welche Mittel oder Geheimmittel man sich wohl am besten conservirt, so sind bis heutigen Tags darüber leider die Gelehrten nicht recht einig, ausgenommen, daß Gelehrsamkeit selbst das beste Medicament sein soll für die Kunst: alt zu werden. Ein Blick in's Conservations-, xaräon! — Conversations-Lexicon beweist allerdings die erfreuliche Thatsache, daß Denken und Dichten jung zu erhalten scheint; im Uebrigcn gilt Mäßigkeit als die erste Alterspflicht! Lrooooli, 2ooooIi 6 ^esta, arrläa!" („Hoheit, Kohl, Holzpantoffeln und etwas auf dem Kopfe!") gab ein lOOjähriger Mann aus dem Volke, ein Italiener- greis, dem Großherzog Leopold von Toscana zur Antwort, als dieser ihn nach dem Geheimniß seiner unver- welklichen Jugendfrische fragte. — Der französische Schriftsteller Fontenelle dagegen, der 1757 fast lOOjährig starb, soll durch seine alljährliche sommerliche Erdbeerkur verjüngt sich haben, während der Gras von St.-Germain, gest. 1759, es gar — nach seiner eigenen Behauptung wenigstens — bis auf 350 Jahre gebracht haben will, mit Hilfe seines sogen. „Lebensverläugerungs-Thees l" — Die einfachste Conserve für Jugendfrische dürfte aber wohl unstreitig jener spanische Kaufmann erfunden haben, der 1847 zu Madrid mit 103 Jahren und der kühnen Behauptung sein Leben beschloß: „er verdanke seine Elasticität und Munterkeit allein dem glücklichen Umstände, daß er seit 86 Jahren täglich 4 Stunden — die Zeitungen gelesen hätte!" — l?rol>aturu osb! — Auch die Schicksalsfrage: „wo denn eigentlich die meisten und seltensten Altersfrüchte condensirt werden?" ist schon häufig ventilirt worden. — Im Allgemeinen gelten die kältern, nördlicher gelegenen Gegenden Europa's, besonders Großbritannien, Skandinavien, Rußland, als die wohlwollendsten Gönner und Freunde hohen Menschen - Alters. — So soll in Rußland, authentischministerieller Statistik zufolge, z. B. der Jahrgang 1840 mit 479 Glücklichen von 105 Jahren und darüber gesegnet gewesen sein, — darunter zwei AlterS-Veteranen von 145 Jahren. — Auch in Schweden können Leute von 100—120 Jahren keinen Anspruch darauf erheben, besondere Raritäten vorzustellen, in Norwegen aber sollen 100jährige Männer vorkommen, deren Piedcstal noch so beneidenswerth gelenkig ist, daß sie sogar ein Tänzchen wagen dürfen. — Aehnliches erzählt man von der irischen Gräfin Desmond, die nach dem 100. Geburtstag noch am Tanze sich betheiligte und um ihrem heitern, unternehmungslustigen Temperamente ihr „verfrühtes" Ende zuzuschreiben hatte, indem sie anno 1609 mit 145 Jahren vom — Apfelbaume stürzte, dessen Früchte sie eigenhändig brechen wollte! Trotzdem produciren auch heiße, südliche Gegenden zuweilen seltene Altersblüthcn. — Brasilien z. B. zeitigt Hundertjährige und darüber, und im Lande der Chinesen, dem Eldorado des Alters, wo man den Jubilaren Ehrenpforten errichtet und eigene Gesetze zur Ehrung derselben besitzt, ergab eine Alterszählung, die der Beherrscher aller Zöpfe im himmlischen Reiche der Mitte 1784 or- donnirte, das schöne Resultat von 192 Menschen, die 5 Generationen er- und überlebt hatten. — Wer aber gern besonders alt werden oder besondere Methusalems bewundern will, der muß nach Berber in Perfien seine Schritte lenken, wo dauerhaft-ausdauernde Erdenpilger von 100 Jahren gar nichts zu bedeuten haben, Zwei- hundertjährige aber gar nicht einmal eine Kuriosität sei» sollen. — Auch der heitere Himmel Griechenlands war von jeher bekannt und renommirt dafür, so Manchem ein paar Dutzend Jährchen über den gewöhnlichen Etat noch zuzugeben, — ebenso fern im Süd das schöne Spanien, wo die heiße Sonne manchen Neunzig- oder Hundertjährigen mit den schattigen Kastanien um die Wette reift und von kühnen alten Jünglingen erzählt wird, die mit 80 Jahren noch gar grimme Bärenjäger sind, ohne daß man befürchten müßte: diese „Jagdgeschichte" binde einem einen Bären auf! — Natürlich will die „§ranäs vation" um keinen Preis zurückstehen, sondern behauptet, daß selbst gegenwärtig Frankreich noch durch über 200 Hundertjährige — 145 Frauen und 64 Männer — excellire, folglich sogar dem gesegneten Jahrgang 1886 „über" sei, allwo der amtliche AuSweis nur 191 geliefert habe. Allerdings dürfte ein großes Fragezeichen hier sehr am Platze sein, denn in Wahrheit schrumpften diese 191 von 1886 bei etwas näherer Betrachtung auf 80 dazumal zusammen, worunter über die Hälfte — die „bessere Hälfte" war. — Jedenfalls ein Unicum in oen Annalen der Geschichte, daß sich Frauen — „älter" machen. — Sehen wir uns schließlich mit berechtigter Wißbegier nach dem historischen „Alters-Präsidenten" christlicher Zeitrechnung um, dessen Personalien der Mit- und Nachwelt überliefert wurden, so ist wohl als der Nestor aller Nestoren der Amerikaner G. T. Rowley zu betrachten, der zu Anfang der fünfziger Jahre mit seinen 187 Lenzen noch fröhlich und vom Tod vergessen in diesem Jammerthals weilte, als Sieger über seine beide« früheren „Concurrenten", den Schotten Kentigern und den Ungarn Petracz Ezarten, die „nur" 185 Jahre alt wurden. Ein höheres Resultat wird auch der „Congreß der Greise", der voriges Jahr im Trocadero zu Paris tagte, trotz Prämien und Preisen kaum ergeben haben! --- Brm Schlangen lind wilden Thieren am Congo Md in Indien. . 0. Was die Europäer und besonders unsere Missionäre von den Reptilien und wildem Gethier in tropischen Ländern alles auszustehen haben, darüber wurde in diesem Blatte schon berichtet (namentlich in „Die afrikanischen Plagen"). Welche Gefahren überhaupt diese Bestien für den Menschen haben, dafür wollen wir im Nachstehenden zwei neue interessante Belege bringen. I. Eine angenehme Gesellschaft. Nach den doppelt heißen Tagcsmühen hatte ?. Garmyn, Missionär auf der Station „Berghe Samt Marie" (belg. Congogcbiet) sich zur Ruhe begeben. Er schlief allein in einer Kammer. Plötzlich stieß er den Angstruf aus: „Hier sind Schlangen!"-Eine angenehme Gesellschaft. Seine Brüder, in einem anderen Schlasgemach, hörten den Angstruf, und man entgegnete ihm: „Bah, das sind Enten, die eine Nachtpromenade machen." — „Was, Enten? Ich werde doch das Schnattern der Enten vom Zischen einer Schlange unterscheiden können!" — „Nun, dann ist es das Huhn." — „Ich sage Ihnen, das ist eine Schlange!" — „Gut, dann stehen Sie auf und zünden eine Kerze an — und sehen 'mal nach." — „Sie haben gut reden; wenn ich nun aus Versehen auf das Thier trete? Kommen Sie und leuchten Sie durch das Fenster herein." Das geschah, k. Garmyn entfernte alsdann sein Mosquito-Netz vom Gesicht und sah in allen Winkeln nach dem Eindringling sich um, aber er entdeckte nichts. Endlich wagte er es, die Thüre zu öffnen, und nun begann ein allgemeines Suchen. „Horcht, ich höre sie," rief Einer, und alle hörten nun das charakteristische Zischen der Schlange. Alles Suchen war jedoch vergebens. Die Jagd wurde aufgegeben und k. Garmyn nahm ein Nachtlager auf einem Halbsopha im Eßzimmer. Am folgenden Morgen begab sich Garmyn auf die Antilopenjagd. Da kam k. Ballus in eine an das Schlafgemach k. Garmyn'S anstoßende Kammer und sah, auf dem Stroh träge ausgestreckt, eine arms dicke, schwarze — giftige Schlange, die offenbar eine gute Mahlzeit verdaute. Eilig holte der Pater eine Flinte und erschoß den Unhold; dabei ging der Körper fast in zwei Theile, und k. Baltus sah mit Staunen gelbes Blut aus der Schußöffnung fließen. „Welch' eine seltsame Naturerscheinung!" Auf den Schuß hin war ein Negerknabe hcrbei- gesprungen, und dieser schleppte die todte Schlange in's Freie. Als er von dem „gelben" Blut der Schlange hörte, lachte er schalkhaft über die „seltsame Naturerscheinung" und erklärte: „Ei, Pater, das ist nicht Blut; der Schlingel hat Eier gefressen!" (und der Schuß hatte ein Ei zerquetscht) „sieh' nur!" Mit diesen Worten packte er die Schlange beim Schwanz, fuhr mit der Hand über den Leib hin und zerdrückte acht Eier, die noch unversehrt im Bauche des Thieres lagen. Nicht weit von der Schlange lag ein todtes Huhn, vom Schlangenbiß getödtet, während es über seinen Gern brütete. Ganz glücklich über den Fang, zog der Negcrjunge der Schlange die Haut ab, um das Fleisch, das die Neger sehr lieben, zu kochen. Diese Schlange gehörte zu den gefährlichen — schwarzen. — Die Schlangen sind in diesem Misssons- gebiete sehr häufig. So stieß man bei dem Bau des Schwesternhauses auf eine Boa, die vier Meter lang war. Sie wurde erlegt und ihre Haut für das Museum in Scheut aufbewahrt. Das war nun noch ein harmloser Vorfall; ganz anders, schrecklich ist der folgende Beleg. II. Die Opfer der Schlangen und wilden Thiere in Indien. Im britischen Vorderindien wurden, laut amtlichen Jahresberichtes, im Jahre 1892 — in einem Jahre also — nicht weniger als 19,025 Menschen und 81,000 Stück Vieh von Schlangen getödtet. Im Jahre 1891 waren ihnen 21,389 Menschen zum Opfer gefallen. Und von den wilden Thieren wurden im Jahre 1892 auch 2963 Menschen zerrissen. Die Regierung läßt eS ihrerseits nicht an Bemühungen fehlen, diese furchtbare Landesplage auszurotten. So wurden in demselben Jahre 85,000 Schlangen getödtet und als Prämien dafür 9700 Rupien bezahlt. ——— - A L L e r k e i. DieBrautwerber des Landvolkes inMasnren, die namentlich im Herbste nach der Ernte mit Aufträgen oft überhäuft sind, erfreuen sich größter Volksthümlichkeit. Ihre Geschäfte pflegen sie an den Sonntagen zu erledigen. Sie erscheinen im höchsten Staat, suchen sich im Garten einen Kohlkopf und steigen zu Pferde, um das Haus auszusuchen, in welchem ihr Werbetalcnt entfaltet werden soll. Unterwegs läßt der Freiwerber den Kohlkopf von seinem Pferde anfressen und betritt nun erst das Haus der ihm von dem Liebhaber bezeichneten Schönen, wo sein Erscheinen meist freudiges Erstaunen hervorruft. Bald nach der Begrüßung knüpft er ein Gespräch an, um in dessen Verlaufe auf den angefressenen Kohlkopf mit den Worten hinzuweisen: „Es ist eine Ziege in unserem Garten gewesen und hat diesen Kohlkopf angefressen, nun habe ich sie gespürt bis hierher und will sie jetzt sehen." — Sobald diese Worte gesprochen sind, lächeln Alle: wissen sie doch, um was es sich handelt. Die bewußte Dorfschöne verschwindet plötzlich, wirft sich in Gala und wird dann wieder herbeigeholt. Die Scherze über den beschädigten Kohlkopf werden jetzt wieder aufgewärmt. Nimmt sie dann den ihr überreichten Kohlkopf entgegen, so ist die Werbung als angenommen zu betrachten und die Hochzeit wird alsbald bestimmt. Während des Aktes der Trauung muß dann die Braut ihrem Ehcliebsten auf den Fuß treten und beim Knieen auf seinem Rock sich niederlassen, auch wohl beim Zusammenlegen der Hände ihre Hände nach oben bringen, dann hat sie während der Ehe das Regiment, welches sonst dem Bräutigam, wenn er ihren Versuchen zuvorzukommen weiß, unfehlbar anheimfällt. --L-LiWS-- Schachaufgabe. Von Konrad Bayer (Olmütz). Schwarz. 3M Weiß zieht an und setzt in 4 Zügen matt. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 11 Weiß. 1. T. 82 87 ; L. T. -44-84 3. S. 82-64 4. S. 04-86 resp. 83 Matt oder 1. . . . . . r l l . 2. L. 87-85: 3. S. 85-67 ch 4. S. 82-84 Matt. Schwarz. L. 84-87 : L. oder S. 84 beliebig. L. 84-85 S. 03-85 : 5k. 86—87 ^L13. 1894 . „Augsburger Post;ritung". Dimstag, den 13. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Auf verwegener Mahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Ein paar Tage nach den zuletzt geschilderten Vorgängen finden wir Siglinde und Herrn von Harnisch im Sprechzimmer des Advokaten. Die Einladung zu dieser Verhandlung und noch mehr der Gegenstand, welcher besprochen werden sollte, hatte Beide überrascht. Volkmar hatte nämlich einen Ehevertrag entworfen, welcher ihre beiderseitigen Rechte regeln sollte. Er fühle die Verpflichtung, hatte er der erstaunten Siglinde Tags zuvor eröffnet, ihre Zukunft und ihre Million für den Fall ihrer Verheirathung mit Herrn von Harnisch schon jetzt sicher zu stellen oder doch wenigstens eine vorläufige Einigung darüber zu erzielen. Herr von Harnisch besitze ihr bindendes Versprechen, ihn durch ihre Hand belohnen zu wollen, wenn er im Stande sei, zur Freisprechung ihres Vaters beizutragen. Es sei kaum noch zweifelhaft, daß die von ihm produzirten und scharfsinnig combinir- ten Verdachtsmomente gegen Jmhoff dem Prozesse eine Wendung geben würden, die ihn den beneidenswerthen Preis gewinnen lassen werde. So lange er diesen aber noch nicht gepflückt habe, werde er bescheiden sein. Man müsse dies benutzen. Namentlich handle es sich darum, für die Zukunft Jenny's zu sorgen, da doch die Möglichkeit immerhin nicht ausgeschlossen sei, daß das Kind eines Tages wieder zum Vorschein kommen werde. Harnisch habe sich bereit erklärt, das Kind zu adoptiren, und man müsse ihn, ehe diese warme Herzenswallung sich vielleicht wieder abkühle, rasch beim Worte nehmen und Siglin- dens Nichte unter den Schutz des Ehevertrags stellen. Namentlich diese letztere Rücksicht war es, durch die Siglinde sich bestimmen ließ, auf Volkmar's Verlangen einzugehen, gegen welches sie sich anfangs gesträubt hatte. Eine solche Verhandlung, wie die bevorstehende, widerstrebte ihrem Zartgefühl, und so lange das Schicksal ihres Vaters noch ungewiß war, hätte sie sich diesen peinlichen Akt gern erspart. Aber auch ihr Herz fühlte sich von dem Ansinnen Volkmar's verwundet. Nur mit heimlichem Grauen dachte sie daran, daß die Befreiung ihres Vaters sie an einen Mann kette, den sie nicht liebte und an dessen Seite sie nie glücklich werden konnte. Dem gegenüber that es ihr weh, daß Volkmar, der Gegenstand ihres schmerzlichen Verzichts, es so eilig hatte, dieser traurigen Fessel eine gesetzmäßige Form zu geben, und daß er ihr diese Nothwendigkeit in so kaltblütiger geschäftsmäßiger Weise vorstellte, als hätte sie ihm niemals mit einem Worte verrathen, was er ihrem Herzen war. Indessen — sie fügte sich seinem Rathe, auf den sie ein unerschütterliches Vertrauen setzte; vielleicht auch leiteten ihn noch tiefere Beweggründe, die er ihr verschwieg, denn es war ihrem weiblichen Scharfblicke nicht entgangen, daß in seinem Wesen plötzlich etwas Geheimnißvolles, Näthselhaftes lag. Auch Herrn von Harnisch war die Einladung des Advokaten überraschend gekommen, aber seine Ueberrasch- ung war eine angenehme, denn diese Vorsorge deutete auf einen seinen Hoffnungen günstigen Ausgang des Prozesses hin, über den sich Volkmar sonst nur mit großer Reserve äußerte. So hatte er sich denn in dem angenehmen Vorgefühle, welches der in der Ferne winkende Besitz der schönen Erbin von einer Million hervorruft, mit Siglinde zu der Verhandlung zusammengefunden, und die letztere verlief zu seiner vollen Zufriedenheit; sogar auf seinen Vorschlag, den künftigen Wohnort in Amerika zu wählen, war Siglinde, auf Volkmar's Zureden, eingegangen; sie glaubte dem Letzteren selbst einen Gefallen zu erweisen, wenn sie sich in eine so weite Ferne zurückzog und damit seinem Gesichtskreise auf Nimmerwiedersehen entrückt wurde, denn sonst würde er dem Wunsche Harnisch's eher Widerstand entgegengesetzt haben, anstatt ihn zu befürworten. Vielleicht ahnte Volkmar, was in Siglinde vorging, als sie sich mit einem Blicke, in welchem etwas wie eine leise, vorwurfsvolle Anklage lag, von ihm verabschiedete, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern. Sicher ahnte dagegen aber Herr v. Harnisch' nicht, daß ! der Rechtsgelehrte, dem er beim Gehen so warm die ! Hand schüttelte, ihn schon seit mehreren Tagen durch zwei ebenso wachsame als schlaue Privatdetektivs beobachten ließ, die ihm, wenn er die Stadt verlassen hätte, bis an's Ende der Welt gefolgt wären. . . . Frauen haben ein aufmerksames Auge für die Außenseite der Dinge. Siglinde kannte jeden Winkel, jedes Stück Möbel in Volkmar's' Sprechzimmer. Umsomehr war ihr heute eine Veränderung aufgefallen. Das Zimmer besaß zwei Thüren: die eine bildete den Ausgang nach dem großen Bureau, in welchem die Schreiber saßen, die andere führte in entgegengesetzter Richtung nach Volkmar's Wohnräumen. Es war Siglindcn nicht 86 entgangen, daß diese letztere Thür heute entfernt und durch ! eine bis zum Fußboden Herabreichende geschlossene Portiere ersetzt war. Da der Advokat seine beiden Klienten wahrend der Verhandlung so plazirt hatte, daß Beide der verhangenen Thür den Rücken zuwenden mußten, so blieb es von diesen unbemerkt, daß die Portiere sich zuweilen bewegte, ja, daß in der Mitte, wo sie sich theilte, dann und wann ein Paar Augen zum Vorschein kamen und wieder verschwanden. Als Siglinde und Harnisch sich entfernt hatten, ging Volkmar auf die Portiere zu, schob sie zurück und blieb auf der Schwelle stehen. Das Zimmer war ein kleiner, mit ziemlicher Eleganz ausgestatteter Salon. Auf einem Fauteuil saß eine weibliche Gestalt, den Ellbogen auf ein danebenstehendes Marmortischchen und die Stirn in die Hand gestützt. Ihre Lippen waren zusammengepreßt, ihre Augen starrten mit wildem Ausdruck vor sich hin; ihr Antlitz brannte in dunkler Gluth, unter welcher in mühsam verhaltenem Zorne daS Blut kochte. Dieses regungslose düstere Bild stand in grellem Kontrast zu der heiteren Umgebung, denn ein grünender und blühender Hain kostbarer Blattpflanzen, die theils auf Blumentischen standen, theils terrassenförmig aufsteigende Gruppen bildeten, füllte fast den ganzen kleinen Raum aus. Obwohl die finster Brütende diesen Ort vorher noch nie betreten-hatte, so sah sie sich hier doch unter lauter alten Bekannten: alle diese lieblichen Kinder Flora's stammten aus Ritters Gewächshäusern, wo der Rechtsgclehrte sie bei seinen verschiedenen Besuchen selbst ausgewählt hatte, und der fremde Gast, der sich hier in so heimischer Umgebung wiederfand, war Niemand anders, als — Anna Ritter. Sie hatte sich in Folge einer schriftlichen Ladung des ihr nur dem Namen nach bekannten Advokaten, der ihr in einer Erbschaftsangelcgenheit eine wichtige Mittheilung zu machen habe, pünktlich um die festgesetzte Stunde eingefunden, und maßlos war ihr Erstaunen gewesen, als sie in dem berühmten Nechtsgelehrten jenen Gartenbesucher wieder erkannte, dessen zudringliche Neugier ihr einst eine so peinliche Stunde bereitet, und dem sie erst vor einigen Tagen durch die kühle Aufnahme seines Grußes zu erkennen gegeben hatte, wie wenig sie ihm das vergessen konnte. Der Einladung eines Advokaten folgt Niemand gern, die Verheißung einer Erbschaft aber ist ein unwiderstehliches Anziehungsmittel und dieser List hatte sich Volkmar bedient, um sicher zu sein, daß Anna nicht versäumen werde, sich um die bestimmte Zeit bei ihm einzufinden. Er hatte sich hierin auch nicht verrechnet und klärte sie sofort über die Täuschung auf, die er sich mit ihr erlaubt hatte. Es sei dies nur geschehen, um ihr über eine noch viel schlimmere Täuschung, deren sich ein Unwürdiger an ihren zartesten Gefühlen, an ihrem vertrauenden Herzen schuldig gemacht habe, die Augen zu öffnen. Sie habe sich durch die gefälligen Manieren, durck die blendende Außenseite und wohl auch durch die Liebesschwüre eines Mannes bestechen lassen, der ihrer nur als Mittel für seine selbstsüchtigen Zwecke bedurft habe und sie fallen lassen werde, sobald er sein Ziel erreicht habe. Dieses Ziel sei eine Heirath mit einer jungen Dame, welcher ein großes Vermögen in Aussicht stehe. Noch in dieser Stunde werde sich Anna von der Wahrheit dieser Behauptungen überzeugen, — was sie aber auch als unsichtbare Ohrenzeugin hören möge, wie schwer es ihr auch werden möge, den Allsbruch ihrer empörten Gefühle zurückzudrängen, so solle sie sich doch ja zu keinen Unvorsichtigkeiten hinreißen lassen, sondern sich ganz ruhig verhalten, denn noch sei es nicht an der Zeit, jenem falschen Mann die Maske vom Gesicht zu reißen. Anna war anfangs sehr verschnupft darüber, daß der Rechtsanwalt sie unter einem falschen Vorwand zu sich gelockt hatte; bei der Erwähnung ihres Liebesverhältnisses zeigte sie sich sehr beleidigt; die Hindeutung, daß sie betrogen und hintergangen sei, nahm sie mit einem überlegenen, ungläubigen Lächeln aus; die Eröffnung aber, daß sie noch in dieser Stunde von der Treulosigkeit ihres Liebhabers überführt werden sollte, wandelte ihren Trotz in Bestürzung um und in sehr herabgestimmtem Tone versprach sie dem Rechtsgelehrten, seiner Anweisung genau nachzukommen. Sie hielt Wort und verrieth sich durch keinen Laut, während sie hinter der Portiere den Verhandlungen lauschte. Wenn sie den Geliebten in den Armen einer Anderen überrascht hätte und beide Küsse und Liebesschwüre hätte austauschen sehen, so würde ihr dies keinen überzeugenderen Beweis seines treulosen Verraths beizubringen vermocht haben, als es diese trockene Verhandlung über den Ehevertrag that. Diese ganze Verhandlung, die Siglinden so viel Herzeleid verursacht hatte, war weiter nichts, als eine von Volkmar geschickt in Scene gesetzte Comödie, und Anna war das dazu geladene Publikum. Volkmar rechnete auf die Leidenschaftlichkeit dieses verrathenen Mädchens, er wollte ihre Eifersucht, er wollte die ganze Gluth rache- dürstenden Hasses, dessen ein betrogenes Weib fähig ist, in ihr entfachen, um ihr die Zunge zu lösen und über den Mann, von dem sie sich verrathen sah, Alles zu erfahren, was sie über ihn sagen konnte. Daß sein Experiment gelungen war, erkannte er bei dem ersten Blick, als er hinter die Portiere trat und Anna in ihrer Vernichtung und so ganz ihrer stummen brütenden Wuth hingegeben wiederfand, daß sie sein Eintreten gar nicht bemerkte und erst bei seiner Anrede wie aus einem furchtbaren Traume emporsuhr. „Sie werden jetzt die Ueberzeugung gewonnen haben," sagte der Anwalt, „daß ein herz- und gewissenloser Betrüger sein Spiel mit Ihnen getrieben hat." „Wenn Sie ihn als solchen kennen, wie vermögen Sie es dann zu verantworten, Fräulein Schönaich zu einem Ehevertrage mit ihm die Hand zu bieten?" erwiderte Anna trotzig. „Hml vielleicht bezahlt er Sie dafür, daß Sie ihn von mir befreien. Vielleicht haben Sie mich mit seinem Wissen und Willen hier lauschen lassen und sind von ihm beauftragt, mit mir ein Arrangement zu treffen und mich abzufinden. Woher wüßten Sie sonst um mein Verhältniß mit ihm?" Volkmar ließ sich durch diese Anklage nicht aus seiner Ruhe bringen. Er fand es natürlich, daß die Bitterkeit, von welcher Anna's Gemüth übervoll war, sich zugleich auch gegen ihn entlud, der ihr diese schmachvolle Stunde bereitet hatte. „Woher ich Ihr Verhältniß mit ihm kenne?" frug er. „O, der Generalanzeiger ist ein gar plauderhafter Geselle. Für das englische Wort „LrnAstt" das deutsche Wort Ritter zu finden, ist keine allzu große Kunst. Und die Pferdebahnen sind ein beliebter Vereinigungspunkt für Liebende." 4 s > 87 Anna blickte den Sprecher erstaunt an. „Wenn Sie so allwissend sind," entgegnete sie nach kurzem Schweigen, „was könnte ich Ihnen dann noch zu sagen haben ?" „O, gar Vieles. Sie könnten mir z. B. von Ihrer kürzlichen Reise nach London erzählen." Anna schrak zusammen. „Können Sie mir sagen," fuhr Volkmar fort, „wohin Sie die kleine Jenny gebracht haben, nachdem Sie das Kind seiner Pflegerin, Frau Webster, entführten." „Ha! er hat mich doppelt verrathen!" rief Anna, deren Antlitz todtenbleich geworden war. „Er hat mich zu einer strafbaren Handlung verleitet, durch die ich in seine Hand gegeben bin!" „Ich will es Ihrer begreiflichen Aufregung zu Gute halten," sagte der Rechtsgelehrte, „daß Sie mich in dem Verdachte haben, im Einverständnisse mit einem ausgemachten Schurken und zugleich in dessen Interesse zu handeln. Ich verzeihe Ihnen diesen unwürdigenVorwurf. Sie befinden sich indessen auf einer ganz falschen Fährte. Blicken Sie um sich. Erkennen Sie diese schönen Gewächse, womit ich meinen Salon geziert habe? Ich kaufte sie nach und nach im Garten Ihres Bruders, und fast bei jedem neuen Einkaufe, den ich dort machte, erfuhr ich von Ihrer Schwägerin etwas Neues über Sie, woraus ich meine Schlüsse bildete. Sie sind durchaus nicht in der Hand jenes Mannes, der Ihnen Liebe geheuchelt hat. — Sie sind in meiner Hand und diese Hand soll Ihnen eine schützende Freundeshand sein, wenn Sie sie vertrauensvoll ergreifen." Er streckte ihr seine Hand entgegen. Sie blickte ihn ängstlich forschend an. Es lag eine so schöne männliche Offenheit in seinem Antlitz und so mitleidsvolle Theilnahme in seinem Blick. Sie fühlte sich so verrathen und verlassen, so hilflos und bedrängt, daß ihr zu Muthe war, als könnte sie nicht länger leben, wenn es keine Menschenseele gab, der sie noch Vertrauen schenken konnte. Sie nahm die Hand, die sich ihr entgegenstreckte, und brach in krampfhaftes Weinen aus. „Ich will Sie ein wenig allein lassen und dann wieder kommen," sagte Volkmar im Tone zarter Schonung. „Nein, bitte, bleiben Sie da," schluchzte Anna; „Ihre Gegenwart beruhigt mich." Er blieb und ließ Anna ausweinen. „Was kann ich thun?" frug sie, nachdem sie ihre Thränen getrocknet hatte. „Was verlangen Sie von mir?" „Ich habe weiter keinen Wunsck," erwiderte Volkmar, „als daß Sie mir alle meine Fragen der strengen Wahrheit gemäß beantworten." „Ich will es," erklärte sie in betheuerndem Tone. „Fragen Siel" „Sie haben ein unverdorbenes Herz," begann der Giovanni palestrina. Anwalt von Neuem, „und da möchte ich denn zunächst wissen, wodurch Sie sich von jenem Manne bewegen lassen konnten, eine so bedenkliche Mission, wie die Entführung der kleinen Jenny, auf sich zu nehmen." „Alle Opfer, die ich diesem Manne brachte," antwortete Anna, „glaubte ich meinem künftigen Gatten zu bringen, denn er hat mir hoch und heilig die Ehe versprochen." „Er sei bereits verheirathet gewesen," fuhr Anna fort, „erzählte mir Herr von Harnisch, von seiner Frau aber, die ihm die Treue gebrochen, geschieden. Jenny sei Beider Kind, das an ihm mit der zärtlichsten Liebe hänge, durch die grausame Mutter ihm aber entrissen worden sei. Er wisse jedoch, wo sie dasselbe in London untergebracht habe und vor ihm verborgen halte. Wenn ich es übernehmen wollte, Jenny zu entführen, so würde ich ihre Seele retten, denn die Mutter würde das Mädchen zu einem lasterhaften Lebenswandel erziehen. So ließ ich mich also zu dem kühnen Unternehmen bewegen, denn ich glaubte ein gutes Werk zu thun. Der empfangenen Weisung folgend, brachte ich das Kind in Paris unter, was mir nicht schwer wurde, denn ich besitze dort von meinem früheren Pariser Aufenthalte her eine Bekannte, welche das Kind auf meine Bitte gern in Pflege nahm." „Und bei derselben befindet sich Jenny noch?" „Ja." „Haben Sie mit Ihrer Bekannten früher in Briefwechsel gestanden, so daß sie Ihre Handschrift kennt?" „Wir haben uns sehr häufig geschrieben," nickte Anna. „Würden Sie wohl ein paar Zeilen an Ihre Freundin niederschreiben, worin Sie dieselbe ersuchen, dem Ueberbringer des Briefes das Kind zu übergeben?" „Sehr gern," antwortete Anna, und zum Zeichen, daß sie auf der Stelle dazu bereit sei, begann sie ihre Handschuhe auszuziehen. Volkmar holte das nöthige Schreibmnterial herbei und Anna schrieb den Brief, den sie ihm dann nebst dem Couvert mit der genauen Adresse ihrer Freundin überreichte. Volkmar überlas beides und dankte. „Erfuhren Sie in London nicht von Frau Webster den Familiennamen Jenny's?" erkundigte er sich. „Nein; ich frug überhaupt nicht darnach, sondern nahm selbstverständlich an, daß sie Petersen heiße, wie ihr Vater, denn unter diesem Namen hat er sich bei mir eingeführt, während ich ihn heute „von Harnisch" nennen hörte." Volkmar hatte während des bisherigen Gespräches meist am Fenster gelehnt. Er ließ sich jetzt Anna gegenüber auf einem Fauteuil nieder und begann auf's Neue: „Die Vorgeschichte Ihrer Bekanntschaft mit ihm 4 - 88 - glaube ich bereits zu kennen, indem ich wohl annehmen darf, daß Ihre Frau Schwägerin sie damals ziemlich richtig erzählt hat: er kam, um ein Bouquet zu kaufen, und mährend Sie mit der Zusammenstellung desselben beschäftigt waren, wußte er sich Ihnen durch seine angenehmen Manieren liebenswürdig zu machen." Anna bejahte. „Auf welche Weise setzte er aber nun die mit Ihnen geknüpfte Bekanntschaft fort?" „Er erschien Tags darauf in der Abendandacht unserer Gemeinde, nahm neben mir Platz, da gerade ein solcher frei war, und bat um die Erlaubniß, mein Gesangbuch mitbenutzen zu dürfen, weil er keines hatte. Im Laufe des Abends gab er mir zu verstehen, daß er nur wegen mir gekommen sei und sich auch zur nächsten Andacht wieder ein- finden werde." „Begleitete er Sie nicht auf dem Nachhausewege?" „Nein, denn Frau Rollenstein ging mit mir; auch war der sonst nur wenig begangene Weg gerade sehr belebt, da eine in der Nähe ausgebrochene Feuersbrunst viele Menschen herbeigelockt hatte. Wie er versprochen, stellte er sich in der nüchstenAbend- Andacht wieder ein. Diesmal war neben mir kein Platz frei, doch konnten wir einander im Auge behalten, beim Hinausgehen hielt er sich in meiner Nähe; draußen war er mir plötzlich entschwunden. Der Abend war sehr dunkel; ih glaubte, er sei voraus und war ungeduldig, vorwärts zu kommen. Aber gerade heute ging Frau Rollenstein noch langsamer als sonst. Da holte uns Schön- aich ein, und während er mit Frau Nollenstein sprach, eilte ich voraus, in der Hoffnung, Petersen zu treffen. Ich fand ihn jedoch nicht und ging, von Zeit zu Zeit vergeblich auf Frau Rollcnstcin wartend, langsam nach Hause. In der Zwischenzeit geschah das Schreckliche. Frau Nollenstein wurde von Schönaich ermordet und ich werde mir Zeit meines Lebens zum Vorwurf machen, daß ich einer Liebeständelei wegen die alte Frau im Stiche ließ und sie in Folge Hand des Mörders überlieferte „Im Gegentheil! wünschen Sie sich Glück dazu- denn wenn Sie bei Frau Nollenstein geblieben wären, so wären Sie unfehlbar als erstes Opfer des Mörders gefallen," erklärte Volkmar, welcher dem eben vernommenen Berichte mit der schärfsten Aufmerksamkeit gefolgt war. Anna erwiderte nichts. Sie war bei Volkmar's Worten, die ihr die eigene Gefahr, an welche sie nie gedacht, so plötzlich vor Augen führten, zusammengebebt und bleich geworden. Uerstotzen. Nach dein.' Gemäli dessen gewissermaßen der Eine große, fast feierliche Pause trat ein, die Anna nicht zu unterbrechen wagte, denn sie sah den Rechtsgelehrten in tiefes Sinnen verloren, worüber er ihre Gegenwart gänzlich vergessen zu haben schien. Endlich frug er: „Wann und wo trafen Sie nachher mit Petersen wieder zusammen?" 89 „Etwa vier Tage später. Es war eine rein zufällige Begegnung. Ich befand mich auf dem Wege zur städtischen Sparkasse, wo ich Geld stehen hatte und Zinsen in Empfang nehmen wollte. Da trafen wir auf der Straße zusammen. Er begleitete mich zur Sparbank, wartete unten auf mich und lud mich dann zu einem !»! )emc Gemälde von Dieff.enbacher. Spaziergange ein. Auf diesem Wege erklärte er mir seine Liebe und wir besprachen uns über die Orte, wo wir uns treffen wollten, verabredeten für unvorhergesehene oder dringende Fälle auch die Chiffre einer Korrespondenz im Generalanzeiger." „Gab er Ihnen keine Adresse an," frug Volkmar, „unter welcher Sie ihm hätten auch schreiben können?" — „Nein," antwortete Anna mit einem bitteren Lächeln. „O, mein Gottl ich vertraute ihm blindlings! Er hatte mir ja feierlich versprochen, mich binnen Kurzem zu heirathen. Mein Vertrauen ging noch weiter. Er befand sich in Geldverlegenheit, da er sein in Amerika angelegtes Kapital augenblicklich nicht flüssig machen könne. Ich besaß ein kleines Vermögen; theils stammte es aus einer Erbschaft von meiner verstorbenen Großtante, theils waren es die zurückgelegten Ersparnisse aus meiner früherenConditionszeit im Auslande. Das habe ich ihm nach und nach fast gänzlich geopfert und auch die Reise nach London und Paris habe ich davon bestricken." „Aha!" machteVolkmar. „Die Sparbank also war das Motiv zur Fortsetzung dieses Verhältnisses gewesen." Zugleich aber mußte er staunen, welche Macht ein Mann, dem ein bestechendes Aeußere, gewandte, einnehmende Manieren und ein hoher Grad von Keckheit zur Seite stehen, über ein weibliches Herz zu gewinnen vermag, und wie dieses verstandesrcife Mädchen, welches bei Jenny's Entführung doch so große Klugheit bewiesen hatte, von der Liebe so vollständig mit Blindheit geschlagen werden konnte, daß sie einem Schurken, der ihr nicht einmal sagte, wo er wohnte, so unbegrenztes Vertrauen schenkte! „Sie werden an dem Bösewicht,derSieso schändlich hinter's Licht geführt hat, eine furcht- bareGenuglhuung erleben," sagte der Rechtsgelehrte, „das kann ich Ihnen mit großer Sicherheit prophezeien. Sie wissen gar nicht, von welcher schwerwiegenden Bedeutung die Mittheilungen sind, die Sie mir soeben gemacht haben. Lassen Sie mich indessen noch einmal auf Ihr erstes Bekanntwerden mit Petersen zurückkommen. Was sprach er mit Ihnen, als Sie ihm das Bouquet zurecht machten? Er lenkte das Gespräch auf Frau Rollenstein, die ja auch selbst im Garten erschien; nicht wahr?" ,Ja/ antwortete Anna unbefangen. (Fortsetzung folgt.) 9 « Der „Funkeusonntag" — auch Totensonntag. Von I. G. Fußenecker. --—- ^Nachdruck verboten.; „Das ist mir eine frembte Mär', Von wannen knmmt dieselbe' her?" (Alte Frankenchronik.) Zu den uralten, merkwürdigen festlichen Gebräuchen im Volksleben gehört auch der Funken- oderTodten- sonntag: „äis8 ckoeorura", er wird in manchen Ländern auch „Brandsonntag", „Brandfest" genannt („Oonaiinsa. brrrnckonuin"), in Frankreich „1s jour cls8 brLnäon8" u. s. w. Der Gebrauch dieses „Festes" besteht darin, daß am ersten Sonntag in der hl. Fastenzeit, an „Jnvocavit", oder am vierten Sonntag, „Lätare", vor den Dörfern, in Gebirgslündern auf den Bergen ein mächtiges Feuer angezündet wird, wozu man nicht selten eine ganze Klafter Holz verwendet, wie z. B. im oberen Algäu, in Vorarlberg, in der Schweiz u. s. w. Das An den Funkensonntag knüpft sich manch heiteres, aber auch sehr trauriges Geschichtchen und — nicht wenig Aberglauben. Letzteres ist jedoch heutzutage weniger der Fall. Man hat die religiöse Bedeutung dieser festlichen Volkssitte verloren und damit schwand auch der Aberglaube, wenn auch nicht gänzlich und überall. „Von wannen kommt nun die fremde Mär" und was ist ihr Begehr — ihre alte Bedeutung? Die Antwort ist nicht so leicht; die Schriften und Werke, die dergleichen Fragen beantworten, haben mein altes Wissen um kein Jota bereichert. So muß ich mich denn an meine alte Mappe halten, da finde ich Einschlägiges — einst slavischen Chroniken entnommen; daraus ergibt sich Folgendes. Die alten heidnischen Slaven begannen das Jahr um jene Zeit, in welcher bei der späteren christlichen Zeitrechnung der Sonntag Lätare eintrat, also Anfang März. Nun aber begannen diese Heiden ihr Neujahr nicht . 7^7 ^1-. X D a^s Grab Feuer wird Abends nach dem Gebetläuten angezündet. In früheren Zeiten wurde bei diesem Feuer gebetet für die „armen Seelen". Charakteristisch sind: die brennenden Funkenringe und die eßbaren Funkenringe dieses „Brandfcstes". Es handelt sich nämlich darum, nicht nur hohe Flammen zu gewinnen, sondern besonders ein möglichst starkes Funken sprühen. Das Letztere wird nun einestheils dadurch erzielt, daß man die brennenden Fackeln heftig schwingt, anderntheils dadurch, daß man einen brennenden Holzreif, den „Funkenring", im Kreis herum schleudert. An manchen Orten ist damit noch ein Mittel verbunden, nämlich das Funkenschlagen; man schlägt nämlich gewaltig in's Feuer, in den brennenden Holzstoß hinein und peitscht so die Funken heraus. Der eßbare Funkenring, das ist eine Art großer mürber Brezeln, welche am Funkenfeste die Mädchen ihrem Bräutigam oder „lieben Bekannten" spendiren müssen. In den Familien gibt es „Funken kücheln" oder „Funkenkrapfen", wie es in der Nheinpfalz heißt, wo der Funkensonntag auch noch heimisch ist. Ma riens. etwa nur „mit Saus und Schmaus und eitel Lustbarkeit", sondern mit einem Act frommer, tiefernster Pietät, nämlich mit einer Todtenfeier; sie weihten den ersten Tag des Jahres der Erinnerung an ihre Verstorbenen. An diesem Tage zog die Gemeinde in Prozession unter Voraustragung einer Statue, welche ihren „Gott des Todes", Llororva, benannt (der Name erinnert an das lntein. inor8 — Tod), darstellte, singend und betend und mit brennenden „blumengeschmückten" Fackeln (wie heute noch im nördlichen und östlichen Frankreich am „Brandsonntag") hinaus vor die Ortschaft, zur Stätte, wo die Leichen ihrer Verstorbenen verbrannt wurden — und ein großes Feuer aufloderte. Das Feuer war den alten Heidenvölkern ein mystischer und heiliger Gegenstand. Und schon bei dem ersten Menschengeschlecht gab es ein „Brandopfer" (Kain und Abel). Und Gott (ckM — Jehova) erschien dem Moses im brennenden Dornbusch. Auch diese Heiden trachteten, recht hohe Flammen und ein reiches Funkensprühen zu erzielen. Hier wurde ebenfalls gesungen, gebetet und dann geopfert. 91 Konnten die auflodernden Flammen nicht die Flamme der Liebe symbolisiren, welche die Lebenden ihren Todten entgegenbrachten; nicht das mächtige, goldene Erstrahlen des Feuers das glückselige Befinden der verstorbenen „Reinen" (Seligen) andeuten?! Und das Funkensprühen, das gleichsam gewaltsam hervorbricht, nicht den Trauerschmerz sym- bolisiren, der sich aus der Seele Tiefe emporringt, Stoßseufzern gleich, und Bittgebete mit Opfergaben darbringt?! Es wurden Früchte und Getränke geopfert. Dieses Todtenfest der Heiden hatte unzweifelhaft einen doppelten Charakter: es galt nämlich sowohl denjenigen Verstorbenen, welche als „Reine" — Selige — an einem Wonneort (Paradies, Himmel) sich befinden, als denjenigen, welche als Büßende noch an einem „Reinigungsorte" — Purgatorium, Fegfeuer — weilten. So war dieses Todtenfest gleichsam eine Vereinigung jener Feste, — wenn der Vergleich gestattet ist, die wir an „Allerheiligen" und „Allerseelen" feiern. Es ist mehr als nur merkwürdig, daß die uralten „Ein; Richter, der da Alles steht und aufschreibt, Der hält Gericht im tiefen Echoe) der Erde." „Der Sünder („Böse?") büßt, der Uebelthäter leidet, So lange als besteht ein Gott, der richtet." Unter dem Büßen des noch mit Sünden — mit „Bösem" Behafteten ist wohl der Reinigungsort zu verstehen und unter dem Leiden des Uebelthäters das „immerwährende" — ewige Leiden im Tartarus — gleich der Hölle. Bei unsern heidnischen Vorfahren, den Germanen, die aus dem alten Parsenlande oder aus Indien (Hindureich) stammten, hieß der Todtenrichter, Sprecher in Todtenheim — „Nonäon" — liiunä. Von ihm heißt es in der Edda — der „Bibel" der heidnischen Germanen: Er sei der Gin-König (Gin-Geister), Todtenfürst, welcher die „Erlösungszahl" des Ausgangs berechnet, und daß "Ifiunä einst kommen („wiederkommen!") werde — von dannen — wo er aufschreibt — im Weltalter- schluß („I gchänr röfi") u. s. w. Die alten Heidenvölker glaubten auch an ein „Glüh- 4 ^ Ms?-- Thal Josaphat. Völker schon an ein Jenseits — und an Belohnung und Bestrafung und Reinigung in einer andern Welt glaubten. So wissen wir z. B., um nur an Eines zu erinnern, aus den religiösen Schriften der Aegypter (als den ältesten — uns bekannten Schriften aller Völker), daß diese Heiden an ein Todtenreich mit einem Todtenrichter Rad am ent — glaubten. „Nadament sieht Alles und schreibt alle guten und bösen Thaten der Sterblichen auf", heißt es. Aus diesem Radament wurde bei den Hellenen — oder Griechen — der Todtenrichter Amenthes. Als die Griechen mit den Aegyptiern in enge Verbindung kamen, nahmen sie auch ihre religiösen Anschauungen auf. Sie gestalteten sie allerdings nach ihrer eigenthümlichen — individuellen Weise; dennoch aber erscheint im Griechischen Manches aus der ägyptischen Glaubenslehre fast wortwörtlich. So heißt es z. B. in Bezug auf den Todtenrichter bei dem griechischen, dramatischen Dichter Aischylos (Aeschylos): Wasser", an einen Feuer strom, der Phlegaton, Acheron und Marstrom benannt; durch diesen Feuerstrom, der auch einen Feuerwasserfall hat, müssen die Seelen der Verstorbenen, als durch ihr Purgatorium — Fegfeuer. Unwillkürlich wird man da erinnert an die Stelle im ersten Briefe des Apostels Paulus an die Corinther — Kp. III, 13: „Jedermanns Werk wird offenbar werden, denn der Tag des Herrn wird es zeigen, weil es im Feuer enthüllt wird; und Jedermanns Werk, wie es sei, wird das Feuer erproben." Das sind keine „Märchen" oder „Erdichtungen", wie die „Weisen der Aufklärung" und oberflächliche Mythologen spöttisch glauben machen wollen. Aus der Mythologie — der heidnischen Religionslehre, so märchenhaft und mißgestaltet sie auch immerhin sein mag, blitzen immer noch die, wenn auch gebrochenen, Strahlen — unverwüstliche Wahrheiten einer einstmal bestandenen, allgemeinen Urreligion hervor. Klar ausgeprägt und auf wirklich erstaunliche Weise an die christliche Lehre erinnernd ist der Glaube an Jenseits, an Himmel (Elyfium) Neinigungsort und Hölle (Tartarus) in den Schriften Platon' s. Davon — nur Weniges. „Das, was einem jeden Menschen schon auf Erden für das vollbrachte Gute oder Böse zutheil wurde, ist an Größe und Zahl nichts im Vergleich mit dem, was jeden von beiden nach dem Tode erwartet. (!)" Bezüglich des Neinigungsortes heißt es: „Die Strafe der Genugthuung im Neinigungsorte besteht hauptsächlich darin, daß der Einzelne für das Unrecht, das er jemals verübt hat, — und gegen wie Viele er es übte, der Reihe nach Buße thut — und zwar zehnmal (!) für jedes einzelne Unrecht." So — Platon*). Ich bemerke zur Zehnzahl, daß dieselbe nach den ältesten Neligionslehren schon zur Zeit Abrahams zu den mystischen Todtenzahlcn gehörte und Zehn die Lösung (Buße) der Schuld bedeutete. Aus dieser Zehnt stammt auch unser deutscher Zehent — Lösc- pflicht (die seit 1848 „abgelöst"). So befremdet es uns also nicht, wenn auch die heidnischen Slaven einen ähnlichen religiösen Glauben und demgemäß ihr Todtenfest hatten. Die Slaven werden allerdings, als sie Christen geworden, ihren alten Tag noch beibehalten haben, und so fiel ihr Todtenfest aus den Sonntag Lätare. Wir Christen haben es am Allerseelentag, und der Funkensonntag kann bei uns nimmer die Bedeutung eines Todtenfestes haben. — Eigenthümlich ist es, daß an einzelnen Orten nur — und namentlich bei den Calvinern in der Schweiz — das Funkenfest an Lätare stattfindet, während es an den meisten andern Orten am Sonntage Invocavit abgehalten wird. Als ein Gedächtnißtag für die Verstorbenen, bezw. für die armen Seelen, eignete sich nach unserer Meinung die kirchliche Lection — Psalm 91—15 — besser, wo der Psalmist den „Herrn" sagen läßt: „Er ruft zu mir und ich erhöre ihn, ich steh' ihm bei in der Trübsal rc." Zum Schluß will ich noch bemerken, daß über den Funkensonntag auch die Meinung existirt: mit dem Feuer und Funkenschlagen habe man den „Blitz des Donar" (des germanischen Heidengottes Thor) symbolisiren wollen, welcher „den Winter besiegt." Das kann allerdings bei einzelnen Stämmen, namentlich in nördlichen Ländern, der Fall gewesen sein. Indeß scheint mir diese Meinung nur von denjenigen vertreten zu sein, welche — ganz irriger Weise — in der ganzen Mythologie und den alten Religionen nichts Weiteres als nur eine „Naturvergötterung" gelten lassen wollen — und die Spreu von dem Weizen nicht zu scheiden vermögen. Bevor man zu einer Naturvergötterung gelangen konnte, mußte man doch einen Begriff von Gott, von einem übersinnlichen allmächtigen Wesen haben, dessen Macht und Kraft die Natur mit ihren verschiedenen Kräften erzeugt — geschaffen. Beharren wir also bei unserer Anschauung, so wie in religiöser Beziehung überhaupt, so im Besondern in Hinsicht auf den Funken- — oder Todtensonntag. *) Denjenigen, die Näheres hierüber erfahren möchten, empfehle ich das nur 15 Blätter umfassende, aber für die Sache vortreffliche und in seiner Art einzig dastehende Schriftchen: „Was sagt Platon vom Jenseits". Des Philosophen Lehre von den „Letzten Dingen." Aus Citaten Platonischer Schriften in deutscher Uebersetzung zusammengestellt von Dr. Joseph Murr. Innsbruck 1891, im Verlag der Veretns- buchhandlung. D. V. -- Zu unseren Bildern. palestrina. Am 2. Februar l. Js. waren es 300 Jahre, daß der große Meister der Kirchenmusik, Palestrina, zu Grabe getragen wurde. Des Künstlers wirklicher Name heißt Giovanni Pierluigi. In Palestrina, dem crten Präneste, vier Stunden von Rom, war seine Wiege gestanden. Um 1524 hat er dort das Licht der Welt erblickt. Früh zeigte sich die schöne Stimme und das musikalische Talent des Knaben, was seine armen Eltern bestimmte, ihn für die Musik ausbilden zu lassen. So kam der junge Giovanni in die Sängerschule, die einst Papst Julius II. gestiftet hatte, und unter die Leitung des Claudius Goudimel. 1551 wurde Palestrina selbst Lehrer an der Kapelle Giulia, erst Sangmeister der Knaben, dann Kapellmeister zu St. Peter im Vatikan, um einige Jahre später aus eine Berufung Julius III. diese Stelle mit der eines Sängers der päpstlichen Kapelle zu vertauschen. Papst Paul IV. entließ, streng aus die Beschlüsse Conzils von Trient haltend, die verheiratheten Sänger. Dies traf auch Palestrina, der sich, als er Kapellmeister geworden war, vermählt hatte. Eine ergreifende Komposition für die Passionswoche „Jmproperia" lenkte aller Blicke auf den Tonmeister, dem indessen die Stelle eines Kapellmeisters ani Lateran zugefallen war. Nach den Beschlüssen des Conzils von Trient sollte eine vollständige Reform der Kirchenmusik durchgeführt werden. Palestrina bekam den Auftrag, in einer Probemesse eine neue, zur Andacht stimmende Musik nach den Absichten des Conzils zu setzen und er that es. Er schuf den neuen weihevollen Kirchenstil in seiner Llissa xaxas Naroolli, der dritten der drei Probemessen, die er einr-ichte. Pius IV., Paul's IV. Nachfolger, verglich, als er am Fronleichnamsfeste 1565 zum ersten Male das Werk hörte, die Klänge desselben mit den Tönen, die Johannes in der Offenbarung im himmlischen Jerusalem vernommen. Palestrina wurde nun Kapellmeister an S. Maria Maggiore, 1565 Tonsetzer der päpstlichen Kapelle, 1571 wieder „Kapellmeister an St. Peter im Vatikan." Als solcher componirte er noch Psalmen, dann die berühmten 29 Motetten aus dem Hohen Liede. Palestrina ist der Schöpfer des katholischen Kirchenstils in d>r Musik. In seinen 13 Bänden Messen hat er die heilige Tonkunst, wie sie im Dienste des Cultus der katholischen Kirche steht, festgelegt. Nerstosien. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu und wem sie just passieret, bricht' sie das Herz entzwei. Auch die Osterhofbauernnanni hat das nun an sich erfahren müssen. In mächtig aufloderndem Zorn jagt der alte, geldstolze Bauer sein einziges Kind von Haus und Hof, blos weil die Liebe desselben auf einen zwar treuen und braven, aber armen Burschen gefallen ist. Das begütigende Zureden der Mutter hilft nichts, der starre Eisenkopf des Bauers duldet keinen Widerspruch, und solange der Vater lebt, darf das Kind den Fuß nicht mehr auf den heimathlichen Boden setzen. Dilder aus Palästina. Grab Mariens. — Wenn man von Jerusalem aus den Garten Gethsemane und den Oelberg besucht und den steilen Pfad zur Thalsohle hinunter gestiegen ist, hat man den Weg nach der nahen Kirche mit dem Mariengrab, wohin der Legende zufolge die Apostel den Leichnam der Maria trugen und bestatteten, und wo die Gottesmutter bis zu ihrer Himmelfahrt ruhte. Von der Kirche ragt nur die Vorballe aus dem Boden. Eine große Marmortr.ppe führt innerhalb des Portals in die Tiefe. Am Fuße der 47 Treppenstufen ist die eigentliche Kirche. In dem längern Arm des Kirchenschiffs, das am Boden und an den Wänden meist noch den gewachsenen Fels zeigt, steht der Sarg Mariä, allein anstatt des Felsengrabs, welches früher hier zu sehen gewesen sein soll, ist das Grab nur ein hoher Sarkophag in einer kleinen viereckigen Kapelle, welche an diejenige in der Grabeskirche erinnert. ThalJosaPhat. — Das Thal Kidron oder Josaphat beginnt nördlich von Jerusalem, verläuft etwa eine starke halbe Wegstunde gegen Osten, biegt dann scharf gegen Süden ab und fließt am Fuße des Morta zwischen diesem und dem Oelberge hin. Die Abhänge des Thales sind heutzutage mit Schutt bedeckt, allein noch immer stell genug, um das Ersteigen zu erschweren. «U 14. Areitag, den 16. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Gralrherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) »Da er Sie am andern Abend in der Methodisten- Kapclle aufsuchte, so mußte er natürlich von Ihnen gehört haben, daß Sie dort zu treffen sind," forschte Volk- mar weiter. „Gewiß, nachdem er von mir vernommen hatte, daß Frau Höllenstein eine regelmäßige Bcsnchcrin der Andachten sei und daß ich sie begleite." „Kam es bei dem Hin- und Hcrplaudern über die Seltsamkeiten der alten Dame nicht zur Sprache, daß dieselbe sehr geizig sei, so geizig, daß sie, trotz ihres großen Reichthums, nicht einmal ein Dienstmädchen halte?" „Ja, das sagte ich ihm." „Lenkte sich das Gespräch nicht auch auf die von ihr allein bewohnten Räume —" „Ja." „Daß z. B. den Zugang zu der Wohnung ein abgeschlossenes, von dem übrigen Theile des Gebäudes, getrenntes Treppenhaus bilde?" „Auch davon war die Rede," bestätigte Anna, erstaunt, daß der Advokat die Einzelheiten jener Unterhaltung so genau errieth. „Wußte er Ihnen nicht auch zu entlocken," frug Volkmar weiter, „daß Frau Nollcnstein Abends beim Nachhausekommcu sich mittelst ihrer Handlaterne selbst die Treppe hinaufleuchtete und daß sie bei ihren Ausgängen ihre sämmtlichen Schlüssel mitzunehmen pflegte?" „Mein Gott, ja!" rief Anna stutzig. „Ich würde zum Schluß noch fragen, ob er sich auch über die Zuverlässigkeit des Gerüchts zu vergewissern suchte, daß Frau Nollenstein ihr Geld in der Wohnung versteckt halte, aber —" „Nein, das frug er mich nicht," warf Anna dazwischen. „Aber das war ihm bereits vorher bekannt," vollendete der Nechtsgelehrte wie im Selbstgespräch. Anna war aufgesprungen. Ein Schauder ging durch ihren erbebenden Körper. Sie schloß ein paar Sekunden lang die Augen, wie vor einer schrecklichen Vision. Volkmar blickte sie fest an und sagte, indem er den Zeigefinger emporhob, in bedeutungsvoll mahnendem Tone: „Was wir miteinander jetzt gesprochen haben, bleibt tiefes Geheimniß zwischen uns. Verstehen Sie?" Noch vermochte Anna nicht zu sprechen. Sie preßte die Hände auf die Brust und antwortete nur durch ein stummes, lebhaftes Kopfnicken. „Herr Doktor I" begann sie endlich, während es in ihren Augen aufleuchtete. „Sie sprachen vorhin von einer furchtbaren Genugthuung, die mir bevorstünde. Ich ahne jetzt, was Sie mit dem Worte furchtbar gemeint haben. Der Mörder Frau Nollcustcin's heißt nicht Schönaichl O, wie hat mein thörichtes Herz mich verblendet!" Der Advokat schwieg. Anna wollte sich verabschieden. „Noch einen Augenblick," bat Volkmar. Nach einigem Nachdenken fügte er hinzu: „Tranen Sie sich die allerdings fast übermenschliche Selbstverleugnung zu, Ihre Rolle als Petersen's Geliebte uöthigenfalls noch ein paar Tage lang weiter zu spielen? Fühlen Sie die Kraft in sich, ihm ein lächelndes Gesicht zu zeigcu, Ihre empörten Gefühle zu verleugnen, Ihren Abscheu zu unterdrücken?" Anna zögerte. „Noch wiegt er sich in voller Sicherheit," fuhr Volkmar fort. „Es ist Alles daran gelegen, ihn für eine kurze Frist in diesem glücklichen Wahne zu erhalten, um ihm dann um so überraschender die Schlinge über den Kopf zu werfen. Brechen Sie aber das Verhältniß mit ihm jetzt kurzer Hand ab, so wäre das eine sehr deutliche Warnung für ihn, auf seiner Hut zu sein." Anna schwankte nun keinen Augenblick mehr. „Ja, ich will mich überwinden," rief sie mit wildern Haß in ihren flammenden Augen und mit dem Hcldcnnmthe des tödtlich gekränkten Weibes, dem zur Kühlung seiner glühenden Rache kein Opfer zu groß ist, „ich fühle mich stark genug, ihn zu täuschen; ich will ihn um keinen freundlichen Blick, um kein zärtliches Wort verkürzen, und wenn es sein müßte, will ich ihm sogar die blutbefleckte Mörderhand küssen. Ja, das will ich!" Mit diesem heroischen Versprechen schied Anna von dem Nechtsgelehrten..... Von welcher Seite Volkmar die überraschenden Aufklärungen, welche ihm im Anschlüsse an die Ergebnisse der letzten Tage diese Stunde gebracht hatte, auch betrachten mochte, so schienen dieselben doch in unlösbarem Widerspruch zu der Thatsache zu stehen, daß Harnisch in jener Nacht, wo Frau Rollenstein ermordet worden war, nach- gcwicsenermaßen in einem Hotel in Köln übernachtet hatte. Hier war offenbar eine Täuschung im Spiele, so schwer sich dieselbe auch enträthseln ließ. Harnisch war, wie Volkmar gleich zu Anfang geargwöhnt hatte, Frau Rollen- 94 stein's Mörder. Er hatte die alte Frau beseitigt, um sich an der Hand ihrer Erbin den Weg zu ihrer Million zu bahnen. Als er durch Siglindens Weigerung, eine Erbschaft anzutreten, auf welcher die Blutschuld ihres Vaters ruhen sollte, seinen Plan gefährdet sah, ersann er sich jenes Märchen, welches die ganze Schwere des Verdachtes auf Jmhoff wälzte. Unzweifelhaft aber hatte er diese letztere Nothwendigkeit schon früher in's Auge gefaßt und Jmhoff im Kastanienwäldcheu ermordet, denn die Todten können nicht reden. Daß Jmhoff der Fremde gewesen sei, den Martha in Abwesenheit ihrer Herrschaft empfing, bezweifelte Volkmar nicht; wahrscheinlich hatte er Schönaich die Kunde vom Tode Erika's überbringen wollen. Er hatte sich seitdem nicht wieder gezeigt, denn noch an demselben Abend fiel er als Opfer von Harnisch's Würgerhand. Um jede Nachforschung nach den Personalien der Leiche unmöglich zu machen, entkleidete der Mörder dieselbe. In seinem teuflisch berechneten Plane hatte er aber das Kind Jmhoff's und Erika's vergessen. Als Siglinde ihm die beiden Briefe Frau Webster's zeigte und ihm erklärte, daß sie Jenny zu sich nehmen werde, war sein Entschluß schnell gefaßt. Unmöglich hätte selbst dieser hartgesottene Verbrecher ein Kind um sich dulden können, dessen Anblick ihn täglich an den hingcmordeten Vater desselben mahnen mußte. Er ließ Jenny entführen und zeigte sich, während dies geschah, absichtlich öfter im Bureau des Advokaten, um seine Anwesenheit in der Stadt zu kon- statircn. Das waren die Hauptzüge, in welchen sich dem Nechts- gelehrten diese Verkettung von Mord und Trug darstellte. Aber seinem im Labyrinthe des Verbrechens geschulten Auge wollte sich blitzartig ein noch tieferer Blick eröffnen, vorläufig nur im grauen Dämmerschcine einer fast verwegenen Ahnung. Um dieser tief verborgenen Spur nachzugehen, begab er sich noch am Abend desselben Tages, wo er Anna's Geständnisse vernommen hatte, auf eine gehcimnißvolle Reise, ohne zu hinterlassen, wohtn ihn dieselbe führe. * H * Acht Tage später erhielt Siglinde von Doktor Volkmar ein Billet, worin er sie bat, ihm um eine bestimmte Stunde ihren Besuch zu schenken, mit dem Hinzufügen, daß er ihr eine wichtige Mittheilung zu machen habe. Siglinde wußte, daß er verreist war, und hatte mit fieberhafter Ungeduld seine Rückkehr erwartet, denn in der Zwischenzeit war etwas geschehen, dessen weittragende Bedeutung von der Nachricht, welche der Anwalt des Vaters für sie bereit halten mochte, kaum überboten werden konnte. Wahrscheinlich hatte er auch bereits Kenntniß davon und wollte nun mit ihr darüber sprechen, daher sie sich auch durchaus auf keine Neuigkeit gefaßt machte. Als sie in's Zimmer trat, saßen bereits zwei Männer da, allem Anschein nach ebenfalls Klienten, welche darauf warteten, zur Konsultation vorgelassen zu werden. Sie wollte daher bescheiden zurücktreten, wurde aber von einem der Schreiber sogleich in's Sprechzimmer geführt, wo Volkmar sie auf's Herzlichste empfing. „Darf ich annehmen, daß Ihnen das Neueste bereits bekannt ist?" frug Siglinde sogleich nach der ersten Begrüßung. „Wissen Sie schon, daß ich von Jmhoff einen Brief erhalten habe, worin er sich des Mordes an meiner Tante für schuldig bekennt? Da er seine Absicht nicht erreicht habe, fügte er diesem Bekenntniß hinzu, so wolle er nicht, daß ein Unschuldiger an seiner Stelle zur Verantwortung gezogen werde. Man möge sich nicht erst Mühe geben, nach ihm zu forschen, denn wenn diese Zeilen in meine Hände kämen, habe er bereits die Stadt verlassen, um irgendwo sein aussichtsloses, elendes Lebm in einem Strome zu begraben. Das ist der Inhalt des Briefes, den ich aber nicht mitbringen konnte, weil ich ihn sofort dem Staatsanwalte übergeben habe." Mit unbeweglicher Miene hatte Doktor Volkmar zugehört. „Ich habe den Brief vor zwei Stunden bereits gelesen," erwiderte er ruhig. „Hat der Staatsanwalt Sie rufen lassen?" „Nein, ich ging zu ihm, um einen Verhastsbefehl gegen Jmhoff zu erwirken, was ich auch erreicht habe." „Einen Verhastsbefehl gegen einen Todten?" frug Siglinde befremdet. „Ich werde ihn auferstehen lassen," versetzte der Nechtsgelehrte, „und Sie selbst werden ihn noch heute, noch in dieser Stunde von Angesicht zu Angesicht sehen." Mit heftiger Bewegung preßte die erstaunte Siglinde die Hände aneinander und schüttelte in stummer Überraschung den Kopf. „Ich habe Ihnen von meiner Reise ein Geschenk mitgebracht," lenkte Volkmar von dem Gesprächsgegenstande ab, während ein glückliches Lächeln um seine Lippen schwebte, „es ist eine Gabe, an die sich Freude und Schmerz zugleich knüpfen. Bitte, treten Sie ein, Fräulein Siglinde." Mit diesen Worten schob er die Portiere zurück, welche, noch nicht wieder durch die Thüre ersetzt, in den kleinen Salon führte. Hier wartete Volkmar's Haushälterin, mit einem Kinde an der Hand, welches in der Umgebung dieses grünenden und blühenden Zimmergartens selbst wie eine duftende Blume erschien. Es war ein dreijähriges Mädchen in einem hellblauen Kleidchen mit ebensolchen Schleifen auf den Achseln und einer blauseidencn Schärpe um die Hüften. Um den weißen Hals schwang sich eine doppelte Korallen- kette, von der ein goldenes Kreuz herabhing. Lange dunkle Locken umrahmten das liebliche Gesichtchen, aus welchem ein Paar sanfter, brauner Augen hervorschimmerten. Wer konnte dieses Kind sein, wenn Volkmar von einem Geschenk gesprochen hatte und die schönen, braunen Augen wie die dunkle Lockenfülle Siglindcn auf den ersten Blick das Bild ihrer Schwester Erika in die Erinnerung zurückriefen? Was Siglindcn die ahnungsvolle Stimme ihres Innern auf die Frage antwortete, wurde durch Volkmar nur bestätigt, indem er ihr das kleine Mädchen mit den Worten zuführte: „Sieh, Jenny, das hier ist Deine Tante Siglinde, Du wirst sie lieb haben, denn sie hat Dich auch sehr lieb." Eine Weile war Siglinde starr und sprachlos geblieben; nun aber wich die Ueberraschnng mächtigeren Gefühlen, sie stürzte auf das Kind zu, riß es in ihre Arme, drückte es an ihr Herz und ließ dem unaufhaltsamen Strome ihrer Thränen freien Lauf. Dieses lebendige Andenken an ihre Schwester rief auf's Neue den ganzen Schmerz um die Todte in ihr wach und war ihr zugleich ein beseligender Trost, ein süßes Vermächtniß, in welchem die Unglückliche, die auf dem Meeresgrunde ruhte, weiter lebte. Ergriffen blickte der Nechtsgelehrte auf die stumme Szene, die von keiner Frage Siglindens, wie er den 95 Aufenthalt des geraubten Kindes entdeckt habe, unterbrochen wurde. Da hörte man durch die leichte Portiere hindurch im anstoßenden Sprechzimmer die Thüre aufgehen und die Schritte eines Eingetretenen, welcher, das Zimmer leer findend, unschlüssig stehen blieb. Volkmar warf noch einen Blick voll schmerzlichen Mitleids auf Jenny, fuhr sich mit der Hand nach den Augen und hielt dieselben ein paar Sekunden lang bedeckt. Dann begab er sich in sein Sprechzimmer. Siglinde hörte ihn mit seinem Besucher reden und erkannte an der Stimme Herrn von Harnisch. Aus den begrüßenden Worten entnahm sie, daß dieser auf Volk- mar's Einladung erschienen war. AIs Jenny Harnisch's Stimme vernommen, hatte sie plötzlich hoch aufgehorcht und ihr Antlitz ängstlich in Siglindens Schooß verborgen. „Ich beglückwünsche Sie", sagte Volkmar, „unsere Sache kommt jetzt in Fluß. Ihre Vermuthungen scheinen sich glänzend bestätigen zu wollen; der Staatsanwaltschaft liegt ein Brief Jmhoff's vor, worin der lebensmüde Mörder seine Schuld bekennt. Damit sind jedoch die Neuigkeiten, die ich für Sie habe, noch nicht erschöpft, denn auch eine Ueberraschung anderer Art steht Ihnen bevor." Während seiner letzten Worte hatte sich der Advokat der Portiere genähert und winkte Siglindcn, mit der kleinen Jenny hereinzukommen. Das Kind wollte jedoch nicht von der Stelle. Es begann laut zu weinen. „Was ist das?" frug Harnisch stutzig. „Sind Ihre Nerven gegen das Weinen eines Kindes so empfindlich?" lächelte der Advokat. „Wahrhaftig, Sie sind ganz blaß geworden!" Siglinde hatte ihre widerstrebende Nichte durch Liebkosungen beschwichtigt und trat jetzt, mit der Kleinen auf dem Arme, hinter der Portiere hervor. Kaum hatte Jenny Herrn von Harnisch erblickt, als der Nuf: „Papa!" ihren Lippen entglitt. In dem Tone ihrer Stimme, in dem Blicke, womit sie den Genannten ansah, lag eine Scheu, wie Kinder sie vor strengen Vatern fühlen, bei welchen die Zucht- ruthe die Stelle der Liebe vertritt. Nasch hatte das Kind sein Gesicht wieder abgewandt und sich ängstlich an Siglinde geschmiegt. Diese fühlte das Zittern des kleinen Körpers, den beschleunigten Schlag des angsterfüllten Herzchens. Sie wußte nicht, was sie denken sollte, als sie von den Lippen der Kleinen jenen vertrauten, in unmittelbarer Beziehung zu Harnisch gebrauchten Namen vernommen hatte und den also Angeredeten vor dem Anblicke des Kindes zurücktaumeln sah, als hätte ihn eine Dolchspitze berührt. Nur Volkmar war ruhig geblieben. „Bringen Sie Jenny fort," befahl er der Haushälterin, die noch im anstoßenden Zimmer verweilte. Sie nahm das Kind von Siglindens Armen und entfernte sich damit. (Fortsetzung folgt.) GoldkSvner. Verschiebe nichts, mein säumig Herz, Aus eine bcss're Zeit! Auf Zeitverlust folgt Neu' und Schmerz, Auf Trägheit Traurigkeit. Geibel. ---8LSSSLS—-- Die Vorläufer des Telegraphen. Von Don Josaphet. lNachdruil vkrbotcn.z Glaubwürdige Geschichtschreiber versichern, daß die Fernschreibekuust oder Tclegraphie bereits im Alterthum bekannt war, und alle Umstände berechtigen uns, dieser Ansicht beizustimmen. Wenn wir die häufigen Kriege und Fehden, in welche die Alten verwickelt waren, sowie die Unsicherheit und Langsamkeit der Mittheilungen durch Boten und Läufer bedenken, so werden uns die Bestrebungen, jede wichtige Nachricht sicherer und in kürzerer Zeit zu befördern, sehr leicht erklärlich. Natürlich konnte bei der einfachen Technik der Alten die Tclegraphie sich anfangs nur auf leicht in der Ferne wahrnehmbare Zeichen beschränken, über deren Bedeutung vorher eine Ucbereinknnft getroffen war. Dies war die sogenannte Signalknnst, aus welcher sich all- mälig im Lause der Zeiten die eigentliche Tclegraphie erst entwickelte. Phönizier, Syrier, Hebräer und Griechen kannten ohne Zweifel diese Art der Fernschreibcknnst und bereits Aeschylos, der griechische Tragiker (525—450 v. Chr.) erwähnt in seinem Agamemnon der optischen Tclegraphie durch Signale. Klytümnestra erfuhr durch Signalfcuer den Fall Troja's (1184 v. Chr.) in Kleinasien, während sie in Mykenä (Griechenland) weilte, und die betreffenden Verse lauten: Cbor. Und welcher Bote flog so flügelschncll? Klytämnestra. Vulkan, der bis von Jda'S Gipfel her Glanzstrahlend Fackel stets an Fackel zünd't — Ein wandernd Feuer. Vom Jda leuchtet eS Bis an des Hermes Hügel an dem See. Den dritten Strahl nahm Athos' Gipfel auf Und sprüht ihn über'n Rücken Hellcspont's Schön flammend wie der Sonne Morgcnglanz Bis zu MckistnS' Wache. Da sie's sah, Verschlummerte sie nicht die Botenpflicht. Fern über des Euripus Wirbel hin Trug dann die Flamme Botschaft zu der Hut MczanienS; die zündete ein Feu'r Argiv'scher Reiser an; — die hohe Flamme Wallt über des AcsopuS Eb'ncn hin Hell wie der Mondstrahl — und entlockte CythercnS Hügel eine Wechselsiamme. Weit über den Gorgop'schen Spiezclsee Glänzt sie und mahnt die Hüter Acgipkankt'ö Der Botenpflicht: mit ungcschwachtee Kraft Entzündet sie ein hcllcö Feuer, und Alsbald erglänzt der große Flammcnbart Und strahlet über des Saronischcn Vorbergcs Spitze, weit hinüber bis Sie allerletzt die Hügel dieser Stadt Erreicht; — und so trug Jda'S Tochterflamine Die Kunde unter der Atriscn Dach. So hatt' es eure Königin geordnet, so Erfüllten meine Wächter ihre Pflicht. Dies möge nur als Beispiel dienen, wie die Alten sich auch ohne den heutigen Telegraphen ganz gut behülfen haben und wie Athen und Sparta ihren Bundesgenossen, Jerusalem seinen Brudern auf den Höhen des galilüischeil Gebirges, der König von Damaskus dem Herrscher Jsrael's in Thirza oder Samaria Mittheilungen wachen konnten. Später meldet der Geschichtschreiber Scxtus Julius Africanus, Christ aus Emmans in Palästina (232 n. Chr.), von einer Vorrichtung, welche es ermöglichte, bestimmte Befehle auf große Distanzen zu signalisireu. Auf jeder der beiden Stationen befindet sich ein mit Wasser ge- 96 fülltes Gefäß von gleicher Höhe und gleichem Durchmesser. Auf der Oberfläche schwimmt eine hölzerne Scheibe, in die ein vertikaler Stab befestigt ist, an welchem eine bestimmte Anzahl von Nummern, z. B. 25, verzeichnet sind; das Niveau ist so gestellt, daß sämmtliche Nummern über den Rand des Gefäßes hinausragen. Sobald man nun durch Signalfeuer oder durch eine Gruppe von Fackeln das Zeichen gibt, wird in beiden Gefäßen zu gleicher Zeit das Wasser abgelassen und zwar von der signalisirenden Station so weit, bis die gewünschte Nummer auf dem Stäbe in der schwimmenden Scheibe, welche je nach der Menge des abfließenden Wassers sinkt, mit dem Rande des Gefäßes gleichsteht, was dann selbstverständlich auch auf der andern Station der Fall sein muß. Auf ein gegebenes Zeichen nun werden die Gefäße wieder geschlossen, die bezeichnete Nummer, die einen bestimmten Befehl ausdrückte, wird abgelesen und danach gehandelt. Endlich spricht auch der Grieche Polybios (ch 122 v. Chr.) von einer Art Fackelschrift, um in weiten Entfernungen zu korrespondiern. Er theilt das Alphabet in drei Theile, jeden zu acht Buchstaben, welche er durch ebenso viele Fackeln bezeichnet und ausdrückt. Jede Station hat auch drei Abtheilungen, rechts, links und die dritte in der Btitte. Eine bis acht Fackeln rechts bedeuten die ersten acht Buchstaben, eine gleiche Zahl Fackeln in der Mitte die folgenden, acht Fackeln links die letzten acht Buchstaben des Alphabets. Auf der beobachtenden Station sind auf diese drei Punkte horizontale Röhren gerichtet, während die signalisirende Station an anderer Stelle durch eine bestimmte Zahl von Fackeln andeutet, ob der Buchstabe rechts, links oder in der Mitte zu suchen sei. Sinnreich war dieser Vorschlag allerdings — aber äußerst umständlich. Das mochte der brave Theoretiker Polybios selbst einsehen, denn er brachte später eine Verbesserung in Vorschlag, die aber um nichts praktischer war. Uebrigeus ist er der letzte Schriftsteller der älteren Periode, welcher diesen Gegenstand berührt. Von da bis zum Jahre 1553 findet sich eine bedeutende Lücke in der Geschichte der Telcgraphie. Wohl blieb dem Mittelalter bei den zahlreichen Kriegen und Streitigkeiten zwischen Fürsten, Adel und Bürgern, bei den alle Aufmerksamkeit auf sich lenkenden Krcuzzügen u. s. f. nicht Muße genug, diesen Zweig der Wissenschaft und Praxis weiter zu vervollkommnen und zu pflegen, und erst der italienische Arzt Hi-ronymus Car- danns (ch 1576 zu Rom) aus Pavia, welcher auch zuerst die Masern und den Flecktyphus untersucht hat, erwähnt in seinem Werke Os sudiilitate (1553) eine Methode, um mit einer belagerten Festung zu korrespondiren — denn die Päpste damaliger Zeit fochten manchen Strauß — welche übrigens der Fackelschrift des Polybios sehr ähnlich ist. Im Jahre 1617 schlug Keßler vor, in einer Tonne Feuer anzuzünden, dieses bald mit einem Brette zu verdecken, bald wieder sichtbar werden zu lassen, und so durch die Anzahl der Verdcckungcn eine Art von Schriftsprache zu bilden. 1663 verspricht ein Marquis von Worcester in England eine Korrespondenz zwischen zwei Orten einzuleiten, wenn die Entfernung noch gestattet, schwarz und weiß von einander zu unterscheiden. 16 84 besprach Robert Hook in der Londoner Societät eine Methode, um mittelst geometrischer, aus aneinander gelegten Linealen gebildeter Figuren auf beträchtliche Distanzen zu telegraphiren. Erst 100 Jahre später (1785) erschien das erste ausführliche Werk über Telegraphier Bergsträsser's „Fünf Sendungen über Synthematographie". Er selbst telegraphirte zuerst von Hanau nach Philippsburg in Baden. Im Jahre 1792 überraschte Claude Chappe mit einer neuen Erfindung Frankreich und die damalige gebildete Welt — sein System war folgendes: Auf einem weithin sichtbaren Orte, einem Thurm, Hügel oder dem Dache eines Hauses, wurde eine starke, hohe Stange lothrecht befestigt, die einen ungefähr meterlangen Querbalken trug, so daß das Ganze einem 1 sehr ähnlich sah, da an den beiden Enden des beweglichen Querbalkens zwei ebenfalls bewegliche kurze Arme angebracht waren. Die vielfachen Winkel, die durch die Stellung des Querbalkens zum Stamm und durch diejenige der kurzen Arme zum Querbalken sich bildeten, ließen unzählige Combinationen zu. Die Balken wurden durch Ziehen von Stricken in Bewegung gesetzt, und wenn man schnell nach einander signalisirte, so bot der Chappe'sche Telegraph während der Manipulation ein interessantes, stets wechselndes Schauspiel. Die erste derartige Tele- graphenliuie reichte von Paris bis Lille und die Kosten der Herstellung beliefen sich auf 100,000 Livres; die erste Nachricht aber, die der neue Telegraph meldete, war die der Eroberung von Condä a. d. Scheide im Oktober 1792. Das war Claude Chappe's Triumph. Doch trotz seiner genialen Erfindung endete er seine Tage in Dürftigkeit — sein optischer Telegraph hatte sich bald überlebt und die Fernschreibekunst trat in eine neue Phase. Elektrizität war das Zauberwort, das mit einem Schlage alle bisherigen Telegraphen-Systeme verdrängte und sie zu Versuchen stempelte, für welche der Sohn des 19. Jahrhunderts nur ein Lächeln der Ueberlegenheit hat. Franklin dachte sich schon die Elektrizität als Beförderin von Nachrichten, doch der Ruhm, seine Ideen praktisch zu verwerthen, war unserm erfindungsreichen Jahrhundert vorbehalten. Sömmering mit seinem elektrischen Telegraphen (1809), Gauß und Weber in Eöt- tingen mit dem elektromagnetischen Telegraphen (1833), Wheatstone, Hughes, Dumoulin, d'Arlincourt, Lenoir, Sortais, Morse, Caselli schließen die lange Reihe jener genialen Geister, welche die Welten miteinander verbanden und so großartig vollendeten, was die Alten so bescheiden begonnen. Neues aus Sibirien?) Die „sibirischen Briefe", welche dem Folgenden zu Grund liegen, sind, ehe sie zu einem Buch vereinigt wurden, zuerst in der deutschen „St. Petersburger Ztg." erschienen. Sie stammen aus der Feder eines Deutsch- russen, welcher, ein hervorragender Geologe, sich eine Reihe von Jahren in amtlicher Eigenschaft in Jrkntsk, nahe dem Baikalsee, aufgehalten und von dort aus weite Strecken des ungeheuren Landes durchforscht hat. Eine geologische Reise nach China unterbrach seine Wirksamkeit in Sibirien. Jetzt ist er wieder dorthin zurückgekehrt. *) Sibirische Briefe. Von O. O. Eingeführt von P. v. Kügelgen. Leipzig, bei Dmickcr und Hnmblot 1894. — 97 Die Anonymität, in welche er sich hüllt, erscheint insofern eigenthümlich, als sie den russischen Behörden gegenüber sich doch wirkungslos zeigen dürfte. Schon aus dem Inhalte der Briefe muß man in Petersburg den Verfasser derselben feststellen können. Es müssen also irgend welche Gründe besonderer Art sein, welche ihn hindern, jetzt schon mit seinem Namen hervorzutreten. Aber die Briefe bedürfen auch nicht der Deckung durch irgend einen bestimmten Namen; aus ihrem Inhalte schon ersehen wir, daß der Verfasser ein, nicht nur fachmännisch, gründlich gebildeter Mann, ein ebenso aufrichtiger als freimüthiger russischer Patriot und ein gemüthvoller, wohlmeinender Mensch ist. Für einen größeren Leserkreis wird das Buch dadurch, daß die Briefform der einzelnen Berichte unverändert beibehalten worden ist, allerdings mit einem manchmal etwas beschwerlichen Ballast beladen. Aeußerungen über Frau und Kinder, trauliche Plaudereien mit den in der Heimath zurückgelassenen Lieben haben ja gewiß für den betreffenden Kreis selbst etwas Herzerquickendes, und das um so mehr, da die Briefe ja nicht auf einmal, sondern in längeren Zwischenräumen eintreffen. Erscheinen letztere aber in ein Buch zusammengefaßt, das seines sachlichen Inhalts willen im Zusammenhang gelesen sein will, so wirken jene Ergießungen und Redewendungen'rein persönlichprivaten Inhalts störend und ermüdend, wenn sie häufig einen breiten Raum einnehmen; es erscheint dann manche gewiß herzlich gemeinte Wendung süßlich und manierirt, wenn auch ein und das andere Mal eine Beimischung persönlicher Beziehungen in die sachlichen Erörterungen den letzteren ein wohlthuendes Licht aufsetzen mag. In dieser Hinsicht allerdings könnten die „sibirischen Briefe" eine etwas eingreifendere Bearbeitung ertragen, ohne dadurch zu verlieren. Der Verfasser traf mit Frau und Kind Mitte Oktober 1888 in der ostsibirischen Hauptstadt Jrkutsk am Ufer der Angara, einem Ausflüsse des Baikaisces und dem größten Nebenflüsse des Jenissei, ein. Die Stadt, in bergiger Gegend gelegen, befand sich vor fünf Jahren noch in sehr primitivem Zustande; von .einer großen, etwa zehn Jahre früher stattgesundenen Feuersbrunst her lagen noch viele Baustellen wüst. Den sibirischen Winter lernten die Ankömmlinge alsbald kennen; Angara und Baikalsee bedecken sich allerdings erst gegen Weihnachten mit Eis, aber strenger Frost tritt schon im frühen Herbste ein, und während dieser Zeit bilden die erwähnten Gewässer riesige Dampf- und Wolkenbchälter, welche die ganze Gegend Tag aus, Tag ein in Nebel hüllen. Der eigentliche Winter dagegen, bei meist nur sehr geringem Schucefall, ist von ganz wunderbarer Klarheit, die Luft durchsichtiges Glas, der Himmel prächtiges Lazurgewölbe, ganz italienisch, die hartgefrorene Erde klingendes Metall. Die Sonne funkelt, als wolle sie Melonen reifen, begnügt sich aber, täglich den Nachts etwa gefallenen Schnee wegzuschmelzen, der sich dann Abends in solides Eis verwandelt. Die Kälte betrug um die Jahreswende zwischen 25 und 40 Grad. Außer Thee und Sterlet, von welchem letzteren das Pfund 30 Pfennige kostet, sind Lebensrnittel und alle anderen Bedürfnisse überaus theuer. Ein eßbarer Apfel kostet 45 Pf. bis 1 Mk. 10 Pf., ein Häring ist ein fast unerschwinglicher Leckerbissen. Die Milch wird im Winter gefroren zu Markt gebracht und stückweise verkaufn Von den Forschungsreisen, welche der Verfasser im folgenden Sommer unternahm, schildert derselbe einen Ausflug nach dem westlichen Ufer des Baikalsee's, also in ein Jrkutsk benachbartes Gebiet. Aber der Weg führte in die gebirgige Taiga, den sibirischen Urwald, wo man nur bewaffnet reisen kann, um auf Begegnungen mit dem Herrn des Landes, dem schwarzen Bären, gefaßt zu sein, und wo die unbändigte Natur dem Eindringling die denkbar größten Schwierigkeiten bereitet. Im dichten Schatten des Waldes verwandelt sich der Boden der flacheren Thalhänge und der Thalsohlen in einen tückischen Moosschwamm oder in gefährlichen, von ellenhohem Gras überwachsenen Sumpf. Wasserlöcher, schlüpfrige Felsblöcke, glitschriges Moos machen jeden Schritt für Mann und Pferd gefährlich, während im Sonnenschein Myriaden blutgieriger Mücken über beide herfallen. Unter diesen Umständen brauchte unser Reisender mit seiner Begleitung 3 Tage, um nach achttägigen Anstrengungen die zuletzt noch übrige Strecke von 12 Werst bis zu einer bestimmten Uferstelle des Baikalsee's zurückzulegen. Hier genoß er allerdings einen von ihm geradezu als hinreißend geschilderten Ausblick auf den großen See, dessen bergige Inseln und das am Südufer aufragende Sajangebirge; um aber von dem Gipfel der Anhöhe nach dem ganz nahe, am Fuße derselben, dicht am See gelegenen Dörfchen zu gelangen, war nochmaliges Uebernachten in einer steilen Bergschlucht erforderlich, und dann währte daS gefährliche Abwärtsklettern nochmals bis Mittag. Zkber nicht nur der wilde Zustand des Landes abseits von den großen Verkehrswegen, welche indessen ihrerseits selbst noch das Meiste zu wünschen lassen, legt den Forschungsreisenden schwere Hindernisse in den Weg, das Klima vielmehr beeinträchtigt solche Unternehmungen fast noch stärker, indem es ihre Möglichkeit auf einen kurzen Zeitraum einschränkt. Der sehr kalte Winter beginnt auch im südlichen Ostsibirien schon Ende Oktober/ über 10 Grad Kälte erhebt sich von da an das Thermometer nie; um so häufiger und andauernder sinkt eS bis auf 35 und 40 Grad; 20 Grad Kälte im Schatten sind auch im Februar noch die Regel. Im April sprengen Angara und Baikalsee ihre Eisdecke, und im Mai hüllen Wiesen und Felder sich fast über Nacht in frisches Grün. Dabei sind Mai und Juni bei zunehmender Wärme meist trocken, und im Juni sind, während die Tageshitze bis zum 15. August wächst, auch die Nächte häufig warm. Dafür sind diese Monate die Saison der für Sibirien so charakteristischen großen und gefährlichen Waldbrände. Juli und August sind Negcnmonate, und schon im letzteren beginnen die Nachtfröste. A)er September hat, bei milder Temperatur und klarem Himmel, die angenehmsten, aber leider eben schon recht kurzen Tage mit empfindlich kalten Nächten. An mineralischen Schätzen ist Sibirien reich. So stellte unser Geologe im Sommer 1889 im Bezirke Jrkutsk das Vorhandensein eines kolossalen Steinkohlenlagers fest, welches für die künftige sibirische Eisenbahn einst von größter Bedeutung sein wird. Auf der diesen Untersuchungen gewidmeten Exkursion und beim Besuche der großen Baikalscc-Jusel Olchon lernte unser Geologe auch das Volk der Burjaten oder Buräten kennen, welche in Transbaikalien großcniheils den Grunvstock der Bevölkerung bilden, dabei freilich nicht viel über 300,000 Köpfe zählen. Sie sind Buddhisten, und ihre zahlreichen Götzen und Hausgötter bilden, auf Kommode und Tischchen als Nippsachen aufgestellt, den Hauptschmuck ihrer Wobn- 98 ungen. Die menschenfreundlichen Lehren Buddha's haben aber bei ihnen einen steinigen Boden gefunden; die Burjaten sind ein mürrisches, unliebenswürdiges Volk. Ackerbau gestattet das Klima nur stellenweise, Viehzucht, Jagd und Fischfang müssen daher hauptsächlich den Lebcns- bedarf liefern. Sicht man von der malerischen Insel Olchon ab, in deren Fclsgesiade der See durch Auswaschung einen wcitnmher als Heiligthum verehrten Buddhatempel „gebaut" hat, so trägt das von den Burjaten bewohnte Land größteuthcils den trostlos öden und langweiligen Charakter der Salzsteppe. Wie der Boden, so die Bevölkerung. Im Sommer 1890 besuchte der Verfasser ein Salz- hüttenwerk und verschiedene Goldwäschereien im Lena- Gebiete;^ vorher aber erhielt er noch den Besuch eines Kollegen, welcher zwei Jahre als Beamter im Amur- gebiet gedient hatte und von dort zurückkehrte, nachdem die nähere Kenntniß dieses so viel gerühmten und in Rußland eine Zeit lang als Eldorado ausposaunten Landes alle seine Illusionen zerstört und ihm die trostloseste Enttäuschung bereitet hatte. Dasselbe liegt zwar dem nördlichen Japan nahe genug, aber während dort selbst im Herbste milde Luft, warme Sonne, grüne Matten, fruchtbare Thäler Herz und Augen erquicken, liegt hier Schnee auf den Berghängen, und schneidend kalte Nordostwinde machen den Aufenthalt im Freien unraihsam; die traurige Oede nordischer Natur lagert, einen kleinen südlichen Landstrich ausgenommen, auf dem ganzen Gebiete. Der Grund dieses Gegensatzes liegt in der Unzugänglichkeit deS Amurgebietes für alle warmen, befruchtenden Luftströmungen; dasselbe stellt ein großes Kältebasstn dar von unglaublicher Oede, denn auch der so viel gerühmte unvergleichliche Wildreichthum besteht nur in der Phantasie. Der Verkehr, auch auf den Wasserstraßen, ist in der traurigsten Verfassung. Eine ausführliche Schilderung widmet der Verfasser den Goldwäschereien am Witim, dem östlichen Nebenflüsse der oberen Lena. Win begleiten ihn auf seinem Boote die Lena hinab, den durch die Goldfeifen schmutzig gefärbten Witim hinauf. Schon auf dem von ihm in Witimsk bestiegenen Dampfer macht sich die Nähe der Goldregionen im Gesichisausdruck, den Mienen, dem Wesen, den Reden der Mitreisenden bcmerkltch. Das Goldfieber grassirte noch stark, und die ganze Unterhaltung drehte sich nur um das gelbe Metall. Die Goldwäschereien erklärt der Verfasser für daS größte Unglück Sibiriens. Die einzelnen Alltheile, deren jeder 215—530 Meter breit und 5,3 Kilometer lang ist, werden von goldgie- rigcn Unternehmern ausgebeutet, welche das durch guten Wald und Wiescnboden ausgezeichnete Land, dessen Alibau sich wohl verlohnen würde, rücksichtslos verwüsten. Die Goldseifen liegen an Berghängen mit stürmisch vom Gebirge herabkommendcn Bächen, welche das Gold mit sich führen und unten ablagern. Mit der Zeit haben diese Gewässer über das edle Metall eine mehr oder weniger dicke Decke von Lehm, Kies und Sand gewoben, welche „Torf" genannt wird; unter ihr, oft wenige Zoll, oft viele Meter tief, befinden sich die Gold enthaltenden Flnßablagerungen, eben die Goldseifen. Werden aus 165 Kilogramm Sand rc. gegen 300 Gramm Gold gewonnen, so gilt dies schon als ein sehr günstiges Verhältniß. Die Arbeiter sind im Ganzen so schlecht bezahlt, daß man ihnen, um allzu systematischen Dieb- stahl zu verhüten, zufällig von ihnen gefundene größere Stücke Goldes jetzt gewohnheitsmäßig überläßt und besonders abkaust, da solche sonst mit Sicherheit ihren Weg zu den überall lauernden chinesischen Aufkäufern finden würden. Im Allgemeinen wird der Abbau der Seifen und die Goldwäsche noch in sehr primitiver Weise betrieben. Früher wurden zu den Arbeiten hauptsächlich solche entlaufene und wieder eingesungene Sträflinge verwendet, welche ihren Namen und ihre Herkunft vergessen zu haben behaupten — eine Kategorie von sibirischen Simulanten, über welche auch Kennan berichtet hat; — sie wurden als Vagabunden verurtheilt und zur Arbeit vermicthet. Seit jedoch Massen von Verbrechern nach der Insel Sachalin gebracht werden, hat sich dies geändert. Jetzt findet man in den Goldwäschereien fast nur noch „freie" Arbeiter aus allen Enden des russischen Neichs, Nationalrusscn, Deutsche, Polen, Baschkiren, Juden und namentlich viele Jakntcn und Tungusen, meist unglückliche Opfer der Auswanderungsagenten, welche das Goldfieber trefflich auszubeuten wußten, wie denn überhaupt das sibirische Auswanderungswescn vor fünf Jahren noch jeder staatlichen Organisation entbehrte. Lange Zeit noch war es den Arbeitern verboten, Familie zu haben, sodaß sich zu dem Elende noch die grauenhafteste Unsittlichkeit gesellte. Als der Verfasser jene Gegenden besuchte, herrschte dazu noch, namentlich in den kleinen Goldwäschereien, das schamloseste Trucksystem; die Arbeiter mußten alle ihre Bedürfnisse den Magazinen der Besitzer entnehmen, welche oft mehr von diesem Geschäfte, als vom Eoldgcwinn lebten. Das Beamtcnpcrsoual der Wäschereien setzt sich meist auch aus minderwerthigen Leuten zusammen. Sind sie gut bezahlt, so stillen Wein und Karten ihre freien Stunden aus, die minder gut gestellten helfen sich mit der Fabrikation falschen Goldes oder mit falschen Wagen. Der Verfasser hat selbst derartige Fälle mit festgestellt. Auch der Schmuggel, namentlich von Branntwein, florirt in den Goldbezirkeu. Längs der Straßen aber, wenn man den Ausdruck überhaupt von sibirischen Wegen gebrauchen darf, welche von und zu den Goldwäschereien führen, lauern von Strecke zu Strecke, wie sprungbereite Raubthiere, höhlcuartigc Schuapskucipcn, mit einer Garnison von Dirnen. Mancher Arbeiter, dem es wirklich gelungen, sich eine Summe, unter den schwersten Entbehrungen, zu erübrigen, ist, auf dem Wege nach der Heimath begriffen, in ihnen verschwunden; weit abwärts wurde dann wohl nach Tagen oder Wochen ein nackter Leichnam von der Lena ans Ufer geschwemmt. Ein trauriges Bild entwirft der Verfasser von den hygienischen Zuständen in Sibirien. Wir heben aus dem betreffenden Abschnitte nur die weiteren Kreisen bisher wohl nirgends bekannt gewesene Thatsache hervor, daß, schon lange bevor Dr. Edward Jenner in England die erste Schutzpockenimpfung versuchte (1796), diese im östlichen Sibirien geübt wurde. Die Kamtschadalen machten schon iui sechzehnten Jahrhundert den Kindern bei eintretender Pockencpidemie mit scharfer Fischgräte einen Riß mitten in das Gesicht und übertrugen in diesen die Pockenlymphe eines Blatternkranken. Trotzdem raffte die Seuche ganze Stämme dahin. Eine grauenhafte Ergänzung dieser Mittheilungen findet sich in dem Büchlein „Aus dem modernen Rußland" von Bernhard Stern, Berlin, bei S. Cronbach, in dem Kapitel „Die Aussätzigen von Jakutsk." Von ganz besonderem Interesse ist, daß der Ver- 99 > fasser, welcher selbst erklärt, von Kennans Büchern über Sibirien nur das in Rußland nicht verbotene „Zeltleben in Sibirien" gelesen zu haben, dessen Darstellungen vom sibirischen Gefängnißwesen seinerseits sachlich durchaus bestätigt, wogegen er die entgegengesetzten Schilderungen eines Engländers Mndt für ebenso oberflächlich wie unzutreffend erklärt. Dieser Mr. Windt unternahm gleich nach dem letzten Gefängnißkougreß in Petersburg im Auftrage der russischen Regierung eine Reise durch Sibirien, um die dortigen Gefängnisse kennen zu lernen und Kennau's Darstellungen zu widerlegen. Letzteres that er denn auch, aber, wie unser Verfasser nachweist, ohne die Gefängnisse, auf welche es zunächst ankam, die „Sammelrefervoire" für die Transporte in Tomsk und Tjumen, auch nur gesehen zu haben. Die dort herrschende unglaubliche Ueberfüllnng und der geradezu mörderische Einfluß derselben auf die Gesundheit der Gefangenen, die haarsträubenden Zustände in den dortigen Gefängnißspitälern sind dem Zeugnisse unseres Autors zufolge von Kennan durchaus zutreffend geschildert worden. Dagegen stellt jener den Etappeugefängnissen ein günstigeres Zeugniß aus; allerdings erklärt er die Reglements derselben für geradezu grausam; aber es komme dabei viel auf die verständige oder unverständige Ausführung derselben durch die Kommandanten an. Bis ins Jakutenland und in die trostlose, steinige Tundra (die endlosen Sumpf- und Mooswüsten des Nordens, führt uns der Verfasser und läßt uns einen Blick in die eigenartigen Branche und Anschauungen des dortigen Volkes thun. Wir wenden uns indessen zum Schlüsse lieber seinem Urtheil über den Sibirier im Allgemeinen zu. Dasselbe lautet nicht günstig. Bestehen für die Landwirthschaft auch einigermaßen günstige Verhältnisse im Gouvernement TouiSk, so liegen dieselben in dem von Jrkutsk und den übrigen um so mehr im Argen. Mehr als 8 bis 10 Rubel Reingewinn wirft dem Bauern eine Dessjatine Landes (etwa 1 Hektar) nicht ab. Der Mangel an guten und schnellen Verkehrsmitteln, das Klima rc. kommt dabei freilich sehr in Betracht; im Lenagcbiete z. B. können die Feldarbeiten der Ueber- fchwemmungen wegen oft erst im Mai begonnen werden, und Ende Juli stellen sich bereits Nachtfröste ein. Aber das größte Uebel sind doch die Stumpfheit, die Trägheit, die Trunksucht des Bauern, sowie das hierauf fußende Treiben der Kulaks, d. h. der ländlichen Wucherer, und das Fehlen jedes intelligente» Elements auf dem Lande. Für die Volksbildung ist nur dem Namen nach gesorgt, und in Schulbezirken von der Ausdehnung eines Königreichs sind verabschiedete Lieutenants, gewesene Accisc- beamte, Kauzleischreiber und dergl. als Schuliuspcktoren angestellt. Aehnlich, oder vielmehr noch schlimmer, steht es mit der Besetzung der Lehrerstcllen. Die Inhaber derselben leben unter dem rein materiellen Landvolke in der tiefsten Verachtung. Und die Mittel, mit welchen man von Petersburg aus dem Uebel steuern möchte, sind verkehrt. Da räth man zum Beispiel, den Landban durch Einführung des russischen Gemeindecigcnthums zu heben, als ob damit nicht der letzte Sporn zur Thätigkeit im sibirischen, Bauern beseitigt würde. Helfen kann nur die Weckung des moralischen Volksbcwußtseins und die Eisenbahn. Inzwischen wird freilich noch viel Wasser die Lena und den Jenissei hinablaufen, und dann kann die eigentliche Kulturarbeit erst beginnen. Welche Zeit ihre Durchführung in dem so ungeheuer ausgedehnten Lande beanspruchen wird, wenn alles glatt geht, läßt sich auch nicht annähernd absehen. Der Verfasser schließt, indem er uns seine Berufung zur Theilnahme an jener bereits erwähnten wissenschaftlichen Expedition nach China mittheilt. Möchte er auch die Ergebnisse dieser bald in die Oeffentlichkeit gelangen lassen! Man „reist" gern in so angenehmer Gesellschaft. -»-SWMS--- ALLSSLsT. Aus der Zeit der Kämpfe Oesterreichs mit dem Bergvolks in den Bocche dt Cattaro veröffentlicht ein Kriegsberichterstatter von damals im „Pester Lloyd" allerlei Erinnerungen: An einem nebeligen Dezembertage erschien der Pope von Morinje im Gebäude des Bczirks- hanptmanns, wo der kommandircnde General Graf Auersperg wohnte, und bat, zu diesem geführt zu werden. Der General empfing den Ankömmling in gewohnter Liebenswürdigkeit, war aber nicht wenig betreten, als der hochwürdige Herr nach einigen einleitenden Sätzen in die Tiefen seines schäbigen geistlichen Kleides langte, um daraus sein zu einem Bündel verschlungenes rothes Sacktuch hervorzuholen, das er mit großer Wichtigkeit auf dem Tisch ausbreitete. Den General befiel ein Grausen, als sein Blick auf den Inhalt fiel. Sechs abgeschnittene Menschcnnasen lagen da als Trophäen eines Kampfes, welchen Tags vorher die Männer von Morinje gegen einen Haufen Krivoschianer ausgesuchten hatten. Wie die meisten an der Küste gelegenen Orte, so war auch Morinje treu geblieben. Ueberdies lebten die Bewohner von Morinje mit den Krtvoschianern wegen irgend eines früheren Zwischenfalles in Blutfehde. Um die Treue und Tapferkeit seiner Gemeinde anschaulich zu beweisen, war jetzt der Pope mit einem Fischerboote nach Cattaro hinübergefahren, um dem General die landesüblichen Siegeszeichen huldigend auf den grünen Konferenztisch zu schütten. Der General hätte den frommen Diener Gottes am liebsten mitsammt seinen Trophäen zur Thür hinauswerfen lassen. Allein — am nächsten Tage wären die Morinjcsen und ihre Nachbarn zu den Aufständisch» übergegangen. Graf AuerSperg war daher so klug, die Pfarrkinder des braven Popen wegen ihrer Treue und Tapferkeit zu belohnen. Ueberdies gab er dem Manne zehn Dukaten aus dem Dispositionsfonds des Stabsquartiers. Um den Werth der Trophäen ins rechte Licht zu setzen, wies der Pope grinsend auf drei Nasen hin, an denen auch die Oberlippe mit kräftigem, schwarzem Schnurrbarte hing. „Die Nasen", erklärte der Pope, „haben also nicht jungen bartlosen Leuten, sondern gereiften starken Männern gehört, die zu überwinden eine besondere Tapferkeit erforderte." Früher war es hier wie in der Herzegowina, in Montenegro und in Albanien gebräuchlich, den Besiegten die Köpfe abzuschneiden. Dieser Branch hatte aber mancherlei Nachtheile im Gefolge. Die Leute hielten sich im Kampfe mit dem Abschneiden der Köpfe zu lange auf. Auch verursachte das Mitschleppen solcher etwas umfangreicher Siegeszeichen vielerlei Beschwerlichkeiten im Gefechte und auf dem Marsche. Daher verfügte Fürst Danilo während des Krieges gegen die Türken im Jahre 1858, daß die Köpfe der verwundeten oder gctödtetcn Türken nicht mehr abzuschneiden seien. Für eine abgelieferte Nase werde in Zukunft derselbe Preis gezahlt werden. 100 PapierinKoreaist einer der wichtigsten Handelsartikel dieses Landes: freilich nicht sowohl der dünne Stoff, den wir so heißen, sondern vielmehr dicke Platten, die geradezu für Alles gebraucht werden. Die Fenster bestehen aus mit Oel getränktem Papier, das in hölzerne Rahmen gespannt ist; statt der Teppiche und Matten breitet man Papier auf den Fußböden aus; ebenso be- nützt man das Papier zu Laternen von jeder Größe, zu —Labakbeuteln und Fächern. Wenn es regnet, so stülpt der Koreaner über seinen gewöhnlichen Hut einen zweiten kegelförmigen aus Oelpapier und legt einen Regenmantel um, selbstverständlich aus Oelpapier. Koffer und Büchsen aller Art macht man aus dickem steifem Papier. Alan kann sich bei solch mannigfaltiger Verwendung denken, welche große Massen von Papier hergestellt werden müssen, und Papier ist auch das einzige Erzengniß Koreas, das in großen Mengen nach China ausgeführt wird. Die Herstellung ist eine sehr einfache. Bei der Stadt Söul am Flusse steht eine Hütte neben der andern, worin Papier gemacht wird. Papier und Lumpen werden zuerst in Bottichen durch fließendes Wasser dnrchgewaschcn, dann in langen hölzernen Trögen von Männern mit bloßen Füßen zu Brei zermalmt. Dann bringt man den Brei in große hölzerne Behälter mit lauem Wasser und trägt ihn hier auf Bambusmattcn gleichmäßig auf, diese trocknet man in der Sonne, bis sie hart sind. Dann schneidet man die Bögen in Streifen und behandelt diese wieder, wie das erstemal, nur gibt man zu dem Wasser diesesmal Samen und Wurzelstück einer Pflanze, die „Takpool", d. h. Stärkeholz, heißt. Dadurch wird das Wasser schleimig, und das Papier erhält seinen Ton und seine Haltbarkeit. Nun trocknet man die Bögen wieder und klopft sie auf Granitplatten mit hölzernen Schlegeln, bis sie die gewünschte Dünne oder, wenn man mehrere über einander gelegt hat, die verlangte Dicke haben. Dann werden sie noch weiter getrocknet und wandern dann zusammengefaltet in die Vorraths- kammer. 10 bis 11 Arbeiter fertigen am Tag 250 solche Bögen, 4' Fuß lang und drei Fuß breit, ein Bogen kostet an Ort und Stelle 250 Kash oder 23 Pfg. Früher wurde in Deutschland auf ähnliche Weise Papier hergestellt, das sog. Büttenpapier, es fand aber nicht die vielfache Verwendung, wie bei den Bewohnern Koreas, die darin ganz besonders erfinderisch sind. -k- Des Zauberers Rache. Ein Ungar, der der Vorstellung eines amerikanischen Zauberkünstlers beigewohnt hatte, sprach nach Beendigung derselben im Cafv laut und heftig gegen den Künstler und meinte, die ungarischen Zauberkünstler seien viel bedeutender. Der Amerikaner, der zufällig zugegen war, verständigte sich schnell mit dem Kellner, trat dann zu dem Ungarn und sagte: „Ich bin der Zauberer, von dem Sie eben sprechen. Sie halten mich für unbedeutender, als die ungarischen Taschenspieler, weil ich weniger durch die Hand, als durch Benutzung der wunderbaren Kräfte der Natur zu wirken versuche. Aber ich kann, wenn ich will, viel größere Tricks ausführen, als einer der jetzt lebenden Kollegen, ich kann das Unmögliche wahr machen. So z. B. werde ich Ihnen sogleich, ohne alle Vorbereitung, eine Ohrfeige geben, und der hinter Ihnen sitzende Kellner soll vor Schmerz laut aufschreien, während Sie selbst nichts davon empfinden!" — „Das wollen wir sehen?" erwiederte der erstaunte Ungar. Als er und der Kellner sich vorschriftsmäßig placirt halten, machte der Amerikaner die Umstehenden noch einmal darauf aufmerksam, daß er durchaus nicht vorbereitet sei, und versetzte hierauf dem Ungarn eine derbe Ohrfeige. Sogleich sprang der Kellner hinter ihm aus, hielt sich die Backe und schrie laut vor Schmerz. Der Ungar aber sprang ebenfalls sogleich auf und rief freudigen Tones der Gesellschaft zu: „Hob' ich gleich g'sagt, daß Zauberer nix versteht! Hob' ich Ohrfeigen auch g'spürt!" Ein soeben bei Trewendt in Breslau erschienenes Buch „Der Sprachwart" von Theodor von Sosnosky liest unter Anderm verschiedenen älteren und neueren Dichtern und Schriftstellern den Text. Wobei wir indessen als mildernden Umstand betonen, daß künstlerische Phantasie allzu leicht über die Schranken gemessenen Erwägens, die der Sprachphilister ängstlich innehält, hinüberträgt. Aber was zu arg ist, ist zu arg. Da heißt es: „Er war wie eine vereiste Flamme geworben." (Alfred Friedmann.) Der Untersberg lag ihm gegenüber wie ein Haufen Nichts, wie der Schatten einer Leiche. (Wilbranöt.) Der Mond, der bleiche Scelcnhirt, trieb seine Schafe vor sich her (Alfred Fricdmanu). Das größte Sündenregister aber haben selbstverständlich die Jüugstdeutschen; so sagt Hcrrmami Bahr in seiner „Guten Schule": „Strauchelnder Athem", „sich sträubendes Mark", „ein steil schreiender Held", „das freche Näschen, das mit dem Gesicht nicht gleichen Schritt halten wollte, sondern eigensinnig seine eigenen Pfade seitwärts trabte" u. dgl. m. Schachaufgabe. Von H. und E. Bellmann. Schwarz. Weiß zieht an und setzt niit dem 2. Zuge matt. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 12: Weiß. Schwarz. 1. T. S5 —65 66 — 65 2. T. 05 —§5 05-64 3. S. M —63 s- K. L4 —V4 4. T. §5-1)5 -j- Matt. HL15. 1894. „Augsburgrr Postzeitung". Dienstag, den 20. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Lerlag des Literarischen Instituts vou Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Map Huttler). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Volkmar trat an sein Schreibpult: „Herr Jmhoff", sagte er mit scharfer Betonung dieses Namens — Siglinde, der die Situation noch immer nicht klar war, blickte entsetzt um sich, als glaubte sie, der eben Genannte sei, unbemerkt von ihr, eingetreten. Als sie aber das Auge des Advokaten fest und unverwandt auf Herrn von Harnisch gerichtet sah, als sie erkannte, daß nur ihm und keinem Andern die Anrede gelten könne, stieß sie einen Schrei aus und flüchtete sich, wie vor einem Gespenst, an Volkmar's Seite. „Herr Jmhoff," nahm dieser die unterbrochene Rede wieder auf: „Ihr Spiel ist ausl Das letzte Stichwort Ihrer vortrefflich gespielten Rolle hat Ihr eigenes Kind gesprochen, und wie dies manchem anderen Schauspieler vor dem Falle des Vorhanges passirt, müssen Sie die Schlußszene den Statisten überlassen." Er drückte an den auf seinem Pulte angebrachten Knopf eines elektrischen Glockenzuges und aus dem anderen Bureau antwortete sofort der schrille Ton der Klingel. Jmhoff war, einem Marmorbilde gleich, starr und regungslos auf derselben Stelle stehen geblieben. Jetzt sah er sich mit den Blicken einer wilden Bestie nach einem Gegenstände um, womit er den Advokaten, der ihn so schlau umgarnt hatte, zerschmettern konnte. Einen Stuhl ergreifend und denselben hoch in den Händen schwingend, stürzte er auf Volkmar zu. Mit blitzartiger Entschlossenheit sprang Siglinde dazwischen und stellte sich vor den Advokaten, ihn mit ihrem Körper schützend. In demselben Augenblicke sah aber auch Jmhoff in Volkmar's über Siglindens Kopf erhobener Hand einen Revolver blitzen, und wie gelähmt von dem Anblick der Waffe, deren sechsfache Mündung gegen seine Stirn gerichtet war, ließ er den Stuhl zu Boden fallen. Zugleich waren die beiden Männer eingetreten, die Siglinde schon bei ihrer Ankunft hatte im Vorzimmer sitzen sehen. Es waren zwei geheime Criminalpolizisten, und während sie über den entlarvten Verbrecher herfielen, um ihn zu fesseln, drängte Volkmar Siglinde sanft hinaus und geleitete sie in seine Wohnräume. Als er unmittelbar darauf in sein Sprechzimmer zurückkehrte, war dasselbe leer. Auf der Straße draußen ließ sich ein scharfer Pfiff Vernehmen, welcher eine bereits in der Nähe haltende Droschke herbeirief. Volkmar hörte, wie seine Schreiber im vorderen Bureau die Fenster aufrissen, um den Gefangenen von seinen beiden handfesten Begleitern in den Wagen drängen zu sehen, wie der letztere dann davon rollte, wie die Fenster sich wieder schlössen und wie die Schreiber den Vorgang murmelnd unter sich besprachen. Nach einer Weile trat Siglindens Gestalt hinter der Portiere hervor. Sie sah noch bleich und verstört aus von der aufregenden Szene, die sie erlebt hatte, und während sie nür durch ein stummes Kopfschütteln auszudrücken vermochte, wie unbegreiflich ihr Alles erschien, verweilte ihr großes, erstauntes Auge fragend auf Volkmar's Antlitz wie auf einer räthselhaften Sphinx. Der Anwalt führte sie nach einem Sessel, und nachdem er ihr gegenüber selbst Platz genommen, begann er: „Fräulein Siglinde, ich habe Ihnen viel verschwiegen, um die Unruhe Ihres Gemüthes, das zwischen Furcht und Hoffnung schwebte, nicht noch zu vermehren. Sie mußten den Eindruck gewinnen, als ob ich mich in der Angelegenheit Ihres Vaters unthätig verhalte und den Schwerpunkt meiner Aufgabe in meine rhetorischen Künste vor dem Schwurgerichtshofe zu verlegen gedenke. Aber vom ersten Tage an, wo ich die Sache Ihres Vaters zur meinigen machte, griff ich handelnd ein, und von diesem Tage an hatte ich auch schon Geheimnisse vor Ihnen. Mit diesen soll es nun zwischen uns zu Ende sein, und Alles, was ich weiß, dürfen auch Sie setzt erfahren." Volkmar erzählte nun seiner lautlos lauschenden Zuhörerin, wie er seine Forschungen in der Nitter'schen Gärtnerei begonnen, wie sein Verdacht sich gleich auf den Käufer der Blumenbouquets gelenkt, wie er in demselben nach Harnisch's überraschenden Aufschlüssen Jmhoff vermuthet habe, aber im weiteren Verlaufe seiner Ermittelungen zu dem unerwarteten Resultat gelangt sei, daß Anna's verdächtiger Courmacher Harnisch selbst war. Dann gestand er, wie die Siglinden so peinliche Verhandlung über den Ehevertrag nur ein Experiment gewesen sei, um Anna Ritter der Unterhandlung als unsichlbare Ohrenzeugin beiwohnen zu lassen und so ihr Verhältniß zu Harnisch aufzuklären. Volkmar berichtete, wie vollständig ihm Alles gelungen war, wie Anna sich nicht nur zu der Entführung Jenny's bekannt habe, sondern durch die ihr vorgelegten 102 Fragen Volkmar's bis zu jenen Enthüllungen fortgeschritten war, die es außer Zweifel stellten, daß alle bei der Ermordung Frau Rollenstein's in Betracht kommenden Umstände einen mindestens gleich schweren Verdacht gegen Harnisch begründeten, wie gegen Siglindens Vater. „Nur der nicht umzustoßende Alibibeweis, daß Harnisch zur Zeit der That in einem Kölner Hotel als Nachtgast geweilt hatte," fuhr Volkmar fort, „war ein Stein des Anstoßes. Da aber Anna Ritter ihn an demselben Abende in der Methodistenversammlung gesehen hatte, so konnte der Kölner Hotelgast natürlich Harnisch gar nicht gewesen sein. Wie er Ihnen selbst erzählte, hatte er sich nach seinem kalten Bade im Oanal Llanests ein Fieber zugezogen und sich in Calais in einem Hospitale einige Tage verpflegen lassen. Dort mußte ich Zuverlässiges über ihn erfahren können — und dorthin ging meine Reise, mit welcher ich zugleich den Zweck verknüpfte, bei meiner Rückkehr über Paris Jenny abzuholen. Es wurde mir in Calais nicht schwer, das Hospital zu ermitteln, wo am 12. August, dem Tage der Dampfer-Katastrophe, einer der Passagiere, welche durch die „Sirene" gerettet und nach Calais gebracht worden waren, Aufnahme gefunden hatte. Wirklich hatte dort Herr v. Harnisch acht Tage lang krank gelegen, aber nicht an einem Fieber. . . . Der Arzt, der ihn behandelte, und die Krankenwärterin, die ihn gepflegt hatte, erinnerten sich ihres Patienten noch sehr genau. Als er vom sinkenden Dampfer in's Boot sprang, war er mit der Schulter gegen den Rand desselben geschlagen und hatte sich am rechten Schulterblatt verletzt. Vielleicht wird es Ihnen noch im Gedächtniß sein, Fräulein Siglinde, daß der Leichnam jenes Unbekannten, den man im Kastanienwäldchen erwürgt fand, auf dem oberen Theile des rechten Schulterblattes eine erst kürzlich geheilte Wunde auswies, welche von einem hölzernen kantigen Instrumente herzurühren schien. Die Gerichtsärzte nahmen an, der Ermordete müsse kurz zuvor einen schweren Fall auf der Treppe gethan und sich beim Aufschlagen auf die Kante einer Stufe die Wunde am Schulterblatt zugezogen haben. Setzen wir nun statt eines Sturzes auf der Treppe jenen ungeschickten Sprung vom Schiffe, und statt der Stufenkante den Bord oder Rand des Bootes, so haben wir die allein richtige Erklärung für jene Wunde des Ermordeten, und das geheimnißvolle Dunkel, welches seine Persönlichkeit bis jetzt umgeben hat, lichtet sich mit einem Male! Dieser Mann war Herr von Harnisch — der wirkliche Herr v. Harnisch, und Derjenige, welchem wir diesen Namen bisher fälschlich beigelegt haben, heißt Jmhoff." „Großer Gott! Ermordet!" entfuhr es den Lippen der entsetzten Zuhörerin. „O, der Unglückliche, der Arme!" „Herr von Harnisch ist am 20. August aus dem Spital entlassen worden und wahrscheinlich über Köln, den geradesten Weg, hierher gereist. Es wird also seine Nichtigkeit haben, daß er in dem Kölner Hotel übernachtet hat, und eben so wahrscheinlich ist es, daß es, nach seiner Ankunft hier, einer seiner ersten Wege war, sich Ihnen und Ihrem Vater vorzustellen. Er traf Sie beide nicht mehr an — er und kein Anderer war der Fremde, mit dem Martha gesprochen hat. Er kam nicht wieder und konnte nicht wieder kommen, weil er am Abend desselben Tages erdrosselt wurde, und wer konnte der Mörder sein? Doch nur Derjenige, welcher' seinen Namen annahm und sich unter diesem bei Ihnen einführte. Und warum that er das? Offenbar besaß er Kenntniß von der Angelegenheit, die Herrn v. Harnisch nach Europa geführt hatte, denn es ist durchaus nichts Unwahrscheinliches, daß zwischen Beiden während der gemeinschaftlichen Seereise ein engerer Anschluß, ein vertraulicher Verkehr entstanden war. Wenn ich auch Jmhoff kaum zutraue, daß er sich über den Reisezweck seiner Frau ausgesprochen hat, so war Harnisch vielleicht um so weniger verschlossen. Im gelegentlichen Gespräch konnte er leicht den Namen unserer Stadt und den Namen Rollenstein haben fallen lassen. Das war genug, um Jmhoff's Interesse und Neugierde wachzurufen und seine ganze Kunst im Ausforschen Anderer in Bewegung zu setzen. So lernte er Harnisch's Beziehungen zu Frau Rollenstein kennen, so erfuhr er, daß die Schwester Erika's Anwartschaft auf das Erbe der Schwererkrankten besaß, wenn sie einwilligte, Harnisch's Gattin zu werden. Als er nun Ihre Tante ermordet hatte, ohne die gehofften Schätze gefunden zu haben, gerieth er auf den kühnen, aber ziemlich naheliegenden Gedanken, in der Rolle Harnisch's als Ihr Bewerber aufzutreten, und deshalb mußte dieser als Opfer fallen. Daß aber der Mann, auf welchen sich der ganze, schwerwiegende Verdacht des an Frau Rollenstein verübten Mordes wälzte, gerade Ihr Vater war, gestaltete sich für den Pseudo- Harnisch zu einem unheilvollen Verhängniß, da er Sie entschlossen fand, die Erbschaft abzulehnen. Als Sie aber für die Freisprechung Ihres Vaters Ihre Hand als Preis aussetzten und damit zugleick die Million der Erblasserin, da beschloß er, va, stangua zu spielen, um die Entlastung Ihres Vaters herbeizuführen, und denunzierte sich selbst als den Mörder." „O, dann ist ja Alles Lug und Trug!" rief Siglinde plötzlich von einem Gedanken erfaßt, „und man darf keinem seiner Worte glauben. Dann ist vielleicht auch meine Schwester Erika gar nicht ertrunken und weilt noch unter den Lebenden!" „Diese Hoffnung kann ich leider nicht theilen," erwiderte Volkmar ernst. „Gerade in diesem Punkte hat er ganz gewiß die volle Wahrheit gesagt. In seiner Selbstanklage, in der Angabe seines richtigen Namens Jmhoff, in der Klarlegung aller Verhältnisse, in denen seine und Ihrer Schwester Vergangenheit wurzelt, in 1 der Motivierung der Mordthat durch den Tod seiner Frau, — der ihm die letzte Aussicht aus Besserung seiner, jetzt nur um so verzweifelter gewordenen Lage raubte, — darin und in noch manchen anderen Umständen, die er als begünstigende Momente seiner That anführte, liegt eben die ganze Kühnheit seiner Berechnung, durch die Wahrheit Ihren Vater zu entlasten. Er durfte das schon wagen. War er doch als Jmhoff aus der Welt verschwunden und in das schützende Jncognito des Herrn von Harnisch geschlüpft! Mit großer Geistesgegenwart wußte er dessen verfehlten Besuch bei Ihnen zu benutzen, um diesen, mit dem er eine oberflächliche äußere Aehn- lichkeit besaß, als Jmhoff erscheinen zu lassen und dadurch die handgreifliche Individualität des Mörders auf die Bildfläche zu bringen. Mit dem Briefe an den Staatsanwalt wollte er dem Gange des Prozesses einen Drücker geben, wollte er einen materiellen Untergrund für die Zeugenaussagen gewinnen, die er bei der Gerichtsverhandlung in der Rolle Harnisch's vorbringen mußte, und mir eine wirksame Vertheidigungswaffe zu Gunsten Ihres Vaters in die Hand spielen. Dank dem 108 > Ergebnisse meiner Nachforschungen in Calais und den wuchtigen Argumenten, die sich daran gliedern, gelang es mir, Jmhoff's Verhaftung zu erwirken. Vorläufig steht er unter der Anklage, Herrn v. Harnisch ermordet zu haben, aber auch den Mord an Ihrer Tante wird er nicht abschütteln können. Kein Schwurgericht kann und wird Ihren Vater als Thäter verurtheilen, wenn es die Wahl hat zwischen einem in Ehren grau gewordenen, wenn auch in seinen kaufmännischen Unternehmungen zuletzt vom Glück verlassenen Manne — und einem Andern, der sich einen falschen Namenbeigelegt und den wirklichen Träger desselben meuchlings ermordet hat. Hoffen Sie nicht, Fräulein Siglinde, daß Ihre arme Schwester von den Todten auferstehen werde, aber hoffen Sie darauf, daß Ihr Vater, vollkommen gereinigt von der ihm aufgebürdeten Schuld, Ihnen wiedergegeben wird. Wenn ich Ihnen das sage, so dürfen Sie es ruhig glauben!" Er legte die Hand auf sein Herz, und das offene zuversichtliche Lächeln, womit erSiglinde anblickte, erfüllte diese mit einem beseligenden Muthe. „Und das Glück, meinen greisenVater wieder in meine Arme schließen zu dürfen, verdanke ich Ihnen," sagte sie mit den Thränen eines überwältigenden Dankbarkeitsgefühls in den schönen blauen Augen, „verdanke ich Ihrem geheimnißvollen Walten, Ihrem rastlosen Forschen und Wirken, Ihrer aufopfernden Regsamkeit. O, welcher Lohu wäre groß genug, um Ihnen das Alles zu vergelten?" „Siglinde!" rief Volkmar, rasch auf sie zutretend, „bei diesem Rechtsfalle hat auch mein Herz mitgearbeitet und an dieses trete ich meinen Anspruch auf den Lohn ab. Seien Sie selbst der Preis, der mein bescheidenes Werk über sein Verdienst hinaus krönt I Lassen Sie es, wenn Ihr Vater als freier Mann wieder zu Ihnen zurückkehrt, seine erste Handlung sein, daß er dem längst geschlossenen Bunde unserer Herzen seinen Segen gibt!" Zwischen Himmel und Erde. Eine sanfte Nöthe — für Volkmar das Morgenroth süßer Gewährung — bedeckte Siglindens Antlitz, über welches noch die schimmernden Thränen rannen, und ohne ein Wort zu sagen, sank sie an seine Brust. Wieder fühlte er nun die schmiegsame Gestalt in seinen Armen, wie damals, als er sie durch Nacht und Nebel getragen hatte, — aber jetzt gehörte sie sein, er durfte sie liebend au sein stürmisch klopfendes Herz pressen und seinen Mund auf ihre Lippen drücken. * * * Die Schwurgerichtssession begann mit zwei sensationellen Kriminalfül- en, wie sie selbst in dieser großen Stadt lange nicht erlebt worden waren. Der innere Zusammenhang, in welchem beide zu einander standen, erhöhte noch das allgemeine Interesse. Der Leser erräth leicht, daß es sich um die Mord- prozesse Schönaich und Jmhoff handelt. Obgleich die Anklage gegen den Letzteren jüngeren Datums war, so gelangte sie doch zuerst zur Verhandlung, weil das Verbrechen, dessen Jmhoff angeklagt war — die Ermordung Harnisch's — die Voraussetzung für die wichtigsten Gesichtspunkte bildete, unter welchen dieMordaffaireNol- lenstein - Schönaich beurtheilt werden mußte. Nach Jmhoff's Verhaftung war das von ihm bewohnte Hotelzimmer sofort einer gerichtlichen Untersuchung unterzogen worden. Man hatte einen ledernen Handkoffer mit einer in denDeckel eingelassenenMessingplatte gefunden, auf welcher ein Ritterharnisch eingravirt war. In dem Koffer befanden sich eine Anzahl Schriftstücke, die sämmtlich Harnisch's Eigenthum gewesen waren, auf seinen Namen lautende Legitimationspapiere und verschiedene, seine New-Iorker Adresse tragende Briefe. (Schluß folgt.) 104 Das Tagebuch der Prinzessin Therese im Temsile. Skizze von E. Vely. Ein neues Buch. Es trägt auf dem Titelblatt das bourbonische Wappen, die Krone und den Königsmantel mit den goldenen Linien im blauen Felde — und es hat das Wort Dantes als Motto: „Du siehst, ich bin eine, die weint", an der Spitze. Was es enthält, sind die authentischen Aufzeichnungen der Tochter Ludwigs XVI. und Marie Antoinettens über die Gefangenschaft der Ihrigen im Tcmple „seit dem 10. August 1792 bis zum Tode ihres Bruders am 9. Juni 1795." Aus dem Nachlaß des Grafen von Chambord zu Frohsdorf ist dieses werthvolle Manuscript in den Besitz der Herzogin von Madrid, seiner Nichte, gekommen, die es der Oeffentlichkeit übergab. (Paris, Librairie Jelon.) DasOriginalmanuscript umfaßt 35 Seiten groben Papiers, der Umschlag besteht aus einem gleichen Blatt und trägt die Bezeichnung: „Näinoirs äorit par Naris-1tisr68s- Oüai'Ioitö äs Brunos 8Ur lg, ouptivits äs8 prine68 6b prin068368 868 PU1'6nt8." In der Orthographie jener Zeit und mit den Flüchiigkeitsfehlern, welche die junge Prinzessin gemacht, sind diese schlichten Aufzeichnungen wiedergegeben und bilden so eins der rührendsten und erschütterndsten Blätter der Geschichte jener Tage und der unglückseligen Menschen, welche für die Sünden einer Reihe von Vorgängern büßen mußten. „In den unregelmäßigen Zügen der Schrift glaubt man noch das Zittern der kalten, kleinen Hand und das beschleunigte Klopfen des Herzens zu sehen," sagt der Herausgeber. Die Enkelin Maria Theresia's war beinahe fünfzehn Jahre alt, als sie ihre Eltern aus dem Glanz der Königsschlösser von Versailles und der Tuilerien in den Temple, das finstere Gefängniß, begleitete. Diese alte Burg der Tempelritter war 1222 erbaut, diente eine Zeit lang als Schatzhaus der Könige von Frankreich und war später in den Besitz der Johanniter übergegangen. Mit hohen, finstern Thürmen, feuchtkalten Mauern, engen Gelassen war der Temple an sich ein unbehaglicher Aufenthalt — und lange Jahre mußte das heranblühende Mädchen darin zubringen, oft ohne Feuer und Licht, mit nackten Füßen unter dem zu kurz gewordenen Kleide; das Lager bestand aus einer Holzpritsche mit grobem Strohsack, und die von Spinnen verdunkelten Fenster ließen kaum den Tagesschein herein. Eindringlicher aber als jede äußere Schilderung sprechen die Aufzeichnungen selber — kaum eine Klage taucht zwischen den Zeilen auf und nie eine Verwünschung. Sie berichtet nur Thatsachen, kindlich unbehilflich oft sogar, aber darum um so tiefer zu Herzen gehend. Die jugendliche Schreiberin beginnt: „Der König, mein Vater, kam mit seiner Familie am Montag den 13. August um 7 Uhr abends im Temple an." Dieser Familienkreis bestand aus der Königin, der Prinzessin, für die als Rufname Therese galt, dem Prinzen Louis Charles und der Schwester des Königs, Prinzessin Elisabeth. Der kleine Dauphin war ein zarter Knabe mit großen, sanften Augen. Ein Bild von la Röche aus seiner Zeit stellt ihn unter einem Baldachin auf der Schloßterrasse von Versailles, mit Ordensstern, Band und Schärpe geschmückt, dar; neben ihm auf einem Tabouret auf liliengeschmücktem Kissen liegt der Degen, zu seinen Füßen ein Globus, Fahne und Trommel. Die „Madame Noyale", Marie Therese Charlotte, zeigt große Aehnlichkeit mit einem Jugendbilde ihrer schönen Mutter, der österreichischen Kaiserstochter, die mandelförmig geschnittenen großen Augen, die gebogene Nase, den kleinen Mund, reiches, gelocktes Haar. In ihren Denkwürdigkeiten fährt sie fort: „Den folgenden Tag verbrachten wir alle zusammen. Mein Vater lehrte meinen Bruder Geographie, meine Mutter nahm Geschichte mit ihm durch und ließ ihn Verse lernen, meine Tante lehrte ihn rechnen. Mein Vater hatte glücklicherweise eine Bibliothek gefunden, die ihn beschäftigte, meine Mutter stickte. Die Gemeindebeamten waren sehr zudringlich und hatten wenig Respect vor meinem Vater; es war immer einer da, der ihn beobachtete." Eine kleine Anzahl von Getreuen, welche die Königsfamilie begleitet hatten, darunter die Prinzessin Lamballe und Herren und Damen des Hofstaats, wurden durch einen Erlaß der Gcmeindebehörde zum Verlassen des Temple gezwungen. Ludwig XVI. bewohnte zuerst ein oberes Thurmgemach, die Königin mit dem siebenjährigen Dauphin ein darunter gelegenes, die Schwester Ludwigs, Madame Elisabeth, und die kleine Prinzessin waren durch einen Nebenraum, in welchem sich ein Gemeindcbeamter und eine Schildwache b.fanden, von einander getrennt. Die erste Zeit im Temple war aber für die Gefangenen noch immer die beste, nach und nach wurde ihnen jede Freiheit des Verkehrs mit einander beschränkt, jedes Zerstreuungsmittel und der Genuß der frischen Luft verboten. Am erstauntesten ist die kleine Prinzessin, die in der erstickenden Luft der Etiquette aufgewachsen, über die Art, wie man mit ihnen umgeht: „Mein Vater wurde nicht mehr als König behandelt. Man hatte keinen Respect vor ihm; nannte ihn nicht mehr Tire oder Majestät, sondern Monsieur oder Louis. Die Beamten saßen immer in seinem Zimmer und hatten ihre Hüte auf. Sie nahmen meinem Vater seinen Degen und durchsuchten seine Taschen.... Der Garten war stets voller Arbeiter, die meinen Vater oft beschimpften; einer war darunter, der sich rühmte, meiner Mutter mit seinen Werkzeugen den Kopf abschlagen zu wollen Päthion sdamals Bürgermeister von Parisj ließ ihn verhaften." In der Nacht des 3. September hatte Marie Antoinette vor den sie erschreckenden Klängen des Generalmarsches nicht geschlafen, der Tag brachte noch größeres Entsetzen: „Um 3 Uhr hörten wir schreckliches Geschrei. Mein Vater ging vom Tisch und spielte Triktrak mit meiner Mutter. Der Polizist benahm sich gut und schloß Thür und Fenster und zog die Vorhänge vor. Dann kamen mehrere Gemeindebeamte und Officiere von der Garde; die letzteren wollten, daß sich mein Vater am Fenster zeige, die ersteren widersetzten sich. Mein Vater fragte, was vorginge, und ein junger Officier antwortete: „Na, Monsieur, weil sie es wissen wollen — man will Ihnen den Kopf der Frau von Lamballe zeigen." Meine Mutter erstarrte vor Schreck, die Gemeindebeamten schalten den Officier, aber mein Vater entschuldigte ihn mit seiner gewöhnlichen Güte, indem er sagte, es wäre sein Fehler und nicht der des Officiers, der ihm nur geantwortet hätte. Der Lärm dauerte bis 5 Uhr. Wir erfuhren später, daß das Volk die Thüren hatte erbrechen wollen und daß die Gemeindebeamten es daran verhinderten, indem sie eine dreifarbige Schärpe hinaushängten und 105 sechs von den Mördern erlaubten, den Kopf der Frau von Lamballe um den Thurm zu tragen; den Körper, den sie herumschleifen wollten, hatten sie an der Pforte liegen lassen müssen." Auch ein paar menschliche Züge verzeichnet die junge Gefangene: „Wir hatten zwei Polizisten, welche die Leiden meines Vaters zu lindern suchten, Mitgefühl zeigten und ihm Hoffnung machten. Ich glaube, sie sind todt. Es war auch eine Schildwache da, die des Abends mit meiner lauf der Gefangenen wird alsdann genau beschrieben: „Mein Vater stand um sieben Uhr auf, betete bis acht, hierauf kleidete er sich mit meinem Bruder bis um neun Uhr an, dann kamen sie zu meiner Mutter zum Frühstück. Nach dem Frühstück ging mein Vater mit meinem Bruder hinunter und gab ihm bis elf Uhr Stunden, dann spielte mein Bruder bis Mittag, worauf wir alle spazieren gingen, gleichviel, welches Wetter es war, weil die Wache, die um diese Zeit aufzog, meinen Vater sehen wollte, um sich zu vergewissern, daß er im Temple war. AM WWW UM Vorbereitung zur Vorstellung. Tante eine Unterhaltung durch das Schlüsselloch führte. Dieser Unglückliche weinte die ganze Zeit, die er im Temple war. Ich weiß nicht, was aus, ihm geworden ist. Möge ihn der Himmel belohnt haben für seine treue Anhänglichkeit an seinen König." Im Oktober nahm man den Gefangenen Federn, Tinte, Papier und Bleistifte; nur der Königin und der Prinzessin Therese war es gelungen, einiges davon zu verbergen. Mitten in der Nacht fanden oft Durchsuchungen der Räume, ja der Betten statt. Der Tages- Nach einem Gemälde von S. Dahl. Der Spaziergang dauerte zwei Stunden, dann aßen wir. Nach dem Essen spielten mein Vater und meine Mutter zusammen Triktrak oder Piket. Um vier Uhr nahm meine Mutter meinen Bruder mit sich, weil mein Vater gewöhnlich schlief. Um sechs Uhr kam mein Bruder wieder herunter, mein Vater ließ ihn lernen und spielen bis zum Abendbrod. Um neun Uhr, nach dem Nachtessen, kleidete meine Mutter meinen Bruder pünktlich aus und brachte ihn zu Bett. Wir gingen dann hinauf, mein Vater legte sich nicht vor elf Uhr nieder. Meine Mutter führte fast 106 das gleiche Leben, sie stickte viel. Meine Tante betete oft im Lauf des Tages, sagte die vorgeschriebenen täglichen Uebungen her, las viel in Erbauungsbüchern und gab sich langen geistlichen Betrachtungen hin. Sie hielt wie mein Vater die bestimmten kirchlichen Festtage. Am Tage Allerheiligen kam der Convent zum ersten Male, um meinen Vater zu sehen. Die Mitglieder fragten ihn, ob er keine Klage zu führen habe. Er sagte nein, er sei zufrieden, wenn er mit seiner Familie sein könne. Einen Tag später kam Drouai (Drouet) noch einmal allein und fragte, ob wir nichts zu klagen hätten, meine Mutter sagte nein." Dies stolze Nein behielt Marie Antoinette während der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft — nur als ihr Knabe heftig am Fieber erkrankte, kam ihr der Hilferuf und die Bitte um ärztliche Pflege über die Lippen. Am 11. Dezember beunruhigte der Trommelklang und die Ankunft der Garde die Bewohner des Temple wieder — König Ludwig wurde zum Verhör vor den Convent geholt. Seine Familie wußte nicht, wohin er geführt wurde, und hörte erst um 11 Uhr, als er zurückkam, was vorgegangen war; die arme Gattin durfte ihn aber nicht sehen. „Wir erfuhren von dem über meinen Vater verhängten Todesurtheil Sonntag den 20. (Januar) durch die Ausrufer. Um sieben Uhr abends benachrichtigte man uns, daß uns ein Decret des Convents erlaube, zu meinem Vater hinunterzugehen. Wir eilten zu ihm und fanden ihn sehr verändert; er weinte über unsern Schmerz, aber nicht um seinen Tod. Er erzählte meiner Mutter von seinem Proceß und entschuldigte die Schurken, die ihn tödten ließen. Meinem Bruder gab er fromme Vorschriften und befahl ihm, denen zu verzeihen, die seinen Tod veranlaßten. Er gab meinem Bruder und mir seinen Segen. Meine Mutter wünschte dringend, daß wir die Nacht mit meinem Vater zubrächten; er verweigerte es, weil er der Ruhe bedürfe. Meine Mutter bat dringend, wenigstens am folgenden Morgen wieder kommen zu dürfen, mein Vater gestand es ihr zu; aber als wir fortgegangen waren, verlangte er von den Garden, daß wir nicht wieder herunterkämen, weil ihm das zu viel Schmerz bereite. Er war dann mit seinem Beichtvater zusammen, legte sich um Mitternacht nieder, schlief bis vier Uhr und wurde durch die Trommeln geweckt." Der Trommelschlag spielte eine grausame Rolle beim Leben und Sterben des unglücklichen Königspaares. Um sechs Uhr wurde aus der Wohnung der Frauen ein Gebetbuch zur letzten Messe geholt. „Wir hatten immer noch die Hoffnung hinunter zu dürfen, bis das Freudengeschrei der erregten Bevölkerung uns davon Zeugniß gab, daß das Verbrechen begangen war." Die Wittwe des Hingerichteten Königs stieg nicht mehr in den Garten hinunter, weil sie an der Thür des Verstorbenen vorbei mußte, fortan schöpften die Gefangenen Luft auf der Höhe des Thurmes. Einige Monate später kam der Befehl, Marie Antoinette von dem Sohne zu trennen. „Mein Bruder stieß ein lautes Geschrei aus und warf sich in die Arme meiner Mutter; er bat, daß er nicht von ihr getrennt würde. Meine Mutter war empört über den grausamen Befehl und wollte meinen Bruder nicht hergeben, sie vertheidigte das Bett, in dem er lag, gegen die Beamten. Eine Stunde verging mit Reden, Beleidigungen, Drohungen der Polizisten, mit Widerstand und Thränen von uns allen. Endlich willigte meine Mutter ein, ihren Sohn herzugeben. Wir ließen ihn aufstehen, und nachdem er angezogen war, gab ihn meine Mutter in die Hände der Wächter, ihn mit ihren Thränen badend, als hätte sie vorher gewußt, daß sie ihn in Zukunft nicht wiedersehen würde. Der arme Kleine umarmte uns alle zärtlich und ging weinend mit den Leuten davon." Zum Wächter für das unglücklichste aller Kinder wurde der berüchtigte Schuster Simon gemacht. „Mein Bruder stieg alle Tage auf den Thurm und die einzige Freude meiner Mutter war, ihn von weitem durch ein kleines Fenster vorübergehen zu sehen; sie blieb ganze Stunden an demselben, um den Augenblick zu erspähen, da sie ihr geliebtes Kind sehen konnte . . . Simon mißhandelte meinen Bruder sehr, weil er über die Trennung von uns weinte; das eingeschüchterte Kind wagte keine Thräne mehr zu vergießen." Ein dem Buche beigefügtes Bild zeigt Marie An' toinette zu jener Zeit, Trauer um den Gatten tragend- Die schönen Züge sind von Schmerz Versteint, medusen- haft. Es ist nach einer Gouache von Kucharski wiedergegeben. Am 2. August 2 Uhr morgens brachte man Marie Antoinette den Befehl zur Abführung nach der Conciergerie; auch ihr sollte nun der Proceß gemacht werden. „Meine Mutter hörte den Befehl ohne Bcwegung; meine Tante und ich baten, daß wir meiner Mutter folgen dürften, aber weil der Erlaß nichts darüber enthielt, verweigerte man es. Bleine Mutter packte ihre Sachen, die Polizisten verließen sie nicht, sie war gezwungen, sich vor ihnen anzukleiden .... Sie ließen ihr nur ein Taschentuch und ein Flacon, weil sie fürchteten, daß ihr schlecht würde. Meine Mutter wurde abgeführt, nachdem sie mich umarmt und mir befohlen hatte, Muth zu haben und Sorge für die Gesundheit meiner Tante zu tragen. Ich antwortete meiner Mutter nichts, überzeugt, daß ich sie zum letzten Male sah. Beim Hinausgehen stieß meine Mutter mit dem Kopf an das Gitter, das sie nicht für so niedrig gehalten." Das stolze Haupt, das in Jugendlust mit Blumen und Juwelen geschmückt war und das später eine Krone getragen! Am 16. Oktober 1793 wurde Marie Antoinette hingerichtet, zu den im Temple Gebliebenen drang keine Kunde davon. „Meine Tante und ich wußten nichts von dem Tode meiner Mutter. Und in dem unseligen Zweifel über ihr Schicksal bin ich anderthalb Jahr geblieben, dann erst vernahm ich das Unglück und den Tod meiner tugendhaften, erlauchten Mutter. Zuweilen bekamen wir Nachrichten von den Polizisten über meinen Bruder. Simon ließ ihn unter den Fenstern singen, damit er von den Wächtern gehört wurde, und veranlaßte ihn, schreckliche Verwünschungen gegen Gott, seine Familie und die Aristokraten auszustoßen." Der Winter verging ruhig, heißt es dann weiter in dieser einfachsten und rührendsten aller Leidensgeschichten, wir hatten viele Nachforschungsbesuche, aber man gab uns Holz. Dann aber hatte man den Schuster Simon zum Gemeindebeamten befördert und der arme Waisenknabe blieb ohne jede Gesellschaft im Temple zurück. Die Schwester ist erbittert über diese Grausamkeit: „Unerhörte Barbarei, ein Kind von acht Jahren allein in seinem Zimmer hinter Schloß und Riegel zu lassen, 107 ' ohne ein anderes Hilfsmittel als einen mangelhaften I war, denn er selber hatte nicht die Kraft dazu; Wanzen Glockenzug, den er niemals zog, weil er lieber entbehrte, I und Flöhe bedeckten seine Wäsche und ihn. Das Fenster MWD K« «M LWZ KS a-- . «M als etwas von seinen Peinigern zu verlangen. Er hatte wurde nie geöffnet, und man konnte es in seinem Zimmer ein Bett, das seit sechs Monaten nicht gemacht worden vor verdorbenerLuft nicht aushalten. Simon war von Natur 108 auS unsauber und träge, sonst würde er mehr Sorgfalt für seine eigene Person gehabt haben. Zuweilen gab man ihm kein Licht, dann verging der Unglückliche fast vor Angst, aber er verlangte nichts." (Schluß folgt.) --SLN8-S- Zu unseren Bildern. Zwischen Himmel und Erde. Hoch über der Menschen Wohnungen waltet der Thürmer seines AmteS. Dort waltet auch des Thürmers Töchterlein — Margaretha — ein Mädchen schlichten Sinnes und mildthätigen Herzens. Die Vöglein, die um den Tburm flattern, sie kennen sie alle, denn sie ist ihre Freundin! Alltäglich steigt sie empor zum Glockenstuhle, wo die mächtige Glocke hängt und bringt den Thieren labenden Trank. Da kommen sie hereingeflogen durch den weiten Fensterbogen, um aus der vollen Schale zu nippen. Zwischen Himmel und Erde auch, nicht bloß unten, wo sonst die Menschen wohnen, schlägt den Seglern der Lüfte ein fühlendes Herz in Margarethe, des Thürmers Töchterlein. Vorbereitung zur Vorstellung. Im Dorfe gibt's heute große Vorstellung. Der gelb und blau angestrichene „Zigeunerwagen", wie ihn die Schuljugend nannte, hatte ein Hunde- und Affentheater mitgebracht! Auf 4 Uhr hatte der alte Zigeuner, als er Mittags trommelnd das Dorf durchzog, die große Vorstellung anberaumt. Wir sehen den Mann eben, wie er beschäftigt ist, seine vierfüßigen Künstler für den Beginn der Production in das passende „künstlerische Costüm" zu stecken. Mit der Garderobe ist es freilich nicht weit her; aber die Pudel sehen dock, in diese bunten Fetzen gekleidet, reckt drollig aus. Die beiden sich zankenden Affen scheinen den alten dort auf der Bank, die zum Theil bereits in großer Toilette, viel Spaß zu machen. Auch die jungen Hündchen in der Kiste haben daran ihre Freude und gucken neugierig herüber. Der Zigeuner aber macht ein gar griesgrämiges Gesicht und wird am Er0e noch mit dem Stocke kommen! Dildrr aus Palästina. Das nördliche Ufer des Todten Meeres. Das nördliche Ufer des Todten Meeres ist mit Gestrüpp und Buschwerk bewachsen; man bemerkt nur wenige Böge! in demselben. Das höhere Ufergelände besteht aus nackten, kahlen, in seltsamen Formen zerrissenen mergeligen Erdwänden, die häufig so unterwaschen sind, daß man sie wegen des drohenden Einsturzes nicht betreten darf und in deren Mergel man oft Salzkrusten und Schwefelknollen findet. Der nördliche Theil des Seebettes, welches man sich als eine von dem See ausgefüllte Erdspalte denken muß, zeigt die größten Tiefen (bis zu 399 Meter). —iWU—- Allerlei. Eine reizende Satire auf die von uns seiner Zeit erwähnte „Ochsenmaulsalatfabrikantentochter", d. h. auf die Titelsucht mancher Sterblichen, geht der „Straß- bürger Post" von einem hervorragenden, bis in die ältesten Urkunden hinaufreichenden „Genealogieforscherssohne" in Folgendem zu: Straßburg i. E., zur Zeit der sauren Gurken. Um die berühmte ,!OchsenmauIfabrikanten- tochter", welche jetzt durch Ihre Spalten spukt, ein für alle Male zur Ruhe kommen zu lassen, gestatte ich mir, Ihnen und allen, die es interessirt, einiges aus den Familienverhältnissen der jungen Dame zur geneigten Kenntniß zu bringen. Eulalia — so ist ihr Name — ist seit kurzem mit einem „umklappbaren Krankenstuhlagenten" verlobt. Letzterer stammt aus der selbstver- - stündlich überaus glücklichen Ehe zwischen einer „Kinderwagenfabrikantenwittwe mit klemmsicheren Verdeckgelenken" und einem „elektrischen Glühlampen-Depositeur mit pa- tentirter Ausschaltungsvorrichtung." Eulalias Schwester, on Beruf „Luftschifferin mit Fallschirmabsturz", ist verehelicht mit einem „feuer- und lebensgefährlichen Versicherungsbeamten von vierteljährlicher Prämienzahlung." Die Verlobungsfeier Eulalias beehrten natürlich mit ihrer Anwesenheit ihre dicke Busenfreundin, die „lebensgroße Prortraitmalerin in Oel," und ihre beiden Onkel, der „ärztlich vielgeprüfte Schwedische Heilgymnastiker" aus Kyritz und „der garantirt wasserdichte Tuchfabrikant" aus Luckenwalde, auch fehlte nicht des Letzteren Tochter, die „Gattin eines über dem Meeresspiegel 1000 Meter hohen Schwarzwaldhoteliers," mit ihrem Schwager, dem „anerkannt leistungsfähigeu Vertreter einer geruchlosen Zimmerklosetfabrik." — Soviel für heute! Sollte jedoch jemand den Ochsenmaulsalat noch weiter gesponnen wünschen, so steht gern zu Diensten Euer Gnaden ganz ergebener „Virrisus." (Das Heirathsalter groß erMänner.) Shakespeare heirathete Anna Hathaway, als er 18 Jahre alt war. Friedrich der Große führte die Prinzessin Elisabeth von Braunschweig mit 21 Jahren zum Altar. Wilhelm von Humboldt führte im 24. Jahre Karoline von Dach- röden heim. Mozart und Walter Scott waren 25 Jahre alt; Ersterer heirathete die reizende Konstanze Weber, Letzterer reichte Fräulein Charlotte Margarethe Carpenter die Hand. Dante ging seine zweite Ehe mit der Floren- tinerin Gemma Donati in seinem 26. Jahre ein. In dem gleichen Alter heirathete Johann Heinrich Voß seines Freundes Schwester Ernestine Boie. Napoleon und Byron zählten 27 Jahre, als Ersterer die schöne Wittwe Josephine Beauharnais, Letzterer die reiche Erbin Anna Elisabeth Milbank heimführte. Der schwedische Naturforscher Linus heirathete im 27. Lebensjahre; Herder war 29 Jahre, Robert Burns 30 Jahre alt. Schiller verehelichte sich mit Charlotte von Lengefeld in seinem 31. Jahre, Wie- land in seinem 32. Jahre; Milton, der Dichter des „Verlorenen Paradieses," begann seine unglückliche Ehe im 35. Jahre; Bürger führte seine geliebte und heiß- ersehnte Molly im 36. Jahre heim. Lessing heirathete mit 37 Jahren, Luther mit 42 und Buffon mit 55 Jahren. Goethe ehelichte mit 57 Jahren Christiane Vul- pius. Klopstock endlich ging, nachdem er seine so frühzeitig verstorbene Meta 33 Jahre betrauert hatte, im 67. Jahre seine zweite Ehe mit der verwittweten Johanna von Windheim ein. -—r«»!—- Zzitder-Wätysel. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 14: Weiß. Schwarz. D. H2 - 07! (Schwarz beliebig.) I M „Augsburger Post;eitung7. M 16. Ireitag, den 23. Februar 1894» ??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer Vr. Max Huttler). Auf verwegener Mahn, Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Schluß.) Zu der schwurgerichtlichen Verhandlung gegen Jm- hoff waren von auswärts mehrere Zeugen herbeigezogen worden: der Hospitalarzt und eine Krankenwärterin aus Calais, der Zimmerkellner aus dem Kölner Hotel, in welchem Harnisch übernachtet hatte, und Frau Webster aus London. Aus den Fremdenlisten war leicht das hiesige Gasthaus zu ermitteln gewesen, in welchem Harnisch abgestiegen war und zwei Tage verweilt hatte. Es war der „Europäische Hof". Von dem Personal desselben waren der Hausknecht und das Zimmermädchen als Zeugen geladen. Der französische Arzt aus Calais, welcher Harnisch im Hospital behandelt hatte, konstatirte, daß dessen beim Sprunge in's Boot entstandene Wunde nach Lage und Beschaffenheit genau mit dem Befunde des Protokolls übereinstimme, welches über die gerichtsärztliche Obduktion der im Kastanienwätdchen gefundenen Leiche aufgenommen worden war. In Uebereinstimmung mit der Krankenwärterin, welche den Schiffbrüchigen gepflegt hatte, erklärte der Arzt auf's Bestimmteste, daß der Angeklagte, Jmhoff, nicht der Patient gewesen sei, sondern nur eine oberflächliche Ähnlichkeit mit demselben besitze. Auch dem Zimmerkellner aus Köln sowie dem Hausknecht und dem Zimmermädchen des „Europäischen Hofes" war Jmhoff fremd, dagegen wurde er von Frau Webster aus London mit aller Bestimmtheit als der Vater Jenny's wiedererkannt, der in Begleitung seiner Frau gekommen war, um ihr das Kind in Pflege zu geben, und sich selbst unter dem Namen Jmhoff vorgestellt hatte. Ein sehr verhängnißvolles Jndicium gegen den Angeklagten bildete auch der Ritterharnisch auf dem Messingschilde des in seinem Besitz gefundenen Handkoffers, welches den letzteren leicht kenntlich machte. Die französische Krankenpflegerin hatte diesen, von seinem Eigenthümer mit in's Boot geretteten Koffer selbst in Verwahrung gehabt; der Hausknecht des Europäischen Hofes hatte ihn bei Harnisch's Ankunft und Abreise in der Hand getragen; das Zimmermädchen hatte ihn beim Aufräumen gesehen und sich das Wappen sogar näher betrachtet. Aber noch ein weiteres, schwer belastendes Moment sollte sich an den Koffer knüpfen. Die Verhandlung kam am ersten Tage nicht zum Abschluß; die am andern Morgen erscheinenden Blätter brachten über den Verlauf dieses Kriminalprozesses bereits sehr ausführliche Berichte, welche von allen Schichten der Bevölkerung heißhungrig verschlungen wurden. Der darin beschriebene Handkoffer führte einen neuen Zeugen herbei. Es war der Portier des Nordbahnhofs, welchem sich der Koffer mit dem Ritterharnisch lebhaft in's Gedächtniß geprägt hatte, denn er war wegen dieses Gepäckstücks vor einigen Wochen mit einem Fremden in Streit gerathen. Ein Herr, welcher mit dem nachmittags 6 Uhr abgehenden Zuge reisen wollte, aber zu spät gekommen war, hatte ihm diesen Koffer mit der Weisung übergeben, denselben bis zum nächsten Zuge, der um Mitternacht abging, aufzubewahren. Um diese Stunde war aber, statt des Eigen- thümers, ein anderer Herr gekommen, um den Koffer in Empfang zu nehmen. Der Portier pflegte sich seine Leute gut zu merken, und da er etwas argwöhnisch war und zu jenen Beamten gehörte, die dem Publikum gern kleine Schwierigkeiten machen, so wollte er den Koffer nicht abliefern, mußte sich aber zuletzt doch fügen, denn der Herr legitimierte seine Berechtigung zur Empfangnahme des Gepäckstücks durch Vorzeigung der numerierten Contremarke, welche der Portier dem zuerst Gekommenen eingehändigt hatte. Bei der Gereiztheit des Fremden und der Grobheit des Portiers war es zu einer sehr erregten Szene gekommen, und dem Letzteren stand daher das Aussehen seines Gegners um so frischer in der Erinnerung. Er erkannte ihn jetzt in Jmhoff sofort mit der größten Bestimmtheit wieder. Auch der Tag, an welchem sich jener Vorfall ereignete, ließ sich feststellen: Der Portier hatte an diesem Abende nicht den Dienst gehabt, sondern war für seinen Kollegen eingetreten, dessen Frau im Sterben lag. Das war am 23. August gewesen. An diesem Nachmittage war, wie die Nechnungsbücher des „Europäischen Hofes" nachwiesen, Harnisch wieder abgereist; der Hausknecht, welcher die Droschke besorgt und den Handkoffer hinabgetragen hatte, wußte sich zu erinn»rn, den Hotelgast in seinem Zimmer im Gespräch mit einem fremden Herrn gefunden zu haben, welcher dann ebenfalls mit in die Droschke gestiegen war. Er hatte diesen Fremden nicht besonders beachtet, doch erinnerte er sich, daß derselbe ebenso schwarzes Haar und schwarzen Vollbart gehabt hatte, wie Harnisch. Sehr wahrscheinlich war es Jmhoff gewesen. Von dem im Kastanienwäldchen gefundenen Leichnam hatte das Gericht mehrere Photographien aufnehmen lassen: eine derselben war ein fast in Lebensgröße ausgeführtes Brustbild, welches deutlich alle Züge deS Gesichtes wiedergab, und in dem letzteren erkannten alle mit Harnisch in Berührung gekommenen Zeugen denselben wieder. Am 23. August hatte Harnisch bei Schönaich vorgesprochen und war von Martha, in Abwesenheit ihrer Herrschaft, empfangen worden. Seine genaue Erkundigung, wo sich die Letztere aushalte und wo Gut Rottenbach liege, deutete darauf hin, daß er Schönaich und seiner Tochter hatte nachreisen wollen. Dorf und Gut Rottenbach waren mit der Eisenbahn nur vom Nordbahnhofe aus zu erreichen, sodaß Ziel und Zweck der beabsichtigten Reise ziemlich klar erschienen. In der sechsten Abendstunde hatte Harnisch, zu spät zum Zuge kommend, dem Portier des Nordbahnhofes den Koffer übergeben; um Mitternacht war der letztere durch Jmhoff, der sich im Besitze der Marke befand, zurückgefordert worden. In der Zwischenzeit, und zwar nach gerichtsärztlichem Gutachten zwischen 10 und 11 Uhr, war Harnisch in dem auf dem Wege zum Nordbahnhofe liegenden Kastanien- wäldchen erdrosselt worden. Der Jndicienbeweis stellte unzweifelhaft fest, daß Jmhoff sein Mörder war. Gestützt auf die im Koffer seines Opfers vorgefundenen Legitimationspapiere und begünstigt durch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Person des Erdrosselten, hatte Jmhoff sich für Harnisch ausgegeben, und da er sich unter diesem Namen bei Siglinden einführte und in alle jene Beziehungen eintrat, in welche Harnisch selbst durch Frau Rollenstein's Testament zu der eventuellen Erbin der Million gestellt war, so war hiemit auch das Motiv zu Harnisch's Beseitigung klar genug gegeben. Der Angeklagte, welcher zwar hartnäckig leugnete, sich aber dadurch nur in um so größere Widersprüche verwickelte, wurde von den Geschworenen für schuldig befunden und von dem Gerichtshöfe zum Tode verurtheilt. Die Argumente, welche Jmhoff's Vertheidiger geltend gemacht hatte, um seinen Clienten des gleichen Verbrechens an Frau Rollenstein zu entlasten und dasselbe an Schönaich haften zu lassen, wußte Volkmar, als die Anklage gegen diesen zur Verhandlung kam, zu entkräften. Er wies mit unangreifbarer logischer Schärfe nach, wie die beiden Verbrechen unter sich im engsten Zusammenhange standen und wie die gleiche Hand, welche die mörderische That an Harnisch begangen, zuvor schon ihr Würgerwerk an Frau Rollenstein vollbracht hatte. Das ganze Arsenal seiner Beweisgründe gegen Jmhoff, welche er ebenso unermüdlich wie schlau gesammelt hatte, führte er in so scharfer Beleuchtung vor, daß kein wesentlicher Punkt im Dunkeln blieb und ein Motiv sich naturgemäß an das andere reihte, wie die Glieder einer Kette. Mit der ganzen überzeugenden und packenden Gewalt seiner Rede trat er für Schvnaich's Unschuld ein. Dieser war nicht der Mann, der die Ehre seiner wankenden Firma durch einen Mord an der Schwester seiner verstorbenen. Gattin zu retten suchte. Nur das verhängnißvolle Spiel des Zufalles hatte ihn gerade um dieselbe Stunde an denselben Ort geführt, wo ein anderer bereits der Gelegenheit wartete, nm den wohlvor- bereiteten Mord an Frau Nollenstein zur Ausführung zu bringen, und sicher werde es Niemand mit ruhigem Gewissen auf sich nehmen, auf diesen Zufall jetzt noch alle die Verdachtsmomente zu begründen, die gegen Schönaich vorgebracht waren, — jetzt noch auf das Haupt des greisen Mannes, der wohl durch unverschuldete Unglücksfülle um sein Vermögen gekommen war, aber niemals eine ehrlose Handlung begangen hatte, die furchtbare Blutthat zu wälzen, wo sich mit erdrückender Schwere die Schuldbeweise gegen einen ehemaligen kalifornischen Spielhöllenpächter, einen entlarvten Betrüger und zum Tode verurteilten Mörder wendeten. Unter lautlosem Schweigen der überfüllten Tribünen verkündete am Schluß der Verhandlung der Vorsitzende des Gerichtshofes Schönaich'S Freisprechung, und Volk- mar selbst führte seinen greisen Clienten in die Arme seiner Tochter. . . . * * » Am Abende vor der Vollstreckung des Todesurtheils bekannte sich Jmhoff freiwillig zu beiden Mordthaten. Sein Geständniß über die Ermordung Frau Rollenstein's enthielt nichts Neues, sondern deckte sich vollständig mit jener Selbstdenunziatton, durch welche er Sigltndens Vater hatte entlasten wollen. Auch Alles, was er damals nur in die Form von Vermuthungen gekleidet hatte, war thatsächliche Wahrheit gewesen. Was seine Beziehungen zu Harnisch betraf, so war er mit diesem während der Seereise allerdings in vertrauten Verkehr getreten und hatte dabei dessen Lebens- verhältniffe ziemlich genau kennen gelernt. Ueber ihre beiderseitigen Neisezwecke war es jedoch zu keinem vertraulichen Austausch gekommen. Harnisch hatte nur Andeutungen gegeben, daß er hierher reise, um sich zu ver- heirathen; seine künftige Gattin kenne er eben so wenig, wie sie ihn; die Heirath gründe sich auf eine Testamentsbestimmung: schlage das Mädchen seine Hand aus, so würde ihr eine reiche Erbschaft verloren gehen. Das war Alles, was Jmhoff über Harnisch's Chancen wußte. Als Jmhoff nach der Ermordung Frau Rollenstein's in deren Wohnung vergebens nach Geld gesucht hatte und deren Papiere durchwühlte, theils in der Hoffnung, auf leicht umsetzbare Geldwerthe zu stoßen, theils um Erika's Briefe wieder in seine Hand zu bekommen, fand er das Testament, welches ihm in Harnisch's Heiraths- Angelegenheit einen überraschenden Einblick eröffnete. Irgend ein Gedanke, sich die erlangte Kenntniß zu Nutze zu machen, kam bei ihm zwar nicht zur Reife, doch trat bei dieser Gelegenheit seine Reisebekanntschaft wieder in den Vordergrund, und da er nur noch über wenig Geldmittel verfügte, so wollte er versuchen, von Harnisch ein Darlehen zu erlangen. Er wußte, daß derselbe in Calais ein Hospital aufgesucht hatte, ohne jedoch die Natur seines Leidens zu kennen. Auf Harnisch's Ankunft wartend, kontrollierte er die täglich in der Zeitung erscheinende Fremdenliste der hiesigen Hotels und las schon wenige Tage nach der Ermordung Frau Rollenstein's Harnisch's Namen in dem Fremdenverzeichniß des „Europäischen Hofes." Als er ihn dort aufsuchte, fand er ihn eben im Begriff, wieder abzureisen. Er war sehr eilig, den Zug noch zu erreichen, und die Droschke wartete bereits unten. Jmhoff begleitete ihn daher zum Bahnhöfe, um unterwegs sein Anliegen anzubringen. Harnisch schlug es unter lebhaftem Bedauern ab; er sei selbst sehr knapp bei Kasse und müsse erst nach New-Uork um neue Wechsel schreiben. Als Beide am Bahnhöfe ankamen, war der Zug bereits abgegangen. Harnisch wollte nicht noch ein Mal hier übernachten, sondern beschloß, mit dem 12 Uhr-Zuge zu reisen, und übergab dem Portier seinen Handkoffer. In der Zwischenzeit 111 i < >- i wollte Jmhoff ihm Gesellschaft leisten, und auf seinen Vorschlag verbrachten Beide die Stunden in einem nahe gelegenen Concertgarten. Dort erzählte Harnisch ihm, daß er erst gestern Abend hier angekommen sei, daß er vorgestern in Köln übernachtet habe, wobei er ausführlich von dem Zimmerbrand berichtete, daß er sich heute seiner künftigen Braut und deren Vater habe vorstellen wollen, dieselben aber nicht mehr angetroffen habe und ihnen nun nachreisen wolle, da ihm das Dienstmädchen gesagt habe, der Tag ihrer Rückkunft sei sehr ungewiß. Von Frau Rollenstein's Ermordung schien er nichts zu wissen; wahrscheinlich wollte er sich erst Gewißheit verschaffen, ob die ihm bestimmte Braut, deren Vater er von London aus seinen Besuch angekündigt hatte, seine Bewerbung annehmen werde, ehe er sich um etwas anderes kümmerte. Daher hatte er es wohl auch mit seiner Reise so eilig. Während dieses Gespräches war eS, wo Jmhoff den plötzlichen Entschluß faßte, Harnisch aus dem Wege zu räumen und sich unter dessen Namen selbst bei Sig- linde und deren Vater einzuführen. Das „Kastanienwäldchen", durch welches er mit Harnisch, der Concertmusik nachgehend, hierher gelangt war, schien ihm ganz der geeignete Ort zur Ausführung feines Vorhabens. Als er auf Befragen von Harnisch erfuhr, daß derselbe bei Schönaich's weder eine Karte zurückgelassen, noch dem Dienstmädchen seinen Namen genannt hatte, schwand sein letztes Bedenken. Das Uebrige mußte er seinem guten Glück überlassen. Das Wagniß war gefährlich, — aber der Preis war eine Million! Auf dem Rückwege zum Bahnhof fiel er in dem einsamen Kastanienwäldchen plötzlich über seinen ahnungslosen Begleiter her, dem er an Körperkraft weit überlegen war, erwürgte ihn, wie er Frau Nollenstein erwürgt hatte, schleppte ihn in ein dichtes Gebüsch, entkleidete dort die Leiche gänzlich, um jede Nachforschung nach der Persönlichkeit des Ermordeten abzuschneiden, entleerte alle Taschen und trug die in ein Bündel zusammengeschnürten Kleider nach dem nahen Strome, wo er sie mit einem daran befestigten schweren Steine versenkte. Dann ging er nach dem Bahnhöfe und erzwäng sich mittelst der Kontremarke, die er in Harnisch's Portemonnaie gefunden, die Herausgabe des Handkoffers, welcher zwar nur wenig Geld, aber alle wichtigen Papiere enthielt, deren er bedürfte, um sich aller Orten als Jesco von Harnisch legitimieren zu können. Das war das Geständniß des Doppelmörders, welcher angesichts des unvermeidlichen Todes das Bedürfniß gefühlt hatte, sein Gewissen zu erleichtern. Als er am nächsten Morgen zur Richtstätte abgeführt werden sollte, fand man ihn erhängt in seinem Kerker. * Selten hat ein Vater sein Kind mit dankbareren Gefühlen und heißeren Segenswünschen dem erwählten Gatten vereint, als Schönaich, indem er die Hand seiner Tochter in diejenige Volkmar's legte, der ihm Ehre und Leben gerettet; selten verband sich in solchem Maße im Herzen eines Weibes mit den zarten Regungen für den Geliebten zugleich die Hochachtung vor dem Manne, wie im Herzen Siglindens . . . Da in Frau Rollenstein's Testamente Siglindens Enterbung nur für den Fall ausgesprochen war, daß sie sich der Heirath mit Herrn von Harnisch widersetzte, diese Verbindung aber an Ereignissen scheiterte, an denen sie keine Schuld trug, so wurde ihr die Erbschaft vom Gerichte zugesprochen. Sie folgte nicht nur der Stimme ihres eigenen Herzens, sondern auch dem Wunsche ihres mit äußeren Glücksgütern schon reichlich gesegneten Gatten, indem sie die ihr zugefallene Million mit ihrer kleinen Nichte Jenny theilte und aus ihrem eigenen Antheil die Gläubiger ihres Vaters befriedigte. Volkmar adoptierte Jenny und löschte damit den gebrandmarkten Namen, den sie trug, aus ihrem Leben. Skglinde dachte oft über das Loos nach, welches ihrer Schwester Erika an der Seite eines Mannes geblüht haben konnte, der die Fähigkeit zu dem furchtbarsten aller Verbrechen in sich getragen hatte. Wie schwer mochte sie in solcher Ehe die Verirrungen ihrer Jugend gebüßt haben? Seitdem Siglinde auf der Zeugenbank der Gerichtsverhandlung gegen Jmhoff beigewohnt und mit eigenen Augen gesehen hatte, welche unverdiente Theilnahme die zahlreich erschienene Damenwelt dem schönen Mörder entgegenbrachte, wußte sie sich zu erklären, wie auch ihre Schwester sich durch das blendende Aeußere dieses Mannes über dessen Charakter hatte hinwegtäuschen lassen können. Was aber wäre wohl Anna Ritters Schicksal gewesen, wenn Jmhoff es an der Zeit gefunden hätte, sich ihrer zu entledigen, da er doch fürchten mußte, daß die Rache des getäuschten Mädchens ihm gefährlich werden konnte. In solchem Falle würde die Würgerhand sicher auch vor einem dritten Opfer nicht zurückgeschreckt sein! Von Siglinden erhielt Anna das kleine Kapital zurückerstattet, das ihr nach und nach von Jmhoff abgelockt worden war, und Volkmar gründete ihr ein Ladengeschäft, welches ihr eine selbstständige Existenz sicherte und sie der Machtsphäre ihrer unduldsamen Schwägerin entrückte. — Martha fand für die treue Anhänglichkeit, die sie ihrer jungen Herrin im Unglück bewiesen, den besten Lohn in der Stellung im Hause des jungen Ehepaares, wo sie wie ein Glied der Familie gehalten und behandelt wurde . . . „Als ich rathlos und von der Welt verlassen zum erstenmale zu Dir kam," sagte Sigliude am Hochzeitstage zu ihrem Gatten, während sie zärtlich ihre Hände um seinen Hals faltete, „und aus Deinem Munde den Ruf: Siglinde! vernahm, da war mir's plötzlich wieder wie damals, wo dieser Ruf durch Nacht und Nebel, Rettung verheißend, an mein Ohr tönte. Ich nahm es wieder für ein gutes Vorzeichen und habe mich nicht getäuscht." -- Das Tagebuch der Prinzessin Therese im Teuchle. Skizze von E. Vely. (Schluß.) Am 9. Mai 1794, als die beiden Prinzessinnen sich eben niederlegen wollten, rasselten die Schlösser an ihrer Thür und man klopfte: „Bürgerin, komm' herunter! Und meine Nichte? Damit wird man sich später beschäftigen! Meine Tante umarmte mich und sagte, sie käme wieder herauf. Nein Bürgerin, du kommst nicht wieder herauf, nimm deine Mütze und folge uns! 112 Sie überhäuften meine Tante mit Beschimpfungen, sie erlitt sie mit Geduld, nahm ihre Mütze, umarmte mich und empfahl mir Muth und Gottvertrauen." Am folgenden Tage wurde Madame Elisabeth hingerichtet; sie war 30 Jahre alt; mild und fromm und ergeben, glich sie in ihrem Aeußern ihrem unglücklichen Bruder. Der allein gebliebenen Prinzessin Therese wurde ebenfalls nichts über das Schicksal ihrer Tante mitgetheilt, vergebens fragte sie nach ihr und nach ihrer Mutter. Einmal trat ein Mann in ihr Zimmer, den sie für Robes- pierre hielt; er betrachtete sie frech, sah die Bücher an und ging wieder. Nachdem Madame Elisabeth als letztes Opfer auf dem Schaffst gefallen war, schienen die „Kinder Frankreichs" im Temple ganz vergessen zu sein — weder Paris, noch Frankreich, noch die Verwandten in Oesterreich wollten wissen, daß hinter den grauen Mauern zwei junge Geschöpfe elternlos und heimathlos schmachteten. Eine kleine Schrift machte endlich darauf aufmerksam: „Ein Wort für zwei Individuen, an die Niemand denkt und an die doch einmal gedacht werden muß." Wohl in Folge dessen erschienen Barras und Del- Mas, die Machthaber nach dem 9. Thermidor, im Temple und sahen sich die Königswaisen an; Laurent, der Com- missar des Konvents, befahl, daß man den kleinen Louis Charles besser behandle. Er ließ ihm ein anderes Bett und Bäder geben. Aber die heißerbetenen Nachrichten über ihre Angehörigen wurden der Prinzessin Therese verweigert. Das Comite der „Allgemeinen Sicherheit" beschloß, der „Tochter Louis Capets" eine Frau zur Gesellschaft zu geben. Eine Freiwillige meldete sich zu diesem Posten, die Bürgerin Chanterenne, Madeleine Hilaire la Rochette. Die Erkundigungen, die über sie eingezogen wurden, ergaben, daß „sie ein sanftes Wesen habe, französisch, italienisch und deutsch spräche, und daß man nicht an ihrem Biirgersinn zweifle". Sie zählte 30 Jahre und trat am 16. Juni 1795 bei der vereinsamten Prinzessin ein. Natürlich hatte das innigste Mitleid mit der Waise des Temple Frau v. Chanterenne bewogen, den Schritt zu thun — die Prinzessin Therese schloß sich sofort in inniger Zuneigung an die Gefährtin an. Der Dauphin erkrankte ernstlich, und nun wurden ihm Aerzte geschickt, aber keine Kunst konnte ihn mehr retten. „Er verging wie ein Greis aus Lebensschwäche." Am 9. Juni 1795 um 3 Uhr starb er ohne Todeskampf, zehn Jahre und zwei Monate alt. Die Prinzessin Therese schreibt über seinen Tod: „Es ist nicht wahr, daß er durch die Commune vergiftet worden ist; das Gift, das seine Tage verkürzt hat, war einzig die Unsauberkeit, in der er ein Jahr lang gelebt hat, und die Härte, die man gegen ihn angewandt hat." Und sie schließt: „So war das Leben meiner tugendhaften und unglücklichen Verwandten während der letzten Jahre ihres erlauchten Daseins. Ich bezeuge, daß dieses Memorandum die Wahrheit enthält. Marie Therese Charlotte. Geschrieben im Thurm des Temple am 14. Oct." Im Herbst desselben Jahres wurden mit Oesterreich Verhandlungen angeknüpft über die Auslieferung von französischen Gefangenen gegen die Prinzessin, und am 18. Dezember verließ sie nach schwerem Abschied von Frau M Chgnterenne den Temple am Arme des Ministers Benezech. Sie drückte dabei ihr Memorandum heimlich in die Hände der Freundin — der Kaiser von Oesterreich hatte zur Bedingung gemacht, daß Niemand seine Verwandte begleite, der im Temple bei ihr gewesen war. In ausführlichen Briefen schildert die Prinzessin ihre Reise bis nach Basel, wo am 26. Dezember 1795 die Auslieferung stattfand, ihrer „theuren Renate, der Vielgeliebten einer unglücklichen Verbannten". Nach all den Erlebnissen der Schreckenszeit fühlt sie sich wieder glücklich, als Prinzessin unterwegs erkannt und behandelt zu werden. Der Prinz von Gavre und Baron von Degel- mann kamen als Abgesandte des Kaisers, und mit der Unterzeichnung eines Schriftstücks war dieses Kapitel der Leidensgeschichte der Tochter Marie Antoinettens geschlossen. Die Acte heißt: „Ich Unterzeichneter erkläre, gehorsam den Befehlen Sr. Majestät des Kaisers, von Herrn Bacher, dem zu diesem Zwecke abgeordneten französischen Gesandten, die Prinzessin Marie Therese Charlotte (Naäams 1a krin- 0688 S), Tochter Sr. Majestät des Königs Louis XVI., empfangen zu haben." Das Memorandum aus dem Temple ging noch einmal in die Hände der Prinzessin zurück, als sie nach ihrer Vermählung mit ihrem Vetter, dem Herzog von Angoulsme, in Mitau lebte. Sie ließ eine Abschrift davon nehmen, die durch eine Jndiscretion der Fran von Soucy in die Oeffentlichkeit drang; mit vielen Entstellungen und Zusätzen ist die einfache Erzählung von Zeitgenossen benutzt. Das Original kam wieder in den Besitz der Frau von Chanterenne und blieb in ihrer Familie, bis ihr Enkel es dem Herzog von Chambord, dem Erben der ehemaligen Madame Noyale, zustellte. , Nur eine Station ist allerdings der Temple für Therese, die spätere Herzogin von AngoulZme, auf dem Leidenswege ihres Lebens gewesen. Die auf Anlaß der Herzogin von Madrid von Gabriel de Saint-Victor dem Tagebuch beigegebenen Erläuterungen sagen von der Waise aus dem Temple: „Im Schissbruch ihres Lebens wird sie bis zum Ende die traurige Gestalt in's Gedächtniß rufen, die sich an die Barke Dante's klammerte und ihm antwortete, als er nach ihrem Namen fragte: Veäi, osto soo uu vsts xiau§6." -- Plauderei über Kunst und Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Architektur und Plastik.*) Von Max Fürst. War es mir schon einmal gegönnt, als Maler über Malerei aus der Schule zu schwätzen, so erkühne ich mich heute, einige geschliffene und auch ungeschliffene Steine zu bieten, die ich aus kunstgeschichtlichen Betrachtungen mir gebrochen habe. Dieselben stilvoll zusammenzufügen, wird mir freilich nicht gelingen, doch hoffe ich immerhin jene Baulinie einzuhalten, welche den üblichen gesellschaftlichen Vorschriften entspricht und keine Behörde veranlassen wird, mir mein — freilich ohne jeden Befähigungsnachweis geübtes — Handwerk zu legen. Wenn zunächst meine Grundlegung etwas breit und feierlich sich gestaltet, so bedingt dieses ja die Sitte, die beim Beginne aller *) Vertrag, gehalten in München in der Abendversammlung des Historischen BereinS von Oberbayern am 19. Januar (Car- ncvalSmonat) 1894. I 113 < 7 >. baulichen Unternehmungen allerorts mehr oder minder beobachtet wird. DaS Großartigste und Gewaltigste von allem Sichtbaren ist bekanntlich das Weltgebäude selbst. Die architektonischen Theile dieses Ganzen läßt uns der Welten- baumeister über und um uns schauen. Am nächtlichen Himmels-Gewölbe erkennen wir die erste und älteste Chaussee, die Milchstraße, in deren voraussichtlich normalspurigen Geleisen der Fuhrmann, das bekannte Sternbild, seit ungezählten Jahren sich bewegt. Unser Planet selbst weist auf grandiose Architekturzeugen, die schon bestanden, ehe eine Menschenhand zum Richtscheit, zu Kelle und Mörtel griff. Ich erinnere nur an die vielen naturgewaltigen Labyrinthe, an die am Eingang in den atlantischen Ocean aufragenden Säulen des Herkules, sowie an das eiserne Thor an der Donau. Lange vor.dem Menschen entwickelten bereits andere Geschöpfe rege Baulust und Thätigkeit. Als die ersten luftigen Hochbauten erschienen die Nester der Böge!, den Wasserbau pflegte in sorgfältiger Weise der Biber, den Bergbau eine gewisse Wespenart; die kleine, emsige Künstlerin, welche den klösterlichen Zellen- bau übte, die Biene, soll nicht vergessen sein. Rhythmus und Harmonie wird in der edleren Baukunst vor Allem gefordert, deßhalb konnte Professor M. Carriere, den ich in meiner Jugend zu hören die Ehre hatte, einmal in wonnig warmer Begeisterung die Architektur nicht ganz mit Unrecht als „gefrorene Musik" bezeichnen. Wir Hörer, damals etwas unverfrorene Jungen, zogen aus dieser Bezeichnung die nöthige Logik und glaubten, die das Leben versüßende Musik sofort als „geschmolzene Architektur" bezeichnen zu dürfen. Daß in der Plastik hin und wieder etwas von eingefrorener Musik sich befindet, bezeugten im Alterthume jene im Nillande aufragenden Memnonskolosse, welche nach den Aussagen feinhöriger alter Touristen beim erwärmenden Strahl der Morgensonne wirklich liebliche Töne von sich gegeben haben sollen. Doch weg vom Ungewissen! Gar keinen Zweifel gibt es, wenn wir sagen, daß wohl zur frühesten menschlichen Thätigkeit der Ackerbau gezählt werden muß. Und um nun die Früchte dieses Baues mit Behagen und Dank genießen zu können, erwies es sich alsbald nöthig, ein gar einfach schlichtes Ding zu bauen, welches für alle Zeiten unzertrennlich und unentbehrlich der Menschheit werden mußte. Ich meine: den Herd. Leibliche und geistige Bedürfnisse sind es gewesen, welche diesen Bau hervorriefen, denn in der Frühgeschichte aller Völker ist ja Herd und Altar dasselbe. So tief ist die Begeisterung, das Verlangen nach solchem Banwerk in die Menschenbrust gelegt, daß wohl in den fernsten Tagen noch, zunächst die jungen Leute, mag ihnen auch sonst jedes Interesse und Verständniß für Architektur mangeln, stets rührig bestrebt sein werden, einen eigenen Herd sich zu bauen. Die Wichtigkeit der Baukunst dürfte durch diesen Hinweis wohl am besten nachgewiesen sein. Betrachten wir nun Architektur und Plastik nach den Entwicklungsstufen der Nationen. — Selbst auf die Gefahr hin, einigen pyramidalen Unsinn zu reden, will ich bei den Aegyptern anfangen. Die Verdienste der alten ägyptischen Flußbauämter sind bekanntlich so groß, daß sie heute noch nicht «uf's Trockene gesetzt erscheinen. Wenn die Aegypter die Arbeit des Suez-Kanales den Kindern des 19. Jahrhunderts überlassen haben, so war wohl der Umstand schuld, daß dieselben damals die technische Einrichtung von Actien noch nicht kannten, obwohl ihnen der stete Anblick des Stekgens und Fallens des Nilwassers Anregung genug geboten hätte, auch nach dieser Seite hin erfinderisch sich zu erweisen. In Folge solch' tadelnswerther Nichtbeachtung ist es daher leicht erklärlich, daß die großartigen Ziegeleien des Pharaonenlandes, trotzdem Hebräer in riesiger Zahl daran betheiligt waren, niemals zur Höhe heutiger Actienziegeleien sich aufschwingen konnten. Als Jsarmoränenschlamm und Haidekraut noch die Stelle deckte, auf der heute der Münchener Karolinenplatz zu schauen ist, da galten als ausschließlich ägyptische Specialität die bekannten Obelisken. Einer der berühmtesten darunter, der nach seinem Falle zu Alexandrien einen gar weiten Transport sich gefallen lassen mußte, ist, wie männiglich bekannt, die „Nadel der Kleo- patra" benannt worden. Ob diese „Nadel" schon Dienste geleistet, als es der üppigen Kleopatra gelang, die Herren Julius Cäsar und Antonius einzufädeln, wissen wir nicht zu sagen. Wir wollen uns darüber auch nicht den Kopf zerbrechen, denn Aegypten ist ja bekanntlich das Land der Räthsel und der Sphinxe, und nicht Jedermanns Sache ist es, ein Oedipus zu sein. Die alte Welt und ihre Werke kennen gleich mir die meisten Menschen nur aus Bildern. Da haben wir denn erst vor einigen Jahren hier im Glaspalaste aus dem Gemälde von Nochcgrosse „Das Ende Babels" in Erfahrung bringen können, daß in Babylon ganz besonders die Fleisch buden von einem kolossalen Umfange gewesen sein müssen. Waren die Dinge wirklich so, dann dürfte es uns nicht wundern, wenn es einem kommenden Forscher und Archäologen noch gelingen sollte, die Ur- paragraphen einer „I-sxHeinze" in Keilschrift aus dem wüsten Schütte — den wir wohlweislich nicht weiter berühren — herauszuwühlen. Die Erben ägyptischer Kunst waren bekanntlich Pe- lasger, dann Griechen. Die Kunst der letzteren wird allgemein so gelobt und gefeiert, daß ich mir hier schon erlauben darf, als Unikum eine entgegengesetzte Stimme zu Worte kommen zu lassen. Ein leider früh verstorbener, hochbegabter, nur etwas leidenschaftlich angelegter Archäo- lvge, Julius Braun, der, nebenbei bemerkt, schon 35 Jahre vor Schliemann den Spaten zur Hand nahm, den Hügel Hissarlik als Stätte von Troja bezeichnete, sprach nie in Hieroglyphen, wenn es galt, den Griechen eines zu versetzen. Seiner Meinung nach haben eben jonische Sardellenfischer und dorische Sauhirten das seltene Schwein (vul^o Glück) gehabt, die ägyptischen Architekturerfolge vollständig ausnützen zu können. Schlau wie immer, so meinte Braun, hätten die Griechen u. a. das ägyptische Lotoskapitäl einfach um ein gutes Stück oben abgekappt und wären so höchst billig zu dem Ruhme gekommen, Erfinder des gerühmten dorischen Säulensystems. zu sein. Es dürfte nicht Wunder nehmen, wenn ob solcher Verdächtigung des hellenischen Kunstvermögens der bekannten Diana vonEphesus die Milch der frommen Denkungsart sauer, oder wenn Hephästos, der Vater der Bildhauer, dem boshaften Nörgler etwas unsanft auf die Finger klopfen würde. Was Dr. Braun so hämisch von den Griechen sagte, könnte mit ungleich größerem Rechte von den Römern behauptet werden, denn die rauhen Söhne des Romulus sind — soweit sie noch ohne 114 hellenische Knnsteinflüsse bauten — über die mamer- tinischen Gefängnisse und die Oloaoa Nuximu nicht weit hinausgekommen. Ein Hineinfallen in die letztere konnte im späteren Norn übrigens mit Leichtigkeit quitt gemacht werden, da ja die vielen Bäder und Thermen, welche in allen Stadttheilen entstanden, es ermöglichten, alsbald wieder makel- und fleckenlos unter den Mitbürgern zu erscheinen. Man wird leicht begreifen, warum auch in den großen Städten der Gegenwart die Dringlichkeit der Errichtung von Bädern und Waschanstalten so häufig Betonung findet. Der übernommene künstlerische Nachlaß Griechenlands zeigt sich in Rom am deutlichsten in der immensen Zahl antiker Statuen, welche die vielen Museen bergen. Bekanntlich hat Schiller im Hinblick auf die Antiken einmal gesagt, daß dieselben den Wandalen Stein seien. Zu gewissen Zeiten find sie übrigens auch den Römern nichts anderes gewesen. Man denke doch an jenen Hagel prächtiger Statuen, den im Jahre 537 die bedrängten Römer und Byzantiner von der Höhe des Hadrianeums auf die stürmenden Gothen niedergleiten ließen. Damals flog ja auch unser werthvoller „Barberinischer Faun" gar unsanft auf die Köpfe der Stürmenden, um einige von diesen zu unfreiwilligen Genossen seines immerdauernden Schlafes zu erküren. Daß die Antiken bei solcher Verwerthung und Behandlung selbst oft Köpfe, Arme und Beine einbüßten, ist sehr erklärlich, und es hatte daher In der Renaissance, als man förmlich nach Antiken schürfte, mancher Bildhauer vollauf zu thun, dieser oder jener antiken Gottheit wieder auf die Beine zu helfen. Die ehrenwerthen Olympier konnten sich wirklich gratuliren zu den chirurgischen und orthopädischen Erfolgen, die da an ihren ewig jungen Leibern von geschickten Menschenhänden nicht selten erzielt worden sind. Manchmal fielen die neugeschaffenen Glieder so gediegen aus, daß auch der ursprüngliche Schöpfer des Werkes dieselben wohl kaum besser hätte herstellen können. Hat man sich z. B. doch sehr lange besonnen, ob man nach verspäteter Auffindung der wirklichen Beine des Farnesischen Herkules diesem dieselben zustellen solle oder nicht. Waren ja die von Guglielmo della Porta inzwischen gefertigten Ersatzfüße so ausgezeichnet gerathen, daß, wenn Herkules selbst zu bestimmen gehabt, er hinsichtlich der Wahl vor einen neuen schwierigen Scheideweg sich gestellt gesehen hätte. (Fortsetzung folgt.) -— - Die Kapuziner in Lindan. Es war vor etwas mehr als einem Jahre, da wurde mir einmal in Bregenz ein Marienbild gezeigt, das sich auf ein Kapuzinerkloster in Lindau bezog. Derjenige, der mir das gar nicht üble Bild zeigte, fragte mich, ob ich denn etwas darüber wüßte. Ihm sei die Sache ziemlich neu. Ich wußte damals nur, daß an der Achbrücke ein Kapuzinerklösterchen gestanden war, das gelegentlich der Belagerung Lindaus durch die Schweden zerstört worden war. Was ich nun weiters fand, ist der Inhalt der folgenden Abhandlung, wobei ich gleich anfüge, daß meine Hauptquelle die von Pater Romuald bearbeitete und in Kempten 1747 herausgekommene Geschichte der Kapuzinerprovinz von Vorder-Oesterreich ist. Benützt ist weiter „Lindau vor Altem und Jetzt" von Boulan. In Lindau hatte mit dem Jahre 1524 die Reformation begonnen und sich rasch immer weiter ausgebreitet. Schon 1530 hatte Lindau mit Constanz, Straßburg und Memmingen beim Reichstag zu Augsburg eine besondere Confession: die 4 Städte-Confesfion, übergeben. Katholisch blieb nur das Stift und seine Angehörigen. WaS Wunder, wenn Stift und Stadt gar häufig in allerhand Streitigkeiten verwickelt wurden. Da gab es auf einmal im Jahr 1626 Streit bei der Bürgerschaft. Der protestantische Bürgermeister Müller wollte sein Haus an den katholischen Grafen Fugger verkaufen, was ihm vom Magistratus nicht zugelassen wurde, ebenso wollte der ehrsame Rath die Privatbeichte einführen — das führte zu argen Händeln selbst in der Kirche. Die Sachs ging für die Stadt schlimm aus, denn 1628 wurden Graf Hugo v. Montfort u. der Bischof von Constanz nach Lindau als Exekutions-Commission geschickt mit allerhand Aufträgen, von denen uns zwei zunächst in» teressiren. Einmal wurde eine kaiserl. Strafgarnison in die Stadt gelegt, und dann sollte die Commission weiters allen möglichen Fleiß anwenden, daß die §rntrs3 rainores Orä.L.krauoisoi wieder zu dem Gotteshaus u.Einkommen gelangen, so ihnen anno 1528 entzogen worden sein solle, sie in ihrem Ordensberuf und katholischen Exerzitiis unturbirt zulassen. Der kaiserliche Erlaß datierte vom 16. Febr. 1628. Schon 1624 war eine kaiserl. Commission erschienen und hatte Ansprüche auf das alte Barfüßer-Kloster erhoben, um dasselbe den Kapuzinern zu übergeben. I« selben Jahre hatte nämlich die Fürstäbtissin Maria Christina beschlossen, geistliche Männer in die Stadt einzuführen, damit dadurch das Stift und seine Diener, sowie andere Katholiken in der Stadt der hl. Dienste derselben genießen könnten. Die Väter der Kapuzinerprovinz, denen die Sache einleuchtete, brachten im Verein mit anderen einflußreichen Männern die Angelegenheit vor den Kaiser und berief die Kommandantschaft der oben erwähnten Strafgarnison eine Kapuzinerkolonie nach Lindau als nothwendig für die Ausübung der Dienste der Religion. Obigem nach scheint man dabei zuerst an das alte Barfüßer-Kloster gedacht zu haben. Pater Romuald erzählt indessen, daß ein Lindauer Bürger, der vom Protestantismus zum Katholizismus übergetreten war und deswegen viel zu leiden hatte, sein Haus den Katholiken zum Kauf angeboten habe, um fortzuziehen. Indessen ging es hier wie bei dem Müller'schen Verkauf. Man wollte denselben von gemeiner Stadt Satzung wegen nicht zulassen und suchte sich mit Aufbietung aller Kräfte zu widersetzen. Beiderseits wurde die Sache vor den Kaiser Ferdinand II. gebracht, welcher den Deutschherrn-Erz-Komthur von Altshansen Joh. Jakob Freiherrn v. Stein als Commissär beorderte. Dieser wickelte die Sache zu Gunsten der Kapuziner ab und gab dem Rath davon Bescheid, der sofort neuerdings protestirte. Der Kaiser, sehr aufgebracht, instruirte den Cowmiffär noch knapper unter Androhung kaiserlicher Strenge und stellte zudem den Freiherr von Raitnan zu Höfen als Sachwalter im erwähnten Anwesenskauf auf. Da bewilligten die Lindauer den Verkauf, und nach Romuald 1630, nach Boulan schon 1629 und zwar am 28. April mußten sie den „Spectacul" erleben, daß die kaiserliche Commission von Bregenz her mit großer Anzahl Volks, geistlichen und weltlichen Personen, zum Stadtthor herein und durch die Stadt in die „Jn- r- L15 sul" zog. Ein großes Kreuz wurde von 32 Mann in weißen Hemden — werden wohl Alben und Chorröcke gewesen sein — getragen und in der Jnsul bei Andreas Eggers Torckel mit großer Feierlichkeit aufgerichtet. Es wurde der Grundstein gelegt, eine Kapelle gebaut, nach weiteren Vereinbarungen mit den Lindauern das aufgeführte Haus bezogen und mit den geistlichen Exercitien begonnen. Unterm 20. Oktober 1630 nahm der Kaiser das Kloster und seine Insassen in seinen speziellen Schutz und bedrohte Zuwiderhandelnde mit der schweren Geldstrafe von 30 Gulden. Bald aber fanden die Kapuziner den Platz selbst nicht mehr geeignet, hauptsächlich mit Rücksicht auf die andersgläubige Nachbarschaft, weshalb sie beschlossen, sich außerhalb der Stadt anzukaufen d. h. ihr bisheriges Anwesen gegen ein außerhalb der Stadt gelegenes zu vertauschen. Diesem Haustansch, dem der Erzkomthur beigestimmt hatte, widersetzte sich der Magistrat sofort wieder mit ganzer Kraft. Erst dem an Stelle des Erzkomthurs zugezogenen Juristen Albert Eberhard gelang es, die Liudauer durch Vorführung aller Gründe umzustimmen. Jetzt errichteten die Kapuziner vor der Stadt im sog. heil. Gut ein neues Gotteshaus und nahmen den Bau eines Wohnhauses ernstlich in Angriff. Als die Arbeit schon ihrer Vollendung entgegen sah, wurden sie durch die Ankunft einer schwedischen Heeresabtheilung auf die unangenehmste Weise gestört. Als Gustav Horn mit seinem Heer heranmar- schirte, erschienen plötzlich im Oktober 1633 schwedische Reiter vor der Stadt, machten die erste Schildwacht nieder und hätten den damaligen Kommandanten Oberst König, der bei den Kapuzinern die Messe hörte, beinahe gefangen. Er wurde aber rechtzeitig von dem damaligen Gastwirth zur Taube Namens Graf gewarnt und entkam glücklich nach Lindau. In Folge davon ließ der Kommandant, auch von der Erwägung ausgehend, der Feind möchte zur Eroberung der Stadt hier einen Stützpunkt finden, — wie richtig seine Ansicht war, werden wir später noch bewiesen sehen,—dieKirche untergraben und alle nächstgelegenen Häuser verbrennen. Die Stadt mußte den Kapuzinern eine Wohnung innerhalb ihrer Mauern einräumen. Nachdem die Schweden aber wieder abgezogen und die Gefahr beseitigt war, verlangten die Kapuziner ihr altes Eigenthum wieder und wandten zur Wiederherstellung des Gotteshauses alle Mühe auf. Nun war gerade eine furchtbare Theuerung, derartig, daß die Menschen Gras aßen, aus Eicheln, gemengt mit Staub u.Grüsch auch Linsenmehl wurde Brod gemacht; Hunde, die beim Wasenmeister geholt und als Delikatessen verspeist wurden, und Katzen galten als Wildpret. Seuchen und Krankheiten rafften aus dem Stadtgebiet an 800 Menschen weg. Dazu kamen fortwährende Kriegsstenern, so daß die Patres der Provinz zur Wiederherstellung von Küche und Kloster Zuschuß gewähren mußten. Dabei dachten sie aber schon an einen dritten größeren Platz und bezeichneten hiefür die Nähe des kaiserl. od. städt. Zeughauses als passend. Zu dem Zweck sandten sie 2 Patres der Provinz zu Kaiser Ferdinand III. als Vertreter, die mit Empfehlungs-undVefürwortungsschreiben einiger hoher Herren versehen waren. Sie entledigten sich ihres Auftrages mit großer Geschicklichkeit. Der Kaiser gewährte in seinem Eifer für den Katholizismus ihren Wunsch und stellte mittels kaiserlichen Diploms den schon erwähnten Freiherr« von Stein als Commissär auf. Er hatte den Auftrag, die Stadt dafür zu gewinnen, einen in jeder Beziehung geeigneten Platz in der Stadt zur Errichtung eines Kapuziner-Klosters abzugeben. Die Kapuziner seien Willens, Niemand lästig zu fallen. In einem Schreiben vom 4. November 1638 suchte er dies mittels eines in den schmeichelhaftesten Worten abgefaßten Schreibens beim Lindauer Magistrat durchzusetzen. Der Commissär verwandte alle Sorgfalt auf die Durchführung der kaiserlichen Absicht und zog noch den Obersten eines schwäb. Kreis-Negiments, Ferdinand von Handel, bei. Der Lindauer Rath ging aber hierauf nicht ein, suchte vielmehr die Sache ohne Rücksicht auf den Kaiser zu verhindern, so daß schließlich der Erzkomthur jede Hoffnung auf günstigen Ausgang aufgab und den Patres hievon Mittheilung machte. Diese sahen ein, daß sie nichts ausrichten, am Ende nur das bisher Besessene auch noch verlieren würden, und verwandten wieder alles auf Wiederherstellung von Kloster und Kirche außerhalb der Stadt. Da legte sich die Fürfläbtissin in's Mittel und wünschte, daß die Kapuziner in die Stadt übersiedeln möchten, aber die Lindauer protestierten wieder und wollten die Kapuziner aus der Stadt ausgeschlossen wissen. (22. Mai 1640.) Nun wandte sich die Aebtissin an den Kaiser, und dieser beauftragte jetzt den neuernannten Gouverneur Max Willibald Truchseß Grafen von Wolf- egg, Sorge zutragen, daß den Kapuzinern innerhalb der Stadt ein Haus fundiert würde und die Patres in ruhigem Besitz desselben bleiben könnten. Die Kapuziner selbst aber vertrauten auf das kaiserliche Reskrjpt und den Schutz des Gouverneurs und führten den Ausbau ihres angefangenen Klosters fast seiner Vollendung entgegen. Da ertönte neuerdings Waffeulärm. Da und dort herumschweifende Truppenabtheilungen der Schweden ließen sich sehen und die Patres mußten 1647 von ihrem Werke abstehen, da Wrangel am 4. Jan. dieses Jahres die Belagerung Lindaus in der Hoffnung, die Lindauer würden aus Freundschaft wegen der gemeinsamen Religion keine, so hartnäckige Vertheidigung leisten, begann. Der sehr rührige und heldenhafte Gouverneur machte, unterstützt von dem ihm beigegebenen Oberstlieutenant Baron von Crivelli, diese Hoffnung glänzend z' Schanden. Er zwang durch seine Autorität die Bürger zu ihrer Pflicht und vereitelte durch seine Kriegsfertigkeit die Eroberung. Zweifelsohne war Graf Wolfegg dazu bestimmt, der Siegeslausbahn Wrangels ein Ziel zu setzen, und sein seltenes Glück bewirkte, daß sowohl der Anfang als der weitere Verlauf des Wrangel voraussichtlich günstigen Jahres sich ungünstig gestaltete, so daß der ^Schwede mit Schimpf und Schande abziehen und dem Feinde Stadt und Siegcspalme lassen mußte. Wrangel hatte 3 Batterien aufgeworfen und das Schänzlin an der Brücke vergeblich gestürmt. Eine Batterie von 9 schweren und leichten Geschützen und 1 schweren Mörser war im Kapuziner-Kloster etabliert worden. Das Klösterlcin war wiederum auf Befehl des Kommandanten gänzlich zerstört und verbrannt worden, k. Romuald weiß zwar, daß ein Lindauer Bürger in die Kirche die Brandfackel warf, ohne daß er hiezu Befehl erhalten hatte. Ueber die Wirkung der Geschosse erzählt k. Romuald, daß die Kugeln hauptsächlich dem Stift gegolten, trotz Correktur aber ihr Ziel nicht erreicht hätten. Sie schlugen in die 116 Kirche (Stefanskirche) und Häuser der Lutheraner und richteten dort ungeheueren Schaden an. Wetters erzählt er folgende Episode: Es war im Gasthof z. Krone eine kathol. Köchin, welche einstens ihre Herrin verwundert fragte, warum alle Kugeln, auch diejenigen, welche direkt auf die kath. Kirche gerichtet waren, diese nicht beschädigten, aber umso verderblicher gegen die Kirche und die Häuser der Lutheraner wirkten. Die Dienerin antwortete ihr: Das ist nicht zum Verwundern. Der kathol. Kirche kann aus dem Grunde nichts Widriges zustoßen, weil die Kapuziner und die Katholiken dort vor dem Allerheiligsten Tag und Nacht auf den Knien lägen und in größter Inbrunst zu Gott beteten. Nachdem die Frau dies gehört hatte, beauftragte sie ihre Köchin, den Kapuzinern ein sehr reichliches Almosen zu bringen und dieselben in ihrem Namen zu bitten, auch für sie und ihr Haus das Allerheiligste anzuflehen. Die Kapuziner sandten Gruß und Dank zurück und versprachen nach ihrer Intention zu Gott zu beten. Und siehe da, fürderhin stieß diesen Häusem kein Unheil mehr zu. Nach Aufhebung der Belagerung stellte man die Ruinen und Befestigungen wieder her, und auch die Kapuziner waren nicht müßig, ihr Areal zu reinigen, die verbrannte Kirche wieder aufzubauen und den Garten anzupflanzen. Doch oh weh! im Jahre 1649 wurden im westfälischen Religionsfrieden katholikenfeindliche Bestimmungen veröffentlicht, in Folge deren die religiösen Verhältnisse auf den Standpunkt zurückgeführt wurden, in welchem sie sich am 1. Januar 1624 befunden hatten. Die Lindauer zeigten sich zur Annahme und Danach- handlung dieser Artikel mehr als willfährig und verkündeten den Kapuzinern durch Notar und Zeugen am 17.Nov. 1648 in Uebereinstimmung mit diesen Beschlüssen die Ausweisung. Darüber entstand ein heftiger Streit, ob die Kapuziner diesem Friedens-Artikel unterworfen wären. Wiederum verwenden sich die Landkommentur von Altshausen und die Patres der Provinz beim Kaiser, der am 26. Febr. 1649 schreibt, die Kapuziner auch fernerhin zu belassen. Ebenso protestiert wiederum die Aebtissin, die die Kapuziner wieder als Beichtväters des Stiftes haben will. Hitzig wird hüben und drüben von Rechtskundigen beider Confesfionen gestritten, die Entscheidung des Streites wird katholischen und lutherischen Schiedsrichtern überlassen. ?. Nomuald gibt selbst zu, daß die ersteren ihrer Aufgabe sich nicht gewachsen zeigten und sich die Sache nicht angelegen sein ließen, und so wurde die Sache gegen die Kapuziner entschieden. Diese packten ihre Habe zusammen, nachdem ihnen die Stadt den Kaufpreis für ihre Güter abgelöst hatte, schüttelten den Staub Lindaus von ihren Füßen und verließen die Stadt. Vorher hatten sie sich noch das kaiserliche Dekret erwirkt, ihr Exerzitium beim Stift ausüben zu dürfen, so oft sie von der Fürstäbtissin für geistliche Funktionen begehrt würden. Ihr Abzug war für alle Zukunft merkwürdig. Als die Nachricht von ihrer Ausweisung zu den Ohren der lutherischen Frau des Bürgermeisters Habisreutinger drang, rief diese hochentzückt aus: „Wann und wie bald wird sich diese hocherfreuliche Neuerung vollziehen, daß diese bebarteten Menschen aus der Stadt hinausgeworfen werden. Sobald dies geschehen wird, werde ich im Uebermaß der Freude sterben.* Gesagt, geschehen! Die Rache Gottes machte diese Prophezeiung zur Wahrheit! Sobald die kaiserliche Garnison die Stadt verließ (September 1649), entfernten sich mit ihr die Kapuziner. Unter anderweitigen Zuschauern befand sich auch obenerwähnte Frau, die beim Anblick der in die Verbannung ziehenden Kapuziner in einen Lachkrampf verfiel, durch dessen Heftigkeit sie eine Frühgeburt machte und den Geist aufgab. Dieses traurige Ereigniß überstieg das Uebermaß der Freude, und die Lindauer Bürger hoben sogar das Recht, daß die Kapuziner das Damenstift betreten dürften, so oft sie für geistliche Verrichtungen dort benöthigt seien, auf und wollten sie für immer aus der Stadt verbannt wissen. Ohne jegliche Rücksichtnahme auf den auf eine Beschwerdeschrist der Fürstäbtissin unterm 14. Dezember 1649 erfolgten kaiserlichen Erlaß verboten sie den Eintritt. Die Stadt hatte vorher dem Kaiser durch Dr. Valentin Heider Bericht erstatten müssen. Dieser vertrat auch die Stadt bei einer Zusammenkunft in Nürnberg, -deren Bestimmungen durch die kurfürstl. Mainzische Kanzlei am 31. Jan. 1650 gesetzmäßig veröffentlicht wurden. In Folge dieser Publikation wurde den Kapuzinern das freie Recht, das Damenstift zu besuchen, eingeräumt, aber sofort stemmten sich die Lindauer mit aller Macht dagegen und verboten durch öffentlichen Anschlag an den Thoren der Stadt den Kapuzinern den Eintritt auf das Strengste. Obwohl Heider selbst zu einem Vergleich rieth, ein neues kaiserliches Reskript die Kapuziner nicht zu behelligen und den Beschluß ungiltig zu erklären erschien, legten sie dem allem keinen Werth bei, verharrten in ihrer Hartnäckigkeit und erneuerten vielmehr das Verbot, das sie hätten aufheben sollen. Sogar im Stift beabsichtigten sie durch dies Vorgehen die katholische Religion allmählich auszurotten. Da legte sich das Stift wieder in's Mittel, die Neichs-Nitterschaft verwandte sich beim Kaiser, ersteres appellirte zugleich, und nun sandte der Kaiser ein sehr scharf gehaltenes Mandat und lehrte die Lindauer unter Androhung der kaiserlichen Acht und anderer Strafen, den kaiserlichen Adler fürchten und ihm gehorchen. Seit dieser Zeit ward den Kapuzinern der Zutritt zum Lindauer Damenstift gewährt und bestätigt, und sie bedienten sich dessen bis zur Säkularisation des Stiftes 1802. Von da an pastorierte Stiftsvikar Stäudelin als erster Pfarrer die ehemalige Stiftskirche als Pfarrkirche. LI. L. v. L. Zahlenräthsel. 1 4 8 8 eine deutsche Stadt, 2 8 3 7 8 ein gewaltiges Gebirge, 3 4 8 Fluß in Osteuropa, 4 1 mächtiger Strom, 5 6 2 3 7 Stadt in Hannover, 6 2 8 8 2 eine Insel in fernen Meeren, eine Stadt in Ostindien und in einem kleinen deutschen Fürstenthum, 7 6 4 8 englisches Städtchen, berühmt durch seine Schule, 8 2 1 Nebenfluß eines großen europäischen Stromes, 3 2 8 Fluß in Nordamerika und Stadt in Palästina, 7 5 7 8 5 Stadt in Ostfrieölanv. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter bezeichnen einen beliebten Badeort. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 15: „Was du thun willst, thue bald.* --EZ8—— i ^L17. 1894 . „Augsburger PostMung". Dienstag, den 27. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Mach Jerusalem. .Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem.' Luc. 18,31. In den Gärten Jericho's Schon die rothen Rosen blühten, In des Jordans heil'gem Schooß Abendwolken sanft verglühten, Als Dein Herr auf ernstem Gang Gen Jerusalem kam geschritten, Seine Jünger zagend bang Folgten ihm mit scheuen Tritten. Leise winkt er sie heran, Seufzte wie im Sterbetone: Blutig ist bald meine Bahn Und das Kreuz wird mir zum Throne. Doch die Zwölfe sind gar still, Sie versteh'n nicht seine Sorgen, Was der hohe Meister will, Blieb dem Schüler oft verborgen. Ach, sie waren ihm so fern, Keiner hat ihn ganz verstanden, Hörten wohl vom Reiche gern, Aber nicht von Tod und Banden. Sie entzückt das eine Wort: Meine Macht wird euch belassen. Doch das and're treibt sie fort: Wer mich liebt, der soll sich hassen. Nach Jerusalem hinauf Will auch Dich der Heiland führen, Seine schwere Leidenstauf' Sollst auch Du tiefinnig spüren Und in seiner Kreuzesnacht Als des Dulders Freund Dich zeigen, In der Trübsal dunklen Schacht Selbstlos mit dem Meister steigen. „Nach Jerusalem hinauf", In die Seele muß ich's schreiben Und in des Berufes Lauf Oftmals sinnend stehen bleiben, Bis der Streit von ehedem Sich gelöst in mildes Tragen, Weil ich nach Jerusalem Wandere in den Fastentagen. Adolph Müller. Wohlthun trügt Zinsen. Nach dcm Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzählt von Alice Salzbrunn. —INachbruck verboten.! Der Nachmittags-Unterricht war vorüber. In der Dämmerung hatten der kleine Alex und ich Verstecken gespielt. Schließlich hatte Alex sehr scharfsinnig ein Versteck aufgefunden, war in meine Arme gesprungen, hatte meinen Hals umschlungen, mit seinen großen Augen dicht in die meinen gesehen und entzückt gelacht. „Was für Spaß wir haben, Aloisia, nicht wahr?" sagte er. Obgleich er mich mit meinem Vornamen anredete, und ich, seine Gouvernante, diese Vertraulichkeit hätte verbieten sollen, lachte ich nur glücklich über ihn. Kein Wunder, daß ich so leichtherzig war, wie das Kind. Ich hatte eine einsame ungeliebte Kindheit verlebt, und im Gegensatze zu mancher traurig alleinstehenden Gouvernante war mein Leben jetzt das freudenreichste, welches ich kannte. Täglich saß ich in dem angenehmen schönen Zimmer, welches Herr Drummond zür Unterrichtsstube seines Sohnes bestimmt hatte, hielt den kleinen mutterlosen Knaben auf meinem Schoße und dachte darüber nach, wie gütig, wie liebevoll mir jeder begegnete, wie wolkenlos mein Leben, wie unbeschwert von Leid und Sorge mein Herz sei. So oft und solange ich darüber nachdachte, war das Wunder immer da; es wurde nur noch größer, als andere Segnungen folgten. Ich wußte suchen, dankbarer und ernster zu sein; denn ich mußte, daß trotz meiner Jugend ein großes Vertrauen in mich gesetzt wurde, daß Gedankenlosigkeit manchmal meine Pflichterfüllung hinderte und alle meine Schwächen sanft geduldig und großmüthig ertragen wurden. „Ist das nicht Papas Klingeln?" fragte Alex, nachdem er unentschlossen sein Köpfchen von meiner Schulter erhoben hatte. „Geh' sieh' nach," antwortete ich und setzte ihn gleichzeitig auf den Fußboden. „Suche der erste an der Thüre zu sein, im Falle er eS ist." Aber ich wußte, daß er es nicht war; ich kannte Norbert Wedderburns Klingeln so gut, wie ich dasjenige des Martin Drummond kannte. Auf die Stimmen im Hausflur lauschend, hörte ich Alex etwas schmollend fragen: „Warum soll ich weggehen, Norbert? Warum darf ich nicht mit Dir hineingehen?" 118 Ich versuchte es nicht, Norberts geflüsterte Antwort zu verstehen, sondern ich horchte, wie die Kinderfüße langsam die Treppe hinaufgingen und wendete mich nicht vorn Kaminfeuer um, obschon ich wußte, daß Norbert das Zimmer betreten hatte und dicht hinter mir auf dem Kaminteppich stand. Jedoch, da er nicht sprach, wendete ich mich um und fragte, wo Alex sei. „Ich schickte ihn auf einige Minuten in das Kinderzimmer, Fräulein Kerr, weil ich Sie allein sprechen wollte," sagte Norbert, und seine sanfte Stimme klang leiser als gewöhnlich. „Warum?" Ich hatte alles aus seinem Gesichte gelesen; ich verstand sogar das Zittern der Hände, welche er auf die Lehne des Stuhles neben dem meinigen gelegt, aber er konnte das nickt bei meiner kurzen Frage vermuthen. „Ich wollte Sie noch einmal fragen, wie ich Sie vor einem Jahre gefragt, ob Hoffnung für mich da ist?" „Hoffnung für Sie?" Unruhig wiederholte ich seine Worte; ich wußte, nicht, was ich sonst sagen sollte, als er inne hielt. Er fuhr fort; „Ich weiß, Sie sagten, daß Sie überzeugt wären, Sie konnten mir nie ein anderes Gefühl geben, als das der Freundschaft, aber ich war damit nicht zufrieden und werde mit dieser Antwort nicht zufrieden sein, bis Sie mir sagen, daß die von mir gesuchte Liebe einem anderen gehört. Bis Sie mir das sagen, wird mein Herz trotz Ihrer Kälte hoffen, und ich arbeite so emsig, so froh in dieser Hoffnung! Wenn Sie mir sagen, daß Ihre Liebe einem andern gehört, wird mich alle Hoffnung verlassen und meine unsterbliche Liebe wird mein lebenlanges Geheimniß bleiben, ohne ein geflüstertes Wort." „Still, Norbert," sagte ich und legte meine Hände auf die seinen, denn wir waren Freunde seit der Kindheit, „es wird nicht lebenlang so sein. In ihrem treuen, ernsten Leben wird eines Tages eine andere Liebe erblühen und es doppelt glücklich machen." „Meinen Sie, meine Liebe zu Ihnen werde nie erwidert werden?" fragte er langsam voll Traurigkeit. „Bevor der Sommer vorüber ist, Norbert," sagte ich, während mir heiße Nöthe in's Gesicht stieg, „werde ich Herrn Drummond heirathen." Ich sah den Schmerz in seinen Augen und zuckenden Lippen; ich sah, wie seine Finger die Stullehne umklammerten, dann trübten sich meine Augen und ich sah nichts mehr. Nach ein paar Minuten des Stillschweigens ergriff Norbert sanft meine Hand. „Ich errieth dies nicht, Aloisia," sagte er mit leiser, zitternder Stimme, „gewiß hätte ich es sehen können, aber vermuthlich erfüllte mich meine eigene Liebe sosehr, daß ich nicht an die Liebe anderer dachte. Ich kann Ihre Thränen nicht sehen, obgleich sie für mich vergossen werden. Es gibt Augenblicke, in welchen ein Mann kein Mitleid ertragen kann, sogar nicht von den ihm theuersten Personen. Ach, hätte ich dieß errathen oder davon gehört, so wäre Ihnen und mir dieses Gespräch erspart geblieben! Aber lassen Sie es gut sein, Aloisia, in einer Stunde werden diese Minuten aus Ihrem Leben verschwunden sein; denn Herr Drummond wird heimkommen und das Haus wird licht und sonnig für Sie sein — was er für Sie sein wird, will ich mir lieber nicht vorstellen. Und in einer Stunde werde ich diese verlorene Hoffnung draußen in der freudlosen, leeren Welt überwinden." „O Norbert," schluchzte ich, „dies ist Ihnen nicht ähnlich." „Ich wollte nicht murren," sagte er sanfter, „die Worte kamen unwillkürlich über meine Lippen. Aber je weiter ich in die Welt hinausgehe, desto leichter wird es mir werden, diesen herben, tiefen Schmerz zu ertragen." „Aber Norbert," sagte ich mit mühsamer Fassung, „Sie wollen doch nicht das Geschäftshaus verlassen, in welchem Sie so hochgeschätzt werden? Herr Drummond sagt, daß die Stockeseys von Ihnen mit dem höchsten Lobe sprechen, Sie den anderen Comptoiristen vorziehen. Er sagt, wenn er einen solchen Buchhalter in seinem Comptoir hätte, so würde er ihn zu schätzen wissen. Sie werden Edinburgh nicht verlassen, Norbert?" „Nein," antwortete er, und strengte sich ebenfalls an, ruhig zu sprechen, „ich will bleiben, arbeiten und sparen, und in sechs oder sieben Jahren werde ich vielleicht genug haben, um im Auslande Theilhaber der Firma zu werden. In Valparaiso mag Vermögen und Vergessenheit leichter zu erlangen sein. Ich will hier weiterarbeiten, indem ich diesen Zweck im Auge behalte." „Aber die dortige Theilhaberstelle ist jetzt frei geworden. Sie erzählten es mir." „Ja," antwortete er traurig, „aber ich bin noch nicht dazu bereit. Ich habe noch nicht die zweitausend Pfund erspart, welche dort zur Einlage nöthig sind; aber ich kann warten. Unsere Lebenswege werden jetzt völlig getrennt sein, Aloisia, damit mein Herz nicht im Leiden bricht. Ich werde in der Stadt weiterarbeiten, und wenn ich noch an Ihr friedliches, wolkenloses Leben hier denke, wird mich der Gedanke trösten, nicht ent- muthigen. Aber meine Besuche in Schrayden sind heule vorüber, Aloisia; ich darf nicht wieder hieherkommen, wo ich oft so glücklich war. Die lichte, sonnige Atmosphäre würde mich zu meiner Aufgabe der Vergessenheit untüchtig machen." „Aber, Norbert," bat ich, „Herr Drummond hat es gerne, daß Sie nach Schrayden kommen, Alex ist Ihnen sehr gut, und ich —" „Ist er mir gut?" unterbrach Norbert mich, „das freut mich. Leben Sie wohl, meine verlorene Liebe, leben Sie wohl." „Er hielt meine Hände eine lange Minute fest, aber ich hatte vergeblich versucht, die Abschiedsworte aus- znsprechen, als er verschwunden war. „Norbert, Norbert!" rief Alex und eilte die Treppe hinunter, als Norbert durch den Hausflur ging, „warte auf mich!" Darauf sah ich die beiden zusammen über den Rasenplatz gehen und dachte müßig und traurig darüber nach, ob ich sie je wieder zusammen sehen würde. Als jedoch das Kind von dem Gärtnerhäuscheu zurückkehrte, saß es triumphirend auf der Schulter seines Vaters und mein ganzes Herz schlug diesen beiden entgegen. „Warum begrüßen Sie mich mit einem so nachdenklichen Gesichtchen?" fragte Martin und hielt mich auf Armeslänge von sich entfernt, während seine dunkeln Augen in die meinen schauten. „Ich kann solchen wehmüthigen Mund nicht küssen, wenn Sie mich auch dazu auffordern würden." „Gehen Sie sogleich in das Speisezimmer, Martin," sagte ich ausweichend, „Frau Kynaston muß schon eine halbe Stunde gewartet haben." Frau Kynaston war eine entfernte ältere Verwandte 119 von Martin und wollte bis zu unserer Heirath im > „Alex und ich haben um 2 Uhr gegessen, als Frau Hause bleiben. Kynaston ihr Gabelfrühstück beendet hatte," sagte ich ruhig. „Und das Warten verstimmt ihr sonst engelgutes ^ „Schon wieder?" fragte er, „dann will ich jetzt gar Gemüth, nicht wahr, Kleine? Aber ihr Warten ist mir nicht zum Essen gehen. Warum haben Sie es gethan?" KAM MM! gleichgiltig, wenn ich bei meinem Bräutchen bin. Kom- j „Wir waren auf den Bergen herumgestreift und men Sie." ! hungrig zurückgekommen; deshalb wünschten wir unser Er bot mir seinen Arm mit so ernster Würde, daß ! Mittagessen und wollten abends hübsch zusammen Thee ich unwillkürlich lachen mußte. l trinken." Nie letzte» Augenblicke christlicher Märtyrer 120 „Sehr wohl," sagte Martin, jetzt wieder fröhlich wie gewöhlich. „Bitte, bestellen Sie den Thee um 8 Uhr, und ich werde hier sein. Tante Kyn schläft so ruhig nach ihrem späten Diner, daß sie uns dankbar ist, wenn wir sie ungestört lassen. Erwarten Sie mich pünktlich. Ah, der traurige Gesichtsausdruck ist ganz verschwunden" — und lächelnd schloß er mich in seine Arme. Auf der schneeweißen Tischdecke stand das Thee- geräth; die Lampe war angezündet und die dunkelrothen Vorhänge verhüllten das große Bogenfenster. Vor dem flammenden Kaminfeuer ruhte Martin in dem großen Armsessel, welchen er angeblich für Alex in dieser Zimmer hatte bringen lassen. Mein bequemer Sessel stand dicht nebendemseinigen, aber ich saß nicht dort, sondern brachte ungewöhnlich lange bei der Bereitung des Thees zu; ich wollte sprechen, ehe Alex in das Zimmer kommen würde,aber ich wußte nicht wie. „Einen Theelöffel voll für jeden von uns und einen obendrein sind nur vier," sagte Martin, indem er den Kopf umwendete, „Sie hatten Zeit, vierzig hineinzuthun. Sie gehen immer weg, wenn wir einige angenehme Minuten haben könnten. Kommen Sie her, mein Herzlieb." „In einem Augenblick, Martin." „Sogar ein Augenblick ist zu kostbar, um versäumt zu werden," sagte er, stand hastig auf und wendete dem Feuer den Rücken, indem er mich beobachtete. Kommen Sie jetzt hierher." „Ich muß einge- machteReineclauden für Alex aus dem Keller heraufholen lassen, weil ich sie ihm versprochen habe," sagte ich. Als ich aber hierauf zum Glockenzuge gehen wollte, umschlang er mich und hielt mich fest. In seinen starken Armen fühlte ich mich so klein, so hiflos und so glücklich l Ich dachte, ich könnte jetzt sagen, was ich ihm sehnsüchtig zu sagen wünschte; aber als er mich dann so innig ansah, fand ich nicht den Muth, und wendete mein erglühtes Gesicht weg. Wie stark er warl Ich glaubte, daß ihm unmöglich etwas fehlschlagen könne, was er erreichen wollte. Wie herzinnig liebte ich ihn! Bei diesem Gedanken trat die Erinnerung an Norberts geduldige Hoffnungslosigkeit noch klarer vor mich und wieder versuchte ich zu sprechen. „Martin " „Reineclauden, wie?" lächelte er, „mag Alex sich selbst wegen seiner Süßigkeiten bemühen." „Martin, lassen Sie mich los. Ich wollte — Ihnen von — von einem Anliegen sagen." „Mir?" fragte Martin, und seine Augen blickten voll unaussprechlicher Liebe und Zärtlichkeit in die meinen. „Wollen Sie mich endlich um etwas bitten, mein stolzes, süßes Bräutchen?" „Ja." Ich konnte kein Wort mehr sagen, weil die große Stärke und die noch größere Zärtlichkeit seiner Liebe mich scheuundschüchtern machte, wie eS oft geschah. „Sage es mir jetzt," flüsterte er und strich das Haar sanft aus meinem heißen Gesicht. Aber ich konnte noch nicht sprechen. „Mein geliebtes, kleines Mädchen," sagte er „welche Bitte es auch sein mag, sie ist bewilligt. Ich kann Sie nicht in meinem Arme zittern fühlen. Ich kann keine Thränen in den geliebten Augen sehen. Sprechen Sie jetzt oder nicht, wie Sie wollen; aber von diesem Augenblicke an seien Sie versichert, daß die Bitte gewährt ist, was es auch sein mag. Ich kann die Bewilligung nicht zurückhalten, so gerne ich Sie bitten hören möchte. Mein Herzlieb, alles, was ich habe, gehört Ihnen. Meine ganze Kraft steht Ihnen zu Diensten. Verfügen Sie über mich und mein Eigenthum, wie und wann Sie wollen. Ah, Alex, da bist du! Wir wollten gerade klingeln, um dich holen zu lassen — oder wegen Reine-clauden — ich vergesse, was es war. Sieh mal, was für rothe Backen Aloifia hat!" „Vermuthlich hast du dicht am Feuer gestanden, Aloisia?" fragte das Kind nachdenklich. „Ja, sie hat dicht an der Gluth gestanden," sagte Martin Drummond, weshalb meine Verwirrung stieg. „Sagten Sie, daß der Thee schon fertig ist, Fräulein Kerr, oder daß Sie zuerst mit mir etwas besprechen wollten?" „Der Thee ist schon lange fertig," sagte ich, ohne 1 , Pfarrkirche Wrrlingen. Original-Aufnahme van G.Baab er, Photograph in Krumbach. fVervielsiiltigungSreiht vorbehalten,; H» I» »> ißMM'Z ! ' - ' ... 121 seine Worte zu beachten; „er ist sehr stark, die zweite Tasse wird dann nicht schmecken." „Dann wollen wir die zweite auslasten, nur die erste und die dritte trinken," antwortete Martin ebenso ruhig. „Alex, wir vergessen immer die Naschereien, wenn du nicht da bist. Ich mache mir nichts aus denselben, nnr manchmal bewegt mich Aloisia, sie zu versuchen. Klingle jetzt und lasse die Reineclauden-Marmelade bringen." „Du wirst keine bekommen, Papa," sagte der Knabe lachend, indem er zum Klingelzug lief, „weil du sagst, du machst dir nichts aus Süßigkeiten." „Aloisia," flüsterte Herr Drummond, indem er seine Theetasse nahm. „Sie haben mir ihr Anliegen noch nicht gesagt. Versprechen Sie mir, es nach dem Thee zu thun, sonst halte ich mich nicht in den Schranken vor dem kleinen Jungen." Gefühl der Furcht und des Schmerzes läßt mich ahnen, daß Sie beim Schritthalten mit mir ermüden würden." Wie lebhaft erinnerte ich mich dieser Worte in den Jahren, welche folgen sollten! (Fortsetzung folgt.) -- Plauderei über Kunst und Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Architektur und Plastik. Von Max Fürst. (Fortsetzung.) Das merkwürdigste antike Gebilde, welches die Sammlungen des Vatikan beherbergen, dürfte die Gruppe des Laokoon sein, welche bekanntlich der scharfsinnige Les- sing als Markstein gewählt hat, um die Grenzen zwischen MM Kchlotz Wertingen. Original-Aufnahme v n Gustav Bader, Photograph in Krumdach. (Vervielfältigungsrechl vorbehalten.) „Ja, ich will nach dem Thee mit Ihnen sprechen," sagte ich, meinen ganzen Muth zusammennehmend. „Ich danke Ihnen, Theuerste," flüsterte er ernst, aber in der nächsten Secunde wendete er sich mit seinem schelmischen Blicke zu seinem Söhnchen. „Ich habe Fräulein Kerr soeben gebeten, dir nicht so viele Wünsche zu erfüllen. Sie verwöhnt dich schrecklich. Warum thut sie das?" „Sie sagte einmal, weil ich so klein bin," antwortete das Kind, indem es auf seinen Sitz kletterte. „O, ich begreife das. Sie ist nicht groß," sagte Martin neckend, „also muß sie ebenso verwöhnt werden, wie du. Ich wünsche, Sie wären etwas größer, Aloisia." „Warum?" „Ich habe die Kraft, auf dem harten, rauhen Pfade zu wandeln, aber mir ist, als ob ihre kleinen Füße nicht immer neben mir bleiben könnten. Ein unbezwingliches bildender Kunst und Poesie festzusetzen. Das berühmte plastische Werk mußte übrigens schon mehrfach herhalten, die verschiedenartigsten Gedanken zu illustriren. Hat doch erst kürzlich ein deutschfeindlich gesinnter italienischer Politiker die Laokoongruppe als die Allegorie des Dreibundes bezeichnet. Da umsichtige Gesinnungsgenossen desselben Polemikers bekanntlich schon einmal eine Karte herstellen ließen, welche Italiens Zukunftsgrenze am Brenner markirt, so ist sehr zu befürchten, daß die gegenwärtig bei uns unternommene Erforschung und Feststellung des römischen Limes, an welcher der erste Vorstand des Historischen Vereins für Oberbayern, Herr General K. Popp, hervorragenden Antheil hat, schließlich noch dazu führt, daß einige heißblütige Jrredentisten gleich die alte römische Reichslinie zur Grenze des heutigen Italien machen möchten. Allzu besorgt brauchten wir übrigens deßhalb nicht zu sein, denn drüben über den Alpen versteht man 122 schließlich doch am besten das Wort: tarnpi pa.88g.ti! — Was nach dem Zurücktreten der römischen Weltmacht in künstlerischer Hinsicht Byzanz geschaffen hat, kann man heute noch am besten in Navenna sehen; es müssen Einen auf den dortigen Straßen nur die vielen Fechter nicht geuiren, von denen ja bekanntlich schon einer genügt hat, um unserem wackeren Landsmann Bacher! das künstlerische Interesse und poetische Empfinden für immer zu verleiden. — Man hat lange Zeit gebraucht, bis es den Kunsthistorikern gelungen ist, Byzantinisches und Romanisches zu unterscheiden und gebührend auseinander zu halten. Aber noch immer gibt es Leute und Bücher, welche diese nöthige Unterscheidung völlig ignoriren, ja es hat hin und wieder sogar den Anschein, als ob der Byzantinismus überhaupt nicht zu den verflossenen Stil- und Umgangsformen gerechnet werden dürfe. Es ist nur Schade, daß die sogenannten „Buckelquadern", die doch hier so nützlich und dienlich wären, einfach des kunstwissenschaftlichen Principes wegen, nicht den byzantinischen Ziergliedern beigezählt werden können. Gehen wir weiter! „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust," hat einmal ein bedeutender Dichter gesungen. Zwei Seelen im Gewände der Architektur zu einer stauncnerregenden Einheit geführt zu haben, ist jener merkwürdigen Stilform gelungen, welche wir seltsamerweise die „gothische" nennen. Nie hat sich Städtekraft und Bürgerstolz kenntlicher gezeigt, als in den mittelalterlichen Werken der Gothik. Und wiederum: Nie hat der Geist hingebungs- fähiger, geheimnißvoller Weltentrückung sinnigeren Ausdruck gefunden, als im Gewände dieses Stiles. Wir variiren nur ein anderes Dichterwort, wenn wir — auf kunstgeschichtlicher Basis uns bewegend — sagen: „Die Gothik ist des Glaubens liebstes Kind." — Das schrille Geklingel unserer Schellenkappe verstummt vor der Eigenart dieses Stiles, erst die weltgewandte Renaissance mit ihren zahlreichen legitimen und illegitimen Sprossen läßt es wieder ertönen. Als das antike Alterthum in der Renaissance aus seinem Grabe erstand, da mag den bisherigen Stilformen gar bange um's Herz geworden sein, denn in einem wahren Freudentaumel spannte sich alsbald die ganze Welt an den Triumphwagen der neuen Herrscherin. Die höchsten Herren der Erde, Kaiser und Päpste, waren stolz darauf, der eleganten Dame Renaissance die Schleppe tragen zu dürfen. Um ihre Gunst sich zu sichern, schreckte man vor keinem Unternehmen zurück. Wie man weiland der üppigen Herodias das Haupt des Täufers Johannes auf einer Schüssel entgegenbrachte, so brachte man alsbald in Rom die heiligsten und ehrwürdigsten Gebäude der Christenheit der neuen Kunstrichtung als kostbares Opfer dar. Förmliche Verhaftsbefehle wurden von geistlicher und weltlicher Obrigkeit gegen die früheren Stile erlassen; fast überall kündete man ihnen den „Dienst", man scheute sich nicht, zunächst die Gothik gar hart anzulassen und, wo es nur immer ging, ihr alle „Nippen" einzustoßen. Je höher gestellt, je reicher man war, um so hartherziger verfuhr man mit der Geächteten. Klingt es auch sonderbar, so kann doch auch in der Kunstgeschichte, wenigstens in Bezug auf Bewahrung werthvoller Denkmäler, von einem „Segen der Armuth" gesprochen werden, denn einzig die Fittiche der Armuth waren es, welche in einzelnen Gegenden die Werke der Väter vor dem Untergänge zu schützen vermochten. — Wenn je eine Stilform es verstanden hat, bei den Menschen sich einzuschmeicheln, so hat dieses das Weltkind Renaissance verstanden. Auf die übersinnlichen Bahnen der Mystik nie sich einlassend, hat es dafür mit seinen sichtbaren Reizen zu keiner Zeit gekargt uno vor allem dem klugen Programmsatz gehul- diget: „Wer Vieles bringt, wird Manchem etwas bringen." Wie die Renaissance in ihrem Formenconcert eine gar reichhaltige Abwechslung bot, so waren auch die damaligen Künstler höcbst vielseitig veranlagt. Wahrscheinlich stammt schon aus jener Zeit die heute noch hie und da gehörte lobende Bezeichnung: „ein Tausendskünstler". So ein Tausendskünstler war z. B. Leonardo da Vinci. Hätte er, der im Refectorium des Klosters S. Maria della Grazie zu Mailand in seinem „Abendmahl" den heiligen Gral in unerreicht dastehender Kunstweise gefeiert, in unseren Tagen gelebt, das Wohlwollen Richard Wagners würde ihn wahrscheinlich nach Bnyreuth zur Herstellung der Parcival-Decorationen gerufen haben, denn L. da Vinci war bekanntlich auch ein höchst vorzüglicher Maschinist und Theatermaler im Dienste Ludwigs XII. von Frankreich. , Es scheint, daß in Italien im 15. und 16. Jahrhundert ein Mann, der nur einen Kunstzweig allein vertrat, darob sich fast geniren mußte. Hat doch Michel Angela, der sich allerdings nie im Leben Zeit nahm, nachsichtig und liebenswürdig zu sein, den braven Pietro Perugino, der ausschließlich nur ein wackerer, biederer Heiligenmaler war, einmal in höcbst wegwerfender Weise als einen Kunsttölpel bezeichnet. M. Angelo hatte freilich das stolze Bewußtsein, nicht nur Herrscher auf dem Gebiete aller bildenden Künste, sondern auch auf jenem der Dichtung zu sein. Seine Sonette haben einen gar wunderbaren, gewaltigen Klang. Der titanische Mann, der die Kuppel von St. Peter aufgethürmt, die Wölbung der Sixtina bemalt, die Festungswerke von Florenz gebaut, den grandiosen „Moses" gemeißelt, griff nie in seinem Leben etwas mit Sammthandschuhen an. Daß er sich daher, wie man so zu sagen pflegt, öfters auch arg verhauen hat, kann nicht Wunder nehmen. Er hat sich auch im buchstäblichen Sinne einige Male verhauen, denn man zeigt in Italien mehrere unvollendete Statuen, an denen seine wuchtige Hand den Meißel allzu tief getrieben, zu viel Steinhülle hinweggesprengt hat, um das Bildwerk noch einer lohnenden Vollendung entgegenführen zu können. Man erzählt, daß der von gewaltigem Schaffensdrang beseelte Meister öfters auch nachts in seiner Werkstätte weilte, wo ihm einzig eine ähnlich einer Mütze an und über seinem Haupte befestigte schlichte Oel-Lampe das nöthigste Licht zum Schaffen lieh. Im hellen Zeitalter der elektrischen Bogen- und Stangen-Lampen dünkt es wohl Manchem ein höchst glücklich überwundener Standpunkt, den eigenen Kopf als Lichtträger gebrauchen zu müssen. Die Natur des zu bearbeitenden Materiales muß es wohl mit sich bringen, daß die Architekten und Bildhauer in der Regel viel fester und energischer aufzutreten wissen, als die Maler, deren geschmeidige Arbeitsmittel ja auch von der zartesten Damenhand gehandhabt werden können. Am meisten hat sich — wie wir dieses schon durchleuchten ließen — das Selbstgefühl, die Energie der Artisten in Italien zur Zeit der Renaissance zu entfalten vermocht; damals waren ja die Künstler die Helden des 123 Tages, und viel, sehr viel durften dieselben dort sich erlauben. Hätten in Italien Richter und Polizei immer so prompt gearbeitet, wie dieses in Deutschland von je her der Fall gewesen ist, die Kunstgeschichte hätte vielleicht manch' berühmten Namen nicht zu verzeichnen, zum Mindesten hätte die freie Arbeitszeit mancher Kunst- beflissenen recht häufig eine unliebsame, gesetzliche Schmäle- rung erfahren. Sind wir doch froh, daß man einem Benvenuto Cellini, einem Salvator Rosa und noch manch' Anderen so viel durch die Finger gesehen! Daß den Künstlern trotzdem nicht allzu wohl wurde, dafür sorgte schon damals der collegiale Geist. Gegen die Zerwürfnisse und Handgreiflichkeiten damaliger italienischer Meister sind die Streitigkeiten heutiger Pariser und Münchener Künstler die reinsten Geßner'schen Idyllen. Am unbehaglichsten muß es in dieser Hinsicht im 15. und 16. Jahrhundert im schönen Florenz zugegangen sein, wo, gewissermaßen als Schlußstein einer Wert in gen. Wenn es auch abseits der großen Verkehrsadern liegt, so verdient es doch auch wegen der Rührigkeit seiner Bewohner Berücksichtigung. Das Städtchen ist schon sehr alt und war früher in den Händen vieler Theilhaber. Nach einer BestätigungsUrkunde von Bischof Walther in Augsburg sollen die Brüder Wilhelm und Arnold von Biberbach im Jahre 1145 das Augustiner-Nonnenkloster Weyhenberg gestiftet haben. Die Schirmvogtei haftete damals auf der Burg Hohenreichen. Das Kloster wurde 1448 wieder aufgehoben und die Besitzungen desselben dem Spitale in Dillingen einverleibt. (Vom Maier- und Reutenhof in Wertingen bezog dieses Spital noch lange Gilten und Zehnten.) Die Herrschaft Wertingen mit Hohenreichen kam als ein Erbe des Hohenstaufen Conradin an dessen Onkel Herzog Ludwig den Strengen von Bayern, indem in dessen Sal- buch vom Jahre 1275 darüber Erwähnung geschieht. 1279 erhielt ein Hildebrandt von Druisheim Hohenreichen als MMM Hl'üisM MMi uil sWZM WWW ' IWw'PUl, K, 7,' E WAL Das österreichische Hospiz in Jerusalem. Unterredung zwischen den städtischen Baumeistern, der hochberühmte Herr Brunelleschi einmal von seinen Fachgenossen die stattliche Rathhaustreppe herabgeworfen worden ist. Boshafte Florentiner, welche den also Beförderten am nächsten Tage begrüßten, sollen die neue Art von „Steinmetzzeichen" bewundert haben, welche Signor Brunelleschi an Stirne und Nase zur Schau trug. — Merkwürdigerweise sind seit jener Zeit die alten — nur für die Steine berechneten — Steinmetzzeichen, ohne die man sich im Mittelalter kein Denkmal und keine Bauhütte denken konnte, vollständig aus der Mode gekommen. (Schluß folgt.) -—- Stadt Wertingen (mit Ansichten des früheren Schlosses, worin sich jetzt das kgl. Bezirksamt und das kgl. Amtsgericht befindet und der Pfarrkirche auf Seile 120 und 121). W. Nordwestlich unserer Kreishauptstadt Augsburg, 5 Stunden nur von derselben entfernt, liegt im freundlichen und fruchtbaren unteren Zusamthale das Städtchen Lehen. Die Truchsessen von Reichen verkauften ihr Besitz- thum 1348 an den Augsburger Bürger Johann Langen- mantel, welcher in der Stadt Wertingen ein Schloß erbaute. (Das neuere Schloß, d. i. der vordere Theil, steht erst seit 1654 und ist an das andere angebaut.) Nachdem in den Fehden jener Zeit Wertingen zweimal (1388 und 1462) abgebrannt worden war, verkauften die Langen- mantel 1467 die Stadt und Herrschaft an den Erbmarschall Mang zu Hohenreichen. Dieser erste alleinige Herr von Wertingen verlegte 1557 seinen Wohnsitz von der Burg Hohenreichen nach Wertingen, wonach das Schloß in Hohenreichen einging und Anfang dieses Jahrhunderts ganz abgetragen wurde. Die Truchsessen von Reichen schrieben sich, nachdem sie die Grafschaft erlangt hatten, Marschälle von Pappenheim. Zu jener Zeit war Wertingen in eine innere und äußere Herrschaft abgetheilt. Zur inneren gehörte die Stadt Wertingen mit den drei Ortschaften Gott- mannshofen, Geratshofen und Reatshofen, zur äußeren: Hohenreichen, Frauenstetten, Wortelstetten, Asbach, Possenried, Neuweiler, Hinterried, Neuschenau und Hirschbach. 124 Mit Franz Adam von Pappenheim starb 1700 diese Wertinger Linie der Erbmarschälle von Pappenheim aus und Bayern zog das Lehen ein. Dieser letzte Pappenheim liegt in der Kirche zu Gottmannshofen begraben. 1704 wurde Wertingen vom Reiche eingezogen und Fürst Lob- kowitz damit belehnt, der es aber nur bis 1714 innehatte, wonach von Bayern die zwei schwäbischen Kabinetsherr- schaften Wertingen und Hohenreichen gebildet wurden. 1799 wurden beide Herrschaften der allgemeinen Staatsverwaltung einverleibt. Wertingen war früher befestigt; es hatte drei Thorthürme und Ringmauern, wovon noch Neste vorhanden sind. Wann die Pfarrkirche erbaut wurde, ist nicht zu ermitteln; dieselbe wurde 1646 durch die Schweden nebst einem Thurme zerstört, nachher aber wieder hergestellt. Die Thürme, welche mit einem gemauerten Kranze umgeben sind, sind einzig in ihrer Art und soll einer römischen Ursprunges sein. An der Pfarrkirche befinden sich noch alte Grabdenkmäler aus Stein gehauen; insbesondere ist das an der Ostseite angebrachte sehenswerth. Zweimal wurde Wertingen auch von den Franzosen heimgesucht, und 1805 fiel hier zwischen diesen und den Österreichern ein Treffen zum Nachtheile der letztern vor. -—i-v-»—- Zu unseren Bildern. Die letzten Augenblicke christlicher Märtyrer. Unter den römischen Kaisern, welche die Christen ihres Glaubens wegen verfolgten» war es besonders Diokletian (284 bis 305), der den Christen am längsten und heftigsten nachstellte. Das Papstbuch erwähnt, daß es im Jahre 304 während eines einzigen Monates in den verschiedenen Provinzen des römischen Reiches 17,000 Märtyrer gegeben habe. Auch unter Kaiser Nero schon hatten die Christen Unsägliches zu dulden. Theils kreuzigte man sie, theils ließ man sie, in Thierfelle eingenäht, von Hunden zerfleischen, theils wurden sie, in brennbare Stoffe eingehüllt, Nachts als Fackeln in den kaiserlichen Gärten verbrannt. Eine tiefergreifende Scene stellt uns der Künstler auf unseren: Bilde vor Augen: den Abschied der zum Tode verurtheilten Christen, welchen der Priester soeben die Absolution spendet. Dildrr aus Palästina. Das österreichische Hospiz. Unter den neuen Privat- gebäuden in Jerusalem macht das neue österreichische Hosvn einen freundlichen Eindruck und bildet einen wohlthuenden Gegensatz zu den vielen Spuren des Zerfalles und den Haufen von Trümmern und Schutt in der heiligen Stadt. Eine breite Doppeltreppe führt zu demselben empor. Einen hübschen Anblick gewährt die blumengeschmückte Terrasse. Im oberen Stocke befinden sich die Fürstengemächer. —««« 4 -—- Allerlei. Ländliche Wegweiser-Dichtung. Wenn man den Weg Leipheim—Langenau zu Fuß zurücklegt, kommt man über den Ort Niedheim. Will man von hier aus den näheren Weg nach Langenau einschlagen, so muß man den Fußweg über das „Ried" oder „Moos" gehen. In einer Seitengasse in Riedheim nun, ein Häuschen oberhalb der Mühle, steht ein Wegweiser, der auf seiner mühl- radförmigen Tafel folgende Inschrift trägt, die bei der Art ihrer Fassung trotz ihres Ernstes sehr komisch berührt: Nicht dort, wo das Mühlrad brauset, Geht der Pfad nach Langenau, Sondern da lauf' sanft im Frieden Durch's Moos unter'm Himmelsblau. Wandle nie den Weg zu spat, Noch betrunken diesen Pfad. Nach Langenau. Kasernenhofblüthe. „Kerl, mach' doch nicht so ein jämmerliches Gesicht, wie eine Siegesgöttin, die einen Civilisten heirathen solll" -- ~ 's Aug'nmaaß. Beim alt'n Lehra, Mahr Bastl, Da ham die Buam g'rad' Zeich'nlehr' Und fleißi' draht a unsa Wastl Figur'n schiach und krumm und quer. Und Strich'ln macht dös Büawei mehra, Von dena is koa oanz'ga grad; Z'letzt gront halt do' der guate Lehra: Wo denn der Bua sei' Aug'nmaaß hat! Der Bua moant d'rauf: „Herr Lehra Mahr, An Aug'nmaaß? — Dös sakrisch Ding Is g'wiß do a nöt gar so deier! Glei' kaaf i 's bei der Krämer in." F. Weiß (W'stein). -- Himmelsschau im Monat März. —X. Merkur verschwindet schon nach den ersten Tagen als Abendstern am westlichen Horizont. Venus § taucht als Morgenstern aus den Strahlen der Sonne auf und wird schnell Heller. Mars im Schützen geht auf zwischen 4 U. 21 M. und 3 U. 38 M. früh und steht am 2. in der Nähe des Mondes. Jupiter 2 t geht schon nach Mitternacht unter und befindet sich am 12. nahe beim Mond. Saturn H steht in der Jungfrau links von der Spika und ist bis 9 U. 30 M. vorm. sichtbar. Am 23. steht er in der Nähe des Mondes. In den ersten Tagen des Monates ist das Zodiakal- licht sichtbar. --SÄWMS- Schachaufgabe. Von P. Bernhard (Augsburg). Schwarz. Mat in 4 Zügen. Auflösung des Zahlenräthsels in Nr. 16: Bonn, Anden, Don, Ob, Stade, Tanna, Eton, Nab, Dan, Esens. Bad Ost ende. -- M 16. Irertaz, den 2. März Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler). Wohlthun trägt Zinsen. Nach dem Amerikanischen der Mary Ereil Hat), erzählt Lon Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) „Nun, Alex," sagte Martin und hob das Kind von seinem Knie herunter, als wir Thee getrunken hatten und am Kamin saßen, „geh, sage der Tante gute Nacht. Melde ihr, daß ich in einer Viertelstunde komme, um eine Partie Sechsundsechzig mit ihr beim Thee zn spielen und daß Aloisia uns etwas vorspielen wird. Erzähle nicht, daß wir hier schon Thee getrunken haben, sonst denkt sie, wir schätzen ihre Gesellschaft nicht. Bleibe bei ihr, bis Louis und ich kommen." Ein sonderbares Stillschweigen herrschte im Zimmer, nachdem das Kind weggegangen war. Martin saß im Lehustuhl, blickte mit halbgeschlossenen Augen in das Feuer und ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er auf meine Worte wartete, während einer langen Pause stand ich ganz still an den Kaminsims gelehnt. Dann ging ich unruhig durch das Zimmer. Er rief mich sogleich zurück. Froh wendete ich mich augenblicklich um, blieb hinter seinem Stuhle stehen und stützte mich leicht auf die Lehne desselben. „Martin," begann ich sehr leise, „bitte vergessen Sie, daß Sie meinen Wunsch bewilligt haben, und hören Sie zuerst, was es ist." Er sah sich nicht nach mir um, aber seine noch auf das Feuer gerichteten Augen waren voll stummer Liebe und Sehnsucht, und mit seiner rechten Hand bedeckte er meine Finger, welche auf seiner linken Schulter ruhten. „Martin, ich habe oft gesehen, wie sehr eS Ihnen widerstrebt, jemand nur einen Augenblick Schmerz zu bereiten, und wie Sie alles aufbieten möchten, um es zn verhindern, oder -im Leid zu trösten. Wenn Sie einen Schmerz, welchen ich verursacht habe, vermindern könnten, würden Sie dazu bereit sein?" Seine Finger umschlossen die meinen fester, aber er antwortete nicht. „Martin," fuhr ich mit stark erschütterter Stimme fort, „denken Sie, ich liebte Sie so zärtlich, wie ich es thue, und erführe plötzlich, daß Sie meine Liebe nicht begehren, daß Sie dieselbe nie geahnt, weil Sie seit langer Zeit eine andere ebenso treu und innig geliebt haben. Glauben Sie, daß ich dann weggehen wollen würde, um Ihr frohes Gesicht nicht mehr zu sehen, während in meinem Herzen der Jammer der Einsamkeit wäre? Daß ich ein neues Leben anfangen wollen würde, wo ich meinen grausamen Schmerz vielleicht durch beständige Arbeit lindern könnte? Gewiß, ich würde das wünschen, und Martin, vielleicht würden Sie ebenso denken, wenn Sie eine ungeahnte, unerwiderte Liebe gefunden hätten." „Ich kann es nicht sagen, meine Louis," antwortete er mit tiefem, unbewußtem Mitleide in seiner Stimme, „ich wage es nicht, mir solchen Schmerz vorzustellen." Mein Herz schlug schneller. Ich brauchte ihn nicht mehr zu fragen, weil ich in seinen Mienen las und seine Stimme hörte. „Martin," sagte ich — da er in das Feuer blickte, konnte er nicht sehen, wie die Nöthe in meine Wangen stieg — „die StockesehS verlangen zweitausend Pfund als Geschäftseinlage von dem neuen Theilhaber, welcher nach Valparaiso gehen soll. Zweitausend Pfund ist viel, nicht wahr?" „Nicht für solche Theilhaberschaft, meine Liebe." „Ist es nicht viel?" wiederholte ich traurig. „Ich wünsche, Norbert Wedderburn hätte zweitausend Pfund." „Warum?" rief Martin aufschreckend. „Will er dorthin ziehen?" „Ja." Das war alles, was ich sagen könnte, obgleich ich das folgende Stillschweigen zu brechen suchte. Erst nach einer langen Pause konnte ich reden. „In einem neuen Leben, Martin," begann ich endlich, „würde er vielleicht den alten Schmerz vergessen. In einer neuen Welt würde er ein anderes Glück suchen. Aber Sie wissen, daß er arm ist und das Geld nicht erlangen kann; er ist stolz und empfindsam, deshalb — deshalb wollte ich — Sie um Hilfe bitten." Endlich wendete Martin sich um und sah mir in das Gesicht; gleichzeitig zog er meine Hand an sich. „Wenn er diesen Schmerz zu tragen hat," flüstert: er voll tiefem Mitleid, „soll ihm keine Hilfe, welche ich geben kann, vorenthalten werden. Keine Gabe von mir kann zu groß sein, weil das Kleinod, welches er zu gewinnen suchte, mein ist. In meiner Dankbarkeit fühle ich, als ob er alles andere nehmen möge, weil er mir das läßt. Meine süße Aloisia, wie forschend Sie mich ansehen! Ich sprach ins blaue hinein, nicht wahr? Ja, ich muß soviel behalten, um daS Leben meines Weibchens angenehm machen zu können. Bei meinen Worten dachte ich nur an mich selbst, dachte, wie werthlos mein Vermögen im Vergleich zu dem von ihm ersehnten, mir geschenkten Gut. Schließen Sie die Augen, meine Theuerste! Wenn ich in ihre Tiefen blicke, die Liebe darin lese und mir darstelle, was mein Leben ohne diese Liebe sein würde, ist der Gedanke niederdrückender, als es die Armuth für mich sein könnte. Sie wissen, daß Ihre Bitte bewilligt ist; Sie müssen es gewußt haben, ehe Sie den Wunsch aussprachen; aber vertrauen Sie mir auch ferner. Alles soll geschehen, wie Sie es gethan haben würden. Er soll nur erfahren, daß die Stockeseys ihn ohne Vermögen für diese wichtige Stellung wählen. Er soll nie wissen, wie und von wem ihm geholfen wurde. Sagen Sie nur, daß Sie mir vertrauen." Als ich ihm mit einem geflüsterten Wort geantwortet hatte,, neigte er sich zu mir und küßte zärtlich meine Wangen. II. Wir waren an diesem Tage fünf Jahre verheirathet — fünf glückliche, wolkenlose Jahre; ich stand im Mor- gensonnenschein am offenen Fenster und wartete, daß Martin aus dem Park zum Frühstück komme. Ich fühlte, daß die Segnungen in diesen Jahren meiner Ehe mich zur demüthigen, tiefen Dankbarkeit bewegten. Wie schön mein Daheim war! Dieses große, prächtige Hans hatte ich als Gouvernante vor sechs Jahren mit scheuer Ehrfurcht betreten — es war mir unaussprechlich theuer geworden! „Mögen wir diesen Tag noch nach vielen Jahren glücklich miteinander verleben, Frauchen!" rief Martins Stimme, und er selbst sprang durch das Fenster herein. „Ich wünschte dir das bei Tagesanbruch, aber du schliefst und hörtest mich nicht. Nun erzähle mir den ganzen Gang deiner Gedanken, welche ich so plötzlich unterbrochen habe." „Ich horchte auf deine Schritte, Martin." „Mit bestem Erfolg. Und woran dachtest du?" Natürlich sagte ich es ihm. Es wäre mir unmöglich gewesen, seinem liebenden Herzen und seinen forschenden Augen etwas zu verbergen. „Meine geliebte Frau", sagte er zärtlich und in seinen Augen strahlte die Zufriedenheit, „dieser Gedanke beschäftigte mich heute früh; es ist ein natürlicher an meinem glücklichen Hochzeitstag. Manchmal denke ich, weil mein Glück viel größer ist, als ich es verdiene, kann es nicht andauern; aber heute habe ich gefühlt, daß dies nur eine undankbare Idee ist. Immer eifriger will ich danach streben, durch mein Glück und meinen Reichthum andere glücklich zn machen. Mit deiner lieben Hilfe wird mir das leicht. Wie lange wir die Macht dazu besitzen mögen, es wird stets eines unserer besten Werke sein, nicht wahr, Geliebte? Ah, die Frühstücksglocke! Warum find die Kleinen nicht zu sehen? Das ist eine Seltenheit." »Ja," sagte ich lachend bei dem Gedanken, wie schnell sie stets herbeiliefen, wenn „Papa" kam, „sie warten am Gartenthor auf dich, Martin. Dn mußt verstohlen über eine Mauer geklettert sein, weil du ihnen entgangen bist und mich hier überrascht hast." „Ich bin nicht im Park gewesen; ich war nur in der Haushälterwohnung und sprach mit Morris. Der arme Mensch! Seine ganzen Ersparnisse sind verloren, weil Lirlleys Bankhaus die Zahlungen eingestellt hat. Was fiir fürchterliche Zeiten das sind! Obgleich ich wünsche, jeder wäre nach seinen Verlusten so wohlgemuth wie Morris. Er wollte sein Lebenlang nur Haushälter sein, wenn er auch von seinen Zinsen hätte leben können. Deshalb sagte ich ihm, wann er bei uns bleiben will — was immer seine Absicht gewesen zu sein scheint — nud wieder zu sparen anfängt, so werden wir seine Ersparnisse jedes Jahr verdoppeln. Willigst du ein? Wie kannst du lachen, bei einer solch ernsten Frage? Als ob ich je etwas thue, ohne dich zurathe zu ziehen! Komm, mein Herzlieb, wir wollen zusammen die Kinder holen." In der Nähe des Gartenthores sahen wir die Kinder Alex, ein großer, lebhafter Junge von eilf Jahren, stand draußen auf der Landstraße und strengte seine Augen an, um den Papa in der Ferne zu entdecken. Eva und Käthe standen dicht am Thore, weil es ihnen verboten war, hinauszugehen; sie riefen Alex aufgeregt zu, er solle „Hurrah" schreien, wenn er den Papa sähe. „Mach doch schnell, daß du ihn siehst!" fügte Käth- chen hinzu, und ihre winzigen Füßchen tanzten unruhig auf dem Kieswege. In diesem Augenblick kam Papa von hinten leise zu ihr und hob sie auf seinem Arme empor. Darauf erschallte ein so herzliches Frenden- geschrei, daß mir die großen Thränen in die Augen traten und ich den Morgengrnß der Gürtnerfrau nicht erwidern konnte, als Martin ein paar freundliche Worte mit ihr sprach. „Aloisia," sagte Martin, welcher sich gewiß über mein Schweigen wunderte, Lauster meinen Hochzeitsgeschenken habe ich dir heute noch etwas zu Zeigen; aber wir wollen es lassen, bis diese kleine Gesellschaft weggehen wird. Es ist ein Brief, erräthst du von wem?" „Ich weiß es nicht, Martin; hat Herr Wedderbnrn zum zweitenmal an dich geschrieben?" . „Nein, meine Liebe," antwortete er, „aber dennoch habe ich einen Brief von Wedderbnrn in der Tasche. Stockesey schickte denselben mir zu Lesen. Die beiden alten Stockeseys hatten trübe Befürchtungen, aber sie kommen prächtig durch die ungünstigen Zeiten; hauptsächlich verdanken sie es dem Wedderbnrn, zn welchem sie unerschütterliches Vertrauen haben." „Er erzielt wunderbare Erfolge in ihren ausländischen Geschäftsverbindungen?" „Ja, wirklich wunderbare." „Und doch scheint sich ihr Geschäft nicht sehr zu erweitern, nicht wahr, Martin? Es kommt dem deinigeu nicht gleich." „Nein, wenigstens jetzt nicht. Die StockesehS sind keine kühnen Unternehmer, aber für sie steht nichts zu befürchten. Zwar sage ich immer, sie sollten wie ich mit den Banqnieren Graham Comp. in Verbindung treten, weil ich ein so festes Vertrauen auf dieses Bankhaus habe. Graham reiste heute nach London; deshalb halb werde ich früher als gewöhnlich nach Hause kommen; ich hätte sonst heute nachmittags eine wichtige Besprechung mit Graham gehabt." „Die Bankherrn scheinen gleich dir und den Stockeseys ohne Schwierigkeit durch dieses fürchterliche Jahr zu kommen." „Bis jetzt, Gott sei Dank! sind wir alle sicher durchgekommen; aber es ist ein fürchterliches Jahr, wie du sagst, meine Liebe. Gestern sprach ich einen alten Bekannten, welcher fünfunddreißigtausend Pfund besaß; er erhielt ein Telegramm aus seinem Geschäftshause 127 und kehrte gestern abends nach London zurück mit dem Bewußtsein, daß ihm kein Pfund gehöre." „O, Martin, wie jammervoll!" „Ja, weine Theuerste," sagte er, als wir in das Frühstückzimmer traten. Nach dem Frühstück las er mir Norberts Brief vor und dann war es Zeit für ihn zu gehen. „Lebt wohl, Kinder!" sagte er und mußte es wiederholen, als sie sich zum Abschiedskuß zu ihm drängten. „Kommt heute abends um sechs Uhr in das Speisezimmer herunter, denn wir werden den Hochzeitstag mit verschiedenen Spielen feiern. Sorge aufmerksam für die Kleinen, Alex, und für Mama. Lebe wohl, lieber Junge." Dann sagte Martin auch mir Lebewohl; und seitdem habe ich mich jahrelang erinnert, wie zärtlich er aussah, als er meinen Kopf an seine Schulter drückte, wie in alter Zeit, und flüsterte: „Geliebte, wenn nicht alle unsere Abende so vollkommen glücklich wären, möchte ich sagen, dieser soll der glücklichste von allen sein." (Fortsetzung folgt.) - l O »H» V - fi - - ' Der Traum.*) - kNachdruck verholen.; In jener Schaar unzählbarer Genien, die Jupiter für seine Menschen erschaffen hatte, um durch sie die kurze Zeit ihres mühseligen Lebens zu beglücken und zu vergnügen, war auch der dunkle Schlaf. „Was soll ich", sprach er, da er seine Gestalt ansah, „unter meinen glänzenden, gefälligen Brüdern? Welches traurige Ansehen habe ich im Chöre der Scherze, der Freuden und aller Gaukeleien Amors? Mag es sein, daß ich den Unglücklichen erwünscht bin, denen ich die Last ihrer Sorgen entnehme und sie mit milder Vergessenheit tränke. Mag es sein, daß ich dem Müden gefällig komme, den ich doch auch nur zu mühseliger, neuer Arbeit stärke. Aber denen, die nie ermüden, die von keiner Sorge des Elends wissen, denen ich immer nur den Kreis ihrer Freuden störe?" „Du irrst", sprach der Vater der Genien und Menschen, „in Deiner dunkeln Gestalt wirst Du aller Welt der liebste Genius werden. Denn glaubst Du nicht, daß auch Scherze und Freuden ermüden?" „Aber auch Du", fuhr er fort, „sollst nicht ohne Vergnügungen sein, ja in ihnen oft das ganze Heer Deiner Brüder übertreffen." Mit diesen Worten reichte er ihm das silbergraue Horn anmuthiger Träume. „Aus ihm", sprach er, „schütte Deine Schlummerkörner aus, und die glückliche Welt sowohl als die unglückliche wird Dich über alle Deine Brüder wünschen und lieben. Die Hoffnungen, Scherze und Freuden, die in ihm (im Traume) liegen, sind von Deinen Schwestern, den Grazien, mit Zauberischer Hand von unsern seligsten Fluren gesammelt. Der ätherische Thau, der auf ihnen glänzet, wird einen jeden, den Du zu beglücken gedenkest, mit seinem Wunsche beglücken. Aus dem Chöre der blühendsten Scherze und Freuden wird man fröhlich in Deine Arme eilen, Dichter werden Dich besingen und in ihren Gesängen dem Zauber Deiner Kunst nachbuhlen, selbst die Unschuld wird Dich wünschen, und Du wirst auf ihren Augen hangen, ein süßer, beseligender Gott." *) Vortvag, gehalten im kath. kaufm. Verein „Lätitia" in Augsburg am 13. Febr. 1894 von Adolph Müller, Sladtkaplcm bei St. Ulrich. Die Klage des Schlafs verwandelte sich in triumphi- renden Dank und ihm ward die schönste der Grazien, die Traumgöttin Pasithca, vermählet. In dieser geistvollen, mythologischen Dichtung hat uns Herder ein annoch dunkles Gebiet mit der Strahlen- soune der Poesie beleuchtet, das Gebiet des Schlafes und des Traumes. Und nicht nur die Dichter haben seit grauen Tagen die hohe Traumgewalt besungen, jeder Mensch kann von Träumen erzählen, alle schauen neugierigen Auges hinein oder hinüber in die so fremde und doch so nahe gerückte Traumsphäre. Bis jetzt aber ist das Traumproblem noch nicht gelöst und dieses Seeleuräthsel nach jeder Seite hin entwirret; es wird auch nie geschehen. Wir vermögen ja nicht einmal das Leben uns zu erklären, das uns doch die tägliche Erfahrung überall zeigt, wir kommen in Verlegenheit, wenn wir nach dem Wesen der Seele gefragt werden, obwohl sie unser eigenstes Selbst bildet und das Princip unseres Denkens und Handelns ist. Odysseus sah die Schatten aus der Unterwelt an sich vorüber wandeln, mit sehnender Geberde streckte er die Hände nach dem Nebelbilde der ihm nahenden Mutter aus, aber das Schemen entschwand, er langte in leere Lust: so geht es uns mit den Bildern des Traumes. Wir vermögen sie nicht zu haschen und zu fangen, sie kommen und gehen, Kobolde, die uns necken, Genien, die uns beglücken; woher sie kommen und wohin sie wandern, darüber aber haben wohl viele Häupter nachgegrübelt. Die ärztliche Wissenschaft erklärt sich die Träume einfach und natürlich auf Grund ihrer Theorie vom Schlafe. Der Schlaf, sagt der Arzt, hat körperliche Ursachen. Das Gehirn arbeitet unablässig, und die in ihm wie Straßen zusammenlaufenden Nerven bringen stets dazu neue Stoffe. Aber allmählich wird das Gehirn müde, und auch die Nervenstraßen können nicht mehr oder nur mit Mühe Dienste leisten. Für das Gehirn kommt gegen Abend das Bedürfniß der Ruhe, es muß, ebenso wie die Nerven, seine Boten und Ordonnanzen,neue Ernährungsflüssigkeit in sich aufnehmen und eine Zeit lang gleichsam für sich selber sorgen. Die herabgesetzte Thätigkeit des Gehirns pflanzt sich auch über auf das Nervensystem. Die Empfindungsnerven werden schwächer, der Hebemuskel des obern Augenlides versagt seine Wirkung, Sinneseindrücke kommen immer weniger zur Beachtung, die Vorstellungen verringern sich, wir verfallen in jenen Zustand, den wir Schlaf nennen. DaS Selbstbewußtsein ist aufgehoben und das Gehirn für eine Zeit in tiefer, ihm und dem ganzen vom Gehirne beherrschten Organismus nothwendiger Nnhe. Dieser Zustand dauert ungefähr zwei Stunden und heißt Tiesschlaf. Haben aber die Nervenstraßen ihre nöthige Kraft und die für sie erforderliche Nahrung empfangen, so beginnen sie alsbald ihre Thätigkeit, d. h. sie leiten dem noch ruhenden Gehirne wieder die Empfindungen zu und vermitteln den Verkehr mit der Außenwelt; im Hauptquartiere aber, im Gehirne, ist fast alles noch im Schlummer, besonders der Chef des Quartiers, die Seele, ist bewußtlos. Die Nerven bringen jedoch unablässig Depeschen und Nachrichten, namentlich viele gegen Morgen, wenn die allgemeine Erfrischung der Nerven nahezu vollendet ist. Im bunten Wirrwarr geht es nun im Gehirne hin und her, die Seele vermag die zugeführteu Bilder noch nicht zu unterscheiden und einzuordnen, mit andern Worten: es entstehen die Träume. Sie währen so lange,., bis auch 128 das Gehirn wieder sich regt und der Seele als Organ zur Verfügung stehet. Die Seele erlangt hiedurch ihr Selbstbewußtsein, und die geordneteLebensthätigkeitbeginnet aufs Neue. In früheren Zeiten, als die ärztliche Wissenschaft auf ihrer heutigen Höhe noch nicht war, wurden die Träume auch von Aerzten, wie Hippokrates und Galenns, auf Gott zurückgeführt. Bei den alten griechischen Philosophen lassen sich besonders zwei Richtungen in der Erklärung der Traumbilder unterscheiden. Die älteren suchten die Ursache der Träume außer dem Träumenden. Sie kennen zwar nicht personificierte Träume, wie ihre Dichter, z. B. Homer, welcher sie als ein Geschlecht von Wesen bezeichnet, die in der Gegend von Sonnenuntergang ihren Platz haben, aber sie sahen sie doch als außerhalb des Träumers stehende Erscheinungen an. Bald jedoch ist auch schon bei den alten Philosophen das Bestreben bemerkbar, in der Erklärung des Traumes die eigene, schaffende Thätigkeit der Seele mit in Rechnung zu ziehen. Es mag davon besonders der Philosoph Aristoteles erwähnt werden, auf dessen Psychologie (Seelenlehre) vielfach die mittelalterliche Scholastik weiterbaute. Aristoteles sucht den Grund und die Entstehung der Träume in der Natur des menschlichen Geistes. Er leitet die Traumbilder her von den durch äußere Eindrücke oder auch durch die innere Herzthätigkeit im Schlafe fortgesetzten Bewegungen im Innern des Menschen. Auch die prophetische Kraft des Traumes suchte er natürlich zn erklären, ohne sich aller auch übernatürlichen Ursachen dafür zu entschlagen. Die Kirchenvater, welche des Traumes meist in der biblischen Auslegung erwähnen, lassen ihn vom Logos, von Gottes Hauch beeinflußt werden. Unter den neueren Philosophen wurde der Traum ganz verschieden aufgefaßt. Der Materialismus und Nationalismus, der den Geist und sein Leben zu einem Produkte der körperlichen Thätigkeit macht, muß natürlich auch den Traum lediglich auf diesem Boden stehend erklären. Während aber die modernen Philosophen, welche die eigene Vernunft als einzige Führerin in den Gebieten des Geistes anerkennen, dem Traume theils wenig wissenschaftliche Bedeutung bemessen, theils ihn nur wegen seiner weltgeschichtlichen Macht in der Vergangenheit und dem immerhin Näthsclhaften seiner Erscheinung besprechen, haben doch auch unter den Philosophen unserer Zeit manche dem Traum eine bedeutsame Stelle zuerkannt. Die Gläubigen unter ihnen, wie Schubert, Justinus Kerner, der in seinem Hause die Seherin von Prcvorst, eine Somnambule, lange beobachtete, und andere aus der romantischen Schule, setzten die Träume außerhalb der Reihe der natürlichen und an die allgemeinen Gesetze gebundenen Ereignisse. Nach Schubert, einem persönlich sehr frommen Manne, kehrt im Traumzustande des Menschen die wegen der Erbschnld gestörte Ordnung zurück. Der Zwiespalt in unserer Natur, den wir im wachen Zustande so oft wahrnehmen, das Weinen im innern Menschen, indeß der äußere Mensch sich allen Genüssen hingiebt, das Gefühl der Leere nach fröhlich durchschwärmten Stunden, eine unwiderstehliche Schwer- muth, Thränen ohne Ursache — dies alles ist einmal nach dem Tode ganz aufgehoben. Im Jenseits wird die Seele zu ewiger Liebe mit Gott vereinigt. Aber dem gottergebenen Gemüthe lösen sich die Fesseln der Seele, meint Schubert, oft noch während des jetzigen Daseins. Während des Traumes nämlich eröffnet sich der Seele Hohes und Niedriges, Vergangenheit und Zukunft in lieblicher Bildersprache, und sie blickt in eins reinere geistige Region. Das kommende ewige Einssein mit Gott werde dem Gemüthe schon hier angedeutet im magischen Dunkel der Träume. Du Prcl, der vornehmste Vertreter der heutigen Philosophie der Mystik und ein hoch wissenschaftlicher Mann, findet die Aufgabe der Philosophie darin, daß sie sich dem bisher noch nicht verwertheten Theile unseres Daseins zuwendet, dem Schlafznstande. Aus der Erforschung der im Traume, und besonders im künstlichen, gesteigerten Traume, im Somnambulismus, hervortretenden Erscheinungen solle man zur Einsicht kommen, daß nicht auf das Diesseits ein Jenseits folge, sondern Diesseits und Jenseits etwas Gleichzeitiges sind; die Seele habe zwei Seiten, eine Seite ist im wachen Leben sichtbar, die andere tauche auf im Schlafen, ähnlich wie die Sterne zu glänzen anfangen, wenn die Sonne untergeht, obschon sie auch schon am Tage den Himmel schmücken. Nach der Ansicht Du Prel's taucht also im Traume vor der Seele eine neue. über den wachen Sinnen liegende Welt auf; diese unterliegt nicht mehr den Beschränkungen von Raum und Zeit und vermag sogar in Verkehr mit andern Seelen zu treten; während die Seele im wachen Zustande sich des Gehirns als ihres Organes im Verkehr mit der Außenwelt bedienet, stellt sich ihr im Schlafzustande ein anderes Organ zur Verfügung, das Gangliengcflechte, welches die modernen Mysterio- sophen geradezu als Traumorgan bezeichnen. Die Ganglien sind ein im Unterleib nahe der Herzgrube verlaufendes Nervengeflechte und bilden das Organ des vegetativen Lebens, d. h. jener Lebensthätigkeit, die unabhängig von unserm Willen ist, wie Herzschlag, Verdauung, Stoffausscheidung. Mittels dieses Organes nun soll die träumende Seele sich mit der Außenwelt verbinden und daher rühre es, wenn von Somnambulen bisweilen gesagt ist, daß sie aus einem aus den Magen gelegten Buche gelesen haben. Gemeinsam allen medicinischen und philosophischen Traum-Erklärungen ist sicher Folgendes: Während das Tagleben ein Leben des Geistes ist und fortwährend nach der Außenwelt strebt und sich offenbart, ist das Nachtleben ein Leben des Leibes, des dunkel-sühlen- den und -ahnenden Gemüthes, ein in sich gekehrtes Leben, ein inneres Aufwachen der Seele. Es sammelt sich im Schlafe der ganze Lebensproceß nicht wie am Tage im Gehirne, sondern in der Brust und Bauchhöhle. Wenn wir diesen Umstand fest im Auge behalten, dann können wir uns auch die Traumbilder und ihre Ursachen im Folgenden leichter erklären. Es ist schon oft die Frage aufgeworfen worden, ob mit jedem Schlafe auch Träume verbunden sind. Die Einen bejahen sie und sagen, die wahrsten Träume hätten wir im tiefsten Schlafe, und wir könnten uns nur darum ihrer nicht mehr erinnern, weil wir nicht mit Bewußtsein geträumt haben. Andere verneinen jedoch die Frage, wenngleich sie zugeben, daß durch die Seele auch im Schlafe Vorstellungen gehen können, deren wir uns nur im Wachen nicht mehr erinnern. Wie der Schlaf, so hat auch der Traum seine Zeitabschnitte. Jene Träume, welche beim Einschlafen uns beschäftigen, sind noch die 129 sogenannten verworrenen Träume. Ein Theil unserer Lebensthätigkeit ist bereits lahmgelegt, die Augen schon halb geschlossen, die Zunge wird bald ihren Dienst versagen. In diesem Zustande entstehen nun in uns die ersten Traumgebilde. Aber die halbwache Vernunft hat immer noch die Kraft, sie zu controliren und in ihrer Lächerlichkeit zu begreifen. Die Zunge vermag wenigstens zu lallen, und wir geben auf gestellte Fragen jene drolligen Antworten, welche unsere Umgebung zu der Ansicht bringen: Er träumt schon. Ist jedoch tiefer Schlaf, Vollschlaf über uns gekommen, dann sind wir reizlos, wir hören und sehen nicht mehr. Die Träume verdichten sich zu festen Gebilden, und nahe tritt uns der Freund, der den Menschen durch's ganze Leben begleitet. „Aus dem Gesänge der Bögel," schreibt Albert Sterner in seinem Buche: „Das Leben des Traumes", „aus den buntschillernden Farben der Wiesengewächse, aus Sträuchern und Hecken, aus fröhlichem Jagen und Kameradengebalg webt dann der Traum dem Knaben seine köstlichen Freuden zur Nacht. Wenn aber der Knabe groß geworden, ein Jüngling stattlich und schön sich erhebt, Römer- und Griechen-Jdeale nacheifernd und bestaunend, eigene Lebenszukunst, duftige Auen sich malend: so nimmt auch dies der Traum in seine Pinsel auf, und schöner denn in Wirklichkeit zaubert er Freundschaft und blühende Sehnsucht in seinen Paradiesen vor. Mit gleicher Beharrlichkeit, wiewohl ernster geworden, folgt er dem Manne. Hier hat er nicht Spiele, nicht Blumen zu malen, hier malt er die Kämpfe. Bald führt er den Mann in bräunende Felsen, bald stellt er ihn mitten in Krieg und Kanonen und hilft ihm die Tapferkeit schüren in Muskel und Arm. Und die Greise und Greisinnen liebt er gar sehr und folgt ihrem Winter muthig und unverzagt; denn je ärmer das Leben im Greise an Frische und Farbe sich gestaltet, desto reichlicher schmückt es der Traum mit der Erinnerung fröhlicher Bilder. Der Kindheit liebliche Spur, des Jünglings Sehnen und Lieben, des Mannes Geistes- und Vaterglück malt er dem Greise, und wie oft sieht sich die Matrone im Traum in der Schöne der Jugend, die lieblichen Locken goldig herabfallend, in den Locken den Brautkranz, und dann — wer wehrt es dem Traume! — iumitten der Gäste beim Tran-Altar die eigenen Söhne und Töchter als Zeugen der Hochzeit." (Fortsetzung folgt.) ---- Plauderei über Kunst uud Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Architektur und Plastik. Von Max Fürst. (Schluß.) Die Spätrenaissance gefiel sich besonders bei ihren Gebilden der Plastik darin, die Formen stark aufzubauschen und zu übertreiben. Das Uebertreiben einer Sache ist jedoch kein ausschließliches Neservatrecht der Spätrenaissauce. Mehr, als Bildhauer uud Architekten es je vermögen, belieben vor allem die Herren von der Feder nicht selten sehr stark zu übertreiben. Den Uebertreibungen, welche die Plastik der Renaissance sich zu Schulden kommen ließ, lieh wohl die damals herrschende Neigung, jede Idee, jeden abstrakten Begriff personificiren Zu wollen, gewissermaßen einigen Vorschub. Ueber die zahllosen Allegorien in der bildenden Kunst dürfte überhaupt ein eigenes Lexikon geschrieben werden, um den vielen Mißverständnissen, die da ermöglicht sind, einen Riegel zu schieben. Beim Beschauen solcher Figuren reicht gar häufig der Verstand der Verständigen ebensowenig wie die Einfalt eines kindlichen Gemüthes aus, um über Sinn und Bedeutung derselben in's Reine zu kommen. Wer kennt denn z. B., ohne zuvor eine Aufklärung erhalten zu haben, die allegorischen Gestalten auf dem Münzgebüude der bayerischen Hauptstadt? — Der witzige Moriz v. Schwind hatte ganz recht, als er bei Aufstellung jener rätselhaften Figuren meinte, ein einziges Dnkatenmännchen hätte genügt, um dem Volke das Münz- gebäude viel deutlicher und kenntlicher zu machen. — Bei den schönen vier Gestalten, welche über den alten Portalen unserer k. Residenz lagern, steht es doch wenigstens — freilich schwer sichtbar — lateinisch angeschrieben, daß man die vier Kardinaltugenden zu schauen die Ehre habe. Ohne das Gewahrwerden der inhaltsschweren Worte blieben die vier Damen wohl auch von den Meisten unerkannt. Hab' ich doch einmal einen schlichten, aber sehr klugen Mann aus der Provinz, dem ich die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt zu zeigen hatte, rathen lassen, was denn die vier allegorischen Frauen da ober den Portalen zu bedeuten haben. Nach einigem Schauen meinte der wackere Landsmann, es müßten wohl die vier Hauptstämme Bayerns sein. Das Steuerruder der Pru- dentia deutete er auf die Mainschifffahrt der Franken, den mächtigen Prügel in Händen der Fortitndo aber getrost als Attribut des bayerischen Stammes. Das letztere Symbol schien dem guten Manne ganz selbstverständlich, ihn hätte es nicht im mindesten genirt; aber das genirte ihn schließlich gewaltig, daß er bei seinem Rathen so gar weit fehlgeschossen habe. — Daß übrigens auch modern allegorische Schöpfungen nicht leichter zu verstehen sind, als die alten, kann man in nächster Nähe der erwähnten Nesidenzthore, an der neuen Mittelgruppe der Feldherrnhalle, gewahren. Was hier die Volksseele schon alles herausgefunden und nicht herausgefunden, wäre wohl der Betonung werth, aber rein des lieben Friedens wegen, den ja die eine Figur des besagten Denkmales vorstellen soll, unterlassen wir es, darüber zu reden. Haben wir doch einmal an einem Kloster- kirchenportal eine Figur gesehen, welche eine Goldmünze an die geschlossenen Lippen drückte. Diese Allegorie verstanden wir sofort dahin, daß das „Schweigen" hin und wieder als eine der werthvollsten Eigenschaften zu preisen sei. — Das üppigste Kind, welches die Renaissance erzeugt und großgezogen hat, ist, wie Jedermann weiß, das Rokoko. Wir kennen keine Stilform, welche den breiten Massen des Volkes so sympathisch und zusagend erscheint, wie diese. Ganz besonders darf solches auch im Hinblicke auf unser bayerisches Landvolk gesagt werden. Würde bei Erbauung von Dorfkirchen zunächst der Wille deS Volkes maßgebend sein, wir sind überzeugt, daß zumeist nur Rokoko-Kirchen erstünden. Das lichte, freundliche Wesen dieser Stilart, die leuchtendes Gold uud heitere Farben nie verschmäht, hat wie es scheint, gerade für den Landmann etwas Herz- erhebendes. Frage man doch einen Bauern, welche Kirche ihm in seiner Nachbarschaft am besten gefallet Hat er die Auswahl, er wird sicherlich den Preisspruch einem Renaissance- oder Nokokobau zuertheilen. Vielleicht 130 hat der Ueberschnß an vielen nicht gelungenen, modern- gothischen Landkirchen etwas unverschuldet, daß den enttäuschten Leuten die Bauweise des vorletzten und letzten Jahrhunderts in um so freundlicherem Lichte erscheinen will. Der kluge Laudmaun rächt sich daher auch oft durch sehr treffende Bemerkungen, wenn er mißlungenen Neuerungen gegenübersteht. So hat sich z. B. der Bauer im Chicmgau, um nur eines zu erwähnen, für allzu mager und dürftig gerathene neue gothische Altäre einen gar köstlichen technischen Ausdruck zurechtgelegt; er heißt dieselben e:nfach:Latten- oderStangen- Altärc. — Die abfällige Aeußerung läßt genugsam erkennen, daß auch für Pfahlbauten bei den heutigen Chiemsecanwohnern keine Sympathien mehr zu erwecken wären. Unser Bauer ist somit, wie man ihn doch vielfach als solchen zu verschreien Pflegt, kein Zopf, mit welchem Namen ja bekanntlich eine weitere Art von Architektur- uud Kuustform belegt worden ist. Der „Zopf" hat es bekanntlich übernommen, die bisher wenig berücksichtigten Nückfatzaden und Hinterfronten ebenfalls würdig zu schmücken; er hat dieses mit so hingebender, fast peinlicher Gewissenhaftigkeit gethan, daß die undankbare Menschheit ihn dafür mit dem Begriffe „Pedant" so enge verfocht, daß es wahrlich nicht leicht ist, heute die Beiden von einander zu unterscheiden. Das Zopfwesen hat mit dem schon erwähnten Byzantinischen Stil insoferne eine gewisse Verwandtschaft, als eben beide zu den lebens- zähesten Dingen auf Erden gehören. Früher — noch vor dem Jahre 1848 — meinte man, daß der Zopfstil ganz besonders für die Ausschmückung von Burcauräumcn sich eigne, da aber diese in der Regel äußerst kahl und frostig aussehen und eingerichtet scheinen, so ist es doch wohl mehr der Empirestil, der in den Amtslokalen seinen Einfluß behauptet und geltend macht. Dieser höfische Empirestil, meist kreideweiß wie ein unbeschriebenes Blatt, mit seinen lichtglasirten Oefen und hell lackirten Thüren, lebte mehrere Jahre in morganatischer Ehe mit der sogenannten Bieder maierzeit, mit welcher ja auch unsere Herren Großvater noch enge verwandtschaftliche Beziehungen unterhalten haben. Was nun die jüngste Zeit in Architektur und Plastik alles geleistet, was sie zum Bauen alles sich dienstbar macht, sehen wir ja Tag für Tag. Manches Haus besteht bald mehr aus Eisen als aus Stein, und sollten solche Häuser je drohen, auseinanderzufalten, so braucht man, um gründlich zu helfen, ganz einfach nur einige Magnete in den Spcicherräumen anbringen, und das Gebäude wird sich auf der Höhe der Zeit erhalten, wie weiland Freiherr von Münchhausen mittelst seines Zopfes selbst aus dem Sumpfe sich gezogen hat. — Für erwähnenswerth halten wir hier noch die Merkwürdigkeit, daß man in Amerika bereits schon ein kleines Haus theilwcise aus Aluminium hergestellt hat. Die klugen Leute dort haben somit thatsächlich die Quintessenz aus dem Lehm, aus dem man sonst Ziegel zum Bau der Häuser brannte, zu ziehen gewußt. — Gefährlich sind gegenwärtig zunächst nur wehr die Glashäuser. „Die darin sitzen", heißt es, „sollen nicht mit Steinen werfen", was den Herren von der Kunstgenossenschaft, die in München den Glaspalast inne haben, zur ganz besonderen Berücksichtigung empfohlen sein dürfte. — Zu den billigsten Gebäuden gehören die Luftschlösser, die von unternehmungslustigen Leuten besonders in der Gegenwart wieder viel gebaut werden; allerdings ist durch den Bau derselben auch schon Mancher zu Grunde gegangen. Im Allgemeinen hatte man früher nur in der Jugend an Herstellung derselben das meiste Interesse; ich Zweifle jedoch nicht, daß z. B. in St. Petersburg auch ältere und hochgestellte Leute eine kindische Freude hätten, wenn zunächst einmal die Dardauellen-Schlösser als Lustschlösser erklärt werden würden. Wenn wir in der gesummten Baukunst nun etwas näher auf Details sehen, so ist es zunächst außerordentlich merkwürdig, zu gewahren, wie auch die Architektur dem Systeme gewisser Naturforscher Rechnung trügt und die schlagendsten Beweise für eine embryonische Entwicklung zu höher gestaltetem kraftvollen Leben zu erbringen vermag. Es ist geradezu unbegreiflich, wie jene Gelehrten, welche den Ausbau der Descendenzlehre besorgten, die mächtige Unterstützung, die die Architektur ihren Theorien darbietet, bisher so völlig ignorieren konnten. Wir wissen doch, daß unter den Ornamenttheilen des frühen jonischen Stiles ganz besonders der Eierstab eine ansehnliche Rolls spielt. In der mittelalterlich romanischen Periode ist der Fortschritt bereits stark fühlbar, da hier schon das Schuppen-Ornament, das denn doch die Saurier voraussetzt, zur Verwendung gelangt. Zu einer charakteristischen Bezeichnung, die derselben Periode angehört, zählt auch der technische Ausdruck Gräte. Von den vielen Krabben der gothischen Stilform, die fast zahllos an allen Fialen und Wimbergen sich festgesetzt haben, will ich nicht näher reden. Hinzuweisen habe ich dafür besonders auf das vielbenützte Fischblasen-Ornament, das zumeist in den schlanken Fenstern bis zu den Netzgswölben hinaufreicht und Ichthyologen und Architekten in gleicher Weise interessieren dürfte. Auch die sogenannten Nasen fallen in diese Stilperiode; allerdings ist es hier nicht nothwendig, ausschließlich an eine gewisse Gattung der Weißfische zn denken, denn es gibt auch im ideellen Sinne kleine und große Nasen, die, ohne baß man einen Conflikt mit dem katholischen Kirchcngebote zn fürchten braucht, auch in der Fastenzeit neben und mit Fleischspeisen genossen werden dürfen, — wenn sie von oben kommen, sogar genossen werden müssen. Wer weiters die sogenannten Wasser- oder Dachspeier der gothischen Periode durchmustert, wird gar nicht lange brauchen, um die unzweifel- haftenBrüdcrund Schwestern desUrvogels(Li'LliMvxtsr^L) herauszufinden. Die spätere Gothik zeigt bereits einen riesigen Fortschritt, indem sie in einzelnen technischen Ausdrücken schon der vorhandenen Säugethiere gedenkt und u. A. den „Eselsrückeu", zur allgemeinen Kenntniß bringt. Ein noch imposanteres Wort kennt dann am Schlüsse der Stilartcn die Spätrcnaissance, die ja die sogenannten Ochsenaugenfenster sehen läßt und somit die respektablen Vertreter eines Geschlechtes bekundet, die, wenn richtig gemästet, in den Cnliurländern der alten und neuen Welt der denkbar größten Entwicklung sich zu erfreuen vermögen. Aehnlich wie die fossile und nicht fossile Fauna in der Architektur eine bedeutende Rolle spielt, so thut dieses nicht minder auch die Flora. Auch hier kann ein scharfsehendes Auge den glcichanfsteigenden Entwicklungsgang leicht wahrnehmen. Von der Verwendung der Lotos- und Wasserpflanzen bei den Aegyptern, der Palmetten bei den Griechen, der Pinicnzapfcn bei den Römern, des fetten Kleeblattes bei den Gothikcru, bis zur förmlichen Ausleerung eines vollständigenHerbarinms in der üPpigenNenais- 131 fance ließe sich gar Vieles erzählen. — Zu betonen, daß die Architektur außerdem mit dem Mineralreiche die aller- inttmsten Beziehungen unterhält, ist wohl nicht mehr nöthig, es hieße dieses wahrlich „offene Thüren einrennen". Der Architektur kann man, ohne rühm- und lobrediger Sucht geziehen zu werden, sorglos und mit bestem Gewissen in's momuuentale Stammbuch schreiben: „lo saxalo-inuntur." Zu den elegantesten steinernen Gliedern hervorragender Bauten gehören bekanntlich die Säulen. Daß es aber nicht absolut nöthig ist, die Säulen immer nur in Beziehung zu einem Bau zu denken, beweist uns die antike römische Trajanssäule eben so gilt wie unsere alten einheimischen Stundensäulen an den Staatsstraßen. — Man liebte es zu allen Zeiten, große geschichtliche Personen im Bildnisse auf hohe Postamente oder mächtige Ehrensäulen zu stellen; die genannte Trajanssäule ist ja ein sichtlicher Beleg hiefür. Merkwürdiger als dieses ist es, daß sehr bescheidene und überaus demüthige Leute schon auf den Einfall gekommen sind, sich bei Lebzeiten selbst auf Säulen zu stellen, wie frühchristliche ägyptische Legenden uns zu erzählen wissen. Das Umstürzen berühmter Säulen haben hinwieder heilige und auch unhcilige Personen schon mehrmals sich angelegen sein lassen. Innerhalb des weiten Zeitraumes, in dem Karl der Große die Irwin- und der Pariser Maler Conrbet die Vendome-Säule umwarf, ist schon so manche Säule, auf der sich gefeierte Größen für immer sicher gestellt glaubten, zu traurigem Falls gekommen. Wenn man im Alterthum verdiente Personen ganz besonders auszeichnen wollte, so begnügte man sich mit einer Säule nicht allein, sondern errichtete gleich einen ganzen Triumphbogen. Diese waren denn meistens mit weitansholeuden pompösen Inschriften Versehen. Daher mag es kommen, daß später auch andere öffentliche Gebäude, galten sie nun heiligen oder profanen Zwecken, meist monumentale In- und Aufschriften über ihren Portalen erhielten. Dieselben sind meistens sehr feierlicher, ja hochernstcr Natur. So eine bleibende Inschrift zu machen, ist keine leichte Sache, und Philologen und Historiker zerbrechen sich gar oft die Köpfe, bis sie etwas Geeignetes gefunden haben. Als es einmal in einer größeren Stadt um eine passende monumentale Aufschrift über dem Thore eiues Standesamtes (Abtheilung für Tranungs- sachen) sich handelte, da meinte ein verheirathetcr Professor, der riesig für Dante schwärmte, nichts Besseres vorschlagen zn können, als die gewaltigen, vielsagenden Worte: „Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren." Wenn wir nun noch kurz auf einzelne wichtige bauliche Werke näher eingehen, so erlaubt es die gemessene Zeit nur mit dem Höchsten, mit den Thürmen, uns zu befassen. In den Kindcrjahren — ich weiß nicht, ob eS Anderen auch so gegangen — haben mich vor allen Bauten die Thürme am meisten inicressirt. Als ich als Knabe zum ersten Male nach München kam, war es einer meiner ersten Wünsche, den chinesischen Thurm im englischen Garten zu sehen. Der Anblick desselben war — nebenbei bemerkt — eine der ersten Enttäuschungen, die ich in meinem Leben erlebte. Eine anS München gebürtige Dienstmagd, die wir daheim hatten, hatte mir nämlich ein Stück ihrer Sympathie für besagten Thurm, unter dem ja zeitweilig Militärmusik spielt, beigebracht. Daß die Begeisterung unserer Dienerin eigentlich nicht dem alten Holzban galt, konnte ich als unerfahrener Knabe ja nicht erwägen; damals wußte ich ebensowenig das geheimnißvolle Sprich» Wort „es sind Schindeln am Dache" zu deuten. — Wo» her der Wind weht, konnte im alten Griechenland übrigens schon jeder Junge wissen, wenn anders der in Athen sich befindende achteckige „Thurm der Winde" als Urahne aller meteorologischen Bcobachtnngsstationen betrachtet werden darf. Daß man mit Thurmbanten nicht immer Glück hatte, sagt nnS schon die Geschichte von Babel. Selbst das schaffensfreudige Mittelalter ist bei seinen Thurmbanten meistens stecken geblieben, wir dürfen daher annehmen, daß der Ausdruck „thurmhohe Freundschaft", den ein berühmter Staatsmann einmal gebraucht hat, schon vor etlichen Jahrhunderten mit gemischten Gefühlen ans- gcnvmMLN worden wäre. Der erwähnte Staatsmann hat sich übrigens in umsichtigster Weise um die höchst werthvolle Einrichtung eines der wichtigsten Thürme Deutschlands, des Juliusthurmes in Spandau, bekanntlich sehr verdient gemacht. Die schlanksten Thürme, die es gibt, besitzt, wie Jedermann weiß, der Orient. Man heißt dieselben Minarets. Wenn heute noch an unserem Türkengraben oder Lilicn- berg, wie es einstmals der Fall war, Türken wohnen würden, der Thurm der neuen St. Aunakirche am Lehel würde von denselben wohl niemals für ein Minaret gehalten werden. Gleich vielen Thürmen haben auch viele Thurm- baumeister kein rechtes Glück gehabt. Als in München der bei der St. Michaelskirchs im Jahre 1590 begonnene Thurm alsbald sich senkte und dröhnend zusammenstürzte, hatte sein Architekt, Wolfgaug Müller, auf Herzog Wilhelm des Frommen Geheiß die Ehre, 6 Tage bei Wasser und Brod im Falkeuthmme brummen zu dürfen. — Daß auch der Thurmbaumeister Eiffcl in Paris eingesperrt worden, ist bekannt, allerdings war daran nicht sein Eisenthurm schuld, sondern ein gewisser amerikanischer Kanal, dessen Schleusen nicht einmal geöffnet zu werden brauchten, um im eleganten Paris dennoch eine Menge von Unrath hiu- wegzuspüleu. — Recht schlimm ist es seiner Zeit auch in Nom dem berühmten Bildhauer und Architekten Bernini ergangen, als er auf die Farads des antiken Pantheon zwei kleine Thürme setzte, welche zunächst der findige Volksmund, dann aber auch die gestrenge Kunstgeschichte mit dem nichts weniger als schmeichelhaften Namen „die Eselsohren des Bernini" belegte. Den unglücklichsten, ich darf wohl sagen, den dümmsten Thurmbanmeister aller Zeiten hat übrigens in unseren Tagen der bekannte Lichter Ibsen in seinem Schauspiel „Baumeister Solucß" erfunden: einen Mann nämlich, der auf Geheiß seiner verrückten Geliebten von der Höhe seines Bauwerkes zu deren Füßen sich niederwirft, um auö sehr naheliegenden Gründen dort liegen zu bleiben. Wenn wir eben einiger Thiirmbaumeistcr Mißgeschicke erwähnt haben, so wollen wir nicht verhehlen, daß auch andere Baumeister, die nicht Thürme bauten, hin und wieder ungeschicktes, seltsames Zeug gemacht haben. Wer heute Karlsruhe besucht, wird staunen, alle die dortigen Kirchen in hellenischen oder antik-römischen Formen, den Bahnhof und das Hoftheater aber im romanischen Baustile aufgeführt zu sehen. — Es ist dieses doch wirklich „klassisch"! — In Bayern wollte man vor etwa 40 Jahren bekanntlich einen neuen Baustil erfinden. Erster Erfolg war, daß ein Laie sehr selten die Bestimmung eines solch' neuen Gebäudes zu erkennen vermochte. Hat — 132 doch thatsächlich einmal ein Fremder, als er Abends in der Münchener Maximiliansstraße spazieren ging, das kgl. Regicrungsgebüude mit seinen erhellten hohen Fenstern, welche die Etagendurchzüge leicht erkennen lassen, für eine Spinufabrik gehalten und sich — bis die nöthige Aufklärung kam — höchlichst gewundert, solch' ein industrielles Etablissement an dieser Straße zu treffen. Um nun nicht verdächtigt zu werden, immer nur zu nörgeln, wollen wir gerne der Freude Ausdruck geben, wenn ein Gebäude, sei es alt oder jung, eine ganz besondere Anerkennung verdient und auch findet. In diesem Sinne hat wohl noch nie ein Bau eigenartigeres Lob und eine so tugendfördernde Bestimmung zugewiesen erhalten, als Münchens altes Sendlingerthor, das der scl. Mayer v. Mayerfels bekanntlich einmal in einer Magistrats- fitznng als das „Schamtuch" der Sendlingerstraße bezeichnete, um durch solches Prädikat die Wegnahme des besagten Thores unmöglich zu machen. Eigenthümlich erscheint diese Bezeichnung immerhin, da doch das Sendlingerthor gerade jene Straße deckt, in der die meisten Bekleidungskünstler ihre Waaren feil halten und die Trot- toirs nicht selten mit Herren- und Kuaben-Anzügen förmlich garnirt erscheinen. Wenn man diesen Ueberschnß menschlicher Hüllen einerseits und v. Mayerfels' Bezeichnung des Sendlingerthores anderseits betrachtet, fühlte man sich bald versucht, den bekannten Grafen Oerindur um freundliche Erklärung dieses Zwiespalts zu ersuchen. Einer stark entwickelten Bildersprache haben die Werke der Architektur und Plastik häufig schon Stoss geboten. Ich erinnere nur an die morgenländische Poesie, die gefeierten Personen nicht selten schon Gebäudenamen in ehrender Weise beigelegt hat. Unsere prosaische Zeit huldigt dieser Sitte weniger, doch kann man hie und da von einem „eckigen" Menschen, dann und wann auch von einem „gemüthlichen" oder „fidelen Haus" reden hören, ohne bei letzterem an ein wirkliches Manergefüge denken zu dürfen. Unangenehm ist es, wenn ein Mensch sehr „parterre" wird, aber eine prächtige Eigenschaft, besonders für Hausfrauen, ist es, „häuslich" zu sein. Aehnlich wie im Alterthume werden manche Kunstwerke auch bei uns heute noch besungen. Man denke nur an den vor etlichen Jahren hier thätigen „Spottvogel im Glaspalast". Die Künstler haben aber an diesen Liedern nicht immer so viel Freude, wie sie seiner Zeit der gefeierte Bildhauer Alexander Papenhoven hatte, als auf eine von ihm gemeißelte Venus der Dichter Kleist den etwas überschwünglichen, holperigen Vers machte: Sieh' Papenhovcnö Meisterstück, der schönen Venus in'S Gesicht! Sieh' an den Mund des Mannorbilds! Man sieht die Stimm' und hört sie nicht! Eine gesehene, aber nicht gehörte Stimme hatte wohl auch das am häufigsten besungene plastische Gebilde Griechenlands, Myron's berühmte „Kuh", über die nicht weniger als 36 Epigramme gemacht worden sind. Die meisten derselben gehörten jedoch gleich der Kuh zn den Wiederkäuern. Nach einer der erhaltenen Mittheilungen war das gehörnte Thier mit strotzendem Euter dargestellt. Ob Myron in seinem Werke das Idol Jener zeigen wollte, die nach der Meinung Schillers in Kunst und Wissenschaft nur die tüchtige Kuh ersehen, welche sie mit Butter versorgt, darüber schweigt die Geschichte. Ob, da wir gerade beim wirklichen oder vermeintlichen Nutzvieh angelangt sind, der „farnesische Stier" auch jemals entsprechendes Dichterlob gefunden hat, weiß man eben so wenig; ganz sicher ist nur das eine, daß zu allen Zeiten, öffentlich und heimlich, die meisten Anbeter und Verehrer das bekannte „goldene Kalb" gefunden hat. Von berühmten Thiergebilden des Alterthums ist hier noch das hölzerne Pferd zu erwähnen, welches den neugierigen Trojanern bekanntlich sehr unangenehm geworden ist. Die Nace dieses Holzpferdcs hat sich im Laufe der Jahre so degenerirt, daß dieselbe heute nur mehr in den Kinderstuben Dienste leisten kann. — Pferde, welche ob des Zmücklegens einer ganz außerordentlichen Distanz genannt zu werden verdienen, sind die vier ehernen Rosse des Lysippus an der Fagade der Markuskirche in Venedig; dieselben sind nämlich von Chios über Nom nach Kon- stantinopcl, dann nach Venedig, unter Napoleon 1. nach Paris und schließlich, ohne Schaden genommen zu haben, wieder nach Venedig zurückgekommen. Ein antikes Roß, das zwar uicht so weit herumgekommen, dafür aber auf seinem Standorte gar Vielerlei erlebt und gesehen hat, ist jenes, welches Kaiser Mure Aurel auf dem Capitolsplatz der ewigen Noma reitet. Wäre es nicht aus Erz, gar oft hätte es Gelegenheit zum Schenwerden gehabt, besonders in den Tagen des X. Jahrhunderts, in denen, wie Grc- gorovins zu erzählen weiß, der römische Pöbel es mehrmals liebte, mißliebige Personen einfach an dem Hals des Pferdes aufzuknüpfen und hängen zu lassen. Daß das erwähnte antike Denkmal heute noch vorhanden ist, dankt man dem mittelalterlichen Irrthume, der dargestellte Reiter sei Kaiser Konstantin. Die Römer haben ja bekanntlich für ihre alten Denkmale nicht immer die nöthige Hochschätzung an den Tag gelegt; was nicht zerstört werden konnte, hatte meist die seltsamsten Wandlungen zu erdulden. Eine der merkwürdigsten Metamorphosen, die je ein Bau erlebt, erlitt wohl Kaiser Hadrians Grabmal, indem es zn einer mittelalterlichen Festung geworden ist. Viel häufiger ist es, daß Festungen zu Grabmälern werden; die Franzosen z. B. glauben nun einmal fest und steif, daß Metz, wenn auch nicht für die Knochen, so doch für die Ehre des Generals Bazaine zum Grabmal geworden sei. Daß heidnische Tempel in christliche Kirchen, Kirchen in Profangcbäude, Burgen in Klöster, Klöster in Kasernen, fürstliche Lustschlösser sogar in Gefängnisse umgewandelt worden sind, davon weiß man ja in allen Ländern zu erzählen. Seltsam ist es freilich, wenn, wie es hie und da vorkömmt, noch alte Denksteine über den Portalen an der früheren Bestimmung des Gebäudes festhalten, wie dieses z. B. an einer Strafanstalt an der Salzach bislang der Fall war, wo dem unfreiwillig Eintretenden in Marmorschrift der herzliche Wunsch entgegenleuchtete, innerhalb dieser Mauern (die ursprünglich den Salzburger Landesherren als Lustschloß dienten) doch Freude und Erholung in reichlichster Fülle zu finden. — — Das letzterwähnte Vorkommniß legt mir dem beunruhigenden Gedanken nahe, ob nicht auch zwischen dem, was ich in der Ueberschrift meines Vortrages angekündigt, und dem, was ich geboten habe, ein ähnlich fatales Miß- verhältniß obwaltet. Es dürfte daher Zeit zum Schlüsse sein, auf daß nicht die Augenlider meiner verehrten Zuhörer etwa Anschluß an die Eigenschaften des „Senkbleies" suchen. Ueberdies möchte ich, da ich heute nun einmal als Werkmann, als Maurer, mich gerirt habe, auch darin den letzteren gleichen, daß ich das Stunden- zeichen zum Arbeitsschluß nicht übersehe,- was ja — seit Bestehen der Welt — ächten Maurern und Zimmerlcnten uoch niemals passirt sein soll. ^L19. 1894. „Augsburger Postzeitung". Dimstag, den 6. März Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literariichen Instituts von Haas >L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler). Wohlthnn trägt Zinsen. Nach dem Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzählt von Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) III. Ich wartete mit dem Essen auf Martin. Es hatte schon acht geschlagen, und er war noch nicht gekommen. Ich konnte mich nicht erinnern, daß er sich je vorher so verspätet hatte. Und gerade heute abends? Auch hatte er gesagt, er werde früh zurückkommen, und ich war gewohnt, mich auf jedes seiner Worte unbedingt zu verlassen. Die Kinderfrau hatte die Kinder geholt, um sie zu Bette zu bringen; sie kamen ungern von ihrem Warteposten am Gartenthore. „Warum kommt er denn nicht, Mama?" fragte Käthchen, indem sie ihre Wange an die meine schmiegte. „Ist etwas geschehen?" „Ach nein, Kind," antwortete ich. Ihre Worte verletzten mich mehr, als ich sagen konnte. „Geh in das Schlafzimmer und sei nicht unartig. Papa wird bald hier sein." Ich wußte, daß meine Stimme hart klang, aber mein Kuß war dafür doppelt zärtlich, und ich würde die Kleinen bei mir behalten haben, aber die Kinderfrau wollte es nicht zugeben. Sie sagte, die Ruhe würde mir wohlthun; ich glaubte das auch, aber ich hatte keine Ruhe. Ich ging hinunter bis zum Parkthor, saß dort und suchte zu verbergen, wie ängstlich und unruhig ich war. Endlich kam der alte Haushälter mir nach, und die unzufriedenen Thränen traten mir in die Augen. Warum wollte er mir sagen, daß das Essen bereit stehe oder verdorben sei, oder was sonst? Was lag mir daran, solange Martin nicht da war? „Wenn Sie es mir erlauben wollen, gnädige Frau," sagte er leise, wie zu einer Kranken, „so will ich in das Comptoir gehen und den Herrn bitten, sich zu beeilen." Ich blickte ihn an und nickte lächelnd, aber ich traute mir nicht zu sprechen. Ich war Morris für den Vorschlag dankbar, obgleich ich fühlte, es könnte Martin vielleicht nicht recht sein, dort aufgesucht zu werden — wenn alles gut war. Ich sah dem alten Morris nach, als er sich durch die breite Allee des Parkes entfernte; dann wartete ich wieder mit einiger Erleichterung. Die gütige alte Kinderfrau kam mehrmals und suchte mich zur Rückkehr in das Haus zu bewegen, aber ich wollte davon nichts hören. Meine Dienstmädchen brachten mir ein Tnch und ein Fußkissen und ich sah ihnen an, daß sie sich über mein Aussehen entsetzten. Endlich kehrte Morris zurück; ich erinnere mich, daß die Hofuhr eilf schlug, als die Gärtnersfrau ihm das Parkthor schon, ehe er es erreichte, öffnete. „Nun?" rief ich ihm entgegen und blickte mit starren bangen Augen in die seinen. „Was ist's?" Und ich hob meine gefalteten Hände. „Herr Drummond war nicht in seinem Comptoir, gnädige Frau, ich fand es verschlossen; aber ich ging in die Wohnung zweier Comp- toiristen. Sie sagten, der Herr müsse schlimme Nachrichten erhalten haben, denn er sei mit dem Schnellzuge nach London gefahren; es blieb ihm keine Zeit zum Schreiben und er verbot, die erschreckende Nachricht hie- her zu schicken. Sie sagten, dem Bankhause Graham u. C. sei ein Unglück zugestoßen, gnädige Frau, und der Herr wolle Herrn Graham in London sprechen; .aber ich konnte nichts Bestimmtes erfahren. Der Hauptbuchhalter fuhr mit dem Herrn und sagte den Comptoiristen, er könne ihn nicht allein reisen lassen, weil er so leidend aussah." Das waren die letzten Worte welche ich hörte. Ich weiß, daß noch viele Worte der Theilnahme und Er- muthigung gesprochen wurden, aber ich hörte keines derselben. Daß Martin plötzlich wegen Geschäftsangelegeuheiten nach London reiste, war nichts Wichtiges; daß uns ein großer Verlust drohte, war ebenfalls nichts Wichtiges; aber die Worte: „weil er so leidend aussah", hatten das Schlagen meines Herzens gehemmt. Martin leidend und ich nicht bei ihm! Martin krank in weiter Ferne von mir! Martin hatte Kummer und verbarg diesen Kummer vor mir, um mein Glück nicht zu stören! Eine plötzliche starre Kälte kam in meine Glieder. Einige Augenblicke kämpfte ich gegen eine Ohnmacht, dann sank ich in die Bewußtlosigkeit, welche viele Wochen dauerte. Sogar jetzt noch zittert meine Feder beim Schreiben von jener Zeit und von dem Leide, welches sie gebracht hatte. In der Angst und Trübsal jener ersten Nacht wurde mein Söhnchen geboren, und während das,Kind an Lebensschwäche hinsiechte, lag die Mutter bewußtlos von diesem und allem anderen Leid; ich empfand nur einen großen schmerzenden Mangel und einen großen überwältigenden Durst. Als des Kindes schwacher, keuchender Athem still stand und sein Gesichtchen zum erstenmale ruhig und schmerzlos dalag, trug man den kleinen Martin an die Seite seines Vaters in das soeben erst geschlossene Grabgewölbe. Monatelang dachten meine Pfleger, es müsse zum drittenmale geöffnet werden. Die beiden kleinen Mädchen wurden schon als Waisen angesehen und von gütigen, mitleidigen Freunden liebevoll aufgenommen. Alex wollte nicht weggehen. Damals wußte ich nicht, daß der Knabe fast immer bei mir war. Er betrauerte den Tod seines Vaters so sehr, wie Kinder selten trauern; aber er dachte stets an des Vaters letzte Worte und erfüllte die ihm ahnungslos ertheilte Aufgabe so brav und zärtlich, wie er konnte. Endlich im Frühlingsanfang brachte Alex meine Töchterchen zu mir zurück und führte sie und mich mit leisen Schritten und thränen- trüben Augen zu der neuen Grabstätte neben der Kirche, in welcher Martin und ich getraut worden waren. In der Kirche sah ich über Martins Sitz eine marmorne Gedenktafel, errichtet von einem Nachbar, welcher gleich vielen anderen guten Grund zur Dankbarkeit und Liebe hatte. Ich konnte die Buchstaben durch meine Thränen nicht lesen, deshalb verbarg ich mein Gesicht und ließ ihnen freien Lauf. Dann versuchte ich es wieder. Zwei Zeilen standen unter dem Namen, und endlich las ich die Worte: „Besser ist mir das Gesetz Deines Mundes, als tausend Stück Goldes und Silbers." Ps. 118, 72. Ich glaubte die traute Stimme zu hören, welche so wahrhaft und ernst diese Worte aussprechen könnte. Ich dachte, wie er in Wahrheit den Verlust der „viel tausend Stück Gold und Silber" edel ertragen und Gottes Gesetz rein und mit Geduld gehalten haben würde, wenn Gott es nicht anders beschlossen gehabt hätte. Außer diesem Bibelspruch konnte ich keine anderen Worte mehr lesen. Ich wußte, daß das Datum des Todestages darunter stand — das Datum unseres Hochzeitstages. An jenem Abende war mein Gatte in einem Londoner Hotel plötzlich am Gehirnschlag gestorben; niemand war bei ihm gewesen, außer dem ruinirten Banquier, welcher ihm die erschütternde Mittheilung gemacht hatte und nach Afrika entflohen war. Als ich den geliebten Namen zu lesen versuchte, während meine Kleinen in der wiederhabenden Kirche laut schluchzten, verlor ich wieder das Bewußtsein. Die gutherzige Kinderfrau nahm mich in ihre Arme und trug mich wie ein Kind nach Hause, wohin ich zum letztenmale zurückkehrte. Ich verließ das Haus nicht wieder, bis ich für immer wegzog. Jetzt hielt ich mich für stark und hatte den ernsten Willen, das vor mir liegende Leben der Armuth zu beginnen. Ich will möglichst wenig von den folgenden drei Jahren sagen. Es war ein langer harter Kampf um die nothwendigsten Lebensbedürfnisse. Wir arbeiteten gemeinschaftlich, die Kinderfrau und ich — jetzt nicht mehr Herrin und Dienerin, obwohl sie sich noch immer so zu mir verhielt, sondern Genossinnen in jeder Weise. Unsere Nadeln wurden von früh bis spät gebraucht, wenn wir Näharbeit hatten. Die treue Hanne stand sehr früh auf und besorgte alle Hausarbeit, ehe sie mich und die Kinder weckte. Ich bat sie, daß ich ihr auch dabei helfen dürfe, aber sie antwortete: „Fast die halbe Nacht liegen Sie schlaflos, und Ihre müden Finger sind heiß und unruhig; deshalb müssen Sie den Schlaf in den Morgenstunden genießen. Wenn Sie, wie ich, abends gleich einschlafen könnten, so wäre es etwas anderes. Aber Sie dürfen sich nicht krank machen, was sollte sonst aus ; uns werden? Ihre kleinen Finger sind die schnellsten und geschicktesten und arbeiten sich ohnehin müde. Also reden Sie nicht mehr davon." Da ich sah, daß sie ihren Willen in dieser Beziehung behauptete, blieb ich mit noch größerem Fleiße bei den Arbeiten, welche ich besser verstand als sie. Während ich an der Näherei saß, unterrichtete ich meine kleinen Mädchen. Alex machte seine Schularbeiten gewöhnlich allein in seiner Schlafkammer und bat mich nur manchmal um eine Erklärung. Er fürchtete immer, mir eine Mühe zu machen, wenn er sie mir möglicherweise ersparen konnte. Manchmal dachte ich, es wäre besser gewesen, wenn wir in Edinburg geblieben wären, wo ich als wissenschaftliche Lehrerin Geld hätte verdienen können, wie es ein Jahr vor meiner Verheirathung so leicht und angenehm geschehen war. Jedoch dieser Gedanke verschwand immer schnell und kam nur, wenn ich mich sehr ermüdet fühlte. Ich wußte, daß ich es nicht ertragen hätte, in den Häusern von Martins Freunden zu unterrichten. Dagegen hatte ich hier zwar schwerere Arbeit, aber niemand kannte uns, niemand konnte uns bemitleiden oder verachten oder herablassend beschützen (das letztere erschien mir ebenso fürchterlich, obgleich es unrecht von mir war); hier, in Londons Volksmenge, hatten unsere schottischen Freunde uns aus den Augen verloren. (Schluß folgt.) -—- Der Traum. Von Adolph Müller. (Fortsetzung.) Wir sind fast überrascht über diese blumenreiche, poetische Sprache eines Philosophen. Aber das sind die Worte der nämlichen Seelenkraft, die im Traume auch ihre höchste Gewalt entfaltet, es sind die Worte des Vorstellungsvermögens, der Phantasie. Diese Seelenkraft nehmen wir in uns schon im Wachen wahr. Wie trägt sie den von der Heimath Fernen mit Windeseile zu Vater und Mutter,. welche Luftgespinnste zaubert sie uns vor bei Verrichtungen, welche wenig Denken erfordern, auf einsamen Wegen, in stillen Stunden. Aber aus diesen wachen Träumen schreckt uns immer wieder die unerbittlich auftretende Vernunft, selbst Dichter und Künstler müssen die Gebilde ihrer leichtbeschwingten Phantasie den Gesetzen des Verstandes unterwerfen und den Edelfalken zähmen durch scharfe Zucht. Aber im Schlafe wird die Phantasie zur freien, alles besiegenden und beherrschenden Göttin, Denkkraft, Vernunft, Willen, die Empfindung durch die äußeren Sinne, mit einem Worte, das „Jchbewußtseiu" verfällt. Der Schlafende kommt sich vor, als sehe er sich wie auf einer Schaubühne thätig, er kann sagen: das bin ich, und doch widerspricht diesem Urtheile seine ganze innere Stimmung. Im Traume sind mir willenlos und müssen die verschiedentlichsten Wandlungen durchmachen, daher wir stets besser sagen: es hat mir geträumt, statt: ich habe geträumt. All' unsere geistige Stärke verschmilzt gleichsam mit der allein regsamen Phantasie; ihr dienen die Nervenreize und Gemüthsstimmungen; Gedächtniß und Zukunftsbeurtheilung lassen sich von ihr Gesetze geben. Das erhebt sie zu einer eminenten Kraft, und sie ist es nun, welche über alle Bilder der Traumwelt ihren Lebenshauch ausgießt und zauberisch das als lebendige Gestalt erblicken läßt, was in Wirklichkeit nur als flüchtiger Bilderschatten an uns vorbeizieht. Die Phantasie, dieser im Leibesinncrn während des Schlafes wache Künstler 135 und versteckte Poet, ist im Traume schon aus sich selbst leicht im Stande, ein Gebilde uns vorzumalen. Mehrentheils aber empfängt die Phantasie vom bestimmten, auf sie einwirkenden Einflüssen ihren Stoff, den sie dann, wie der Künstler den rohen Marmor, nach ihrer Art umbildet und verarbeitet. Die Phantasie symbolisirt vor Allem im Traume, d. h. sie zeigt alles in Bildern, Gestalten, Handlungen. Sie verfährt so auch vielfach im wachen Zustande. Wenn wir das Wort „Baum" aussprechen, da tritt vor unser Geistesauge sogleich das Bild eines Baumes, entweder eines frei erdachten oder eines uns schon bekannten, vor dem Hause, im Garten u. s. w. stehenden Baumes. Sagen wir aber z. B. „ich habe Angst", so stellen wir uns dabei nichts weiter vor. Das Tagesdenken kann Begriffe bilden, die Nachtphantasie kann nur in der Bildersprache zu uns reden, d. h. der Traum symbolisirt. Aus denTraum- symbolen läßt sich daher im Allgemeinen ein Rückschluß machen aufdas „Woher" der Träume. In ein festes, geordnetes Gefüge, in eine auch noch so vervielfältigte Schablone können die Träume nicht gebracht werden. DieFac- toren der Traumbildung sind zu mannichfache. Vor Allem wäre auf das Geschlecht Rücksicht zu nehmen. Das weibliche Geschlecht hat vermöge seiner größeren Reizbarkeit und seiner rascher verlaufenden Einbildungskraft öfter Träume als das männliche. Frauen verstehen es darum auch besser, etwaigeTraumbildcr durch die eigene Phantasie zu ergänzen, weßhalb ihre Traum-Erzählungen mit Vorsicht zu hören sind. Aber außerdem haben auch Alter, Beruf, Religionsbekenntniß, Nationalität einen großen Einfluß auf die Traumgestaltung. Es sei aber doch versucht, wenigstens im großen Ganzen die Entstehung der Träume zu erklären. Die Phantasie kann zum Träumen angeregt werden durch Vorgänge innerhalb unser selbst. Wir haben uns beim oder vor dem Einschlafen mit irgend einem Gegenstände beschäftigt, der in uns eine Denkbewegung verursachte. Diese wirkt noch fort im Schlafe, ist aber gleichsam um- woben von den Gespinnsten der schöpferischen Phantasie. Wir halten lange Reden, die Worte entströmen wie ein Gießbach dem Munde; wir schwätzen ganz unsinnige Dinge, freuen uns aber doch über unsere Redegewandtheit. Die meiste Anregung und den ihr passendsten Stoff empfängt jedoch die Traum-Phantasie durch die verschiedenen Nervenreize. In diesen Träumen zeigt sich auch die Macht des Traumes, in das verborgene Innere des Körpers, z. B. in den Magen, hineinzuschauen und seine Entdeckungen dann durch Sinnbilder zu offenbaren. Wir athmen z. B. "im Schlafe und die Lungenflügel heben sich langsam auf und nieder. Das zeigt nun die Traum-Phantasie dadurch an, daß sie uns fliegen läßt über Thal und Hügel, daß sie uns auf schnellen Rossen dahinträgt. Das Fliegen ist äußerliches Symbol für das langsamere oder kürzere Auf- und Niedergehen der Lungenflügel. Der Mund ist im Schlafe trocken geworden und es entstehet in uns der Durstreiz. Die Traum-Phantasie wird alsbald durststillende Getränke vor uns herzaubern, fast nie Wasser, meistens feurigen Wein, den wir im lustigen Gelage trinken, oder schäumendes Bier im kühlen Schatten. „Es legt sich," sagt Scherner, „die Seele gleichsam wohlig in die ganze innere Plastik des Leibes, und die Phantasie spiegelt dann in ihren Symbolen das wieder, was die Seele als Abnormität, Unregelmäßigkeit dort bemerkt." Vielfach sind die Sinnesträume. Schon Eingangs war erwähnt, daß die äußeren Sinne kurze Zeit nach dem Einschlafen schon wieder empfindlich werden für die Außenwelt und ihre Eindrücke dem Gehirne mittheilen. Hier aber ruht noch die Vernunftthätigkeit, die Phantasie jedoch versteht es, die Sinneswahrnehmungen in ihren Dienst zu bringen. Merkwürdige Träume weiß sie insbesondere aus den vom Ohre herrührendenEmpfin- dungen zu gestalten. Das Regengeplätscher an unsern Fensterläden vermag die Phantasie in uns zur Vorstellung einer großenlleber- schwemmung zu machen; die Morgenglocke kann in uns das Bild einer großen Pro- cession malen, welche unter mächtig erschallendem Geläute an dem Hause vorbeizieht. Ebenso eigenthümlich ist die Symbolik bei Träumen, die durch Haut- gefühls-Empfindungen erregt wurden. Jemand hatte zum Beispiel während des Traumes einen Strohhalm zwischen den Zehen des Fußes; hiedurch empfand der Fuß einen widrigen Kitzel. Das alles symbolisirte nun der Traum folgendermaßen: der Halm ward zum spitzen Pfahle, der widrige Kitzel wurde in wilden Räubern zur Darstellung gebracht, welche auf den Schlafenden zusprangen. Das ganz natürliche Hautgefühl, das der Strohhalm verursachte, begründete folgenden Traum: dem Schlafenden träumt, er sei von Räubern überfallen worden (widriger Kitzel), welche ihn auf den Rücken legen (Lage im Schlafe) und ihm zwischen die Zehen einen Pfahl schlagen (Halm). Es ist selbstverständlich, daß auch die Stimmungen, mit denen wir einschlafen, und sie Affecte, die sich mit uns zur Ruhe legen, stark die Phantasie im Träumen beeinflussen. Eine heitere Gemüthsstimmung kann die Ursache werden zu den lieblichsten Bildern: General Hans Herzog. 136 wir »windeln dann durch blühende Gärten, überall sehen wir festlich gekleidete Menschen, sanfte Musik ertönet. Solche Träume trifft der Seelsorger am Krankenbette frommer oder mit ihrem Gott ausgesöhnter Menschen, die das Sterben als eine freundliche Einladung in die oberen Hütten mit Sehnsucht erwarten. Eine trübe Nachricht oder üble Laune verwebt die Symbolik des Traumes zu einem Leichenzuge, zu schwarzem Gewölke; schlafen mir mit einem Zorne oder Grolle ein, namentlich mußte er unterdrückt werden, dann befinden wir uns mit Dolch und Gewehr bewaffnet im Traume den Urhebern unseres Grolles gegenüber. Die auffallendsten Träume sind die sog. Ahnungsträume, d. h. jene Träume, in denen der Mensch entweder krankhafte Zustände seines Leibes vorauserkennt oder Ereignisse sieht, die an geliebten Personen sich in der Ferne vollziehen, oder es schaut die Seele zukünftige Dinge in Bildern. Solche Träume begegnen zwar gerne einem skeptischen Lächeln, sind aber doch zu häufig im Menschenleben schon dagewesen, als daß sie einfach sich wegläugnen lassen. Wohl jeder kann darüber aus eigener Erfahrung reden. Erst jüngst erzählte mir ein junger Herr, ihm habe kurz vor Ausbruch einer schweren Krankheit geträumt, sein Bruder gehe mit einem Messer auf ihn zu, um ihn zu erstechen. Der Traum hat dadurch den kranken Zustand symbolisirt, den die Seele im Innern des Leibes schon wochenlang wahrnahm. Dieser Fall führt uns gleich zur Besprechung des sogen. Heiltraumes. Im ganzen Alterthum gab es gewisse Tempel, wo Kranke eine Nacht schliefen, um sich von der Gottheit im Traume das Heilmittel für ihre Krankheit sagen zu lassen. Die alten Aerzte hielten viel auf die Träume, und Hippokrates rathet in einer Schrift den Aerzten an, ihre Kranken nicht bloß nach dem Allgemeinbefinden, nach dem Pulsschlag, nach dem Appetit, sondern auch nach ihren Träumen zu fragen. Da man wahrgenommen hatte, daß gewisse Kräuter, Dämpfe u. s. w. auf die Traumgestaltung besonders einwirkten, so stellten die Priester geradezu eine Traum-Apotheke her, eine Aufzeichnung von pflanzlichen Stoffen, welche bei bestimmten Krankheiten vor dem Schlafe einzunehmen waren. Auch schrieb man die im Traume gemachten Heilerfahrungen auf. Dies ist vielleicht der Anfang der späteren Traum-Bücher. Den Heilschlaf kannte auch der mittelalterliche, mit Unrecht als Quacksalber verschrieene Bombastus Paracelsus. Im vorigen Jahrhundert erlebte er durch Mesmer in Paris eine neue Auflage, und gegenwärtig ist der Somnambulismus, der künstliche Schlaf und künstliche Traum zu Heilzwecken, ein Gegenstand des Studiums sehr ernster und wissenschaftlicher Männer. Ihren Höhepunkt erreichen aber die Träume in der schon erwähnten Traumahnung. Ehe wir ihre Erklärung versuchen, 'will ich, von den vielen in Büchern und Zeitschriften erzählten Traum-Erscheinungen absehend, nur solche Beispiele anführen, welche ich gelegentlich bei der Lectüre aus eigener Kenntniß in Erfahrung brachte. Der bekannte Jugendschriftsteller Christoph Schund erzählt in seinen „Erinnerungen aus meinem Leben" Folgendes: „Um das Fest der heil. drei Könige 1734 träumte mir (Schund befand sich zu dieser Zeit auf dem Gymnasium zu Dillingen), ich wandle durch eine der düstersten Straßen meiner Vaterstadt Dinkelsbühl. Einer meiner liebsten Jugendfreunde begegnete mir im Traume und sprach zu mir: „Dein Vater ist sehr krank." Ich erwachte und war sehr betrübt. — Ich schlief wieder ein. Da sah ich im Traume zwei Geistliche, die mir als unsere Hausfreunde wohl bekannt waren, in schwarzen Mänteln, die sie bei gewöhnlichen Besuchen nicht trugen, in unser Haus hineingehen. Ich erwachte wieder — noch bekümmerter. — Ich schlief nochmal ein. Da sah ich im Traume eine Todtenbahre aus dem Hause hinaustragen. Geistliche und angesehene Herren begleiteten sie, eine Menge Volkes erfüllte die Straße. Trauergesänge und Posaunen erschollen. Ich erwachte noch betrübter und blieb es den ganzen Tag. Nach ein paar Tagen kam einer meiner Mitstudirenden und sagte: „Der Herr Professor läßt Sie rufen." — „Nun," rief ich, „ist es gewiß, mein Vater ist gestorben." Der Professor fragte: „Haben Sie schon lange keinen Brief mehr von Hause erhalten? Der Herr Pfarrer von Thannhausen i. 3k. hat mir geschrieben, Ihr Vater sei sehr krank geworden." — Ich sprach: „Sagen Sie es nur gerade heraus — mein Vater ist gestorben." Nach einigem Zögern sprach er endlich: „Er ist gestorben." — Ich brach in Thränen aus, er aber tröstete mich sehr liebreich." — Ein ganz ähnlicher Traumfall ereignete sich Mitte unseres Jahrhunderts im Clerikal-Seminar zu Eichstätt unter dem Regens Dr. Ernst. Herrn St. in Augsburg träumte es einst, er habe von dem berühmten Arzte Dr. N. in München einen Geldbrief erhalten. Andern Morgens wird ihm wirklich von seiner Hausfrau ein solcher von jenem Arzte überbrückst. Besonders der Traum Christoph Schmid's ist eine wirkliche, äußerlich - nicht beeinflußte Traumahnung. Wie können solche entstehen? Die Ahnungen im Traume beruhen auf der Fähigkeit des Geistes, sich in Raum und Zeit auszuspannen und auszustrahlen. Jeder Liebestrahl aus dem Mutterherzen folgt unzerrisfen dem Sohne in ferne Welttheile, in Schlachten und auf Reisen, und der lebendige Einstrahl des Muttergemüths in das des fernen Sohnes thut sich mitten durch alle Tagesanstrengung und Geschäfte im Gemüthe des Sohnes selber kund, indem er in ihm Sehnsucht, wehmüthige Erinnerung, Vorwürfe oft ganz plötzlich erweckt. Wenn aber schon im wachen Zustande die Bewegungen des Gemüthes solche Macht, haben, dann ist das im Schlafe noch eher der Fall, wo alle Kräfte der Seele und Empfindungen der Sinne nicht nach außen zerstreut, sondern nach innen concentrirt und verdichtet sind. In den Ahnungsträumen spannt und weitet und dehnt sich das Gemüth nach dem geliebten Objecte: nach dem Kinde, der Mutter, aus und wird zugleich angezogen von dem geliebten Objecte selbst. Das Hinstreben auf der einen, das Angezogenwerden von der andern Seite erzeugt nun einen die Seelen verbindenden Gemüthsstrom. Wird dieser Strom von Seiten des anziehenden Objectes durch gewaltige Veränderung dieses selbst irritirt, aufgeregt, so können im verbundenen Gemüthe symbolische Traume bilder den Grund der Jrritirung, der Erschütterung des Lebensstromes anzeigen. In dem Traume Christoph Schmid's wurde der zwischen Vater und Kind hin- und herschwingende Gemüthsstrom durch die Krankheit und den Tod des Vaters, als des anziehenden Objectes, irritirt und dies durch die Aussage des Jugendfreundes: „Dein Vater ist krank," durch die beiden Geistlichen in schwarzen Mänteln, durch die Todtenbahre vom Traume symbolisch dargestellt. (Schluß folgt.) — 138 — Die Exhumirung Napoleons I. auf St. Helena. (Hiczu das Bild Seite 139.) Die Vergeltung in der Geschichte oder sagen wir besser die Versöhnung geschichtlicher Kontraste bleibt im Schicksale großer Persönlichkeiten nicht lange aus: Na- Dampfer „Northumberland" nach dem unwirthlichen St. Helena zu strenger, nicht gerade immer anständiger Gefangenschaft. Das ist die Aversseiie des Schicksals eines Napoleon. Und die Reversseite s Im Jahre 1840 holte dasselbe „königliche" Frankreich die Leiche des anno 1821 gestorbenen geächteten Kaisers aus dem armseligen Grabe Im Garten Gethsemane. "SE MW Mir, WWW MM WWD Am Ufer des Jordan. Poleon I. wich dem Ansturm der Alliirten, die den Frieden Europas auf ihre Fahnen geschrieben, er wollte dem wieder „königlich" gewordenen Frankreich den Rücken kehren und fliehen, auf seinen Kopf setzte der neue Bourbon einen hohenAPreis, da nahm ihn das angerufene groß- I wüthige England in sichere Hut und führte ihn auf dem j und geleitete sie mit unermeßlichem Pompe wie die Hülle eines Nationalheros in den hohen Dom der Invaliden zu Paris, in eine wahrhaft kaiserliche Gruft. Und englische Kanonen donnerten Beifall von den schwarzen Felsen St. Helenas. So wie unser Bild es zeigt, sahen um Mittag des 139 15. Oktober 1840 die französischen und englischen Offi- fiziere und Kommissare, die mit hierher gekommenen einstigen Getreuen des verbannten Kaisers, welche bis zum Tode ihres vergötterten Herrn alle Bitterkeiten des Lebens auf der Insel getheilt, das wohlcrhaltene Antlitz dessen wieder, vor dem einst der Erdkreis gezittert und der gleich Attila und gleich Alexander dem Großen eine Schicksalsmission erfüllt hatte, die ihn und sein Gedächtniß theils der glühendsten Begeisterung, theils dem Haß und gerechten Tadel anheimgab. Man hatte, als Napoleon gestorben, nicht die zu einer regelrechten Ein- balsamirung nöthigen Mittel zur Hand gehabt. Es ist viel zu wenig bekannt, wie schauerlich damals die Lebensverhältnisse auf dem unwirthlichen Eiland waren, wo Napoleon seine Tage beschloß, viel zu wenig auch kennt und verachtet man die ausgesucht kleinliche Art, mit der Hudson Löwe, der ungebildete englische Gouverneur, sein „Opfer" behandelte, entgegen der nobleren Bestimmung der Alliirten. Napoleon wollte nach den Ufern der Seine überführt werden: daß dies nicht gleich geschehen konnte, machen die politischen Verhältnisse Frankreichs begreiflich. Aber daß man es seinen Leidensgefährten verbot, sein Herz mit nach Europa zu nehmen und es seiner Wittwe zu bringen, das war schnöde und herzlos, weil gehässig und widernatürlich. - Um dreiviertel auf ein Uhr Mittags am 15. Oktober 1840 schritt man unter feierlicher Sprnnung aller Anwesenden zur Oeffnung des nächtlich erhobenen, in einem Holzsarg ruhenden bleiernen Sarges. In demselben fand man einen dritten Sarg von Acajouholz, vollkommen erhalten. Als auch dieser ausgeschraubt war, erblickte man einen Sarg von Weißblech. Es war der letzte. Man hob den Deckel: eine formlose Masse bot sich den Augen dar, nur die Stiefel ragten hervor und aus ihnen, da die Nähte gesprungen, die völlig erhaltenen Zehen. Jene Masse war die Seiden- watte, womit der Deckel ausgeschlagen gewesen, und die auf den Leichnam gesunken war. Doctor Guillard rollte sie langsam auf — und „da lag der große Mann, vollkommen unverwest, auf den ersten Blick erkenntlich". So lautet kurz der Bericht. Napoleon trug die Oberstennniform der Gardejägcr. Der Körper war ganz so gestreckt, wie man ihn vor neunzehn Jahren in den Sarg gelegt. Das etwas erhobene Haupt ruhte auf einem Kissen; die Kopfhaut war hart und fest; die Augäpfel hatten wenig von ihrem Umfang verloren und an den geschlossenen Augenlidern sah man noch die Wimpern. Nur die Nasenflügel hatten, jedoch unmerklich, gelitten. Die Wangen fühtlcn sich weich und geschmeidig an und zeigten eine weiße Farbe. Das Kinn war etwas bläulich, da der Napoleon I. im Sarge. Bart um etwa eine halbe Linie gewachsen. Das Kinn hatte aber die dem Antlitze des Kaisers so eigenthümliche Bildung gewahrt. Die Hände waren biegsam, ohne jede Veränderung, genau wie im Leben. Auch die vom Gewände bedeckten Gliedmaßen schienen im Ganzen ihre Form behalten zu haben. Doctor Guillard drückte den rechten Arm und fand ihn fest, wenig an Umfang geschwunden. Brust und Bauch waren eingesunken. Die Uniform hatte wenig von der Frische der grünen und rothen Farben verloren, die goldeneKrone des Offiziers-Kreuzes der Ehrenlegion hatte ihren vollen Glanz bewahrt. Ueber dem Schenkel lag der so bekannte Hut Napoleons. Die silbernen Vasen mit dem Herzen und den Eingeweiden, welche zwischen beiden Füßen niedergestellt waren, konnten nicht genauer untersucht werden, da sie zu fest mit den angrenzenden Theilen des Körpers zusammenhingen. So waren die sterblichen Ueberreste des großen Todten beschaffen, über alle Erwartung erhalten, allem Anscheine nach mumien- ähnlich ausgetrocknet. Die Festigkeit des Mauerwerks der Gruft und der luftdichte Verschluß der Särge hatten die Verwesung verhindert. Nach einigen Minuten ward der Sarg wieder verschlossen, und tief ergriffen von dem geschauten Bilde geleiteten die Zeugen dieses Schauspiels den Cäsar des neunzehnten Jahrhunderts zum Schiffe des französischen Vaterlandes. „Ich wünsche, daß meine Asche an den Ufern der Seine begraben werde, inmitten des französischen Volkes, das ich so innig geliebt habe!" Nun ging dieses Testament des sterbenden Napoleon in Erfüllung. Der ritterliche Sohn des Franzosenkönigs selber, Prinz Joinville, hatte den großen Kaiser zurückgeholt in die Mitte seines Volkes, und, es ist Thatsache, ganz Europa, das einst Napoleon I. gehaßt, jubelte freudig Beifall dieser That versöhnender Menschlichkeit! Trefflich schilderte der große Historiker Jgnaz von Döllinger einst die Gestalt Napoleons, den er selbst als Gymnasiast gesehen. „In Würz- burg gehörte ich zu den neugierigen Jungen, die Napoleon auf Schritt und Tritt verfolgten, als er die äußeren Befestigungen besichtigte, und noch sehe ich ihn in seinem grünen Rocke, den dreieckigen Hut auf dem Kopfe, sein scharf geschnittenes, dunkelfarbiges Gesicht, er erschien mir — wie ein Mann aus Bronze." Dr. Gustav A. Müller. Goldkörner. Du braucbst nur mit den Wällen zu geh'n, Das Heulen wirst du von selbst versteh'n. —... K. 140 Das Glück. „Im Glück nicht stolz sein Und im Leid nicht klagen." Das Glück des Menschen, was ist es eigentlich? Dem einen ist es Hof und Haus, dem andern Geld und Gut, dem dritten Schönheit; dieser erblickt es in Ruhm und Ehren,jener in stiller, menschenferner Einsamkeit, ein weiterer in Glanz, Kleiderpracht und üppigem Leben, und diesem ist die Gattin, jenem die Mutter oder Kind, Bruder, Schwester der Inbegriff seines Glückes. Und ist eins von all dem Genannten das wahrhaftige Glück? Das irdische Glück — ja! Irdisch — vergänglich; Haus und Hof kann Feuer oder Wasserfluth über Nacht zerstören, Geld und Gut diebische Hand rauben, Schönheit eine tückische Krankheit für immer vernichten, Ruhm und Ehre zerstiebt, und andere tauchen auf, die noch berühmter, noch mehr geehrt werden wie wir. Die Einsamkeit stimmt traurig und weckt Sehnsucht nach Welt, Leben und Menschen; üppiges Nichtsthun macht den Körper siech, den Geist schwach und stumpf, und alle, alle, die wir lieben, kann in einer kurzen Stunde der Tod uns grausam entreißen. Ist das Glück? Nein, denn das wahrhaftige Glück ist ewig, unvergänglich. Der Friede mit sich selbst, das Bewußtsein, Gutes gewollt, gethan zu haben, der Glaube an ein höheres Himmelswalten, an ein Wesen, das gerecht und barmherzig uns alle regiert, der Glaube an Gott und seine Gesetze, die Ueberzeugung, daß nach dem Erdendasein das ewige Leben folgt — das ist das Glück. Die Thränen Armer zu trocknen, Kranke und Unglückliche zu trösten, das Wohlergehen derer, die das Schicksal in unsere Nähe gestellt hat, höher zu halten, als unser eigenes, für andere nur zu schaffen, nur zu leben und zu streben, das ist wahrhaftiges Himmelsglück, das nie vergeht. Denn ewig wird es Nothleidende und Gramerfüllte geben, die wir mit Wort und That emporrichten können; immer werden wir einen Wirkungskreis finden, dem wir selbstlos unsere Kräfte weihen können; oft und oft wird die Versuchung an uns herantreten, um uns die Sünde ins Herz zu pflanzen und den Glauben an Gott und seine Güte zu rauben. Da heißt es stark sein, muthig und tapfer kämpfen, die Sünde und das Laster verachten, und der Geist der Finsterniß wird uns verlassen. Das Herz aber fühlt süßen Frieden, und das Herz, das sich nicht an irdische Güter hängt und Höherem, Besserem lebt, ist wahrhaft glücklich. -->sv-v-cs—-- Zu unseren Bildern. General Hans Herzog. Die Schweiz beklagt den Verlust des am 27. Januar in seiner Vaterstadt Aarau verstorbenen, hochverdienten und allgemein beliebten Generals Hans Herzog. Im Jahr 1840 war derselbe zum Lieutenant der Artillerie ernannt worden. Nach einigen Jahren Dienst bei seiner Waffe rückte er 1844 zum Oberlieutenant, 1846 zum Hauptmann, 1850 zum Major im Artilleriestab und 1855 zum Oberstlieutenant vor. Als er im Jahre 1860 vom Bundesrathe zum Obersten ernannt wurde, ward mit dieser Ernennung gleichzeitig auch die Wahl als Inspektor der Artillerie verbunden, und noch im gleichen Jahre wurde Oberst Herzog in ehrenvoller Mission nach England entsendet. In dieser Eigenschaft als Inspektor der Artillerie verblieb er bis zum Inkrafttreten der neuen Militärorganisation von 1874, wo Herzog vom Bundesrathe neuerdings als Waffen- chef an die Spitze der Artillerie gestellt wurde, eine Stellung, in der er bis zu seinem Tode verblieb. Als Inspektor und Waffenchef der Artillerie hat er seine Waffe auf eine Höhe gebracht, daß sie den besten Artillerien Europas an die Seite gestellt werden durfte. Welch hohes Vertrauen die Schweizerbehörden in seine Fähigkeiten setzten, beweist seine Ernennung zum Oberbefehlshaber der schweizerischen Armee bei der Grenz- besetzung im deutsch-französischen Krieg 1870/71, wo General Herzog seiner schwierigen Aufgabe mit großer Umsicht oblag, so daß ihm damals und öfters Auszeichnungen zu theil wurden. General Herzog befand sich auch unter der bundesräthlichen Abordnung, die im letzten Mai das deutsche Kaiserpaar in Luzern begrüßte, bei welchem Anlaß Kaiser Wilhelm sich wiederholt mit ihm unterhielt. Der Kaiser hat denn auch sein herz- licbes Beileid am Verluste des auch in ganz Deutschland hochgeschätzten Schweizer Generals ausgedrückt. Schneewittchen und die 7 Zwerge. Gewiß kennst Du, lieber Leser, das Märchen von Schneewittchen, dem Königstöchterlein, so weiß wie Schnee, so roth wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Das Mägdelein, das die böse Stiefmutter umbringen lassen wollte, hatte sich im Walde verirrt und ist in das Häuschen der 7 Zwerge gerathen. Als diese von ihrer Tagesarbeit heim kamen, da fanden sie Sckneewittchen in dem Bette schlafend. Die Zwerge schrieen vor Bewunderung, holten ihre Lichtlein und beleuchteten Schneewittchen. „Ei Du mein Gottl" riefen sie, „wie ist das Kind so schön!" und hatten so große Freude, daß sie es nicht aufweckten, sondern im Bette fortschlafen ließen. Dildrr aus NalSstina. Gethsemane. — Der Garten von Gethsemane liegt am Fuße des Oelbergs, jenseits des Baches Kidron. Er wird von hohen Mauern umgeben und ist nur klein, aber sein Boden ist reich mit Blumenbeeten geschmückt, denen ein Franziskaner die zärtlichste Pflege angedeihen läßt. Die uralten Olivenbäume, die hier stehen, sollen jene sein, unter deren Laubwerk der Heiland den schwersten Seelenkampf ausgestanden hat. Sie können wohl so alt nicht sein, aber es ist durchaus gestattet, sie für die nächsten Nachfolger derjenigen Bäume zu halten, welche zur Zeit der Kreuzigung Christi hier standen. Die Tradition, welche diese Stätte für den Garten erklärt, in den sich Jesus besonders gern mit seinen Jüngern zurückzog, läßt sich wenigstens bis ins 4. Jahrhundert verfolgen. — AmUferdesJordan. Jordan, („der Herabeilende") ist in jeder Hinsicht einer der interessantesten Flüsse unserer Erde. Seine Quellen liegen am Fuße des Hennon in einer Höhe von 520 Meter über dem Meere. Seine Wassermasse ist nicht unbedeutend, und doch ist der Jordan nirgends schiffbar, sah niemals an seinen Ufern eine Stadt, welche sich in seinen Wellen spiegelt, beschreibt zahllose Windungen, Krümmungen und Wasserfälle und endet, nachdem er einen kleineren und größeren See durchlaufen, im Todten Meere. Der Oberlauf des Jordan bis zum See Merom führt durch wildes Sumpfdickicht von Papyrusstauden, Rohr- und Wasserpflanzen, die festeren Niederungen des Ufers im Westen und Norden dienen den nomadischen Beduinen zu Weidegründen. — -—i-öWi—- Wikder-Wäthser. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 17: Weiß. Schwarz. K. k3-s2 K. ä4-e4 (od. s4) Sp. s8-ä6 K. o4—cl4 K. o2-ä l K. ä4—ä3 T b5-cl5 mat. -- -m Augsburger Postzeitung 'I «! 2V. Areitag, den 9. März 189H l?ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Wohlthun trägt Zinsen. Nach dem Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzählt von Alice Salzbrunn. (Schluß.) IV. Es war ein nebeliger, trüber November-Morgen. Hanne war ausgegangen, um ein paar von mir fertig gemachte Kinderkleider abzuliefern, und hatte die beiden Kleinen mitgenommen. Alex wollte mich nicht allein lassen, deshalb brachten wir diese stille Stunde zusammen bei seinen Schulbüchern zu. „Ich lerne viel besser unter deiner Anleitung, Mama," sagte er unwillkürlich, als wir neben einander saßen, „aber", fügte er hastig hinzu, „es ist auch nicht sehr schwer, wenn ich allein bin, und du hast ohnehin viel zu thun." „Ich wünsche viel zu thun zu haben, Alex," sagte ich mit sehnsüchtiger Sorge, „damit ich eine genügende Einnahme erziele und dich in eine höhere Lehranstalt schicken könnte, wie es geschehen wäre, wenn dein Vater noch lebte." „O, Mama, mühe dich deshalb nicht!" rief er, indem er seine Arme um meinen Hals schlang und mich küßte, „das geht selbstverständlich nicht; es würde mich elend machen, wenn du deshalb noch anstrengender arbeiten solltest. Du weißt, neulich las ich, daß viele gute Männer, welche berühmt wurden, ihre hervorragenden Eigenschaften den Lehren ihrer Mutter verdankten. Ich werde darnach streben, brav und tüchtig zu sein, den Lehren und dem Beispiele meiner Mutter zu folgen und der Erinnerung an meinen Vater!" Ich konnte sein ernstes Gesicht nur an das meine drücken und beten, daß mir die Erziehung, trotz meiner Schwäche gelingen möge. „Ah, wer ist da?" Der Briefträger! Wie dumm, daß ich beim Klopfen erschrak!" sagte Alex und ging, um die Thüre zu öffnen. Inzwischen saß ich mit müßigen Händen und fliegendem Athem da. „Hast dn zwei Pence, Mama?" fragte Alex zurückkommend, „dieser Brief an dich ist von Shrayden nachgesandt worden, deshalb sind zwei Penze zu zahlen." „Ich kann nicht bezahlen, Alex," sagte ich leise und zog mich zurück. „Sage ihm, oaß ich es nicht kann. Wird er den Brief hier lassen? Morgen können wir bezahlen." Der Knabe giug an die Thüre, aber der Briefträger durfte den Brief nicht ohne das Postgeld abgeben und wollte morgen wieder anfragen. O, die heiße Schamröthe stieg mir in das Gesicht! „Mache dir nichts daraus, Mama," sagte Alex und setzte sich wieder an seine Bücher. „Es ist nicht der Rede werth. Der Brief bleibt dir ja sicher, und Hanne wird heute Geld mitbringen. Du wolltest mich überhören. Denke nicht mehr an den Briefträger." Nur halb verstand ich, was er hersagte; meine Gedanken schweiften in die Vergangenheit zurück. Wie wenig hatte ich alles, was früher mein gewesen war, zu schätzen gewußt! Wie anders würde ich fühlen, wenn mir der Wohlstand jetzt wiedergegeben wäre! Jetzt war ich so heruntergekommen, daß ich meine Armuth vor Fremden eingestehen mußte. Ich glaube, dieses niederdrückende Gefühl können sich diejenigen nicht vorstellen, welche es nicht selbst erfahren haben. Es mag unrecht von mir gewesen sein, aber es war damals sehr schwer zu tragen. Den Blick in unsern Erdeuschmerzen Verbängt der Nebcl trüb und dicht; Waö uns erscheint wie Trauerkerzcn, Mag sein der Himmelslampen Licht. So lauteten die ersten Worte, welche ich deutlich von meinem Knaben hörte, und ich vermag nicht zu schildern, wie sie augenblicklich meine aufrührerischen Gedanken beschwichtigten. „Ich weiß, daß du dieses Gedicht liebst, Mama," sagte Alex, „du hast es früher einmal geäußert zu Hause zu — meinem Vater," — das Kind konnte das Wort nicht ohne Beben erwähnen, — „ich hatte es in meinem Buche bezeichnet. Es freut mich, daß ich es lernte, da wir beide allein sind." „Du wirst nicht mehr an die zwei Pence denken, nicht wahr?" Ich sagte, daß ich nicht daran denken wolle und bemühte mich, es nicht zu thun; aber der eine Vers, welcher mich aus trübem Sinnen geweckt hatte, schwebte mir immer vor. Am nächsten Morgen brachte Hanne mir den Brief; sein Inhalt war folgender: „Hochverehrte Frau Drummond! Obgleich ich weiß, daß Sie Shrayden, wahrscheinlich auch Schottland verlassen haben, muß ich meinen Brief dorthin adressieren, und vertraue auf die Findigkeit der Postbeamten, während ich selbst alles thue, um Ihren Aufenthalt zu entdecken. Wenn dieser Brief Sie erreicht, bitte, geben Sie mir in einer Zeile Erlanbniß, Sie zu besuchen. Zu dieser Bitte veranlaßt mich nicht nur die alte Freundschaft, sondern ich kann mich meines leicht und schnell erworbenen Vermögens nicht erfreuen, bis ich die seit Jahren ersehnte Befriedigung habe, an Herrn Drummonds Sohn die Summe zurückzuzahlen, welche sein Vater mir mit so großem Edelmuthe geliehen, ohne mich wissen zu lassen, wer der Geber war. Die Erinnerung an seine und Ihre unausgesprochene Güte war für mich eine so hilfreiche Wohlthat als das Geld seilst. Ich wünsche Ihnen meinen Dank auszusprechen und wünsche Alex die edle That zu erzählen, da ich weiß, daß Sie und sein Vater ihm nichts davon gesagt haben. Bitte, legen Sie Ihre Adresse in das eingeschlossene Couvert und gestatten Sie den Besuch des (fiten Freundes, zu welchem Ihr Gatte so gut und großmüthig war. Verehruugsvoll Ihr treu ergebener Norbert Wcdderburn." Er wußte, daß er mich am besten bewegen könnte, indem er das Geld als eine an Martins Sohn abzutragende Schuld erwähnte. Jedoch die Summe, welche vor langer Zeit Norberts Selbstständigkeit begründet hatte, war kein Darlehen, sondern ein bereitwilliges Geschenk gewesen, und deshalb — es mochte elender Stolz von mir sein — konnte ich nicht an ihn schreiben. Obwohl ich nicht schrieb, klopfte Norbert, ehe eine Woche vergangen war, an unsere kleine Küchenthüre. Hanne, welche sich seiner gut erinnerte, führte ihn mit einem strahlenden Lächeln auf ihrem Gesichte zu mir herein. Ich konnte zu seiner Begrüßung nicht aufstehen, so heftig zitterte ich; denn ich war schwach und sein Anblick rief mir die ganze Vergangenheit lebhaft zurück. „Das ist Alex, nicht wahr?" fragte Norbert, seinen Blick hastig von meinem Gesichts abwendend, „der kleine Alex, in Gelehrsamkeit vertieft, und das sind —" Er neigte den Kopf und liebkoste Käthchen, um seine Bewegung zu verbergen. Er blieb den ganzen Abend bei uns. Sein Gesicht war bronzefarben, traurig geworden und früh gealtert; dennoch las ich in seinen Zügen dieselbe Geduld und Gewissenhaftigkeit, welche ihm unsere Zuneigung erworben hatten, als er ein schüchterner, arbeitsamer Buchhalter der Firma war, an deren Spitze er jetzt stand. Ehe er wegging, sprach er lange mit mir allein; er sagte mir noch dringender, als in seinem Briese, aus welchem Grunde er uns aufgesucht hatte. „Nein, nein, Norbert," antwortete ich auf seine entschlossenen, dankbaren Worte, „bitte, verlangen Sie das nicht von mir; ich kann meines Mannes Geschenk nicht zurücknehmen." „Wenn Sie das thäten, Aloisia," erwiderte er lächelnd, „so würden Sie alles nehmen, was ich besitze und was ich bin. Seine Hilfe machte mich zu dem Manne, der ich jetzt bin. Ich könnte Sie nicht bitten, das zurückzunehmen, denn ich kaun es ihm oder seinen Angehörigen nie vergelten. Aber Jahr auf Jahr habe ich den Gewinn zurückgelegt, welchen jenes Geld gebracht hat. Sie verstehen nicht, was ich damit meine; aber es gehört Alex." „Norbert, wenn die zweitausend Pfund Ihnen nicht geschenkt worden wären, so würden dieselben gleich dem übrigen Vermögen verloren sein. Sie vergessen das." „Nein, ich vergesse das nicht," antwortete er sanft, „aber das Geld wurde verschenkt, als kein Gedanke an den Verlust, und die Zinsen hoch waren. Nur durch Herrn Drummonds Edelmuth wurde es nicht verloren, sondern für Alex bewahrt. Alex darf nicht länger hier bleiben, Aloisia. Der elte Herr Stockesey starb vor einigen Tagen und hatte mich vorher gebeten, an seiner Stelle Alex' Vormund zu werden. Wollen Sie mit ihm nach Edinburg ziehen, wo ich ein Haus für ihn eingerichtet habe? Ich nannte es Shrayden-Villa; es ist nur eine halbe Stunde von meiner Wohnung in der Stadt entfernt, jedoch steht es am Wiesenweg, weil Sie und er die ländliche Aussicht und den Waldesduft von alters- her liebten, und in der Nähe befindet sich die Knaben- Lehranstalt, in welche sein Vater ihn zu schicken beabsichtigte. Aloisia, wollen Sie mit ihm kommen? Ich mutzte mich feinen Anordnungen fügen. Ich hatte keinen Rathgeber außer ihm. Seit meiner Kindheit fehlten mir Verwandte, und die alte Frau Kynaston, Martins einzige mir bekannte Verwandte, war schon drei Jahre todt. So brachte er uns alle nach Schott- land zurück in das hübsche Landhaus, welchem er den Namen unserer alten Heimath gegeben. Hier lebten wir in ruhiger Zufriedenheit; ich unterrichtete Eva und Käthchen wie bisher, Hanne verwöhnte sie wie bisher. Alex ging jetzt täglich in das Gymnasium und machte so rasche Fortschritte, daß seine Kenntnisse die meinigcn bald überflügelten. Einige Monate vergingen. Norbert, Alex's Vormund, handelte immer, als ob er sein Schuldner sei und besuchte uns täglich. Er war uns allein ein lieber Freund geworden, und als er eines Tages sagte, daß er auf vierzehn Tage verreiste, machte uns diese Nachricht betrübt. Wie lauge uns diese vierzehn Tage dauerten! Ich weiß noch sehr gut, daß die Kinder zuerst die Tage, dann die Stunden bis zu seiner Rückkehr zählten, und er es gern mit ihnen that. Ehe der letzte Tag gezählt war, überraschte uns Norbert. „Freut ihr euch wirklich über meine Ankunft, liebe Kinder?" fragte er unnöthig, als sie ihm eutgegcn- sprangen. „Mich freut es sehr, euch wiederzusehen. Ich blieb keine vollen vierzehn Tage aus. Freut Mama sich auch über meinen Besuch, Eva?" Erfreut blickte ich zu ihm auf und sagte, daß er immer willkommen sei, aber als seine Augen in die meinen sahen, stieg langsam eine heiße Nöthe in mein Gesicht und meine Rede stockte. „Frage Mama, ob wir in das Kindertheater gehen dürfen, Käthchen," flüsterte Norbert, indem er den Blick abwandte. „Kannst du heute nachmittags mitkommen, Alex?" Selbstverständlich konnte Alex mitkommen, und selbstverständlich waren die Kinder entzückt. Ich sah ihnen beim Weggehen ebenfalls mit glücklicher Miene nach, aber in meinem stillen Haus allein geblieben, fühlte ich mich verlassener als je seit meinem traurigen Schicksalswechsel. Wiederholt flüsterte ich Martins Namen, was ich oft in meiner großen Sehnsucht nach ihm that; alte Erinnerungen überflutheten mich und ich schluchzte bitterlich aus Herzensgrund. Endlich erschöpft von dem unaufhaltsamen Schmerz, lag ich auf dem Sofa, mit dem Gesichte in das Kissen verborgen, schlief ein und erwachte nicht, bis ich die fröhlichen Kinderstimmen im Hausflur hörte. Sie stürzten in das Zimmer, um mir die wunderbaren Abenteuer des ,Gestiefelten Katers' zn erzählen, und verglichen die Vühnenaufführung mit dem 143 Märchen, welches sie oft von ihrer Mutter gehört. Was für einen Lärm sie am Theetifch machten! ES war Norberts Schuld, sagte ich, als ich Ruhe und Ordnung vergeblich herzustellen versuchte; während ich es aus- sprach, dankte ich ihm in meinem Herzen, weil er diese Veränderung in mein stilles Heim gebracht. Die Kinder hatten uns den Gute-Nacht-Kuß gegeben und waren zu Bette gegangen, auch Alex zuletzt. Norbert stand auf, um wegzugehen, wie er es immer that, wenn sie ihm gute Nacht gesagt hatten. „Also verwöhne ich die Kleinen?" fragte er in Bezug auf meine scherzhaften Worte zu ihnen, ehe sie das Zimmer verlassen hatten; er blieb vor mir stehen und blickte ernst fragend zu mir herab. „Sie sind sehr, sehr gut zu ihnen," antwortete ich, „natürlich meinte ich nur das." „Unmöglich könnte ich anders sein," sagte er sanft. „Wissen Sie, warum, Aloisia?" „Warum?" „Weil ich diese Kinder liebe und sonst niemand zu lieben gehabt habe — ausgenommen ihre Mutter." „Norbert," sagte ich mit thränenfeuchtem Blick, „Sie lieben die Kleinen mit derselben Liebe wie einst mich. Gewiß werden meine Kinder ihr Lebenlang gleich mir Ihre Neigung werthschätzen. „Nein, nicht mit derselben Liebe," sagte er leise und voll Innigkeit, als habe er es schon lange anszu- sprechen gewünscht, „auch im Zusammensein mit den Kindern seufzt mein Herz in sehnsüchtiger Einsamkeit, welche . ich in Ihrer lieben Gegenwart nie empfinde, Aloisia." „Ihr Leben ist für so viele segensreich, daß Sie sich nicht einsam fühlen sollten, Norbert," sagte ich. Aber er wendete nur die Augen weg und neigte die Stirn auf seine Hände, welche verschlungen auf dem Kamin sims ruhten. „Wie können Sie über Vereinsamung klagen, da so viele Sie lieben, Norbert?" Ich war aufgestanden und hatte die Frage ernst ausgesprochen, während ich neben ihm stand. „Weil ich nicht anders kann; seit Jahren lebt in meinem Herzen eine Sehnsucht, welche nur Eine stillen könnte. Im Vereine mit meiner ersten einzigen Geliebten würde es keine Einsamkeit mehr für mich geben; durch Ihre Kleinen würde ich Freude und Lebensglück haben — wie andere Familienväter." Er schluchzte fast bei diesen Worten und hatte sein Gesicht noch verborgen. ^ Seine starke, treue Liebe erschütterte mich, ich legte , meine Hand sanft auf seinen Arm und sagte: l „Norbert, bedenken Sie, was ich Ihnen vor Jahren / gesagt habe, und daß meine erste Liebe dem Todten ^ gehört. — Sind Sie dennoch überzeugt, daß Sie mit mir glücklicher sein würden als jetzt? „Geliebte, willst du mir vertrauen und zu mir kommen?" Er stand mit ausgestreckten Armen vor mir, zog mich an seine Brust und beantwortete meine Frage in freudigem Ton: „Du machst mich glücklicher als ich sonst auf Erden sein könntet" » » Wie sich die Kinder über sein glückstrahlendes Gesicht wunderten, als er in ihr Schlafzimmer ging, um ihnen nochmals gute Nacht zu sagen! Sie konnten nicht errathen, warum es ein zärtlicherer Gute-Nacht-Kuß war als gewöhnlich, und warum er solange bei ihnen verweilte. — Heute abends, da ich diese lieben Erinnerungen aufschreibe, hat er noch zwei Mündchen mehr zu küssen, als damals; aber seine eigenen geliebten Kleinen küßt er nicht zärtlicher und liebevoller wie Eva und Käthe, und seiner treuesten Fürsorge und größten Berücksichtigung erfreut, sich Martins Sohn. Derselbe ist jetzt ein großer, breitschulteriger Student, seiner Mutter stets zärtlich ergeben, und stets in Gedanken, Worten und Thaten wahrhaft dankbar gegen den Mann, welcher ihm so edel und Weise den Vater ersetzt hat. -—so-M-rs--»- AnS der „ewige» Noma". * Von einem in Rom lebenden Deutschen ist UNS über die Schlußfeier des Bischofsjubiläums Leo'S XIII. eine Schilderung zugekommen, die wir den Lesern nachträglich mittheilen zu sollen glauben, obschon wir über die Feierlichkeit bereits einen Bericht gegeben haben. Unser Landsmann schreibt: Einen Tag aus dem päpstlichenNom möchte ich die gestrige (18. Februar) erhebende glanzvolle Feier nennen, womit das Festjahr des goldenen BischofsjnbiläumS des hl. Vaters in würdigster Weise seinen Abschluß fand. Der fremde Pilger brauchte nicht erst lange nach dem Wege zu suchen, der nach dem Niesendom der Christenheit führt; die endlose Wagenkette wies ihm von selber die Richtung. Bereits vom frühesten Morgen an hatten sich die Pilger ihre Plätze gesichert; das Comits hatte alle Vorkehrungen getroffen, damit die vielen Tausende ohne Unordnung und ohne zu großes Gedränge sich aufstellten. Es waren große Tribünen errichtet,. andere Plätze wie der Gang durch's Langschiff durch Barriüren geschieden, Billete von verschiedener Farbe für die einzelnen Zugänge ausgegeben. Wieviele anwesend waren, läßt sich nicht leicht angeben, die Schätzung von 40,000 wird wohl zu wenig sein. Der gewaltige Platz von St. Peter war durch eine Doppelkette italienischer Infanterie, welche sich von der einen Seite der Colonnaden bis zur audern ausdehnte, abgesperrt, nur einige schmale Oeffnnngen blieben für die Passierenden übrig. Diese Vorsichtsmaßregel, welche vom Comits erbeten war, erwies sich als durchaus zweckmäßig. Interessant war der Anblick der harrenden Menge, unter welcher italienische Landleute besonders zahlreich waren, die wohl zum ersten Mal nach Rom gekommen. Die Palastgarde bildete durch das Langschiff Spalier, außerdem sorgte die päpstliche Gendarmerie in ihrer malerischen Galauniform, der gewaltigen Bärenmntzs und den hohen Stulpenstiefeln über den weißen Beinkleidern, für Aufrechthaltnng der Ordnung. Endlich nach langem Harren verkündete das Schmettern der Trompeten das Nahen des Jubilars, bald aber war der Schall der Musik verschlungen von dem brausenden Jubelruf, der an den hohen Gewölben wie eine Niesenwoge sich brach. Unter Vorantritt der Nobelgarden, eines zahlreichen Klerns, des Collegiums der Cardinäle zeigte sich hoch auf dem Trag- sessel (der Lsäia Aestatoria) die Gestalt des hl. Vaters Mit der Mitra und dem Meßgewands bekleidet, den malerischen Eindruck vollendeten noch die Schweizergarde mit ihren Hellebarden und Flambergen, die zwei großen Wedel aus Pfauenfedern, die zu beiden Seiten des Thronsessels getragen wurden, die spanischen Kostüme der Kammerherren. Das Antlitz des hl. Vaters ist ganz vergeistigt, 144 eS scheint blutleer zu sein, dagegen leuchten die Augen noch frisch. Auf dem Altar über der Ooukessiv (Grab des Apostelfürsten) las dann der Papst die heil. Messe mit großer Assistenz, während der Sängerchor ausgewählte Motetten sang. Während der heil. Wandlung erscholl von der Kuppel herab, während eine weihevolle Stille herrschte, eine eigens hiefür componirte Melodie, welche auf silbernen Trompeten vorgetragen wurde. Das Tedeum nach der heil. Messe wurde abwechselnd vom Klerus und Volke gesungen. Dann folgte der feierlichste und ergreifendste Moment. In feierlichem Zuge wurde der heil. Vater wiederum auf der Loäia vor die Schranken, welche den Zugang zur Oonkassio gegen das Langschiff hin abgrenzen, getragen, die Tiara auf dem Haupte und mit dem weißen Pluviale angethan, während Mitglieder des Domkapitels von St. Peter den Baldachin trugen. Hier ertheilte der Nachfolger des Apostels in feierlicher Weise den Segen; kaum war der heil. Akt vorüber, so brach der Jubel auf's Neue aus, als der heil. Vater die lange Reihe seiner Kinder hindurch getragen wurde. Man sah es ihm an, wie wohlthuend seinem Herzen diese Kundgebung war; wiederholt erhob er sich von der Lsäia, um stehend die Tausende zu segnen. Und wie er so hochaufgerichtet mit der Tiara und den hohenpriesterlichen Gewändern bekleidet einher- zuschweben schien über den Köpfen der gedrängten Menge, da schien er nicht mehr der 84jährige Greis zu sein, da kam er dem Gläubigen vor als der lebenskräftige Repräsentant der ewig jungen, nie alternden GotteSkirche. Bei hereinbrechender Nacht war Illumination. Märchenhaft war namentlich der Anblick des St. Petersplatzes. Tausende von Lämpchen umsäumten die Umrisse der Fatzade, die Colonnaden zogen sich wie ein Feuerreifen rings um den stillen, ernsten Obelisken und die geschwätzigen plätschernden Springbrunnen, während vom klaren Himmel der Vollmond sein Silberlicht hernieder- strahlte. Der ganze Lor§o (Stadttheil am rechten Tiber- Ufer) war durch zahllose Lampions geschmückt, auch die andern Stadttheile zeigten rege Theilnahme an der Beleuchtung, nur die neuen Straßen Jungitaliens bildeten vielfach eine Ausnahme. Es hat sich gezeigt, daß die Römer doch noch ihren eigentlichen Souverän nicht vergessen haben. -bL W i * ——— Der Traum. Von Adolph Müller. (Schluß.) Anders erklärt solche Träume E. Lassaulx in seiner Schrift: „Die prophetische Kraft der menschlichen Seele". Nach ihm gibt es nie einen Zufall; für Lassaulx ist der Zufall nur der Nothbehelf der Unwissenheit; L. schließt sich darum der Ansicht des großen Philosophen Bacon an, welcher die Erklärung der Traumnhnungen in die Worte zusammenfaßt: „Die natürliche Weissagung, die ihren Grund in der innern Kraft der Seele hat, ist doppelter Art: sie ist theils eine der Seele als solcher angeborne, theils durch höhere Einflüsse bewirkt. Die der Seele als solcher angeborne prophetische Kraft gründet sich darauf, daß die Seele, wenn sie in sich selbst gesammelt und nicht in die sinnlichen Organe ausgegossen ist, gemäß ihrer göttlichen Wesenheit eine gewisse Vor- empfindung des Zukünftigen hat, welche sich besonders in Träumen, in ekstatischen Zuständen und in der Nähe des Todes zeigt, seltener im wachen Zustande und bet gesundem, kräftigem Körper. Die Weissagung aber durch höheren Einfluß gründet sich darauf, daß die Seele wie ein Spiegel eine gewisse, sekundäre Erleuchtung von dem Vorwissen Gottes und der Geister aufnimmt; vorheriges Fasten und Entsagung ziehen die Seele vom Körper ab und machen sie für göttliche Eingebung empfänglicher." In erhöhtem Maße vermag der Geist des Menschen, wenn der Mensch dem Tode nahe ist, auf einen Schlafenden durch Traumerscheinung einzuwirken. Dem Philosophen Schopenhauer erzählte der Aufseher des jüdischen Hospitals in Frankfurt a. M., daß öfter Verwandte von Verstorbenen kämen mit der Versicherung, die letzteren seien ihnen im Traume erschienen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß abgeschiedene Seelen zum Zwecke der Fürbitte, oder um Gottes Macht zu verkündigen, gerade in dem für ihr Erscheinen günstigsten Schlafzustand sich uns zeigen. Da aber solche Traumerscheinungen schon in das übernatürliche Gebiet des Jenseits hinüber- ragen und ohne göttlichen Willen nicht eintreten, so müssen wir nun die Frage stellen: Wie steht es mit Träumen, die auf Gottes Geheiß und Willen zurückgeleitet werden? Hat Gott auch der Träume sich schon bedient, um sein Reich auf Erden zu verbreiten und die einzelne Seele zu führen? Die ganze heilige Schrift gibt uns die Antwort auf diese Frage. Sie fordert, wenngleich die herrschende psychologische Richtung die Wahrheit auch der biblischen Träume nicht zugibt, Anerkennung solcher Träume, in denen Gott persönlich oder durch Geister mit dem Menschen in einen Verkehr tritt. Zwar sind, wie wir schon sagten, die Traumbilder mehr in das Nebeldunkel deS vegetativen, thierischen Leibeslebens hinein- gemalt, und die Schrift kennt auch trügerische Träume gar wohl. „Wo viele Träume sind, da sind auch viele Nichtigkeiten und Worte," mahnt der Prediger, und der Siracide klagt: „Wie wer einen Schatten erfaßt und Wind nachläuft, so der, welcher sich an Träume hält." Aber dieser Charakter des Traumes hat doch auch seine Kehrseite: er kann Bereich und Mittel eines Verkehrs Gottes mit dem Menschen zu besonderen Zwecken werden. In der hl. Schrift läßt Gott durch Träume in den Seelen Bußgestnnungen erweckt werden, wie Eliu bet Job 33, 15 f. einen solchen Traum beschreibt: „Im Traume, nächtlichem Gesichte, wenn tiefer Schlaf auf die Leute fällt, im Schlummer auf dem Lager, da deckt Gott auf das Ohr der Leute und drückt seiner Mahnung das Siegel auf." Auch seinen Willen offenbart Gott häufig durch Träume, deren die Schrift eine große Menge erzählt; ich erinnere nur an den Engel, welcher zu Joseph, dem Gemahle Mariens, im Traume kam. Wie tief haben auch die gottgefügten Träume Pharaos und ihre Deutung durch den ägyptischen Joseph in die Geschichte und Geschicke Israels eingegriffen. Im neuen Bunde, im Reiche der Gnade, haben die Träume, die von Gott gesandt waren, nicht aufgehört. Von Jesus Christus wird nie berichtet, daß er geträumt habe, vielleicht weil seine Seele immer in Gott ruhte und in Gott gesammelt war und sie daher nicht erst einer solchen Ruhe während des Schlaflebens bedurfte. Aber in der Geschichte der Heiligen und besonders begnadeten Seelen sind bis auf unsere Zeit merkwürdige Träume vorgekommen. Und wenn Gott sich der Träume bediente, um dadurch auf die Geschicke seines Reiches auf Erden, seiner Kirche, eines Volkes 145 — einzuwirken, warum soll es nicht möglich sein, daß Gott auch in solcher Weise in das Leben des Einzelnen bisweilen Hineintritt. Zwar sind wir auf die gewöhnlichen Wege der Gnade hingewiesen, und es sind gewiß gott- gefügte Traumerscheinungen nicht etwas Alltägliches, aber die Gnade geht oft wunderliche Wege. Die Seele ist mit Christo verbunden, wie die Nebe mit dem Wetnstocke; kann sie nicht im Zustande des Schlafes, wo sie in sich selbst eingekehrt und nach innen erschlossen ist, besondere Führungen und Trostbilder erfahren? Christoph Schmid leitet den in der Jugend erlebten Traum auf Gottes Vorsehung zurück. „Menschen von starken Nerven erfahren nichts dergleichen", schreibt er, „bei Menschen aber, die zarte, sehr reizbare Nerven haben, und denen eine solche plötzliche Trauernachricht höchst lebensgefährlich werden könnte, sind solche von Gottes gütiger Vorsehung verhängte Vorbereitungen nichts Seltenes." Vielleicht sind auch die lieblichen Träume der Sterbenden nicht immer blos auf die allmähliche Loslösung der Seele zurückzuführen, sondern auch auf die Nähe dessen, der gesagt hat: „Wenn ich euch die Wohnung im Vatcrhause bereitet habe, dann komme ich Wieder nnd hole euch, damit auch ihr seid, wo ich bin." Die Traumbilder haben aber nicht blos bestimmte geschichtliche Persönlichkeiten beeinflußt, die gesammte Menschheit hat seit alten Zeiten auf Träume gemerkt und sie gedeutet. Der Traumbücher haben wir bereits beim Heilschlafs erwähnt. Vielleicht hatte man ursprünglich nur die in den Traumsymbolen angekündigten Heilmittel zusammengestellt. Aber schon im 5. Jahrhundert vor Christus werden auch andere Träume, unter deren geheimnißvollem Banne einmal die unteren Volkskreise standen, nach bestimmten Regeln ausgelegt. Man sammelte die in ein System gebrachten Traumauslegungen, und so entstand bereits im Alterthum eine ziemlich umfangreiche Literatur, aus der uns aber nur mehr des Artemidorus fünf Bücher über Traumdeutung fragmentarisch erhalten blieben. Von den Chaldäern und Aegyptern kam die Traumdeutekunst auf die Griechen und Römer. Nicht blos zahlreiche Traumzusammenstellungen gab es schon in frühesten Zeiten; auch Personen, welche die Traumdeutekunst verstanden, treten in der Geschichte der alten Völker besonders im Orient auf. Sie boten bei öffentlichen Märkten ihre Kunst an. Die Propheten mußten die Jsraeliten oft warnen vor den heidnischen Traumauslegern, und die heilige Schrift läßt erkennen, daß die Kunst, Träume zu deuten, eine göttliche Gnade fei. Die Traumdeuterei erhielt sich aber durch alle Jahrhunderte, und unsere Traumbücher, die im Buchhandel immer noch gut gehen, sind wohl ein buntes Mischmasch aus den antiken Sammlungen, den Schriften der mittelalterlichen Doktoren und den im Volke fortlebenden Traditionen. Und sind auch die Traumdeuter als Kunstklasse ausgestorben, so sucht heute selbst mancher Gebildete aus den Traumreden kranker Frauenspersonen, welche die Gabe des Hellsehens (olairvoxnnes) besitzen, sich Rath und Auskunft. ES gibt nämlich in Wahrheit traumhafte Zustände von Personen, in denen sie Aussagen machen über ihre innere Leibesbeschaffenheit, Stand und Namen von fremden Personen angeben, verschlossene Briefe lesen. Diese über das Gewöhnliche hinausgehenden Eigenschaften solcher Menschen gehören zur Nachtseite des Lebens. Die auch im Menschen vorhandenen thierischen Instinkte, das Wittern der drohenden Gefahr, das Auffinden zweckmäßiger Heilmittel, das Streben nach Selbsterhaltung verweben sich mit dem höheren Seelen- vermögen, und das Sonnennervengeflecht in der Magengegend, die schon früher genannten Ganglien, wird zum Organ, mit dem solche Leute sehen, hören, ja in viel weitere Kreise zu schauen vermögen, als es im wachen Zustande möglich ist. Es beruht aber dieses Hellsehen auf einem krankhaften Nerven-System und bildet — unsere Zeit will daran allerdings nicht glauben — gar oft die Basis für dämonische Erscheinungen. Der Unglaube in den höheren Schichten der Gesellschaft nimmt eben zu solch grellen Reizen seine Zuflucht, um das sehnsuchtsvolle Ringen der Menschenbrust nach einer höheren geistigen Welt zu befriedigen, statt zum einfachen, ungeschminkten Evangelium und zur Einfalt der Kirchcn- lehre zurückzukehren. Darum sind auch die Traumbücher immer noch sehr im Schwünge. Wir wissen, wie Träume entstehen. Wenn uns in den Traumbüchern nun bestimmte Traumvorstellungen angeführt werden, welche einer ebenso bestimmten Zukünftigkeit entsprechen sollen, so wird hier die Ursache mit der Wirkung verwechselt. Das Wetter wird nicht deßwegen gut, weil mein Barometer steigt, sondern weil das Wetter schön wird, steigt mein Barometer. So sind die Träume ebenfalls nur die Wirkungen der bereits vorhergehenden Thatsachen. Feuerflammen sollen Glück und Gesundheit bedeuten, wir wissen aber, daß in Folge unserer innern, gesunden Leibesbeschaffenheit die Phantasie hell und lustig flackernde Flammen vormalet; ein Leichenzug, das Sinnbild des Todes, der Verwesung, im Traume verrathet blos die in unserem Leibe während des Schlafes vor sich gehenden Verwesungsprocesse. Wirkliche Vorahnungsträume sind ebenso selten als die schweren Geschicke selten sind, die das Gemüth in seinen Tiefen erschüttern können. Zudem sind solche Träume immer klar und deutlich und hüllen sich meist nicht in räthselhafte Symbole. Auch ist nicht jeder Mensch, wie das Chr. Schmid bei seinem Traume sagte, geeigenschaftet für solche Träume. Sie sind unter dem Gesichtspunkte der göttlichen Provi- denz und höheren Zulassung aufzufassen und dienen nicht der Neugierde, sondern andern Zwecken. Dies gilt namentlich auch von den Todtenerscheinungen im Traume Viele Erscheinungen überdies, welche übernatürlich uns vorkommen, lassen sich erklären aus den in der Menschenseele von Natur aus liegenden Kräften und Gaben. — Wir haben im Bisherigen immer noch von Träumen geredet, in denen eS bei der bloßen Vorstellung bleibt. Es kann aber die Traumphantasie so mächtig werden, daß sie auch die Bewegungsnerven zu unwillkürlichen Handlungen, zum Sprechen, Gehen u. s. w. antreibt. Das ist indeß schon eine Uebermacht, welche oft auf schweren Störungen des Nervensystems beruht. Das Sprechen im Traume ist ein unartikulirtes Lallen, der Kranke thut Schreie, spricht einzelne kurzlautende Worte. Wer wirklich -im Vollschlafe träumt, antwortet niemals auf gestellte Fragen. Der Träumende spricht aber nicht blos, er agirt mit Händen und Füßen, er verläßt sein Lager und geht seiner Tagesbeschäftigung nach. Wir haben das düstere Bild der Mondsucht, des Nacht- wandelns vor uns. Der Mond hat bei diesem Traum- waudelu nur so weit einen Einfluß, als sein Licht auf die Gesichtsnerven einwirkt, so daß der Schlafende in die Tranmphantasie geräth, als sei es Heller Tag und er müsse seiner Beschäftigung nachgehen. Er steht auf und thut nun im Tramiiwcihn vieles, was ein Wachender sich nicht getrauen würde. Die Augen sind geschlossen, aber statt der Sehkraft hat der Nachtwandler ein hochentwickeltes Hantgefühl. Gefahren fürchtet er nicht, weil er willenlos handelt. Indeß werden in diesem Traum- zustande nur Erscheinungen auftreten, welche aus dem Tagesberufe in den Traum verwoben wurden. Der Professor entnimmt seiner Bibliothek Bücher und liest darin, der Bauer vermeint über seine Wiesen zu gehen, wahrend er den Hof durchschreitet, die Magd hantirt vermeintlich in ihrer Küche. Die Bedauexnswerthen erwachen meist, wenn der Traum seine Höhe erreicht hat. Sie befinden sich dann in großer Aufregung, kennen sich in dem Dunkel nicht aus, wo sie sind, und lasten ängstlich nach festen Gegenständen, um sich zu orientiren. So schilderte mir ein Geistlicher diesen Zustand, welcher früher selbst mondsüchtig gewesen ist. Mit dem normalen Erwachen entschwinden auch die nebelhaften Traumbilder der Nacht und freudig begrüßt der Mensch wieder das Licht des Tages, den goldenen Morgen. Schon kurz vor dem Erwachen aber hat sich im Traum die Denkkraft und die Vernunftthätigkeit gezeigt. Im dritten Stadium des Schlafes, in der Vorbereitung zum Erwachen, erhebt sich öfter nämlich unser vernünftiges Jchbewußtsein gegenüber den allzu kühnen, ungereimten Phantasiegebilden. Dazu gehören namentlich die Erinnerungsträume aus der Jugend. Wir verweilen in der Schule und sehen deutlich den lange verstorbenen, alten Lehrer, aber wir sind erwachsen und finden uns gar nicht zurecht in der kleinen Schulbank. Ein anderer soll ein Mathematikexamen machen und sagt sich dabei selbst, daß ihm das unmöglich fei, weil er die Formeln längst vergessen hat. Ja, im Traum wissen wir auf einmal, daß wir träumen. Dieses Vernunftlicht nun, welches wie eine Sonne in das Traumdunkel hinein- strahlt, kommt allmählich zu immer größerer Herrschaft, bis irgend ein zufälliges Geräusch, ein plötzliches Zusammensinken der Traumbilder u. a. m. den Bann aufhebt und wir mit dem wieder geschenkten Selbstbewußtsein sagen: Mir hat geträumt. So groß nun die Bedeutung des Traumes in der Weltgeschichte wie im Leben des Einzelnen ist, so wenig hat doch die Menschheit aus den Träumen eigentlich neue Wahrheiten gelernt oder auf Grund von Träumen irgend ein Räthsel des Lebens gelöst. Auch sind wir für das, was wir im Traumzustande beginnen und sagen, vor Gott und unserm Gewissen nicht verantwortlich, es müßte denn ein Traum absichtlich durch irgend welche Mittel verursacht worden sein. Aber wir dürfen ebenso wenig einen Lohn erhoffen für etwaiges im Traume vollbrachte Gute. Der Traum und unser Verhalten in demselben kann höchstens ein Gradmesser sein für unsere sittliche Festigkeit im wachen Leben. Gerne haben die Dichter den Traum in ihren Dramen verwerthet und ihn oft ganz in seiner gigantischen Kraft wirken lassen. In neuester Zeit hat Gerhard Hauptmann in „Hannele's Himmelfahrt" uns lauter Traumbilder auf die Bühne gebracht, während Shakespeare schon früher die Träume zu dramatischen Helfem machte. In der Lyrik ist ebenfalls viel vom Traume die Rede, aber das ist mehr jener wache Traum der Phantasie, der als guter Genius uns durchs Leben geleitet und mit seinen freundlichen Bildern über die Dornen und Stacheln glücklich den Menschen hinwegbringt. Immer muß das wache Leben der Schauplatz bleiben, auf dem wir mit den Talenten wuchern und zu jenen Fernen hineilen, die im Traume wie aus einer andern Welt manchem schon in die Seele leuchteten. Nur was wir im Lichte gewirkt und erworben haben, gehört uns an. Die Traumerscheinungen selbst sind aber ein Beweis für die in uns ruhenden Geisteskräfte, welche unabhängig vom Gehirn fortdauern auch im Schlafe. Sie bestätigen das Wort eines Arztes, der nach einer Besprechung verschiedener, außergewöhnlicher Seelenzustände schreibt^: Wenn uns schon die Nachtseite des menschlichen Lebens so wunderbare Erscheinungen zeigt, welche Aufklärung müßte erst die Lichtseite desselben gewähren, wenn es uns vergönnt wäre, den Geist, ungcfesselt von den irdischen Banden, in seiner vollen Freiheit zu betrachten, wie er klar erkennt, was das irdische Gefühl nur in lieblichen Bildern der plastischen Phantasie anschaut; wie vor seinem unsterblichen Auge die Wahrheit heraustagt mit dem Antlitz der ewigen Gottheit, deren Wesenheit zu begreifen die irdische Vernunft zu beschränkt ist, die nur ein frommes Gemüth träumend ahnt und in festem Glauben tief anbetend verehrt. -- Erst Kuhhirt — dann General. Von K. Reichner. - MMru« vttbsliii.1 „Und wrr's zum Korporal erst hat gebracht, Der steht auf der Leiter zur höchsten Macht." („Wallenstein'S Lager.") Nicht weit von Delbrück in Westfalen befindet sich der „Sporkhof", ein kleines, bescheidenes Bauerngut, in welchem einst anuo 1600 die Wiege eines Mannes stand, dessen Name später im Soldatenleben und Treiben des 30jährigen Krieges (1618—49) viel genannt ward: Johann Spork! Dort in dem unansehnlichen, hölzernen, von Eichenbäumen umgebenen Vaterhause wuchs der junge muthige Bursche auf, der weder lesen noch schreiben konnte und dessen Beschäftigung darin bestand, seines Vaters Vieh zu hüten, bis er es eines schönen Tages nicht mehr daheim aushielt, sondern — dem verführerischen Lockruf bayerischer Werber folgend — heimlich Heimath und Familie, Haus und Hof verließ, um als Soldat in ein bayerisch-lignistisches Dragoner-Regiment zu treten und die Schlacht am Weißen Berge mitzumachen. Trieb doch, außer heißem Thatendrang und der kriegerischen Zeitbewegung, den jungen, kräftigen Menschen noch etwas Anderes als Unzufriedenheit mit den engen häuslichen Verhältnissen, der einförmigen Abhängigkeit, hinaus in's wilde Leben: eine unglückliche Liebe nämlich zu Nachbars Grethe, einem hübschen Bauernmädchen der — oder vielmehr deren Eltern — der Johann Spork nicht gut genug war. Draußen in der Fremde glückte es ihm desto schneller. Nachdem er während der Jahre 1620—1633 schon zum Rittmeister hinaufgearbeitet sich hatte, erhielt er ein eigenes Regiment und machte bald überall in deutschen Landen durch tollkühne, verwegene Reiter- und andere Stücklein von sich reden, denn die wunderbare Geschwindigkeit und unerschrockene Tapferkeit seiner Reiterschaar war so beispiellos und verblüffend, daß schon ihr bloßes Nahen genügte, Tausende in höchsten Schrecken zu versetzen. Dadurch erklärt sich auch das sonst unbegreiflich erscheinende Factum, wie es ihm im Jahre 1636 möglich 147 wurde, mit nur 8l) Mann einen Angriff auf 600, die zufällig in den Weg ihm kamen, zu wagen und zu gewinnen, wobei viele Gefangene und 400 gesattelte Pferde ihm in die Hände fielen. Seine Feinde zu zählen, fiel Spork niemals ein! Noch unglaublicher klingt deßhalb die Thatsache, daß ein paar Jahre später er mit derselben Tollkühnheit und keiner größeren Neiterschaar ein fliegendes Corps von zwei Regimentern zu Pferde, drei Regimentern zu Fuß und einem Regiment Dragoner — zusammen mehr als 5000 Mann — überfiel, blindlings seiner Tapferkeit und seinem Glücksstern vertrauend, und wirklich glückte ihm der tolle Streich! Eine Standarte und 300 Pferde wurden erbeutet, 50 der Feinde gefangen, 100 getödtet. Freilich erhielt Spork bei diesem hitzigen Gefecht einen Denkzettel für's ganze Leben: eine böse Schußwunde am linken Auge nämlich, die lange ihm zu schaffen machte und eine bleibende Verunstaltung in seinem Gesichte als Andenken zurückließ! Nachdem Spork im treuen Dienst der Neichspartei während des ganzen dreißigjährigen Krieges sich ausgezeichnet und bis zum Oberst seiner fliegenden Neiterschaar im bayerischen Werth'schen Negimente, einer Art von Frei- Corps, es gebracht, trat er kurz vor Beendigung des Krieges in das kaiserliche Heer, wo er zum General ernannt ward und erst recht zu Ehren kam, besonders als seine Neiterschaaren1664 den Sieg des österreichischen Heeres über die Türken in der großen Schlacht bei St. Eotthard, trotz der großen Uebermacht des Feindes (250,000 Türken gegen 37,000 Kaiserliche iucl. Hilfstruppen!), entschieden. Als die türkische Streitmacht auf die deutschen Truppen eindrang, soll Spork mit entblößtem Haupt vom Pferd gesprungen sein, um — vor seinen Regimentern nieder- knieend — laut zu beten: „Allmächtiger Generalissimus dort oben, willst Du heute uns, Deinen christgläubigen Kindern, nicht helfen, so hilf nur wenigstens den Türkenhunden nicht, und wir wollen schon mit ihnen fertig werden!" Und er wurde mit ihnen fertig! Der Kaiser aber erhob den früheren westfälischen Kuhhirten zum Neichsgrafen und machte ihm reiche Besitzungen in Böhmen zum Geschenke. Da nun der neue Graf, dessen Wappen aus einem abgesäbelten Türkenkopf bestand, bekanntlich nicht einmal schreiben konnte, so lernte er wenigstens jetzt seinen Namen kritzeln und unterzeichnete fortan: „Spork — Graf", indem er die Bemerkung: daß man eigentlich doch umgekehrt „Graf Spork" sage, auf gut plattdeutsch durch die schlagende Erklärung widerlegte: „Ei watl ick was eher Spork aes Graf!" (Ei was! ich war eher Spork als Graf!") Im Jahre 1670 zum Feldmarschall ernannt, holte Spork als schon Siebenzigjähriger neue Siege und neue Lorbeeren sich in Ungarn, am Rhein gegen Turenne usw., und als endlich bei zunehmendem Alter er den Dienst guittiren und von seiner geliebten Kavallerie Abschied nehmen mußte, die ihm so an's Herz gewachsen war, wie er ihr, da — weinte er, der eisenfeste alte Haudegen, weinte heiße Thränen, und so innig hing das Heer an seinem greisen Feldherrn, daß Alle wie ein Mann sich in Bewegung setzten, um, als zum letzten Male er grüßend ihnen zuwinkte, das Ehrengeleit ihm zu geben. Graf Johann von Spork zog für den Rest seines Lebens auf sein Schloß in Böhmen: „Herman-Mestiz" sich zurück als ein — noch dazu für damalige Zeitverhült- nisse — sehr reicher Mann, indem er, der einstige Kuhhirt, Eigenthümer von 7 Herrschaften mit ausgedehntem Grundbesitz und einem Jahreseinkommen von 50,000 Neichsthalern (150,000 Mark) war! Spork war zweimal verheirathet: in erster Ehe mit einem reichen hessischen Freifräulein, Anna Margaretha von Anfingen, die — nach dem Brauche jener Zeiten — muthig und getreu ihm in's wildbewegte Gewühl des Lagerlebens folgte, und später, nach ihrem Tode, als Sechzigjähriger mit dem mecklenburgischen Freifräulein Eleonore Marie Katharina von Ftneck, aus gleichfalls altadeltgem Geschlecht. Trotzdem vergaß er seine erste Liebe nicht! Als seine kriegerischen Züge ihn 1674 nach Westfalen, seiner Hei- math, führten, besuchte er, der niemals seiner niedrigen Geburt sich schämte, auch sein Vaterhaus, den „Spork- Hof", um ein paar Stunden dort bei den Seinen zu verleben. Als er, der berühmte Mann und hohe Krieger, mit glänzendem Gefolge angeritten kam, ward er an der Thür des elterlichen Hauses von einem seiner Brüder und dessen Familie empfangen und bewillkommnet, und damals soll's gewesen sein, daß er die hübsche Grethe wieder sehen wollte, die — nun längst eine alte runzelige Bäuerin geworden — in der üblichen Landestracht dortiger Gegend vor dem einst so schnöde abgewiesenen und dann so hoch gestiegenen Liebhaber erschien. „Grethcheu, wer es geahnt hätte," sprach dieser scherzend in Anspielung darauf mit gut westfälischem Dialekt, als er ihr kräftig die Hand zur Begrüßung schüttelte. «Ja Johanuchenl Wer das gewußt hätte!" erwiderte lächelnd das einst so schöne Gretchen, das auch nicht auf den Kopf und Mund gefallen war. Ehe Johann Spork die alte Heimath wiederum verließ, erwirkte er vom Fürstbischof von Paderborn, daß die Bewohner seiner Geburtsstätte fortan von Leibeigenschaft, Schätzung und Abgabe befreit wurden. Er starb im Jahre 1679, fast 80 Jahre alt, und heute noch leben in Oesterreich Nachkommen von ihm, der es aus eigener Kraft vom Kuhhirten bis zu den höchsten kriegerischen Ehren und Würden brachte, als echte Illustration jener kriegerischen, buntbewegten Zeit, von welcher Schiller in seinem „Wollenstem" sagt: „Und wer's zum Korporal erst hat gebracht, Der steht auf der Leiter zur höchsten Macht." Ein Schwabe über Kamerun. Herr Rudolf Betz, Ncichsschullehrer in Kamerun (Bonebela), der gegenwärtig einen halbjährigen Urlaub in der lieben Heimath zubringt und auf einige Tage auch seine Jugend- und Studienfreunde in Nottweil besuchte, hat einem Freunde des „Schwarzwälder Boten" eine Schilderung über die Verhältnisse und seine Wirksamkeit in Kamerun gegeben, aus der wir folgendes entnehmen : Die Duallastadt, in der sich seine Schule befindet, liegt 45 Kilometer vom Meer am Kamerunfluß, der dort die respektable Breite von 7 Kilometer erreicht, und ist 3 Stunden von der andern Duallastadt entfernt, wo sein Kollege Christaller den BaculuS schwingt und wo das Gouvernement seinen Sitz hat, wie auch der Ober- häuptling King Bell. Unter etwa viertausend Bewohnern ist Betz der einzige Weiße, wie auch sein Schulhaus das einzige nach europäischer Art hergestellte Gebäude am Platze ist, da die Dualla in Hütten wohnen. Das Schulhaus selbst ist einstöckig, die Zimmer aus praktischen 148 Gründen Hochparterre. Als Schulzimmer fungiert des besseren Luftzutritts halber — die Temperatur steigt in Bonebela von einem Minimum von etwa 20 Grad Celsius bis auf 40 Grad — die Veranda. Dort sitzen täglich von 7—12 Uhr 40—50 halbnackte Schwarze, die wie der ganze Duallastamm überhaupt gutmüthig und dabei sehr intelligent sind. Die Disziplin wacht fast gar keine Schwierigkeiten; faule oder nachlässige Kameraden pflegen sogar ab und zu zu besserer Wrckuug ihres Lerntriebs von ihren eifrigeren Mitschülern nach der Schule durchgeprügelt zu werden, Während des Urlaubs des Herrn Betz besorgt ein begabter, tüchtiger Häuptlingssohn im Alter von 15 Jahren die Stellvertretung. Schulzwang gibts nicht. Die Schüler sind meist Heiden und gehören durch" weg den vermöglicheren Familien an, da die minder gut situirten Väter ihre Kinder brauchen und auf ihre Handelsreisen in das Innere Afrikas mitnehmen; die Dualla sind nämlich ganz praktische, tüchtige Händler und Kaufleute. Bis zum fünften Jahr gehen sie nackt, später tragen sie als einzige Kleidung ein um den Körper geschlungenes farbiges, wohl auch seidenes Tuch, das jedoch bei beiden Geschlechtern Beine und Oberkörper frei läßt. Die Weiber werden gekauft und zwar schon in einem Alter von zwei Jahren; maßgebend für die Höhe des Preises ist der Rang oder das Ansehen, in welchem der künftige Schwiegervater steht. Je mehr Weiber, desto angesehener der Mann; der Häuptling hat daher am meisten Weiber. Bleibt eine Frau kinderlos, so kann sie der Mann wieder heimschicken und den Kaufpreis zurückverlangen; je mehr Kinder, desto besser. King Beils Familie (Kinder und Enkel) soll etwa 200 Köpfe stark sein. Etwas ganz Merkwürdiges und ein Beweis der hohen Intelligenz dieses Stammes ist die Geheimsprache der Dualla, die sog. Trommelsprache, die aber nur die Vornehmeren verstehen und die sie Weißen gegenüber gern als Aequivalent für die ihnen fehlende Schrift bezeichnen. Als Instrument dient ein ausgehöhltes cylin- drisches Holzstück von etwa 60 Ctm. Länge, das an seinem Boden etwas dicker ist und daher dort einen dumpferen Klang gibt. Das Verhältniß des oben erzeugten Tones zu dem unten erzeugten ist etwa das einer Quarte. Dieses Instrument wird nun mit etwa 2 Holzstäben angeschlagen. Dabei bedeutet jeder Ton oder doch jede Tonfigur einen vollständigen Gedanken — Duallismen, wenn wir so sagen können, nur daß die ganze Sprache durch solche Tonfiguren dargestellt werden kann. Eben dieselben Ausdrücke können jedoch auch Mündlich gegeben werden. Das ganze Sprachmaterial besteht hier einzig und allein in den vier Silben to Zu io ku. Je nachdem diese gemischt werden und je nachdem die eine höher oder tiefer im Ton gesprochen wird, ändern sich Sinn und Bedeutung. Die Verschiedenheit in der Tonhöhe entspricht dabei ganz derjenigen auf der Trommel, besteht also stets in etwa einer Quarte. Herr Vetz ist wohl der einzige Europäer, der nicht nur die eigentliche Duallasprache, sondern auch diese Trommelsprache beherrscht; denn so sehr es die gutmüthigen Dualla belustigt, wenn ein Fremder diesen oder jenen harmlosen Ausdruck in der Trommelsprache versteht oder sich desselben am Ende gar bedient, so eifersüchtig wachen sie darüber, daß er keine Kenntniß bekomme von dem auf Götzendienst oder Krieg Bezüglichen. Die auf dem beschriebenen Holzchlinder erzeugten Töne oder Tonfiguren werden, da die Trommelsprache fast nur bei Nacht zu ihrer praktischen Verwendung kommt, etwa 1 Kilometer weit gehört und immer vom nächsten Trommelmann weitergegeben. Das ersetzt dann den Dualla vollständig die Zeitung. Gelernt wird diese Sprache erst im Alter von 18—20 Jahren. --^SSWS-.- Allerlei. Die Zeichensprache der Falschspieler. Ich verfüge zwar nicht über die persönlichen Erfahrungen des von Ihnen citirten Herrn aus der „Kreuzztg." über die Gepflogenheiten der Falschspieler, aber nichtsdestoweniger kann ich einige „Enthüllungen" über die bei den Falschspielern übliche Zeichensprache machen. Kein Geringerer als Dickens hat schon vor einigen Jahrzehnten in der englischen Zeitschrift „/tll tlls 'X'sa.r rouuä" einige Geheimnisse der „Ritter vom Treff-Buben" aufgedeckt: Der Falschspieler hat in der Regel einen Genossen, der sich am Spiel nicht betheiligt, aber in scheinbar harmloser Weise hinter des Gegners Stuhl Aufstellung nimmt. Schaut er seinen Genossen an, so bedeutet das, daß dessen Gegner einen König hat; er schaut auf des Gegners Hand, dies bedeutet eine Dame; auf den Einsatz, dies bedeutet einen Buben; nach der gegenüberliegenden Seite, ein Aß. Zu derselben Zeit ,da er den Werth der Karten verräth, gibt er auch die Reihenfolge an. Der Mund leicht offen bezeichnet Herz (Coeur), geschlossen Carreau; die obere Lippe leicht über die untere gezogen, Kreuz (Treff), die untere Lippe leicht über die obere gezogen, Schippen (Pique). Wenn also der Gehilfe z. B. die Dame, den Buben und Herz-Aß anzuzeigen hat, so blickt er der Reihe nach auf des Gegners Hand, den Einsatz und nach der gegenüberliegenden Seite und hält dabei immerdar seinen Mund leicht geöffnet. — Daß es hierbei alle möglichen Variationen gibt, versteht sich von selbst. --L-MSS--— Königszug. muß ihr den man weih täg der schö sprö rauch lich früh gleicht heit weis nen streu'« ihr gan sein die werth be weih'n zeS le zu lie um ben sein ihrer Auslösung des Bilder-Räthsels in Nr.lS: M e d i c a m e n t e. 21 . 1894. „Augsburger Postzritung". Dienstag, den 13. März Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Die Tochter des Hauses. Erzählung von C. Borges. —^Nachdruck verboten.) Erstes Capitel. Hell leuchtete der Mond über der kleinen, von Wald und Bergen eng umschlossenen Gebtrgsstadt. Es war ein kalter, frostiger Winterabend, und ein scharfer Wind strich schneidend durch das stille Thal hin, den frisch gefallenen Schnee fußhoch aufthürmend. Auf den Dächern oder an den kahlen Zweigen der Bäume schimmerten die weißen Kiystalle, hin und wieder schwirrte eine Eule krächzend mit langsamem, schwerem Fluge durch die blätterlosen Gipfel. Doch so sehr draußen der Sturm auch heulte und tobte und mit wilder Gewalt die Bäume peitschte, so daß sie ächzend und stöhnend gegen die hell erleuchteten Fenster eines stattlichen Hauses schlugen, so merkte man in dem behaglich durchwärmten Gemache nichts von der schneidenden Kälte dieses rauhen, stürmischen Dezemberabends. Auf einem niederen Tabouret saß die Herrin des Hauses, die schon seit Jahren verwittwete Frau von Soden. Obgleich schon in der Mitte der Vierziger, war sie immerhin noch eine imposante, stattliche Erscheinung mit tiefblauen, seelenvollen Augen und blühendem Antlitz, in dem aber ein gewisser Zug auf nicht allzu große Charakterstärke schließen ließ. — Sie trug noch immer tiefe Trauer, denn obgleich ihr Gatte schon seit sechs Jahren durch den unerbittlichen Tod von ihr gerissen war, konnte sie sich doch nicht entschließen, die schwarze Kleidung abzulegen. Durch ihre feinen, weißen Finger flogen ruhelos die klirrenden Nadeln eines Strickzeuges; nur ab und zu, wenn der Wind so heftig die Fenster rüttelte, schaute sie auf, rückte dann wohl ihren Stuhl dem Feuer näher und fuhr emsig in ihrer Arbeit fort. Ihr gegenüber, in die weichen Polster eines bequemen Sessels gelehnt, saß sinnend und regungslos ein junges Mädchen. Ihre in einander gelegten Hände ruhten müßig im Sckwoße, die dunkelbraunen Augen blickten träumend ins Leere, und die sonst so rosig angehauchten Wangen waren auffallend bleich. Das üppige, kastanienbraune Haar schmiegte sich in schweren Flechten fest um das Haupt und bedeckte in kleinen Ringeln fast die Hälfte der Stirn, doch die fest aufeinander gepreßten, schmalen Lippen zeugten unverkennbar von großer Willenskraft. „Du bist heute so schweigsam und so unthätig, Barbara," begann endlich die ältere Dame. „Ja, Tantchen, ich weiß es — aber ich bin nicht wie Du; ich kann nicht arbeiten, wenn ich so viel zu denken habe." „Was ist Dir denn eigentlich? Hast Du Sorgen? Das scheint mir doch kaum möglich! Willst Du es mir denn nicht sagen und Dein Herz ausschütten? Schon seit einigen Tagen habe ich bemerkt, daß etwas auf Deiner Seele lastet — habe ich Recht?" „Es ist morgen mein Geburtstag, Tante Agnes." „Das weiß ich! Glaubst Du etwa, ich könnte das vergessen, mein Kind?" „O nein, Tantchen, Du nicht, — ich weiß, Du denkst viel an micb und bist immer so gut und freundlich gegen mich gewesen — aber die Anderen — werden sie wohl an mich denken?" „Deshalb machst Du Dir Sorge, mein Kind, kümmert es Dich, ob „die Andern" an Dich denken oder nicht?" fragte die Tante mit leisem Vorwurf. „Ja, aber noch mehr; — es kann und darf nicht länger so weiter gehen." „Was meinst Du? Ich verstehe Dich nicht." Ein leichter Schatten des Unmuths und der Furcht lagerte sich auf Frau von Südens wohlwollendem Antlitz. „Ich will's Dir sagen," versetzte Barbara, doch gleich hielt sie inne, setzte sich auf einen niederen Schemel zu Füßen der Tante und schaute sie mit ihren dunklen Augen flehend an. — Sie war gerade keine auffallende Schönheit, doch das fein geschnittene Gcsicht- chen war heute auffallend bleich und um die Mundwinkel zuckte es bedenklich. Und doch war Barbara von Garkau der Sonnenstrahl des Hauses, durch ihre gewinnende Freundlichkeit und Offenheit schon von Kindheit an der allgemeine Liebling. „Nun, Tantchen, heute will ich Dir sagen, was mir fast das Herz abdrückt," begann sie, ihr Haupt in die Hände der Tante bergend. „Es ist kaum anzunehmen, daß in dem ganzen weiten Weltall irgend ein Kind gefunden werden könnte, welches sich in einer so eigenthümlichen Stellung befindet, wie ich. — Ich habe einen Vater, eine Stiefmutter, eine Schwester und zwei kleine Brüder, und habe noch nie in meinem Leben irgend ein Glied meiner Angehörigen gesehen. — Du hast mir erzählt, daß mein Vater mich einst besucht hat, als ich kaum fünf Jahre zählte. Er wird gewiß 150 nur sehr kurze Zeit hier gewesen sein und keinen Eindruck auf mich gemacht haben, denn ich entsinne mich seiner gar nicht. Von meiner eigenen Mutter weiß ich gar Nichts, denn Du willst mir ja nie von ihr erzählen. Du sagst mir, daß, wenn ich zwanzig Jahre alt bin, ich in Besitz eines bedeutenden Vermögens und eines prächtigen Landhauses gelangen werde. Morgen werde ich neunzehn Jahre alt, also im Verlauf eines Jahres bin ich eine reiche Erbin! — Was wird dann geschehen? Wird dann mein Vater kommen und mich in sein Haus aufnehmen? Sich, liebe Tante, Du bist sehr, sehr gut gegen mich gewesen; meine eigene Mutter hätte mich nicht liebevoller hegen und Pflegen, mich nicht sorgfältiger erziehen können, wie Du es so gewissenhaft gethan hast. Für all Deine Liebe bin ich Dir sehr dankbar, das weißt Du, nicht wahr? — und ich liebe Dich aufrichtig dafür," sie legte schmeichelnd ihren Arm um den Hals der Tante, „aber trotzdem hat mein Vater kein Recht, mich von sich fern zu halten, wie er es bisher gethan hat wenn er nicht einen Grund — einen triftigen, guten Grund hat, der sein schroffes Benehmen gegen mich entschuldigt," fügte sie mit bebender Stimme hinzu. „Aber Du weißt doch, mein Kind, daß Deine arme Mutter gerade an dem Tage starb, als Du geboren wurdest; und Dein Vater liebte sie so innig, daß er fürchtete, Dein Anblick würde ihn stets an seinen Verlust erinnern." „Oh, ja, das weiß ich, das hast Du mir oft gesagt Aber verzeihe mir, Tantchen, ich glaube es nicht. Als mein Vater vor ungefähr zwölf Jahren wieder hei- rathete, mußte er solche Gefühle beherrschen, sonst hätte er keine zweite Gattin erwählt." „Nun, er heirathete hauptsächlich deßhalb noch einmal, weil er für seinen Titel und seine Güter einen Sohn und Erben wünschte. Das Andenken an Deine Mutter ist damit aber nicht verloren gegangen." „Ja, aber warum denn vernachlässigt mich mein Vater so?" „Du solltest nicht so von Deinem Vater sprechen," ermähnte die Tante. „Von meinem Vater? Hat er wie ein Vater gegen mich gehandelt?" „Er hat stets hinreichend Geld für Deine Erziehung geschickt, das mußt Du anerkennen." „Geld? ja, das weiß ich. — Aber was ist Geld im Vergleich zu der väterlichen Liebe, die er mir schuldete? Bah! daran liegt mir nichts!" „Nun, warte ab, Barbara. Im nächsten Jahre, wenn Du 20 Jahre alt bist, wird er Dich besuchen, und wer weiß, vielleicht — —" „Nein, liebe Tante," unterbrach das junge Mädchen, „so lange warte ich nicht." „Was willst Du thun? Was hast Du vor?" fragte die Tante sichtlich erschreckt. „Bis jetzt weiß ich eS noch nicht; ich habe noch keinen festen Plan gefaßt. Aber ehe ich meinen Entschluß ausführen kann, muß ich die einfache Wahrheit wissen. Sieh nicht so erschreckt drein, liebe Tante, wenn Du sie mir nicht sagen willst, so schreibe ich noch heute an meinen Vater und frage ihn ganz offen. Aber es ist besser, Du gibst nach und sagst mir Alles, was Du weißt." Die arme Frau von Soden! Der gerechtfertigte Wunsch ihrer Nichte brachte sie in nicht geringe Verlegenheit, und hilfesuchend blickte sie bittend in das erregte Antlitz des jungen Mädchens. Sie hatte längst gefürchtet, daß dieser Augenblick kommen und Barbara auf Klarlegung der Verhältnisse dringen würde, und sich im Stillen gewundert, daß dieser gefürchtete Zeitpunkt bis jetzt hinausgeschoben war. In ihrer Charakterschwäche versuchte'sie auch heute mit einer Mittheilung zu zögern, die ihr geliebtes Kind schmerzlich berühren mußte. „Ein anderes Mal, Barbara," tröstete sie, „ich verspreche Dir, daß ich Dir bald alles sagen will, was ich weiß. Siehe, es ist bald Zeit zum Abendessen, — der Thee wird gleich hereingebracht werden." „Nein, Tante, ich warte nicht länger; ich kann nicht warten, ich habe einen ganz besonderen Grund. Du weißt auch, der Thee wird kaum in einer halben Stunde hereingebracht." Wie gewöhnlich, mußte auch heute die gute Tante dem stärkeren Willen der Nichte nachgeben, und nachdem sie einige Male schwer geseufzt hatte, begann sie: „Du hättest Deine Mutter kennen müssen, mein liebes Kind; doch Du hast ja keine Ahnung davon, wie sie aussah, und Du gleichst ihr durchaus nicht. Sie hatte Helles, lockiges Haar, rosig angehauchte Wangen, und ihre großen, blauen Augen lachten schelmisch und in froher Lebenslust. Ich werde nie den Abend vergessen, als ich sie zum ersten Male auf einem Balle traf, dessen Glanz- und Mittelpunkt sie bildete. Mein Bruder Gottfried — Dein Vater — sah sie, und wir wunderten uns gar nicht darüber, daß er nur für sie Auge und Ohr hatte; waren wir doch selbst von ihrer Schönheit und Anmuth begeistert. — Bald war das junge Paar verlobt, und wir waren Alle glücklich darüber. — Nora Settier — so hieß Deine Mutter — lebte mit einer Tante, einer Wittwe, in einer kleinen Villa, in einem ziemlich entlegenen Stadttheil, von den Zinsen des Capitals, welches ihr Gatte bei seinem Tode ihr ausgesetzt hatte. Gottfried war zu glücklich, um sich nach den Familienverhältnissen seiner Braut zu erkundigen und Niemand von uns schöpfte auch nur den geringsten Argwohn. Ich erinnerte mich zwar später, daß ich Nora einst bitterlich weinend fand; ein anderes Mal, als ich sie besuchte, hörte ich vor der Thür, wie sie schluchzend ausrief: „Ich kann es nicht länger ertragen — ich muß es ihm sagen", doch wußte ich nicht, was ihre Worte bedeuten konnten." „Endlich kam der Hochzeitstag. Nora sah in ihrem schweren, weißseidenen Kleide, mit Myrten und Schleier geschmückt, wirklich bezaubernd aus, obwohl ihre Augen vom Weinen roth umrandet waren. Gleich nach der Feier begaben sich die Neuvermählten auf eine längere Hochzeitsreise ins Ausland. — Ich habe Nora nicht wiedergesehen. — Da geschah das Unglaubliche. Frau Settler — Noras Tante — war plötzlich mit Hinterlassung einer bedeutenden Schuldenlast spurlos verschwunden. Allzu spät machte jetzt erst die Polizei die Entdeckung, daß die Entflohene mit einer gefährlichen Abenteurerin und Gaunerin identisch sei, auf die schon lange in verschiedenen Städten gefahndet, die aber bis jetzt noch immer den Händen der Gerechtigkeit glücklich entkommen war. In der abgelegenen Villa war eine Spielhölle errichtet, und Frau Settler verstand es, durch falsches Spiel bedeutende Summen denen abzunehmen, » « 15,1 die in ihre Netze verboten worden, « -h' gegangen waren. Nora war streng Gottfried von der schmachvollen Erwerbsquelle zu sprechen, und leider hatte sie nicht den pflichtmüßigen Muth, trotzdem zu reden." Barbara war aschfahl geworden. Regungslos hingen ihre Blicke an den Lippen ihrer Tante, und langsam rann Thräne auf Thräne über ihre bleichen Wangen hernieder. „Und mein Vater? — was sagte er, als er erfuhr, daß der Name meiner Mutter nicht fleckenlos sei?" hauchte Barbara. „Ich weiß es nicht; ich wagte nie, ihn darnach zu fragen. Er blieb mit seiner jungen Gattin im fernen Lande und kehrte nicht nach dem Adlerhorst, dem Stammsitz seiner Ahnen, zurück. Er lebte bald hier, bald dorr, und einst, als er sich kurze Zeit am Bodensee aufhielt, reiste meine Mutter hin, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Sie erzählte mir später, daß das junge Paar ein unglückliches, ruheloses Leben führe. Nora sehe bleich und krank aus und scheine vor ihrem Gatten sich in scheuer Furcht zurückzuziehen. Auch Dein Vater schien nicht froh und glücklich zu sein; er hatte seiner Gattin vergeben, aber das frühere Vertrauen konnte nicht wieder hergestellt werden, obgleich er sie innig liebte. „Wenige Monate später erfuhr ich, daßDu geboren warst und Deine arme Mutter ihr traurigesDasein beendet hatte. Darauf kam Dein Vater zu mir und brachte Dich mit der Wärterin. — Fast hätte ich ihn nicht wieder erkannt, so verändert sah er aus. Sorge und Gram, vielleicht auch Gewissensbisse hatten mit ehernem Griffel ihm tiefe Furchen durchs Antlitz gezogen, und zahlreiche Silberfäden durchzogen sein dunkles, gelocktes Haar. Anfänglich war er sehr schweigsam, dann aber schüttete er mir sein ganzes Herz aus. Er gestand mir, daß er durch sein liebloses Benehmen das sichtliche Hinwelken seiner Gattin verschuldet habe. Er hatte sie innig geliebt, sich aber nicht überwinden können, ihr diese Liebe zu zeigen, wiewohl er wußte, wie sehr sie sich nach einem einzigen, liebevollen Blick sehnte. Erst als sie im Sterben lag. hatte er ihr Alles verziehen, und in seinen Armen hauchte sie den letzten Athem aus. Er glaubte, der stolze Name der Freiherren von Garkau sei durch diese Verbindung in den Staub gezogen, und erst jahrelang nach dem Tode konnte er sich entschließen, nach dem Adlerhorst, seinem Stammschlosse, zurückzukehren!" Frau von Soden hielt inne. Liebkosend glitten ihre Finger über das Haupt des leise weinenden Mädchens, das noch immer still zu ihren Füßen saß. E „Mein Bruder konnte nicht den Anblick seines Kindes ertragen. Er glaubte, durch sein liebloses Benehmen den frühen Tod der Mutter verursacht zu haben, und ließ Dich fortan unter meiner Obhut. Ich war sehr glücklich darüber, denn mein Herz blutete noch um den Verlust meines eigenen, einzigen Kindes, und jetzt fand ich Ersatz. Dann reiste Dein Vater wieder in der Welt umher. Als Du fünf Jahre alt warst, kam er wieder, doch nur auf wenige Stunden. Wir kamen überein, daß Du hier bleiben solltest. AIs Du herangewachsen warst, bat ich ihn oft, entweder hierher zu kommen oder Dich nach dem Adlerhorst zu nehmen, aber dazu kann er sich nicht entschließen. Ich kenne wohl den Grund — er fürchtet, durch Dich an Nora erinnert zu werden, und schwach, wie er ist, schiebt er _gern diesen Augenblick so lange wie möglich hinaus. Du weißt, Barbara, Charakterschwäche ist ein Grundzug in der Garkau'- schen Familie, und ich weiß nicht, woher Du die starke Willenskraft hast; jedenfalls von Deiner Mutter." „Gleiche ich jetzt meiner Mutter,Tante Agnes?" fragte das junge Mädchen, nachdem es die Thränen getrocknet hatte. „Nein, mein Kind, durchaus nicht. Aber dennoch würde ich Dich sofort als Noras Kind wieder erkennen. Du hast dieselbe melodische, weiche Stimme, dasselbe heitere, silberhelle Lachen, welches uns Alle am ersten Abend so sehr entzückte. Nora war so lebensfroh und heiter, so ganz verschieden von uns, die wir auf dem Adlerhorst ein einsames, zurückgezogenes Leben geführt hatten." Tante Agnes schwieg. Barbara blickte starr vor sich nieder, ihr Antlitz war bleich und traurig. Endlich stand sie auf. „Ich danke Dir, Tante Agnes, und ich freue mich, daß ich jetzt Alles weiß. Von nun an betrachte ich das schroffe Benehmen meines Vaters gegen mich im anderen Lichte. Jetzt verstehe ich, warum er mich zeitlebens vernachlässigt hat, aber ich halte es doch nicht für rechtlich." Dann umarmte sie innig ihre Tante, küßte sie und verließ das Zimmer. — AIs sie. später ihren gewöhnlichen Platz am Theetisch wieder einnahm, war sie ruhig und gefaßt, und ihre Wangen zeigten wieder den früheren rosigen Schimmer. Nur noch einmal kam sie auf die erste Unterhaltung zurück, als sie fragte: „Noch eins ist mir unklar, liebe Tante. Woher kommt das Vermögen, welches ich im nächsten Jahr erlange' soll? Bis jetzt hatte ich geglaubt, es sei ein Erbth^ meiner Mutter; doch da es ein Irrthum ist, muß ich doch wissen, wem ich es zu danken habe." Ih'l reuzweg mit dem Loes Iiomo-(Pilatus-)Bogen. 152 „Ein alter, excentrischer Großonkel hat es Dir testamentarisch vermacht, Barbara. Ihm mißfiel die lange Abwesenheit Deines Vaters von seiner Heimath, noch mehr aber, daß er Dich nicht bei sich haben wollte. Um Dich einigermaßen schadlos zu halten, machte er sein Testament zu Deinen Gunsten." „Ah, so ist es. Ja, ich entsinne mich. Du hast es mir gewiß schon gesagt, aber ich dachte nicht mehr daran. — Mein Vater heirathete wieder vor zwölf Jahren, meine kleine Schwester Eveline ist jetzt elf Jahre alt," flüsterte sie dann im leisen Selbstgespräch, und wieder trat wider Willen eine Thräne in ihr großes, dunkles Auge. Als Barbara am nächsten Morgen das Frühstückszimmer betrat, fiel ihr erster Blick auf einen kleinen Seitentisch, der mit zahlreichen Briefen, mit kleineren und größeren Packeten bedeckt war. In der ungewissen Furcht und Hoffnung, ob „die Andern" — wie sie stets ihre Verwandten auf dem Adlerhorst zu nennen pflegte — sich ihres Geburtstages erinnert hätten, trat sie näher. Aber nein, ein einziger Blick hatte sie überzeugt, es war kein Brief mit der festen, steifen Handschrift des Vaters darunter. — Die wenigen Zeilen, die der Freiherr v. Garkau seinem ältesten Kinde ab und zu schrieb, waren stets so kühl gehalten, athmeten so wenig Liebe, daß Barbara oft darüber empört gewesen war und nur auf den strengen Befehl der Tante sich zu der Ueber- schrift: „Mein lieber Vater" oder zu der Unterschrift: „Deine Dich liebende Tochter" bequemte. Jetzt konnte sie ihrem Vater nicht mehr zürnen; sie fühlte nur Mitleid, inniges, tiefes Mitleid mit ihm. Sein alter, angeerbter Familienstolz war durch die Verbindung mit einer Frau, deren Name nicht fleckenlos war, gedemüthigt worden, und diese Frau war ihre eigene Mutter. Sie hatte in der Nacht nicht schlafen können, hatte sich unruhig in den weichen Kissen gewälzt und erst gegen Morgen emen kurzen Schlummer gefunden, der noch durch unruhige Träume gestört ward. Doch als sie jetzt die Briefe öffnete und von Nah und Fern so viele Beweise der Liebe und Freundschaft vorfand, erheiterte sich ihr trübes Auge und ihre Wangen färbten sich freudig. (Fortsetzung folgt.) --SL88WS- Lunchenschiilen. X Ein eigenartiges Schulinstitut findet sich in England: das der sogen. Lumpenschulen. Ueber Entstehung und Einrichtung derselben berichtet die „Rhein.- Westf. Schulzeitung": Der eigentliche Gründer dieser Schulen ist ein armer Schuhmacher John Pounds in Portsmouth, der die armen, auf die Bahn des Lasters gedrängten Kinder um sich vereinigte, sie nährte und unterrichtete. Nach ihm hat dann der bekannte Philanthrop Graf Shaftesbury diese Anstalten über ganz Europa ausgebreitet. Gegenüber den früheren Grundsätzen: „Man muß das Uebel mit der Wurzel ausreißen" unter der Regierung Georgs II. wurde noch ein Knabe von zwölf und ein Mädchen von elf Jahren zum Tode durch den Strang verurtheilt und hingerichtet — heißt es jetzt: „Verhinderung ist besser als Heilung." Eine, wenn auch kleine Anzahl der Kleinen wird durch diese Schulen dem Verderben entrissen. Ohne Schuhe, ohne Strümpfe und Mützen finden wir ganze Haufen solcher Kinder in den Straßen der Hauptstadt Englands: nach den Tönen einer Drehorgel arrangiren sie einen Ball, führen einen eigenartigen Tanz auf und erregen sowie auch durch die Grazie ihrer Bewegungen und die oft auftretende Schönheit ihrer Gesichtszüge die Aufmerksamkeit manchen Zuschauers. Im Winter, wenn es nichts zu stehlen und zu betteln gibt, suchen diese beklagenswerthen Wesen ihre Zuflucht in den Lodginghäusern, auch hier von Stehlen und Betteln ihr Dasein fristend. Hier in diesen Lodginghäusern, den Brutstätten des Lasters, werden die Kleinen von den sogen. Diebszüchtern gewerbsmäßig zum Stehlen ausgebildet. Sind die Kinder in den Diebeskünsten weit genug vorgeschritten, so beginnt das Handwerk auf der Straße, anfangs von ihren Lehrern noch überwacht; kein Wunder, daß alle edlen Gefühle erstickt sind. So werden diese Kleinen von der frühesten Jugend an auf die Bahn des Lasters gedrängt und planmäßig zum Verderben erzogen, wenn nicht ein barmherziger Konstabler diese Wesen der Lumpenschule zuführt. Die geeignetste Zeit hiezu ist der Winter in seinen kalten Tagen. Die nackten Füße der Kleinen sind roth geschwollen, mit Frostbeulen und Wunden bedeckt. Eine dünne abgetragene Jacke ist alles, was ihre Brust schützt, ein vor Hunger abgemagertes Gesicht lugt unter den wüsten, wirren Haaren hervor. Bald füllen sich die eingefallenen Backen; jeden Morgen oder Abend ein Bad und die kräftige Kost thun wunderbare Wirkung. Der Segen dieser aus milden Gaben unterhaltenen Schulen beruht darin, daß hier die Kinder nicht bloß unterrichtet, sondern auch gepflegt und genährt werden. Ein Lehrer dieser Schulen erklärte: „Unsere Grützensuppe hat eine wunderbare Wirkung auf die armen Kinder: ohne sie hätten wir unsere Schulen längst schließen müssen." In einer dieser Londoner Lumpenschulen wurden innerhalb der letzten zehn Jahre über 4000 Kinder unterrichtet und erzogen. Durch die Gründung dieser Schulen hat die Zahl der jugendlichen Verbrecher in England bedeutend abgenommen, auch der Prozentsatz der Todesfälle hat sich vermindert. Die meisten dieser Kinder haben weder Eltern, noch Geschwister, noch Freunde; sie wissen selbst nicht, welcher Konfession sie angehören. In diesen Schulen wird nun irgend ein Handwerk von den Kleinen gelernt; so werden sie später zu ehrlichen, broderwerbenden Arbeitern. Wohlthuend berührt es, wenn man hört, daß wohlhabende frühere Lumpenschüler bei ihren Festlichkeiten mit dankbarer Liebe die Wohlthäter preisen, welche sie ihrem Elend entrissen haben. Gewiß ein schönes und verdienstliches Werk, diese Kinder dem moralischen und physischen Elend zu entreißen; zu bedauern ist nur, daß, nach den obigen Mittheilungen zu schließen, die konfessionelle Erziehung der Kinder ganz außer Acht gelassen zu werden scheint. Hätten wir doch einen Dom Bosco auch für England! --sso-v-cs— Goldkörner. Um die Wahrheit ist es Großes, Großes ist es um die Liebe — Kinder sind sie gleichen Schoßes, Gleicher Wurzel edle Triebe .... Wenn's auch nicht geschrieben stände Bei St. Paulus schon, — es bliebe Doch Gesetzes Füll und Ende: Wahrheit wirken in der Liebe. Kreiten. - "L M«« WM 'M^ L'.'.w WWW KWU M» W» /^' >»i- A. Ludwig., Die kleine Großmama WW NWlLÄ KSM z. ^ ' NM >H!'!"W- .^ WW ÄKWA OH-KLß WWW W!ZZZW WW >'W"">X MZ> WE 154 Binswangen. (Hiezu die Bilder auf Seite 154 und 155 ) Eine Stunde westlich von Wertingen liegt am Anfang des Donauriedes in sumpfiger Umgebung, — worauf schon der Ortsname deutet, — das Dorf Binswangen (Berghalde zwischen binsenreichem sumpfigem Terrain). Die griechische Goldmünze und die zwei Regenbogenschüsselein, die man im Jahre 1822 auf den Feldern fand, stellen es außer Zweifel, daß schon die Römer auf dieser Stätte geweilt und später Ansiedler jener altgermanischen Völker sich hier seßhaft gemacht, deren Münzen die sogenannten Regenbogenschüsselein waren (Sueben, Gothen, Alamanen rc.). Binswangen lag im Bereiche der alten Markgrafschaft Burgau und war schon im eilften Jahrhundert eine Zugehörde der markgräflichen Schirmburg Weiden, welche Burgau'sche Dienstmänner, die Ritter vonWelden, zuLehen trugen. Als mit dem Tode des Ritters Ulrich v. Weiden die mark- gräflich Burgau'schen Lehengüter zu Binswangen, 2 Höfe und 4 Hofstätten oderSölden, an dieMarkgrafen Heim- sielen, belehnte imJahre 1275 Herzog Philipp vonKärnten, welcher sich unter Protest des rechtmäßigen Markgrafen Heinrich den Titel eines Markgrafen wahrscheinlich angemaßt hatte, seinenNotarRudolf und dessen Frau Jrmengard mit den markgräflichen Gütern in Binswangen. DenStreit zwischenPhi- lipp von Körnten und Heinrich von Burgau entschieden die kaiserlichen Neichsvögte zu Augsburg im Jahre 1289 zu Gunsten des ersteren, und da mittlerweile der Notar Rudolf Stadtschreiber in Augsburg geworden war, ließ sich Markgraf Heinrich zum Vergleich herbei und bestätigte als „rechter Herr" von Binswangen dem Stadtschreiber Rudolf und seiner Frau den Lehenbesitz der 2 Höfe und 4 Sölden von Binswangen. (Lluntia S. 45 und 46.) Nach Rudolf's Tod kamen die Burgau'schen Lehengüter in Binswangen anno 1304 durch Kauf an's Domkapitel, was die nunmehrigen Inhaber der Markgrafschaft, die Herzoge von Oesterreich, bestätigten. Kaiser Ludwig IV. erklärte diese Lehengüter im Jahre 1331 als volles Eigenthum des Domkapitels mit der Auflage eines Jahrtags für Herzog Ludwig den Aelteren. Das Domkapitel hatte in Binswangen auch den Großzehnt (wahrscheinlich mit dem Kauf von 1304) erworben und brachte bald noch zwei andere Güter in Binswangen in seinen Besitz, so daß es hier im Jahre 1492 bereits 8 Feuerstätten hatte. Selbstverständlich besaßen außer dem Domkapitel noch andere Herren Güter in Binswangen als Burgau'sche Lehen So besaß Kloster Weihenberg im 12. Jahrhundert 1 Hof in Binswangen, wozu im Jahre 1297 noch eine Sölde und eine Wiese durch Schenkung des Ulrich v. Ellerbach kam und im Jahre 1358 ein Hofgut dem Kloster von Ulrich Bannwolf zugestiftet wurde. Das Geschlecht dieser Bannwolfe besaß viele Güter in Binswangen. Vom Ende des 13. Jahrhunderts an saßen die Bannwolfe in Binswangen und gaben ohne Zweifel der Burg an der Berghalde ihre Entstehung. Einige Güter im Dorf gehörten zur Burg Zusamegg. Der Hauptbesitz jedoch bestand im „Kirchensatz, Vogtei, Dorfrecht, Ehehaften, 3 Höfe, Holzmarken und 2 bayer. lehenbare Hqlbhöfe"; er blieb bis zum Jahre 1300 bei der Markgrafschaft. In diesem Jahre aber verkaufte Markgraf Heinrich V. von Burgau diese Güter an die Edlen Heinrich und Conrad von Ramschwag. Ihr Nachkomme Hans von Ramschwag erbte im Jahre 1329 die Burg Kem- nath, welche von seiner Schwestertochter Guta dem Burkhart vonEller- bach, Pfandinhaber der Markgrafschaft Burgau angeheirathet wurde. Dieser übertrug nun die Burgau'sche Oberlehensherrlichkeit über Binswangen auf die Beste Kemnath (bei Kaufbeuren), welche bald durch Heirath an die Edlen von Benzenau kam. Kraft ihrer oberherrlichen Rechte hatte Anna von Ellerbach im Jahre 1376 mit den Gütern in Binswangen die reichen Augsburger Bürger Heinrich und Conrad Bitschlin belehnt, von welchen es bald an die Patrizier Fendtkam. J.J.1412 verkauften Florian und Anton „die Fenden" ihre Lehengüter in Binswangen um 800 fl. rhn. an den edlen Bürger Hartmann Langen mantel in Augsburg. Die v. Benzenau ertheilten kraft ihrer oberlehensherrlichen Rechte dem Langenmantel die Belehnung. Fortan hatten die Langenmantel den Hauptantheil an Binswangen mit Kirchensatz, Vogtei und Dorfrecht als niedere Obrigkeit 158 Jahre lang, während das Obereigenthumsrecht den Herren von Benzenau zustand. Im Jahre 1422 besaßen die von Langenmantel in Binswangen 14 Feuerstellen. Im Jahre 1551 verkauften die von Benzenau das Schloß Kemnath mit dem Obereigenthumsrecht über Binswangen um 40,000 fl. an das Stift Kempten, und 19 Jahre später - anno 1570 — verkaufte auch Anna v. Langenmantel ihre Güter in Binswangen mit Gericht, Vogtei, Kirchenlehen und Burgstall um 10,725 fl. an den Augsburgischen Feldhauptmann L. Schertlin, welchen das Stift Kempten damit belehnte. ->«»» u Stratze in Dinsrvangrn mit Pfarrkirche. Original-Aufnahme von G. Bader, Photograph in Krumbach. fVervielsältigungSrecht vorbehalten.f 7 ^^ Als im Jahre 1635 Conrad Schertlin ohne männliche Erben starb, zog Stift Kempten das Lehen Bins- wangen als Heimgefallen ganz an sich. Dagegen prote- stirte aber Hans Christoph von Knöringen und forderte als Gemahl einer Tochter Albrechts v. Schertlin den Lehenbesitz von Binswangen. Die Burgau'schen Beamten halfen ihm und vertrieben die Kempten'schen Beamten, aus Binswangen. Nach langem Streit verglich man sich und Stift Kempten übergab den Edlen von Knöringen Binswangen als ein Kempten'sches „Mannslehen". Im Jahre 1769 nach dem Tode Alexander Johann Jakobs von Knöringen fiel das Lehen Binswangen an dasStift Kempten heim, das nun ohne Widerspruch davon Besitz ergriff und einen Obervogt nach Binswangen setzte. Sieben Jahre früher erschoß der lüderliche Bruder Alexanders von Knöringen,der fünfund- dreißigjährige Junker Johann von Knöringen, auf dem Gottesacker zu Binswangen den Obervogt Molitor in Folge eines Wortwechsels im Wirthshause. DerMör- der floh dann in die Schweiz und blieb verschollen. Neben der Ortsherrschaft Stift Kempten und dem Domkapitel'- schen Besitz hatten im Jahre 1492 auch das Kloster St. Katharina inBinswangen Feuerstätten, am Ende des vorigen Jahrhunderts das Sternkloster in Augsburg 1 Sölde, St. Georg 1 Sölde, das Hochstift einen Bauernhof und die Vicarier zu St. Moriz in Augsburg 3 Feuerstätten und 4 Güter. Die Güter vesKlosters Weihenberg wurden bei Aufhebung desselbenimJahre1448 dem Dillinger Spital zugetheilt. Früher hatte auch das Kloster Kaisersheim einen Hof in Binswangen. G Multergollcs-Kapellc bei Dinswangen. Origtnal-AufnahMk vonG.Baader, Photograph in Krumbach. lBervietfältigungsr-cht vorbehalten.! bühl" (wo eine Linde stand) an die Burgau'schen Beamten ausliefern. Die niedere Gerichtsbarkeit stand der Ortsherrschaft zu und wurde vom Obervogt mit einem Dorfgericht, bestehend aus 12 Männern, ausgeübt. Diesen Zuständen machte im Jahre 1803 die Säcularisation ein Ende und steckte die 7 geistlichen Herrschaften von Binswangen in den großen bayerischen Sack. Am Ende des vorigen Jahrhunderts zählte Binswangen 900 Einwohner, darunter 327 Juden; im Jahre 1829 aber 617 Christen und 359 Juden. Wann die Juden sich hier angesiedelt, darüber weiß auch Pfarrer Walter in seiner Chronik keinen Aufschluß zu geben. Zum erstenmale wird ihrer in den Akten imJahre 1650 erwähnt. Im Jahre 1672 hatten sie 12 Häuser inne und vermehrten sich nun so stark, daß sie im Jahre 1683 schon 22 Häuser besaßen und Pfarrer Sutor eine Beschwerdeschrift wegen Ueber- handnahme der Judenschaft ans Ordinariat richtete. Die dem hl. Nikolaus geweihte Pfarrkirche wurde im Jahre 1739 vom Domkapitel als Großzehntherr vollständig neu gebaut, aber erst am 4. Juni 1780 vom Weihbischof v. Un- gelter eingeweiht. — Heute zählt die Pfarrei Binswangen ca. 880 Seelen. Am nordöstlichen Ende des Pfarrdorfes Binswangen liegt mitten im Gottesacker eine der seligsten Jungfrau Maria geweihte größere Kapelle. Dieselbe fällt besondersauf durch ihre außergewöhnliche Bauart. Sie ist in Form eines Kreuzes, in dessen Mitte sich eine Rotunda erhebt, gebaut, hat zwei Thürmchen und gereicht, von hohen Linden umgeben, dem Orte und der Gegend zur Zierde. Sämmtliche Unterthanen in Binswangen waren steuerbar zur freien Reichsritterschaft des Kantons Donau und hatten ihre Steuer nach Ulm einzuliefern. Das Zollhaus im Dorf war Burgauisch und auch die „Male- fiz-Gerechtigkeit", wie man die oberste Strafgewalt geschmackvoll nannte, gehörte zu Burgau. Die Knörin- gen'schen und Kempten'schen Beamten im Orte durften zwar einen Verbrecher greifen und einkerkern, aber nach 3 Tagen mußten sie ihn auf dem sogenannten „Linden- Von der ehemals Knöringischen Ortsherrschaft zu ihrer Begräbnißstätte erbaut, finden sich in derselben verschiedene Grabdenkmäler mit zum Theil in lateinischer, zum Theil in deutscher Sprache gefertigten Inschriften und Wappen verschiedener Adelsfamilien aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Ehedem wurde jeden Abend durch die Kuppel bis an die oberste Laterne hinauf ein Licht gezogen, damit es den etwa im weiten Donauried Verirrten den rechten Weg weise. 156 Im Jahre 1808 wäre sie bald der Säcularisation zum Opfer gefallen. Von dem schonungslos vorgehenden Administrator für entbehrlich erklärt, wurde sie auf Abbruch versteigert. Die Ortseinwohner, welche von jeher mit Liebe an diesem Kirchlein hingen, kauften dasselbe vom Fiskus um 349 Gulden, und so blieb es erhalten und ist, seit mehr als 200 Jahren Sitz der Skapulier- Bruderschaft, noch heute eine Stätte des Gebetes, besonders der Privatandacht und der Verehrung der seligsten Jungfrau Maria. -—«-8X8-«—- Die reichste Frau der Welt. Wer da glaubt, daß die reichste Frau der Welt, Mrs. Hetty Green, in einem stolzen Palaste wohnt, Equipagen und Dienerschaft hat, der irrt. Hetty Green, die Besitzerin eines Vermögens von 60 Millionen Dollars, wohnt in einem „Boarding-House", einem ganz gewöhnlichen Logir- und Kosthause in der Stadt Brooklyn, der Schwesterstadt von Newyork, und zwar in der Pierre- pont-Street Nr. 89, und zahlt sieben Dollars wöchentlich für Kost und Wohnung. Sie ist geizig über alle Maßen und dies ist auch der Grund, warum sie sich von ihrem Gatten trennte, der ein tonangebender Club- man in Newyork ist. Sie kleidet sich derart bescheiden, daß man glaubt, eine ärmliche Frau vor sich zu haben, und da flickt sie so lange an ihren Kleidern herum, als es eben geht, nur um die Anschaffung neuer Toilettegegenstände zu ersparen. Was sie an beweglichem Gut hat, das trägt sie in dem schwarzen Sack herum, der sie nie verläßt. Das ist ein Gebetbuch, ein Batistsacktuch und ein Lorgnon. Sie ißt in der Küche und will nur die einfachsten Mahlzeiten. Sie ist überaus fromm und von den hundert Kirchen Brooklyns besucht sie jeden Tag eine andere. Sie ist derart mißtrauisch, daß sie mit keinem Menschen verkehrt, denn sie glaubt, alle Leute, die sich ihr nähern, thun dies nur um ihres Geldes willen. Sie hat einen Sohn, der mit der Tochter eines Millionärs verheirathet ist, und ihre Schwiegertochter macht den größten Aufwand, den man sich nur denken kann. „Die Zeiten sind zu hart," sagt Hetty Green, wenn man sie über ihre Lebensweise zur Rede stellt, „und ich muß für meine Verwandten sparen!" In Brooklyn kennt die Frau mit dem schwarzen Sack jedes Kind, aber kein Mensch hatte eine Ahnung, daß die bescheidene Spazier- gängerin und Mietherin in einem der einfachsten Boarding- häuser die Besitzerin von 60 Millionen ist. Erst der „World", die bedeutendste Zeitung Newyorks, enthüllte das Geheimniß und eines Tages wurde Newyork von der Nachricht überrascht, wer eigentlich die schlichte Hetty Green aus Brooklyn sei. Frau Green ist gegenwärtig 58 Jahre alt und ihr Vermögen stammt von ihrem Vater Robinson, der sich in Neu-England angesiedelt hat und dessen Ländereien kolossalen Werth erhielten. Ihre ganze Verwandtschaft ist so reich und in jeder Familie findet sich ein so geiziges, rigoroses Subject, wie es Frau Hetty Green ist. Auch eine Tochter besitzt die Frau, Sylvia mit Namen, die von einem einzigen Verwandten 5 Millionen geerbt hat! Nur mit vieler Mühe veranlaßte man das Mädchen, das gleich fromm ist, wie die Mutter, in die Gesellschaft zu gehen, doch nur ein einziges Mal erschien sie daselbst, um sich sofort voll Abscheu von der Frivolität der Großen abzuwenden. Frau Green führt ein Buch, in dem jeder Cent verzeichnet ist, und als sie noch mit ihren Verwandten lebte, verlangte sie, daß jedes einzelne Familien- mitglied gleichfalls Buch führen müsse. Als einst das Ausgabenbuch ihres Sohnes um 10 Cents nicht stimmte, drohte sie, ihn zu enterben. In Verwahrung der Bank, in der sich ihr Vermögen befindet, liegt auch der Schmuck Hetty Green's, ein nach unzähligen Millionen zu be- werthender Schatz — alter Schmuck aller Art, welcher der Frau durch Erbschaft zufiel. Das Zimmer, das sie in dem Boarding-House, einem der schmutzigsten der Gegend, bewohnt, ist ein Loch von der Ausdehnung von neun englischen Quadratfuß, so eng, daß sie dort nicht essen kann und in die Küche gehen muß, um ihre Mahlzeit einzunehmen. In der Küche wäscht sie auch ihre Wäsche und hängt sie zum Trocknen über dem Waschtische aus, zu welchem Zwecke sie sich mehrere Stricke darüber anbringen ließ. Der Geiz der Frau grenzt an Wahnsinn und ist vielleicht Wahnsinn, der sich vererbt zu haben scheint, denn ihre Tochter Sylvia faselt gleichfalls stets davon, daß sie einst arm im Asyle werde sterben müssen und daher zu größter Sparsamkeit gezwungen sei. ->»- -t- »-- Zu unseren Bildern Dildrr au» Palästina. Kreuzweg mit demHooo llomo-Bogen. Unweit des Aufstieges zur türkischen Kaserne beginnt die Via äotoroea, der Schmerzensweg, auf welchem der Heiland das Kreuz bis nach Golgatha getragen haben soll. An der Kreuzung der zum Herodesthore führenden Gasse befindet sich das Kloster der lateinischen Zionsschwestern. Hier schwingt sich ein Thorbogen über die Straße, den man den Leos bomo-Bogen oder Bogen des Pilatus nennt, wo letzterer Jesum der Menge gezeigt und ausgerufen haben soll: „Lvos bomo l Sehet, welch ein Mensch!" Daneben ist ein einfaches Kirchlein in den Felsen eingehauen. Die kleine Großmama. Lischen spielt heute Großmama. Dort im hohen Lehnstuhle pflegt sie immer zu sitzen, die gute Frau, um beim Schälchen Kaffee den Neuigkeiten zu lauschen, die Großpapa ihr vorliest. Lischen hat Großmütterchens Kleid angelegt, das weiße Häubchen auf den Kopf gesetzt, den Zwicker auf das Naschen geklemmt und sieht nun schier so aus, wie Großmama selbst. Auch das Strickzeug darf nicht fehlen und für einen Fußschemel sorgt soeben Brüderchen. Nun ist die Großmama fertig und Lischen weiß sich in ihre Stelle gut zu finden. Arithmogryph. Mein 1—7 merk, das Ganze Ist eine allbekannte Pflanze. 1 2 3 4 5 ist sehr schlau, 7 6 5 liegt auf der Au', Doch nur bei Winters Sturmgebraus; 7 6 dient dir oft zum Schmaus. 5 3 4 2 4, noch zum Schluß, Bekleidet öfters deinen Fuß. Auflösung des Königszuges in Nr. 20: Die Weisheit gleicht der schönen Spröden, Man muß ihr täglich Weihrauch streu'n, Ihr früh sein ganzes Leben weih'n, Um ihrer Liebe werth zu sein. (Götter.) - ^- 5 -, 22. Ireitag, den 16 . März 1894Z Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischeu Znstiluts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbelitzcr Dr. Max Huttler). Nie Tochter des Hauses. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Mit dem neuen Morgen hatte auch der heulende Wind sich gelegt, und hell schien die Sonne über die weite, schimmernde Schneefläche. Dicht vor dem Fenster, fast auf jedem Zweig und Ast deS großen Kirschbaumes, saß ein Sperling und schaute mit seinen klugen, kleinen Augen ins Fenster hinein und wartete auf den gewohnten Morgentmbiß. Krächzende Naben und hungrige Drosseln hüpften auf dem schneebedeckten Nasen, und ein Nothkehlchen wartete ungeduldig und flog von einem entblätterten Rosenstrauch zum andern. Auf der Zinne des Daches saßen die Staare und schlugen mit den schweren, schwarzen Flügeln, um die Dohlen zu verscheuchen, die ihnen den Platz streitig zu machen drohten. „Fräulein Barbara füttert die Böge! allzu sehr," pflegte der Gärtnerbursche oft zu sagen, „und zum Dank verderben sie im Frühling die Saat und naschen die Kirschen von den Bäumen." Dessen ungeachtet kam er jetzt mit einem groben Besen, fegte den Schnee beiseite, daß ein großer, freier Platz gesäubert wurde, auf dem die gefiederten Gäste sich zwitschernd niederließen. „Was willst Du heute thun?" fragte die Tante, als beide Damen das Frühstück beendet hatten. Barbara schaute zum Fenster hinaus. „Du willst doch hoffentlich nicht ausgehen?" fuhr sie ängstlich fort, ohne die Antwort abgewartet zu haben. „Gewiß, Tantchen, das war gerade meine Absicht. Es ist ein herrlicher Tag! Sieh doch, wie der Schnee glitzert und schimmert, der Wind hat sich gelegt, ein weiter Spaziergang wird mir gut thun!" „Aber der Schnee liegt fußhoch auf der Landstraßei" „Ach, der Schnee soll mich^nicht hindern! Du weißt, ich gehe so gern durch den Schnee. Ich wollte heute nach Woltersdorf, denn ich habe Ilona versprochen, sie zu besuchen und ein wenig die kranke Freundin aufzuheitern, die sie seit einigen Tagen bei sich hat." „Welche Freundin, Barbara?" „Es ist ein strebsames, braves Mädchen, das leider sehr kränklich ist; da hat Ilona ihre Eltern gebeten, sie zu Pflegen, bis sie wieder stark und kräftig ist. Sie ist Erzieherin und muß für den Unterhalt ihrer alten Mutter sorgen. Ilona sagte mir, es sei ganz traurig, wenn sie von ihrer trostlosen Lage erzählte. Endlich ist es ihr jetzt gelungen, weit von hier eine angemessene Stellung zu finden, wo sie ein so gutes Gehalt bekommt, daß sie den Lebensabend ihrer alten Mutter bedeutend erleichtern kann, nur muß sie warten, bis sie stark nnd kräftig genug ist." „Wie heißt sie?" „Wettern — Magdalene Wettern." Endlich war das Frühstück beendet. Barbara zerschnitt einen Teller voll Brod in kleine Stückchen, um den ungeduldig umherflatternden Vöglein das Mal zu bereiten. „So. Tantchen, jetzt hülle Dich in einen warmen Shawl," scherzte sie, als sie die Thür der Terrasse öffnete und die kalte, frische Winterluft in das behaglich durchwärmte Zimmer strömte.— Die kleinen, munteren Gäste flogen zwitschernd auf einen nahen Baum, um gleich darauf in Schnuren das ihnen hingestreute Futter aufzupicken. Es war ein lieblicher Anblick. Die unmuthige Gestalt des jungen Mädchens, in einem einfachen, dunkeln Wollcnkleide, stand inmitten der Vogelschaar, von der einige so gezähmt waren, daß sie das Futter aus der Hand ihrer Beschützerin pickten. Kurze Zeit später betrat sie, in einen warmen Pelzmantel gehüllt, wieder das Speisezimmer, in dem Frau von Soden, in ihrem HaushaltnngSbnch vertieft, behaglich am warmen Ofen saß. „Erwarte mich nicht zum Mittagessen," bat sie, „ich werde in Woltersdorf jedenfalls länger bleiben." „Wie Du willst, mein Kind, nur verspäte Dich nicht; eS dunkelt so früh, und ich ängstige mich um Dich, wenn Du so lange fortbleibst." „Um vier Uhr werde ich zurück sein, dann ist eS noch nicht dunkel, denn die Luft ist so hell und klar!" Barbara hielt Wort. Zur festgesetzten Stunde erschien sie im Boudoir ihrer Tante und setzte sich auf ihren Licblingsplatz, auf den niederen Schemel, ihr Haupt in den Schooß der Tante bergend. Sie war heute ungewöhnlich still, und ein tiefernster Ausdruck spiegelte sich in ihren Zügen. Kurz und einsilbig beantwortete sie alle Fragen der Tante, die dann endlich den Versuch, eine Unterhaltung anzuregen, aufgab und emsig weiter strickte. Endlich schlug Barbara die Augen auf, und mit leise bebender Stimme begann sie: „Ich habe Dir etwas zu sagen, Tante Agnes. 158 F Jetzt habe ich einen festen Entschluß gefaßt und weiß, was ich zu thun habe." „Was willst Du thun? Was meinst Du?" fragte die Tante und ließ vor Schreck die Maschen von den Nadeln gleiten. „Du weißt, ich war in Woltersdorf. — Ich er« zählte Dir doch von der erkrankten Erzieherin, Magda- lene Wettern. Weißt Du, wo sie eine Stellung angenommen hat? — Sobald sie wohl genug ist, geht sie nach dem Adlerhorst, zu dem Freiherr« von Garkau, um dort Eveline, Edmund und Alex zu unterrichten" „Barbara! Woher weißt Du das? Wer sagte es Dir? Es ist unmöglich!" „Sie sagte eS mir selbst; ich war ja heute selbst bei ihr. Ach! sie sieht so entsetzlich elend und angegriffen aus, ist so abgemagert und schwach, und dabei hustet sie fortwährend. Ilonas Mutter erzählte mir, daß Fräulein Wettern zu schwach sei, um jetzt im Winter arbeiten zu können, aber dennoch wird sie schon am nächsten Mitlwoch im Adlerhorst erwartet; sie hat also kaum sauf Tage, um sich zu kräftigen." Barbara schwieg; ernst schaute sie in das Antlitz ihrer Tante. „Das arme Mädchen! Was ist da zu thun?" sagte die Tante teilnehmend. „Taute Agnes, wenn der Arzt ihr morgen sagt, daß sie sich schonen soll und den Winter nicht arbeiten darf, dann-dann bin ich entschlossen, für sie die Stelle anzunehmen!" Frau v. Soden blickte in sprachlosem Erstaunen auf ihre Nichte herab. Das Strickzeug entglitt ihren zitternden Fingern und fiel klirrend zu Boden. „Barbara!" stöhnte sie endlich. „Ja, Tautchen — halte mich nicht zurück, es ist mein fester Entschluß. Ich werde als Erzieherin das Haus meines Vaters betreten. — Du sagst mir ja selbst, daß ich meiner Mutter gar nicht ähnlich sehe; es ist also keine Gefahr, daß mein Vater mich erkennen wird, und ich werde mich daher ganz sicher fühlen. — Wir haben heute die Sache reiflich überlegt, Ilona, Magda Wettern und ich. Die arme Kranke ist sehr froh und dankbar, daß ihr noch eine längere Ruhe- und Erhol- ungSzeit gegönnt wird, und daß ich das Gehalt ihrer hilfsbedürftigen Mutter zukommen lassen will. Ja, ich will Dir Alles sagen, liebe Tante. — Fräulein Wettern hat bereits heute schon dem Freiherrn geschrieben, daß eine Freundin —, Fräulein Morden — wie ich mich dort nennen werde, sie solange vertreten will, bis ihre Gesundheit sich gekräftigt hat! Mache doch nicht etn so ängstliches Gesicht, mein liebes Tantchen, — es wird für mich sehr gut sein. Wie oft faßte ich einen Plan nach dem andern, um die Meinen kennen zu lernen, konnte aber nie zu einem Entschluß kommen. Jetzt werde ich sie Alle kennen lernen, und es soll mein Hauptstrebcn sein, daß sie mich Alle lieb gewinnen, ehe sie ahnen, wer ich bin. Gestern Abend sagte ich Dir ja, daß es so nicht länger angeht; ich sehne mich zu sehr nach meinen unbekannten Geschwistern." Sie stand auf, schlang ihre beiden Arme um den Hals der Tante und fuhr schmeichelnd fort: „Tantchen, ich habe Dich immer so herzlich geliebt, Du weißt es, und Du zweifelst doch nicht daran, nicht wahr? Aber ich muß Dich kurze Zeit verlassen, denn mein Herz zieht mich mit aller Gewalt zu meinem Vater!" Die arme gute Tante! Was sollte sie weiter thun, als nachgeben, noch dazu, da sie im Herzen davon überzeugt war, daß der Plan nicht verwerflich war. Hatte sie sich doch schon so oft dem stärkeren Willen der Nichte beugen müssen, als dieselbe noch ein ganz kleines Kind war; und nach kurzem Widerstreben hatte Barbara auch heute die gewünschte Einwilligung. II. Capitel. Schloß Adlerhorst, der Stammsitz der Freiherren von Garkau, lag auf einer kleinen Anhöhe in einer wildromantischen Gegend. Von uralten, hohen Bäumen, meistens dunklen Tannen oder stattlichen Buchen, umgeben, ragten kaum die Zinnen und Thürme des Daches über die Gipfel empor und bargen das stolze Gebäude vor den Blicken der Außenwelt. Barbara hatte eine weite, beschwerliche Reise zurückgelegt, und ihr unruhiges Herz klopfte zum Zerspringen, als sie auf dem Bahnsteig den für sie harrenden Wagen bestieg und die feurigen Rosse sie blitzesschnell ihrem Ziele entgegen- führten. — „Edmund — Alex! wo seid ihr? Wollt ihr denn heute nicht zu mir kommen und mich in meinem neuen Kleide sehen? Ihr wißt, wir gehen gleich ins Concert, wo seid ihr denn eigentlich?" Frau von Garkau öffnete mit diesen Worten die Thür des Schulzimmers, ohne eS zu betreten. „Sie sind im Kinderzimmer, Mama," versetzte schüchtern ein feines Sümmchen, und ein schwaches, zartes Mädchen erhob sich aus einem Sessel in der Nähe des Ofens. „Darf ich zu Dir kommen?" „Eveline, was machst Du hier allein, mein Kind, warum sind die Lampen noch nicht angezündet? Fräulein Morden wird gleich- hier sein! Geh' nach dem Kinderzimmer und sage Gretchen, die Lampe hereinzubringen, und dann schicke mir die Knaben." Sie schien die letzte Frage der Kleinen, „darf ich kommen?" gar nicht gehört zu haben, aber Eveline verstand ihre Mutter zu gut. Schweigend gehorchte sie. Freifrau von Garkau liebte ihre beiden gesunden, rothwangigen Knaben viel mehr, als ihr bleiches, unansehnliches ältestes Töchterchen. Nicht, daß sie herz- oder lieblos gegen sie gewesen wäre, jedoch aus dem großen Füllhorn der mütterlichen Liebe fiel doch nur der geringste Theil auf Eveline herab, die trotz ihrer Jugend es zeitweise bitter empfand. Der Vater liebte seine drei Kinder gleich. Jedoch oft finster und verschlossen, war ihm das fröhliche, muntere Spiel, das heitere, sorglose Lachen der Kleinen oft zuwider, und mißmuthig pflegte er sich dann in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen. Als die Lampen angezündet waren, nahm Eveline ihr Märchenbuch — ihr steter, treuer Freund in der Einsamkeit — und vertiefte sich bald in die Seiten, ohne das Rollen des Wagens zu hören, der jetzt vor dem Portal des Schlosses hielt. Erst als die Thür geöffnet wurde und Gretchen, das alte, erfahrene Kindermädchen, mit den Worten: „Hier ist Fräulein Morden, Eveline. — Die gnädige Frau wird sogleich kommen," eine fremde Dame einließ, sprang die Kleine auf und trat scheu und verlegen einen Schritt zurück. „Willst Du mir nicht die Hand geben?" fragte Barbara und streckte ihrem Schwesterchen die Hand ent- 1S9 gegen, doch ihre Stimme zitterte so sehr, daß sie kaum die Worte hervorbringen konnte. Ein Glück, daß nur das Kind gegenwärtig war, dem die Erregung der neuen Gouvernante vollständig entging, sich aber freute, daß sie jetzt in den Arm genommen und herzlich geküßt wurde. Barbara näherte sich dem Feuer, noch immer das Händchen der Kleinen festhaltend, und zitternd vor Kälte und Aufregung entledigte sie sich ihres Mantels, zog langsam ihre Handschuhe aus, um Zeit zu gewinnen, ihre Selbstbeherrschung wieder zu erlangen. Eveline beobachtete jede ihrer Bewegungen, dann überwand sie ihre natürliche Schüchternheit und schmiegte sich an die Fremde. „War es sehr kalt auf der Reife?" fragte die Kleine, die jetzt glaubte, das peinliche Schweigen unterbrechen zu müssen. „Ja, sehr kalt; aber ich werde hier bald warm werden. Welch' ein schönes Zimmer! Ist dieses das Schulzimmer, Eveline ? — so heißt Du doch, nicht wahr?" Barbara erinnerte sich Plötzlich, daß sie sich durch Nennung des Namens bald berathen habe, und dunkle Nöthe färbte ihre Wangen. „Ja, so heiße ich," antwortete die Kleine. „Eveline Laura, gerade wie Mama." „Wie heißen denn Deine Brüder?" „Einer heißt Edmund, er ist fast neun Jahre alt, aber groß und kräftig für fein Alter. Papa will ihn bald in eine Erziehungsanstalt schicken, aber Mama will sich nicht von ihm trennen. Alex ist noch klein, noch nicht sechs Jahre alt," plauderte das Kind weiter, ohne zu ahnen, daß ihre Znhörerin ganz genau von den Verhältnissen unterrichtet war. „Und dann hatten wir noch eine kleine Schwester Anna, doch die hat der liebe Gott als Englein in den Himmel genommen." „Wo sind denn Deine Brüder?" „Sie sind bei Mama in ihrem Boudoir. Sie sind oft des Abends bei ihr." „Warum bist Du denn nicht dort?" «Ich?" fragte verwundert das Kind. „Mama wünscht es nicht, — ich bin ja auch nur ein Mädchen." Es lag etwas so Trauriges in dem Tone der Kleinen, daß Barbara unwillkürlich ihren Arm ausstreckte und sie fest an sich zog. „Fräulein Morden," fragte sie leise und schaute fast ängstlich in die dunkeln, freundlichen Augen der neuen Erzieherin, „warum mögen die Leute die Mädchen nicht so gern leiden, als wie die Knaben?" „Einige Leute haben Mädchen viel lieber, Eveline, I, Ä, „Ist das wahr? — ist das wirklich wahr? Ich glaubte, Niemand liebte Mädchen!" „Es ist wirklich wahr," versetzte Barbara feierlich. Offen gesagt, hatte sie in ihrem kurzen Leben noch nicht viele Knaben kennen gelernt, und ihre Anschauungen waren daher ein wenig beschränkt. Die Freundinnen oder Spielgefährtinnen ihrer Kindheit hatten entweder gar keine Brüder gehabt, oder sie war nicht mit ihnen in Berührung gekommen; auch konnte sie den flehenden Blicken ihrer kleinen Schwester nicht widerstehen und gab ihr deßhalb gern die Versicherung, daß sie Mädchen vorziehe. Eveline schlang ihre Arme um Barbaras Hals und küßte sie; ihre Schüchternheit war in diesem Augenblicke vollständig vergessen. Es war das erste Herz, welches Barbara gewonnen hatte. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Frcm von Garkau mit ihren beiden wilden Knaben trat in das Schulzimmer. Barbara stand auf, ihre Glieder bebten; ihr Herz schlug laut und hörbar. — Sie stand zum ersten Male ihrer Stiefmutter gegenüber; würde sie ihr — der armen, unbedeutenden Erzieherin — ein freundliches Wort zum Willkommen entgegenbringen? Ja, trotz vieler schwachen Seiten behandelte die stolze Herrin des Hauses ihre Untergebenen mit herzgewinnender Milde und Freundlichkeit. So reichte sie auch heute ihrer unbekannten Stieftochter die Hand zum Gruße entgegen und hieß sie mit freundlichen, wohlwollenden Worten willkommen. „Hier sind meine Knaben," fuhr sie dann fort, „hoffentlich werden sie brav und folgsam sein und Ihnen nur Freude machen. Dies ist Edmund, der älteste, ein prächtiger, starker Knabe, nicht wahr? Jedoch wollte es in letzter Zeit mit seinen Schularbeiten nicht recht gehen, Sie werden ihn deßhalb streng halten müssen. Alex wird Ihnen noch nicht viele Last machen, denn er bleibt größtentheils noch im Kinderzimmer, wiewohl es doch Zeit wird, daß er langsam mit dem Lesen anfängt. — Leider kann Gretchcn, die Kinderfrau, ihm noch uichi einmal die Buchstaben beibringen; sie ist zu alt, aber eine ehrliche, treue Seele, auf die ich mich vollständig verlassen kann. Eveline brauche ich Ihnen wohl nicht erst vorstellen; ich sehe, Sie habe» bereits Freundschaft mit ihr geschlossen. — War es Ihnen sehr kalt auf der Reise?" „Ja," versetzte Barbara einfach und freute sich, daß ihre Stiefmutter gleich fortfuhr: „Wie geht es dem armen Fräulein Wettern? Ist sie sehr krank? Ich bedanre so sehr, daß sie nicht kommen konnte, denn Gräfin Wertfcldt hatte sie mir warm empfohlen. Sie soll eine vorzügliche Erzieherin sein und ganz besonders Knaben zu behandeln wissen!", „Ja, das ist sie," gab Barbara zu, da sie aber sehr wenig von ihren Fähigkeiten wußte, berichtete sie von dem schwächlichen Gesundheitszustand und fuhr unbefangen fort: „Sie sieht sehr leidend aus, obgleich sie hofft, in kurzer Zeit völlig hergestellt zu sein. Nach Aussage deS Arztes bedarf sie längere Zeit der größten Ruhe und Pflege; dennoch hatte sie vor, selbst hierher zu kommen, und nur der Gedanke, daß sie ernstlich erkranken möchte, hielt sie von ihrem Vorhaben ab." „Sie müßte für den Winter nach dem Süden gehen, vielleicht nach der Schweiz oder Italien. —» Eveline, geh' und bitte Gleichen, hierher zu kommen^ sie soll mix meine Handschuhe zuknöpfen." „Kann ich Ihnen helfen?" fragte Barbara bescheiden, und obgleich ihre Finger vor Erregung noch zitterten, hatte sie bald die langen Handschuhe geschickt zugeknöpft. „Sie find noch immer kalt, Fräulein Morden. Eveline soll Ihnen Ihr Zimmer zeigen, ich habe dort ein gutes Feuer machen lassen. Packen Sie Ihren Koffer jetzt nicht aus; Gleichen kann Ihnen helfen, sobald die Kleinen znr Ruhe gebracht sind. Sogleich wird daS 160 Abendessen gebracht werden; Sie müssen nach Ihrer weiten Reise recht hungrig und durstig sein. Doch nun ist es höchste Zeit für mich. Gute Nacht l" Sie reichte Barbara die Hand, küßte die Kinder und wandte sich der Thüre zu; doch die Knaben ließen die Mutter nicht los. „Wollt Ihr mich bis an den Wagen begleiten?" fragte sie, und alle Drei verließen das Schulzimmer. „Darf ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen?" schlug Eveline vor, dann erfaßte sie die Hand der Erzieherin und führte sie über den langen Korridor, Barbara lehnte über das Treppengeländer und schaute unten in die geräumige Halle, die hell erleuchtet war. Dort standen die beiden Knaben, von denen die Mutter noch einmal zärtlichen Abschied genommen hatte; ein Diener legte ihr den weichen Pelzmantel um die Schulter, dann stellte er sich dienstbereit an die Thür. Jetzt öffnete sich eine andere Thür. Die hohe, stattliche Gestalt des Schloßherrn erschien in der Halle, doch so sehr Barbara sich auch bemühte, das Antlitz ihres Vaters zu sehen, es wollte ihr nicht gelingen; nur die Spitze seines Hutes und der breite Pelzkragen seines Ueber- rockes waren sichtbar. „Wir werden zu spät kommen, Eveline, wo bist Du so lange gewesen?" „Ich sprach mit Fräulein Morden, der neuen Gouvernante. Sie kam vor kaum einer halben Stunde an." „Ach so, ich dachte nicht mehr daran. Sie muß eine kalte, beschwerliche Reise gehabt haben; hoffentlich findet sie das Schulzimmer behaglich durchwärmt. Sind wir jetzt fertig?" Endlich hatte Barbara die Stimme ihres Vaters gehört. Sie merkte kaum, daß Eveline, die noch immer ihre Hand hielt, sie jetzt in ihr Zimmer führte, aber sie erschrak, als sie ihr Spiegelbild sah, so leichenblaß hatte sie noch niemals ausgesehen. — In späteren Tagen konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie die ersten Stunden im Hause ihres Vaters zugebracht hatte, denn wirr wie im Traume jagten sich die Gedanken. Sie wußte nur, daß sie noch lange am Abend, in tiefes Sinnen versunken, starr und regungslos in ihrem Zimmer gesessen hatte, ohne sich entschließen zu können, ihr Lager aufzusuchen. Müde, wie sie war, war sie zu erregt, um ihre Augen im sanften Schlummer zu schließen. Noch saß sie da, als schon der Wagen vor dem Portal hielt, und sie wußte, daß ihr Vater und ihre Stiefmutter wieder daheim waren. Sollte sie die Wahrheit bekennen, daß sie unter fremdem Namen den Einzug erzwungen hatte? Doch schon im nächsten Augenblick verwarf sie den kaum aufkeimenden Gedanken, — erst wollte sie die Herzen gewinnen, dann sich zu erkennen geben. Dann gedachte sie der guten Tante Agnes, die mit Thränen in den Augen von ihr Abschied genommen und ihr noch besorgt zugeflüstert hatte: „Ich hoffe, Du findest wenigstens ein gutes, warmes Bett; — in vornehmen Häusern fragt man nicht viel darnach, ob es den armen Gouvernanten behaglich gemacht wird oder nicht." Unwillkürlich mußte sie bei dieser Erinnerung herzlich lachen; sie legte sich in ihr weiches, warmes Bett und war schon nach wenigen Minuten eingeschlafen. Sie war seit ihrer allerfrühesten Kindheit die erste Nacht jn ihres Vaters Hause. Als Barbara am nächsten Morgen erwachte, war momentan die Furcht und Besorgniß des vorherigen Abends gänzlich verschwunden; sie kleidete sich schnell an, denn schon hatte sich Eveline eingestellt, um sie in das Frühstückszimmer zu geleiten. Und dennoch, als sie jetzt an der Hand des Kindes die breite Marmortreppe hinabstieg, erbebte sie; denn sie wußte, daß sie im nächsten Augenblick ihrem Vater gegenüber stehen würde. Eveline öffnete die Thür. Oben am Tische saß die Herrin, mit dem Durchlesen der soeben angekommenen Briefe beschäftigt, hinter ihr, am Ofen, stand der Freiherr, das Antlitz hinter einer großen Zeitung verborgen. „Ah' Fräulein Morden! Haben Sie die erste Nacht unter fremdem Dache gut geschlafen? — Gottfried, hier ist Fräulein Morden, — unsere neue Gouvernante." Der Freiherr legte die Zeitung nieder und reichte der neuen Hausbewohnerin die Hand zum Gruße. „Willkommen, Fräulein Morden. Hoffentlich hat Ihnen gestern die weite, kalte Reise nicht geschadet. — ES ist auch ungewöhnlich kalt in diesem Winter." Er sah bei diesen Worten Barbara an, die unter seinem Blick so heftig erröthete, daß sie nicht wagte, die Augen aufzuschlagen. Zitternd trat sie hinzu und legte ihre bebenden Finger in die dargereichte Hand deS Vaters, doch konnte sie kein Wort hervorbringen, so fest schien ihr die Kehle zugeschnürt. „Das arme Kind ist schüchtern," dachte der Schloßherr mitleidig und nahm seine Zeitung wieder zur Hand. „Es wird ihr gewiß schwer werden, unter Fremden zu leben." „Hier ist Ihr Platz, Fräulein Morden, dicht an Evelines Seite. Wünschen Sie Kaffee oder Cacao?" „Ich bitte um Kaffee", versetzte Barbara kaum hörbar. So leise auch die Worte gesprochen wurden, dem scharfen Ohr des Vaters waren sie nicht entgangen. Er blickte sie durchdringend an — hatte der Ton ihrer Stimme vielleicht eine kaum vernarbte Wunde seines Herzens berührt? Jetzt stürzten die wilden Knaben in das Zimmer, scherzend und plaudernd machten sie Pläne für den neuen Tag. (Fortsetzung folgt.) ---SLWkS---— Abbazia. Jetzt, wo der Besuch der kaiserlichen Familie in Abbazia in nächster Aussicht steht, werden genauere Mittheilungen über diesen Curort willkommen sein. Vor zehn Jahren noch war Abbazia den Jn- und Ausländern ebenso bekannt wie ein Dorf in Spanten — heute gehört es zu den Weltcurorten. Dies Aufblühen des istrianischen Dörfchens wurde selbstverständlich durch das glückliche Zusammentreffen einer Reihe von günstigen Factoren bedingt. Dahin gehört zunächst die herrliche Lage am Quarnero, der zum Golf von Fiume gehört. Fiume, das Emporium des ungarischen Handels und die zweite Seestadt der österreich-ungarischen Monarchie, ist von hier in 60 Minuten zu Wagen und in 40 Minuten mit stündlich verkehrendem Local-Dampfer zu erreichen. Lang hingestreckt auf einer in den Quarnero Hinausreichenden Landzunge liegt Abbazia am Fuße der mächtigen Kalksteinmassen des Karstgebirges, welches hier im Monte Maggiore die Höhe von 1400 Metern erreicht. Die Abhänge des Gebirges schmücken weite Lorbeerhaine, wie ich sie in solcher Pracht und Ausdehnung in Italien und Südfrankreich nicht gesehen habe. Ganze Lorbeer- Lauben wölben sich über die gut gepflegten und äußerst bequemen Wege, eine wahre Wohlthat in der warmen Jahreszeit. Von diesen Abhängen aus hat man auf Abbazia und den in allen Farben spielenden Qnarnero eine zauberisch schöne Aussicht, welche in den Wintermonaten durch die mit Schnee bedeckten, in der Sonne glitzernden Gipfel der fernen Dinarischen Alpen eine wirkungsvolle Grenze findet. Die geschützte Lage am Fuße des Monte Maggiore und die Nähe der See, welche gewaltige Wärmemengen aufnimmt und sie langsam wieder abgibt, bewirken Abbazia's mildes Klima und rufen eine durchaus südliche Vegetation von Lorbeerhainen, Oliven- und Feigen-Bäumen, Edelkastanien und vielen exotischen, hier im Freien gut gedeihenden Pflanzen hervor. Schnee fällt höchst selten. Unter all' den bekannten österreichischen klimatischen Curorten ist Abbazia bei weitem der wärmste. Auch den Vergleich mit der französischitalienischen Riviera braucht unser Ort nicht zu scheuen, da die mittlere Winter-Temperatur in Abbazia 9° 56" Cels., in Nizza, Cannes und Sän Nemo 11° 5" bezw. 11° 77" und 12° 69" Cels. beträgt. In einer Hinsicht übertrifft Abbazia die Orte der Riviera, nämlich durch den höher» Feuchtigkeitsgehalt der Luft, so daß z. B7 Halskranke sich hier wohler befinden als z. B. in dem heißen, trockenen Mentone. Obwohl Abbazia durch wuchtige Bergmassen geschützt ist, kann doch von einer völligen Windlofigkeit keine Rede sein. Das ist eben so wenig an der Riviera der Fall. Ueberhaupt ist völliger Windschutz an Orten unserer Breite, namentlich noch, wenn sie an der See liegen, nur eine schöne Sage. Bora und Levautina, Scirocco und Tramon- tana sind die hauptsächlich hier wehenden Winde. Indessen habe ich seit Mitte October keinen Tag bemerkt, an dem man wegen zu heftigen Windes nicht ausgehen konnte, was mir in Sän Nemo ein scharfer Ostwind manchmal unmöglich machte. Die gefürchtete Bora kommt nach Abbazia in sehr geschwächter Form, während Fiume und Trieft von den Verheerungen tobender Bora-Stürme ein Liebchen zu singen wissen. Der Haupiwind ist der Scirocco, welcher den Quarnero aufwühlen und Wogen- berge gegen die klippige Küste und darüber in die Park- Anlagen schleudern kann. Bezeichnend für das hiesige Klima ist noch der im Winter bisweilen eintretende plötzliche Witterungswechsel. Heute ist schönes, warmes Wetter; morgen regnet es in Strömen, ohne großen Temperaturunterschied allerdings, und dabei sieht man heute nicht die geringsten Vorboten der Aenderung. Einen derartigen plötzlichen Umschwung habe ich jedoch innerhalb fünf Monaten nur vielleicht vier Mal beobachtet. Ein Mann von weitem Blick und praktischer Tüchtigkeit wurde der Begründer des Curortes: Friedrich Schüler, General-Director derOesterreichischenSüdbahn, hat Abbazia „entdeckt" und mit rastloser Energie aus dem istrischen Fischerdorfe einen hervorragenden Bade- und klimatischen Cur-Ort geschaffen. Abbazia's schönster Weg, die vorn Oesterreichischen Touristm-Club — welcher auch um die Hebung unseres Ortes sich sehr verdient gemacht hat — angelegte Promenade längs des Meeres, führt in einem großen Theile den Namen „Friedrich-Schüler-Strandweg". — 1882 faßte die Südbahn hier Fuß; rasch folgten Erunderwerbungen in großem Maßstabe, und trotz der vielen Schwierigkeiten — besonders der Beschaffung eines guten Trinkwassers — wurde der Curort Abbazia am 27. März 1884 eröffnet, er wird demnächst also seinen zehnten Geburtstag feiern. In dieser Zeit ist eine Reihe prächtiger Hotels und Villen entstanden. Diejenigen, welche der Südbahn gehören, sind mit allem Comfort ausgestattet, mit Gas, ausgezeichnetem Leitungswasser und vorzüglichen Heizvorrichtungen (sehr wesentlich im Süden) auf's beste versehen. Danach sind allerdings auch die Preise. Ueberhaupt ist Abbazia kein billiger Platz; namentlich kosten die Wohnungen ein Heidengeld. Während man in Sän Nemo eine geräumige Villa mit großem Garten für 6000 Frcs. auf sechs bis acht Monate haben kann, bezahlt man hier 10- bis 12,000 Frcs. Die Nachfrage- nach Wohnungen ist eben größer als das Angebot: von Mitte Februar an beginnt es so recht sich hier zu beleben, und nach wenigen Wochen ist Abbazia bis auf das letzte Eckchen mit Fremden gefüllt. Wer heute käme, müßte, glaube ich, entweder draußen campiren oder wieder umkehren. Zu den sogen. Südbahu-Anstalten gehören auch die beiden Villen Angiolina und Amalia, welche der kaiserlichen Familie demnächst als Wohnung dienen sollen. Die Angiolina ist verhältnißmäßig klein und stammt noch aus früherer Zeit; die Amalia dagegen ist ein neues, mächtiges Gebäude in hoher Lage, zu dem eine prächtige Steintreppe mit vergoldetem Geländer führt. Unmittelbar an die Angiolina stößt der herrliche, immergrüne^ Park mit seinen exotischen Pflanzengestalten, seinen prachtvollen Ausblicken und seinen tiefumschatteten, vielverschlungenen Wegen. Außer den der Südbahn gehörenden Hotels besteht noch eine ganze Anzahl mehr oder weniger feiner Pensionen, so daß man, wenn man zur rechten Zeit kommt nach der Beschaffenheit seines Geldbeutels wühlen kann' Seit dem Bestehen des Curortes hatte sich Abbazia der Sympathie verschiedener Mitglieder des österreichischen Kaiserhauses, namentlich des Kronprinzen Rudolph und seiner Gemahlin Stephanie, zu erfreuen, welche noch jedes Jahr einige Wochen hier zugebracht hat. Was natürlicher, als daß die österreichische Gesellschaft aufmerksam auf das Dörfchen an der Adria wurde und das von oben gegebene Beispiel nachahmte! Die inländische Aristokratie hat hier eine Anzahl hübscher Villen gebaut (Keglevich-Kesselstatt, Esterhazy usw.) und strömt jeden Winter, namentlich nach Beendigung des Faschings, schaarenweise herbei. Von Ausländern sieht man hauptsächlich Polen, Russen, Serben und vereinzelt Deutsche und Italiener. Grund für diese Erscheinung ist offenbar die Bequemlichkeit, mit welcher die erwähnten Völker nach Abbazia gelangen können, für Kranke eventuell von unschätzbarem Werth. Ohne Zweifel wird die Reise der kaiserlichen Familie dazu beitragen, daß in den nächsten Jahren Deutschland ein größeres Contingent stellen wird. Die Bevölkerung von Abbazia und Umgegend ist eine ethnographische Musterkarte. Schon vor Jahren hat man in der nördlichen Quarnero-Gegend 13 verschiedene ethnographische Nuancen festgestellt. Deutsche und Italiener, Croaten und Slowenen, Dalmatiner, Tschitschen sind vertreten. Auf verhältnißmäßig kleinem Raum herrscht ein Sprachenrcichthum, der einer Sprachenverwirrung ähnlich 162 ficht. Charakteristisch sind die Mischungen: so spricht man kroatisch mit italienischen Endungen, italienisch mit kroatischen Endungen und Flexionen usw. Der Fremde kommt mit Deutsch gut an; versteht er Italienisch, um so besser. Die Leute sind ehrlich, arbeitsam und nüchtern. Auf dem Lande gibt eS wenige und dabei schlechte Wirthshäuser, für die Fremden, welche Ausflüge machen, ein recht fühlbarer Nebelstand. Wie alle Slaven, lieben sie Gesang und Musik; meistens sind es träumerische, schwer- müthige Weisen. Ihre Geistesanlagen sind nicht besonders zu rühmen, genauere Kenner der Bevölkerung stellen sie in dieser Beziehung sogar ziemlich tief. Aberglaube ist nicht selten, was durch die noch in jüngster Zeit erfolgte Verbrennung eines „Wehrwolfes" auf dem Friedhofe von Abbazia seine grelle Beleuchtung fand. Schifffahrt und Fischfang sind die Erwerbszweige; sie haben an der Küste einen gewissen Wohlstand bewirkt. Die ackerbautreibende Bevölkerung des Gebirges ist dagegen sehr arm, da der lehmige Boden des Karstes in den höhern Strichen wenig abwirft. Elende Hütten, häßliche, aber starkknochige Weiber mit gewichtigen Lasten auf dem Nucken, unglaublich zerlumpte Buben, welche Schafe hüten, und kümmerlich genährte Esel bilden die Staffage der dortigen Landschaft. Die Bewohner der Küste sind durchgängig schlanke, kräftig gebaute Gestalten, namentlich findet man hübsche, frisch aussehende Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts. Die üble Landessitte indessen, alle Lasten, auch die schwerern, auf dem Nücken zu transportiren, hat manchen Körper vor der Zeit geknickt. Nationaltrachten haben sich nur im Gebirge erhalten, an der Küste ist völlig damit aufgeräumt worden. Dem Bekenntniß nach sind die Bewohner römisch-katholisch und zwar ziemlich gute Katholiken. Der Name Abbazia ist gleichbedeutend mit italienisch Lddaäia. (Abtei) und erinnert daran, daß einst hier eine Benedictiner-Abtei stand, welche im Mittelalter blühte, von der aber nur noch eine kleine Kirche und ein ärmliches Pfarrhlnls als Neste entschwundener Größe vorhanden sind. Die Frauen und die Farben. Plauderei von Klara Neichner. - lNochdnick vkkboitN.I Die Frauen sind das farbige Element des Lebens, dem ja sie erst Glanz und Heiterkeit verleihen — wetteifernd mit den Blumen — durch den bunten, reizvollen Wechsel der Farbe! Und doch ist dies nicht immer so gewesen! Es gab Zeiten — lang, lang ist's freilich her — wo noch die Männer farbenprächtig mit den Frauen concurrirten. In der Urzeit freilich waren Farben im Norden weder bei Mann noch Weib beliebt, bis fränkischer Einfluß sich geltend machte; — höchstens Frauen und Kinder trugen sonst bei besonders festlichen Gelegenheiten blau, roth oder braun. Das farblose Schwarz aber war in alter Zeit schon Trauerfarbe, das fleckenlose Weiß dagegen die Tracht der Priesterinnen. Eigentlich spielte die Farbe erst im Mittelalter ihre große Rolle! Nicht nur, daß der Ritter die Farbe seiner Dame trug, diese mußte auch — wollte sie nach damaligen Begriffen für eine Schönheit gelten — in Bezug auf Farben die vorgeschriebenen Gesetze erfüllen. Stirn und Ohr weiß, die Zähne schneeweiß, das Kinn weiß wie Alabaster, die Wangen zart und blühend, der kleine Mund wie ein lichter Rubin oder rother denn eine Rose. Brauen und Wimpern braun, die Haare goldfarben und glänzend wie gesponnenes Gold, die Augen nicht mehr wie früher blau, sondern: „Zwei Aeuglcin brann nach Falkenart, darin das Weiße sich nicht spart!" Auch die Farbe der Kleidung mußte mit dem Aeußern Harmoniken! Damals bereits pflegten die Damen sehr wählerisch zu sein und ihre Gewänder so zu tragen, wie sie am besten stimmten mit der Farbe ihres Haares, ihrer Augen, des Gesichtes usw. Im Allgemeinen aber gab eS noch nicht viel zu wählen, da jeder Stoff und jedes Kleidungsstück nur seine einzige Färbung hatte. Doch half man sich dadurch, daß man die verschiedenen Gewänder, die gleichzeitig getragen wurden, von verschiedener Farbe, zuweilen auch mit andersfarbigem Futter fertigte. Grau, Braun und Violett trugen namentlich die unteren Stände; Grau diente aber auch nebst Schwarz als Abzeichen der Trauer; — die allerbelicbteste und vornehmste Farbe des Mittclalters war Scharlach! Späterhin geriethen die mittelalterlichen Farben sogar in bedeuiungsvolle allegorische Beziehungen zur Liebe! Mit gewissen Farben verband eine gewisse Bedeutung sich, — auch für die Kleidung! Es entstand also eine Art von Farbensprache. Grün war als Hoffnnngssymbol der Liebe Anfang, Noth die brennende Liebe, Grau die trauernde, ganz unglückliche Liebe dagegen Schwarz, als „des Leides Anfang und der Freude Ende". Treue Liebe trug sich blau, Gelb oder Gold bedeuteten Gewährung der Liebe, weßhalb auch „Fran Minne" selber ein golden oder feuerrothes Kleid trügt, während „Frau Treue" sich in Blau, „Frau Liebe" aber in Grün kleidet. Bunt jedoch bedeutete Falschheit und Unbeständigkeit. Im 15. Jahrhundert wurde großer Farbenluxus getrieben, — schillernd in allen Ncgenbogenfarben zugleich an der gleichen Person. Die Frauen aber wußten von dieser Geschmacklosigkeit sich fern zu halten, wenn sie auch lebhaften Farben sich durchaus nicht abhold zeigten; doch behandelten sie dieselben mit mehr Harmonie und Symmetrie, — entsprechend vertheilt auf die verschiedenen Stücke der Kleidung, auf Besatz und Futter, anstatt — nach der haarsträubenden Mode-Thorheit des sogenannten „Ni-pai-ti" der Männer — die ganze Figur bunt in zwei Hälften zu theilen! Dafür verlangte das folgende Jahrhundert der Reformation desto größere Einfachheit durch dunkle, schlichte, knappe Tracht, — auch bei den Frauen, bis im 17. der Einfluß Frankreichs den Ernst der Farbe wiederum in heitern Glanz verwandelte, ja in ein Uebermaß sogar von Prunk der-Färbung, — voran Blau und Roth mit möglichst vielem Gold als Licblingsfarben. Die geschmacklose »Zopfzeit" des vorigen Jahrhunderts brachte im Gegensatz hiezu wohl zartere, blässere Farben in Mode, doch herrschten unbestimmte Mischfarben und fahle, buntgeblümte Muster vor; erst die große französische Revolution von 1789 schuf bessere Zeiten für die Farbe, anfangs freilich durch Farblosigkeit! Das Weiß der modern gewordenen griechisch-antiken Tracht und allenfalls ganz blaß angehauchte Färbungen kamen zur Herrschaft, dann kehrte mit unserm eigenen Jahrhundert die Farbe allmälig zurück, indem die Damen 1810 begannen, zur weihen Tunica die Schuhe, Handschuhe, Hüte, Hauben und Federn farbig zu tragen; Gürtel und Besatz folgten bald und endlich die ganze Kleidung — allerdings einfarbig nur einstweilen, bis jener bunte Wechsel in Farbe und Färbung eintrat, den wir noch jetzt besitzen, zur beliebigen Wahl und Auswahl des schönen Geschlechts, das fortan das Haupt-Privilegium auf Alles, was farbig heißt, erhielt! Trotzdem haben, was diese Wahl der Farben und Lieblingsfarben anbetrifft, sehr hervorragende männliche Stimmen sich bereits erhoben, um gewisse Lehren und Gesetze darüber aufzustellen, — ja der berühmte französische Romanschriftsteller Balzac wollte geradezu den weiblichen Charakter danach beurtheilt wissen! — Frauen, welche orange- oder sonstige gelbfarbige, säst- oder zeisiggrüne, amaranth- oder granatfarbige Kleider mit Vorliebe tragen, sollen nach seiner Behauptung keine sehr friedfertige Gesinnung, die Liebhaberinnen des schreienden Roth dagegen etwas Lärmendes, Auffallendes besitzen; denen, die Violett vorzugsweise lieben, soll — so sagt er — nicht recht zu trauen sein, die aber, welche gern das düstere Schwarz tragen, müssen — meint er — auch gern traurige Gedanken hegen, wie Dunkelgekleidete überhaupt nach seiner Ansicht im Allgemeinen weder sehr geselliger Natur, noch munterer Laune sein können. Weiß indessen sei nicht nur die farblose Farbe der Unschuld, sondern außerdem beliebt bei gefallsüchtigen Damen ohne festen, bestimmten Charakter; Grau jedoch und Lila bedeuten bei ihmUcber- gangsfarben für Frauen in gewissem Alter, zugleich also soviel wies Verzichtleistung, Resignation! Besonders empfiehlt Balzac die Frauen in Rosa und verwandter Farbe, als heiter, liebenswürdig, geistvoll, lebensfroh und umgänglich, und verherrlicht vor Allem die in Blau! Himmelblau gilt bei ihm nämlich für die Hnuptfarbe der — äußerlich wie innerlich — schönen Frauen; die, deren Lieblingsfarbe sie ist, sollen meist sanft und nachdenklich sein, kurz: die „Blaueu" sind — ob jung, ob alt — in seinen Augen eigentlich die Perlen aller Frauen! Zum Glück gibt dieser kühne Deuter weiblicher Lieb- ltngsfarben selber zu, daß „Irren menschlich sei", und überdies ist er Franzose, folglich trifft das, was er sagt, ja selbstverständlich nicht unsere deutschen Frauen und Farben! -- Bei de« blinden Schwestern von St. Paul in Paris. Die Zeitschrift für Verbesserung des Looses der Blinden, der Blindenfreund, welche der verdiente Direktor der Dürener Provincial-Blindenanstalt herausgibt, bringt einen Aussatz über den in der Ueberschrift angedeuteten hochinteressanten Gegenstand, dem wir Folgendes entnehmen: Weitab von dem großen Verkehr der Weltstadt, in der Nue Denfert-Nocherau, gegenüber dem Observatorium, wo das Auge der Gelehrten mit Hülfe kunstreicher Instrumente bis zu den fernsten Gestirnen dringt, liegt ein stilles Haus, dessen Bewohnern nicht ein Mal ein Strahl unseres Tagesgestirnes leuchtet; es ist die Anstalt der blinden Schwestern von St. Paul, sich so nennend nach ihrem Patron, dem Apostel Paulus, der zu Damaskus das Augenlicht vorübergehend verlor und dadurch das Glanbenslicht gewann. Aeußerlich macht die Anstalt den Eindruck einer alten, vornehmen Patricier- Wohnung, deren Haupträume durch Mauer und Thor von der Straße getrennt sind. Und in der That hat hier vor 60 Jahren ein weltberühmter Mann gewohnt, der Schriftsteller und Staatsmann Chateaubriand, der hier in Muße lebend einige seiner besten Werke verfaßte. Mehrere Erinnerungszeichen seines hiesigen Waltens werden noch in der Anstalt vorgezeigt und geben dem Hause eine gewisse klassische Weihe. Wenn ich dir in meinem letzten Briefe sagte, der moderne Geist sei noch nicht in dieses weltverborgene Asyl eingedrungen, so muß ich das heute widerrufen; in Wirklichkeit hat dieser Geist, und zwar in Fleisch und Bein, mit Gewalt und Getöse hier seinen Einzug gehalten. Im Jahre 1871 sind nämlich die Communisten, die in dem abgelegenen Hause Jesuiten vermutheten, hier eingebrochen und haben, als sie die gesuchten „Bösewichter" nicht fanden, in ihrer Wuth alles zerstört: Möbel, Thüren, Fenster und besonders die Gefäße und Bilder der Kapelle. Doch genug von der Vergangenheit! Laß uns eintreten! Eine freundliche Schwester führt uns ins Parloir. Hier zieht unsere Blicke zunächst eine große, dunkele Büste auf sich, die Büste des frühern, verdienten AnstaltsGeistlichen Zuge, der von den Communisten ins Gefängniß geschleppt wurde, weil — weil er kein Jesuit war. Daneben hängt unter Glas und Rahmen ein buntfarbiger Kranz von Eichenblättern, die oourcmns viviyus, der von den Vertretern der republicanischeu Regierung der Anstalt verliehen wurde, ein Zeichen, daß auch die Feinde des Klosterwesens dem menschenfreundlichen Wirken der frommen Schwestern Anerkennung zollen. Noch mehr wird ein anderes Mobiliarstück des Sprechzimmers in die Augen stechen, ein großer Tisch, der mit weiblichen Handarbeiten, Teppichen, Bürsten und Besen bedeckt ist. Ja, in allen Räumen wird von den Blinden fleißig gearbeitet, in den Werkstätten für Bürsten-, Flecht- und Strick-Arbeiten, in der Küche, im Wasch- raume und in dem großen Garten mit Gemüsefeldern und Baum-Alleen. In lctzterm sehen wir blinde Nonnen mit feintastender Hand aus dem Gemüse das Unkraut jäten, und nahe dabei tummelt sich unter Aufsicht einer Schwester eine Schaar kleiner, blinder Mädchen auf dem Rasen; einige tasten im Grase umher und suchen nach Blumen, andere binden die gepflückten Blumen, sie nach Geruch und Gestalt ordnend, zu duftenden Kränzen und schmücken damit eine Statue des Erzengels Naphael, deS Arztes des blinden Tobias. Die regste Thätigkeit aber herrscht in der Relief-Druckerei; dort werden Bücher und Noten in Braille gedruckt für die Anstalt und für die ganze Welt; auch du erhältst ja monatlich eine Probe der Arbeit der blinden Schwestern, die Zeitschrift Louis Braille nämlich, die hier gedruckt wird. Die Vorsteherin der Druckerei, die von fünf blinden Gehülfinnen unterstützt wird, ist eine kleine, rührige blinde Nonne, die mit großer Umsicht und Hingebung die Arbeiten leitet und unablässig neue Einrichtungen und Verbesserungen trifft. Wenn wir die Räume durchwandern, so wird unser Auge angenehm berührt durch die große Sauberkeit und Ordnung, die überall herrschen. Ich glaube nicht, daß im ganzen Hause ein Stäubchen zu entdecken ist, daS der putzenden Hand der Blinden entgangen wäre. Bescheidene Schmnckgegenstände erhöhen den freundlichen Eindruck der hellen Zimmer; an den Fenstern blühen duftende Blumen in Töpfen, die Wände zieren religiöse Statuetten und Bilder, und aus den Ecken und Nischen ranken Guirlanden von Blättern und Blumen, welche die Schwestern in ihrer Muße mit kunstgeübteu Fingern ohne Hülfe deS Auges anfertigten. Und wie die Räume, so auch die Bewohnerinnen. In einfachen, saubern Klei» 164 dern, deren schwarze Farbe durch eine weiße Garnirung erleuchtet wird, gehen Alle, Sehende wie Blinde, Vorgesetzte wie Zöglinge, geräuschlos ihrer Beschäftigung nach und verrathen durch ihren immer gleichen heitern Gesichtsausdruck, daß gottergebene Zufriedenheit in ihren Herzen wohnt. Als ich in Begleitung der sehenden Vorsteherin in die unterste Schulklasse eintrat, trippelten Zwei blinde Kinder, im Alter von 4—6 Jahren, haschend auf die Vorsteherin zu und schmiegten sich zutraulich an sie an; diese aber hob die Kleinen auf ihre Arme und herzte und liebkoste sie, wie eine Mutter. Dabei strahlte ihr Angesicht von Glück und Wonne und zeugte von der durch die Religion verklärten Liebe, die sie ihren armen Schutzbefohlenen zuwendet. Es ist nicht der niedrige Mammon und auch nicht allein das fühlende Menschcn- herz, das diese Frauen zu ihren Werken treibt, sondern es kommt dazu die mächtigste Stimmung der Menschenseele, die religiöse Begeisterung, welche die Schwestern erfüllt und mit Freude dem Dienste der Elenden sich hingeben läßt. Bei ihrer Einkleidung legen die blinden sowohl als die sehenden Schwestern von St. Paul öffentlich vor dem Altar in der Kirche das feierliche Gclöbniß ab, sich ganz den Blinden zu weihen und alle Pflichten zu erfüllen, welche deren Erziehung erfordert. Dann werden sie mit dem Ordensgewand bekleidet, und man gibt ihnen eine Kerze in die Hand mit den Worten: „Empfanget dieses irdische Licht als Zeichen des Gnaden- Lichtes, das euch immerdar leuchten möge." Im Kloster sind zunächst 67 Ordensschwestern, fast eben so viele blinde als sehende, die den Hausdienst, sowie die Pflege und Erziehung der Blinden besorgen. Dann gibt es etwa 40 Blinde im Alter von 4—16 Jahren, die in den gebräuchlichen Schulfächern und Handarbeiten unterrichtet werden. Die Knaben bleiben in der Anstalt bis zum 9. oder 10. Lebensjahre, wo sie in eine andere Blinden-Austalt übertreten, während die Mädchen dauernd im Kloster verweilen und, wenn sie dazu Beruf haben, auch den Ordens-Schleier empfangen können. Auch nehmen die Schwestern erwachsene blinde Damen in Pension, von denen jede ihr besonderes Zimmer bewohnt. Es wird alle Sorge aufgewandt, um diesen Vereinsamten durch Lectüre, Musik, Unterhaltungen und BeschäftigungendasLebenso angenehm als möglich zu machen. So arbeitet die Genossenschaft der blinden Schwestern von St. Paul in ihrer Weise getreulich mit an der Verbesserung des Looses der lichtlosen Menschheit und füllt gewiß eine Lücke aus in dem weit verzweigten System der Blinden-Fürsorge; wenn sie auch ihre Schutzbefohlenen Meistens nicht zum freien Wirken in der Welt befähigt, so bietet sich doch allen allein stehenden blinden Mädchen ein freundliches Asyl, wo dieselben betend und arbeitend glücklich werden können. Blinde Mädchen sind nun einmal zur freien Selbstständigkeit selten geeignet. Ich schied von den frommen Frauen bewegten Herzens, und noch häufig stellen sich meinem Geiste die rührenden und erbauenden Scenen und Bilder vor, die ich in jenem ' stillen, idyllischen Heim inmitten der geräuschvollen Weltstadt sah. --- Goldkörner. Zwar ist Vollkommenheit ein Ziel, das stets entweicht, Doch soll eS auch erstrebt nur werden, nicht erreicht. Rückert. ---ss-v-cs^'- A L L S L L b?. Den Locken Jean Paul's unter dem Mikroskop widmet der Roman-Schriftsteller Nosenthal-Bonin folgende heitere Reminiscenz: „Meine Mutter besaß eine Locke Jean Paul's, eine unzweifelhaft echte, der Dichter hatte sie mit einem eigenhändigen Briefe ihrer Mutter übersandte Diese Locke wurde in unserer Familie hoch und heilig gehalten. Als ich später Physiologie studirte und ein Mikroskop bekam, untersuchte ich alles Mögliche im Hause. Ich stahl mir ein Haar von der geheiligten Locke, legte es unter das Glas und entdeckte, daß es ein Hundehaar war; das dritte, vierte und fünfte Haar, welches ich untersuchte, zeigte dasselbe Resultat. Ich suchte mir jetzt noch mehr von Jean Paul's Locken zu verschaffen. Das war zu jener Zeit in Berlin nicht schwer. Lndmilla v. Assing, die bekannte Nichte Varnhagen's, besaß ein derartig urkundlich echtes Heiligthum, ferner eine Verwandte der Heuriette Herz, — ich glaubte, sie hieß Flora Philippi — als Erbstück von jener her. Das mikroskopische Untersuchnngs-Resultat war das gleiche wie bet der Jean Paul-Locke meiner Mutter. Es waren Pudelhaare. Ich kam nun zu folgender Erklärung dieses Wunders: Jean Paul wurde, wie bekannt, bestürmt, überschwemmt mit Bitten um Locken von seinem Dichterhaupte. Dieses war frühzeitig schon so kahl, daß die Stirne ohne Hinderniß hinten in den Rockkragen überging und nur zur Seite noch einige sorgfältig bewahrte Locken von der ehemaligen Pracht seines Hauptschmuckes übrig waren. Hätte Jean Paul nur den hundertsten Theil seiner Verehrer und Verehrerinnen, die flehentlich um Locken seines Dichterhauptes baten, zufrieden stellen wollen, würde er bald keine Spur mehr von Haar besessen haben und hätte wie ein armer Landurapn jeden Nachwuchs sofort abmähen müssen. Jean Paul aber hatte ein weiches Herz, war ein galanter Mann und sein Haar war röthlich, das seines Pudels auch. An Mikroskopie dachte damals noch Niemand, und so mag der geniale Schriftsteller in seiner Verzweiflung auf den Gedanken gekommen sein, hier und da seinen Pudel zur Aushülse bei dem großen Lockenbegehr für sich eintreten zu lassen. Vielleicht reizte auch den großen Humoristen die Vorstellung, daß die hübschen Locken seines muntern „Patos" jetzt eine solche Anbetung genössen und von schönen Damen und sentimental schmachtenden Herren an die Lippen gedrückt, auf Atlaskiffen unter Glas aufbewahrt und in kostbaren Albums, mit getrockneten Veilchen umrahmt, aufbewahrt würden." ---SWWS-- Logogryph. Was dich bewegt und vorwärts treibt, Dir vor dein Thun und Lassen schreibt, Das nenn' ich dir, doch liest du mich Mit o, schaff' Kleidung ich für dich, Und liest du wieder mich mit e, Dann siehst du mich in Fluß und See. Auflösung des Arlthmogrypbs in Nr. 21: Fuchsie, Fuchs, EiS, Ei» Schuh. --- äL23. „Nugsburger Postzeitung". Dienstag, den 20. März 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Tochter des Hauses. Erzählung von C- Borges. (Fortsetzung.) Barbara sprach nur wenig; alle an sie gerichtete Fragen beantwortete sie kurz und einsilbig, denn bei jedem Wort fühlte sie die Blicke ihres Vaters auf sich ruhen, und sie wagte noch immer nicht, ihn anzusehen. „Sie ist allzu ängstlich, doch scheint sie aus sehr guter Familie und kaum zur Gouvernante geboren", dachte der Freiherr; endlich redete er sie an: „Mir kommt Ihre Stimme so sehr bekannt vor, Fräulein Morden, haben Sie sich früher schon in dieser Gegend aufgehalten oder habe ich Sie schon früher gesehen?" Das war eine verfängliche Frage — sie umging daher die zweite und antwortete nur: „Ich bin noch nie in dieser Gegend gewesen." Es war ihr eine große Beruhigung, daß sie damit der Wahrheit getreu bleiben konnte, denn sie wußte, daß ihr Vater sich mit seiner ersten Gattin im Auslande aufgehalten hatte, und dort ward sie geboren. Glücklicher Weise stellte ihr Vater keine weitere Frage, beendete sein Frühstück und griff dann wieder zu seiner Zeitung. Jetzt, da er sich wieder in die Lectüre vertieft hatte, wagte Barbara, genau das ernste Antlitz zu betrachten. Sie sah vor sich die edlen, aristokratischen Züge des Vaters, seine hohe, gewölbte Stirn und sein stark ergrautes Haar. Der untere Theil des Gesichtes wurde durch einen dichten Vollbart umrahmt; aber dennoch war unverkennbar ein bekannter Zug darin zu finden, der sie an Tante Agnes erinnerte. Als er jetzt sein Auge erhob, um einige Worte an seine Gattin zu richten, erschrak sie über den tief traurigen Ausdruck in seinen Zügen. „Wenn ich nur die Wunden heilen könnte, die meine Mutter ihm geschlagen hat, aber ich muß geduldig sein und darf mich nicht verrathen." Sie war so sehr in ihren schmerzlichen Gedanken versunken, daß sie heftig erröthete, als ihre Stiefmutter sie anredete. Die Kinder hatten schon gebeten, ins Freie gehen zu dürfen, doch die Mutter schüttelte energisch das Haupt. „Es geht nicht; der Schnee liegt zu hoch, Ihr könntet Euch erkälten. Auch glaube ich nicht, daß Fräulein Morden Lust hat, mit Euch hinaus zu gehen." „Fräulein Morden!" riefen drei helle Kinderstimmen, „bitte, sagen Sie, daß es draußen schön ist. Es ist so herrlich im Schnee; wir spielen dort so gern!" Barbara blickte fragend ihre Stiefmutter an. „Wenn Sie glauben, daß es den Kindern nicht schadet, so gehe ich gern mit. Es ist ein frischer klarer Morgen, und ich gehe gern in den Schnee." „Hörst Du wohl, Mama, dürfen wir jetzt gehen?" „Na, so geht nur, aber höchstens eine Stunde. Eveline, geh' und sage Gleichen, daß sie Euch die dicksten Stiefel anzieht und Euch warm einhüllt." Im Augenblick hatten die Kleinen das Zimmer verlassen und stürmten jubelnd die Treppe hinauf. „Es ist gut, daß wir hier wenigstens ein wenig Ruhe haben," bemerkte der Hausherr. „Die Knaben machen oft wirklich zu vielen Lärm, Eveline." Seine Gattin blickte auf, doch sie unterdrückte die scharfe Entgegnung, die sie auf der Zunge hatte, und zu Barbara gewendet, sagte sie: „Lassen Sie die Kinder nicht zu lange draußen, Fräulein Morden, und wenn Sie wieder hereinkommen, will ich mit Ihnen im Schulzimmer den Unterrichtsplan besprechen." Barbara versprach es, dann eilte sie fast so schnell wie die Kinder die Treppe hinan. Sie freute sich, endlich ins Freie zu kommen, um dort, wie in ihrer Hcimath, sich im Schnee tummeln zu können. „Meine armen kleinen Vögel", dachte sie, „ob Tante Agnes sie wohl füttert? Ich hatte sie so sehr darum gebeten. — Hier werde ich es wohl noch nicht thun dürfen." Noch nie hatten die Kleinen so herrlich im Schnee gespielt wie heute. Sie liefen um die Wette, spielten mit Schneebällen, machten einen riesigen Schneemann, so daß die Kleinen von ihrer neuen Gouvernante ganz entzückt waren. Sie konnte ebenso schnell laufen, wie Edmund, so hoch werfen wie Onkel Arthur, und als der kleine Alex gefallen war, nahm sie ihn auf die Schulter und lief mit ihm so schnell durch den Garten, wie ihre Füße sie nur tragen konnten. — Das war eine Gouvernante, wie sie die Kinder in ihren besten Erwartungen kaum erhofft hatten! Als kaum eine Stunde vergangen war, kehrte die kleine Gesellschaft mit hochrothen Wangen und leuchtenden Augen lachend und scherzend ins Schloß zurück. „Oh Mama, das war herrlich! Fräulein Morden 168 kann ebenso gut laufen und spielen wie Onkel Arthur", jubelten die Kinder. „So, kann sie das? Jetzt geht zu Gleichen und laßt Euch helfen, die durchnäßten Mantel und Stiefel abnehmen. — Wollen Sie zu mir in das Schulzimmer kommen, wenn Sie Ihre Kleider gewechselt haben?" wandte sie sich an Barbara. „Ich werde sogleich bereit sein, Frau v. Garkau." Ihre Wangen glühten vom Laufen in der frischen Winterluft, die dunkelbraunen Augen leuchteten freudig. Sie schüttelte den Schnee aus ihren dicken Flechten, die von dem Glanz der Sonne wie mit einem goldigen Schein umgeben waren. „Welch' ein liebliches Mädchen!" dachte die Stiefmutter, als sie ihr nachschaute. „Ich will nur hoffen, daß mein Vetter Arthur Dornburg ihr nicht zu tief ins Auge schaut, wenn er in der nächsten Woche zu uns kommt. — Ha, mir kommt ein glücklicher Gedanke! Ich will für dieselbe Zeit Olga Rosen einladen; die beiden haben sich gern, und da Olga kürzlich geerbt hat, so wäre das eine gute Partie. Arthur muß eine reiche Gattin wählen!" Drittes Capitel. Glücklicher Weise hatte Barbara eine vorzügliche Erziehung genossen und ihre Kenntnisse waren so bedeutend, daß sie den vielen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, vollkommen gerecht werden konnte. Nur um Edmund schien Frau v. Garkau besorgt. Er sollte in wenigen Monaten das Gymnasium besuchen, und sein Wissen war bis jetzt noch ziemlich mangelhaft. Evelinens Fortschritte schienen ihr kaum der Bedeutung werth. Und doch hatte Barbara schon während der ersten Unterrichtsstunden erkannt, daß dem schüchternen, schwächlichen Mädchen bedeutend größere Geistesgaben verliehen waren, als dem jüngeren Bruder, der nicht einmal durch angestrengten Fleiß diesen Mangel zu ersetzen suchte. Der Freiherr blieb der neuen Gouvernante gegenüber gleichmäßig freundlich, aber zurückhaltend. Er schien sich an den Ton ihrer Stimme gewöhnt zu haben, und nur wenn ihr heiteres, silberhelles Lachen an sein Ohr drang, zuckte er jäh zusammen, und sein ernst- trauriges Antlitz wurde noch bleicher. Den größten Theil des Tages verbrachte er in seinem Arbeitszimmer, um hier durch angestrengte Thätigkeit Ruhe und Vergessenheit zu finden. Als er vor zwölf Jahren eine neue Herrin in das Schloß seiner Vüter einführte, war es der jungen Gattin wohl bewußt, daß der finstere Sonderling ihr nicht die volle Liebe eines jungen Herzens entgegenbrachte, denn noch immer hing sein Herz an seiner ersten Gattin, deren frühen Tod er durch seine Lieblosigkeit verschuldet zu haben glaubte. Die junge, lebensfrohe Gattin hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den ernsten, verschlossenen Mann mit seinem tief-traurigen Antlitz wieder aufzuheitern und ihm seinen Verlust zu ersetzen. — Es war ihr nicht gelungen. — Die arme Frau! Sie fühlte sich bitter enttäuscht und ward fast eifersüchtig auf die so früh Dahingeschiedene, deren trauriges, kurzes Leben ihr nicht unbekannt war. Nach besten Kräften hatte sie den Gatten zu überreden gesucht, Barbara zu sich zu nehmen, oder sie wenigstens zu besuchen; er hatte nicht gewollt. - Da j hatte sie dann selbst ihrer unbekannten, damals noch ' nicht achtjährigen Stieftochter einen Brief geschrieben, den das Kind auch mit Hilfe der Tante beantwortet hatte. — Dieser Brief lag wohlverwahrt mit den wenigen, die sie von ihrem Vater erhalten hatte, in ihrem Schreibpulte. Frau von Garkau hatte nur wenige Freunde. Sie wußte selbst nicht, wie es gekommen war, daß die neue Gouvernante mit ihrem ehrlichen, offenen Wesen und herzgewinnender Freundlichkeit schon nach wenigen Tagen ihr ganzes Vertrauen gewonnen hatte. — Schon oft, wenn die Stunden beendet, kam sie zu einem traulichen Plauderstündchen ins Schulzimmer, und mehr als einmal hatte sie von ihrer entfernten, unbekannten Stieftochter erzählt, die nach dem letzten Willen eines alten, excentrischen Oheims im nächsten Jahre zu einem bedeutenden Vermögen gelangen sollte. „Ich hoffe, im nächsten Jahre, wenn sie zwanzig Jahre alt ist, wird mein Gatte erlauben, daß sie hierher kommt," hatte sie damals seufzend hinzugefügt, denn sie hatte um diese Gunst schon so oft gebeten, und jedesmal war der finstere Blick des Gatten drohender geworden. Auch heute kam die Schloßherrin, jedoch später wie gewöhnlich, ins Schulzimmer. Sie sah bleich und angegriffen aus; ihr Kopf schmerzte, ihre Augen brannten. Die Kinder, die gerade nach dem Kinderzimmer geschickt wurden, kehrten auf der Schwelle wieder um, und der kleine Alex sprang jubelnd auf den Schooß der Mutter. „Quäle die Mama heute nicht," gebot Barbara sanft, „geh' zu Gleichen!" Das Kind gehorchte augenblicklich. Die Mutter hatte sich oft gewundert, wie folgsam die Kinder der neuen Gouvernante waren. Nur Eveline blieb einen Augenblick stehen, doch auf Barbaras Wink entfernte sie sich gleich. „Das Licht blendet; mein Kopf schmerzt," stöhnte die Freifrau. Barbara holte den Lichtschirm, schob einen bequemen Sessel für die Stiefmutter zurecht, stellte einen niederen Schemel für die Füße bereit und wartete geduldig, bis sich die sichtliche Erregung ein wenig gelegt hatte. Es dauerte auch nicht lange, so wußte Barbara, daß ihr Vater jetzt mit allem Ernst darauf drang, seinen Sohn Edmund zu Ostern in eine Erziehungsanstalt zu geben, und daß die Mutter sich geweigert hatte, sich von ihm zu trennen. — Es war eigenthümlich, daß sich das Herz der Stiefmutter sympathisch zu Barbara hingezogen fühlte, und zum ersten Male erzählte sie ihr auch heute von Nora, ihrer eigenen Mutter. Barbara beugte sich tief über eine kleine Arbeit, um die aufsteigende Nöthe in ihrem Antlitz zu verbergen; doch kein nachtheiliges Wort kam über die Lippen der Erzählerin, die nur beklagte, daß es ihr nicht gelingen wolle, so wie die erste Gattin, die Liebe des finsteren Schloßherrn zu gewinnen. „Ich weiß nicht, warum ich gerade Ihnen mein Herz ausschütte, Fräulein Morden," sagte sie dann, „aber ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann, das sehe ich in Ihrem Antlitz, und es thut mir so wohl, daß Sie so geduldig meine Klagen anhören." Zwei Tage später hatte endlich der lang erwartete Arthur Dornburg seine Ankunft gemeldet. Die Kinder frohlockten; auch Barbara hatte längst entdeckt, daß er der ausgesprochene Liebling des ganzen Hauses war. Die Freifrau liebte ihn, selbst das Antlitz des finstern Haus- W»R »MW D!MZ > AN - D WMZ! W« Christi Dornenkrönu^g «MH l!ülI!lliI!!'.Ä ANAWUm MWMMM K7. ZUW ÄZM> ME'r ''UM EV WWZ M' -,! VWG UM MIM MMK »M 8M-U ^^W-KLäLiüLS 168 Herrn erhellte sich, als die Ankunft des lieben Gastes unwiderruflich gemeldet ward. Barbara hatte in den letzten Tagen schon so viel von ihm reden hören, daß er ihr gar nicht fremd war. Er war der Vetter der Freifrau und Oberst eines Regiments in der nahe gelegenen Garnison. Er war ohne Vermögen und nur auf seine Gage angewiesen; seine Cousine war darum stets darauf bedacht, ihn mit den reichsten jungen Damen der Umgegend zusammen zu bringen. Doch so sehr der Oberst auch bei seinen Kameraden beliebt, von den Kindern fast vergöttert wurde, bei dem schönen Geschlecht hatte er keine Lorbeeren gesammelt. Dies hatte die Freifrau gegen Barbara offen ausgesprochen, zugleich hinzugefügt, daß die reizende Olga Rosen, die ebenfalls erwartet wurde und jetzt in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gelangt sei, gewiß einen guten Eindruck auf den Vetter machen würde. Barbara lächelte. Die innersten Gedanken der Freifrau lagen wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihr. Sie wollte ihr einen Wink geben, der sie daran erinnern sollte, daß sie ja nur eine arme Erzieherin sei, die in respektvoller Entfernung bleiben und den Weg ihres Vetters nicht zu kreuzen habe. Späterhin wurde noch ein anderer Gast, Graf Udo von Eckernstein, erwartet, doch dieser wurde kaum erwähnt; die Freifrau glaubte zweifellos, daß hier eine Warnung der Gouvernante gegenüber nicht am Platze sei. „Fräulein Morden, Mama läßt bitten, in den Salon zu kommen; sie möchte gern ein Duett mit ihnen singen," berichtete Eveline, die leise das Schulzimmer betreten hatte. „Gut — ich will kommen." Die Kleine eilte davon und Barbara mußte jetzt wirklich lachen. „Wird sie wohl morgen mit mir singen wollen, wenn der allgemein beliebte Vetter Arthur hier ist?" dachte sie bei sich selbst, „und werde ich ihn auch für so vollkommen halten wie all' die andern? O, mein armes Herz, fei auf Deiner Hut! eine arme Gouvernante darf ja kaum ihre Augen erheben. Aber — wie konnte ich das nur vergessen — ich bin ja auch eine Erbin! Haha! wenn meine Stiefmutter nur wüßte, wer ich wäre." Mit heiterem Antlitz und freudig glänzenden Augen sang sie mit ihrer wohlgeschulten melodischen Stimme ein Lied nach dem andern und übte mit der Stiefmutter manches Duett ein. Der Schloßherr lehnte in seinem Armstuhl. Mehr als einmal ruhte sein Auge mit Wohlgefallen auf dem jugendlich 'frischen Antlitz seines eigenen Kindes, dessen Stimme ihn so harmonisch berührte. „Welch' ein glückliches, reizendes Gesicht! Wie schade, daß sie nicht immer bei uns bleibt! Wer weiß, ob Fräulein Wettern so gut wie sie mit den Kindern umzugehen versteht!" dachte er dann. — — — — — — — — — — Dämmerung war eingetreten. Im behaglich durchwärmten Speisezimmer saß Freifrau von Garkau, ihr gegenüber der soeben angekommene Vetter Arthur Dornburg. „Na, dies ist 'mal wieder ein Sonnenblick in meinem Leben, Eveline, es athmet hier bei Dir die rechte Heimaths- luft; ich bin so gerne hier und seit meinem letzten Besuch ist schon geraume Zeit verflossen." Oberst Dornburg schob mit diesen Worten seine Tasse zurück und streckte behaglich seine Glieder. „Nun, was hat sich denn hier Neues zugetragen?" fuhr er heiter plaudernd fort. „Gottfried hat sich gewiß, wie gewöhnlich, in seinem Arbeitszimmer unter seinen Büchern vergraben! Hast Du mir nicht von seiner neuen Gouvernante geschrieben? Hoffentlich ist sie nicht so hartherzig und erlaubt mir ab und zu einen Besuch im Schulzimmer! Fräulein Müller war früher ganz entsetzlich böse, wenn ich mich dort nur blicken ließ." „Fräulein Morden ist durchaus nicht mit Fräulein Müller zu vergleichen, lieber Arthur," versicherte die Cousine. „Sie ist jung und lebenslustig, die Kinder schwärmen für sie; aber leider wird sie nur wenige Monate bei uns bleiben." „Wie kommt das?" „Wir hatten eine andere Dame engagirt, Fräulein Wettern, die mir besonders warm für die Erziehung der Knaben empfohlen wurde. Doch sie wurde krank und sandte Fräulein Morden in Vertretung." „Wie sieht sie aus? ist sie jung und hübsch, oder alt und häßlich!" „Ich finde sie ganz hübsch, wiewohl ich mir eigentlich über die Begriffe von Schönheit kein Urtheil anmaße! sie hat jedoch rothes Haar." „Ganz mein Geschmack," scherzte Arthur. „Wirklich? Ich glaubte, Du bewundertest hellblondes Haar und Wasserblaue Augen!" „Zu Zeiten auch!" „Dann wirst Du Dich freuen, daß ich Olga Rosen eingeladen habe! Wir erwarten sie noch heute Abend!,, Der Offizier schaute einen Augenblick ernst seine Cousine an, dann lachte er hell auf. „Also dahinaus geht's, meine liebe Eveline. Haha! ich weiß jetzt Bescheid! Paß auf, ich will Dir all' Deine geheimsten Gedanken sagen: Fräulein Rosen ist jung, liebenswürdig, schön, sie ist eine reiche Erbin — —" „Nun, das ist doch kein Uebelstand, Arthur," unterbrach die Freifran gereizt. „Durchaus nicht! Es würde aber doch höchst fatal sein, wenn ich mich anstatt in Fräulein Rosen in die rothhaarige Gouvernante verliebte. — Leugne es nicht, Eveline, Du siehst, es gelingt Dir nie, Deine Gedanken zu verbergen, ich lese sie, wie aus einem offenen Buche. Doch sei nicht böse und mache Dir meinethalben keine Sorgen, ich bin nun einmal ein alter Junggeselle und werde es bleiben bis an mein Lebensende!" „Aber bedenke Deine Carriere, Du mußt heirathen, wenn Du als Offizier standesgemäß leben willst." „Bah! ich nehme meinen Abschied und wandere aus. In Amerika oder in Australien fange ich dann ein ruhiges Leben als ehrbarer, biederer Landmann an; — ich würde nie eine reiche Erbin ihres Geldes willen nehmen! — Halloh! was ist denn da draußen für ein Lärm?" „Es sind nur die Kinder, die heute mit Fräulein Morden in der Halle spielen. Da es den ganzen Tag regnet, können sie nicht in den Garten und baten mich, dort ihre Spiele treiben zu dürfen." „Das ist ja herrlich! ein gutes Spiel gibt erst den rechten Appetit zum Abendessen," und ehe die Freifrau es hindern konnte, hatte Arthur die Thüre geöffnet und stand in der Halle. „Onkel Arthur! Onkel Arthur!" jubelten drei helle Kinderstimmen und umringten den Neuangekommenen. „Halloh, Kinder, was macht Ihr hier für einen Lärm!" „Oh, Onkel Arthur, wir haben so vielen Spaß. — Wir spielen Blindkuh, und Fräulein Morden muß uns greifen! Komm, spiele mit uns!" „Von Herzen gern, Kinder. Aber zuerst müßt Ihr mich Fräulein Morden vorstellen; — sie könnte mich sonst greifen, und wüßte dann nicht, wer ich bin." Oberst Dornburg schritt auf Barbara zu, die schnell die Binde von den Augen gerissen hatte. Er sah vor sich ein schlankes Mädchen, mit edlen aristokratischen Zügen, vom Spiel geratheten Wangen, und die dunklen Augensterne leuchteten in feurigem Glänze. Die dicken kastanienbraunen Flechten, die sonst fest um den Kopf geschmiegt waren, wie es sich einer ehrbaren Gouvernante geziemte, hatten sich vom Spiel gelöst und hingen in schweren Ringeln über Hals und Schulter. Er sah sie bewundernd an, dann wandte er sich an Eve- line, die noch immer seine Hand nicht losgelassen hatte. „Jetzt mußt Du mich in allerForm vorstellen. — Fräulein Morden", fuhr er dann fort, als das Kind beharrlich schwieg, „ich muß mich selber vorstellen, wie ich merke. Ich bin Arthur Dornburg, Ihr ganz gehorsamster Diener, — Ihren Namen kenne ich schon." BarbarasWangen färbten sich dunkler. „Wollen Sie mir nicht die Hand reichen, ehe das Spiel fortgesetzt wird?" fragte er dann heiter. Barbara konnte nicht widerstehen, sein offenes, ehrliches Wesen gefiel ihr, und freudig reichte sie ihm die Hand. Jetzt fing das Spiel von Neuem an; es wurde gescherzt und gelacht, und Arthur sah mehr als einmal in das freudig erregte Antlitz der Gouvernante, die eben so viel Freude an diesem harmlosen Spiel zu haben schien, wie die Kinder selbst. Endlich sank sie auf einen Stuhl, um sich auszuruhen, und Arthur fand auch, daß er zu müde war. um weiter zu spielen. Er setzte sich ihr zur Seite, doch damit waren die Kinder durchaus nicht zufrieden. 170 „Oh, Onkel Arthur, warum bist Du so gleich müde?" „Ich bin nicht mehr so jung wie Du bist, Edmund, und ich habe heute schon eine weite Reise gemacht." „Fräulein Morden kann uns so reizende Geschichten erzählen, von Elfen und Feen, und tausend schöne Märchen," berichteten die Kinder. „Kann sie das wirklich? Darf ich denn auch wohl kommen und zuhören? ich höre so gern Geschichten. Frage sie doch, Eveline, vielleicht erlaubt sie es mir." „Oh ja — ja, komm nur," riefen die drei Kinder. „Er darf doch kommen, nicht wahr, Fräulein Morden?" Der Officier schaute lächelnd auf Barbara. Er ahnte, daß die Frage der Kinder sie in nicht geringe Verlegenheit setzte. „Fürchten Sie nichts, Fräulein Morden," sagte er schnell, „ohne Ihre Erlaubniß will ich nicht kommen. — Wie ist es denn mit Gespenstergeschichten, kann Fräulein Morden die auch erzählen?" wandte er sich dann an die Kinder. „O, sie versuchte es einmal", erwiderte Edmund mit wichtiger Miene, „aber wir fürchteten uns gar nicht. Du kannst sie uns viel besser erzählen, so schrecklich—" „Arthur,Arthur! wo bist Du? ich höre den Wagen rollen, Fräu- leinRosen wird sogleich hier sein," ertönte plötzlich die Stimme der Freifrau in der geöffneten Thür. Als sie die kleine Gruppe in der Halle erblickte, verfinsterten sich ihre Züge. Oberst Dornburg saß neben der Gouvernante, Edmund auf seinen Knieen und Alex auf Barbaras Schooß. Eveline stand im Hintergrund und schmiegte ihren Arm um den Hals der geliebten Erzieherin. Es war ein lieblicher Anblick, aber er reizte die Freifrau. „Olga wird sogleich hier sein, Arthur," fuhr sie deshalb erregt fort, „wenn es Dir möglich ist, Dich von den lästigen Kindern loszureißen , hilfst Du mir vielleicht sie zu empfangen. — Fräulein Morden, es ist jetzt Zeit, daß Sie sich mit den Kindern in das Schulzimmer zurückziehen!" Barbara erröthete heftig; noch nie zuvor hatte die Freifrau in diesem befehlend herrischen Tone mit ihr gesprochen. Doch sie erwiderte nichts; sie erinnerte sich, daß sie ja nur die arme Gouvernante war, die schweigend gehorchen mußte. „Adieu, Fräulein Morden. Wir müssen bald noch einmal Blindkuh spielen," rief der Oberst und reichte ihr zum Abschied die Hand, die er leise drückte. (Fortsetzung folgt.) --SSWN-S-.. Goldkörner. Wer kann alles, was er will? Wer nur will, was er kann! k. Joseph Weiher, Wächter am heil. Grab, ein bayerischer Landsmann. (Mit Bild.) —s. Alljährlich am Charfreitag wird in sämmtlichen Pfarrkirchen der Diöcese Augsburg das Opfer für die sogenannten Väter oder Wächter am hl. Grabe zu Jerusalem eingesammelt. Möge es uns gestattet sein, dem freundlichen Leser einiges über die Aufgabe derselben zu erzählen und im Besonderen auf einen bayerischen Landsmann aufmerksam zu machen, der das erhabene Amt eines Wächters am hl. Grabe schon seit Jahren versieht. Bereits im Jahre 1219, also 10 Jahre nach Stiftung seines Ordens, kam der hl. Franziskus mit 12 Gefährten in's hl. Land, doch schon nach wenigen Jahren wurden sämmtliche Patres in der Kirche des hl. Grabes von einer grausamen Horde der Charesmier niedergemacht, im Jahre 1291 traf die Väter in Akkon das nämliche Schicksal. Diese und ähnliche schwere Prüfungen vermochten übrigens die tapferen Söhne des hl. Franziskus nicht zu entmuthigen, schon wenige Jahre später finden wir wieder andere Väter wachend und betend am hl. Grabe. Und so ist es bis heute geblieben, wenn auch leider die Franziskaner im Laufe der Jahrhunderte namentlich durch Geld und Trug der Griechen manche hl. Stätten ganz verloren haben, an andern ein Miteigenthumsrecht zugestehen mußten. Das Hauptkloster des Ordens im hl. Lande ist St. Salvator in Jerusalem, ein weit ausgedehnter Bau, gleichsam eine Stadt im Kleinen, vorsorglich von einer Mauer umgeben. Mehr als 10 Zisternen sorgen dafür, daß die ehrwürdigen Väter und sonstigen Inwohner des Klosters keinen Durst zu leiden brauchen, sie füllen sich zur Regenzeit mit dem Wasser, das aus den Höfen und von mehreren Terrassen in dieselben hinabgeleitet wird. Dieses Zisternenwasser ist übrigens gar nicht schlecht und oft frischer als das Quellwasser des hl. Landes. St. Salvator schließt außer den Zellen für die Mönche ferner in sich eine stattliche Bibliothek als geistliche Werkstätte, dann Werkstätten für Schreiner, Schlosser, Schmiede, Nudelfabrikation rc., eine Dampfmühle und eine große Bäckerei; hier wie in andern Häusern des Ordens wird die christliche Liebe in ausgedehntem Maße geübt und wandern allwöchentlich Hunderte von Brodlaiben in die Hände der Armen. Es ist ein interessantes Schauspiel, wenn nach der Ernte die Landleute mit ihren schwerbeladenen Eseln und Kameelen im Klosterhof erscheinen, um ihr überschüssiges Getreide an das Kloster zu verkaufen. Das Hauptkloster St. Salvator hat in Jerusalem eine Filiale, nämlich das Kloster am hl. Grabe, welches jenen Franziskanern zum Aufenthalte dient, welche die r. Joseph Weiher. Wächter am heiligen Grab in Jerusalem. 171 Wache am hl. Grabe haben. Es ist an die hl. Grab- kirche angebaut und besitzt keinen andern Ausgang, als durch diese Kirche, so daß, wenn die Türken dieselbe geschlossen haben, auch die Wächter am hl. Grabe eingeschlossen sind. Das Essen, mit Ausnahme des Kaffee's, wird ihnen jeden Tag von St. Salvator aus gebracht und durch eine kleine Oeffnung gereicht. Das Klösterlein selbst ist armselig und dabei, weil es tief in den Boden eingebaut ist, ziemlich ungesund. Bis vor wenigen Jahren befand sich über demselben ein türkischer — Pferdestall, dessen Unrath zuweilen seinen Weg bis in die Zellen der Franziskaner fand. Kaiser Franz Joseph von Oesterreich, der große Wohlthäter des hl. Landes, machte diesem halten, die jeden Nachmittag unter Gebet und Gesang sich zu sämmtlichen heiligen Orten der Grabkirche bewegt. Dazu kommt der Beichtstuhl und andere Verrichtungen. Der Dienst eines Wächters am hl. Grabe ist anstrengend, unter Umständen sogar gefährlich wegen der fanatischen Griechen und Türken, der Aufenthalt im hl. Grabkloster ungesund; deshalb muß kein Franziskaner länger als ununterbrochen drei Monate darin verweilen und kehren die meisten wieder gern nach St. Salvator zurück. Man hat aber auch Beispiele, daß einzelne fromme Mönche fast ihre ganze Ordenszeit daselbst zugebracht haben. Eben jetzt befindet sich dort ein Sohn des hl. Franziskus — wir dürfen ihn mit Stolz unsern Landsmann nennen — Eingang in die Heil. Grab-Kirche. Heiliges Grab. Mi H SS» M «M WWW WWWWKüW WWM MMW - -"»I'L.UU, BÄ?' -itÄü-W MM schmählichen Zustande ein Ende, indem er den Pferdestall ankaufen und an seiner Stelle eine Terrasse errichten ließ. Eine andere Terrasse, die sich über dem Klösterlein erhebt, war früher der einzige Ort, wo sich die Wächter am hl. Grabe im Freien bewegen und wieder etwas frische Lust schöpfen durften. Gegenwärtig ist es nicht mehr so streng und verläßt wohl zuweilen ein Pater seine Zelle auf einige Stunden, um eine Wallfahrt nach Bethlehem, dem Oelberg oder sonst einem hl. Orte zu machen, oder mit Pilger-Landsleuten, die gerade in Jerusalem weilen, sich abzugeben. Aufgabe der Wächter am hl. Grabe ist es, den Chor zu besorgen, der schon vor Mitternacht beginnt, die verschiedenen Gottesdienste am hl. Grab und den andern Sanktuarien, dann die feierliche Prozession abzu- hochverehrt von all seinen Ordensgenossen, der nun schon 12 Jahre das erhabene Amt eines Wächters am hl. Grabe versieht; es ist dies Pater Joseph Weiher, gebürtig von Niedhof, einer Filiale der an der Ostseite des Auer- berges sich weithinstreckenden Pfarrgemeinde Bernbeuren. Schon als Student machte er eine Pilgerreise in's hl. Land, und damals erwachte in ihm die Sehnsucht, Wächter am hl. Grabe zu werden. Er nahm zum zweiten Male, diesmal auf immer für diese Welt, Abschied von Vaterland und Angehörigen, vollendete seine Studien in Bethlehem, das Noviziat in Nazareth, feierte am Dreifaltigkeitssonntag 1881 seine Primiz in der hl. Grabkirche und trat dann alsbald in das Klöstcrlein am hl. Grabe ein, wo er wohl bis zum Tode ausharren wird. Ein Jerusalemspilger, der vor drei Jahren gestorben ist, hat 172 mir wiederholt versichert, Pater Joseph werde noch ein berühmter Mann, weil er es solange aushalte als Wächter am hl. Grabe; ich kann wohl versichern, daß der demüthige Ordensmann nach nichts weniger strebt, als nach Berühmtheit; konnte ihn doch der liebenswürdige Pater Vikar nur in Kraft des Gehorsams bewegen, sein Bild beim Photographen in Jerusalem machen zu lassen. Sein einziger Ruhm ist es, Tag für Tag an jenen hl. Stätten zu beten, wo der Heiland gelitten und gestorben, wo er nach kurzer Grabesruhe wieder erstanden und den hl. Frauen erschienen ist, sein sehnliches Verlangen, in unmittelbarer Nähe des Hügels Calvaria dereinst sterben zu dürfen. Möge dieser Augenblick für Pater Joseph noch recht ferne sein, möge er noch recht viel Jahre seines hl. Amtes walten und an der heiligsten Stätte der Welt beten für seine bayerischen und deutschen Landsleute l Es sei schließlich gestattet, ein schönes Wort des sel. Alban Stolz anzuführen: „Manche fromme Mönche haben sich hier schon so sehr in ein gottseliges Sinnen und Sein eingelebt, daß sie viele Jahre lang niemals die hl. Grabkirche mehr verließen. Wer die Welt und Sinnlichkeit gründlich unter den Füßen hat und wahrhaft in Christus sein Leben und seine Welt gefunden, dem wird der lange Aufenthalt in der hl. Grabkirche zu einem Aufenthalt bei Christus sich gestalten und ihm die Langeweile verschwinden gleich dem Seligen in der Ewigkeit." -«S-SNUH«- Zu unseren Bildern Christi pornenkrönnng. Die hl. Cha: Woche ist besonders dem Leiden und Sterben unseres Heilandes geweiht. Wir wandeln im Geiste mit Jesu den Weg des Kreuzes und ergehen uns in frommen Betrachtungen über all das, was Jesus für uns gelitten. Eines der fünf schmerzhaften Geheimnisse ist es, was auf unserem Bilde dargestellt ist, die Dornenkrönung Christi. Bei Math. 27, 27 ff. leten wir hierüber: „Dann nahmen die Soldaten des Landpflegers Jesum in das Richthaus und versammelten die game Schaar um ihn her. Sie zogen ihn aus, und legten ihm einen Purpurmantel an, flockten eine Krone von Tornen, setzten sie auf sein Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine Rechte, fielen vor ihm nieder, verspotteten ihn und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!" — Pietü. Von einer Anzahl hervorragender Künstler der bildenden Kunst und der Malerei besitzen wir Werke, welche unter dem Namen PielL (Frömmigkeit, Barmherzigkeit) bekannt und hochgeschätzt sind. In der bildenden Kunst ist es meist die Darstellung der Maria mit dem Leichnam Christi im Schooße. Die berühmteste aus der klassischen Zeit ist die überlebensgroße Gruppe von Michelangelo in der Peterskirche zu Rom. Unter den Malern haben besonders G. Bellini und van Dyck das Motiv der Pietä behandelt. In neuerer Zeit hat Rietschel u. A. eine Abweichung von dem überlieferten Typus insoferne versucht, indem sie die Maria an der Seite des Leichnam's Christi knieend, oder den Leichnam Christi umarmend darstellen. — Hilder aus Palästina. Die Kirche des heiligen Grabes. Sonnet von Dr. L. Lang. O heilig Haus, um das die Völker rangen, Wie sie um keins auf Erden je gerungen, Gebenedeit von Millionen Zungen, Von heißen Wünschen sehnsuchtsvoll umfangen! Dir gilt der Christen glühendes Verlangen, In dir zu knie'n zu frommen Huldigungen, Das Grab zu schau'n, dem sich der Herr entrungen, Von welchem aus das Heil der Welt gegangen Und wer dich sah, der scheidet dann in Trauer; War's uns're Sünde nicht, die in die Schauer Des Todes hat den Gottessohn getrieben? Doch Freude auch erblüht in deinen Hallen: Das Grab des Herrn verbürgt den Himmel Allen. Die Ihm sich weih'n in Glauben, Hoffen, Lieben. Allerlei. Von einem „Währungswunder" wird der „Franks. Ztg." aus Waverly in Iowa geschrieben: Im fernen Südwesten an dem Grenzflüsse Rio Grande liegt die amerikanische Stadt El Paso, der mexikanischen Stadt Juarez gegenüber. Beide sind durch eine Brücke verbunden. In El Paso ist der amerikanische Silber-Dollar selbstverständlich 100 Cents werth, der mexikanische aber nur 85 Cents. In Juarez herrscht das umgekehrte Verhältniß. Leider ist in beiden Städten das Kleingeld fast so rar wie in Italien. Wenn nun ein Mann in El Paso am Morgen einen Schnaps für 15 Cents trinkt und einen Silber-Dollar in Zahlung giebt, so erhält er einen mexikanischen Dollar heraus. Der Mann geht dann Geschäfte halber nach Juarez, jenseits des Flusses, und. ist unterdessen wieder durstig geworden. Er tritt in eine mexikanische Wirthschaft, trinkt einen mexikanischen Schnaps für 15 Cents, zahlt mit seinem mexikanischen Dollar und erhält einen amerikanischen Dollar heraus. Jetzt hat er für 30 Cents Schnaps getrunken und noch keinen Cent seines Vermögens verloren. Für feuchtfröhliche Menschen ist die Gegend ein Paradies, ein Silber-Dollar und gesunde Beine genügen, um in äulai susiilo zu leben, nur darf man hüben und drüben jedesmal nickt mehr vertrinken, als der Währungsunterschied zwischen dem amerikanischen und dem mexikanischen Dollar beträgt. -- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auslösung des Logogryphs in Nr. 22: Wille, Wolle, Welle. 34 . Ireitag, den 23. März 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). C h a v f Le r t a g. Hier hangest Du, auch meine Sünden Trägt Gottes Sohn am Kreuzesholz, Der Leiden Tiefen zu ergründen Vermagst Du nimmer, Menschenstolz! Die Welt erbebt, in seinen Grüften Ist schauernd selbst der Tod erwacht, Es geht der Schmerz durch Fels und Klüften, Und auf der Erde wird es Nacht. Um Golgatha ist's still geworden. Der grimme Feind schlich scheu davon. „Der ist ein Gott am Kreuze dorten!" Ruft zeugend auch des Heiden Sohn. Dräut nun ein ewiges Verderben, Bleibt immer diese Todesnacht? Mein Heiland neigt das Haupt zum Sterben, Alleluja, er hat's vollbracht! Adolph Müller. Die Tochter des Hauses. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Viertes Capitel. Tage waren vergangen. Barbara hatte weder den jungen Osficier, noch Fräulein Rosen gesehen, denn wenn Gesellschaft im Schlosse war, mußte die Gouvernante im Schulzimmer bleiben. Da pochte es an die Thür. „Ich bin's, darf ich hereinkommen?" fragte leise eine geheimnihvolle Flüsterstimme. „Es ist Onkel Arthur," erklärte Eveline. Die drei Kleinen saßen wie gewöhnlich um Barbara v geschaart, die aus einem Märchenbuche vorlas. Wieder ertönte das Klopfen. „Herein!" rief Barbara. „Habt Ihr hier ein Plätzchen für mich, Kinder?" fragte scherzend der Oberst. „Ja — ja!" ertönte es aus drei hellen Kehlen, und jauchzend sprangen die Kinder auf, den geliebten Onkel in ihre Mitte ziehend. „Fräulein Morden", begann er, als er das Buch in Barbaras Hand sah, „lesen Sie weiter, bitte. Ich höre gern Geschichten und wollte mich hier amüsiren. Unten ist's entsetzlich langweilig. Herr von Garkau sieht kaum von seiner Zeitung auf, und Fräulein Rosen unterrichtet meine gute Cousine über die neueste Mode. Das konnte ich nicht länger ertragen und flüchtete mich hierher zu Ihnen." „Erzähle uns eine Gespenstergeschichte, aber so schrecklich, wie Du sie nur weißt. Fräulein Morden fürchtet sich nicht so, wie früher Fräulein Müller", baten die Kinder. „Wirklich nicht?" scherzte er mit einem bedeutungsvollen Blick auf Barbara. „Dann kann ich ja wohl die schaurigsten erzählen, die ich weiß. — Für diese kleinen Trabanten ist nichts haarsträubend genug, das weiß ich aus Erfahrung." Er setzte sich in einen Sessel, gerade Barbara gegenüber, die beiden Knaben auf seinen Knieen schaukelnd. Er war ein vorzüglicher Erzähler, der es wohl verstand, seine Zuhörer in Spannung zu halten. Die Kinder lauschten athemlos seiner sclbsterdachten Gespenstergeschichte, die er in den grellsten Farben ausmalte. Doch lange konnte die kleine Schaar nicht still sitzen, und Onkel Arthur, der der Anstifter aller erdenklichen Spiele war, freute sich, wenn es recht lustig und toll im Schulzimmer herging. Die Zeit war ihm hier so schnell verflogen, daß er momentan erschrak, als plötzlich die Thür sich öffnete und seine Cousine mit Fräulein Rosen aus der Schwelle erschien. „Nun, hat man je in der Welt einen solchen Lärm gehört!" schalt die Freifrau mit finstern Blicken, doch unwillkürlich flog ein Lächeln über ihr Antlitz, als sie die Situation überschaute. Die Kleinen spielten ein ganz neues Spiel; Onkel Arthurs höchsteigene Erfindung, auf die er nicht wenig stolz war. — Der Tisch war bei Seite geschoben. Onkel Arthur kauerte auf Händen und Füßen darunter; er stellte einen bissigen Hund dar, der am Tischfuß angebunden war. Knurrend und bellend versuchte er die Kinder zu erhäschen, die sich in wilden Sprüngen dem Tische näherten und jedesmal laut aufjauchzten, wenn sie glücklich entwischt waren. Barbara hatte sich entschieden geweigert, an diesem wilden Spiel theilzunehmen, aber sie freute sich über das Vergnügen der Kleinen und lachte herzlich mit. 174 „Fräulein Morden I wie können Sie einen solchen Spektakel hier dulden!" Es lag etwas in dem Tone der Stiefmutter, was Barbara sogleich wieder an ihre untergebene Stellung erinnerte. Sie hatte in diesem Augenblick ganz vergessen, daß sie ja nur die arme Gouvernante war, die nicht in harmloser Weiss mit dem jungen Ossicier lachen und scherzen durfte. Fräulein Rosen, ein zierliches, junges Mädchen mit hellblonden, krausen Haaren und unschuldig blickenden Wasserblauen Augen, stand in sprachlosem Erstaunen wie angewurzelt da. Sie hatte selbst keine kleineren Geschwister und zweifellos seit ihrer Kindheit nicht mehr mit Kindern gespielt, daher konnte sie sich auch in daS Spiel der Kinder nicht hineindenken. Sie hatten so behaglich plaudernd im Salon gesessen, daß es ihr unbegreiflich schien, als der Oberst aufstand und die Gesellschaft der kleinen, unruhigen Kinder vorzog. Sie warf einen langen, prüfenden Blick auf Barbara, die sich errathend erhoben hatte. „Ah! rothes Haart sie kann mir nicht schaden", dachte sie bei sich selbst. Der Oberst war blitzesschnell unter seinem Tisch hervorgekommen, und ehe die Freifrau wußte, wie ihr geschah, drückte er sie mit sanfter Gewalt in einen bequemen Sessel am Ofen, rückte einen anderen für Fräulein Rosen herbei, und auf einen Win? waren Barbara und die Kinder im Halbkreis umher gruppirt. „Na, Du bist wirklich erfindungsreich, Arthur," sagte sie, jetzt schon ein wenig besänftigt, „aber begreifen kann ich es doch nicht, daß Du das Schulzimmer unserem behaglichen Salon vorziehst." „Und die lärmenden Kinder Deiner und Fräulein Rosen's liebenswürdiger Gesellschaft", ergänzte Arthur erheitert. „Ich gestehe, Eveline, es zeugt von meinem unverzeihlich schlechten Geschmack. Aber ich dachte, Ihr hättet heule genug von mir gehabt, und — verzeihet meine Einbildung, es ist eben meine schwache Seite — die Kinder sollen von meinem Hiersein doch auch Profitiren. Sieh' doch nur an, habe ich sie nicht gut amüsirt?" Die Freifrau blickte in die vom Spiel hoch ge- röthcten Wangen und in die freudestrahlenden Augen ihrer Lieblinge, die den stets zum heiteren Spiel bereiten Onkel wie einen verzauberten Prinzen aus dem Märchen- Luche betrachteten. „Ihr Alle verwöhnt mir die Kinder," schalt sie lachend. „Erzähle uns noch eine Gespenstergeschichte." rief Edmund. „Mama, er weiß so viele schaurig schöne Geschichten, die alle wahr sind." „So, wirklich? Weißt Du denn nicht, daß Ge- spenster-Eeschichten nur erdacht sind, Edmund? Aber zuerst wollte ich mit Dir über einen Brief sprechen, Arthur, den ich soeben bekommen habe. Olga und ich kamen gerade deshalb hierher. Da fällt mir ein, Olga, daß ich Dir unsere neue Gouvernante noch nicht vorgestellt habe. Fräulein Morden — Fräulein Rosen!" Die beiden jungen Damen verneigten sich. — Die elegante Haltung, überhaupt das ganze unleugbar hübsche Aeußere Olgas verfehlte nicht den günstigsten Eindruck auf Barbara und dennoch lag etwas in ihrem Wesen, in ihrem Antlitz, was ihr nicht gefiel. — Sie warf einen flüchtigen Seitenblick auf den Oberst, der den Brief seiner Cousine las und dachte bei sich selbst: „Wird er die Wünsche und Hoffnungen erfüllen, die meine Stiefmutter in ihn setzt, und Fräulein Rosen zur Gattin wählen?" „Nun, Eveline, was wünschst Du denn, daß ich thun soll?" fragte er, den Brief zurückreichend. „Du weißt, ich bin kein Spielverderber und komme immer in der Absicht hierher, mich den verschiedensten Situationen anzupassen. Befiehl also über mich; ich, Dein ganz gehorsamer Diener, will jedem Deiner Winke Folge leisten." „Fräulein Morden könnte uns gut helfen, wenn sie wollte," sagte die Freifrau, einen vielsagenden Blick auf Barbara werfend. „Gewiß will ich helfen, — von Herzen gern. Um was handelt es sich, Frau von Garkau?" „Lesen Sie diesen Brief!" Es war eine Bitte von Gräfin Wertfeldt, zur bevorstehenden Verlobungsfeierlichkeit der ältesten Tochter ein altdeutsches Quartett aufzuführen. „Die Gräfin ist mir eng befreundet und ich mag ihr diese Bitte nicht gern absagen, denn es wird von allen Gasten erwartet, daß sie nach Kräften zur Unterhaltung beitragen," erklärte die Freifrau. „Es werden Tableaux gestellt, kleine Lustspiele aufgeführt und viel musicirt. — Zum Glück kommt morgen Graf Udo von Eckernstein; er singt Baß; — Du, Arthur, hast einen vorzüglichen Tenor. Ich finge Sopran, es fehlt uns also nur der Alt. Wollen Sie diese Stimme übernehmen, Fräulein Morden?" „O ja! Von Herzen gern. Ich bin Ihnen sogar aufrichtig dankbar, daß Sie mich auffordern." „Das ist gut und wäre also zur Zufriedenheit abgemacht. Kommen Sie nach dem Abendessen — um neun Uhr — in den Salon, dann können wir ein wenig üben. Olga, ich fürchte, Du wirst zuhören müssen, — es ist doch schade, daß Du nicht musikalisch bist, — hoffentlich wird es Dir nicht allzu langweilig." Fräulein Rosen lächelte und versicherte, daß es ihr Freude mache, zuzuhören, jedoch der mißmuthige Blick strafte ihre Worte Lügen. Als der Oberst am Abend in den Salon trat, fand er seine Cousine bei der Durchsuchung der Noten. „Warum lächelst Du, Arthur?" fragte sie ihn, „hast Du etwas Belustigendes gehört?" „Gerade nichts Besonderes, Eveline. Aber ich will's nur gestehen; — ich lachte über Dich. — Du hast mich verschiedentlich gewarnt, Fräulein Mordens Gesellschaft zu meiden, und jetzt arrangirst Du selbst eine ganz allerliebste Zusammenkunft. Wenn ich mich jetzt in sie verliebe, so trägst Du allein die Schuld, nur oköra oorwinv!" Die Freifrau lächelte gezwungen; es schien ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen zu fallen, daß sie übereilt gehandelt habe. „Ich kann mir nicht denken, daß Dir Fräulein Morden gefährlich werden könnte, so lange Olga hier ist. Vergleiche doch die Beiden miteinander." „Das habe ich ja bereits gethan und dabei die Entdeckung gemacht, daß die gute Olga recht reizbar und herrschsüctig sein kann. Das sind nun eben Eigenschaften, die für einen so demüthigen, geduldigen Mann, wie ich einer bin, höchst gefährlich, zum Mindesten unerträglich werden können." „Rothhaarige Menschen sind häufig hitzig und streitsüchtig!" „Wird von Fräulein Morden gesprochen?" lispelte 175 hämisch Olga Rosen, die soeben das Zimmer betrat und die letzten Worte gehört hatte. „Nothhaarige Menschen sind in der Regel höchst unangenehm und oft hinterlistig." Dann erzählte sie eine Menge kleine Anecdoten, die ihren Ausspruch beweisen sollten. Inzwischen war Barbara in ihrem Zimmer. Sie sang fröhlich eine Opernarie und ließ es ruhig geschehen, daß Eveline ihr an der Toilette behülflich war. „So, nun kannst Du mir mein Armband zumachen; nimm Dich aber in Acht, daß Du das Schlößchen nicht zerbrichst!" Es war ein einfacher, goldener Reif, der in großen Buchstaben ihren Namen eingravirt trug. „Bar—ba—ra," buchstabirte die Kleine, den Reif langsam herumdrehend. „Heißen Sie so, Fräulein Morden?" „Ja, mein Kind, das ist mein Name." „Sonderbar! das ist auch der Name meiner ältesten Schwester; Sie wissen doch, sie ist so weit von hier fort, und ich habe sie noch gar nicht gesehen." „Ja, ich weiß es!" Dann schloß sie das Kind in die Arme und flüsterte ihr leise zu: „Möchtest Du Deine Schwester gern sehen, Eveline?" „O ja, sehr gern. Mama sagt, sie soll im nächsten Jahre zu uns kommen. Ach! ich möchte, sie würde uns dann so lieb haben, wie Sie uns haben, liebes Fräulein Morden." Die Kleine hatte bei diesen letzten Worten ihre Aermchen um den Hals der Gouvernante geschmiegt und küßte sie herzlich. Barbaras Augen füllten sich mit Thränen. „So, das ist genug, Du kleiner Liebling," lächelte sie, sich aus den Armen des Kindes befreiend. „Jetzt ist es Zeit für mich, es hat 9 Uhr geschlagen und Mama wird böse, wenn ich nicht pünktlich bin. Du mußt auch jetzt zu Bette gehen." Die Kleine gehorchte augenblicklich; Barbara trat in den Salon. Die Freifrau, die die letzten neckischen Worte ihres Vetters nicht vergessen hatte, begrüßte sie mit kühler Zurückhaltung. Doch kaum hatte sie einige Lieder mit ihr gesungen, so vergaß sie selbst, daß es ja nur die arme Gouvernante war, und plauderte mit ihr in ihrer ungezwungenen, herzgewinnenden Weise. — Der Schloßherr saß schweigend in seinem Armstuhl; das Buch war längst seinen Händen entfallen; seine Augen hingen unverwandt an den jugendlich frischen Zügen der Gouvernante, zu der er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Nur Olga Rosen blickte finster drein. Anfänglich hatte sie dem Gesänge geduldig zugehört, jedoch, da sie wenig Verständniß dafür hatte, gähnte sie bald und zog sich schmollend anit einem Buche zurück. Barbara sang, begleitete die Lieder der Freifrau, plauderte, lachte und scherzte so heiter und unbefangen, daß sie selbst ihre Stellung wieder vergaß und auch von Niemanvem daran erinnert wurde. Als der Oberst sich am Abend zur Ruhe legte, spiegelte ihm ein neckischer Traum immer wieder die dunkelbraunen Augensterne vor, die ihn in eine neue Welt, — eine Welt voll Glück und Liebe, versetzten.- Für Olga Rosen war die Bitte der Gräfin Wert- feldt zur unerträglichen Qual geworden. Selbst wenig Sinn für Gesang und Musik, wollte sie wohl geduldig ein einzelnes Lied anhören, aber mehrere Abende hintereinander den verschiedensten Uebungen beiwohnen zu müssen, war doch mehr, als sie ertragen konnte. — Als Graf Udo von Eckernstein erschien, wurde die Sache noch schlimmer. Er war ein leidenschaftlicher Musikfreund, der über einen ganzen Schatz von Balladen, Liedern und Arien zu verfügen hatte. Zwar versuchte Olga, ihn durch feurige Unterhaltung zu fesseln. Sie redete von Politik, von Jagden, Hunden und Pferden, — alles vergeblich! Sobald Barbara kam, griff er zu den Noten, wählte die schönsten Lieder, da seine Stimme mit der ihrigen so gut harmonirte. Nach kaum drei Tagen war der stolze Graf Fräulein Mordens ganz ergebener Sclave. Die Freifrau erzitterte bei dieser Entdeckung. Was würden die hochgeborenen, gräflichen Eltern sagen, wenn der einzige Sohn Udo die schlichte Erzieherin als Gattin heimzuführen gedachte! Es gereichte ihr daher zur großen Beruhigung, daß Barbara ihn in keiner Weise zu seinen Huldigungen er- muthigte und gleichmäßig kühl und zurückhaltend gegen ihn blieb. Aber sie beobachtete ihn scharf. Kein Wort, welches er an die Erzieherin richtete, kein Blick entging ihr, ja, sie verfolgte jede seiner Bewegungen mit gespannter, ungetheilter Aufmerksamkeit, daß sie sogar ihren Vetter Arthur darüber vergaß, dessen Blicke leidenschaftlich und bewundernd an dem jungen Mädchen hingen. Es war ihr eine Erleichterung, als Olga ihr plötzlich erklärte, zurückkehren zu müssen. Die junge Dame fühlte sich zu wenig heimisch in diesem musikalischen Kreise, und es war so schwer gewesen, für ihre Unterhaltung zu sorgen. Endlich war der lang erwartete Festtag herbeigekommen. Barbara stand allein in ihrem Zimmer; die kleine Eveline, die sonst so gern bei der Toilette geholfen hatte, lag in glühender Fieberhitze in ihrem Bettchen. „Eine heftige Erkältung — sie leidet häufig daran —- die bei ihrer schwächlichen Gesundheit oft ungewöhnlich stark auftritt", erklärte die Freifrau und beunruhigte sich durchaus nicht. Auch der sonst so muntere kleine Alex war heute ungewöhnlich still gewesen, klagte über Müdigkeit und schlief bereits fest und ruhig. Barbara vermißte ihr Schwesterchen und konnte sich nicht so leicht über deren Zustand beruhigen. Noch vor wenigen Minuten hatte sie vor dem Bettchen gestanden, doch halb wachend, halb schlafend hatte sich das glühende Köpfchen in den weichen Kissen nmhergcwälzt und dann über Kopf- und Halsschmerz geklagt. „Ich will sofort zurückkehren, wie der Gesang beendet ist, und nicht bis zum Abendessen bleiben," dachte sie, als sie in ihr Zimmer zurückkehrte. Auch die Freifrau betrat das Schlafzimmer. „Sie hat sich erkältet — sie ist dann immer sehr unruhig," dachte sie, dann ging sie zu Alex, der ruhig, zwar mit fieberhaft glühenden Wangen, in seinem Bettchen lag und schlief. Gerade als Barbara ihr Zimmer verlassen wollte, kam Gleichen und brachte einen prachtvollen Zweig frischer, weißer Rosenknospen mit dunkelgrünen Blättern und Orangenblüthen. „Herr Oberst Dornburg schickt diese Blumen mit der Bitte, sie an diesem Festabend Zu tragen. Die gnädige Frau hat ganz dieselben bekommen," berichtete sie. Eine freudige Nöthe färbte Barbara's Wangen. „O, wie schön, wie herrlich, Gleichen. Gewiß, ich will sie gern tragen; woher hat er sie bekommen? Sie sind doch nicht von hier, aus dem Treibhaus?" „O nein! Sie sind soeben mit einem reitenden Boten von der Station gebracht; er hat sie aus der Residenz kommen lassen," versicherte das Mädchen. „Darf ich Ihnen helfen? Die gnädige Frau ist schon fertig, und der Wagen steht schon vor der Thür." Mit geschickten Fingern waren die Blumen bald geordnet und Barbara eilte die Treppe hinunter. In der Halle stand Graf Eckernstein. Seine Augen hingen voll Bewunderung an der lieblichen Gestalt, die flüchtig und leicht wie eine Gazelle an ihm vorbeihuschte, ohne den dargebotenen Arm zu bemerken. — Oberst Dornburg, dem der Blick nicht entgangen war, konnte sich eines spöttischen Lächelns nicht erwehren, doch Barbara kam auf ihn zu und reichte ihm mit leuchtenden Augen die Hand. „O, Oberst Dornburg, wie danke ich Ihnen für die schönen Blumen; ich freute mich, daß Sie meiner gedachten." Es lag so viel bezaubernde Anmuth in diesen wenigen Worten, daß Arthurs Herz höher schlug. „Ich freue mich, daß sie Ihnen gefallen. Meine Cousine ist auch mit den ihrigen zufrieden und das macht mich stolz auf meine Wahl. — Da Sie und Eveliue die einzigen Damen sind, die heute singen, so glaubte ich auch, dieselben Blumen geben zu dürfen." Ein dankerfüllter Blick lohnte ihn tausendfach; er führte Barbara zu dem Wagen, in dem die Freifrau bereits wartete. Selbst der finstere Schloßherr hatte sich überwunden und sein Arbeitszimmer verlassen, um an der bevorstehenden Festlichkeit theilzunehmen Der Empfangsaal der Gräfin Wertfeld war dicht gedrängt von Gästen. Von Nah und Fern waren Freunde und Verwandte herbeigeeilt, um dem jungen Brautpaare ihre Glück- und Segenswünsche darzubringen. Barbara schien zerstreut. Die Gedanken jagten sich in ihrem Hirn, und schmerzlich zuckte es um ihre Mundwinkel, als sie der kleinen Eveline gedachte, die sie in glühender Fieberhitze verlassen hatte. Das wohl einstudirte Quartett war eine der ersten Aufführungen und der Erfolg ein großartiger. Die wohl- geschulten Stimmen harmonirten so vortrefflich, daß selbst der Freiherr laut seinen Beifall äußerte — eine Anerkennung, die seitens des finsteren Sonderlings noch nicht gezollt war. Nach Schluß des Quartetts schlich Barbara unbemerkt durch eine Seitenthür, und ohne die weiteren Aufführungen abzuwarten, eilte sie davon, erreichte flüchtigen Fußes den Adlerhorst und stand bald am Lager ihres erkrankten Schwesterchens. Fünftes Capitel. „Wollen gnädige Frau in Eoeline's Schlafzimmer kommen? Fräulein Morden läßt darum bitten." „Eveline? was ist mit ihr, Gleichen?" „Sie scheint sehr krank zu sein. Fräulein Morden sagt, der Arzt müsse geholt werden, gnädige Frau." Gleichen sah sehr bleich und angsterfüllt aus, als sie diese Bestellung ausrichtete. „Ich k^mme sogleich," versetzte die Freifrau. — Erst seit kurzer Zeit war sie zurückgekehrt; die Aufführungen und später das Souper hatten lange gedauert. An Eveline hatte sie kaum gedacht; sie hatte nicht einmal das Zimmer des Kindes betreten, die Gouvernante war ja bei ihr und die Kleine war also in guten Händen. Trotzdem konnte sie ihr Gewissen nicht zum Schweigen bringen. Schnell kleidete sie sich an und eilte in das Krankenzimmer, in dem Barbara sie auf der Schwelle erwartete. „ DerZustand hat sich Verschlimmert, Frau von Garkau." Beide näherten sich dem Bette. Dort lag das arme Kind und wälzte sich stöhnend umher. Die Wangen waren hoch geröthet; die Augen glänzten im Fieber. Als die Mutter sich über sie beugte, jammerte sie: „Oh, mein Hals — mein Hals." „Warum hat man mich nicht eher gerufen?" fragte die Mutter streng und blickte vorwurfsvoll bald Barbara, bald Gretchen an. „Hat sie die ganze Nacht in diesem Zustande gelegen? „Oh, nein, gnädige Frau," versicherte die alte, treue Magd, „ich war so oft hier, und das Kind schlief. Fräulein Morden hat sie erst vor einigen Minuten in diesem Zustande gefunden." Frau von Earkau blickte Barbara an. „Ja," beantwortete diese die unausgesprochene Frage, „ich war oft hier, aber Eveline schlief, und wiewohl unruhig, hoffte ich doch auf Besserung, wenn sie erwachte. Kaum vor zehn Minuten traf ich sie in diesem Zustande." Frau von Garkau kniete neben dem Bettchen und preßte ihre kalte Hand auf die brennende Stirn des kranken Kindes. „Gvi, mein Liebling, sage Mama, was Dir fehlt," flüsterte sie ihr so liebevoll zu, wie es das Kind wohl noch nie von der Mutter gehört haben mochte. Das Kind öffnete seine Augen und lächelte matt. Barbaras Augen füllten sich unwillkürlich mit Thränen, sie verstand, wie sehr das Herz des Kindes sich nach der Liebe der Mutter sehnte. „Mein Kopf, — mein Hals," stöhnte das Kind. „Was mag ihr nur fehlen, Gleichen?" Frau von Garkau hatte in der Krankenpflege wenig Erfahrung. Die Kinder waren bis jetzt immer kräftig und gesund gewesen. — Gleichen stand sprachlos; sie war alt, hatte die Kinder stets gewissenhaft beaufsichtigt, aber sie war keine gute Krankenwärterin. Barbaras scharfer Blick erkannte sogleich die Ursache des heftigen Fiebers. Schnell entblößte sie die Brust der Kleinen und fand, was sie befürchtete: das Kind war über und über mit feurig rothen Flecken bedeckt. — Sie zeigte dieselben ihrer Stiefmutter. „Ich halte es für gut, wenn der Arzt'so bald wie möglich gerufen wird, Frau von Garkau," sagte sie ganz bestimmt, „Eveline scheint Scharlachfieber zu haben. — Ich hatte es selbst in meinen Kinderjahren, fürchte daher keine Ansteckung — Gleichen sagt mir, die Krankheit soll unten im Dorfe herrschen; viele Kinder sind schon davon befallen." „Scharlach?!" ächzte die Freifrau und wurde leichenblaß, „und Alex — — ist er auch krank? Ich muß sofort zu ihm!" Sie erhob sich, und vor Schreck gelähmt, würde sie ohnmächtig zusammengebrochen sein, wenn Barbara sie nicht mit starken Armen aufgefangen und sanft auf ein Ruhebett niedergelegt hätte. Gleichen eilte mit kaltem Wasser herbei. „Laß nur, Gleichen, kümmere Dich nicht um mich, gehe nach den Kindern," hauchte die Freifrau matt. Gretchen blickte erst Fräulein Morden an, die gerade einem reitenden Boten den Befehl gab, schnell den Arzt zu holen; auf ihren Wink entfernte sie sich und ging nach Eveline, die jetzt ruhiger geworden war. — Jetzt war Barbara fest entschlossen, die Stellung als älteste Tochter des Hauses einzunehmen, die ihr rechtmäßig zukam. L77 „Liebe Frau von Garkau," sagte sie daher besänftigend, „beruhigen Sie sich. Vielleicht tritt die Krankheit nicht heftig auf, und die Kinder sind ja kräftig und gesund, sie werden sie schon überstehen." " Sie hatte leise ihren Arm um den Hals der Stiefmutter gelegt, und diese Berührung schien wohlthuend auf sie einzuwirken. Sie trocknete ihre Thränen, trank das dargereichte Wasser und richtete sich wieder auf. Als Barbara sah, daß sie sich erholt hatte, wollte sie zu Eveline zurückkehren, doch die Freifrau hielt sie fest, und — zum ersten Male in ihrem Leben — drückte sie ihre Stieftochter fest an sich und küßte sie. Barbara erwiderte die Liebkosung und: „Gewonnen — wieder ein Herz gewonnen!" jubelte sie in ihrem Inneren. (Fortsetzung folgt.) --SS88NS—- Agnes Bernauer, der Engel von Augsburg. Vaterländisches Trauerspiel von Martin Greif?) Eine moderne Dichtcrrichtung hatte in ihrer dramatischen Behandlung in der Weise des klassischen Heidenthums dem Weibe Unehre angethan und es von dem erhöhten Podium wieder herabgestoßen, den ihm das Christenthum angewiesen. Denn wie durch Eva der Sündenfall geschah, der die Erbsünde brachte, so kam die Erlösung aus derselben durch die heilige Jungfrau, die den Gottessohn gebar. Der zweite Akt des göttlichen Weltschöpfungsplanes war vollbracht, wonach das Universum eine Kirche Christi werden soll. Das Reich Gottes, nämlich die Gnade und die Wahrheit, waren zur Welt gekommen, die sündige, abgefallene Menschheit mit ihrem Schöpfer versöhnt worden und dieses geheimnißvolle Wunder wurde nach dem uncrforschlichen, von Ewigkeit an vorgesehenen Nathschluß Gottes durch eine aus dem Geist des Glaubens empfangene und wiederempfangende unbefleckte Gottesmagd bewirkt. Aus der Menschenmutter war eine Gottesmutter geworden; der Name Eva war durch Umstellung des Sinnes und der Buchstaben nun in Ave verwandelt worden, und Ave Maria! stimmte die erlöste Menschheit an, die durch die Fleischwerdung des Wortes, das von Anbeginn bei Gott und das Gott selbst war, nun aus Kindern ihres Vaters im Himmel bestehen sollte. So kam es, das; die christliche Weltanschauung aus Dankbarkeit für die „Mutter voller Gnaden" dem reinen Weib überhaupt eine Ehrenstellung anwies, und im Volksund Meistergesang ertönten zu seinem Preise die kindlichen, frommen und inbrünstigen symbolischen Lyraklänge. Erst der naturalistischen Weltanschauung in ihrer ganzen Stufenleiter vom verschwommenen Deismus, Pantheismus, Nationalismus rc> bis herab zum nackten Atheismus und materialistischen Positivismus war es vorbehalten, das Weib in der DarstcllungSwciss zu entweihen und zu einem Instrument des Sinnenrausches und der Lüstefröhnung herabzusetzen. Das gefallene Grcthchen, die sentimentale, mit dem Feuer spielende Lotte oder Emilia fingen an, typische deutsche Frauengestalten zu werden, die durch die Hauptmann und Ibsen und ihre Vorgänger zahlreiche, bis zur Karikatur verzerrte Nachahmungen fanden. Nicht als ob einzelnen dieser Figuren die Berechtigung zur dichterischen Bildung abgesprochen werden sollte — sie stammen aus dem profanen Haufen und ergötzen ihn wieder — aber sie bleiben die Symptome cin.es sittlichen und künstlerischen Verfalls. Es leben auch noch edle Urbilder in der Frauenwelt, und wenn sie in erhebender Weise durch die Muse unsern Augen und unsern Herzen menschlich näher gebracht werden, so wird damit ein Wiederaufblühen des guten Geschmacks und der reinen Empfindung geboren. Einen solchen Markstein der Umkehr und gleichzeitigen Erhebung hat Martin Greif wiederum mit seinem neuesten, obengenannten Werk gesetzt. Auf dem dunklen Grund der Geschichte hebt sich, umwoben von der weihenden Sage, wie eine Engelsgestalt oder Lichterscheinung das Bild der schönen und frommen Agnes Bernauer, der Baderstochter und Gemahlin des Herzogs Albrecht III., ab und tritt uns hier, durch Thalia's Kunst zum Leben erweckt, in realistischer Naturtreue entgegen; denn der Eindruck des Ueberirdischen, den es hervorruft, kommt nur von den Strahlen des Glaubens und der Vergeistigung, von denen es umleuchtet ist und die, einen Anklang und Widerschein findend in verwandten Seelen, diese zur Theilnahme, zum Mitempfinden mit dem traurigen Schicksal fortreißen, das, in diesem Falle des Dichters Wort zur Wahrheit machend, den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt. Die architektonische Ausgestaltung des Trauerspiels ist mustergültig und könnte selbst von den Stagiriten nicht bemängelt werden. Im ersten Akt wird zusammengedrängt und durch die Handlung selbst ohne viele Deklamation die Exposition gegeben, die uns rasch aufklärt über die Gründe des Zusammenstoßes, den das Verhängntß brütet. Georg von Gundelfingen, der Hofmeister des regierenden Herzogs Ernst, ist auf dem Schlosse in Straubing angelangt und verkündet auf der Galerie daselbst dem Vice- dom und dem Rath Aichstätter, daß sein Herr seinen Sohn, den Herzog Albrecht, zu seiner Vertretung eingesetzt habe. Der erste Redner hat die Handlung eingeleitet, die beiden andern fühlen sich durch die Mittheilung verletzt und beeinträchtigt; persönliche Beweggründe einer alten Feindschaft treten hinzu und so wird durch sie nach dem Abtreten des Hofmeisters sofort das Gegenspiel angesponnen. Wir erfahren noch, daß der junge Herzog, der nun in Straubing Hof halten soll, mit einer Tochter des Grafen von Württemberg durch seine Schwester Beatrix versprochen war, daß er, obgleich schon seit Jahren mündig, stets bedacht aus seinen Ruf blieb, in ernstem Kampfe wie auf Turnieren, jedoch im Uebrigen sich wenig Sorge und Arbeit machte und sich meistens auf seinem Schlosse Vohbnrg dem Waidwerk und der Sangcskunst ergab, und daß er, ein Fraucnlob seiner Zeit, von Blume zu Blume schwärmte. Die zweite Szene führt uns auf den Perlachplatz in Augsburg in ein Volksgedräuge, wie wir es aus dem Coriolau oder Kaufmann von Venedig kennen. Die entzückende Gestalt der holdseligen Agnes, begleitet von ihrer Wärterin Afra, tritt auf und wird überall mit dem Rufe „der Engel von Augsburg" begrüßt. Ein kurzer Dialog mit dem Patrizierssohn Rem findet statt, aus dem wir ersehen, daß sein zudringliches Werben von Agnes energisch abgewiesen wurde, weßhalb er im Hasse gegen sie auflodert und auf Rache sinnend die alte Wahrsagerin, Mutter Lintrud, zu ihrer Ausführung anspornt. Dann beginnt das eigentliche Drama in einer überaus anmnthig dargestellten ersten Begegnung der beiden Hauptpersonen Agnes und Albrecht. Sie hatten sich schon früher einmal auf einem Turnier gesehen. Der erste Eindruck war beiderseitig ein zündender gewesen, wie er nur hervorgerufen werden kann, wenn in der verhängnißvollen Stunde des Gestirnes Macht den Menschen ereilt. Nun kommt es zu 2 ) Leipzig. C. F. AinclaugS Verlag. 1894. Erklärungen und stillen Geständnissen, aus denen man die Herzen schlagen hört und die emporflammende Liebe zu einander aufsteigen sieht. Agnes hat aber schon beim Turnier den Prinzen in Albrecht erkannt an den lichten Farben, die er trug, die an's Himmelszelt gemahnen. Jetzt erblickt sie den Verlobungsring an seinem Finger und stellt dem ungestümen Flehen die entschiedenen Worte gegenüber: „Nie anders würd' ich je die Eure werden, Denn als vor Gott Euch angetraute Gattin." Schweren Herzens scheiden sie von einander, indem er fühlt, daß er ihr, die ihm keine Hoffnung gewähren kann, gehorchen muß, weil ihr Geschick ihm höher steht als seines. „Ob's glücklich oder leidvoll enden werde," — das will ihr die Zauberin sagen, die sich hinzugedrängt hat und ihr diese Worte in's Ohr flüstert. Der zweite Akt führt uns zuerst nach Vohburg, wo Albrecht vom Fieber heftig ergriffen worden war und nach jeder neuen Kunde von der Holden schmachtet. Einen Trost bringt ihm die Nachricht, daß Agnes in ihrem Kämmerlein allabendlich das Lied gesungen, das er gedichtet und ihr gegeben hat. Auch er greift zur Laute und stimmt die erste Strophe an: „Ich grüße Dich, Maria, Dich, Du Magd des Herrn, O Mutter voller Gnaden! Du gleichst im Thau dem Morgenstern, Wenn Thränen mich beladen. Ich grüße Dich herzinniglich, Maria dort, ich grüße Dich!" Dieses Weihelied des Glaubens und der Andacht wird nun zum leitenden Faden des Hauptspicls, der trotz aller Ränke des Gegenspiels sich durch die ganze Handlung zieht, bis er schließlich in einer versöhnenden und erhebenden Weise den tragischen Conflict löst, der durch die tragische Schuld geschürzt werden sollte. Der Oheim Albrechts, der Herzog Wilhelm, erscheint in Vohburg und bringt Albrecht die Nachricht, daß seine Braut mit einem Liebhaber entflohen und das Gelöbniß damit gelöst sei. Nun ist die ganze Situation mit einem Schlage geändert, und der Oheim, sowie der Rathgeber Albrechts, der Dechant Johann Prunner vom Kloster Jndersdorf, werden bewogen, nach Augsburg zu gehen, um die Badertochter, deren Ruf von Schönheit und Ziichtigkeit auch zu ihnen gedrungen war, zu prüfen. Inzwischen hatte Agnes dem Verlangen nicht widerstehen können, bevor sie ihren Entschluß, in ein Kloster zu gehen, ausführt, ihr mögliches Schicksal zu erfahren. Wie einst Lconora von Gloster durch die Hexe Grete Jordan die Geister beschwören ließ, um den Schleier der Zukunft zu lüften, wie sie dabei vom Gegenspiel der Jork und Buckingham, die sie dazu hatten verleiten lassen, belauscht ward und wie sie dadurch in ihr Verderben ihren Gemahl, den Herzog Humphrei, den Neichsprotcctor unter Heinrich VI., mit hinabzog, so läßt nun auch Agnes von der Mutter Lintrud die Zauberkugel enthüllen, auf der die Dämonen der Finsterniß eine Vision erscheinen lassen, welche zum Orakelspruch wird: „Ein junges Weib mit langem, gold'nem Haar, Im Staat der Fürstin, den Geinahl zur Seite, Von vielem Volk umringt und froh umjubelt- Das bist Du selbst! . . .." und später: „Nach kurzer Frist wirb Euer Glück zu Wasser —" Auch hier hatte ein Führer des Gegenspiels, Nein, der ihr zuerst die Hexe auf den Hals geschickt, um sie zu verderben, die Beschwörung belauscht. Es kommt in der Wohnung des Baders zu einer stürmischen Scene; nachdem die Werbung Nems noch einmal zurückgewiesen wird, droht er, sie wegen Zauberei anzuklagen. Agnes gesteht ihrem entsetzten Vater den begangenen Fehltritt. Denn das Befragen und Sicheinlassen mit der Hexerei war nach der allgemeinen damals herrschenden sittlichen Auffassung eine Todsünde, die mit dem peinlichen Verfahren verfolgt wurde. Die Schuld war da; der unabwendbare Zusammenstoß wurde vorläufig noch hingehalten, indem die dramatische Entwicklung weiter geführt wird, um in wechselnden Aspekten zu ihrem Höhepunkt zu gelangen. Der Herzog Wilhelm und der Dechant erscheinen, haben zuvor ein Zwiegespräch mit dem Vater der Agnes, dem biedern Bader Caspar Bernauer, dann mit dieser selbst. Beide sind entzückt über die Sittsamkeit und Anmuth, wie über die bescheidene Festigkeit der Agnes. Albrecht folgt mit Jörg, dem Ziehbruder der Agnes, und wirbt nun selbst beim Bader um die Hand seiner Tochter. Der Ohm mahnt nur Albrecht, die Zustimmung vom Vater zuvor einzuholen, aber der treue Dechant willigt ein, den Ehebund alsbald einzusegnen, damit Albrecht seine von Gefahren umgebene Braut schützen könne. Der Vater der Agnes gibt seine Einwilligung und segnet das Paar. Der dritte Akt führt uns nach Vohburg zn dem Augenblicke, da die Trauung stattgefunden. Das junge Paar steht auf dem Gipfel seines Glückes, dem AgneS noch dadurch eine besondere Weihe verleiht, indem sie ihrer Gewohnheit gemäß eine Gruppe von Siechen und Armen labt und tröstet und mit demüthigen Gebcrden Speise und Trank austheilt. Der Dechant hat ihr vorher mit seinem Segen ein elfenbeinernes Kruzifix als Gabe deS Oheims Wilhelm übergeben: „ES möge lehren Euch, Geduldig jede Schickung zu kesteh'n, Im Glück gelassen, herzhaft in der Noth, Getreu dein Herrn im Leben und im Tod." Plötzlich ertönt ein Hornruf von der Zinne herab. Der Vicedom von Straubing erscheint vor Albrecht, auf dessen Wink rasch ein Vorhang vor dem Armendienst seiner Gemahlin niedergelassen und das Orgelspiel verstummt war, und verkündet diesem, daß sein Vater beschlossen habe, ihn mit einer Tochter aus dem reichen Hause Braunschweig zu vermählen. Als Albrecht ihm die Antwort ertheilt, dem Herzog seine entschiedene Weigerung zu melden, poltert der Vicedom mit der Anzeige hervor, daß zum Hofe die Kunde gedrungen sei, Albrecht wohne nicht mehr allein in Vohburg, und tritt mit einer förmlichen Verbeugung, aber inneren Drohung ab. — Das war der Hochzeitstag! Vor Agnes wird diese neue Wendung verborgen gehalten. „Der Sturm zieht auf und sendet seine Boten . . Die zweite Scene spielt sich in München ab. Der Herzog Ernst ist tief entrüstet über die Vorgänge in Vohburg, die ihm der Vicedom in gehässiger Uebertreibung mittheilt. Alle seine Vorurtheile empören sich in ihm und alle Hoffnungen einer direkten Erbsolgeschaft seines Stammes werden erschüttert. Er folgt allen Eingebungen in bester Absicht, um seinen Sohn aus den vermeintlich unwürdigen Banden des Weibes zu erlösen, und willigt endlich in einen schändlichen Plan, den der Vicedom erdacht hat. Ein Preisturnier in Regensburg wird ausgeschrieben, und Albrecht, der dem langvermißten Schall der schmetternden Drommete folgen wird, soll nach dem Turniergesetz dann ausgeschlossen werden, weil er „schimpflich in Unehe lebt". Um diesen Makel zu tilgen, werde er ge- zwungen, so kalkulirt Man, das Verhältniß zu lösen. — Die dritte Scene spielt auf dem Turnierplatz in Regensburg und bringt eine Reihe von handelnden Vorgängen zur Aufführung, die an Großartigkeit der Effekte und an Eklat der Erscheinungen von keiner Shakespeare'schen Schöpfung übertroffen wird. Die Motive sind in die Augen springend, die Wirkungen erschütternd; die Spannung wächst bis zur Fieberhitze. Die hohe Gestalt Albrechts in voller Rüstung, umgeben von Rittern und Knappen, jubelnd begrüßt vom Volk, tritt auf; sein Kampfroß wird ihm nachgefühlt. Ihm brennt das Herz vor Eifer, „ . . . . mit vollem Stoß Den Widerpart zu heben aus dem Sattel, Und zu »erstechen manchen guten Speer." Turniervögte verweigern ihm den Eintritt in die Bahn mit vorgehaltenen Stäben. Erstaunt und ihnen seinen Schild entgegen haltend ruft Albrecht aus: „Was kommt Euch an? Kennt Ihr nicht diesen Schild, Den gold'nen Leu im weiß und blauen Feld? . . und als seine Ritter ihm sagen, daß sein Wappen herabgethan ist, das er nach dem Brauch gesandt hatte, und die Schranke sich von innen schließt: „Was geht hier vor? Wer wagt es, diesen Schimpf Mir, einem WiltelSbaSer, anzuthun, Als wär' ich ein um Raub verschmier Ritter, Und nicht ein Fürst, der Kriegeslorbeer pflückte Und Bayerns Namen in die Feinde trug!" Seine Ritter fchaaren sich um ihn, die Schwerter werden entblößt, das Volk durchbricht die Schranken. Der Vice- dom gebietet Ruhe; der Herzog Ernst befiehlt von der Tribüne herab, die Anklage und ihren Beweis zu verlesen. Rcm berichtet, daß die, mit der Albrecht in Unehe lebt, von einer Hexe unterrichtet, sich auf's Bezaubern legte, um durch Liebestränke Albrecht in den Bann zu bekommen. Der Vater klagt: „Entwürdigt hast Du Dick und Deinen Stamm, Indem Du dieser Dirne Dich ergabst —" Albrecht fällt mit gewaltiger Stimme ein: „Und so erklär' ich denn vor Jedermann, Daß, die zu Vohburg mir zur Seite lebt, Mein ehrlich mir vor Gott getrautes Weib." Und als der Vicedom, die Wetterführung des Verfahrens andeutend, zum Herzog Ernst gewandt die Worte spricht: „Ihr seht nun selbst, daß ihn das Weib bezaubcrt —" da schwillt der Unmuth das Herz Albrechts an, und er erklärt, seine Vermählte nach Straubing führen zu wollen, „Wo sie mit mir das Schloß bewohnen wird, Der gleichen Ehren theiihast, wie ich selbst." Das Volk und ein Theil der Ritter rufen: „Hoch lebe Albrecht und sein Eh'gemahl!" Der Herzog Ernst aber bricht in die prophetischen Worte aus: „Weh' ihr, wenn sie es wagt, an seiner Seite als Herzogin in Straubing einzuziehent" — Das Unheil ist im Lauf und nicht mehr aufzuhalten. Der 4. Akt beginnt wirklich mit dem Einzug des Paares in Straubing unter unermeßlichem Volksjubel. Albrecht wird durch einen Boten des Herzogs Heinrich zu dringenden Geschäften abberufen. Wir sehen zitternd, wie die Katastrophe näher rückt. Während des Gottesdienstes bei den Karmelitern erscheint in dem leeren Kreuzgang ein Engel und legt auf eine noch freie Grab- stelle eine Lilie. Agnes kommt mit Afra aus der Kirche, findet die Lilie — „Wie frischgefall'ner Schnee so rein und weiß, Seltsam! Dort liegt sie, wo zu ruh'n ich wünsche." Im Hintergründe wird sie belauscht vom Herzog Ernst, vom Vicedom begleitet, der hervortritt und sie selbst in's Gebet nimmt: „Du hast an meinem Sohn Dich schwer versündigt; er ist behext." Da der Herzog durch ihre unmuthige Erscheinung überrascht wird, fürchtet er nun selbst dem Bann des Zaubers zu erliegen, der den Sohn bethört hat. Auf einen Wink des Vicedoms erscheinen dessen Räthe mit Häschern und Schergen. Der Herzog überantwortet Agnes dem Gericht und verläßt die Scene, um sich zum Begräbniß des über Nacht verstorbenen Herzogs Wilhelm zu begeben. Mit dem Tode des „treuen Ohms" war auch die letzte Aussicht auf Hilfe für AgneS verschwunden. Sie ist den Feinden ausgeliefert; denn ihr Albrecht ist weggelockt, und die treuen Ritter, deren Schutz er sie anvertraut hatte, wurden vom Vicedom niedergemacht. Die 3. Scene führt uns in die Gerichtsverhandlung im Schlosse zu Straubing. Nem erscheint als Ankläger. Ein zu ihren Gunsten aussagender Zeuge wird gewaltsam entfernt. Sie kann es nicht leugnen, daß sie sich in einer schwachen Stunde verleiten ließ, sich wahrsagen zu lassen; alle Zauberei erklärt sie für Verleumdung. Der Vicedom stellt ihr die Frage, ob sie gutwillig den Herzog verlassen und in's Kloster gehen wolle. Sie antwortet: „Ich habe Treue meinem Herrn gelobt Am Traualtar und werde sie ihm halten!" Veim Zählen der Stimmen des Urtheilsspruches ergeben sich sechs schwarze und sechs weiße Kugeln. Der Vtce- dom als Vorsitzender wirft eine schwarze in die Urne; damit ist Agnes schuldig des Todes befunden. Sie wird dem Henker und dessen Schergen übergeben. Im 5. Akt finden wir Agnes im Kerker vor einem Marienbilde knieend. Sie singt das fromme Lied, daS zum Preis der Gottesmutter ihr Albrecht einst geschaffen und das sie zur Zeit ihrer aufkeimenden Liebe so Wonne» voll auf ihrer Kammer gesungen, mit dem Schlußvers: „Ich grüße Dich, Maria, Dich, wo ich auch bin, Du Königin der Milde! Ich weiß, mein Ruf dringt zu Dir hin, Knie ich vor Deinem Bilde. Ich grüße Dich herzinniglich, Maria dort, ich grüße Dich!" Dann naht ein Priester, lind Gott ist nun zugegen. Der treue Dechant von Jndersdorf, der sie getraut, reicht ihr mit dem Kreuz, das ihr einst der Herzog Wilhelm zur Morgengabe sandte und vor dem sie täglich gebetet, die himmlische Tröstung, welche allein Rettung bringt, wenn alle irdische Hilfe verloren ist, und die selbst den Tod überwindet. Das Kreuz küssend, erklärt sie: „In ihm nur leb' ich und ihm nur sterb' ich, Der Herr ist meine einzige Zuversicht." Wer ganz sich seinem Schutze hingegeben, der fürchtet nichts auf dieser Erde mehr. Noch einmal will die irdische Hoffnung aus dem Boden hervorsteigen, indem durch gesprengte Thüren Jörg und Afra herbeieilen, die das Volk aufgewiegelt haben, um einen verzweifelten Rettungsversuch zu wagen. Aber sie widersteht der Versuchung: Gericht Gottes, dir hab' ich mich übergeben! Ihretwegen soll kein Blut fließen. Sie hat mit dem Leben abgeschlossen. Als Afra in sie drängt mit dem Hinweis, daß die Zeit entfliehe, antwortet sie mit den erhabenen Worten: „Ich bin — der Zeit voraus — in ihrem Laufe!" — und sinkt zu festem Schlafe wieder auf das Strohlager zurück, während ihre angeblichen Netter in acherontischem Donner eines nahen Gewitters verschwinden. Ja,' sie war der Zeit in ihrem Lauf vorausgeeilt. Sie hatte durch die Kraft des Glaubens und durch die Stärke der Religion das Zeitliche schon auf Erden überwunden, und den heiligen Märtyrer» 180 gleich, stand sie mit geistigem Auge bereits vor der Erfüllung des Glaubens, vor der Seelen Seligkeit. Sie erleidet den Tod wie eine Christin: Tod, wo ist dein Stachel; Hölle, wo ist dein Sieg? — Nach der Anschauung der Antike wäre nun eigentlich die Katastrophe beendet, welche den Knoten des Geschicks gelösct hat. Nem und der Vicedom sind ihr ebenfalls zum Opfer gefallen. Höchstens wäre noch ein Straf- und Racheakt oder ebenfalls ein gewaltsames Ende des Herzogs Albrecht zu erwarten gewesen. Eine solche Lösung aber lag der Absicht des Dichters fern. Mit der Opferung der Helden können zwar im sittlichen Bewußtsein die verwickelten Pfade des Verhängnisses geebnet, die eigene Schuld kann gesühnt werden. Aber für uns folgt nach dem Tode ein neues Leben, und wie die Seele durch den Glauben unsterblich wird, so werden die Handlungen unsterblich durch den Nachruhm und die Nachwirkung. Agnes hat ein Vermächtniß hinterlassen an Albrecht, in dem es zunächst heißt, daß sie die Schickung, die ihr von oben gesandt wurde, standhaft ertragen wird und daß sie dankbar des Glückes eingedenk bleibe, das ihr zugewendet wurde durch seine Liebe. Dieses Bekenntniß entspricht durchaus ihrer Aussage vor Gericht: „Ich folgte Albrecht nur um seinetwillen, Denn daß ich nicht dem Glück entgegenfahre, Das sagte mir die Stimme in der Brust; Doch glaubt, hätt' ich es noch einmal zu thun, Ich würde gleichwohl keinen andern wühlen." Dann legt sie ihm die Bitte an das Herz, daß er seinem Vater nimmermehr entgelten lasse, was er, verführt durch andere, ihr angethan. Er soll denen, die er zu schirmen berufen ist, nicht Unheil anthun durch einen Bürgerkrieg, sondern, der Selbstsucht ledig, dem Volke allein seine Zukunft weihen. Diese Botschaft des Friedens und der Versöhnung wird dem nach Straubing zurückkehrenden Albrecht unmittelbar nach der Trauerbotschaft übergeben: „Die Sonne ist erloschen! Agnes todt! Ertränkt vom mörderischen Vicedom!" Der Nachezug, den die Geschichte nun folgen läßt, wird durch die liosntia. xoötian zusammengezogen in ein rächendes Gelöbniß, das aber der Dechant von Jnders- dorf mit dem Vermächtniß der Agnes in die richtige Bahn lenkt: „Denn war es auch ein himmelschreiend Unrecht, Das sie erlitt, so ward durch ihren Tod Des Krieges Geißel unserm Volk erspart, Für dessen Heil als Opfer sie gestorben." Albrecht blickt verzückt zum Himmel zu der seligen Gestalt, die ihm das Vermächtniß der Versöhnung hinterlassen und nur vom lichten Gewölk umgeben um Gewährung bittet: „Sie winkt mir mit der Palme in der Hand Und weist empor, wo ihren Lohn sie fand! Stets höher auf entschwindet sie dem Blick, Zur Glorie ward ihr irdisch Mißgeschick, Und wie vom Licht die Wolken aufgezehrt, Fühlt sich das Herz der Rache abgekehrt. Wohlan, ich will befolgen ihr Geheiß Und zeigen, daß ich zu vergeben weiß." Die Versöhnung mit dem Vater erfolgt sofort. Albrecht wird ein Wohlthäter seines Volkes und legt den Grund zu seiner späteren Größe. Der nach eigenem Eiugeständ- niß durch falschen Rath und weltliche Vorurtheile be- thörte Herzog Ernst läßt über dem Grabe der Agnes eine Sühnkapelle bauen, die sein ewiges Heil verbürgen soll. Später aber wurde ihre Asche bei den Karmelitern beigesetzt, wo sie ahnungsvoll sich selbst die Ruhestatt ausgesucht hatte. So endet das Leben und Wirken, das Glück, die Schuld, die Buße der blondgelockten Agnes Bernauer, des Engels von Augsburg, der uns durch des Dichters Vermittlung zeigt, wie irdische Liebe zur himmlischen erblühen kaun. Wir aber, ergriffen und erhoben durch die Betrachtung eines solchen Schicksals, sinken in das Knie und stimmen an ihr letzt' Ave Marie! ---S-MSS-- Himmelsschau im Monat April. —X. Merkur 8 entfernt sich am 11. am weitesten westwärts von der Sonne und kann in der Morgendämmerung gesehen werden. Venus tz ist Morgenstern und geht auf zwischen 4 U. 16 M. und 3 U. 30 M. Früh. Mars F im Steinbock ist Morgenstern und geht auf zwischen 3 U. 38 M. und 2 U. 33 M. Jupiter sj. steht am Abendhimmel und geht zwischen 11 U. und 10 U. unter. Saturn H kommt am 12. in Opposition mit der Sonne, in Erdnähe und strahlt in größtem Glänze. Saturn ist die ganze Nacht sichtbar und erreicht gegen Mitternacht seine größte Höhe über dem Horizont. In die Nähe des Mondes kommen am 2. Venus; am 4. Merkur (vom C bedeckt um Mitternacht); am 9. Jupiter; am 19. Saturn; am 29. Mars. -o--- GotdkSrrrer. So Viel in Gott, ebensoviel ist man im Frieden — so viel aber außer Gott, ebensoviel ist man außer dem Frieden. Tauler. Im Kampf mit Gefahr Erhebt sich, wie machtvoll zur Sonne der Aar, Der Geist aus kerkernden Schranken Zu Göttergedaukcn. Matthisson. Kreuztied.^ Heil'ges Kreuz! Sei hochverehrt! Hartes Nuh'bett meines Herrn! Einstmals sch'n wir Dich verkläret, Strahlend gleich dem Morgenstern. Sei mit Mund und Herz verehret, Krcuzstamm Christi, meines Herrn! Heil'ges Kreuz! Sei uns're Fahne In dem Kampf, in jeder Noth! Die uns wecke, die uns mahne. Treu zu sein bis in den Tod! Sei mit Mund und Herz verehret, Kreuzstamm Christi, meines Herrn! Eines sei uns noch gewähret: Ruft uns einst der Ruf des Herrn, Sei im Sterben noch verehret. Leucht uns als ein Morgenstern! Sei mit Mund und Herz verehret, Kreuzstamm Christi, meines Herrn! *) Dieses Lied wird in sehr vielen Gegenden des oberbayerischen Gebirges am Charsreitag Abends in der Kirche mit einer Andacht gesungen, daß der fromme Eindruck dieses einfachen Gesanges manches unserer beliebten modernen sogenannten „Oratorien" in den Schatten stellt. Der Einsender -x-. „Augsburger Postzeitung". ^L25 Dienstag, den 27. März 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Fri'ck in Augsburg. Track und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesrtzcr vr. Max Huttler). Astern. Jst's nicht Frühlingsahnen, Das uns leis umweht? Auf den sonnigen Planen Liebliches Grün ersteht. Durch die dämmernden Lande Gehet ein altes Lied, Und dem beengenden Bande Jeder Keim nun entflieht. Herz, Du wartest schon lange, Ob Dein Frühling auch naht Und aus Kummer und Dränge Dir erscheinet ein Pfad. Frühling will es nun werden, Ostern läuten sie ein, Soll's nur Dir auf der Erden, Dir nicht österlich sein? Heut' vom Erlösergrabe Wehet herüber ein Hauch; Glauben, Glauben nur habe, Und Du spürest ihn auch. Adolph Müller. -— Die Tochter des Hauses. Erzählung von C- Borges. (Fortsetzung.) Die Nachricht von der Erkrankung der Kinder verbreitete sich mit Blitzesschnelle im ganzen Schlosse und erfüllte jedes Gemüth mit Furcht und Schrecken. Oberst Dornburg und Graf von Eckernstein zogen es vor, unter diesen Umständen schleunigst abzureisen. Der Arzt konnte nur Barbaras Aussage bestätigen. Es unterlag keinem Zweifel, die Kinder hatten alle drei das Scharlachfieber, denn auch Edmund hatte es viel bequemer gefunden, im Bette zu liegen und sich bei seinen Kopfschmerzen hätscheln und pflegen zu lassen, als im einsamen Schulzimmer allein bei einem Märchenbuche zu sitzen. Eveline war sehr krank; für die beiden Knaben war noch kein Grund zur Besorgniß vorhanden. „Fräulein Morden, wollen Sie nicht lieber abreisen? Wir dürfen Sie hier der Gefahr der Ansteckung nicht aussetzen," hatte der Schloßherr in seiner ernsten Freundlichkeit der Gouvernante vorgeschlagen, und erstaunte über den energischen Ton, als sie entgegnete: „Nein, Herr v. Garkau. Um keinen Preis der Welt würde ich jetzt das Schloß verlassen!" Die Freifrau war nur mit Mühe zu bewegen, einen Augenblick von Alex' Bett zu weichen, um ihrem Vetter „Lebe wohl" zu sagen, der noch immer gehofft hatte, einen Blick von Barbara zu erhäschen — allein vergebens. „Liebe Eveline," sagte er theilnehmend, als er die bleichen Wangen und die tiefbeschatteten Augen seiner Cousine sah, „wenn Du Dich jetzt am ersten Tage schon so aufregst, so wirst Du die Pflege nicht lange aushalten und selbst krank werden!" „Oh nein!" versetzte sie mit bebenden Lippen, „Fräulein Morden sorgt für mich. Ich wüßte nicht, was wir jetzt ohne sie machen sollten, denn auf Gleichen kann ich mich in Krankheitsfällen nicht verlassen sie ist zu alt. Es thut mir so leid, daß Du so schnell fort willst, aber-" „Ich freue mich, daß ich weiß, Du und die Kinder seid in treuen, sicheren Händen," unterbrach er. „Eveline, ich muß gestehen, Du hast einen Edelstein in Deiner Gouvernante gefunden, — sie ist treu wie Gold. Wenn sie nur nicht auch krank wird. Ich weiß, daß sie das Scharlachfieber schon gehabt hat, und hoffe daher, daß sie gegen Ansteckung gesichert ist." Trotzdem ihre eigene Sorge alle Gedanken einnahm, bemerkte die Freifrau doch den leuchtenden Blick im Auge des Vetters, als er von der Erzieherin sprach. Er bemerkte das Erstaunen, zuckte lächelnd die Achseln und fuhr unbeirrt fort: „Ja, Eveline, trotz aller Deiner Warnungen ist mein Herz doch so thöricht gewesen, sich ganz sterblich zu verlieben. Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich ein offenes Auge hatte, und ich sage Dir, Niemand anders als Barbara Morden soll meine Gattin werden, oder — ich sterbe als alter, verbitterter Junggeselle. — Ich weiß, es würde heute ganz unnütz sein, darauf bestehen zu wollen, sie zu sehen und ihr meine Liebe offen auszusprechen, aber — —" „Sie würde um keinen Preis das Krankenzimmer 182 verlassen. Die arme Eveline fängt laut an zu weinen, wenn sie einen Augenblick von ihrem Bette weicht." „Ich weiß es; Gottfried hat es mir gesagt. — Du hältst mich gewiß für thöricht, Eveline, aber ich gestehe Dir, Fräulein Morden hat mich vom ersten Augenblick an unwiderstehlich angezogen. Ich — — aber nein, ich will Dich heute mit meinen Liebes-Nhapsodien nicht belästigen, dafür ist jetzt nicht die rechte Zeit. — Sage mir nur, daß Du mir nicht zürnst, Eveline. Wir sind ja immer gute Freunde gewesen — und die Kinder halten mich auch gern." Die Stimme des jungen Mannes zitterte, als er der drei Kleinen gedachte, die er zu so manchen tollen Spielen verleitet hatte, und die jetzt so jäh auf das Krankenlager geworfen waren. Die arme Mutter brach bei dieser sichtlichen Erregung in Thränen aus, doch Arthur schlang seinen Arm um sie und tröstete sie. „Beruhige Dich, Eveline, es wird noch Alles gut werden. Sieh hier, — willst Du Barbara dies Briefchen geben? Es mag lange währen, bis ich sie wiedersehe, und sie soll doch wenigstens wissen, daß ich sie liebe. Und nun, Gott schütze Euch Alle, Dich, Barbara und die Kinder I Behalte guten Muth, die Kleinen sind ja sonst immer gesund gewesen; sie werden hoffentlich auch diesen Feind überwinden. — Du zürnst mir doch nicht, nicht wahr? Gottfried hat mir versprochen, mich täglich zu benachrichtigen, wie es hier geht, dann sehen wir uns hoffentlich bald in glücklicheren Tagen wieder." Frau von Garkau trocknete ihre Thränen und versuchte zu lächeln. „Du bist thöricht, Arthur, wirklich ganz thöricht! Wie willst Du's denn anfangen, um mit einer Gattin standesgemäß zu leben? Ohne Vermögen, nur auf Deine Gage angewiesen, ist das kauoi denkbar. Aber zürnen kann ich Dir darum doch nicht! Ich sollte Dich freilich nicht in Deinem Vorhaben bestärken, aber dennoch verspreche ich Dir, das Briefchen richtig abzuliefern, obgleich ich dabei gegen mein Gefühl handle. Was würde aber geschehen, wenn sie Deine Hand verweigern sollte; ich würde es nicht ertragen können, wenn Du unglücklich würdest, — Graf Eckernstein —" „Ich weiß, was Du sagen willst, glaubst Du denn, ich sei blind gegen die Aufmerksamkeiten gewesen, die er ihr zollte? Er ist gewiß ein guter, ehrlicher Mensch, und kein Wort zu seinen Ungunsten soll über meine Lippen kommen, aber dennoch, ich kann ihn mir nicht als Bar- bara's Gatten denken! Sie ist nicht ein Mädchen, das sich durch Titel oder Rang blenden ließe. Der Himmel schütze sie. Wenn sie ihn aufrichtig liebt — nun — so möge sie glücklich mit ihm sein, selbst wenn mein kurzer Liebestraum auch elendiglich Schiffbruch darunter litt. Doch nun genug, leb' wohl, Eveline!" Oberst Dornburg hatte das Schloß verlassen. Noch einen langen schmerzlichen Blick warf er nach den dicht verhangenen Fenstern im oberen Stockwerk, hinter welchen er wußte, daß Barbara treue Krankenwacht hielt, dann trat er seufzend seine Rückreise an. Die Freifrau übergab sogleich, ihrem Versprechen gemäß, Barbara das Briefchen. Jedoch Eveline, die nur aus der Hand ihrer geliebten Erzieherin die Arznei nehmen wollte, nahm sie so sehr in Anspruch, daß sie, ohne es weiter zu beachten, und ohne die Aufschrift zu lesen, die Zeilen in Evelines Geschichtenbuch auf einem Seitentische legte. Verarme, enttäuschte Oberst! Täglich und stündlich wartete er auf Antwort und seine Unruhe wurde immer unerträglicher. Er konnte ja nicht ahnen, daß um die übergroße Sorge für die Kinder das Briefchen vollständig vergessen und noch ungelesen in Evelinens Geschichtenbuch lag! So vergingen Tage und Wochen in banger Angst und Sorge. Bleich, abgehärmt, aber thränenlos ging die geängstete Mutter von einem Liebling zum anderen. Sie selbst war keine gute Pflegerin, und bewundernd folgten ihre Blicke Barbara, die die kleinen Leidenden mit unermüdlicher Liebe hegte und pflegte. Täglich setzte sie größeres Vertrauen in die Gouvernante, die ihr jetzt eine treue Freundin geworden war, und befolgte sogar ihren Rath, sich Ruhe und Schlaf zu gönnen, wenn der Zustand der Kinder erträglich war. Barbara selbst schien mit übernatürlichen Kräften begabt zu sein. Es waren ja ihre eigenen lieben Geschwister, die sie pflegte, und dieser eine Gedanke verscheuchte alle Müdigkeit, machte jede Anstrengung leicht. Der Arzt hatte längst gerathen, eine erprobte Krankenwärterin aus der nahgelegenen Stadt kommen zu lassen, doch dieser Vorschlag war von Barbara energisch verworfen worden. — Dem Schloßherrn waren diese traurigen Wochen zum Segen geworden, denn jetzt erst, in den Tagen der Noth, brach die Liebe zur Gattin und zu den Kindern, die so lange in seinem Herzen geschlummert hatte, sich völlig Bahn. Gemeinsame Sorge, gemeinsames Gebet zur Erhaltung der Kinder hatten die Gatten fester vereint, als gemeinsames Glück es vermocht hatte. Barbara merkte es und sie freute sich. Ja, noch mehr, das Herz der Mutter schlug jetzt ebenso sehr in banger Sorge um ihr Töchterchen, sie liebte es mit derselben Innigkeit, wie die beiden Knaben. Endlich hatte das Fieber seinen Höhepunkt erreicht; für Eveline war die gefürchtete Krisis gekommen. Das Kind wälzte sich in wilden Fieberphantasien in ihren Kissen und erkannte nicht einmal ihre treue Pflegerin, die keinen Augenblick von ihrer Seite wich. Endlich, gegen Morgen, fiel sie in einen ruhigen Schlummer, und freudestrahlend erklärte der Doctor die Gefahr für überwunden. Das war ein Sonnenblick; Jedes athmete erleichtert auf. Doch ach, bald sollte die kurze Freude getrübt werden. Der Zustand der beiden Knaben wurde gegen Abend höchst bedenklich! Niemand wagte das Krankenzimmer zu verlassen, selbst der Arzt blieb, um mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht dem Tode seine Beute zu entreißen, der schon seine knöcherne Hand ausstreckte, um die zarten Knospen grausam zu knicken. Eveline schlief ruhig der Genesung entgegen; sie hatte keine Ahnung, daß ihre kleinen Bruder mit dem Tode kämpften. Der Schloßherr war vollständig gebrochen. Es war ihm unerträglich, allein in seinem Zimmer zu bleiben; regungslos stand er über Edmunds Bett gebeugt, jeden Augenblick den letzten Athemzug erwartend. Der Arzt und Barbara kämpften gemeinschaftlich, um dem Todesengel, der schon seine schwarzen Schwingen ausgebreitet hatte, Schritt für Schritt entgegen zu treten. Endlich konnte es der Vater hier nicht länger ertragen, 183 er verließ das Zimmer, doch an der Thür stand er still und winkte Barbara. „Kommen Sie zu mir, Fräulein Morden, und sagen Sie mir, wenn — —" Er konnte nicht weiter sprechen, doch Barbara verstand ihn und flüsterte ihm zu: „Ja!" Ein heißes, unwiderstehliches Verlangen wurde in ihrem Herzen rege, sich schon jetzt in seine Arme zu werfen und ihn zu trösten. Doch es war keine Zeit dazu; sie mußte zu ihren Brüdern zurück, die mit dem Tode kämpften. — Allein ging der bekümmerte Vater in sein Arbeitszimmer, um hier einsam die Todesnachricht zu erwarten. Es war bitter kalt; schon lange war das Feuer erloschen, aber er merkte es nicht. In tiefen Gedanken versunken saß er da und stützte sein sorgenschweres Haupt. Warum konnte er auch gerade jetzt in diesen Trauertagen den Gedanken an seine vernachlässigte Tochter nicht aus seinem Sinne bannen? Er gedachte an Nora, seine erste, heißgeliebte Gattin — an seine Lieblosigkeit, die ihn nicht vergeben und vergessen ließ. Er sah sie sterbend in seinen Armen, hörte das leise Wimmern des kleinen, hilflosen Wesens, welches sie ihm als Unterpfand ihrer Liebe gelassen hatte! Er schlug mit der Hand gegen die Stirn! — Dann stand ihm das Bild seines kleinen, sterbenden Edmund vor Augen. Er war ja der Sohn und Erbe, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte, der Sohn seiner Gattin, der er so wenig Liebe entgegen gebracht, aber deren treues Herz er erst jetzt erkannt hatte. Mit einem leisen Angstschrei fiel sein Haupt auf den Tisch. Mußte er die Hingabe seiner beiden Söhne nicht als gerechte Strafe für die Verbannung seiner ältesten Tochter hinnehmen? Er stöhnte laut. In diesen schmerzlichen Gedanken versunken, hörte er nicht den leisen Schritt auf der Treppe, hörte nicht das Klopfen an der Thür, erst als Barbara leise öffnete und jetzt vor ihm stand, blickte er auf. — Sein Blick war durch Thränen verschleiert, er sah nicht ihr freudig aufleuchtendes Antlitz; er wußte ja, daß sie ihm die Todesnachricht überbrachte. „Sagen Sie es mir nur, Fräulein Morden, ich kann's ertragen." „Aber das ist es ja nicht", rief sie mit vor Freude bebender Stimme, „sie sind besser — — sie sind beide besser. — Edmund wurde bald ruhiger, nachdem Sie fort waren; jetzt ist auch Alex außer Gefahr! Beide schlafen, und der Arzt hofft, daß sie bald genesen werden. Das war > zu viel. Die Freude nach diesem Schmerz war mehr, wie der erregte Vater ertragen konnte; er bedeckte sein Antlitz mit den Händen und weinte laut. Jetzt konnte auch Barbara nicht länger an sich halten, sie kniete an seiner Seite und schlang beide Arme um seinen Hals. „Vater! lieber Vater! weine nicht," flehte sie und versuchte seine Hände vom Gesicht zu entfernen. Er hörte die seltsamen Worte und blickte verwundert und erschreckt auf. War es denn nur eine Sinnestäuschung, ein Spiel seiner wild erregten Phantasie, die ihm in den letzten Stunden so lebhaft die Erinnerung an seine vernachlässigte älteste Tochter vorgegaukelt hatte? — Es war ja nur Fräulein Morden, die Erzieherin seiner Kinder, die an seiner Seite kniete. Hastig trocknete er seine Thränen und schaute in das bleiche Gefichtchen, das sich so fest an ihn schmiegte. „Habe ich Sie erschreckt; — war ich zu erregt, Fräulein Morden? Verzeihen Sie mir, aber die Nachricht kam so unerwartet." Seine Stimme zitterte; nur mühsam konnte er die Worte hervorbringen. „Sie sind so gut gegen uns Alle gewesen", fuhr er dann tief bewegt fort. „Ich weiß nicht, was wir in dieser schrecklichen Zeit ohne Sie hätten anfangen sollen!" „Gut — gut?" wiederholte Barbara leidenschaftlich. „Oh, mein Vater! verstehst Du mich denn noch nicht? ich bin Barbara — Deine älteste Tochter Barbara!" „Barbara?!" stammelte er und wurde leichenblaß. „Ja, ich bin Barbara! Sieh, hier ist ein Brief, den ich heute von Tante Agnes bekommen habe, und hier sind die Briefe, die Du mir früher geschrieben hast!" Er nahm sie mechanisch in seine zitternden Hände, doch er konnte sie nicht halten, — sie fielen zur Erde. Er zweifelte nicht, sein eigenes Herz sprach laut und deutlich; er schloß sie in seine Arme und schaute lange und innig in die dunkeln, freudestrahlenden Augen. »Ah, jetzt verstehe ich es auch endlich", murmelte er dann, als er sie wieder und wieder geküßt hatte. „Es war die bekannte Stimme — die leichten, zierlichen Bewegungen — ganz wie Deine arme Mutter! Aber Du siehst ihr sonst gar nicht gleich, und dennoch fand ich einen Zug in Dir, der mich mit unwiderstehlicher Gewalt anzog. Mein Kind, ich bin Dir kein guter Vater gewesen — ich habe nicht verdient, was Du an uns gethan hast. Vergib mir, Barbara." Statt aller Antwort hielt Barbara ihren Vater innig umschlungen, ihr Haupt sank auf seine Schulter, und Freudenthrünen netzten ihre Wangen. „Vater — lieber Vater — ich habe Dir nichts zu vergeben", schluchzte sie. „Tante Agnes hat mir alles von meiner Mutter erzählt, und ich — — ich wollte nur sühnen, was sie Dir gethan hat." „Wie edel, wie hochherzig, nachdem ich Dich so vernachlässigt habe. Aber in Zukunft soll es anders werden. Er wollte sie nicht mehr aus seinen Armen loslassen und drückte sie leidenschaftlich an sich. „Nun erzähle mir, wie Du hierher kamst, Barbara", bat er, als er sich beruhigt hatte. „Was wußtest Du von unserer erkrankten Gouvernante?" Barbara erzählte Alles. „Ich fürchte, Tante Agnes ließ Dich nicht gern hieher kommen," meinte er, als sie geendet hatte. „Vor einigen Tagen bekam ich einen Brief von ihr, der mir so gereizt schien, daß ich die Ursache nicht erklären konnte. Aber jetzt verstehe ich ihn." „Die gute, liebe Tante! Ja, sie sah es sehr ungern und wollte mir den Plan absolut ausreden. — Aber," fügte sie mit schelmischem Lächeln hinzu, „ich habe immer meinen Willen durchgesetzt — sie hat mich ein wenig verwöhnt." „Dein Wille hat jetzt glänzend über mich und über uns Alle gesiegt! Was würden wir ohne Dich angefangen haben, Barbara? Du hast meiner Frau, meinen Kindern wie ein guter Engel treulich zur Seite gestanden!" 184 „Vater, sind sie nicht meine Geschwister? Oh, wenn Du gewußt hättest, wie sehr ich mich nach Euch gesehnt Habei Und — meine Stiefmutter ist immer gütig gegen mich gewesen, ich liebe sie, und sie liebt mich auch. Willst Du ihr sagen, wer ich bin? Vielleicht wird sie mir zürnen, daß ich mich unter falschem Namen hier eingeschlichen habe. Aber ich bin ja Dein Kind, und sie liebt Dich; um Deinetwillen wird sie mir nicht zürnen." „Eveline l Ja, sie liebt mich; in Zukunft will ich ihre Liebe zu verdienen suchen — und Deine auch", fügte er seufzend hinzu. * * * Der Morgen dämmerte, als Barbara das Arbeitszimmer ihres Vaters verließ. Sie eilte in das Kinderzimmer. Alle drei Kinder schliefen ruhig und athmeten gleichmäßig; selbst Gleichen, die Wache halten wollte, war sanft eingeschlummert. Ihr Herz strömte über vor Freude und Dank; in ihrem Zimmer war es ihr zu eng, sie eilte in den weiten schneebedeckten Garten und beruhigte ihr aufgeregtes Gemüth in der frischen, kalten Morgenluft. Die Thür des Wohnzimmers stand offen; sie hörte ihren Vater mit der Stiefmutter reden; wie würde sie seine Enthüllungen aufnehmen? Sie hatte unter falschem Namen sich Einlaß erzwungen, und das war Betrug, so harmlos er auch an und für sich war, aber würde die Stiefmutter ihn vergeben? Ihr Herz klopfte, als nach wenigen Minuten ihr Vater ihren Namen rief, und schüchtern und mit bleichem Antlitz betrat sie das Gemach. Die Stiefmutter stand mit ausgebreiteten Armen und drückte sie fest an sich. „Also Du bist wirklich Barbara?" rief sie ihr jubelnd entgegen, „Gott segne Dich, mein Kind, und lohne Dir alles Gute, was Du an uns gethan hast! Oh, wenn ich noch daran denke, mit welchem Vorurtheil ich anfänglich Deine Ankunft hier befürchtete! Vergib mir, Barbara, ich wußte nicht, was wir mit Dir gewinnen würden I Oh I wie werden sich die Kinder freuen, wenn sie hören, daß ihre geliebte Gouvernante jetzt ihre Schwester ist!" „Zürnst Du mir auch nicht, daß ich Euch betrogen habe?" fragte Barbara schüchtern. „Ich sollte Dir zürnen? Dir, die Du in dieser schweren Zeit so viel für uns gethan hast, und noch dazu jetzt, da Gott der Herr mir meine Kinder wieder geschenkt hat? Nein, Barbara, ich zürne Dir nicht!" Und innig umarmten sich die beiden Damen, während der Vater, von Dank und Freude erfüllt, tief bewegt seine Augen gen Himmel schlug. (Schluß folgt.) --S-W8NS- Don Bosco in England. p Angeregt durch einen interessanten Artikel über die sogenannten Lumpenschulen in London (Unterhaltungsblatt Nr. 21), der mit dem Ausruf schließt: „Hätten wir doch auch einen Don Bosco für England!" erlaube ich mir die Notiz: Er ist ja schon dort eingebürgert. Seine Salesianer wirken seit mehreren Jahren sin London, und am 13. Oktober 1893 haben sie in der Vorstadt Battcrsea, dem Ort ihrer ersten Niederlassung, ein herrliches Fest gefeiert. Wo einst, am linken Ufer der Themse, der Garten des Sir Thomas Morus sich befand, da erhebt sich heute eine stattliche Herz-Jesu-Kirche. Zweitausend, meist arme Katholiken bilden die Gemeinde; sie haben schwere Tage gekannt und mußten, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen, große Opfer bringen. Einige Jahre vor der Niederlassung der Salesianer hatte eine fromme Dame der Vorstadt B. das Geschenk einer Nothkirche gemacht, die aber im vorigen Jahre abgetragen werden mußte. Dieselbe Dame wird es wohl auch gewesen sein, welcher London später die Salesianer verdankte. Sie kam nämlich mit seltener Ausdauer immer und immer wieder zu Don Bosco mit dem Ansuchen, er möge sein Institut auch nach England verpflanzen. Trotz der riesigen Zunahme seiner geistlichen Familie konnte er die Bitte nicht gewähren, da von zu vielen Seiten das gleiche Ansinnen an ihn gestellt wurde. Sie ließ aber nicht nach und fragte ihn eines Tages, ob er denn unter keiner Bedingung ihr Hoffnung gebe, und er, vielleicht in der Meinung, sich hiemit Ruhe zu verschaffen, erwiderte: „Nur des heiligen Vaters Wunsch oder Befehl könnte mich bestimmen." Sofort machte sich die Dame auf den Weg nach Rom, wo sie bald das ersehnte Ziel erreichte. Binnen Kurzem ließen sich mehrere Salesianer unter sehr bescheidenen Verhältnissen in London nieder. Man konnte, da die Gesellschaft Mitglieder aus aller Herren Ländern ausweist, eine Wahl treffen unter Italienern, Jrländern und Engländern, um den dortigen Katholiken gerecht zu werden. Gar rasch faßte die Anstalt Wurzel und entfaltete sich in erfreulichster Weise. Der beste Beweis hiefür ist die neue Kirche, deren Einweihung Veranlassung gab zu großen, herrlichen Kundgebungen katholischen Lebens. Ueber 8 Tage dauerten die Feste, Predigten, Conferenzen u. s. w. unter der Theilnahme eines zahlreichen Publikums, das von nah und fern herbeigekommen war, Arme und Reiche, Vornehme und Geringe, Katholiken und Protestanten, einheimische und auswärtige geistliche Würdenträger. Von der Gesellschaft der Sale- siancr hatte sich vor Allem Don Michael Rua, der würdige Nachfolger des Don Bosco, eingefunden, und außer ihm mehrere Obere von verschiedenen italienischen und französischen Häusern, zur besondern Freude überdies der Vorstand der patagonischen Mission, Bischof Don Cagliero. Von englischen Prälaten nennen wir Msgr. Butt, Bischof von Southwark, in dessen Diözese die Salesianer gehören, und Se. Eminenz Cardinal Vaughan, Erzbischof von Westminster. Die Consecration nahm auf Wunsch des leidenden Msgr. Butt Bischof Cagliero vor. Es muß die ganze Feier eine wahrhaft erhebende gewesen sein; doch ginge es zu weit, sie hier mit ihren Einzelheiten zu bringen; zum Schluß nur noch den Wunsch: Die Engländer haben ihren Don Bosco; wird die Reihe nicht an uns kommen? Goldkörnrr. Wer weiß, was rechte Hand, was linke sei, Dem stehet auch die Wahl des Guten stet. Tadle nie was Gott gemacht, Ew'ge Weisheit hat's erdacht, Ew'ge Allmacht bracht's Herfür, Ew'ge Liebe gab es Dir. K. 4 > 185 Auferstehung. Der Winter ging vorüber, und es ziehet Wie Gottes Engel auf der Lüfte Schwingen Der Frühling ein; es geht wie selig Singen Durch die Natur, und Alles sprießt und blühet. Als wie ein Lied zu Gottes Lob und Preise Zieht's in die Brust, zieht's durch der Erde Weiten Und nun ein Klang, ein Helles Glockenläuten Von Dorf und Stadt durchhallt die Luft im Kreise Und: Ostern ist! so bringt es frohe Kunde Der Menschenbrust; es geht von Mund zu Munde Der Freudenruf; er hallt von Land zu Landen Ja, Ostern ist's. Im holden Frühlmgsweben Bricht aus dem Grabe selbst ein neues Leben. Die Gruft ist leer: Der Herr ist auferstanden! GWD 186 Die fünf Finger. OO Wer erinnerte sich nicht aus seiner Kinderzeit des Märleins von den fünf Fingern? Nicht jeder aber wird dabei des Geheimnisses gedenken, daß dieses Kindermärchen das letzte Ueberbleibsel ist eines alten Glaubens, der in den indischen Gesetzbüchern nicht minder wie in den germanischen sich vernehmen läßt und die Vorstellung bildet, daß jeder Finger einer anderen Gottheit heilig ist. Das deutsche Recht gab jedem Finger eine besondere Beziehung zur Gottheit und dementsprechend ein verschiedenes Wergeid. Nach dem Alemanennrecht büßte derjenige, welcher seinem Gegner den Daumen abhieb, gleich viel wie der, welcher den kleinen Finger beschädigte, nämlich mit 12 Schillingen, ähnlich wie im genannten Märchen diese beiden Finger in der Werthschätzung sich gleichstehen; wer den Zeigefinger abhieb, wurde mit 10, wer den Mittelfinger: mit 6, wer den Ringfinger: mit 8 Schillingen bestraft. Der Daumen war der besondere Liebling der Gottheit. Den Raum zwischen ihm und dem Zeigefinger nannte man die Wotansspanne, Wotan war der Gott des Glückes und des Glücksspieles. Daher „hält man Einem", dem man das Spielglück zuwenden will, den „Daumen", und der Aberglaube will, daß man für den gleichen Erfolg sich den Daumen eines gehenkten Diebes verschaffe. Gewaltthat heißt: „Einem den Daumen auf's Auge setzen." Als der Schuster von Lauingen sich zum Zweikampf mit einem Niesen stellen sollte, gelobte er es damit, daß er statt des Handschlages den Daumen aus seiner Hand hergab und nach dem siegreichen Kampfe für seine Vaterstadt das Recht erbat, mit rothem Wachse siegeln zu dürfen. Auch im Hexenwesen spielt der Daumen eine Rolle. Betrügerische Wirthe und Krämer müssen nach ihrem Tode umgehen und ihren Daumen aus- schreien; er heißt deshalb „Kaufleutefinger", das damit gezählte Geld „Daumenkraut." Des Daumens Nachbar wird in einem Rechte der „Schußfinger", der „Bogenspanner" genannt, der die Pfeile von des Bogens Sehne schnellt. Er ist der weisende, Zeigefinger. Seine zahlreichen Spottnamen erinnern an seine sinnliche Naschhaftigkeit; er erscheint auch als der Dieb in allen Spielsprüchen. Der Mittelfinger hat seiner Länge und Größe wegen die meisten Namen; er gilt als Schnapp- hahn, der alles vorwegnimmt, als ein überall sich einmengender Hauskobold. Er heißt nur der „helle Finger", gegenüber dem goldhellen Ringfinger und dem alles in Gold verwandelnden Daumen. Höchst bedeutungsvoll ist der Goldfinger. Den Ring trägt der Mensch an dem vierten Finger, der heißt der „Herzfinger", sagt Geiler von Kaisersberg, und ein Zeitgenosse von ihm: „Und wird der Brautring an den vierten Finger gesteckt, von welchem die Adern zum Herzen gehen, anzuzeigen, daß die Lieb' soll herzlich sein." Altnordisch wird er „Brautfinger", „Goldenringer", „Goldinger" genannt, nicht bloß weil er den Ring trägt, sondern weil er der Freudebringer ist. Er ist nicht minder der Arzneikundige; schon Plinius heißt ihn ,,«U§itu8 insätons"; er legt im Märchen den Daumen in's Bett, deckt ihn zu, thut ihm Zucker in den Brei und gibt ihm die Krankensuppe. Er erprobt auch die Reinheit beim Gottesurtheil der Feuerprobe, daher: „Sich die Finger verbrennen." Der kleine Finger, der „in das Ohr grübelt", ist ein Ohrenbläser und Angeber; wie er bei Gericht alles angibt, so bringt er im Hause allen Geschwistern ihre Unart aus, und der Vater behauptet dann: der kleine Finger habe ihm alles gesagt. Ehedem hatte er ein heiliges Amt; man malte und ölte Runen auf seinen Nagel und las die Zukunft daraus, und noch Geiler von Kaisersberg eiferte gegen das Beschreiben und Beschauen der Fingernägel: „Wie geht's zu mit den Wahrsagern, die wahrsagen und gestohlen Gut durch Gesicht wiederum bringen? Sie machen Gesichte auf ein Nagel, salben den mit Oel und muß eine Jungfrau, ein Kind, das lauter ist und rein und unverfleckt, sein, und das muß in den Nagel sehen und sagen, was es in dem Nagel sieht." Aus diesem festen Glauben an die Geheimkraft der fünf Finger läßt sich der deutsche Gerichtsbrauch des sogen. Kesselfanges begreifen. Wir heute nehmen die Phrase „sich die Finger verbrennen" als uneigentlich und mildern sie noch durch die neuere: „die gebratenen Kastanien aus dem Feuer holen." Allein das Alterthum machte vollen Ernst und erprobte die Schuld und Unschuld, indem es verlangte daß der Bezichtigte, um seine Reinheit zu bewähren, die grünen Loossteine aus dem siedenden Kessel heraushole. -—I-M,-—- Allerlei. Mit den „kleinen Pariser Gewerben" beschäftigt sich ein neu erschienenes Buch von Guy Tomel, „sh,6 i>L8 än pavs Uria-isisn" betitelt. Die Darstellung geht aus von der „Vier-Sous-Herberge" in der Rue Saint-Denis, unweit der Seine. Sie zeigt sich äußerlich als ein altes Haus, das sich in nichts von seinen Nachbarn unterscheidet, inwendig aber zeichnet sie sich durch eine ungewöhnliche Bauart aus. Das Gebäude reicht mit mehreren festgcmauertcn Kellerstockwcrken tief in den Boden hinein; ebenso viele Stockwerke erheben sich über der Erde, nur durch enge Wendeltreppen mit einander verbunden. Oben und unten, im Schooße der Erde und unter dem Dache, wimmelt es hier zwischen Mitternacht und 6 Uhr Morgens von Leuten jeden Alters und jeden Standes, die obdachlos sind und für 4 Sous das Recht erwerben, auf dem Boden gelagert, längs der Tische und auf den Bänken Nachtruhe zu halten. Sie bekommen obendrein einen Teller warme Suppe, für weitere 10 Centimes einen zweiten, für 15 Centimes Brod und Käse, für 20 Centimes ein Glas Wein. Regelmäßige Gäste der „MaisonFradin" sind die „Bagotiers", deren Zahl sich in Paris auf über tausend beläuft. Diese Leute haben ihren Standplatz an den Bahnhöfen und verkehrsreichen Plätzen, ihr Geschäft ist es, den Fahr- gästen der Droschken die Koffer ins Haus zu tragen. Häufig stehen sie mit den Kutschern im Einvernehmen, welche ihnen mit der Peitsche ein Signal geben, ob der Bestimmungsort der Reisenden weit oder nahe gelegen ist. Uebersteigt die Entfernung 2 Kilometer nicht, so läuft der Bagotier der Droschke nach. Man rechnet auf sechs oder acht Fälle einen einzigen, wo der Reisende die Dienste des Bagotiers annimmt und durchschnittlich einen Franken zahlt. — Die Pariser armen Teufel haben im Kampf ums Dasein noch viel sonderbarere Erwerbszweige ausgeklügelt. Da ist z. B. die Rattenfängerei mit abgerichteten Hunden in den unterirdischen Stadtgräben, besonders in der Nähe der Seine. Zur Zeit der Belagerung von Paris war der Absatz an Ratten ziemlich bedeutend, und der Preis für fette Exemplare § ^MWWÄWED^ MWM MMl WSL ^MWW WME '-DMWWM - -L.EM MWMMM M 'AiMWÄ-'M »MZ K/HW^^N L «L ^ r-MI!M8k«AW> WÄM-^ ' ^ -K MWM 8^5^e "' WMW ß'DGM iMMMO WMLM -ZWMMMlEW ^ -M L-s. ^«UMW WM»lUNZ! Abend. Wand'rer folgt im Abendlichte Rubesam der Sonne Lauf, Da, im hehren Ferngesichte, Steigt die Heimath vor ihm auf, Wie er einstmals sie verlassen, Als er noch ein Jüngling kaum, Wie ihm, ohne zu verblassen, Oft ihr Bild erscheint im Traum. Martin Greif. 188 stieg bis auf drei und vier Franken. Heute hat der Eifer der Rattenfänger etwas nachgelassen, da sich für dieses Gericht nicht mehr genug Liebhaber finden. Ferner verdienen die Schutzengel (^n§e-6Äräi6N8) besondere Erwähnung. Sie halten sich in gewissen Kneipen auf, die besonders von Gewohnheitstrinkern besucht werden. Ihr Beruf besteht darin, die Betrunkenen unter ihren Schutz zu nehmen und nach Hause zu bringen. Das Amt ist schwieriger, als man glaubt; denn es gilt, den Besinnungslosen nötigenfalls auf die Schultern zu nehmen und zu Hause ins Bett zu schaffen. Zu den erforderlichen Eigenschaften eines guten „Schutzengels" gehören in erster Linie körperliche Stärke, Nüchternheit, Charakterfestigkeit und Ehrlichkeit. Der „Auge-Gardien", der sein Geschäft versteht, darf nicht gestatten, daß sein Schutzbefohlener mit einem Passanten Streit anfängt oder Hand an sich selbst legt, darf auch seine Freigebigkeit nicht mißbrauchen, um so mehr, als man ihn am nächsten Tage des Diebstahls beschuldigen würde. Kurz, er ist für das Wohl und Wehe seines Klienten verantwortlich, bis dieser in Morpheus' Armen liegt. Dafür erhält der „Schutzengel" am nächsten Tage ein „Trinkgeld", zum Mindesten zehn Sous; Gewohnheitssäufer haben ein Abonnement, das zum voraus bezahlt wird. — Geht man an den Seine-Quais spazieren, so sieht man auf dem Flusse häufig Kähne mit kleinen Kajüten, die als Inschrift das Wort „Tvndeur" tragen. Man wird bald gewahr, daß die Besitzer der schwimmenden Kasten Hundescheerer sind, welche sich der großen und kleinen Köter mit geschickter Hand annehmen. Es werden da die Haare nach allen Regeln der Kunst gestutzt, die Thiere werden gebadet und gewaschen, mit oder ohne Anwendung von Insektenpulver. Das Verfahren kostet 3 bis 6 Franken, ein geschickter Hundefriseur verdient durchschnittlich zehn Franken den Tag. * Eine heitere Operation. Ein Chirurg in einem bekannten Pariser Hospital hatte kürzlich einen jedenfalls einzig in seiner Art dastehenden Fall zu behandeln. Ein Bauer war zu ihm gekommen mit der bestimmten Versicherung, er habe eine Schlange im Leibe; es sei schon einige Monate her, daß er sie, als sie noch ganz klein war, aus Versehen verschluckt habe. Heftiger Durst habe ihn damals veranlaßt, von dem Wasser eines Waldbachs zu trinken, und hierbei sei die Schlange mit in den Mund gelangt und auch sofort verschluckt worden. Seit der Zeit habe er keine ruhige Stunde mehr, er spüre ordentlich, wie das Thier von Tag zu Tag größer werde, bald sitze die Schlange in der Speise-Röhre, bald unten im Darm und kein Arzt habe ihm bis jetzt helfen können. Gutwillig ginge die Schlange nicht heraus — nun wohl, so wolle er sich denn einer Operation unterwerfen, möge daraus werden, was wolle. Der Chirurg, ein kluger Kopf, hatte sich bald davon überzeugt, daß alles nur auf Einbildung beruhe, er sah aber auch ein, daß der eingebildete Kranke bisher von seinen Aerzten thatsächlich falsch behandelt worden sei, insofern nämlich, als dieselben sich erlaubt hatten, den Bauern eines Besseren belehren zu wollen. Unser Chirurg ging also auf alles ein, die Operation wurde vorbereitet, der Kranke ausgestreckt von den Gehilfen festgehalten und ihm befohlen, ganz ruhig dazuliegen. Der Chirurg führte nun einen langen, ganz oberflächlichen Schnitt in der Magengegend aus, der die Haut nur ritzte, aber durch etwas Lammblut, welches der Chirurg in einem verborgen gehaltenen Schwämmchen bereitgehalten hatte, das Aussehen eines tiefen Schnittes erhielt. Gleichzeitig langte der Chirurg eine Schlange aus dem Aermel hervor und rief aus: „Gottlob, die Sache ist gut abgelaufen, hier ist der Störenfried." Man reichte die Schlange dem Bauern, nachdem man seine Wunde wohl verbunden hatte, und natürlich war derselbe hocherfreut und dankte dem Retter aus der Noth aufs herzlichste. Seine gute Laune und seine Gesundheit schienen auf dem besten Wege zu sein, in den Zustand vor seiner Krankheit zurückzukehren, als sich plötzlich eine düstere Melancholie des Armen bemächtigte. Eines Tages erschien er abermals bei dem Chirurgen: „Ach, mein Herr, mein Herr —," stöhnte er. — „Nun, was giebt's, mein Lieber?" fragte der Chirurg. „Um Gottes Willen — denken Sie, die Schlange, wenn sie Junge gehabt hätte!" — Einen Augenblick war der Arzt betroffen. Dann aber entgegnete er ruhig: „Aber ich bitte Sie, sie war ja männlichen Geschlechts!" Und der Kranke ward und blieb gesund von dieser Stunde an. Auch eine Wette. „Wetten Sie, meine Herren," sagte ein Janker an der Gasthoftafel, „daß ich Ihnen etwas zeigen kann, was niemals vorher gesehen wurde und keine lebende Kreatur jemals wieder sehen wird?" Die Wetten wurden gesetzt. Der Jankee nahm eine Nuß von der Fruchtschüssel, knackte sie auf und faßte den Kern zwischen Daumen und Zeigefinger. „Nun," rief er, „ich denke, Niemand von Ihnen hat diesen Kern vorher gesehen und ich denke" — dabei aß er den Kern auf — „Niemand wird ihn wiedersehen! Bitte, laden Sie ab!" ««« 4 —-- Ouadralriithset. In die Felder obenstebenden Quadrates sind die Buchstaben ^^^8888Ll888008.8.8. derart einzutragen, daß die Wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend bedeuten: 1. ein Gewand, 2. arabischer Name, 3. kirchliches Straf- mittel, 4. weiblicher Vorname. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 23: Weiß. Scbwan. 1. S. 85 64 K. 84 85 2. S 04-86 s K. 85-04 >4-- l O oder K. 84-83 2 S. 04-82 -s beliebig 3. L. 04—83 matt 1. oder 05-84 2. D. 118-81 beliebig 3. S. 04 82 matt 1. oder 84-83 2. L. 04 85 (83) usw. M „Augsburger Postzeitung". 26. Ireitag. den 30. März L8S4Z Wr die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Tochter des Hanfes. Erzählung von C. Borges. (Schluß.) Sechstes Capitel. Wochen waren vergangen. Ungewöhnlich früh war der Winter gewichen, und das frische, erste Grün des kommenden Frühlings sproßte lustig auf Wiesen und Feldern. Die Kinder waren genesen und standen jetzt nach langer, schwerer Krankheit am Fenster und sahen dem munteren Spiel der Sperlinge zu, die, von Barbara täglich gefüttert, schaarenweise sich eingefunden hatten. Frau v. Garkaus Herz strömte über von Glück und Dankbarkeit. Sie sah ihre kleinen Lieblinge sich täglich kräftigen, sogar Eveline, die früher so bleich und schwächlich gewesen war, schien nach der überstnndenen Krankheit gesund und stark zu werden, wie die Brüder. Noch mehr aber, — sie hatte die Liebe ihres Gatten gewonnen, der jetzt eifrig bemüht war, seine frühere Kälte durch verdoppelte Aufmerksamkeit zu sühnen. Die Freude der Kinder, als ihnen begreiflich gemacht wurde, daß Fräulein Morden nur ein angenommener Name, in Wirklichkeit aber die geliebte Gouvernante ihre Schwester Barbara sei, kannte keine Grenzen. Es däuchte ihnen fast so unglaublich, wie ein schönes Märchen aus ihrem Geschichtenbuche. Eveline wollte kaum von ihrer Seite weichen. Das Kind fühlte sich jetzt so froh und glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Sie war dem Grabe so nahe gewesen, daß jetzt, nachdem sie neu dem Leben und ihren Eltern wiedergeschenkt war, das Herz der Mutter mit derselben Liebe an der Tochter, wie an den Söhnen hing. Auch hatte Barbara in schonender Weise den Eltern angedeutet, wie tief das kleine Herz die Zurücksetzung gegen die Brüder gefühlt hatte. Barbara selbst war der Liebling der ganzen Familie. „Ihr verwöhnt mich alle ganz schrecklich," pflegte sie oft lächelnd zu bemerken, wenn sie sah, wie ein Jedes bemüht war, ihr einen Wunsch von den Augen abzulesen. Nur Tante Agnes war unzufrieden. Sie schrieb ihrer Nichte einen Klagebrief nach dem anderen und flehte inständig, zu ihr zurückzukommen, so daß Barbara ihr endlich einen längeren Besuch mit Eveline in Aussicht stellte. Von Oberst Dornburg wurde wenig gesprochen. Sein Brief lag noch unberührt und uneröffnet in Eve- ltne's Geschichtenbuch. Als die Kleinen außer Gefahr waren, hatte er in herzlichen Worten seiner Cousine seine Freude ausgedrückt. Dann hatte die kleine Eveline ihm die wunderbare Neuigkeit über Barbara mitgetheilt; er hatte dem Kinde geantwortet, gewiß nur, um ihm Freude zu machen, aber kein freundliches Wort, kein Gruß für Barbara war in seinen Zeilen zu finden. Frau von Garkau zweifelte nicht daran, daß Barbara den Brief gelesen und längst beantwortet habe, und schloß aus dem zurückhaltenden Wesen des Vetters, daß die Antwort zu seinen Ungunsten ausgefallen sein mußte, besonders, da er seinen Besuch auf dem Adlerhorst nicht wiederholte. Sie wagte jedoch nicht, offen mit der Stieftochter über den Vetter zu reden, sie ahnte auch nicht, wie sehr sich dieselbe nach Nachricht von ihm sehnte. Tadelte er sie, daß sie sich durch Betrug in das Haus ihres Vaters eingeschlichen hatte? Dieser Gedanke warf einen trüben Schatten in ihr glückliches Leben. So waren wieder Wochen vergangen. Da kam ganz unerwartet Graf Udo von Eckernstein. Er sehnte sich nach Veränderung, nach den heiteren, lustigen Kindern, sagte er, und wollte hier einige Zeit in diesem gastfreien Hause zubringen. Die Eltern merkten jedoch bald, daß Barbara allein der Anziehungspunkt war, die aber seine zahllosen Aufmerksamkeiten gar nicht zu beachten schien. Am selben Tage kam ein Brief von Onkel Arthur. Er wollte eine längere Urlaubsreife antreten und von seiner Cousine Abschied nehmen. „Das geht nicht an! Das dulden wir nicht! DaS ist zu arg!" riefen die Kinder im Chor. „Wasd Onkel Arthur will fort, ohne uns zu besuchen! Das ist unerhört!" Die Kinder wurden so aufgeregt, gaben in den lebhaftesten Ausdrücken ihre Entrüstung kund, daß der Vater, um sie zu beruhigen, den Vorschlag machte, dem Onkel eine Bittschrift zu schicken, die von Allen unterschrieben werden sollte. — Stürmischer Beifall lohnte diesen trefflichen Gedanken. „Jeder soll unterschreiben", jubelte Edmund, in die Hände klatschend. „Du, Mama und Barbara. Aber was sollen wir mit Alex machend Er kann seinen Namen noch nicht schreiben!" „Oh, damit werden wir schon fertig", entschied der Vater. Schnell wurde Mamas Briefmappe geholt, und 190 nach dem Dictat der Kleinen, die zahllose Gründe angaben, daß der Onkel unbedingt zu ihnen kommen müsse, schon um Eveltne wiederzusehen, deren Haar nach der Krankheit kurz abgeschnitten sei, wurde der Brief geschrieben. Eveline und Edmund unterschrieben zuerst, da nahm Alex die Feder und machte drei Kreuze, hinter denen die Mutter seinen Namen schrieb. Er hatte in seinem Eifer natürlich zu viel Tinte genommen, und große Flecke waren nicht vermieden. Dann unterzeichneten Vater und Mutter, zuletzt Barbara. Eveline ließ es sich nicht nehmen, selbst die Adresse zu schreiben, und eigenhändig warf sie den Brief in den Postbeutel. Jetzt mußte der Onkel kommen. In freudiger Erregung eilten sie am folgenden Morgen in das Frühstückszimmer und waren schmerzlich enttäuscht, zwischen den angekommenen Briefen nicht die erwartete Antwort zu finden. Sie wollten oder konnten es kaum begreifen, daß der Onkel erst selbst heute den Brief bekommen haben und daß die Antwort erst morgen kommen würde. Doch so lange sollte ihre Geduld nicht auf die Probe gestellt werden. „Ich komme heute Nachmittag!" so lautete ein Telegramm, welches bald darauf Jubel und Freude hervorrief. Nur Graf von Eckernstein schien mißvergnügt. Er erblickte in dem jungen Offizier einen gefährlichen Rivalen, und da Barbara nur wenig Hoffnung in ihm erweckte, ihn zu neuen Huldigungen durchaus nicht er- muthigte, sah er dem neuen Besuche nur ungern entgegen. Oberst Dornburgs Entschluß, gar nicht mehr nach dem Adlerhorst zurückzukehren, wurde durch Barbaras Unterschrift vollständig umgestoßen; jetzt konnte er kaum die Zeit abwarten, bis er wieder in diesem fröhlichen Kreise, inmitten der jubelnden Kinderschaar war. Alle erwarteten ihn auf dem Bahnsteig. Die Kinder jauchzten vor Freude, zogen Barbara herbei, die er jetzt als ihre Schwester begrüßen sollte. Er streckte ihr die Hand entgegen. Doch das junge Mädchen legte nur schüchtern ihre zitternde Hand hinein, die sie gleich wieder entzog. Purpurgluth wechselte mit tiefer Blässe in ihrem Antlitz, und schweigsam hielt sie sich mit Eveline im Hintergrund. Der Oberst blickte vorwurfsvoll zu ihr hin, doch da sie stets vermied, ihn anzusehen, deutete er ihr scheues Benehmen falsch. „Graf Eckernstein! ich hätte fern bleiben sollen", dachte er bei sich selbst, und finster grollend setzte er seinen Weg nach dem Schlosse hin fort. Barbara fühlte sich tief unglücklich. Sie konnte kaum auf das fröhliche Geplauder ihres Schwesterchens hören; dachte sie doch nur an den schweigsamen Offizier, der jetzt keinen Blick mehr für sie hatte. War sie Schuld daran? Zürnte er ihr, daß sie sich unter fremdem Namen — durch Betrug also — in das Haus ihres Vaters gedrängt hatte? Nach dem Abendessen ging sie hinaus ins Freie. Sie wollte allein sein, um ihr aufgeregtes Herz zu beruhigen. Doch ach, da stand schon wieder der Graf an ihrer Seite, der sie wie ein Schatten verfolgte. Sie hörte kaum, was er sagte. Ihre Gedanken weilten ja nur bei ihm, der, wie sie fürchtete, durch ihre Schuld so ernst, schweigsam und traurig war. Da stand der Graf Plötzlich still; er erwartete augenscheinlich die Antwort auf eine Frage, die sie vollständig überhört hatte. „Ja! — nein!" antwortete sie verwirrt. Er erfaßte ihre Hand und drückte sie leidenschaftlich an seine Lippen. Sie entzog ihm dieselbe entrüstet. Verzeihen Sie, Herr Graf, ich beachtete Ihre Frage nicht!" sagte sie erbebend. „Ich hatte Sie gebeten, meine Gattin zu werden, Barbara", wiederholte er mit glühender Leidenschaft. „Oh! das thut mir leid — wirklich sehr leid. Aber es ist unmöglich! Ich — — liebe sie nicht — kann Sie nie lieben." Sie stieß die Worte mühsam, fast heiser hervor. „Ich will ja auch noch warten; — ich will geduldig ausharren, bis Sie gelernt haben, mich ein wenig zu lieben. Sehen Sie, Barbara, ich liebte sie schon lange, ehe ich Ihren wirklichen Namen kannte. Wäre die Krankheit der Kinder nicht so plötzlich hereingebrochen, so hätte ich Ihnen schon früher mein Herz ausgeschüttet. Glauben Sie nicht, daß ich jetzt um Ihre Hand bitte, weil ich weiß, daß Sie die Tochter des Freiherr« sind, nein, wären Sie noch die einfache Gouvernante, so würde ich es auch gethan haben." „Ich glaube es Ihnen, Herr Graf, aber — es kann nicht sein! Verzeihen Sie, wenn ich falsche Hoffnungen in Ihnen erweckte, — eS lag nicht in meiner Absicht!" " Sie erhob ihr bleiches, thränenfeuchtes Antlitz zu ihm empor, und diesem flehenden Blick konnte er nicht widerstehen. „Sie haben nichts gethan, um wich zu diesem Schritt zu ermuthigen", gestand er offen, „aber ich konnte die Hoffnung nicht so leicht aufgeben. Jetzt erst glaube ich Sie zu verstehen-Sie lieben einen Anderen! — Wer es auch sei, der Himmel segne Sie." Barbara antwortete nicht; eine verräterische Nöthe färbte plötzlich ihre bleichen Wangen. „Ich verlasse jetzt den Adlerhorst, um nie wieder zurückzukehren", fuhr der Graf mit erzwungener Ruhe fort, „leben Sie wohl — seien Sie glücklich", er ergriff ihre Hand, preßte sie noch einmal an seine Lippen, dann eilte er davon, ohne einen weiteren Blick auf sie zu werfen. Mittlerweile ging der Obersts in heftiger Erregung auf und ab. Endlich blieb er vor seiner Cousine stehen. „Nein, Eveline", stieß er mühsam hervor, „für mich ist keine Hoffnung mehr. Sie hat meinen Brief gar nicht einmal beantwortet. Du sagst mir, daß Du fest überzeugt bist, ihn ihr gegeben zu haben. Aber selbst, wenn Du Dich irrst, wenn er durch irgend einen Zufall, ohne daß Du Dich dessen erinnerst, verloren gegangen ist, so könnte ich doch jetzt mich ihr nicht mehr nähern, hast Du ihr nicht oft genug gesagt, daß ich nur eine reiche Gattin wählen müsse? Biete ich ihr jetzt Hand und Herz an, so könnte sie leicht denken, daß ich Deinen Rath befolge. Jedoch für mich ist sie verloren! Sieh dorthin, dort geht sie an der Seite des Grafen; ist er nicht allein in der Absicht gekommen, sie als Gattin heimzuführen?" Er deutete mit der Hand nach der Richtung, wo Barbara an der Seite des Grafen stand. „Er ist so stolz auf seine Ahnen; die reiche Tochter des Freiherr» von Garkau, die noch dazu nach dem Willen eines alten, excentrischen Onkels eine reiche Erbin ist, wird von seinen hochgräflichen Eltern gewiß mit 191 offenen Armen empfangen werden," fuhr er bitter fort. „Aber er ist ein guter ehrlicher Mensch; ich kenne ihn wie einen Bruder, und er wird sie glücklich machen. Ich hätte nicht hieher kommen sollen, aber ich folgte nicht der Stimme meines Herzens, die mich laut genug warnte. Hätte ich aber geahnt, den Grafen hier anzutreffen, so würde mich keine Macht der Welt dazu bewogen haben. — Na, Eveline, sieh nicht so traurig drein, ich werde auch diesen Schlag ertragen lernen, selbst wenn es lange währt, bis die tiefen Wunden heilen. Ich bleibe ein alter Junggeselle, der einsam und verzweifelt in fremden Landen sein Leben vertrauern will." Als Barbara gleich darauf ihrer Stiefmutter Gute Nacht wünschte, flüsterte ihr diese in's Ohr: »Ist Alles abgemacht, mein Kind? Sollen wir Dich schon bald wieder verlieren, nachdem wir Dich erst seit so wenigen Wochen gefunden haben?" „Nein," versetzte Barbara und schlug verwirrt die Augen zu Boden, „nicht, wenn Du Deine Worte mit Graf Eckernstein in Beziehung bringst. Ich habe seinen Antrag abgelehnt." „Warum? er ist herzensgut und meint es aufrichtig!" „Mag sein, aber — — ich liebe ihn nicht." Dann eilte sie hinaus, verschloß die Thür ihres Zimmers und weinte bitterlich, als ob ihr das Herz brechen wollte. Am nächsten Morgen ging sie früh in den Park. Zu ihrem Erstaunen fand sie ihr Schwesterchen schon auf ihrem Lieblingsplätzchen, die eifrig in ihrem Märchenbuchs las. „Sieh, Barbara, was ich hier gefunden habe," rief die Kleine und hüpfte ihr entgegen. „Dieser Brief lag in meinem Buch; er ist für Dich!" Barbara nahm ihn; er war an „Fräulein Morden" gerichtet. Das war ja seine Handschrift! Da-wie Schuppen fiel es plötzlich von ihren Augen — sie gedachte des Briefes, den ihr die Stiefmutter vor Monaten an Evelines Krankenbett gereicht, den sie aber, da das Kind ihrer bedurfte, ungelesen in ein Buch gelegt, ihn dann vollständig vergessen hatte. Es waren nur wenige Zeilen: „Geliebte Barbara! Ich habe meine Cousine gebeten, Ihnen diese Zeilen zu geben; aber ehe ich abreise, muß ich Ihnen bekennen, wie sehr ich Sie liebe. Geliebte! mein ganzes Sein und Denken gehört Ihnen; machen Sie mich zum Glücklichsten aller Menschen und werden meine Gattin. — Antworten Sie mir; schreiben Sie mir nur wenige Zeilen, damit ich weiß, ob ich hoffen darf; wenn nicht — nun — so werden Sie mich nie wiedersehen. Gott segne Sie. Arthur Dornburg." Barbara hatte längst die Zeilen gelesen; — sie las sie wieder und wieder, bis Freudenthränen ihre Augen netzten, und sie nicht mehr sehen konnte» dann eilte sie davon, sie mußte allein sein, und hier drückte sie ihren kleinen Schatz an ihre Lippen. Jetzt verstand sie, warum Onkel Arthur „so langweilig geworden war und nicht mehr spielen wollte", wie die Kinder sich beklagten.- Es war ein heißer Nachmittag. Frau von Garkau schlug einen Spaziergang in ein nahes Wäldchen vor, und da die Wege dort nur sehr schmal waren, wußte sie es geschickt einzurichten, daß sie mit den Ktndem voranging und Arthur mit Barbara folgten. Vorher hatte sie ihm leise zugeflüstert: „Sie hat die Hand des Grafen ausgeschlagen, Arthur; also guten Muth, Du hast noch Hoffnung." Doch der Oberst hatte nur traurig sein Haupt geschüttelt; er gedachte des unbeantworteten Briefes. Aber dennoch schlug sein Herz laut und unruhig, als er jetzt nach langen Monaten allein an ihrer Seite ging. Sie erreichten eine kleine Anhöhe. Ein schmaler Fußsteig schlängelte sich den Abhang hinab, um unten zu einer Leinen Quelle zu führen, neben welcher eine Nasenbank freundlich zur Ruhe winkte. „Lassen Sie uns hinunter gehen", bat Barbara mit zitternder Stimme. „Ich bin müde, und dort können wir ausruhen." Er folgte ihr schweigend. Wie im Traume umfangen lauschte er auf die plätschernden, traumhaften Melodien der krystallenen Quelle; vor seinem seelischen Auge stand die liebliche Mädchengestalt die mit leuchtenden Augen und freudig gerötheten Wangen so munter mit den Kleinen im Schulzimmer gespielt hatte. Er erschrak, als eine kleine Hand jetzt leise seinen Arm berührte und Barbara leichenblaß ihre Augen bittend zu ihm erhob. „Herr Oberst," flüsterte sie, vor Erregung bebend, „erst heute habe ich diesen Brief gelesen." Sie reichte ihm den Brief. Erstaunt, verwirrt nahm er das Papier; er schien kaum den Sinn ihrer Worte zu verstehen, bis er es entfaltete und seine eigene Handschrift erkannte. Da leuchtete es wie Heller Sonnenschein in seinem Antlitz. Mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit blickte er auf das Mädchen herab, das an allen Gliedern bebend auf der Rasenbank saß. „Barbara!" rief er und erfaßte ihre beiden Hände, „was meinen Sie? was bedeuten Ihre Worte?" Mit zu Boden gerichtetem Blick wiederholte sie: „Ich las ihn erst heute. Meien Stiefmutter gab ihn mir, als die Kinder sehr krank waren. Ich ahnte nicht, wer ihn geschrieben hatte, legte ihn in ein Buch und-habe ihn vergessen. — Eveline fand ihn heute Morgen." Sie hatte leise gesprochen, aber der Oberst hatte jede Silbe verstanden. Jetzt wußte er, warum der Brief unbeantwortet geblieben war. „Und wenn Sie ihn gelesen hätten, welche Antwort hätten Sie mir gegeben?" „Barbara", fuhr er fort, als das junge Mädchen errathend schwieg. „Sage mir, Geliebte, ob ich für's Leben Dein treuer Beschützer sein.darf! Aber jetzt ist's ganz anders!-Damals warst Du nur eine arme Gouvernante, — — jetzt die Tochter des Freiherr» und eine reiche Erbin l — — Ich kenne meine Cousine zu genau, hat sie Dir nicht oft genug gesagt, daß ich nur eine reiche Gattin nehmen müsse? Hat sie nicht absichtlich die kleine Olga Rosen nach dem Adlerhorst kommen lassen? Du verstandest es dazumal, ich sah es Dir an den Augen an. Aber ich liebte Dich immer; sage mir, willst Du meine Gattin werden?" Sie ließ es ruhig geschehen, daß er ihre beiden Hände erfaßte und sie langsam an sich zog, bis ihr Köpfchen auf seinen Schultern ruhte. „Ich kann es kaum fassen; — ich bin so glücklich, daß-" Er ließ sie nicht ausreden. Jubelnd zog er sie 192 an seine Brust und erstickte ihre Worte Mit einem innigen Kusse. „Geliebte! noch vor einer Stunde hätte ich es für unmöglich gehalten, daß dieser Tag der glücklichste meines Lebens werden sollte! Ach! ich fühlte mich so namenlos unglücklich; mein Dasein fing an, mir unerträglich zu werden, und nur Dein Name unter dem Briefe der Kinder veranlaßte mich, hieher zu kommen. Als ich da aber den Grafen Eckernstein an Deiner Seite sah-" „Sprich heute nicht von ihm, Arthur; ich bin heute zu glücklich! Der arme Graf, er hielt gestern um meine Hand an!" „Ich weiß es; Eveline hat es mir gesagt, und das war mir ein neuer Hoffnungsstrahl. Aber es thut Mir doch herzlich leid; er ist ein guter Mensch!" „Ja, aber-ich liebte ihn nicht." „Liebst Du denn mich? liebst Du mich ein ganz klein wenig? Sage es mir, Barbara, meine einzige Geliebte, laß mich die Worte hören, die ich so oft von Deinen Lippen geträumt habe. Es sind nur vier kleine Worte. Sage: „Arthur, ich liebe Dich!" Barbara that es. Wieder zog der Oberst sie fest an sich und küßte sie. Gerade in diesem Augenblick erschien oben auf der Anhöhe eine kleine Gestalt. Es war Edmund, der bei diesem unerwarteten Anblick» so schnell ihn seine Füße tragen konnten, zu seiner Mutter zurücklief. „Mama", rief er ihr entgegen, „Onkel Arthur und Barbara haben sich geküßt. Ich Habs es gesehen!" Die Mutter ließ ihr Buch fallen. „Es ist wahr, es ist wirklich wahr, Mama", dann fügte er schelmisch hinzu: „will Onkel Arthur Barbara heirathen?" „Was hattest Du dort oben auf der Anhöhe zu thun, Edmund? Hatte ich nicht gesagt, ihr Kiuder solltet hier bei mir bleiben!" sagte die Mutter in strengem Ton. „Will er sie wirklich heirathen, Mama? Bitte sage es mir", flehte Edmund. „Mein liebes Kind, wie kann ich das wissen, aber ich hoffe es. Wie sind denn solche Gedanken in Deinen Kopf gekommen?" „Gretchen hats mir gesagt", gestand der Knabe. „Kleiner Schelm", flüsterte die Mutter, dann befahl sie ihm, mit Alex und Eveline nach dem Schlosse zu gehen und sich von Gretchen zu Bette bringen zu lassen. „Erst muß ich es Evy und Alex erzählen", jubelte er und rannte fort. Als die Dämmerung eingetreten war, dachten die Liebenden endlich an die Heimkehr. Die Stiefmutter erwartete sie oben auf der Anhöhe. Aber ehe sie Worte fanden, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen, breitete Frau von Garkau ihre Arme aus, küßte das erröthende Mädchen und flüsterte ihm Glück- und Segenswünsche zu. „Nichts auf der ganzen Welt hätte mich glücklicher Machen können, als dieser Augenblick. Sagt mir nichts — ich weiß Alles! Wundert Ihr Euch darüber? Eure freudigen Gesichter sprechen deutlich genug. Aber Eins will ich Euch sagen: Wenn sich Liebende in einer Schlucht küssen, so sollten sie zuerst ihren Blick auf die Anhöhe werfen, um sich zu überzeugen, ob keine Zuschauer da sind!" Dann erzählte sie von der Entdeckung, die Edmund vor etwa einer halben Stunde gemacht hatte. Niemals hatte eine Verlobung größere Freude bereitet, als diese, besonders unter den Kindern, Onkel Arthur war wieder der heitere, lustige Spielkamerad von ehedem, der jetzt, zu jedem ausgelassenen Spiel bereit, sich munter mit den Kleinen herumtummelte. Der sonst so finstere Schloßherr war wie umgewandelt. Er freute sich, seine älteste Tochter mit einem Manne zu verbinden, dem er vertraute und den er hoch schätzte. Die Stiefmutter konnte nicht laut genug ihre Freude ausdrücken. Sie war glücklicher als wie je feit den Jahren ihrer Verheirathung. Ihr Gatte, der, seitdem Barbara bet ihm war, seiner ersten Gattin nur noch in stiller Wehmuth gedachte, überhäufte sie jetzt mit zahllosen Aufmerksamkeiten und bemühte sich, durch verdoppelte Liebe das Versäumte zu entschädigen. Nur die arme, gute Tante Agnes wollte sich nicht trösten lassen. Sie kam selbst nach dem Adlerhorst, um wenigstens ihre Nichte noch kurze Zeit zu haben. Doch allmählich wurde es ihr klar, daß früher oder später Barbara doch geheirathet haben würde, und eine Trennung somit nicht allzu fern gewesen war. Und Barbara? Täglich erkannte sie mehr und mehr, wie warm die Herzen für sie schlugen, deren Liebe sie vor wenigen Monaten erringen wollte. Ja noch mehr! ein anderes Herz, dessen Liebe das Glück ihres Lebens ausmachte, schlug so heiß und so innig für sie und belohnte sie reichlich für manche bittere Enttäuschung ihrer Jugendzeit. Präsident Schulze. Eisenbahn-Humoreske von Karl Zastrow. —^ lNachdru« verbotm.I „Nun adieu auf drei Wochen, Bureandunst und Actenschwall, Rücksprache mit übelgelaunten Decernenten und Zurechtweisungdn in dieser und jener Stilart! Jetzt heißt's Mensch sein und sich erinnern, daß die Natur auch für unsereinen da ist. Schade, daß es nur drei Wochen sind. Sechse hätten's auch gethan. Nun aber los! Du lieber Gott! Man hat sich's sauer genug verdient." Mit diesen Worten hatte der Eisenbahn-Secretär Schulze den Pferdebahnwagen bestiegen, der ihn nach dem Bahnhöfe bringen sollte. Er wollte zu seiner Erholung in die Tiroler Alpen reisen und dabei Dresden, Prag, Brunn und Wien mitnehmen, alles in drei Wochen. Als er auf dem Bahnhöfe eintraf, stand der. Zug schon bereit. Er winkte dem Schaffner zu, gab ihm eine Cigarre und sagte, indem er seinen Freifahrtschein vorwies: „Hier, Schaffner! Freifahrtschein. Coupieren Sie nur hier draußen gleich. Da drin vor dem hochgeneigten Publiko will ich das nicht." „Ja wohl! Ist auch recht so!" nickte der Fahr- beamte, indem er mit der Zange in das Papier kniff. Schulze stieg ein und unterzog zunächst seine Reisegefährten einer Musterung. Da war zunächst ein korpulenter Viehhändler, welcher mit seiner nicht minder stattlichen Ehehälfte nach Marienbad reiste, und ein blasser ungefähr 30 Jahre alter Herr mit einem dünnen blonden Schnurrbart und einer Schmißnarbe auf der Wange. 193 „Die Billets, meine Herrschaften!" trat der Schaffner an das Coups. Während die Reisegefährten ihre Fahrkarten überreichten, schnarrte Schulze im Tone eines Großmoguls aus der Ecke: „Vereinskarte Nummer 450!" Der Schaffner legte die Rechte an die Mütze und verneigte sich ungefähr in der Weise, wie ein Lieutenant seinen Bataillons-Commandeur grüßt. Als die Billets coupiert waren, sagte er devot: „Wollen der Herr Präsident nicht ein Coups erster Klasse? Es sind einige leer." „Danke, danke, Schaffner," lehnte Schulze ab, „ich sitze schon gut." Der Schaffner schloß die Thür. Schulze überflog verstohlen die Gesichter seiner Coupsgenossen und hatte die Genugthuung, einen „respectartigen Anstrich" wahrzunehmen. Er brannte sich eine Cigarre an, und behaglich den Ningelwolken nachblickend, stellte er philosophische Betrachtungen über das Reiseleben an, in Folge deren er zu dem Schluß gelangte, daß es nichts Schöneres gebe, denn als Präsident zu reisen, ohne es zu sein und ohne Fahrgeld dafür ausgeben zu müssen. Der Musensohn mit der Narbe auf der Wange blinzelte einigemale zu dem „Herrn Präsidenten", dem er sich ebenbürtig fühlen mochte, hinüber. Er hätte wohl gern ein Gespräch angeknüpft, mochte sich aber nicht recht trauen. Schulze war von stattlicher Figur. Seine scharfen dunklen Augen, der schwarze, von einigen Silberfäden durchzogene Vollbart verliehen ihm Würde und Höhe genug, um die Vertraulichkeit fern zu halten. Auf Station Dobrilugk, wo der Zug einen längeren Aufenthalt hat, stieg der Narbige aus und nahm den Schaffner bei Seite: „Sagen Sie mal, Schaffner, wer ist der Herr mit dem schwarzen Vollbart, den Sie vorhin Herr Präsident titulierten?" „Der? Ei, das ist ja der Präsident der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn, Geheimer Ober-Negierungs- rath Schulze!" — „A — a — a — ah?" — „Ja — a — a! Bedeutender Mann! Reist im Auftrage Seiner Excellenz zur Ministerial-Beamten- Conferenz nach — nach — nach Wien, glaub' ich." Das feine Gehör Schulze's hatte ihm kein Wort dieses Gespräches verloren gehen lassen. Er lachte stillvergnügt vor sich hin: „Prachtkerl, dieser Schaffner! Da steht man wieder mal recht deutlich, daß so ein alter Soldat, den das Leben geschult hat, doch die gediegenste Auffassung unserer bahnamtlichen Verhältnisse besitzt. Schade, daß ich nicht in der That Präsident bin. Würde den Mann sofort zum Zugführer ernennen. Thut nichts, spielen kann ich den Präsidenten schon. Hei! das soll ein Spaß werden!" — „Schönes Reisewetter, Herr Präsident!" hörte er sich in diesem Augenblick angeredet. Es war der blasse Herr mit der Narbe. „Ja wohl. Das Wetter läßt nichts zu wünschen übrig," bestätigte er. „Gestatten der Herr Präsident, daß ich mich vorstelle? Mein Name ist Müller, Assessor Müller, auch Verwaltungsbeamter." „Sehr verbunden. Geheime Ober-Regierungsrath Schulze aus Marienburg." „Der Herr Geheimer Ober-Regiemngsrath reisen in dienstlicher Mission?" „Allerdings. Sehr wichtige Angelegenheit. Aber tiefes politisches Geheimniß." „I, was Sie sagen? Nun, ich habe dieses Alles von vornherein vermuthet." „Und Sie, Herr Assessor, reisen zu Ihrem Vergnügen?" „Nicht ganz. Ich will allerdings in Dresden und Umgegend mich einige Tage aufhalten, reise aber im Grunde genommen meinem neuen Wirkungskreise entgegen . . . Eisenbahn-Directionsbezirk F . . ." Ueber das Antlitz des Pseudo-Präsidenten glitt ein Zug von Unbehagen. Aber er faßte sich bald. So ein junger Eisenbahn-Novize, der frisch von der Hochschule kommt, hat noch keine Idee vom Eisenbahnwesen. Man kann ihm ein prachtvolles Bärenfell umhängen. Er erwiderte also ohne jede Spur von Betroffenheit: „Nah! verstehe. Jura und Cameralia studiert- Staatsexamen mit Glanz absolviert und nun als Hilfsarbeiter zur Eisenbahn-Direction F . . . Gratuliere von Herzen. Kommen da in sehr angenehme Verhältnisse." Der Herr Assessor war dem Herrn Präsidenten für seinen Glückwunsch sehr dankbar. Als er dann aber das Gespräch auf die schöne goldene Studienzeit brachte und von Colleg und Mensur sprach, schwieg unser Präsident aus naheliegenden Gründen mäuschenstill, gab auch durch seine würdevolle Haltung zu verstehen, daß er über das Leben und Treiben eines flotten Bruder Studio ziemlich erhaben sei. So traf man endlich in der sächsischen Hauptstadt ein, wo man sich trennte. Der Herr Präsident ließ sich jedoch das Versprechen geben, daß der Herr Assessor ihn bei einem etwaigen Bereisen der west- preußischen Bahnen in Marienburg besuchen werde. Im Stillen wünschte er jedoch den Reisegefährten zu allen Teufeln. Freund Müller hatte ihm zuletzt gar nicht mehr recht zusagen wollen mit seinem überlegenen Lächeln und dem gelegentlich hervortretenden ironischen Gesichtsausdruck. Im Verkehr mit den gemüthlichen Dresdnern hatte unser Schulze leichtes Spiel. Sie glaubten es ihm, wenn er sich bei Helbigs als Präsident Schulze vorstellte oder sich als solcher in das Logis-Fremdenbuch einschrieb. Je mehr er sich übrigens in die Präsidenten- rolle einlebte, desto besser glückte alles, und als er auf dem böhmischen Bahnhöfe in gewohnter Weise seine Karte zum Coupieren übergab und dabei dem Schaffner zuraunte: „Ich bin also auf alle Fälle der Präsident Schulze von der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn," da zwinkerte der freundliche Sachse ihm verständniß- innig zu und sagte bewundernd: „Sie sain ä Mords- kärl!" , Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken. Auf der Grenzstation war nach erfolgter Vidierung der Fahrkarte der „Mordskärl" bereits so frech geworden, daß er freundlich herablassend den Zugführer zu sich heranwinkte und ihm vertraulich eröffnete, wie er, der Präsident der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn, Schulze mit Namen, in geheimer eisenbahnpolitischer Misston gen Wien dampfe, und es sich empfehle, das Fahr- beamtenpersonal hiervon in geeigneter Weise zu verständigen, damit die in solchen Fällen üblichen Dehors nicht 194 ganz außer Acht gelassen würden, Vereinskarte auch ohne jedesmaliges Ansagen respectirt würde u. s. w. Der Zugführer schüttelte zwar ganz still für sich den Kopf — nichtsdestoweniger ging alles vortrefflich. Der Herr Präsident hatte ein Coups für sich ganz allein. Niemand störte ihn und als er einmal ausstieg, anscheinend, um sich durch einen Trunk zu stärken, wartete der Zug geduldig eine halbe Minute über die vorgeschriebene Zeit und fuhr erst weiter, als der Herr Präsident mit der Hand abwinkte, zum Zeichen, daß er hier die Tour unterbreche. Es war ein Hauptspaß, und Schulze kam aus dem Kichern nicht mehr heraus. Er befand sich in Brünn, und als ihm beim Verlassen des Bahnhofes ein alter Invalide, von der imponierenden Majestät seiner Gesichtszüge hingerissen, eine militärische Ehrenbezeigung erweist, kommt ihm ein glorioser Gedanke: „Wer weiß, welchem alten ^pensionierten General ich ähnlich sehe! Werde mal den Spielberg in Augenschein nehmen und mich dieserhalb mit dem Commandanten in Verbindung setzen. Das Zeug dazu hat man ja." Gedacht, gethan. Schulze steigt hinauf, läßt sich gebührendermaßen anmelden und stellt sich mit der ganzen Würde seines Standes vor. Die Aufnahme läßt nichts zu wünschen übrig. Der maßgebende Offizier, welcher ihn für einen ehemaligen Garde-Major hält, zeigt ihm bereitwillig alles Sehenswerthe und findet an dem alten Degen, der mit so tiefem Verständniß über Exercier- Reglement und Strategie zu schwatzen weiß, so großes Wohlgefallen, daß er ihn zum Diner einladet und ein paar Flaschen Vöslauer opfert. In höchst animierter Stimmung kehrt Schulze Mittags in der 12. Stunde nach dem Bahnhöfe zurück und steigt in den nach Wien bestimmten Zug. Als der Schaffner billetheischend zum Coupä hereinguckt, sagt Schulze in sehr pikiertem Tone: „Ich muß mich sehr wundern, daß ungeachtet meiner wiederholten Vorstellungen die Fahrbeamten über meine Person noch immer im Unklaren sind. Zum letzten Mal also: Präsident Schulze von der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn! verstanden?" Der verblüffte Schaffner wirft die Thüre ins Schloß und verschwindet. Ein alter, ehrwürdig aussehender Herr reicht dem hohen Mitpassagier seine goldene Dose und sagt: „Der Herr Präsident werden sich noch über manches Andere bei uns wundern. Oesterreich ist eben nicht Nord-Deutschland." Man unterhält sich, bis auf der nächsten Station während des Haltens des Zuges der Schaffner den Kopf zum Coupsfenster hereinsteckt mit den Worten: „Herr Präsident! Wollen's net so gut sein und a mal aussteigen?" „Aussteigen? Was fällt Ihnen denn ein? Was soll ich denn draußen?" „Herr Präsident sollen nur über etwas Auskunft geben!" „Dummheit! Wer etwas von mir will, kann hereinkommen!" Als aber der Schaffner sich mit einem sarkastischen „Schön, Herr Präsident!" zurückziehen will, schickt er sich schleunigst zum Verlassen des Coups's an, wobei er anstandshalber im donnernden Tone rüst: „Ich werde Veranlassung nehmen, bei Ihrem Ministerium wegen dieses Zeichens mangelnder Intelligenz vorstellig zu werden. Ich bin auf allen Bahnen des Deutschen Vereins gefahren, aber wie man hier die Oberbeamten behandelt, das übersteigt alle Begriffe!" „Na, machen's ka G'schichten, Herr Präsident,* versetzt der Stationsvorsteher ganz unverfroren, „zeigen'S Ihr Koart und dann fahren's, wohin's Gott verlangt. Was sein muß, muß sein. Darin kann unser Ministerium auch nichts ändern." Schulze sah es ein. Er winkte also den inzwischen herbeigeeilten Zugführer bei Seite und hielt ihm seinen Freifahrtschein derartig unter die Nase, daß sein Subaltern- Titel nicht gerade auf den ersten Blick zu sehen war. Der Zug-Präsident aber wollte überhaupt nichts weiter sehen. Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Rechten und rief unwirsch: „Na, was wollen's denn mit dem Papier auf uns'rer Bahn? Das Hot für uns überhaupt nichts zu bedeuten!" — „Was? nichts zu bedeuten? Ist der Schein nicht richtig?" „Das ist eine Karte von der Oesterreichischen Staats- bahn." „Was? Ich bin doch in Brünn nicht etwa in einen falschen Zug eingestiegen? Nach Wien 11 Uhr 50 Minuten!" „Na, wenn Sie Präsident von der Marienburg- Mlawkaer Eisenbahn sind, dann müssen Sie doch wissen, daß 11 Uhr 50 Minuten zwei Züge von Brünn nach Wien gehen, einer mit der Staatsbahn und einer mit der Nordbahn. Für die Staatsbahn haben Sie den Schein, und mit der Nordbahn sind Sie gefahren." „Wollen's zahlen?" fragt der Stationsvorstehr naiv, „kommen's mit. Sie können's später reklamieren." „Zahlen müssen's!" entscheidet der Zugführer, «und dann können Sie auf Ihren Posten nach Brünn zurückfahren und mit der Staatsbahn reisen." Während der Stationschef ihn an den Billetschalter weist, fährt der Zug mit den lachenden Reisegefährten, welche Alles mit angehört haben, davon. Nun saß Schulze fest an der kleinen Haltestelle und blickte wehmüthig zu den dicken Rauchwolken empor, die aus einem in nicht allzu großer Ferne gelegenen Ofen einer Ziegelbrennerei hervorschossen. Diese und einige Bahnbaracken, welche sich um das Herrenhaus gruppierten, schienen in Verbindung mit dem ebenso unscheinbaren Stationshäuschen das einzige Leben inmitten dieser Einöde von Kartoffel- und Runkelrüben- feldern. Der Stationschef steht, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, auf dem Perron und spricht mit einem Beamten in dunkelgrüner Uniform, welcher von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den mißmuthig Auf- und Abwandelnden wirft. „Scheint so ein Stück Feldpolizist zu sein, was man bei uns zu Hause Gendarm nennt," denkt Schulze und wirft einen zerschmetternden Blick auf den Grünen. Da hört er, wie dieser halblaut sagt: „I glaub', 's ist doch der Präsident." Und damit lüftet er unterwürfig den Hut und fährt laut mit freundlichem Grinsen fort: „Der Herr Präsident haben Unglück gehabt? Nu — hier gibt's nichts. Wenn Herr Präsident aber in's Dorf hinabgehen — es ist eine halbe Stunde — ich geh' auch hin, — da ist ein gutes Wirthshaus, und da treffen Sie auch Gesellschaft; den Herr Bürgermeister von Lundenburg, der zur Jagd hier ist. Das ist ein gar fideles Haus. Da werden Sie Freude haben!" Der Stationschef rieth auch zum Besuch des Wirthshauses. Etwas Besseres gäb's hier herum nicht, n. f. w. Schulze sah ein, daß er in seiner gegenwärtigen Lage nichts Besseres thun könne, als den wohlgemeinten Rath zu befolgen, und so saß er denn bald in der verräucherten Gaststube des Dorfwirthshauses und ließ dem biederen Feldpolizisten ein Wachholderschnäpslein nach dem anderen einschenken. Der also Tractierte ließ eS sich schmecken, warf mit der Anrede „Herr Präsident!" wacker um sich, und entfernte sich nur hin und wieder auf ein Biertelstündchen, um nach dem Herrn Bürgermeister auszuschauen. Endlich traf dieser, ein gutwüthig blickender alter Herr, mit kurzgeschorenem schlohweißem Haar und Bart, ein, reichte Schulze beide Hände und freute sich sehr, einen so „hochberühmten Präsidenten von auswärts" kennen zu lernen. Er erzählte von seinen heutigen Jagderlebnissen und kramte dabei ein so prächtiges Jägerlatein aus, daß Schulze wahrhaft gerührt wurde. In der That stimmte die treuherzige Einfalt der beiden Oesterreicher ihn ganz behaglich, und er hatte nur noch das einzige Bestreben, diesen biederen Leuten gegenüber den Präsidenten noch einmal recht gründlich herauszubeißen, ehe er ihn für immer ablegte. Und das that er nun auch. Schier ins Ungeheuerliche gingen die Aufschneidereien, welche er den begeisternd zuhörenden Zechgenossen zumuthete. Nunmehr war er nicht allein ein hochgestellter westpreuhischer Eisenbahndirektor, sondern er besaß auch ausgedehnte Güterkomplcxe von mehreren Tausend Morgen Land in Nussisch-Polen, und außerdem eine Glashütte, in welcher über 500 Arbeiter beschäftigt würden. Eine ihm ausschließlich gehörige Zweigbahn, über 100 Werst lang, führe nach den veschiedenen, unter seiner Gerichtsbarkeit stehenden Ortschaften und verinteressiere sich hundertfach. Seine Revenüen beltefen sich auf anderthalb Millionen jährlich u. f. w. Schulze amüsierte sich hierbei vortrefflich, und das Beste war, daß die Präsidentenrolle ihn außer dem Bischen Wachholderschnaps nichts kostete. Denn die drei Flaschen Sekt, welche er behufs besserer Begründung seiner Mittheilungen vorfahren lassen wollte, waren auf zwei Meilen im Umkreise nicht zu haben, und den einzigen Wein, der zu haben war, lieferte der Bürgermeister, welcher nicht zugeben wollte, daß der russische Grundbesitz über den österreichischen triumphiere. Man trank, spielte Billard und unterhielt sich vortrefflich bis tief in die Nacht hinein. Es wurde beschlossen, daß man, mit Ausnahme des Wachmannes, „im Krug" übernachten und morgen mit dem ersten Zug weiter fahren wolle. Der Wirth gab seine beiden Staatszimmer her, und Schulze erfreute sich trotz der Aufregungen dieses Tages einer ungestörten Nachtruhe. Als er dann in der Früh Arm in Arm mit dem stadtväter- lichen Freunde nach dem Bahnhöfe schritt, sah er mit heimlichem Entzücken, wie sein Ruf als bewährter west- preußischer Eisenbahnpräsident über Nacht wieder ins Gleichgewicht gekommen war. Der Zug hielt. Stationschef und Zugführer begrüßten die Ankömmlinge mit der äußersten Höflichkeit. Der Schaffner stand mit abgezogener Mütze neben einem Coups erster Klasse, in welches der „Herr Präsident" mit vielen Bücklingen hin- eingeprotzt wurde; dann nahm der Bürgermeister neben ihm Platz und fort ging es dem freundlichen Lundenburg entgegen, wo man gemeinsam dinieren und sodann Ausflüge in die Umgebung unternehmen wollte. Die Wahrheit zu gestehen, war unser lustiger Eisen- bahnsecretär hiermit nicht ganz einverstanden. Er wäre am liebsten direct nach Wien gefahren, da er mit seiner Zeit haushalten mußte und noch gar viel auf der Tour, die er sich vorgenommen, abzuthun war. Allein er mochte sich dem freundschaftlichen Wohlwollen nicht entziehen, mit dem der Herr Bürgermeister, der doch nun einmal Gefallen an ihm gefunden hatte, ihn umgab, zumal der brave Stadtvater hatte durchblicken lassen, daß die Lundenburger von ihrer Ankunft unterrichtet seien und jedenfalls für einen würdigen Empfang Sorge getragen hätten. Guten Leuten mit bescheidener Selbstsucht ihre Freude zuverderben, dazu war Schulze nicht der Mann. (Schluß folgt.) -"-SSHk-W-.. - Allerlei. Ein selb sterl ebtes Beispiel von Lynchjustiz erzählt der amerikanische Jurist Chittenden in seinen vor kurzem veröffentlichten Lebenserinnerungen. Bald nach Eröffnung der Pacisicbahn erfuhr Chittenden auf der Fahrt nach Sän Francisco, daß ein von seine» Verfolgern eingeholter Mörder sich im Zuge befände und in Evanston, dem Ort seines letzten Mordes, der Lynchjustiz übergeben werden sollte. Es war am Nachmittag, als der Zug in den Bahnhof von Evanston einlief, zwischen zwei Reihen kräftiger Männer. Sobald der Zug hielt, stiegen sechs von ihnen in den Wagen ein, in welchem sich der Mörder befand, und rissen ihn mit solcher Gewalt heraus, daß er den Sitz, an welchem er mit Ketten befestigt war, mit sich schleppte. Als er hiervon befreit war, warf man die Schlinge eines Lasso lose um seinen Hals, während das Ende eng um seine Brust und feine Arme geschlungen wurde. Inzwischen hatte ein Wachtposten von der Lokomotive Besitz ergriffen und den Reisenden wurde angekündigt, daß der Zug seine Fahrt nicht eher fortsetzen würde, als bis dem Mörder Gerechtigkeit geschehen sei. So folgten denn die Reisenden diesem und feinen „Richtern" nach einem Platz, der von einem hohe» Gehege umgeben und zum Rtchtplatz ausersehen war. In der Mitte stand ein Baum, über dessen niedrigste» Zweig zwei an einander befestigte Lassos geworfen wurden. Der Mörder mußte sich auf einen Stuhl setzen, die Schlinge schwebte über seinem Haupte. Mit den Reisenden und dem Zugpersonal wohnten im ganzen etwa dreihundert Personen diesem Volksgerichte bei. Dann trat ein Bewohner von Evanston vor und richtete an den Verbrecher, der ein Mexikaner war, in einer längeren Ansprache, in der die Reihe seiner Schandthaten aufgezählt wurde, die Frage, ob er noch irgend etwas zu sagen habe. Um der über ihm schwebenden Lassoschlinge zu entgehen, bot der Mexikaner seinen Richtern zuerst 6000, dann 10000 Pesos an und schließlich 10000 Dollars. Es war Alles umsonst. Indem Derjenige, welcher die Ansprache an ihn gehalten hatte, auf einen in weiter Ferne heran- rollenden Zug zeigte, sagte er: „Siehst Du jenen Zng? Wenn Du noch eine Botschaft zurücklassen oder an Gott 186 ein Gebet richten willst, beeile Dich. Denn wenn jener Zug zur Einfahrt in den Bahnhof pfeift, ist Dein letzter Augenblick gekommen." Es war, wie der amerikanische Jurist schreibt, eine überaus eindrucksvolle Szene. Im Hintergrund der weiten Ebene die hohen Berge und über alles ausgebreitet der friedliche Glanz der Abendsonne. Auf ein Zeichen des Führers ergriffen dann viele Hände das freie Ende des Lasso. „Leute," sagte nun jener, „man soll nicht von uns sagen können, daß wir diesem Verbrecher keine Möglichkeit ließen, ein besserer Mensch zu werden. Wir kennen seine Vergangenheit. Ueberall streckte er seine Hand nach fremdem Eigenthum aus. Niemals hat er einen Dollar verdient, niemals etwas bezahlt. Keine Indianerin war vor ihm sicher, niemand, von dem er wußte, daß er Geld besaß. Wir wissen, daß er zwanzig feige Mordthaten begangen hat. Wenn sich hier jedoch in der-Menge auch nur eine einzige Person befindet, die bezeugen kann, daß dieser Ramon jemals eine gute Handlung vollbrachte, oder die auch nur der Meinung ist, daß er in Zukunft einer solchen fähig sein könnte, so möge sie sprechen. Dem Verbrecher soll dann wenigstens eine Frist bewilligt werden." Ringsum Schweigen. „Wir haben noch eine andere Regel," fuhr der Sprecher dann fort. „Wenn von zwanzig der Anwesenden ein einziger eine Aufschiebung der Urtheilsvollstreckung befürworten sollte, so muß dieselbe aufgeschoben werden. Diejenigen, welche dafür sind, wögen die rechte Hand emporheben. Auch die Reisenden und das Zugpersonal sind dazu berechtigt." — „Aber keine Hand erhob sich," schreibt Chittenden. „Ich hielt es freilich für meine Pflicht, für das Gesetz einzutreten, aber es war mir, als ob ein Hundertpfund-Gewicht meinen Arm niederhielte. Und immer näher brauste der Zug heran. Wir hielten unseren Athem an — da ertönte der Pfiff der Lokomotive. Dann ein kurzer Kampf des Mörders, und nach wenigen Minuten war Alles vorbei." — „Freunde," sagte der Sprecher, indem er sich an die Reisenden wandte, „ihr habt gesehen, wie wir diesen Mann gerichtet haben. Wir, die wir an diesem Ort leben, müssen unser Eigenthum und unser Leben vertheidigen und bitten euch um keine Gunst. Wir lieben ein solches Geschäft nicht, aber es ist unvermeidlich. Wir bitten euch jedoch, nichts von dem, was ihr soeben erlebt habt, den Zeitungen zu melden. Sie würden uns einen Schwärm Berichterstatter auf den Hals schicken, die schlimmer sind, als Mordindianer. Einige von ihnen würden Ramon, den Pferdedieb und Mörder, zu einem Märtyrer stempeln." Das Lynchgericht hatte im ganzen eine Stunde gedauert, und erst als es beendet war, konnte der Zug der Pacific-Bahn seine Fahrt nach dem Westen fortsetzen. * Scharfrichter zu Doktoren befördert. Ein schwäbischer Chronist erzählt folgende Geschichte, die lebhaft an die Zeiten des römischen Cäsarenthums erinnert. Im Jahre 1680 ereignete es sich, daß Kaiser Ferdinand von Nürtingen aus nach Stuttgart geritten kam, gerade zur selben Zeit, als zwei Missethäter zum Tode geführt wurden. Am „Käse" sah der Kaiser Ferdinand der Hinrichtung zu, an der sogenannten Hauptstatt, nämlich vor dem Hauptstätter Thor, wo das Enthaupten anfangs zu ebener Erde vorgenommen wurde, bis man 1581 hierzu eine anderthalb Fuß hohe, kreisrunde Mauer, deren innerer Raum mit Erde ausgefüllt war, errichtete, die einem Laib „Käse" in der That nicht unähnlich war und deßhalb im Volksmund diese Benennung — auf Schwäbisch „Käs" — erhielt. In Stuttgart versahen damals vier Brüder, Markus, Jakob, Andreas und Johann Bickel das Scharfrichteramt. Die beiden ältesten Bruder Bickel, nun, Markus und Jakob, hatten bei dieser Gelegenheit ihr Amt mit solchem Austande, solcher Kunstfertigkeit und „Accurateste", auch „sonder Plagh für den armten Sünder verricht", daß der enthusiasmirte Kaiser ihnen die Doktorwürde verlieh, wodurch sie berechtigt wurden, als Aerzte zu praktiziren und allerlei äußere Leibesschäden zu heilen nach ihrem „bestlichen Wissen." Von da an schrieben sich die beiden Bickel Doktoren. Sie werden wohl die einzigen Scharfrichter unter der Sonne gewesen sein, welche je diesen Titel führen durften, obgleich, — wie der Chronist meint — die Nachrichter am ehesten dieses Ehrendiplom verdienten, weil ihre Heilkuren zum sichersten Resultat führen. Boshaft. Dichterling: „Denken Sie sich mein Entsetzen! Ich komm' gestern Abend nach Hause, und da ist mein kleiner Junge von drei Jahren gerade damit beschäftigt, meine Gedichte in kleine Stücke zu schneiden!" — Kritiker: „Nicht möglich!.... Kann denn der Kleine schon lesen!" - - — Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Quadraträthsels in Nr. 25: L 0 S 8 0 L L L S L H 8 8 8 X L , 27 . 1894 . ,Nein, Kind, weil ich weiß, daß nur ein zwingender Grund Sie dazu veranlassen konnte und daß Sie schon selber sprechen werden, wenn Sie es für nöthig halten." „Ich bin nur bis an den Rhein gekommen," fuhr Armgard leise fort, „wollte in Köln meine alte Freundin Adelheid von Roding, welche dort an einen Bankier verheirathet ist, besuchen und verlebte acht glückliche Tage in ihrem Hause, als plötzlich ein Mann mir begegnete, den ich niemals wieder zu sehen gehofft. — Bei einem Ausfluge in die Umgegend Kölns trat mir Julius Steindorf entgegen." „Großer Gott!" rief Hanna, erschreckt zusammenfahrend. „Erkannte er Sie? — War er allein?" „Ja, er erkannte mich auf der Stelle und besaß noch immer die alte studentische Unverfrorenheit früherer Jahre, indem er sich mir als Wittwer und Vater eines siebenjährigen Töchterchens vorstellte, den das Heimweh nach Deutschland zurückgeführt habe. Meine Freunde glaubten mir einen Gefallen zu erzeigen, als sie ihn einluden, sich unserer Gesellschaft anzuschließen." „Er nahm die Einladung an?" „Natürlich that er das und wich nicht von meiner Seite. Sein Löchterchen hatte er bei sich, ein bildschönes Kind, das Ebenbild der Mutter, welches bereits gut dressiert schien, da es sich wie eine Klette an mich hing. Als er von meinen Neiseplänen hörte, beredete er meine Freundin, mich zu begleiten und ihn zu unserm Reisemarschall zu ernennen. Da machte ich kurzen Prozeß, packte meinen Koffer und reiste nach Hause. That ich recht daran, Tante Hanna?" Diese blickte sie prüfend an und horchte dann erschreckt auf einige Stimmen, die sich dem Garten näherten. „Das scheint Herr Reinhardt zu sein, liebes Kind," wandte sie sich leise zu Armgard, „ich weiß, daß Sie nicht mit ihm sympathisieren —" „Mit dem rücksichtslosen Maler, — nein, Tante Hanna, — ihn möchte ich am wenigsten jetzt sehen." Sie ergriff bei diesen Worten ihren Sonnenschirm und verschwand durch die Glasthür, welche von der Veranda in'S Haus führte. Der Maler Reinhardt, ein Mann schon nahe den Sechzigern, war eine stadtbekannte Persönlichkeit, eine lange, etwas schlotterige Gestalt mit einem bedeutenden Kopfe, welchen ein Wald von grauen Haaren wild und verworren umwogte, ein berühmter Künstler, doch gefürchtet ob seiner grenzenlosen Rücksichtslosigkeit. Er gehörte Tante Hanna's Whtstklub an, verehrte die alte Jungfer sehr hoch und freute sich über ihre schlagfertigen Antworten, wie er überhaupt derbe Zurechtweisungen liebte. „Wenn ich's mir nicht gedacht!" schrie er ihr lachend entgegen, indem er einen jungen Mann trotz seines Protestes durch die Pforte schob, „da sitzt die Allerwcltstante in der göttlichen Ruhe ihres Tusculums und kneipt behaglich Natur. — Ist das nicht eine vollendete Sybarite, diese alte Jungfer von fünfundsiebenzig Jahren, die da einherschreitet mit ungebeugtem Rücken und klaren Augen wie eine zwanzigjährige Braut! Der Tausend ja, wer sich in solchen Düften und in solchem Sonnengold baden kann, soll wohl die ewige Jugend bewahren! — Was, Freund Leonhard? — Im Vertrauen gesagt," setzte er mit etwas gedämpfter Stimme und schlaublinzelnden Augen hinzu, „das Hauptrecept ihrer Jugendlichkeit besteht darin, daß meine kleine Freundin stets ihr Herz unter Verschluß gehalten und sich damit begnügt hat, für Andere den Brautkranz zu winden." Tante Hanna's freundliches Gesicht hatte sich bei den unzarten Neckereien des Malers um keinen Schatten verändert. Sie war den Herren entgegengegangen und zuckte nur lächelnd die Schultern, den verlegenen Gruß des hübschen jungen Mannes, der seiner Kleidung nach offenbar ein Landwirth war, artig erwidernd. (Fortsetzung solgt.) - Kief. Von Don Josaphet. ^ ^Nachdruck verboten^ Bei jedem Volke findet man je nach Anlage und Neigung gewisse Wörter, die so verbreitet sind und denen der Volksgebrauch eine solche mannigfaltige Bedeutung und Vielseitigkeit des Begriffs beigelegt hat, daß man gewissermaßen daraus einen Schluß auf den Charakter der Nation ziehen kann. Das „Araiiäiosö" des Spaniers beansprucht denselben ausschließlichen Platz, den der napoli- tanische Lazzaroni dem „lar nisnta" einräumt. In Frankreich kehren die Ausdrücke „Ehre, Vergnügen, Mode, Geist, guter Geschmack" in jedem Gespräch wieder, — das französische Volk ist eben leichtlebig, huldigt dem Tagesgeschmack und der Mode, hat aber unbestreitbar „ösprit" und eine gewisse persönliche Tapferkeit. In Italien, wo die Kunst alles durchdrungen hat, hören wir die Schlagwörte'r „Erhabenheit, Empfindung, Formenschönheit" ; das magische Wort des handeltreibenden und praktischen Engländers ist „ooralortastls" und „nützlich". Nützlich — das ist die Quintessenz jeder politischen Beredsamkeit, nützlich — das Endresultat ihrer Philosophie seit Jeremias Bentham's Zeit (ff 1832, Begründer des 199 Militarismus), nützlich — das letzte Wort und die Moral ihrer Regierung. Was nun die Anhänger des Islams anbetrifft, so begeisterte sie in ihren Kämpfen zur kühnsten Todesverachtung? Es war die Aussicht auf das sehr materielle Paradies, das der Prophet ihnen in den glühendsten !-- ; i-- ! MB iDWWW DSU Äü ! LL'^i Musik im Kloster. ist seit den Tagen ihrer Herrschaft bis zu den jetzigen. Farben geschildert hatte. Und um schon hier auf der Zeiten des Verfalls der Materialismus oder besser der Erde einen Vorgeschmack dieses sehr wenig idealen Auf- Sensualismus ihre herrschende Leidenschaft gewesen. Mas ! enthalts 'zu 'genießen, bevölkerten sie die Harems mit 200 reizenden Odalisken und schleppten die armen Besiegten in die traurigste Sclaverei, verdammten sie zum mühseligsten Leben, während sie selbst in üppigster Ruhe die Früchte dieser Blühen und Qualen genossen. Aus dieser übertriebenen Werthschätzung der irdischen Glückseligkeit erklärt sich leicht der Umstand, daß bei den Anhängern des Propheten mit dem Wort „Natur" derselbe erhabene Begriff verbunden ist, wie mit dem Worte „Geist" bei den christlichen Völkern und besonders der deutschen Nation, der „Nation der Denker", welche weniger der irdischen, als der Sonne der Intelligenz huldigt. Wie die Perser und Araber, so sind auch die Türken Sensualistcn, aber rhr Sensualismus ist ruhig, indolent, träge. Der Araber reitet zehn Meilen weit, wenn ein Vergnügen ihn lockt; der Türke, ein ebenso großer Verehrer der Freude, wird nie dem Vergnügen nachjagen, er läßt es an sich herankommen, er verlangt, daß es ihn aufsucht. Wenn diese Forderung ihn auch theuer zu stehen kommt, so fühlt er sich reichlich dadurch belohnt, daß er seine Trägheit und seinen Stolz, den er für Würde hält, befriedigt hat. Man wird nie finden, daß ein Türke tanzt, singt oder ein Instrument spielt, er würde sich in seinen eigenen Augen dadurch herabwürdigen; aber seine Leidenschaft ist es, Andere tanzen und singen zu sehen: nach seiner Meinung ermüdet das nicht und bietet denselben Reiz. — Nur im Kriege scheut der Türke keine Anstrengung, keine Ermüdung; bei dem Worte „Kampf" schießen die sonst halb geschlossenen Augen feurige Blitze, der Zorn treibt das Blut rascher durch die Adern, sein Ungestüm erinnert an den edlen Wüstenkönig. Da indessen die Kunst des Mordens an sich eine Arbeit ist und das Kriegshandwerk sich immer mehr ausbildet und vervollkommnet, so wird er trotz seiner Wuth einem geschickt manövrirenden Feinde nicht lange Widerstand leisten. Hat Allah ihm das Leben erhalten, so fällt er in sein altes Phlegma zurück und vergißt die erlittene Enttäuschung bei den Freuden des Harems; griechische Tänzer, walachische Musikanten, böhmische Sänger, arabische Märchenerzähler, jüdische Taschenspieler und kosmopolitische Magier bieten Alles auf, die finstere Miene des Gebieters zu erheitern, seinen Lippen ein Lächeln zu entlocken. Es gibt in der türkischen Sprache einen Ausdruck, der diese Passivität, diesen indolenten, zur Betrachtung neigenden Charakter vortrefflich wiedergibt, auf das genaueste bezeichnet, es ist das Wort Kisf. Es ist unmöglich, dasselbe zu übersetzen, da sein Sinn ebenso unbestimmbar ist, wie der Geist, den es bezeichnet. Seine Bedeutung ist aber gleichsam unerschöpflich, denn dieses eine Wort entspricht Allem, was wir durch die Wörter „Gesundheit, Vergnügen, Ruhe, Glück, Erholung, Gemüthlichkeit, Phlegma, Zerstreuung, Laune" auszudrücken pflegen. Die Türken sagen: „Wie steht's mit dem Kisf?" wie wir fragen: „Wie steht's mit der Gesundheit?" — „Bist Du im Kisf?" hat denselben Sinn, wie bei uns die Frage: „Bist Du guter Laune?" — Kisf ist die Seele der türkischen Sprache I Besuchst Du einen vornehmen Türken zur Zeit der Siesta, so geben die Diener mit vielsagender Miene die Auskunft, daß Du warten mußt, denn der Effcndi hält sein Kisf. Dieselbe Antwort wird Dir zu Theil, wenn der Herr, mit dem Du geschäftlich sprechen willst, im Harem mit seinen Kindern spielt oder sich in seinem Kiosk damit unterhält, durch ein Fernrohr die Schiffe zu beobachten, welche den Bosporus passiven. Und hättest Du ihm auch die wichtigste Sache mitzutheilen, es wäre unmöglich den Effendi zu stören, denn „er hält sein Kies!" Nur eins ist im Stande, das Kisf des Türken zu unterbrechen, und das ist die Stimme des Muezzin, der vom Minaret die Stunde des Gebetes ausruft. Mit stillem Behagen das Nargileh rauchen, eine Landpartie machen, ein Diner im Grünen improvisiren, ^aoui-t (saure Milch) essen, eine schöne Aussicht betrachten, das azurne Blau des Himmels und das unendliche Meer bewundern, nachdenklich mit den Händen auf dem Rücken spazieren gehen, gnädig zu den Worten lächeln, die den Lippen eines Erzählers entschlüpfen, auf dem Lager ruhend den graziösen Bewegungen einer Tänzerin mit den Augen folgen, sich im Kalk von den Wogen schaukeln lassen — Alles das nennt man in der Türkei „Kisf". Der Sultan huldigt dem Kisf in seinem zauberischen Palaste an den unvergleichlichen Ufern des Bosporus, und das geheimnißvolle Schweigen, das rings in der Nähe des kaiserlichen Kiosk herrscht, kündigt den Vorübergehenden an, daß der Sultan sich von seinen Regierungssorgen erholt. Als gute und getreue Unterthanen ver- i neigen sie sich und flehen Allah an, das Kisf ihres j Gebieters zu schützen, damit er nicht auf die Idee komme, das ihrige zu stören. Wie in Paris das Vergnügen jeden Gedanken beherrscht, so in Constantinopel das Kisf; aber die Freuden der Türken sind ebenso passiv, indolent, gemessen, wie die der Franzosen geräuschvoll, thätig und ermüdend. Während die Letzter» den Philosophenspruch „idls ,Er trumpfte den unzarten Maler mit seinem Heirathsprojekt wenigstens recht derb ab," bemerkte Armgard. „Ihr Igel scheint sich auf seine Rücksichtslosigkeiten etwas einzubilden, Tante Hanna; es ist eine billige Kunst, sich auf Anderer Kosten gehen und seinem Spotte die Zügel schießen zu lassen." „O, er verträgt auch eine derbe Abfertigung und ist im innersten Herzen aufrichtig gut," vertheidigte Hanna den alten Freund. „Glauben Sie mir, daß Herr Marbach keinen besseren Freund und Rathgeber sich erwählen konnte. — Und nun, mein theures Kind, hoffe ich, daß Sie keine übereilte Handlung, welche Sie mit dem Preis Ihres ganzen Lebensglücks bezahlen müßten, begehen werden, sondern lieber unvermählt bleiben, als sich, einer kostbaren Waare gleich, zur Spekulation der Habsucht und Berechnung herabwürdigen lassen. Hier müssen Vernunft und weiblicher Stolz in ihre Rechte treten, um das rebellische Herz sowohl als die beleidigte Eitelkeit zum Schweigen zu bringen und zu besiegen." Hanna schwieg, während das junge Mädchen ihr die Hand drückte und in den braunen Augen desselben eine fast demüthige Zärtlichkeit glänzte. Nach der Kirche hatte Armgard Holten mit Tante Hanna gespeist und sie dann trotz aller Einreden mit nach ihrem Gute Edenheim, das zwei Stunden von dem Städtchen entfernt war, entführt, um Pfingsten bei ihr zu verleben. „Wie kann ich mein kleines Heim verlassen?" hatte Hanna geklagt, „Life ist fort, meine Rosen werden verwelken, Mignon wird umkommen —" „Ihr kleines Heim steht unter dem Schutze der ganzen Stadt," hatte Armgard entschieden, „es werden sich hundert Wächter für das Haus, zweihundert Hände zum Beziehen der Rosen finden, und was Mignon anbetrifft, so nehmen wir sie einfach mit." Nach dieser Entscheidung hatte Tante Hanna die Waffen strecken müssen, und fröhlich lachend kutschierten sie bald nach Mittag aus dem Städtchen in das wonnigste Pfingstwetter hinaus. Kerzengerade saß die Greisin neben ihrer jungen Freundin, welche nachlässig im Fond der eleganten Equipage lehnte und nicht müde wurde, von dem langen Schweif ihrer Verehrer zu plaudern, welchen sie nach der Kirche gezogen hatte. „Sie müssen die große Auswahl zugestehen, Tante Hanna!" bemerkte sie ganz ernsthaft, „die Herren wurden urplötzlich fromm, maßen sich aber doch zuweilen mit Blicken des Hasses und der Eifersucht." „Herr Julius Steindorf wird sich ärgern, diese günstige Gelegenheit versäumt zu haben," versetzte Hanna ruhig. „Ja, er hätte jedenfalls sein Töchterlein mir aufgebürdet," erwiderte Armgard nachdenklich, „hm, Tante, Sie können ruhig sein, zur Stiefmutter eines solchen Kindes tauge ich nicht, schon dieser Gedanke ist hinreichend, mich gegen jegliche Gefahr zu wappnen." Hanna blickte sie forschend an und freute sich im Stillen, die alte Armgard wieder zu finden. Sie wünschte ihr alles Glück der Erde, und deshalb jenen Steindorf in's Pfefferland oder nach Amerika zurück. Heiter angeregt kamen sie nach Edenheim, das in der That ein prächtiges Besitzthum war, wohl geeignet, Liebhaber in Schaaren herbeizuziehen. Die Herrin dieses stolzen Ritterguts wurde von ihren Leuten und allen Gutsangehörigen angebetet, obwohl sie Milde mit Strenge zu paaren und das Ganze am Schnürchen zu leiten verstand. Sie war heute so munter und gut gelaunt, daß es Allen auffiel und auch die Tante ein wenig stutzig machte. Sollte diese Fröhlichkeit nur eine Maske sein, um ihr Sand in die Augen zu streuen? Konnte die stolze, energische Armgard, deren scharfer Verstand und praktische Umsicht ihr die Anerkennung und Hochachtung der einsichtsvollsten Landwirthe erworben, im Punkte des Herzens so schwach sein, um einem unwürdigen Glücksritter zum Opfer zu fallen? Sollte der Ausspruch: „Schwachheit, dein Name ist Weib!" sich bei ihr, dieser männlich starken Seele, so verhängnißvoll erfüllen? Hanna seufzte leise und beschloß, sie aufmerksam zu beobachten, da ihr der Gedanke wie ein Alp auf die Seele gefallen war. „Nun gebe der Himmel seinen Segen, daß wir wenigstens heute allein bleiben," sagte Armgard, die Tante nach der Nosenlaube führend, wo die Haushälterin, Mamsell Evers, den Kaffee servierte. (Fortsetzung folgt.) 216 Wir bitten allerunterthänigst. Eure Majestät! Historische Anekdote. Es war im Jänner des Jahres 1833 an einem der Donnerstage, an denen Kaiser Franz der Erste vom frühen Morgen an öffentliche Audienz ertheilte. Fast dreihundert Menschen hatten sich eingefunden, die in Abtheilungen in den Audienzsaal eingelassen wurden. Die vorletzte Abtheilung war eben eingetreten, die letzte, aus dreißig Personen bestehend, wartete noch im Vorzimmer, in dem ein Trabant und der Thürhüter Wache hielten. Die Aengstlichen unter den Anwesenden blickten unverwandt nach der hohen Saalthür und bangten vor dem Augenblick, in dem sie sich auch vor ihnen aufthun würde. Sie hielten ihre Bittschriften krampfhaft fest und wagten kaum zu athmen. Andere waren ganz unbefangen, fühlten sich wohl und glücklich im Hause ihres Kaisers und freudig bewegt durch den Gedanken an seine Nähe. Sie verehrten, sie liebten ihn; den gütigen und gerechten Monarchen zu fürchten hatten sie keine Ursache. Wieder Andere, zuversichtlich und keck, gaben sich das Ansehen von Leuten, denen Nichts imponirt und die so gut wie daheim sind im Audienzsaale. Vielmals schon abschlägig beschieden, kamen sie immer wieder und brachten ihr Gesuch in neuer Fassung vor. Da war eine Mutter mit zwei Töchtern, da war ein ehemaliger Hoflakai, da waren einige „Bürgerwaisen", lauter Menschen, die nur sparsam hauszuhalten brauchten, um sorgenlos leben, nur zu arbeiten brauchten, um behaglich leben zu können. In einer Gruppe standen einige Beamte und Angehörige des Lehrkörpers beisammen. Graue oder kahle Herren mit verwitterten, kummervollen Gesichtern, in „wie neu" geputzten oder wirklich neuen Cravatten und Handschuhen, zu der feierlichen Gelegenheit Gott weiß mit wie schweren Opfern angeschafft. Ihre sorgfältig gebürsteten Fräcke waren fadenscheinig, altmodisch — wahre Legenden! Sie erzählten von längst verrauschten Jugendtagen, von glänzenden Doctor-Promotionen, bei denen unter ihrer linken Brusttasche ein hoffnungstrunkenes Männerherz geklopft hatte. Sie erzählten von einem Myrten- sträußlein, mit dem sie einst geschmückt, von Weihrauchwolken, von denen sie am Traualtäre umflogen und um- duftet worden waren. Auch zu Friedhöfen waren manche von ihnen hingetragen, waren angepreßt worden an arme, einfache Särge, in denen sie lag, die Jahrzehnte ihrer gepflegt hatte wie des Familienkleinods, kein Fleckchen, kein Makel- chen an ihnen geduldet. Eine andere Gruppe wurde von drei Personen gebildet, einem alten Militär in der grauen Pensionsuniform mit dem Campagnekreuze und dem russischen Wladimir- Orden auf der Brust, einer blaffen Frau in ärmlicher Kleidung und einem schönen sechsjährigen Knäblein. Mit glänzenden Augen blickte es zu dem Alten empor, hob sich auf die Spitzen der Füßchen, zupfte ihn am Aermel und ermüdete nicht, ihm seine Bewunderung auszudrücken: „Du bist aber heute schön, Großvater! Weil wir beim Kaiser sind, nicht wahr? Wenn der Kaiser Deine Orden sieht, der wird schauen!" Der Greis verbiß die Schmerzen, die seine gichtischen Beine ihm bei der geringsten Bewegung verursachten, beugte sich auf den Stock gestützt nieder und ermähnte das Kind zur Ruhe. Die junge Frau schien von Allem, was um sie her vorging, Nichts zu hören, noch zu sehen. Sie stand mit herabhängenden Armen und verschränkten Fingern regungslos, schmerz- und traumverloren, so recht wie Eine, die all' ihr Glück und allen Lebensmuth begraben hat. Ein paar alte Damen, das siebzigjährige Fräulein Thekla von Sorgenhausen und ihre um zehn Jahre jüngere Nichte Erwine, standen neben ihr und blickten oft wohlwollend auf sie und das Kind. Aber nur flüchtig, denn sie waren jetzt zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um Anderen dauerndes Interesse schenken zu können, sie bebten und bangten in eigener Angelegenheit. Beide waren sehr klein und hatten kleine, zarte Bewegungen und die feinsten Manieren, die man sich denken kann. Sie sahen so recht nach Persönchen aus, die nicht gewöhnt sind, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Keiner von ihnen gelang es, die Aufregung, in der sie sich befanden, zu verbergen, aber das Höhere von Aengstlich- keit leistete doch die Nichte. Ihre Zähne klapperten, sie zitterte zum Erbarmen und lehnte sich an die Tante, wie ein frierendes Vögelchen. Ihr chronisch geschwollenes Gesicht, ihre Nase überzog sich allmählich mit kreidiger Blässe, während die eingefallenen Wangen der wüthigen Tante immer dunkler flammten und glühten. „Die erste Audienz in unserem ganzen Leben, Tante," — „Die erste Audienz, Erwine," flüsterten die Damen und waren ganz erschrocken über die Kühnheit, mit der sie es gewagt hatten, ihre Stimmen hier an dieser Stelle, wenn auch noch so leise, zu erheben, um einander diese Mittheilung zu machen. Von nun an wurden sie auch wieder stumm, die alten Fräulein. Um ihnen anzusehen, daß sie das waren, brauchte man nicht eben ein großer Menschenkenner sein. Es sprach sich in ihrem ganzen Wesen und Gehaben aus. In dieser Weise unbeholfen und schüchtern ist nicht bald eine Frau. Und welche Unschuld blickte Einen aus den alten Gesichtern an! Unschuld, ja, macht Euch nur lustig. Die reinste Kinderunschuld kann hervorgucken aus den tiefen Falten eines Greisenangesichts, aus halb blind gewordenen Greisenaugen. Die Damen waren in Seide gekleidet, die Aeltere von ihnen in Schwarz, die Jüngere in ein hellfarbiges Soiräekleid, ein Garderobestück aus dem Nachlaß der seligen Mutter, die bessere Tage gekannt hatte, als ihre Tochter. Wer gesagt hätte, diese Kleider sind von Anno Eins, der wäre ein unverschämter Complimentenschneider gewesen. Nun ging eine Bewegung durch die ganze Gesellschaft. Die beiden Thüren des Audienzsaales waren zugleich geöffnet worden, die Entlassenen verließen, die Wartenden betraten ihn. Er war von mittlerer Größe, mit einem rothsammtenen Baldachin versehen. Französische Gobelins von größter Schönheit schmückten seine Wände. Der dienstthuende Kämmerer ordnete die Bittsteller in zwei Halbkreise. Die Damen v. Sorgenhausen, die in ihrer Bescheidenheit Jedem, der ihn haben wollte, den Vortritt gelassen hatten, kamen zu allerletzt zu stehen, und es war ihnen recht, ach — lieb sogar. So war ihnen Zeit gegönnt, sich zu fassen und bis zu einem gewissen Grade an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie sich in einem und demselben Raume mit Sr. Majestät ihrem Kaiser befanden. Er stand mit dem Rücken gegen eines der Fenster, von denen die Sage ging, sie seien so genau in die Nahmen gefaßt und von so eigenthümlicher Dichtigkeit, daß man in der Burg kein Wagen- 217 gerassel vernahm. Seine Haare schimmerten wie Schnee. Seine Gestalt war in den letzten Jahren immer hagerer, sein Gesicht immer schmäler geworden, aber die Augen hatten sich nicht verändert und ihren freundlichen und tiefen Blick, ihren milden Glanz und ihre sanfte blaue Farbe erhalten. Er trug die Uniform seines Tiroler- Jäger-Negiments, den grauen Frack mit grünen Aufschlägen, die engen Beinkleider und hohe Stiefel. Ein stattliches Ehepaar aus Graz, offen und ehrlich dreinschauende Leute, ein Müllermeister mit seiner Müllermeisterin, waren die Ersten, die er ansprach. Sie kamen um zu danken, sie hatten einen Prozeß gegen das Aerar gewonnen und schrieben diesen glücklichen Ausgang einzig und allein einem Machtspruch Seiner Majestät zu. „Da haben S' Unrecht," sagte der Kaiser. „G'wonnen hätten S' auf alle Fäll', nur langsamer gegangen wär's ohne meiner." „Geruhen Eure Majestät, mein unterthänigstes Gesuch nicht aus Allerhöchst Ihren Händen zu geben. Geruhen Eure Majestät, es bei sich zu behalten." Der Kaiser willfahrte diesem Wunsch und wurde nun von jedem der nachfolgenden Bittsteller angefleht: „Behalten Eure Majestät mein Bittgesuch bei sich, geben es nicht aus den Händen." lind der Kaiser erfüllte die Bitten Aller und muthete den Schößen seines Fracks eine Aufnahmsfähigkeit zu, die bis zu den äußersten Grenzen des Möglichen ging. (Schluß folgt.) --— Goldköruer. Unsere Ehre steigt, sowie unser Hochmuth sinkt; wo die Prahlerei aufhört, da fängt die wahre Würde an. Edward Aoung. . 1 ALM UUMW UM Ursderg. Westseite. Original-Ausnahme von Gustav Bader, Photograph in Krumbaih. sVervielsiiltigungsrcchtTvorbehalten.s Noch Einige hatten zu danken, dann Einer zu bitten: ein Küster, eine sonderbar verkrümmte Gestalt in weißer Weste und weißer Cravatte. Er war im Begriff, eine Liebesheirath zu schließen, und bat um eine Zulage für seine „eine Hofcharge bekleidende" Braut. „Was ist sie denn?" fragte der Kaiser etwas erstaunt. „Hofwäscherin, Majestät, in der Hofküche angestellt. Eine von den Personen, die mit Reinhaltung des Fußbodens der kaiserlich-königlichen Hofküche betraut sind. Eine Pragerin, eine schöne Person, Eure Majestät!" „Aha, und da haben S' schon den Bräutigamsstaat ang'legt. Meinetwegen hätten Sie nicht gebraucht solche Umständ' zu machen," versetzte der Kaiser, nahm die Bittschrift, die der kleine Bucklige ihm mit einer an- muthig gerundeten Armbewegung darbot, und wollte sie dem Kammerherrn reichen. Aber das Männlein rief: n r s b e r g. (Mit Bild.)' Blickt man von der Höhe von Thannhausen ins liebliche Mindelthal, so fällt das Auge auf einen mächtigen Thurm, der am Fuße des jenseitigen Bergrückens sich erhebt, an welchem sich die Straße nach Krumbach empor- windet. Der Thurm ragt aus einem stattlichen Bauwerke empor. Es ist Ursberg, das alte Prämonstratenser- oder Norbertiner-Reichskloster. Thurm und Bau sind die ehrwürdigen Ueberreste einer 700jährigen Geschichte. Könnten diese Steine reden — sie wüßten vieles zu erzählen von der Herrlichkeit des alten Neichsstiftes. Da sie es aber nicht können, so wollen wir es thun und den Lesern das Wichtigste aus der Geschichte Ursbergs mittheilen. Vor 800 Jahren herrschten über die waldbedeckte Gegend die mächtigen Grafen von Schwabeck. Werinher 218 von Schwabeck hatte auf dem Schloßberge (heute Michelsberg) von Ursberg eine Burg und nannte sich hiernach im Jahre 1042 auch in einer Urkunde „Werinher von Ursberg". Wenige Ansiedelungen unterbrachen damals die dichten Wälder, in welchen noch der Ur oder Auerochse hauste, welchem Ursberg offenbar seinen Namen verdankt. Mitten im Gebiet der Schwabecker war aber in Mitte des 11. Jahrhunderts ein anderes Edelgeschlecht emporgekommen, dessen Burg auf dem Berge sich erhob, auf dem heute das Dörfchen Burk liegt — die Grafen von Balzhausen. Schon zu Lebzeiten Werinhers von Schwabeck, der die Burg in Ursberg besaß, blühten die Grafen Conrad und Schwigger von Balzhausen. Und da Schwigger von Balzhausen Bertha, die einzige Tockiter des Grafen Adelgoz von Schwabeck, des Bruders des kinderlosen Werinher, im Jahre 1058 heirathete, so erbte er durch diese Heirath die ganze ^Grafschaft Schwabeck mit Ursberg seiner Reise nach Rom in diesem Jahre selbst nach Ursberg, nahm am 11. November in Gegenwart Werinhers und seiner jungfräulichen Schwestern Schwinhild und Gisela feierlich Besitz von Ursberg. Als ersten Propst seiner geistlichen Söhne, die in die neuen Klostermauern eingezogen waren, setzte er Ulrich ein. Unter seiner tüchtigen Leitung erfreute sich das neue Norbertiner-Kloster bald eines so guten Rufes, daß die Gründer des Klosters Noggenburg, die Grafen Conrad, Berchtold und Siegfried von Marstetten, im Jahre 1126 Ursberger Mönche für ihre Stiftung verlangten und Bischof Otto von Freising die neugegründetcn Klöster Neustift und Schäftlarn gleichfalls den Mönchen von Ursberg übergab. Ermuntert durch dieses rasche Aufblühen des Klosters Ursberg, stifteten Werinher's Schwestern Schwinhild auf dem Burgberge von Balzhausen (zu Burk) ein Frauenkloster nach der Regelndes hl. Norbert und Gisela ein Frauenkloster Der zerstörte Liebesbrief. Nach einem Gemälde von M. Stocks. MWZL M'.1 MM und nannte sich nach dem Tode seines kinderlosen Bruders Conrad fortan Graf von Schwabeck und Balzhausen. Schwiggers Sohn Adelgoz hatte drei gottesfürchtige Kinder, Werinher, Schwinhild und Gisela. Sie lebten auf ihrer Hauptburg auf dem hohen Berge von Burk bei Balzhausen am Anfang des 12. Jahrhunderts — in jener großen Zeit, in welcher die Begeisterung für die Kreuzzüge im deutschen Adel einen hochherzigen Sinn und Eifer für christliche Cultur entflammt hatte, der sich am liebsten in der Stiftung von Klöstern bethätigte. Von diesem hochherzigen Geiste, diesem frommen Opfersinn waren auch die drei edlen Geschwister auf der Grafenburg von Balzhausen beseelt. Graf Werinher errichtete im Jahre 1119 am Fuße des Schloßberges zu Ursberg ein Kloster, das er dem neugestifteten Orden des damals lebenden hl. Norbert im Jahre 1125 übergab und den hl. Aposteln Petrus und Johannes weihte. Der hl. Norbert kam auf zu Edelstetten nach der Regel des heiligen Augustinus. Bischof Hermann von Augsburg bestätigte das Nor- bertiner- (auch Prämonstratenser-Moster Ursberg im Jahre 1130 und zeichnete es mit vielen Privilegien aus. Viele reiche Adelige der Umgebung vermachten dem Kloster der frommen Mönche ansehnliche Güter und stifteten in ihrer Kirche Jahrtage, so daß die Bestätigungs-Bulle des Papstes Jnnocenz III. vom Jahre 1209 bereits eine stattliche Reihe von Gütern im Mindel-, Günz- und Kammel- Thale dem Kloster Verbriefen konnte. Werinher, der Stifter, freute sich des Aufblühens und hohen Ansehens seines Klosters nicht lange. Er starb im Jahre 1135 eines seligen Todes und wurde in der Stiftskirche zu Ursberg begraben. Nach seinem Tode begannen allerlei Drangsale das neue Kloster heimzusuchen. Im Jahre 1142 brannte es vollständig ab. Als mit dem Tode des letzten Grafen von Schwabeck und Balzhausen, des Schirmvogtes Adelgoz, im Jahre 1162 dieses mächtige Geschlecht erlosch, verlor Ursberg seine beste Slützc. Die sich jetzt seine Schützer nannten — sie waren oft seine ärgsten Bedränger. Nach dem Aussterben jener Grafen zogen die Kaiser die Grafschaft Schwabcck und Balzhausen an sich und gaben dem Kloster Urs- bcrg oft gewalt- thäüge Ritter als Schutz- und Schirwvögte, welche das Kloster hart bedrängten und brandschatzten. Der schlimmste dieser Vögle war Ritter Berchtold von Riffen, dem KaiserPhilippdie „Klostervogtei" von Ursberg um 200 Mark verpfändet hatte. Dieser wilde Degen waltete feiner Schutz- Vogtei schlecht. Er behandelte das Kloster und seine Güter wie sein Eigenthum und übte eine so unertrüglicheTy- rannei, daß die Mönche nur mit Hilfe desPapstcs seiner los wurden. Sie kauften sich den seltsamen „Schutzvogt" mit schwerem Geld vom Hals. — Im Jahre 1224, zwei Jahr chevor der berühmte «Conrad von -Lichtenau, der die Ursbcrger Chronik schrieb, Prior wurde, brannte das Kloster zum zwei- 220 tenmal ab. Tüchtige Vorstände brachten es bald wieder empor, bis es ein Verschwender, der Prior Ulrich Sekler, in der Mitte des 15. Jahrhunderts an den Rand des Abgrundes brachte. Kein schwäbisches Reichskloster ist im Laufe der Jahrhunderte von so vielen Drangsalen heimgesucht worden, wie Ursberg. Hatte es sich von einem Schlage erholt, so warf es ein anderes Unglück wieder darnieder. Seine Glanzperiode feierte das Reichsstift unter dem tüchtigen Abt Wilhelm Sartor aus Thannhausen, welcher von 1407 bis 1447 regierte. Er stand bei Papst und Kaiser in hohem Ansehen. — Auf dem Concil zu Constanz erhielt er vom Papst Martin die Pontification, d. h. das Recht, Jnful und Stab zu tragen. Den Kaiser Sigismund begleitete er einmal nach Italien, ein andermal nach Böhmen zum Krieg gegen die Hussiten, gegen welche er sehr häufig gepredigt haben soll. Die lange Abwesenheit des Abtes gefiel den Klosterherren nicht. Sie wählten im Jahre 1436, wahrscheinlich gegen den Willen des Abtes Wilhelm, den Balthasar von Seebach zu ihrem Abt. Ursberg hatte also von 1436—1447 zwei Aebte, den fast immer abwesenden Wilhelm und den Eindringling Balthasar. Als Wilhelm 1447 starb, wurde Balthasar ein rechtmäßiger Abt, starb aber schon nach zwei Jahren, 1449. Ihm folgte Abt Jodoc Seitz aus dem Kloster Roggenburg. Die Wahl eines Auswärtigen verdroß einige Conventherren. Ulrich Sekler, ein hochmüthiger Mann, der selbst nach der Abtwürde strebte, verhetzte sie soweit, daß sie den tüchtigen Abt Jodoc für abgesetzt erklärten. Als sich die Mehrheit nicht um diese „Absetzung" kümmerte, rächte sich Ulrich Sekler dadurch, daß er es 1458 dahin brachte, daß Kaiser Friedrich die Schutzvogtei über Ursberg von der Stadt Ulm auf den Ritter Bero von Rechberg, einen verschwenderischen und gewaltthätigen Mann, um 5000 fl. übertrug. Sekler machte nun dem guten Abte Jodoc das Leben so sauer, daß er freiwillig abdankte und nach Augsburg ging, wo er 1461 Weihbischof wurde. Nun riß Ulrich Sekler mit Hilfe des neuen Schutzvogtes Bero von Rechberg die Abtwürde an sich, die er 10 Jahre lang, 1459—1469, entwürdigte. Was seine trefflichen Vorgänger erworben und geschaffen, verschleuderte dieser leichtsinnige Verschwender. Um seiner Bauwuth, Prachtliebe und Genußlust zu fröhnen, verkaufte er eine Menge Güter um wahre Spottpreise und brachte so das Stift an den Rand des Verderbens. Der Schutzvogt Bero von Rechberg kam häufig von seinem Schloß Neuburg a. d. K. mit zahlreichem Anhang ins Kloster herüber und zechte mehrere Tage, so lang, bis das ganze Kloster ausgefressen war. Endlich erhörte man die Klagen und Bitten der 10 Jahre lang tyrannisirten Klosterherren. Abt Sekler wurde 1469 abgesetzt und ihm die Pfarrei Langenhaslach angewiesen, wo er 1472 plötzlich starb. (Schluß folgt.) -»—i—V-I—»- Zu unseren Bildern Der zerstörte Ktebeslirief. Was die Katzen nicht mitunter Unheil anstiften können! Das gnädige Fräulein hat heute in einem zärtlichen Liebes- briefchen ihren Gefühlen Ausdruck verliehen. Im schönen Monat Mai, wo alle Knospen springen, da ist auch in ihrem Herzen die Liebe aufgegangen! Schwarz auf Weiß soll es der Geliebte ersehen, daß sie „Sein Auf ewig" ist. Dort auf dem Tische liegt die erst frischgeschriebene Urkunde über die Gefühle eines liebenden Mädchenherzes. Da kommen die beiden Kätzlein, scherzen und balgen sich herum, daß es eine Lust ist. Was scheren sich die Losen auch um so ein Tintenfaß. Klapp's isl's geschehen, das Tintenfaß umgeworfen und die Bescheerung ist da! In schwarzen Büchlein gießt sich die Tinte über das Liebesbriefchen I Das mag nun eine schöne Geschichte werden, ihr bösen Mizzi, wann Fräulein Tini hinter euren losen Streich kömmt! Zum Zahnarzt. Der Steffelbauer hat Zahnweh'. Lange schon wurde er von den fürchterlichsten Schmerzen geplagt! doch Alle Mittel, die ihm sein Nachbar, der Schmid, der in diesen Dingen etwas bewandert ist, angerathen, haben nichts geholfen. Selbst die alte Hühnerliesel, die schon vielen Leuten den Zahnschmerz durch „Sympathie" vertrieben, konnte beim Steffelbauer nichts ausrichten. Das vermaledeite Zahnweh wurde im Gegentheil immer ärger, so, daß es der Steffelbauer schließlich nicht mehr aushalten konnte. So entschloß er sich denn zum äußersten Mittel, einen Gang zum Zahnarzt zu machen, um des Plagegeistes ein für alle Mal ledig zu werden. Dr. Meyer versteht sich auf sein Fack wie Keiner, und so ist also zu hoffen, daß auch der Steffelbauer, der soeben im Begriffe ist, feine Ankunft durch einen kräftigen Zug an der Glocke zur Wohnung des Arztes anzumelden, von dem leidigen Uebel des Zahnschmerzes befreit wird. — Allerlei. Eine Familie von Geizhälsen. Der Urgroßvater Koloman Rüst ola hatte sich durch den Handel mit Sardinen und Südfrüchten ein hübsches Vermögen erworben, das immer mehr anwuchs, weil sich der Mann kaum das Nöthigste für seinen Lebensunterhalt gönnte und bis an sein Ende in einer dunklen Kammer in der Westbahnstraße logirte. Der Großvater Robert Rustola setzte den Handel mit nicht so lucrativem Resultate fort, vermehrte jedoch das Vermögen beträchtlich durch seinen Geiz, denn er ging in Lumpen daher und soll sich nicht gescheut haben, milde Gaben anzunehmen. Der Vater Anton Rustola besaß in Wien drei Häuser, domicilirte in Graz, wo er mit monatlichen 75 fl. sein Auslangen für sich, seine Frau und seinen Sohn Franz fand, dem er nahezu 200,000 fl. hinterließ. Ueber die Lebensweise des Sohnes, sobald er zu Vermögen gelangte, ist Nichts bekannt geworden. In Folge schlechter Ernährung in seinen Kinderjahren war Franz Rustola von schwächlicher Constitution und starb schon im 28. Lebensjahre. Das Vermögen ging an einen Verwandten, einen Peter Rustola, über, welcher übrigens der geizigen ! Familie alle Ehre machte. Er starb vor einigen Wochen I in Görz in der Wohnung eines Schuhmachers, der seinen Aftermiether in recht dürftigen Verhältnissen wähnte und ihm eine Dachkammer billigst überlassen hatte. Nun ist diese Familie der Geizhälse ausgestorben, und es werden Erben für das ungefähr auf 300,000 fl. angewachsene Vermögen gesucht. Nitder-Käthser. ^L30. Areitag, den 13. April 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS „Ach, Monsieur, die Hilfe, um welche ich bitten möchte, steht ganz in Eurer Gnaden Macht." — „Da sind Wir doch begierig, diese Bitte zu vernehmen", sagte lachend Daquin. — „Ich möchte Monsieur bitten, zu erwirken, daß ich Sr. Majestät unserem großen Könige zur Ader lassen darf." — Erschreckend prallte Daquin zurück und stotterte: „Herr, sind Sie verrückt?! Oder — oder sind Sie gar das unglückliche Werkzeug einer meuchlerischen Verschwörung?" — Erbleichend vor Schrecken rief Tartö: „Um Gotteswillen! was denken Euer Gnaden?! Ich bin die unschuldigste Kreatur von der Welt! Ich bin, das darf ich wohl ohne Selbstüberhebung sagen, der geschickteste Aderlasser von Paris. Wenn ich nun Sr. Majestät zur Ader lassen dürfte, dann, Monsieur — dann wäre mir geholfen." „Ich verstehe l Der Plan ist tief und hoch angelegt, aber — tollkühn! Und dann — selbst wenn der König einen Aderlaß nöthig hätte, so wäre ja dafür sein Leibchirurg Msgr. Maröchal da." „Q Monsieur vermögen mit Ihrem bekannten großen Geiste und mächtigen Einfluß auf Seine Majestät die fraglichen Hindernisse leicht zu beseitigen. Auch appellire ich an Euer Gnaden edles, großmüthiges Herz. Es ist ja bekannt, daß Monsieur ein so Mildreicher Wohlthäter der Armen ist. Da habe ich nun zur Gewährung meiner Bitte ein kleines Opfer für die Armen — fünfzehn- tausend Livres — mitgebracht, die ich Monsieur zur freien Verfügung stellen möchte." — „Das ist Alles schön und gut. Es ist wahr; man appellirt nicht leicht vergebens an mein Herz; es ist zu weich. Ich möchte gerne allen Menschen helfen; allein in Ihrem Falle, mein Lieber, sehe ich nicht ein, wie mir das möglich werden könnte. Zwei Hindernisse, wie bereits angedeutet, stehen im Wege: die volle Gesundheit des Königs und eventuell der Leibchirurg." Daquin schreitet nachsinnend durch's Zimmer. Tartö: „Monsieur! könnten Sie bei Seiner Majestät, etwa nicht einen prophylaktischen Aderlaß" — „Parbleul" siel Daquin ins Wort, „das ist ein genialer Einfall." Nach einigen! Nachdenken fuhr Daquin fort: „Meister Tartö, nun haben Wir es; das heißt — in tlis8i; ob Wir das Problem auch in xraxi zu lösen vermögen werden, ist wohl noch fraglich. Indeß Wir werden es sofort versuchen." „Zweifle nicht am Gelingen, Monsieur." „Nun muß ich den Frühbesuch beim Könige abstatten. Wo sind Sie abgestiegen?" „„Im Cafö le Noy."" „Halten Sie sich zur Stelle." Man trennte sich, wohl zufrieden auf beiden Seiten. * vr. Daquin erschien zum „pstit lovsr" (kleiner Frühbesuch) bei König Ludwig XIV., welcher seinen ersten Leibarzt Zutraulich mit den Worten begrüßte: „Guten Morgen, mein lieber Daquin! — Was soll das? Sie sehen ja aus wie ein Leichenbitter! Woher diese traurige Miene? Kommen Sie vielleicht von meinem armen Herrn von Reims?" „„Das nicht, Majestät; aber ich habe erfahren, daß es sehr schlimm mit dem liebenswürdigen Herrn Prälaten steht. Es ist für den Arzt sehr schmerzlich, wenn er bedenkt, daß Herr von Reims von diesem gefährlichen Schlaganfall verschont geblieben wäre, wenn man ihm prophylaktisch zur Ader gelassen hätte."" „Meinen Sie?" „„Ganz gewiß, Majestät."" „Sagen Sie mir doch, Daquin, welches sind die Ursachen eines Schlaganfalles?" — „„Sire! Diese sind zahlreich, da es verschiedene Arten von Apoplexie gibt. Da haben wir einen Schleimschlag; der verläuft in der 227 Regel tödtlich; — den Blutschlag, von welchem Mon- seigneur de Reims betroffen. Er hatte zu viel des zähen und dicken Blutes."" König Ludwig hält dem Leibarzte den rechten Vorderarm hin: „Wie finden Sie meinen Puls?" — Daquin, denselben befühlend: „„Sire, der Puls ist etwas erregt."" „Nun, das mag nichts zu bedeuten haben", erwiderte König Ludwig. Da traten Hofcavaliere ein, und Daquin zog sich vor dem Könige verneigend zurück. Er begab sich, wie gewöhnlich, zu Frau von Montespan, der (bekannten) „Freundin" des Königs. Nach der üblichen Begrüßung sprach er hastig und gleichsam erregt: „Frau Marquise! ich komme soeben von Seiner Majestät-" Frau v. Montespan, inS Wort fallend: „Nov Oisul Sie erschrecken mich, Monsieur Daquin; der König ist doch nicht erkrankt?" „„Dies nicht; der König befindet sich nur zu wohl — das heißt augenblicklich."" „Ich verstehe Sie nicht, und Sie steigern meine Beängstigung." „„Ich muß Ihnen gestehen, daß der Schlaganfall, der den Herrn Prälaten de Reims getroffen, im Hinblick auf das körperliche Befinden Seiner Majestät mir einige Befürchtung verursacht. Der Puls des Königs hat mir heute nicht gefallen. Es ist etwas zu viel des Blutes vorhanden. Der König genießt zu viel Geflügel und Wildpret. Vorgestern haben Seine Majestät, nachdem Sie beim Souper dem Schwarzwild und dem Fasanen stark zugesprochen, noch drei Schnepfen verspeist."" „Was ist da zu thun?" „„Frau Marquise! Wenn man dem Herrn von Reims zur Ader gelassen hätte —"" „Ich verstehe, Daquin, der König muß zur Ader lassen." Bei diesen Worten trat eben König Ludwig bei Fr. v. Montespan ein — zum Morgenbesuche. Er hatte die letzten Worte vernommen und sprach: „Wie! ich muß zur Ader lassen? — Frau v. Montespan, ein Ludwig XIV. muß niemals!" — „„Majestät, es können Umstände eintreten, in denen auch ein König Ludwig handeln muß — nach fremdem Willen oder Wunsche, zumal, wenn er fein Volk liebt, wie Seine Majestät, und danach trachtet, ihm sein kostbares, unersetzliches Leben zu erhalten!"" „Ich begreife. Ihr sprächet vom Falle des Prälaten und meinem etwas erregten Pulse." „„So ist es, Majestät,"" sagte Daquin. — „Nun, ich habe mir die Sache auch überlegt, und um Sie zu beruhigen, will ich einen kleinen Aderlaß nehmen und zwar hier bei Ihnen und — sofort. Lassen Sie meinen Leibchirurgen Marechal kommen." — „„Sire, erlauben mir eine Meinung der Vorsicht auszusprechen. Herr Mars- chal ist unzweifelhaft der vorzüglichste Chirurg des Königreichs; allein er hat eine etwas schwere Hand, und da Euer Majestät nur einen sehr kleinen Aderlaß nöthig haben, so möchte ich bezweifeln, daß Herr Marschal in diesem Falle sicher zweckdienlich sei. Uebrigens befindet sich Herr Marschal eben bei Herrn de Reims. Es weilt aber jetzt der Chirurg Magister du Tarts aus Paris hier, der mit wunderbarer Kunst zur Ader läßt."" „Nun wohlan, so lasse man ihn kommen", sprach der König.-Es währte nicht lange und Meister du Tarts erschien und vollbrachte seine „große" That. Nachdem der „prophylaktische" Aderlaß geschehen, sagte Ludwig XIV. zu seinem Leibarzte Daquin: „Sie haben recht; Meister du Tarts läßt mit viel mehr Leichtigkeit zur Ader als Herr Marschal." — — — Einige Tage später las man auf einem prächtigen Schild in der Straße des Bourdonnais: „Meister du Tarts, Leibchirurg des Königs." Die „Namenreparatur war in ausgezeichneter Weise gelungen. DaS Geschichtchen aber könnte man auch betiteln: Was kann man doch nicht Alles fertig bringen, Wenn klug die Worte sind und — prächtig klinge«! — --S8WLS--- Der Kukuk steht beim Volke schon seit jeher nicht in besonderer Achtung. Heißt man doch Einen, den man nicht sehen mag: „Geh' zum Kukuk!" oder „Hol' dich der Kukuk!" Wenn der Spatz mit dem stechen Gassenbuben verglichen wird, so spielt der Kukuk die Rolle des heimathlosen Tagediebes. Er legt sein Ei nicht vor die Thüre eines andern Vogels» damit dieser sich des Eies erbarme, sondern er legt sein Ei direkt in daS Nest anderer Vogel, und sollte kein Platz mehr dafür darin sein, so wirst er ein oder zwei andere Nesteier hinaus. Das sieht den schlechten Dirnen ähnlich, welche ihre Kinder Anderen vor die Thüre setzen, um sich so der Last und Plage der Erziehung zu entziehen. Der kleine Kukuk ist viel größer und gefräßiger als die Nest- vögel, und doch, welche Sorgfalt verwenden seine Zieheltern auf ihn, den Eindringling, gegen dessen Einquartierung sie sich im Anfang mit dem Aufgebot aller Kraft wehrten! Diese scheinbar liederliche Kukukseigenschaft erscheint in ganz anderem Lichte, wenn man die tiefsinnige und treffende Erklärung des Jesuiten und bekannten Naturforschers ?. Wasmann in den „Stimmen aus Maria-Laach" liest. Sie verdient es, zu allgemeiner Kenntniß des Volkes gebracht zu werden. Hören wir die Lösung des Räthsels des Kukukseies: „Forschen wir nun nach der tieferen Ursache, wetz- halb der Kukuk durch seinen Instinkt zum Schmarotzer- leben vermflagt ist. Altum (ein berühmter Kenner unserer Vogelwelt, ein geistlicher Professor an einer westfälischen Forstschule) hat schon vor vielen Jahren in vortrefflicher Weise auf das Gesetz aufmerksam gemacht, das dem Brut- parasitismus des Kukuks zu Grunde liegt. (Altum, Der Vogel u. s. Leben, 5. Aufl., S. 180 ff.) Der Beruf des Kukuks ist es, ein Vertilger der haarigen Raupen zu sein, die wegen ihrer Brennhaare von anderen Vögeln entweder gar nicht oder nur ausnahmsweise gefressen werden. Der Kukuk verzehrt dieses Ungeziefer mit außerordentlichem Appetit und ohne Nachtheile für seine Gesundheit. Die behaarten Raupen des Prozessionsspinners und des Kiefernspinners, der Nonne, des Weidenspin- ners und des Schwammspinners zeigen aber die auffallende Erscheinung, daß sie in manchen Jahren stellenweise in ungeheuren Massen erscheinen; dann kommt ein verheerender Raupenfraß, wie ihn die Nonne wiederum in den letzten Jahren verursacht hat. Es sind gleichsam Polizeistationen, die auf das haarige Raupengefindel ein wachsames Auge haben und es unter normalen Verhältnissen auch in den gebührenden Schranken zu halten vermögen. Tritt aber irgendwo eine Massenvermehrung jener Raupen ein, dann genügt die Polizei nicht mehr, es müssen Truppen verschiedener Waffengattungen mobil gemacht und an die bedrohten Punkte gesandt werden. Eine dieser Truppen sind die Schaaren der Kukuke, die sich nach den Naupenherden zusammenziehen und dort wochenlang verweilen müssen, um etwas Ergiebiges auszurichten. Die „Raupenmonate", in denen der Raupenfraß stattfindet, sind aber gerade zugleich die Brutmonate der Vögel. 228 Wäre der Kukuk gleich anderen Bügeln an die Wiege seiner Jungen gefesselt, so könnte er dem Aufgebote zur Landcsvertheidigung nicht Folge leisten, er müßte zu Hause bleiben und für seine Familie sorgen. Wie kann er aber vom Nestbau, vom Brüt- und Fütterungsgeschäfte entbunden werden, ohne daß sein Geschlecht ausstirbt? Nur dadurch, daß er seine Eier fremden Vögeln in Pflege gibt, daß er ein Schmarotzer wird." Wir können also das Räthsel des Kuknkseies nicht lösen, ohne an die Weisheit deS göttlichen Schöpfers zu glauben. Darum schließt auch k. WaSmann seine interes- sante Artikelserie über den Kukuk mit Recht mit folgenden Worten: „Je tiefer wir eindringen in die Geheimnisse, mögen sie nun in der Vogelwelt oder Jnsektenwelt, in einem Ameisenhaufen oder im tiefen Meeresgrunde sich abspielen, desto klarer erkennen wir, daß die Weisheit und Allmacht des Schöpfers durch die Ergebnisse der modernen Naturforschung verherrlicht wird." Allerlei. Von russischen Postverhältnissen plaudert die „Now. Wremja": Das Postwesen im Innern des Reiches steckt ja bekanntlich noch in den Kinderschuhen, was sowohl auf die riesigen-Entfernungen als auf die Spärlichkeit der Eisenbahnverbindungen zurückzuführen ist. Es gibt daher bei uns Städte, die geographisch kaum 400 Werst von einander entfernt sind, postalisch jedoch weiter als Kiew und unser liebes Toulon. Von einem solche Städte- paare können wir absonderliche Dinge berichten. Einer unserer Freunde wohnt in Kiew und hat einen beständigen Geschäftsverkehr mit einigen Personen, die in der Nähe von Rowno, Gouvernement Wolhynien, sechs Werst von der Station Rowno, leben. Der Postverkehr mit diesen Geschäftsfreunden ist, wie unser Freund schreibt, nur durch eingeschriebene Sendungen möglich; alle ordinären Briefschaften gehen einfach auf dem Wege zwischen diesen beiden Punkten spurlos verloren — das ist schon seit Jahren hier zu Lande so der Brauch. Unser Freund beendet seine Korrespondenz gewöhnlich um 5 Uhr Nachmittags, um welche Stunde das Hauptpostamt in Kiew bereits geschlossen ist. Er gibt daher die Sendung in dem Haupt- Telegraphenamt auf. Dieses pflegt alle eingeschriebenen Briefschaften zweimal täglich, um 12 und um 4 Uhr Nachmittags, auf daS Haupt-Postamt zu senden, obgleich diese Stunden durchaus nicht der Abgangszeit der Postzüge entsprechen. Vielleicht wirkt die Erledigung vor dem Frühstück und Mittag förderlich auf die Verdauung der Telegraphenbeamten. Wenn nun also unser Freund seinen Korrespondenten in Rowno einen eingeschriebenen Brief zuschickt, so nimmt dieses Ereigniß folgenden Verlauf: Am Montag um 5 Uhr Nachmittags schickt er die Briefschaften ins Telegraphenamt; am Dienstag um 12 Uhr Mittags werden sie dem Hauptpostamt übersandt, am Mittwoch um 9 Uhr Morgens gehen sie mit dem Postzuge der Süd-West-Bahn nach Rowno ab, wo sie um 12 Uhr Nachts eintreffen. Am Donnerstag findet in Rowno die Sonderung der Briefschaften statt, die angesichts des spärlichen Beamtenpersonals nicht früber vorgenommen werden kann. Am Freitag um 1 Uhr Nachmittags wird aus der Stadt Rowno die Anweisung des Postamtes der 6 Werst entfernten Gemeindeverwaltung des Dorfes Rowno zugesandt, und am Sonnabend 5 Uhr Nachmittags befindet sich die Nachricht, daß ein Brief für ihn angekommen sei, glücklich in den Händen des Adressaten. Am Sonntag findet im Postamts keine Ausgabe von Briefschaften statt, der Adressat wartet also bis zum Montag und begiebt sich dann nach Rowno, um gegen Vorzeigung der Anweisung den Brief in Empfang zu nehmen. Die Entfernung zwischen Kiew und Rowno beträgt 366 Werst (389 Kilometer). In der Zeit, die der Brief braucht, um von Kiew nach Rowno zu kommen, kann der Absender ganz bequem von Kiew nach Toulon reisen, dort auf dem Platze vor dem „Hotel de Ville" einige Male „Vivs 1a Iftmueo" schreien und dann gemüthlich heimkehren; wollte er aber zu Haufe eine Antwort aus Rowno vorfinden, so könnte er noch einen Abstecher nach Paris machen und sich dort in Muße Alles genau ansehen. -- Goldene Zukunft. O Deutschland, du Land der Dichter und Denker, Was birgst du mitunter für heillose Stänker! Da sind es die Herr'n Sozialdemokratin, Die wissen am besten, wo saftige Braten; Du brauchst nur zu lauschen d-m öden Geschrei Wie köstlich das Leben im Zukunftsstaat sei. Doch „Michel", der dumme, der kaun's nicht begreifen, Was längst von den Dächern die Spatzen schon Pfeifen, Daß Rettung allein nur möglich noch sei In den offenen Armen der rolhen Partei. D'rein kannst, wie ein Kindlein, ein müdes, dich schmiegen' Und daß du wohl schlummerst, so wird man dich wiegen. Zu bald aber wirst aus dem Schlaf du erwachen, Die klugen Genossen den „Gimpel" verlachen, Das „unnütze" Denken, das Manchen verdorben, Das können die Herren ja selber besorgen. Sie wollen nur Arbeit der kräftigen Hände, Und kannst du nicht weiter, so warte aus'S Ende. Doch hör'! Auf den Himmel darfst nimmer du hoffen, Denn der sieht, nach Heine, den — Spatzen nur offen. K ö n i g s z », g. a u i r a Q SS <: u u b I S k 2 m s s t 1 V 0 i s l s r a ll a s Auslösung des Logogrpphs in Nr. 28: Wieland. Wien. Wein. L ed. Newa. Indien. Lawine. Wand. Wind. Linde. Auflösung des Bilder-Nätbsels in Nr. 29: Nach der Arbeit das Vergnügen. M „Augsburger Postzeitung". ^L31 Dienstag, den 17. April 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas 8. Was die Verkehrsverhältnisse anbetrifft, so gibt es in Belgien eine Privatbahngesellschaft, die Sociötö Generale, und die Staatsbahn. Ihre durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit ist nicht größer wie bei uns, wohl aber sind die Preise infolge ihrer gegenseitigen Concurrenz billiger als bei uns. So würde die Fahrt auf einer Strecke wie z. B. von Augsburg nach München in Belgien für zweite Classe höchstens 1 Mk. 80 Pfg. kosten, während bei uns die Staatsbahnverwaltung sich nicht scheut, den Geldbeutel um 3—4 Mk. zu erleichtern. Dafür stehen aber die Wagen bedeutend hinter den unseligen zurück. In der zweiten Classe finden wir nur eine ganz dünne, braune Polsterung ohne jegliche Arm- und Kopflehne; ja sogar die sonst allgemein übliche Hängematte für das Gepäck existirt nur in der Phantasie des Passagiers: das Gepäck wandert unter den Sitz. Während die erste Classe ungefähr den Comfort unserer zweiten erreicht, ist die dritte vollends nur zu Volksstudien geeignet. Was uns aber wieder mit diesen prekären Verhältnissen etwas versöhnt, ist der angenehme Gebrauch, nicht von den Schaffnern in die einzelnen Coupes eingewiesen, bezw. eingepfercht zu werden und damit Gefahr zu laufen, eine unangenehme Reisegesellschaft zu erhalten. In Belgien kann sich jeder Reisende selbst sein Plätzchen und seine Gesellschaft suchen, mit der er fahren will; nur muß er auch selber dafür sorgen, daß er zur rechten Zeit wieder aus dem Wagen herauskommt. Der Deutsche, der Belgien betritt, wird, nachdem er sich am schönen Rhein Geist und Herz erquickt, die Route über Köln—Aachen—Verviers wählen, da diese Linie landschaftlich die schönste und anregendste ist. Steile 241 Berge wechseln mit tiefen Thälern, üppig belaubte Felswände mit hübschen Gartenanlagen; hier zeigen industrielle Anlagen vom Gewerbfleiß der Bewohner, dort sieht man wogende Felder und einsame Bauernhöfe. Von Köln bis Lüttich wird der Reisende in der Regel in einer Tour fahren, nachdem er sich noch in Verviers der — human geübten — Zollvisitation unterzogen und in der dortigen Bahnhofrestauration zum Abschied von Deutschland ein Glas Münchener Bier geleistet hat. Nach einer 3- bis 4stündigen Fahrt befinden wir uns in Lüttich. Schon der erste Eindruck, den wir bei der Einfahrt in die Bahnhofhalle gewinnen, ist ein hervorragender. Auf der einen Seite des Bahnhofs erheben sich malerisch waldreiche Hügel, bis oben mit Häusern bedeckt — eine kleine Schweizerlandschaft —, auf der anderen eröffnet sich der Einblick in die Stadt durch die breite Rue des Guillemins. In Bezug auf Schönheit der Lage ist Lüttich allen anderen Städten des Belgierreiches weit überlegen. Ist auch Lüttich eigentlich Fabrikstadt, so sieht man doch innerhalb des Stadtrayons nichts von jenen langen Ungethümen, Fabrikschlote genannt, welche bei uns oft genug nicht blos das Weichbild der Städte verunzieren, sondern Mitten in denselben ihr Rauch und Asche speiendes Haupt erheben. Der schönste Platz in Lüttich ist der unmittelbar an die Bahnhofstraße sich anschließende Square d'Avroy, eine Anlage mit exotischen Bäumen und Pflanzen und hübschen Springbrunnen. In ihrer unmittelbaren Nähe fließt der Hauptarm der Maas, der auf der einen Seite durch den Boulevard Fröre-Orban und auf der anderen durch den zoologischen Garten und den Parc Public eingedämmt wird. An Kirchen ist Lüttich nicht besonders reich; die hervorragendsten sind die St. Paulskirche, welche auch die bischöfliche Cathedrale bildet, sowie die etwas südlicher gelegene St. Jakobskirche, erstere im Jahre 968 durch den Bischof Heraklius, letztere 1016 durch den Bischof Balderich II. gegründet. Ihnen schließt sich noch als besonders sehenswerth die in einfachen, ernsten und doch großartigen Verhältnissen gebaute St. Martinskirche an, welche einige hübsche Glasgemülde aus dem 16. Jahrhundert enthält. Nördlich vom Justizpalaste, einem gothischen, mit Renaissance-Formen vermischten Monumentalbau, erhebt sich, die Stadt mächtig überragend, die weithin sichtbare Citadelle, zu welcher ein bequemer Fußweg in einer kleinen halben Stunde von der Rue Hors-Chäteau hinanführt. Während wir zu unseren Füßen wie auf einem Teppich ausgebreitet die Stadt liegen sehen, erweitert sich unser Blick von da in die gewerbreichen Thäler der Maas, Ourthe und Weser; südlich schweift unser Auge bis zu den Ardennen, nördlich bis zum Petersberg bei Maastricht und in die limburgische Ebene hinein. Eine andere, nicht minder lohnende Aussicht bietet sich von der Höhe des Fort de la Chartreuse aus, zu welchem man die von der Mitte der Stadt ausgehende und der Rue Gretry entlang fahrende Straßenbahn passend benützen kann. Noch empfiehlt sich von Lüttich aus der Besuch des nahe gelegenen Seraing, welches durch das von John Cockerill 1817 gegründete Fabriketablissement einen über Europa hinausgehenden Ruf erlangt hat. Seine Werkstätten bedecken einer Flächenraum von mehr als 100 Hektar und beschäftigen gegen 10,000 Arbeiter, für welche durch ein eigenes Krankenhaus, sowie durch andere humanitäre Einrichtungen, wie Spar- und Pensionskassen, Fabrikschulen usw., zweckdienlich gesorgt ist. (F. f.) Unter den Palmen der Sahara. (Vertrag, gehalten im kath. kaufmännischen Verein „Lätitta" von Theodor Habicher.) —^(Nachdruck »»bot«».) Im letzten Drittel meiner sturmbewegten Dienstzeit wurde mir ein großes Vergnügen zutheil. Es wurden mehrere Officiere, die dem Lnrsau ä'Lrgcha in Am- Sefra zugetheilt sind, bestimmt, einen wissenschaftlichen Ausflug nach der in der Sahara liegenden kleinen Oase „Figuig" zu unternehmen. Zu ihrer Bedeckung erhielten sie mehrere Spahis und Legionäre mit, sämmtliche zu Pferde und bis auf die Zähne bewaffnet. Glücklicherweise fragte man eines schönen Morgens nach einem Volontär, der mit geometrischen Instrumenten umgehen könne und zugleich die Stelle eines Courrier versehen wolle. Ich meldete mich und wurde angenommen. Meine Freude, endlich einmal die Wüste sehen zu können, war natürlich groß. Erst am Ued-Termel gewann ich eine wirkliche Vorstellung von der afrikanischen Wüste. Es würde zu weit führen, wenn ich auch nur annähernd ein Bild von meinen Beobachtungen und Erfahrungen geben wollte, die ich im sehr interessanten Atlasgebirge gemacht habe. Ich übergehe A'i'n-Sefra mit seinen maurischen Ruinen und optischen Telegraphen-Stationen, ebenso die angrenzenden Hochebenen mit ihren Salzseen und die Nomaden mit ihren zahllosen Heerden, um uns mit einemmale an den Djebel-Kegli zu versetzen, von dessen Höhe das Auge zum erstenmale die Wüste erblickt. Wie vor zwei Jahrtausenden die römischen Legionen und vor nunmehr sechs Dezennien die französischen Regimenter unter Führung des Herzogs von Aumale aufschrien: »Das Meer, das Meerl", so erging es auch mir beim ersten überraschenden Anblick von jener Höhe. Der gleiche Ruf erschallte in unserer friedlichen Karawane, und in der That hatte vor uns die Wüste den Anschein des Meeres, in welcher die dunklen Flecken der Oasen als so viele Inseln im weiten Ocean sich darstellten. Diese Inseln der Wüste bieten den Hauptreiz, und zwar lediglich, weil sie Menschen beherbergen. Die Wüste selbst ist großartig, feierlich, bewältigend; im Grunde aber ist sie dem Menschen feindlich. Darum fühlt sich der Reisende, welcher einige Tage lang in derselben herum- gewandert, so gewaltig von jenen Flecken angezogen, wo grünes Laub sich zeigt, wo das Leben sich regt und wo Menschen wohnen. Je schwieriger aber die Lebensverhältnisse sind, je drückender das Klima ist, desto bewunderns- werther erscheint der Mensch, welcher gegen alles anzukämpfen wagt. Unter dem heißen Himmelsstrich der Sahara ist eins vor allem unentbehrlich — Wasser. An das Vorhandensein dieses Elementes ist alles Gedeihen gebunden. Die Dattelpalme zumal ist dessen vor allen übrigen Pflanzen bedürftig. Nach dem arabischen Sprichwort gedeiht die Palme nur, wenn sie ihr Haupt in Feuer und ihren Fuß in Wasser badet. An die Palme knüpft sich die Existenz der Familie, der Gemeinde, des ganzen Stammes. Von dem Ertrage des Pnlmenbaumes, des Bruders des Menschen nach der orientalischen Legende (die Legende der Mohammedaner aus der Wüste über die Erschaffung der Erde ist im Ganzen mit der Erzählung der Bibel übereinstimmend, mit Ausnahme, daß am sechsten Tage Gott nicht allein den Menschen, sondern auch den Dattelbaum schuf, weil derselbe der Bruder des Menschen sein soll), wird das Leben von ganzen Völkerschaften erhalten. Da- 242 her die Sorgfalt, mit welcher die Palme in der Wüste gepflegt wird, daher der große Werth, den man auf gute Bewässerung legt. Im Südwesten von Dschenien-bu-Rezk, am Fuße des Djebel - Kegli, werden ganz einfach die Wasser des Gebirges bei ihrem Austritt aus den Klüften und Schluchten abgefaßt, kanalisirt und soviel Dattelpflanzungen angelegt, als der Bach speisen kann. Im Innern der Wüste geschieht die Bewässerung mittelst artesischer Brunnen oder durch Graben von großen Löchern (Bir) in den den Sand. Der Tourist, der diese Regionen besuchen will, muß. sich mit allem Nöthigen versehen, selbst mit Wasser. Zwar hat die französische Regierung in Ued-Termel mehrere artesische Brunnen graben und um dieselben ein Bordsch oder Fort erbauen lassen, in welchem Reisende unterkommen können. In manchen Bezirken nennt man auch diese befestigten Orte Karawanserai oder Karawanenherberge. Der erste Abschnitt der Sahara, den wir bereisten, war zum Theil steppenartig überwachsen, einförmig für den Reisenden, interessant für den Naturforscher. Die Hauptmasse des Bodens ist zwar aus Sand gebildet, jedoch nicht ganz lose. Die Oberfläche ist mit einer mehrere Centimeter dicken GypSkruste überzogen, die pflasterähnlich zersprungen ist. Trotz seines Gypsüberzuges ist das Wüsten- plateau doch nicht öde. Zwischen den Sprüngen und Rissen jener harten Kruste guckt da und dort eine Pflanze hervor. Meist sieht man nur steifes, ginsterartiges Gebüsch mit hartem Laub, welches nichtsdestoweniger den Kameelen, Schafen und Ziegen willkommen ist. Bisweilen zeigt sich auch zwischen den Steinen jene den Pilgern so willkommene sogenannte „Rose von Jericho", deren Blätter nach der Blüthe zusammenschrumpfen, aber dann wieder mehr oder weniger sich aufthun, wenn man sie in's Wasser stellt. Um die größeren Sträuche, welche den Flugsand aufhalten, bilden sich dann oft Erhebungen bis zu einem Meter Höhe, welche der Zufluchtsort für manche Thiere der Wüste werden. Besonders die Springmäuse, mehrere Eidechsen und vor allem die mit Recht gefürchtete gehörnte Natter halten sich hier auf. Sobald die heiße Jahreszeit zu Ende geht, bedecken sich die alten Flußbette und Vertiefungen, wo die Feuchtigkeit sich länger erhält, mit einem grünen Nasen. Dieser Wintervegetation ziehen nun die Nomaden nach; zu ihr steigen sie alljährlich von den Plateaux des Atlas mit ihren zahllosen Heerden hernieder, um einige Monate lang ihre Zelte dort aufzuschlagen, bis der Frühling sie wieder in'S Gebirge ruft. Auf dem Atlas, wo sie nur den Sommer zubringen, ist es zu kalt, als daß die Leute ohne festen Wohnsitz es dort lauge aushalten könnten. Da wir gerade zu Beginn des Winters dort anlangten, so hatten wir Gelegenheit, die Nomaden mit ihren Kameel-, Schaf- und Ziegenheerden Hinabziehen zu sehen. Meistens sind diese Heerden der Sorge einiger Knaben überlassen, die mit ihren mageren Hunden auf's Gerathewohl dahinziehen, aber selbst im Winter oft weite Strecken zurücklegen müssen, um ihr Vieh zu tränken. Einem solchen Hirtenbuben, der mich lebhaft an die biblische Erzählung von Jakob erinnerte, wie er die Schafe LabanS hütete, begegneten wir eine Tagreise südlich von Ued-Termel. Er kam uns freundlich entgegen und erkundigte sich nach den Neuigkeiten im Gebirge und der Stadt Arn-Sefra und bot uns einen Becher voll Wüstenmilch an, die an Güte und Reichhaltigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Wir gaben ihm als Belohnung für seine Gefälligkeit etwas Tuchan (Tabak), den er mit vielen Dank- gesprächen annahm. Auch an wilden Thieren fehlt eS in der Wüste nicht ganz. Wir sahen häufig ganze Ketten von Kangars, eine besondere Art Rebhühner, vor uns auffliegen. Auch Heerden von Gazellen, die zierlichsten aller Thiere, sahen wir mehrmals in der Ferne verschwinden. Spuren von Straußen begegnet man vielfach; auch sind Stücke von ihren Eierschalen nicht selten. Die größeren Raubthiere hatten sich bereits in ihre Winterquartiere zurückgezogen, so daß wir sie nicht zu Gesicht bekamen. Figuig — das Endziel unserer Reise — ist kein Ort oder eine Stadt nach europäischen Begriffen, sondern eine drei bis vier Stunden im Umfange haltende, sehr fruchtbare Oase mit zehn Ksors, die alle befestigt sind, ferner je von einem Marabut selbständig verwaltet werden und deren Bewohner in Folge ihres streitsüchtigen Charakters fast fortwährend in Feindseligkeiten mit den auswärtigen Ortschaften leben. Obwohl die gegen 25,000 Palmen besitzende Oase keinen regelmäßigen Tribut zahlt, erkennt sie doch die Oberhoheit des Sultans von Marokko namens Muley- Hassan an, und obwohl nur einen guten Tagemarsch von der französisch-algerischen Südwestgrenze gelegen, war es bisher außer dem kühnen Forscher G. Nohlfs, der sie auf einer Forschungsreise 1882 durchzog, nur wenigen Europäern möglich, sie selbst zu besuchen. Das Wasser, welches die unter dem 32° nördlicher Breite und 23° östlicher Länge liegende Oase speist, steigt aus der Tiefe in artesischen Brunnen herauf, wodurch eine besondere Art von Bewässerung und ein eigenthümlicher Palmenbau entsteht. Diese Brunnen bestehen seit uralten Zeiten. Das Graben eines solchen in einem Lande, wo alle technischen Hilfsmittel fehlen, ist kein kleines Unternehmen. Es gibt aber unter den Arabern eine eigene Nasse, die dasselbe gewerbsmäßig betreibt. Kein Wunder also, daß das Brunnengraben in einem solchen Lande und bei einem so abergläubischen Volke mit großer Feierlichkeit begangen wird. Ist nämlich alles bis zur letzten Operation fertig, so steigt der Marabut (eingeborener Priester) hinab, nachdem zuvor viele Beschwörungsformeln und Gebete gemurmelt wurden. Er durchbohrt die leichte Gypsdecke und läßt sich mit aller Geschwindigkeit wieder emporziehen. Das heißt bei den Arabern «den Felsen anschlagen". Das Wasser folgt mit reißender Gewalt, und ein neuer Brunnen ist wieder hergestellt. Der nunmehrige General Negrier ließ bei Sidi- Scheik einen eingefallenen Brunnen von den Spahis und Legionären in zwei Tagen unter Zuhilfenahme zweier Oraner Bohrmaschinen graben. Ein ergiebiger Brunnen sprudelte, 2000 Liter Wasser per Minute gebend, aus dem verlassenen Schacht. Dieses Ereigniß erregte den Jubel der ganzen Oasenbevölkerung und war von ergreifenden Scenen begleitet. Die. Eingeborenen eilten in Menge herbei und stürzten sich über den gesegneten Quell, der aus den dunklen Tiefen der Erde heraufgeholt worden. Die Mütter badeten ihre Kinder darin, der alte Scheik von Stdi-Scheik konnte beim Anblick des Wassers, das seiner Familie und der Oase seiner Väter das Leben wiedergab, seine Rührung nicht bewältigen; er sank auf die Knie, und mit Thränen in den Augen erhob er die Hände zu einem Dankgebet. Durch diese Begünstigung wurde die Ueberlegenheit 243 der Rumi (Europäer) von den Eingeborenen ohne Widerspruch anerkannt. Die Figuiganer und ihre Nachbarn sind echte Berber und als solche weiß- und schwarzhaarig wie die Südeuropäer. Eines jedoch fiel mir auf, nämlich die sehr gestreckte Form ihres Kopfes, es sind wahre Langköpfe. Das Gesicht ist nicht eckig, sondern schmal, die Zähne flehen senkrecht und sind wie bei all diesen Völkern wunderschön und sehr weiß. Ihr Körper ist schlank, sehnig und einer großen Ausdauer fähig. Wunderbar muß namentlich die Ausdauer ihrer Lungen sein, denn so schnell wir auch von Zeit zu Zeit auf ebenem und hartem Boden dahin- sprengten, so sind sie uns doch immer gefolgt und fanden noch Zeit, wenn hin und wieder eine seltene Pflanze sich zeigte, sie für unsere Officiere zu sammeln. Fetten Leuten begegneten wir durchaus nicht, mit Ausnahme einiger Caids, die keine Berber, sondern von echtem arabischem Stamme sind; Manche behaupteten sogar, sie seien vom Stamme der Koreischiten, d. h. Nachkommen des Propheten. Der Kalif, welcher von unserer Ankunft von Dschenien- bu-Rezk aus unterrichtet worden war, kam uns bis Mliha- fiafi entgegen, und zwar in Begleitung von einem halben Dutzend Caids (Bürgermeister), mehreren Kadis oder Richtern und einer Anzahl von Gums (Leibwache). Er trug einen braunen Burnus (Mantel) mit breiten Aufschlägen, auf welchen das Wappen seiner Familie in Gold und Silber gestickt war. Im Gürtel trug er werthvolle Pistolen mit schönen damascirten Verzierungen. An der linken Seite hing vom Sattel ein Pantherfell hernieder, wahrscheinlich eine Trophäe aus seinen jüngeren Jahren. Er ritt ein munteres Füllen, dessen Mähne und Schwanz geschoren waren. Es ist Brauch unter den arabischen Großen, den Pferden während mehrerer Jahre die Mähne zu scheeren, damit sie nachher um so üppiger wachse. So ritten wir eine Zeit lang über die Saudhügel hinweg, bis wir plötzlich hinter einer Düne Figuig, die Hauptstadt und Residenz des Kalifen, mit ihren Hunderten von kleinen Kuppeln vor uns hatten. So oft wir einer ebenen Fläche zwischen zwei Dünenzügen begegneten, wurde dieselbe zu einer Fantasia oder Neiterparade benützt, wobei die Gums Gelegenheit fanden, ihre und ihrer Pferde Ge- schicklichkeit zu zeigen. Als ein besonderes Kunststück gilt eS, sein Gewehr im gestreckten Galopp auf ein bestimmtes Ziel abzufeuern. Als wir uns der die Oase umgebenden zwei Meter hohen, crenelirten und von Thürmen flankirten Wallmauer näherten, klang gerade von den Minarets der mit dem Halbmonde geschmückten Moschee der Ruf zum Gebete. Die einfache Melodie des „^.IlaUu airdarl«, d. i. „Gott ist groß", welche wir im Norden des 390,000 Quadrat- Kilometer Flächeninhalt betragenden Reiches Algier so oft gleichgiltig angehört hatten, erfüllte uns hier unter den Palmen der Sahara mit tiefer Andacht. Sobald dieser Ton erschallt, steht wie durch Zauberei, das geschäftige Treiben des islamitischen Orients und Occidents still. Jedermann wendet sich nach Osten, um sein Gebet zu sprechen, und bleibt, bis dasselbe beendet ist, theilnahms- los für Alles, was um ihn her geschieht. Als der Ruf zum Gebete erklang, wollte eine große Karawane gerade In das Thor von Figuig einziehen. Kaum hatte der Führer derselben den ersten Ton des Gebetsrufers - Muezzin genannt — vernommen, als er von seinem Rosse sprang und sich behend nach Osten wandte. Alle seine Reisegefährten folgten seinem Beispiele, um nach vollendeter Andacht ihre Kameele von Neuem zu besteigen und jauchzend in die Oase einzuziehen. (Schluß folgt.) -«. e s - - Die „Donauregulierung am Eisernen Thor", welche in den letzten Tagen wiederholt erwähnt wurde, bezweckte die Herstellung von Schifffahrtskanälen in den Felsenbänken, welche innerhalb der etwa 120 Kilometer langen Klissura, also der Donaustrecke von Alt-Moldowa bis zum Eisernen Thor, 7 Klmtr. unterhalb Orsova, in verschiedenen Gruppen die Donau quer durchsetzen und dadurch die sogenannten „Donaukatarakte" hervorgerufen haben. Diese Felsenbänke treten bei niedrigem Wasserstand theils bis zur Oberfläche des Wassers, theils sogar über dieselbe hinaus. Die tieferen Rinnsale zwischen ihnen dienten als Fahrstraße, doch war eL immer gefahrvoll, hindurchzukommen, bei Niedrigwasser aber gar nicht möglich. Die großartigste der Felsenbänke bildet das geschichtlich denkwürdige Eiserne Thor unterhalb Orsova und gleichzeitig eine SchifffahrtSgrenze, da unterhalb der Strom von Turn-Severin bis zum Schwarzen Meere für tiefgehende Schiffe frei ist. Der großartig gewachsene Seeverkehr bis Galatz und Braila, bis wohin Seeschiffe mit sieben Meter Tiefgang gelangen, machte eS wünschenswerth, auch Ungarn an diesen Seeverkehr anzuschließen, was nur nach Beseitigung der SchifffahrtS- htndernisse in der Donau erreichbar war. Diese Erwägungen veranlaßten den früh verstorbenen ungarischen Handelsminister Baross de Beluß, d'e Donauregulirung auf Kosten der ungarischen Regierung ins Werk zu setzen, als deren geistiger Urheber er anzusehen ist. Die technische Ausführung übernahm die Maschinenfabrik G. Luther in Braunschweig durch ihren Inhaber Herrn H. Luther. Eine eingehende Beschreibung mit zahlreichen Abbildungen enthält die Wochenschrift „Prometheus", welcher auch die nachstehenden Angaben entnommen sind. Die Donauregulirung umfaßte das Aussprengen von Schifffahrtskanälen unter Wasser bet Stenka, Kozla-Dojke, Jzlas-Tachtalia und Jucz, sie sollten 60 Meter Sohlen- breite und 2 Meter Tiefe unter Null des Pegels von Orsova erhalten. Unterhalb Tachtalia war ferner von der in die Donau vorspringenden Bergnase des Greben eine Strecke, etwa 400 000 Kubikmeter Felsen ausmachend, abzusprengen und unterhalb desselben ein etwa 7 Kilo- meter langer Steindamm in der Donau zur Verengung des Flußbettes und Aufstauung des Wasserspiegels anzuschütten. Die großartigste und schwierigste Aufgabe erwuchs am Eisernen Thor. Dort sollte am südlichen Ufer der Donau ein Kanal von 80 Meter Sohlenbreite und 2 Meter Tiefe durch das Felsengewirre im Strombett hergestellt werden; dazu waren Seitendämme von zusammen etwa fünf Kilometer Länge anzuschütten, von denen der im Strome liegende Damm 6, der am Ufer liegende 4 Meter Kronenbreite erhalten sollte. Dadurch, daß man diese Dämme zuerst herstellte und aus dem durch sie eingeschlossenen Becken das Wasser auspumpte, konnte hier das Ausbrechen des Gesteins zu Tage, also nicht unter Wasser ausgeführt werden. Im Laufe der Arbeit selbst aber wuchsen die Pläne, als sich am unerwartet schnellen Fortschreiten derselben der Blick über die Tragweite des Unternehmens erweiterte 244 Noch bevor der Kanal am Eisernen Thor vollendet war, wurde seine Vertiefung um 1 Meter angeordnet und später auch Auftrag ertheilt, eine Fortsetzung desselben in gleicher Breite und Tiefe bis Orsova herzustellen, so daß also die hier an die Donau herantretende ungarische Eisenbahn an den erweiterten Schiffsverkehr für tiefer» gehende Schiffe mit den Seehäfen der unteren Donau angeschlossen ist. Der Kanal am Eisernen Thor allein machte das Ausbrechen von 107 000 Kubikmeter Felsen nothwendig, die andern Kanüle, mit Ausschluß desjenigen, der Orsova mit dem Eisernen Thor verbindet, erfordern das Sprengen unter Wasser und Herausschaffen von etwa 450 000 Kubikmeter Felsen; die Dammschüttungen aber verschlingen 1 400 000 Kubikmeter Steine. Diese Riesenarbeit fand ihre feierliche Eröffnung am 16. September 1890 und soll vertragsmäßig am 31. Dezember 1895 beendet sein. Wenn man bedenkt, daß die Stromgeschwindigkeit an den Stellen, an denen die Sprengungen auszuführen sind, bis zu 4,5 Meter in der Sekunde beträgt und daß das Wasser der Donau oft in wenigen Tagen um 2, in wenigen Wochen sogar um 5 Meter steigt, so daß zeitweise Sprengungen bei 7 Meter Wassertiefe auszuführen waren, und daß unter diesen außerordentlich schwierigen Verhältnissen, unter denen bisher noch nie Sprengungen ausgeführt wurden, alle bis dahin gebräuchlichen Maschinen zum Herstellen der Bohrlöcher versagten, so wird man den Leistungen des Herrn Luther die höchste Anerkennung zollen müssen. Er mußte neue Maschinen erfinden und bauen. Die im Nheinstrom unterhalb Bingen arbeitenden sogenannten Taucherschiffe waren, abgesehen von ihrer zu geringen Leistungsfähigkeit, in der Donau unverwendbar. Und Herr Luther löste diese Aufgabe! Aber welch zähe Ausdauer, wie viel technisches Geschick und was für Nerven von Stahl gehörten dazu, um gegen alle die sich aufthürmenden Schwierigkeiten anzukämpfen und sie glücklich zu überwinden. Davon nur einige Beispiele: Zum Abspalten flacher Gesteinsschichten von der Flußsohle dient ein Fallmeißel von 200 Zentner Gewicht, der nach Art eines Rammbären gehoben wird und aus 8 Meter Höhe herabfällt. Die ersten dieser aus Schottland bezogenen Meißel zerbrachen nach 80 bis 100 Schlägen in ihrer Längenmitte; damit waren nicht nur 6000 M. verloren, es dauerte auch Wochen, bevor ein Ersatzmeißel ankam. Dieses Zerbrechen wiederholte sich bei mehreren Meißeln von tadelloser Beschaffenheit. Wo lag die Ursache des frühzeitigen Zerbrechens, wie war ihr abzuhelfen? Heute verwendet Herr Luther Meißel, die 120 000 Schläge aushalten! Wie sie hergestellt werden, ist sein Geheimniß, nur so viel wissen wir, daß sie in Deutschland gefertigt werden. Eine andere Schwierigkeit bot die Herstellung eines elektrischen Zünders zum Entzünden der Dynamitsprengladungen in den Bohrlöchern unter Wasser. Es war geboten, die sofort nach ihrer Herstellung geladenen Bohrlöcher gruppenweise zu sprengen, was zuweilen erst nach mehreren Tagen, geschehen kann. Die Zünder müssen also unter einem Wasserdruck von 7 Meter 5 Tage lang ihre Zündfähigkeit unbedingt behalten. Denn nicht entzündete Minen können später beim Herausheben des Gesteins durch die Bagger durch ihre nachträgliche Explosion viel Unheil anrichten, wie es leider auch vorgekommen ist. Einen solchen Zünder aber gab es nicht, nnd als es auch der österreichischen Genietruppe nicht gelang, ihn herzustellen, hat sich Herr Luther daran gemacht und — erreicht, was er wollte. Erwähnt sei noch, daß beim Absprengen des Greben die Minen mit 12000 Kilogramm Dynamit geladen werden. Doch genug. Das Riesenwerk ist jetzt so weit gediehen, daß der Kanal am Eisernen Thor dem Verkehr übergeben werden kann, sobald das Oeffnen seiner Sperr- dämme angeordnet wird. Dann strömen die Fluthen der Donau dahin über ein Bett, das Tausende fleißiger Hände gegraben und auf dem nach menschlichem Ermessen nie wieder eines Menschen Fuß wandeln wird. WaS einst die Römer planten und nicht auszuführen vermochten, das haben deutsche Hände in kurzer Spanne Zeit zur That gemacht. Aus allen Ländern der Welt kommen heut die Techniker zum Eisernen Thor, um die dort thätigen Maschinen und ihre Arbeit zu studiren: denn hier geht Alles ins Riesenhafte, wie es noch nie und nirgend gesehen, sowohl die Maschinen, wie ihre Leistungen. Heben doch die Bagger in achtzehn Arbeitsstunden (in der Dunkelheit wird bei elektrischem Licht gearbeitet, das jedes Spreng- und Baggerschiff sich selbst erzeugt) 300 bis 400 Kubikmeter zersprengten Gesteins von dem Strombett herauf. Die heimkehrenden Techniker aber berichten von einer Großthat deutscher Geisteskraft und deutschen Fleißes. --- GoL-KSrner. Oft noch mit Schnee im Angesicht, Blicken schon Blumen in's Tageslicht, Alan meint, es wären dw groben Arten, Aber die duftigen sind's, die zarten. Der liebt viel nicht, der es spricht, Viel nur liebt, wer viel erduldet; Liebe, die dcS Lcid's gebricht, Noch der Liebe Thaten schuldet. I. Fastenrath. --SSMSS-.--— Schachaufgabe. Von H. v. Gottschall. Schwarz. ^ L v v L ^ o 'S Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auflösung des KönigSzugeS in Nr. 30: Zweifel und Mißtrauen morden die Liebe. -- 33 . 1894 . „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 24. April Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Wirklich näherten sich jetzt einige höhere Gerichtsund Polizeibeamte, welche eifrig mit Marbach und Warneck sprachen. Schutzleute mußten die Menge zum Verlassen des Gartens auffordern, das auch ohne Widerspruch geschah. Nun erst wollte man, da es mittlerweile tagte, an die Oeffnung des Möbels gehen. „Der Secretär ist offen!" rief der Polizei-Com- missar, welcher mit einem seiner eigenen Schlüssel pro- birte. Man blickte sich betreten an, worauf der Beamte den Inhalt des Möbels zu prüfen begann. „Nr. 1 Schmuckstücke, welche nur als Andenken einen Werth zu haben scheinen," sagte er, einige Gegenstände kleinen Fächern entnehmend. „Sonst dergleichen, wie es scheint, nicht vorhanden. „Das ist undenkbar, Herr Kommissar!" rief der alte Maler erregt. „Sie wissen, ich gehöre zu ihrem intimen Freundeskreise und habe häufig genug einen Blick in dieses Möbel hineinwerfen dürfen. Tante Hanna besitzt seltene Schmuckstücke, deren Diamanten- Werth ein kleines Vermögen bildet und die sie längst, wie sie mir oft gesagt, veräußert hätte, um unterschiedliche Thränen mit dem Gelde zu trocknen, wenn sie nicht edle Herzen, die sie ohne ihr besonderes Verdienst dadurch hätten ehren und auszeichnen wollen, zu tief verletzen und kränken würde. — Suchen Sie nur genau nach, es muß sich jedenfalls noch finden. Marien Sie, Herr Kommissar, jetzt bin ich orientirt, in diesem großen Schubkasten hier rechts unten müssen die Werthsachen liegen." Der Beamte zog den bezeichneten Kasten auf, er war bis auf ein alterthümliches Armband mit Rubinen und einige Ringe, welche darin umherlagen, völlig leer. „Der Teufel auch!" rief Reinhardt bestürzt, „das sieht ja genau nach einem Raub aus, da die ordnungsliebende Tante Hanna dergleichen Dinge nicht so wüst umherliegen ließ." „Ich fürchte jetzt selber, daß die Geschichte darnach aussieht," sagte der Kommissar, die Gerichtsherren anblickend, welche ebenfalls sehr bestürzt zu sein schienen und ihn erregt aufforderten, die Untersuchung fortzusetzen, während der Amerikaner suchend durch den Garten schritt. „Hier links befanden sich ihre Werthpapiere, dort oben ihr baares Geld," fuhr Reinhardt hastig fort. Die Werthpapiere waren vollständig vorhanden, das baare Geld war verschwunden. Tiefe Stille herrschte unter den Anwesenden, während der Kommissar noch sämmtliche Behälter untersuchte, und auch das kleinste Fach nicht vergaß. — Es fand sich in der That nichts weiter vor. „Nun, meine Herren?" fragte Warneck, welcher seinen Rundgang durch den Garten vollendet hatte und nun hinzutrat, erwartungsvoll. „Es liegt hier offenbar ein Raub vor," sprach der Kommissar mit fester Stimme. „Somit ein Raubmord!" ergänzte Warneck bestimmt. Alle blickten ihn entsetzt, ja sogar mißtrauisch an. „Dieser Herr wird recht behalten," nahm Doctor Peters jetzt das Wort, „ich selber war über die Natur der schweren Verwundung in Zweifel, — nun bin ich überzeugt. Die Unglückliche wird von dem Gewitter geweckt und von dem Diebe, als sie sich im Schreck bemerklich gemacht, mit jenem Todtschläger ermordet worden sein. Vielleicht wird der Unhold niemals entdeckt werden, da ich leider Gottes befürchten muß, daß Tante Hanna wohl am Leben, aber geistig todt bleiben wird." „Oh, das wäre ja gräßlich!" rief der alte Maler, die Hand über die Augen legend, um die hervorquellenden Thränen zu verbergen. „Da nun nicht anzunehmen ist, daß die Greisin den Mörder in der Nacht gesehen hat," bemerkte der Kommissar, „so kann uns nach dieser Seite hin ihr Zustand nicht weiter beirren. Ich möchte die Herren nur um strengste Geheimhaltung des hier Verhandelten bitten, weil dies das Gelingen aller in der Sache nothwendigen Schritte bedingt. Kann ich auf Ihr Ehrenwort rechnen?" Die beiden Freunde, sowie Reinhardt und der Arzt versprachen es mit Handschlag und Wort, während die Herren Vom Gerichte zum „Bau" gehörten, wie der Maler mit einem gewaltsamen Anlauf zu seinem gewohnten Humor bemerkte. Das alte Möbel wurde, nachdem es so gut als möglich geschlossen worden, durch herbeigerufene Feuerwehrmänner nach der Polizei geschafft, ebenso die anderen geretteten Sachen, um kein vorlautes Gerede zu veranlassen. Dann begaben sich die Herren in sehr ernster Stimmung nach Hause, die beiden Freunde aber nach . dem Gasthof, wohin sie ihre Pferde wieder zurückgeschickt hatten, um nach einem Imbiß eiligst nach Noten- hof zurückzukehren. — Am nächsten Morgen ritt Marbach nach Edenheim, um Armgard Holten von dem schrecklichen Ereigniß der letzten Nacht so schonend als möglich in Kenntniß zu setzen. Das junge Mädchen hörte ihm wie erstarrt zu, obwohl sie das Unglück nur dem verhängnißvollcn Blitzstrahl, nicht aber einem Verbrechen zuschrieb, da sie von vem Verdacht eines solchen keine Ahnung hatte. Allerdings hatte der Blitz ja das Häuschen eingeschert, doch die alte Dame keineswegs getroffen, da auch nicht die geringste Spur des elektrischen Funkens an ihr zu entdecken gewesen war. „Oh, hätte ich die gute Tante Hanna doch überredet, gleich hier zu bleiben," klagte Armgard, in Thränen ausbrcchend, „wie furchtbar lastet dieses Versäumniß auf mir." „Ich bitte Sie aufrichtig, mein gnädiges Fräulein, sich doch keiner unnützen und völlig unverdienten Selbstquälerei hinzugeben," tröstete Marbach die Fassungslose. „Ja, ich bin, wenn anders meine Menschenkenntnis; mich nicht im Stich läßt, davon übGzcugt, daß die alte Dame ihrem Entschluß, heimzukehren, ebenfalls treu geblieben wäre, und sich nicht von Ihnen zum Bleiben Hütte überreden lassen." „Sie mögen recht haben, Herr Marbach," erwiderte Armgard nach einer kleinen Pause, ihre Thränen trocknend, „und die Gute lebt ja auch noch, wir dürfen also trotz ihres hohen Alters die Hoffnung noch immer festhalten. — Die Aerzte geben sie doch noch nicht auf?" „O nein, sie hoffen sie am Leben zu erhalten, fürchten aber eine dauernde Geistesschwäche." „Das wäre entsetzlich und schlimmer noch als der TodI" rief Armgard zusammenschauernd, „die Aermste, sie befindet sich doch in guten Händen?" „In den besten, wie der Arzt versichert, meine Gnädige. — Man scheint in der Liebe und Treue um diese alte Dame buchstäblich zu wetteifern, alle Häuser und Herzen sind geöffnet. Ein beneidenswerther Lebensabend !" „Allerdings," stimuue Armgard bei, „nur wenige Auserwählte hienieden dürfen sich eines solchen Lebensabends rühmen, der jedoch auch ein so vollständig verdienter ist. Tante Hanna ist eine alte Jungfer, aber sie giebt uns das leuchtende Beispiel der Selbstlosigkeit und Hingebung, wie Gattin und Mutter beides nicht erhabener bewahrheiten können. Ihre Familie umfaßt diese ganze Gegend, und Sie dürfen überzeugt sein, daß sowohl in jedem Palaste wie in jeder Hütte die Klage um Tante Hanna eine ebenso allgemeine als aufrichtige sein wird. Wenn irgend eine auf der Welt das gehässige Vorurtheil gegen den sogenannten Altjuugfern- stand bannen müßte, dann dürfte es unsere Tante Hanna sein." Marbach erhob sich jetzt, um sich zu empfehlen. „Ich fahre nach der Stadt," sagte er, „und werde mich zugleich nach dem Befinden Ihrer alten Freundin erkundigen, mein gnädiges Fräulein l — Wenn Sie es wünschen —" „Ich wünsche noch eins, was mir unklar geblieben, zu wissen, Herr MarbachI" unterbrach ihn Armgard hastig, „wie hat man Tante Hanna gefunden und wer hat sie gerettet?" Der junge Mann erröthete wie ein Schulknabe und blickte verlegen vor sich hin. „Mein Freund Warneck und ich," begann er endlich zögernd, „ritten gestern Nachmittag nach der Stadt, wo wir uns im Kreise alter und neuer Freunde verspäteten. Als wir nach Mitternacht heimkehrten, schlug gerade vor uns der Blitz in jenes Häuschen ein, das mir bereits durch meinen Freund Reinhardt .bekannt geworden. Ungewiß, ob die alte Dame bei Ihnen, mein gnädiges Fräulein, sich noch befinde oder bereits zurückgekehrt und alsdann in Gefahr sei, zu verbrennen, drangen wir in's Haus und fanden sie endlich bewußtlos vor ihrem Bette liegen. Ihre Rettung war für uns weder mit großer Mühe noch Gefahr verbunden, Gott sei Dank waren auch bald Aerzte zur Stelle, welche sie in ihre Obhut nahmen." „Sie haben also die Gute gerettet!" rief Armgard, ihm tiefbewegt beide Hände entgegenstreckend, welche er verwirrt ergriff und an seine Lippen führte. „Und sie sagten mir kein Wort davon, wollten sich meinem Dank entziehen. Diese That wird Ihnen unvergessen bleiben." „Sie überschätzen dieselbe, meine Gnädige!" wehrte Marbach fast ängstlich ab. „Verdient die einfachste Menschenpflicht einen solchen Dank? Gott gebe nur, daß es den Aerzten gelingen möge, ihr geistiges Leben zu retten, denn sonst wäre meine That allzu gering und besser unterblieben." „Hoffen wir es, Herr Marbach," sagte Armgard wehmüthig. „Doch — sagten Sie nicht vorhin, daß Sie nach der Stadt fahren?" „Ja, mein gnädiges Fräulein." „Haben Sie einen Platz für mich übrig?" „Ich fahre selber, benutze den Vordersitz meines kleinen Jagdwagens, wenn Sie sich mir anvertrauen wollen?" „Gewiß, ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Marbach. Ich möchte zu Tante Hanna, man wird mich doch zu ihr lassen?" „Oh sicherlich. — Sie erlauben, daß ich vorfahren lasse?" „Ich bin in fünf Minuten zu DienstenI" Mamsell Evers gerieth ganz außer sich, als Armgard ihr die Mittheilung über Tante Hanna machte. „Und nun wollen Sie auch fort, Fräulein I" schluchzte sie, „und mich arme Kreatur mit meinem Schmerz und dem amerikanischen Ding allein lassen!" Armgard schrak zusammen, da sie über das schreckliche Ereignis; die kranke Lotta vergessen hatte. „Ich bringe eine Wärterin aus der Stadt mit, liebe Evers," beruhigte sie die aufgeregte Mamsell. „Kann die Kleine doch nicht auf die Straße setzen. Es ist eine unangenehme Geschichte mit diesem Kinde, man kann aus dem Zustande desselben nicht recht klug werden." „Ja, es ist ein kluges Ding," zeterte die Evers, „das man sich nicht rasch genug vom Halse schaffen kann. Na, Fräulein, bleiben Sie nur nicht zu lange weg, Herr Marbach wartet unten schon auf Sie." Die Mamsell schaute den Davonfahrenden eine Weile nach und nickte dann energisch vor sich hin, wobei sie mit der Rechten nach ihrer Gewohnheit eine weg- 247 werfende Bewegung machte, welche diesmal Herrn Julius Steindorf und seiner Lotta galt. Der kleine elegante Jagdwagen von Rotenhof erregte seiner beiden Insassen halber eine Art Aufsehen in der Stadt, besonders unter der gebildeten Bevölkerung. Man blickte verdutzt hin und zog den Hut, die Damen grüßten und steckten die Köpfe zusammen, während in Armgard's Augen eine stille Genugthuung aufleuchtete. Diese Fahrt mußte unbedingt jenes ärgerliche Gerücht, das sie und Julius Steindorf zusammen nannte, mit einem Schlage verstummen lassen. Lieber mochte man an eine Verbindung mit Mcnbach glauben, eine solche konnte sie wenigstens nicht in ihren eigenen Augen erniedrigen. Mochte der kluge Herr Julius sie auch durch die' aufgezwungene Pflege seines Töchterleins zu compromittiren und dadurch an sich zu ketten suchen, so entwand sie ihm doch in dieser Stunde einen Haupttrumpf, indem sie der öffentlichen Meinung ein neues Räthsel aufgab. Sie fuhren an der Brandstätte vorüber, wo nur schwarze Mauerreste noch emporragten. Gestern noch bot das allerliebste Häuschen ein trauliches Heim stiller Zufriedenheit, selbstgenügsamenGlücks, unter dessem Dache unzähligen Hülfsbedürftigen aller Klassen Rath, Trost und Hülfe gespendet worden war. TanteHanna's frischer und fröhlicher Geist war um- nachtet, vielleicht gar — entsetzlicher Gedanke — zum Blödsinn verurtheilt, ihr Heim vernichtet, während ihre geliebten Rosen abgebrochen und zertreten auf dem Erdboden lagen, ein Bild trostloserZerstörung, welche das Unheil dieser Nacht verschuldet. Ueber Armgard's Wangen tropften Thränen bei diesem grauenvollen Anblick. „ Soll ich Sie gleich zu der Kranken fahren, gnädiges Fräulein?" fragte Marbach endlich leise. „Nein, wenn ich bitten darf, zuerst zu meinem alten Hausarzt, Dr. Peters, der an der neuen Promenade wohnt." Es lag ihr daran, gesehen zu werden. Der Arzt war nicht mehr daheim, sie blieb deßhalb bei der alten Frau Doctorin, mit welcher sie zusammen Tante Hanna besuchen wollte, und bat Marbach, sie hier, wenn er heimfahren wollte, wieder abzuholen, was derselbe mit sichtlicher Freude versprach. „In zwei Stunden etwa?" fragte er, und Armgard nickte zustimmend. Die alte Frau Doctorin, welche mit ihrer verstorbenen Mutter einst sehr befreundet gewesen, blickte ihr forschend in die Augen und meinte dann, daß der junge Besitzer von Rotenhof einen sehr guten Eindruck mache und sicherlich eine vielumworbene Partie sein werde, wozu Armgard ein nachdenkliches Gesicht machte, ihn lobte und sehr zerstreut schien, was die alte Dame, welche Armgard besonders lieb hatte, mit sichtlicher Befriedigung zu bemerken schien. Dann aber drehte sich die Unterhaltung einzig um Professor vr. F. F. v. Funk. die arme Tante Hanna, und Armgard bedauerte es, daß der Doctor sie nicht selber in sein Haus genommen, wo die Gute doch jedenfalls am besten aufgehoben gewesen sei. „Er hat's ja wollen, meine Beste!" rief die Doctorin, und auch ich hätt's so gern gesehen, aber es war nicht möglich, Ruhmnnn's, zu denen man sie in der Eile zunächst geschafft, dazu zu bestimmen. Sie ist ja auch dort gut aufgehoben, es hätte Tante Hanna eben ein Jeder gern genommen." Unter diesem Gespräch hatte sich die alte Dame, da Armgard jede Erfrischung ganz energisch sich verbeten, zum Ausgehen gerüstet, worauf Beide das Haus verließen. Sie wurden, bis sie zu ihrer Kranken gelangten, noch vielfach durch Bekannte aufgehalten, erreichten aber doch endlich das Nuhmann'sche Haus und standen nach wenigen Minuten am Bett der Unglücklichen, welche in ihrer Unbe- weglichkeit, ihrer starren Apathie schon mehr einer Leiche glich. Ihr Gesicht war so weiß wie die Binde, welche um ihre Stirn gelegt war, und die weitgeöffneten Augen blickten mit blödem Ausdruck in's Leere. „O, das ist entsetzlich!" flüsterte Armgard, faffungs-los in Thränen ausbrechend, „und keine Hoffnung auf eine Aenderung dieses Zustandes, der schlimmer ist als der Tod?" „Keine als durch ein göttliches Wunder, mein liebesFräulein," sprach der Doctor, welcher leise eingetreten war. „Glauben Sie mir," fuhr er flüsternd fort, „daß ich nur mit Widerstreben auf ihre leibliche Genesung hoffe, weil der Tod hier in der That eine Wohlthat wäre." „Und was kann die Ursache dieser Geisteslähmung sein, lieber Doctor?" fragte Armgard, sich gewaltsam fassend. „Unzweifelhaft eine tieferliegende Verletzung des Gehirns, welche sozusagen die directe Leitung der seeli- schenThätigkeit unterbrochen hat. Wir vermochten die Ursache, ohne das Leben der Kranken zu gefährden, nicht anders festzustellen, als durch die Wirkung, welche nur darauf zurückzuführen ist." Armgard beugte sich über Tante Hanna, sah ihr in die Augen und nannte mit zärtlichem Tone ihren Namen. Doch nicht der leiseste Ausdruck oder die kleinste Regung deutete auf ein Empfinden oder Erkennen hin; das Leben pulsirte noch in diesem Körper, weiter nichts. Das junge Mädchen küßte sie zärtlich und verließ dann schweigend mit der alten Doctorin das Krankenzimmer. Der Arzt folgte ihnen. (Fortsetzung folgt.) -i- Goldkörncr. Die Tugend ist die Mutter des Glücks; wer die Tochter haben will, halte es mir der Mutter. WM MZ» ^ M MW WMH/Ä TM MÄ/L W*-..'< .!-.>!-! WW WLÄ >S-!-- -^-r^ WW^>' WE «MM WW ^2 rr » >6 <2 rr 7? ^ r: r- -2 «-» n s c- Lv « ^-. G Z- 2 >s ^ L sr >b r-> S ^ r: -- rr o ^) --» ^> L>KAAi-26-ö?O sM^- V- o <->-> « ^c> >i< ^ >ro G ^ L. *Z .5 Z ^-RKT^Nt^NN' WM d«WW! ^ Ew« -Ä! ZM DMI 7^/'^ MMW . ,»s <"°sSD:'j ^rSMDWÄH^U --M ^WK! 250 Kloster Wald. (Mit Bild.) O Wenn der Wanderer das freundliche mittlere Günz- oder Jllerthal durchwandert, erblickt er in der Nähe von Memmingen auf ziemlich hoher Lage das schöne Kloster und Erziehungs - Institut Kloster Wald — ^ Stunde nördlich von dem ehemals hochberühmten Benediktiner- Kloster Ottobeuren, 1J/z Stunden östlich von der Stadt Memmingen gelegen. Kloster Wald wird wohl mit Recht ein „Sion" genannt; es bildet das Klostergebäude ein für sich abgeschlossenes Viereck; seine Lage ist eine prachtvolle zu nennen. Jsolirt thront das Kloster auf dem Berge, an dessen Fuß die westliche Günz durch üppige Wiesen und Felder sich schlängest; in geringer Entfernung ist es gegen Norden, Osten und Süden von schönen Fichten-, Birken- und Buchenwäldern umsäumt; gegen Westenaberist freie Aussicht; in letzteren Jahren eröffnete die Axt des Waldmanncs auch die fernste Aussicht in das Günzthal. Eine wahrhaft entzückende Fernsicht ist namentlich am Morgen: gegen Süden bildet den Hintergrund eine lange Kette der Allgäuer und Tiroler Alpen, gegen Norden reiht sich im östlichen Günzthal Dorf an Dorf mit dem alten Nömer- thurme zuSchönegg und mit dem Schlosse des Fürsten Fugger zu Babenhansen; gegen Westen erblickt dasAuge eine große Menge von Ortschaften, Weilern und Einöden des Jllcr- thales mit den Schlössern Kronburg, Zeil, Eroldsheim und Eisenburg. Den Hintergrund dieses schönen Panoramas bilden die württcmbergischen Bergesrcihen, aus deren bewaldeten Höhen freundliche Kirchen mit ihren Thürmen und Ortschaften hervorschauen und bei schöner Morgenbeleuchtung ihre schimmernden Fenster gleichsam als Morgengrüße zu uns herübersenden. Kein Wunder also, wenn in Kloster Wald, diesem herrlichen Sion, wo ein kleiner Theil des Himmels sich auf die Erde herabgelassen zu haben scheint, — das Herz so leicht zu Gott sich erhebt. Fern vorn Gewühle der geräuschvollen Welt, hoch erhoben in stiller Einsamkeit fühlt sich das Gemüth, das für Naturschönheiten ein wenig noch empfänglich ist, ganz in gehobener Stimmung zum Lobe Gottes. Die Geschichte von Kloster Wald ist schon ziemlich alt. Zum Entstehen deS F-rauenklosters Wald war im Jahre 1681 die erste Anstalt getroffen. Maria Mahr, eine fromme Jungfrau vom nahegelegenen Westerheim, hatte sich mit einer kleinen Gesellschaft ihres Geschlechtes durch eine einfache Verlobung zu einem vollkommenen Leben verbunden, und hegte die Absicht, wenn es thunlich wäre, die Anfängerin eines kleinen F-rauenklosters unter der Regel des hl. Benedikt in dieser Gegend zu werden. Das nahe Benediktiner- Neichsstift Ottobeuren willfuhr ihrem frommen Wunsche, und da sie zu „Wald", nicht weit von der uralten St. Max-Kapelle, zu ihrem neuen Ordenshause den Platz wählte, so war an sie das daselbst gelegene Haus sammt Zugehör — es war das Haus, das ehedem ein Waldbruder oder Eremite bewohnte, an einem kleinen Weiher gelegen — als frei, ledig und unbesteuerbar nicht nur für 1000 Gulden erlassen, sondern man verringerte nachmals den Kaufschilling sogar um 150 Gulden nnd behielt sich bloß das Recht vor, wenn die fromme Stiftungsabsicht nicht sollte durchgesetzt werden, gegen Hinausgabe des be- mcldeten Kaufschillings Alles wieder an sich zu ziehen. Es sammelten sich nun bei der neuen Stifterin Maria Mahr so viele Liebhaberinnen des von der Welt abgesonderten geistlichen Lebens, daß das neu angekaufte Häuschen bei der St. Max-Kapelle dieselben kaum mehr faßte. Man entschloß sich, an dem.nämltchen Platze eine geräumigere Wohnung zu errichten — im Jahre 1684, zu welchem Ende der damalige Prior in Ottobeuren, k. Albert Kretz, die armen Jungfrauen mit einem Sammlungsoder Bittschreiben um freiwillige Beitrüge an wohlthätige Menschen versehen hatte. Der Neichsprälat Aemilian von Jrsee, der hiezu geladen und gebeten war, legte den ersten Stein zu diesem und gegenwärtigem Kloster, dessen Aufführung der Benediktiner-Pater Lampert Kathan von Ottobeuren, der in der Baukunst sehr erfahren war, leitete und besorgte. Der damalige Abt Benedikt hielt dabei eine passende Rede über das einsame geistliche Leben und las bei St. Max die hl. Messe; dies geschah am 11. April 1685. Das neue Kloster blühte sehr; immer fand es Zuwachs. Im Jahre 1706 starb daselbst den 6. März im Rufe der Heiligkeit Anna Maria Stedelin, eine jener frommen Frauen, welche, ohne sich bisher an eine bestimmte Ordensregel oder an feierliche Gelübde gebunden zu haben, daselbst friedlich beisammenlebten. Die Verstorbene wurde auf dem Gottesacker zu Ottobeuren begraben und vom damaligen Pfarrvikar Gordian Scherrichmit einer Leichenrede beehrt. Da Kloster Wald wegen der großen Zahl von Mitgliedern oft große Noth litt, so nahm sich desselben Kloster Wald. Original-Aufnahme von G. Bader. Photograph in Krumbach. fVervielfältigungsrecht vorbehalten.) IIS > » k .MM. WWW T- 251 das unweit von Salzburg gelegene Frauenstift Non- nenberg mit Rath und That an. Am 18. Dezember 1706 traf eine weibliche Deputation des Benediktinerstiftes Nonnenberg, nämlich die Frauen M. Cäcilia Schaf- männin und M. Scholastika Schrotterin mit dem Auftrag der Frau Äbtissin M. Anna Ernestine, einer gebornen Gräfin von Thun, in Wald ein, nahm dasselbe in Augenschein und als eine Nonnenbergische Kolonie in Besitz. Die bisherigen Bewohnerinnen von Wald traten in den Benediktiner-Orden und verblieben daselbst. So war M. Anna Ernestine von Thun die Stifterin der Benediktinerinnen zu Kloster Wald. Das Reichsstift Ottobeuren, welches fromme Anstalten zu befördern suchte, ließ diese neue Besitzergreifung ohne Widerrede geschehen, nahm aber zugleich den nöthigen Bedacht für Aufrechthaltung seiner landesherrlichen Gerechtsame, welche schon im Jahre 1700 etwas gefährdet zu werden schienen. Im neuen Kloster lebte Alles friedlich beisammen. Wie es aber unter der Sonne nichts Vollkommenes gibt, und wie aller Friede seine Unruhe, alle Freude ihr Leid hat, so sollte auch dieses friedliche Kloster seine Leiden erhalten. Im Jahre 1800 hatte Wald von einer zahlreichen feindlichen Truppe mehrere schreckensvolle Tage durchzumachen. Das hochgelegene und hochgebaute Kloster Wald, welches gegen die Abendseite einen freien und weiten Prospekt machte, lud die bei Hawangen und Uugerhausen gelagerten feindlichen Franzosen auf einen Besuch ein, den man sich auch den 16. Mai, beiläufig 1000 Mann an der Zahl, obwohl auf eine sehr unhöfliche Weise, gefallen lassen mußte. Die Franzosen drangen mit Gewalt in das Kloster, spalteten mit Aexten die Thüren, erbrachen die Kästen, raubten den Vorrath an Leinwand, zerschnitten die Betten, nahmen im Kloster und dem angelegenen Oekonomiehof, was ihnen beliebte, hieben 16 Schafen die Füße ab, beluden die zubereiteten Wagen mit ihrer Beute und zogen zu ihren Waffengefährten zurück. Zum Glücke waren die armen, frommen Klosterbewohnerinnen sammt ihrem Beichtvater noch rechtzeitig nach Ottobeuren entkommen, wo sie anfangs der Kanzler von Weckbecker in seinem Hause aufnahm, dann aber beim Anwachsen einer noch größeren Gefahr in der Klosterabtei Aufnahme fanden. In der Abtei wurde ihnen der philosophische Hörsaal als Speisezimmer und der Schlafsaal der Studenten, welche Ottobeuren verlassen hatten, zur nächtlichen Ruhe eingeräumt. — Zur Zeit der allgemeinen Klösteraufhebung im Anfange unseres Jahrhunderts, wo so viel vernichtet wurde, wurde auch Wald säkularisirt. Unter Thränen und Jammern wurden die armen Benediktinerinnen, darunter mehrere alte und kranke Schwestern, in die Welt hinausgestoßen. Unendlich schmerzlich war der Abschied von der geheiligten Stätte, wo so viel Gutes gethan, so reichliches Almosen an Arme der ganzen Umgegend verabreicht worden. Das Kloster steht heute noch im gesegneten Andenken. Im Jahre 1804 kam das Kloster um einen Spottpreis in den Besitz der protestantischen Familie v. Schütz aus Memmingen, in deren Händen es blieb bis zum September 1865, von da aber durch Kaufvertrag an das Englische Fräulein-Institut Mindelheim überging. Handwerksleute von allen Professionen mußten sogleich berufen werden, um die ruinösen Klosterräumlichkeiten für ein Pensionat einzurichten. Fast 10 Monate dauerten die Restaurationsarbeiten, bis am 21. Juni 1866 ein feierlicher Weiheakt des Klosters und des Bet- saales vorgenommen wurde. Dieser Tag war ein wahrer Jubeltag für das neuerstandene Maid. Die Zöglinge von Mindelheim in Begleitung sämmtlicher Lehrerinnen trafen auf dekorirten Wagen zum Feste ein. Feierlich rührend ertönten nun wieder zum ersten Male die über ein halbes Jahrhundert verstummten Glöcklein Kloster Walds. Der hochw. Pater Prior von Ottobeuren, Philipp Er am er, nahm die kirchliche Benediktion vor und brachte das Opfer der hl. Messe dar — in einem eigens hiezu hergerichteten Betsaale. Ach, wie ergreifend war das Geläute bei der hl. Wandlung I Bei der hl. Kommunion empfingen die anwesenden Mitglieder des Instituts die hl. Kommunion, und ein feierliches Tedeum schloß den Gottesdienst. Die dem Kloster auf der Nordseite angebaute Kirche konnte erst nach vollendeter Restauration am 21. April 1868 feierlich eingeweiht werden. Auch dieser Tag war ein Freudenfest für Kloster Wald. Der hochw. Herr Dekan Kleinhans von Mindelheim hatte nach einer rührenden Ansprache die Weihe der Kirche vorgenommen und das Amt gehalten. Wohl kein Auge blieb ohne Thränen. Das Innere der Kirche, das bisher als Wagenremise und zur Aufbewahrung des Holzes verwendet ward, wurde wieder zur Würde eines Gotteshauses erhoben. Das Innere der Kirche — 105 Fuß lang, 45 Fuß breit und sehr hoch, — ist mit einem schönen Hochaltar, in welchem die hl. Mutter Anna — als Patronin dieser Kirche — in schönem Schnitzwerke (von Bildhauer Nehm in München) sich befindet, (jetzt ein prächtiges Gemälde der hl. Anna von Kunstmaler Merkle in Augsburg) und mit zwei hübschen Seitenaltären geschmückt, deren rechter der Mutter Gottes, deren linker dem heiligen Anton von Padua geweiht ist. Der Mutter Gottes- Altar, in welchem der hl. Leib der hl. Martyrin Viktoria ruht, ist mit dem Englischen Gruß-Gemälde (von Riedmüller in München), und der St. Antonius - Altar, in welchem die Häupter der hl. Märtyrer Clemens und Luius — geschmackvoll gefaßt — ruhen, ist mit einem wunder- lieblichen Bilde des hl. Antonius (ebenfalls von Ried- müller) geschmückt. Dem Haupteingange gegenüber führt eine Thüre in die sehr schöne und geräumige Gruft, die Begräbnißstätte der früheren Benediktinerinnen, welche auf abgegebenes Gutachten des Bezirksarztes und mit Erlaubniß des bischöflichen Ordinariats als Begräbnißstätte der Engl. Jnstituts-Mitglieder benutzt wird. Zwei große Emporen dienen und zwar die untere den Englischen Fräulein und Schwestern zu ihren Chorgebeten, die obere den Zöglingen zu ihren Andachten. Eine sehr niedliche und geschmackvolle Kanzel dient zur Verkündigung des göttlichen Wortes. An Werk-, Sonn- und Feiertagen wird regelmäßig Gottesdienst gehalten (an ersteren Tagen um 7 Uhr, an letzteren um 8 Uhr), dem auch die nahgelegenen Filialisten von Eggisried und Stephansried beiwohnen. Die Kirche, obwohl einfach gemalt und eingerichtet, ist so freundlich und einladend, zum Gebete und zur Andacht stimmend, daß schon viele Besucher in die Worte ausbrachen: „Ach, da könnte ich auch gut beten," oder: „Da möchte ich auch weilen und Gott dienen." Der Zweck des Instituts ist die Erziehung der weiblichen Jugend. (Gegenwärtig bilden 12 Fräulein und 13 Schwestern die Familie.) Sämmtliche Lehrfächer sind mit vorzüglichen Lehrkräften besetzt. Daß das Institut seinen schönen Zweck erfüllt, daß es mit Segen wirkt und die Erwartungen der Eltern rechtfertigt, die demselben ihr 252 Theuerstes anvertrauen, beweisen einestheils die glänzenden Prüfungen aus den einzelnen Lehrfächern, andern- theils die Zufriedenheit und die Freude der Eltern während des Aufenthaltes ihrer Kinder im elterlichen Hause während der Ferienzeit. Das ganze Lehrpersonal weiht sich mit aufopfernder Liebe und Sorgfalt seinem ebenso wichtigen als schwierigen Berufe. Ein erfreuliches Zeugniß hiefür ist, daß sämmtliche Zöglinge in dankbarer Anerkennung dessen ihren Lehrerinnen auch mit aller Liebe und Anhänglichkeit zugethan sind. Unvergeßlich ist Kloster Wald Jenen, die schon als Zöglinge hier waren; fast alljährlich kommen sie auf ein paar Tage hierher auf Besuch. Der Eindruck, den Kloster Wald auf sie gemacht, sagen sie, ist unauslöschlich. Zum Schlüsse sei noch gestattet, über die klimatischen Verhältnisse des Instituts eine Bemerkung bekannt zu geben. Die hohe und von Wäldern umgebene Lage ist eine sehr milde, gesunde. Stets ist man im Genusse einer frischen, stärkenden, reinen Luft. Zeugniß hiefür gibt das gesunde, blühende Aussehen der Zöglinge und der Umstand, daß im Laufe der Jahre nicht ein einziger, auch nur einigermaßen Bedenken erregender Krankheitsfall vorkam. Für geistige und leibliche Bedürfnisse der Zöglinge ist auf's Beste Vorsorge getroffen. Bezüglich der letzteren bietet das Erforderliche theils die große Oekonomie des Hauses, theils wird dasselbe von Ottobeuren oder Mem- mingen oder selbst von Mindelheim ohne Schwierigkeit herbeigeschafft. So kann man sich nicht leicht eine Stätte denken, die für die Zwecke eines Erziehungs- und Unterrichts- Jnstituts mehr alle erforderlichen Eigenschaften darböte, als dieses stille, vom Geräusche der Welt abgeschiedene, herrliche Kloster. Möge es unter Gottes Segen und Schutz stets blühen zu seiner Ehre und zum Nutzen und Frommen der weiblichen Jugend, der Familien und der menschlichen Gesellschaft! -S-8WSS- (Zu unserem Bild Seite 247.) vr. Franz Mauer v. Funk, Professor an der Universität zu Tübingen, wurde am 12. Okt. 1840 geboren zu Abtsgmünd in Württemberg. Er empfing von 1850—1859 seine Gymnafialbildung in Ellwangen, studierte von 1859—63 in Tübingen Philosophie, Theologie und Staatswissenschaften, trat im Herbst 1863 in's Priesterseminar in Rot- tenburg und wurde 1864 ordinirt. Nachdem er ein Jahr in Waldsee in der Seelsorge gewirkt, begab er sich zur Fortsetzung seiner philosophischen und nationalökonomischen Studien nach Paris. Nach neunmonatlichem Aufenthalt daselbst wurde er Repetent am Wilhelmsstift in Tübingen. Als Professor vr. von Hefele im Jahre 1869 zum Bischof von Rottenburg gewählt wurde, hatte er dessen Lehrstuhl zu übernehmen, und er las demgemäß fortan Kirchengerichte, Patrologie und Kunstarchäologie, zunächst in seiner bisherigen Stellung, seit 1870 als außerordentlicher, seit 1875 als ordentlicher Professor. Im Jahre 1890 erhielt er das Ehrenritterkreuz des Ordens der Württembergischen Krone, mit dem der persönliche Adel verknüpft ist. Im Jahre 1892/93 verwaltete er das Rektoramt der Universität Tübingen. Seine Schriften sind außer zahlreichen Abhandlungen und Untersuchungen in der Tübinger Zeitschrift für die gesummten Staatswissenschaften, der Theologischen Quartalschrift, derenMitredacteur er seit 1875 ist, dem Historischen Jahrbuch der Görresgesellschaft und verschiedenen anderen Zeitschriften folgende: Zins und Wucher, eine moraltheologische Abhandlung, 1868; Geschichte des kirchlichen Zinsverbotes, 1876; Oxora xatrum axostolioorum, 2 Bde., 1878-81, Bd. I. in 2. Aufl. 1887; die Echtheit der gnatianischen Briefe aufs Neue vertheidigt, 1883; Lehrbuch der irchengeschichte, 1886, 2. Auflage 1890; vootrina äuoäsoim axogtotoruw, 1887; die katholische Landcsuniversttät Ellwangen und ihre Verlegung nach Tübingen, 1889; die Apostolischen Con- ; stitutionen, eine literarhistorische Untersuchung, 1891. Allerlei. Ein Schlaumeier. Der kleine Emil sals er seine Schwester mit einem schönen Apfel in's Zimmer treten siehtj: „Komm', Elli, wir spielen Adam und Eval" — Elli: „Ja, wie denn?!" — Emil: „Nun, Du versuchst mich mit dem Apfel, und ich esse ihn!" Erklärlich. Erster Protz: „Warum spielt Ihre Tochter z. B. nie Wagner?" — Zweiter Protz: „Nu, sie wird doch nicht was Anderes spielen, wenn Sie was Selbstkomponirtes spielen kann. Jeder ist sich doch selbst der Nächste!" * Berechtigte Frage. A szu dem Vater eines stark „verhauenen" Studentenj: „Sagen Sie, lieber Freund, wieviel geben Sie Ihrem Sohne eigentlich Nadelgeld?" -SS8XNS- Fodtenktage um Zs. W. Weöer. Ja, trau're an des greisen Dichters Bahre — Des Sanges gold'nes Diadem gewunden Er hat um Deine Stirn in Himmelsstunden. O, Deutschland, sein Andenken wohl bewahre! Die frömmsten, treu'sten Geister um Dich schaare. Aus ihnen ist er Einer, der in Wunden Dein Bestes sucht' und d'rin sein Glück gefunden. So, deutsche Jugend, Deiner Straßen fahre! Ja, fromm war er in den „Marienrosen" Und treu im höchsten Ideal sein „Goliath", Die „Lieder" innig Herz und Geist umkosen. Verklärt wird bleiben seine heil'ge Grabstatt Im „ew'gen Licht von Dreizehnlinden", tosen Auch Stürme. Sieh', wie er gekämpft, gesiegt hat! -—-- Himmelsschau im Monat Mai. —Merkur ist nicht sichtbar. Venus ? steht am 9. im Aequator, geht auf zwischen 3 U. 30 M. und 2 U. 44 M. und erreicht 9 U. vorm. ihre größte Höhe. Mars ^ im Wassermann geht auf zwischen 2 U. 33 M. und 1 !I. 21 M. früh und durchschreitet den Meridian bereits um 7 U. morgs. Jupiter geht in der Abenddämmerung unter. Saturn H ist fast die ganze Nacht sichtbar und verläßt gegen 4 U. früh den westlichen Horizont. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. Merkur, am 7. Jupiter, am 16. Saturn; Venus wird am 1., Mars am 28. vom Blonde bedeckt. - - Milder-KätHser. HL34. Areitag, den 27. April 1894. Kür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Tanke Sanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Wie geht's mit Ihrer kleinen Patientin, Fräulein Holten? fragte der Doctor rasch. „Muß ich hinauskommen?" „Wenn Sie können, bitte ich darum, lieber Doctor. Ich möchte überhaupt eine Wärterin für die Kleine haben, da ich sie nun einmal —" „Am Halse habe," ergänzte der Arzt, als sie zögerte. „Ich besorge Ihnen eine barmherzige Schwester, mein liebes Fräulein l — werde sie Ihnen selber bringen." „Herzlichen Dank!" Der Doctor ging zu der Kranken zurück, die beiden Damen verabschiedeten sich im Hause und gingen dann fort, um nach der furchtbaren Erschütterung sich durch einen Spaziergang erst wieder zu beruhigen. Ohne Verabredung, wie unter einem gemeinschaftlichen Zwange schlugen sie den Weg ein, welcher aus dem Thore nach der Brandstätte führte. Dieselbe wurde von einer Feuerwehrwache behütet, da mit der Ausräumung des Schuttes des zweiten Feiertags halber erst am nächsten Lage begonnen werden konnte. Stumm wanderten die beiden Damen, welche von der Wache die Erlaubniß dazu erhalten hatten, durch den Garten, welcher überall die Spuren jenes nächtlichen Ereignisses trug. Sie wagten kein Wort zu sprechen vor tiefer schmerzlicher Erregung, und setzten sich einen Augenblick in die Laube, welche sich am Ende des Obst- und Gemüsegartens befand. „Nun wird Ihnen das kranke Kind auch recht lästig werden, Fräulein Armgard I" begann die Doctorin nach einer Weile. DaS junge Mädchen starrte sie, wie aus einem Traume erwachend, fast erschreckt an. „Lieber Gott! werden Sie nur nicht krank von dieser furchtbaren Aufregung, mein Kindl" fuhr die alte Dame, ihre Hand ergreifend, bekümmert fort. „Wir müssen uns Alle in das Unabänderliche fügen. — Ich sprach von dem kranken Kinde, das Herr Steindorf Ihnen aufgedrängt hat —" „Es war nicht krank, als er mich darum ersuchte," fiel Armgard hastig ein. „Mag sein, Kind, — wenn er Ihnen nun die Kleind läßt und ohne den Ballast nach Amerika Zurückkehrt?" Armgard sah sie erstaunt an und schüttelte dann den Kopf. „Weßhalb halten Sie Herrn Steindorf für schlecht» Frau Doctorin?" fragte sie langsam. „Hat er diese Meinung nicht schon vor Jahren gerechtfertigt?" „Nein, er konnte nichts dafür, daß seine Liebe einer Andern gehörte. Das Herz läßt sich nicht zwingen." „Nun, vielleicht ist sein Herz gefügiger geworden und läßt sich vom Verstände leiten. — Lassen wir ihn, Fräulein Armgard, und kommen Sie rasch mit mir hinweg von dieser Stätte jammervoller Verwüstung." Sie wollten die Laube verlassen, als Armgard, deren Blick am Boden wurzelte, sich rasch bückte, um einen in die vom Regen aufgeweichte Erde tief eingetretenen glänzenden Gegenstand zu betrachten. Sie nahm ein Stückchen, um denselben an die Oberfläche zu bringen» und hob ihn dann auf. Es war ein großer goldener Manschcttenknopf mit einem Monogramm. „W. P." las Armgard. „Hm, der ist in voriger Nacht im Gedränge verloren worden," bemerkte die Doctorin, „mein Mann kann den Knopf der Polizei einliefern, dann wird sich wohl der Eigenthümer dazu finden." In diesem Augenblick näherten sich Schritte. „Ach, Herr Marbach!" rief Armgard, „und auch Sie, Herr Warneck, guten Morgen! — Wollen Sie sich die Unglücksstätte ansehen?" Die Herren grüßten und wurden von ihr der Doctorin vorgestellt. „Es sieht sehr traurig aus," sagte Marbach, „und greift einem odentlich an's Herz, wenn man sich das kleine reizende, so überaus poetische Heim der alten Dame in's Gedächtniß zurückruft." „Sie scheinen da etwas gefunden zu haben, mein Fräulein," schaltete Warneck ein, der als Amerikaner nur auf das Praktische sein Auge gerichtet und sofort den Manschettenknopf in Armgard's Hand gesehen hatte. »Ja, sehen Sie, der Knopf ist von einem Herrn hier verloren und in den weichen Erdboden getreten worden," sagte sie, ihm denselben hinreichend. Warneck betrachtete ihn von allen Seiten, zog dann sein Taschentuch heraus, um die Erdspnren zu tilgen und den Stempel zu erforschen. „Was wollen Sie mit diesem Funde beginnen, mein gnädiges Fräulein?" fragte er zögernd. 254 „Mein Mann soll den Knopf der Polizei einliefern," bemerkte die Doctorin, den Amerikaner etwas verwundert betrachtend, „der Eigenthümer wird ihn dann wohl zurückerhalten." „Gewiß," sagte Warncck, „aber versäumen Sie es nicht, meine Damen." „Nun, wenn Sie so besorgt darum sind," erwiderte Armgard, „dann übernehmen Sie es selber, Herr Warneck." „Ich gehe doch zur Polizei, meine Gnädige," nahm Marbach, welcher einen Blick seines Freundes aufgefangen, rasch das Wort, „wenn Sie mir den Fund anvertrauen wollen —" „Mit Vergnügen," fiel Armgard ebenfalls verwundert ein, „wäre dieser traurige Ort zum Scherzen geeignet, dann könnte man beinahe fürchten, als ob Sie uns vor der Aneignung fremden Eigenthums bewahren möchten." „Ja," meinte Warneck trocken, „es sieht beinahe so aus, mein Fräulein! — Dieses Monogramm hier interessirt mich indeß nur ein wenig, und da ich, wie Sie wissen, mich so wie so mit der Polizei hier befreunden muß, so bin ich in der That auf den Eigenthümer des Knopfes neugierig." „Ach, wegen jenes Herrn, der —" -Ja, mein Fräulein, jenes Herrn William Prien, meines lieben Freundes, den ich wie eine Stecknadel suche," fiel Warneck ruhig ein. „Es kann ja auch ein Anderer sein, wie viele Menschen mit dem Monogramm W. P. giebts nicht in der Welt." „Es giebt hier in unserer Stadt sogar einen mir sehr nahestehenden Herrn mit diesen beiden Buchstaben," sagte die Doctorin, „meinen eigenen Mann, welcher den Namen Walter Peters führt, dem dieser Knopf aber nicht gehört. Sie sehen nur daran, wie leicht die Anfangsbuchstaben irre führen." „O gewiß, Frau Doctorin, gebe ich das zu," versetzte Warneck, „gönnen Sie mir deßungeachtet die kleine Hoffnung, meinen lieben Flüchtling hier wieder zu finden." Die Damen ließen ihm gern die Hoffnung und damit den Knopf, worauf sie gemeinschaftlich in die Stadt zurückkehrten. Bei dem Hause der Doctorin trennten sie sich mit der Verabredung, sobald als möglich nach Hause zn fahren, worauf die beiden Herren langsam weiterschritten. „Glaubst Du wirklich an dieses Monogramm?" fragte Marbach nach einer Weile. „Ich möchte darauf schwören, daß der Knopf meinem theuren Prien gehört, dieser also in jener Laube anwesend war." Marbach blieb überrascht stehen. „Woher hast Du diese Ueberzeugung so rasch gewonnen?" Warneck schritt langsam weiter. „Nur kein unuöthiges Aufsehen machen, alter Junge," erwiderte er ruhig. „Warten wir damit bis zum Gasthof." Sie kehrten rasch dorthin zurück. Als sie sich in einem Zimmer unter vier Augen befanden, zog Warneck den Knopf hervor. „Besieh' ihn Dir genau," sagte er, Marbach denselben hinreichend. „Untersuche jede Fläche und merke Dir den Stempel. Hast Du?" „Es scheint ein englischer Stempel zu sein," bemerkte Marbach. Warneck nahm den Knopf, um ihn noch einmal zu untersuchen. „Natürlich," sagte er dann, „besieh' ihn, bitte, recht genau." „Ist bereits geschehen, — eS ist ein Stern mit der englischen Umschrift: Ao1ä-rvü§Irt: — also Goldge- gewicht — und dem Namen Finch." „Gut, das Monogramm auch gesehen?" „Versteht sich, es sind doch die Buchstaben —" Er hatte den Knopf umgewandt und starrte darauf hin. „Zum Henker," brummte er, „hier stehen ja die Buchstaben O. W." „H.11 ri^stt:, olä bo^! — Otto Warneck, mein Monogramm, und hier ist der gefundene ganz gleiche Knopf, nur mit anderen Buchstaben versehen. Der Goldschmied Finch, von welchem ich meine Knöpfe gekauft habe, hat unzweifelhaft auch diesen Knopf mit W. P. in seinem Laden gehabt, weil sein Name und Stempel auf demselben sich befindet. Dieser Finch aber wohnt in Chicago." Marbach blickte den Freund erregt an, er war ganz blaß geworden. „Das läßt allerdings darauf schließen —" „Daß William Prien auf der Brandstätte gewesen ist und diesen Knopf verloren hat," ergänzte Warneck. Leide blickten sich an, wie von dem gleichen Gedanken erfaßt. „Hältst Du diesen Menschen eines blutigen Verbrechens fähig?" fragte Marbach leise. „Wenn er durch die Umstände dazu gezwungen wird, — ja!" erwiderte Warncck fest. „Sollte er es gewußt haben, daß die alte Dame vom Hause abwesend war?" „Weßhalb nicht, vielleicht hat er sie wegfahren sehen und sich dann näher nach ihr erkundigt. Jedenfalls glaubte er mit der alten Person leicht fertig zu werden. Das Gewitter kam feinern Plane mächtig zu Hülfe und ohne diesen Knopf wäre jeder Verdacht gegen ihn unmöglich gewesen." „Woher aber sollte dieser fremde Mensch es erfahren haben, daß die Tante Hanna just eine bedeutende Summe im Hause hatte?" fragte Marbach kopfschüttelnd. „Wie es auch sehr leichtsinnig erscheinen könnte, weßhalb sie dieselbe nicht mit hinaus nach Edenheim genommen." „Ja, das sind Fragen, welche uns die Alte leider niemals wird beantworten können," versetzte Marbach. „Vielleicht ist sie just um des Geldes willen in ihr Haus zurückgekehrt, wer kann's wissen. Was die Kenntniß unseres W. P. anbetrifft so kann derselbe ganz zufällig davon erfahren haben. Das wird oft von Dienern und Boten ganz arglos erzählt, fei es im Wirthshause, sei es auf der Straße. Ein solcher Geselle hat seine Ohren und eine rasche Auffassung." „Seine Frau soll also aus dieser Gegend stammen?" „Sie hat es mir oft erzählt und dabei den Namen des Fräuleins Holten als den ihrer Freundin genannt." „Und sie ist erst kürzlich gestorben?" fragte Marbach nachdenklich. „Im Dezember vorigen Jahres; die Sorgen mögen sie umgebracht haben, da Mr. Prien sein Gehalt zu verspielen pflegte." 255 „Die unglückliche Frau; sie hinterließ doch keine Kinder?" »Ich glaube, es muß noch ein Kind vorhanden gewesen sein," erwiderte Warneck, „ob Knabe oder Mädchen, weiß ich nicht, da es irgendwo in einer Pension war. Ich erinnere mich, daß sie mir einmal von ihren todten Kindern erzählte, welche sie glücklich pries, da dieselben mit einem solchen Vater doch elend geworden wären." „Das klingt von einer Mutter entsetzlich." „Mag sein, lieber Freund, aber recht hatte sie doch, die arme Frau. Ich denke mir, daß die Zukunft und das Glück der Kinder von der Lebensstellung und dem Charakter des Vaters hauptsächlich abhängen, daß der Mann die Familie hebt oder herabzieht, und eine Hei- rath in solchen Fällen, die leider nur allzu häufig sind, allemal den Kindern zum Fluch wird. An Bildung waren diese beiden Menschen sich ja gleich, denn sonst ist die Kluft noch tiefer. Es ist eine Schmach, daß die meisten Menschen so kopflos in die Ehe springen, ohne sich klar zu machen, daß eine solche Kette an Gewicht zunimmt und zur unerträglichen Folter werden kann. — Doch zum Henker mit dem Philosophiren," unterbrach er sich lachend, „bin ja ganz vom Wege abgewichen. Wird wohl das Beste sein, jetzt gleich mit einem gewiegten Crimiualbeamten in Verbindung zu treten." „Laß uns doch zu dem Commissar gehen, welcher das Möbel auf der Brandstätte untersuchte," meinte Marbach. „Gut, ihm werde ich die ganze Sache übertragen, — er wird den Fingerzeig freudig begrüßen." „Und dann?" fragte Marbach zögernd, „willst Du mit mir zurückfahren nach Notenhof?" „Nein, mein Junge, Du hast schon die nöthige Fracht. — Ich fuhr, wie Du weißt, mit einem Landmann hierher, weil ich die Unthätigkeit nicht ertragen kann, und werde heute Abend oder morgen früh, wie es paßt, mit ihm zurückfahren. Mach' Dir um mich keine Sorge, mein Junge." Er klingelte, um ein Frühstück zu bestellen, worauf sich beide Herren, nachdem sie dasselbe eingenommen, zur Polizei begaben, um Rücksprache mit jenem Commissar zu halten. Der Beamte hörte aufmerksam die Geschichte des Amerikaners an. „Und Sie haben die Ueberzeugung, daß dieser Mr. Prien, welcher mit Ihrem Vermögen durchgegangen ist, sich hierher gewandt hat?" fragte er, als Warneck geendet. „Die Ueberzeugung habe ich allerdings, Herr Commissar," versetzte Warneck, „ja sogar die Gewißheit, daß derselbe im Garten des vom Blitze eingeäscherten Hauses gewesen ist." Das Gesicht des Beamten zeigte den Ausdruck höchster Ueberraschung und Spannung. „Dieser goldene Manschettenknopf ist heute von Fräulein Holten dort im Garten gesunden worden," fuhr Warneck rasch fort, „bitte Monogramm und Stempel genau zu betrachten." „Sie glauben, daß diese Buchstaben den Beweis für Ihre Behauptung liefern?" fragte der Commissar achselzuckend. „Zum Theil allerdings, William Prien, das stimmt, und der Stempel erst recht. Vergleichen Sie denselben gefälligst mit meinen Knöpfen, Herr Commissar! — Habe ich die Dinger bei Finch in Chicago gekauft und von ihm stammt auch dieser gefundene Knopf, oder ich will verdammt sein zur — zur —" Er konnte nicht gleich das schlimmste Loos finden, im Stillen aber meinte er — zur Heirath. Der Commissar verglich die Knöpfe und nickte erregt. „Das sieht allerdings so aus," sagte er dann, „bitte, Herr Warneck, geben Sie mir gefälligst eine genaue Personalbeschreibung jenes Menschen." „Na, ex ist groß und schön gewachsen, Hände und Füße klein, meiner Ansicht nach viel zu klein für die Figur —" „Aber doch groß genug, um Dein Geld zu packen und damit durchzugehen," bemerkte Marbach, vor dessen innerem Auge sich seltsamerweise eine bestimmte Gestalt entwickelte. „^.11 riecht, olci ioo^l —Haare blond, dito Bart, Augen — meiner Treu, weiß nicht genau, welche Farbe sie haben, nehmen wir grau an, — Blick scharf, braucht keine Brille, — Nase fein gebogen, mit einem Wort, ein verdammt hübscher Kerl, in den alle Weiber vernarrt waren." „Besondere Kennzeichen?" fragte der Beamte, ohne eine Miene zu verziehen. „Denken Sie recht scharf darüber nach, weil hierauf besonders vigilirt werde» muß." — Warneck dachte nach. „Der ganze Kerl steht leibhaftig vor mir," sagte er endlich, „aber ich wüßte wirklich nicht, seinem äußeren Menschen einen Makel anzuhängen. Eines hat er freilich, was aber der Bart verdeckt: zwischen Kinn und Unterlippe eine rothe Linie, als ob er einen scharfen Peitschenhieb erhalten hätte. Er zeigte mir dieselbe einmal und sagte, daß sie von dem Mesferschnitt eines Indianers, in dessen Hände er gerathen, herrühre. Der Kerl habe ihn scalpiren wollen, wogegen er sich so übermenschlich gewehrt, daß er nur diesen Schnitt, dessen feine Narbe gar nicht verblassen wolle, davongetragen habe. In seiner grenzenlosen Eitelkeit hat er alles Mögliche angestellt, um das rothe Merkmal zu vertilgen, weil der Kinnbart viel älter mache, wie er behauptete." „Wollen hoffen, daß es ihm bis heute noch nicht gelungen ist," versetzte der Commissar zufrieden lächelnd. „Da wir den Mann UW also mit der Katastrophe in voriger Nacht direct in Verbindung bringen müssen," fuhr der Commissar fort, „so habe ich unter allen Umständen auf strikte Verschwiegenheit Ihrerseits, meine Herren, zu rechnen, indem wir es jedenfalls mit einem geriebenen Burschen zu thun haben. Ihre erste Aufgabe, Herr Warneck, besteht nun darin, auf einige Zeit aus dieser Gegend zu verschwinden, denn wenn er sich hier aufgehalten hat, weiß er auch bestimmt Ihre Anwesenheit sowie den Zweck Ihres Hierseins." „Und wird jetzt schon eben deßhalb über alle Berge sein!" rief Warneck. „Vielleicht, — vielleicht auch nicht, — es ist eben in dieser Geschichte noch Vieles dunkel." «Zum Exempel, weßhalb dieser Mensch mit einem Vermögen in der Tasche einen neuen Diebstahl begehen sollte?" schaltete Marbach ein. „O, das läßt sich ja leicht erklären," sagte der Beamte, „hat ihn doch Herr Warneck als Spieler be- 256 zeichnet. Ein solcher geht keiner derartigen Gelegenheit aus dem Wege, um das Seine los zu werden." „Den Henker auch!" rief Warneck erschreckt, „wie konnte ich das nur vergessen. Sie haben recht, Herr Commissar, mein Geld ist längst zum Teufel, hätte mir die Reise ersparen und drüben bleiben können." „Bah, Dir ist doch auch an der Bestrafung des Schurken gelegen, alter Freund," meinte Marbach, den Arm um seine Schulter legend. „Und dann — schlägst Du unser Wiedersehen so gering an?" „Nein, nein, — er wäre ja ohne mich auch unerkannt und frei aus diesem schandvollen Verbrechen entkommen." „Ja, meine Herren, so ist es, und nun lassen Sie uns ohne Abschweifung bei der Sache bleiben. Ich wiederhole also, Herr Warneck, daß Sie unbedingt auf eine Weile verschwinden müssen." „Meinetwegen, vielleicht treffe ich ihn unterwegs, will die Augen schon offen halten." »Ihr Freund muß über Ihre Reise stets auf dem Laufenden erhalten werden." „Das ist selbstverständlich, mittlerweile thun Sie das Ihrige, Herr Commissar." „Versteht sich, werde ihm meine besten Kräfte auf die Fährte setzen." Die beiden Herren schüttelten dem Beamten die Hand und gingen. „Willst Du lieber sofort mit nach Notenhof zurück?" fragte Marbach den Freund. „Wenn Du mich placiren kannst —" „Gewiß, es geht ganz gut. Du willst doch erst morgen reisen?" „Ja, ich gehe in die Berge und telegraphire von Station zu Station. — Will deßhalb heute noch mit Dir beisammen bleiben." Nach einer halben Stunde fuhren sie bet dem Doc- tor vor, um Fräulein Holten abzuholen. » ^ -i- (Fortsetzung folgt.) . — . - Unter den Palmen der Sahara. (Vortrug, gehalten im kath. kaufmännischen Verein „Lätitia" von Theodor Habich er.) (Schluß.) Als wir die freundliche Oase Figuig betraten, war es finstere Nacht. Nur wenige Menschen waren zu sehen, während die spärlich erleuchteten Kaffeehäuser von Besuchern wimmelten. Nachdem wir im Hauptksor „Snaga" Besitz von den uns durch den Kalifen angewiesenen Hallen genommen, die Feldbetten aufgeschlagen, sowie die auf der Reise gesammelten Mineralien und Pflanzen ausgebreitet hatten, traten wir in das am Hammau-arbi gelegene, reputirlichst aussehende maurische Kaffeehaus und ließen uns zwischen Hunderten von Süd-Marokkanern in einer wahrhaft betäubenden Atmosphäre nieder. Die Menschen, die Lichter, die Kasseetöpfe, die Becken mit den Kohlen zum Pfeifenanzünden, die Teppiche und die Kleider der Figuiganer, kurz alles, jedes strömte einen solchen Qualm aus, daß wir auf die Märchen eines Roman- erzählers im wahrsten Sinne des Wortes „athcmlos" lauschen mußten. Hätten wir nicht selbst geraucht, so würden wir es nicht fünf Minuten lang in dieser Räucherkammer ausgehalten haben. Die Geschichte des Roman- erzählers war derartig, daß ich dieselbe unmöglich nacherzählen kann. Als drei Frauenzimmer der verworfensten Art das Kaffeehaus betraten, um die Gäste mit einer Tanzvorstellung zu unterhalten, verließen wir das Lokal, und auf dem Heimwege athmeten wir mit wahrem Entzücken die reine Nachtluft. Als wir am folgenden Morgen — ziemlich spät — aus sanftem Schlummer erwachten, hatte der Kalif schon für unser leibliches Wohlsein gesorgt. Es erschien eine Ordonnanz — ein echter und unverfälschter Sohn der Sahara — und meldete, daß das Frühstück bereit sei. Die französischen Offiziere, äußerst joviale Herren, erlaubten auch uns, das Frühstück gemeinsam zu verzehren, das aus Scharba oder arabischer Suppe (ein kräftiges Hammel-ConsommZ mit Brocken von Leber, Fleisch, trockenen Früchten und Rosinen), zweitens aus einem Eierkuchen, einer Anzahl gebratener Hühner und endlich dem Nationalgericht, dem Kuskus oder Gerstenbrei, bestand, dem wir alle Ehre anthaten. Der Kalif hatte Platz neben uns genommen; zu unserem Erstaunen weigerte er sich aber, irgend etwas zu genießen, wiewohl es nicht Freitag, sondern Montag war. Unser Wirth war nämlich ein Puritaner aus der echten Secte der Wüste, und als solcher fastete er nicht allein den Freitag, sondern auch den Montag. Wie ich nachher ans guter Quelle erfuhr, soll er sogar recht aufrichtig in seinen religiösen Handlungen sein und nicht bloß dem Scheine zulieb heilig thun, wie dies zuweilen in Afrika geschieht. Der echte mohammedanische Puritaner hingegen ißt und trinkt nicht nur nichts, sondern raucht auch nicht am Festtage. Ueberhaupt soll ihm nichts über die Lippen kommen, von Sonnen-Auf- bis Sonnenuntergang. Nach Tisch besuchten wir den Stadtplatz, wo gerade großer Araber-Jahrmarkt stattfand. Der Platz ist groß, jedoch sandig, und wird von regelmäßig gepflanzten, schattigen Palmenalleen eingefaßt, durch deren Fächerwedel maurische Bauten aus gelbem Sandstein schimmern. Dichtes Strauchwerk umrahmt den Hauptplatz in buntem Schmuck, und eine Niesenpalme, dergleichen ich nie wieder gesehen habe, überragt die Dächer der höchsten Bauten. Auf diesem Platze wogt ein so buntes Treiben, baß man sich stundenlang mit bloßem Zuschauen vortrefflich unterhalten kann. Neben dem in Hellem Anzüge flankenden Süd-Oranesen wandelt ein gravitätischer, buntgekletdeter Maure. Diesem folgen ein Paar Tafileter Kaufleute, deren scharf beobachtende Augen und listige Züge sie als Abkömmlinge Israels auf den ersten Blick verrathen. Neben diesen „Vätern des Handels" schlendert ein reicher Araber, welcher an jedem Arme eine Haremsdame mit langen, schwarzblauen Locken führt und sich weigert, mehreren marokkanischen Offizieren Platz zu machen, die sich auf dem Marktplatze in mehr bequemer als regelmäßiger Uniform ergehen. Nicht uninteressant war auch der Verkanss- platz für die Kameele. Wir sahen dort schönes Vieh, unter anderem kolossale Kameelstiere in vortrefflichem Zustande und zu verhältnismäßig hohen Preisen, bis zu 500 Franken. Die Weibchen sind zur Hälfte billiger. Auch Esel wurden angeboten von jener kleinen, hellgrauen, aber nicht sehr ausdauernden Rasse, wie sie in den Oasen einheimisch ist. In den Buden war inländisches, meist wollenes, theils grobes, theils auch sehr feines Gewebe ausgestellt, auch Getreide, besonders Gerste, und mancher- 257 lei Gewürze wurden feilgeboten, sowie auch Tabak und Massen von Dattelkörnern, die als Heilmittel für die Kameele verwendet werden. In diesem bunten Getriebe spielen die Eselsjungen mit ihren flinken Grauthierchen, die Kameeltreiber und Ausrufer eine große Rolle. Das Geschrei der letzteren klingt ohrenzerreißend und ist dennoch, wenn man den Inhalt desselben versteht, voll von jener Poesie, welche die Gottheit diesem Wolke zum Ersatz für die meisten anderen Güter des Lebens als unverwüstliches Eigenthum beschert hat. Da hört man statt: „Kauft Datteln!" „Die Datteln von Figuig sind besser als Mandeln!", oder: „O wie süß ist das kleine Söhnchen der schlanken Palme!" Der Citronenhändler schreit: „Gott mache sie leicht (zu verkaufen), o Citronen!" Die wohlfeilen Kerne der Wassermelonen werden ausgeboten mit dem Rufe: „O Tröster der Nothleidenden, o Kerne!" Der Orangenverkäufer schreit: „Honig, o Orangen, Honig!" Die schönste Anpreisung seiner Waare braucht wohl der Nosenhändler, denn derselbe ruft: „Die Rose war ein Dorn, der Schweiß des Propheten benetzte ihn, und ihm entwuchs die Rose!" Die Wasserträger preisen die Billigkeit ihrer Waare mit dem Rufe: „O, möge Gott Ersatz geben!" In der That bedürfen diese armen Menschen gar sehr eines Ersatzes von oben, denn sie bekommen für einen Ziegenschlauch voll Wasser, den sie auf den Eseln, Kameelen oder den eigenen Schultern oft sehr weit herbeiholen müssen, nicht mehr als nach deutschem Gelde höchstens 5 Pfennige. Bei den meisten öffentlichen Brunnen wird gleich bei Grabung eines solchen eine Schule gestiftet, in der die mohammedanischen Kinder für wöchentlich 10 Pfennige im Koran lesen, Schreiben und ein wenig Rechnen lernen. Gedenke ich jetzt meines Besuches in derselben, so ersteht vor meinem geistigen Auge ein überaus anmnthigcs Bild, und ich bedaure dann, kein Maler zu sein. Wie gerne würde ich die Gruppe, die so lebhaft sich meiner Erinnerung eingeprägt hat, auf die Leinwand zaubern. Eine der Treppen, die in die Medressa führen, hinansteigend, blieben wir auf der letzten Stufe derselben stehen. Dieser Theil des alten, von Ephen umrankten Gebäudes diente als Schnlranm; aus Schilf geflochtene Matten bedeckten den Fußboden, auf einem Polster ruhte in bequemer Stellung ein silberbärtiger Schcch-Msid, d. h. Lehrer, dessen ehrwürdiges Haupt ein blüthenweißer Turban zierte. Dieses Haupt war tief auf die Brust geneigt, und schwere, regelmäßige Athemzüge verriethen den ruhigen Schlummer, welcher den Greis übermannt hatte. Das Buch, welches vor dem schlafenden Oasen- Professor lag, mochte eben erst seiner Hand entglitten sein. Um ihn herum hockte die Schuljugend, lauter in zartem Alter stehende Knaben. Wir wußten zuerst nicht, wie wir uns die Ilnbc- weglichkeit, in welcher die Gruppe verharrte, deuten sollten. Fast undenkbar schien es uns, daß die schwarzäugigen kleinen Buben, welche dort so mäuschenstill kauerten, Fletsch und Bein hätten. Eine so schweigsame Schuljugend hätten wir bei diesem lebhaften, heißblütigen Volke nicht vorausgesetzt, es lag etwas ungemein Rührendes im Anblick des schlummernden Greises und der Kinder, die so zartsinnig seinen Schlummer behüteten. Ob nicht vielleicht die Furcht vor einer Strafe dahintersteckte? Doch die Gruppe ward lebendig — bei unserem Erscheinen wandten sich die dunklen, blitzenden Augen uns zu. Jedes Augenpaar hatte den Ausdruck kindlicher Neugierde, das dort aber schaute, den ernsten Charakter des kleinen Buben verkündend, sogleich wieder in das Buch, in welchem es studirte, jenes blickte ängstlich und scheu auf den Lehrer und dann zu uns herüber, gleichsam bittend, wir möchten den Schlummer des Greises nicht stören; die meisten Blicke jedoch funkelten in jugendlichem Uebermuth. Zwei tiefschwarze, mächtige Sterne, die einem allerliebsten kleinen Burschen angehörten, zogen uns besonders an; welch' eine reizende Schelmerei lag in diesem Kinderblick! Wir waren damals noch übermüthige Geschöpfe und konnten dem Dränge nicht widerstehen, dem Araberknaben zuzunicken und blitzschnell ihm ein Knßhändchen zuzuwerfen, ein Manöver, welches von dem kleinen Burschen lächelnd als eine Freundschaftsbezeigung, die es ja auch sein sollte, aufgenommen und mit großer Schlagfertigkeit erwidert wurde. Das kleine Volk kicherte leise, doch gleich darauf lagerte auf's Neue unverwüstlicher, uns mit unwiderstehlicher Komik berührender Ernst über der Gruppe, und die von Afrika's Sonne gebräunten Hündchen winkten uns zu, uns zu entfernen, pantomimisch andeutend, daß unser weiteres Verweilen die Siesta ihres Mentors gefährden könnte. Wir folgten dem Winke, eine herzige, sonnige Erinnerung mit uns nehmend. Und als wir, im Hinabsteigen begriffen, noch einmal umschauten, da gewahrten wir, wie das plötzlich durch die Bogenfenster hereinfluthende Sonnenlicht die Gruppe mit einem goldigen Schleier umwob, Alter und Jugend mit seinen Strahlen umfassend. Wir begaben uns dann zur Feste Snaga zurück auf der mit Palmen bestandenen Chaussee, welche direkt zur größten Moschee der Oase führt. Dort konnten wir etwas bewundern, was man in Europa nicht alle Tage sieht — das mohammedanische Gotteshaus, den Tempel derJsla- miten. Man darf jedoch keinen Prachtbau erwarten. Zur Aufführung eines solchen hatte die arabische Bevölkerung von Stadt und Land kein Geld und — keine Lust. Was braucht der Araber des unstäten Nomadenlebens ein Gotteshaus? Unter freiem Himmel verrichtet er sein Gebet, des Morgens, wenn die Sonne den Horizont purpurn färbt, und des Abends, wenn sie dem Untergang sich neigt. Unter welchem Himmelsstrich er sich auch befindet, stets weiß er, auch ohne Kompaß, sehr genau die Richtung, in welcher die Stadt der Städte, die Stadt des Weltalls, Mekka, liegt, wo wohlbehütet von finsteren Derwischen unter einem schweren Steine die heilige Kaaba ruht, der er täglich einige Dutzend höchst devote Verbeugungen zu machen hat; und geht ihm in der Einsamkeit der Wüste das Wasser aus zu den vorgeschriebenen Waschungen, so gießt er, neben seinem verwunderten Kameele knieend, Körbe glühenden Sandstaubes aus über Haupt und Hand. Mit fünf blinkenden Kuppeln, von einem niedrigen Mauer-Viereck getragen, an das sich vorne ein runder, nicht allzuhoher Thurm anlehnt, tritt die Moschee in die Erscheinung. Der Thurm, einem oben und unten gleich- weiten Fabrikschornstein vergleichbar, dessen Schlot von einem Helm bedeckt wird, trügt an der Krone eine enge Galerie, die mittels einer durch schießschartenähnliche Fensterchen erhellten Wendeltreppe erklommen wird. Auch die Fenster der eigentlichen Kirche, vom Boden aus nicht erreichbar, sind nicht übermäßig groß, doch mit kunstvoller Glasmalerei versehen. Jede Kuppel, sowie der Thurm- helm trügt einen vergoldeten Halbmond. Das einfache, aller Ornamentik entbehrende Mauerwerk ist weiß getüncht und äußerst sauber gehalten. Der Eintritt in das Heilig- 258 thum ist dem „Gianr", d. i. Nicht-Mohammedaner, besonders wenn er noch dazu französischer Fremdenlegionär ist, auf das Strengste verboten. Ein mit einem Geleitsbrief des Mulcy Taieb von Marokko versehener Offizier derselben Truppe aber macht z. B. in diesem Verbot schon eine Ausnahme und darf sich die Geschichte da drinnen ansehen, ohne Gefahr zu laufen, von einer fanatischen Menge in Stücke gerissen zu werden. Ucbrigens ist der religiöse Fanatismus bei den am Nordrand der Sahara lebenden Araberstämmcn nicht nur zu einer Blüthe gestiegen, wie bei den nordalgerischcn Mohammedanern, unter denen ich Jahre lang gelebt, sondern es macht sich auch in ihrem Glaubenseiscr eine allgemeine Lauheit bemerkbar. Gleich wollen wir im Weiterschreiten die Probe für die Wahrheit dieser Behauptung machen. — Genau wie uns Christen, so ist es auch dem Muselmann eine heilige Pflicht, zu gewissen Tageszeiten Herz und Hand zum Himmel zu erheben und dem Vater dort droben, von dem alles Gute ausgeht, zu danken und ihn zu loben. Wenn Christen sich dieser Pflicht entledigen wollen, so nehmen sie meist ängstlich Rücksicht auf die Situation, in welcher sie sich gerade befinden, und gewahren sie, daß die Aufmerksamkeit Anderer auf ihre Handlungen gerichtet ist, so glauben sie, von falscher Scham beredet, durch ein kurzes Stoßgebet für dieses Mal ihre Schuldigkeit gethan zu haben. Anders der strenggläubige Muselmann. Er erläßt sich die für seine Gebetsübungen vorgeschriebenen Ceremonien unter keinen Umständen, mag er nun der Tafel eines Fürsten beiwohnen oder daheim sitzen unter dem Schatten seiner Palmen. Und bei ihm geht's nicht mit einem bloßen Händefalten ab. Geht die Sonne auf oder unter, stets, an jedem Orte, holt er seinen Gebet-Teppich hervor und murmelt die Koransprüche, jetzt leicht vornübergebeugt mit auf der Brust gekreuzten Armen, dann nicder- knicend mit erhobenen Händen, dann wieder das Gesicht bergend in den Staub. Der Muselmann, der echte, kennt keine Scham, wenn es gilt, Zeugniß abzulegen für seinen Glauben. In der Stunde des Gebetes vergißt er die Welt um sich her, vergißt er Glück, und selbst angesichts der drohendsten Gefahr weicht er kein Jota ab von den Geboten, die der große Prophet ihm hinterließ. - Der Araber, soweit er mit den Franzosen in Berührung gekommen und von ihnen gelernt hat, wie's heutzutage die vielgerühmten Christen machen, hat viel von seiner Streng- glänbigkeit verloren. Treten wir ein in jene Boutique, die den hochtönenden Namen „Cafä Maure" trägt. Die beiden Holzbänke längs den Wänden sind dicht besetzt mit bärtigen Arabern, gehüllt in weiße und braune Burnusse, die spitzige Kapuze anf dem Kopfe. Sie waren in eifriges Gespräch verwickelt, ehe sie unsern Eintritt bemerkten; jetzt sind sie urplötzlich stumm geworden. Unbeweglich hält die Rechte das niedliche Kaffeeschälchen, in dem der duftende Mokka erkaltet. Unbeweglich auch ruht die nachlässige Linke unter dem kameelhaarenen Gewände, unbeweglich sind Kopf und Füße. Schössen nicht Zornesblitze aus den schwarzfunkelnden Augen, man sollte glauben, die ganze Gesellschaft dort sei eine aus Stein gemeißelte Koboldenschaar. Unwillig nur reicht uns der Wirth den braunen Göttertrank. Hastig schlürfen wir ihn. Da ertönen plötzlich dumpf die Klänge des Metallbeckens, deutlich vernehmen wir den langgezogenen Ruf des Jmams, der zum Gebete ruft. Werden sie jetzt niederstürzen und, der Anwesenheit der Fremden nicht achtend, die Knie beugen zum Gebet? — Alles bleibt still. Schon verklingt vom Thurme des Priesters dreimaliger Mahnruf, und noch stets hält die Rechte unbeweglich die Porzellanschale — „Reform- Muselmann". — Mag sich aber immerhin der Araber Algiers klassificiren lassen in Reform- und strenggläubige Mohammedaner, ein festes, unlösliches Band umschlingt sie alle gemeinsam: der Haß gegen den fremden Eroberer, den Unterdrücker, und der Haß gegen die Hebräer. In seinem Herzen nährt der Araber die zuversichtliche Hoffnung auf den Tag, an welchem an der Spitze seiner Schaaren der Rache-Engel erscheinen und das fremde weiße Gezücht hinausjagen wird aus dem Lande seiner Väter mit flammendem Schwerte. Der Glaube an das Erscheinen des Tages der Rache sinkt mit ihm in's Grab. Aber ehe er stirbt, pflanzt der Greis ein grünendes Hoffnungsreis in das Herz des Sohnes, und der harrt nun an des Vaters Statt im gläubigen Vertrauen auf Allah, der immer hilft, wenn groß die Noth. Bis dahin führt er schweigend seine Heerde über die magere Trift, ruht aus unter seinem niedrigen Zeltdache und freut sich der Freiheit in der unendlichen Wüste. Nur an den Markttagen zeigt er sich auf feurigem Rosse oder bescheidenem Esclcin in der Franzoscn-Stadt, Mundvorrath umzutauschen gegen ein paar feiste Hammel. Doch noch nie hat der freie Sohn der Wüste sich dazu erniedrigt, Sklavendienste zu verrichten. Er duldet den fremden Herrn, aber er dient ihm nicht. So war der Abend gekommen, wir befanden uns wieder im Castcll „Snaga" und es wurden die Vorbereitungen zum Diner getroffen. Auch der Kalis fand sich wieder ein und nahm neben uns Platz. Das Essen war womöglich noch reichhaltiger als beim Frühstück. Nach der Erfahrung, die ich beim Morgenimbiß gemacht, mußte ich annehmen, daß unser Wirth sich bloß aus Höflichkeit zu uns gesetzt; diesmal sollte ich mich aber getäuscht haben, denn wenn die Nacht noch nicht eingetreten, so war doch die Sonne untergegangen. Dies wußte der Kalif sehr wohl, und da sein Appetit wahrscheinlich nicht gering war, so hatte er es so eingerichtet, daß anf die Minute servirt wurde. Und in der That leistete er diesmal sein Gehöriges, nicht jedoch ohne sein arabisches Experiment gemacht zu haben, welches darin bestand, zwei Fäden von verschiedener Farbe, einen rothen und einen blauen, gegen das Licht zu halten. Erkennt man die Farbe nicht mehr, so ist der Fasttag vorüber, und ebenso beginnt er morgens, wenn man die zwei Farben genau unterscheidet. Nach dem Dessert, welches aus herrlichen Pasteken oder Wassermelonen bestand, wurde uns der Kawna (Kaffee) servirt. Derselbe war von vortrefflicher Qualität. Nach mehrtägigem Aufenthalt in Fignig wurde endlich die Stunde der Abreise bestimmt. Wir schlössen uns einer Karawane an, die demselben Weg folgte. Es war in jeder Beziehung viel interessanter, in solcher Gesellschaft zu reisen, und so zogen wir denn nach einem herzlichen Abschiede vom Kalifen und seinen Leuten mit einer Karawane von ungefähr hundert Kameelen und etwa dreißig Kameelsührern (aoArars) weiter. Schon am ersten Tag verließen wir das Gebiet der Dünen und betraten wieder das Plateau. Für die Kameel- treiber ist dies eine willkommene Abwechslung, indem sie dann der Nothwendigkeit enthoben sind, Futtervorräthe für ihre Lastthiere mitzunehmen, weil sie hier hinlängliches Gesträuch als Ersatz finden. 259 Wenn man aus einem Dünenzug heraus auf das Plateau tritt, ist es auffallend, wie urplötzlich eine unbegreifliche Aufregung die Thiere erfaßt und sie nach allen Richtungen rennen, die einen nach rechts, die andern nach links. Diese Erscheinung findet sogleich ihre Erklärung: Der Appetit ist es, der sie zu einem beliebigen Strauch, gewöhnlich einem Thymian oder Drynbusch, hinzieht, den sie aus weiter Ferne erblickt haben, und auf den sie nun begierig losrennen. Nach einer Weile wird es ruhiger in der Zunft, und wenn sie dann alle zusammen auf einer Düne entlang ziehen, ihre Führer hinterdrein, und diese ihre Lieder anstimmen, so übt das einen seltsamen, ergreifenden Eindruck. Dieser Gesang lautet äußerst traurig und erinnert, wenn auch ganz verschieden von unseren europäischen Weisen, doch an eine gewisse melodischeOrdnung. Bon nicht geringem Interesse war auch das Nachtlager. Nicht immer traf es sich, daß wir zur rechten Zeit den Brunnen erreichen konnten und so kamen wir mehrmals in den Fall, am ersten besten Platz unser Lager aufzuschlagen. In der Regel sucht man sich einen Ort, wo etwas Gesträuch vorhanden ist, um damit Feuer machen zu können. Sofort luden wir unsere Kameele ab und machten uns an das Improvisiern einer Küche vermittelst einer kleinen Grube in den Sand. Die Beduinen thaten desgleichen, und nachdem sie ihren Kameclen das Knieband an einen Vorderfuß angelegt, überließen sie diese sich selbst. Es sucht sich jede Abtheilung, gewöhnlich aus sechs oder sieben Personen bestehend, ein eigenes Plätzchen zur Bereitung ihres Mahles. Dieses ist natürlich sehr einfach. Außer den Datteln, von denen man auch den Tag über genießt, führt jede Gruppe etwas Mehl mit sich zu den Galetten oder Kuchen, deren Zubereitung höchst pittoresk ist und nach der Tradition schon zu den Zeiten der Mutter Sarah dieselbe gewesen. Man nimmt einen kleinen, gewöhnlich nicht allzu sauberen Teppich, breitet ihn neben dem Feuer aus, schüttet etwas von dem Mehl darauf, knetet es, setzt etwas Schaffett und ein wenig Piment hinzu und drückt es dann zu einem Kuchen breit. Indessen ist das Holz abgebrannt; man macht eine Grube in den Sand, schiebt einen Theil der Kohlen hinein, legt den Kuchen darauf, überdeckt ihn mit den Nest derselben, häuft Sand darüber, steckt einen Zweig oder ein Palmblatt auf das Ganze und läßt so den Kuchen ungefähr eine halbe Stunde backen, während welcher Zeit man seine Andacht verrichtet und nachher sich nach orientalischer Weise Geschichten erzählt. Die Grube wird dann geöffnet, und das Mahl ist bereitet; dazu gibt es als Würze einen Trunk Wasser, das, wenn die Schläuche neu sind, einen nichts weniger als angenehmen Theergcschmack hat. So wenig Ansprüche man in solchen Fällen zu machen geneigt ist, so kann man doch mit dem besten Willen kein Wohlgefallen an dieser Küche finden, wenn alles, Suppe, Fleisch und Kaffee, nach Theer schmeckt. Trotzdem die Reise und der Aufenthalt unter den Palmen der Sahara uns viele genußreiche Stunden verschafft hatte, so war ich doch herzlich froh, besonders aber unsere Offiziere, als am vierten Tage unserer Rückreise die fahle Wintersonne die Minarets von unserer Garnisonsstadt Äm-Sefra im gold'nen Schimmer erblicken ließ und unseren von den Excursionen ziemlich ermüdeten Gliedern nach glücklich vollendeter militärischer Mission wieder mehrere Wochen Ruhe in Aussicht standen. ^ > j » ^ . - >- > Ei» Zagdünsflug nach Amerika. Im vorigen Sommer machten die Herren Premierlieutenants Dietrich und Fritz Freiherr v. Feilitzsch vom 4. Chevaulegers-Ncgiment in Augsburg eine Reise nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die neben der Besichtigung der hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten und der Chicagoer Ausstellung namentlich den Zweck hatte, im Herbst in Montana und Wyomiug auf einige Wochen dem Waidwerk obzuliegen. An dieser Partie, die finanziell gegen eine sehr namhafte Beisteuer von einem Münchener Herrn geleitet wurde, nahmen noch einige andere Herren Theil, darunter ein Graf Zeppelin aus Württemberg und der Rittmeister Graf Blücher vom preußischen Garde- Kürassier-Negiment. Wie schon früher über seinen Jagd- Ausflug nach Norwegen, so hielt auch über dieses Unternehmen der inzwischen zum Rittmeister beförderte Herr Baron v. Feilitzsch in der Section Augsburg des Alpen- Vereins einen Vortrag, der dem ungewöhnlich zahlreichen Auditorium eine natnrwahre und lebhafte Vorstellung von dem Jagdleben vermittelte, wie eS die Herren im fernen Westen Nordamerikas führten, und zugleich eine treffliche Schilderung einiger der dortigen Sehenswürdigkeiten wie der allgemeinen Verhältnisse darbot, welche Darstellungen um so unmittelbarer und anziehender wirkten, als der Herr Vortragende augenscheinlich nur Selbst- erlebtes und Selbstempfundenes schilderte. Die „A. Abendztg." berichtet hierüber: Die Augsburger Herren reisten am 20. Juni mit dem Dampfer „Havel" von Bremen nach New-Iork ab und trafen später in Chicago mit der übrigen Jagdgesellschaft zusammen. Nach Besichtigung der Ausstellung, des Niagarafalls und anderer Sehenswürdigkeiten erfolgte die Eisenbahnreise nach dem Westen zunächst bis in das Territorium Arizona, wo den berühmten Colorado-Kannons, den bis 2000 Meter tiefen, geologisch hochinteressanten und ein farbenprächtiges Felsenchaos bildenden Niesen- einschnitten des Coloradostromes ein mehrtägiger Besuch abgestattet wurde. An Ort und Stelle ausgeführte prächtige Aquarelle kamen bei der Schilderung dieser eigenartigen Fclscnlandschaft der Vorstellung der Zuhörer sehr erwünscht zu Hilfe. Die Eisenbahnreise ging dann weiter westwärts bis nach los Angelas, der seit der Eröffnung der Eisenbahn rasch anwachsenden ältesten Stadt Kaliforniens, und hierauf nordwärts nach Sän Francisco, wobei unterwegs ein Abstecher nach dem berühmten Aose- mitethal in der Sierra Nevada gemacht wurde. Der Herr Vortragende fand, daß gegenüber unseren herrlichen Alpen der Eindruck dieser vielgerühmten Landschaft weit hinter den Erwartungen zurückbleibt und es sich eigentlich nicht gelohnt hätte, mit 189 Mark Extrakosten und bei einer Hitze von 126° Fahrenheit (42° Nsaumur) den Ausflug dorthin zu unternehmen. Doch war es immerhin interessant, die wahre Naturwunder bildenden Mammuthbäume (Loquoja, oder WöllinAtoniL §i§ant6L und Le^uoja. somporvirans) im Mariposahain zu sehen, welche mehrere Tausend Jahre alten Baumriescn ihre Kronen bis über 80 Meter hoch in die Lüfte erheben und Stämme bis zu 10 Meter Durchmesser haben. Mehrere dieser Bäume wurden von den Reisenden theils photographirt, theils aquarcllirt. An Wild wurden hauptsächlich kalifornische Schopfmachtclu, Hasen, Prairie-Eulen und Prairie-Hunde beobachtet. In Sän Francisco wurden einige Wochen in deutscher Gesellschaft verbracht, dann ging es mit dreißig- ! ständiger Eisenbahnfahrt nordwärts der Sierra Nevada 260 entlang nach der Stadt Portland im Norden des Staates Oregon, und von da nach Newport an der Küste des stillen Ozeans, von wo aus in zwei Gesellschaften getrennt der erste Jagdausflug in richtiges Urwaldgelände erfolgte, der reich an ganz ungewöhnlichen Strapazen, aber gering an Jagdbeute war. Kalte Biwaks an spärlichem Lagerfeuer trugen nicht gerade zur Erhöhung des Vergnügens bei, und wenn die Jäger von dem Ertrag ihrer Büchse hätten leben sollen, wären sie verhungert. Die erwarteten Heerden von Elchs und Virginiahirschen wurden vergeblich gesucht, dagegen boten die Flüsse und Bäche zum Glück zahlreiche und schöne Forellen und Krebse zum Lebensunterhalt. Freiherr v. Fcilitzsch erlegte indessen mit sicherem Kugelschuß einen Seeadler von 205 Ceniimeter Flügel- weite. Nach der Rückkehr nach Portland, wo die Jagdgesellschaft den Sedantng feierte, und auf ihrer Reise nach Wyoming und Montana wurden die Herren in jeder Stadt interviewt und die Zeitungen brachten die ergötzlichsten Berichte über sie. Einige davon gab der Herr Vortragende unter stürmischer Heiterkeit seiner Zuhörer zum Besten. Ein Blatt imponirte seinen Lesern mit der Artikelüberschrift: „Zwei wirkliche, lebendige deutsche Grafen sind in unserer Stadt"; ein anderes wußte zu melden, daß der eine dieser Grafen ein Enkel des berühmten Feldmarschalls Blücher vulZo „Marschall Vorwärts" sei, die „Oregon- Staatszeilung" aber hatte gar herausgebracht, daß die deutschen Herren gekommen seien, den wildgrimmigen Grizly- Bären zu erlegen, „um sein Fell späteren Generationen als Erbstück glorreicher Ahnen zu hinterlassen". Im Territorium Wyoming besuchten die Reisenden zunächst den interessanten Aellowstone-Nationalpark mit seinen zahlreichen heißen Spnngqucllen (Geisern) und eigenartigen landschaftlichen Schönheiten, der, dreimal größer als das Königreich Sachsen, eine dauernde Schonstätte für alles Wild, auch Naubthiere, bildet und daher ungemein wildreich ist. Hier leben auch noch einige Hundert Büffel, die letzten Ueberreste der Hunderttausende, die noch vor 20 Jahren den amerikanischen Westen bevölkerten, außerdem finden sich Tausende von Wapiti- und Virginiahirschen, Antilopen und Moosthieren (amerikanischen Elchen), ferner graue, braune und schwarze Bären, Puma (Silberlöwen), Luchse, Wölfe, aber wenig Füchse, zahlloses Wassergeflügel. Das Wild ist ungemein vertraut, und es gelang Herrn Baron v. Fcilitzsch sogar, einen hinter dem Neisewagen herschnürenden Wolf zu überlisten und auf 6—8 Schritte Entfernung zu Photographiren. Der Wildschutz wird im Jellowstonepark unnachsichtlich streng gehandhabt, und beim Betreten des Parkes werden alle Gewehre, sogar Revolver, versiegelt. Trotzdem aber zwei Eskadrons Kavallerie patrouilliren, wird, namentlich an den Grenzen, doch viel gewildert. Mitte September begann die eigentliche große Jagdpartie, und zwar von der Station Livingstone im Staate Montana aus. Wie in Oregon theilte sich die Jagdgesellschaft in zwei Partien, die vom 20.—25. Oktober in Livingstone wieder zusammentreffen wollten. Jede Partie bestand aus vier Herren mit einem Trapper als Führer, einem Packer und vierzehn Pferden, die theils gekauft, theils gemiethet werden mußten. Die Jagdgebiete lagen zehn bis zwölf Tagereisen auseinander. Von dem nun folgenden mehrwöchentlichen Lagerlcben und der Art der Jagdausübnng entwarf der Herr Vortragende eine Reihe höchst anschaulicher Bilder, aber trotz aller Mühseligkeiten und Strapazen war auch hier seiner Partei das Jagdglück nicht hold, weil es eben an Wild fehlte. Der Unternehmer hatte es augenscheinlich an der richtigen Orientirung fehlen lassen und der führende Trapper war ein fauler Bursche, der nicht das geringste Interesse zeigte, die Herren zum Schuß kommen zu lassen, dafür aber im Zelt beim Essen und Trinken um so leistungsfähiger war. Auch war die Witterung die denkbar ungünstigste, und tagelang konnten die Jäger wegen Schneegestöber ihre Zelte nicht verlassen. Die Jagdpartie wurde deßhalb abgekürzt und Frhr. v. Feilitzsch versuchte sein Glück allein, indem er sich einem Jagdzuge nach Canada anschloß, wo er u. A. einen Deerbock (Virginiahirsch), Puma und Prairie- wolf zur Strecke brachte. Der andere Theil der Jagdgesellschaft hatte bessere Jagdgründe getroffen. Im Vergleich zu seiner früheren Jagdpartie nach Norwegen fand der Herr Vortragende, daß der Wildreichthum dort eben so gering war, wie in Nordamerika, in Norwegen waren aber die eingeborenen Jäger zuvorkommender und eS gab in den vorhandenen Blockhäusern bessere Unterkunft. Die körperlichen Anstrengungen waren in Norwegen fast noch größer. Nach der Rückkehr aus Canada besichtigte Herr Baron v. Feilitzsch noch das berühmte Schlachtfeld von Gettysburg in Pennsylvanien und reiste dann nach Ncw- Aork, wo er auf der deutschen Gesandtschaft die Nachricht von seiner Beförderung zum Rittmeister vorfand. Auf der Rückreise besuchte er noch London und Paris und traf Mitte Dezember v. I. wieder wohlbehalten in der Heimath ein. Der hochinteressante Vortrag fand den lebhaftesten Beifall. --SÄ8W-S--- GotdkSrnev. Wer sich allein für klug hält — Muß allein zu Grunde gehen. Der Tod ist rettende Genesung, — Der finst're Durchgang nur vom Licht zu hellcrm Licht. In And'rer Glück sein etg'neö finden, Ist edler Seelen Seligkeit; Doch selbst der Andern Wohlfahrt gründen, Zu frohem Dank ihr Herz entzünden, Ist göttliche Zufriedenheit. --8SWLS-.-- Kreuz-RätHfek. 1 3 ein altberühmt Geschlecht, Von einer Krone Glanz umflosscn, 2 4 hat oft unö schlecht und recht Der Vorzeit Wunder aufgeschlossen, 3 4 zeigt oft sich als Tyrann, Doch sollst du nicht zu sehr ihm dienen» 1 4 thut gern der kühne Mann Und der Bequeme fährt in ihnen. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 32: Weiß. Schwarz. 1. S. ^.6-67 K. V4-65 : 2. S. 67-85 beliebig 3. V3-V4 (D. - M) Matt oder 1. : : : . l : l §5-L4: 2. D. Ü2-Ü4 : Matt. Auflösung deS Bilder-Näthsels in Nr. 33: Wiener Walzer. ---HZWS-- AnteWltung zur „Augsburger Post;eitung". 35. Dinstag, den 1. Mai 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas r. Franz Hitzr. Der Doctor blickte ihn ganz entsetzt an und meinte nach einer Weile: „Das wäre ja in unserer Stadt und Umgegend ein recht herrliches Leben alsdann. — Zum Henker noch einmal, ich danke dafür, so unversehens einige Kugeln hinterrücks in den Pelz zu bekommen. Es sieht freilich ganz darnach aus, obgleich ich nicht recht begreife, was der Mord hier für einen Zweck gehabt. Bei unserer Tante Hanna war's doch ein regelrechter Raubmord, — aber hier —" Er schüttelte den Kopf und reichte dem jungen Gutsbesitzer, der kein Wort darauf erwiderte und nur die Achseln zuckte, die Hand zum Abschied. „Ich fahre Sie selber zurück nach der Stadt, Herr Doctor!" sagte Marbach, „ich werde dem Gericht gleich oie nöthige Anzeige machen." „Ja, das ist allerdings nothwendig, — wo wollen Sie Ihren Freund begraben lassen?" „Er soll hier auf meinem Grund und Boden schlafen, — will den armen Kerl wenigstens in meiner Nähe behalten. — Ob Fräulein Holten wohl dem Vater der Kleinen die nöthige Mittheilung zukommen lassen kann?" setzte er etwas zögernd hinzu. „Ja, hab' mit ihr darüber schon gesprochen," erwiderte der Arzt achsel- zuckend, „ist eine vertrackte Geschichte, da der Herr Steindorf seine Adresse nicht hinterlassen hat. Er wollte ja nach der Residenz, wie Fräulein Hollen glaubt, aber ihn dort aufzufinden, wird nicht gut möglich sein." „Es müßte dann vielleicht die dortige Polizei benachrichtigt oder ein darauf bezüglicher Aufruf an verschiedene große Zeitungen gesandt werden." „ Das läßt sich hören, Herr Marbach!" rief der Doctor, „können, wenn Sie wollen, in Edenheim vorfahren und Fräulein Holten diesenVorschlag machen. Eine recht fatale Geschichte für die Arme, welche ganz und gar aus ihrem gewohnten Geleise dadurch gekommen ist." Der Wagen war mittlerweile vorgefahren und die beiden Herren fuhren davon. Armgard Holten war mit Allem einverstanden. Sie dankte dem jungen Nachbar und bat ihn, das Weitere zu veranlassen, auch das Nöthige für das Be- gräbniß der Kleinen zu besorgen. Das sonst so ernste, in allen Dingen ruhige, junge Mädchen, welches selbst bei Tante Hanna's Schicksal ihre Fassung bewahrt hatte, konnte jenen traurigen Auftrag kaum hervorbringen und kämpfte sichtlich mit seinen Thränen. Marbach schwang sich plötzlich auf den Wagen, und fuhr so jäh und rasch davon, daß der alte Arzt, welcher sich noch nicht niedergelassen, mit einem leisen Fluch zurücksank und sich erschreckt festhielt. „Was haben Sie denn nur so plötzlich, Herr Marbach?" schrie er unwillig, „wollen die Pferde durchgehen?" „Es schien eben, als ob sie Lust dazu hätten," erwiderte der junge Mann, sich verlegen umwendend. „Entschuldigen Sie, Herr Doctor, thut mir aufrichtig leid, daß Sie davon alterirt worden sind." „Ei was, ich Hütte nur einfach hinabstürzen uno 264 dcn Hals brechen können," brummte der Alte, sich den Hut gerade rückend. „Mich dauert die kleine Holten, fürchte wirklich, daß sie ernstlich krank davon wird. Was der vertrackte Steindorf hier in der Heimath zu suchen hat? — Hätte drüben bleiben können, dann wäre das Alles nicht passirt." Marbach sah ihn überrascht an und blickte dann nachdenklich in die Ferne. „Merkwürdig," sagte er endlich, „daß Fräulein Holten sich viel mehr aus dem allerdings sehr traurigen Ende dieses fremden Kindes zu machen scheint, als aus dem schrecklichen Schicksal der ihr doch so sehr befreundeten Tante Hanna." „Na, das ist immerhin aus verschiedenen Gründen erklärlich, junger Herr!" versetzte der-Doctor, ihn forschend anblickend. „Zuerst ist Tante Hanna sehr alt und dieses Kind natürlich sehr jung, zwei krasse Gegensätze, welche zu Gunsten der Kleinen bedeutend in die Waage fallen. Sodann, und das denke ich mir als die Hauptursache, war das Kind ihrem Schutze anvertraut, während Tante Hanna selbstständig zurück in ihr Verderben rannte. Eine solche Schutzbefohlene ist immerhin eine Gewisfenssache und tritt dann zum Ueberfluß noch der Umstand hinzu, daß es just das einzige Kind einer alten, vielleicht noch immer nicht ganz eingerosteten Liebe ist —" Bei diesen Worten des alten Arztes gab Marbach den Pferden einen so heftigen Schlag, daß sie sich bäumten und dann im Galopp fortstürmten. Er vermochte die feurigen Thiere kaum zu bändigen und mußte seine ganze Kraft aufbieten, um die Herrschaft wieder zu erlangen. Der Doctor saß ganz ruhig. Er lächelte still vor sich hin und rauchte unbekümmert seine Cigarre. Als die Pferde wieder ruhig forttrabten, sagte er: „Das scheinen empfindliche Schwerenöther zu sein, müssen die Peitsche bei ihnen schonen, wie mich dünkt." „Ja, sie wissen genau, wenn sie ungerecht bestraft werden," bekannte Marbach lächelnd, „und das war in der That vorhin der Fall." Wieder lächelte der Doctor eigenthümlich vor sich hin, er wußte ja, weßhalb es geschehen. (Fortsetzung wtgl.) --ssWSes- Goldkörner. Ein heit'rer Geist, ein froher Sinn — Sie sind der Menschheit beste Gabe. — Und wird die Weisheit früh du Gutsverwalterin, So reicht der Verrath bis zum Grabe. G. C. Ps.ffel. -- Luftspiegelungen. Von M. Dursch-Nebenan. (Nachdruck verboten.) Ein blauer Sommerhimmel wölbt sich über Siziliens lieblichen Gestaden. Die Luft ist rein und unbewegt, und des Meeres Wogen dehnen sich spiegelglatt. Da zeigt sich dem Wanderer auf Neggios Höhen ein wundersames Bild. Wie durch Zaubermacht hervorgerufen, erscheinen über der Fläche des Wassers prachtvolle Marmorschlösser mit Balkönen und Fenstern, mit üppigen Gärten und schäumenden Springbrunnen, hohe Thürme schweben über der Fluth, Kirchen und Prozessionen, Soldaten in blitzenden Waffen, Rosse und Reiter. Sie ziehen vorüber, still und lautlos, und an ihre Stelle treten Wiesen und Triften mit weidenden Heerden; verfallene Paläste mit Säulen und Bogen, Cedernhaine und dunkle Fichtenwälder. Auch sie ziehen stU in der Ferne vorbei, und neue Bilder entzücken das Auge durch ihren Märchenzauber, durch ihre lebensvolle Farbenpracht. Aber tiefer und tiefer senkt sich die Sonne, und mit einemmale verschwinden die Wunderdinge, wie von unsichtbarer Hand hinweggehoben. Diese herrliche Erscheinung ist bekanntlich eine Folge der Strahlenbrechung, vermöge deren wir ja auch das Bild der aufgehenden Gestirne erblicken, wenn sie noch nicht einmal den Himmelsrand berühren. Diese Abspiegelung ferner Gegenden in der Luft tritt besonders ein, wenn sich über großen Flächen des Landes oder des Meeres eine außerordentlich ruhige Luftschichte befindet, so daß die nach Sonnenaufgang erwärmten und daher verdünnten unteren Luftschichten nur sehr allmälig mit den oberen dichteren sich mischen. Man kann diese Erscheinungen namentlich in Aegypten und Ungarn, sowie über den Sandwüsten Persicns und der Tatarei beobachten. Ueber dem Meere werden zuweilen doppelte oder mehrfache Bilder von Schiffen in weiter Ferne abgespiegelt, und zwar zu einer Zeit, wo sich die Fahrzeuge wegen der Krümmung der Erde noch außer Sicht befinden. Hierin haben all die mannigfachen Sagen von Gespenster- und Todtenschiffen, hat die Märe vom „Fliegenden Holländer" ihren Ursprung; hierauf gründete sich auch die so wunderbar scheinende Ankündigung kommender Fahrzeuge durch bekannte Leuchtthurmwärter, die nichts weiter als das Ergebniß täglicher Beobachtung war. Häufig gewahrt man auch die Bilder ferner, in Folge der Erdkrümmung unter dem Gesichtskreise liegender Seestädte so nahe und deutlich in der Luft abgespiegelt, daß man selbst Flaggen und einzelne Fischerboote zu unterscheiden vermag. Prächtige Erscheinungen haben auch Luftschiffer beobachtet, wenn sie in jenen einsamen Räumen segelten, die keines Adlers Fittig mehr durchrauscht. Nicht selten sahen sie über sich das Meer, über dem sie schwebten, abgebildet — das Meer mit all seinen Schiffen und Barken, deren Masten freilich nach unten, deren Kiele nach oben gerichtet waren. Oder sie erblickten, wenn ihnen gegenüber plötzlich die Sonne hervortrat, auf den Wolken das genaue Bild ihres Ballons, umschlossen von einem prachtvollen Bande verschiedenfarbig leuchtender Kreise. Solche Erscheinungen der Strahlenbrechung zeigen sich übrigens auch auf hohen Gebirgen; so im bekannten Brockengespenste oder in der Abspiegelung von Bergsteigern und ihren Gerüthen. Von einer merkwürdigen Lufterscheinung berichtet der Engländer Clarke. An einem herrlichen Abende des Sommers 1743 bemerkten Spaziergänger in der Nähe Souther- fells flüchtig dahinjagende Rosse, verfolgt von einem Mann und einem Hunde. Die Gestalten eilten mit überraschender Schnelligkeit den steilen Berg hinauf, bis sie oben plötzlich verschwanden. Am andern Morgen bestiegen die Zuschauer die Anhöhe, fest überzeugt, im Abgrunde die zerschmetterten Körper zu finden, aber wie erstaunten sie, als sie weder die geringste Spur von Menschen und Pferden, noch auch im Grase den leisesten Eindruck eines Hufes wahrzunehmen vermochten. Luftspiegelungen waren auch den früheren Zeiten nicht unbekannt. MM4 ^MM WMM ^?-> < B^E-Z !»A WZGÄsÄ'W MME M?;: "MWZ ^ ' MK '§6niogj,8k>.Anoes otaä gniävig anäsnäurn xrowxtl bezeichnet, und beeilen uns, in das Centrum Belgiens, in das kornreiche Brabant, zu gelangen. Wir passiren das geschichtlich denkwürdige Landen, bekannt durch Philipp von Landen (ch 640), den Majordomus des Königs Dagobert I. von Austrasien, und durchqueren hernach die Ebene von Neerwinden, auf welcher die Franzosen unter dem Marschall von Luxemburg 1693 die Engländer unter dem König Wilhelm III. von Oranien besiegten, hundert Jahre später aber unter ihrem General Dumouriez selbst den Oesterreichern unterlagen. Nach zweistündiger Fahrt erreichen wir Löwen, eine Stadt von nahezu 40,000 Einwohnern, welche aber leider von ihrem alten Glänze als ehemalige Hauptstadt des Herzogthums Brabant wenig mehr gerettet hat. Ein Gang durch die Nue de la Station führt uns direct in den Mittelpunkt der Stadt, zur Grande Place, auf welcher sich das Rathhaus in verschwenderisch reichem, spätgothischem Stile erhebt. Sein Erbauer war der berühmte Matthäus de Layens, »Maurermeister der Stadt und des Weichbildes", wie er genannt wird. Das Gebäude erhebt sich in drei glänzend ornamenttrten Stockwerken, welche ein hohes mit Maßwerkbrüstung verziertes Dach abschließt. Oben steigen 6 schlanke, achteckige Thürmchen empor, welche ein neuerer Kunstkritiker wegen der Zierlichkeit und Feinheit der Ausführung als Muster plastischer Filigran-Arbeit bezeichnet. Dem Rathhaus gegenüber ist die mächtige, fünfschisfige St. Peterskirche, im 15. Jahrhundert erbaut, welche auf den Beschauer einen monumentalen Eindruck ausübt. Bemerkenswerth sind besonders das große, aus Holz geschnitzte Hauptportal und einige schöne Gemälde aus der Schule des Hans Memling (1430 bis 1495), welche sich durch gute Zeichnung und klare Farbentönung auszeichnen. Auch der Chor-Umgang mit dem Kapellenkranz, sowie die im nördlichen Querschiffe aufgestellte Orgel verdienen Beachtung. Südlich von der Peterskirche liegt die Universität, welcher Löwen neben den großen Wirkereien seine Berühmtheit im Mittelalter verdankt. 1317 als Zunfthaus und Waarendepot der Webergilde erbaut, wurde das Gebäude 1679 der Universität überlassen und legt noch heutzutage, trotzdem es im Innern durch Einbauten nicht glücklich verändert wurde, ein schönes Zeugniß für den Geschmack und den Reichthum seiner Gründer ab. Jahrhunderte lang galt die Universität, welche Herzog Johann IV. von Brabant im Jahre 1426 gegründet hatte, als die erste in Europa. Nach chronistischen Angaben soll zur Zeit des Justus Lipsius (-st 1606) die Zahl der Studenten über 6000 betragen haben. Auch heutzutage nimmt die Universität keinen unbedeutenden Rang unter den Hochschulen des Landes ein, zumal sie jetzt unter der Leitung der Jesuiten einen wirksamen Gegenpol gegen die Freimaurer-Universität in Brüssel bildet. Nicht weit davon entfernt ist das Zunfthaus der Brauer (rnaison ciss brassours) und die St. Gertrudenkirche, welche sich rühmen kann, außer einigen hübschen Neliefbildern das schönste Chorgcstühle Belgiens zu besitzen. Sonst bietet diese stille Stadt, welche nur mehr der Schatten ihrer früheren Größe ist, nichts besonders Sehenswerthes mehr, weßwegen wir weitereilen und den freundlichen Leser bitten, uns nach Brüssel zu begleiten. Wer Brüssel zum ersten Male in einer schönen Sommernacht betritt, auf den wird eS einen eigenthümlichen Zauber ausüben. Die Straßen alle festlich beleuchtet von tausend und abertausend Flammen, belebt von einer wogenden Menge, für welche es keine Nacht zu geben scheint; die Läden geöffnet mit allen ihren Luxuswaaren, die auch dem raffinirtesten Geschmacke Rechnung tragen; die Cafes besetzt bis mitten in die Fahrstraße hinein — man werkt, daß man in keiner deutschen — fast möchte ich sagen — in einer französischen Stadt sich befindet. Brüssel liegt zum Theile auf einer Anhöhe, zum Theile in einer Ebene und besteht aus der höher gelegenen, durch das Quartier Leopold erweiterten oberen und aus der unteren Stadt, welch letztere von mehreren überwölbten Armen der Senne und einigen Kanälen durchschnitten wird. Während die obere Stadt fast ausschließlich von der feineren Welt, der Geld-, Geburts- und Kunst-Aristokratie, bevölkert wird, concentrirt sich das Erwerbsleben in dem unteren Theile, dessen Festungswälle in den letzten Jahrzehnten schönen und schattenreichen Boulevards weichen mußten. Die Einwohnerzahl hat sich seit den letzten zwanzig Jahren bedeutend vermehrt, so daß Brüssel einschließlich der Vorstädte Schaerbeek, Jxelles, Anderlecht, Lacken u. f. w. nahezu eine halbe Million erreicht, wenn nicht überschreitet. Die Wanderung in die Stadt dürfte den Nordbahnhof als den zweckmäßigsten Ausgangspunkt haben, denn einerseits hat man dabei die ganze Stadt vor sich, anderseits nehmen hier die Hauptstraßen (Boulevard du Jardin Botanique mit seinem Anschluß an die Nue Royale und Boulevard du Nord mit der Fortsetzung im Boulevard Anspach) ihren Anfang. Gleich östlich oom Nordbahnhof, der von Coppens im Renaissancestil erbaut wurde, befindet sich das große städtische Spital, l'Hopital de St.-Jean, das für 400 Kranke Raum bietet und in Bezug auf seine innere Einrichtung mit jedem Krankenhause anderer Weltstädte in Wettstreit treten kann. Ihm gegenüber ziehen sich die Hügel des botanischen Gartens hin, dessen gewaltige Treibhäuser den Besuch eines jeden Blumenfreundes verdienen. Besondere Erwähnung verdient das große Palmenhaus, sowie die das Hauptbassin umgebende Herr- 275 liche Bosquetgärtnerei. Ein Viaduct führt in die breite und lange Rue Royale, in welcher sich das administrative und diplomatische Leben des Staates vollzieht. Schon von ferne ist die das Häusermeer weit überragende Congreßsäule sichtbar, welche zur Erinnerung an die Bestätigung der Verfassung und die Erwählung des Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg zum Könige der Belgier im Jahre 1831 errichtet wurde. Es ist eine 45 Meter hohe dorische Säule, oben gekrönt durch eine 4 Meter hohe Statue des Regenten. An ihrem Sockel sind die Namen der 237 Mitglieder des Congresses, sowie der provisorischen Regierung von 1830 auf Marmorplatten angebracht. Von der oberen Gallerie, zu welcher im Inneren eine bequeme Treppe hinaufführt, bietet sich ein überraschender Blick über die Stadt. Nicht weit davon entfernt liegt das Palais de la Nation, ein massiger, ursprünglich für den Rath von Brabant bestimmter Bau aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts, in welchem von 1817 bis 1830 die niederländischen Generalstaaten ihre Sitzungen hielten, während es seit dieser Zeit der Volksvertretung als Parlamentshaus eingeräumt ist. Eine Meisterschöpfung in seiner Art ist der große städtische Park, in dessen schattigen Alleen einst die Herzoge von Brabant lustwandelten. Mit seinen Marmorfontänen und Steinbalustraden, seinen Bassins und Statuetten, unter welchen einige hohen künstlerischen Werth beanspruchen, erinnert er entfernt an den Luxem- bourg-Garten in Paris. Wie dieser, so ist auch er an Sommertagen der Sammelpunkt der eleganten Welt, welche unter den Klängen einer Militärmusik und dem Plätschern der Springbrunnen sich hier ihr Rendezvous gibt. Ein großer Steinbau, Vauxhall genannt, bietet an Regentagen Zuflucht und enthält einen prächtigen Concertsaal, in welchem die königl. Theaterkapelle öfters classische Musikaufführungen veranstaltet. Leider war auch der Park schon Schauplatz blutiger Kämpfe. Bei dem Aufstande im Jahre 1830 bot er den Insurgenten unter der Führung des späteren Ministerpräsidenten Rogier einen festen Stützpunkt, von dem aus sie den niederländischen Truppen unter dem Prinzen Friedrich energischen Widerstand entgegensetzten. Auch im vorigen Jahre, als die Wogen der Revolution bis an die Residenz schlugen und der König zu seinem Schutze „nach berühmten Mustern" Kanonen vor seinem Palais auffahren ließ, bildete der Park ein vielumstrittcnes Object zwischen den Aufständischen und den regierungstreuen Truppen. Für gewöhnlich befindet sich der königliche Hof nicht in Brüssel, sondern in dem nahegelegenen Laeken, das nach dem Brande, dem vor einigen Jahren ein großer Theil des Schlosses zum Opfer gefallen, wieder neu und herrlich erstanden ist. In unmittelbarer Nähe des Parks und der Residenz befindet sich auch die größte Kunstgallerie Brüssels, die sogenanute Ecole des Beaux Arts. Vier Mächtige korinthische Säulen zieren den Eingang des antik gehaltenen Gebäudes, über welchem sich die allegorischen Figuren der Musik, Architektur, Sculptur und Malerei erheben. Während das Erdgeschoß, das die ganze Höhe des Gebäudes einnimmt, die Vildhauerarbeiten enthält, ist der obere Stock für die Gemäldegallerie bestimmt. Allerdings vermochte die Skulptur in den Niederlanden nicht zu hervorragender Bedeutung zu gelangen oder zu jener Höhe emporzusteigen, zu welcher sich die Malerei am Ausgange des Mittelalters emporgeschwungen hat. Doch finden sich allenthalben gute Werke, denen originelle Auffassung und feine Empfindung nicht abzusprechen ist. Zu dem Besten, das die Ecole an plastischen Werken besitzt, gehört Bour-i's „gefesselter Prometheus", Geefs' „gefallener Engel", die beiden Marmorbüsten Kessel's, Christus und die Jungfrau Maria darstellend, und einige kleinere Genrestücke, wie Scpers' „junger Neapolitaner, auf der Nauglia spielend," u. a. Viel höher ist die Bedeutung Belgiens auf dem Gebiete der Malerei; hier haben die niederländischen Schulen dcS 15. und 17. Jahrhunderts einen Ruf sich erworben, der weit die geographischen Grenzen ihres Vaterlandes überschreitet und nicht geringer ist, als der Ruf der Malerei in Deutschland zu den besten Zeiten eines Dürer, Holbeiv u. s. w. Nur wenige Länder können in dieser Hinsicht den Niederlanden gleichberechtigt an die Seite treten, kein Land aber, mit Ausnahme Italiens, das hier die erste Stelle einnimmt, hat sie überflügelt. Wie der schon genannte Guicciardini berichtet, gab es bereits am Ende des 14. Jahrhunderts in den größeren Städten geschlossene Malergilden, welche nicht blos mit Bücher- und Glasmalerei, sondern auch mit Tafelmalerei sich befaßten. Die eigentliche Blüthe des Kunstlebens begann aber erst um die Wende des 15. Jahrhunderts, als die beide» Brüder Hubert und Jan van Eyck (ersterer 1366—1426, letzterer 1386 — 1440) der Malerei ihrer Zeit eine Höhe der Vollendung anwiesen, welche auf Jahrhunderte nachhielt und neue Bahnen der Entwickelung eröffnete. In diesen beiden Meistern, welchen auch das Verdienst gebührt, die Technik der Oelmalerei gefördert zu haben, brach sich zum ersten Male das Streben nach freierer, naturgemäßer Darstellung durch, weswegen ihre Figuren mit vollendeter Feinheit und Kraft des Colorits zugleich Naturwahrheit und dramatische Belebtheit verbinden. Wer der größere der Beiden gewesen ist, läßt sich aus ihren Werken schwer entscheiden, doch besitzen wir das Zeugniß des einen Bruders, der, sei es aus Bescheidenheit, sei es aus Ueberzeugung, sein Urtheil auf einem Altarbilde der St. Bavo-Kirche in Gent mit den Worten ausspricht: Huiosrtus — major guo nemo rexsrtus. Diesem Künstler-Brüderpaar folgte ihr berühmter Schüler Hans Memling (1430—1495), der „Lyriker der Malerei", der den Höhepunkt der Eyck'schen Schule bezeichnet. Klare Färbung, richtige Zeichnung und scharfe Naturbeobachtung sind die Vorzüge, welche seine Bilder auszeichnen. Unter den späteren Künstlern der altflandrischen Schule, Dierick Bouts, Lucas van Leiden, Gerard David u. s. w., beginnt sich schon allmählig der Einfluß der italienischen Renaissance geltend zu machen, welcher gänzlich die Maler des 16. Jahrhunderts sich nicht entziehen konnten. Es wiegt das Streben nach classischen Formen vor, die Originalität und natürliche Ungezwungenheit, die auf den Bildern der ersten Kunstperiode sich zeigte, verschwindet und macht einer nur auf äußeren Prunk berechneten Technik Platz. Die bekanntesten Künstler dieser Zeit sind Bernhard van Orley (1488—1542), Franz FloriS (eigentlich Frans de Vriendt, 1520—1570) und die Familie Brueghel in ihren drei Vertretern, dem Vater Peter Brueghel (1520—1669), genannt Bauernbrueghel wegen seiner Vorliebe für Bauernscenen, und den Söhnen Peter (1564—1637) und Jan (1568—1625), von denen ersterer wegen seiner Specialität, immer schauerliche und schreckhafte Sujets zu wählen, den Namen Höllenbrueghel, letzterer wegen seiner beliebten Darstellung von Sammtkleidern den Namen Sammtbrneghel erhielt. 276 Gegen diese Richtung, welche sich in einer überströmenden Fülle von Einzelheiten ohne Rücksicht auf die Harmonie des Ganzen verlor, erhob sich um die Wende des 17. Jahrhunderts eine Opposition, welche der niederländischen Kunst neue Kraft und frisches Leben einhauchte. Der 80jührige Kampf der Holländer gegen die spanische Tyrannei war vorbei, sie hatten ihre politische Freiheit sich erkämpft und wie auf nationalem, so auch auf künstlerischem Gebiete neue Bahnen gefunden. Hatte sich bis dahin die Musische und holländische Malerei in gleichen Geleisen bewegt, so trat am Beginne des so fruchtbaren 17. Jahrhunderts die Trennung ein in die südliche spanische Schule mit ihrem Hauptvertreter Rubens und in die holländische mit Nembrandt. Die gleichmäßige Betonung des Colorits blieb zwar stets beiden Richtungen gemeinsam, stofflich aber gehen sie weit auseinander. Die flandrische Schule, deren Hauptsitz das katholische Brabant war, neigte sich zur historischen Malerei hin, welche sie hauptsächlich im Dienste der Kirche verwerthete, die holländische Schule aber inaugurirte die Periode der sogenannten Genremalerei. Während erstere sowohl in der Wahl der Gegenstände, wie in der Art der idealen Auffassung und Darstellung mehr an italienische Muster sich anlehnte, ging letztere nicht unbeeinflußt von der politischen Entwicklung des Landes ihre eigenen Bahnen und stellte als das Haupterforderniß der Malerei natürliche Wahrheit und Treue hin, welche überall, und sei es auch auf Kosten des ästhetischen Geschmackes, festgehalten werden müsse. Der bedeutendste und fruchtbarste Vertreter der Musischen Schule war Peter Paul Rubens (1577—1640), wohl einer der größten Künstler der Weltgeschichte. Seine Bilder — man zählt deren gegen 1000 — sind bisweilen von ganz colossalen Dimensionen. Die große Nubensgallerie im Louvre in Paris enthält 21 Colossalgemälde von feiner Hand. Wenn wir auch annehmen, daß bei einem großen Theile seiner Bilder auch nur die Gedanken und die Gruppirung, sowie die ersten Striche von seiner Hand sind, das Uebrige aber Werk seiner «Ahüler, so ist doch die Schaffenskraft des Meisters als Ane fast übermenschliche zu betrachten. In seinen Bildern herrschen vielfach italienische Anklänge vor; so erinnert seine Kreuzabnahme im Dome zu Antwerpen an Daniel von Volterra, seine Taufe Christi an Michelangelo, seine Communion des hl. Franziskus an Carracci. Die älteren Gemälde, in welchen sich Rubens noch weise Mäßigung aufzuerlegen wußte, werden im Allgemeinen als seine besseren betrachtet, so z. B. seine „Dreieinigkeit" und „die heilige Familie mit dem Papagei" im Museum zu Antwerpen, während in seinen späteren zu sehr das Streben, durch äußeren Glanz zu bestechen, hervortritt. Auch streift er in der Darstellung von gewaltigen Gestalten, heftig bewegten Menschen u. f. w. oft an das Realistische. Sein bester Schüler war Anton van Dyck (1599—1641), dessen Talent sich hauptsächlich in der Porträtmalerei zeigte. Im Gegensatz hiezu verlegte sich der nicht minder bedeutende David Tcniers „der Bambocciadenmaler" (1610—1690) auf die Darstellungen aus dem gemeinen Leben. Kirmessen, Bauernscenen, Soldatenstücke voll von Leben waren seine Lieblingsgegenstände. Ein feines Cabinetstück dieser Art ist die in der oben genannten öools befindliche „große Kirmeß". Einem Meteore gleich leuchtete in der niederländischen Schule die Gestalt Nembrandts auf (1609—1669). Wenn auch seine Richtung durchwegs realistisch ist, versteht er es doch, durch Hervorhebung des Geistigen und Gemütvollen, sowie durch feine Abwägung der Farben mächtig zu ergreifen. Während die Musische Schule ihr Hauptaugenmerk auf die Jdealisirung und richtige Verteilung der Gestalten richtete, finden wir bei Nembrandt auch in den „Massengemälden" keine feststehende Gruppirung; ihm galt es vor allem durch Beleuchtnngseffecte, die sich vom Helldunkel oft bis in's Unklare verlieren, den Beschauer zu fesseln. Seine Sujets sind die verschiedensten. Neben vielen sog. Regenten- oder Bürgermeisterstücken finden wir Landschaften, biblische Scenen, Portraits, auch viele „Stillleben"; überall aber herrschen reiche Farbenpoeste und ein wunderbares Wechselspiel der Beleuchtung. Seine zahlreichen Schüler entlehnten vielfach vom Meister nur die äußere Technik der Farben, ohne zugleich seinen Geist zu haben oder auch nur entfernt zu erreichen. Zwar findet sich immer noch manches Gute, doch bezeichnet diese Periode bereits die Däcadence der niederländischen Malerei. Die Schulen des 18. Jahrhunderts bewegen sich im Jdeen- kreise ihrer Vorgänger, sie gleichen aber nach dem Urtheil eines modernen Aesthetikers „einer Symphonie, in welcher sich noch ab und zu hübsche Melodiecn zeigen, aber ohne innere Klarheit und Harmonie". In der neueren holländischen Malerei, welche lange Zeit dem französischen Klassizismus huldigte, tritt die historische Malerei fast ganz zurück; ihr eigentliches Gebiet ist neben der Darstellung von Landschafts- und Marinestücken das Genre, wobei das sog. „Freilicht" ausgedehnte Verwendung findet. (F.f.) An Arphons Maria Aatisöonne.*) Zur Erinnerung an seine wunderbare Bekehrung und zum Decennium seines Todes in St. Johann bei Jerusalem am 6. Mai 1884. „15t soiont, yuia proxlivt» kuorit in mollio soruiv." .Und sie sollen wissen, daß ein Prophet ist in ihrer Mitte.- Ezcchiel, 2, S. Des Glaubens bar und in die Wett verloren Und für die Wahrheit Lästerung im Mnnde, So gehst Du weg aus Deiner Freunde Runde, Nnr bleibst Du Jude, wie Du stets geschworen. Doch sieb, Dir schlägt die Auferstehnngsstunde! Aus Millionen bist nnr Du erkoren, Und, einen Sanlus, hat Dich neugeboren Der Unbefleckten unsagbare Kunde! In's Knie gesunken weinst Du Freudenthränen, Auch Deines Volks Bekehrung ist Dein Sehne», Doch taub ist es beim Rufe des Propheten! Ein Christenherz wird immerdar entzücken Was Du geschaut in jenen Augenblicken, Ihm geben Kraft im Glauben, Dulden, Beten! Traunstein. H. Wnsnrr, Benef. *) Am nächsten 6. Mai wirken es zehn Jahre, daß der am 20. Januar 1842 in der Pfarrkirche Laut' Lnärea, «teils §ratts in Rom durch ein Wunder vom Judenthum plötzlich zum katholischen Glauben bekehrte Alphons Maria Natisbonne als heiligmäßiger Priester zu St. Johann bei Jerusalem aus diescin Leben geschieden ist. Der hochbegnadigte Mann muß jedem Katholiken denkwürdig und theuer bleiben. Nicht Wenige werden sich schon gestärkt haben im Glauben durch Erwägung des an ihm geschehenen Wunders, das, nach allen Seiten hin durchdacht, jedem Versuche einer Erklärung aus natürlichen Ursachen hartnäckig widersteht. Das fünfzigjährige Jubiläum seiner wunderbaren Bekehrung wurde zwar in Nom mit der gleichzeitigen Krönung des Erscheinungsbildes durch das Vatikanische Kapitel am 17. Januar 1892 feierlich begangen, ist aber diesseits der Alpen, wenigstens bei uns in Deutschland, so ziemlich unbeachtet geblieben. 1894. AnteMtimB zm „Nugsburger Postzeitung". är37. Diustag, den 8. Mai Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts vou Haas L Grabherrin Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Steindorf war nach Edenheim gefahren und von Armgard mit schmerzlicher Ueberraschung begrüßt worden. Nachdem er ihr in leisen, abgebrochenen Worten mitgetheilt, wie und wo er die schreckliche Nachricht empfangen, bat er, ihn zu seinem Kinde zu führen, was Armgard selber übernahm. Außer sich vor Schmerz beim Anblick der kleinen Leiche, stürzte der Bedauernswerthe an dem Lager derselben nieder und drückte sein von Thränen überström- tes Gesicht auf die erstarrten Händchen. Er sprach kein Wort, aber seine tiefe Verzweiflung drückte sich nur zu deutlich in der konvulsivischen Erschütterung aus, welche die kräftige Gestalt durchzuckte. Armgard empfand bei diesem jammervollen Anblick die innigste Theilnahme, welche sich in einem Thränen- strom kund gab. Wie hatte sie sich vor diesem Augenblick gefürchtet, wie gebangt vor den anklagenden Augen des unglücklichen Vaters, der sein Kind vertrauensvoll ihrem Schutze übergeben hatte. Und sie war doch ganz schuldlos an dem grausigen Ereignißl Als sie sich leise entfernen wollte, erhob sich Steindorf, sie mit einem flehenden Blick zurückhaltend. „Armgard!" sprach er leise, „darf ich hier an dieser für mich so heiligen Stelle, angesichts meines todten Kindes, eine Bitte an Sie richten?" Er streckte ihr die Hand entgegen, in welche sie, erbleichend näher tretend, zögernd und zitternd die ihrige legte. „Fürchten Sie nichts Ungehöriges," fuhr er mit gedämpfter Stimme bewegt fort, „dieser letzte Schlag hat mich beinahe tödtlich getroffen. Nur Ihre Verzeihung erflehe ich jetzt, Vergebung für den Schmerz jener Stunden, in denen ich einst das edelste Herz zertrat." „Ich vergab Ihnen längst," entgegnete Armgard mühsam. „Tausend Dank für dieses Wort, das mir Trost in meinem Leid gewährt. O, Armgard, Sie sind gerächt worden, hundertfältig gerächt, heute aber hat dieses letzte Kind meine Schuld gesühnt." Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und verhüllte dann wieder die Leiche mit zärtlicher Sorgfalt. Schweigend, im tiefsten Herzen erschüttert, begab sich die junge Gutsherrin mit ihrem Gast in's Wohnzimmer, wo er sich mit einer stummen Verbeugung von ihr verabschieden wollte. „Nein, so dürfen Sie nicht von mir gehen, Herr Steindorf, sprach sie hastig, „auch ich habe Ihre Vergebung nöthig, weil Sie Ihr Kind in meine Obhut gegeben —" „O, reden Sie nicht weiter, Fräulein Armgard," unterbrach er sie bittend, „halten Sie mich für so ungerecht, Ihnen auch nur die leiseste Schuld eines Unglücks aufzubürden, das außer jeder menschlichen Berechnung lag? Ich begreife überhaupt nicht, wie man zu der ungeheuerlichen Annahme eines Verbrechens gekommen ist." Er hatte sich bei diesen Worten auf eine einladende Handbewegung Armgard's hin in einen Sessel niedergelassen. „Ich dächte doch, daß diese Annahme sehr gerechtfertigt wäre," erwiderte sie, „denn welcher Mann könnte so gewissenlos sein, ohne irgend welche Veranlassung mehrere Schüsse nacheinander abzugeben, nachdem er durch Aufschrei sich vergewissert hätte, daß er Menschen getroffen? Ich bin überzeugt, daß der Unselige vier Mal geschossen hat, da drei Kugeln tödtlich getroffen, die eine aber, und zwar die erste, welche mir oder Herrn Marbach gegolten, an uns vorbeipfiff. Weßhnlb gab der Schütze die tödtlichen Kugeln auf den Wagen ab, wo Marbach's amerikanischer Frennd sich mit Ihrer kleinen Lotta unterhielt?" „O nein, nein!" rief Steindorf mit entsetztem Blick, „er wird sich das schuldlose Kind unmöglich zur Zielscheibe genommen haben." „Das glaubt man auch nicht, weil die Kleine von der großen, breitschulterigen Figur des Amerikaners ganz verdeckt war und sich erst im letzten Moment erhoben haben muß. Nein, ein Verbrechen kann leider nicht bezweifelt werden." „Und hat man keinen Verdacht, wer dieser Thäter sein kann?" „Ich glaube nicht, die Herren vom Gericht waren heute Mittag hier und fuhren dann nach Notenhof. Soviel ich ihren Worten entnehmen konnte, schienen sie die feste Ueberzeugung eines überlegten Verbrechens nicht insgesammt zu theilen, während die Leichenbesichtigung meines alten Hausarztes — Sie kennen Doctor Peters ja von früher — das Verbrechen, wie er mir sagte, gar nicht zweifelhaft läßt. Gott gebe, daß der Mörder bald entdeckt werde." „Das ist mir ziemlich gleichgültig," bemerkte Stein- dorf trübe, „da er mein todtes Kind nicht wieder lebendig machen kann. Und nun will ich Sie nicht länger stören, Fräulein Armgard," setzte er, sich erhebend, hinzu, „nur noch eine Frage: wie stcht's mit dem Begräbniß meiner Kleinen?" „Herr Marbach wird die Anordnung desselben auf meine Bitte bereits besorgt haben —" „Ich möchte diesem Herrn nicht gern etwas schulden," fiel Steindorf düster ein, „Sie werden das begreifen, meine Gnädige, obgleich nun nichts mehr daran zu ändern ist. Vergeben Sie mir den neuen Kummer, den meine Heimkehr Ihnen zugefügt," fuhr er nach einer Weile mit weicher, zum Herzen dringender Stimme fort, „es ist wohl Ihnen gegenüber mein Verhängniß. Mir war es drüben oft, als verfolge mich Ihr Fluch —" Armgard bebte zusammen und schüttelte heftig den Kopf. „Von mir dürfen Sie solche theatralische Anwandlungen nicht voraussetzen, Herr Steindorf I" sagte sie fast drohend. „Eher doch hätten Sie an den Gram und die Verlassenheit Ihrer alten Eltern denken sollen." „Ich wiegte mein Gewissen ein mit der trügerischen Hoffnung, daß Armgard Holten ihnen eine Tochter sein werde. Doch Verzeihung, wir Männer sind insgesammt Egoisten, welche ihre Fehler und ihre Schuld gar zu gern auf andere Schultern abladen. Ich werde nach dem Begräbniß eine Zeit lang mich draußen in der Welt zu beruhigen suchen. Darf ich von Ihnen als Freund scheiden, Armgard?" Sie reichte ihm die Hand und neigte wortlos den Kopf. „Sie wollen für immer scheiden?" fragte sie, ihm die Hand, welche er fest umschlungen hielt, hastig entziehend. „Darf ich denn wirklich wiederkommen?" Sie antwortete nicht, sah ihn auch nicht an. Schweigend wandte er sich nach einer Weile und verließ das Zimmer. Sie hörte ihn das Haus verlassen und nach seinem Kutscher rufen, doch rührte sie sich nicht von der Stelle. Eine plötzliche Lähmung schien sie ergriffen zu haben. Dann war's ihr, als befinde sie sich auf einem wogenden Meere und würde von den Wellen hin- und hergeworfcn, die furchtbaren Gemüthserschütterungen hatten diese starke Natur gebrochen. Als Mamsell Evers das Wohnzimmer betrat, um ihr Fräulein zu suchen, fand sie dasselbe bewußtlos am Boden. Das ganze Haus gerieth in Aufruhr. Ein Wagen fuhr im Galopp nach der Stadt, um den Doctor zu holen. — Als dieser erschien, lag Armgard im Fieber und phantasirte heftig. Er hatte eine Krankenpflegerin gleich mitgebracht und schüttelte bedenklich den Kopf. „Herr Steindorf war also hier," wiederholte er auf den Bericht der Mamsell. „Und gleich nachher kam dieser böse Anfall?" „Ja, Herr Doctor! — Ich trat gleich nachher, als er Weggefahren war, in's Wohnzimmer und fand das Fräulein ohnmächtig auf dem Fußboden liegen." Der alte Arzt blickte sie forschend an. Die Mamsell war schon bei Armgard's Eltern auf dem Gute und jener auch bei ihnen Hausarzt gewesen. Beide kannten sich also schon seit vielen Jahren, die jetzige Herrin seit ihrer Kindheit, sie waren somit auch mit ihrer Vergangenheit vertraut. „War er lange bei ihr?" fragte der Doctor. „Erst eine Weile bei dem todten Kinde und dann im Wohnzimmer. Was sie mit einander gesprochen haben, weiß ich natürlich nicht, aber gut hat's ihr nicht gethan." „Das weiß der Himmel," brummte der Arzt und blickte dann eine Weile stumm zum Fenster hinaus. „Es ist eine gottlose Geschichte, daß dieses Kind hier just sterben mußte," begann er von Neuem, „wenn Fräulein Holten wieder gesund ist, können wir noch was erleben, Mamsell Evers!" „Ja, das fürchte ich jetzt selber," seufzte die Wirth- schafterin, „wollte Gott, der Störenfried wäre mit seinem Kinde in Amerika geblieben." „Wünscht' ich selber, da nichts Gutes dabei herauskommen kann. Na, vorerst liegt sie fest und sicher. Passen Sie mir auf, Mamsell Evers, daß kein Unberufener das Krankenzimmer betritt. Auch muß die Leiche in's Verwalterhaus hinüber gebracht werden, damit keine Störung, kein lautes Geräusch unsere Kranke erregt. Ich werde die Pflegerin selber noch einmal in- struiren." * * Die bezahlte Antwort des Kabel-Telegramms aus Chicago, welche an den Maler Reinhardt einlief, lautete: „Mr. Hilbrecht schwer krank, Sohn will versuchen, Auftrag auszuführen." - Der Maler hatte noch ein nettes Sümmchen nachzuzahlen und fluchte über den Einfall. Er fuhr trotz alledem mit der Antwort selber nach Notenhof hinaus. „Ja, das ist allerdings weggeworfenes Geld," meinte Marbach, „ich kenne den jungen Hilbrecht, er ist ein Stock-Amerikaner, für welchen jede Minute Geld bedeutet. Der rührt keinen Finger ohne Aussicht auf Verdienst. Ob ich selbst hinübergehe?" „Was gewinnen Sie dadurch, gar nichts," erwiderte Reinhardt, „ein Brief thäte just das Nämliche. Da jedoch kein Bild von dem Rüuberhauptmann existirt, so könnte einzig und allein ein geriebener Detectiv, der jenen Prien von Angesicht zu Angesicht kennt, hier nützen. Unsere Criminalpolizei wird sicherlich keine Nasenspitze von ihm entdecken. Wenn ich Ihnen deshalb rathen soll, mein lieber Marbach, und zwar als aufrichtiger Freund, dann überlassen Sie der Polizei alles Weitere und schließen Sie für Ihre Person mit diesem Telegramm die Acten." „Der Gedanke, dieses blutige Räthsel niemals lösen zu können, ist ein zu entsetzlicher für mich!" rief Marbach in stillem Grimm auf- und abschreitend. „Wissen Sie, daß jener Mensch, der sich William Prien nennt, ein ganz besonderes Kennzeichen besitzt?" setzte er plötzlich, vor dem Maler stehen bleibend, erregt hinzu. „Und das wäre?" „Einen blutigrothen Strich zwischen Kinn und Mund, den er durch einen blonden Bart versteckt." Marbach hielt inne und blickte wie erstarrt vor sich hin, als erhöbe sich vor seinem innern Blick ein Schreckbild. „Ein Muttermal vermuthlich," bemerkte Reinhardt. „Nein," fuhr Marbach fort, „der rothe Strich rührt von einem Jndiancrmesser her, dessen Scalpir- ungsversuch er sich widersetzt haben soll. So hat er - Z 7 Y - Photographie-Verlag der Photographischen Union m München. -KZWM M H MIM 8 MWN SHiMW -UM W?»; -MrS WM WdchWW MM GWM- ^MOM MAmM? !tzDA Nach der Taufe. Nach dem Gemälde von F. Schmid-Breitenbach. 280 nämlich meinem Freunde erzählt. Uebrigens habe ich Ihnen wohl noch gar nicht mitgetheilt, daß Mr. Prien ein auffällig schöner Mann von hoher, prächtiger Körpergestalt, ganz besonders kleinen Händen und Füßen, mit einem Wort ein germanisch-blonder Recke sein soll, dessen unglückliche Frau drüben im letzten Dezember gestorben ist. Von mehreren Kindern, welche ebenfalls gestorben sind, hat er ein einziges nur behalten, mein Freund wußte nicht, ob es ein Knabe oder Mädchen, da dasselbe in der Pension erzogen worden ist. Diese Personalbeschreibung paßt freilich auch auf Andere, zum Exempel, wie mir eben einfällt, auch auf diesen Herrn Steindorf." Marbach hatte den letzten Satz im gleichgültigsten Tone, ohne den Maler dabei anzusehen gesprochen. denkt denn auch daran?" versetzte Marbach, „aber Vieles würde dadurch in die rechte Beleuchtung kommen. Der Schuß zum Exempel, der mir galt, — er mußte unzweifelhaft durch Feindschaft gelenkt worden sein. Wir beide, mein Freund und ich, waren dem mörderischen Schützen zuviel in der Welt. Liegt in dieser Behauptung keine Logik?" „Freilich — freilich, aber hüten wir uns doch, einen solchen ungeheuerlichen Gedanken laut werden zu lassen, mein bester Marbach, der Tod des Kindes wäre sein bester Schild." „Er könnte sich ja leicht durch das Fehlen jenes Kennzeichens reinigen," meinte Marbach, den eine fieberhafte Unruhe zu erfüllen schien. „Bedenken Sie, Rein- WWU MW M« »WM WM AM W-SL WM Tanzende Derwische. Eine augenblickliche Stille trat ein, — als er sich wieder zu Reinhardt umwandte, sah er diesen mit erblaßtem Gesicht unbeweglich vor sich Hinstarren. Dann begegneten sich ihre Blicke mit einem festen Ausdruck. „Hat die Polizei eine solche Personalbeschreibung erhalten?" fragte Reinhardt. „Allerdings, bis auf den rothen Strich. — Ich glaube, daß Herrn Steindorf ein zierlicher Schnurrbart auch sehr verjüngen würde." Der Maler erhob sich rasch und schüttelte sich, wie von einem plötzlichen Grauen ergriffen. „Nein, nein, das wäre zu gräßlich," sagte er, „denken Sie an das erschossene Kind!" „Ein furchtbarer Zufall, keine Absichtlichkeit, wer hardt, wenn es diesem unheimlichen Menschen glückte, Fräulein Holten zu heirathen." Der Maler sah ihn nachdenklich an. „Na, wir können's nicht hindern —" „Vielleicht doch," knirschte Marbach mit einem wahrhaft ingrimmigen Lächeln. „Irgend eine gute Freundin müßte Ortrud spielen und der leichtgläubigen Elsa von Brabant etwas Mißtrauen gegen ihren blondbärtigen Lohengrin in's Ohr träufeln. Zum Exempel, weßhalb er den häßlichen Kinnbart, der ihn ganz entschieden älter macht und sogar seiner Schönheit Eintrag thut, sich habe wachsen lassen? — Wenn Elsa darauf bestände, ihn ohne denselben zu sehen —" „Ja, wenn, mein Lieber!" rief Reinhardt, laut 281 lachend, „wenn Armgard Holten zu der Sorte dieser Elsa's gehörte! — Aber dergleichen ist bei ihr undenkbar, eine Ortrud fände bei ihr keinen fruchtbaren Boden. Uebrigens," setzte er sehr ernst hinzu, „ist Ihr Verdacht auch im Grunde so ungeheuerlich, daß derselbe, wie ich fürchte, Ihrer Abneigung gegen Steindorf zumeist wohl entspringt. Nehmen Sie sich in Acht, lieber Marbach, mit solchen Gedanken ist nicht zu scherzen." „Mögen recht haben, alter Freund," sagte der junge Mann mit einem kräftigen Händedruck, „ich fühle starke Abneigung gegen jenen Mann, das ist wahr, habe aber auch die Ueberzeugung, daß er mein Tod- Reinhardt legte dem Erregten die Hand auf die Schulter und sah ihm besorgt in die Augen. „Scheinen meiner Treu auch zu fiebern, lieber Junge!" sagte er theilnehmend, „die teuflische Geschichte bringt ja das solideste Gehirn aus Rand und Band. Nun lassen Sie sich mal etwas sagen, Marbach! — Wenn Armgard Holten so bodenlos charakterschwach sein sollte, diesen Steindorf zu heirathen, dann hat sie ihr Schicksal verdient, denn des Menschen Charakter ist sein Schicksal und umgekehrt. Was mich nun anbetrifft, so glaube ich nicht daran, sondern halte sie für ein con- scquentes Frauenzimmer, das wohl augenblicklich unter so aufregenden Umständen den Kopf verlieren kann, ihn Hrulcnde Derwische. MMMM V - AM« .»EN-'MÄÄ KMMBK MM NSW E» MM feind ist und mich herzlich gern aus dem Wege räumen möchte, falls er damit sein "väterliches Gut wieder gewinnen könnte. Wissen Sie^ es schon, daß Fräulein Holten plötzlich erkrankt ist?" „Nein, - das sagen Sie mir erst jetzt?" „Ich erfuhr es zufällig durch meinen Verwalter. Der Arzt fürchtet ein Nervenfieber, jetzt wird sich Steindorf wohl der Herrschaft dort bemächtigen. Nun, was kümmert's mich, vorerst wird die Hochzeit doch nicht stattfinden können, oder er müßie sich mit ihr auf dem Krankenbette trauen lassen, da sie ihm, wie alle Welt glaubt, eine derartige Genugthuung des todten Kindes halber nun einmal schuldig sein soll. Ist das auch Ihre Meinung, bester Freund?" aber auch zur rechten Stunde wiederfinden wird. Einstweilen ist sie unter der Obhut des Doctor Peters und der alten Mamsell Evers, und diese beiden werden den Patron wohl vonihremKrankenzimmer fern zuhaltenwiffen." Marbach's Gesicht hatte sich bei diesen Worten des Malers erhellt, er drückte ihm stumm die Hand und fragte nach einer Weile: „Wie mag es der alten Tante Hanna ergehen?" „Na, die Aerzte hoffen sie am Leben zu erhalten, wollen sie aber, wenn ihr Zustand es erlaubt, in's Krankenhaus bringen lassen, um sie genauer beobachten und vielleicht noch einer Operation unterziehen zu können Schade, daß sich das Gehirn der Alten verschoben ha ich glaube die Aerzte haben Lust, mal hineinzuschauen. 282 „Das wäre ja barbarisch bei dem hohen Alter der Greisin!" rief Marbach entsetzt, eine Trepanation jedenfalls gleichbedeutend mit dem Tod!" Reinhardt zuckte die Achseln. „Ist die Unglückliche denn nicht lebendig todt? Würde sie selber, wenn sie Von ihrem Zustande eine Ahnung haben könnte, nicht selber auf eine solche Operation drängen? Ich halte diesen allerletzten Versuch sogar für geboten. Und nun kommen Sie, junger Mann, ich habe die größte Lust, einen Spaziergang durch Ihre Felder in Ihrer Gesellschaft zu machen und) mir bei dieser Gelegenheit auch die Mordstätte anzusehen." Sie hatten bereits ein gutes Frühstück zu sich genommen und verließen das Herrenhaus. „Wollen wir nicht lieber reiten?" fragte Marbach, „es ist ein tüchtiges Ende bis nach der Schlucht." „Nein, ich bin ein schlechter Reiter, aber ein famoser Fußgänger, und der Weg thut Ihnen augenblicklich auch gewiß gut." „Meinetwegen," sagte Marbach, und beide schritten nun tüchtig aus. Das Wetter war köstlich, die Sonne stand hoch am blauen Firmament. Alles grünte, blühte und duftete ringsum in der Natur. Nach einer Stunde schon hatten sie auf geradem Wege den Hohlweg erreicht. Sie standen an der Krümmung, wo das blutige Drama so schnell und überraschend sich abgespielt. „Hier also war's?" fragte Reinhardt. „Ja, hier ging ich mit Fräulein Holten, dort stand der Wagen, vor welchem mein Freund mit dem Kinde plauderte, gerade vor'm Schuß, wie Sie zugeben müssen." Er deutete dabei nach der waldigen Höhe hinauf. „Dieser Hohlweg ist aber auch für solche Ueber- fälle wie geschaffen," meinte der Maler, „so ein Schin- derhannes, der ein sicheres Auge und eine feste Hand besitzt, findet dort oben ein prächtiges Versteck und kann ungehindert wegknallen, was ihm beliebt. Zum Henker, das erweckt doch ein verdammt gruseliges Gefühl in einem, wenn man hier urplötzlich so unversehens weggeputzt würde." „Das wird sich heute nicht wiederholen," bemerkte Marbach bestimmt. „Und weßhalb nicht? — Kann es nicht auch einer jener unheimlichen Gesellen gethan haben, die zu Zeiten j eine unbezwingliche Mordlust in sich spüren, welche sie um jeden Preis befriedigen müssen? Die menschliche Gesellschaft birgt viele unheimliche und räthselhafte Elemente in sich —" „Gewiß, alter Freund!" fiel Marbach ungeduldig ein, „man würde sich zu Tode entsetzen, wenn die Masken plötzlich gelüstet würden. Trotzalledem aber fühle auch ich plötzlich eine unwiderstehliche Lust in mir, einmal wieder jene Höhen zu besteigen. Sie begleiten wich doch?" Reinhardt blickte ihn unzufrieden von der Seite an, da er nicht die mindeste Lust zu dieser Besteigung hatte. Doch meinte er unwirsch, daß er sich zu der Strapaze verstehen wolle. „Wenn der neue Schinderhannes mich dort oben todtschießt," setzte er desperat hinzu, „vermache ich mein Geld dem Herrn Steindorf." Marbach lachte gezwungen und schritt rasch voran, bis sie an die Schlucht gelangten, von wo ein schmaler, ziemlich steiler Pfad hinaufführte. „Den sogenannten Diebsweg sollen wir hinan?" rief der Maler erschrocken, „nein, mein Sohn, dann folge ich nicht." „Bah, das sieht nur von unten so aus, — sind Sie denselben niemals gewandelt?" „In meiner Jugend, als ich noch wie eine Gemse kletterte, jetzt aber — na, — versuchen wir's noch mal, es kann nicht mehr als den Hals kosten." Schweigend schritten Beide bergan, Marbach mit festem Fuß in der Mitte des steilen Pfades, während Reinhardt sich klüglich zwischen den Büschen und Sträuchern, welche ihm den nöthigen Anhalt gaben, Hinaufwand. Sie hatten beinahe die Höhe schon erreicht, als der Maler ein „Halloh!" ausstieß. „Nun?" fragte Marbach, stehen bleibend, „was giebt's denn?" „Etwas Blankes — Goldenes, — sehen Sie nur, ein hübsches Ding, das ein Tourist verloren hat, ein Manschettenknopf." Marbach griff so hastig darnach, daß er einige Schritte zurückrutschte und sich an einem Busch festhalten mußte. „Da haben wir die Gewißheit," sagte er triumphirend, „kommen Sie rasch, bester Freund, daß wir die Höhe und damit den sicheren Boden erreichen, dann sollen Sie Weiteres hören." Sie stiegen jetzt schweigend hinauf und standen endlich auf einer breiten Felsplatte, welche sie nach beiden Seiten hin in Wald und Gestrüpp verlor. (Fortsetzung folgt.) GotdkSrner. Zu des Verstandes und Witzes Umgehung Ist nichts geschickter als Augenverdrehung. Bodenstedt. — Buxheim. (Hiezu das Bild Seite 283 ) ^Nachdruck verboten ) Eine Stunde westlich von Memmingen liegt am Nordende eines kräftigen Tannenwaldes, der „Hart" genannt, da wo die Memminger Ebene zum Jllerthal abfällt, das Pfarrdorf Buxheim, dem die noch erhaltenen Klostergebäude der alten ehrwürdigen Karthause ein stattliches Aussehen geben. Buxheim ist die Heimstätte an der gekrümmten, gebogenen Nach*), war schon in der Karolinger'schen Kaiscrzeit eine Zugehörde des Bisthums Augsburg und gehörte zur alten Mark Heimertingen. Nach den Hunnenstürmen siedelten sich hier von Augsburg aus Kanoniker an. Es entstand ein Chorherren- oder Canonikatstist, dessen Vorsteher den Titel Probst führte und vorn Augs- burger Domkapitel ernannt wurde. Die gemeinsam lebenden Mitglieder versahen die Pfarrei Buxheim und die Nachbarschaft, und genossen die Kirchengüter und den Zehnten als bischöfliches Lehen. Herr v. Raiser meint, der Schirmvogt der bischöfl. Kirche Augsburg, Herzog Wels VI., der sich viel in Memmingen aufhielt, habe zum Schutze des Canonikatstiftes Buxheim und der bischöfl. Güter in der Umgebung, da wo jetzt das Dörfchen Westerhart steht, die Burg Alt- *) Bekanntlich führt eine Menge kleiner Flüsse des schwäbischen Oberlandes den Namen Ach oder Nach. Das Wort — entstanden aus dem altdeutschen „Aha" — Flüßchen, bedeutet und bezeichnet stets einen kleinen Flutz. 283 Hahn gebaut, die noch im 16. Jahrhundert in Urkunden vorkommt, aber wahrscheinlich schon in den vielen Kämpfen und Fehden Weiss zerstört wurde. Im Jahre 1217 lebte Probst Albert von Buxheim, Anno 1266 Siegfried v. Donnersberg als Probst von Buxheim. Um dieselbe Zeit — im 13. Jahrhundert besaßen aber auch die Grafen von Württemberg Gröningen Güter in Buxheim. (Baumann, Geschichte des Allgäu S. 423). Nach Braun (Hist.-top. Beschreibung S. 553) waren am Ende des 14. Jahrhunderts die Herren von Jsenburg Inhaber der Gerichtsbarkeit von Buxheim. Der größte Theil der Ortsgüter war aber ohne Zweifel im Besitz des Canonikatstiftes, wel- chemBischofBurkhard im Jahre 1398 die Pfarrei Buxheim einverleibte. Bald darauf, Anno 1402, übergab der letzte Propst von Buxheim, Heinrich v. Ellenbach mit Einwilligung des Bischofs und desDom- kapitels die Propstei Buxheim mit allen Gütern an die Karthäuser von Christgarten (im Ries). Der damalige Prior Johann von Christgarten übernahm nach der Uebergabsurkunde vom22.Januar1402 die Propstei Buxheim mit allen Gebäuden undZugehör,diePfar- rei, das Dorf Buxheim undAlthain (das heutige Westerhart) mit allen Gütern und Rechten. Die Propstei wurde nun in einKart- Häuser-Kloster umgewandelt. Um das Kloster von allem Einfluß der Laien zu befreien, löste Prior Johann die Gerichtsbarkeit der Herren von Jsenburg über Buxheim mit Geld ab. Der Rath von Memmingen übernahm den „Schutz" des neuen Klosters „zur Ehre der Magd Christi als Hausmutter des Gotteshauses zu Buxheim", wie es in der Urkunde heißt. Als aber 120 Jahre später die Memminger „Schutzvögte" zwinglianisch wurden, ging das Schutzrecht über Buxheim an Oesterreich über. Das Kloster mußte fortan an die kaiserliche Landvogtei in Schwaben 5 fl. Schutz- und Schirmgeld entrichten. Die Karthäuser richteten nun die alten Propstei- Gebäude nach den Anforderungen ihrer Ordensregel ein. Sie wohnten in abgesonderten Zellen, d. i. kleinen Häuschen, welche an die inneren Umfassungsmauern im Gevierte angebaut waren, wie man sie heute in Buxheim, namentlich an der Südseite des Klosters noch sieht. Die Pfarrei Buxheim mußte das Kloster mit einem Weltgeistlichen besetzen. Im Jahre 1478 war Conrad Huetter Pfarrer von Buxheim. Die ununterbrochene Reihe der Pfarrer von Buxheim beginnt nach unseren Quellen erst mit der'Neige des 16. Jahrhunderts. Nach Math. Jelin's Tod im Jahre 1591 erhielt Joh. Baumeister (1591—1617) die Pfarrei. Ihm folgten Jakob Größer (1617—1620) und Hieronymus Meßner (1620—1639). Unter Pfarrer Meß- ner kamen die Drangsale des Schwedenkrieges. Im Pestjahre 1635 starben so viele Leute, daß ein Gottesacker vor dem Dorfe angelegt werden mußte. Nach demKrieg blieb dieser Gottesacker wieder „öde" und unbenützt. Die Mauer zerfiel, wurde aber im Jahre 1694 unter PfarrerJohannFranz Christa (1667 bis 1700) wieder aufgebaut und der Gottesacker aufs Neue eingeweiht. Als der Pfarrer Anno 1639 mitten im Schwedenkrieg gestorben war, wurde die Pfarrei durch dieKart- häuser k. Basilius Huber und dann 1>. Joseph Maria Schem- mel versehen. Im Jahre 1661 erhielt der Weltpriester Gg. Deffner die Pfarrei, „kündigte" sie aber schon 1662, worauf Gg.Preisinger'(1665) und Franz Christa folgten. Unter Pfarrer Simon Hölzle (1700 bis 1740) wurde im Jahre 1726 die alte Pfarrkirche abgebrochen und neu erbaut. Nach Pfarrer Hölzle's Tod-verwalteten J.Schillinger (1740—1754), Georg Anton Vogt (1754—1771) und Michael Fech (1771 —1805) das Pfarramt. Im Todesjahr des Pfarrers Fech Anno 1805 wurde das Karthäuser-Kloster aufgehoben und Buxheim mit Westerhart dem Grafen von Ostheim zugetheilt, der im nämlichen Jahre den Gallus Bader (1805—1820) und Anno 1820 den Anton Benedikt Frik (1820—1844) als Pfarrer präsentirte. Nach dem kinderlosen Tode des Grafen von Ostheim erhielt dessen Erbe im Jahre 1830 Graf Friedrich von Waldbott-Bassenheim Dorf und Kloster Buxheim sammt seiner Klosterbibliothek und dem präch- Kuxhelm: Schloß und Kloster. Original-Aufnahme von Gustav Bader. Photograph in Krumbach. ^Vervielfältigungsrecht vorbehalten,) 284 igen einzigartigen Kirchen-Chorgestühle, das in allen einzelnen Theilen ein wahres Meisterstück der Kunstfertigkeit in der Holzschnitzerei und Bildhauerarbeit ist. In den 70 Jahren waren alle diese reichen Kunstschätze, die ein beredtes Zeugniß für die Kunstsinnigkeit und den Kunstfleiß der Karthäusermönche sind, noch erhalten; seitdem soll Vieles „unter den Hammer" gekommen und ins Ausland gewandert sein. Noch steht das zum gräflichen Schloß umgewandelte Klostergebäude mit mehreren Karthäuserzellen. An Stelle der Stillen Karthäuser ist der Lärm und das geschäftige Treiben des vollen Lebens eingezogen, aber es ist, als ob das ernste und düstere Gebäude mit seinen mönchischen nun modernisirten Zellengebäuden an dem modernen Aufputz keinen Gefallen fände Und melancholisch seiner frommernsten Vergangenheit gedenke. Nach Aufhebung des Bassenheim'schen Herrschaftsgerichts im Jahre 1848 wurde Buxheim dem kgl. Landgerichte Memmingen zugetheilt. Heute zählt die Pfarrei ca. 580 Seelen. -- Zu unseren Bildern Nach der Taufe. Der junge Weltbürger ist soeben in die Zahl der Christen aufgenommen worden. Das Tauswasser ist über seinen Scheitel geflossen und der Taufpathe hat für ihn das Glaubensbekenntniß abgelegt und ist jetzt neugierig, die Gesichtszüge des Täuflings eingehender besehen zu können. Dies ist um so leichter, als die Trägerin des Kindes sich nach Lüftung des Schleiers eben über das Wohlbefinden des kleinen Weltbürgers vergewissert. Die ganze Darstellung ist lebenswahr und bis in's Detail naturgetreu. Besonders ist auch der Altar und dessen figürlicher Theil mit größter Sorgfalt von dem berühmten Maler behandelt, der das Gemälde geschaffen, nach welchem unser Bild gezeichnet ist. Der Künstler hat sich mit diesem Werke neuen Lorbeer errungen. _ Tanzende und heulende Derwische. Derwische heißen bekanntlich die muhamedanischen Mönche. Im Allgemeinen wohnen sie vereinigt in Klöstern; einige sind auch verheiralhet und dürfen dann außer dem Kloster wohnen, müssen aber wöchentlich einige Nächte im Kloster schlafen. Sie fasten, kasteien sich, üben strenge Gebräuche, führen gewisse religiöse Tänze auf, deren Hauptschwierigkeit in einem oft stundenlangen, meist aber 5—7 Minuten anhaltenden Drehen genau auf einer Stelle, erst mit auf der Brust gekreuzten, dann über den Kopf gehobenen Armen, wobei ihr weiter, gelöster Rock einen Kreis um sie bildet, besteht, worauf sie besinnungslos niederfallen. Es sind das die tanzenden Derwische. Aehnltches gilt von den heulenden Derwischen, nur daß diese die Sache noch viel toller treiben. Die Derwische sind durch das ganze türkische Reich verbreitet und stehen beim Volk in hohem Ansehen. -»—i——- Allerlei. Ein merkwürdiges Wasserthier. Der Pater de Breest von der Gesellschaft der algerischen Weißen Väter hat, wie wir der „Kreuzzeitung" entnehmen, an den Bischof Livinhac einen Brief geschrieben, worin er ein merkwürdiges Wasserthier des Tanganyika beschreibt, das viele Ähnlichkeit hat mit dem von Sckwein- furth in seinem Buche „Im Herzen von Afrika" geschilderten Lepidosiren. Der Missionar de Breest schreibt: Eines Tages, als die Frauen mit dem Einernten von Reis beschäftigt waren, hörte man den Schreckensschrei: „Nguema, Nguema" (Krokodil), und alle flohen mit größter Eile dahin. Das vermeintliche Krokodil war aber ein anderes fremdartiges Thier, halb Reptil, halb Fisch, das mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles unsere Sammel- körbe übersprungen hatte. Das merkwürdige Geschöpf bleibt stundenlang unbeweglich unter dem Wasser liegen; wenn es aber in seiner Ruhe gestört wird, schwingt es sich mit Hilfe seines Schwanzes mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Höhe. Seine Sprünge haben, soweit ich es feststellen konnte, eine Weite von 15—20 Schritten, dann bleibt es wieder still liegen; verfolgt, macht es immer von neuem solche mächtige Sprünge. Seine Sinne scheinen nicht recht ausgebildet zu sein, wenn man in Betracht zieht, wie leicht man an es herankommen kann. Eines Tages war ich nur noch 50 Centimeter von einem dieser großen Reptile entfernt; ich rief einem Kinde zu,, es solle mir eine Lanze holen. Als das Kind nach etwa zwanzig Minuten damit zurückkam, war das häßliche Geschöpf schon im Reisfelde verschwunden. Doch war es mir gelungen, in den Besitz von zwei Exemplaren zu gelangen, welche die Kinder mit einer Hacke mitten in einer Pfütze erschlagen hatten; das Weibchen maß 1,10 Meter, das Männchen nur 93 Centimeter in der Länge; wie bei den Fischen ist der Körper mit Schuppen bedeckt, doch sind diese mit einer klebrigen Schicht überzogen; man entdeckte daher die Schuppen erst beim Zerlegen. Das Thier hat weder Flossen wie die Fische, noch Patten wie die Reptile, an Stelle der Patten finden sich zwei Paar Anhängsel, wie Rattenschwänze, verkümmert und langgedehnt, die vorderen waren 24, die Hinteren 19 Centimeter lang. Bei dem männlichen Thiere sind diese Auswüchse nach innen mit einer Art kurzer, fetter Flosse versehen. Gleich den Reptilien hat das Geschöpf Lungen, obwohl es beinahe niemals aus dem Wasser geht, auch kann es sich der Auswüchse nicht zur Fortbewegung bedienen. Außerdem hat es, wie die Fische, Kiemen mit vier Ausläufern. Eine dicke Flosse am Ende des Rückgrates umgibt den Schwanz und preßt ihn buchstäblich zusammen, indem sie sich nach unten wendet. Der Rachen, der von mittlerer Größe ist, hat zwei Reihen einer knochigen Masse, welche die Stelle der Zähne vertritt. Nach den Angaben der Eingeborenen kann das Thier mit einem Biß einen Finger, ja eine ganze Hand abbeißen; es scheint indessen nur ein Pflanzenfresser zu sein; denn ich fand in seinem großen Magen mit zwei Abtheilungen eine beträchtliche Menge von Reis- stengeln, die noch mit ihren Aehren versehen waren, wonach es scheint, daß es seine Nahrung ungekaut verschluckt. Das Thier, das die hiesigen Eingeborenen Sembe oder Sompe nennen, ist ein Gegenstand des Schreckens für sie, sie haben einen instinctiven Widerwillen dagegen; um keinen Preis würden sie es anrühren, auch nicht mit einer Fingerspitze. Dagegen waren einige Wabembe sehr zufrieden, von dem Fleische des Thieres einige Stücke ihrer mageren Suppe hinzufügen zu können, sie erklärten, es schmecke vorzüglich. Die Eier, welche ich zu beiden Seiten des Rückens aufgehängt fand, befanden sich in einer Art langen klebrigen Beutels und waren von außerordentlicher Menge. Die Kinder haben mir mehrere Tausend Larven gezeigt, die denen der Pythone ähnlich sind, und versicherten, es seien kleine Sembe. Was ihre Angaben zu bestätigen scheint, ist der Umstand, daß der Sembe, dem ich mich so sehr nähern konnte, von mehreren Hundert solcher virosiorosirvö, wie sie sie nennen, umgeben war. Der Sembe legt sich einige Fuß tief in den Schlamm, dort liegt er, bis die Regenzeit ihn aus seinem schlafartigen Zustande erweckt. --KMN- HL38. Kreitag, den 11. Mai 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Znstiruts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Tanke Lanna's Oeßeimniß. Original-Noman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Dieser Knopf mit dem Monogramm W. P. gehört zu einem gleichen, den Fräulein Holten auf der Brandstätte oder vielmehr in dem Garten der alten Tante Hanna gefunden hat," begann Marbach. „Mein Freund Warncck besäst ein ganz ähnliches Paar mit dem eigenen Monogramm und erklärte, daß diese Knöpfe bei einem Juwelier in Chicago gekauft wären." „W. P., also —« „William Prien, stimmt famos, wie?" „Dann wäre dieser Mensch auch an Tante Hanna's Geschick, betheiligt!" rief Reinhardt kopfschüttelnd, „das schießt aber doch wohl über's Ziel hinaus." Marbach schwieg einen Augenblick unschlüssig. „Der Schurke hängt allerdings mit dem tragischen Geschick jener Bedauernswerthen eng zusammen," versetzte er endlich zögernd. „Ich habe freilich mein Wort gegeben, die Sache geheim zu halten, kann Ihnen gegenüber aber eine Ausnahme machen, weil Sie bei der Durchsuchung des Möbels zugegen waren, somit halb und halb zu den Eingeweihten gehören. Es wurde doch von meinem Freunde zuerst das Wort „Raubmord" ausgesprochen." „Ja, ja, ich weiß, —hilf, Himmel, nun wird's mir klar, der schändliche Verbrecher hat die Greisin beraubt und ermordet, wie er's mit Ihrem Freunde Warueck gethan. — Hatte das Unthier denn noch nicht genug an dem amerikanischen Raube?" „Er ist ja ein leidenschaftlicher Spieler," sagte Marbach, „und wird wohl den ganzen Raub schon in dieser Weise verloren, sich deshalb nach neuen Mitteln umgeschaut haben. Hier aber tritt uns wieder ein neues Räthsel entgegen. Woher kannte er die alte Tante Hanna und -das Innere ihres Hauses? Und wie konnte er wissen, in welchem Möbel sie ihr Geld bewahrte?" „Nun, mein Freund, die Räumlichkeiten müssen die Diebe meistens von außen studiren, das war also bei Tante Hanna'S kleinem Hause eben kein Kunststück. Wir können auch nicht wissen, wie viele Kisten und Kasten er vorher geöffnet hat, bevor er das Rechte getroffen, da nur wenige Sachen gerettet worden sind. — Darüber wollen wir uns also nicht weiter die Köpfe zerbrechen, da die Thatsache so ziemlich feststehen wird, daß dieselbe Hand beide Verbrechen begangen hat. O, könnte man diesen Mordbuben mit dem blutigen Strich, der ihn wie von höherer Hand gezeichnet erscheinen läßt, doch packen, um ihn der verdienten Strafe zu überliefern." „Das ist auch mein sehnlichster Wunsch," sprach Marbach, den Knopf sorgsam in Papier wickelnd und in die Tasche steckend. „Kommen Sie, alter Freund, wir wollen noch den Platz uns ansehen, von wo der Geselle die Mordkugeln hinabgesandt hat." Er schritt wieder voran und der Maler folgte ihm schweigend, zuweilen spähende Blicke umherwerfend, als fürchte er irgend etwas Ungeheuerliches. „Warten Sie hier ein wenig, lieber Reinhardt!" bat Marbach, nachdem sie eine lange Strecke auf einem der schmalen Fußwege zurückgelegt hatten. „Es muß dort hinunter sein, sehen Sie nur, wie hier das Gestrüpp niedergetreten, die Büsche geknickt, vielfach sogar abgeschnitten sind. Der Abhang ist ziemlich steil und nicht ganz ungefährlich, weshalb ich hier erst allein sondiren will." Er drängte sich bei diesen Worten bereits vorsichtig durch das Buschwerk, welches ihn überall wie mit Fang- armen packte und festhielt. „Nehmen Sie Ihren guten Rock in Achtl" schrie ihm Reinhardt nach, „Sie kommen sonst in Fetzen zurück." „Ja, es ist eine vertrackte Arbeit," erwiderte Marbach, „aber es führt nun einmal kein anderer Weg nach Küßnacht." Er rang sich glücklich durch, wenn auch mit einigen Rissen an den Händen, wobei ihm der Einfall, seine Jagdmütze aufgesetzt zu haben, jetzt trefflich zu statten kam. „Aha, hier wird er gestanden haben," sagte er halblaut, als er eines freiliegenden Felsstückes ansichtig wurde, das für den Auslug in's Thal, sowie für einen Schützen auf dem Anstand wie geschaffen schien. „Daß die Polizei sich diesen Platz noch nicht in Augenschein —" Er brach erschreckt ab und stieß einen Ausruf höchster Ueberraschung aus, als sein Blick auf einen Mann fiel, der, den linken Arm um eine Fichte geschlungen, ihn ruhig ansah. „Guten Tag, Herr Marbach!" sagte derselbe jetzt mit einer tiefen, gemüthlichen Baßstimme, „wollen Sie sich auch mal diesen Schützenplatz ansehen? Kann mir denken, daß es für Sie doppelt interessant ist, weil Sie sozusagen direkt dabei betheiligt gewesen sind." 286 Marbach sah den Mann, der ihn so vertraulich anredete, mißtrauisch an. Es war eine untersetzte, behäbige Gestalt mit treuherzigen Zügen, ungefähr vierzig Jahre alt. „Sie kennen mich?" fragte er langsam. „O freilich, wer sollte den neuen Besitzer von Noten- hof nicht kennen? — Ich bin meines Zeichens ein Maurer- Polier und räumte die Trümmer von Tante Hanna's Haus mit auf, wobei ich mir die rechte Hand verletzt habe. Da ich nun doch nicht arbeiten kann, so bin ich hier herausgebummelt, um mir das Jagdrevier des Freischützen anzusehen." „Ach so," erwiderte Marbach beruhigt, „haben Sie beim Aufräumen der Trümmer noch etwas gefunden?" „Nein, der Blitz hat Alles verzehrt. — Aber hier muß der Musje Freischütz doch wohl gestanden haben, Herr Marbach I" „Gewiß, man sieht's an dem geknickten Buschwerk. Oder rührt es vielleicht von Ihnen her?" „Na, mag wohl auch etwas abgebrochen haben, der Weg war aber schon gebahnt. Möcht' die Canaille wohl kennen." „Ich ebenfalls," sagte Marbach, sich forschend vorbeugend und in die Tiefe blickend, „der Kerl hat ein sicheres Auge und eine vortreffliche Waffe gehabt. Es heißt was, bis dort hinunter einen solchen mörderischen Treffer zu machen. Wenn er nur hier eine Spur hinterlassen hätte." „Glauben Sie denn, wir sind die Ersten hier gewesen, Herr Marbach? — Unsere Criminalpolizei ist ganz vortrefflich, ich kenne einen Geheimen, der in Berlin am Platze wäre, aber sein Commissar läßt ihn nicht locker. Na, der wird hier längst schon oben gewesen sein, und wenn der Mordgeselle sich nicht bei Zeiten unsichtbar gemacht hat, dann packt er ihn, darauf können Sie sich verlassen. Er ist auch der Mann, ihn nach Amerika zu verfolgen." Marbach blickte ihn überrascht an, hatte der Geheime schon geplaudert? „Meint Ihr Freund vielleicht, daß er über's Meer entfliehen wird?" fragte er rasch. „Ach, das weiß ich nicht, der ist in solchen Dingen stumm wie das Grab. Ich meinte nur so im Allgemeinen." „Wie heißt dieser Geheime?" „Ja, wissen Sie, Herr Marbach," erwiderte der Polier, sich verlegen die Nase reibend, „das darf ich Ihnen nicht sagen. Ich kriegte es so per Zufall heraus und mußte ihm die Hand darauf geben, es nicht zu verrathen." „Das ist etwas Anderes," sagte Marbach, „sein Wort muß man unter allen Umstünden halten." Er nickte ihm freundlich zu und schickte sich an, den Rückweg anzutreten. „Na, dann will ich man auch gehen," sagte der Polier, „hier oben über'n Berg genirt Sie meine Gesellschaft wohl nicht, Herr Marbach!" „Nein, mein Lieber, auch nicht unten im Thal, weshalb sollte denn Ihre Begleitung mich geniren?" Sie drängten sich durch das Buschwerk wieder hinauf, wo Reinhardt ungeduldig hin und her ging. „Wen bringen Sie denn da, Marbach? — Zum Henker, das ist ja der Polier Schulze! — Was haben Sie denn da unten gemacht?" „Herrje, was sollt' ich wohl da unten gemacht haben, Herr Reinhardt!" meinte der Polier mit einem breiten Lachen. „Wollt' nur mal sehen, wo der famose Freischütz gestanden hat, und ob die böse Geschichte nicht vielleicht doch nur ein unglückliches Versehen gewesen ist. Ich weiß, daß sich schon mancher Sonntagsjäger hier oben verirrt und nach Wild ausgeschaut hat. Dachte einen Nehbock zu schießen und traf seinen eigenen Hund. Es ist wirklich und wahr passirt. So traf ich hier am ersten Pfingstmorgen, just an dieser Stelle hier, den Herrn Steindorf, wissen Sie, der eben jetzt aus Amerika zurückgekehrt ist und sich damals, es mögen wohl schon an die zehn Jahre her sein, zwei schöne Güter verscherzt hat, nämlich Rotenhof, was das Ihrige nun ja ist, Herr Marbach, und vordem seinem Vater gehörte, und das schöne Edenheim mitsammt der hübschen Braut. Na, ich war doch Geselle und arbeitete just damals an einem neuen Stallgebäude in Edenheim, kannte auch die junge Dame, mit welcher er auf und davon ging und sein schönes Erbe und seine armen, alten Eltern im Stich ließ. Aber so viel ist gewiß, sie war nicht halb so hübsch wie Fräulein Holten, mein Geschmack wär' die nicht gewesen, — aber die Geschmäcke sind nun einmal verschieden, was, Herr Reinhardt?" Reinhardt lachte fröhlich auf. „Das versteht sich, Schulze, wär' auch sonst ein Unglück für die Menschheit. — Also Herr Steindorf wollt' sich hier wohl sein Rotenhof betrachten?" „Ja, das mochte wohl so sein, ich kannt' ihn gleich wieder und er war auch ganz nett, gar nicht stolz, fing von selbst an, mit mir zu sprechen, obschon er sich natürlich von wegen meiner nicht gut erinnern that, was ja auch nichts machte. Er meinte, daß es in Amerika viel schöner wär', aber daß er doch wahrscheinlich, sich hier ankaufen wollte —" „Ah!" Machte Marbach unwillkürlich. „Lieber Gott, ob er nun noch die Lust dazu hat, nachdem sein kleines Mädchen todt ist, wird wohl die Frage sein," meinte Schulze. „Ich gab ihm so um den Busch herum zu verstehen, daß Fräulein Holten ja noch ledig wär' und Edenheim jetzt noch besser im Stande sein sollt' als früher. Na, da sah er mich groß an und sagte, daß er dazumal noch ein rechter Kindskopf gewesen wär', der sein Glück mit Füßen von sich gestoßen hätt' und so dergleichen. Ei, sagte ich dann ganz dreist zu ihm, Sie sind ja doch ein verflucht hübscher Herr, und alte Liebe rostet nicht." „Hätt' Sie nie für einen Kuppler gehalten, Schulze," polterte der Maler zornig dazwischen, „wollten sich wohl den Pelz dabei verdienen." Der Polier lachte verlegen. „Nee, nee, Herr Reinhardt, zu solcher Sorte gehöre ich nicht, und kommt ja auch gar nichts auf meinen Schnack an. Aber das muß wahr sein, daß Herr Steindorf ein forscher Kerl ist und daß er sich drüben mit den Indianern höllisch herumgeschlagen hat." Marbach, welcher einige Schritte vorangegangen war, wandte'sich hastig um. „Woher wissen Sie denn das?" fragte er, ihn forschend anblickend. „Na, es war merkwürdig genug, und er wollte es auch durchaus nicht wahr haben, aber gesehen hab' ich's doch ganz genau. Sehen Sie, meine Herren, wir gingen hier quer durch, weil Herr Steindorf einen Platz aufsuchen wollte, wo er als Knabe viel herum gespielt hatte, 287 wie er sagte. Da kamen wir an die Tannen, die drüben wieder recht dicht stehen, und wie er mit seinem feinen Zeug hindurch will, bleibt ihm der Hut hängen. Ich greife darnach, er auch, und dabei kommt sein Bart in Carambolage mit den Tannenstacheln. Er kam ordentlich in Wuth und Angst, ich aber meinte, nur immer ruhig Blut, junger Herr, und mach' ihm sachte den Kinnbart los. Dabei sah ich etwas Rothes und glaubte, daß er sich schon blutig gerissen hätte, — aber es war oder schien nur eine Narbe zu sein, was er sicherlich bei den Nothhäuten sich weggeholt hat. Ich sagte es ihm auch dreisteweg, weil ich das für keine Schande hielt. Da kam ich aber schön an, glaubte wahrhaftig, er wollte mir an den Kopf springen. Sagte, das sei dummes Zeug, er habe sich beim Nasiren geschnitten, ich sollte dergleichen Schnickschnack nicht herumtragen. Wissen Sie, meine Herren," setzte er pfiffig blinzelnd hinzu, „er war immer eitel auf seine Schönheit, und das hat sich auch noch immer nicht gegeben." Marbach hatte bei der naiven Erzählung des Poliers den Maler mit einem gewissen Triumph angesehen, und dieser war tief erblaßt. „Es ist jedenfalls nur ein kleiner Nasirschnitt gewesen," bemerkte Marbach gleichgiltig. „Na, aber ein ganz gehöriger," behauptete Schulze, „eine lange rothe Narbe quer zwischen Mund und Kinn, — gewiß soll es Fräulein Holten nicht wissen, meint wohl, es schadet seiner Schönheit, ja, ja, die liebe Eitelkeit l" „Dann sagen Sie auch nur nichts mehr davon an Andere," rieth ihm Marbach lächelnd, jetzt eiligst, als brenne ihm der Boden unter den Füßen, weiter- schreitend. Plötzlich blieb er stehen. „Was riecht denn hier so brenzlich? Sie haben doch keine brennende Cigarre fortgeworfen?" wandte er sich an Schulze, der umherschnuppernd die Nase hochhob. „I, wie soll? ich denn, Herr Marbach! Werde mich doch hüten, die ausgedörrten Tannen in Brand zu setzen. Aber wahr ist's, es riecht hier ordentlich schwef- lich, nicht wahr, Herr Reinhardt?" „Kann auch vom Thal heraufsteigen und so in der Luft haften," meinte dieser naserümpfend. Er war bei diesen Worten dicht hinter Marbach getreten, um denselben zum Weitergehen anzutreiben, als plötzlich eine kurze, aber heftige Detonation die Luft erschütterte und die beiden Freunde mit einem sAufschrei niederstürzten. Der Polier, dem ein starker Baumast das Gesicht verwundet hatte, stand aufrecht, vor Schmerz, Schreck und Entsetzen ganz betäubt. Endlich aber erholte er sich, wischte sich das Blut aus dem Gesicht, ohne den Vorgang begreifen zu können, und bückte sich zu den wie leblos daliegenden Herren nieder. Waren sie todt? „Mein himmlischer Vater, das ist zn schrecklich," jammerte er außer sich, als er sah, daß sie von Blut überströmt waren und fürchterlich zugerichtet sein mußten. Was sollte der arme Schulze hier oben doch nur beginnen? Woher schnelle Hilfe nehmen, wenn sie am Ende noch lebten? Da hörte er eilige Schritte sich nahen und athmete erleichtert auf, wobei er seine eigene Blessur ganz vergaß und sich mit dem bunten Taschentuch mechanisch das Blut abwischte. Jetzt wurden zwei Jäger sichtbar, der Förster und sein Jagdgehilfe, welche im Laufschritt daherkamen. „Was ist hier geschehen?" fragte der Förster athem- los. „Woher kam der Knall, den wir gehört haben?" „Weiß ich's denn? — Bin ja selbst verwundet worden, die ganze Gegend hier ist verhext." „Alle Wetter, wie sind die zugerichtet!" rief der Gehilfe erschrocken, „das kann nur von einer Explosion herrühren. Am Ende haben sie Dynamit bei sich gehabt —" „Dummes Zeug," unterbrach ihn der Förster, „dies ist ja Herr Marbach auf Notenhof. Schnell, Taschentücher her, sie verbluten sich sonst." Der Förster nahm den Verwundeten die Tücher aus den Taschen und brachte mit Zuhülfenahme des seinigen wie desjenigen des Jägers einen dürftigen Nothverband zu Stande. „So," fuhr er, sich aufrichtend, fort, „Ihr Riß im Gesicht, mein Lieber, wird wohl nicht gefährlich sein. Begleiten Sie meinen Gehülfen nach dem Forsthause, um Hülfe zu holen, vor allen Dingen eine Bahre, Wenzel," wandte er sich an den Jäger, „der Knecht kann mitkommen. — Die Minna könnte nach Notenhof sich aufmachen, damit sie von dort einen Arzt aus der Stadt holt, der alsdann direct nach dem Forsthause fahren muß. Haben Sie Alles kapirt, Wenzel?" „Ja, Herr Förster, weiß Bescheid, kommen Sie, Mann!" Er winkte Schulze, der willig folgte, obgleich er empfindliche Schmerzen an seinen Gesichtswundcn zu haben schien. Der Forstgehülfe schritt kräftig aus und so erreichten sie bald ihr Ziel und kehrten ebenso rasch mit dem Knechte und zwei Bahren an den Unglücksort zurück. Als die Verwundeten aufgehoben wurden, stöhnten sie plötzlich laut auf, was den Förster mit stiller Befriedigung erfüllte und Schulze seine Schmerzen vergessen ließ. Da der Förster selber Hand mit anlegte, so ging der schwierige Transport rascher und glücklicher von statten, als man gefürchtet, und die Verwundeten lagen so gut als möglich gebettet, als Doctor Peters erschien. Der Wagen, welcher von Notenhof abgeschickt worden, war ihm zum Glück unterwegs begegnet, da er nach Edenheim fuhr. Er sagte kein Wort zu der grausamen Bescheerung, konnte aber ein Erschrecken nicht unterdrücken und schien das Resultat der Untersuchung sehr bedenklich zu finden. Marbach hatte eine schwere Wunde am Hinterkopf und eine Zerschmetterung des linken Arms davongetragen, während dem alten Reinhardt die rechte Gesichtshälfte verbrannt und die Schulter zerrissen worden war. „Das sind ja wahrhaft mörderische Wunden," begann der Doctor endlich , nachdem er mit dem Verbinden fertig war, „Reinhardt wird wohl nach Notenhof transportirt werden können, mit Marbach wäre das aber ein Risiko —" „Dann bleibt er natürlich hier, Herr Doctor!" unterbrach ihn der Förster. „Wäre mir lieb, werde für die Krankenpflege sorgen und einen tüchtigen Heilgehilfen mitbringen. Muß heute noch einmal herauskommen, weil der Arm mir schwere Sorge macht." „Wird er durchkommen, Herr Doctor?" Dieser zuckte die Achseln. „Er lebt ja noch, und so lange dürfen wir auch hoffen. Habe meine Vorschriften auf diesem Zettek rrotirt, werden sich genau darnach richten müssen. Mein armer, alter Reinhardt wird auch tüchtig leiden, verdammte Geschichte, wenn wir ihm das Auge nur retten. Erzählen Sie mir doch jetzt, wie es eigentlich zugegangen, Herr Förster!" „Das wird der Mann mit dem blutigen Gesicht am besten berichten können, Herr Doctor," erwiderte der Förster, „es ist eine räthselhafte Geschichte, diese Gegend wird ja unheimlich verrufen." Sie traten vor die Thür, wo Schulze auf der Bank mit einer Waschschüssel saß und sich das Gesicht kühlte. — „Na, Freund Schulze, lassen Sie den Riß erst Mal beschauen, und dann erzählen Sie mir die Geschichte," sprach der Doctor, zu ihm tretend. „Sieh, das ist gottlob nicht gefährlich, ein Stückchen Fleisch ist drauf gegangen und dann der kleine Aderlaß. Hier hängt der ganze Fetzen noch, nun passen Sie auf." Er zog Heftpflaster aus seiner Verbandtasche und klebte den abgerissenen Fetzen Fleisch damit fest. „So, Mann, nun wird's schon anheilen. Erzählen Sie mir von Anfang an, wie das Schreckliche denn eigentlich passiren konnte." Schulze erzählte so ausführlich als möglich, und der Doctor hörte aufmerksam zu. „Da wird so ein Teufelsbraten von Junge zum Spaß irgend ein Geschoß mit einer Zündschnur gelegt und diese aus Spielerei angesteckt haben!" rief er in Hellem Zorn, „könnte man dem Racker doch auf die Spur kommen. Sie können mit mir nach Hause fahren. Schulze. — Werde sofort bei der Polizei die Anzeige machen, Sie müssen natürlich als Hauptzeuge dabeisein. Man wird nachgerade ängstlich dabei, sich irgendwo noch hinauszuwagen, wenn man am hellen Tage nicht mehr sicher ist, todtgeschossen oder von einem sonstigen Sprenggeschoß getroffen zu werden. Adieu, Herr Förster," setzte der Doctor hinzu, „es bleibt dabei, ich komme heute, mit dem nöthigen Rüstzeug versehen, noch einmal wieder." * * * (Fortsetzung folgt.) -- Zur Weltausstellung in AntkmM. Von Dr. Joseph Schiesl. (Fortsetzung.) Nach diesem kunsthistorischen Excurse, der uns einen Ueberblick über die Entwickelung der niederländischen Kunst und ihrer Vertreter gegeben, wird es genügen, bei den einzelnen Sammlungen, denen wir noch auf unserer Reise durch Belgien begegnen, auf die hervorragendsten Werke aufmerksam zu machen. So finden wir in der oben- genannten ssols außer einigen sehr guten italienischen Gemälden besonders hübsche Po^Ms bon Rubens, Karl de Cordes und seine Frau darstellend, ferner überlebensgroße Bildnisse des Erzherzogs Albrecht und der Jnfantin Jsabella, dann die bekannte Madonna mit dem Kinde vor der Nosenstaude u. a. Zu dem Schönsten zählt auch das Flügelbild „Die Geschichte der heiligen Anna" von Quinten Massys, das früher in der Peterskirche zu Löwen seine Aufstellung gefunden, aber später um 200,000 Frs. für das Museum angekauft wurde. Im Ganzen enthält die Gallerte gegen 500 Gemälde, die in zwölf Sälen untergebracht sind. Dem Museum schräg gegenüber befindet sich das Palais des Prinzen von Arenberg, früher die Wohnung des Grafen Egmont, der im Jahre 1568 gemeinsam mit dem Grafen Hoorn hingerichtet wurde. Zu ihren Ehren wurde in Mitten von herrlichen Anlagen ein großes Denkmal errichtet, welches die Freiheitskämpfer in dem Augenblicke darstellt, wo sie brüderlich sich umarmend zum Tode gehen. Neben dem früheren, jetzt als Gefängniß dienenden Carmelitenkloster (leg xsbibs Oarnreg) stand das gräflich Kuhlenburg'sche Haus, bekannt durch die Unterzeichnung der Bittschrift, welche 300 belgische Edelleute in gemeinsamem Aufzuge zur Statthalterin Margaretha von Parma brachten, um von ihr die Aufhebung der verhaßten Neligionsedikte zu erlangen. Bet dieser Gelegenheit hörten sie, wie ein Günstling, der Graf Barlaimont, der Fürstin das Wort in die Ohren raunte: „Nnärrins, os n'esb gu'uu tag äs §usux", welch' letzteres Wort die Bittsteller sofort aufgriffen und zu ihrem Parteinamen erhoben. Noch am selben Abende durchzogen sie die Stadt als Bettler, mit einem Bettelsack umgürtet und einen hölzernen Napf in der Hand, aus welchem sie auf den guten Erfolg ihrer Bestrebungen tranken. So ist der Name „Geusen" historisch geworden. Den südlichen Abschluß der an die rus ro^als anstoßenden rus äs rsAsnss bildet der mächtige Justizpalast. Nicht mit Unrecht hat man ihn, auch abgesehen von den enormen Kosten, die 60 Millionen Francs betrugen, den größten Monumentalbau unseres Jahrhunderts genannt, da er an Grundfläche sogar den Petersdom in Rom übertrifft. Soviel sich aus dem mächtigen, jedoch nicht harmonisch durchgeführten Bauwerke ersehen läßt, wollte der Meister assyrische oder ägyptische Ideen darin zum Ausdrucke bringen und durch die colossalen Dimensionen und die Masse des verwendeten Materials eine Gesammtwirkung hervorrufen. Da er jedoch wohl wußte, daß durch die mehr gewaltigen als ästhetisch schönen Formen eine eigentlich künstlerische Befriedigung im Beschauer nicht erzielt werden kann, so gedachte er durch griechisch-römische Architcctursormen, die er im Einzelnen, wie in den Gesimsen, den Capitälen und der Cannellir- ung der Säulen u. s. w., anbrachte, den Bau zu erleichtern und ihm den Eindruck des Plumpen oder Massigen zu benehmen. Doch ist ihm seine Absicht nicht gelungen. Von den 27 großen Sitzungssälen, die der Palast enthält, ist der weitaus größte und schönste die salls ä'assisssg oder der Schwurgerichtshof. Prächtige Stückarbeiten und die überlebensgroßen Bildnisse der beiden Majestäten schmücken diesen Saal, dessen gewaltige Fenster schwere goldgestickte Vorhänge zieren. Eine mächtige Kuppel, nahezu 100 ru hoch, wölbt sich über der Vorhalle, der sogenannten sails äss pas-psräus, welche in ihrer Größe und Ausschmückung mehr einem Dome gleicht, als dem Atrium eines profanen Hauses. Diese Halle dient als Wandelgang für Advokaten und Klienten, die sich zwischen den Sitzungen hier besprechen, und dabei mag sich wohl mancher Spitzbube, dessen Handwerk ihn nicht gerade in Fürsteuhäuser führt, über die Pracht gewundert haben, mit welcher man ihm zu Ehren einen solchen Monumentalbau geschaffen hat. Eine breite, zur Zeit der Nationalfeste äußerst belebte Straße führt längs des Justizgebäudes zum sogenannten Halerthor, einem alten festungs- ähnlichen Gebäude, das, früher Vertheidigungszwecken dienend, nun zu einem Nationalmuseum verwandelt worden ist. Es enthält eine sehr reichhaltige Sammlung von Waffen und Alterthümern aller Art; neben ägyp- 289 tischen Mumien und römischen Marmormosaiken sehen wir hier hübsche Neliquarien aus dem 12. Jahrhundert, alte korinthische Gefäße und panathenäische Amphoren neben etruskischen Bronzen, Modelle von modernen Kriegsschiffen neben Feldschlangen und Gewehren aller Art. Leider ist die Besichtigung durch die ungünstige Beleuchtung sehr erschwert und der Reisende genöthigt, gerade die schönsten und hellsten Tage zu seinem Besuche zu verwenden. Um nun auch den Kirchen, an welchen Brüssel allerdings nicht besonders reich ist, die verdiente Beachtung zu schenken, so wird der Reisende vor allem die herrliche, im Centrum der Stadt gelegene Kathedrale St.- Gudule besuchen, deren Thürme ihm von weitem schon ihren Gruß entbieten. In der Blüthezeit der Gothik erbaut, wirkt sie auf den Beschauer durch ihre edlen Formen und stimmt ihn zur Andacht. Man sagt häufig, das belgische Volk sei wenig zur Frömmigkeit angelegt — hier habe ich mich vom Gegentheil überzeugt. Während bei uns dem Volke so ziemlich das Bewußtsein entschwunden ist, daß es auch außerhalb des Gottesdienstes die Kirche besuchen soll und kaun, sind die belgischen Gotteshäuser auch an den Nachmittagen von einer ziemlich zahlreichen Beterschaar besucht. Und nicht blos alte Mütterlein sind es, auch junge Leute beiderlei Geschlechtes, die ihr Herz hierherführt, um sich Trost und Erquicknng zu holen. So war der Eindruck, den ich beim Betreten der herrlichen Kathedrale empfunden, ein doppelter. Nicht minder war ich entzückt von den schönen Schnitzereien, welche an den Beichtstühlen wie an der Kanzel angebracht waren. Zwei Laubgänge, aus in einander geschlungenen Eichen und Palmen gebildet, in deren Zweigen Thiere aller Art sich bewegen, führen zur Kanzel, welche auf dem Rücken der beiden Stammelten: ruht. Während rückwärts sich die Schlange emporwindet und Maria, mit der Sternenkrone auf dem Haupte, ihr den Kops zertritt, zeigt sich in der Mitte das Bild des gekreuzigten Heilandes, auf das Wort der heiligen Schrift hindeutend: ^esrinr orusilixunr xra,säisuwN8. Ihren größten Ruhm auf dem Gebiete der Kunst aber verdankt die Kathedrale den Glasgemälden, von denen die schönsten in der nördlichen Seitenkapelle, der sdnpslls äu sb. Lucraiuoiit äss miruslss sich befinden. Ihren Namen hat diese Kapelle von einigen wunderbaren Hostien, welche dort aufbewahrt werden, nachdem sie einst von Juden gestohlen und in der Synagoge mit Schusterpfriemen zerstochen worden waren. Zur Verehrung dieser Hostien stifteten die 5 mächtigsten Fürsten Europas: König Ludwig von Ungarn, Franz I. von Frankreich, Johann III. von Portugal, Ferdinand I. von Deutschland und Kaiser Karl V., die hier befindlichen Glasfenster, welche unten die Bildnisse ihrer Stifter tragen. In der südlichen Kapelle, der sduxslls äs notrs Hains, welche gleichfalls treffliche Glasmalereien aus dem 17. Jahrhundert enthält, ist ein Marmormonnment des Grafen Friedrich von Mc- rode, der beim Aufstande des Jahres 1830 für sein Vaterland gefallen. An seinem Grabdenkmal steht die Devise seines Lebens: „klus ä'tionirsnr gus ä'donnsurs«. Nicht weit entfernt sind die Marienkirchen dlobrs Dorns äss viotoirss, auch Notrs Darne äu sadlon genannt, welche 1304 von der Schützeuzunft gegründet wurde, und Notrs Da-ms äs In sdaxslls. In ersterer befinden sich die Monumente des Lyrikers Jean Baptiste Rousseau (1' 1741 in der Verbannung zu Brüssel) und des Grafen Flaminius Garnier, des bekannten Sekretärs des Herzogs von Parma, in einer Seitenkapelle auch die alte Be- gräbnißstätte des Geschlechtes der Thurn und Taxis. Einer der merkwürdigsten Plätze nicht blos Brüssels, sondern überhaupt der Welt ist der große Marktplatz, welcher aus der einen Seite vom Nathhause, auf der anderen von den sogenannten Zunfthäusern mit ihren prächtig vergoldeten Faxaden flankirt wird. Schon das Nathhaus mit seinem reichen gothischen Stile und seinem himmelanstrebenden minaretartigen Thurme, seinen Spitz- bogenfenstern und den zierlichen Erkerthürmchen erweckt eine ganz mittelalterliche Welt in unserem Geiste, der sich nichts Ungereimteres denken kann, als etwa ein modernes „Standesamt" in diesen Prachthallen, in denen die Blüthe der belgischen Ritterschaft, die Vertreter der Stadt und freien Zünfte ihre Berathungen hielten. Auch traurige Erinnerungen knüpfen sich an dieses Gebäude. Hier war es, wo die beiden Grafen Egmont und Hoorne ihr Todesurtheil vernahmen und den Gang zum Schaffst antreten mußten. Ob wohl die Geschichte dadurch nicht um einen Justizmord reicher geworden ist? Andere Gedanken kamen mir beim Betreten des großen Festsaals, dessen Langseiten noch von einer wohladjustirten Batterie Champagnerflaschen garnirt waren, als den stummen Zeugen, daß auch die Brüsseler Nathsherren Horazischer Lebensweisheit nicht unzugänglich seien. Daneben enthält das Gebäude noch andere Säle von hervorragender Schönheit, wie die in venetianischem Genre gehaltene solls än son- 8öi1 oowinunal, die salls ä'ottsnts, äss iuaria§s8 u. s. w. Dem Nathhaus gegenüber steht das sog. Brodhaus (lra-IIs au xoin), das als ehemaliger Regierungssitz auch den Namen innison äu rot führt. In seinem reichen Stile, der allerdings schon manche Anklänge an die Renaissance erkennen läßt, schließt es mit den anstoßenden Zunfthäusern dieses mittelalterliche Stimmungsbild trefflich ab. Letztere bildeten ehedem den Centralpunkt der Interessen der einzelnen Stände, die sich dort versammelten, um über ihre gemeinsamen Angelegenheiten zu verhandeln. So besaßen die Metzger, die Bräuer, die Schiffer, die Bogenschützen, die Zimmerleute, die Schneider usw. ihre eigenen Gildenhüuser, welche mit den ihnen eigenthümlichen Emblemen geschmückt waren und noch heutzutage Zeugniß ablegen für die Bedeutung und den Reichthum des mittelalterlichen Handwerks. Im Gegensatze hiezu zeigt uns die große Galerie St. Hubert, eine prächtige glasbcdeckte Kaufhalle, die Erzeugnisse der modernen Industrie, welche allerdings an Feinheit und Mannigfaltigkeit die Handarbeit übertrifft, aber auch derselben den goldenen Boden, auf dem sie bislang geruht, entzogen hat. Noch erübrigt uns ein Gang durch die belebteste Straße Brüssels, den Boulevard Anspach, so benannt zum Andenken an einen früheren Bürgermeister, dem die Stadt ihre eigentliche Blüthe und ihren Aufschwung verdankt. In diesem Vcrkehrsccntrum erhebt sich die nach französischem Muster erbaute Börse, ein prächtiger Ban mit einer reich geschmückten Faxade von acht korinthischen Säulen, dessen großartige Verhältnisse und fast übertriebener Reichthum einen grellen Gegensatz bilden zu der Noth, in welcher sich ein großer Theil der belgischen Bevölkerung, besonders der Arbeiterwelt, befindet. Ist ein Vergleich Brüssels mit anderen Städten erlaubt, so möchten wir es an Schönheit der Gebäude und Straßen noch am ehesten mit München vergleichen, das allerdings wiederum in Hinsicht seiner Lebensgewohnheiten 290 und der Art und Weise des Verkehrs gänzlich mit jenem contrastirt. Jedenfalls aber wird derjenige, der Brüssel besucht, nicht mit weniger Befriedigung an die dort verlebten Tage zurückdenken, als derjenige, den seine Schritte zur Bavaria und den Franenthürmen — und nicht zuletzt auch zum Hofbräuhause führen. (Fortsetzung folgt.) --sr-v-es—-- Ein nruer Apostel der Aussätzigen aus dem Vencdl'ctiuer-Ordrn. (Von k. M. K., Archivar im Benedictinerstifte Raigern.) Wen erinnert nicht diese Aufschrift schon an den heldenmüthigen Apostel Pater Damian, der sich im Dienste für diese Unglücklichen geopfert und zum Märtyrer geworden ist? Eines gleich heldenmüthigen Apostels der christlichen Liebe kann sich auch der Benedictinerorden in der Gegenwart rühmen. Es ist dies Dom Sauton, Mönch von Ligugs in Frankreich. Eine kurze Notiz über denselben in der Augsburger Postztg. Nr. 44 vom 22. Februar d. I. berichtete unlängst: „D. S., ein Mönch des Benedictinerordens, der medicinische Studien durchgemacht hat, ist von der französischen Regierung beauftragt worden, Untersuchungen über den Aussatz in Scandinavien, Finnland, der Türkei, Kleinasien, Griechenland und Aegypten anzustellen. Nach Beendigung derselben soll er nach Paris zurückkehren und die von ihm niedergelegten Resultate dem Professor Pasteur überliefern, damit dieser, wenn möglich, ein Heilmittel gegen die Krankheit auffinde." — Die Ehre unseres Ordens, sowie die Gerechtigkeit, dem hochw. Herrn Sauton gegenüber erfordert eine Berichtigung und Ergänzung dieser Notiz, zu der wir einen längeren Artikel des „Lullsiin äs 1'^88Sointion äs Lainb-ÜIartin" (herausgegeben von der Benedictinerabtei in Ligugs) im Januarhefte 1894, Seite 35 und folgende, benützen, der sich wieder auf einen in der Revue Gsnsrale von Brüssel vom 1. December 1893 unter der Rubrik „Guussris soisubiLius" von Abbs Lefebure geschriebenen Artikel beruft. Der junge, damals vierzehnjährige Joseph Sauton sah im Verlaufe des Krieges 1870 mit Bewunderung, wie sich sein Vater, ein ausgezeichneter Katholik, vr. Sauton, ganz der leiblichen und geistigen Pflege der armen Verwundeten hingab, und half ihm hierbei emsig damals schon im väterlichen Hause, das zu einem Spitale eingerichtet worden war. Sein Entschluß stand fest, auch er wollte Mediciuer werden, um sich ganz der leidenden Menschheit widmen zu können. Er studirte mit bestem Erfolge Medicin und fand dann Verwendung als Assistenzarzt in einem Pariser Hospitale. Im Jahre 1884 erkannte der junge Doctor plötzlich, welch' höheren Werth und welch' schönere Aufgabe der Arzt der Seelen habe, und entschloß sich, die Heilung der leiblich Kranken zugleich mit der der leidenden Seelen zu seiner Lebensaufgabe zu machen — der Mediciner wurde Mönch. Zehn Jahre lang widmete er alle seine Seelenkräfte dem Gebete, der Betrachtung und der Vorbereitung für feinen ihm von Gott gesetzten Beruf. Am Vorabende seiner feierlichen Profeß sprach sein Oberer zu ihm: „Der Mönch ist ein Diener der Kirche, Sie werden Ihr Doctordiplom dem Dienste der Kirche opfern." Im Verlaufe der Jahre erkannte Sauton fortan seine Kräfte wachsen, seinen Beruf sich stärken, seine Projecte immer klarer werden. Als Religiöse, Priester und Mediciner widmete Dr. Sauton oder Dom Sauton, wie er fortan hieß, sein Studium und seine Liebe immer mehr einer der schrecklichsten Krankheiten, die die Menschheit verheeren, dem Aussatze. Bei all' dem wollte er aber Mönch bleiben und seine ganze Kraft auf den Gehorsam stützen. Und in der That, die Ermuthigung seitens aller seiner Oberen und der Gehorsam gegen sie lieferten ihm hinreichende Bürgschaft dafttr, daß Alles gut von Statten gehen werde. „Das Werk des Aussätzigen", sagt er selbst, „ist ein Act deS Glaubens, ein Act des Gehorsams." Endlich legte sein Abt den ganzen Plan deS Mönch- Doctors dem Papste vor, und Leo XIII. segnete das Werk und dessen Unternehmer; er sprach ihm Muth zu und ertheilte ihm ein apostolisches Jndult als Mönch- Missionar, der jedoch stets dem Abte von Ligugs unterstehen soll ssrvatis rnormstieus xrolssmonis vinoulis st xrivilsAÜs. Bald hierauf empfahl ihn auch ein Breve der Propaganda an alle Bischöfe und apostolischen Vicare. Die gleichen Dispensen und Empfehlungen erhielt auch Dom Sautons Bruder, der Abbs Carl Sauton, Vicaire von Nogent le Natron, der sich an demselben Werke betheiligen wollte. Nachdem so die religiöse Seite seiner Mission gesichert war, mußte Dom Sauton auch die Menschliche Seite sichern. Von vielen Seiten wurden ihm öffentliche Unterstützungen zugesichert, warme Anempfehlungen gab ihm der Präsident der medicinischen Akademie und mehrere Mitglieder derselben. Der bekannte Dr. Pasteur schrieb am 3. Mai 1893: „Ich bin voll Bewunderung über die Opferwilligkeit und Hingabe des Dr. Sauton; eine Unterredung mit ihm hat mich davon überzeugt, daß dieser junge Doctor ganz gut unterrichtet und festen Willens ist, sich einer fast heiligen Mission zu widmen; ich spreche hier gerne meinen innigen Wunsch aus, es möchten diesem beherzten Missionär alle möglichen Erleichterungen zu Theil werden!" Bald hierauf erhielt Dom Sauton auch von der französischen Regierung eine formelle schriftliche Unterstützung für seine wissenschaftliche Mission, wodurch ihm freundliche Aufnahme und der Schutz der auswärtigen Mächte gesichert wurde. Alle diese Ehrungen waren wohl nützlich und werthvoll, aber die schlimmste aller Schwierigkeiten, die Geldfrage, wurde nun dringend. Das Werk christlicher Liebe, das der Missionär unternehmen wollte, mußte nothwendig große Kosten verursachen: Der Gelehrte benöthigte für sich ein tragbares Laboratorium für Mikroskopie und Bacteriologie, abgesehen vom Gepäcke und den Medica- menten. Auf der Insel der Aussätzigen, zu Molokai, wo sich Dom Sauton und sein Bruder niederlassen wollten, mußten überdies beide im Vireine mit den Nachfolgern ?. Damian's Alles aufbieten, um ein Hospital und ein Versuchslaboratorium einrichten zu können. Beide Brüder waren gerne bereit zu Kosten für ihre Person, aber unmöglich war es ihnen, Alles zu bestreiten aus eigenem Gelde. Sie riefen daher die christliche Nächstenliebe an, um ihnen beizustehen. Leider ist es nur zu bekannt, wie solche Bitten im Allgemeinen Aufnahme finden, da man da stets arm und überbürdet zu sein vorgiebt. Einiges Almosen erhielten sie doch; überdies wiegt bei derartig großartigen Unternehmungen der Muth das Geld auf, und diesen besaßen sie. Hiervon gab Dom Sauton gleich einen Beleg ab, als er am 8. August 1893 seine Reise nach Norwegen antrat, wiewohl er kaum den vierten Theil der nothwendigen Kosten noch beisammen hatte. 291 Er hätte als Reisebegleiter und Dolmetsch einen alten Missionär aus Finmarck mitnehmen sollen, allein seine geringen Mittel erlaubten dies nicht, und er reiste ganz allein ab. Am 13. August v. I. kam er nach Christiania, wo ihn der apostolische Vicar v'ou Norwegen, Msgr. Fallize, mit offenen Armen aufnahm und ihm alle Vollmachten der apostolischen Missionäre verlieh. Am 19. August schiffte er sich von Christiania nach Bergen über, wo er fünfzehn Tage bei den dortigen Aussätzigen zubrachte. Seinem Neifcprogramme gemäß wollte er hierauf die gefährlichen Küsten der Loffoden-Jnseln besuchen, sodann Vesteraalen und die trostlosen Gegenden von Lapp- land und Finmarck. Fünfzehn Tage nach erfolgter Durchforschung Finmarks verließ er am 29. September Hammer- fest, die nördlichste Stadt der Welt, überall als Priester und Benedictiner von Ligugs auftretend; auch las er an allen Sonntagen in den katholischen Missionsstationen das Hochamt. Alle Zeitungen des Landes brachten Notizen von ihm als einem vorn Papste autorisirten Bene- dictiner-Mönch, und alle Localblätter meldeten von seiner Ankunft wie von seiner Abreise. Am 12. October kehrte Dom Sauton in mehr civilisirte Gegenden zurück, durchzog gegen Norden Schweden und begab sich nach Stockholm, wo er mit N. P. Moro, früherm Almosenier am schwedischen Hofe, nun Prior der Barnabiten zu Paris, zusammentraf, der gerade damals in Stockholm eine Reihe von Conferenzen hielt und unserm Reisenden zu dessen großer Freude erneute Beweise seiner väterlichen Zuneigung gab. Auch Msgr. Bitter, der apostolische Vicar von Schweden, nahm den Doclor der Aussätzigen, den er den „Apostel der Liebe" nannte, mit großer Herzlichkeit auf. Aber Dom Sauton mußte nun darauf bedacht sein, sich Erfahrungen in der Cur zu sammeln. Hohe und schätzbare Sympathien für ihn waren erwacht, und die norwegische Regierung sandte ihm ein königliches Decret zu, unterzeichnet im Ministerrathe vom 8. November, durch das gnädigst entschieden war, daß es dem Doctor Sauton gestattet sei, die Aussätzigen im Königreiche zu behandeln mit all den Rechtsverbindlichkeiten und Verpflichtungen, wie sie norwegische Doctoren besitzen. Gleichzeitig traf die Regierung mit Dr. Kamin, dem Direclor der Aussätzigen-Anstalt zu Molde, ein Ucbereinkommen, das dem französischen Doctor die Krankcnsäle und alle Erleichterungen für seine Arbeiten zur Verfügung stellte. Diese Begünstigungen seitens einer lutherischen Regierung und die öffentliche Stellung, die dem Mönchdoctor während seines Aufenthaltes in Norwegen zugewiesen wurde, sind umso höher anzuschlagen, als vr. Sauton in dem Berichte an den König und den Ministerrath ausdrücklich „katholischer Priester und Benedictinermönch" genannt wird. Es ist dies gewiß ein würdiger und weiser Act der Toleranz, der dem scandinavischen Reiche alle Ehre macht. Diese osficielle Anstellung an der Aussätzigen-Anstalt in Molde legte unserem Mitbruder die Verpflichtung auf, sein wissenschaftliches, medicinisches Material zu erneuern und zu ergänzen, weshalb er sich nach Frankreich begeben mußte. Am 26. November verließ er Christiania mit einer osficiellen, sehr lobenden Bescheinigung von Msgr. Fallize über seine in Norwegen gemachten Studien an den Aussätzigen. Auf seiner Rückreise zog er sein Mönchsgewand wieder an und kam bald glücklich in seinem Kloster St.-Martin in Ltgugä au. Dom Sauton beansprucht keineswegs den Ruhm, neue Entdeckungen gemacht oder geheime Mittel und Versuche gebraucht zu haben. Er befolgte bei der Behandlung der so schrecklichen Krankheit des Aussatzes bisher eine sehr weise Methode; denn die bisherigen Mittel gegen dieselbe sind noch sehr schwach und ungewiß. Es handelt sich darum, eine heilbringende Behandlung zu finden. Gebe Gott, daß seine Arbeiten von günstigem Erfolge begleitet sein möchten! Die aufopfernde Liebe ?. Damians war zweifelsohne eine heroische und aller Bewunderung werth. Alles Lobes Werth sind ferner die Verdienste einer alten Christin, Miß Kate Marsden mit Namen, die sich demselben Liebeswerke widmete; mit Recht bewundert man die Missionäre, die in Molokai, Mandalay, in Japan und sonstwo sich der Obsorge um die Aussätzigen widmen. Sie Alle opfern ihr Leben und bringen den armen, von aller Welt Verlassenen die Tröstungen des Himmels. Aber all diese Hingabe, diese Opfer der Missionäre sind theilweise noch unfruchtbar und kommen nur Wenigen zu Gute. Wie viele Tausende von Aussätzigen in Rußland, der Türkei, in Birmanien, in China und Japan rc. sind noch hilflos! Dom Sauton will nun all diese Hingabe fruchtbar machen und es den katholischen Missionären ermöglichen, Körper und Geist der armen Aussätzigen zugleich zu heilen. Eine Beschreibung dieser Krankheit, ohnehin aus den Schilderungen ?. Damians theilweise bekannt, sei uns hier erspart. Dom Sauton ist Priester und Arzt. Nicht ohne Rührung kann man nachfolgenden Auszug aus einem seiner Briefe lesen, den er Ende September mitten aus Lappland absandte: „Was ich beabsichtige," schreibt er, „ist:' das Loos und die Lebensbedingungen dieser Unglücklichen zu verbessern; abgeschlossen in den Anstalten für sie, sind sie auch abgeschlossen unter einander, nur das Unglück vereinigt sie, denn jeder trägt an sich das Siegel der Trauer und gar hünfig das der Verzweiflung; sie scheinen sich Einer vor dem Andern zu schämen. Ich will ihre Herzen erwärmen, ihren Muth stählen, in ihre traurige Existenz einen Strahl des Lichtes und der Hoffnung bringen; ich will ihnen zeigen, daß sie nicht mehr verlassen sind. Diese moralische Behandlung soll Hand in Hand gehen mit rationeller, heilkräftiger Behandlung ihrer Krankheit... . Letzthin besuchte ich ein armes aussätziges Weib; sie selbst glaubte für mich ein Gegenstand des Schreckens zu sein, das sah ich ihr an; sie fragte mich, wie ich mich für sie interessiren könne, da ich ihre Sprache gar nicht verstehe; ich fragte sie ruhig aus, sagte ihr tröstende Worte, sie lächelte und öffnete ihre großen Augen; Bewegung, Furcht und Ueberraschung las ich in ihrem Blicke. Alles scheint für sie ein Traum zu sein, sie begann zu hoffen." Wie der h. Martin, Bischof von Tours, durch einen Kuß — so erzählt die Legende — einen Aussätzigen heilte, so versucht es nun einer seiner Söhne aus dem diesem Heiligen geweihten Kloster zu Ligugs, sich dem Dienste dieser Unglücklichen zu opfern, so erwachen die alten mo- nastischeu Traditionen. Dom Santon hat allerdings schon auch bittere Erfahrungen gemacht; allein kein großes, Gott wohlgefälliges Werk bleibt ohne diese. Zurückgekehrt vor Kurzem in seine Zelle zu Ligugö, nimmt er wieder seinen Platz im Chor ein und schöpft neue Kräfte für sein Werk im Gebete. Seine Mitbrüder achten ihn und sind glücklich, ihn wieder in ihrer Mitte zu haben. Doch wird sein Aufenthalt hier nur ein kurzer sein. Wie der letzte Bericht von Ligugs lautet, reist Dom Sauton dem- nächst nach Paris ab, um hier seine letzten Vorbereitungen für seine Liebesmission zu treffen uud seinen Bruder abzuholen. Ueber Dom Sautons weitere Schicksale und die seiner Mission hoffen wir unseren Lesern seiner Zeit wieder Mittheilungen bringen zu können. -"-S^k-LS--.- ALLevLer. Die großen Fasten von sechs Wochen, die in Rußland dem fürchterlichen Rausch der Butterwoche folgen, bekommen vielleicht am besten den Aerzten. Nach ihnen ist die Nachfrage um diese Zeit — vor Kurzem hat sie ihren Anfang genommen — ungewöhnlich stark. In der ersten Woche haben sie wirklich ernsthaft damit zu thun, die zahllosen kranken Magen, die sich während der Butterwoche übergessen und übertrunken haben, in feste Behandlung zu nehmen und den Besitzer wieder in einen gewissen Normalzustand zu versetzen. Nachher aber muß ihr Wissen, wenn sie anders sich auf ihre Patienten verstehen, einem allgemeinen menschenfreundlichen Wohlwollen weichen. Auch der Russe von heute thut sich etwas darauf zu gute, „nach Kräften" die nicht allzu leichten Satzungen seiner Kirche zu befolgen. Nach Kräften — denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Uud dieses schwache Fleisch hat eine unbezwingbare Sehnsucht nach festem, gutem Fleisch und nach jenem gebrannten Wässerchen, das der Russe Wotka nenut. Der Arzt wird herbeigeholt. Er untersucht den Kranken mit rühmlicher Gewissenhaftigkeit und sagt dann mit tiefernstem Gesicht: „Iwan Jwanitsch, ich weiß, Sie sind ein guter Christ. Ich habe das immer an Ihnen geachtet, und es wäre verächtlich, wenn Sie nicht fasten wollten. Aber es giebt Ausnahmen, Iwan Jwanitsch, wo der Mensch sich schonen muß, damit er später die heiligen Gebräuche der Kirche um so besser erfüllen kann. Wollen Sie sich dem Tode in die Arme stürzen? Nein, das dürfen Sie nicht. Sie sind elend, Iwan Jwanitsch; ich verordne Ihnen, ich befehle Ihnen, Sie müssen drei Tage hindurch Fleisch essen und Stärkendes dazu trinken, Portwein oder so etwas. Nach drei Tagen werde ich Sie wieder besuchen. Iwan Jwanitsch sieht den Doktor mit einem dankbaren Seufzer an und händigt ihm einen Rothen (Zehnrubelschein) ein. Dann theilt er seiner Familie die betrübsame Thatsache mit und läßt sich ein Filet und eine Flasche „Gereinigten" bringen. So stärkt er seinen Magen uud hält sein Gewissen rein. Die Wan-Stämme in Birma — so berichtet der „Globus" — sind uns jetzt durch I. G. Scott bekannt geworden, der über die bei ihnen in ganz außergewöhnlichem Maße gebräuchliche Kopfjägerei viel zu erzählen weiß. Sie wohnen östlich vom Salwin in West-Manglun im Gebiete der Schau und werden in zahme, die ihr Haar lang wachsen lassen, und wilde, die es abschneiden, geschieden. Die Dörfer der wilden sind durch gute Straßen mit einander verbunden; die Leute sind vortreffliche Ackerbauer und umgänglich. Aber Trunkenheit, Unsauberkeit, das Verzehren von Hunden und vor Allem Kopfjägern sind bei ihnen herrschend. An jedem Ende des Dorfes steht eine Neisschnapsbrennerei, der tüchtig zugesprochen wird; auch ißt man Opium, raucht es aber nur selten. Der Zugang zu den Dörfern wird stets durch eine Allee von Schädeln eröffnet, die auf Pfühle gesteckt sind. Das ärmste Dorf zeigt deren mindestens ein Dutzend; die reicheren schmücken aber den Zugang mit hundert und mehr Menschenschädeln. Alljährlich zur Zeit der Ernten werden Schädel geopfert, am liebsten diejenigen von hervorragenden Leuten oder Fremdlingen, und die Gemeinden, welche solche Schädel nicht durch Mord erlangen können, suchen sie zu kaufen. Die frischen Köpfe werden in Körben an Bäumen aufgehängt, wo sie bleichen; dann erst wird der Schädel feierlich in der Allee aufgestellt. Eine Priesterkaste besteht bei den Wan nicht. Scott meint, daß er und seine Geführten die ersten Fremden waren, die dem blutdürstigen Volke keinen Schädcltribut leisteten. -- Dem verewigte» Sänger des Ave Maria nnd der Dreizeßukinden. Wonnig weiches LenzeSweben webt und waltet in der Runde Stuf den sonnig liebten Hohen, in des Thales grünem Grunde. Horch, aus fernen Sachsengauen dröhnt so dumpf die Trauerkunde: „Todt und stumm ruht unser Sänger mit dem liederreichen Munde." Sangst so süß die Himmclsgrüße, die von Engels Lippen klangen; Priesest hoch des Kreuzes Helden, die zu deutschen Forsten drangen; NordlandSvclk undNordlandSbilderD-iner Meisterhand gelangen: Doch Wer zählt die Licdcrströme, welche Teinem Quell entsprangen? Goß die Bosheit neuer Heiden aus des leeren Witzes Schale Wider Gott und Seine Kirche uud des Jenseits Ideale: GeisteSmäebiig, wortgewali-g saugst Du, herrlicher Westseite, Und Dein Saug erklang wie Glocken bei des Festtags Purpurflrahle Christenglaube, Eottesliekc rauscht aus Deiner Weserwelle; Deutsches Wesen, ehrlich, männlich, klingt in Deinen Saiten helle; Wer hat so wie Du geschildert deutschen Volkes Segensguelle, Treuer Kirche Mutlersorgcn und Kultur der Klosterzelle? Eichenlaub und Lorbeerblätter wirbeln mit des Herbstes Winden. Unverwclklich uud unsterblich blühen Deine Dreizehnlinden. Leuchtend wird Dein Name prangen, wenn im Flug die Jahre schwinden; Dankbar wird die späte Nachwelt Licht bei Dir und Wonne finden. In der Ostern Gnadcntagen schiedest Du von unsern Auen. „Sei ihm mildreich, höchster Richter!" fleht dieLi-be voll Vertrauen. „Laß ihn, der von Dir gesungen, reinste Königin der Franc», Ewig Jubellicder singen, selig Deinen Jesus schauen!" N. a. D. (Overpfalz), am 16. April 1591. Oautor Llarianns. ---S8WSS-«-- AriLHurogriixh. 1 2 3 4 5 6 7 ist Ein wildes Thier, wie ihr wohl wißt. 3 4 5 1 ein edler Stein, 4 2 6 1 und 2 ist klein, ES ruht verborgen tief im Meer, Doch unsre Damen lieben's sehr. 3 2 und 1 wird viel gebraucht, Manch' Speise wird hineingetaucht, 5 7 2 1 2 heißt manche Dame, 1 2 und 3 ist ein Männernamc, 5 1 3 2 ist ein Gewächs Und Zwei nennt man 4 5 5 6. (L. L.) Auflösung des Bilder-NSthsels in Nr. 35: Spielhagen. - » 4 » v > I >- 39 . 1894 . „Nugsburger PostMung". Divslag, den 15. Mai ssür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des ^iterariichen Initiluts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbeflyer vr. Mar Huttler). Pfingsten. Durch Garten und Wald ein Geheimniß geht, Was rauscht in den alten Bäumen? Die Amsel schlägt, der Südwind weht, Wie ist den grünenden Räumen? Der Sommer nahet mit Macht, mit Macht, Die Würzen duften und triefen, Die letzten Kinder sind heute erwacht, Daß sie zum Fest nicht verschliefen. Die Erde schauet in stillem Glück Auf all' dies Leben und Prangen, Du aber stehst noch schmollend zurück, Dein Eis ist noch nicht zergangen? Komm, Geist der Pfingsten, in solch' ein Herz, Laß es am Lichte erwärmen, Gieß Deinen Segen mild niederwärts. Hilf, Tröster, Vater der Armen. Adolph Mül cr. -- Tante Kanna's Geheimnis;. -Original-Roman von E. von Linden. (Aoriseyung.) Wochen waren seit diesem zweiten Ereigniß, das nicht allein die Stadt und Umgegend, sondern durch die Presse alle Welt in Aufregung und Verwunderung gesetzt hatte, vergangen, und noch war es nicht gelungen, dieses sowohl als die Mordschüsse im .Hohlwege aufzuklären, oder irgend eine Spur der Thäter zu entdecken. Wenigstens verlautete nicht das Geringste darüber in der Oeffentlichkeit. Während Warneck und die kleine- Lotta längst im Schooß der Erde ruhten, Ersterer nach Marbach's Willen im Park von Notenhof, Letztere auf dem Friedhof der Stadt, lagen die beiden im Gebirge Verwunderen noch immer zwischen Tod und Leben, da auch Reinhardts Zustand sich wider Erwarten sehr ernst und bedenklich gestaltet hatte. Marbach's linker Arm war abgenommen worden, während die Wunde am Hinterkopfe einen noch gefährlicheren Charakter angenommen hatte und seine Wiederherstellung geradezu in Frage stellte. Er lag noch imunr in Fieberphantasien und erging sich in wilden Drohungen und Anklagen gegen einen Feind dessen Namen er niemals aussprach. , „Ganz natürlich," sagte der Doctor, „die unheimlichen Ereignisse, welche sich ja förmlich aufeinander gehäuft haben, mischen sich doch in seine F-ieberträume und wälzen sich wirr und toll in seinem Gehirn umher. Wenn wir das Fieber nur erst gebannt Hütten." „Ja, das bringt ihn ganz herab," erwiderte der Heilgehülfe. „Es ist merkwürdig, daß er fortwährend von einem blutigen Jndianerschnitt phantasirt, darum dreht sich alles Ändere wie um ein Centrum." „Lieber Gott, das ist ja ganz erklärlich, wenn nur die vertrackte Wunde im Gesicht süße, so aber wälzt cr den Kopf umher und vereitelt jede Hoffnung. Es wird doch nöthig sein, ihn auf irgend eine Art festzuschnallen." „Habe auch darüber nachgedacht, Herr Doctor, — wie wär's zum Exempel mit einem Verbandschutz?" „Sie meinen eine Vorrichtung, welche das Verschieben desselben verhindert?" „Ganz recht —" „Ich will mit einem Bandagisten darüber reden," sagte der Doctor zustimmend. „Mit dem armen Herrn Reinhardt in Rotenhof habe ich immerhin leichtere Arbeit, da er fieberfrei ist, aber, seltsam genug, auch von einem blutigen Schnitt faselt. Reden kann er Gott sei Dank noch nicht, weil er den Mund nicht regen kann, das eine Auge geht auch wohl zum Teufel, aber Papier und Bleistift mußte ich ihm in die Hand geben, und da kritzelte er richtig tolles Zeug hin von einem blutigen Schnitt, woran man den Mörder erkennen könne, und dabei einen Namen, — Gott steh' mir bet — ich sollte diesen Zettel dem Criminal-Commissar Frenzel geben." „Wollen Sie denn das nicht, Herr Doctor?" fragte der Heilgehilfe erstaunt, „ich thät's doch, da es nicht schaden kann." Dem alten Arzt schien die ein wenig zudringliche Klugheit dieses Handlangers der Medicin nicht angenehm zu sein. Er zuckte spöttisch die Achseln und ging, um nach Rotenhof zu fahren, wo Reinhardt auf dem Schmerzenslager sich befand und sich ohnmächtig gegen sein Geschick aufzulehnen suchte. Doctor Peters fand ihn in heftiger Ungeduld seiner harrend. Die Schulterwunde verheilte gut, aber die 294 Brandwunden schienen don einer giftigen Substanz herzurühren und deßhalb der ärztlichen Kunst noch immer zu spotten. Der Kranke reichte dem Arzt sogleich einen Zettel entgegen, den dieser nahm und überflog. „Haben Sie's dem Kommissar gegeben, Doctor?" las er. „Ja, er wollte sich's überlegen," beantwortete dieser die Frage. Das rechte Auge des Malers, welches unter dem Verbände, der beinahe das ganze Gesicht bedeckte, unheimlich heroorlugte, starrte den Doctor an. Dann schrieb er wieder: „Ist Marbach todt? „Nein, aber schwer verwundet," antwortete der Arzt. „Er fiebert noch immer und phantasirt stark." Reinhardt seufzte tief. Er ließ sich ruhig verbinden und stöhnte nicht einmal dabei. Auch hier war ein Heilgehilfe anwesend, der die Pflege ganz allein leitete und besorgte. Der Maler schrieb alsdann einen Zettel mit der Frage, ob Fräulein Holten noch krank und Steindorf dort anwesend sei? „Sie ist wieder besser und ergeht sich bereits in freier Luft. Steindorf war während ihrer Krankheit dort anwesend, jetzt aber nicht mehr, ich und Mamsell Evers hielten ihn vom Krankenzimmer fern. Fräulein Armgard weiß noch nichts von dem neuen Attentat, doch kann ich grüßen." Der Maler nickte mühsam und schrieb auf's Neue: „Obwohl sie mich nicht recht leiden konnte, so möchte ich doch um ihren Besuch bitten." „Dazu ist sie noch nicht kräftig genug, mein alter Freund, wiü's aber bestellen. Ich fahre jetzt noch in Edenheim vor. Ueber Steindorf beunruhigen Sie sich nicht, der geht wahrscheinlich bald nach Amerika zurück." Dieser Trost schien indeß bei dem Kranken die beabsichtigte Wirkung nicht zu haben. Er rollte das eine Auge in wahrhaft erschreckender Weise und schrieb mit erregt zitternder Hand: „Schicken Sie mir um gottes- willen den Commissar Frenzel her. Ich muß eine Aussage machen. Wax er denn überhaupt noch nicht hier?" „Freilich, alter Freund, aber Sie waren doch ganz unfähig zu einer Aussage, was der Polier Schulze auch hinreichend schon besorgt hat." Reinhardt ballte vor Ungeduld die Hand und schrieb dann mit großen Buchstaben: „Schulze soll dem Commissar von der rothen Schnittnarbe erzählen." „Gut, gut, ich will Alles ausrichten," beruhigte ihn der Doctor, den diese fixe Idee des Kranken sehr bedenklich stimmte. Er ging, dem Gehülfen einen Wink gebend, ihm zu folgen. „Die fixe Idee des alten Herrn wurzelt in einer rothen Narbe," flüsterte er ihm draußen zu, „das Gehirn muß also doch gelitten haben." „Ja, der Sprengstoff muß unbedingt eine giftige Beimischung gehabt haben, — die Hülse ist ja gefunden worden." „Ich weiß, meine Herren Kollegen bezweifeln das Gift, und sie mögen recht haben, weil wir sonst sofort eine Blutvergiftung gehabt hätten. Mag aber sonst etwas dazwischen gewesen sein, was auf das Gehirn eingewirkt hat. Na, suchen Sie ihn nur zu beruhigen, das ist vorerst die Hauptsache." Auf dem Wege nach Edenheim wollte ihm die seltsame Uebereinstimmung der beiden Verwundeten in Betreff der rothen Scbnittnarbe gar nicht aus dem Sinne. Sollte diese Idee wirklich einen ernsten Hintergrund haben und er verpflichtet sein, dem Kriminal-Kommissar darüber zu berichten? Ja, wenn der Name Steindorf nicht so widersinnig hineingeflochten wäre, — hiermit würde er sich ja unsterblich lächerlich machen. Was gingen den Commissar die verrückten Phantasien seiner Kranken an? Er könnte es ihm ja immerhin als Kurio- sum mittheilen. Mit diesem Entschlüsse fuhr er vor die Freitreppe des Herrenhauses von Edenheim, wo ihm Mamsell Evers mit einem umwölkten Gesicht entgegentrat. „Nun, was giebt's?" fragte er, sie forschend anblickend. Die alte Wirthschaften« schluckte erst einige Male, als ob ihr etwas Ungehöriges im Halse stecke, und erwiderte dann leise: „Was soll's geben, Herr Doctor, — jedenfalls eine Hochzeit." Er sah sie erschreckt an. „Ist er wieder hier?" „Mit ihr im Garten, ich hab' von meinem Fenster aus genug gesehen. O, daß der wieder heimkehren mußte —" „Ja, und daß die Kleine unter ihrem Schutze todt- gcschossen wurde," brumm'e der Arzt, „dergleichen giebt bei Gefühlsmenschen den Ausschlag. Ihm konnte, so hart es klingen mag, nichts Besseres passiren, um Eden- heim zu bekommen, da die Frau ihm jedenfalls Nebensache ist. Wollen Sie mich auch einmal mit eigenen Augen aus Ihrem Fenster observiren lassen, Mamsell Evers?" „Gern, Herr Doctor, aber nehmen Sie sich in Acht, daß man Sie nicht bemerkt, er würde es mir bös ankreiden. Wenn er erst die Macht hat, wird auch meine Zeit hier um sein." Sie wischte sich mit der Küchenschürze die Augen und stieg eiligst vor ihm die Treppe hinauf. Doctor Peters folgte ebenso rasch, da ihn jene Nachricht merkwürdig erregt hatte. Ohne Aufsehen erreichten sie die Stube der Mamsell, welche im Seitengiebel des Herrenhauses lag und eine unbeschränkte Aussicht auf diese Seite des Gartens und auf den Park besaß. Doctor Peters setzte seine Brille auf und übersah, einen Schritt vom Fenster entfernt, das Terrain. Er schüttelte hohnvoll lächelnd den Kopf, blickte dann noch einmal hin und lachte laut auf. „Das ist ja der leibhaftige Marschall Vorwärts!" brummte er, „hätt's von der aber doch nicht gedacht. — Da kenne Einer die Weiber aus. — Was soll man dazu sagen, Mamsell Evers, alte Liebe scheint bei Euch Frauen nie einzurosten, und ob sie diesen nimmt oder einen Andern, bleibt sich am Ende gleich." „Nein, nein, Herr Doctor, das bleibt sich nicht gleich," schluchzte die Wirthschafterin, „ich kann ihr diese Schwäche nie vergeben. Dieser Mensch, der sie vor zehn Jahren dem Gespötte preisgab —" „Ach, Unsinn, sie hat die Heirath mit der Andern damals ja selbst bei den Alten durchgesetzt," fiel der Doctor ärgerlich ein. „Weil sie ein solch' Herze und grundgütiges Wesen ist. Ich weiß es besser, was sie gelitten hat über die 295 beiden falschen Geschöpfe. Und wenn ich's nun mit ansehen muß, wie sie blindlings in ihr Unglück hineinrennt und sich doch von diesem gleißnerischen Judas —" „Na, na, so schlimm wird er denn doch wohl nicht sein, obwohl ich keine Sympathie für ihn habe und meine Hochachtung für Fräulein Armgard Holten bedeutend schwindet." „Ach. liebster Doctor," sprach Mamsell Evers, „wenn Tante Hanna gesund und ihr zur Seite wäre, könnte es nicht geschehen. Sie würde ihm den Sieg' schon aus der Hand winden." „Ja, das ist ein Unglück, meine Liebe! Ich wollte dem Fräulein eigentlich mittheilen, daß unsere Hanna morgen am Kopf operirt werden soll. Unter diesen Umständen wird sie wenig Interesse augenblicklich dafür haben, also wollen wir es ihr verschweigen." „Gewiß, ich mag Tante Hanna's Namen nicht in Gegenwart dieses Menschen aussprechen," sprach die Mamsell, mit der geballten Hand gegen das Fenster drohend, „sie konnte ihn nickt ausstehen. — Aber, Herr Doctor, ist die Operation sehr gefährlich? — Wenn sie nun daran stirbt?" „Das müssen wir bei jeder anderen Operation auch ris- kiren, so ist sie auch nur lebendig todt. Na, Mamsell Evers, ich will die Rückkehr des erlauchten Paares lieber nicht abwarten, sondern gleich abfahren," setzte er spottend hinzu. „Gott befohlen, meine Beste." Er schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, während Mamsell Evers sich rasch die Augen wusch, um die Spur der Thränen zu tilgen. Es hatte sich in der That ein seltsames Verhältniß zwischen der jungen Gulsherrin und ihrem einstigen Verlobten gebildet, seitdem das schreckliche Ereignis; im Hohlwege vor ihren Augen sich zugetragen und sie sich in einem krankhaft gesteigerten Wahn die indirekte Schuld daran zugemessen hatte, mindestens in so fern es den Tod der kleinen Lotta bedarf. Während ihrer Krankheit war Steindorf sofort in Edenheim erschienen, was auch ein Jeder wegen des Begräbnisses seines Kindes für selbstverständlich hatte halten müssen. Daß der junge Herr indessen auch nach demselben auf dem Gute erschien und bei Kleinem anfing, den Gebieter herauszukehren, ja sich sogar in der Nähe einquartierte, um stets bei der Hand zu sein, die Interessen der erkrankten Gutsherrin wahrzunehmen, das erfüllte nicht nur den Verwalter und die Mamsell Evers, sondern alle Untergebenen des Gutes mit stillem Groll, obgleich es Niemand wagte, ihm offen entgegenzutreten. Wußte man es doch nicht genau, wie Fräulein Holten mit ihm stand, und ob er nicht im Geheimen schon mit ihr verlobt war. Wenn Mamsell Evers ihm trotzalledem häufig genug ihr unverhohlenes Erstaunen über seine Anwesenheit und seine unbefugte Einmischung kundgegeben hatte, so wußte sie sich doch im Innern sagen, daß dieser Mann unmöglich so auftreten könnte, wenn Fräulein Armgard ihm nicht in irgend einer Weise das Recht dazu gegeben hätte. Und doch irrte sie sich hierin, wie wir wissen; Steindorf handelte einzig nach einem bestimmten Plan und setzte in richtiger Erkenntniß des weiblichen Charakters mit voller Bestimmtheit den Schluß vovnrs, daß Armgard Holten ihn noch immer liebe und es nur eines kühnen Zugreifens von seiner Seite bedürfe, um sie die Seine zu nennen. Warum wäre sie denn sonst nach ihrem ersten Zusammentreffen am Rhein vor ihm geflohen? Sie kannte ihre Schwäche und schämte sich derselben. Steindorf folgte ihr deshalb auf dem Fuße, um das heiße Eisen sofort zu schmieden. Er war freilich ein eingefleischter Egoist, hatte aber seine kleine Lotta zärtlich geliebt, weßhalb der Schmerz um ihren grausamen Tod auch sicherlich ein aufrichtiger war. Aber da sie doch nun einmal nicht wieder in's Leben zurückzurufen war, so wollte er aus ihrem Tode auch für sich den größtmöglichen Vortheil ziehen undArm- gard's Seelenzustand so rasch als möglich zu verwerthen suchen. Er war ein Mann der That, der nicht lange zu erwägen und zu bedenken pflegte, und dem auch in dieser Sache der Zufall trefflich zu Hülse kam, indem derselbe die seinen Plänen wirklich gefährliche Tante Hanna, die Einzige, welche Einfluß auf Armgard Holten besaß, des Denkvermögens beraubt hatte. Von der bevorstehenden Operation derselben hatte er noch gar nichts vernommen, da Doctor Peters ihm soviel als möglich aus dem Wege ging und er auch meistens sich in Edenhcim, wo man ebenfalls nichts davon erfuhr, aufhielt. Als der alte Arzt heute aus dem Stubenfcnster der Mamsell Evers blickte, sah er Julius Stcindorf mit der Gulsherrin Arm in Arm langsam dem Parke, zuwandeln. Steindorf beugte sich zu ihr nieder und schien in eindringlichster Weise mit ihr zu reden. Armgard ging gesenkten Hauptes wie ein willenloses Opferlamm neben ihm, bis sie hinter den Bäumen des Parks verschwunden waren. Wie war es dem glatten Steindorf so rasch gelungen, ein solches Mädchen wie Armgard Holten trotz der ihn schwer anklagenden Vergangenheit auf's Neue für sich zu gewinnen? Seit einigen Tagen erst hatte sie das Krankenzimmer mit den Wohnrüumen wieder vertauscht und die Pflegerin entlassen, weil der Arzt sie für hinreichend Herzogin Max Einanncl ch. 296 genesen erklärte, um sich auf kurze Zeit der frischen und sonnigen Luft schon zu erfreuen. Jetzt ließ sich auch Stcindorf sogleich bei ihr anmelden, um ihr seine Glückwünsche zur Genesung nus- zuspcechen und sich auch zugleich wegen seiner Eigenmächtigkeit, mit welcher er in ihrem Namen die Zügel der Regierung ergriffen, zu entschuldigen. „Sie sind krank geworden, theure Armgard!" sagte er, „und ich'allein in meiner grenzenlosen Selbstsucht, welche Ihnen die arme kleine Lotta aufbürdete, trage die indirekte Schuld an dieser Krankheit. — Nein, reden Sie nichts dagegen, Sie sind die Selbstlosigkeit in Person, ich weiß es doch am besten, aber Gott hat mich hart gestraft, daß ich in meiner Verblendung heimkehre, ja, es sogar wagte, Ihnen gegenüber zu treten. Nun wohl, ich kann dafür keine Verzeihung verlangen, hätte auch meinen Entschluß, sogleich nach Lottas Begrübniß abzureisen und nach Amerika zurückzukehren, unbedingt ausgeführt, wenn nicht Ihre Erkrankung mir die heilige Pflicht auferlegt mindestens in dieser Zeit über Ihr Hab und Gut zu wachen. Und nun bin ich gekommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen, gnädiges Fräulein I" setzte er nach einer kleinen Pause mit gesenkter Stimme hinzu, „dem gütigen Gott dankend, daß er Ihr Leben behütet und mir zu der alten Schuld nicht eine neue, schwerere noch aufgebürdet hat." Herr Julius Steindorf war ein ganz vortrefflicher Comödiant, und wenn Doctor Peters eine Ahnung davon gehabt, hätte er sicherlich diese aufregende Scene für seine Ncconvalescentin um jeden Preis zu verhindern gesucht. — Von der Krankheit körperlich geschwächt, seelisch leidend und sich diesem verführerisch schönen Manne gegenüber durch den Tod seines einzigen Kindes schwer verpflichtet fühlend, mochte sie auch für Liebe halten, was im Grunde vielleicht nur Schwäche und ein krankhafter Wahn war. „Wohin gehen Sie?" fragte sie leise. „Nach Amerika zurück, vielleicht auch nach einem andern Welttheil, — ich bin ein Heimathloser auf Erden geworden, seitdem der Tod alle Familienbande hüben und drüben zerrissen hat." „Sie haben in Amerika Freunde und Bekannte." „Was man so nennt, — ja, — Fräulein Arm- gard! — Doch wird drüben mich Niemand vermissen, — keine Seele nach mir fragen, weil die Freundschaft sich nur so lange zu bewähren pflegt, als das materielle Interesse andauert, welches dieselbe geknüpft. Ich habe dort keine Liebe zurückgelassen, und was ich mit her- übernahm —" Er brach ab, beugte sich hastig über ihre Hand, welche er an seine Lippen zog, flüsterte kaum hörbar: „Leben Sie wohl und recht — recht glücklich!" und wollte sich rasch entfernen. „Nein!" rief sie fast leidenschaftlich, „gehen Sie so nicht von mir, Herr Steindorf I — Heimathlos und freudlos, sagten Sie nicht so? — Und das einzige Wesen, welches Sie liebte, durch meine Schuld — gemordet! Begreifen Sie, wie ich diesen Gedanken ertragen soll?" .Er kehrte zu ihr zurück, seltsam blaß und zitternd. „Sie sind ein Engel an Güte, Armgard!" sagte er halblaut, „fürchten Sie doch nicht, von mir verkannt zu werden oder einen ungerechten Vorwurf zu hören. Weßhalb diese Selbstquälerei? — Mag die Welt darüber urtheilen wie sie will, mein Herz spricht Sie frei von jeglicher Schuld, selbst von dem kleinsten indirektesten Versehen. O, mein Gott!" setzte er in aus- brechender Verzweiflung hinzu, „wie gern ich hier bliebe, kann ich nicht aussprcchen —" „Nun, dann bleiben Sie, mein Freund," fiel Armgard ein, „wer treibt Sie fort?" „Die Bosheit der Menschen man sagt bereits, daß ich Ihre Arglosigkeit ausbeute, meine Hand nach der rcicyen Erbin ausstrecke. — Das treibt mich fort. Und Sie dürfen mich nicht zurückhalten, Fräulein Armgard." Sie schwieg eine Weile, ihn unruhig anblickend. Jener Abend bei Tante Hanna, wo der Maler Reinhardt von ihm so Häßliches, sie tief Beschämendes berichtet, kam ihr in die Erinnerung zurück. Sollte der Maler, der ihr stets unsympathisch gewesen, die Wahrheit gesprochen oder ihn geflissentlich verleumdet haben? — Wer ihr darüber Aufklärung hätte geben können. Wie im Fluge jagten diese Gedanken durch ihr Gehirn, und seltsam — auch Tante Hanna's Liebes- und Leidensgeschichte tauchte in den Hauptmomenten dazwischen auf. „Worüber grübeln Sie so plötzlich?" fragte Steindorf, ihren unruhig-forschenden Blick bemerkend, endlich verwundert. Armgard schämte sich ihres Mißtrauens, zumal sie sich entsann, daß Reinhardt mit der Steindorf'schen Familie in früheren Jahren schon verfeindet gewesen war. War denn der arme Julius nicht damals noch so blutjung und zu der Verlobung mit ihr, der unschönen Erbin, von vornherein bestimmt gewesen? — Konnte er denn dafür, daß sein Herz ihrer schönen Cousine zuflog, und war es nicht die Schuld seiner Eltern ganz allein, daß der Arme jetzt heimathlos und verlassen war? — Armgard war also bereits so weit, seine Untreue und Falschheit zu entschuldigen und ihn als das Opfer väterlicher Despotie hinzustellen. „Ich grüble nach, weshalb die Menschen eine so große Lust zur Verleumdung besitzen," erwiderte sie deshalb traurig, „und kann es nicht begreifen, weßhalb ein Mann, der sich seiner lauteren Absichten bewußt ist, dieser Verleumdung weichen soll." „Das heißt mit andern Worten, daß ich derselben trotzen und Hierbleiben soll?" fragte Steindorf, sie fest anblickend. Sie senkte die Augen und wieder kam die Unruhe über sie, welche ihr einen physischen Schmerz in der Brust verursachte. Sie zitterte vor seinem Blick, wie das Vöglein vor dem bezaubernden Blick der Schlange, und hätte entfliehen mögen, um sich vor ihm zu schützen. Es war der innere Jnstinct der reinen Mädchenseele, welche, wie Gleichen, die Nähe des Mephisto, des unreinen Lügengeistes, ahnte. „Sie antworten mir nicht, Armgard?" fuhr Steindorf nach einer kleinen Pause leise fort, „wünschen Sie, daß ich gehe?" „Nein, bleiben Sie hier!" stieß sie fast gewaltsam hervor, sich fest aufrichtend, als wolle sie allen unheimlichen Empfindungen Trotz bieten. „Ich will der Welt zeigen, daß ich ihre Verleumdungen verachte und kein unlauterer Gedanke zwischen Ihnen und mir besteht. Sie dürfen nicht von hier fortgehen, mein Freund, bis Sie einen festen Plan für Ihre Zukunft gefaßt und — 297 Am Dache. Ihren Frieden, den Lotta mit in die Gruft genommen, wieder errungen haben." Steindorf küßte ihre Hände und gelobte treue Freundschaft. Sie sah seinen Triumphblick nicht und wiegte sich in dem Wahne, das; zwischen ihr und Julius Steindorf von nun an eine reine Freundschaft wie zwi- schenMännern bestehen könne. Der Schlaue ließ sie in dem „tollen" Wahn, wie er es imJnuern verächtlich nannte, er nährte denselben bis zur gelegenen Stunde, wenn das Korn reif zur Ernte war, wie er meinte. Das neue Attentat im Gebirge, dem Marbach und Reinhardt zum Opfer gefallen, erfuhr Armgard auf des Arztes Befehl noch immer nicht, sah sie doch noch keinen andern Be kannten bei sich als Steindorf, den neuen Herrn von Edenheim, wie die Gutsleute ihn heimlich mit stillem Groll und erklärlicher Furcht nannten. Heute nun, als DoctorPeters und Mamsell Evers das junge Paar im Garten belauscht hatten, schien das Korn für Herrn Julius reif zur Ern'e zu sein. Armgard machte zum ersten Male einen or- demlichen, Spa- ziergang im Garten, bei welchem der junge Herr natürlich den Begleiter abgab. Erbot ihr seinenArm an, den sie anfangs mit scheuer Befangenheit ablehnte, bis ihre Schwäche sie endlich dazu zwang. „Sehen Sie, theure Freundin, daß die Frau der Stütze doch bedarf?" scherzte Steindorf, ihren Arm durch den seinigen ziehend. Armgard fühlte, wie ihr bei dieser Berührung alles Blut gewaltsam zum Herzen drang. — War das wirklich die alte Liebe, welche unter der Asche der Vergangenheit heiß wieder aufloderte? (Forts, folgt.) Klausen in Tirol. Zu den zahlreichen hübschen Punkten, welche mit der Brennerbahn so bequem zu erreichen sind, gehört nicht in letzter Linie der Ort Klausen (525 Meter Meereshöhe). Noä hat ihn zwar in einer seiner Schriften ein finsteres Nest genannt, aber wir meinen, sehr mit Unrecht. Breite Straßen und Boulevards darf man dort freilich nicht suchen, so wenig als in vielen anderen stark besuchten Tiroler Orten, aber dafür hat man dort noch ein gutes Stück Originalität vor sich. " Hat man die in freundlicher Thalweitung gelegene Bischofs- f stadt Brixen passirt, so rücken die beiderseitigen Wände des Porphyrgebirges, durch das sich der wilde Eisack seinen Weg gebahnt, immer näher zusammen. Eine Wendung der Bahn und wir sehen hoch oben kühn auf einem Felsen thronend (686 Meter Meereshöhe) das Kloster Säben, das alte Sabione, einst der Bischofssitz, bevor er nach Brixen verlegt wurde. Zu Füßen dieser klösterlichen Hochwarte, in welcher seit einigen Jahren großartige Bauten ausgeführt werden, um den Nonnen einen gegen neugierige Blicke gesicherten Garten zu schaffen, — liegt, von einem hochragenden Nömerthurme slankirt und überaus malerisch das alte Klausen, dessen Situation es leicht ersichtlich macht, daß es einst sehr geeignet war, eine Thalsperre im Kriegsgetümmel zu bilden. Manch blutige Kämpfe haben sich in vergangenen Zeiten hier abgespielt, um diesen Schlüssel zum weiteren Vordringen nach Süd oder Nord in die Hände zu bekommen. Heute ist Klausen ein gar friedliches Städtchen, freilich auch nicht mehr so lebhaft als einst, wo noch nicht das Dampfroß Menschen und Güter im Fluge vorbei- führte. Dafür ist es ein trautes Plätzchen geworden für Solche, die in Ruhe die Natur und ihre Schönheit genießen und dabei auch für des Leibes Nothdurft gut gesorgt wissen wollen. Die reiche Ausbeute reizender Landschaftsmotive mag es wohl 299 -->s verursacht haben, daß Klausen auch von Malern, namentlich Münchnern, seit Jahren zahlreich besucht war. Ein Aufenthalt in Klausen ist zu jeder Jahreszeit empfehlens- werth. Der Eisack, welcher viel kaltes Gletscherwasser führt, trägt zur Kühlung des Thales beträchtlich bei, so daß selbst im Hochsommer die Temperatur eine relativ mäßige ist. Dazu wirkt an den Nachmittagen ein angenehmer Luftstrich (die Ora des Gardasees) erfrischend; gegen Norden ist das Thal durch Lagerung der Berge vor rauhen Winden geschützt. Der Winter ist meistens mild; in normalen Jahren ist die niedrigste Temperatur —8°k. Für Brustleivende dürfte Klausen im Vorfrühlung vielleicht ebenso günstige Bedingungen bieten, als das neuerdings vielbesuchte Bozen, in dem uns Heuer der entsetzliche Staub den Aufenthalt verleidet hat. Rings im Umkreise findet sich auf den Höhen eine große ^ Anzahl von reizenden Punkten, welche ^in 1—2 Stunden zu erreichen sind und die herrlichsten Ausblicke, namentlich auf die Dolomitgruppen des Gröd- ner Thales, Langkofel, Geißlerspitze, Schlern usw. bieten. Unter den höheren Aussichtswarten der Umgebung ist es besonders die Kassianspitze, deren Besteigung ohne Gefahr und Schwierigkeit mit Uebcrnachten im Unterkunftshause am Latzfonser Kreuz überaus lohnend ist. Freunden der Kunst bietet der von der Königin Anna von Spanien 1699 gestiftete Kirchenschatz mit seinen werthvollen Bildern und prächtigen Kirchengeräthen, das Schloß Velthurns des Fürsten Liechtenstein mit seinen wundervollen Nenaissance-Vertäfelungen usw. viel Interessantes. not 1du8t — möchten wir die ange- - " — nehmen Erinnerungen an Klausen nicht abschließen, ohne eines - - - - -eben so interessanten, als, um den Spruch eines lustigen Reisegenossen — --^ gebrauchen, „nahrhaften" und echt tirolerischen Gasthauses zu gedenken, das uns ebenso durch die Eigenthümlichkeit seines Baues überrascht, als durch ausgezeichnete Küche und Keller bei billigen Preisen imponirt hat. Es ist das Gasthaus zum „Weißen Lamm" des Hrn. Gg. Kantioler, ein sehr altes Haus mit einem großen Flötz im Parterre, von wo eine etwas dunkle Stiege in die Gasilocale des ersten Stockes führt. Die Stiege mündet auf einen sehr geräumigen Vorplatz, an den sich ohne Abschluß ein alter Saal mit einer Galerie aus Stein anschließt, ein in feiner Art einziger Typus der alttirolerischen Halle. Das Ganze wirkt, wenn man's zum ersten Male sieht, geradezu frappant. Daneben liegt die sehr geräumige Gaststube, in welcher uns sofort eine Anzahl in Kreide trefflich ausgeführter Portraits in die Augen fallen. Goethe und Simrock haben auf ihrer Reise nach Italien in diesem gastlichen Hause gewohnt, was mit Jahrzahl und Jahrtag unter ihren Portraits vermerkt ist. Daneben findet sich das Bild Steubs, des begeisterten Schildercrs Tyrols, Defreggers u. A. Zwei Gärten an und in der Nähe des Hauses gewähren schattigen Aufenthalt und jenseits des Eisacks, gar lieblich von einem Nadel- und Kastanienwald umsäumt, liegt, 10 Minuten vom Städtchen entfernt, das auch zum „Weißen Lamm" gehörige Landhaus „die Gamp" mit Fremdenwohnungen und schattigen Spaziergängen. Item: dem Schreiber dieses und seinen Begleitern hat es in Klausen sehr wohl gefallen. Mit Bildern des interessanten alten Saales im „Weißen Lamm" und des malerischen Ortes, die wir dieser Skizze beifügen, hoffen wir unsere Leser zu erfreuen. LUISE Zu unseren Ällder». Herzogin Max Emanuri -j-. Am letzten Sonntag wurde Albs durch die Nachricht vom Ableben I. k. H. der Herzogin Amalie, der Gemahlin des vor Jahresfrist verstorbenen Herzogs Max Emanuei in Bayern, überrascht. Kaum 2 Tage vor dem Ableben drang die erste Kunde von einer ernsten Erkrankung der hohen Frau in die Oeffentltchkeit. Eine ganze Reihe von Leiden, die dem Körper der hohen Entschlafenen in den letzten Tagen anhaftete, hat das rasche, tragische Ableben bewirkt. Zu einem länger bestehenden Herzleiden gesellte sich eine Halsentzündung, ein akuter Darmkatarrh und die Ansänge einer eiterigen Bauchfellentzündung. Die verstorbene Herzogin war geboren am 23. Oktober 1848 als das vierte Kind des 188i verstorbenen Prinz-n August von Sachsen-Coburg-Cohary, und vermählte sich am 20. September 1875 zu Ebenthal mit weiland Herzog Max Emanuel; seit 12. Juni 1893 ist sie Wittwe. Am Hache. Hinter dem Garten neben dem Hause schlangelt sich ein Bächlein durch den Wiesengrund; Schilfrohr und Gesträuch wächst an seinem Rande und Wasserblumen mit breiten Blättern und gelben Blüthen wiegen sich auf seiner Oberfläche. Mit klein Lischen ist heute die Schwester dorthin gekommen, um Wasser 300 zu bolen. Eine Schaar junger Entlein tummelt sich eben im Bache herum, und es ist eine Freude, dem Nahrung suchenden Völkchen zuzusehen. Lischen hat von Mütterlein ein Stück Butterbrod erha ten und auch die Lvierchen sollen davon ihren Theil bekommen. Eine Hand voll Brocken, von der Schwester Hand in s Wasser geworfen — wie sie da herbeigeschwommen kommen, die Entlein, und gierig nach der Beute schnappen! LiSchcn's Butterbrod schmeckt aber auch so gut, und Mütterlein wird gewiß nicht zürnen, wenn Lischen der flaumbedeckten, noch kaum gefiederten Schaar von seiner Gabe etwas zu Gute kommen läßt. -S-SSLLS- Ueber deu Flug des Menschen hielt Professor Dr. Müllenhof im wissenschaftlichen Theater der Urania .zu Berlin einen interessanten Vortrag, dem wir nach dem „Reichsanzeiger" Folgendes entnehmen: Zunächst sprach der Vortragende über das schon seit den ältesten Zeiten erkennbare Streben der Menschen, den Flug der Vogel nachzuahmen, und lieferte durch Abbildungen, die bis in das dritte Jahrtausend vor Christi Geburt zurückreichten, den Beweis, daß diesen Bestrebungen von jeher das größte Interesse entgegengebracht worden ist. Längere Zeit verweilte der Redner bei den in Bild und Wort genauer dargestellten bcachtcnswerthen Versuchen Leonardo da Vincis, des großen Gelehrten, der wissenschaftlich'ernstlich bemüht war, Vas Problem zu lösen, und über 100 sich auf den Flug der Vögcl beziehende und eben so viele Flugapparate darstellende Zeichnungen hinterlassen hat, die zum Theil eine auffallende Aehnlichkeit mit den modernen Bildern erkennen lassen. Mit der Absicht, als Flügel nicht nur die Arme gelten zu lassen, sondern auch die Beine zu ihrer Unterstützung mit zu verwenden, und mit Verwandlung des Flügclschlags in eine drehende Bewegung der Flügel ging er schon damals weil über die bloße gedankenlose Nachahmung der Natur hinaus. Wenn seine Fliegcversnche auch erfolglos blieben, so sind sie doch geeignet, noch heute unsere beifällige Bewunderung zu erregen wegen der Folgerichtigkeit seiner Anschauungen, die hauptsächlich nur deßhalb keinen Erfolg habe» konnten, weil er auf die Beobachtung des Vogclflugs mit bloßem Auge angewiesen war und diese Beobachtungen stets unzuverlässig und unvollständig sein mußten. Immerhin muß er als der erste Erfinder des Fallschirms bezeichnet werden, der hundert Jahre nach seinem Tode, im Jahre 1617, in Italien zum zweiten Mal und 1784 durch Leuormant zum dritten Mal erfunden wurde und erst in diesem Jahrhundert durch die sinnreiche Erfindung eines Engländers in Form eines umgekehrten Regenschirms mit einer für die Einweichung der Luft am oberen Ende angebrachten Oesfnung eine das unbequeme Pendeln vermeidende Gestalt bekommen hat. Eine vollkommenere Beobachtung des Vogelflugs wurde durch zwei in neuerer Zeit in Anwendung gebrachte Methoden, die chro- uographische und die photographische, erzielt. Marey ließ einen Bussard und eine Taube mit einem von ihnen getragenen Apparat fliegen, der so construirt war, daß in Punkten sich alle Bewegungen und Flügelschläge des Vogels markirtcn. Diese Methode wurde vervollständigt durch die Photographie, die seil der Erfindung der Trockenplatten im Jahre 1871 durch einen englischen Arzt auch zur Darstellung der schnellsten Bewegungen eines fliegenden oder laufenden Thieres gebracht werden konnte und durch Ottomar Anschütz bekanntlich ihre größte Vervollkommnung erfuhr, die es Bkarey ermöglichte, eine von ihm als synoptisches Tableau bezeichnete Darstellung anzufertigen, wobei durch gleichzeitiges Photographircn von drei Seiten es gelungen ^ ist, den Flug der Möue und anderer Vögel in seiner ganzen Technik auf das Genaueste bildlich zu fixircn. An nach diesen Bildern aus Wachs gearbeiteten und in den Schnell- schcr von Anschütz gebrachten Modellen hat man erkannt, daß man bis dahin sich über die Technik des Fliegcns nach den Beobachtungen mit dem bloßen Auge ganz falsche Vorstellungen gemacht hatte. In der zweiten Abtheilung seines Vortrags erklärte der Redner die nun gewonnenen Resultate. Eingehend wurden die Hauptgesetze des Fluges klar- gelcgt, die Größe der Flügelflächen und ihr Verhältniß zur Größe und zum Gewicht der Thiere, die Aehnlichkeit der Flugthiere unter einander, ihr Verhalten zum Winde und die Größe des Kraftaufwandes beim Fluge von Thieren verschiedener Größe besprochen. Endlich wurde zum Schluß die von Otto Lilienthal zuerst in einem Garten aus der Höhe von —1 Meter, dann in Steglitz von einem 10 Meter hohen Thurm und jetzt in den 20—30 Meter hohen und sehr wohl dazu geeigneten Rhinowcr Bergen bei Neustadt a. D. angestellten Fliegcversnche geschildert. Unter Gefahren mancherlei Art ist es dem Forscher, der Zeichnung, Construction und Fliegevcrsuche in höchst praktischer Weise stets mit einander zu vereinigen sucht, nach und nach gelungen, Strecken von 250—300 Meter in freiem Fluge zurückzulegen. -»—- Allerlei. In der sozialistischen „Maizeitung" singt ein Dichter „das Freiheitslied, das echte, soziale" in folgenden Tönen: „Auf daß es euch den harten Kampf ve schöne: Prolet n, singt's — ob man euch fürder hetze, Ob man euch drangsalirt durch Hungcrlöhne, An euren Knochen Spieß und Säbel wetze." Ist das nicht ein bischen viel? * An das „Messer ohne Griff mit fehlender Klinge" erinnert folgende Meldung des „W. T. B." aus Mantua vom 1. d. M : „Heute wurde in dem Eingangsthor des hiesigen Casino's eine Bombe gefunden. Dieselbe hatte weder eine Lunte, noch enthielt sie, wie die Untersuchung später ergab, einen Explosivstoff." Wenn's hilft. Eine Dame kommt eiligen Schrittes zu einem Arzt. „Herr Doctor, mein Mann hat sich erkältet. Nasch etwas gegen das Reißen, es muß ein rheumatischer Anfall sein." —' „So, so," meint der Arzt und verschreibt etwas; dann sagt er: „Nasch in die Apotheke und rasch einreihen! Hilft es, so kommen Sie schleunigst und sagen es mir; ich leide selbst am Reißen." -X- Annehmlichkeit. Hauswirthin sdie ein Zimmer vermiethen willsj: „Und daß ich's nicht vergesse, mein Herr, kein Klavier ist im ganzen Haus!" --S--8SS-S-.- ZSikder-Hlätyser. vr-—» " ^L40. 18942 „Augsburger Postzeitung". Ireitag, den 18 . Mai Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Znstituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesiher vr. Max Huttler). Tante Kamm's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Sie wußte das beklemmende Gefühl nicht zu deuten, das sie zu ihm hindrängte und dann wieder in Furcht und Widerstreben abstieß. Schwer athmend, wollte sie sprechen, ihn bitten, sie in's Haus zurückzuführen, — und vermochte doch keinen Laut hervorzubringen, da ihr die Kehle wie zugeschnürt war. Sie fühlte sich in ihrer Schwäche so willenlos, daß sie hätte aufschreien mögen vor Zorn über die eigene Hülflosigkeit. Unwillkürlich drängte sich in. diesem Augenblick das ernste, offene Gesicht des jetzigen Besitzers von Rotenhof vor ihren inneren Blick, und es war ihr, als müsse sie sich zu ihm flüchten oder auch vor Scham in die Erde versinken. Da tönte die melodisch-schöne Stimme des Mannes, den sie einst so leidenschaftlich geliebt, dicht an ihrem Ohr, der wehmüthig verschleierte Klang derselben, durch welchen eine tiefe Trauer sich hörbar machte, drang unwiderstehlich in ihr Herz, der berauschende Zauber seiner unmittelbaren Nähe schien sie mit einem unentrinnbaren Netz zu umgeben, und entsetzt fühlte sie ihr Loos besiegelt. Wie er ihren hilflosen Zustand geschickt benutzte, sich zärtlich vor den Augen der Gutsangehörigen zu ihr niederbeugte und sie dann in den Park führte, um das letzte bindende Wort ihr abzuschmeicheln! Sie war jetzt, jedem fremden Blick entzogen, allein mit ihm und zitterte an seinem Arme wie ein gefangenes Wägelchen. Dort stand noch eine der alten Bänke wie einst vor zehn Jahren. Steindorf führte sie mit raffinirter Ueberlegung nach derselben hin, und nöthigte sie, sich hier auszuruhen. Er wußte genau, was er that, war dies doch dieselbe Holzbank, auf der er dem Kinde als Primaner eine Liebeserklärung gemacht und sich vermessen hatte, um ihretwillen mit der ganzen Welt sich zu duelliren. Diese Bank war nie erneuert, doch stets in ihrer alten Form und Farbe erhalten, während überall sonst eiserne Bänke angebrckcht worden waren. Der schlaue Steindorf hatte dies längst bemerkt und als stille Pflege der Erinnerung auch ganz richtig gedeutet, — er kannte das Frauenherz genau und lächelte spöttisch, wenn man von einer consequenten Festigkeit und männlichen Kraft desselben sprach. „Das echte Frauenherz hält selbst die unwürdigste Liebe noch fest und ist derselben für immer verfallen, darin ist es konsequent," pflegte er dazu zu sagen, „Ausnahmen giebt es nicht." Und hier schien sein frivoler Ausspruch wieder recht zu behalten, wie er triumphirend überzeugt sein durfte. — „Der Weg hat Sie angestrengt, theure Armgard," sagte er, ihr besorgt in die Augen blickend, „Sie sehen angegriffen aus. — Ach, diese BankI" setzte er plötzlich erregt hinzu, „ist es wirklich noch dieselbe, wo wir als Kinder so — glücklich waren?" „Es ist dieselbe," erwiderte Armgard mühsam, „Sie haben recht, wir waren glückliche, aber recht unerfahrene Kinder." „Die Erfahrung pflegt keine strenge Lehrmeistern: zu sein, mir ist sie es nie in der That gewesen. O, Armgard, kennen Sie Neue? — Nein, Sie haben ja kein verlorenes Glück zu beweinen, kein Unrecht zu bereuen. Jene Episode meines Lebens, an welche diese Bank mich gerade jetzt recht grausam erinnert, war für Sie nur eine kindische Thorheit und zog um Ihr Leben keinen verhängnißvollen Kreis. Wie hätten Sie mich sonst kampflos aufgeben können?" Armgard blickte ihn mit stillem Vorwurf an und wollte sich erheben. Sie fühlte, daß er sie mit Vorbedacht nach diesem Platz geleitet hatte, und ihr Stolz bäumte sich noch einmal gegen diesen Mann auf, der sie mit jenen Künsten noch einmal umstrickte, an denen einst ihr Lebensglück zu Grunde gegangen war. Der Warnruf des alten Reinhardt drang ihr höhnend in's Ohr, aber es war zu spät, die Todtenhand seines Kindes hatte gewaltsam das Band wieder geknüpft, gegen daS ihr Stolz sich ohnmächtig erwies. Steindorf ließ sie nicht mehr frei. Schmeichelnd zog er die Widerstrebende auf die Bank zurück und glitt auf seine Kniee nieder, sie mit den süßesten Tönen der Liebe anflehend, die furchtbaren zehn Jahre aus ihrem Leben zu tilgen und dort wieder anzuknüpfen, wovon diese Bank so stumm und doch so beredt zu erzählen wußte. „O Geliebte, stoße mich nicht von Dir," schloß er im Tone tiefsten und wahrsten Schmerzes. „Lasse mich nicht trostlos hinausziehen, nachdem der Tod mir Alles geraubt. Lotta kniet neben mir und bittet für ihren unglücklichen Vater. Glaube an meine Liebe, Theuerste, 302 welche den Weg wieder zurückgefunden hat zu ihrem ursprünglichen Heim." Armgard war so völlig verwirrt und betäubt, daß sie halb ohnmächtig sich ihrem Geschick ergab und, von Schwäche übermannt, Lotta im Sterbehemd mit der Wunde in der Stirn zu sehen vermeinte. Sie hörte, wie von einem peinlichen Traum umfangen, die Versicherungen seiner Liebe und Dankbarkeit, duldete mit jenem seltsam körperlichen Schmerz im Herzen seine Küsse und erhob sich endlich mechanisch, um sich von ihm in's Haus zurückgeleiten zu lassen. Ob und was sie ihm geantwortet, das wußte sie nicht zu sagen, konnte sich dessen auch niemals wieder erinnern, nur so viel empfand sie, daß ihre Leute sie scheu und besorgt anblickten, als ob man sie eines Verbrechens beschuldige, und daß Mamsell EverS sich mit der weißen Schürze über die Augen fuhr, als ob sie über sie weine. „Darf ich Karten drucken lassen und unsere Verlobung bekannt wachen?" fragte Steindorf, als sie in ihrem Wohnzimmer an seiner Seite erst zum rechten Bewußtsein dessen gelangte, was soeben geschehen war. Erschreckt blickte sie ihn an. „Jetzt schon? — Ruht Ihre Lotta ein Jahr im Grabe? — Nein, lassen Sie mir noch Zeit, ich fühle mich so schwach, — die Welt würde uns Beide verurteilen, und sie hätte ein Recht dazu." „Die Welt ist grausam, Geliebte, und nur die Liebe vermag ihr Trotz zu bieten. Lotta würde für mich bitten, ja, sie würde Dir sagen: laß ihn nicht von Dir, den armen, einsamen Vater, sondern schließe sofort das Band, welches ihm eine Heimath und ein liebendes Herz giebt." „Nein, nein, nicht so bald schon," wehrte sie angstvoll ab, „sei barmherzig, Julius, gönne mir Zeit, gesund zu werden." „Weßhalb sollen wir noch warten, mein Lieb?" schmeichelte er, den Arm um sie schlingend, mit zärtlicher Stimme, „jeder Tag nutzlosen Harrens und Bangens beraubt unser Glück. Sind wir nicht Beide frei und unabhängig? — Brauchen wir uns dem Urtheil der Welt zu beugen? — O, gieb mir das öffentliche Recht, Dein natürlicher Beschützer und Berather -u sein. Nicht wahr, Du willst es, ich darf laut mein Glück verkünden, o, sage es, Geliebte, daß es Dein Wille ist." Weßhalb sollte sie sich noch länger gegen das Unabänderliche sträuben? Zischelte die Verleumdung nicht längst und hatte ihren Namen mit ihm in Verbindung gebracht? Konnte sie jetzt noch denselben anders reinigen als durch eine Heirath mit dem Manne, den sie einst geliebt hatte? — Sie neigte deshalb müde und resignirt das Haupt und bat ihn leise, sie nun allein zn lassen. Steindorf küßte sie zärtlich, drückte ihre Hände an sein Herz und ging mit triumphirender Miene hinaus. ES hätte ihn vielleicht doch unangenhm berührt, wenn er gesehen, wie verzweiflungsvoll sie die Hände rang und wie starr und unheimlich ihre Augen auf die Thür sich richteten, als diese sich öffnete und Mamsell Evers eintrat. „Haben Sie Befehle für mich, Fräulein?" fragte die Alte, sich langsam dem Tische nähernd. Armgard schüttelte den Kopf und öffnete die Lippen, brachte aber keinen Laut hervor. „Ach, lieber Himmel, wenn ich's mir nicht gedacht habet" rief die Mamsell in einem bei ihr ganz ungewöhnlich weinerlichen Tons, „nun sind Sie richtig wieder krank geworden, und der letzte Betrug kann ärger werden als der erste." Armgard starrte sie mit weit geöffneten Augen, als sähe sie etwas Furchtbares, an, und hauchte leise, mit sichtlicher Anstrengung: „Welcher Betrug?" „Ach Gott, ich meine nur so, von wegen Ihrem Nückfall. Kommen Sie nur rasch in's Bett, liebes Fräulein, ich will die Medicin und auch den Doctor holen lassen. Er war vorhin erst hier." „Ja, ich fühle mich krank, gute Evers!" erwiderte Armgard leise, „nur eins möchte ich noch sagen, daß ich — daß ich — mich verlobt habe." Sie hatte bei diesen Worten ihr Gesicht abgewandt und bebte wie im Fieber. Dann suchte sie sich zu erheben, wobei die Mamsell sie schweigend unterstützte. Auch ihr schien der Schreck über diese Mittheilung in alle Glieder gefahren zu sein, da sie auffällig zitterte. Als sie ihre Herrin entkleidete, da diese schwach und willenlos wie ein Kind war und durchaus nicht den Eindruck einer glücklichen Braut machte, hielt sie sich als ihre alte Dienerin, welche sie schon als Kind gepflegt und geliebt hatte, für verpflichtet, sie zu fragen, ob Herr Steindorf, welcher doch jedenfalls der Verlobte sei, nach wie vor auch jetzt noch täglich nach Edenheim kommen werde. „Ich meinte, es dürfte sich für den Bräutigam des Fräuleins doch nun nicht mehr schicken," setzte sie resolut hinzu. Armgard sah sie mit dem Ausdruck tiefer Müdigkeit und Nathlosigkeit an. „Ich weiß es nicht, gute Evers," sagte sie matt, „er wird es schon wissen. Erzürnt ihn nicht, denn ich" — sie seufzte tief auf — „ich kann Euch nicht beistehen." Plötzlich schlang sie beide Arme um den Hals der alten, tief erschütterten Mamsell und brach in ein unaufhaltsames Weinen aus. Die Alte hielt ganz still, aus ihren Augen rannen ebenfalls die Thränen, und sie dann wie ein Kind streichelnd und beruhigend, meinte sie, daß diese ganze Verlobungsgeschichte ihr wie ein Traum vorkomme, aus welchem sie vor der Hochzeit wohl wieder zur rechten Zeit erwachen werde. „Nein, nein!" fuhr Armgard empor, „sage das nicht, gute Evers, es ist mein freier Wille, hörst Du? — und nun will ich schlafen, meine Nerven sind noch so schwach, das ist alles. Ich bin sehr glücklich, und — und —" Sie brach ab und strich sich über die Stirn, als müsse sie ihre Gedanken zusammenhalten. „Ach ja, das war's, — wir werden bald Hochzeit machen, weißt Du, in aller Stille, und dann eine Reise, — ich muß fort, andere Luft athmen, hier ersticke ich. Geh' jetzt, meine Liebe, laß den Doctor nur fortbleiben, ich will schlafen." Sie hatte sich niedergelegt und das Gesicht abgewendet. Mamsell Evers ging leise hinaus. Draußen ballte sie beide Hände vor Schmerz und Zorn. Sie sollte ihr Fräulein nicht kennen? — O, 303 eine Komödie konnte die arme Seele ihr nicht vormachen. Unglücklich war sie, ganz elend in ihrem Herzen, weil der Schurke, der falsche Abenteurer, ihre Schwäche benutzt und sie überrumpelt, ihr das Jawort abgezwungen hatte. Sein Kind, diese kleine dressirte Comödiantin, hatte noch im Grabe ihm geholfen, das reiche Erbe an sich zu reißen. Und sie, die alte Ebers, konnte nichts dabei thun, das Spinnennetz zu zerreißen und die giftige Kreuzspinne zu zertreten. Es war schrecklich, aber die alte, treue Dienerin wünschte jetzt, daß ihre Herrin wieder erkranken möge, um hinter ärztlichen Befehl sich verschanzen und den verhaßten Bräutigam an der Schwelle des Krankenzimmers abfertigen zu können. -i- * Die Operation der alten Tante Hanna war trotz mehrfacher Bedenken der Aerzte, welche noch immer in der Mehrzahl gegen die Ansicht Doctor Peters' gestimmt hatten, endlich doch beschlossen und durch letzteren ausgeführt worden. Dieselbe war vollständig geglückt, die Diagnose des alten erfahrenen Arztes also für richtig befunden worden. Es hatte sich durch den furchtbaren Schlag, welcher die Kopfwunde verursacht, eine Verletzung des großen Gehirns herausgestellt. Die Denk- und Willensthätigkeit war gehemmt und wie die Störung eines elektrischen Stromes jäh unterbrochen worden. Ein winziger Knochensplitter hatte dies bewirkt und genau den Sitz jener geheimnißvollen Gehirnthätigkeit getroffen. Die ganze Stadt nahm lebhaften Antheil an dem Erfolg der Operation, obgleich die Aerzte nach derselben noch durchaus nicht für einen Erfolg oder gar für das Leben der Greisin sich verbürgen konnten. Einstweilen war sie im Krankenhause unter sorgsamster Pflege und ärztlicher Aufsicht am besten aufgehoben. Doctor Peters brachte die Nachricht hinaus nach Edenheim. Er war erschreckt über das Aussehen der Gutsherrin, welche durchaus nicht leidender als vorher sein wollte und seine Mittheilung über Tante Hanna mit stiller Freude vernahm. „Wird sie ihre alte Denkkraft wieder erlangen?" fragte sie mit sichtlicher Spannung. „Das ist freilich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten, liebes Fräulein! — Ebensowenig die Frage, ob wir sie überhaupt am Leben erhalten. Einstweilen jedoch hoffen wir es stark, und wenn sich auch nicht sofort die Spuren eines geistigen Verständnisses zeigen, da wir das wunderbar geheimnißvolle Uhrwerk in seinem geistigen Räderwerk wohl niemals ganz ergründen werden, und ein einziges Stiftchen — um bei dem Gleichniß zu bleiben — vielleicht just fehlt oder verschoben worden ist, so halten wir doch die Hoffnung fest, die alte Tante Hanna wieder zu einem, wenn auch nur halbwegs menschenwürdigen Dasein zurückzuführen. Armgard seufzte, und der freudige Schimmer in ihren Augen erlosch wieder, was der alte Arzt sehr wohl bemerkte. „Ich werde Ihnen wieder etwas verschreiben, Fräulein Holten," fuhr Doctor Peters nach einer Pause fort, „Sie sind kränker, als Sie glauben, und mit der Genesung hat's leider Gottes auch wieder gute Wege. Was haben Sie denn um Alles in der Welt nur angestellt, um wieder so jämmerlich auszusehen und meiner ärztlichen Kunst ein Schnippchen zu schlagen?" Armgard's bleiche Wangen rötheten sich leicht. Sie rang sichtlich mit einem Entschlüsse und sagte endlich in einem halb schamvollen, halb trotzigen Tone: „Ach, Doctor, schelten Sie nicht, ich habe mich verlobt." „So, so, nun, das war ja vorherzusehen," erwiderte der Arzt mit einem Lächeln, welches sie mehr peinigte, als ein hartes Wort. „Na, ich gratnlire, mein Fräulein! — Die Verlobungsanzeige wird übrigens Wenige überraschen, da sich Herr Julius Steindorf ja bereits als Herr und Gebieter hier während Ihrer Krankheit installirt hatte." „Es geschah auf meine Bitte, Herr Doctor!" sprach Armgard, sich jäh aufrichtend. Sie erröthete bei dieser Unwahrheit und sank wie gebrochen an Geist und Körper zurück. „Schon gut, liebes Fräulein, geht mich wie auch die übrige Welt nichts an. Bin freilich ein alter Freund Ihres Hauses und darf mir schon ein Wörtchen herausnehmen, zumal auch als Ihr Arzt. Als solcher kann ich die seelischen Aufregungen, in welche Ihr Verlobter Sie zu früh hineingezogen hat, durchaus nicht billigen, er hätte so große Eile nicht damit zu haben brauchen, kam nach Ihrer völligen Genesung immer früh genug. Soll ich Ihr Arzt noch weiter bleiben?" „O, Herr Doctor!" rief Armgard, ihm tiefbewegt die Hand entgegenstreckend. „Gut, dann müssen Sie hübsch gehorsam sein und sich ganz ruhig verhalten. Am liebsten wieder in'S Bett mit einer Wache vor dem Schlafzimmer." Sie nickte mit einer Art Erleichterung. „Es ist selbstverständlich, daß Ihr Verlobter sich jetzt fern hält," fuhr Doctor Peters ruhig fort. „Möchte in Ihrem Interesse auch rathen, ihm bis zur Hochzeit, an welche bei Ihrem leidenden Zustande doch vorerst nicht zu denken ist, die Ober-Aufsicht wieder abzunehmen; vielleicht hat Herr Steindorf in dieser Hinsicht amerikanische Begriffe, welche für unsere Welt hier Anstoß erregen würden. Die Freundschaft, welche mich mit Ihren seligen Eltern verband, legt mir die doppelte Pflicht auf, Ihnen diesen Rath zu geben." „Ich danke Ihnen, lieber Doctor, versetzte Arm- gard leise, „seien Sie überzeugt, daß ich nach dieser Seite hin die Ehre meines Hauses aufrecht halten werde." „Gut, ich schicke Ihnen jetzt gleich Mamsell Ebers, der ich meine Vorschriften ertheilen werde." Der Doctor ging, und Armgard drückte sich, fieberhaft zusammenschauernd, in die Ecke des Sophas. Alle möglichen Gedanken und Erinnerungen durchflogen ihr Gehirn, und mitten in diesen Wirrwarr hinein drang die Stimme der alten Tante Hanna, welche dicht neben ihr zu sitzen schien und ihr ihre Geschichte wieder erzählte. — Lasse Dich nicht von der Schönheit umgarnen, sie ist nicht echt, sondern nur eine Maske. — Verkaufe Dich auch nicht, vergiß es nie, daß Du ein reiches Mädchen und deßhalb eine begehrte Waare bist. — O, der schlaue Herr Julius kann Dein Geld gebrauchen, es ist ihm drüben nicht geglückt, und nun will er die Närrin mit dem vielen Gelde heirathen, die reiche Erbin, welche zehn lange Jahre auf ihn gewartet hat. Sie ist nicht schön, diese Närrin, aber vergoldet, und das genügt. Der liebe, schöne Papa konnte drüben stolze Ladies heirathen, aber er liebte nun einmal nur die gute Tante Armgard, die so reich und eine gutmüthige Närrin war.- 804 Entsetzt fuhr Armgard empor und starrte wild um sich. Hatte sie nicht erst Tante Hanna gesprochen und zuletzt gar die todte Lotta? — „O, mein Gott, behüte mich vor Wahnsinn!" flüsterte sie angstvoll, „errette mich vor meinen eigenen Gedanken." Dann horchte sie plötzlich auf. Draußen im Corri- dor erklang es wie ein Wortwechsel. Sie konnte jetzt deutlich die Stimmen unterscheiden, — es waren der Docror und Steindorf. Gewiß verlangte der letztere in seiner gebieterischen Weise, zu ihr gelassen zu werden, wogegen der Arzt kalt und energisch protestirte. Sie erhob sich geräuschlos, trotz ihrer Schwäche wie von einer Feder emporgeschnellt, und begab sich in das daranstoßende Cabinet, von wo sie ungesehen und angehört ihr Schlafzimmer erreichte. Mit bebender Hand den Riegel vorschiebend, da die Mamsell durch ihr An- kleidecabinet zu ihr gelangen konnte, schwankte sie nach ihrem Bett und sank halb ohnmächtig darauf nieder. Sie fühlte sich hier wie geborgen und dankte im Innern dem alten Doctor, der sie mit seinem lauten Protest rechtzeitig gewarnt hatte, daß sie sich zurückziehen konnte. Als in diesem Augenblick die Evers athemlos durch die Thür des Cabinets eintrat, sah sie, daß diese bei ihrem Anblick wie erlöst aufathmete. „Wer lärmt so ungebührlich im Korridor?" fragte sie matt. „Herr Steindorf behauptet, Sie wären nicht krank, liebes Fräulein, der Doctor wolle Sie nur dazu machen." „Geh, und '.sage, daß ich sehr leidend und nicht im Stande fei, ihn zu empfangen," flüsterte Armgard mühsam. Mamsell Evers ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie ging wieder denselben Weg zurück nach dem Corri- dor und sah den Doctor dort mit sehr finsterm Gesicht allein stehen. „Ist er fort?" fragte sie ihn leise. Der alte Herr lachte grimmig in sich hinein und deutete hohnvoll auf die Thür des Wohnzimmers. „Der läßt sich nicht abspeisen und zeigt ihr schon jetzt, wer He'r im Hause ist. -- Thörichtes Frauenzimmer l" Doctor Peters ging nach diesen halblaut gesprochenen Worten rasch fort, während Mamsell Evers die Lippen energisch zusammenpreßte, und dann ohne Zögern jene Thür öffnete. Mit unwilligem Erstaunen sah sie, daß Steindorf das Schreibcabinet ihrer Herrin geöffnet hatte und ohne Weiteres bis zum zweiten Zimmer vorgedrungen war. Sie ging ihm nach und richtete ihre Botschaft unerschrocken aus. Steindorf blickte sie stirnrnnzelnd an. „Hat meine Braut, Ihre Gebieterin, Ihnen dieß persönlich aufgetragen?" fragte er kurz. „Ich würde den Befehl sonst nicht ausgerichtet haben," lautete die Antwort. „Das Fräulein ist sehr leidend, und hat sich zu Bett begeben müssen." Er schritt in's Cabinet zurück und warf einige Zeilen in französischer Sprache auf ein Blatt Papier, das er in ein Couvert schob und mit der Aufschrift versah. „Geben Sie dieß dem gnädigen Fräulein!" befahl er, auf das Briefchen deutend. Ohne Gruß schritt er dann hinaus, und Mamsell Evers hörte, wie er das Haus verließ. „Gott gnade uns Allen, wenn der die Gewalt hier erst hat," seufzte die Alte kummervoll, indem sie mechanisch die elegante Handschrift ansah und dann mit dem Brief zu ihrer Herrin sich begab. „Der Doctor hat einen langen Disput mit dem jungen Herrn gehabt," sagte sie, den Brief übergebend, „er setzte doch feinen Willen durch." „Wer? Der Doctor?" „Gott bewahre, nicht er, sondern der künftige Herr von Edenheim, dessen Brief ich dem Fräulein gebracht und der schon durch alle Zimmer drang, um Sie zu sehen und zu sprechen. Meine Botschaft von Ihnen erreichte es nur mit Mühe, ihn zu veranlassen, sich zu entfernen." Armgard sah auf den Brief und dann auf die alte Wirthschafterin. Ihr Stolz bäumte sich bei den Worten derselben auf und sie fühlte die Erniedrigung, welche für sie in der Respektlosigkeit lag, mit welcher man ihres Verlobten erwähnte. Durfte sie das dulden, da sie doch einmal den verhängnißvollen Schritt gethan und es kein „Zurück" mehr für sie geben konnte? Und war sie es ihm nicht schuldig, unbeirrt bei ihm auszuharren, nachdem ihm das Liebste entrissen war und alle Welt sich urplötzlich veranlaßt sah, Steine auf ihn zu werfen? War er nicht seines Erbes beraubt, ein unglücklicher Mann, zu welchem sie allein, kraft der Vergangenheit, gehörte? Sie richtete sich mühsam auf und sagte in einem so scharfen Tone, wie Mamsell Evers ihn nie von ihr vernommen: „Sie scheinen ganz zu vergessen, daß Sie von meinem Verlobten sprechen, Evers, ich dulde einen solchen Ton nicht, und ersuche Sie, der übrigen Dienerschaft es einzuprägen, daß man in Herrn Steindorf den künftigen Gebieter zu ehren hat. Wem das nicht zusagt, der möge sich bei Zeiten nach einem anderen Dienst umsehen." Das ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, und Mamsell Evers war auch eine Weile ganz sprachlos. Wenn Armgard so redete, dann mußte sie den Verlobten ja wirklich lieben, Zumal sie die alte, treue Dienerin zum ersten Male wie eine Fremde, wie jede andere beliebige Magd behandelte. Nun gut, das durfte sie sich nicht schon jetzt gefallen lassen, da ihres Bleibens in Edenheim nach der Hochzeit doch nicht länger sein konnte. „Da ist es wohl besser, daß ich gleich heute mein Bündel schnüre, Fräulein," sagte sie mit einer Stimme, als sei ihr die Kehle zugeschnürt. „Herr Steindorf, das fühle ich, kann mich nicht leiden, und würde mir nachher doch gleich den Laufpaß geben. Da ist's besser, ich gehe freiwillig." Armgard antwortete nicht, sondern wandte ihr Gesicht nach der andern Seite. „Ich darf Ihnen hier wohl gleich Adieu sagen, Fräulein!" fuhr die Mamsell zögernd fort. „Kannst Du's über Dein Herz bringen, Evers, dann geh'!" Mehr sagte sie nicht, aber es war übergenug für die alte, treue Seele, die schluchzend auf die Kniee sank und Armgards Hand mit Thränen benetzte. „Du närrische Alte!" fuhr Armgard, mit ihrer tiefen Bewegung kämpfcnd, fort, „kannst Du denn überhaupt fern von Edenheim und Deiner verhätschelten Armgard leben?" 305 „Nein, ach nein," meinte die Mamsell, „ich würde bald genug daran sterben. Fürchte ja auch nur, daß wein Herzblatt nicht so glücklich wird, wie ich's wünsche, und wie sie es verdient. Mag der junge Herr mich behandeln wie er will, es soll mir gleich sein, wenn er nur seine Frau recht lieb haben wird." „Das wird er ganz bestimmt, und mir zu Liebe wird er auch Dich gut behandeln, EverS!" „Nun, dann bin ich zufrieden, wenn nur Sie ganz glücklich sind, meine liebe, liebe Herrin." „Steh' auf, Evers, und setze Dich hier dicht her zu mir. — So, Du bist die Einzige, der ich vertrauen kann, ich muß mit Dir plaudern, wenn mir's im Gehirn nicht wirr werden soll. Sieh', Liebe, der arme Steindorf ist im Grunde schlimm behandelt worden, man hat ihn seines Erbes beraubt —" „Nein, Fräulein, das ist nicht so —" „Schon gut, Evers, unterbrich mich nicht, ich weiß, was Du sagen willst, die Sache an und für sich bleibt doch dieselbe. Wenn sein Vater vernünftig gewesen wäre, dann hätte er ihn hier behalten, und das schöne Gut wäre nicht verschleudert worden. Es war nicht recht von meinem Vater, daß er dieses zugelassen, er mußte einschreiten, es war seine Pflicht als Freund und Nachbar, und weil er solches versäumt, ist jene Pflicht auf mich übergegangen." Die Wirtschafterin sah sie hier so erstaunt und verständnißlos an, daß Armgard einen Augenblick verstummte. „Nun freilich," fuhr sie dann langsam fort, „kann man bei Leuten Deines Schlages, liebe Evers, ein so feines Gefühl für Ehre und Pflicht nicht erwarten; ich aber besitze dasselbe in einem besonders peinlich ausgebildeten Grade, weßhalb ich nach reiflicher Ueberlegnng den besten Ausweg in einer Verbindung gewählt, die unsere Eltern ja vorher schon bestimmt hatten." „Ja," sprach die Evers ruhig, „und nun wischen Sie Alles, was dazwischen liegt, wie mit einem Schwämme weg." „Ganz recht, mit dem Schwämme der Vergessenheit," bestätigte Armgard, wehmüthig lächelnd. „Das wäre also der eine Grund meiner Verlobung, gute Evers! — Der zweite und nicht der geringste ist das schreckliche Schicksal, welches den armen Steindorf durch den Tod seines letzten Kindes so jäh getroffen. — Es hat mich tiefer bewegt, als die Welt es geahnt, da er die Kleine meinem Schutze übergeben, und ich es war, welche gegen Deinen Einspruch, gute Evers, die ver- hängnißvolle Spazierfahrt mit derselben unternahm." „Aber Sie hätten ja auch selber dabei verunglücken können, mein liebes Fräulein," wandte die Mamsell kopfschüttelnd ein. „Allerdings, doch kaun diese Möglichkeit meine Schuld nicht verringern, fuhr Armgard seufzend fort, „es war auch mein Verhängniß, da ohne diesen grauenhaften Zufall —" Sie brach ab und wandte die Augen seitwärts, weil sie die alte Evers nicht noch tiefer in ihr von Angst, Scham, Zweifel und Unwillen gemartertes Herz blicken lassen mochte. „Steindorf ist durch meine Schuld ein einsamer, verlassener Mann geworden," setzte sie nach einer Weile mühsam hinzu, „deßhalb, liebe Evers, bin ich verpflichtet, ihm durch meine Hand einen Ersatz zu geben —" „Auch durch ihr Herz?" unterbrach die Alte sie ernst. — „Ja, Du neugierige Person, auch durch mein Herz, weil ihm das gehört hat, so lange ich denken kann. Und nun geh', Evers, sprich mir aber nicht wieder davon, mich zu verlassen. Ich bin müde und will versuchen einzuschlafen." Die Mamsell ging, im Innern überzeugt, daß ihr Herzblatt sich um einiger wunderlicher Grillen halber für ihr ganzes Leben unglücklich zu machen im Begriff stehe. — Wenn doch die Tante Hanna erst wieder gesund wäre und ihr noch bei Zeiten den Kopf zurecht setzen könnte! — Armgard öffnete das Briefchen des Bräutigams und las: „Theuerste! Man will mich nicht zu Dir lassen, und ich bin ganz kopflos vor Sehnsucht nach Dir. Hast Du befohlen, mich abzuweisen? Ich kann und mag es nicht glauben, daß Du auf's Neue krank geworden bist, daß wieder fremde Menschen sich zwischen uns drängen, unsere Herzen von einander entfernen sollen. Morgen Vormittag bin ich wieder hier und flehe Dich an, mir Deinen Anblick zu gönnen. Sei nicht grausam gegen den Verlassenen, der nichts aus Erden mehr fürchtet, als Dich zu verlieren. O wärest Du erst mein, ganz mein, um mit mir hinauszufliegen in die weite, weite Welt, wo Neid und Mißgunst uns nichts mehr anhaben können. Werde gesund, o, werde gesund, Geliebte, für Deinen Julius." Ein seltsames Gefühl durchzog beim Lesen dieser Zeilen ihr Herz. So hatte noch niemals ein Mann zu ihr geredet, und sie hätte kein Weib und jener Mann nicht der Traum ihrer ersten Jugend sein müssen, wenn dieser glühende Erguß sie nicht berauscht haben würde wie starker Wein. Sie las die Zeilen noch einmal und verbarg dieselben dann, als ob ihr Besitz ein Verbrechen für sie sei. War dieses berauschende Gefühl, das ihre Pulse rascher schlagen, ihr Blut wie einen Feuerstrom zum Herzen jagen ließ, wirklich jene Liebe, von welcher sie damals geträumt hatte? — Sie barg das erglühende Antlitz in die Kissen und weinte dann plötzlich im heißen Schmerze, daß ihr die stolze Energie, das Selbstbewußtsein und die Kraft der muthig errungenen Herzensruhe durch die Macht der Umstände und ihre körperliche wie seelische Schwäche so unheilvoll abhanden gekommen waren, daß sie sich dem Verhängniß unrettbar überliefert hatte. Liebte sie diesen Mann, der eine unheimliche Macht über sie gewonnen, wirklich noch immer? — Sie wußte sich selber keine Antwort darauf zu geben, da sie abwechselnd von unbezwinglichem Widerwillen und von Sehnsucht erfüllt sich von ihm abgestoßen und wieder zu ihm hingezogen fühlte. Es war die Gewalt der sinnlichen Schönheit, vor welcher Tante Hanna sie in ihrer Liebes - und Lebensgeschichte so eindringlich gewarnt hatte. (Fortsetzung folgt.) —--- Die Warrmdi und die Moridberge der Alten?) Von Dr. Oskar Vaumann. In den letzten Augusttagen 1892 stand ich mit meiner Expedition an der äußersten Grenze von Ussui, *) Wir entnehmen diese hochinteressanten Mittheilungen dein soeben erschienenen Werke von Dr. Oskar Baumann: einer Landschaft, die sich westlich vorn Victoria-Nyansa ausdehnt. Bisher hatten Stanleys und Spekcs Aufnahmen, sowie die Erkundigungen, die wir bei Eingeborenen einzogen, uns Anhaltspunkte für unsere Reiseroute geboten. Ueber Ussui hinaus lag jedoch Urundi, ein Land, mit dem keinerlei Verkehr bestand und über das nur dunkle Gerüchte ins Ausland drangen. Dieselben meldeten von blutgierigen, kriegerischen Völkern, die allen Fremden bitter abgeneigt seien, und von ihrem Könige Mwesi, der irgendwo an unbekanntem Orte throne. Ueber das Land selbst war jedoch so gut wie nichts zu erfahren. Selbst im Massailand, wo wir ebenfalls wochenlang gänzlich unerforschte Striche durchzogen, konnten wir von Nomaden Nachrichten über den Weg erhalten; diesmal tappten wir völlig im Dunkeln, betraten eine terra, inoo§inta, im buchstäblichen Sinne des Wortes, ein Land, in dem der Kompaß uns als einziger Leitstern diente. In den Morgenstunden des 5. September erreichten wir das Ufer eines breiten Flusses, der seine graubraunen Wogen zwischen hohen, von üppiger Vegetation gekrönten Ufern dahin wälzte. Mit Bewegung blickte ich in die Fluthen dieses Stromes, aus welchen steile Granitriffe hervorragten; war es doch der Quellfluß des Nil, hier Nuvuvu, später Kagera genannt, bildete er doch die Westgrenze von Ussui gegen jenes rüthselhafte Urundi, in welches wir nun eindringen sollten! Doch das Leben des Reisenden gewährt keine Frist zu langen Betrachtungen; schon hatte mein Karawanen- führer Mkamba den primitiven Einbaum, der als Fähre dient, in Beschlag genommen, und mit kräftigen Stößen und Nuderschlägen beförderten-die Wassui-Fährleute die ersten Soldaten aus linke Ufer. Hinter der Karawane, die sich am Ufer niederließ und allmählich übergeführt wurde, sammelten sich Hunderte von Wassui und bedeckten, dicht gedrängt, als schwarze bewegliche Masse mit blitzenden Speeren die Hügelhänge und das Ufer. Auf der Felsinsel im Flusse hockten zahlreiche Eingeborene, gleich Affen saßen sie auf Baumstämmen, die in den Fluß hinausragten, ja sie schwammen trotz der vielen Krokodile darin herum, um das Schauspiel unseres Uebergangcs zu genießen. Mit dieser Bewegung am rechten stand die Ruhe am linken Ufer in grellem Widersprüche. Wußten die Warundi etwa nicht, daß wir kamen, oder brüteten sie abseits Arges? Sollten die vielen Tage des Friedens, die wir genossen, nun wirklich ein Ende haben und wir wieder den blutigen Kämpfen entgegengehen? Die Askari am linken Ufer schienen Aehnliches zu vermuthen, sie hatten Wachen ausgestellt, und Mkambas hohe Gestalt tauchte auf dem Gipfel eines Termitenhügels auf, unbeweglich in die Ferne spähend. Plötzlich — ich befand mich gerade im Kanu — ertönte aus dem Dickicht des Ufers von Urundi ein langgezogenes Jauchzen, und wie durch Zauberschlag tauchten zahlreiche dunkle Gestalten mit langen Stäben, aber ohne „Durch Ma ssailand zur Nilquelle. Reisen und Forschungen dcrMassai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-ComitSs in den Jahren 1891 bis 1893." 386 S. mit 27 Vollbildern und 101 Text-Illustrationen in Heliogravüre, Lichtdruck und Autotypie nach Photographiern und Skizzen des Verfassers von Rud. Bacher und Ludwig Hans Fischer in Wien und einer Originalkarte in 1: 1,800,000. Preis geheftet 14 Mark, eleg. geb. mit Lederrücken 16 Mark. Berlin, Verlag von Dietrich Reimer (Hoefer und Vohsen). Waffen auf. Im Gänsemarsch kamen sie, Laub und ihre Stäbe schwingend, an, kräftige Gestalten mit originellen Haartouren und braun und grau gemusterten zipfeiförmigen Ueberwürfen aus Nindenzeug, das von nun an das einzige Bekleidungsmaterial bildete. Auf der Höhe der Rampe stellten sie sich in zwei oder drei Reihen an und führten jenen merkwürdigen Tanz auf, den ich dann noch unzähligcmale sehen sollte, ohne daß er seinen Reiz für mich verlor. Derselbe wird weder von Trommeln, noch von Gesang, noch von irgend einem Instrument begleitet. Den Takt giebt einfach der Tanzschritt, der durch mehr oder weniger kräftige Tritte bezeichnet ist. Unter Leitung eines Vortänzers führen die Massen mit unglaublicher Gleichmäßigkeit und Geschick- lichkeit diese Täuze auf, daß der Boden dröhnt und mächtige Staubwolken die Tänzer umhüllen. Mit hocherhobenen Armen schwingen sie zierlich ihre Stäbe und Laub, schreiten vor- und rückwärts, führen hohe gleichzeitige Sprünge aus und fallen dabei niemals aus dem Takt, der durch die Fußsohle gegeben wird. Dabei verleugnet der Tanz keineswegs das Gepräge einer kraftvollen Anmuth, besonders die Vortänzer könnten es i» kühnen und doch eleganten Sprüngen mit jedem Ballettänzer aufnehmen. Für einen alten Unteroffizier müßte der Tanz der Warundi geradezu ein Labsal sein, denn was ist der schneidigste Parademarsch gegen diese kompli- zirten, fortwährend wechselnden und doch unglaublich taktfest ausgeführten Tanzschritte! Zum Schlüsse stimmten Alle wieder das eigenthümliche Jauchzen oder, besser gesagt, Jodeln in der Fistel an, rissen Blätter von den Bäumen und streuten dieselben kniend vor mir aus. Während die Karawane übersetzte und wir am Ufer Lager schlugen, kamen immer neue Schaaren von Tänzern, und die früheren lagerten in malerischen Gruppen auf der Uferrampe. Es war ein großartiges Schauspiel. Am rechten Ufer standen Kopf an Kopf die Wassui, in dicht gedrängten Massen die Hügel bedeckend, am linken trampelten, jauchzten und klatschten Hunderte von Tänzern in der grellen Sonne, einer Bande Wahnsinniger gleichend. Bei den Wassui sah man noch einzelne Fetzen Baumwollzeug, einige Glasperlen, die äußersten Vorposten der Alles umfassenden europäischen Industrie, hier nichts dergleichen; Kleidung und Schmuck war echtes, unverfälschtes Afrika. Erst gegen Abend verzogen sich die Menschenmengen, und eS erschienen die Aeltesten der Gegend, um mir ein laub- bckränztcs Schaf und eine Sorghum-Aehre als Friedcns- zeichen zu überbringen. Am 6. September verließen wir den von leichten Morgennebeln überlagerten Nil und traten in welliges Grasland ein, dessen zahlreiche kleine Thäler von Papyrus erfüllt und von felsigen Thalstufen unterbrochen sind, über welche das klare Wasser der Bäche rieselt. Fast kein Baum oder Strauch ist auf den thcilweise verbrannten Grasseldern sichtbar, und die Dörfer mit ihren Bananen- hainen und den glänzendblättrigen Ficusbäumen, die Rindenstoff, theilweise auch Brennholz liefern, heben sich gleich dunkelgrünen Inseln von den gelbbraunen Flächen ab. Dieses Alpenland, welches unter gewöhnlichen Umstünden Wohl recht ruhig dalag, glich nun einem gestörten Ameisenhaufen. Von allen Seiten eilten dunkle Gestalten auf den schmalen Pfaden der Hänge oder querfeldein auf uns zu, während von den entfernten Dörfern Horn- stöße ertönten, unser Kommen anzeigend. 307 Vor den Hüttenkomplexen standen die alten Leute, knieten bei unserem Herannahen nieder, klatschten und reichten mir Grasbündel unter allerlei schönen Redensarten, die ich noch unzähligemale hören sollte. In langen Reihen, mit Stäben und ausgebreiteten Armen kamen die Krieger laufend herbei, traten längs unseres Pfades an und führten ihren Tanz auf, worauf sie uns mit jubelndem Geschrei vorliefen und von neuem zu tanzen begannen. Einige Leute hatten sich als eine Art Festordner aufgeworfen und hieben tüchtig in die nachdrängende Masse ein. Denn alle diese Menschen blieben keineswegs bei ihren Dörfern zurück, sondern zogen lachend und jubelnd hinter uns her. Von einer Anhöhe zurückblickend, sah ich bald Tausende von braunen, wildbewegten, in der Sonnengluth glänzenden Leibern mit geschwungenen Stäben und Laubzweigen, einer Bacchantenschaar gleichend. Den ungeheuren Lärm übertönten Rufe wie „Nrvsoi Ilrunäi!" (Beherrscher Urundis) „Vilielco visirnu!" (Großer König) und „lull IVustutu" (Wir sind Sklaven), die mein Dolmetsch mir übersetzte und die mich schließen ließen, daß die Begeisterung der Warundi einen besonderen Grund haben müsse. Bei der allgemeinen Raserei war es nicht so leicht, diesen zu erfahren, und erst nach einigen Tagen brachten meine Leute das Richtige heraus. Die Warundi waren nämlich sonst von einem Herrschergeschlecht regiert worden, welches seine Abkunft vom Mond (mvvssi) herleitete und dessen Königstitel „Al-rveoi" war. Der letzte Mwesi, Namens Makisavo (das Bleichgesicht), war seit Langem verschollen, lebte aber der Tradition nach im Monde fort und wurde vom Norden her erwartet. Als nun plötzlich ein weißer Mensch vom Norden ins Land kam, sahen sie in ihm den ersehnten Herrscher, den Mwest Makisavo. Dagegen war nichts zu machen; eine Schaar wahnsinniger Fanatiker ist bekanntlich Vernunftgründen nicht zugänglich, ich war und blieb für sie der Mwesi, und derart zum König von Urundi befördert, blieb mir nichts Anderes übrig, als meine Würde mit möglichem Anstand zu tragen. Anfangs machte mir die Sache übrigens viel Spaß, die topographische Aufnahme war allerdings durch den unaufhörlichen ohrenzerreißenden Lärm erschwert, aber das Schauspiel dieses großartigen afrikanischen Volkslebens bot doch das höchste Interesse. Besonders im Lager entwickelten sich förmliche Tauzfcste. In weitem Kreise kauerten und standen die Volksmengen um einen freien Platz, auf welchem die Tänze stattfanden. In der Rechten den langen Stab, in der Linken Laub haltend, führten die Krieger der einzelnen Gegenden nach einander die schwierigsten „Pas" auf. Ost hatten sich die jungen Leute desselben Ortes mit gleichartigem Nindenzeug bekleidet, ja eine Gruppe, die mir dnrch besondere Geschicklichkeit auffiel und von einem jungen, prachtvoll gebauten Krieger geführt wurde, trug schneeweiß bemalte Lederschürze. Komisch war eine Anzahl nackter Knaben, die jedesmal mitzutanzen versuchten, darunter oft kleine Bengel, die kaum die Beine heben konu- E ten. Diese durften Fehler im Tanze machen; doch wehe dem erwachsenen Tänzer, der nur den geringsten für Nicht-Warundi kaum wahrnehmbaren Fehltritt machte; er wurde mit Hohngeschrei verjagt und konnte froh sein, wenn er ohne Prügel davonkam. ^ Nach den Männern traten die Weiber an, die ver- heiratheten mit aschgrauer Kleidung, die Kinder auf dem Rücken, die ledigen mit Lendenschürzen, kleine Mädchen nackt. Sie stellten sich im Halbkreise auf, dessen Mitte zwei schön gewachsene Mädchen einnahmen, die mit ausgebreiteten Armen, begleitet von Händeklatschen und angenehm weichem Gesang, einen reizenden Tanz im spanischen Fandango-Stil aufführten. Nichts als die unmuthigen Bewegungen der Arme erinnert hier an den obscönen „Bauchtanz" der Orientalen und vieler Negerstämme, bei welchem die Tänzerin fast unbeweglich steht. Hier wird jedoch regelrecht mit den Beinen, und zwar mit einer Kühnheit und Anmuth getanzt, um welche jede Ballerina die schwarzbraune Kollegin beneiden' könnte. Der wohlklingende wechselvolle Gesang der sanften Frauenstimmen und der Anblick dieser schlanken Wesen, welche mit ständigem Lächeln jene kunstvollen Tänze aufführten, gaben ein Schauspiel von eigenthümlichem Zauber. Auf das Schöne folgte das Groteske in Gestalt einiger alten Weiber, die mit „süßem" Grinsen zum Halloh der Träger ihre runzeligen Glieder verrenkten. Um Nahrungsmittel brauchten wir hier nicht zn sorgen; der Wunsch, etwas zu kaufen, wurde gar nicht begriffen, denn dem Mwesi gehört eben Alles, was im Lande ist, er nimmt sich, was ihm beliebt, und was er nicht nehmen kann, wird ihm lastenweise von allen Seiten angebracht. Großhörnige Rinder, Ziegen und Schafe, Unmengen von Bananen und Hülscnfrüchten, zahlreiche Krüge mit Hirsebier kamen fortwährend, ohne daß irgend Jemand etwas dafür verlangte oder erbat. Selbst die unvermeidliche Bettelei der Neger verstummte dem Mwest gegenüber. Das Land behielt stets den Charakter eines grasigen, von engen Papyrusthälchen durchzogenen Berglaudes. Manchmal hat man eine breite Senkung zu überschreiten, die stets versumpft und mit verfilzter, schwimmender Grasvegetation bedeckt ist, in welche man leicht einsinkt. Die Warundi häuften hier Bündel von Gras auf, um uns das Ucberschreiten zu erleichtern. In dieser Gegend lebt auch ein den Pygmäen verwandter Stamm der Watwa, der in ärmlichen Grashütten wohnt. Wir durchzogen die reichbewohnten Distrikte von Gntaha und Mukivuye und erreichten am 10. September Jntaganda, eine Landschaft am rechten Ufer des breiten Thales, welches der Papyrusreiche Akanyaru-Fluß durchströmt. Dieser gab Veranlassung zur Entstehung der Sage vom Nyansa ya Akanyaxu, dem Alexandra-See Stanleys. Jenseits tauchten hohe grasige Berge mit den dunklen Punkten der Siedlungen auf; es war Ruanda, das rüth- selhafte Königreich, in welchem weiße Neger vermuthet wurden, jenes Fabelland, von dem viele Reisende gehört, das aber noch keiner betreten hatte. Mein Wunsch, die Nilqucllfrage endgültig zu lösen, hielt mich davon ab, eine nähere Erforschung dieses Landes vorzunehmen, jedenfalls wollte ich es jedoch besuchen und beschloß daher, am nächsten Tage den Akanyaru zu übersetzen. In Ruanda fanden wir gute, wenn auch weniger begeisterte Aufnahme als in Urundi und durchzogen den südlichen Theil des bergigen Landes, daS reich bebaut und von künstlichen Bewässerungskanälen durchzogen ist. Wir sahen zwar keine weißen Neger, aber äußerst lichtfarbige hamitische Watusfi, die fast europäische Gesichtsbildung besitzen. 308 — An der Grenze von Ruanda stiegen wir über steile Hänge wieder nach dem Akanyaru ab. In den Schluchten rauschten Gewässer, die von Schirm-Akazien und Laubbäumen eingesäumt waren. Solche bezeichneten auch den Lauf des Akanyaru, der hier als vielgewundener, reißender Bergstrom gegen Nordost floß. Während wir den Fluß durchwateten, sammelten sich jenseits riesige Menschenmengen an, das „Oansu rnrvawi" erscholl, Alles jubelte, tanzte, klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreise herum — kurz, wir waren wieder in Urundi. In den nächsten Tagen durchzogen wir die Distrikte Mugitiva und Nustga. Das Land steigt immer höher an und erhebt sich zu bedeutender Seehöhe. Grasige, langgezogene Bergrücken fallen in steilen Hängen zu den meist sumpfigen Thälern ab. Im Südwesten taucht allmählich eine hohe waldige Kette auf, in der ich die Wasserscheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die zahlreichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil, dessen Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananen- reichen Dörfer waren von Feldern umgeben, in welchen besonders eine vorzügliche Erbsenart gedieh, auf den Wiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem Gehörn. Der Fanatismus der Waruudi erreichte hier seinen Höhepunkt. Ungeheure Volksmassen kamen von allen Seiten angezogen und wälzten sich gleich einem Strome hinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleich einem Heuschreckenschwarme über Alles im Lande herfallend. Sie rissen Vorräthe und Hausgeräth aus den Hütten, die Felder waren in wenig Minuten kahl, ganze Heerden von Rindern wurden mitgetrieben und von meinem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen. Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfern fanden, trugen ebenfalls nicht zur Beruhigung der Gemüther bei. Die Bewohner der Ortschaften ließen sich nicht immer ruhig ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor der Karawane statt, bei welchen Leute schwer verwundet, Mehrere sogar erschlagen wurden. Aber sobald ich mich näherte, legten beide Theile die Waffen nieder, warfen sich buchstäblich unter die Hufe meines Neitesels und riefen ihr „Oausu rrnvami!" Die tollste Raserei entwickelte sich überhaupt in unmittelbarer Nähe meiner Person. Männer, Weiber und Kinder drängten mit fürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügen auf mich ein, denn einen Mwesi gesehen oder gar berührt zu haben, galt als das höchste Glück. Kurbatschhiebe und selbst Kolbenschläge der Askari waren völlig wirkungslos, mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die Gezüchtigten sofort wieder und heulten knieend ihr „6-ansa mrvuini t" Der fortwährende Anblick sieser aneinandergcpreßten schwarzen Leiber, das Getöse, welches die Luft erschüttern machte, und der Wahnsinn, der aus dem ganzen Treiben sprach, machten auf mich den tiefsten Eindruck. Ich rechne es mir zur Ehre an, in jenen Stunden die topographische Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zu haben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so verdanke ich dies nur meinen braven schwarzen Soldaten, die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut behielten. Natürlich wendete sich die Wuth der Leute oft gegen sie, wollten sie die Warundi doch von ihrem Mwami abhalten. So kam es, daß am 17. September die Soldaten erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und sogar Messerstiche verwundet wurden. Als einem jungen Ma« Nyema-Ruga-Nuga gar die Unterlippe abgebissen wurde, war es kein Wunder, daß er Feuer gab. Wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, krachten gleich mehrere Schüsse, und bevor mein sofort gegebener Pfiff zum „Feuer einstellen" sich Geltung verschaffte, bedeckten zu meinem tiefen Bedauern etwa dreißig Warundi todt und schwer verwundet den Boden. Eine Todtenstille trat ein, und wir erwarteten nun, den längst gefürchteten Umschlag der Stimmung eintreten zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, ein gellender Freudentriller einer hohen Frauenstimme unterbrach das Schweigen, das „Ounsu rnrvumi" erscholl wieder aus tausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte von den Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen der Sterbenden mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Es war ein schreckliches Bild. Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Umstände auch die Askari von jeder Schuld freisprechen mußte, rief ich doch im Lager die Aeltesten der Gegend zusammen und erklärte mich bereit, das in Afrika in solchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hielten das für einen Scherz. „Der Mwesi", sagten sie, „thut und läßt, was er will, schlägt todt, wen er will, ja, ein Mwesi, der keine Leute todtschlügt, wäre gar kein richtiger Mwesi." Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. Die Volksmengen, welche uns begleiteten, lagerten meist etwas abseits und äfften Nachts die Rufe unserer Wachtposten nach. Zu mir kamen fortwährend Leute mit Geschenken, kamen Zauberer mit weiß bemalten Gesichtern, eine Klapper schwingend und mit künstlich heiserer Stimme Beschwörungen murmelnd, ja, es kamen Leute, welche selbst meinem Esel Geschenke an Vieh und Pombe anboten und sich um sein Wasser, als eine kostbare Medizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uralten weißhaarigen Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich bedauerte, nicht die Ehre zu haben, worauf der Alte meinte, ich habe ihn wohl vergessen, er aber erinnere sich noch genau daran, mich schon früher als Mwesi gesehen zu haben. Am 19. September verfolgten wir den Nuvuvu-Nil aufwärts. Nach einigen Stunden erreichten wir eine Stelle, wo das Thal sich gabelt und zwei kleine, kaum einen halben Meter breite Rinnsale sich einen. Wir erstiegen eine grasige Höhe zwischen den beiden Quellschluchten und lagerten im kleinen Watussidorf Uuyange. Unser Gefolge an Warundi hatte stark abgenommen, denn merkwürdigerweise gilt diese Stelle ihnen als heilig und wird mit abergläubischer Scheu betrachtet, da hier einst die verstorbenen Mwesi begraben wurden. In einem dunklen Hain, dem Wuruhukiro, unweit des linken Quellrinnsals, ruhten die Träger der Königsleiche; die Bestattung fand dann auf dem Gipfel des Ganso Kulu, eines hohen Grasberges, statt. In den Bergwäldern irren, nach dem Glauben der Warundi, heute noch die Geister der verstorbenen Mwesi, nach welchen das Gebirge Missosi ya Mwesi genannt wird. Dieser Name, welcher, wörtlich übersetzt, „Mondberge" heißt, überraschte mich aufs höchste, denn wen würde er hier, an der Quelle des Nil, nicht unwillkürlich an die Mondberge der Alten erinnern, welche das räthselhafte Haupt des Nil beschatteten? -EZS-- 1«7 „Nugsburger Postzritung". / 41 Diuslag, den 22. Mai 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck nnd Berlaa des Literarischen Inüilnls von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttlerl. Tante Kaniia's Heheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Wieder waren vierzehn Tage verflossen. Armgard Holten hatte sich von ihrem Nückfall erholt, mährend Leonhard Marbach sich noch immer unter dem Dache des Försterhanses befand, der Maler Reinhardt dagegen nach seiner Wohnung in der Stadt gebracht worden war. Letzterer war allerdings nach ärztlichem Ausspruch außer Gefahr, aber noch lange nicht hergestellt. Die Schulterwunde heilte gut, mit dem Gesicht aber stand es noch schlecht genug, da er große Schmerzen zu ertragen, nicht zu sprechen vermochte und außerdem die furchtbare Gewißheit hatte, das rechte Auge zu verlieren. Dieses entsetzliche Geschick erregte ihn bis zur Wuth, und er ruhte nicht, bis er es bei Doctor Peters durchgesetzt, mit dem Criminal-Commissar jetzt, wenn auch schriftlich, da ihm jedes Wort schreckliche Schmerzen verursachte, reden zu dürfen. „Der Doctor hielt mich für verrückt und hat mich mit seiner Weigerung, Sie zu mir zu bescheiden, auch halb dazu gemacht," schrieb Reinhardt, als der Kommissar neben ihm saß. „Lesen Sie dieß gefälligst." Er überreichte ihm einen zusammengefalteten Bogen, den der Beamte rasch entfaltete und überflog. „Sie haben dieß selber geschrieben, Herr Reinhardt?" Der Maler nickte. „Der zweite Manschettenknopf ist hiernach also auch gefunden worden," fuhr der Commissar, die Lectüre fortsetzend, überrascht auf, „und zwar an dem Aufstieg zur Berghohe. Und — was zum Henker haben Sie hier geschrieben?" Er sah den Maler erschreckt und mißtrauisch an. Hatte der Doctor recht gehabt mit seiner Behauptung, daß jenes abscheuliche Attentat sein logisches Denken verwirrt und ihn mit einer fixen Idee erfüllt haben müsse? — Reinhardt schrieb mit einer ungeduldigen Bewegung: „Ich habe die nackte Wahrheit erzählt, wenn Sie es nicht glauben, nehmen Sie den Polier Schulze darüber in's Verhör." Der Commissar nickte nachdenklich und faltete den Bogen zusammen. „Ich darf ihn doch behalten?" Natürlich durfte er das. „Haben Sie den zweiten Knopf?" „Der muß sich in Marbach's Taschen finden," schrieb der Maler. „Packen Sie den Halunken, Herr Commissar, — der M-mn mit dem rothen Strich hat auch uns beide, meinen Freund und mich, so zugerichtet. " „Wir packen ihn ganz bestimmt, lieber Herr Reinhardt!" beruhigte der Commissar den Aufgeregten. „Ich werde ihm einige Spürer auf die Ferse setzen." Er reichte ihm die Hand, wünschte ihm gute Besserung und schritt nach der Thür. „Apropos," wandte er sich hier gleichgültig zu dem Maler um, „hat der Doctor Ihnen von der Verlobung des Herrn Steindorf - mit Fräulein Holten zu Edenheim erzählt?" Reinhardt schüttelte den Kopf und schrieb etwas nieder, was er dem Beamten, der wieder zu ihm trat, hinreichte. Dieser las: „Die hatte er mit seinem todten Kinde schon an der Angel. Wohl bekomm's ihr! — Ich würde ihr'S gönnen, wenn er nicht zwischen Mund und Kinn zu interessant wäre. Wo ist denn Herr Julius? Bei ihr in Edenheim?" Der Commissar lachte. „D'as würde sich jetzt nicht mehr schicken," sagte er in einem humoristischen Tone, „Herr Julius ist auf Reisen gegangen. Wohin? das weiß kein Mensch, wir aber werden's herausspüren. Soll ich Ihren Freund Marbach grüßen? es geht bergab mit ihm, wie ich höre." „Jener macht Hochzeit, und er sollte sterben?" schrieb Reinhardt mit zitternder Hand, „das kann Gott nicht zulassen." „Nein, das hoffe ich auch; halten Sie sich nur ruhig, damit Sie wieder gesund werden. Der alten Hanna geht's auch schon besser. Sie wissen doch, daß sie operirt worden ist?" Der Maler nickte. „Hoffe viel von ihrem zurückkehrenden Erinnerungsvermögen," fuhr der Commissar fort, „es geht natürlich langsam damit, doch stellt sich schon, je weiter die Heilung fortschreitet, eine erfreuliche Zunahme des erwachenden Verständnisses ein, just wie bei ganz kleinen Kindern. Vielleicht rettet Doctor Peters auch Ihre Sehkraft, Herr Reinhardt!" Dieser schüttelte traurig lächelnd den Kopf, wenn man ein solches Verzerren der einen Gesichtshälfte ein 310 Lächeln nennen konnte, und der Kommissar empfahl sich. — Er kehrte eiligst anstatt nach dem Polizeigebäude nach seiner Wohnung zurück, wo er sofort nach einem Herrn Wolfius sandte, welcher auch nach wenigen Minuten erschien. Dieser Mann machte den Eindruck eines Handwerkers, sowohl in seiner Haltung und seinen Manieren, wie in der Kleidung; alles war schlicht und einfach, aber höchst sauber an ihm. „Haben Sie eine Spur, Wolfius?" fragte der Kommissar halblaut. „Mr. Prien ist und bleibt eine mystische Person, Herr Kommissar," versetzte der Gefragte ebenso leise. „Möchte Sie wohl um einen unbestimmten Urlaub ersuchen." „Wollte es gerade vorschlagen, mein Lieber, und Ihnen mittheilen, daß der zweite Manschettenknopf des werthen Herrn in der Gegend des Thatortes gefunden ist. Er hat offenbar Unglück mit dem Verlieren oder muß lächerlich sorglos sein. Und nun noch eine überraschende Entdeckung, welche unser Polier Schulze gemacht hat." Wolfius horchte auf und runzelte die Stirn. „Schulze ist ein Schwätzer, man kann auf seine Aussagen nicht viel geben," sagte er achselzuckend. „Die Sache kommt mir allerdings auch ein wenig romantisch vor, sie betrifft nämlich den heimgekehrten Herrn Julius Stcindorf, welcher nach Schulze's Behauptung den bewußten rothen Strich besitzen soll." „Weiß denn der Schwätzer von der Bedeutung dieses Kennzeichens, Herr Kommissar?" „Gott bewahre, er hat doch die beiden Herren Marbach und Reinhardt oben im Gebirge getroffen, wobei er diesen Umstand gesprächsweise erwähnt haben soll. Da ich nun in der That ein wenig zweifelhaft darüber bin, ob die ganze Erzählung nicht vielleicht eine Hallucination des Malers ist, hervorgerufen durch das abscheuliche Attentat und dessen Folgen, so möchte ich Ihnen anheimgeben, den Polier selber mal vorsichtig darüber auszuforschen." „Das werde ich sogleich besorgen, Herr Kommissar," nahm Wolfius das Wort, „und Ihnen Bericht abstatten. Ich dürfte dann doch sofort abreisen?" „Ja, haben Sie Reisegeld? — Nehmen Sie lieber eine Summe für Extra-Ausgaben." Er öffnete seinen Schreibtisch und überreichte ihm einige Banknoten, welche Wolfius unbesehen in seine Brieftasche legte. „Sie sind über Ihre Reise-Route schon im Klaren?" fuhr der Kommissar fort. „Dann hätte ich den Müsse schon beim Kragen", versetzte der Detectiv achselzuckend. „Sie kennen mich, Herr Kommissar, und wissen, daß ich nicht unnölhig Geld ausgebe, hier aber —" „Schon gut, lieber Wolfius, Sie haben mein ganzes Vertrauen, unterrichten Sie mich von Zeit zu Zeit über Ihren Aufenthalt, es könnte sich hier etwas ereignen, was Ihre Weiterreise vielleicht unnöthig machen würde." „Soll prompt geschehen, Herr Kommissar!" Wolfius ging. Er sah sehr finster aus, als er die Straße wieder betrat, und murmelte eine Verwünschung in den Bart, welche den Polier betraf, der soeben vergnügt pfeifend um eine Ecke bog. „Sieh' da, Schulze, wenn man den Wolf nennt, kommt er gerannt. Komm', alter Freund, haben uns lange nicht gesehen, wollen ein Gläschen mit einander trinken." „Na, den Wolf könntest Du schon eher vorstellen, mein Junge," meinte der Polier, ihn verschmitzt anblinzelnd, „hast denn wirklich an mich gedacht?" „Versteht sich, bist doch beim Attentat im Gebirge ein Hauptheld gewesen?" „Ein schöner Held, der mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Habt Ihr denn noch immer keine Ahnung von dem Attentäter?" „Still," gebot der Detectiv mit einer so herrischen Geberde, daß Schulze erschreckt zurückfuhr. „Du bist ein unverbesserlicher Schwätzer, aber gnade Dir Gott, wenn Du jemals von mir sprichst." „Bist ja ein wahrer Wärwolf," grollte der Polier, „will mein Bier lieber allein trinken. Bin ein ehrlicher Kerl, dem die Polizei nichts anhaben kann. Gott befohlen, Herr Wolfius!" „Dummes Zeug, komm' mit, ich bin heut' verdammt schlechter Laune und muß mich ein halbes Stündchen unterhalten. Na, altes Haus, nimm's nicht übel." Wolfius hatte bei diesen Worten seinen Arm ergriffen und ihn halb gewaltsam fortgezogen. „Laß man, ich geh' schon freiwillig, hätt' bald wieder ein Verbrechen geschwatzt. Sage lieber gar nichts mehr in Deiner hohen Gegenwart." Sie gingen schweigenv durch die Straße. Wolfius ärgerte sich, einen großen Fehler begangen und den Freund sozusagen mundtodt gemacht zu haben. Er dachte darüber nach, ihn wieder vollständig zu versöhnen. „Herr Marbach wird wohl daraufgehen," begann er nach einer Weile, „thut mir leid um den armen, jungen Mann." Sckulze stieß einen grunzenden Ton aus. „Wir können auch einmal hier bet Nobbing einkehren," setzte Wolfius hinzu, „eine Flasche Wein mit einem kleinen Imbiß wirst Du nicht verschmähen, Alter, und da ich in einer Stunde abreise „Ach, Du willst reisen? — Na, denn man zu," sagte Schulze, seinen Groll bet der Aussicht auf den Wein vergessend, „wenn ich man fein genug für Rob- bing bin —" ..Unsinn, nur immer 'rein ins Vergnügen!" rief der Detectiv, „wir haben Moses und die Propheten in der Tasche, das genügt." Nobbing war ein respektabler Weinkeller für Kaufleute, Studenten und den sonstigen mohlsituirten Mittelstand, wohin der Polier Schulze seinen Fuß nicht zu setzen gewagt hätte. So aber folgte er, wenn auch ziemlich schüchtern, seinem Freunde, dessen sicheres Auftreten er im Stillen bewunderte. Dieser fahrte ihn in ein kleines Separat-Cabinet und ließ so nobel auftischen, daß Schulze ganz gerührt wurde und ihm wiederholt die Hand drückte. Er stieß mit ihm an und wurde wieder gesprächig, worauf er sofoit von seinem Lieblingsthema, dem Attentat, erzählte. „War denn der Herr Steindorf nicht auch dabei?" fragte Wolfius, „ich meine doch, seinen Namen dabei gehört zu haben." „I bewahre, der war nicht zugegen, den hatte ich am Pfingstmorgen früh, so um viere, schon dort oben getroffen und den beiden Herren davon erzählt." 311 „Siehst Du, mein Junge, so entstehen Gerüchte aus halben Worten und Aeußerungen," sagte Wolfius lächelnd, „man erzählte mir, daß jener Steindorf ebenfalls von der Explosion getroffen und am Kinn verwundet worden sei. — Auf Dein Wohl!" setzte er hinzu, ihm sein Glas entgegenhaltend. Schulze stieß kräftig mit ihm an und leerte das seine mit einem verklärten Gesicht. Dann nickte er dem Freunde vergnügt zu. „Das ist spaßhaft, weißt Du, — diese Wunde am Kinn ist richtig, aber man blos ein Bischen alt, wcil's schon lange eine Narbe geworden ist." „Ach, was Du sagst, woher weift Du denn das, alter Schwede?" Schulze erzählte nun ziemlich umständlich, woher er diese Wissenschaft habe, und lachte dann unbändig darüber. „Na, es kann dem Herrn am Ende nicht ganz lieb sein, in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden," Unterwegs traf er den Landbricfträger. „Sie wissen wohl nicht, Herr Wolfius, ob Herr Marbach schon wieder in Rotenhof ist?" „Nein, mein Lieber, der liegt noch todkrank oben im Försterhause." „Aber Herr Reinhardt, Sie wissen wohl, der Maler?" „Der ist wieder in seiner Wohnung hier in der Stadt." „Daß Dich, nun haben sie mir die Briefe für ihn richtig wieder mitgegeben," knurrte der alte Briefträger, „es ist doch die Möglichkeit! Muß auch ein Pocket für ihn mitschleppen. Will man lieber gleich in die Post zurück." „Wollen Sie's mir anvertrauen? Ich muß gleich nach dem Bahnhöfe und komme am Hause des Malers vorbei." Der Briefträger griff in seine Umhängetasche und zog eiu Päckchen zusnmmengebündener Briefe hervor. -SS», Prinzessin Alix von Hrssen und Grosisiirst-Thronfolger Uirotat Alexandrowitsch von pusilnnd. bemerkte Wolfius nach einer Weile, „könnte die Sache auch verdunkeln. Sprich lieber nicht weiter darüber, Schulze, mit diesem Herrn Steindorf soll nicht zu spaßen sein." „O, ich will mich hüten, mein Junge, weiß wohl, daß mit solchen Herren nicht gut Kirschen essen ist." „Zumal er nächstens die Herrin von Edenheim heirathen und bei Marbach's Tode voraussichtlich auch wieder in den Besitz von Notenhof kommen wird. Es wäre unklug, einen solchen Mann zu beleidigen." „Gewiß, gewiß, null mir nicht den Mund damit verbrennen." Wolfins sah nach seiner Uhr. „Es wird jetzt leider Zeit für mich, muß noch erst nach Hause und dann im Sturmschritt nach dem Bahnhöfe." Er winkte dem Kellner, zahlte und verließ mit dem animirten Polier das Lokal, um sich auf der Straße sofort mit einem kräftigen Händedruck von ihm zu trennen. „Nee, das ist für Edenheim," brummte er, nachdenklich vor sich hinblickend, „will doch lieber selbst zu Herrn Reinhardt gehen," setzte er dann seufzend hinzu, „es ist mir freilich aus dem Kehr, aber doch immer noch näher als nach der Post. Nehmen Sie's nicht übel, Herr Wolfius, es köniu' mir eine Nase, und das eine gehörige, einbringen." „Haben ganz recht," sagte Wolfius beistimmend, „die Pflicht geht über Alles, mein lieber Herr Fischer." Er schritt eiligst weiter, während auch der Briefträger seinen Weg rasch fortsetzte. — Das Gesicht des Detectivs hatte sich merkwürdig erhellt. Er war ein findiger Kopf, aber auch seine Augen waren sehr scharf und findig, und diese hatten mit einem Blick eine sehr wichtige Entdeckung gemacht. Wolfius hatte den obersten Brief des Päckchens für Edenheim, welcher in eleganter Handschrift die Adresse des Frauleins Armgard Holten trug, aufmerksam betrachtet, absonderlich aber den scharf ausgeprägten Aufgabestempel der Poststation, welcher den 312 Namen einer kleinen hannoveeschen Stadt trug. Die Adresse dieses Briefes war durchweg mit lateinischen Buchstaben geschrieben und trug einen' fremdländischen Anstrich. Der schlaue Detcctiv zweifelte keinen Augenblick daran, wer diese Adresse geschrieben. Mit langen Schritten eilte er jetzt zu dem Kommissar, welcher nicht mehr daheim war, aber die Nachricht hinterlassen hatte, daß er im Polizei-Gebäude zu sprechen sei. Wolfius sah nach der Uhr, er hatte keine Minute mehr zu verlieren, da er noch seine Reiseiasche aus der eigenen Wohnung holen mußte. Er besann sich kurz, riß ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche und schrieb mit Bleistift darauf: „Habe keine Zeit mehr zur persönlichen Aussprache, bitte Schulze nicht mehr auszuforschen, ist geschehen, zweifelhaftes Resultat, will sehen, was daraus zu machen ist. — Gebe bald ausführliche Nachricht. W." Diesen Zettel steckte, er in ein kleines Couvert, von welchen er stets eine Anzahl bei sich führte, adressirte es und gab es dem Mädchen mit der dringenden Aufforderung, das Bricfchen sofort ihrem Herrn zu senden. Dann eilte er im Fluge davon, holte die Reisetasche und kam just in der letzten Minute auf dem Bahnhof an, wo der Zug bereits zur Abfahrt bereit stand und nach wenigen Minuten auch mit ihm davonbrauste. Mittlerweile war ein Herr am Polizeigebäude vor- gcfahren, welcher den Herrn Criminal-Commissar zu sprechen wünschte. Er wurde vorgelassen und stellte sich dem Kommissar als Wr. John Hilbrecht aus Chicago vor. „Ein gewisser Air. Marbach telegraphirte vor einigen Wochen an meinen Vater," fuhr der junge Amerikaner dann fort, „wir sollten ihm einen Detcctiv schicken, welcher den durchgebrannten Schuft, den William Prien, persönlich gekannt. Blein Vater war krank und ein Detcctiv nicht aufzutreiben, weil der einzige, der ihn kannte, just von einem Spitzbuben todtgeschossen war. llovs, ich hasse diesen Prien, Sir, er hat den ehrlichen Mr. Warneck um die Ecke gebracht; ^vail, sag' ich zu meinem Vater, ich gehe selbst hinüber, macht mir Spaß, dem Kerl den Strick zu drehen, und da bin ich, Sirl" Der Kommissar war über den ungenirten Mr. Aankce ebenso sehr überrascht als erfreut. Er schüttelte ihm die Hand und lobte seinen raschen Entschluß, der an lineigennützigkeit seinesgleichen suche. 8ir!" rief Mr. John, behaglich lachend, „nix dergleichen. Ich hasse den feinen Schuft mit der hübschen Fratze, weil er mir ein wunderhübsches Frauenzimmer weggeknpert hat, und er war verheirathet. — Lioäclarn, — meine Braut, Sirl" Er war bei den letzten Worten wieder ernst geworden und schlug erbost mit der Faust auf den Tisch. „Wo ist Mr. Prien?" setzte er dann hinzu. „Ja, wenn wir das wüßten, Mr. HilbrechtI" erwiderte der Kommissar achselzuckend. „Der Bursche ist im Grunde hier noch gar richt aufgetaucht, wenigstens nicht unter seinem rechten Namen." „Würde sich auch hüten, Sirl Aber woher muth- maßen Sie denn —" Der Kommissar schloß seinen Schreibtisch auf und nahm den Manschettcnknopf heraus. „Dieser Knopf ist gefunden worden," sprach der Kommissar, „Herr Warneck hat denselben für das Eigenthum jenes Mr. Prien erklärt." Hilbrecht nahm den Knopf und besah ihn aufmerksam von allen Seiten. „las," sagte er mit Bestimmtheit, „der Knopf gehört ihm. — Ich war auf dem Gut des Mr. Marbach, der im fremden Hause todkrank liegt, was bedeutet das Alles, Sir?" „Ich will Ihnen in aller Kürze mittheilen, Mr. Hilbrecht, was wir in der letzten Zeit, also genau seit dem Abend vor Pfingsten, an unheimlichen Ereignissen hier erlebt haben, ohne daß es uns möglich gewesen, dem Attentäter auf die Spur zu kommen. Daß die Schandthaten von einer und derselben Persönlichkeit verübt worden sind, steht für mich außer allem Zweifel, und zwar ist es dieser geheimnißvolle Mr. Prien, den Niemand hier in der Stadt oder Umgegend gesehen oder beherbergt haben will." (Fortsetzung folgt.) t-SM-t—-- Wie lange vermag der Mensch zu hungern?^ Diese interessante Frage ist durch das aufregende Ereigniß vom Lurloche wieder actuell geworden. Man hat schon viel über sie geschrieben und docirt, allein die Grenze, bis zu welcher ein Mensch den Hunger ertragen konnte, verrückte sich immer wieder, und an Stelle der äußersten Annahme traten noch Ueberbietungen. Welches Aufsehen war es seinerzeit, als Dr.Tanner die vierzigtägige Hungercur durchzumachen begann, und wie wurde die Wissenschaft davon beherrscht, als er sie zu Ende geführt hatte! Und doch überboten ihn im Jahre 1886 die beiden Italiener Stefano Merlatti und Signor Succi, die beiden berühmtesten Hungerleider der Gegenwart. Ersterer nahm fünfzig Tage hindurch keine Nahrung zu sich, Letzterer gab die Fastenzeit nach 41 Tagen auf, wiederholte jedoch das Experiment in London, wo er im Aquarium Westminster 52 Tage fasten wollte, die Probe jedoch nach 44tägiger Dauer wegen Entkräftung aufgeben mußte. Allerdings waren das Hungerkünstler. In diesem Worte liegt die Bedeutung ihrer Versuche. Sie fasteten unter vorher selbst bestimmten Umständen, unter Beobachtung einer gewissen körperlichen Diät, nach den Regeln eines gewissen Trainings. Anders aber steht der Fall, wenn man wider seinen Willen zum Hunger verurtheilt ist, wenn die Möglichkeit mangelt, Speise zu sich nehmen zu können, und wenn nicht alle Umstände vorhanden sind, die das Hungern zu einem Sport, sondern zu einer der traurigsten Nothwendigkeiten machen. Mit solchen Fällen hat sich denn auch die Wissenschaft viel ernster beschäftigt, als mit den Hungerkunststückchen, und einer unserer hervorragendsten Physiologen hat seine Beobachtungen bereits vor Jahren in einem interessanten Artikel niedergelegt. — Danach ergeben beglaubigte Fälle, in welchen beim Menschen der Erschöpfungstod durch das Fehlen jeglicher Nahrung herbeigeführt wurde, eine mittlere Hungerfrist von acht Tagen für den erwachsenen Menschen. Der mit seinen Söhnen im Thurm der Gualandi dem Hungertode preisgegebene Graf Ugolino Gherardesca, dessen entsetzliches Ende Dante in der „Oi- vina. ooruiusäia" behandelt, starb, nachdem er alle seine Söhne hatte hinsterben gesehen, in acht Tagen. Allein in vereinzelten Fällen sind beim Menschen viel längere Hungerperiodcn beobachtet worden. Im „Kours ci'^nutorvis rasäleulö" in Paris vom Jahre 313 1804 berichtet der berühmte Arzt Portal über die Ver- schüttung von Arbeitern in einem kalten, feuchten Steinbruch, aus welchem dieselben nach vierzehn Tagen noch lebend, mit kleinem, schwachem Puls und sehr gesunkener Körpertemperatur, herausgezogen und gerettet wurden. Einige besondere Momente sind aber auf die Dauer, während welcher der Mensch den Hunger ertragen kann, von größtem Einflüsse. Er kann viel länger ausgehalten werden, wenn nicht zugleich auch der Durst mitertragen werden muß, sondern Wasser für den Genuß vorhanden ist. Dann haben auch Körperruhe, der geistige und physische Zustand ein gewichtiges Wort mitzureden. In einerNummer des Hufeland'schen „Journals der praktischen Heilkunde" aus dem Jahre 1811 ist beglaubigt mitgetheilt, daß im März 1809 sieben Männer siebzehn Tage hindurch auf ein Sträfling, der alle Speisen zurückwies und bloß Wasser trank, erst nach 63 Tagen. Dieselben Beobachtungen haben Schmidt und Bischof gemacht, die auch große Erfahrungen über den Einfluß der körperlichen Ruhe beim Hungern machten. Mehr aber noch als die Körperruhe vermag, wie schon bemerkt, die abnorme physische oder geistige Beschaffenheit des Hungernden. Nach einer Mittheilung der „Ilistoirs da l'Uea- äöwie des 8oisnes8 1769" wurde ein pensionirter Offizier, der früher wegen seines edlen Charakters, seiner umfassenden Bildung und seines außerordentlich starken Gedächtnisses geschätzt und beliebt war, wegen einer geringfügigen Geistesstörung auf die Festung Saumur gebracht. Dem Commandanten schien der Zustand des Offiziers II II » «II , > 'S-^7, ikÄS'I MM Der Jungfernsprung zu Kandsberg. einer Eisscholle in der Ostsee umhertrieben und nichts als geschmolzenes Meerwasser zu sich nahmen, bis sie endlich von Inselbewohnern lebendig geborgen werden konnten. Daß der Hungertod durch Waffergenuß oft bedeutend hinausgeschoben werden könne, weist auch Haller nach, der in seinen „Elementen der Physiologie" eine ganze Reihe von Hungerfällen beim Menschen, bis zu 28tägiger Dauer reichend, mittheilt. Chossat erhärtete diese Thatsache durch Versuche an Kaninchen, und Tiedemann erzählt in seinem grundlegenden Werke „Physiologie des Menschen", daß er bei Melancholikern, welche keine Speisen, sondern nur Wasser, zu dem auch viele Irrsinnige bei Verweigerung der Aufnahme fester Nahrung greifen, genossen, eine mittlere Lebensdauer von 44*/g Tagen constatirt habe. Ja, zu Toulouse starb im Jahre 1831 so wenig gefährlich, daß er ihm gestattete, in der Stadt umherzugehen. Hiebei erfuhr er, daß ihn seine Familie vernachlässige. Das veranlaßte ihn, sofort nach seiner Heimath abzureisen, wo er aber festgenommen wurde, um wieder nach Saumur gebracht zu werden. Als man ihn nunmehr dort festhielt, verfiel er in Wahnsinn und verweigerte die Nahrungsaufnahme. Volle 16 Tage nahm der Offizier nicht die geringste feste Speise zu sich, doch am fünften Tage forderte er Branntwein. Man gab ihm Anisette, er verzehrte denselben in drei Tagen und verlangte darauf nochmals denselben Ligueur. Von der ihm nun zugemessenen Nation schüttete er in jedes Glas Wasser, das er trank, drei Tropfen und reichte damit bis zum 39. Tage aus, bis zu welchem er im Ganzen 58^/z große Kannen Wasser getrunken hatte. Am 39. Tage hörte er auch zu trinken auf und nahm nun ganze acht Tage hindurch absolut nichts zu sich. An diesem Tage trat zufällig ein junges Mädchen bei ihm ein Er sah, daß es ein Stück mit Käse belegtes Brod in der Hand trage, und dieses weckte seinen Appetit derart, daß er zu essen verlangte. Man gab ihm Suppe, etwas Reisschleim und allmälig wieder die gewöhnliche Kost. Er wurde heiterer, kam zu Sinnen, und man glaubte ihn bereits geheilt. Als er jedoch wieder zu normalen Kräften gelangt war, verfiel er auf's Neue in Wahnsinn und starb. Gewiß ein ganz außerordentlicher Fall, der die Widerstandsfähigkeit des Menschen gegen den Hunger illustrirt. Zum Schlüsse sei, abgesehen von der sensationellen Gruben- katastrophe von Przibram im Jahre 1892, bei welcher von den 70 Geretteten der größere Theil 9 bis 11 Tage lang ohne Licht und Nahrung begraben war, noch ein Fall erwähnt, der bedeutendstes Aufsehen erregte: die Ver- schüttung der drei Bergarbeiter Jacob Schatek, Franz Makrlik und Heinrich Horak, welche am 4. Juli 1892 in der Emeran-Zeche bei Bilin lebendig begraben wurden und erst nach 17 Tagen, nachdem man sie schon längst für todt gehalten, gerettet werden konnten. Man fand sie zusammengekauert, hilflos, zum Skelett abgemagert, aber noch athmend und lebend vor. Außer zwei Einkreuzer- semmeln hatten die Unglücklichen keine Nahrung bei sich gehabt. Vorn Hunger gepeinigt, verzehrten sie den Leibriemen Schateks, zwei lederne Tabaksbeutel und ein Pfeifenrohr, das sie in drei Stücke getheilt hatten. Nur Makrlik behielt seine Geistesgegenwart. Er allein holte zwei- bis viermal im Tag von einer 80 Meter entfernten Stelle für seine Kameraden und sich. Wasser, das den Hunger ein wenig milderte. Zuletzt mußte aber der Held alle seine Willenskraft aufbieten, um den Gang noch machen zu können. Trotzdem hätten die Leute ärztlicher Ansicht nach noch drei bis fünf Tage gelebt, ehe sie, wenn man nicht zu ihnen gelangt wäre, der Erschöpfung erlegen wären. Wunderbar sind die Kräfte der Natur. Sie hat den Organismus des Menschen, wenn es gilt, unabwendbarer Nothwendigkeit sich zu fügen, mit eiserner Zähigkeit und Widerstandskraft ausgerüstet und ihn zum Kampfe mit dem Schicksale befähigt. Angenehmer aber ist es jedenfalls, nicht aus eine solche Probe gestellt zu werden; es dürfte sich so Mancher dafür bedanken, zu wissen, wie viele Tage es ihm möglich gewesen, zu hungern. -—- Zu unseren Bildern. Prinzessin Atix von Hessen und Großfürst-Thronfolger Uirolai Alexandrowitfch von Rußland. Seit über fünf Jahren, seit jenem Tage, an welchem der Prinz das zwanzigste Lebensjahr überschritt und an welchem alter Gewohnheit zufolge die Verlobung der russischen Thronfolger prvklamirt wird, ist seine Verlobung in den Zeitungen aller Länder wie nickt minder in den politischen und gesell- sckastlichen Kreisen derselben immer und immer wieder der Gegenstand eingehender, langer Verhandlungen gewesen. Mit Dutzenden von Prinzessinnen, mit deutschen, griechischen, dänischen, montenegrinischen, orleanistischen, hat man ihn verlobt, immer neue Projekte tauchten auf, immer neue Namen wurden genannt, und hatte ein Leitartikel schreiber einmal- absolut keinen Stoff mehr für seine politischen „Entrefilets", so brachte er flugs irgend eine von ihm erdachte abermalige Verlobung des zukünftigen russischen Kaisers zur Sprache und knüpfte daran allerhand weise Erörterungen über die fernere Gestaltung der mit besonderer Vorliebe damit in Zusammenhang gebrachten „allgemeinen politischen Lage". Dieses Thema ist nun endgültig und glücklicherweise — wie vie'e Leser der Tageszeitungen sagen werden — abgethan: am 20. April hat in Koburg die feierliche Verlobung des Großfürsten Nicolai Alexandrowitfch mit der Prinzessin Alix von Hessen stattgefunden, eine deutsche Fürstin wird also dereinst aus dem Throne der Romanows sitzen und, wie wir hinzufügen können, eine eben so schöne wie liebenswürdige Fürstin. Prinzessin Alix — dem ersten Vornamen schließen sich noch Victoria Helena Luise Beatrix an — ist als jüngste Schwester des jetzt regierenden Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen am 6. Juni 1872 in Darmstadt geboren worden. Sie genoß seitens ihrer Eltern und namentlich seitens ihrer edlen Mutter Alice die sorgfältigste Erziehung, welche am Hofe der Königin Victoria von England, der Großmutter der Prinzessin, vollendet wurde. Der Großfürst-Thronfolger, am 18. Mai 1868 in Petersburg geboren, vollendete vorgestern sein 26. Lebensjahr; von seinen Eltern, die, wie man weiß, das innigste und glücklichste Familienleben führen, wurde er lange Zeit hindurch den Zerstreuungen der höfischen Welt ferngehalten und dann auf eine Reise um die Erde gesandt. Allen Verlobungsplänen, die sein Vater mit ihm hatte, ging der Großfürst aus dem Wege, allerdings war die Auswahl keine große, denn Kaiser Alexander III. wünschte nicht, daß die einstige russische Kaiserin eine andersgläubige Prinzessin sei und erst vor ihrer Vermählung zur griechisch-orthodoxen Kirche übertreten müsse, er wollte gleich eine im Schooße ter „rechtgläubigen" Kirche erzogene Prinzessin als Gemahlin für seinen Sohn haben. Deßhalb ließ er die drei Töchter des Fürsten von Montenegro nach Petersburg kommen und ihnen daselbst die sorgfältigste und kostspieligste Erziehung zu Theil werden; aber der Großfürst verzichtete auf die Montenegrinerinnen und machte es mit den griechischen und dänischen Prinzessinnen, die darauf in Vorschlag kamen, nicht anders, bis er jetzt endlich die richtige Lebensgefährtin gefunden hat. Der Jungfernsprung zu Kandsderg a. K. Im April 1633 kam General Torstenson vor die Thore der Stadt Landsberg und verlangte ihre Uebergabe. Ungeachtet die Bürger der Unterstützung kaiserlicher Truppen entbehrten, entschlossen sie sich dennoch zur Gegenwehr, bielten ein fünftägiges Feuer aus und brachten durck Ausfälle dem Feinde nicht unerheblichen Schaden bei. — Endlich, nachdem bereits Bresche geschossen und der Pulvervorrath der Stadt erschöpft war, entschloß sich die Stadt zur Uebergabe. Noch ehe aber die Kapitulationspunkte festgestellt waren, drangen die Schweden Nachts in die Stadt und erfüllten sie mit den Greueln des Mordes und der Plünderung. Bei dieser Gelegenheit war es, daß mehrere Frauen und Jungfrauen Landsbergs, deren Namen das pfarrliche Todtenbuch erhalten hat, sich vor den nacheilenden Feinden die Mauern hinabstürzten, um auf solche Weise der Entehrung zu entgehen. Noch heute wird die Stelle, an welcher sich die heldenmüthigen Frauen den Tod gegeben, vom Volke der „Jungfernsprung" geheißen. Die Namen der Frauen und Jungfrauen, welche bei der Plünderung der Stadt durch Torstenson getödtet wurden, und welche das pfarramtliche Todtenbuch aufführt, sind folgende: 1. Frau Ketzin, 2. Regina Kleinin, 3. Frau Dauscherin, 4. u. 5. Barbara Gremerin mit ihrer älteren Tochter, 6 u. 7. Maria Stadtpfeiferin mit ihrer Tochter, 8. Maria Auerin, 9 Maria Jägerin (virZo eastissima xroxter virKinitatem liorribiliter inactata), 10. u. 11. Maria Prcnzin mit ihrer Tochter, 12. Wittwe Katharina Schottin, 13. u. 14. zwei kleine Mädchen, 15. eine Austräglerin mit ihrer Tochter, 16. Stadtzieglerin Lother mit ihren Töchtern, 17. Maria Lengfeldnerin, 18. eine Frau Schmid, 19. Frau Pössenmeierin, 20. Anna Doltzin, 21. Corona Weierin, 22. Apollonia Ulrichin, 23. Justin« Weißin, 24. Margaretha Christeinerin, 25. Anna Fleischnitzin, 26. Anna Wiedemannin, 27. Marg. Wörlin, 28. Apollonia Jegerin, 29. Apollonia Gumposchin, 30. Euphrosina Gaiin, 31. Maria Weixin, 32. Von einer gewissen Stoffel ist gesagt, daß sie von den Schweden getödtet und in der Muttergotteskirche (Pfarrkirche) neben dem Muttergottesbilde zerstückelt worden sei. (Oesissa a. 8nsois in tsinplo L. N. V. juxta iinag'ius transssota.*) Der neueste Dacillus. Bacillenwuth ist selbst in die stille Klosterzelle gedrungen. Einer der hochw. Patres beschäftigt sich schon seit langer Zeit *) Allweiter Lib. XVIII §27 f. 289 sagt: »kusllasaliguas <1s alto xrasoixisntss (s manidus Iiostiuin) svassrs.« (Einige Mädchen, welche sich von der Höhe herabstürzten, sind dadurch den Händen der Feinde entronnen.) Der neueste DaelUus. Nach einem Originalgemälbe von S. Th. Nauecker. Photographie lin Verlage von Franz Hanfst a en gl, Kunstverlag, A. D. in Miinchen. W E Ks^k?- KWW UWE 7OV' NKW KO»tz VE' MN t 316 mit rmktoskvpischen Untersuchungen, ohne daß es ihm gelungen wäre, .ine neue Entdeckung zu machen. Er ist von seinem Mißgeschick wenig erbaut und wird in die höchste Aufregung versetzt, als ihm ein anderer Ordensmann mittheilt, er habe nun einen neuen Bacillus entdeckt und ihn regelrecht unter das Vergrößerungsglas gebracht. Ob der neueste Bacillus irgend ein kleines Thier oder ein minimaler Theil der Prise ist, die einer der zuschauenden Patres seinem Riechorgan zuführen will, ist auf dem Bilde leider nicht zu unterscheiden. Jedenfalls kann man sich an der sorgfältigen Ausführung der Details und an der vorzüglichen Zeichnung erfreuen, die Rauecker geliefert hat. - Allerlei. Ein socialistischer Mönch. Am 16. April haben die Trappisten auf dem Oelenberg bei Mülhausen im Elsaß einen ihrer Mitbrüder begraben, einen alten Mann von 78 Jahren, einfach und arm, wie es die strenge Regel vorschreibt, und doch hat der Mann mehr für seine Mitmenschen gethan, als Mancher, der in der Welt glänzt und Titel und Orden trägt. Von dem Manne nur ein paar Zeilen. In der Welt hieß er Alois von Bostel und stammte aus vornehmer westfälischer Familie, die zu Bocholt ansässig war, wo Alois 1816 geboren wurde. Zum Glanz und Reichthum der Familie kam eine glänzende Begabung; dem Jüngling stand in der That die Welt offen, kein nothwendiges Mittel fehlte, um jede Stellung mit Erfolg anzustreben. Da ging Alois von Bostel in's Seminar und wurde katholischer Geistlicher. Der junge Priester war der Schwestcrfohn des Kardinals von Diepenbrock, Fürstbischofs von Breslau. Diepenbrock war ein ganz ausgezeichneter Bischof, und, was nicht jedem Bischof zu Theil wird, er besaß in hohem Grade das Ohr seines Königs, Friedrich Wilhelms IV. von Preußen. Es wäre dem jungen Bostel ein leichtes gewesen, in der Diöcese des Onkels geistliche Carriäre zu machen. Er ließ aber den Onkel in Breslau und blieb in der Heimathsdiöcese Münster einfacher Pastorationsgeistlicher, wie andere auch. Diepenbrock starb. Pfarrer Alois von Bostel war bereits 42 Jahre alt geworden. Da verließ er Welt und Heimath. Auf dem Oelenberg trat er im Jahre 1858 in den strengsten aller Orden, um alles abzulegen, was an weltliche Ehre und irdischen Besitz erinnert, und die eigene edle Person in Buße und Schweigen zu begraben. Bald sollte indeß der neue Name des Ordensmannes, Fulgentius, bekannter werden, als der des westfälischen Edelmannes Alois von Bostel. Ill Fulgentius — der „Leuchtende" würde es auf deutsch heißen — wurde „Beichtvater der Fremden", d. h. der Geistlichen und Laien männlichen Geschlechtes, welche das Kloster Oelenberg besuchten. Wer selbst dort war, weiß, daß kein Tag vergeht, ohne daß „Fremde" kommen; neben Hunderten von Geistlichen Männer aus allen Lebensstellungen : Jünglinge in Bernfszweifeln, junge Männer, die nach der Zeit des Sturmes und Dranges wieder ihren Frieden mit Golt machen wollen, auch Geheimkatholiken aus der vornehmeren Gesellschaft und Beamtenwelt, die daheim nicht beichten mögen. Für sie alle war der Fulgentius ein überaus milder, freundlicher und dabei eifriger Berather und Seelsorger, und wer einmal dagewesen, kam immer wieder, so daß der gute Pater täglich von dem kleinen Oratorium aus stundenlang daran arbeitete, Gott zu versöhnen und der Welt den Frieden zu geben. Auch brieflich war er in letzterem Sinne vielfach thätig, und Hunderte, die ihren Beruf gefunden, ihren Seelenfrieden wiedererlangt, von Lebensüberdruß und Verzweiflung geheilt, zu ihrer Pflicht und damit zu ihrem Lebensglück wiedergekommen, mußten, nach der Ursache so günstiger Fügung gefragt, den Namen des ?. Fulgentius nennen. Mit Recht schreibt das „MülhauserVolksblatt": „k. Fulgentius wird nicht so bald vergessen werden, besonders nicht von jenen unzähligen Seelen (nota. staiis, es sind ausschließlich „Männerseelen", da Frauen im Kloster keinen Zutritt haben), die er im Beichtstuhl von Oelenberg so wunderbar zu trösten und zu einem tugendhaften Leben anzuleiten gewußt hat." Jetzt ruht der edle Greis auf dem Trappistenfriedhof zu Oelenberg, ohne Sarg der Mutter Erde übergeben, wie es die Regel vorschreibt, im glatt geebneten Grab. Nur ein Holzkreuzchen, nicht 20 Pfennig werth, weist die Stätte, wo der westfälische Edelmann seinen Lebensweg vollendet, in freiwilliger Armuth und langer Buße für sich selbst, in unermüdlichem Wohlthun und Sorgen für die höchsten Anliegen seiner Neben- menschen. * - Eine hübsche Stilblüthe zeitigte einer der höchsten geistlichen Würdenträger in Berlin bei Gelegenheit der Konferenz der Jungfrauenvereinsvorstände. Bei einer an den Gang der Jünger nach Emmaus anschließenden Nutzbetrachtung kam er zu dem Schluß: „Wer einen Spaziergang in's Grüne ohne Gott macht, läuft in's Blaue." Polizeiverordnung. Mit anbrechender Dunkelheit hat fortan jedes Fuhrwerk eine Laterne zu brennen. Die Dunkelheit tritt ein, wenn die Straßenlaternen angezündet werden. —«-8Ü84—-- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. (Wir bitten, bei dieser Aufgabe nicht gleich ein Versehen des Setzers zu vermuthen, wenn auch dem geübten Löser die Lösung eigenartige Schwierigkeiten bereitet. Weiß verbirgt durch ein sehr feines Scheinmauöver die von ihm befolgte Idee!) Auflösung des Arithmogryphs in Nr. 38: Leopard, Opal, Perle, Oel, Adele, Leo, Alce, Paar. Auslösung des Bilder-Räthsels in Nr. 39: Frauen kann man überreden, nie überzeugen. .- -- HL4S. -» „Augsburger PostMungv. Ireitag, den 25. Mai 18SH Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Der Commtssar erzählte jetzt vsn dem Blitzstrahl/ welcher das Haus der alten Tante Hanna eingeäschert, und dem seltsamen Befund dex Greisin, sowie ihrer Beraubung durch fremde Hand; von den tödtlichen Schüssen im Hohlwege, durch welche zwei Menschenleben vernichtet worden und ein drittes nur durch ein Wunder dem sicheren Tode entgangen war, und schloß mit dem ebenso unheimlichen Attentat oben im Gebirge, welches wiederum zwei Opfer gekostet habe, von welchen das eine wahrscheinlich dem Tode verfallen, das andere halbblind bleiben werde. „Ooääaml" rief der Amerikaner, sich erregt erhebend, „und der Hund sollte lebendig davon kommen? — Er ist hier im Ort gewesen und keiner weiß von ihm? — Den hätten wir drüben schon gepackt und gelyncht. — Gar keine Spur von ihm als diese Knöpfe? — Ich kalkulire, daß er den zweiten in der Westentasche getragen hat, weil Mr. Prien zu sehr Dandy war, um verschiedene Knöpfe zu nehmen. Gar keine andere Spur, Sir?" Dem Kommissar wurde in diesem Augenblick von einem Schutzmann ein Brief überreicht. Er riß das Couvert auf und überflog die mit Bleistift geschriebenen Zeilen. „Keine Antwort nöthig," sagte er, worauf sich der Schutzmann zurückzog. „Dies Briefchen kommt von meinem geschicktesten Detectiv," fuhr er rasch fort, „er ist auf der Suche nach Mr. Prien, und wenn einer, so findet er den Patron. — Haben Sie schon ein Unterkommen, Mr. Hilbrecht?" „Im Kronprinzen wohne ich." „Gut, ich erwarte bald Nachrichten von meinem Detectiv —" „Wo ist er?" fragte Hilbrecht ungestüm, „ich will hin zu ihm, ohne mich kann er nichts anfangen, weil er den olä ido^ nicht kennt." „Wo er ist, oder welche Reiseroute er eingeschlagen hat, kann ich Ihnen leider nicht sagen," erwiderte der Commtssar bedauernd. „Es ist auch besser, daß er allein seiner Spur folgt, da Sie von jenem Prien gesehen und erkannt werden könnten, was seine Ergreifung vielleicht ganz unmöglich machen würde. Besser, Sie halten sich hier ruhig im Hintergrund, Mr. Hilbrecht, bis mein Detectiv geschrieben hat." „Das wird mir verdammt schwer fallen," meinte der Amerikaner, „ich kann nicht faulenzen. Vielleicht ist der Schuft auch noch hier, und wenn ich ihm be- gegnen sollte —" „Dann halten Sie ihn fest, wie?" „Lzf ckovs, ich halt' ihn fest, er soll mir nicht entkommen." Der Kommissar betrachtete ihn nachdenklich. „Wollen Sie mich zu Mr. Marbach begleitend" fragte er plötzlich. „0 ^88, 8ir, mein Wagen, der mich hierhergefahren, hält noch vor der Thür." „Vortrefflich, dann kann's gleich losgehen." Er klingelte und gab dem eintretenden Schutzmanne einige Befehle, worauf sie das Gebäude verließen und der Wagen mit ihnen davonrollte. Der Kommissar ließ bei der Brandstätte halten, um Mr. Hilbrecht einige Erklärungen über den Fundort deS einen Manschettenknopfes zu geben, und zeigte ihm dann später, als sie durch den Hohlweg fuhren, die Stelle, wo Warneck und das kleine Mädchen erschossen worden waren. „Ja, zu schießen versteht er," sagte Hilbrecht, bewundernd nach der Höhe, von wo die Schüsse gefallen waren, hinaufschauend. „Trifft den Vogel im Fluge und hat, glaub' ich, noch nicht ein einziges Mal sein Ziel verfehlt." „Hat wohl den amerikanischen Krieg mitgemacht?" fragte der Kommissar. „0 no, war viel zu jung dazu, höchstens zehn Jahre drüben gewesen." „Kannten Sie seine Frau, Mr. Hilbrecht?" „O ^68, eine Lady vom Kopf bis zu den Füßen, — früher eine Schönheit gewesen, früh Ruine geworden, ihr Mann war ein Schurke gegen sie, verspielte Alles und hinterging sie. Er hat sie umgebracht durch Schlechtigkeit. Starb im letzten December, arme Frau!" „Der Kerl muß ein Unikum an Niederträchtigkeit sein," bemerkte der Kommissar, „dabei schlau und feingebildet, ein Apoll an Schönheit, ich bin wirklich recht begierig darauf, die Bekanntschaft dieses Mr. Prien zu machen." „Armer Mr. Warneck," brummte Hilbrecht, „war 818 ein so wackerer Mann, — und tapfer, sag' ich Ihnen, tapfer und umthig, ein Herz wie Gold. Gnade Gott, wenn mir sein Mörder zwischen die Finger geräth." „Sie dürfen ihm nicht ein Haar krümmen, Mr. Hilbrecht!" rief der Kommissar beinahe ängstlich, „der ist für etwas Besseres aufgespart." „Versteht sich, Sir! — aber halten werde ich ihn, und wenn ich mit ihm auf Leben und Tod kämpfen muß." „Dann sind Sie mein Mann! — Kutscher!" rief der Kommissar, „Sie können langsam weiter fahren und nach dem Försterhause einbiegen, wir machen den Weg über's Gebirge." Sie waren ausgestiegen, und der Wagen fuhr weiter, während sie jenen steilen Pfad bestiegen, um oben die interessanten Punkte in Augenschein zu nehmen. Als sie sich dem Platze der Explosion näherten, sah der Kommissar dort den Förster mit einer Dame stehen, in welcher er zn seiner Ueberraschung Fräulein Holten erkannte. Sie kannte ihn nicht, erwiderte jedoch freundlich seinen ehrerbietigen Gruß und horchte auf, als der Beamte dem ihm bekannten Förster den Amerikaner vorstellte. „Mr. Marbach hat an meinen Vater telegraphirt, welcher just krank liegt," sagte Hilbrecht. „Ich war heute Morgen schon in Rotenhof, wo man mir sagte, daß Mr. Marbach wohl sterben müsse und nichts weiter von sich wisse. So kam ich gar nicht her und ging zur Polizei, und nun wollen wir ihn doch mal sehen. Ich kenne Mr. Prien, ist ein großer Gentleman und noch größerer Schuft." Der Förster schüttelte verwundert den Kopf über die wunderliche Ausdrucksweise des Fremden, dessen Vater ein Deutscher, die Mutter aber Amerikanerin war, und der nun beide Sprachen oft durcheinander mengte, die Sätze aber noch häufiger verdrehte. „Ich kenne Ihren Mr. Prien nicht," versetzte der Förster ruhig. „Nein, Herr Hilbrecht, er kennt den Gentleman nicht," nahm der Kommissar rasch das Wort, „lassen wir ihn bei Seite. Sie erlauben doch, Herr Förster, daß wir Herrn Marbach besuchen?" Dieser zuckte die Achseln und meinte, daß es heute wohl nicht gut für den Kranken sei, der sich übrigens ein klein wenig besser befinde, weil das Fieber bedeutend nachgelassen. „Das Fräulein hier hat schon mit ihm geredet, und ich fürchte, es hat ihm nicht gut gethan," setzte er hinzu. „Es ist nicht meine Schuld, Herr Förster!" sagte Armgard mit leicht geröthetem Antlitz. „Herr Marbach hatte dringend nach mir verlangt, und ich kam, obgleich ich mich nicht ganz wohl fühlte, weil Dr. Peters mich darum bat. Hätte ich gewußt, daß er das Verlangen jedenfalls nur in seiner Fieber-Phantasie gestellt und die seltsamsten Reden, wahrhaft tolle Bitten an mich richten würde, ich wäre sicherlich nicht gekommen. Der Arme erregt meine ganze Theilnahme, und ich würde es für sehr grausam halten, ihn ferner mit Unterredungen zu quälen." „Sie wissen doch, mein gnädiges Fräulein, daß ihn ein bübisches Attentat so schändlich zugerichtet hat?" fragte der Kommissar. „Ich habe es erst jetzt durch den Herrn Doctor Peters, der auch ihn und den Maler Reinhardt behandelt, erfahren." „Ja, es sind schlimme Dinge hier seit Pfingsten geschehen," fuhr der Kommissar fort, „bei denen sich unabweislich die Vermuthung aufdrängt, daß eine und dieselbe Hand sie verübt hat. Würden Sie es mir nicht als müßige Neugierde auslegen, meine Gnädige, wenn ich die Bitte wagte, mir einiges von jenen fieber- tollen Reden des Kranken mitzutheilen?" Armgard erröthete auf's Neue und versetzte dann zögernd: „Es schien sich Alles um eine rothe Narbe bei ihm zu drehen, welche ihn zu den tollsten Zumutungen an mich veranlaßte. Mir wurde himmelangst dabei." Der Kommissar verbeugte sich dankend, da er sich das Uebrige sehr wohl denken konnte. Jedenfalls hatte Marbach sie gebeten, ihren Verlobten zum Abschneiden seines Kinnbarts zu veranlassen, um sich von dem Vorhandensein einer rothen Narbe zn überzeugen. Eine Zumuthung allerdings, welche die junge Dame ebenso empören, als ihr die Gewißheit geben mußte, daß man sie zu einem phantasirenden Fieberkranken geführt habe. Er verabschiedete sich mit seinem Begleiter, der von jenem rothen Strich des Mr. Prien keine Ahnung zu haben schien, von Fräulein Holten und dem Förster, da er fester als je entschlossen war, den kranken Marbach zu besuchen. Im Försterhanse wurde ihnen der Bescheid, daß der Kranke sehr aufgeregt und der Doctor, welcher bei ihm sei, einen fremden Besuch sicherlich nicht wieder gestatten werde. „Gehen Sie hinein und melden Sie dem Herrn Doctor, daß der Kommissar Frenzel ihn zu sprechen wünsche." Man brachte ihm den Bescheid, in's Krankenzimmer einzutreten. „Da sind Sie endlich, Herr Kommissar!" rief Marbach ihm mit matter Stimme entgegen. „Ueberzeugen Sie sich, daß ich fieberfrei bin und ganz klar venke. Es wird mit mir wohl bald zu Ende sein, möchte aber vorher noch das Schrecklichste verhüten. Fräulein Holten hält mein Wort für tolle Fieberphantasien, Sie darf jedoch jenen Menschen nicht heirathen. Sie müssen dagegen einschreiten, Herr Kommissar, er ist der Mann mit dem rothen Strich." „Ich weiß es, Herr Marbach," beruhigte ihn der Kommissar, während der Doctor ihn achselzuckend anblickte. „Mein Ehrenwort darauf, daß wir ihn packen, den famosen Mr. Prien, wir kennen ihn jetzt, und zum Ueberfluß ist heute auch Noch Mr. Hilbrecht aus Chicago hier eingetroffen." Marbach wollte sich überrascht aufrichten, siel aber sofort kraftlos zurück. „Sieh, sieh," sagte Doctor Peters erstaunt, „wir wollen unsere Kraft messen, das ist ja kein schlechtes Zeichen." „Ist Mr. Hilbrecht Vater gekommen?" fragte Marbach leise. „Nein, der Sohn, ich hab' ihn mitgebracht, Sie kennen ihn doch, Herr Marbach, wollen Sie ihn sehen?" Der Kranke nickte, worauf der Kommissar hinausging und mit Mr. Hilbrecht zurückkehrte. „Olä bc>^, — Mr. Marbach, da bin ich selber, John Hilbrecht, meiner Mutter Sohn!" sagte der Amen- 319 kaner, die durchsichtig bleiche Hand des Kranken, welche auf der Decke lag, sanft erfassend. „Hab' mich auf das Telegramm hin nicht lang besonnen, den Schuft von Prien mit einzufangen." „Ich danke Ihnen, Mr. Hilbrecht," erwiderte Mar- bach mit einem matten Lächeln, „nun kann ich ruhig sterben, weil die Hochzeit nicht stattfinden wird." „Hm, hm," machte der Doctor besorgt, da er dies wiederum für eine Phantasie des Kranken hielt, und auch Mr. Hilbrecht zog ein sehr erstauntes Gesicht. „Ich weiß Alles durch Ihren Freund, den Herrn Reinhardt," sagte der Commissar, „Sie können sich auf uns verlassen, Herr Marbach." „Mein armer Reinhardt," flüsterte der Kranke, „wird er nicht bald gesund sein, Herr Doctor?" „Wir haben ihn bald herausgeflickt," beruhigte ihn der Arzt, „nur jetzt keine Aufregung mehr, meine Herren, ich kann sonst für nichts einstehen." Der Commissar schien in den Augen des Kranken Angst und Unruhe zu lesen; der unglückliche junge Mann erregte seine ganze Theilnahme. Er beugte sich zu ihm nieder und sagte leise: „Ich habe dem Mörder einen geschickten Jäger auf die Fährte gesetzt, da ich dem Polier Schulze glaube. Die Hochzeit wird nicht stattfinden, das kann ich Ihnen versprechen." Marbach lächelte matt und drückte ihm dankbar die Hand. „Nicht wahr, Mr. Hilbrecht, Sie bleiben hier, bis Sie den Vogel im Garn haben?" fragte er leise. „Versteht sich, Mr. Marbach, werden Sie nur bald gesund, damit Sie ihn selber darin zappeln sehen, in der Schlinge nämlich, worin ihm unweigerlich der Hals zugeschnürt wird. 6ioc>ä olä Ko/I" Er streichelte ihm mitleidig, wie einem kranken Kinde, die Hand und folgte dem Commissar, welcher die Thür bereits geöffnet hatte.- Tante Hanna saß in einem freundlichen Zimmer des Krankenhauses, wo sie selbstverständlich als Privatkranke behandelt wurde. Man hatte einen großen, bequemen Lehnstuhl an's offene Fenster gerückt, wo ihr noch immer etwas starrer Blick auf einen Garten fiel, dessen duftiger Blumenflor sie erfreuen und beleben sollte. Nach und nach kam in der That ein anderer Ausdruck in ihre Augen, halb überrascht und erstaunt, halb erfreut. Sie strich sich über die Stirn und lächelte still beglückt, waren die Blumen doch immer ihre Lieblinge gewesen, deren Pflege ihr besonders am Herzen gelegen. Und heute war sie zum ersten Male im Stande gewesen, das Bett zu verlassen, woran die hilflose Schwäche sie bislang gefesselt hielt. Die Greisin hatte allerdings schon vorher einige hoffnungsreiche Zeichen des erwachenden Bewußtseins für ihre Umgebung gehabt, weßhalb Doctor Peters auf den Anblick des blühenden Gartens sein besonderes Augenmerk richtete und, neben ihr stehend, sie unablässig beobachtete. „Ihre Rosen waren doch schöner noch als diese, Tante Hanna!" sagte er plötzlich, auf den Garten hin- ausdeutend. Sie wandte langsam den Kopf und sah ihn mit einem gespannten Ausdruck an. „Meine Rosen!" erwiderte sie, wieder hinaus- blickend, „ja, aber sie gehörten meiner Mutter." Sie war mit ihrer erwachten Erinnerung in der Kindheit, im Elternhause, aber es war immerhin schon ein Resultat, welches er langsam weiter führen mußte. — „Freilich," fuhr er ruhig fort, „Ihre Mutter hatte sehr schöne Rosen, aber die Ihrigen, Tante Hanna, waren weit prächtiger noch, schade, daß die Leute sie so schmählich niedergetreten haben, als der Blitz Ihre kleine Villa einäscherte." Wieder wandte sie ihm das Gesicht zu und sah ihn prüfend an. „Meine Rosen," wiederholte sie, sich über die Stirn streichend, „der Blitz — meine Mutter —" Sie brach ängstlich ab, die Gedanken verwirrten und peinigten sie offenbar. Er ließ sie jetzt in Ruhe und sah gespannt hinab in den Garten, durch dessen Pforte in diesem Augenblick eine Dame getreten war, welche langsam, den kleinen Strohhut in der Hand, durch einen der zierlich geharkten Wege wandelte. ES war Armgard Holten, welche auf des Doctors Bitte gekommen war, um zn erproben, ob der Anblick ihre? einstigen Lieblings nicht die Gegenwart bei ihr zu erwecken vermöge. Die Unglückliche blickte jetzt wieder mit unruhig umherirrenden Augen über den Garten hin. Die noch immer halbgefesselte Denkkraft rang mächtig nach Befreiung und trieb ihr den Angstschweiß auf die bleiche Stirne. Jetzt fiel ihr Blick auf die weibliche Gestalt, welche genau jenen hellen Anzug trug, den sie nach ihrer Heimkehr von der Rheinreise bei ihrem Pfingst- gruß getragen und in welchem Tante Hanna sie so gern hatte sehen mögen. Dem guten Doctor klopfte doch ein wenig das Herz, als er bemerkte, wie Tante Hanna's Augen sich immer starrer auf Armgard richteten, wie sie sich erheben wollte und seufzend zurücksank, dann die Hände nach ihr ausstreckte und sich immer weiter vorbog, bis sie plötzlich, als Armgard näher gekommen war und ebenfalls lächelnd die Hände zu ihr erhob, einen Schrei ausstieß und in Thränen ausbrach. Doctor Peters winkte jetzt eifrig, heraufzukommen, und Armgard flog in's Haus, die Treppe hinauf, um im nächsten Augenblick vor Tante Hanna zu knieen. „Dieses Experiment war gut," murmelte der Arzt, sich vergnügt die Hände reibend. „Die Thränen sind unbezahlbar." „Liebe, liebste Tante Hanna!" rief Armgard, sie mit beiden Armen umschlingend und mühsam ihre Thränen zurückdrängend, „wie freue ich mich, Sie wiederzusehen; nicht wahr, Sie haben Ihre Armgard nicht vergessen?" Sie sah bei diesen Worten mit zärtlicher Besorgniß und tiefer Erregung in das blasse Gesicht der Greisin und trocknete mit ihrem Tuch die Thränen von den welken Wangen. „Armgard, ein schöner Name," sagte Tante Hanna leise, sie unverwandt anblickend, „ich liebte einst diesen Namen. Bist Du Armgard? —" „Tante Hanna, besinnen Sie sich doch," mischte sich hier der Doctor ruhig ein, „Fräulein Armgard Holten auf Edenheim ist diese junge Dame, und wenn ich mich nicht irre, war sie stets Ihr besonderer Liebling." Ein freudiges Aufleuchten glitt über das Gesicht der Kranken. Sie lächelte sie an und strich ihr sanft über die Stirn. „Mein Liebling," sagte sie zärtlich, „ich weiß jetzt, daß Du es bist. — habe nur Geduld. eS ist mir oft 320 so dunkel hier in der Stirn," — sie deutete geheimnißvoll darauf — „und dann möchte ich etwas festhalten und kann eS doch nicht, das macht mir große Pein. Jetzt weiß ich aber, daß Du Armgard bist, es ist hier gerade hell." „Und nun kennen Sie auch mich, Tante Hanna," sprach der Arzt, sie fest anblickend. „Halten Sie Ihre Gedanken recht beieinander, dann wird's schon gehen, und Sie werden auch Ihren alten Doctor Peters wiedererkennen." „Ja, ja," erwiderte sie nach einer Pause, „ich kenne Doctor Peters, — aber meine Armgard doch noch besser. Ist dies mein Zimmer?" „Nein, Tantchen, Sie waren ja lange krank," sagte Armgard, den Doctor fragend anblickend. „Natürlich waren Sie krank, kleine Tante," nahm jener rasch das Wort, „haben Sie es ganz vergessen, daß der Blitz in Ihr Haus fuhr, dasselbe in Brand steckte und Sie sich bei dem Fall aus dem Bette den Kopf verletzten? Da haben wir Sie natürlich in ein fremdes Haus bringen müssen, und das hielt schwer, weil sich Hunderte um die gute Tante Hanna rissen." Sie hatte aufmerksam zugehört und eine immer ängstlichere Miene angenommen. Zuletzt sahen ihre Augen ganz starr wieder vor sich, so daß der Doctor sich erschreckt zu ihr niederbeugte, da er fürchtete, sie in den alten Zustand versinken zu sehen." „Der Blitz," murmelte sie plötzlich, „ich sah ihn ganz deutlich — halt — er trug — er nahm etwas ab, ich sah sein Gesicht — nun wird's wieder dunkel, ich kannte ihn, — ach, mein Kopf schmerzt so schrecklich, — ich seh' ihn jetzt nicht mehr, nur noch den Blitzstrahl." Die Greisin stöhnte tief und schloß die Augen. Armgard blickte den Doctor an, der ganz bleich und erregt aussah. „Sie hat noch Fieber," flüsterte sie traurig. „Nein, nein, nur still, lassen wir sie jetzt ruhen, sie wird einschlafen." Wirklich hörten sie es bald an ihren regelmäßigen Athemzügen, daß sie schlummerte. — Sie gingen beide geräuschlos zurück, während die Wärterin wieder ihren gewohnten Platz bei der Kranken einnahm. Schweigend schritt der Doctor neben Armgard, um sie hinauszubegleiten. „Glauben Sie wirklich an eine volle Genesung der Armen, lieber Doctor?" fragte sie, ihm Zum Abschied die Hand reichend. „Ganz bestimmt, mein Fräulein!" erwiderte er, ihre Hand fest in der seinen haltend, „Sie haben sich doch selber davon überzeugt, wie die Erinnerung in ihr erwachte. Haben Sie aber auch darauf geachtet, wie die Erinnerung an jene Gewitternacht in ihr Bewußtsein zurückkehrte?" „O gewiß, es war ja, als ob sie an eine Erscheinung erinnert worden wäre." „Allerdings, aber an eine ihr bekannte Erscheinung, welche irgend eine Verkleidung an sich gehabt. — Ich hoffe, daß sich dieses Räthsel bald lösen wird, da die Arme jetzt nur noch mit der Verdunkelung ihrer Denk- kraft zu kämpfen hat, das Licht bereits mit sichtlicher Angst festzuhalten sucht." (Fortsetzung folgt.) -'-«W8-S-- „Alt-Anltverflen" auf -er AntwerMer Ausstellung. U Antwerpen, 15. Mai. Im wohlthuenden Gegensatze zu dem in den verschiedenen „orientalischen Vierteln" der Ausstellung sich breit machenden wirklichen und moralischen Schmutze umfängt den Besucher von Alt-Antwerpen sofort der Eindruck niederländischer Sauberkeit, Gediegenheit und Gemüthlichkeit. Wer in Begleitung von Frau und Kind die Ausstellung besucht, der darf unter keinen Umständen das arabische, algerische, tunesische oder marokkanische Viertel besichtigen; aber auch wer als Mann allein zur Ausstellung kommt, der wird gut daran thun, wenn er den ganzen orientalischen Kram von Anfang an „links liegen läßt" und dafür desto mehr Zeit auf den Besuch von Alt-Antwerpen verwendet. Wer diesen Rath befolgt, der wird nichts verlieren und sehr viel gewinnen. Man macht sich gar keinen Begriff von der ungeheuren Anziehungskraft, welche dieses Alt-Antwerpen auf Jedermann ausübt, der ein Auge für künstlerische Schönheit, Geschmack und Verständniß für historische Ueberlieferung und Sinn für echte, unverfälschte Gemüthlichkeit besitzt. Einer von unseren Bekannten war zu viertägigem Besuch der Ausstellung aus Deutschland nach Antwerpen gekommen. Als wir ihn am Abende des vierten Tages trafen und ihn fragten, was er Alles gesehen, rief er aus: „Ich bin in der ganzen Zeit nicht aus Alt-Antwerpen herausgekommen, und wenn ich noch acht Tage hier bleiben könnte, so würde ich sie auch noch auf Alt-Antwerpen verwenden!" Was ist denn eigentlich dieses Alt-Ant- werpen? hören wir da erstaunt den einen und anderen Leser fragen. Wir wollen versuchen, diese sehr natürliche und naheliegende Frage so kurz und treffend als möglich zu beantworten: Alt-Antwerpen ist die von dem Baumeister Frans Van Kuyck entworfene und unter seiner Oberleitung ausgeführte getreue Nachbildung eines Ant- werpeuer Stadtviertels aus dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Nicht eine Nachbildung ,,sn miniaturs", wie man sie schon öfters gesehen hat, sondern in natürlicher Größe, mit wirklichen, bewohnbaren Häusern, mehreren Straßen und Gassen, einem großen Nathhausplatze und einigen hundert Einwohnern in der Tracht des 16. Jahrhunderts. Der Leser wird höchlichst erstaunt sein, wenn wir ihm mittheilen, daß dieses ganze Stadtviertel innerhalb weniger Monate mit einem Kosten- aufwande von nur 300,000 Frcs. erbaut wurde. Wer das nicht weiß und zum ersten Male durch die wunderbar gelungene Nachbildung des im Jahre 1515 erbauten Kipdorpthores Alt-Antwerpen betritt, der wird sicher glauben, sich in einer wirklichen, durch irgend ein Zauberwerk unverändert erhalten gebliebenen, mittelalterlichen Stadt zu befinden. Das Mauerwerk der Häuser sieht aus, als habe es schon seit hundert Jahren den Unbilden der nordischen Witterung Trotz geboten, die äußeren Holzverkleidungen scheinen von jahrzehntelangem Wechsel von Sonnenschein und Regen ihre Wetterbraune Farbe erhalten zu haben, Thüren, Fenstergitter, Hausschilder und innere Einrichtung der Häuser passen bis in die kleinsten Einzelheiten zum Ganzen. Erst wenn man mit dem Stock gegen das alte Gemäuer klopft, merkt man an dem hohlen Tone, daß es nicht echt, sondern aus Stoff, einer besonderen Art von HartgypS, hergestellt ist. Die Täuschung wurde aber eine so vollkommene, weil man durch Ab- k k - 321 güsse von wirklichem, altem Gemäuer Formen herstellte, aus denen die zu den Bauten verwendeten Blöcke gegossen wurden; auch die an den Bauwerken zur Verwendung gekommene Bildhauerarbeit wurde auf gleiche Weise hergestellt, und durch geschickte Uebermalung wußte man den Anschein hohen Alters hervorzubringen. Wenn man zum Kipdorperthor hereinkommt, dann führt geradeaus eine Straße zum Rathhausplatz, während sich links eine engere, überaus malerische Gasse zur alten Börse hinzieht. Zum Rathhausplatz gehend, kommen wir am Hospiz vorbei, welches durch den Begijnhof von der Kirche getrennt ist, einem Meisterwerke altgothischer Baukunst, in deren Innern! sich u. A. ein herrlicher, holzgeschnitzter Altar und eine äußerst werthvolle Orgel befinden; Gottesdienst darf in der Kirche nicht abgehalten werden. Der Chor der Kirche, an dessen Außenseite nach damaliger Sitte ein Kalvarienberg angemalt ist, grenzt an den Rathhausplatz, zu dessen hervorragendsten Gebäulichkeiten das alte Rathhaus, ein von vier Eckthürmchen überragter, schloßartiger Bau, ferner das mit verschwenderischer Pracht gebaute und eingerichtete Schöffenhaus, die alte Schwimmhalle und das Theater mit seiner nach dem Platze hin offenen Bühne gehören. Die übrigen Gebäude sind Patrizier- und Bürgerhäuser, alle genau nach alten Plänen oder Gemälden wiederaufgebaut. In den Erdgeschossen der Häuser von Alt-Antwerpen befinden sich Lüden, Werkstätten, Wirthschaften u. s. w., während die Stockwerke an reiche Ant- werpener Familien verbiethet sind. In den Wirthschaften trinkt man aus wunderlich geformten Thonkrügen ein nach mittelalterlicher Art gebrautes Bier, auch kann man daselbst viel sonderbar zubereitete Speisen und Wurstwaaren essen, die dem Gaste auf riesigen Zinnschüsseln vorgesetzt werden. So streng ist die historische Treue durchgeführt, daß man in keiner einzigen Wirthschaft Streichhölzchen findet, sondern überall auf den Tischen brennende Wachskerzen zum Anzünden der Thonpfeifen. Auf dem großen Theater werden zweimal wöchentlich und in dem unter der Schranne befindlichen Marionettentheater täglich Vorstellungen gegeben. Großartige Costümfeste, Turniere, Einzüge von Nhetorikerkammern u. s. w. werden mehrmals im Lauf des Sommers mit besonderem Prunk in Alt-Antwerpen abgehalten werden. Für Ihre Augsburger Leser mag es von Interesse sein, daß die Laternen, Ampeln u. s. w., welche zur Beleuchtung dienen, in zahlreichen alterthümlichen zeitgenössischen Typen von der Firma F. X. Küster er in Augsburg auf Bestellung des Comites geliefert worden sind. * - Vom Hose Nafiolcon's III. Paris, 20. Mai. Der „Figaro" theilt heute einige Briefe mit, die Octave Feuillet im Jahre 1862 an seine Frau geschrieben. Der Verfasser des „Lloimienr äs Larnors" stand bekanntlich in hoher Gunst bei Napoleon HI. und bei der Kaiserin Eugenie. Er gehörte zum vertrauten Freundeskreise des kaiserlichen Paares. Die vom „Figaro" veröffentlichten Briefe schildern das intime Leben des kaiserlichen Hofes, wie es der Dichter beim Verweilen in den Tuilerien und in Fontainebleau mitgemacht. Die Schilderung ist im liebenswürdigen Plaudertone gehalten; die blutigen Nebel der Geschichte zerstreuen sich auf einen Augenblick vor den Worten des charmanten Erzählers, und man blickt in ein höfisches Idyll voll Heiterkeit und Anmuth. Die Publikation des „Figaro" hängt möglicherweise auch mit dem neuen Napoleon-Kultus zusammen; die geheimnißvollen Regisseure desselben wollen vielleicht, nachdem so viel von dem großen Ohm die Rede gewesen, nunmehr auch den Neffen in einer sympathischen Beleuchtung zeigen. Immerhin wird man mit Interesse ein Bruchstück aus dieser Korrespondenz lesen. Zwei der Briefe erzählen von Ausflügen, die unter der Führung der Kaiserin nach den Felsen im Walde von Fontainebleau unternommen wurden. Bei der ersten Expedition war es sehr lustig zugegangen, doch hatte es keine besonderen Abenteuer gegeben. „Freilich", so schreibt Feuillet, „hatte dieser erste Ausflug einige verstauchte und vertretene Füße zur Folge, über die man sich zwar nicht zu beklagen wagte, die aber allgemein den Wunsch nach Vertagung jedes analogen Festes hervorriefen. Die Kaiserin aber wurde von ihren Nichten gequält, sie solle doch eine abermalige Expedition veranlassen, und das that sie denn auch eines Tages. Es hatte den ganzen Morgen geregnet, und als man in die Wagen stieg, sah der Himmel furchtbar bedrohlich aus. Aber was thut das? Ihre kaiserliche Majestät schreckt vor nichts zurück. Sie wirft sogar einen tragischen Blick auf Diejenigen, welche aussehen, als bedauerten sie, daß die Wagen nicht geschlossen seien. Man fährt ab. Ich saß auf der ersten Bank des zweiten Wagens, neben den Damen Nebel und Le Breton. Auch war der italienische Botschafter Nigra mit von der Partie, und für den Abend wurden der englische Botschafter und der Minister des Auswärtigen, Lord Stanley zum Diner erwartet, dessen Beginn auf ein Viertel vor Sieben angesetzt war. Der Himmel wurde immer schwärzer, und nachdem die Spazierfahrt bereits länger als eine Stunde gedauert hatte, begannen wir uns mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß die Kaiserin, die in eine Unterhaltung mit Nigra vertieft war, die Felsen vergessen habe, um so mehr, als die zu einer Kletterpartie nöthige Zeit uns zu mangeln schien. Während wir uns so unsern Illusionen hingeben, beginnt der Regen in Strömen niederzuziehen. Wir spannen unsere großen Regenschirme auf und befinden uns da drunter recht gemüthlich. Bald hält der Wagen der Kaiserin unter einem dichtbelaubten Baume still, um einen Schutz vor dem Regen zu suchen. Die Kaiserin ruft zu uns hinüber: „Glauben Sie, daß das noch lange dauern wird?" Man schüttelt bedenklich den Kopf, um anzudeuten, daß die Situation wenig Aussicht auf Besserung gewähre. Madame Le Breton zieht ihre Uhr und bemerkt schüchtern: „Ich möchte Ihrer Majestät zu bedenken geben, daß es fünf Uhr ist, daß wir eine Stunde gebraucht haben, um hierherzukommen, und daß das Diner für dreiviertel auf Sieben angesetzt ist." Worauf die Kaiserin unverzüglich aus dem Wagen steigt: „Wir haben also keine Zeit zu verlieren, setzen wir uns in Marsch." Und man setzt sich in Marsch nach den Felsen hin und schaut die arme Madame Le Breton an, welche die Katastrophe nur beschleunigt hat. „Es gießt. Die Regenschirme bleiben in den Wagen zurück, und die Kletterei beginnt über die triefenden Felsen, das hohe Gras und das vom Regen durchtränkte Gebüsch.' In wenigen Minuten haben die Anzüge und die Kleider kein menschliches Aussehen mehr. Die Hüte sind in Dachtraufen verwandelt, an den Schuhen klebt der Schlamm, die Handschuhe werden zu Marmelade 322 aufgeweicht. Man klettert immer weiter. Der italienische Botschafter geht ernst hinterdrein mit seinem schönen schwarzen Hut, den der Regen mit feuchtem Glanz überzieht. Trotz des Gusses ist es drückend heiß, der Schweiß tropft von unserer Stirne um die Wette mit den Gewässern des Himmels. Ich schwimme in meinen Schuhen, und während ich der schönen Kaiserin die Hand zur Stütze reiche, bin ich ein wenig versucht, sie nicht so schön wie gewöhnlich zu finden. In einem unbeschreiblichen Zustand kommen wir nach dreiviertelstündiger Felsen- besteigung zu den Wagen zurück. Man dreht die Kissen um, die sich in Waschbecken verwandelt haben, man hüllt sich, dampfend vor Nässe und Schweiß, in die dicken Winterüberzieher, und man kehrt gegen sieben Uhr in's Palais zurück, um sich in große Toilette zu werfen zu Ehren der Engländer. Ich habe einige Zeit dazu ge- Das kleinkalibrige Gewehr, seine Schießleistnngen und der kugelsichere Dowe'sche Panzer. I. Das kleinkalibrige Gewehr. Die vor Kurzem vor höheren Offizieren in Berlin stattgehabten Schicßproben mit dem deutschen Militärgewehr gegen den kugelsicheren Dowe'schen Panzer lenken die Aufmerksamkeit insofern auf die Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit des modernen kleinkalibrigen Gewehres, als die Frage entsteht, in welchem Grade eine Benutzung des Dowe'schen Panzers gegen die Wirkungen der modernen Feuerwaffen schützen kann, und ob die Einführung desselben in die Armee angezeigt erscheint. Um hierüber zu einem Urtheil zu gelangen, ist sowohl eine genaue Kenntniß des Gewehrs und seiner ballistischen Leistungen, was Treffsicherheit, Schußweite und Durchschlagskraft anlangt, als auch eine Kenntniß des Dowe'schen Panzers in Bezug auf seine Leistungsfähigkeit in erster Linie erforderlich. Diesem Zwecke sollen die nachstehenden, durch Zeichnungen erläuterten Ausführungen dienen. !! i!» ! i !! !! -_ »bis! braucht, weiß der Himmel, und es war nicht leicht, aus den Kleidern herauszukommen, die fest am Körper klebten, sowie aus den zusammengeschrumpften Schuhen. Ich habe mich vom Kopf bis zu den Füßen abgerieben, als wenn ich aus einer Douche käme, und dann bin ich in die erleuchteten Salons hinabgestiegen. Bald nach mir ist die Kaiserin angekommen, lächelnd und blendend schön, mit Schleppe und Diamanten. Sie saß bei Tische zwischen Lord Stanley, der ein stämmiger blonder Mylord ist, und dem Botschafter Lord Lyons und schien beide Herren durch ihre Liebenswürdigkeit hoch zu entzücken." -- Goldköruer. Der allein besitzt die Musen, Der sie trägt im warmen Busen, Dem Wandalen sind sie Stein. Schiller. » I > , « l ^ - Das kleinkalibrige Gewehr, mit welchem die deutsche Armee bewaffnet ist (M. 88), ist bekanntlich ein Mehrlader mit einem Kaliber von 7,9 nun. Eine Abbildung des geöffneten Schloßtheils finden unsere Leser oben rechts in beistehender Zeichnung, zu deren Erläuterung in dem Lande der allgemeinen Wehrpflicht kaum etwas hinzuzufügen ist. Die Kammer ist geöffnet und zurückgezogen, der in den Kasten eingesetzte, fünf Metallpatronen enthaltende Patronenrahmen, aus welchem durch einen von unten drückenden Hebel die Patronen nach oben gehoben werden, so daß die oberste Patrone vor die Hintere Lauföffnung zu liegen kommt und nur durch Vorschieben der Kammer einfach in den Lauf geführt werden kann, ist deutlich erkennbar. Einen solchen Patronenrahmen in beinahe natürlicher Größe findet der Leser ganz links auf der Zeichnung, und rechts daneben eine scharfe Patrone im Längendurchschnitt. DaS 31,6 wm lange und 8 mm starke Geschoß hat bekanntlich einen Stahlmantel, der die Führung in den Zügen übernimmt und dem 14'/, Ar schweren Geschoß seine Gestalt sichert; der Kern ist aus gepreßtem Hartblei. Mit seinem Hinteren Theil ist das Geschoß in die verengerte metallene Patronenhülse gepreßt, die in ihrem langen weiteren Theil mit 2^/« Ar rauchfchwachem 323 » nitrirten Gewchrblättchenpulver gefüllt ist und am Boden mit einem von außen aufgesetzten Zündhütchen versehen, das durch das Vorschnellen des Schlagstiftcs entzündet wird und die Pulverladung zur Explosion bringt. Das Pulver verleiht dem Geschoß eine Anfangsgeschwindigkeit von 620 m in der ersten Sekunde. Infolge dieser äußerst hohen Geschwindigkeit, die durch den kleinen Querschnitt (8 nun) des verhältnismäßig schweren Geschosses begünstigt wird, hat die Flugbahn desselben eine so sehr gestreckte flache Bogengestalt, daß beim Liegendschießen selbst auf 500 m Entfernung sie in ihren höchsten Punkten sich nicht über Manneshöhe über den Erdboden erhebt. Die Skizze im unteren Theile der Zeichnung, bei welcher selbstverständlich Länge und Höhe nicht in demselben Maßstabe gehalten sein konnte, veranschaulicht deutlich den sog. „bestrichenen Raum", der für das deutsche Militärgewehr sich beim Schießen gegen einzeln stehende Infanteristen auf 500 m, gegen Reiter auf 600 m erstreckt. Das französische Gewehr wie namentlich das vorige deutsche Militärgewehr (M. 1871/84) werden bedeutend übertreffen. (Siehe die Skizze.) Die Erhebung des Geschosses über die Visirlinie beim Schuß auf 500 m beträgt nämlich beim neuen Gewehr auf 100 m nur 80 om, auf 200 m nur 140, auf 300 m nur 150, auf 400 m nur 110, auf 450 m nur 60 ew. Die Gesammtschußweite, auf welche nian durch das Gewehr (natür- Den Geschossen des neuen kleinkalibrigen Gewehres gegenüber gewähren auf 100 m Entfernung Deckung nur noch Erdwälle von mindestens 75—100 om Stärke, Baumstämme über 80 om, Eisenplatten über 10 mm Dicke und Backstcinmaucrn von über l'/z Stein Stärke. Bei mehrfachem Aufircffcn der kleinen Gewcbrgeschosse auf dieselbe Stelle gewähren aber auch mittelstarke Mauern keinen Schutz mehr, da sie dann doch durchschlagen werden. Ja, es ist vorgekommen, daß man mittelstarke freistehende Mauern durch Gcwchrsalvcnfeucr niedergelegt hat. So beschoß kürzlich in Zwickau auf eine Entfernung von 300 m eine Abtheilung von 12 Scbützcn eine 2 Tage vorher massiv aufgeführte Mauer in Höhe von 2'/^ m und etwa 41 em Stärke. Nach der neunten Salve war das Ziel zerstört, daß es für eine Truppcnabtheilung kein Schutz und kein Hinderniß mehr gewesen wäre. In unserer bcisteheudcn Zeichnung ist die Wirkung der Durchschlagskraft der Geschosse gegen Holz und Eisen zeichnerisch dargestellt, wobei zu beachten ist, daß die das Durchschießen von Holz verdeutlichende Skizze des Raumes wegen nur in '/« natür- i chcr Größe ausgeführt werden konnte, während (bis auf die Ansichtszcichuung des Dowe'schen Panzers) die anderen Skizzen in voller natürlicher Größe gehalten sind. Der von dem Schneidermeister Dowe (früher in Mannheim, jetzt in Berlin bezw. mit seinem Panzer auf einer Tournee SLSM»W!WWVS«M!« L /7Z -t lich drwch Zufallstreffer) noch einen Menschen zu tödten vermag, beträgt 4000 m (4 km), also über eine halbe deutsche Meile! Bei der bedeutenden Fluggeschwindigkeit des Geschosses, seinem kleinen Querschnitt und im Verhältniß hierzu großen Gewicht ist selbstverständlich die Durchschlagskraft desselben auf alle praktisch überhaupt in Betracht kommenden Entfernungen eine bedeutende. Hieraus folgt weiter, daß die Erfindung eines Schutzmittels gegen die Geschosse, wie ein solches in dem gegenwärtig öffentlich vorgeführten und von den maßgebendsten militärischen Autoritäten durch mehrfache Beschießung geprüften Dowe'schen Panzer jetzt geschaffen sein soll, unter Umständen von hoher militärischer Bedeutung ist, sowohl was die Kriegsausrüstung der Armeen, als auch die Gestaltung der zukünftigen Schlachten anbetrifft. II. Der Dowe'schc Panzer. In den über die öffentlichen Vorführungen des Dowe'schen Panzers berichtenden Zeitungsreferatcn ist die absolute Kugelsicherheit des Panzers als zwar überraschendes, aber durch die Thatsachen erwiesenes Ergebniß dargestellt Worden. Schreiber dieses hat den ÄeschießungSproben, denen der Panzer in öffentlicher wie in Separatvorstellung vor höheren Officieren mehrfach unterworfen worden ist, wiederholt persönlich, auch in separater Vorstellung, beigewohnt und darf sich als Fachmann (Officier) wohl ein Urtheil erlauben. Zur Begründung muß zunächst auf die Durchschlagskraft der kleinkalibrigen Geschosse eingegangen werden. nach Hamburg, sowie London, Petersburg und weiter begriffen) erfundene kugelsichere Panzer ist nun vor Kurzem in Gegenwart von höheren Officieren durch Unterofficiere mit den mitgebrachten echten Patronen aus einem Militärgewehr auf kürzeste Distanz (15 Schritt) beschossen worden und hat sich in seiner als kugelsicher bezeichneten Fläche thatsächlich als rindn rchschießbar erwiesen. Schreiber dieses hat Versuchen Wiederholt (auch in Separatvorstellung) beigewohnt, jede Möglichkeit eines Betruges, der etwa durch untergeschobene falsche Patronen, verkleinerte Pulvcrladung derselben u. s. w. hätte versucht werden können, war durch die beobachteten Vorsichtsmaßregeln (versiegelte Patroncn-Pakcte aus amtlicher Werk- stätte, Laden des Gewehres und Beaufsichtigung desselben durch active Officiere u. s. w.) vollkommen ausgeschlossen, so daß an der Kugclsicherheil der betreffenden Panzerfläche nicht mehr zu zweifeln ist. Der sogenannte „Panzer" stellt sich nun, wie ihn die Skizze unten rechts in unserer Zeichnung in Vorderansicht wicdcrgicbt, als ein dunkelblaues, tuchübcrzogenes, auf der Innenseite weiß- gefüttertes Bruststück dar, das bei den Versuchen vermittels eines Bandes um Hals und Achsel umgcbängt wurde. Die von Dowe als kugelsicher bezeichnete und allein beschossene Fläche von ungefähr 25 om Breite und 30 om Höhe ist in unserer Skizze punktirt dargestellt. Die Dicke des „Panzers" ist in diesem mittleren Theile etwa 6 om. Hinten fühlt sich derselbe härter an als vorn und läßt eine viereckige Form des gchcimnißvollen Panzerstücks erkennen. Auf der Vorderseite ist 924 er auf etwa 3—4 em Tiefe gepolstert, so baß man von vorn mit den Fingern in die Schußlöcher des Oberzeugs und der Polsterung hineingreifen, die Art deS als Geheimniß des Erfinders gehüteten Panzerstücks nicht durch Fühlen erkennen kann. Die Polsterung besteht aus Tuch- und Sackleincnüberzug, Leder und Werg, ihre Zusammensetzung ist nach Angabe des Erfinders vollkommen belanglos, da sie nur dem Zweck der Geheimhaltung der Erfindung dient. Einen Querschnitt durch den Panzer findet der Leser unten links auf der Zeichnung in natürlicher Größe. Um nun zu einem Urtheil über den Werth der Panzerung zu gelangen, ist Folgendes zu beachten: Kugelsicher dem modernen klcinkalibrigen Gewehrgcschoß gegenüber ist nur das erwähnte kleinere mittlere Stück der Panzerfläche. Bei allen Beschießungen des Panzers hat sich dieselbe nur auf diesen Theil erstreckt, und bei den öffentlichen Vorführungen wird von der sicheren Hand des Kunstschützen-Kapitäns Martin Frank nur daö rothe Aß einer stets vor die Mitte des kugelsicheren Theiles gehaltenen Karte getroffen. Bei einem Gesaimntgewicht des Apparats von etwa 8 Pfund weiß man nicht genau, welches Nettogewicht auf das Panzerstück entfällt, man kann also kaum genaue zahlenmäßig zutreffende Schlüsse auf die Schwere größerer, einzelne Körpertheile oder gar den ganzen Körper eines Soldaten schützender Panzerungen ziehen. Das eine steht jedoch von vornherein fest, daß eine Panzerung in ähnlichem Umfange wie der Kürassierharuisch ausgeschlossen ist, da der Mann, Reiter sowohl wie Infanterist, zu sehr belastet würde. Aus der Deformirung der vom Verfasser persönlich untersuchten Geschoßsplitter, die dem Polster der Panzerung entnommen worden, sowie aus der Häufigkeit der Beschießung des Panzers auf ein und denselben Punkt, geht hervor, daß der Panzer eine jeden Eindruck vermeidende gleichsam stablitz arte Masse sein muß. Der Geschoßmantel zersplitterte in längliche, vielfach verbogene Streifen, das Blei deformirte sich und erreichte durch den Anprall ersichtlich in kleinerem Umfange Schmelztemperatur, die Stauchung der Geschosse war bedeutend. Die Vermuthung, daß es sich bei dem Panzer um eine federnde Widerstandskraft handle, ist danach abzuweisen. Alle Versuche, durch Federkraft, durch dicke, aus Spiralen von bestem Klavierdraht hergestellte Panzerung, dem kleinkalibrigen Geschoß den Durchgang zu wehren, sind thatsächlich fehlgeschlagen, wie Verfasser an durchschossenenPanzerungs- proben dieser Art gesehen hat. Die Härte und Starrheit der geheimnißvollen (?) Panzer- masse läßt bei ihrem Gewicht also als praktisch brauchbar vielleicht eine Verwendung zu kleinen Schutzschilden zu. Können diese so leicht hergestellt werden, daß sie mit dem Tornister des Mannes verbunden werden, so könnten sie als jederzeit i'm Gelände aufstellbare Deckung und Gewehrauflage beim Liegendschießen dienen. Größere Körperthcile zu bekleiden, erscheint ausgeschlossen. Vielleicht blüht dem Panzermittel eine Zukunft im Festungskriege an Stelle von Faschinen, Sandsäcken, Schanzkörben u. dgl. Ferner zu flüchsigcr Feldbefestigung, an Bord von Schiffen zum Schutz der Mann'chaften auf Deck und in den Marsen der Gefechtsmasten und an ähnlichen Orten. Im Fcldkriege aber dürfte sie, wenn überhaupt, nur in oben angedeuteter Meise verwendbar sein, und da die Herstellung ausreichender Deckungen viel Zeit in Anspruch nimmt, wird die Vertheidigung naturgemäß den größten Nutzen aus solchen Feldbefestigungen ziehen; doch auch wo beim Angriff das Schanzzeug wcrthvolle Dienste zur Festhaltung und Verstärkung gewonnener Abschnitte leisten kann, möchte der Panzer verwendbar sein, denn nach Anficht unseres Exercierreglcmcnts dürfte das heutige Jmanteriegefecht Stunden überdauern. Angesichts der oben erörterten Beschaffenheit des Dowe- schen Panzers ist jedoch die Frage berechtigt, ob seine Schutzwirkungen nicht eben so gut durch einfache Benutzung von kleinen Nickelstahl-Panzerschilden, die um nichts schwerer, steifer oder unhandlicher als der geheimnißvolle kugelsichere Panzer des Mannheimer Schneidermeisters sein brauchen, erreicht werden können. Verfasser möchte dies glauben, und vielleicht stehen die entscheidenden militärischen Autoritäten dieser Auffassung nicht fern, wie aus der Zurückhaltung derselben nach dem geschehenen Probeschicßen hervorgeht. ---SW8WS-"- Himmelsschau im Monat Juni. —X. Merkur L ist in der zweiten Hälfte des Monates am weitesten östlich von der Sonne entfernt und als Abendstern dicht über dem westlichen Horizont für das unbewaffnete Auge sichtbar. Er geht 1 Std. 45 M. nach der Sonne unter. Venus § geht als Morgenstern etwa 2 Stunden vor der Sonne auf. Mars in den Fischen wird allmälig Heller und geht auf zwischen 1 U. 21 M. und 11 U. 58 M. nachts. Saturn H, noch der hellste Planet, steht nördlich von der Spika und geht anfangs um 2 U., zuletzt um 12 U. nachts aus. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. Merkur, am 12. Saturn, am 26. Mars, am 30. Venus. Zum Kyzährigen Kriester-Iuöikänm dis Hochlvürdige», Hochverehrten Herrn Pfarrers n. bisch, geistl. Rates in Minil-lkieim am 21. Mai 1894. Schon zweiundneunzig Lenze sah'st Du zreh'n Auf Deinem hochbeglückten Erdenpfade; Dich beugten nicht des Lebens Sorg' und Müh'n; Gott schützte Dieb mit seiner Huld und Gnade. D'rum sei der erste Dank dem Herrn gebracht, Des Vateraug' Dich stets so treu bewacht. Und beute, da in Deinem Pr'esterlauf Der Jahre sechzig Dir so schön verflossen, Da schauen Tausende zum Himmel auf, Die Deines Wrltens geist'gc Frucht genossen, Und fei'rlich steigt aus frommer Beter Chor Ein heißes Fleh'n für Dich zu Gott empor. Wer zählt die edlen Körner jener Saat, Die Du gestreut in's weiche Herz der Jugend? Wer zählt die Mützen, die in Wort und That Geopfert Tu zur Pflanzung wahrer Tugend? Es steht geschrieben dorr am Himmelszelt, Was Du erstrebt, gewirkt in dieser Welt. Und all die Tausende, die Du befreit Von schwerer Sündenlast, die sie bedrücket, Die Du gestärkt zum Heißen Lebensstreit Mit Himmclsbrot, das alle reich beglücket: Sie reichen Lieb- und Dankesblüten dar Voll Jubel Dir am festlichen Altar. Sich, hochverehrter, edler Jubelgreis! Wir alle, arm und reich und hoch und nieder, Steh'n heut' vor Dir voll Lob und Preis, Und dort im Himmel tönen Freudenlieder Von sel'gen Geistern, die durch Dein Bemüh'» Als Himmelsblumen dort so herrlich blüh'n. Was sollen wir zum Jubelfeste weih'n, DaS würdig wäre, Dich getreu zu ehren? Nur Segenswünsche, kräftig, fromm und rein» Kann unsre warme Liebe Dir bescheren, Nur Dankesperlen in Dein Silberhaar Bringt unser Herz voll tiefer Rührung dar. So träufle denn hernieder aus den Höh'n Des Gnadentaues kräft'ger, reicher Segen, Daß lang wir noch Dein edles Walten seh'n Und neue Kraft Dir blüh' auf Deinen Wegen, Bis einst Dein Geist an Gottes ew'gem Thron' Genießet Deines Wirkens reichsten Lohn! Leonhard Seivokd>i pc»s BrzirlshauMhrer. ^ > <>- AnteWttimgsvlatt zm „Augsburger Postzeitung". 43 Dinstag, den 29. Mai 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas sl Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Map Huttler). k t Tante Kanna's Keheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Das ist wahr, Herr Doctor," erwiderte Armgard lebhaft, „dieses Ringen und Kämpfen war erschütternd anzusehen. Sie erinnerte sich eines Gesichts, und bevor sie die Erinnerung daran ganz erfaßt, wurde es wieder dunkel in ihr. Sollte es aber nicht dennoch nur eine Fieber-Vision sein? — Wie könnte ein Mensch in jener Nachtsich in ihrem Zimmer befunden haben? Vielleicht war's ein lebhafter Traum, welcher sich in ihrem Gehirn festgesetzt und jetzt erst wieder lebendig in ihr wird." „Möglich, mein Fräulein," sagte der Doctor, sie zerstreut anblickend, „eS sind eben jetzt nur Muthmaßungen, welche uns neue Räthsel des Geistes aufgeben. Apropos," setzte er rasch hinzu, „ist es wahr, daß Ihr Aufgebot bereits erfolgt ist, Fräulein Holten?" Sie blickte zu Boden und antwortete erst nach einer Weile: „Ist meine Verlobung oder mein Aufgebot etwa ein Verbrechen, Herr Doctor?" „Bitte um Verzeihung, mein Fräulein, so war's doch nicht gemeint," sprach der Doctor ernst, „mich wundert nur die Ueberstürzung, welche sonst Ihrem Charakter so fremd ist." „Nun, lieber Doctor, ich habe mich doch lange genug auf meine Verheirathung besonnen, — daß man mich in diesem Punkte schwerlich einer Ueberstürzung zeihen kann." Sie drückte ihm die Hand, machte einen vergeblichen Versuch zu lächeln und entfernte sich eiligst. Doctor Peters blickte ihr mit finster zusammengezogenen Brauen nach und stieß ein halblautes Wort hervor, das just nicht schmeichelhaft klang. In diesem Augenblick schritt der Polizeicommissar Frenzel rasch auf ihn zu, streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen und fragte beinahe athemlos: „War Fräulein Holten bei Tante Hanna?" „Ja, versuchte ein Experiment, das mich außerordentlich befriedigt hat." „Hab's mir gedacht. — Wissen Sie, ob sie gleich nach Hause fährt, Herr Doctor?" „Weiß nicht, ist immerhin möglich, was haben Sie denn, Herr Kommissar?" „Wir sind dem Verbrecher auf der Spur, ein unvorsichtiges Wort kann ihn warnen. Wenn Fräulein Holten ihrem Verlobten über diesen Krankenbesuch schreibt, dann wäre Tante Hanna's fortschreitende Genesung kein Geheimniß mehr, was wir doch im Interesse unserer Nachforschungen bislang treu bewahrt haben. — Man muß ihr klaren Wein einschenken und ihr die Zurückhaltung, selbst ihrem Verlobten gegenüber, zur strengsten Pflicht machen." „Ich verstehe, Herr Commissar," sprach der Doctor nachdenklich, „und Ihr Verdacht scheint auch guten Grund zu haben, wenigstens was Tante Hanna's Verletzung anbetrifft. Sie sprach bereits von einem bekannten Gesicht, das sie in jener Gewitternacht gesehen, und das etwas abgenommen, also irgend eine Mas- kirung beseitigt habe. Soll ich Fräulein Holten darüber aufklären?" „Ach, Sie wollen mir wirklich den Gefallen thun, Herr Doctor, und jetzt gleich zu ihr gehen? — Ich mochte Sie kaum darum bitten." „Ja, so etwas wittert man doch gleich heraus, mein Bester! — Sie sehen, ich bin schon mit Hut und Stock bewaffnet. — Kommen Sie nur; haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?" Sie schritten eiligst dahin und der Commissar bat ihn noch, sich so wegelängs bei ihr zu erkundigen, ob sie sich hier oder auswärts trauen lassen wolle. „Jnteressirt Sie das so besonders?" fragte der Doctor, stehen bleibend und ihn fest'anblickend. „Mich interessirt Alles, Herr Doctor," erwiderte der Beamte lächelnd, auch die Trauung eines solchen begehrenswerthen Goldfisches, welcher dem schönen flatterhaften Julius so mühelos in's Netz gelaufen ist." „Ja, es ist haarsträubend," brummte der Doctor, hastig weiterstrebend, „aber ich sagte es gleich, daß sein Töchterchen ihm sehr gelegen verunglückt sei. Die Todte hat die Kette geschmiedet für die stolze, thörichte Armgard Holten." „Sie glauben also nicht an die Macht der alten Liebe?" „Larifari, — der wäre ein Mädchen von solchem Kaliber sicherlich nicht erlegen. Die Geschichte kommt mir ordentlich unheimlich vor; dieser Mensch muß ein Hexenmeister sein oder ihr einen Liebestram bereitet haben." „Und das behauptet eine ärztliche Autorität," sagte der Commissar belustigt. „Bah, mein bester Herr Doctor, wir Menschen haben alle eine schwache Seite, und die 326 Weiber durch die Bank zwei. — Fräulein Holten wird keine Ausnahme von dieser Regel machen, mag sie sonst auch ihre speciellen Tugenden besitzen. Daß der Tod des ihrem Schutze anvertrauten Kindes einen außerordentlichen Eindruck auf ihr Gemüth hervorgebracht, mag seine Richtigkeit haben, im Ganzen genommen aber wird die alte Liebe doch den Löwenantheil an dieser raschen Verlobung beanspruchen. — So, weiter will ich Sie lieber nicht begleiten, das Fräulein möchte Wunders glauben, was wir für Geheimnisse hätten, Herr Doctor." Er grüßte höflich und schlug eine andere Straße ein, während Doctor Peters sehr nachdenklich, da ihn das Benehmen des Kommissars stutzig machte, dem Markte zuschritt, wo sich Armgard Holten's stattliches Haus befand. Armgard's Wagen hielt bereits vor der Thür. Sie selber saß zur Heimfahrt fertig vor ihrem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt auf einen Brief niederstarrend, dessen Adresse ihre Handschrift trug und an den Verlobten gerichtet war. Noch hielt ihre Rechte die Feder, mit welcher sie jetzt mechanisch auf einem weißen Bogen kritzelte. Sie erröthete, als ihr Auge sich fester auf das Geschriebene heftete und einen Namen las, mit welchem sich ihre Gedanken in den letzten Tagen mehr als mit Julius Steindorf beschäftigt hatten. Der Name Leonhard Marbach stand auf dem Papier, unbewußt hatte ihre Hand denselben niedergeschrieben, weil sie das Bild des todkranken Mannes nicht aus der Seele los werden konnte. Fortwährend sah sie sein flehendes Auge auf sich gerichtet, hörte seine Bitte: „Heirathen Sie Ihren Verlobten nicht, bevor er Ihren Wunsch, den Kinnbart glatt wegrasiren zu lassen, erfüllt hat. Wenn Sie zwischen Mund und Kinn einen rothen Strich erblicken, dann sagen Sie es dem Criminal- Commissar Frenzel, und Sie sind vor dem Schrecklichsten bewahrt." Diese wahnsinnigen Worte hatte er noch zweimal mit schwindender Kraft, zuletzt mit kaum verstänvlicher Stimme an sie gerichtet, und sie hatte es ihm gelobt, um ihn zu beruhigen und aus der aufregenden Nähe des Fieberkranken zu kommen. Wie kam es nur, daß sie seitdem stets an den Unglücklichen hatte denken müssen, daß seine Fieberphantasie, denn für etwas anderes konnte sie jene Bitte nicht halten, fortwährend in ihr wiederhallte und alle anderen Gedanken zu verdrängen drohte? — War es vielleicht die Ueberzeugung, welche sich ihr an seinem Lager hatte aufdrängen müssen, daß er sie liebte und seine Träume und Phantasien sich stets mit ihr beschäftigten? Sie hätte am Ende kein Weib sein , müssen, um bei solcher Erkenntniß ganz gleichgültig zu : bleiben. - „Gott steh' mir bei, daß ich nicht auch wahnsinnig werde," flüsterte sie, den Bogen mit Marbach's Namen in den Schreibtisch werfend und diesen verschließend, „aber gleichviel," setzte sie mit entschlossener Miene hinzu, „möge er es seltsam von mir finden, ich werde ihn dennoch darum ersuchen, jenen Bartschmuck am Kinn zu entfernen, weil derselbe mir häßlich erscheint. So will ich die Bitte des Unglücklichen erfüllen und mein gegebenes Wort halten." Die Frau ihres Hausverwalters erschien, um ihr zu melden, daß der Wagen schon eine ganze Weile auf das Fräulein warte. Sie hatte diesen bequemen Posten einem alten verheiratheten Dienerpaar, das bereits ihren Eltern lange Jahre treu gedient, nicht nur als eine Belohnung, sondern als pflichtschuldige Versorgung-verliehen. — „Ich komme schon, liebe Lorenz," sagte Armgard, sich müde erhebend. „Fräulein sind doch noch recht schwach," meinte die alte Frau bekümmert, „sollten lieber ein Gläschen Wein trinken." „Ha, es ist wahr, ich fühle mich zuweilen sterbens- müde, als ob ich wieder krank würde. Eine Luftveränderung wird mir gut thun, ich denke, später eine Zeit lang im Süden zu bleiben. Doctor Peters —" „Ja, der ist damit einverstanden," tönte die Stimme des Genannten von der offenen Thür her. „Ich traf keine lebende Seele, um mich anzumelden, meine Gnädigste, und mußte Sie deshalb nolans volanZ überfallen." Die alte Frau Lorenz verließ das Zimmer, und Doctor Peters trat näher. „Ich muß Sie nämlich noch einmal sprechen, liebes Fräulein," fuhr er rasch fort, „und befürchtete schon, zu spät zu kommen. Sieh, da liegt ein Brief an Ihren Verlobten ja bereit zur Abfahrt," setzte er, auf den Schreibtisch deutend, ungenirt hinzu. „Haben Sie in demselben etwas von Tante Hanna geschrieben?" „Nein," erwiderte Armgard befremdet. „Na, das freut mich, weil ich die Bitte vergaß, keinem Menschen, wer immer es auch sei, von der voraussichtlichen Genesung der alten Dame nur das Geringste mitzutheilen." Armgard schüttelte verwundert den Kopf. „Das begreife ich nicht, Herr Doctor! -- Sie thun ja, als ob es sich hier ebenfalls um ein Verbrechen handele." „So ist es auch, meine Gnädige," versetzte der Doctor sehr ernst, „um meiner Bitte Nachdruck zu geben, muß ich mich wohl dazu bequemen, Ihnen ein Geheimniß anzuvertrauen, dessen strengste Bewahrung ich Ihnen zur Pflicht mache." Er erzählte jetzt von dem bis zur Gewißheit gesteigerten Verdacht eines Verbrechens, das in der Gewitternacht gegen das Leben und Eigenthum der Greisin begangen worden, und daß durch mehrere Fundstücke, sowie durch Verkettung unheimlicher Umstände sich der überzeugende Beweis ergeben, daß auch dieses Verbrechen durch dieselbe Person verübt sein müsse, welche die tödtlichen Schüsse im Hohlwege und das Attentat oben in den Bergen auf dem Gewissen habe, daß dieß Alles aber als strenges Geheimniß bewahrt werden müsse, besonders auch die erhoffte Wiederherstellung der alten Tante Hanna, welche unstreitig den Verbrecher in jener Nacht gesehen habe." „Ach, darauf deuteten am Ende ihre sonderbaren Reden hin," fiel Armgard, welche mit starrem Entsetzen zugehört hatte, überrascht ein. „Wissen Sie, Herr Doctor, sie sprach doch von einem Jemand, den sie gesehen, der etwas abgenommen —" „Natürlich irgend eine Maskirung, da er sich unbeachtet wähnte," ergänzte der Doctor. „Ja, ja, aber, — sagte sie nicht auch, daß sie ihn erkannt habe?" „Allerdings, doch haben wir das wohl auf Rechnung der Gedanken-Lücken zu setzen. Ich sehe keine Möglichkeit für diese Behauptung. Lassen wir das jetzt, Ein Kabelrunk. Nach einem Originalgemälde von^.P. Felgentreff Photographie im Verlage von Franz Hansstaengl, Kunstverlag, A. 8., in München. - 328 - und versprechen Sie mir, damit der Verbrecher nicht gewarnt werde, Tante Hanna's Genesung als Geheimniß zu bewahren." „Das verspreche ich Ihnen, lieber Doctor, keine Menschenseele, wer immer es auch sei und wie nahe mir dieselbe stehe, soll etwas darüber durch mich erfahren." „Ich danke Ihnen, mein Fräulein! Es muß uns doch Alles daran liegen, den Buben, der so viel Unheil angerichtet, unschädlich zu machen, da sich Niemand vor seiner Tücke sicher fühlen kann. Und wenn Herr Stein- dorf auch wohl der Mann ist, ein Geheimniß zu bewahren, ja, wenn ihn der Tod seines Kindes vielleicht doppelt antreiben müßte, den Ruchlosen zu entdecken, so halte ich es doch für besser, daß die Sache unter uns bleibt." „Sie haben ganz recht," sagte Armgard, „er braucht es nicht zu erfahren, da Tante Hanna ihm überhaupt nicht sympathisch ist." „Dann will ich mich empfehlen, da Ihr Wagen nun lange genug gewartet hat, liebes Fräulein." „Oder vielmehr mein Kutscher und die armen Pferde," bemerkte Armgard, wehmüthig lächelnd. „Gott mit Ihnen, Herr Doctor! Fahren Sie denn heute nicht in's Forsthaus zu Ihrem Kranken?" „Ich fahre gegen Abend hinaus. Der arme Kerl macht mir große Sorge, ja, er thut mir in der Seele leid, und ich könnte den ruchlosen Banditen hängen sehen, der so kaltblütig mit Menschenleben gespielt." „Haben Sie wirklich gar keine Hoffnung mehr, Herr Doctor?" „Na, so lange das Leben noch pulsirt, muß auch der Arzt hoffen. Könnte ich ihm nur die innere Ruhe geben, aber er quält sich fortwährend mit fixen Ideen, welche sich um einen rothen Strich und — verzeihen Sie, Fräulein Armgard — um Ihre Hochzeit drehen. Seltsam genug zermarterte sich der alte Reinhardt auch mit dem vertrackten rothen Strich, den er jetzt, Gott sei Dank, zu vergessen haben scheint." „Er ist wieder besser?" „Hm, genesen noch nicht, aber doch mit vollen Segeln auf der Fahrt zur Genesung. Er ist sehr entstellt, doch haben wir, was ich nicht zu hoffen wagte, seine Augen gerettet. Wird immerhin noch wochenlang an den Folgen der Verletzungen leiden müssen. Ich muß ihm stets von Ihnen und Ihrer Verlobung erzählen. Gestern fragte er mich, wann Ihre Hochzeit sein werde, er wolle sich die Trauung ansehen." Armgard war sehr blaß geworden, sie erinnerte sich jenes Pfingst-Abends und seiner Erzählung bei Tante Hanna. „Grüßen Sie Herrn Reinhardt von mir," sprach sie etwas gepreßt, „versichern Sie ihn meiner aufrichtigsten Theilnahme und theilen Sie ihm mit, daß meine Hochzeit sofort dem Aufgebot folgen, aber nicht hier, sondern der Trauer halber in aller Stille auswärts stattfinden werde. Der Ort sei noch nicht fest bestimmt." „Und weßhalb denn auswärts?" fragte Doctor Peters erstaunt. „Steindorf wünscht es," versetzte sie, seinem Blicke ausweichend, „und mir selber ist es, aufrichtig gestanden, auch am liebsten, da ich es nur zu gut weiß, wie hart ich von der Welt verurtheilt werde." „Sie meinen von der kleinen Welt unseres Städtchens," sagte der Doctor, sie nachdenklich anblickend, „das wird Ihren Verlobten doch nicht weiter beirren oder geniren können. Ich glaube, mein Fräulein, daß die Welt Ihre Beweggründe sehr falsch beurtheilt." „Und Sie haben recht, lieber Doctor!" rief Armgard mit einer ungewöhnlichen Heftigkeit, „o, Sie wissen nicht, wie dankbar ich Ihnen für diesen Glauben bin." Sie drückte seine Hand, ergriff hastig ihren Sonnenschirm und wollte gehen. Der Doctor hielt sie zurück. „Lassen Sie Kutscher und Pferde noch einige Minuten warten, mein theures Fräulein," sagte er bewegt. „Ich war seit vielen Jahren nicht blos der Arzt, sondern auch der Freund Ihrer Eltern, welche mir ein freies Wort nicht übel nahmen. So erlauben Sie mir das auch heute. — Ich bin ein alter Mann und darf Ihnen sagen, daß Sie einer Nachtwandlerin gleichen, welche mit geschlossenen Augen an einem Abgrund dahin wandelt. Als Freund und Arzt warne ich Sie vor dem jähen Sturz, der Sie unrettbar zerschmettern wird. In Ucberhastung wie eine Fieberkranke schließen Sie den wichtigsten Bund Ihres Lebens, worauf Sie zehn Jahre sich besonnen haben." „Ist dieser Zeitraum noch nicht lang genug gewesen?" unterbrach Armgard ihn schwerathmend. „O, ich denke, es haben sich ehrenwerthe Männer genug um Sie beworbeu, denen Sie Ihre kostbare Freiheit nicht opfern wollten. Nun gut, ich habe kein Urtheil darüber, möchte aber als Freund Ihre Hand ergreifen und mit mahnendem Zuruf Ihr rechtzeitiges Erwachen bewerkstelligen." „Und ich danke Ihnen für den Glauben an mich, an meine besonderen Beweggründe," sagte Armgard, ihm mit einem schmerzlichen Blick ihre Hand entziehend. „Nun, den Dank beanspruche ich auch noch!" rief der Doctor achselzuckend, „was kann denn das weiter für Ihr Glück bedeuten, wenn ich auch den festen Glauben hege, daß Sie nur einzig um eines Wahnes willen sich verlobt haben. Ja, ja, ich wiederhole es, um eines unseligen Wahnes willen, mein armes Kind, wollen Sie sich selber für's ganze Leben elend machen. Denn ist es nicht ein Wahn, daß Sie, wenn auch nur indirekt, den Tod jenes Kindes verschuldet haben? War es etwa eine Leichtfertigkeit, mit der im Grunde ganz gesunden Kleinen eine Spazierfahrt zu machen? Wollten Sie dieselbe irgend einer Gefahr leichtsinnig damit aussetzen? — Konnten nicht auch Sie von dem Mordgeschoß getroffen werden? — Wo in aller Welt liegt auch nur der geringste Grund vor, sich selbst deßhalb als Sühnopfer darzubringen?" „Er hatte das Kind meinem Schutze anvertraut, und ich erzwäng die Fahrt sozusagen von meiner alten Evers," versetzte Armgard mit versagender Stimme, „mußte ich dem vereinsamten Manne nicht einen Ersatz für den großen Verlust bieten?" „Ja, Fräulein Armgard, die Sache ist auch soweit in der Ordnung, wenn Sie den vereinsamten Mann lieben. — Ist das aber nicht ^r Fall, — und ich wenigstens glaube dies sehr fest, da^n konnten Sie mit ihm Ihr Hab und Gut theilen, was immerhin das kleinste Sühnopfer Ihrerseits gewesen wäre, während Sie jetzt Ihr ganzes Glück drangeben, um diesen — Herrn, der seinen Vortheil unv Ihre augenblickliche Schwäche sehr rasch zu benutzen verstanden, zu entschädigen. — Nun, mein Kind!" setzte er, sie liebevoll an- «e- t- < - 329 blickend, mit bewegter Stimme hinzu, „verzeihen Sie dem alten, rücksichtslosen Manne, der es Ihren seligen Eltern schuldig zu sein glaubt, Sie nicht ungewarnt vor dem letzten verhängnißvollen Schritt zu lassen." „Es ist zu spät," sprach Armgard, „aber ich danke Ihnen trotz alledem, mein väterlicher Freund." „Nein, noch nicht zu spät," beharrte der Dootor, ihre Hände ergreifend, „noch warten Standesamt und Altar des letzten bindenden Wortes. Machen Sie sich frei, liebe Armgard, versuchen Sie es, Ihr Verlöbniß, das nur einzig unter dem Druck jenes Ereignisses geschlossen worden, zu lösen. Wollen Sie mir die Vollmacht dazu geben?" Armgard schwankte sichtlich, sie rang mit sich selber, mit ihrem Stolz, ihrem Gefühl für den Verlobten, das doch nur im Mitleid gipfelte. „Wir sind schon aufgeboten," sagte sie endlich, „und — er liebt mich —" „Sind Sie davon so fest überzeugt, Fräulein Armgard? Möchten Sie diese Liebe nicht mal auf die Probe stellen?" „Sie martern mich, Herr Doctor!" „Nein, mein Kind, ich wünsche Sie zu heilen, da Sie krank, tief seelenlcidend sind. Mit sich selbst und der eigenen Kraft im Zwiespalt, aus dem Frieden Ihres Innern gewaltsam geschleudert, verzweifeln Sie an dem eigenen Charakter, dessen harmonische Abgeschlossenheit Ihnen den festen Halt im Leben gab, welchen wir Alle stets bewundert. Raffen Sie sich auf, Fräulein Holten, denn ich sage Ihnen, daß Sie an Ihrer Selbstachtung einbüßen, wenn Sie diesen Mann heirathen. Ernennen Sie mich zu Ihrem Vormund," setzte der Doctor dringend hinzu, „Sie bedürfen eines solchen in deni Zustand hilfloser Schwäche, worin Sie sich seit jener Katastrophe befinden. Er soll Ihnen mindestens Zeit lassen zur Selbstprüfung, zum ruhigen Nachdenken, weil ich es schmählich von ihm finde, als Mann von Ehre sowohl wie als trauernder Vater, der soeben erst sein einziges Kind begraben, mit solch' ungestümer, ja der Sitte und dem Anstand hohnsprechender Hast auf eine Heirath mit Ihnen zu dringen." „O, mein Gott, wie recht haben Sie," stöhnte Armgard, in einen Sessel sinkend und beide Hände vor's Gesicht pressend. Dann richtete sie sich entschlossen auf, ihre Augen leuchteten fieberhaft, sie war leichenblaß bis auf die Lippen. „Ich wollte Sie schon bitten, mein Trauzeuge zu sein, Herr Doctor!" sprach sie mit unnatürlich hart- klingender Stimme, „konnte es aber bis zur Stunde nicht über die Lippen bringen. — Jetzt bitte ich um Ihren Beistand als Vormund, da ich mich ihm gegenüber willenlos fühle." „So»ist's gut, Kind, — er wird mich als Vormund nicht anerkennen, aber das schadet nichts, wenn Sie mir nur, da Sie mündig sind, die genügende Vollmacht zum Handeln geben. — Bitte, mein Kind, geben Sie mir das schriftlich, — seine Adresse lese ich hier —" „Sie können das Couvert mitnehmen, Herr Doctor, da der Brief nach unserer Unterredung keine Bedeutung mehr hat," sprach Armgard, sich mit einer sonderbaren Ruhe vor ihrem Schreibtisch niederlassend, den sie ausschloß, um einen Bogen Papier und ihr Siegel herauszunehmen. Der alte Doctor beobachtete mit wachsendem Erstaunen, wie sie mit fester Hand die Vollmacht schrieb, dann ein Wachslicht anzündete und ihr Siegel im feinsten rothen Lack sehr sorgsam neben ihren Namen setzte, (zortsetzunz sotgi.) . — —^KX8!I— Zeugnisse der Geschichte für die Wahrheit der heiligen Schrift. (Hiezu die Bilder auf Seite 330 und 331.) lNachd.uck verboten.I Durch die Encyclica: „krovittentissimuZ Osus" vom 18. November 1893 hat Papst Leo XIII. der Bibliologie eine neue, das ganze Leben und Wirken der katholischen Geistlichkeit beeinflussende Stellung angewiesen. Wie das Brevier, sei auch die heilige Schrift der stete Begleiter jedes Klerikers, der als Seelsorger nach dem Willen des heiligen Vaters an Stelle natürlicher Beredsamkeit nur die Worte der Bibel, welche „der Ausfluß der göttlichen Offenbarung" ist, im Munde führen und als Theologe die heilige Schrift, „diese mächtige Stütze des wahren Fortschrittes und der Wissenschaft", als den Gegenstand seines Hanptstudiums betrachten soll. Diese neue, von unserem glorreichen Papst angeordnete Aera des Bibelstudiums fordert aber, daß alle, die sich demselben widmen, und das ist ja der gesammte Klerus der über den Erdkreis verbreiteten katholischen Kirche, die dazu nothwendigen Hülfsmittel ergreifen und benützen. Und ein solches prächtiges, in seiner Art unübertreffliches Enchiridion ist die im Verlag Friedrich Pfeilstücker in Berlin erschienene Illustrierte Bibel, aus welcher die sämmtlichen diesem Artikel bei- gegebenen Illustrationen entnommen sind, nach der Ueber- setzung Dr. I. Fr. von Allioli's. Außer 45 Lichtdruckbildern nach Schöpfungen großer Meister enthält sie über tausend authentische Abbildungen von Landschaften, Orten, Pflanzen, Thieren, Alterthümern, Münzen, Hieroglyphen und Keilinschriften, sowie Pläne, Karten und Grundrisse, welche nach den besten Quellen in muster- giltiger Weise hergestellt worden sind. In den letzten hundert Jahren ist der Boden des heiligen Landes und der übrigen biblischen Länder der Gegenstand vieler Forschungen und Untersuchungen seitens verschiedener Nationen gewesen. Die Ergebnisse dieser Forschungen sind nicht nur für den Archäologen von Fach und den Gebildeten überhaupt, sondern auch für jeden Christen von größtem Interesse, denn wirkungsvoller als mündliche und schriftliche Ueberlieferungen bezeugen diese in Stein und Erz gemeißelten Denkmäler einer uralten Vergangenheit die Wahrheit biblischer Berichte. Die Resultate dieser wissenschaftlichen Arbeiten sind in der Pfeil- stücker'schen heiligen Schrift mit erstaunlichem Fleiß 'und größter Gewissenhaftigkeit zusammengetragen und dem Leser durch die Illustration veranschaulicht. Wir erwähnen noch, daß die Bilder der Stätten, wo der göttliche Welterlöser lebte, nach im heiligen Lande aufgenommenen Photographien angefertigt wurden. Da fesselt zum Beispiel das Auge des Theologen eine Abbildung: „Mumie und Statue Ramses' II., des „Pharao der Bedrückung"." — Diese Mumie wurde von Professor Brugsch im Jahre 1881 in der Nähe der uralten Königsstadt Theben ausgegraben. Sie war in der geräumigen Familiengruft der Ammonischen Priester- / 330 könige untergebracht. Heute befindet sie sich im ägyptischen Museum von Bulak-Kairo. Von den zahlreichen Abbildungen der Jnschriften- Funde fesselt ihn besonders die Siegessäule Mesa's, die Mesa über seinen Abfall von Ahab, über die Streifzüge und Städte-Eroberungen, die er dem Abfall folgen ließ, über das Herannahen des israelitischen Königs, ferner, wie dieser dann eine Stadt nördlich von Dibon begründet MMW -SÄ -> WMAN MM WMs MMM ° MAMW ^ M ° .W jjiilüiiniilt KAM WM 7." WW ILM Mumie und Stalue Uamses' II. im Jahre 1868 bei Dibon gefunden wurde. Dieser Denkstein ist aus schwarzem Basalt gearbeitet und gilt als eines der wichtigsten auf altägyptischem Boden gefundenen Denkmäler. In moabitischer Sprache mit altsemitischen Buchstaben berichtet die Inschrift des Königs habe und (so sagt der König) „durch die Hand des Gottes Kamos von seinem Angesicht vertrieben worden" sei. Auch berichtet der Stein von gleichzeitiger Besiegung der Edo- miter. Wenn er liest, wie die Juden Frohndienste leisten 331 -Ä s O > mußten beim Bau der großen Pyramiden, dieser über- wälligenden Symbole irdischer Gewalt und Kraft, so empfindet er den Wunsch, einiges über die Art des Pyra- midenbaues und die Beschaffenheit des Materials zu erfahren. Auch diesem Wunsche kommt die Illustrierte heilige Schrift entgegen. Da sieht er einen egyptischen Ziegelstein mit oem Stempel Namses' II., über dessen Mumie wir oben geschrieben haben. Dieser Stein befindet sich im ägyptischen Museum zu Berlin; er ist aus Nilschlamm und Stroh geformt und stammt aus der Zeit des Aufenthaltes der Juden in Aegypten. Wenn er das Grabmal des Cyrus betrachtet, wie es noch heute zu Parsargada steht, so taucht die Zeit der alten Perserkönige vor seinem Geiste auf, und wenn er die Opferstätte des Elias auf dem Karmel im Bilde dargestellt sieht, wie sie heute noch vorhanden ist, oder die Ueberreste der salomonischen Tempelmauern, aufge- ' tt» <' .1 > FA .dk . - ^ i Siegessäule des Königs Mesa. nommen nach einer Photographie, erblickt, so belebt sich seine Phantasie mit Gestalten und Bildern aus der Zeit, der sein Studium gilt, und sie begleiten ihn wie treue, unentbehrliche Freunde auf seinen oft beschwerlichen Wanderungen durch archäologische und hagiographische Gebiete. Das beste Lob, welches man zugleich als schönste Empfehlung der Fr. Pfeilstücker'schen Bibel zollen kann, Altägyptischer Ziegelstein. liegt in der Mittheilung, daß Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. dem rührigen Verleger mittels Schreibens seine huldvollste Anerkennung ausgesprochen und zugleich eine goldene Denkmünze übersenden ließ. Diese „Illustrierte Bibel" ist aber auch für das katholische Volk ein wahrer Hausschatz, indem sie allen streng kirchlichen Anforderungen und Bedingungen, unter denen ein katholischer Laie eine Ausgabe der heiligen Schrift benutzen darf, vollständig entspricht. Sie bringt 1. den ganzen, vollständigen Bibeltext Grabmal des Cyrus. nach der vorn heiligen Stuhle in Nom approbierten und von zahlreichen Bischöfen auf das entschiedenste empfohlenen Uebersetzung von Or. Joseph Franz von Allioli, welche nach der Vulgata angefertigt ist. 2. Sie ist mit den kirchlich geforderten und kirchlich approbierten Anmerkungen der Volksausgabe von Allioli versehen. 3. Sie hat die Gutheißung und Approbation des hochwürdigsten Herrn Fürstbischofs von Breslau, in dessen Sprengel Berlin liegt; zudem ist ihre Herstellung stetig durch die von dem genannten hochwürdigsten Bischof bestimmten Geistlichen und Gelehrten überwacht worden. Daraus folgt, daß nach dieser Seite hin die Pfeilstücker'sche Bibel jede Empfehlung verdient. So kann man ohne Uebertreibung behaupten, daß sich diese Bilderbibel nicht allein als ein willkommenes Hilfsbuch, als archäologisches Vademecum für den hochwürdigen katholischen Klerus vortrefflich eignet, sondern daß sie auch in allen katholischen Häusern Aufnahme finden und wie ein werthvolles Familiengut gehalten werden wird! Die Pfeilstücker'sche Ausgabe der heiligen Schrift ist, wie noch erwähnt werden muß, die einzige, die nach den Gesichtspunkten, welche die päpstliche En- cyklika aufstellt, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen dem gläubigen Bibelleser durch Illustration vor Augen führt. In richtiger Würdigung der Bedeutung dieser Bilder sind dieselben bis jetzt schon zu Bibelausgaben in französischer, spanischer, holländischer, dänischer, schwedischer, finnischer und polnischer Sprache benutzt worden; ja, das kleine und arme Volk der Slowenen, dessen gesammte Litteratur kaum 10 Bücher zählt, wird bald die Bibel in seiner Sprache mit den Pfeilstücker'schen Bildern sein eigen nennen können. Es giebt wohl kein passenderes und schöneres Geschenk für Hochzeit, Jubiläum und Weihnachten, als diese „Illustrierte heilige Schrift"! Der Verleger Friedrich Pfeilstücker in Berlin ist gern bereit, Jedem, der sich für die geschilderte Ausgabe der heiligen Schrift interessiert — und welcher Katholik wird das nicht thun — einen ausführlichen illustrierten Prospekt über das Werk kostenfrei zu übersenden. Die Preise sind folgende: 1) Die ganze heilige Schrift: gebunden in Halbleder mit Broncever- goldung und Rothschnitt 30 Mk., in Halbleder mit Gold- 332 schnitt 33 Mk., in Halbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 36 Mk., in Kalbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 48 Mk., in Schweinsleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 66 Mk. 2) Das Neue Testament: gebunden in Leinen mit Brouzevergoldung und Rothschnitt 8,50 Mk., in Leinen mit Goldschnitt 10 Mk., in Halbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 15 Mk., in Kalbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 25 Mk., in Schweinsleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 40 Mark. Für diejenigen, deren Geldbeutel die Bezahlung des ganzen Betrages auf einmal nicht zuläßt, sei bemerkt, daß Pfcilstückers Bibel auch gegen monatliche oder vierteljährliche Ratenzahlungen oder auch allmählich in zusammen 42 Heften zu 50 Pf. durch jede Buchhandlung oder auch direkt von der Verlagsbuchhandlung bezogen werden kann. — - Ein Kadetrunk. (Zu unterem BUd Seite 327.) Das war eine mühsame Wanderung heute. In der Hitze des Sommernachmittags nicht gerade zum Vergnügen in den Bergen umherstolpern zu müssen ist eine schwere Ausgabe besonders für den, der an der Bergquelle mehr die poetische Seite kennt, als den praktischen Nutzen des Wassers. Wie einladend winkt da das freundliche Gasthaus, in dem der Wanderer zu seiner großen Freude vernimmt, daß eben frisch angestochen wurde. Ein prüfender Blick auf das volle Glas hat das bestätigt. Hei, wie das schmeckte! Der dienstbare Geist ist auch ordentlich erfreut über das Wohlbehagen, das sich auf dem Antlitz des Gastes nach dem ersten kräftigen Zuge ausprägt. Freilich mag das Vergnügen noch die Aussicht erhöhen, daß es noch lange nicht das letzte Glas ist, um das der Fremde heute die Biervorräthe des Wirthes verringern wird. Pros't! -S-KWcS- Allerlei. Die englische Monatschrift „The new Neview" veröffentlicht bisher unbekannte „Memoiren", die über das Leben und Treiben am Hofe des spanischen Königs Ferdinand VII. neues Licht verbreiten. Die „Nation" giebt aus diesen Erinnerungen folgende anschauliche Schilderung wieder: Ferdinand, der Gemahl der späteren Königin-Regentin Christine, hatte bekanntlich durch eine pragmatische Sanktion im Jahre 1830 — kurz vor der Geburt der späteren Königin Jsabella — die Ansprüche weiblicher Nachkommen auf den spanischen Thron sicher gestellt und dadurch zugleich die Erbansprüche seines Bruders Don Carlos zerstört.,. Als nun wenige Jahre später der König in eine schwere Krankheit verfiel, suchte die carlistische Partei, an deren Intriguen sich auch der Premierminister Calomarde betheiligte, den todkranken König zu bewegen, von der pragmatischen Sanktion zurückzutreten. Die „Memoiren" erzählen nun weiter Folgendes: Die Carlisten hatten keinen Augenblick mehr zu verlieren; Calomarde setzte das Papier, durch welches die Tochter des Königs von der Thronfolge ausgeschlossen werden sollte, auf und erlangte ohne große Schwierigkeiten die Unterschrift des todkranken Königs. Die Königin Christine, durch Nachtwachen geschwächt, entmuthigt, verlassen, von Feinden umgeben, hatte nicht die Kraft, dem Komplott Widerstand zu leisten. Die in der Form eines Kodizills verfaßte Urkunde war kaum unterzeichnet, als Ferdinand in einen starrkrampfartigen Schlaf verfiel. Man nahm an, er sei todt, und Calomarde erklärte öffentlich, daß er es sei. Der französische Gesandte sandte die Nachricht nach Paris, und Christine dachte daran, zu fliehen! Ihre Sachen wurden thatsächlich schon gepackt. Don Carlos benahm sich als König. Die Höflinge begrüßten ihn mit dem Titel Majestät, das Volk sammelte sich um den Palast, bereit, dem neuen Herrscher zu huldigen. Da ereignete sich etwas völlig Unerwartetes. Die ältere Schwester der Königin Christine, die Jnfantin Carlotta, Gemahlin eines jüngeren Bruders des Königs, des Jnfanten Franz de Paula, erschien plötzlich auf der Bildfläche. Donna Carlotta hatte seiner Zeit die Heirath ihrer Schwester Christine mit dem König Ferdinand vermittelt und auch bei dem Zustandekommen der pragmatischen Sanktion ihre Hände im Spiele gehabt. Jetzt kam sie wie ein Wirbelwind in den Palast des sterbenden Königs. Sie hatte in ihrer Residenz, tief im Innern von Andalusien, erfahren, was vorging: die Krankheit des Königs, sein vermuthliches Ende, die Intriguen der Carlisten, ihrer Schwester verzweifelte politische Lage und die mutmaßliche Zerstörung ihres eigenen Werkes. Ohne Zeit zu verlieren, hatte sie anspannen lassen und kam nun in fliegender Hast, entschlossen um jeden Preis ihrer Nichte Jsabella die Krone zu retten. Die erste Person, auf welche sie im Palast stieß, war kein Anderer, als Calomarde selbst. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung in der Galerie des königlichen Schlosses. Calomarde versuchte, die Jnfantin am Weitergehen zu hindern. Die Jnfantin überhäufte ihn mit Vorwürfen. Als aber Alles nichts half, schrie sie außer sich vor Wuth den Premierminister an: „Ah, Sie wollen mir den Eintritt verweigern!" und damit gab sie ihm eine schallende Ohrfeige. Der Minister war einen Augenblick starr vor Verwunderung, dann aber verbeugte er sich und sagte gezwungen lächelnd: Zlanoa stlaneas no otksnäair ssnoru: (Weiße Hände beleidigen nicht, Senora!) karo (aber sie treffen), antwortete die Jnfantin, und damit eilte sie in das Gemach des Königs. Hier fand sie ihre Schwester Christine, die völlig den Kopf verloren hatte, unfähig, einen Entschluß zu fassen. Sie redete sie auf italienisch an: Voi siate nun ra^ing, äi ooinrll6<1ia>l (Du bist eine Theaterkönigin!) Und ohne ihrer Schwester weiter Beachtung zu schenken, schreitet die Jnfantin auf das Bett zu, wo der König ausgestreckt liegt, faßt ihn an dem Arm, schüttelt ihn und ruft: „Fernando, Fernando, antwortet mir!" Der König öffnet die Augen und stiert umher. Sobald die Jnfantin dies bemerkt, zieht sie ihn aus dem Bette, stellt ihn auf seine Füße, richtet ihn auf, führt ihn ans Fenster, reiht dieses auf und schreit, indem sie den beinahe leblosen Körper dem erstaunten Volke zeigt, mit lauter Stimme: Gutes Volk, sieh her, Dein König ist nicht todt! Die aufregende Scene, deren Einzelheiten früher niemals bekannt geworden sind, wenn gleich Calomardes Antwort auf die Ohrfeige durch die weiße Hand der Jnfantin Carlotta Berühmtheit erlangt hat und in L-panien sprichwörtlich wurde, drehte die Dinge um, wie man einen Handschuh umkehrt. Ferdinand, ins Leben zurückgerufen, erfuhr, was vorgefallen war, und wurde von rasender Wuth gegen den Premierminister und gegen seinen Bruder Don Carlos erfüllt. Diese Wuth stellte ihn soweit wieder her, daß er seinen Willen kund thun konnte, und er lebte noch gerade lange genug, um die Urkunde, die ihm von Calomarde abgeschwindelt war, zu zerreißen, ein neues Ministerium zu ernennen und seine Gattin Christine zur Regentin zu machen. So wurde durch die „rnunos plunoas" einer thatkräftigen Frau dem Schicksal des spanischen Volkes und des spanischen Herrscherhauses eine entscheidende Wendung gegeben. -» 4^« t >» - 4) zsr -V PostMung". ^L44. Ircitag, den 1. Juni ^ - 1864» <> / «c- - Mr die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in AnaSburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) War diese plötzliche Ruhe eine erkünstelte oder ein neues krankhaftes Symptom? Diese Frage hatte vom psychologischen Standpunkte aus ein großes Interesse für den Arzt, und sein scharfes Auge ruhte prüfend auf dem feinen Profil, das wie aus Marmor gemeißelt erschien, der schöngeformten, etwas großen Hand, welche jetzt keine Spur der vorherigen Erregung, nicht das leiseste Zittern mehr zeigte. Sie reichte ihm den Bogen Papier, — rasch überflog sein Blick das Geschriebene. Er wunderte sich über den klaren, knappen Gedankengang, mit welchem sie ihm ihre Vollmacht ertheilte, mit Herrn Julius Steindorf dahin zu verhandeln, daß die Heirath ihres leidenden Zustandes halber auf eine unbestimmte Zeit hinausgeschoben werde, damit beide Theile die nöthige Frist zur Sclbstprüfnng hätten und eine kindische Ueberstürznng bei einem so hochheiligen Schritte ausgeschlossen bliebe. Sie wünsche diese Frist in völliger Trennung von ihm zu verleben und wäre, falls Herr Steindorf unter diesen Verhältnissen auf einer Aufhebung der Verlobung bestände, zu jedem Opfer, was ihr Vermögen anbelange, bereit. — Herr Doctor Peters habe nach dieser Richtung hin die unumschränkteste Vollmacht znm Handeln von ihr erhalten. „An und für sich betrachtet," bemerkte der Doctor, den Bogen zusammenfaltend und sorgsam in seine Brieftasche legend, „wäre dieß jetzt eigentlich die Domäne Ihres Sachwalters. Doch hoffe auch ich als Ihr aufrichtiger Freund Ihr Glück in einer Weise zu fördern, daß Sie die so vollständig abhanden gekommene Harmonie Ihres Wesens wiederfinden. Und die Adresse dort darf ich auch mitnehmen?" Armgard schnitt das Couvert auf, zog den Brief an ihren Verlobten hervor und warf denselben in den Schreibtisch. Dann überreichte sie das Couvert dem Arzte, verschloß den Tisch und erhob sich, um Schirm und Handschuhe wieder zu nehmen. „Ich habe lange auf mich warteu lassen, mein alter Conrad wird eingeschlafen und die Pferde ungeduldig geworden sein," sprach sie ruhig mit einem schattenhaften Lächeln. „Kommen Sie, lieber Doctor, ich muß jetzt fort." „Täusche ich mich, Fräulein Armgard, oder sind Sie wirklich ruhiger geworden?" Doctor Peters sah ihr bei diesen Worten forschend in die Augen. „Ich bin's in der That, — weiß ich doch, daß das Wohl und Wehe meiner Zukunft in Ihren Händen jetzt ruht, mein väterlicher Freund, und daß ein treues, aufrichtiges Herz mich nicht verkennt. Haben Sie Dank dafür, daß Sie die Qual jener tödtlichen Ruhelosigkeit von meiner Seele genommen." Sie drückte' ihm krampfhaft die Hand und eilte hinaus, während der alte Herr langsam folgte und noch eine Weile dem Wagen nachfolgte, bis er um eine Ecke verschwunden war. * * * Herr Julius Steindorf flanirte mittlerweile in der romantischen Gegend des haunoverschen Leinethals umher, genoß die Reize der Natur, sowie die einer wohl- besetzien Tafel in den besten Hotels, da es ihm an guten Banknoten nicht mangelte, und trug viel mehr den wohlsituirten Lebemann und glücklichen Besitzer einer reichen Braut als den trauernden Vater zur Schau. Er besuchte auch die Universitätsstadt Göttingen wo er einst studirt, vermied es aber, alte Freunde und Bekannte aufzustöbern, indem er sich damit begnügte, das studentische Treiben zu beobachten und die Zeit todtzuschlagen. Hier wollte ihn Doctor Peters treffen, weil Steindorf seiner Braut diese Stadt für ihr Antwortschreiben bezeichnet hatte. Man sagte dem Doctor im Hotel, daß Herr Steindorf einen Ausflug nach Mariaspriug, einem reizenden Vergnügungspunkt der Umgegend, unternommen habe. Dem alten Arzte, der hier ebenfalls studirt, ging das Herz auf beim Anblick der E rinncrungsstätte seiner schönsten Jahre, doch durfte er nicht rechts noch links schauen, da seine Mission diesem Manne gegenüber eine äußerst schwierige war. So rüstete er sich denn zur Mensur, wie er sich sagte, um einem Kampf auf Leben und Tod entgegenzugehen. Herr Steindorf saß behaglich vor einer Flasche Wein und einem guten Imbiß, als Dr. Peters, den Hut lüftend, auf ihn zutrat. DaS scharfe Auge des alten Herrn bemerkte es sehr wohl, daß sich Steindorf's Gesicht bei seinem Anblick verfinsterte und ein stechender Blick wie ein Fragezeichen ihn traf. 334 „Ich habe Sie bereits in Ihrem Hotel gesucht, Herr Steindorf l" nahm der Doctor nach der ersten Begrüßung sofort das Wort, „und darf mit Ihrer Erlaubniß wohl gleich losschießen, das heißt auf den Hauptzweck meines Hierseins kommen." Julius Steiudorf sah ihn befremdend an und verbeugte sich zustimmend. „Ich komme nämlich im Auftrage Ihrer Braut," fuhr Dr. Peters rasch fort, „und muß Ihnen von vornherein bemerken, daß dieser Auftrag sehr heikler Natur ist, weßhalb ich bitte, sich nicht zu Ungehörigkeiten gegen Mich fortreißen zu lassen. Sie werden sich jedenfalls erinnern, daß ich bereits Hausarzt bei den seligen Eltern des Fräuleins gewesen bin, demnach in ihrem Haufe eine Art Vertrauensstellung einnehme." Wieder verbeugte sich Steindorf schweigend, ohne dem Doctor auch nur eine Linie breit entgegen zu kommen. Der alte Herr räusperie sich und fuhr dann nach kurzem Nachdenken wieder fort: „Also, um es kurz zu machen, Fräulein Armgard Holten, deren Arzt ich ja auch jüngst nach der beklagenswerthen Katastrophe gewesen, ist noch sehr leidend, das heißt körperlich leidlich gesund, während ihr Seelenzustand die sorgsamste Berücksichtigung erfordert. Die Nebcrstnrzung des Aufgebots nach der kurzen Verlobung hat alle Welt, mich aber ganz besonders in Erstaunen gesetzt, weßhalb die ärztliche Pflicht mir gebietet, Protest dagegen einzulegen." „Ah!" machte Steindorf, das Glas, welches er soeben zum Munde führen wollte, rasch niedersetzend und den Doctor erwartungsvoll anblickend. „Ich habe Ihrer Braut davon Mittheilung gemacht, und sie mußte mir einräumen, daß ihr jetziger Seelenzustand ein zu qualvoller ist, um ihre körperliche Gesundheit nicht über kurz oder lang gänzlich zu untergraben. Die blutige Katastrophe hat sie seelisch derartig aus dem Gleichgewicht gebracht, daß ich es ebenso wenig fasse, weßhalb Sie nicht mindestens das übliche Trauerjahr um Ihr Tochterchen innegehalten, als daß Fräulein Holten sich Ihrem Wunsche oder Willen hierin so apathisch hat unterordnen können." „Sind Sie zu Ende?" fragte Steindorf, als der Doctor schwieg. „Bewahre, wir sind ja erst am Anfang, doch dürfte ich immerhin eine Antwort von Ihnen erwarten." „Die soll Ihnen werden, mein Herr Doctor! Bevor ich indeß weiter mit Ihnen rede, werden Sie mir hoffentlich irgend eine Vollmacht von meiner Braut, welche Sie zu solcher Rederei mir gegenüber berechtigt, vorzeigen können." „Versteht sich, das ist ganz in der Ordnung," erwiderte Dr. Peters, bedächtig seine Brieftasche hervorziehend und derselben den zusammengefalteten Bogen entnehmend. Er bemerkte dabei sehr wohl die nervöse Unruhe in den Augen seines Gegners, den diese Umständlichkeit in eine stille Wuth versetzte. Der Doctor war boshaft genug, sich darüber zu freuen. „Bitte, lesen Sie, Herr Steindorf!" Dieser nahm den Bogen und überflog ihn hastig, wobei seine Augen einen immer starreren Ausdruck annahmen. Plötzlich ballte er das Papier zusammen und warf es mit einem kurzen, verächtlichen Auflachen auf den Tisch. „Was hat man Ihnen dafür gezahlt oder versprochen, um dieses Kunststück fertig zu bringen?" fragte er, mit einer verächtlichen Bewegung sich erhebend. „Weßhalb haben Sie meine Braut nicht gleich der Sicherheit halber in eine Heilanstalt gebracht? Oder glauben Sie wirklich, mich mit einer solchen groben Spiegelfechterei täuschen, meine Braut mir abwendig, das bereits erfolgte Aufgebot rückgängig machen zu können? — Oho, mein Herr Doctor, Sie sollen mich kennen lernen, da meine Braut ganz offenbar unter dem Einflüsse Ihres ärztlichen Zwanges hat handeln müssen. Ich Ihrer Vollmacht mich beugen, mit Ihnen um mein gutes Recht, um mein Glück feilschen? — Niemals! Ich bin Mannes genug, Ihnen und der ganzen Welt den Handschuh hinzuwerfen, melden Sie das Ihren eigentlichen Auftraggebern." „Sie täuschen sich ganz gewaltig, mein lieber Herr!" versetzte der Doctor, ruhig den zerknüllten Bogen wieder glättend, „es läge sicherlich in Ihrem Vortheil, sich mit mir zu verständigen, da Fräulein Holten Sie durchaus nicht liebt?" „Das hat sie Ihnen gesagt?" „Steht denn das nicht deutlich genug zwischen diesen von ihrer Hand niedergeschriebenen Zeilen? — Das müßte denn doch ein Blinder sehen, daß die Hand nicht dabei gezittert, das Herz sich also durchaus nicht erregt hat. Doch, wie Sie wollen, mein werther Herr! — Nur soviel sei noch gesagt, daß diese Vollmacht sofort nach meiner Heimkehr gesetzliche Kraft erhalten wird. Sie können in diesem Augenblick noch Ihre Forderung nach Belieben aufstellen, später wird man Sie als Fremden behandeln. Daß Ihre Liebe für Fräulein Armgard so groß ist, um einen verzweifelten Schritt zu befürchten, glaube ich nicht, mein bester Herr Steindorf, also —" „Genug, Herr Doctor!" unterbrach ihn jener mit einer theatralischen Bewegung, „wir sind jetzt mit einander fertig, doch sollen Sie bald genug wieder von mir hören." Ohne Gruß eilte er mit großen Schritten fort, und kurz darauf hörte der Doctor von eigem Kellner, daß der Herr, welcher zu Pferde gekommen, soeben im Galopp davongespreugt fei. Dr. Peters ließ sich Bier bringen und lächelte still vor sich hin. Die alten Zeiten stiegen vor ihm auf, seine Jugend, die schönen Tage akademischer Freiheit, welche ihn hier in dem lieblichen Mariaspring so oft gesehen, bis er plötzlich erschreckt sich wieder auf die Gegenwart besann. „Donner und — nun setzt sich der heillose Mensch auf die Bahn und saust vor mir nach Edenhcim zurück, um die Arme wieder zu umgarnen." Er bezahlte eiligst, ließ seinen Wagen anspannen und fuhr nach Göttingen zurück. Nichtig, Herr Steindorf war mit dem gerade zur Abfahrt bereitstellenden Zuge schon nach der Heimath zurückgefahren, und Doctor Peters hatte einstweilen das Nachsehen. Er speiste dann mit großer Gemnthsruhe, weil der nächste Zug erst nach zwei Stunden von Frankfurt kam, und überlegte dabei, wie er dem Einflüsse des Sappermcnters bei der bedauernswerthen Armgard Holten begegnen könne, als plötzlich die Thür des Speisezimmers heftig aufgestoßen wurde und ein junger, ziemlich auffällig gekleideter Mann mit einem breitrandigen Strohhut auf dem knrzgeschorenen Kopf in großer Erregung hereinstürmte. 335 Der junge Mann, welcher den Ausländer stark zur Schau trug, ließ sich eiligst an der langen Tafel, wo nur wenige Herren speisten, nieder, schlug mit seinem Stock auf den Tisch und befahl dem herbeieilenden Kellner im brüsken Tone, ihm rasch das Beste, was in Küche und Keller vorhanden, herbeizuschaffen. Er warf dabei eine Doppelkrone auf den Tisch und fuchtelte ungeduldig mit dem goldbeknopften Stock umher, als Hütte er die größte Lust, die ganze Gesellschaft durchzu- hauen. „Warum auch nicht?" murmelte Dr. Peters, dem dieser Gedanke gekommen, „der Bursche scheint ja Geld genug zu haben. Wo in aller Welt ist mir dieses Gesicht — ach, das ist ja Mr. Janker, den ich droben im Försterhause mit dem Commissar traf; wo hatte ich denn nur meine Angen? Ob er mich nicht wiedererkennt?" Des Fremden Augen sielen in demselben Moment auf den Doctor und nahmen einen forschenden Ausdruck an. Der alte Herr verbeugte sich lächelnd. „Ich denke, wir sollten uns kennen," sagte er. „Calculire auch so," erwiderte Mr. Hilbrecht, „sind vielleicht der alte Doctor, welcher den armen Mr. Mar- bach heraus- oder hineinflickt, meine in die Erde, ha, ha, hal" Der Doctor verbeugte sich und lachte mit. Einem solchen Burschen etwas übel zu nehmen, — lächerlich. „Ja, ich bin Or. Peters," sagte er, „und Sie sind doch herüber gekommen, um den Schinderhannes mit einsangen zu helfen, der unsern armen Marbach so schändlich zugerichtet hat?" „Und den guten Jungen, den Mr. Warneck, um die Ecke gebracht hat, ^ss, 8ir, will den Schuft von William Prien einsangen, so wahr ich mich John Hilbrecht nenne. Hätte ich nur meinen Revolver bei mir gehabt, er wäre schon jetzt ein todter Mann gewesen." Der Doctor sah ihn ganz verblüfft an, hatte er's mit einem Betrunkenen oder Verrückten zu thun? „Wer wäre denn eigentlich von Ihnen mit dem Revolver befördert worden, Mr. Hilbrecht?" fragte er, ihn prüfend anblickend. „Mr. Prien, wer anders denn?" — Komme mit dem Zuge an, hab' die Kreuz und Quer nach einem Mr. Eckert gesucht, kann ihn nicht finden. Schlechte Polizeiwirthschaft, bzr llovs, wäre drüben schon längst eingesungen." „Wer ist Mr. Eckert?" „Detectiv, schreibt seine Adresse an den Mister vom Criminnl, — und ich reise hin, um Mr. Prien's Persönlichkeit festzustellen. — Keine Spur von einem Detectiv." „Er wird sich als solcher auch nicht declarirt haben, Mr. Hilbrecktl" sprach der Doctor, sich Kaffee bestellend und eine Cigarre anzündend. „Vielleicht hat er sich einen anderen Namen beigelegt. — Wie sind Sie denn eigentlich hierher gerathen?" „War da in einem Harzneste, weiß nicht mehr den Namen, fragte nach meinem Mann und erhielt eine Beschreibung, welche genau auf Mr. William Prien paßt. ^.11 riAbt, sage ich, und fahre nun von Ort zu Ort, verfolge wie ein Indianer die Spur und komme hierher. Als ich aussteige, will just ein anderer Zug abfahren, und wer springt in ein Coups? Mr. Prien. Ich wie der Blitz hinterher, — da saust der Zug fort und ich hab' das Nachsehen. Weiß aber nun, daß er hier ist, soll mir nicht entwischen, der olä bozr!" „Versteh' ich recht, so haben Sie den Menschen gesehen, den man in Verdacht hat, den Herrn Warneck erschossen zu haben," sagte der Doctor, nun selber ganz erregt. Der Amerikaner nickte. „Den Henker auch," fuhr vr. Peters fort, „daun müßte man ja sogleich hinterdrein. Hat der Bursche Sie gesehen und erkannt?" „Glaub' nicht, — schaute weder rechts noch links, schien es höllisch eilig zu haben. Müssen noch über zwei Stunden hier warten, oder Extrazug bezahlen. Wollen Sie mithalten, Sir?" „Was? ich einen Extrazug bezahlen?" rief der alte Herr ganz entsetzt, „das sollte mir einfallen, da eS mir im Grunde gleichgültig ist, ob der Mörder geköpft wird oder nicht." „Hckl ritz-Irt!" stimmte Mr. Hilbrecht, ihm zunickend, bei, „ist ganz vernünftig von Ihnen, Sir! — Ich aber will ihn hängen sehen, das will ich!" Er bekräftigte diesen Entschluß mit einem Faust- schlag auf den Tisch, welcher alles darauf Befindliche in's Schwanken brachte. „Guten Tag, Herr Doctor!" Mit diesem Gruß trat im selben Augenblick ein einfach, aber sehr anständig gekleideter Tourist, welcher seit einigen Minuten der Unterhaltung am Tisch mir sichtlichem Interesse gefolgt war, näher. Dr. Peters blickte den Herrn überrascht an und nickte dann freundlich. „Guten Tag, mein lieber Wolfius! — Was haben Sie denn hier in Göttiugen zu thun? Wollen Sie Umversitäts-Stndien machen?" „Herr Doctor haben immer einen Witz für mich in Bereitschaft," erwiderte Wolfius, dessen geheime Detectiv-Funciion der alte Herr nicht kannt", indem er ihn für einen gewöhnlichen Agenten hielt. „Ich habe einen Auftrag für Herrn Julius Steiudorf, den ich hier in Göttingen treffen sollte. Sie haben ihn wohl nicht gesehen, Herr Doctor?" „Herrn Steiudorf? — Gewiß habe ich ihn gesehen und auch gesprochen. Er ist jedoch mit dem vorigen Zuge nach Moorkirch zurückgefahren." „Ach, das ist schade," sagte Wolfius im bedauernden Tone, „hätte ihn so gern gesprochen, er sollte nämlich, wie es heißt, sich hier bei uns in der Nähe ankaufen wollen, und da habe ich ein prachtvolles Gut für ihn in Vorschlag. — Halb und halb ist mir die Geschichte auch nicht recht glaublich, da er mit seiner Braut ja das schönste Gut der Welt, das schuldenfreie Edenheim, erhält." „Allerdings," meinte der Doctor, „es müßte denn sein, daß er sich von der Frau unabhängig machen und ein eigenes Besitzthum dagegen in die Waagschale werfen will. Da könnte er am Ende nächstens sein väterliches Gut Noienhof zurückkaufen, da der arme Marbach wohl sterben wird." „Ach, was Sie sagen, Herr Doctor! — Er muß wirklich sterben?" rief Wolfius mit ungeheuchelter Theilnahme. „Der prächtige, junge Herr, wie mir das leid thut. Wenn man doch den Thäter packen könnte, wel- 336 cher die ganze Gegend unsicher macht und so viele Schandthaten auf dem Gewissen hat. Ich könnte den Verruchten mit kaltem Blute köpfen sehen." „Wollen ihn schon packen," sprach jetzt der Amerikaner, ingrimmig ausspuckend, dazwischen. „Kenne den Burschen wie meinen Augapfel, — ist mir diesmal entwischt, aber ich stelle ihn wieder, oder ich will verdammt sein." „Sie haben den wirklichen Mörder gesehen?" fragte Wolfius, dem eine leichte Nöthe als einziges Zeichen der Erregung in's Gesicht gestiegen war, mit halblauter Stimme. „^68, den wirklichen Mr. Prien, um desscntwillen ich von Amerika herüber gekommen bin." „Dann sollten Sie lieber etwas leiser sprechen," Meinte Wolfius, „der Bursche könnte Freunde haben, welche ihn warnen. Weßhalb haben Sie ihn denn nicht gepackt, und wo ist er geblieben?" „Konnte ich vielleicht hinter'm Zuge herlaufen, der ihn nach Moorkirch entführte? Dort treffe ich ihn, will seine Spur schon wiederfinden, hab' eine feine Nase darin. Brauche den deutschen Detectiv nicht, der sich irgendwo verkrochen hat." (Fortsetzung folgt.) -»-I-*-«—-- Passionsssiiel in Waal bei Bnchloe. * Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß die Darstellungen des Leidens und Sterbens des göttlichen Heilandes in Bayern oberstbehördlicher Genehmigung unterworfen sind, und dennoch ist es interessant, das zu wissen. Ich weiß nicht, welche Motive für diese Einschränkung maßgebend waren, aber ich bin der Meinung, daß eine solche Einschränkung, wenn der StaatSregierung an der Heilighaltung der Religion und dessen, was damit zusammenhängt, aufrichtig gelegen ist, das einzige Mittel ist, eine ärgernißerregende Prosanirung des heiligen Dramas hinianzuhalten. Es fehlt bekanntlich nicht an Solchen, welche die dramatische Darstellung der Passion des Herrn überhaupt nicht als zulässig erklären, eine Ansicht, über deren Stichhaltigkeit eine Untersuchung anzustellen ich mich nicht für berufen halte; wieder Andere sagen, einzig allein Oberammergau sei dazu berufen, die Passion würdig darzustellen, ein Standpunkt, der schon ein allgemeinerer genannt werden darf; mir aber erscheint zunächst als Haupterforderniß, daß bei derartigen Schaustellungen die Unternehmer sich wenn nicht von religiösen, so doch zum Allermindesten von idealen Absichten leiten lassen und jedes Spckulationsgclüste ausgeschlossen bleibe, was man ja auch bei den Oberammergauern gelten lassen kann, insoferne man den abfallenden Gewinn lediglich als nothwendiges Acquivalent für den großen Aufwand an Zeit und Kosten betrachtet. Wenn nun der Theaterverein in Waal sowohl die ministerielle als die oberhirtliche Genehmigung für Aufführung der Passion in seinem, für das profane Schauspiel wenigstens recht hübsch und zweckmäßig eingerichteten, im Jahre 1886 an Stelle des abgebrannten neu erstandenen Schauspielhause erlangt, so darf man wohl voraussetzen, daß an den betreffenden hohen Stellen die Intentionen dieses Vereins als löbliche erkannt worden und daß man sich von dem Vereine versah, daß er bestrebt sein werde, seine sich gestellte Aufgabe in würdiger, der Heiligkeit des Gegenstandes entsprechender Weise zu lösen. Daß löbliche Intentionen vorherrschen, geht wohl schon aus dem Umstände hervor, daß die ausschließlich dem Erwerbsstande angehörigen Darsteller auf jede persönliche Entlohnung verzichten und daS Neinerträgntß dem Kirchenrestaurationsfonds zufließen soll. Daß das Bestreben nach Würdigkeit vorhanden ist, diesen Eindruck machte mir trotz der nicht zu übersehenden kleinen Mängel, die zum größten Theile in der etwas übereilten Einstndirung und Vorbereitung begründet sind, die erste Aufführung ganz entschieden. Mit allzuhohen Ansprüchen darf man freilich nicht nach Waal kommen, vor Allem muß man verzichten, Vergleiche mit Oberammergau zu ziehen. Das ist schon aus dem Grunde unzulässig, weil die einmal vorhandene Bühne total verschieden ist von jener dort. Der großen Vortheile, welche die Freilichtbühne sowohl in Bezug auf Erzeugung von Stimmung als in Bezug auf perspektivische Wirkung vor dem geschlossenen, künstlich erhellten Theater voraus hat, sind die in Waal von vornherein verlustig. Kleine Verstöße und Mängel, welche in Oberammergau, weil der Beschauer weit weggerückt ist, kaum beachtet werden, fallen hier schon als sehr störende auf, was ich ebenso den Darstellern als den Zuschauern zu beherzigen geben möchte, letzter», um sie zu bestimmen, bei ihrer Kritik nicht das unerläßliche Wohlwollen vermissen zu lassen, dessen ja auch ich mich bei Betrachtung des Waaler Passionsspieles befleißigte. Wer mit einem gewissen Wohlwollen nach Waal kommt, der wird dasselbe gewiß nicht unbefriedigt verlassen. Dazu kommt noch, daß der Flecken an sich schon gelegentlich einmal eines Besuches werth ist. In einem grünen und, wie mir geschienen, auch fruchtbaren, durch viele Ortschaften belebten Thale gelegen, mit weithin sichtbarer Kirche und stattlichem Schlosse, dieses dem fürstlichen Hause von der Lehen gehörig, bietet derselbe mit seinen freundlichen, zwischen Gärten zerstreuten Häusern einen anmuthigen, idyllischen Anblick. Wer die langgestreckte, von der klaren, frischen Singold durchrieselte Hauptstraße entlang wandelt, kann mit einiger Phantasie sogar eine Aehnlichkeit mit der Hauptstraße in Oberammergau herausfinden, wenn er nicht an den dortigen malerischen Aufputz der Häuser denkt. Die mitten im Flecken liegende Kirche, vom Thurme abgesehen ein rein gothischer Bau, bietet zwar kein archäologisches oder besonderes künstle- risches Interesse, weist aber einen recht hübschen Schmuck an der Neuzeit entstammenden gothischen Altären und Glasgemälden auf. Das fürstliche Schloß macht auch in der Nähe gesehen einen stattlichen und trotz oder vielleicht wegen seiner einfachen Architektur auch vornehmen Eindruck. Der dasselbe umgebende stattliche Park, hinten durch eine schattige Kastanien-Allee begrenzt, von welcher aus ein prächtiger Ausblick auf die Gebirgskette, ist eines Fürstensitzes würdig. Das Theater liegt vor dem Orte draußen, der Weg dorthin führt vorüber an dem stark übertäubten Schloßkeller, an heißen Sommertagen bei frischem Trnnke wohl ein recht angenehmer Aufenthalt. Das Theater erinnert einigermaßen an jenes im Schießgraben zu Augsburg, nur ist es etwas größer und weist einen Vorbau und Unterbau aus Backsteinen auf. Beim Eintritte gemahnt sofort ein am Vorhänge angebrachtes, mit weißem Linnen drapirtes Kreuz an den Zweck, welchem das Haus zur Zeit dient. Es ist daS Erstemal, daß darin Passion gespielt wird, obwohl akten- mäßig Nachweisbar in Waal schon Passionsvorstellmigen stattgefunden haben in den Jahren 1815, 1828, 1849, » > 337 » 1875 und 1883. Daß die ersten Theatervorstellungen, welche unter Anleitung des Pfarrers v. Langen mantel schon Ende des vorigen Jahrhunderts in Waal stattgefunden, auch der Darstellung der Leidensgeschichte des Heilands gewidmet waren, ist mit Sicherheit anzunehmen. Als Grundlage für die diesjährigen Passionsdarstellungen, welche am Sonntag 20. Mai ihren Anfang genommen, wurde der ältere vorhandene Text genommen. Der Umstand, daß dieser gerade nicht zu den besten gehört, sowie der weitere, daß bei der Neubearbeitung vielfach über den biblischen Nahmen hinausgegangen wurde, daß überdies mehrere Hände an dem Ganzen herum- modelten, weil die erste Bearbeitung seitens der kirchlichen Behörden beanstandet werden mußte, war für das Ganze natürlich nicht von Vortheil. Die die einzelnen Szenen einleitenden Prologe hat Herr Präpa- randenlehrer Otto Kaufmann in Landsberg verfaßt. Besonderer Schwung und Glätte ist diesen Versen nicht nachzurühmen, aber sie sind dem Verständniß des Volkes angemessen und halten sich genau an die biblische Darstellung. Da sie zudem von Frln. Anna Huber und Frln. Hilfslchrerin Viktoria Kollmann mit großem Verständniß und gutabgepaßter Klangwirkung vorgetragen wurden, so verfehlten sie nicht, Stimmung und Eindruck zu machen. Die Chöre wurden entlehnt von Heinrich Fidelis Müller, Dechant in Amöneburg. Dieselben, in Verbindung mit lebenden Bildern schon unzähligemal aufgeführt, haben längst glänzend Probe bestanden. Sie erzielen ob ihrer äußerst gelungenen Harmonisirung, selbst mit wenigen Kräften vorgetragen, eine prächtige Klangwirkung, dabei sind sie, ohne geradezu einen kirchlichen Charakter zu haben, dem Texte genau angepaßt. Da sie zum Auswendiglernen ursprünglich nicht bestimmt waren und ziemlich geschulte Kräfte voraussetzen, so mag Herr Lehrer Lohmer ein schönes Stück Arbeit bei der Ein- studirung aufgewandt haben, denn die Chöre gingen, ob- schon bezüglich einer feineren Nuancirnug noch Manches geschehen kann, mit einer Sicherheit, die wir in demselben Maße auch der übrigen Ausführung gewünscht hätten. Gekleidet sind die Mitglieder des Chores, wie in Oberammergau, in griechisches Gewand, und ihr Auftreten ist ein würdiges, gemessenes. Trotz der erwähnten Müngel ist das Szenarium derart, daß, wenn Alles sicher klappt, was ja uach ein paar vorläufig noch als Proben zu betrachtenden Vorstellungen der Fall sein wird, recht wohl eine eben so dramatische wie erbauliche Wirkung möglich ist. Besonderes Augenmerk hat die Regie noch auf die Ensembles zu richten. Vor Allem müssen die Gruppenbil- dungen noch natürlicher, ungezwungener werden, was auf der kleinen Bühne allerdings seine Schwierigkeiten hat. Was in dieser Beziehung aber geleistet werden kann, das haben uns die Kraiburger gezeigt. Daß denen in Waal das Komödie-Spielen nichts Freuides ist, das läßt sich aus den Leistungen der meist auftretenden Schauspieler wohl erkennen. Man sieht da Verständniß für den Text, ziemlich routinirte Bewegung und bei Manchen sogar ein recht schönes Sichhineinleben in die Rolle. Es zeigte sich das selbst noch bei Jenen, die mit dem Memoriern noch nicht fertig geworden zu sein scheinen, wie beispielsweise beim Darsteller des Kaiphas, der übrigens merkwürdigerweise auch die größte Rolle hat. Eingeleitet wird die Vorstellung durch ein Präludium auf dem Harmonium, das auch zur Begleitung der Chöre dient, und dessen Klänge auch die kurzen Pausen auszufüllen haben. Gespielt wird es von Herrn Lehrer Lohmer. Alsdann folgt ein Vorspiel, uns vorführend, wie Papst Stephan I. in den Katakomben die Gläubigen zum Martyrium ermuntert, hinweisend auf den Kreuzestod des Erlösers, eine Szene, die nicht ganz ungeeignet ist, auf das kommende erhabene Drama den Sinn hinzulenken. An das Geschaute anknüpfend, weist der Prolog auf Golgatha hin, die Zuschauer ermahnend, nicht zum Vergnügen, sondern der Erbauung halber die Szenen aus der Passionsgeschichte zu schauen. Die erste derselben ist die Berathschlagung des Synedriums über die Habhaftmachnng des verhaßten „Nazareners". Da es hier sehr lebhaft zugeht und die priesterlichen Räthe ihrem Haß in den kräftigsten Tönen und Ausdrücken Lust machen, was sich ja bei größerer Entfernung der Bühne von den Zuhörern sehr gut machen würde, hier aber mehr den Anstrich des Spektakelhnften annimmt, so gelangt man nicht so recht in Stimmung. Diese kommt erst bei dem lebenden Bilde, darstellend das hl. Abendmahl, welches, ohne Uebertreibung gesagt, wunderschön gestellt ist, selbstredend unter Anwendung künstlicher Beleuchtungscffekte. Eigentlich handelnd tritt Jesus zuerst auf dem Oelberge auf. Und ich muß sagen, daß schon die äußere Erscheinung mich sofort gefesselt hat. Der Darsteller, Herr Posthalter Paul Stark, nebenbei bemerkt eine vortheilhaftere Gestalt als Hr. Mair in Oberammergau, versteht es, mit einer schlichten Würde und erhabenen Ruhe aufzutreten, die nicht leicht angelernt werden kann, sondern aus der Individualität selbst hervorgehen muß. Dabei spricht er mit edlem, nie in's Theatralische verfallendem Pathos. Und so wie er uns hier zum Erstenmale entgegengetreten, so hat er sich gehalten bis zum Schlüsse. Man darf mir glauben, mit solch einem „Christus" dürften auch die Oberammergauer sich sehen lassen. Den Vorgang auf dem Oelberge muß ich überhaupt als den gelungensten der ganzen Ausführung bezeichnen. Er würde noch mehr gewinnen, wenn der Engel mit dem Kelche nicht unmittelbar aus den Soffitten käme, was zu sehr au den mechanischen — überdieß nicht ganz geräuschlosen — Vorgang erinnert. Es folgen nun die Hin- und Herführnngen des gefangenen Heilandes vor das Synedrium, Pilatus, Herodes und wiederum Pilatus, die, so nothwendig sie auch zur ganzen Sache gehören, doch den Fluß des Dramas hemmen. Ein erhebender Nnhepunkt dazwischen war das Bild von der Dornenkrönung. Jene Scenen, in welchen Judas handelnd auftrat, waren dramatisch am belebtesten, da der Darsteller derselben, Hr. Knappich, mit großer Lebhaftigkeit agierte. Er hat mir wenigstens mehr imponirt, als sein Collega von Oberammergau. Der Austritt vor dem Gcrichtshause des Pilatus mit der Verurtheilung wurde recht lebhaft gegeben. An die imposante Massenwtrkung von Oberammergau, das Großartigste der ganzen dortigen Passionsdarstcllung, durfte man dabei freilich nicht denken. Hr. Baudrexl, Vorstand des Theatervereins, seines Zeichens Mctzgermeister, war ein stattlicher Pilatus. Die Rolle schreibt ihm so ziemlich ein polterndes Auftreten zu. Das, was dort von ihm verlangt wird, zu moderiren, sei ihm an's Herz gelegt. Auf dem Kreuzwege begegnet uns zum ersten Male die Mutter des Herrn, hier eine edle Erscheinung, wiedergegeben durch Frln. Thekla Würstle. Sie findet sich in den tragischen Ton, wie ich das bei Volksbühnen noch nie gefunden. Was oben vou dem Christusdarsteller mit Bezug auf Oberammergau 338 gesagt wurde, mag auch von ihr gelten. Die Kreuzigungsgruppe entbehrt eines wirksamen, malerischen Hintergrundes, war aber im Uebrigen von großer Würbe und Wirkung. Die Kreuzabnahme erfolgte in derselben Weise wie in Oberammergau, macht aber wegen zu großer Nähe der Bühne nicht den Eindruck wie dort. Den Schluß bildet die Auferstehung und als Apotheose die Verklärung des Auferstandenen mit Schlußchor, ein erhebender Abschluß. Wer, wie schon gesagt, mit Wohlwollen nach Waal geht, der wird wie ich am Abende bei der Heimfahrt (billige Fahrgelegenheit ist nämlich gegeben, obschon man auf dem näheren, aber durch keine Tafel angezeigten Fußwege ebenso schnell den Weg zwischen Buchloe und Waal macht) nicht ohne Befriedigung auf den traulichen Flecken zurückblicken, und wenn ihm dabei auch die Kette der Allgäuer Alpen nicht in so herrlicher Beleuchtung den Abschiedsgruß winkt, wie mir. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, recht Viele nach Waal zu führen. Verdienen thun es die biederen Schwaben dort immerhin. A. Planer. -- Die AirMrtrger Weber zn Reichsstadt Zeiten. (Nachdruck verboten.) A. II. Ucbcreinstimmeud mit anderen Chronisten berichtet Paul von Stellen in seiner Geschichte der Heil. Nöm. Neichs Freyen Stadt Augsburg: „Anno 055 wurde die Stadt Augsburg von den Hnngarn hart gcängstiget, dann sie belagerten schon wirklich die Stadt, als ihnen König Otto mit einer gar nicht sehr großen Armee schnell über den Hals gekommen und sie den 10. August auf dem Lechfeld in einem hitzigen Treffen überwunden. Zu diesem Sieg solle der Heil. Udalrich durch sein Gebet und Aufmunterung zum Streit, durch seinen Muth und Tapferkeit gar vieles beigetragen haben. Sonderlich haben auch die Augsburger in diesem Treffen sich hervorgethan» dahero Otto den Webern den Schild, welchen sie von einem Huugarischen Heerführer erbeutet, zum Zunft-Wappen gegeben." Geschichtlich ist diese Darstellung nicht unanfechtbar. Allerdings hatte schon Karl der Große (ft 81-1) aus seinen Meierhöfen durch Leibeigene alles, was zum täglichen Leben nöthig war, anfertigen lassen, nur das Spinnen und Weben blieb ausschließlich die Arbeit des weiblichen Geschlechts. Einhundert Jahre später beschäftigten die Bischöfe und die königlichen Vögte in gleicher Weise an ihren Sitzen die Hörigen, unter denen bereits auch Weber sich befanden. Diese Leute arbeiteten jedoch blos für ihren Gebieter, der ihnen das erforderliche Rohmaterial nebst dem nöthigen Werkzeug gab und für ihren Lebensunterhalt sorgte, daher sie nicht als Handwerker in dem Sinne erscheinen, als wollten sie mit den sich angeeigneten gewerblichen Fertigkeiten dem gemeinsamen Bedürfnisse dienen, sei es vereinzelt, sei es in irgend welcher Vereinigung unter sich. So mögen auch die Verhältnisse in Augsburg gewesen sein, als die Hunnen den Lech überschritten und vom 7. bis 9. August 955 die Stadt hart bedrängten. Bischof Ulrich rief zur Vertheidigung alle Männer, freie und hörige, herbei, und als König Otto mit seinem Heer sich näherte, stieß der Landvogt mit dem ganzen Hansen zu demselben, und am 10. August floh Attila mit dem Nest seiner Barbaren über den Lech zurück. Der heilige Ulrich nahm an der Schlacht persönlich nicht Theil, daß aber bei dem heftigen Ringen um den Sieg unter seinen und des Vogts Dienstlenten die Weber sich besonders auszeichneten und daß ihnen der Schild eines erschlagenen Anführers der wilden Horden zur Beute geworden war, hat an sich nichts Unwahrscheinliches. Gänzlich unmöglich ist aber die Erzählung von der Verleihung der Trophäe als „Zunft-Wappenschild", denn sie setzt dabei bürgerliche Verhältnisse voraus, welche erst 3- bis 400 Jahre später eintraten. Wann und unter welchen Umständen die Weber mit dem roth und gelb qnadrirten Wappen begnadigt worden waren, muß bei dem Mangel urkundlicher Nachweise eine offene Frage bleiben. Mit dem Eintritts Augsburgs in die Reihe der freien Städte des Reichs entwandten sich die Gewerbe der lästigen Fessel der Leibeigenschaft, und keines nahm so rasch an Umfang zn, als das der Weber. Auf goldenem Boden arbeitete der Webstnhl und der lohnende Verdienst lockte viele Weber aus dem offenen Lande hinter die schützende Mauer. Unter den Hereingezogenen befand sich 1367 Hans Fugger aus Graben, einem Dorfe aus dem Lechfeld, und sein Name wurde in der Geschichte der Gewerbe der glänzendste, da er durch außerordentliche Ereignisse einen europäischen Ruf erlangte und seine Träger Zn einem sprichwörtlich gewordenen Reichthum kamen, wobei allerdings der Betrieb des Bergbaues auch mitgewirkt hatte. Hans Fnggers Sohn erwarb 1370 durch Verheirathnng daZ Bürgerrecht, wurde in den Rath gewühlt und hinterließ in Folge glücklich geführten Lein- wandhandcls 1409 den Kindern das beträchtliche Vermögen von 3000 Gulden. Der Sohn Jakob, gleichfalls ein Weber, besaß ein Haus am Eöggingcrthore. Schon die nächste Generation hatte sich so emporgearbeitet, daß sie mit den hervorragendsten Familien eheliche Verbindungen einging. Ungeachtet aber Kaiser Friedrich III. die Fugger durch das Wappen mit den zwei Lilien geschmückt und Kaiser Maximilian I. demselben 1530 die Grafenkrone aufgesetzt hatte, ließen Raimund und Anton 1533 in die Geschlechtersiube ihrer Vaterstadt sich aufnehmen. Solange das Haus Fugger aus dem engen Kreise der Werlstäite zu einer politischen Macht sich ausdehnte, erfuhren die Weber mit den anderen bedeutenderen Gewerben wiederholt einen gewaltigen Umschwung in dem Verhältnisse zu der Gemeinde. Die im 13. Jahrhundert in Italien aufgetauchten Gedanken über eine christliche Negimcntsordnimg überflutheten ganz Deutschland und nährten einen Lieblingswunsch der ihrer Kraft bewußt gewordenen Handwerker, weil ihr Endziel in der Vertreibung der Geschlechter aus dem alleinigen Besitze der Negierungsgewalt gipfelte. In Augsburg wagte die Bewegung 1303 den ersten Ansturm, der abgeschlagen wurde. Der Mißerfolg entmuthigte die Gewerbe nicht, er machte sie nur vorsichtiger, und geleitet von den zahlreichen Webern, die durch den Verkehr mit der Schweiz längst für die Neuerungen schwärmten, trafen sie bei ihren geheimen Versammlungen in der außerhalb des Sträf- fmgerthors gelegenen St. Jakobskapelle, weshalb man die Häupter des Bundes gemeinhin die Jakobiten hieß, alle Maßregeln mit solcher Umsicht, daß sie erst mit der gereiften That der Bürgerschaft bekannt wurden. Als daher am 21. Oktober 1368 mit Tagesanbruch die Handwerker in Waffen auf die Sammelplätze eilten und die Sturmglocke läutete, vermutheten die Nathsherren einen in der Stadt ausgebrochenen Brand oder eine von -» 33S außen her drohende Gefahr, und unbehelligt von der versammelten Volksmenge erreichten sie das Nathhaus. Groß war jedoch jetzt das Erstaunen der Geschlechter, als sechs Bürger mit dem Weber Haus Weiß, auch Wizzig genannt, an der Spitze in die Amtsstube traten und dieser die Anrede hielt, die Herren hätten für Leben und Eigenthum nichts zu besorgen, wenn sie ihnen als den Vertretern der Gemeinde das Regiment überlieferten. Ein Widerstand war unmöglich, und ohne blutigen Kamps hatte das demokratische Element gesiegt. Es behauptete 180 Jahre lang den Platz. Ohne Verzug wurden alle Bürger mit Ausnahme der Geschlechter in 17 Zünfte eingetheilt, und nach den Kaufleuten nahmen die Weber die erste Stelle ein. Der Zunftmeister Hans Wizzig trat in den Rath ein, er bekleidete das wichtige Amt eines Steuerherru und leistete bis 1383 bald als Altrath, bald als Baumeister der Stadt gute Dienste. Kurz nach der Verfassungsänderung war er einer großen Gefahr entgangen. Otto von Schwey- uingen, über die Neuerung erbost, wich aus der Stadt, schädigte sie in hohem Grade und wurde endlich mit seinen Gesellen gefangen. Um diese Zeit besuchte Wizzig mit feinem Schwager und dem Weber Ungeheuer einen Markt in Bayern, und auf dem Heimweg sielen sie bei Friedberg in die Hände des Anhangs Schweyningeus, welcher sie zu dessen Befreiung auswechseln zu können hoffte. Glücklicher Weise machte Herzog Stefan von Bayern die drei Augsbnrger ledig, sonst hätte sie daS gleiche Loos getroffen, wie den gefangenen Ritter, welchen der Rath als Friedensbrccher in Stiefeln und Sporen köpfen ließ. Den zweiten Rang unter den Zünften durften die Weber nicht blos wegen der großen Zahl ihrer Meister beanspruchen, sondern auch wegen der Vortrefflichkeit ihrer Waaren, welche weithin eines guten Rufes sich erfreuten. Deshalb und weil das Gewerbe dem gemeinen Nutzen sehr förderlich war, schon 1320 bildete das tslo- uönlli äo xaiiuis linsis — Abgabe von leinenem Tuch — einen großen Einnahmeposten, unterstützte es der Rath kräftigst. Er sorgte für Maugen und Walken und beauftragte den Bürgermeister, sobald die Weber mit der Barchet ausführen, ein Feld bereit zu halten, auf welches kein Vieh getrieben werden durfte, denn vor 1416 gab es noch keine ständige Bleiche. Das Hauptverdienst an dem Aufblühen des Handwerks konnten aber feine Vorsteher, die Zunftmeister mit den Zwölfern, sich selbst zuschreiben. Nachdem sie 1389 von Konrad und Ulrich Jlsuug um 7000 Gulden ein Gebäude gekauft und solches mit einem Aufwand von 121 Pfund Pfennig zum Zunfthaus eingerichtet hatten, riefen sie daselbst die „Erschau" ins Leben. Diesem Gerichte.mußte ein jeder Weber seine Arbeit zur Prüfung vorlegen, und fanden die Stimmirmeistsr sie völlig tadellos, so befestigten sie daran ein durch das Stadtwappen ausgezeichnetes Bleisiegel. Die Gewissenhaftigkeit der Vertrauensmänner verschaffte den auf solche Weise gestempelten Waaren in der Handelswelt ein solches Ansehen, daß sie ohne weitere Untersuchung der Käufer auf Faüenzahl und Länge von Hand zu Hand gingen, in das Ausland und über das Meer wanderten und im Tauschverkehrc das Geld ersetzten. Ein so werthvollcr Kredit durfte daher nicht angetastet werden, weshalb der Versuch, die Schau zu täuschen, als todeswürdigeS Verbrechen beurtheilt wurde. Hans Stopfer, welcher 1531 einige Weber verführte, die Schaumeister zu hintergehen, sollte demgemäß enthauptet werden, und nur wegen seiner frommen Kinder wurde er auf deren Kosten zu ewigem Gefängnisse begnadigt. Geblendet durch einzelne glückliche Erfolge, drängten sich stets viele Bürger und zugewanderte Gesellen in die Zunft, denen die Aufnahme nicht erschwert war, wenn sie die Heirath mit einer Mciflers-Wiitwe oder -Tochter beabsichtigten. Ein solcher außergewöhnlicher Zuwachs mußte Bedenken erregen, zeitigte aber keine vernünftige Abwchrmaßregel. Bei der 1536 vorgenommenen Zählnug fanden sich in allen 17 Zünften 3804 Meister, darunter bei den Webern 1513, demnach seit 1466 eine Steigerung über das Doppelte. 1612 umfaßte die Weberznnft an Meistern, deren Weibern, Kindern, Knappen und Ehe- halten 16,932 Köpfe, was den dritten Theil der ganzen Einwohnerschaft überstieg. Das Jahr darauf arbeiteten mehr als 2000 Meister mit 4500 Gesellen auf 3409 Webstühlen und legten 480,000 Stücke der Schau vor. Daß unter dieser Menge immer mitunter Leute waren, denen die genügende mechanische Fertigkeit und ein ausreichendes Betriebskapital fehlte und denen wegen schlimmer Charaktereigenschaften besser die Zunftstube verschlossen geblieben wäre, ist nicht befremdend. Ebensowenig, daß Geschäftsstockungen, rasches Steigen der Rohprodukte und der nothwendigsten Lebensrnittel, Kriegsgefahren und der Ausbruch pestartiger Seuchen sofort zahlreiche Familien in diesem Kreise brodlos machten, und weil von den Behörden, für jedes Unglück haftbar erklärt, nicht alsbald Hülfe geleistet werden konnte, so ließen sich die Unzufriedenen zu thörichten, die öffentliche Ruhe bisweilen gefährdenden Handlungen hinreißen. Bei derartigen Vorgängen spielte aber auch kecke Selbsthülfe und gewaltthätiger Trotz gegen obrigkeitliche Anordnungen eine Hauptrolle. Die Chroniken erzählen davon manche Beispiele: „^.nno v. 1388 zerstörten die Weber des Bischofs Pfalz mit der Dcchanei und sein Münzhaus auf dem Perlach, weil er bei Füssen ihre Waaren hatte hiuwcg- nehmeu lassen. „1398 am St. Aegiditag griffen die Weber mit den Schuhmachern, Schüfflcrn, Schmieden und Bäckern das Rathhans au und erzwängen die Aufhebung des Wein- und Bier-Ungclds; wurde bald wieder eingeführt. „1466 gab es die gleichen Händel, und die Städte Conftanz, Nürnberg und Ulm brachten zwischen dem Rath und den 749 Webermeistern einen Vergleich zu Stande. „1491 wegen der aus Preußen eingeführten Tücher entstanden große Unruhen, welche der Rath bewältigte, und er ließ dem Weber Matthäus Sunderer als dem Rädelsführer den Kopf abschlagen. „1513. Der Aufstand der Niederländer gegen Spanien und die Wirren in Italien trieben die Baum- wollpreise auf eine unerschwingliche Höhe, wodurch so viele Weber verarmten, daß sie vorzogen, fremde Kriegsdienste anzunehmen und ihre Familien den Bcttelherren daheim aufzuhalsen. „1569 wurde die Noth so groß, daß 1700 ver- bürgerte HauSarme, davon ein Drittel aus der Weberzunft, vom Almosen lebten. „1524 predigte der Minoritcnmöuch Johann Schilling in der Barfüßerkirche über die Lukas-Evangelien, und bei dem Kapitel 3 Vers 7 „ihr -Otterngezücht n. f. >m" wagte er so derbe Anspielungen auf die regierenden Herren, daß sie für gut hielten, in Uebereinstimmung — 340 mit dem Provinzial, den Klosterpater zum freiwilligen Abzug zu bestimmen. Kaum war er aus dem Thore, so rottete sich sein Anhang, wohl 1800 Köpfe stark, zusammen und begehrte mit den Waffen in der Hand seine Zurückberufung. Der Rath willigte ein, falls der Aufenthaltsort bekannt würde. Schon am dritten Tage, den 9. August, brachte ein Weber den Schilling zurück. Die Anstifter der Rebellion sollten jedoch nicht durchschlüpfen. Den beiden Webern Hans Kagen und Hans Speisser schlug auf dem Fischmarkte der Nachrichter die Köpfe ab, und man läutete dazu nicht die Sturmglocke, was als Strafverschärfung galt." Rühmend muß andererseits erwähnt werden, daß an den Ungerechtigkeiten des Bürgermeisters Ulrich Schwarz kein Weber sich betheiligt hatte, im Gegentheil erduldete der Weberzunftmeister Haus Weher mancherlei Verfolgung, weil er als Steuerherr den eigennützigen Plänen des Tyrannen kühn entgegentrat. Und als die Stadt 1480 die Bürger gegen den Bischof Friedrich Grafen von Zollern aufbot, zogen die Weber unter ihrer Fahne mit 323 Mann und 21 Pferden in das Feld. Ueber die Unruhen von 1762 bis 1794 wird später die Rede sein, es mögen aber hier drei Bilder aus dem Gesellschaftsleben einen Platz finden, nämlich die Tänzel- woche, der Blaumontag und die Meistersänger. Die bei allen Zünften übliche Tänzelwoche benutzten die Weber zu einem pompösen Aufzug durch die Stadt, welcher in sechs Gruppen das Andenken an die Geschichte des Handwerks bei der Bürgerschaft auffrischen sollte. Einer jeden Abtheilung schritten Musiker oder Trommler und Pfeifer voran, und Knappen in roth und gelben Kleidern mit gleichfarbigen Duseggen (Säbeln) gingen zur Seite. Zuerst kamen Knaben, die Stadtpyr und zwei Adler tragend, der Hauptmann mit dem Spontan (Halbpiquet) und zwischen zwei Feldwebeln ein weißgekleideter Knabe, einen Lorbeerkranz haltend. Sodann folgten acht Altgesellen in rothen Kleidern mit Hut und Federn, in ihrer Mitte die Träger der Willkomm (Pokale) der beiden Laden, die vier Bnchsenmeister in schwarzen Manteln und eine Tafel oom Weberhause, Alle von Gesellen mit bloßem Degen geleitet. Unter gleicher Umgebung schloffen sich an drei Knaben mit den Vorstehern, deren Wappen tragend, der erste Fähndrich und zwei Vierer, die Tafel mit der Hnnnenschlacht und die Hälfte der Zunft mit etlichen in Küraß, theils Lobsprüche und Friedenstafeln, theils Kriegsrüstungen zeigend, während die wohlaufgeputzten Meistersöhne mit Fcldbinden und Degen, mit Bögen und Pfeilen ausgerüstet waren und die eine Hälfte die Weinkannen ihrer Herberge trugen. Hierauf kamen Knaben mit den Bildnissen des Kaisers Otto und des heiligen Ulrich und mit dem auf dem Lechfelde erbeuteten Schilde, die schwarz gekleideten Sechser mit Pokalen vom Weberhanse und Gesellen mit roth und gelben Maschen auf der Achsel. In der fünften Gruppe wiederholte sich die dritte, nur zeigte die Tafel die Verleihung des Zunftwappcns durch König Otto. Den Schluß bildeten zwei Lieutenants und zwei Leibschützen, einige Meister in Harnisch zu Pferd und die Träger von Antiquitäten — Sättel, Sporen, Pfeile, Stilete, Sammethauben, Standarten, und eines Schildes mit den Worten Oeus lortrtuäo wen. Vor den Wohnungen der beiden Stadtpfleger, der Deputirten des Weberhauses und in dem Klosterhofe St. Ulrich fand das Fahnenschwenken statt, am Wcberhause ließen die Beisitzer zu einem guten Trunke die Kannen füllen und eine Mahlzeit mit Tanz beendete die Festlichkeit. In widrigen Zeitkäufen gestattete sie der Rath nicht, weshalb von 1660 bis 1760 dieselbe unterblieb. Wie öffentliche Aufzüge von der Genehmigung des Rathes abhingen, so überwachte er alles, was mit dem Wirthshausbesuche im Zusammenhange stand. Er verweigerte den Webergesellen eine zweite Herberge, um die sie wegen ihrer großen Zahl baten, er duldete in den Zunfthäufern uur das Spiel im Brett um einen Pfennig oder höchstens zwei, und er versuchte sogar den Gesprächsstoff beim Bierkrug zu regeln. Und doch machte er für die Weber bei einer Ausschreitung eine Ausnahme, die anderwärts bekämpft wurde. Im 16. Jahrhundert kam in Deutschland die Unsitte der Arbeitseinstellung und Schweißereien am „Fraßmoutag" auf, welche sich allmählig auf alle Montage des Jahrs erstreckte, und man nannte sie «die blauen" nach der Kirchenfarbe beim Beginne der Fasten. Vergeblich bemühten sich die Reichspolizeiordnungen dem Unfuge zu steuern, in Augsburg schützte ihn die Obrigkeit. Auf Anbringen der Weber verfügte ein Senats-Dekret vom 9. Scptembec 1578: „den Meistersöhnen und den Knappen zu einer Ergötz- lichkeit zu erlauben, an allen Montagen in den Wochen ohne einen Feiertag Nachmittags, wenn es zwei geschlagen, von der Arbeit zu gehen und mit Bescheidenheit einen guten Montag zu halten." Von diesem Vorrecht machten bald auch die übrigen Zünfte einen Gebrauch und zwar für den ganzen Tag. (Fortsetzung folgt.) —- »»- Schachaufgabe. Von T. Taverncr, Bolton. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Lösung der Schachaufgabe in Weiß. 1. T. — 21! 2. S. - 23! 3. S. - 65 Matt oder 1 . . 2. V4—V5 ch (Drohung). 3. V2-V4 Matt. Nr. 41: Schwarz. L. — 23, L3 beliebig. beliebig. ^L45. „Augsburger Postzeitung^. Dinstag, den 5. Juni 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Sie suchen doch nicht den Herrn Eckert?" fragte Wolfius. Mr. Hilbrecht zog seine Brieftasche hervor und nahm eine Karte heraus, von welcher er den Namen Eckert las. „Criminal-Commissar Frenzel sendet Herrn Eckert den Mr. Hilbrecht aus Chicago, welcher Mr. Prien genau kennt." So las der Amerikaner und legte die Karte wieder bedächtig in seine Brieftasche. „Weshalb haben Sie auf diese Karte hin Herrn Eckert nicht aufgesucht, Mr. Hilbrecht?" fragte Wolfius erstaunt. „Weil ich ihn nicht finden konnte, — kutschirte von Nest zu Nest, fand keine Spur von ihm, aber eine von Mr. Prien, und kam hierher." „Das war gut und klug von Ihnen gehandelt, Mr. Hilbrecht," sprach Wolfius freundlich, „es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß ich just diesen Herrn Eckert kenne und sehr befreundet mit ihm bin. Ich traf ihn in der kleinen Harzstadt L., wo er krank dar- niederliegt. Er war sehr unglücklich und theilte mir soviel von seiner Mission mit, daß ich ihm versprach, meine Augen offen zu halten und jeden Verdächtigen, der mit dem mir gegebenen Signalement Aehnlichkeit besäße, auf's Korn zu nehmen." „Da konnten Sie aber bös' hereinfallen, mein Lieber!" meinte der Doctor kopfschüttelnd, „ein Detectiv muß Spitzbuben-Augen haben und die Spreu vom Weizen sofort zu unterscheiden wissen." „Nein, er muß ein Allerweltsmensch, ein Comödiant sein!" fiel Mr. Hilbrecht mit großer Entschiedenheit ein, „sonst fängt er keinen geriebenen Spitzbuben. Sage Ihnen, Gentlemen, wir haben drüben famose Detectivs. Ist da ein gewisser Mr. Haws, konnt' ihn nicht für vieles Geld haben, war just hinter einer Falschmünzer- Gesellschaft her, der hätt' ihn mir aus dem rollenden Zuge herausgeholt. Ihr Mr. Eckert ist ein Kohlkopf, aber kein Detectiv, der überhaupt nicht krank werden darf." — Dr. Peters lachte belustigt auf. „Gott sei Dank, daß es nur wenige von dieser Sorte giebt," bemerkte er dann, „wäre sonst ein Unglück für uns Aerzte." Wolfius hingegen war sehr ernst geworden. „Schelten Sie meinen Freund Eckert nicht, Mr. Hilbrecht," sagte er halblaut, „ich wette mit Ihnen, daß er den Mr. Prien noch eher fängt als Sie." „Wetten?" schrie der Amerikaner, „wie hoch? Kal- kulire, Mann, daß Sie dabei liegen, ^oval" „Ich wette um zehn Flaschen Sect, Sirl" „Abgemacht, Sie sind Zeuge, Doctor l" Mr. Hilbrecht reichte ihm die Hand, welche Wolfius kräftig schüttelte. „Sie reisen aber mit uns," sagte der Amerikaner, „dürfen Ihren Freund nicht sprechen." „Selbstverständlich, Mr. Hilbrecht." Ueber das ernste Gesicht des Detectivs zog's wie leiser Spott. „Eine Bedingung muß ich im Namen meines Freundes daran knüpfen," fuhr er rasch fort, „die Erlaubniß Ihrerseits, Sie holen zu lassen, wenn der Vogel im Netze steckt, um die Persönlichkeit desselben festzustellen." „H1 ri^llt, er kann mich rufen und ich komme, werde Ihnen meine Adresse in Moorkirch geben." „Dann müssen Sie sich ja immer zu Hause halten, Mr. Hilbrecht," wandte der Doctor ein. „Verdammt, das geht nicht, muß den olä doch packen." „Er darf Sie dort nicht sehen, Mr. Hilbrecht," sprach Wolfius, „bleiben Sie hier, bis mein Freund Eckert Sie ruft." „HaltenSie mich für ein Rhinozeros, Sir?" schrie der Amerikaner zornig, „wär' mir eine schöne Weitet — Nein, gleiche Sonne, gleiches Recht, ich lasse von seiner Spur nicht mehr und werde Ihnen das Feld nicht allein überlassen." Doctor Peters sah auf Wolfius, der ungeduldig die Achseln zuckte. Es schien ihm plötzlich ein anderes Licht über die Persönlichkeit desselben aufzugehen und sein Vorschlag ihm vollständig berechtigt zu sein. „Bitte, Mr. Hilbrecht," mischte er sich deshalb vermittelnd ein, „Ihr Zorn ist grundlos, Herr Wolfius hat recht, sein Vorschlag ist sehr vernünftig. Wenn jener Mensch Sie dort erblickt, so ist er hinreichend gewarnt, um sofort von der Bildfläche zu verschwinden. Mir ist es allerdings ganz unbegreiflich, weßhalb er nach dem Schauplatz seiner Verbrechen zurückkehren sollte. 342 Wenn Sie sich doch nur nicht in der Person getäuscht haben." „Unsinn, Sir! — Kenne den Vogel zu genau! Es war Mr. William Prien, darauf will ich gleich hunderttausend Dollars verwetten. Aber hier im Neste bleib' ich doch nicht." „Lassen Sie uns einen Ausweg suchen, Mr. Albrecht," begann der Doctor auf's Neue, „setzen Sie zum Exempel eine kurze Frist, Herr Wolfius." „Nun, sagen wir drei Tage," erwiderte der Detectiv rasch, „geben Sie mir diese kurze Frist, Mr. Albrecht, da ich meinen Freund doch erst instruiren muß." Dieser schüttelte den Kopf. „Unsinn, Mann, weder Sie noch Ihr Freund, der kranke Detectiv, kennen den Mr. Prien, was wollen Sie dort ohne mich beginnen? Und weiter, Sir! — was soll ein Kranker dort? — Kommt mir wahrhaftig beinahe der Gedanke, als ob Sie den Kerl entwischen lassen möchten." „Der Gedanke wäre doch zu dumm, Mr. Albrecht!" rief der Doctor, „ich bürge für diesen Herrn, — geben Sie nach, bleiben Sie drei Tage hier, mein Gott, die kurze Frist gewährte ja selbst der Tyrann von Syrakus." Der Amerikaner lächelte als Republikaner verächtlich über diesen ihm völlig unbekannten Tyrannen, den er für irgend einen deutschen Monarchen halten mochte. Endlich aber gelang es der vereinten Ueberredung der beiden Herren, ihn zum Bleiben zu bewegen. Er gab Handschlag und Wort darauf, versicherte aber energisch, daß er genau nach dreimal vierundzwanzig Stunden auch ungerufen sofort abreisen werde. Dann begleitete er sie nach dem Perron und sah ihrer Abfahrt zu. — — — Mittlerweile war Julius Steindorf mit dem Schnellzuge bis zur letzten Station vor Moorkirch gekommen und hier ausgestiegen. In dem eine Viertelstunde entfernten Dorfe, wo er hinreichend bekannt war, miethete er sich ein kräftiges Reitpferd und sprengte mit verhängten Zügeln über die Chaussee, welche an Notenhof vorüber nach Edenheim führte. Wo er sich eine Strecke abschneiden konnte, benutzte er ohne Skrupel die Feldwege, und nur vor dem früheren Heim, das er um eines Weibes willen verscherzt, hielt er das Pferd an, um mit wilderregten Augen hinüber zu schauen. Seine Lippen bewegten sich dabei lautlos, wie in einem inneren Krampfe, und wüthend ließ er die geborgte Reitgerte über das Pferd sausen, daß es im rasenden Galopp mit ihm davonstürmte. Wie die Gedanken während dieses tollen Rittes in seinem fiebernden Gehirn tobten, wie höhnend die Zeilen des verhüngnißvollen Documents in den Händen des verhaßten Doctors vor ihm in der Luft tanzten und — dann? — „Die Hölle ist los!" murmelte er plötzlich, als ob ihm die Kehle zugeschnürt wäre und mit einem Ruck hielt er das dahinstürmende Pferd an. Das gehetzte Thier zitterte heftig, er ließ es im Schritt gehen, nicht aus barmherziger Schonung, sondern nur deßhalb, weil er, als er den Edenheim'schen Boden betrat, seine Gedanken sammeln und ordnen wollte, um einen Entschluß für die nächste Stunde zu fassen. Immer finsterer wurde dabei sein Gesicht, das eine aschfahle Farbe angenommen hatte. Es erschien plötzlich wie gealtert unter der Wucht der Gedanken. „Bah, — Hirngespinnste, Kinderei!" murmelte er, „jetzt heißt es, das Letzte aus dem Schtffbruch retten. Der Doctor kann vor Abend nicht hier sein und —" Er brach ab und schüttelte sich, wie von einem plötzlichen Grauen gepackt. Dann wurde er ruhiger, sein Gesicht glättete sich und nahm den Ausdruck stiller Resignation wieder an. So gelangte er nach Edenheim, wo ihm von der Mamsell Evers der Bescheid wurde, daß Fräulein Holten nach der Stadt gefahren sei. „Und wann kehrt meine Braut zurück?" fragte er, sich gewaltsam bezwingend. „Das kann ich nicht sagen, sie war gestern auch dort und kehrte erst gegen Abend zurück." „Ich will hier warten," sagte er kurz und schritt die Treppe hinauf in's Wohnzimmer. „Wünsche ein wenig zu schlafen," wandte er sich noch einmal zu der Mamsell, als diese sich entfernen wollte, „und werde mich deshalb, um vor Störungen sicher zu sein, einschließen. Wenn das Fräulein zurückkehrt, klopfen Sie nur an." Die Mamsell ging und hörte kopfschüttelnd, wie Steindorf den Schlüssel umdrehte. Die Rollgardinen waren der Sonne halber herabgelassen, er konnte ungestört ruhen. Einen Augenblick stand er in der Mitte des ebenso geräumigen als behaglichen Zimmers, dessen gedämpftes Licht wohlthätig auf seine erhitzten Augen einwirkte. War ihre Abwesenheit ein Glück oder ein Unglück für ihn? — Er schien einen Augenblick darüber zu grübeln und richtete sich dann entschlossen auf. Er war mit sich im Reinen, da er sich, nach jener Vollmacht' zu schließen, unbedingt sagen mußte, daß nicht die Liebe zu ihm, sondern der Tod seines Kindes sie in seine Arme geführt habe, und es jetzt für ihn nur noch einen einzigen Weg gab, den der Selbsterhaltung und des eigenen Vortheils. „Ja, des Vortheils!" murmelte er mit einem hohn- vollen Blick auf die lebensgroßen Brustbilder von Arm- gard's Eltern, „die theure Braut hat's mir ja freigestellt, nehmen wir also unser Recht, da die Zeit mangelt, ihre Rückkehr zu erwarten. Vorwärts!" Er entledigte sich geräuschlos seiner eleganten Stiefel und lächelte befriedigt bei dem Gedanken, die Sporen, welche man ihm in jenem Dorfe angeboten, ausgeschla- gen zu haben. Ja, Herr Julius konnte in diesem Augenblick noch an kleinliche Nebendinge denken und darüber lächeln. Sonderbares Menschenhirn, das in den fürchterlichsten Augenblicken armseligen Gedanken nachhängen kann. Wieder stand er aufhorchend und lauschend still, rollte da nicht ein Wagen? Bah, sie waren ja bei der Heuernte beschäftigt, er hatte es vorhin trotz seiner wilden Aufregung sehr wohl bemerkt. Er ging geräuschlos nach der Thür, welche in Armgard's Boudoir führte, dieselbe war, wie er vermuthete, verschlossen. Der elegante Herr zog einen krumm gebogenen Nagel aus der Tasche, um das Schloß zu öffnen. Seine wohlgepflegte, schöngeformte, weiße Hand zitterte nicht bei diesem unheimlichen Thun. Dann zog er den Nagel plötzlich wieder zurück und starrte vor sich hin. „Wie lautete doch der Schlußpassus jener famosen Vollmacht?" fragte er sich, seine Gedanken anstrengend, „richtig, wenn ich die Verlobung aufheben wolle, wäre meine holde Braut zu jedem Opfer bereit. — Hätte gleich mit dem alten Narren von Doctor unterhandeln UM ' IWMI USW MM M« LÄ' .ÄK» )E rM»ÄW KXX.MS» W .M.K, LE MMtz ??<>'> 77^ MM .PS^UU «L 344 und die Sache in's Reine bringen sollen, anstatt jetzt zum gemeinen Einbrecher zu werden. Hm, wenn ich ihr einige Zeilen hier ließe, sie schwiege gewiß, weil sie zum Schaden noch Spott ernten würde. Und doch widerstrebt es mir, weil sie unerwartet heimkehren und mich dabei überraschen könnte. Vielleicht hat sie nicht viel Baares im Hause, die Zeit verrinnt, es würde zu spät für mich!" Er athmete schwer, der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn. Die kleine Standuhr schlug die vierte Nachmittagsstunde. „Vor sieben kann der nächste Zug nickt eintreffen," rechnete er, „ich halt's hier nicht aus. Also hin zu ihr auf dem schnellsten Nenner aus ihrem Stall. Noch wagt man es nicht, mir Widerspruch entgegen zu setzen. Um halb sechs Uhr muß ich in Moorkirch sein und eine halbe Stunde später schon über alle Berge. Bah, den Kopf hoch und Deinem Stern vertraut, Du bist jetzt aller Ketten ledig!" Er schauderte wieder zusammen, zog dann rasch die Stiefel an und verließ das Zimmer. „Habe drinnen Kopfschmerzen bekommen," sagte er zu der überraschten Mamsell, „will doch lieber nach der Stadt reiten, begegne meiner Braut vielleicht unterwegs." „Wollen Sie vorher etwas genießen, Herr Steindorf?" fragte sie gemessen. „Ein Glas Wein, wenn ich bitten darf, aber rasch," sagte er im Vorbeischreiten. Dann ging er schleunigst nach dem Pferdestall, wo sein abgehetzter Gaul sich an der Krippe gütlich that, suchte den besten Nenner heraus und befahl einem dienstfertig hinzutretenden Knechte, denselben sogleich zu satteln und vor's Haus zu führen. „Der versteht sich auf Pferde," brummte der Knecht einem Kameraden zu. „Und auf's Commandiren," meinte dieser mit einem scheuen Blick auf die dahinschreitende elegante Gestalt. Mamsell Evers stand bereits mit dem Wein auf der Treppe. Er stürzte zwei Gläser voll davon hinunter, schwang sich dann auf's Pferd und ritt im schärfsten Trabe davon. * * (Fortsetzung folgt.) Die Augsburger Weber zu Reichsstadt Zeiten. (Fortsetzung.) Daß die Weber nur Lustbarkeiten nachjagten, war jedoch keineswegs der Fall. Gerade sie zeichneten sich gegenüber den anderen Handwerkern aus in einer ernsten und würdigen Benützung der Stunden des Feierabends und des Sonntags. Schon im Jahr 1535 gab es in Augsburg Meistersängen, und der Rath räumte ihnen die Barfüßerkirche ein, wo sie „ob dem Altare Schule halten und über weltliche und geistliche Sachen singen durften." Unter den bis 1620 bekannten 280 Meistern erscheinen 86 Weber und nur 20 Kürschner, 11 Schneider und je unter 10 aus den anderen Gewerben. 39 Weber errangen sich „die Krone", ihr Genosse Hans Weidner wird in dem Verzeichnisse „der Dichter" genannt, und von dem 18mal gekrönten MeterOnufrius Schwarzenbach (ch 1574) ist bemerkt: „hat etlich sehr beliebte ton gemacht." Mit dem Jahre 1547 begann das Säkulum, welches den Wendepunkt im Leben der meisten Gewerbe bildet. Hatte der Schmalkaldische Krieg der einst berühmtesten Reichsstadt die aktive Rolle in der hohen Politik entrissen, so entlaubte der 30jährige Krieg den üppigen Baum des bürgerlichen Wohlstandes, und sechs Generationen harrten auf den neuen lebenskräftigen Wurzelausschlag. All- mälig verknöcherte der ganze Staatskörper, und beinahe alle seine Bestandtheile wurden unempfindlich gegen die Regungen einer neuen Zeit. Nachdem Kaiser Karl V. am 3. August 1548 die Zünfte aufgelöst, die Zunfthäuser verkauft und vie Vermögen eingezogen hatte, schloffen sich die verwandten Gewerbe als Vereine oder Innungen an einander und der politischen Bedeutung entkleidet, regelten sie nimmer ihre eigenen Angelegenheiten, sondern die Verwaltung ging in die Hand eines Vorstehers, zweier Rathsdepu- tirten und Geschworenen, durchweg obrigkeitlich bestellte Personen, über. Nur die immerhin noch zahlreichen Weber behaupteten insofern eine bevorzugte Stellung, als sie ihr Zunfthaus behielten und die Deputation aus 3 Rathsgliedern und 3 Beisitzern aus dem Handwerk gebildet wurde. Die Mehrheit der Weber erfreute sich noch eines leidlichen Auskommens, und sie sahen hoffnungsvoll in die Zukunft, seit einige Reichsstädte von 1594 an wegen Verbesserung ihres Looses wiederholt in Ulm tagten und die Reichsstände zu Regensburg 1603 die Ausfuhr der Baumwolle aus Deutschland verboten hatten. Noch vergiftete das Mißtrauen das Gewerbe nicht, um in einem Versuche, den Webstoffen ein anderes Aussehen zu verleihen, einen bedenklichen Feind zu wittern. Deshalb blieb Jörg Hofmann wegen der 1523 eingerichteten Barchentdruckerei unbehelligt. Trostloser, als sich denken ließ, gestalteten sich aber alle Verhältnisse in der von 1617 bis 1635 durch Krieg, Hunger und Seuchen gequälten Stadt. Die Einwohnerzahl stürzte von 44,000 auf 16,432 herab, und wenn sie sich auch im August 1645 wieder auf 21,018 Köpfe erhob, so war die Verarmung so groß, daß die höchste Steuer nur 428 Gulden betrug gegenüber 2666 Gulden im Jahre 1617. Ein kümmerliches Brod gaben nur noch 500 Webstühle. Wer bei derartigen Zuständen aus den Zunftbüchern und Acten des Weberhauses von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erfreuliche Aufzeichnungen erwartet, täuscht sich. Meist mit kleinlichen, mitunter recht sonderbaren Angelegenheiten hatten sich die Vorsteher und Beigeordneten zu befassen, wodurch die besten Gelegenheiten verpaßt wurden, das Gewerbe aus dem steril gewordenen Arbeitsfelde in einen jugendlich frischen Boden zu verpflanzen. Es brauchte allerdings geraume Zeit, bis der Handel wieder erstarkte und das tägliche Brod in den Werkstätten nimmer fehlte, daher die Deputirten auf dem Weberhause mehr als Armenpfleger amtirten, anstatt für die Neubelebung des Handwerks sorgen zu können. Jedoch bemühte sich der Rath redlich, dem Commercium aufzuhelfen. Dabei erschien ihm als das zweckmäßigste Mittel, der Weberei unter die Arme zu greifen, die Begünstigung der Barchentdruckerei. Er ließ, als dem Bedürfnisse genügend erscheinend, 16 Druckereien zu, nur sollten auch die gedruckten Waaren zur Schau gebracht werden, und er verbot sowohl das Hinausverkaufen der weißen Tücher, 1 345 als auch das Bleichen in den Privatgärten, um dem Aerario das Ungeld von den Brabanterlen nicht zu entziehen. Auch aus gleichem Grunde sah er gerne, daß 1698 die Brüder Georg und Jeremias Neuhofer, in Holland mit der Krapprothfärberei bekannt geworden, als die ersten Kattundrucker in Deutschland sich hier niederließen und ihnen Johann Apfel mit Verbesserungen im Zitzdrucke und Johann Georg Gignoux aus Genf, welcher die Kupferplatten einführte, nachfolgten. Allen diesen Neuerungen gegenüber verhielten sich die Weber ruhig, nur die mit ihnen im Verbände stehenden Färber wollten die Aufstellung eigener Farbkessel den Druckern nicht verwilligen, welchen Anstand diese durch die Verwendung von Färbermeistern oder durch die Erwerbung einer Färbereigerechtigkeit beseitigten. So behelligte lange Zeit dieser aufblühende Geschäftszweig das Weberhaus nicht. Dort wurden nur Streitigkeiten wegen der Lehr- von 1542 wegen der Aufnahme eines Wasenmeisterssohnes in die Lehre wiederholen. Die Weigerung berief sich auf den Umstand, daß Friedrich die unter den Schergen gestandenen Personen angetastet habe. Dagegen machte der Rath mit Recht geltend, daß die Neichspolizei-Ordnungen von 1548 und 1577 außer dem Scharfrichter Niemand kennen, welchen eine dienstliche Verrichtung ehrlos machte, und die Schau mußte sich fügen; doch erhielt sie die Versicherung, der Rath werde ihren guten Namen zu schützen wissen, falls er angegriffen werden sollte. Die Knappen gaben sich dadurch nicht zufrieden, und sie schloffen Friedrichs Gesellen, neben denen sie nicht sitzen wollten, von der Auflage aus. Es wurden von den Reichsstädten Cöln, Nürnberg und Memmingen Gutachten eingeholt, und auf Grund derselben erging an die Büchsen- meister der Befehl, die angefeindeten Gesellen, welchen allerdings das Züchtigen der Sträflinge untersagt wurde, -HA;«' « , », ''ÄSZ? Kladl Lindau (vom Hafen aus). jungen und der Knappen geschlichtet, Gesuche um das Meisterrecht geprüft, was bei auswärtigen Bewerbern, falls sie nicht beabsichtigten eine Meisters-Wittwe oder -Tochter zu heirathen, nicht immer glatt verlief, wie bei dem verheiratheten Andreas Lang von Hohenmemmingen, der 1724 „vom Handwerk abgewiesen wurde, weil schon 71 Weber im Almosen stehen und mit derlei Gesellen das Leihhaus überlaufen werde", oder die Deputirten sannen auf Mittel, „wie dem bei der Gesellschaft über- hand nehmenden Laster der Unlauterkeit zu steuren sei", und dergleichen mehr. Doch gelangten auch außerordentliche Fälle vor ihr Forum. Als der in den städtischen Dienst eines Zuchthausvaters getretene Weber Johann Friedrich 1725 seine Waare der Schau vorlegte, wiesen sie die Stimmirmeister zurück, um nicht in üblen Ruf zu kommen, und die Sache nahm den Anschein, als wolle sich der langwierige Proceß zur Auflage zuzulassen. Zwei Jahre später war ein anderer Streit zu entscheiden. Der ledige Webergeselle Joh. G. Kraus von Adelsried verfertigte die hier nicht üblichen seidenen Wienertüchlein, und die Bußmeister belegten sie mit Beschlag. Die darüber gehörte Weberschaft räumte zwar ein, sie, obwohl dazu befähigt, gebe sich mit diesen Tüch- lein nicht ab, weil dabei nichts herauskomme, und deßhalb schädige Kraus das Handwerk nicht, allein es sei wider das Herkommen, daß ein ausländischer Knappe auf eigene Hand arbeite, und er solle bei einem Meister um Speis und Lohn den Webstuhl aufstellen. In diesem Sinne fiel dann die Sentenz aus. (Schluß folgt.) 346 Der Ausbruch des Vulrans Calbueo. Ueber den heftigen Ausbruch dieses chilenischen feuerspeienden Berges entnehmen wir einem uns freundlichst zur Verfügung gestellten Briefe eines deutschen Landsmannes in Puerto Montt (Chile) folgende Einzelheiten. Der Bericht wird einen um so größeren Theil unserer Leser interesstren, wenn wir beifügen, daß in Puerto Montt und um den See Llanquihue herum eine aus rund 40,000 (meist katholischen) Deutschen gebildete Ansiedelung besteht, deren Mitglieder größtentheils aus Westfalen stammen, und die durch Jesuiten der deutschen Ordensprovinz pastorirt werden. Der Aschenregen des Calbuco fiel einige Male auf eine Ausdehnung bon 200 Kilometer im Umkreise und bedeckte die Erde mit einigen Millimeter bis zu einem halben Zoll mit Aschensand. Ein großer Schlamm- Ausbruch im letzten April riß in den Bergabhang ein in weiterer Entfernung von 8 bis 40 Meilen feiner Aschensand oder leichte Aschenflöckchen wie dünner Schnee. Die Luft wird von dieser Asche getrübt, das Athmen für die Lungen beschwerlich, und besonders die Augen werden schmerzhaft gereizt. Beim Fallen der Asche weroen die Dächer und Pflanzen allmälig weiß, und wer ausgeht, sieht seinen schwarzen Hut und die Kleider bald mit weißer bzw. grauer Asche überstreut. Das Brüllen des Vulkans bei Ausbrüchen ist schrecklich; in der Nähe bis auf vier Meilen zittern die Häuser und der Boden; in weiterer Ferne bis auf 12 und 20 Meilen sind die Donner und unterirdischen Getöse mit Geknatter und Rollen vernehmbar. In den Wolken der Rauchsäule, welche sich ein Mal bis zu 11,000 Meter erhob, entwickelten sich mitunter Gewitter, d. h. elektrische Erscheinungen mit Blitz und Donner. Diese Gewitter aber sind verschieden von der unterirdischen Feuerthätigkeit; auch WWW -.i WÄLZ Hafen tn Lindau mit Leuchttnurm. Bett von 100 Meter Breite und wälzte haushohe Felsblöcke mit zerknickten Riesenbäumen durch die Ebene in der Richtung der menschlichen Wohnungen, welche er aber verschonte. Rauch und Dampf steigt aus vielen Kratern auf. Gewöhnlich ist die Thätigkeit des Vulkans mäßig. Die außergewöhnlichen Ausbrüche fanden bis zum 28. November 1893 alle zwei bis vier Wochen statt und bestanden in einer majestätischen Rauchsäule von einer Dicke und Höhe, wie nur ein Vulcan sie hervorzubringen im Stande ist. Die Form der Rauchsäule ist einem offenen Schirm ähnlich, wenn Windstille herrscht; ist Wind, so wird die Masse geneigt; zuweilen zieht sich die Nauchwolken-Säule schwarz bis an den fernen Horizont hin. Die Farbe der aufsteigenden Säule , ist weiß (reiner Wafferdampf) oder gelb und bläulich (Wasierdampf mit Asche gemischt). Am Vulcankegel fallen glühende oder kalte Auswürflinge (Steine), in mittlerer Entfernung Bimsstein, Basaltsplitter und feiner scharfer Aschensand; fällt bei diesen Gewittern kein Tropfen Regen. Der Ausbruch am 5. August des vorigen Jahres war so heftig, daß die Gebirgsbewohner im Relonkavi wegen der furchtbaren Blitze und des ununterbrochenen Donners glaubten, das Ende der Welt nahe heran. Sie meinten, die ganze Cordillera, dieser gewaltige Gebirgsstock, stürze zusammen. Der Ausbruch am 4. October v. I. war nach einer andern Richtung so gewaltig, daß die Bewohner in Entfernung von vier Meilen am frühen Nachmittag (October ist Sommerszeit) in stockfinstere Nacht gehüllt wurden und die Asche derart das Gras und die Büsche überschüttete, daß das Vieh in ferne Gegenden getrieben werden mußte, um Futter zu finden. Das Vieh, welches mit dem Grase die Asche hineinfraß, wurde krank, magerte ab und starb in großer Anzahl weg. Die Preise des Viehes fielen stark, und doch mochte Keiner kaufen. Der größte und majestätischste Ausbruch war am Vorabend des St. Andreasfestes (29. Nov. 1893). Um 347 71/4 Uhr Morgens (es war ein sonniger Sommer-Morgen) verließ ich das Zimmer. Unten im Hausflur sagte man mir: „Sehen Sie den Vulcan!" Ich schaute durch's Fenster nach Osten (der Vulcan liegt acht Stunden weit). Das halbe Firmament war mit weißen und grauen Wolkenmassen, welche unaufhaltsam sich weiter stießen, überzogen. Ich ging zur h. Messe. Nach Danksagung und kurzem Frühstück eilte ich in den Garten auf unsern Hügel. Die Zimmerleute auf dem Hofe konnten kaum noch arbeiten. Es war ^/z9 Uhr. Oben auf dem Hügel ist Rundsicht nach der ganzen Windrose. Ein Drittel des Firmaments nachSüden war noch frei, zwei Drittel schwarz. JmHafen lag der Dampfer von Valparaiso vorAnker. Aus den schwarzen Wolken grollte der Donner, zuckten Blitze. Zu ebener Erde war Südwind, in den obern Luftschichten Nordostwind. Um 9 Uhr rief mich die Hausglocke zur Pforte. Vor der Dunkelheit konnte ich nur die nächsten Gegenstände sehen. Die Straßen-Laternen hatte man angezündet. Die elektrischen Lampen des Postdampfers leuchteten schwach vom Hafen herüber; denn schon fiel Asche. Unten im Hause fand ich Licht in allen Zimmern. Ich eilte wieder auf den Hügel zurück, da kein Ort geeigneter war, diese großartige Natur-Erscheinung zu beobachten. Es war 91/4 Uhr: der letzte helle Fleck am südlichen Horizont verschwand. Von den Bäumen um mich, dem Erdboden, auf dem ich saß, dem Glockenthurm, welcher dicht hinter mir sich erhebt, ja von den Laternen sah ich nichts mehr. Da hielt ich die Finger beider Hände dicht vor die Augen, um den Grad der Dunkelheit zu prüfen. Kein Schimmer. Es war stockfinster. Ich saß zusammengekauert mit dem Rücken gegen den Aschenregen, über dem Kopf unter dem Hut ein Taschentuch herabhängend, um die Augen und den Mund vor der beizenden Aschen- Lauge zu schützen. Von ^10 bis 11 Uhr saß ich da. Die Natur war still; still die Stadt, selbst die Thierwelt regte sich nicht. Wie lange wird diese Finsterniß dauern? Ralhhaus in Kindau (Nordseite). Keine Berechnung ist möglich. Vielleicht wird sie nach einigen Stunden vergehen? Da läutet plötzlich die Kirchenglocke. Was ist das? Ich ahnte es. Das wird eine Betstunde sein. Und so war es. Man hatte beschlossen, das Volk in der Kirche zum Gebet zu versammeln. Ich blieb auf dem Hügel; denn man wird noch einmal läuten. Nach 11 Uhr hob ich meine Hand vor die Augen, es schien mir, als mache sie einen schwachen Eindruck auf die Sehnerven. Ich hatte mich nicht getäuscht; alsbald ertönte ein Hahnenschrei und aus allen Höfen stimmten die Hähne ein. Die Dunkelheit nahm ab. Um 11^/4 Uhr läutete die Glocke zum zweiten Mal; das Volk kam zahlreich zur Kirche. — Vor dem Aller- heiligsten wurde bei Kerzenschein gebetet. Um 12 Uhr konnte man ohne Licht lesen. Die Natur erwachte in einem grauen Trauergewande. Die Menschen wandelten alle wie Müller umher. Der weiße Aschen- staublageinenViertel- Centtmeter dick, an andern Orten ein bis zwei Centimeter. Noch zwei Tage nebelte es feine Asche. Möchte doch einTropfenRegen kommen, um die Luft zu reinigen und die Natur abzuwaschen! Doch umsonst war dieser Wunsch. Das Trauerkleid sollte viele Tage liegen bleiben. Was war nun der Eindruck dieser Katastrophe auf die Menschen? Welches war ihr Umfang und ihre Ausdehnung? Welches die Ursachen und Wirkungen ? Der Eindruck war zunächst ein gewaltiger,aber stiller. Mit tiefer Finsterniß umschloß eben der allmächtige Schöpfer alle lebenden Wesen am hohen Sommertage. Die Thiere zunächst, so erzählten nachher die Landleute, wurden unruhig; die Gänse kehrten heim, verwirrt blökten die Schafe, die Vögel piepten. Von den Menschen weinten einige, andere sagten: das jüngste Gericht kommt heran. Der Umfang und die Ausdehnung des Ausbruchs ist, wie sich aus den Berichten ergibt, groß gewesen. Die volle Finsterniß hat ungefähr 40 Quadratmeilen Landes eingehüllt, theilweise Finsterniß vielleicht weitere 40 Qua- 348 dratmeilen. Der Aschenregen fiel nördlich bis Valdivia, südlich bis Castro, also in einem Durchmesser von etwa 200 Kilometer — 50 chilen. Meilen — 25 geogr. Meilen. Der See Llanquihue am Fuße des Vulcans mit einer Oberfläche von 40 X 41 — rund 1600 Qu.- Kilometer sank im Anfange des Ausbruchs um vier Centi- meter in wenigen Minuten. Wohin ging diese Wassermenge? In das Feuer? Denke man sich 64,000,000 Kubikmeter in Wasserdampf verwandelt! Die Wirkungen dieses Ausbruchs, wer kann sie ermessen? Menschenleben sind bis jetzt nicht zu beklagen. Viele Kühe sind umgekommen, das Erdreich ist aber durch die Asche besser geworden. Mit der einen Hand züchtigt der Herr, mit der andern spendet er Wohlthaten. (K. Vztg.) — -- Allerlei. Die Hinterlassenschaft großer Componi st en. Haydn befand sich in sehr guttu Verhältnissen. Außer mehreren Dutzend Schnupftabaksdosen, von denen die meisten, mit Brillanten besetzt, Geschenke seines Gönners, des Fürsten Esterhazy, einiger Souveräne und anderer vornehmer Herren waren, hinterließ er 12 goldene Preismedaillen, ihm zu Ehren geprägt und eine Menge goldgestickter Uniformen. Brillantringe und Brillanttuchnadeln und eine beträchtliche Summe vervollständigten sein Vermögen. — Auch Beethoven hinterließ eine große Summe in baarem Gelde. — Sehr gering dagegen war, was man bei Mozart fand. — Franz Schuberts Effekten jedoch waren die eines vollständig Verarmten. Er hinterließ nur einen Anzug nebst 10 Gulden 54 Kreuzern Papiergeld. - Zu unseren Bildern. Floßfahrt. Auf der Jsar geht's abtt) Und 's Wasser geht groß; Dös schäumt so schön grün, Und da arbeit' der Floß. Jetzt geht's um a Reiben,') Jetzt reißt's uns am Sand — Wenn ma's jetza nit richten, Fliegt all's auseinand'I Und der Sepp, der packt's Ruder, Der Hiesl packt's Steuer, Dös is dir a G'frett') Mit dem Wafferg'schäft Heuer?) Nur der Alte, der lacht Zu dem Dirndl daneben: „Siehgst, wie durch dös Wasser, So roast ma durch's Leben! Ha, fürchst di' jetzt nit, Mir fall'n allez'samm 'nein?" Da lacht die schön' G'sellin Und halt't st' fest ein. „Na. Alter," hat's g'sagt, „Schaug, dös is ja a Freud' Wie wilder 's dohingeht, Wie größer wird d' Schneid! As Wetter und 's Wasser Darf warm sein und kalt: Wenn der nur dabei is, An dem ma' st' halt't." _ Karl Stieler. Lindau. Lindau, unmittelbare Stadt und klimatischer Kurort im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben, auf einer Insel im Bodensee, welche mit dem Festlande durch eine 219 Meter lange Holz- ') hinab. ') eine Ecke. ') eine Mühsal. ') dieses Jahr. brücke und durch einen 555 Meter langen Eisenbahndamm in Verbindung steht, Knotenpunkt der Linie München-Lindau der bayerischen Staatsbahn und Bludenz-Lindau der Vorarlberger Bahn, hat eine evangelische und eine katholische Kirche, ein altes und ein neues Rathhaus, einen alten römischen Wartthurm („Heidenmauer"), einen bedeutenden Getreidehandel, ein Theater, zwei Seebadeanstalten, ein reichdotirtes Spital und einen sehr schönen Hafen (Maximilianshafen), an welchem seit 1856 das Standbild des Königs Maximilian II. steht. Die Zahl der Einwohner beträgt mit der Garnison ca. 6000. Bedeutender Wein-, Obst- und Gemüsebau. Lindau hat ein Amtsgericht, Hauptzollamt, eine Latein-, Real- und Musikschule und eine Stadtbiblio- thek. Bereits die Römer hatten aus der Insel ein Lager gegen die Vindelicier und Alemannen (Oasdrum Mdsrii). Zur Zeit der Karolinger kommt (882) der Ort urkundlich unter dem Namen Lintowa vor. In einer Urkunde Rudolphs von Habsburg von 1274 erscheint Lindau als Reichsstadt. 1331 schloß sich die Stadt dem Schwäbischen Städtebund an. 1496 fand ein Reichstag dortselbst statt. Die Stadt trat 1530 der Reformation bei. 1646—47 wurde sie von den Schweden unter Wrangel vergeblich belagert. Erst 1803, beim Reichsdeputations-Hauptschluß, fiel Lindau's Selbstständigkeit. Napoleon's eiserner Besen hatte sie über den Haufen geworfen. Der eigentliche Sieger über die ein halbes Jahrtausend währende Freiheit war freilich kein Monarch von Weltbedeutung, es war — der Fürst von Bretzenheim. Lindau wurde bretzenheimisch I Erst 1605 kam die Stadt an Bayern, dem sie ihre heutige Blüthe verdankt. Der Bretzenheimer Staat verfiel dem Wandel der Geschichte. An dem schönen Lindavia-Brunnen, welchen Thiersch in Gemeinschaft mit dem Münchener Bildhauer Rümann schuf, an den Hafenbauten und neuerdings an der Wiederherstellung des Rathhauses steht man, daß es den alten Reichsstädtern nicht an Lust fehlt, ihre Stadt zu verschönern, und nicht an den Mitteln dazu, daß sie also unter dem bayerischen Löwen ihre Rechnung finden und sich wohl fühlen. — Und daß der Wohlstand nicht von gestern und die malerische Schmuckweise des Rathhauses nickt der Stadt etwas Fremdes ist, das steht man an dem von 1728 stammenden „Kawazzenhaus", dessen Außenseite vom Dach bis zum Sockel mit Bildwerk überdeckt ist. Auch das Innere des Rathhauses bietet mancherlei Sehenswerthes. ^ Auf derselben Insel, auf welcher Lindau liegt, befand sich ein gefürstetes Frauenstift, welches angeblich bereits 866 bestand und 1803 aufgelöst wurde. Also, Ihr Reisenden — nicht so hastig von der Eisenbahn zum Schiff! Lindau ist einer Rast und einer Umschau werth. Der Bodensee ist so reich an landschaftlichen Schönheiten! (Unsere Bilder sind nach Photographien von I. Bilgeri, Photograph in Lindau i B.) ZLitder-Yäthser. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 44: Weiß. Schwarz. 1. T. 24 »4 2 K. 23-22 Matt oder 66-05 1. 2. L—63 Malt oder 67-V6 1. 2. L-22 Matt oder V7-26 1. S. 26-04 2. L-64 Matt. 4-^-1-— ^L46. Ireitag, den 8. Juni 18S4. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstilutS von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). »- Tante Kanna's Oeßeimniß. Original-Noman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Armgard Holten befand sich in ihrem Hause in Moorkirch. Hierher war sie geflüchtet vor der qualvollen Unruhe ihres Innern, vor einem Schreckgespenst, das sie verfolgte, seitdem Doctor Peters die Vollmacht zum Handeln von ihr erhalten hatte. Sie fürchtete sich vor ihren eigenen Gedanken, da die alten Zweifel wieder Besitz von ihr genommen hatten und sie unablässig mit der Frage peinigten, ob sie recht daran gethan, einem Ertrinkenden den letzten Strohhalm der Rettung zu entziehen, ihn angesichts des Hafens in's stürmische Meer wieder hinauszustoßen? Das gemordete Kind schien die Hände nach ihr auszustrecken, um sie festzuhalten und an ihre Pflicht zu mahnen. Ihre ganze Willenskraft und klare, kalte Lebensanschauung, welche sie sich so schwer erkämpft hatte, waren von ihr gewichen und nur die Schwäche und muthlose Resignation zurückgeblieben. Sie wunderte sich über die eigene jäh aufgeflackerte Thatkraft, mit welcher sie die Vollmacht geschrieben und sich urplötzlich zum Handeln aufgerafft hatte, und entfloh nach der Stadt, von dem unbestimmten Angstgefühl getrieben, daß jede nächste Stunde ihr etwas Entsetzliches bringen müsse. Er würde kommen, um Rechenschaft von ihr zu fordern für ihren Wortbruch, der Mann, den sie einst als Kind so leidenschaftlich geliebt und vor dem sie jetzt ein Grauen, eine unsägliche Furcht empfand. Auch hier in der Stadt mußte er sie finden, sein erster Gang würde doch ihrem Hause gelten. Wohin sollte sie vor ihm flüchten? „In's Hospital — zu Taute Hanna!" sprach sie unwillkürlich diesen rettenden Gedanken laut und entschlossen aus, ohne zu bemerken, daß die alte Wirthschaftet sie bekümmert beobachtete und sich besorgt im Zimmer zu schaffen machte, um in ihrer Nähe zu sein, da sie ihr Fräulein noch für recht krank hielt. Die plötzliche Energie Armgard's beruhigte sie ein wenig, sie brachte ihr geschäftig Hut, Handschuhe und Sonnenschirm und bemerkte zu ihrem Manne, daß das Fräulein recht merkwürdig seit ihrer Verlobung geworden sei, was dieser sehr natürlich fand, da die alte Liebe, welche so lange eingerostet gewesen sei, nun eine viel „dollere Confuschon" bei einem Frauenzimmer anrichten thäte. Armgard schritt in der gewohnten graziösen Haltung durch die Straßen dem etwas entlegenen Krankenhause zu. Man blickte der anmuthigen Gestalt nach, grüßte vielfach und machte seine Glossen über die verliebte Erbin, welche mit ihrem Reichthum so lange auf den ungetreuen Liebsten gewartet und sich endlich noch zum Gespött der Stadt gemacht hatte. Man gönnte ihr diesen Mann von Herzen, der sie doch nur ihres Geldes halber jetzt heirathe, und verurtheiltc sie, daß sie nicht einmal soviel Anstandsgefühl bewahrt und das Trauerjahr um das so schmählich gemordete Kind innegehalten habe. Armgard hörte glücklicherweise nichts von diesem Urtheil, anscheinend ruhig und stolz schritt sie dahin, freundlich die Grüße erwidernd. So gelangte sie unangefochten in's Krankenhaus, wo der Arzt sie freundlich begrüßte und sie sofort auf ihre Bitte zu Tante Hanna führte. „Sie hat heute einen besonders guten Tag, zeigt eine erfreuliche Aufmerksamkeit für die Außenwelt und nimmt merklich an körperlichen Kräften zu," sagte der Arzt, sie die Treppe hinaufgeleitend. „Gehen Sie dort nur hinein, mein gnädiges Fräulein, Tante Hanna sitzt in ihrem Lehnstnhl am Fenster." Armgard dankte ihm und öffnete behutsam die Thür. In dem freundlichen Zimmer duftete und blühte ein reicher Blumenflor, da man von allen Seiten der guten Tante Hanna die schönsten Sträuße sandte, unbekümmert, ob sie sich daran erfreuen konnte oder ob ihr Auge theilnahmlos darüber hinstreifte. Dankbare Herzen hatten das Bedürfniß ihrer Liebe für die Greisin Ausdruck zu geben und wären unsagbar glücklich gewesen, hätten sie ahnen können, daß Tante Hanna bereits die Nähe ihrer Lieblinge empfand und ihr Blick mit einem sinnenden Ausdruck auf den Blumen haftete. Die Wärterin erhob sich bei Armgard's Erscheinen und deutete lächelnd aus die Kranke, deren Stuhl dicht an das offene Fenster gerückt war, damit ihr der volle, ungehinderte Ucberblick des blühenden Gartens zu Theil wurde. Die Aerzte hatten die Beobachtung gemacht, daß die frische Luft und der Anblick der Blumen in jeder Hinsicht belebend auf sie einwirkten, und sich deshalb veranlaßt gesehen, dieses Heilmittel bei dem an- — 350 haltend sonnigen Wetter in unbeschranktester Weise anzuwenden. Armgard trat mit freundlichem Kopfnicken gegen die Wärterin rctsch zu Tante Hanna, die ihr langsam das bleiche Gesicht zuwandte und sie forschend anblickte. „Grüß' Gott, Tanlchen," sagte sie, sich zu der kleinen Gestalt niederbeugend und ihre Stirn küssend, „hier ist's schön und stillbehaglich bei Ihnen." Die Greisin lächelte ihr zu und schien sich auf ihren Namen zu besinnen. „Bleiben Sie eine Weile, Fräulein?" fragte die Wärterin, „ich habe etwas zu besorgen." „Gehen Sie nur, meine Liebe, Tante Hanna ist gut bei mir aufgehoben." Die Wärterin verließ das Zimmer. „Nun, Tantchen," fuhr Armgard, die Hand der Kranken zärtlich streichend, fort, „strengen Sie Ihre Gedanken an, wer bin ich?" Die Greisin tastete sich unruhig über die Stirn, blickte sie wiederholt an und sagte traurig: „Ich kenne das Gesicht, ja, ja, ach, Du bist die gute Arm— nein, nun schiebt sich wieder etwas vor." „Doch, Tantchen, Sie sind auf dem rechten Wege, nur weiter. Sie sagten — Arm—" „Es ist ja zu, Kind, — die Namen sind mir verschlossen, — ich kenne ja auch den schrecklichen Mann, aber seinen Namen weiß ich nicht mehr." „Welchen schrecklichen Mann, Tante Hanna?" fragte Armgard forschend. „Tante Hanna bin ich, — den Namen weiß ich, — aber den andern, — es war im Feuer, ich sah's ja deutlich. — Sieh' da, da," setzte sie plötzlich, sich mit unnatürlicher Kraft erhebend, hinzu, indem sie mit dem Zeigefinger der Rechten in den Garten hinaus- deutete, „dort geht er, der schreckliche Mann mit der Maske, welcher mit dem Hammer mich traf, sieh' hin, Armgard Holten, — es ist der Mensch, welcher Dich verrieth, — Julius Steindorfl" Sie sank mit einem Seufzer ohnmächtig zurück, während Armgard, selber mit einer Ohnmacht ringend, nicht im Stande war, ihr zu Hülfe zu kommen, sondern, sich wankend an der Lehne des Sessels haltend, mit entsetztem Blick in den Garten hinausstarrte, wo in der That Julius Steindorf sich befand. Hatte die Kranke gefiebert oder eine gräßliche Wahrheit ausgesprochen? — Das Letztere drängte sich ihr gewaltsam auf, da Tante Hanna ihren Namen und damit die Erinnerung wiedergefunden beim Anblick jenes Asannes, dem sie sich verlobt hatte. — Eine tödtliche Angst überfiel sie, in ihrem Gehirn schien eine tobende Blutwelle wie ein Sturm zu brausen und zu rauschen, sie sah nur noch undeutlich, wie Steindorf mit einem Gartenarbciter sprach, und sank mit einem wilden Aufschrei bewußtlos anf den Boden nieder. In diesem Augenblick trat die Wärterin, welche den Schrei draußen gehört, erschreckt ein. Ohne eine Ahnung dessen, was geschehen, klingelte sie um Hülfe, worauf eine andere Wärterin herbeieilte, mit deren Beistand Tante Hanna in's Bett geschafft und Armgard in den Lehnstuhl gehoben wurde. Dann riefen sie den Arzt, welcher der Wärterin einen Verweis wegen des eigenmächtigen Verlassens der ihrer Obhut anvertrauten Kranken ertheilte und Armgard durch belebende Mittel rasch wieder zum Bewußtsein brachte. „Bringen Sie der Dame ein Glas Wein!" befahl er sodann, sich an Tante Hanna's Lager begebend, wo die Sache, wie er sagte, schlimmer aussah, da er einen Schlaganfall befürchtete. Zum Glück bewahrheitete sich dieses nicht, auch Tante Hanna kam wieder in's Leben zurück und begann zu seinem Erstaunen sofort damit, ihre Augen unruhig umherwandern zu lassen, ihn dann mit einem seltsamen Ausdruck anzuschauen und die Frage an ihn zu richten, ob sie lange geschlafen habe. „Nein," versetzte der Arzt, „Sie waren ein wenig ohnmächtig geworden, Tante Hanna, Sie und Fräulein Armgard Holten, welche sich gerade bei Ihnen befand und auch noch recht schwach zu sein scheint. Vielleicht haben die Blumen einen zu starken Duft für Ihre Nerven." Die Kranke sah unruhig vor sich hin. „Ich habe geträumt," sprach sie leise, „sah den schrecklichen Mann mit der Maske und wußte auch seinen Namen. Nun ist alles wieder dunkel in meinem Kopfe." „Ja, Tante Hanna, Sie haben sicherlich geträumt," beruhigte sie der Arzt, „und müssen jetzt schlafen." Die Wärterin mußte ihr ein Getränk mischen, das sie willig nahm und dann wie ein gehorsames Kind die Augen schloß. Armgard Holten saß in dem hohen Lehnstuhl und sah und hörte Alles wie im Traum, bis der Arzt sich wieder zu ihr wandte. „Fühlen Sie sich gestärkt genug, mein Fräulein, das Zimmer zu verlassen?" fragte er, besorgt ihren Puls fühlend. „Herr Steindorf ist unten," meldete ein Mädchen, „er läßt anfragen, ob Fräulein Holten wieder wohl genug sei, mit ihm nach Hanse zurückzukehren." Aruigard blickte den Arzt an. „Ich fühle mich noch zu schwach dazu," sagte sie, „möchte aber eiuige Worte mit Herrn Steindorf sprechen. Haben Sie vielleicht auf fünf Minuten ein Zimmer disponibel, Herr Doctor?" „Ich biete Ihnen das meinige an, gnädiges Fräulein!" versetzte der Arzt, ihr achtungsvoll seinen Arm reichend, welchen sie, sich rasch erhebend, ohne Zögern annahm und mit ihm das Krankenzimmer verließ. „Ich werde jetzt Herrn Steindorf, den ich vom Ansehen kenne, selbst benachrichtigen und hierherbringen," setzte der gefällige Arzt, sich verbeugend, hinzu, indem er seine Zimmerthür öffnete und sie mit einer höflichen Beweggng zum Eintreten einlud. Armgard raffte jetzt ihren ganzen Muth zusammen, um den Anblick des Entsetzlichen zu ertragen. Sie erwog bei sich, daß es strafbar sei, das Wort einer geistig Gestörten ohne Weiteres für Wahrheit zu halten, und war entschlossen, sich jetzt die Gewißheit zu verschaffen um jeden Preis. Ein Plan war wie ein' Blitzstrahl durch ihr Gehirn geschossen, und dann?-Wenn Tante Hanna wahr gesprochen, sollte sie ihn dem Richter überliefern? Sie hatte keine Zeit mehr, sich diese furchtbare Frage zu beantworten, da im selben Augenblick geklopft wurde und Julius Steindorf eintrat. Armgard wollte sich entschlossen aufrichten, doch zitterten ihre Kniee so heftig, daß sie sich wankend auf's Sopha niederlassen mußte. „Theuerste!" rief Steindorf, auf sie zueilend und sofort vor ihr auf die Kniee niedersinkend, „ist es denn wahr, was jener Doctor mir gesagt? Kann es möglich 351 sein, daß Deine Hand das Abscheuliche niedergeschrieben, was uns trennen und mich vernichten soll?" Diese theatralischen Worte beseitigten Armgard's Furcht und Schwäche und erfüllten sie mit Widerwillen und Abscheu. „Stehen Sie auf, mein Herrl" sprach sie kalt, „ich habe mit Ihnen nur wenige Worte zu reden." Ueberrascht erhob er sich, ein unruhiges Gefühl überkam ihn, und stechend hefteten sich seine Augen auf ihr bleiches Antlitz, das in diesem Moment den früheren Ausdruck ruhiger Entschlossenheit und Würde wieder erhalten hatte. Sie senkte den Blick und bemerkte auf dem vor ihr stehenden Tisch eine spiegelblanke Scheere, welche einer daneben liegenden Verbandtasche entnommen zu sein schien. „Zuerst möchte ich Sie bitten," begann sie, die Scheere ergreifend, „mir einen krankhaften Wunsch, eine Laune oder Grille, wie Sie es nennen mögen, zu erfüllen." „Von Herzen gern, theuerste Armgardl" erwiderte er mehr erstaunt als unruhig. „Ich finde, daß der Kinnbart Sie ganz abscheulich entstellt," fuhr sie rasch mit fester Stimme fort, „und bitte Sie, denselben mit dieser scharfen Scheere sofort wegzuschneiden." Steindorf, der eher auf alles Andere als auf ein solches Ansinnen gefaßt war, wurde bleich bis an die Lippen und trat dann mit einer drohenden Bewegung auf sie zu. „Das ist einfach eine Tollheit, mein Fräulein!" stieß er heftig hervor. Auch Armgard war'-'noch blässer geworden, ihr Gesicht glich einer Todtenmaske,- während ein eisiger Schauer durch ihre Adern rieselte. „Sie wollen meinen Wunsch nicht erfüllen?" fragte sie mit Anstrengung, „fürchten Sie vielleicht einen rothen Strich?" „Verdammt sei dieses Wort," knirschte er. Dann lachte er laut auf. „In diesem Hause scheint Ihr Verstand gelitten zu haben, meine Theuerste! Sie sind kränker, als Sie selber es ahnen. Ich will den Arzt benachrichtigen." „Noch ein Wort!" gebot Armgard, sich erhebend, „ich will Ihre Anklägerin nicht werden. Doch Wen Sie sich, Tante Hanna hat ihr Gedächtniß wieder''erlangt und wird den Namen des Mörders und Diebes nennen, welcher in jener Eewitternacht sie mit einem Hammer niedergeschlagen hat. Ich will nicht fragen, wer den Mann und das Kind im Hohlwege erschossen und das Attentat im Gebirge —" Sie brach ab und starrte ihn an, wie er mit erdfahlem, verzerrtem Gesicht beide Hände gegen sie ballte und sich der Thür zuwandte. Dann sah sie nichts mehr, da ihr Bewußtsein geschwunden war. » * Steindorf hatte den Arzt benachrichtigt, daß Fräulein Holten seiner bedürfe, und sich dann mit ernstem Antlitz und der gewohnten eleganten Haltung ohne Eile entfernt. Als er jedoch aus dem Bereich des Krankenhauses war, beschleunigte er seine Schritte, um nach dem Holten'schen Hause zurückzugelangen, wo Stallung genug für sein Pferd sich befand. „Haben der Herr das Fräulein gefunden?" fragte die alte Frau Lorenz, welche ihm mitgetheilt, wohin Armgard sich wahrscheinlich begeben habe. „Ja, sie ist noch im Krankenhause," erwiderte er, „war unwohl geworden." Der alte Hausmeister mußte sein Pferd vorführen, während er eiligst ein Glas Wein trank, dann einen Blick auf seine Uhr warf und fortritt. „Der Herr Steindorf hat's ja schrecklich eilig," meinte der Alte, „was mag dem passirt sein?" „Unser armes Fräulein ist unwohl geworden, weß- halb ging sie auch nach dem Krankenhause? — Mußt Dich doch erkundigen, Vater." „Ei, Du lieber Gott, da will ich ja gleich hingehen!" rief der Alte erschrocken, „gieb mir meine Mütze, — Mütterchen!" Er ging nach dem Krankenhause, wo ihm die niederschmetternde Mittheilung wurde, daß Fräulein Holten gefährlich erkrankt und an eine Uebersiedclung nach ihrem Hanse oder gar nach Edcnheim gar nicht zu denken sei. Während Steindorf sein Pferd zu einer so rasenden Eile anzutreiben suchte, daß die auf der Landstraße ihm begegnenden Leute entsetzt zur Seite wichen, als stürme der leibhaftige Gottseibeiuns an ihnen vorüber, brauste ein Bahuzug heran, welcher sein Verderben mit sich führte. Er ließ, um sich und dem schaumbedeckten Thiere einige Augenblicke Erholung zu gönnen, dasselbe in Schritt fallen, zog die Uhr und starrte erschreckt auf den Zeiger. „Der Zug muß bei der vorletzten Station sein," murmelte er mit einem tiefen Athemzug und horchte dann aufmerksam nach einem fernen Ton. Nichtig, sein geschärftes Ohr vernahm das Klappern der Räder, jenen eigenthümlichen Klang, welcher bald lauter, bald leiser aus weitester Ferne sich schon bemerkbar macht. Der Zug fuhr der Stadt zu, hatte somit die letzte Station bereits hinter sich. „Bah," murmelte Steindorf wieder, sich die Stirn trocknend, „der fährt nach der Stadt und der Andere —" Er versetzte dem Noß einen so heftigen Schlag, daß es einen Seitensprung machte und dann wie toll davonstürmte. Von der vorletzten Station her näherte sich ein Bauern-Eespann dem Gute Edenheim. Ein Herr saß neben dem Knechte, welcher ihn fuhr. Eine Viertelstunde von dem Herrenhause entfernt ließ der Herr halten, gab dem Knechte ein Trinkgeld und schritt zu Fuß seinem Ziele zu, während der Wagen wieder nach Hause fuhr. Der Fremde ging auf Umwegen näher und fragte einen daherkommenden Arbeiter, ob die Herrschaft zu Hanse sei. „Das Fräulein ist nach der Stadt." „Dann ist Herr Steindorf, ihr Verlobter, vielleicht anwesend?" „Nee, der war schon da, ist aber vor zwei oder drei Stunden auch nach der Stadt geritten." „Mit dem Fräulein?" „Nee, ohne das Fräulein." Der Herr dankte und ging jetzt geradeswegs auf das Herrenhaus zu, wo er eine Unterredung mit Mamsell Evers hatte. „Wenn Sie warten wollen," bemerkte sie schließ- 852 ltch, „so können Sie so lange tn's Wohnzimmer treten, das Fräulein muß doch endlich zurückkommen." „Und dann wird Herr Steindorf sie jedenfalls herausbegleiten —" „Na, das wird er sich wohl nicht nehmen lassen." „Dann werde ich mir erlauben, so lange in den Garten zu gehen," sagte der Fremde höflich. „Wie Sie wünschen, mein Herr! — Gehen Sie nur links um jene Ecke, dort finden Sie eine offene Pforte. Herr Steindorf wird sicherlich mit hierher- kommmen," setzte sie hinzu, „er hat ja unser bestes Pferd genommen, das er wohl halb zu Tode gehetzt hat. Der Gärtner hat ihm vom Thurme aus nachgeschaut." Sie schwieg plötzlich und ärgerte sich, daß ihr der Groll so unvorsichtig die Zunge gelöst hatte. Der Fremde verzog keine Miene, er schlenderte langsam um die bezeichnete Ecke und betrat den schönen, in musterhafter Ordnung gehaltenen Garten, wo er den alten Gärtner noch beim Beziehen fand. (Fortsetzung folgt.) --SSWSk-- Die Angsburger Weber zu Reichsstadt Zeiten. (Schluß.) Am meisten beunruhigte die nicht enden wollende Noth der Weber die Herren der Deputation und deS Rathes, und wenn es diesen auch nie am guten Willen zu helfen fehlte, so waren sie in der Wahl der Mittel nicht immer glücklich. Verfügten sie, daß ein Meister höchstens auf vier Stühlen wirken dürfe, damit die Bestellungen auf alle Meister sich vertheilen, so klagten die tüchtigen, durch Aufträge jeder Zeit gesuchten Weber über Einschränkung ihrer Arbeit. Wurden die Färber angehalten, nur hiesige Tücher anzunehmen, so beschwerten sie sich wegen Schmülerung ihrer Nahrung, weil Ulm und Nürnberg ihre Waaren nach einem anderen Ort verschickten. Die Kaufleute und die Krämer protcstirten feierlichst gegen die Auflage, erst dann von auswärts Waaren zu beziehen, wenn die Vorräthe der hiesigen Weber erschöpft seien, und da sie dabei aufmerksam machten, daß mit minderwerthigem Gut, das sie auch annehmen müßten, ihnen nicht gedient wäre, so berührten sie das Grundübel der ganzen Sachlage. Dieses blieb auch dem Nathhause nicht verborgen, aber was im Laufe der Zeiten sich unheilvoll eingeschlichen hatte, war mit einem Machtwort nicht zu beseitigen. Der Credit des Gewerbes war dahin! Das Schaugericht, die vortreffliche Einrichtung, hatte durch übel angebrachtes Mitleid, gepaart mit unverantwortlicher Nachsicht der Behörden, sich verleiten lassen, nicht tadellose Tücher zu stempeln. Lange ließ der Handel sich nicht täuschen; um den Nimbus des der Waare angehängten Bleiwappens, des untrüglichen Zeichens preis- würdigen Kaufmannsgutes, war es geschehen, und in der eigenen Heimath zog der Käufer vor, die Tücher selbst zu prüfen. Welchen Eindruck mußte es machen, wenn Niklas Bitzel, welcher die Stupfmark nachgemacht und mit ihr seine schlechte Waare gestempelt hatte, nur mit drei Tagen „Gewölbte" gestraft wurde. Was fruchtete die Androhung einer geringen Geldbuße auf das Umgehen der Schau, womit auch die Unterschlagung der Gebühr und des Ungelds verknüpft war, und wen schreckte der Verlust der Webergerechtigkeit ob dieses Frevels zurück? Denn bis der Betrug entdeckt wurde, hatte der Defraudant schon die Strafe und 12 Gulden dazu verdient, mit welch lächerlichem Betrage er sogleich wieder die verwirkte Gerechtigkeit kaufen konnte. Nicht minder zeigten sich die Anschläge im Weberhause: „Die Weber sollen sich besserer Arbeit befleißigen," und ein andermal: „Die Bürgerschaft hänge nicht von dem Handwerk der Weber ab, aber dieses schade sich selbst, wenn es nicht mit Treue und Redlichkeit das Publikum bediene" — als wirkungslos. Und die ernstliche Mahnung an die Stimmir» Meister, jede schlechte Waare rücksichtslos zu durchschneiden, kam zu spät, denn „wegen des vielen Schmähend der Meister" wagten sie nimmer eine so scharfe Procedur. So war in den Augen der tüchtigen Weber, denen nie die Arbeit fehlte, die Einrichtung, welcher das Gewerbe einst einen ehrenvollen Weltruf verdankte, zur chikanösen, nutzlosen Anstalt herabgesunken. Nun sollte man vermuthen dürfen, daß bei solchen Verwirrungen die Weberschaft sich angespornt fühlte, in andere Bahnen einzulenken und auf die Stimme des Zeitgeistes zu hören. Das geschah jedoch nicht, im Gegentheile öffnete sich jetzt die schlimmste Perspective in die Zukunft. Bisher war, abgesehen von einzelnen Vexa- tionen, der Verkehr der Weber mit den Druckern ein ziemlich leidlicher, der nunmehr einen feindseligen Charakter annahm. Die Veranlassung davon war die in Schwab- münchen errichtete Kattundruckerei. Daß dadurch die Weber einen neuen Verdienst erhalten würden, schlugen sie nicht an, denn sie wollten keine Concurrenz in der Nachbarschaft. Ohne Rücksicht auf das kaiserliche Patent über die Handwerksmißbräuche reichten sie bei den Deputirten eine Vorstellung und Petition des Inhaltes ein: „ex jurs xulilioo st voirnnuni auch asguibats naturg-U und der selbstredenden Vernunft ist uns wohl bekannt, daß jedem Reichsstande zugelassen ist seine Bürger in aufrechtem Stand zu erhalten und Fabriken, wodurch die Nahrung von hier ab und anderswohin gezogen werde, nicht zu dulden. Zwar ist Schwabmünchen ein Marktflecken mit Stock und Galgen, und der Rath kann der dortigen Druckereifabrik nichts befehlen, aber er soll jedem Bürger und Beisitzer hiesiger Stadt, der yuovm moäo der besagten Fabrik behülflich sei, das Bürger- und Beisitzrecht aberkennen." Der Rath vermochte natürlich diesem Ansinnen nicht zu entsprechen, doch gelang ihm, die Leute durch die Erklärung sämmtlicher Drucker, daß sie auf den Waarenverkauf in looo verzichteten, zu beruhigen. Um diese Zeit ließ sich in Augsburg ein Mann nieder, welcher die Kattundruckerei in Deutschland auf die höchste Stufe der Vollkommenheit brachte, dadurch von großem Nutzen seinen Mitbürgern wurde und doch von einem Theile derselben die heftigste Verfolgung erfuhr. Johann Heinrich Schüle, geboren am 13. Dezember 1720 zu Künzelsau in Württemberg, der Sohn eines armen Nagelschmieds, kam nach beendeter Kanfmanns- lehre in Straßburg und einem kurzen Aufenthalte in Kaufbeuren 1745 hieher, trat in Folge Verheiratung mit der Tochter des Handelsmanns Georg Christoph Christel in das Bürgerrecht ein und übernahm im Besitze eines Vermögens von zehn Ducaten das schwiegerväter- liche Geschäft, das sich auf den Ausschnitt hier verfertigter Kattune und Bombasine beschränkte. Den strebsamen Sinn des jungen Mannes befriedigte diese Beschäftigung nicht. Es gelang ihm, von den Directoren des Zuchthauses ein vncantes Druckerzeichen (Concession) und pachtweise ein Wasserrad neben der Holzhütte beim Arbeitshanse 1758 zu erlangen, und er fand tüchtige Weber, welche sich bereit erklärten, die Stühle für feine ostindische Kattune einzurichten, was ihren Lohn von 2 fl. 20 kr. auf 7 fl. steigerte. Unterstützt von dem hiesigen Bankhause Johann Obwexer begann Schüle 1759 mit eigener Druckerei zu arbeiten, aus welcher in kurzer Zeit Zitze auf den Markt kamen, welche durch Farbe und Muster alle derartige Fabrikate überflügelten. Das Geschäft nahm einen so staunenswerthen Aufschwung, daß es innerhalb sieben Jahren nur an sogen. Salempours und Drittelstücken 75,936 Stücke verarbeitete, von den hiesigen Webern 221,645 Stück rohe Zitz- und Kattunwaare, das Höchste was sie zu leisten vermochten, bezog, was ihnen und dem asrario xufflicv an baarem Gelde 3,754,829 fl. eintrug, und daß es mehr als 3000 Personen beschäftigte. Mit dem riesigen Verbrauch des Rohmaterials gleichen Schritt in der Production zu halten, sah sich die Weberschaft um so weniger in der Lage, als nur wenige Meister im Stande waren, die allein brauchbaren, fehlerfreien Tücher anzubieten. Die Einfuhr ausländischer Stoffe gestaltete sich deßhalb zu einem dringenden Bedürfnisse, was der Rath schon 1693 anerkannte, als er den Bezug der ostindischen Waaren, ohne Unterschied der Qualität, erlaubte. Von jeher war aber den Webern die Begünstigung des Imports ein Dorn im Auge, wodurch bereits 1753 ein bitterböser Federkrieg zwischen dem Weberhause und der Kaufleutstube sich entzündet hatte. Jenes verlangte das Verbot des Kaufens und Drückens fremder Leinwand, damit nicht wegen einiger eigennütziger Handelsherren der ganzen numeroscn Weberschaft mit 2000 bis 3000 Personen das letzte Stücklein Brod entrissen werde. Die Kaufmanns-Jnnung entgcgnete darauf: „Nicht die Einschränkung des Handels schütze das unverhältnismäßig große Handwerk vor dem gänzlichen Ruine, sondern das Zurückkehren zu solider Arbeit. Die allhiesige Gotckon oräinari, die vor Zeiten einen starken Abgang gehabt, ist wegen nunmehriger geringer Beschaffenheit in die größte Verachtung gekommen, und in Italien wird sie bloß „Fischers Netze" genannt." Während das Ausland mit Bewunderung auf die Augsburger Kattnndrnckerei schaute, rüstete sich in der Heimath eine durch Neid und Mißgunst genährte Unzufriedenheit zu einem Vernichtungs-Augriff auf diesen blühenden Industriezweig. Die Leitung des umfangreichen Geschäfts ließ nicht länger das Zusammenfassen aller über die ganze Stadt ausgebreiteten Bestandtheile des Betriebs entbehren, und Schüle entschloß sich 1761 vor dem rothen Thore eine große Fabrik zu erbauen. Dieser Plan gab das Signal zum Ausbruch eines „reichs- satzungswidrigen" Unfugs der Weber, welche in dem Unternehmen ihrer Aller Untergang vorhersahen und durch gefährliche Drohungen die Arbeiter der Art einschüchterten, daß sie die Arbeit einstellten. Die fortgesetzten Straßentnmulte ängstigten den Rath und preßten ihm, der die Wiederherstellung der Ruhe um jeden Preis wünschte, am 28. Oktober 1762 die Entschließung ab, daß nur noch die extrafeine weiße ostindische Waare eingeführt werden dürfe, weil dieselbe wegen des mangelnden Gespinnstes hier nicht verfertigt werden könne. Es wäre damit ohne jeden Gewinn für die rebel- lirenden Bürger der Kattundruckerei der Todesstoß versetzt, den tüchtigsten Webern und Färbern ein schöner Verdienst genommen und den Steuerherren eine namhafte Summe entzogen gewesen, hätten nicht die politischen Zustände das Nathhaus gewarnt, den folgenschweren Schritt in nochmalige Erwägung zu ziehen. Die im Norden Deutschlands 1756 angezündete Kriegsfackel verbreitete 1762 ihren grellen Schein bis an die Donau. Im November durchschwärmte ein 6000 Mann starkes preußisches Streifcorps den fränkischen Kreis, es überfiel Nürnberg, welches gleich Bamberg eine schwere Brandschatzung zu erdulden hatte, und machte der Neichsabtei Kaisheim einen sehr unliebsamen Besuch. Augsburg schritt zu Vertheidigungsmaßregeln, und die drohende Gefahr von außen brachte die Unruhen im Innern der Stadt zum Schweigen. Die ziemlich erschöpften städtischen Cassen machten dem Rathe begreiflich, daß das Verstopfen einer ergiebigen Einnahmsquelle ihnen nicht zuträglich wäre, und so blieb das kürzlich ergangene Dekret unausgeführt. Ohne Anstand passirten die ostindischen Waaren jeder Gattung die Thore, und sie unterlagen keiner Besichtigung. Nach dem Hubertsburger Frieden 1763 athmeten Industrie und Handel frisch auf, in den Kattundrnckereien herrschte reges Leben, und die Zollgebühren wuchsen mit jedem Tage. Nur die Weber sahen scheel dazu, obwohl man auch ihren seit 1746 verbotenen Handel mit Leinwand nach auswärts nachsichtig beurtheilte. Im Jahre 1765 wagten sich abermals aufreizende Stimmen gegen Schüle wegen ungeheurer Menge ausländischer Tücher an die Oeffentlichkeit, und hievon unterrichtet, bot er den Webern an, von ihnen jährlich 25,000 Stück L 10 fl. zu nehmen, während der übliche Preis selten 7 fl. erreichte, wie er auch thatsächlich im ersten Quartal 1766 über 5360 Stück ihnen abgekauft hatte. Die wohlwollende Gesinnung verachtend, weil, was doch selbstverständlich war, die Fabrik nur mit guten Stoffen sich bedienen ließ, schloffen die mit geringen Tüchern abgewiesenen Weber sich enger zusammen, es begannen wieder die Straßen-Excesse mit Einwerfen der Fenster und Mißhandlung der Comptoir-bediensteten, die endlich, da alle Ausschreitungen ungerügt blieben, im Mai bis zu einem förmlichen Aufruhr sich steigerten. Trotzig verlangten die Ruhestörer eine Visitation des Schüle'schen Waarenlagers, und der ihnen geneigte Bürgermeister von Kuen zeigte sich dazu willfährig. Sogleich arrestirte er mann militarr den ganzen Vorrath an Tüchern in der Fabrik und auf der Bleiche und übergab ihn den Webern und einigen ihnen nahestehenden Baumwollenhändlern zur Feststellung der Beschaffenheit der ostindischen Kattune. Ein solches Verfahren billigte der Rath nicht, und er setzte eine „aus bescheidenen Webermeistern und unparteiischen Kaufleuten bestehende Commission" ein, welche zu entscheiden hatte sx Hnisiuo irotis crstaraateii8bieis das ostindische Gewebe zu erkennen sei. Nur ungern unterzogen sich die gewählten Sachverständigen dem Auftrage und erst dann, als ihnen genehmigt wurde, das Gutachten nicht zu beschwören, „weil sie sich nicht getrauten, ein untrügliches Zeugniß abzulegen". Indessen fuhren die Weber fort zu rcbelliren, die Fabriken Tag und Nacht zu bewachen, die Magazine zu durchstöbern und die Hausbewohner zu belästigen. Vergeblich wartete Schüle auf den erbetenen obrigkeitlichen Schutz, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die Hilfe des Herzogs von 354 Württemberg anzurufen, welcher dem verdienstvollen Manne im August 1766 den Titel eines Residenten und Hofraths verlieh. Diese ehrende Standeserhöhung be- wirtte, daß der Rath alle Executionen einstellte und die Zurückgabe der beschlagnahmten Waaren anordnete, nachdem er gegen Schule eine Strafe von 10,660 st. wegen unterlassener Anzeige von 5330 Stück ostindischcr Waare bei der Schau verhängt hatte, obwohl seit 1693 ausdrücklich und seit 1762 stillschweigend dieselbe als nicht schaupflichtig galt, das nicht eidlich erhärtete Gutachten unbestimmt ließ, ob sie als solche anzusehen sei und die Strafsentcnz selbst anerkannte, daß derartige Tücher all- hier nicht gewob enwerden könnten. Allein die irregeleiteten Meister befriedigte diese Wendung der Sache nicht, und sie begehrten stürmisch die Jnnehaltung der confiscirten Zeuge, bis der von Schule angestrengte Proceß endgiltig entschieden sein werde. Der Rath war schwach genug, nicht nur nachzugeben, sondern er vergaß sich auch soweit, dem Liceuciaten I. G. Morell suff povna. uotnulis ouLsationia zu verbieten, dem Schule in dermaliger Angelegenheit weiter beirätblich zu assistiren, welche monströse Verfügung allerdings Wien annullirte. Bei den fortdauernden Bedrohungen und dem befremdlichen Verhalten der Staatsorgane wollte Schüle sein und der Seinigen Leben nicht auf das Spiel setzen, er schloß znm Leidwesen vieler braver Bürger das Geschäft und zog im Oktober nach Heidenheim. Den Schaden luari asssnirtig und an ruinirten Waaren, Gebäuden uud Maschinen berechnete er auf 300,000 fl. Gerade zwei Jahre später traf das für den Rath beschämende Reichshofrathsconclusum vom 3. Oktober 1768 ein. welches ihm zur Auflage machte: in allweg die Fabrik des Johann Heinrich Schüle zu fördern, die freie Einfuhr, den Druck und das Färben jeder ostindischen Waare ohne Ausnahme zu gestatten und sich mit der Eröffnung und Stcmpclung der ankommenden Stücke, sowie mit Verfügung jeglicher Strafe zu enthalten. Mit dem befohlenen Anschlage des kaiserlichen Patents eröffnete der Magistrat, der sich wieder aufraffte, der gesummten Weberschaft, baß jede künftige Ruhestörung empfindlich gerügt werde, daß die Druckereien nur die von der Schau als tadellos bezeichneten Tücher anzunehmen verpflichtet seien, wozu sie sich bereit erklärten, und daß ihnen frei stehe, den Mehrbedarf nicht blos aus Ostindien, sondern auch aus Sachsen, Schwaben und der Schweiz zu beziehen. Hochherzig vergaß Schüle die ihm widerfahrenen Kränkungen. Er beschleunigte den Bau seiner palastartigen Fabrik, führte den Kupferdruck nach dem neuesten Stand der Technik ein, und es gelang ihm, Gold und Silber haltbar auf den Zitz zu bringen. Der Jahresabsatz stieg auf 70,000 Stück Kattun, wodurch jährlich über eine Million Gulden in Umlauf kamen. Jede solide Arbeitskraft wurde gut bezahlt, die künstlerische sogar reichlich, denn das Jahressalaire der ersten Zeichnen» betrug 5000 fl. Ueber Verdienstlofigkeit klagten nur träge und unwissende Leute, denn länger als zwanzig Jahre herrschte in den Werkstätten fröhliche Arbeit. Dem aufmerksamen Beobachter entging jedoch nicht, daß bei den Webern der unselige Gedanke sich fortgeerbt hatte, nur ihretwegen bestehe der hiesige Markt. Deshalb arbeiteten viele Meister nur nach eigener Bequemlichkeit, unbekümmert um die Nachfrage. Die daraus fließenden schlimmen Folgen erkannten wohl die Deputirten auf dem Weberhanse, und sie erhoben ihre Stimme, indem sie 1782 mahnend ausriefen: „Durch eure Saumseligkeit kommen beliebte Gattungen von Tüchern in Abgang, so daß die Handelsleute gezwungen werden, nach Mcmmingen und Kauf- beurcn zu gehen, wo man sich dabei wohl befindet, unserer Stadt dagegen jährlich mehrere tausend Gulden entzogen werden." Es half nichts, ja es verursachte die derbe Sprache nicht einmal eine Aufregung in der Zunft. Bald darauf zeigten sich aber wieder die Sturmvogel. Wegen der Herabsetzung der Löhne gab es 1784 zwischen den Webergcscllen und den Meistern in den .Herbergen heftige Austritte, welche häufig in öffentliche Ruhestörungen ausarteten, und als der Rath mit Nachdruck dagegen einschritt, verließen mehr als 200 Knappen die Stadt. Die dadurch entstandene Lücke empfanden manche Familien sehr empfindsam, und von den 830 Meistern zürnten viele den Vorstehern, weil sie keine Geneigtheit zeigten, den Trotzköpfen die Rückkehr zu erleichtern. Allmählich richtete der Unmnth sich gegen die ganze Verwaltung des Weberhauses. Die Einen klagten die Schau der Parteilichkeit an. die Anderen warfen den Vorstehern und den Beisitzern Eigennutz bei Ausübung ihres Dienstes vor, und die Deputirten mußten hören, sie standen mehr auf der Seite der Kaufleute und der Fabrikanten, anstatt das Handwerk vor denselben zu schützen. Immer bedenklicher gestaltete sich die Gährung, und nur unter Androhung militärischer Gewalt gelang es dem Rathe, seinen Aufruf zur Ruhe öffentlich anschlagen zu können. Vergeblich schaffte er die angeschlichenen Mißbrauche bei den amtlichen Verrichtungen — kostbare Mahlzeiten, unnöthige Spazierfahrten, Natural- und Geldverchrungcn, Alles auf Kosten der Pctenten — ab, die Erbitterung ließ sich nicht besänftigen, und es entspann sich daraus ein langwieriger Proceß, bei welchem sich die Parteien maßlos bekämpften. Die unterdessen über den Rhein geflogenen Nevo- lutionsideen trugen zur Herstellung der Eintracht nicht bei, und wenn auch vor dem aufgegangenen gallischen Freiheitslichte die kleinlichen Zänkereien der Weber verblaßten, so erschien ihnen jetzt die Erfüllung ihres alten Lieblingswnnsches in verführerischer Beleuchtung. Am 25. Januar 1794 schritten sie zur That. Etliche hundert Weber fanden sich an diesem Tage auf dem Webcrhause ein und forderten kategorisch das Einfuhrverbot für alle fremde Waaren. Die Deputirten beschwichtigten die Versammlung durch das Versprechen, ihren Wunsch dem Magistrate zu unterbreiten. Drei Tage gingen ruhig vorüber, als aber am 29. noch keine Resolution erfolgte, überfielen die Mißvergnügten das Zollgebäude, erbrachen das als Lagerraum für die ausländischen Tücher dienende Gewölbe, und nach verübtem grobem Unfuge trugen sie laut lärmend die Schlüssel auf das Nathhaus, wo gerade der geheime Rath versammelt war. Ungestüm drangen sie in das Berathungszimmer und wiederholten nicht mit bescheidenen Worten ihr Verlangen. Auf die Versicherung, eine Verfügung zu erhalten sobald die geheime NathS- deputation sich geäußert haben werde, zogen die Tumul- tuanten ab. Der am 25. Februar einberufenen Weberschaft las der Stadtschreiber den Rathsbeschluß vor, wonach auf sechs Monate keine fremde Waare, mit Ausnahme der ostindischen, eingelassen werde. Wüstes Geschrei und drohende Rufe waren die Antwort. Ein großer Haufen der Weber, dem sich Weiber und Kinder, 355 Mägde und Gesellen anschlössen, wälzte sich zu dem Rath- hanse, die Wache wurde entwaffnet, Steine flogen durch die Fenster in den Sitzungssaal und die herbeieilenden Bürgermeister Precht von Hochwart und Dietz erfuhren thätliche Beleidigungen durch die Volksmenge. Ein anderer Haufen größtentheils gemeinen Pöbels griff die Wohnung des Stadtpflegers Paul von Stellen an, erzwäng von ihm eine nochmalige Sitzung und geleitete ihn, den höchsten Staatsbeamten, wie einen Gefangenen auf das Nathhaus. Die Mehrheit der Nathsherren, eingeschüchtert durch die Grausen erregenden Begebenheiten an der Seine und Loire, hatte nicht den Muth, einem unsinnigen Verlangen Widerstand zu leisten, und sie ließ Abends 7 Uhr von der Altane herab „einer lieben Weberschaft" verkünden, alle fremde Waare sei abgeschafft und werde unter dem Ansehen des Magistrats morgen fortgebracht. Zubel- geschrei und Händeklatschen mischte sich in den Ruf: „Die Weber haben gesiegt", und es verlief sich die vielhuudert- köpfige Schaar. Pflichtschuldigst ging ein Bericht über die Vorgänge nach Wien, und am 8. Mai lief der Bescheid, des Neichs- hofraths ein, welcher eine strenge Untersuchung über die Rebellion anordnete. Schleunigst sehte der Rath eine Spezialcommission nieder, aber Niemand wagte die leidenschaftlich erregten Weber vorzurufen. Schon triumphirten sie, straflos zu bleiben, daher die Ruhestörungen fortgesetzt, die Behörden verhöhnt und die Bediensteten der Kaufleute und der Fabrikanten gröblich chicanirt wurden. Am 10. November kam es so weit, daß der eines Geschäfts halber auf die Schau gegangene Handlungsdiener Hofmann schwere Verwundungen erlitt und die auf die Wache geführten Frevler durch ihre Kameraden wieder befreit wurden. Damit war endlich die ängstliche Langmuth des Senats erschöpft. Am 30. machte ein öffentlicher Anschlag bekannt, daß, nachdem schon am 25. Februar Augsburg als ein Staat anzusehen war, in welchem die Obrigkeit nichts gelte stnd gegenwärtig das Leben und das Eigenthum aller Bürger in Gefahr stehe, dem Rathe zur Erfüllung des kaiserlichen Auftrags kein anderer Ausweg übrig bleibe, als die constitutions- gemäße bewaffnete Hilfe anzurufen. Die kreisausschreibenden Fürsten des schwäbischen Kreises übertrugen den Vollzug dem Herzog von Württemberg. Unter dem Befehle des Oberstlieutenants von Faber rückten dessen Soldaten — 670 Alaun Infanterie und Kavallerie mit Zwei Kanonen sammt Bedienung — am 24. Dezember 1794 durch das Göggingerthor in die Reichsstadt ein und erhielten Bürger- quartiere. Ohne Störung verlief jetzt der Proceß, hernach 16 Monate langer Dauer durch den Nichterspruch der Universität Würzburg mit der Verurtheilung der zwei Hauptauswiegler zu mehrjähriger Zuchthausstrafe, vieler Bürger zu kürzeren Gefängnißstrafen und mit der Ablieferung mehrerer Excedenien unter das österreichische Militär seinen Abschluß fand. Im Mai 1796 verließen die Executionstruppen Augsburg, und die durch dieselben aufgelaufenen Kosten hatte die Weberschaft zu tragen. — Das Rollen des Kanonendonners durch das ganze deutsche Reich übertönte die Stimme der öffentlichen und bürgerlichen Angelegenheiten der einzelnen Gemeinwesen, so auch in Augsburg, und Handel und Wandel traten in den Hintergrund zurück, als die Reichsstadt bald einem großen Heerlager, bald einem riesigen Feldlazarett)? glich. Unter der Wucht der gewaltigen politischen Ereignisse brach sich die klare Einsicht über die Unhaltbarkeit der heimischen Zustände Bahn, und der größere Theil der Bürgerschaft begrüßte den 4. März 1806 mit Freuden. Eingefügt in ein größeres Staatslcben, erfüllten sich an dem Handwerk wie in allen bürgerlichen Kreisen bald die Worte des Dichters: Das Atte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen. -—SS-B-eS-- Allerlei. Der Brautkranz und seine Surrogate. Der Brautkranz oder die Brautkrone, vom Volke auch wohl Jungfernkrauz genannt, ist der Kranz von Laubwerk, meist von Myrten, den eine Braut, wenn sie am Hochzeitstage vor dem Altar erscheint, in's Haar geflochten trägt. Schon bei den Hebräern war der Bräutigam am Hochzeitstage bekränzt, bei den alten Römern trugen beide Brautleute Kränze, und noch im Mittelalter war diese Sitte bet sämmtlichen Christen gewöhnlich. In der abendländischen Kirche kam die Sitte, den Bräutigam zu bekränzen, nach und nach in Vergessenheit, doch ward das Bekränzen der Braut beibehalten und streng darauf gehalten, daß keine Unwürdige den Kranz trug. In der griechisch-katholischen Kirche weiht der Priester noch jetzt den Kranz für beide sich Vermählende ein und setzt ihnen denselben auf. Gleich dem Thau flieht der Regen von den himmlischen Höhen nieder, wo der Donnerer über ihm waltet. So gilt er als eine Gabe der Gottheit und ist darum heilkräftig und bedeutsam. In Süddeutschland erzählt man, daß Kinder, welche Ncgemvaffer trinken, eine gute Singstimme bekommen, und in ganz Deutschland ist der Glaube verbreitet, daß, wenn Kinder in dem Mairegen laufen, sie rasch wachsen und gedeihen. So kann es denn nicht Wunder nehmen, daß nach althcidnischcm Mythos, wenn es einer Braut auf den Kranz regnet, die neuen Eheleute reich und gesegnet werden; denn der alte heidnische Donnergott, dessen Hammer die Braut weihte, sandte ihr gewissermaßen dadurch gcdeihenbringenden Thau. Allerdings kehren andere Gegenden dies um und sagen: Dem Unglücklichen regnet es am Hochzeitstage (wie denn auch nach esthnischem Glauben Regen am Hochzeitstage der Braut heftiges Weinen bedeuten soll); dies jedoch erscheint als christliche Deutung, die gerade, weil der in den Bösen umgewandelte Gott seinen Segen zu der Ehe spendet, ihr Unglück prophezeit. Wenig bekannt dürfte die originelle waldeckische Sitte sein, nach der, nachdem der eigentliche Brautkranz gewunden, noch ein zweiter kleinerer angefertigt wird. Die Mädchen bilden einen Kreis; eine wird mit verbundenen Augen in die Mitte gestellt und muß das Kränzchen werfen; auf welche es fällt, ist nicht glcichgiltig, denn sie wird zuerst vor den Traualtar treten. Eine ähnliche Sitte besteht auch im nördlichen Bayern. In manchen Gegenden ist der Myrtenkranz als Brautkranz unter dem Landvolk nicht gebräuchlich; cylindcr- artige Kopfbedeckungen, die mit allerhand Flitterstaat aus- stasfirt sind, treten für ihn ein und werden für eine bestimmte müßige Summe auch wohl für den Hochzeitstag verliehen. In Fnlrcnstein in der Obcrpfalz setzte die Braut über das oben zusammengebundene Haar den „Bendel", eine Art runden, drei Finger hohen Küppchens, mit schwarzen Spitzen, Glasperlen und sog. „Flinserln" .he- 356 * setzt, wovon am Rücken schwarzseidene Bänder herabfielen. Darüber thürmte sich eine glänzende Krone, von Flittergold und Perlen auf's Künstlichste gebildet. Die Neuzeit hat diesen Hochzeitsstaat so ziemlich beseitigt und durch einen Kranz von künstlichen weißen und rothen Blumen ersetzt; der Bendel verschwindet immer mehr. Anderswo in Süddentschland ist das Kraul beliebt, die kleine, mit Perlen, Schmelz und Flinserchen umzogene Krone, welche, durch eine lange Nadel mit verziertem Knopf mit dem oben zusammengestrichenen Haare verbunden, als ehrbarste Tracht für eine Hochzeiten« gilt und keine Wittwe schmücken darf, was sich auch auf den Bendel bezieht, sowie den hohen Flitterkranz mit 12 Sternchen, wozu im Genicke der Bendel gehört, in diesem Falle ein Nest von Goldfransen und Perlen. In Vclburg in der Oberpfalz trägt die Braut den Prangenkranz von Pappendeckel, eine Art Cylinder, der sich nach oben erweitert, mit Goldflittern, Perlen, Sternchen, dem zunehmenden Monde, einer lachenden Sonne, verschlungenen Händen und anderen Symbolen reichlich behängt, auf diesem die Brautkrone, reich und prächtig von Rauschgold. Von letzterer fallen zwei rothgoldene Bänder mit Perlen geziert den Rücken hinunter und sind oberhalb der Hüfte anf einem viereckigen, mit Rauschgold bedeckten Schilde befestigt und straff angezogen, damit die Braut den Kopf nach vorn nicht senken könne. Das Haar ist germanisch aufgebunden; auf dem Neste haftet die Krone. Ganz origineller Weise trügt um Neustadt in der Oberpfalz die Braut keine Krone oder Kranz auf dem Haupte, sondern dafür ein Kränzchen am Arm und ein Sträußchen an der Brust. Zum Schluß noch einige Hochzeitssitten aus Mittel- und Süddeutschland. Einer Braut muß man an ihrem Hochzeitstage ohne ihr Wissen Salz und Brod in die Schuhe schütten, das bringt ihr Segen. Eine Braut muß an ihrem Hochzeitstage neue Strümpfe tragen, sonst wird sie viel Mißgeschick erleiden. Der Bräutigam muß seiner Braut das Hochzeitskleid, und zwar ein weißes, schenken. Wenn eine Braut an ihrem Hochzeitstage in einem schwarzen Kleide geht, so bedeutet das großes Unglück. Wenn vor dem Altar während der Trauung die Steine unter den Füßen des Brautpaares feucht oder naß werden, so stirbt bald Eines von den Beiden. Wenn auf der Hochzeit recht viele Gläser und Flaschen zerbrochen werden, so bedeutet das Glück, ebenso wenn ein neu Getrauter ein Glas hinter sich wirft und es zerbricht. Begegnet einem neu copulirten Ehepaare eine alte Frau, so ist das eine böse Vorbedeutung. Wenn soeben Getraute zuerst in das Haus treten, so müssen sie über eine Axt und einen Besen schreiten, dann werden sie nicht behext. 6 Merkwürdiges Beispiel chinesischen Aberglaubens. Man sollte es kaum für möglich halten, daß selbst in den gebildeten Ständen China's heute noch der ungeheuerste — geradezu überaus komische Aberglaube herrscht. Bei den Vorarbeiten für eine Bahnlinie, die von der Mandschu-Stadt Kinn nach Mulden, der Hauptstaot der chinesischen Mandschurei, weiter geführt werden sollte, beschlossen die Ingenieure, die Linie über Lamp im Weichbilde von Mukden zu führen. Da erklärten die Geomantiker in ihrem Gutachten, das könne nicht durchgeführt werden, da „die langen eisernen Schienen- Nägel dem heiligen Drachen, der die Stadt mit seinem Leibe in weitem Umkreise umgürte, auf diese Weise mitten durch die Rückenwirbel gehen würden". Auf diesen weisen Spruch hin gebot der Gouverneur den Ingenieuren, ihren Plan zu ändern und die Linie direct über Nju-tschang zu führen. Das war nun allerdings der gerade Weg. Allein diese Linie führt weithin durch tiefliegendes Moorland, das zur Zeit der Ueberschwemmungen ganz unter Wasser liegt und außerdem so wenig bevölkert ist, daß der Verkehr sich nicht rentirt, während die projectirte Fahrlinie ein höher gelegenes und stark bevölkertes Gebiet durchziehen würde. Das Alles gaben die Ingenieure dem Gouverneur zu bedenken und erörterten es in ihrem Berichte an den Vicekönig Li Hung Tschang. Das wäre Alles nicht nothwendig gewesen. Der Gouverneur hätte die erste Linie genehmigen dürfen, ohne erst die Geomantiker zu befragen. Der Vicekönig belobte in seinem Schreiben den Gouverneur wegen „feiner gewissenhaften geomantischen Feststellung der dem Kaiserhause gefährlichen Einflüsse", die ausgesprochene Besorgnis; (Entzweischneidung des heiligen Drachens) hielt der Vicekönig für „unbegründet". Da aber der Gouverneur nun einmal entschieden habe, so müsse man die Sache dem Kaiser vorlegen. Dies war jedoch dem Gouverneur nicht erwünscht, und erbat den Vicekönig, der Sache ihren Lauf zu lassen. Er, der Gouverneur, wolle inzwischen einen Ausweg überlegen. Ein solcher wurde auch gefunden. Man bog um einige hundert Schritte von der zuerst geplanten Richtung ab; und nun erklärte der Zauberer, das reiche hin, und so werde der heilige Drache nicht gestört. Freudig berichtete der Gouverneur diese glückliche Entscheidung dem Vicekönig. -v 0 Eine Orgel mit Bambuspfeifen. Zu Shanghai in China wurde jüngst in der dortigen Jesuiten- Kirche eine Orgel eingeweiht, welche von einem chinesischen Ordensbruder gebaut wurde. Das Pfeifenwerk ist nicht aus Bietall gefertigt, sondern aus Bambus. Der Wohlklang dieser Orgelpfeifen ist überraschend, ja unvergleichlich schön. Man hat, wie ein englisches Blatt berichtet, in Europa noch niemals etwas Lieblicheres und dem Ohre Wohlgefälligeres gehört. Die Tonfülle und die Klangfarbe lassen sich „nur als übermenschlich, engelhaft" bezeichnen. Die Bambus-Orgel gewährt aber auch rein materielle Vortheile, da ihr Preis um zwei Drittel billiger ist als jener der Metallorgeln. -i-a-- F.rithmogrl-py. 1 3 4 7 3 1 zeiget dir Die Kunst und Wissenschaft in reicher Zier, 2 6 6 7 7 legt man gerne an, Damit der Mensch im Schatten wandeln kann. 3 6 7 1 2 ist, waS in der Welt Des Islams jeder Gläub'ge heilig hält. 4 2 6 1 benennt dir einen Fisch, Du triffst ihn häufig auf der Reichen Tisch. 5 4 4 2 ist dir gewiß bekannt AIS ein Gebirg im schönen Griechenland. 6 2 12 benennt ein nützlich Thier, Beim Wollehändler frag', der sagt es dir. 7 4 7 6 ein Thier, das nützlich auch, Doch hält man es für dumm nach altem Brauch. 3 6 1 ist in Deutschland eine Stadt, Die einen mächt'gen Festungsgürtel hat. 1 5 4 7 4 ist ein gcwalt'ger Mann, Was er gethan, das zeigt "die Bibel an. Nimmst du das Haupt von einem jeden Wort, So wird bezeichnet dir der sich're Port, Wo Ruhe finden, die vorher gar oft Den Erdkreis zu erobern einst gehofft. 47 18S4. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 12. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Mit freundlichem Gruße machte er die geistreiche Bemerkung, daß der Abend wundervoll sei. Der Gärtner nickte und sah ihn von der Seite an. „Ich erwarte Ihre Herrschaft," setzte der Fremde, stehen bleibend, hinzu. „So, so, ja, unser Fräulein bleibt lange aus, ist sonst nicht ihre Art." „Der Herr Bräutigam wird sie zurückhalten," meinte der Fremde lächelnd, „eine Verlobung ändert viele Gewohnheiten. Herr Steindorf wird doch mit zurückkommen, da ich seinetwegen warte." „So, so, ja, er hatte es eilig, aber der Fuchs kann's aushalten, war übrigens nicht nöthig, die Peitsche so arg zu gebrauchen." „Na, Ihr wißt, alter Freund, die Sehnsucht nach der Braut —" „So, so, mag sein," fiel der Gärtner ihm in's Wort, „der Arbeits-Gaul, der den Herrn von der Station herbrachte, hatte es besser, weil der Herr keine Sporen trug, sind ihm hier erst angeschnallt worden. Aber der Fuchs that mir leid, — er ließ ihn bären- mäßig ausgreifen." „Giebt's hier im Garten nicht einen Platz, wo man einen freien Ausblick nach der Landstraße hat?" fragte der Fremde plötzlich. „Einen freien Ausblick, so so, will den Herrn nach unserm Thurm führen, das Fräulein nennt ihn ihren Wartthurm. Da kann man weit hinaus in's Land schauen." Er schritt voran nach einer von dichten Bosquets umgebenen Anhöhe, worauf sich ein zierlicher Thurm gleich einer Sternwarte erhob. „Der Schlüssel steckt im Schloß, gehen der Herr nur die Wendeltreppe hinauf. Die kleine Stube betritt Niemand als das Fräulein —" „Und der Bräutigam," ergänzte' der Fremde. „So so, Herr Steindorf war noch nicht in der Thurmstube," antwortete der alte Gärtner mit einem unwilligen Blick. „Ich weiß das bestimmt." „Gut, gut, alter Freund, geht mich ja auch gar nichts an." Der Gärtner ging mit einem mürrischen „so, so," der Fremde aber trat lächelnd in den Thurm und stieg mit leichten, raschen Schritten die steile Wendeltreppe hinauf. „Ah, vortrefflich," sagte er unwillkürlich, als er oben auf der Zinne stand und den Blick ungehindert umherschweifen ließ. Dann orientirte er sich rasch und schaute unverwandt in die Richtung hinaus, von welcher die Chaussee nach Moorkirch führte. Plötzlich zog er einen kleinen Feldstecher aus der Tasche, um schärfer hinzublicken. Ein schwarzer Punkt, welcher sich im verblassenden Abendlicht gleichsam am Horizont abhob, fesselte seine Aufmerksamkeit. Der Punkt wurde größer und größer, er näherte sich also, doch vermochte er noch nicht zu unterscheiden, was es eigentlich war, ein Wagen oder ein Reiter. Jetzt veränderte der große bewegliche Punkt seine Richtung, er bog links ab. „Ah," murmelte der Mann auf dem Thurm, „es ist ein Reiter, der soeben über einen Graben setzte, um einen Nichtweg über's Feld einzuschlagen. Er kommt hierher, allein, desto besser, kein Zweifel mehr, — er ist'sl — Der Fuchs ist hin, ein Teufelskerl von Reiter!" Mit dieser halblauten Anerkennung schob der Fremde gemüthlich seinen Feldstecher zusammen, steckte ihn in die Tasche und stieg mit der größten Seelenruhe die steile Treppe hinab. Er traf den alten Gärtner nicht mehr, weil derselbe in Zweifel gerathen war und bei Mamsell Evers sich über den Fremden informirt hatte, was den Letzteren durchaus nicht anzufechten schien. „Erlauben Sie, daß ich mich jetzt in's Wohnzimmer begebe?" fragte der Fremde die Mamsell unter vier Augen. „Glaube, daß Herr Steindorf gleich ankommt, und zwar allein aus dem Fuchs, den er allem Anschein nach zu Schanden geritten hat. Wollen Sie mir im Interesse Ihres Fräuleins eine Gefälligkeit erzeigen, Mamsell?" Sie nickte mit einem forschenden Blick in sein Gesicht. „Dann sagen Sie Herrn Steindorf nichts von meiner Anwesenheit. Er wird doch jedenfalls in jenes Zimmer kommen? Wonicht, geben Sie mir sofort einen Wink. Wollen Sie?" „Ja, mein Herr!-Ich will Ihnen vertrauen, weil ich hoffe, daß Sie uns diesen Bräutigam vorn Halse schaffen." „Vielleicht, meine Gute, Compagnieschast mache ich 358 sicherlich nicht mit ihm. Aber jetzt rasch, ich sah ihn bereits in der Ferne, ein Versteck ist dort wohl nicht für mich?" „Werde Sie schon placiren, kommen Sie nur mit mir." Mamsell Evers stieg mit jugendlicher Leichtigkeit die Treppe hinauf, sie wußte nicht, wie es zugegangen, daß sie beim Anblick dieses Fremden unwillkürlich an einen Polizeibeamten hatte denken und seine Anwesenheit auch sofort mit der überraschenden Ankunft des von ihr tödtlich gehaßten Steindorf in Verbindung hatte bringen müssen. Es mochte wohl daher kommen, daß sie dem Amerikaner, wie sie ihn im Stillen nannte, alles mögliche Schlechte zutraute und ihn sogar eines Verbrechens fähig hielt. Da hatte sich denn nach und nach die Ueberzeugung in ihr festgesetzt, daß Steindorf niesle vollständig beruhigt, da ihm jeder gerne aus dem Wege ging. Sie trat also mit dem Herrn, um dessen Namen sie jetzt erst höflich bat, in's Wohnzimmer. „Ich heiße Wolfius", erwiderte er ruhig, „werden hoffentlich keinen Gebrauch davon machen." „Gott bewahre, ich erfülle damit nur eine Pflicht gegen mein Fräulein, Herr Wolfius! Würde Sie auch nicht hier hereinlassen, wenn mir nicht ein bestimmtes Gefühl sagte, daß ich recht daran thäte und daß Ihre Anwesenheit ein Glück für meine arme Herrin wäre." „Das ist es auch, liebe Mamsell!" erwiderte der Detectiv Wolfius sehr ernst. „Sie sollen sich darin nicht getäuscht finden. Jetzt aber," setzt er aufhorchend hinzu, „bringen Sie mich an einen Platz, von wo ich ungesehen das Zimmer beobachten kann, und sorgen s « W mals auf Edenheim Gebieter werden könne und noch vor der Vermählung sich etwas ereignen müsse, was diese unmöglich machen werde. Die plötzliche Ankunft desselben, seine unbegründete Eile und sichtliche Unruhe hatten sie stutzig gemacht, worauf das geheimnißvolle Erscheinen des fremden Herrn, sein „um den Busch "-Horchen das Gemüth der alten Evers ungewöhnlich erregen und auf irgend etwas Unerhörtes gefaßt machen mußte. Daß dieser Fremde kein Freund des Herrn Stein- dorf war, lag auf der Hand, er wollte ihn vielmehr von einem Versteck aus beobachten, das begriff die kluge Mamsell Evers sofort und war deshalb auch fest entschlossen, ihm dabei in jeder Weise Vorschub zu leisten. Daß von den Knechten und Mägden sich Jemand unterstehen sollte, dem gefürchteten Verlobten der Herrin Mittheilung von dem Fremden zu machen, darüber war al. Sie womöglich dafür, daß er hierher kommt. Ich höre bereits unsern Freund dahergaloppiren, er hat ja rasende Eile!" Mamsell Evers fuhr erschreckt zusammen und deutete dann auf einen dicken Vorhang, hinter dem Wolfius sofort verschwand, worauf auch sie sich rasch unsichtbar machte. Der Vorhang verdeckte eine Nische, welche wahrscheinlich von der Gutsherrin als Traumwinkel benutzt wurde, da dieselbe, mit einem Eckfenster versehen, das nach einer stillen, gänzlich abgeschlossenen Partie des Gartens und des daran stoßenden Parks hinausging, nur einen bequemen Sessel und ein Tischchen enthielt. Die Dämmerung war allmälich herabgcsunken. Der Detectiv musterte den kleinen Raum, um auch hier ein Versteck noch zu finden und auf alle Möglichkeiten gefaßt zu sein. Der Fenster-Vorhang von dichtem, himmelblauem Stoff bot ein solches, er ließ die beiden Gar- 359 dinen zusammenfallen und machte ein zufriedenes Gesicht, während er mit allen Sinnen hinaushorchte. Herr Julius Steindorf war angekommen, er hörte ihn auf der Treppe, Mamsell Evers hatte ihre Pflicht gethan. Jetzt wurde die Thür geöffnet, er trat mit Mamsell Evers ein. „Befehlen Sie ein Abendessen, Herr Steindorf?" fragte die Evers mit fester Stimme. „Nein, nur Licht und eine Flasche Wein," lautete die Antwort. „Ich wollte Ihnen nur die Nachricht bringen, daß Fräulein Hollen erkrankt ist und schwerlich heute noch kommen wird. — Geben Sie den Befehl, daß das Pferd, welches mich von der Station hierher gebracht, gesattelt wird. Und nun bitte ich noch, sich zu beeilen." Mamsell Evers setzte das Licht auf den Tisch und verschwand. Wolfius zog sich jetzt ebenfalls hinter den schnell zu öffnen verstand. Dann trat er, die Thür halb hinter sich zuziehend, hinein. Wolfius, der durch den Spalt des Vorhanges alles genau beobachtet hatte, zog sich geräuschlos die Stiefel aus und schlich vorsichtig näher, um mit sicherm Blick einen Standpunkt einzunehmen, von wo er das ganze Cabinet ungesehen überschauen konnte. Dabei lockerte er einen geladenen Revolver in der Tasche, überzeugte sich von dem Vorhandensein einiger eiserner Armbänder, packte seinen Stock mit dem bleigefülltcn Knopf recht fest und ließ seinen Mann nicht mehr aus den Augen, weil er sich's nicht verhehlen durfte, daß derselbe sich nicht so leichten Kaufs fügen werde. In einer Ecke des Cabinets stand ein zierlich verschnörkeltes Schränkchen von Eichenholz, in welchem, wie Steindorf von früher sich noch erinnerte, der alte Holten sein baares Geld, sowie seine Werthpapiere und TMUSUS WWW M 8 EsM MW WMWA «BWWSWW Schloß Fenstervorhang, der ihn gänzlich verhüllte, zurück. Er hatte richtig vorhergesehen, oa Steindorf in der That das Licht ergriff und den Vorhang der Nische ausein- anderschlug, um hineinzuleuchten. „Alberner WeiberwinkelI" stieß er dabei verächtlich hervor, ließ hierauf den Vorhang wieder zusammenfallen und kehrte mit dem Lichte an den Tisch zurück. Die Mamsell brachte selber den Wein, stellte die Platte mit Flasche und Glas hin und entfernte sich schweigend. Steindorf folgte ihr rasch bis an die Thür. „Ich will ungestört bleiben I" rief er ihr nach, worauf er die Thür schloß und den Schlüssel schnell umdrehte. Hastig öffnete er die Flasche, leerte einige Gläser rasch hinter einander, als ob er sich Muth trinken wollte, und trat ohne Zögern an die Cabinetthür, die er mit dem nach Art der Dietriche gebogenen Nagel überraschend Maat. sonstigen wichtigen Documcnte aufbewahrte. Er zweifelte nicht daran, daß Armgard ebenfalls dieses Schränkchen dazu benutzte, weil dasselbe eigens für jenen Zweck angefertigt und mit einem geheimen Mechanismus versehen worden war. Sein Vater hatte sich darnach ein ähnliches Möbel machen lassen, dessen Mechanismus zum Oeffnen und Verschließen nur ein wenig verändert war, in der Construction aber mit diesem genau übereinstimmte. Man hatte sich damals keine Skrupel darüber gemacht, weil Notenhof und Edenheim über kurz oder lang in eine Hand übergehen sollten. Dann aber war das Steindorf'sche Schränkchen bei dem Concurs verkauft worden und in ganz fremde Hände gekommen. Heute nun kam diese Erinnerung dem Heimge- kehrten gut zu statten. Er hatte den Mechanismus nach einigen vergeblichen Versuchen gefunden, das Schränkchen geöffnet und mit gierigen Händen den Inhalt durch- ' 'Ä.' sucht. Ein triuniphirendes Lächeln überflog sein Gesicht, er fand mehr, als er vermuthet, steckte rasch die Geld- rollen und Werthpapiere, soweit solche aus Banknoten bestanden, in seine Taschen, verschloß dann rasch das Schränkchen wieder, und-ein heiserer Schrei entrang sich seinen Lippen, als er sich jählings zu Boden gerissen und an Händen und Füßen gefesselt fühlte. Er war so überrascht, so gelähmt von Entsetzen, daß es des Knebels wohl kaum bedurft hätte, welchen Wolfius ihm geschickt zwischen die Zähne schob. Als er sein Opfer, das er mit einer Art Zärtlichkeit betrachtete, ganz unschädlich gemacht hatte, nahm er das Licht, um den Kinnbart desselben zu untersuchen. Jetzt aber war Stcindorf sozusagen erst wieder bei Besinnung, und da sein Kopf natürlich ungcfcsselt war, so machte er davon den ausgiebigsten Gebrauchendem er denselben in wildester Wuth hin- und herschleuderte, um die Untersuchung des Bartes zu verhindern. „Das ist einfach kindisch, mein Bester," sprach der Detcctiv, mit der Achsel zuckend, „was wollen Sie damit bezwecken? Ihren Kopf zerschlagen Sie doch nicht, der ist hart genug." Er schleppte ihn dicht an das Schränkchen, setzte das Licht so, daß der Schein auf sein Gesicht siel, und hielt mit der Linken seinen Kopf fest, während die Rechte den Bart auseinander- strich. Er mußte wohl genug gesehen haben, da er mit einem zufriedenen Lächeln nickte. „Nun, Mr. William Prien," sagte er dann, „fehlte es Ihnen schon wieder an Geld? — Hatten bei der alten Tante Hanna doch ein nettes Sümmchen eingesäckelt. Alles verspielt, alter Junge?" Der Geknebelte verzog das Gesicht auf eine wahrhaft grauenhafte Weise, wovon Wolfius indeß durchaus keine Notiz nahm, sondern rasch mit dem Lichte in das Zimmer ging, die Thür öffnete und dann die Glocke zog. sogleich erschien Mamsell Evers, welche sehr bleich war und sich jedenfalls in der Nähe aufgehalten hatte. Ihre Augen irrten erregt durch's Zimmer. „Lassen Sie sofort einen Ackerwagen anspannen," befahl der Detectiv, „und einige Schütte Stroh darauf werfen. Dann schicken Sie mir drei handfeste Knechte. r L - ^ ' - V 'Z - P Herr Stork als Christus Wir müssen ihn in einer würdigen Equipage nach der Stadt bringen," setzte er dann mit vergnügtem Lachen hinzu. — „Mein Gott, was haben Sie geihan, und wer sind Sie?" stammelte Mamsell Evers, welche jetzt an allen Gliedern zitterte, weil sie den Fremden für wahnsinnig hielt. „Ich habe meine Pflicht als Criminalbeamter gethan, indem ich einen Verbrecher verhaftete," erwiderte Wolfius sehr ernst. Er nahm ein Schild aus der Tasche und zeigte es ihr mit den Worten: „Ich begreife Ihre Furcht, Sie halten mich für toll. Dieß hier ist meine Legitimation. Lesen Sie, es ist ein amtliches Zeichen." „Ja, ja, das mag richtig sein, aber was haben Sie mit ihm gemacht?" stotterte die Mamsell, welche das amtliche Zeichen kaum ansah. Wolfius wurde ungeduldig, dieses alberne Frauenzimmer konnte ihm in ihrer blödsinnigen Angst Gott weiß welchen Streich spielen. „Kommen Sie mit mir," sagte er barsch, in's Cabinet hinein- schreitend, wo der Gefangene jetzt regungslos lag. „Allgütiger Gottl" schrie die Alte entsetzt auf, „er ist ja todt! — Sie Unmensch, wie haben Sie ihn zugerichtet!" Stcindorf öffnete langsam die Augen und sah sie kläglich an. „Ich leide so etwas nicht, wissen Sie das?" schrie sie bei diesem Anblick auf's Neue, „da muß sich ja ein Stein erbarmen, und noch dazu im Hause seiner Braut —" „Na, na, Mamsell, nur ruhig," unterbrach der Detcctiv sie kaltblütig, „werden bald aus einer anderen Tonart pfeifen und dem Unmenschen danken. — Sie werden doch wissen, daß Ihre Herrin in diesem Schränkchen ihr Geld und ihre Dokumente aufbewahrt." „Gewiß, aber öffnen kann es Niemand als sie allein." „Und dieser Herr, der hier am Boden liegt; er hat's wenigstens vortrefflich verstanden." „Er hat das Schränkchen geöffnet?" fragte die Alte, starr auf den Gefangenen blickend. „Freilich," setzte sie, sich besinnend, „möglich ist es immerhin, denn sie hatten auf Rotenhof auch so eins. — Aber das Fräulein kann's ihm ja auch aufgetragen haben." 361 „Weil sie wahrscheinlich mit ihm ausreißen will," bemerkte Wolfius verächtlich auflachend, „machen Sie keine Dummheiten, Mamsell, es könnte Ihnen sehr schlimm darnach ergehen. Passen Sie auf!" Er leerte die Taschen des Geknebelten, der wieder so erregende Gesichter schnitt, daß die Evers sich schaudernd abwenden mußte. „Sehen Sie hier, — und hier — und hier -- wahrhaftig, ein nettes Vermögen, mit welchem der saubere Patron doch geradeswegs nach der nächsten Eisenbahnstation wollte, um zu verduften, weil er Morgenluft witterte. Hier hat er wahrhaftig auch ein prächtiges Schmuckstück mitgehen heißen, ein Diamantkreuz, — Donner — welches Feuer und welche wun- dervolleFassung! Das Kreuz müssen Sie doch kennen, Mamsell?" „Und ob ich es kenne!" rief sie, tief aufathmend. „Gerechter Himmel!" „Wollen Sie den Wagen jetzt anspannen lassen und mir die Leute schicken?" fragte der Detectiv, die Geldrollen und Banknoten, sowie das Kreuz wieder in des Gefangenen Tasche schiebend. „Soll der Spitzbube, der Gauner denn das Alles behalten?" schrie die Evers ganz außer sich. Wolfius lachte. „Wir müssen es ihm vorerst noch lassen, es wird ihm seine Gefangenschaft einstweilen versüßen. — Vorwärts jetzt, meine Liebe!" Mamsell Evers eilte, von Grauen geschüttelt, aber auch von heimlicher Freude belebt, da die Heirath ja nun unmöglich geworden war, fort und kehrte so rasch als möglich mit dem Verwalter und drei kräftign Knechten zurück. Nachdem der Detectiv dem Verwalter sein amtliches Schild gezeigt und einige leise Worte mit ihm gewechselt hatte, mussten die Knechte, welche ganz dumm vor Staunen dreinschauten, den Gefangenen aufheben und hinunter in den Wagen tragen, wo sie ihn grinsend auf das Stroh legten. Auf des Detectivs Befehl mußten sie ihm noch ein Bündel Stroh unter den Kopf schieben, worauf sich jener ebenfalls auf den Wagen schwingen wollte. Da trat Mamsell Evers in Hut und Tuch resolut auf ihn zu. „Ich fahre mit nach der Stadt, sagte sie, „muß mich nach unserm Fräulein umschauen. Habe meine Anordnungen schon getroffen, Herr Wolfius!" Frln. Thekla Wurstle als Maria. „Gut, Mamsell," erwiderte er, „setzen Sie sich nur zu dem Kutscher, ich bleibe bei meinem Freunde hier im Stroh." Er half ihr galant hinauf, schwang sich dann selbst auf den Wagen, und vorwärts ging es durch die laue Sommernacht der Stadt Moorkirch zu. Jetzt' erst löste sich der Bann, welcher auf den Knechten und Mägden während des ganzen unheimlichen Vorganges gelegen. Man erging sich in tausenderlei Vermuthungen, und die Stimmen schwirrten wie im Aufruhr durcheinander, bis der Verwalter Ruhe gebot. Soviel war aus den Reden aller Gutsangehörigen deutlich genug erkennbar, daß man froh war, den gefürchte- ten Gebieter in solcher Weise los geworden zu sein. Als der Wagen endlich sein Ziel erreicht, der Gefangene sicher untergebracht war, da schütt Wolfius nach dem Telegraphenamt, welches zu seinem Leidwesen bereits geschlossen war. Sein Telegramm, das am nächstenMorgen abblitzte, war anMr.Hil- brecht in Göttingen adressirt und lautete: „Kommen Sie schleu- nigstmitdemerstenZuge nach hier, um Air. William Prienzurecognos- ciren. Eckert." Mamsell Evers war nach dem Holten'schen Hause geeilt, wo ihr die niederschmetternde Kunde wurde, daß ihr Fräulein todkrank imHospital sich befinde. Die Zeit kennt keinen Stillstand, wir sehen sie lautlos entweichen und fühlen ihren Pulsschlag nur in dem Schatten, den die Sonne uns auf den Weg wirft und der sich wie ein Mahnruf in unser Gewissen drängt: Wirke, weil es noch Tag ist, — es kommt die Nacht, wo Niemand mehr wirken kann! Wie hastet sie unter unsern Händen fort in der drängenden Eile des Schaffens und in den Augenblicken des Glücks, des Genusses, der Freude! — Wie schleicht sie dem Kranken und Schmerzgefolterten dahin in schlaflosen Nächten, — und wie furchtbar entschwindet die Zeit dem Verurteilten, dessen Leben an einem Federstrich des Fürsten hängt. Julius Steindorf hatte lange geleugnet und die Untersuchung nach allen Seiten hin erschwert, obgleich Mr. Hilbrecht, welcher auf das Telegramm eiligst ge- 362 kommen war, ihn sofort für den Betrüger erklärt hatte, welcher unter dem Namen William Prien den erschossenen Warneck in Chicago seines ganzen Vermögens beraubt und damit das Weite gesucht hatte. Da nun sein Kinnbart glatt wegrasirt und die rothe Narbe zum Vorschein gekommen war, so konnte er diesen Theil der Anklage nicht leugnen, zumal der Kommissar Frenzel eidlich erhärtete, daß der ermordete Warneck ihm dieses besondere Kennzeichen seines räuberischen Geschäftsführers Prien mitgetheilt habe. Er räumte nun schließlich ein, den Namen Prien in Amerika angenommen und den Raub begangen zu haben, leugnete aber hartnäckig die Attentate im Hohlwege und oben im Gebirge. Er berechnete, wie viele Jahre Zuchthaus man ihm zuerkennen werde, und nickte finster zu dem ansehnlichen Resultat. Aber er blieb wenigstens am Leben und die daß die tödtliche Kälte ihm schaudernd durch die Adern kroch, das Mark in seinen Knochen erstarren ließ. Es half ihm nichts, ob er wachte oder schlief, das Gespenst drängte sich in seine Träume, er sah es durch die geschlossenen Lider, es wachte mit ihm auf und drohte ihn wahnsinnig zu machen. Noch widerstund er trotzig. Mit bleichem, übernächtigem Gesicht und wildblickenden Augen, in welchen sich scheue Furcht und ingrimmiger Haß spiegelten, stand er vor dem Richter, die Fragen desselben mit Achselzucken oder einem festen Nein beantwortend. Plötzlich bebte er zusammen und taumelte dann wie vor einem Schreckbild zurück. „Weg! — Weg!" stöhnte er, beide Hände vor's Gesicht schlagend. Der Richter blickte ihn aufmerksam und besorgt an, er wechselte mit dem Protokollführer einen erstaunten Abendmahl. Zeit geht auch im Zuchthause hin; endlich mußten sich ihm jene unheimliche Pforten doch wieder öffnen. — Den Mord gestehen! — Nimmermehr! Aber er hatte nicht mit den einsamen Nächten und den endlos langen Tagen einer solchen Haft gerechnet. Die Gedanken an sein Kind, welches er selbst getödtet, an sein im fernen Welttheil begrabenes Weib, das er vernachlässigt, dem Hunger und Gram preisgegeben, in ein frühes Grab gestürzt hatte, diese Gedanken kamen erst vereinzelt und langsam wie kleine Schattenbilder, und er scheuchte sie unwillig von sich ab. Aber ein kleines, blasses Gespenst ließ trotz alledem nicht ab von ihm und hockte im Schlaf und Wachen ihm zur Seite. Durch die finstere Nacht sah er ein blasses Gesichtchen mit der Todcskugel in der Stirn, weitgeöffnete starre Kinderangen schauten ihn unverwandt an; und eisige Hündchen umklammerten die seinen, Blick. Was fehlte denffGefangenen? — Sprach er irre? — Jetzt ließ dieser.,die Hände sinken und athmete tief auf. Seine Augen ^hefteten sich fest auf einen Punkt, oder vielmehr auf eine leere Stelle neben dem Richter, und wurden nach und nach ruhiger. Der Unselige hatte wieder die fürchterliche Erscheinung seines Kindes gehabt, welche seine durch die Schlaflosigkeit krankhaft gesteigerte Einbildungskraft ihm vorspiegelte. Unter dem Eindruck derselben entschloß er sich zu einem Geständniß, wodurch seine Nerven beruhigt, seine Augen klarer wurden und die Erscheinung verschwunden war. Ohne Zögern bekannte er sich zu der ganzen Anklage, fügte aber mit einem gewissen Hohn hinzu, daß er weder Warneck's Tod noch die Dynamit-Spielerei im Gebirge bereue, da er in jenem nur seinen Verfolger getödtet, während Marbach ihm als Räuber seines Erbes 363 ebenfalls verhaßt gewesen sei und die gelungene Rache ihn deßhalb noch auf dem Schaffst freuen werde. „Nur eins schmerzt mich bis 'zur Verzweiflung," schloß er mit umflorter Stimme, „der Tod meines Kindes. Mit diesem einen unseligen Schusse, den nur der hohnvollste Zufall gelenkt, habe ich alles Uebrige gesühnt. Leben will ich nicht mehr, ich verzichte auf jegliche Gnade und Vertheidigung. Nur machen Sie es kurz mit mir, meine Herren, verschärfen Sie die Strafe nicht durch eine längere Frist, als nöthig ist, um das Urtheil zu fällen. Sie verdammen mich damit zu einer grausamen Folter." Wieder streifte sein Blick, welcher den scheuen und wilden Ausdruck verloren, jene leere Stelle, doch war und blieb die Erscheinung verschwunden. Das Geschwornen-Gericht, vor welchem der sensationelle Fall verhandelt worden war, hatte das Todes- dieses Klosters, herausgegeben von Erzbtschof A. v. Strichele) fünf Huben, welche zu den ältesten Stiftungsgütern dieses angeblich im ackten Jahrhundert gegründeten Klosters gehörten. 922 überließ dieses Kloster einen Theil dieser Güter in Wale nebst fünf anderen Orten an Kaiser Otto für die Wiederherstellung der freien Abtswahl und die Freiheit von Kriegsdienst und Steuern für das Reich. Den übrigen Theil der Güter verlieh das Kloster einem, wie es scheint, reichen und ansehnlichen Geschlechte, dessen Glieder sich von dem Ort de Wale nannten und daselbst wohnten. Außer den Ottobeurer Lehen besaß das Geschlecht der Waler auch bayerische Güter als Lehen, und nachdem 1288 Ludwig Pfalzgraf am Rhein und Herzog von Bayern dem Bischof Wolfhart von Augsburg die Hälfte des Mi- nisterialates des Hermann von Wale geschenkt, so wurden die Waler auch Lehen- und Dienstmänner der Bischöfe SW Kreuzigung. urtheil über Steindorf gefällt, die ganze Verhandlung aber nur wenige Stunden in Anspruch genommen, da der Angeklagte in allen Punkten geständig war und jede Vertheidigung energisch ablehnte. (Schluß solgr.) -»—i- < » « i -»- — Waal. (Mit Illustrationen.) Eine Stunde südöstlich der Eisenbahnstation Buchloe liegt in weiter Ebene an den Quellen der Singold der Markt Waal mit einem Schlosse des Fürsten von der Leyen. Den Namen soll dieser Ort, wie das nahe Wal- haupten, von zum Theil noch sichtbaren Römerwällen, die eine stundenlange Fortification bildeten, erhalten haben. In Wale, wie die älteste Schreibart des Ortes lautete, besaß das Kloster Ottobeuren (nach dem ältesten Chronikon von Augsburg. 1263 finden wir BartholomäuS de Wale im Gefolge des Königs Konradin als Zeuge in mehreren Urkunden. 1444 wird noch ein Bartlin von Wal erwähnt, er und Peter von Hohenegg waren als des Stifts Augsburg Amtleute Schiedsrichter in den Irrungen über das Erbtruchseffenamt des Gotteshauses Augsburg. Später zog sich dieses Geschlecht, das dreihundert Jahre mit dem Orte verbunden war, ganz aus dieser Gegend. Schon am Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts scheinen die von Freiberg wahrscheinlich durch Heirath in den Besitz der Herrschaft Waal gekommen zu sein. 1433 empfing Konrad von Freiberg die Hochstift Augsburgischen Lehen zu Waal. Von den Freiberg kamen durch Heirath und Kauf die von Riedheim in den Besitz der Herrschaften Waal und Angelberg. Dann kam Waal durch Erbfolge an die Ritter von Landau (1511) und die Grafen von 364 Muggenthal (1601); 1763 sollte es durch Kauf um 180,000 fl. an das Kloster Hl. Kreuz in Augsburg übergehen, die Ritterschaft übte aber das Einstandsrecht aus und die Wittwe eines Grafen von Muggenthal blieb im Besitz, allodifizirte 1782 die bischöfl. Lehen um die Summe von 15,000 fl. und verkaufte dann die Herrschaft an den Grafen Anton Schenk von Castell. Graf Casimir v. Castell trat sie 1820 um 146,000 fl. an den Fürsten Emil von der Lehen ab, dessen Familie noch heute Gutsherrschaft ist. Der gegenwärtige Fürst Erwein von der Lehen undHohengecoldseck ist seit 1890 mitMarieChristine, geb. Prinzessin und Altgräfin von Salm-Neifferscheidt- Dyck, vermählt. Die Pfarrkirche, in Mitte des Ortes, in dem erhöhten Friedhof, ist im Aeußern ein schmuckloses Gebäude, das seinen gothischen Charakter nur durch die spitzbogigen Fenster und die Strebepfeiler, welche aber nur den Chor verstorbenen Fürsten von der Lehen mit reicher Pracht ausgestatteten, herrlichen Altar. Es ist beabsichtig!, die Kirche einer durchgreifenden Restauration zu unterziehen, wozu die Besucher des Passionsspieles ihr Scherflein beitragen können, wenn sie den Opferstock nicht übersehen. Waal ist in diesem Sommer das Ziel vieler Christen, welche dasPassionsspiel zusehen kommen, über das in diesen Blättern wiederholt berichtet worden ist. Von dem hübsch gelegenen Orte, sowie von den Scenen des Passionsspiels geben wir in dieser Nummer einige Ansichten nach den sehr gut gelungenen Photographischen Ausnahmen des Herrn Photographen Gustav Baader in Krumbach (welche in Cabinetformat zu 1 Mk. per Stück käuflich sind). Die Hauptrollen ruhen in den Händen folgender Mitspielenden: Annas, Hohepriester, (Hr. Zindath, Oekonom); Kreuzabnahme umgeben, repräsentirt. Ein kuppelbedeckter, moderner Thurm schließt sich der Langseite dieses Baues an. Schmuck und schön gegliedert ist hingegen der Jnnenbau. Das ein vollkommenes Quadrat bildende Langhaus ist in drei Schiffe getheilt, welche durch zwei Reihen von je drei cylinder- förmigen Pfeilern von einander geschieden sind. Der Chor bildet ein Quadrat von 24 Fuß, an welches sich noch ein dreiseitiger Schluß anfügt. Das alte Gewölbe des Chores wurde um 17t>0 durch den Einsturz des alten Thurms eingeschlagen, daher die jetzige Wölbung nur von Holz mit Gypsrippen in der vierwinkligen Sternform, die die Wölbungen der Seitenschiffe belebt. Das Maßwerk der Fenster ist ebenfalls, da das alte herausgeschlagen war, von Holz ergänzt. Die Kirche besitzt einen gothischen Hochaltar und am Ende des südlichen Seitenschiffes, am Eingang in die fürstliche Familiengruft, einen durch die Munifizenz der Kaiphas, Hoherpriester, (Hr. Gehring, Maler); Ioseph von Arimathäa (Hr. Mayer, Zimmermeistcr); Nico- demus (Hr. Fischer, Schreinermeister); Simon von Cyrene (Hr. Fischer, Schreinermeister); Jesus (Hr. Stark, Posthalter); Maria, Mutter Jesu, (Frl. Thekla Würstle, Näherin); Petrus (Hr. Geßl, Schreinermstr.); Johannes (Hr.Geßl, Söldnerssohn) ;JudasJscnrioth (Hx. Knappich, Sattler und Tapezierer); Maria Mag- dalena (Frau Gerstmair); Lazarus (Hr. Zindath); Simon der Aussätzige(Hr.Mayer); Pontius Pilatus, Landpfleger von Judäa, (Hr. Baudrexl, Metzgermeister, Vorstand); Claudia, dessen Gemahlin, (Frau Martin); Herades, König von Galiläa, (Hr.Gerstmair, Postbote); Herodias, dessen Gemahlin, (Frl. Anna Schreiber); Longinus, römischer Hauptmann, (Hr. Klotz, Müllermeister) ; SeIpha, Führer der Soldaten, (Hr.Eberl,Maler). i-v-i M48. Areitag, den 15. Juni 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und,Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttlcr). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Schluß.) Steindorf konnte sich nicht verhehlen, daß er so wie so unrettbar verloren sei, weshalb er die öffentliche Schaustellung seiner Person um jeden Preis abkürzen wollte. Demgemäß verzichtete er auch auf ein Gnadengesuch und erbat sich als solches nur eine möglichst beschleunigte Vollstreckung des Urtheils. Sein gewohntes hohnvolles Lächeln war verschwunden, er konnte die Ermahnungen und Trostworte des Geistlichen ruhig anhören und sogar wieder schlafen. Ob sein Kind ihm vor dem letzten, verhängnißvollen Augenblick noch einmal erschienen? — Der Geistliche, welcher seine Hand ergriffen, fühlte plötzlich einen krampfhaften Druck, sah feine Augen weit geöffnet nach oben gerichtet und vernahm den leisen Ausruf: „Lotta, bitte für mich!" Im nächsten Augenblick war Alles zu Ende!- Wieder war es Lenz geworden, und auf's Neue sproßte, grünte und blühte es in Tante Hanna's Garten. Ein neues Haus war aus der Asche erstanden, genau wie das alte gewohnte Heim der Greisin, welche die ärztliche Kunst nicht blos vom leiblichen, sondern, was noch mehr bedeutete, auch vom geistigen Tode zu einem neuen Leben errettet hatte. > > Und wieder klangen die Pfingstglocken von den Thürmen der Stadt, — mit Maienbäumchen war Tante Hanna's Gartenpforte und die Veranda geschmückt, da man es sich nicht hatte nehmen lassen, die alte Freundin mit diesem Gruß zu erfreuen. — Sie wußte es wohl, wie hart und schwielig die Hände waren, welche ihr diese Maienfreude bereitet. Tante Hanna saß auf ihrer Veranda, da der Arzt ihr den Kirchenbesnch noch nicht erlanbt hatte. Doctor Peters saß neben ihr und gegenüber der Maler Reinhardt, welcher sein Augenlicht behalten und eine Menge Verzierungen und Arabesken, wie er die Narben nannte, als hübsche Zugabe bekommen hatte. „Denn sehen Sie, meine liebe Freundin," schloß Reinhardt soeben seine Krankengeschichte, „den größten und handgreiflichsten Vortheil hat doch im Grunde unser Doctor hier aus dem schauerlichen Drama gezogen. Ja, schauen Sie mich nur recht grimmig und verwundert an, alter Aeskulap! — Ist es nicht wahr, daß jener Mensch, dessen Namen wir verschworen, unter uns zu nennen, Ihren ärztlichen Ruhm durch ganz Deutschland und darüber hinaus verbreitet und erhöht hat? Hat der Schin- derhannes nicht etliche von uns armen Menschenkindern so wundervoll zugerichtet, daß alle Aerzte Sie um uns beneidet haben? Und ist es Ihnen nicht gelungen, meine unglückselige Visage und vor allen Dingen meine Augen, Tante Hanna's zerschlagenes Gehirn und sogar unsern Todes-Candidaten Marbach wieder prachtvoll zusammen zu flicken, daß wir allesammt uns noch des schönen Lebens freuen und den Herrgott preisen können für die Gnade, unserm Städtchen einen solchen medicini- schen —" „Nun hören Sie aber auf," unterbrach ihn der Doctor, sich die Ohren zuhaltend, „Sie blasen ja eine unausstehliche Fanfare. Wollen Sie denn durchaus, daß ich's Ihnen heimzahle und Sie mit Naphael, Rubens und Tizian vergleichen soll? Der Teufel hole alle Rcclame und Unvernunft!" „Lassen Sie ihn nur immerhin Ihr Loblied singen, Herr Doctor!" sprach Tante Hanna mit ihrem alten milden Lächeln. „Freund Reinhardt macht's ja stets ein wenig arg, aber wahr bleibt e§ doch, daß Sie wahre Wnnderkuren an uns verrichtet haben. Ich selber weiß nur noch, wie schwer ich mich auf etwas besinnen konnte, und daß es mir zuweilen noch nicht leicht fällt, meine Gedanken zu concentriren. Was Sie mir über meinen geistig-todten Zustand, der eine Lücke in meiner Erinnerung bildet, gesagt habcn, ist so furchtbar, daß ich meinem Netter weder durch Dankcsworte, noch durch die That zu vergelten vermag. Nächst Gott sind Sie, lieber Doctor, die Leuchte meiner letzten Lebenstage geworden, da ich's nun einmal für ein grausames Geschick halte, einen zweifachen Tod zu leiden und schließlich wie eine gedankenlose Pagode wegzusterben. —" „Na ja, ich freue mich doch auch, Sie wieder her- ansgeflicki zu haben!" rief der Doctor, feine Rührung unter einem bitterbösen Gesicht verbergend. „Wissen möchte ich's aber nur, wo Fräulein Holten jetzt in der Welt herumstreift. Ich habe ihr für den Winter Italien verschrieben, das sie aber bereits im Februar mit Afrika vertauscht hat." „Was will sie denn dort?" fragte Reinhardt erstaunt, während Tante Hanna still vor sich hinblickte, „fürchte meiner Treu doch, daß sie den Schinder- hannes —" 366 Tante Hanna hob die Hand und blickte ihn strafend an. „Gut, gut, ich bin schon still," brummte der Maler, „das Schooßkind darf mit keinem schiefen Seitenblick gestreift werden. Was aber eine alleinreisende Dame —" „Sie reist nicht allein, wie Sie sehr wohl wissen, Herr Reinhardt," unterbrach Hanna ihn auf's Neue, „es ist leider Gottes eine böse Gewohnheit von Ihnen, alles Reine zu verlästern." „Da hören Sie's, Doctor, welch' verkanntes Genie ich bin," sagte der Maler achselzuckend, „die Wahrheit wird selbst von solchen milden Augen zur Lästerung umgewandelt. Meinetwegen mag Fräulein Holten nach dem Monde reisen, mich soll's nicht kümmern. Wäre mir auch noch erklärlicher, als just nach Afrika! Was die Evers dort wohl zu den Heiden und Türken sagen wird? — Die alte Mamsell ist auch eine nette Begleiterin für eine junge, ruhelose Dame. — Wen hat sie denn als Wirthschafts-Cerberus in Edenheim eingesetzt?" Tante Hanna wollte böse werden, mußte aber doch lachen und nannte ihn unverbesserlich. „Mamsell Evers ist just die beste Gesellschafterin für das Fräulein," bemerkte der Doctor, „und das Klima in Afrika sehr zuträglich für derartige Nerven- leidsnde wie Fräulein Armgard. Seeluft, fremde Eindrücke, Strapazen sind ganz vortreffliche Heilmittel, wenn's auch gerade nicht meine Absicht gewesen ist, sie dorthin zu senden. Glaube, sie haben sich einer deutschen Familie angeschlossen." Tante Hanna sagte kein Wort dazu. „In Edenheim wird Mamsell Evers einstweilen durch ihre Nichte, eine junge PächtcrS-Wittwe, vertreten," bemerkte sie nach einer Weile. „Hm, was geht's mich an," meinte Reinhardt mit einem humoristischen Seitenblick auf das nachdenkliche Gesicht der Greisin, „Fräulein Holten und ich waren immer Antipoden. Aber daß der Bursche, der Leonhard Marbach, mir nicht ein einziges Mal geschrieben —" „O doch, er sandte Ihnen einen Neujahrsgruß, Sie Undankbarer!" fiel Tante Hanna ihm energisch in's Wort. „Nichtig, mein Gedächtniß wird auch schwach, wie ich merke. — Sie haben Recht, bekam aus Rom einen Gruß und einen echten Raphael, den ich nicht für tausend Mark hergeben würde. Wo der Heide — denn ein solcher ist er in Kunstsachen — dieses Juwel aufgegabelt hat, das möchte ich wissen. Na, Sie haben's ja beide gesehen, aber was er dort den Winter über getrieben, und wo er überhaupt geblieben ist, das weiß ich bis zur Stunde nicht." „Ich denke, er ging nach Nizza und hat dort wahrscheinlich Fräulein Holten getroffen," warf Doctor Peters ruhig hin. Reinhardt blickte ihn verdutzt an und stieß dann einen langgezogenen Pfiff aus. „So hat er also an Sie geschrieben, Doktor?" fragte er mit einem Pfiffigen Lächeln. „Allerdings, er muß mir doch von Zeit zu Zeit einen Rapport über seine Gesundheit abstatten. Ich rieth ihm zur Niviera, da Rom ihm nicht bekam, der arme Kerl hat viel nachzuholen, um wieder zu Kräften zu kommen. Von Nizza ist er nach Afrika gesegelt, wie ich ihm ebenfalls dringend gerathen —" „Ei, jetzt wird's interessant," fiel der Maler lachend ein, „er trifft sie in Nizza, — sie trifft ihn in Afrika, — nun kommen Edenheim und Notenhof am Ende doch noch unter eine Firma." „Wenn Sie doch nur ihre Folgerungen unterwegs lassen wollten, mein lieber Reinhardt," sagte der Doctor, auf seine Uhr blickend. „Schon nach elf, ich muß zu meinem Bedauern jetzt fort, Tante Hanna, — entschuldigen Sie mich, habe noch einige Krankenbesuche zu machen und vom Bahnhof einen Freund abzuholen." „Dann kommen Sie zu spät, Doctor!" rief der Maler, „habe vorhin schon das Pfeifen der Locomotive gehört." Tante Hanna hatte sich erregt erhoben und die Hand auf des Doctors Arm gelegt. „Bleiben Sie noch einige Minuten, lieber, alter Freund," sprach sie mit vor Bewegung zitternder Stimme, „Sie werden es nicht bereuen. Ich erbat mir heute Morgen ihren längeren Besuch, Sie versprachen mir, sich frei zu machen, nun dürfen Sie noch nicht gehen, Doc- torl — Ja, ja," setzte sie mit einem lächelnden Blick auf das verwundert neugierige Gesicht des Malers hinzu, „auch Sie, undankbarer Spötter, habe ich eigens eingeladen, weil heute ein ganz besonderer Festtag für mich ist." „Tantchen! Tantchen! sitzt hinter dieser Stirn noch ein zweites Geheimniß?" fragte der Doctor, sie forschend anblickend. „Sie wissen doch, wen ich vom Bahnhof abholen wollte, — der arme Junge wartet jetzt gewiß bei meiner Frau." Tante Hanna schwieg und beugte sich über die Veranda, um auf ein fernes Geräusch zu horchen, während die beiden Herren sich besorgt anblickten. Hatte die Greisin einen Nückfall bekommen?" Jetzt wurde das Rollen eines Wagens hörbar. Eine Droschke fuhr heran und hielt vor der Gartenpforte. Tante Hanna eilte mit jugendlicher Raschheit die Stufen hinab und durch den Garten. „Donnerwetter!" schrie Reinhardt überrascht auf, „da ist ja der Leonhard Marbach und neben ihm —" „Ja, neben ihm sitzt eine Frau," ergänzte der Doctor mit einem äußerst vergnügten Gesicht, „doch ist es nicht die meinige. — Den Leonhard wollte ich nämlich vom Bahnhof holen und Sie damit überraschen. Tante Hanna aber ist uns darin über und, Gott sei Dank, ganz die Alte wieder." Von der Pforte her schritten Arm in Arm Tante Hanna und Armgard Holten, deren frisches Antlitz beim Anblick der beiden Herren in Purpur erglühte. Sie streckte dem Doctor die Hände zum Gruß entgegen und drückte ihm dann plötzlich, von ihrem Gefühl überwältigt, einen herzlichen Kuß auf die Wange. „Für Tante Hanna's Gesundheit, lieber Doctor!" sprach sie tiefbewegt. „Und doch auch für den da," sagte der Doctor, auf Marbach deutend, der glückstrahlend mit der alten Evers folgte. „Ja, gewiß, auch für ihn," — und Armgard küßte ihm schalkhaft die. andere Wange. „Ich bin wohl gar nichts werth, meine Gnädige," brummte Reinhardt, ihr die Hand entgegenstreckend, „gehöre doch auch zum Attentat und — zu Leonhard's Familie." Sie ergriff mit festem Druck seine Hand. „Sie gehören fortan zu uns, Herr Reinhardt!" 367 sprach sie herzlich, „denn, «eine Freunde, auf die Gefahr hin, von Ihnen als eine leichtsinnige Persönlichkeit verurtheilt zu werden, bekenne ich hier frank und frei, daß ich diesem jungen Mann nach Afrika nachgereist bin, um mich dort mit ihm zu verloben. Daß er vor mir geflohen —" „Halt, glauben Sie ihr das nicht," fiel Marbach lachend ein, „ich habe meine Braut vom ersten Augenblick an, da ich sie gesehen, geliebt und alle Qualen der Eifersucht durchempfunden, als mir ein Unwürdiger zuvorkam. Ich fand sie in.Nizza wieder und warb um ihre Liebe wie ein täppischer Knabe, bis sie dem einarmigen Tölpel einen Korb gab, mit welchem er in seiner Verzweiflung nach Afrika sich einschiffte." „Jetzt komm' ich wieder an die Reihe," nahm Armgard rasch das Wort. „Mamsell Ebers war so erbost über jenen Korb, daß sie mich allen Ernstes verlassen wollte. Sie fang mir täglich des Einarmigen Loblied in allen Tonarten vor, bis ich selber lebensmüde wurde und mich zu einer heimlichen Flucht entschloß. Das Wohin war mir noch unklar, bis ein Brief meines guten Doctors mir ein Ziel angab." „Ich hätte Ihnen wirklich zu Afrika gerathen, Fräulein Holten?" fragte Doctor Peters mit einer unschuldigen Miene. „Ja freilich, nicht direct gerade, aber Sie hatten aus meinem letzten Schreiben jedenfalls meine Fluchtgedanken errathen und ließen nun recht arglistig eine Hymne auf das uordkrfrikanische Klima erklingen, das für Nervenleidende wahrer Balsam sei. Meine alte heimtückische Evers hockte gleich dahinter und spottete über Heiden, Türken und Mohren, so daß ich schließlich rabiat wurde und mich einer Touristen-Familie, welche einige Monate in Kairo wohnen wollte, sofort anschloß, es meiner alten Mamsell anheimgebend, nach Hause zu reisen." „Was sie natürlich hübsch bleiben ließ," schmunzelte die Alte. „Ja, sie ging richtig mit in's Mohrenland," fuhr Armgard mit drolligem Ernste fort, „und wen trafen wir dort?" „Jetzt kommt an mich wieder die Reihe," fiel Marbach mit leuchtenden Augen ein. — „Der freilich höchst zierliche und überzuckerte Korb, den ich in Nizza erhalten, wurde mir eine immer schwerere und unerträglichere Last, weil die grausame Spenderin alle Vorzüge und Liebreize ihrer bezaubernden Persönlichkeit heimlich mit hineingepackt hatte. Ich war wie verhext und lief täglich nach der Hafenstadt Bulakhinans, um die ankommenden Schiffe zu mustern, als müsse sich eines Tages ein Wunder ereignen und die Ersehnte an's Land steigen. Und siehe da, der Himmel schien Erbarmen mit mir zu haben, denn an einem wundervollen Morgen, als ich wieder, wie Ritter Toggenburg, am Hafen stand und einem sich nähernden Dampfer entgegenstarrte, kam mein Glück dahergeschwommen. Vielleicht Habs ich ein schrecklich dummes Gesicht gemacht, als ich sie sah, deren Bild ich Tag und Nacht im Herzen trug. —" „Sehr geistreich fand ich das Gesicht nun gerade auch nicht," bemerkte Armgard trocken. »Zugegeben, aber glücklich war's gewiß," fuhr Marbach fort. „Was soll ich weiter berichten, meine lieben Freunde, sie kam, sah und — diesmal besiegte ich die spröde Korbspenderin im Sturm, iudem ich sie ohne Weiteres an mein Herz schloß und nicht wieder frei ließ." „Der entsetzliche Mensch!" schalt Armgard, sich mit Tante Hanna in's Zimmer flüchtend und die Thür hinter sich verriegelnd. Hanna sah sie fest an und fragte: „Lieben Sie ihn denn auch von ganzem Herzen, ohne den Nachgeschmack jener einstigen Neigung, mein theures Kind?" „Ja, mein einziges Tantchen, ich liebe ihn von ganzem Herzen, von ganzer Seele, weil er mir schon gleich am vorigen verhängnißvollen Pfingsten so gut gefiel." „Dann bin ich beruhigt, Ihre Briefe waren mir nicht recht verständlich, der letzte aus Kairo aber ließ mich ahnen, daß ich heute ein Brautpaar begrüßen werde. Gott segne Sie und erhalte Ihnen dieses Glück!" Draußen auf der Veranda saßen die Herren im leisen Gespräch. „Herr Doctor!" sagte Marbach halblaut, „ich verdanke Ihnen mehr als mein Leben, das mir ohne Arm» gard doch werthlos schien. Sie haben mir geholfen, mein Glück wiederzufinden, haben mir Hoffnung und kecken Muth in's Herz geflößt und durch ärztliche Schachzüge mir die Spröde in die Arme getrieben." „Ja, ich habe der Vorsehung ein wenig nachgeeifert," sprach Doctor Peters lachend. „Es machte mir Spaß, Sie Beide, die doch so trefflich für einander paffen, nach Afrika zu schicken, um dort Verlobung zu feiern." „Bravo!" schrie Reinhardt überlaut, „unser Doctor soll leben! — Nun kommen Notenhof und Edenheim also doch richtig unter eine Firma —" „Schreien Sie nicht so fürchterlich," bat der Doctor, besorgt nach dem offenen Fenster blickend, „wenn die Braut dergleichen Schachzüge merkt, wäre sie im Stande, noch zurückzutreten. Machen Sie schleunigst Hochzeit, lieber Marbach!" „In spätestens vier Wochen," erwiederte dieser, rasch an's Fenster tretend und der sich lächelnd, mit drohend emporgehobenem Zeigefinger, herausbeugenden Armgard einen Kuß auf die frischen Lippen drückend. „Er bleibt das Haupt," rief Reinhardt trinmphirend. „Und meine Frau die Krone!" sprach Marbach, ihre Hand zärtlich an die Lippen ziehend. Ende. ----SSSMS-«- Einiges über Erdbeben. Die Erderschüttcrungen, welche in der jüngsten Zeit Griechenland und einen Theil von Südamerika heimsuchten, hatten die allgcnieine Aufmerksamkeit diesen verderblichen Naturerscheinungen zugewandt, und daher mag es angezeigt sein, an dieser Stelle etwas näher auf dasjenige einzugehen, was die Wissenschaft über die Erdbeben, ihr Auftreten und ihre Ursachen ermittelt hat. Starke Erdbeben sind die furchtbarsten Naturerscheinungen, welche der Mensch durch die unmittelbare Erfahrung kennt, es ist keine andere Kraftäußerung bekannt, die in gleich kurzer Zeit und auf gleich ausgedehnten Theilen der Erdoberfläche dem Menschengeschlecht auch nur entfernt so verderblich wäre. Dazu kommt, daß kein Theil der Erdoberfläche von Erschütterungen völlig frei ist und niemand Ort, Zeit oder Heftigkeit eines 368 Erdbebens bestimmt vorher angeben kann. Glücklicherweise gibt es ausgedehnte Gebiete, innerhalb deren viele Jahrhunderte hindurch starke Erdbeben nicht vorkommen. Selbst in den Rheinlanden, deren Boden während des letzten Jahrtausends wenigstens 600mal erzitterte, ist die Gefahr verderblicher Erschütterungen, welche Leben und Eigenthum der Bewohner vernichten, erfahrungsgemäß so verschwindend, daß niemand daran denkt, es könnte jemals der Wunderbau des Kölner Domes durch ein Erdbeben vernichtet werden. Zu Lima in Peru aber hätte die Erde nicht einmal gestattet, eine solche Kathedrale zu vollenden. In Griechenland duldete sie in gewissen Bezirken nur während unbestimmter Epochen der Ruhe große Bauten. So am Festplatze zu Olympia den wunderbaren Tempel des Zeus. Weder die rohen Horden der Gothen, noch die Befehle des Kaisers Theo- dosius, daß alle heidnischen Tempel zerstört werden sollten, konnten den gigantischen Bau völlig vernichten; erst die furchtbaren Erdbeben des 6. Jahrhunderts zerschmetterten das Wunderwerk zu einer wilden Trümmerhalde und warfen über die Stätte uralter Herrlichkeit eine mächtige Decke von Schutt. Die gewaltigen Erschütterungen, welche ganze Städte umstürzen, Tausende von Menschenleben in einem Augenblicke vernichten, Felsstürze hervorrufen und bisweilen kilometerlange Bodenspalten erzeugen, sind die äußersten Stufen der Scala, die abwärts bis zu leisem Erzittern des Bodens und zu jenen mikroseismischcn Erdpulsationen ausklingt, welche erst die neueste Zeit mit Hilfe sehr feiner Instrumente kennen gelehrt hat. Große Erdbeben breiten ihr Erschütterungsgebiet meist über einen erheblichen Theil der Erdoberfläche aus. Das gewaltige Erdbeben von Lissabon (am 1. November 1755) wurde in Deutschland, Skandinavien, Island und Grönland, am Ontariosce, auf den Antillen und in Nordafrika verspürt, sodaß damals mehr als der 13. Theil der ganzen Erdoberfläche erzitterte. Noch weit größer würde seine Ausbreitung erschienen sein, wenn man zu jener Zeit die seinen Meß- und Beobachtungsapparate besessen hätte, die der heutigen Wissenschaft zu Gebote stehen. Mittels dieser hat sich z. B. herausgestellt, daß das japanische Erdbeben von Kumawato am 28. Juli 1889 sich durch leises Zittern des Bodens in Potsdam und WilhelmS- havcn (wo sclbstrcgistrirende Instrumente aufgestellt waren) bemerkbar machte. Dieses Erzittern wurde von den Apparaten 67 und 225 Minuten nach dem Stoße in Japan aufgezeichnet, und zwar entspricht die erste Schwingung der direkten Wellenbewegung des Bodens westwärts von Japan durch Asien über Rußland nach Nord- deutschland, auf einer Strecke von 8860 Irm; die zweite den Erschütterungswcllen des Bodens, welche durch den Großen Ocean, über Nordamerika, durch den Atlantischen Ocean ostwärts verliefen, auf einem Wege von 31,140 Irrn. Die erste ergibt eine Geschwindigkeit im Fortschritt des wellenförmigen Bodencrzitterns von 2,2 Irm in der Secunde, die andere eine solche von 2,3 Irm. Fast die nämliche Geschwindigkeit ergab sich bei dem japanischen Erdbeben am 18. April des gleichen Jahres, andere Erdbebenkatastrophen führten auf Werthe von 3 Irm oder etwas darüber. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit ist größer bei heftigen als bei schwachen Stößen, und ebenso größer in festem, dichtem Gestein als in lockerem Boden, wo die Bewegungswellen rasch zum Erlöschen kommen. Versuche haben ergeben, daß durch Pulvercxplbsionen erzeugte Bodenerschüttcrungen sich in Sandstein mit einer Geschwindigkeit von 1,2 Irm, in dichtem Granit mit einer solchen von 2,4 bis 3,1 Irm in der Secunde bewegen. Da nun die von den Apparaten angezeigten schwachen Schwingungen, die sog. mikroseismischen Bewegungen, auf Geschwindigkeiten von mehr als 2 Irm für die Secunde führen, und da diese Schwingungen sich meist in großer Tiefe fortgepflanzt haben, so kann man daraus schließen, daß die tieferliegenden Schichten des Erdkörpers aus festem Gestein nach Art des Granit bestehen. Derjenige Punkt der Erdoberfläche, an welchem die Erschütterung zuerst eintritt, wird Epicentrum genannt, und man muß annehmen, daß er derjenigen Stelle im Innern der Erde, von wo die Erschütterung ausgeht, also dem eigentlichen Herd der Erscheinung, am nächsten ist. Man hat verschiedene Methoden ersonnen, um über die Tiefe jenes Herdes unter der Erdoberfläche Aufschluß zu erhalten, allein diese Methoden sind nicht einwurfsfrer, auch erfordern sie genauere Beobachtungen, als bei Erdbeben angestellt werden können. So viel ergibt sich jedoch mit Sicherheit, daß der Herd der Erschütterungen keineswegs in sehr großen Tiefen, sondern verhältnißmäßig nahe der Oberfläche in den festen Gesteiusmasscn der Erdrinde zu suchen ist. Wahrscheinlich überschreitet diese Tiefe niemals 40 bis 50 Irm. Die Art der Bodenbewegung bei großen Erdbeben ist sehr verschieden; nahe dem Epicentrum kommen verticale Bewegungen vor, in weiter Entfernung meist nur wellenförmige Schwingungen. Im einzelnen ist die Wirkung der letzteren, wie sie sich in den angerichteten Zerstörungen offenbart, sehr verschieden. Bei dem Erdbeben von Niobamba in Ecuador am 4. Februar 1797 wurden Baumpflanzungen, die vordem parallel waren, gekrümmt, Accker, auf denen verschiedenartige Getreide- pflanzungen standen, erschienen später ineinandergereiht, und als Humboldt den Grundriß der zerstörten Stadt aufnahm, zeigte man ihm die Stelle, wo das ganze Haus- geräth einer Wohnung unter den Ruinen eines anderen gefunden worden war. Agatino Longo erwähnt, daß bei einem Erdbeben zu Catania mehrere Bildsäulen herumgedreht wurden und man die Richtung einer großen Steinmasse um 25° verändert fand. Beim Erdbeben zu Valparaiso am 19. November 1822 wurden mehrere Häuser umgedreht, und man fand später drei Palmen wie Weiden umeinander gewunden. Aehnlichc scheinbare Drehbewegungen haben sich auch bei dem großen Erdbeben von Charlcston 1887 gezeigt; sie sind aus örtlichen Zuständen an der Erdoberfläche zu erklären, erfordern aber nicht die Annahme von rotatorischen Stößen. Daß wirklich Stöße von unten nach oben bei starken Erdbeben vorkommen, ist trotz gegentheiliger Behauptungen unzweifelhaft. Einen Beleg dafür kann die Katastrophe von Jschia am 28. Juli 1883 liefern. An jenem Tage Abends 9 Uhr 22 Minuten gab ein unterirdischer Kanonenschuß das Zeichen zum Untergänge, ein Stoß folgte, vergleichbar der Explosion von zehntausend Tonnen Dynamit, und Casamicciola war nicht mehr. Keine weitere Bodenbewegung wurde, soviel bekannt, wahrgenommen. Sehr deutlich wurden verticale Stöße bei gewissen Seebeben verspürt. Bisweilen macht sich dann eine stoßende Bewegung an Deck wahrnehmbar, wodurch Schiffe ins Schwanken gerathen, Masten und Raaen erzittern und die Steuerruder hin- und Herstoßen. Bei noch stärkeren Stößen werden schwere Gegenstände um« 86S geworfen und die Leute in die Höhe geschleudert. Bei einem Seebeben an der kleinasiatischen Küste, welches Violet d'Aroust beschreibt, wurde eine französische Corvette durch einen verticalen Stoß heftig in die Höhe geschleudert und dermaßen in allen Theilen erschüttert, daß man im ersten Augenblick ihre gänzliche Zertrümmerung befürchtete. E. Rudolf, der die unterseeischen Erdbeben genau studirt hat, beweist mit einer langen Reihe zuverlässiger Zeugnisse, daß indessen der stärkste Verticalstoß durchaus nicht nothwendig eine Welle an der Meeresoberfläche zur Folge hat, ja, daß bei glattem Seespicgel und Windstille der intensivste Stoß eine Aenderung im Zustande des Meeres nicht hervorruft. Diese Thatsache kann als durchaus feststehend betrachtet werden; ebenso sicher ist es aber auch, daß in gewissen, wie es scheint, seltenen Fällen das Meer sich zu mächtigen Wellenbergen erhebt, die bei ihrem Fortschreiten über den Ocean als hohe Wogen sich kenntlich machen. In anderen Beispielen wird berichtet, daß das Meer längsseits des Schiffes oder unter demselben zu sieden schien, oder daß das Wasser in Strahlen von 12 bis 15 Fuß Höhe emporgeschleudert wurde, als wenn es kochte. Der Dampfer John Elder wurde am 9. Mai 1877 mit der auffluthenden See auf einen steilen Wellenberg gehoben, ein schäumender Abgrund sog die Gewässer an den Flanken auf, während die Schraube, mit unheimlichem Geräusch in der Luft sich drehend, zischte, dann bog sich das Schiff vornüber und stürzte mit tosendem Geklatsch in die Tiefe. Unterseeische Erdbeben erzeugen als solche keine Fluthwellen, solche entstehen nur dann, wenn unterseeische Ausbrüche stattfinden. Wenn dagegen Küstenstrccken durch starke Erdbeben in Erschütterung versetzt werden, so gcrüth auch der Meeresspiegel in Schwankungen: das Meer Acht sich zurück und kehrt als ungeheure Welle, alles überschwemmend, wieder. Keinen furchtbareren Anblick gibt es für den Kundigen, als dieses Zurückziehen des Meeres bei einem Erdbeben! Ein Augenzeuge beschreibt den Vorgang bei dem Erdbeben von Jquique im August 1868 mit folgenden Worten: „Langsam war das Wasser des Meeres angeschwollen, da sah ich Plötzlich mit Entsetzen die See sich zurückziehen, nicht langsam wie sie gestiegen war, sondern mit grausen- hafter Heftigkeit. Vor mir hob und hob sich das Ufer, sodaß ich bald bis zur vorgelagerten Insel hin vom Meere nichts mehr sah. Auf einmal zeigte sich in einiger Entfernung hinter der Insel eine lauge, hohe Welle, die nach dem Lande zu mit großer Regelmäßigkeit vordrang. Nun schien mir kein Augenblick mehr zu verlieren. Ich rief den beiden im Hause befindlichen Freunden zu, um sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Dieselben kamen, meinten indeß, die Welle werde sich an der Insel brechen. Wir warteten nun auch dies noch ab und hatten so das großartige Schauspiel, das Meer mit einer Gewalt über die Insel weggehen zu sehen, daß das Wasser zum Himmel zu spritzen schien. Aber für uns war auch der letzte Augenblick der Rettung gekommen. Unter dem stets wachsenden Getöse des sich heranwälzendcn Wassers, und als die Welle dem Lande schon näher war als der Insel, fingen wir drei endlich an, der Höhe zuzulaufen, — für den letzten von uns, der sich etwa zehn Schritte zurück befand, schon fast zu spät, denn er wurde vom Wasser erreicht und fortgeschleudert, dann, während er sich inmitten der Trümmer der rechts und links von ihm zusammenstürzenden Häuser, die ihn an mehreren Stellen verletzten, aufraffte, aufs neue erfaßt und fortgeschleudert. Er blieb endlich, als das Meer das Gleichgewicht wieder erlangt hatte, auf dem Trockenen, ohne zu wissen, wie. Ich glaubte eine Zeit lang allein von uns drei die Gefahr begriffen zu haben, als ich die anderen aufforderte, die Thür zu schließen und der Höhe zuzueilen; und doch, nachdem ich nicht weit gelaufen war, blieb ich stehen und sah zurück, um die Wirkung der Welle zu sehen, was ich sicher nicht gethan haben würde, wenn ich von der Gewalt derselben eine Ahnung gehabt hätte. So kommt es, daß ich mich des Augenblicks, in welchem die Welle am Lande anlangte, mit solcher Lebhaftigkeit erinnere, daß der Anblick mir immer vor Augen stehen wird. Die Welle, schwarz vom Sand und vom Schmutze, den sie bereits aufgewühlt hatte, mochte etwa 80 Fuß hoch sein; sie reichte bis zu dem Balcon des Hauses, von wo Wasser und Schaum noch über das Haus wegspritzten. Wenn ich noch einen Augenblick die Hoffnung gehegt hatte, daß die Häuser im Stande sein würden, dem Andränge des Wassers zu widerstehen, so wurde ich dieser Täuschung sofort entrissen. In diesem einzigen kurzen Augenblick verschwand unter dem entsetzlichsten Getöse der zusammenstürzenden Häuser die ganze Straße de la Pantilla, und daS Meer verlor dadurch so wenig von seiner Heftigkeit, daß es, obschon nun ganze Berge von Holz und Trümmern vor sich herwälzend, doch die nachfolgenden Gebäude mit derselben Leichtigkeit wegfegte, bis durch das Ansteigen des Terrains auch die Welle an Höhe und dadurch an Kraft verlor. Ich lief, so schnell ich konnte. Als ich mit Mühe etwa 200 Schritte weit gekommen war, sah ich zu meiner Linken an der ganzen Seite der Pantilla, wie das Meer, welches das ganze Ufer kahl gewaschen, die unförmlichen Trümmerhaufen der zahlreichen Häuser, die dort standen, vor sich herwälzend, noch in unaufhörlichem Vorrücken begriffen war. Da verließ mich mit den Kräften auch der Muth. Das Meer hinter mir und nun auch von der Seite sich heranwälzend, gab ich mich verloren und blieb stehen. Aber es ließ mich am Leben, und als ich zurückblickte, hatte es sein natürliches Niveau erreicht und zog sich in sein früheres Bett zurück, nachdem es nur noch zwei Schritte von mir entfernt gewesen war." Südamerika, besonders in seinen äquatorialen Theilen und den Regionen an der pacifischen Küste, gehört zu den von Erdbeben am meisten und schrecklichsten heimgesuchten Gegenden der Erde. In manchen Fällen stehen diese Erdbeben mit der Thätigkeit der andinischen Feuerberge in Beziehung, aber gerade die heftigsten Erschütterungen zeigen dort keinen Zusammenhang mit den Vul- canen, ja, in Nordamerika findet man, daß die Alluvial- Ebene des Mississippigebietes, obgleich sie fern von allen Vulcanen liegt, sehr oft von heftigen Erdbeben heimgesucht wird. Auch in Europa sind es nicht nur die vulcanischcn Gegenden, welche von Erdbeben häufiger zu leiden haben, sondern in nicht geringerem Grade wurden die Abruzzen, Calabricn, häufig auch die Alpen und die Kalksteingebiete von Kram und Jstrien, endlich Griechenland verheert. Zu den merkwürdigsten und schrecklichsten Erdbeben gehören die, welche im Februar und März 1783 Calabrien heimsuchten. Das Centrum derselben scheint das Städtchen Oppido in der Nähe deZ schneebedeckten Aspromonte gewesen zu sein. Zu wiederholten Malen vernahm man damals unterirdischen Donner, der aus südwestlicher Richtung zu kommen schien, ihm folgten die Erschütterungen, welche die merkwürdigsten 370 Veränderungen der Oberfläche hervorriefen. Mehr als hundert Berge und Hügel wurden von ihrer Grundlage gerissen, sodaß ungeheure Bergstürze erfolgten, welche Flüsse abdämmten, Städte und Dörfer zerstörten und fast 100,000 Menschen tödketen. Die Gegend, in welcher dieses furchtbare Erdbeben sich abspielte, bildet nach Süß die Trümmer eines einst zusammenhängenden Gcbirgskerns, der heute die Straße von Mcssina durchquert und dessen hauptsächlichster Bruchrand an der Westseite des Aspromonte gegen die Liparen blickt. Dieser Bruchrand nun ist die Straße gewesen, auf welcher damals die seismische Thätigkeit an verschiedenen Punkten ihre größte Kraft entfaltet hat. Aber noch mehr. Wie Süß nachgewiesen, ist jene Linie nur ein Theil eines Bogens, der die liparischen Inseln gegen Ost und Süd umgibt und durch zahlreiche Erschütterungen ausgezeichnet ist. Dieser Bogen läuft jenseit der Mceres- enge zum Aetna und setzt sich wahrscheinlich über Nicosia zu den makedonischen Bergen fort. Die ganze Bogen- linie hat einen Durchmesser von 90—100 km, und innerhalb derselben sind andere Stoßlinien bekannt, auf welchen Erschütterungen eintraten, die meist von den liparischen Inseln gegen außen gerichtet sind. Innerhalb dieser Inseln, südlich von Strornboli, nähcrungsweise im Centrum jenes großen Bogens, liegt eine Gruppe von Inseln und Klippen, welche die Trümmer eines vormaligen gewaltigen Kraters bilden. Das Ganze ist ein Senkungsgebiet, innerhalb dessen radiale Sprünge in der Erdrinde entstanden, die gegen die liparischen Inseln hin convcrgiren und dort mit vulkanischen Ausbruchsstellen besetzt sind. Jede neue Gleichgewichtsstörung der einzelnen Schollen verursacht gesteigerte vulkanische Thätigkeit auf den Inseln und Erschütterungen des Festlandes oder Siciliens. Im Laufe der kommenden Jahrtausende wird die Senkung allmählich fortschreiten, die heutigen Gestade werden dort versinken, und die Straße von Messina wird sich erweitern. Die jüngsten furchtbaren Erdbeben in Griechenland sind ebenfalls längs eines alten Bruchrandes auf dem geologischen Senkungs- gebicte Europas aufgetreten. Ihr Hauptherd lag bei Alalante und Chalkis auf Euböa. Die Einzelheiten der Verheerungen hat ein Berichterstatter der „Köln. Ztg." geschildert, hier soll nur darauf hingewiesen werden, daß keinerlei rein vulkanische Erscheinungen dabei zu Tage traten. Zwar wird die genauere Forschung vielleicht auch dort wie bei dem großen Erdbeben vom 26. Dezember 1861 an der Küste von Achaja die Entstehung von sandigen, kraterförmigen Kegeln ausweisen. Alle diese entstanden in dem letztgenannten Falle da, wo Spalten an der Oberfläche einen gemeinsamen Kreuzungspunkt halten, und sind nicht vulkanischer Natur. In so hohem Grad aber erinnerten diese Kegel äußerlich an Vulkane, daß bei dem Erdbcbm von Agram, wo sich in geringerm Maße Aehnliches zeigte, die Bevölkerung an die Möglichkeit der Entstehung eines Feuerberges dachte. Unsere heutigen Erdbeben sind aber viel zu schwach, um die Entstehung wirklicher Dulcane hervorzurufen. Hiermit ist ausgesprochen, daß der Vulkanismus nicht, wie man einst glaubte, die Ursache der Erderschütterungen ist. Zwar werden solche durch vulkanische Ausbrüche hervorgerufen, aber diese Erdbeben haben stets nur ein beschränktes Erschütterungsgebiet und sind nicht in Vergleich zu stellen mit den großen, ganze Erdtheile in Zittern versetzenden Beben. Ueberhaupt ist es unstatthaft, nur eine einzige Ursache für sämmtliche Erdbeben annehmen zu wollen. Als in den Jahren 1772 und 1810 Felsmasscn von der Shakespeare-Klippe in'S Meer stürzten, hatte Dover eine ziemlich starke Erderschütterung, und ebenso erregte der Erdsturz bei Zclla am 12. November 1869, der einen tiefen Erdspalt erzeugte, eine so heftige Bodcnerschütterung, daß in der Nähe Kamine einstürzten. Das Zusammenbrechen unterirdischer Hohlräume, künstliche Sprengungen, ja, die Schläge des Krupp'schen Riesenhammers verursachen Bodenerschütterungcn, endlich hat man in Japan einen Zusammenhang der leisen Erzittcrungen der Erde mit den Schwankungen des Luftdrucks und der Heftigkeit des Windes erkannt. Der Erdboden erscheint hiernach trotz seiner Starrheit wie eine elastische Masse, und daß dies wirklich der Fall ist, hat sich auf der Sternwarte zu Grccnwich gezeigt, an deren Instrumenten eine zitternde Bewegung des Bodens besonders lebhaft auftritt an Feiertagen und besonders dann, wenn der umgebende Park stark besucht ist. Diese Boden-Erzitterungen sind nur oberflächlich und ihre Ausbreitung wird schon durch einen steilen Einschnitt aufgehalten. Dies erinnert an die Thatsache, daß bei starken Erdbeben in oft erschütterten Gegenden gewisse Stellen unberührt bleiben, die vom Volke Erdbebenbrückeu genannt werden. Die meisten und vor allem die großen, weithin ausgedehnten Erderschütterungen stehen in engem Zusammenhang mit der Gcbirgsbildung und werden verursacht durch die Ablösung größerer Erdschollen in der Tiefe, weshalb man sie als tekto nische oder Dislocations-Beben bezeichnet. Alle Bewegungen im festen Gerüst unserer Erde, wodurch die Gebirge aufgethürmt und Senkungen und Einstürze hervorgerufen wurden, waren als solche Erdbeben von furchtbarster Gewalt. So sind auch die heutigen Boden- erschütterungen Aeußerungen der langsam fortschreitenden Gebirgsstauungen, des Schrumpfungsprocesses unserer sich allmälig abkühlenden Erde. Sie erfolgen auf Zonen oder Linien längs vorhandener Lagerungsstörungen (Brüchen und Faltungen) der Erdrinde als ruckweise, weitere Ausbildung derselben. In Kettengebirgen, die durch horizontale Faltung der Erdrinde entstanden, wie die Alpen und die Cordilleren, sind Erdbeben deßhalb häufig, ebenso in Küstengebieten, wo der abgesunkene Meeresboden von Gebirgen unmittelbar umgrenzt wird; dagegen sind sie seltener in alten, längst zur Ruhe gekommenen Gebirgen und in Gegenden mit wenig gestörtem Schichtenbau. So erscheinen also die Erdbeben als Auslösungen von Spannungen im Gerüste der Erde, und alles, was diese Auslösungen erleichtert, muß das Eintreten von Erdbeben begünstigen. Nun zeigten die statistischen Zusammenstellungen, die zuerst von Parry, dann besonders von Julius Schmidt geliefert worden, daß zu den Zeiten der stärksten Meeresflnthen auch die Erdbeben zahlreicher sind als sonst, und daß in der Erdnähe des Blondes mehr Tage mit Erdbeben verzeichnet sind, als bei gleichmäßiger Vertheilung der Fall sein würde. Es findet also ein Einfluß des Mondes auf die Erdcrschüttcrungen statt, und zwar in ähnlicher Weise wie auch das Anschwellen und Sinken des Meeres in den Gezeiten. Eine irrige Auffassung der Sachlage aber wäre es, dies durch Fluth und Ebbe eines glühend flüssigen Erdinnern erklären zu wollen, denn solche könnten die wirklich eintretenden Erscheinungen nicht hervorrufen. Die einzig zulässige Erklärung, die ich an diesem Orte bereits bei einer andern Gelegenheit gegeben habe und die ich bei diesem Anlaß l 371 wiederholen will, ist vielmehr folgende: Die Gezeitcn (Ebbe und Flut) unserer Weltmeere sind bekanntlich eine Folge der Anziehung des Mondes und der Sonne; diese Anziehung bewirkt aber auch Deformationen des festen Gerüstes der Erde, die freilich viel geringer sind als die der flüssigen Oberfläche. Die ganze Erdoberfläche wird durch die gewaltige Anziehung von Sonne und Mond in geringem Grade wie eine elastische Masse gehoben und gesenkt, und in diesem periodisch wiederkehrenden, bald schwächern, bald stärker», aber lediglich von der Mondfund Sonnen-) Stellung abhängigen Pressen und Dehnen der Schichten ist der Factor zu suchen, welchen der sonst durchschnittlich zu allen Zeiten gleich häufigen Erschütterungen eine periodisch größere Häufigkeit verleiht. Erdbeben würden auch ohne die Mondanziehung stattfinden, aber diese verursacht periodisch häufigere Auslösungen, und es ist daher ganz richtig, zu erwarten, daß um die Zeit, in welcher die flutherregende Kraft des Mondes am stärksten wirkt, Erdbeben häufiger eintreten werden als zu andern Zeiten. Natürlich kann man aber niemals im voraus den Ort bestimmen, wo dann Erdbeben sich ereignen werden, und ebensowenig läßt sich etwas Näheres über den Verlauf derselben, ihre Heftigkeit oder die Ausdehnung ihres Erschüttcrungsgebietes voraussagen. Jedes Prophezeien von Erdbeben, das über die oben bezeichneten allgemeinen Angaben hinausgeht, ist unwissenschaftlich, ja, völliger Humbug. Auch sichere Anzeichen kommender Erdbeben gibt es nicht. Aus dem Zustande des Wetters kann man nicht auf demnächstiges Eintreten von Erdbeben schließen, und das vom Volke so genannte „Erdbebenwetter" ist nicht nachweisbar. In Italien behauptet man, daß kurz vor Erdbeben der Wasserspiegel der Brunnen zu sinken pflege und man die Brunnenscile verlängern müsse; sichere und ausreichend zahlreiche Beobachtungen liegen aber hierüb:r nicht vor. De Nossi behauptet, eine ungewöhnliche Aenderung der Temperatur der warmen Quellen fei in Italien ein ziemlich sicheres Anzeichen bald eintretender Erdstöße, und er hatte schon früher den Antrag gestellt, aus Jschia Tag für Tag die Wasserwärme der dortigen Thermen messen zu lassen. Man hat dies dort nicht gethan, vielleicht, weil man fürchtete, solche Beobachtungen könnten von den Fremden als Zeichen naher Gefahr angesehen werden. Bei dem heutigen Zustande des Wissens kann man Erscheinungen wie den in Rede stehenden gegenüber alles und nichts als Warnung gelten lassen, und kein besonnener Forscher wird es auf sich nehmen, Ort und Zeit eines kommenden Erdbebens speciell voraus anzukündigen. —-S-MSe- G o 1 d k L v rr e rr. Den Personen gegenüber ist Unparteilichkeit Gerechtigkeit; den Meinungen gegenüber ist sie Gleichgültigkeit oder Geistesschwäche. Donald. Man fordere nicht Wahrhaftigkeit von den Frauen, so lange man sie in dem Glauben erzieht, ihr vornehmster Lebenszweck sei — zu gefallen. Ebner-Eschenbach. Nicht tadeln können ist Denkdnmmheit und Gefühlsträgheit; nicht loben können Denkhochmnth oder Gefühlskalte. „Wer die Ehre Dessen sucht, Der ihn gesandt bat, der ist wahr." (Joh. VII, 16) Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht; nach huirdcrt Jahren klingt sein Wort und seine That dem Enkel wieder. -- Originelles über das Musikivesen der Neger. (Nachdruck verböte») Die Neger sind leidenschaftliche Mnsikliebhaber. Es sind dies aber überhaupt alle sogenannten Naturvölker. Es summt und singt in jeder Menschcnseele Und unaufhaltsam es nach außen dringt. Ob bärenrauh — ob lerchenglatt die Seele, Ob was da auch an Takt und Wohlklang fehle: — ES ist Musik, wie es auch immer klingt; Zumal für den — der's bringt. „Es ist Musik, wie es auch immer klingt." Aber — es klingt oft entsetzlich, ja geradezu zum Tollwerden. So z. B. bei den Neger-völkern in Westasrika, an der Sklavenküste, bei den wilden Aschanti, den Dahomehern, welche die „freundliche", nach Menschenfleisch duftende Nachbarschaft unseres deutschen Colonialländchens Togo bilden. Diese Neger haben die zweckmäßigsten Instrumente zu einer Höllenmusik: da haben sie Trompeten aus Elephautenzähnen, gegen welche die mächtigen Jericho-Posaunen wahre Kindertrompcten gewesen sein müssen. In ihrem erschrecklichen Gebrülle erzittert der Boden; mit ihm vereinigt sich der Tamtam mit seinem unheimlichen, dumpfen, stoßweisen Dröhnen; dazu das Rasseln der mit Knochen und Scherben, Metallstücken gefüllten Kürbisse; endlich noch die schrillen Töne der Triangel und alter zerbrochener Schellen. Und diese Musik ist hoffähig. Die afrikanischen Fürsten haben ganze Banden mit solchen „Instrumenten". Und welch geschickte Musiker ließen aus diesen Negern sich nicht bilden! Wir haben davon ein überraschendes Beispiel in einer Neger-Capelle von circa 25 jungen Negern mit europäischen Instrumenten, welche schon in den 1870er Jahren bestand und Respektables in der kirchlichen wie in der weltlichen Musik leistete. Diese Musiker waren Zöglinge der Mission am Gabun in Westafrika. *) Nichten wir nun einige Blicke in's Innere von Südafrika — und nach Uganda in Accmalorial» Afrika. Aus dem Matabelen-Reiche in Südafrika — nordwestlich hintcrm Kapland. Die Malabelen, deren tyrannischer Herrscher Lobengula von den Engländern endlich unterjocht wurde, sind ein außerordentlich kriegerisches Volk und noch sehr leidenschaftlich und unbändig. Sie lieben Tanz und Gesang wie alle Neger auch leidenschaftlich (wie überhaupt das „gewöhnliche" Volk — darf man sagen). Diese Matabelen aber haben nicht etwa nur einen wilden, regellosen Sang. Ihre Melodien, so einfach sie auch sind, haben Rhythmus — Takt, Beweglichkeit und — merkwürdig die Cadcnz, wie wir aus folgendem Beispiele ersehen: , 2 , F * Diese Melodie bildet einen Marsch — und auch den „Königsgruß" mit dem Texte: „llodo, llsbo, öobo, *) Das Gabungkbiet liegt ober dem Mündungsgebiet des Kongo, in nordwestlicher Richtung. Der Gabun ist kein Fluß, sondern eine wenige Minuten nördlich vom Acguator etwa 15 deutsche Meilen in die Westküste Afrikas einschneidende Meeresbucht, in welcbe nur einige kleine Flüsse münden. Diese Bucht hielt man früher für einen großen Strom. Das Gebiet -- 372 llosto sodesu"; d. h.: „Nur für Dich, nur für Dich rc., I den Großen!" — Ob sie ihn wohl noch singen, diesen Königsgruß, da die Königs-Größe vernichte?! — Die Madinda und der Mugudo. „Das sind ja wildfremde Namen!" wird man wohl ausrufen. Nun, landfremd sind sie, jedoch nicht wildfremd, obgleich sie von einem Volke herstammen, das eben erst — feit 1879 — in der christlichen Civilisation begriffen. Diese Worte, die nicht unschön klingen, bezeichnen zwei Musikinstrumente, welche bei den Eingeborenen im Negerreiche Uganda im Gebrauche sind. Dieses Reich liegt am Victoria Nyanza- Sce, zählt an 4 Millionen Eingeborene, darunter viele katholische — auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von „Protestanten" (eigentlich Anglikaner) und grenzt mit seinem Südgcbiete — der Provinz Buddu (welche den Katholiken nach einem VerfolgungSkricge zugetheilt wurde) — an Deutsch-Ostasrika. Die Madinda nun ist den Eingeborenen von Uganda das Clavier — oder „Piano". Dieses Instrument besteht aus zwei Stücken Holz, von verschiedener Länge — mit einer starken Resonanz und zwei Griffbrettern, deren jedes 6 Saiten trägt. Gewöhnlich wird das Instrument gleichzeitig von Zweien gespielt: der Eine spielt die Melodie, der Andere die Begleitung. Die Wirkung ist recht angenehm und wohlklingend. Die Madinda dient oft zur Begleitung des Gesanges und wird dann durch Trommeln verstärkt. Der Mugudo besteht aus drei Trommeln oder Pauken von verschiedener Größe und Klangfarbe. Dieses Instrument, geschickt und taltgenau gespielt, ist „von sehr hübscher Gcsammtwirkung". Der Mugudo ist das Hosinstrnmcnt der großen Häuptlinge auf ihren Reisen durch ihre Provinzen und bei den Gesandtschaften, welche sie im Auftrage des Königs unternehmen. Ein Missionär aus Buddu, dem wir diese Mittheilung verdanken, hat in seiner Anstalt eine Anzahl von Knaben, welche den Mugudo zu spielen verstehen, und kam dieses Instrument bei der Fron- leichnams-Procession zu glücklicher Verwendung. ALLsVLei. * Ein unverhofftes, freudiges Wiedersehen. Ein Missionär der berühmten Missionsstation Bagamoyo in Deutsch-Ostafrika, Namens Pater Hirzlin, war unermüdlich auf der Suche nach armen Negerkindern, um sie loszukaufen oder vor dem Tode zu taufen. Eines Tages erfuhr er, daß in dem Hause eines Jndiers ein kleines, krankes Negermädchen sich befinde, das wahrscheinlich dem Tode nahe sei. Er ging oahin und fand das arme Kind, das 6—7 Jahre alt sein mochte, am Zimmerboden ausgestreckt; sein Leben schien nur noch an einem dünnen Faden zu hängen. Ohne Aufschub taufte er das arme Geschöpf. Am nächsten Tage fand er das Kind noch am Leben. So gingen mehrere Tage vorüber ist französisch. Hier besteht schon seit 1642 die längst berühmte Gabun-Misston, zugleich die älteste Culturmusteranstalt der Kongregation der Väter vom heiligen Geist, welche Kongregation 20 Jahre später auch die Mission Sansibar mit dem gleichfalls so berühmt gewordenen Bagamoyo — den Hauptstationen Mhouda, Mrogoro, Mandara u. s. w. mit 3 je bis 4 Negerchristendörfer, Alleösin Teutsch-Ostafrika — gegründet. und der Zustand des Kindes besserte sich zusehends. Da wollte der Pater diese kostbare getaufte Seele nicht in den Händen der. Ungläubigen lassen. Er bat die Frau des Hauses, ihm die Kleine zu überlassen. Der Kauf war bald geschlossen und Pater Hirzlin, ganz glücklich über seine Eroberung, trug, wie ein guter Hirt, das arme Schäflein in die sichere Hürde, in die Anstalt der Missionsschwestern. Als er dort anlangte, fand eben der Unterricht der Negerfranen statt. Der Pater setzte das Kind mitten in der Gruppe der Negerinnen nieder. Dieses schaute mit großen Augen die Versammlung an. Auf einmal blieb sein Blick an einer der Negerfrauen haften und mit dem Aufschrei: „Mama! Mama!" sprang eS auf die Frau zu. Diese hatte das Kind nicht sofort beachtet und schaute ganz verwundert auf. Sogleich erkannte sie es, schloß es in ihre Arme, nannte es ihr liebes Herzenskind und bedeckte es mit Küssen und Thränen. Dann fragte sie erstaunt: »Hat denn der Pater gewußt, daß ich ein Kind hatte — ukd ist er es suchen gegangen?" Der Pater sagte, er habe von diesem seltsamen Vorfall keine Ahnung gehabt. Da warf sich das glückliche Weib auf die Kniee, nahm ihr Kind in die Arme, hob es — die Augen voll Thränen —gen Himmel und rief: „Gott ist es, der liebe Gott allein — er hat mir mein Kind wieder zurückgegeben." Und.sie dankte Gott in der rührendsten Weise vor den Zeugen dieser ergreifenden Scene. Eintheilung. Ella (zu ihrer Freundin): „Nun, Anna, Ihr habt ja jetzt ein Abonnement ..... Wie gefällt es Dir denn im Theater?" — Backfisch: „O sehr! Ich gehe in die klassischen Stücke, Papa sieht am liebsten Operetten, und Mama geht in's — Unpassende." ----S-WLS-- Schachaufgabe. Von I. Mieses. Schwarz. Weiß zieht au und setzt mit dem 3. Zuge matt. Auflösung des Bilder-NSthsels in Nr.45: Flottenmanöver. Auflösung des Ariihmogryphs in Nr. 46: Museum, Allee, Ulema, Salm. Ossa, Laina, Esel, Ulm, Moses. Mausoleum- ---- ^L49. 1894. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 19. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Im Laune alter Schuld. Roman von GustavHöcker. - (Nachdruck verboten.) I. Das Herrenhaus war im Villenstile erbaut und danach hieß das große Rittergut der „Villenhof". Der Herr dieser schönen, in der fruchtbarsten Gegend der Mark Brandenburg gelegenen Besitzung, zu der sich noch ein gleich großes Gut in Schlesien gesellte, war Baron Wolfgang von Sturen. Er war heute einundzwanzig Jahre alt geworden, befand sich also in jenem benei- denswerthen Alter, wo sich mit dem Feuer der Jugendkraft der noch unerschütterte Glaube in die Zukunft vereinigt. Dennoch stand er in ernstem Sinnen an einem Fenster seiner Villa, und während er in den Park hinaus blickte, der eben im ersten Grün des Frühlings schimmerte, lag eine gewisse Schwermuth in seinem wohlge- bildeten Gesichte. Wie hatte es ihn nach diesem Tage verlangt, nie aber hatte er das Glück so schön gefunden, als er es sich vorher vorgestellt. Und nun, da die so lange ersehnte Stunde seiner Volljährigkeit geschlagen, schien ihm eine innere Stimme zuzuflüstern, daß er dieselbe Un- vollkommenheit des Glückes auch in dem neuen Lebensabschnitte antreffen werde, daß in dem schäumenden Becher der Freude ein Tropfen fehle, welcher auf Erden nicht gebraut wird. Wie noch nie zuvor empfand er in dieser Stunde ernsten Nachdenkens die Leerheit aller irdischen Dinge. „Noch vor wenigen Jahren," sagte er sich, bewegte sich hier mein Vater voll von Plänen und Hoff-' nungen; das Haus war eine Stätte gastlicher Geselligkeit; hier auch blickte das zärtliche Auge meiner Mutter auf meine Wiege, hier überwachte sie mit Stolz meine Knabenjahre. Und nun sind Vater und Mutter dahin; und der Ort, den sie einst ihr Heim nannten, kennt sie nicht mehr. Das wird auch einst mein Schicksal sein, wenn die Spanne Zeit abgelaufen ist, die man ein Menschenalter nennt." Das waren die düsteren Gedanken des jungen Barons, vor dem doch alles so hell dalag. Der Eintritt eines Dieners mit spärlichem grauem, schlicht nach vorn gekämmtem Haare weckte ihn aus seinen Träumereien. „Gnädiger Herr, das Pferd ist vorgeführt," meldete der Alte. Diese kurze Meldung genügte, um die melancholische Stimmung im Nu aus Wolfgangs Brust zu verscheuchen. Die fröhliche Erinnerung an sein Freiwilltgen-Jahr, welches er als Husar in einer gemüthlichen kleinen Garnison Schlesiens abgedient, erwachte lebhaft in ihm. Er fühlte sich plötzlich wieder ganz als Husar, griff nach Hut und Reitpeitsche, eilte hinaus und schwang sich auf den ungeduldig im Kreise sich drehenden Goldfuchs, mit welchem der Stallknecht draußen wartete. Fort ging es im Galopp; anstatt dem Thore zu, schlug der kühne Reiter die Richtung quer durch den Park ein und setzte über den Heckenzaun hinweg. Er dachte dabei nicht an die Landstraße, die sich jenseits des Parkes hinzog, und auf welcher ein Herr und eine Dame herangeritten kamen. Das blitzartige Erscheinen eines Reiters an einer Stelle, wo einen Augenblick vorher noch alles einsam gewesen war, erschreckte die Dame und noch mehr ihr Pferd. Es stieg kerzengerade in die Höhe, und würde sich rückwärts überschlagen haben, hätte nicht Wolfgang, der schnell von seinem Pferde gesprungen war, das scheuende Thier mit kräftiger Hand beim Zügel gefaßt. Die Dame ließ sich rasch vom Sattel Herabgleiten, wobei der junge Baron ihr beistand. Während er sich entschuldigte, diesen Schrecken veranlaßt zu haben, betrachtete er die Reiterin mit verstohlenen Blicken. Sie konnte kaum zwanzig Jahre zählen. Die schlanke, an- muthige Gestalt war ihm durch das Bemühen, sich im Sattel zu erhalten, noch anmuthiger erschienen; die innere Bewegung hob den Ausdruck des schönen Gesichts noch mehr hervor. Unter dem Rembrandthute mit weißer, wallender Feder drängte sich das reiche, dunkelblonde Haar hervor; aus den großen dunklen Augen leuchtete ein südländisches Feuer, welches zu den sanften Zügen des tadellos geformten Antlitzes einen Kontrast von eigenthümlichem Reize bildete. Die Schönheit des jungen Mädchens frappirte den Baron; aber es lag noch ein Etwas in ihren Zügen, in ihrem Wesen, in den großen Augen und in dem Klänge ihrer Stimme, als sie seine Entschuldigung mit einigen freundlichen Worten erwiderte, worüber er sich vergebens Rechenschaft zu geben versuchte. Er hatte kaum Zeit gehabt, alle diese Eindrücke in sich aufzunehmen, als er sich von einer rauhen Stimme angeredet hörte. „Es würde mich nicht gewundert haben, mein Herr, 374 wenn Sie noch größeres Unheil angerichtet hätten," sagte der Begleiter der Dame in hartem Tone; „wcr macht sich auch auf dieser ruhigen Landstraße darauf gefaßt, die Leute wie wahnsinnig über Parkgchege fliegen zu sehen!" Baron von Sturen warf einen raschen scharfen Blick auf den Sprechenden, welcher ruhig auf seinem Pferde sitzen geblieben war. Es war ein alter Herr von hoher hagerer Statur und starkem Knochenbau, der sich auch in seinem eckigen Gesichte bemerkbar machte. Zwischen den grauen Augen, welche mit fast feindseligem Ausdruck auf Wolfgang ruhten, ragte eine Habichtsnase hervor. Er trug einen, für einen Reiter sehr unbequemen Rock mit altmodischen langen Schößen und hatte denselben an der Taille eng zugeknöpft Aus den Aermeln, die kurz waren, ragten skeletartig die langen Arme und Hände hervor. Ein hoher altmodischer Cylinderhut bedeckte den Kopf mit dem spärlichen grauen Haar. Wolfgang vermochte sich nicht mit dem Gedanken zu befreunden, daß er in dieser unsympathischen Erscheinung den Vater der reizenden jungen Dame vor sich haben könne. Dennoch bekämpfte er die gereizte Stimmung, in welche ihn die Anrede ihres Begleiters versetzt hatte, und entgegnete höflich: „Es thut mir sehr leid, daß ich die Dame erschreckt habe; ich bitte nochmals um Verzeihung. Sie haben sich noch nicht ganz beruhigt," wandte er sich in einem Tone, worin sich jugendliche Schüchternheit mit Bewunderung mischte, an die schöne Amazone. „Darf ich Sie vielleicht bitten, sich auf einen Augenblick in meinem Hause, ganz in der Nähe, zu erholen?" „In Ihrem Hause!" sagte der alte Herr mit besonderer Betonung, indem er den Baron mit höhnischem Blick vom Kopf bis zu den Füßen maß. „Ich danke Ihnen für Ihre Einladung, aber die Dame kann ihren Ritt sehr wohl fortsetzen." Die junge Dame blickte den Baron mit einem freundlichen Lächeln an. „Ich fühle mich durchaus nicht angegriffen," sagte sie, „und kann wieder zu Pferde steigen." In etwas leiserem Tone, so daß der alte Herr sie nicht hören konnte, dankte sie Wolfgang für seine Güte. Dieser half ihr beim Aufsteigen und gab ihr die Zügel in die Hand. Als sie im Sattel saß, blickte sie auf ihn herab, als wolle sie ihm etwas sagen, das sie bisher unterdrückt habe, aber ihr ungeduldiger Begleiter setzte bereits sein Pferd in Bewegung, und ohne daß das Wort gesprochen wurde, folgte sie ihm, dem Zurückbleibenden freundlich zunickend. Wolfgang stand bewegungslos da, den Zügel seines Pferdes über einen Arm geschlagen, sein Auge unverwandt auf das rasch sich entfernende Paar gerichtet. Der Gedanke, das schöne Mädchen vielleicht nie wieder zu sehen, entlockte ihm einen tiefen Seufzer. Jetzt erreichten die Reiter eine Stelle, wo ein Nebenweg sich von der von Wald eingefaßten Landstraße abzweigte, sie bogen ab, und bei dieser Gelegenheit wandte die Dame ihr Antlitz auf einen Augenblick nach dem Schauplatze des kleinenVorfalls zurück. Dann war sie seinemAuge entrückt. „Wer kann sie sein?" fragte er sich. „Und was wollte sie mir zuletzt noch sagen?" Es bezog sich nicht auf den Unfall; ihr Blick, ihr Lächeln verkündete zu deutlich eine andere Gedankenrichtung. Wie ärgerlich, daß der herbe alte Herr ihr das Wort abschnitt! Sollte er wirklich ihr Vater sein? Es fällt mir schwer, dies zu glauben." Wolfgang bestieg sein Pferd und ritt langsam und gedankenvoll nach Hause zurück. Dort beschrieb er seinem alten Diener, der sich schon über zwanzig Jahre auf dem Gute befand, die Dame und deren Begleiter auf's genaueste, um zu erfahren, wer die beiden seien. Der Alte rieth auf verschiedene ihm bekannte Persönlichkeiten der Umgegend, aber keine derselben stimmte mit der Beschreibung überein. Da alle Erkundigungen vergebens waren, so beschloß Wolfgang, bei allen in der Nachbarschaft wohnenden Familien von Stand seinen Besuch zu machen. Doch verschob er die Ausführung seines Planes um einige Tage, denn er wollte heute noch nach Berlin fahren, und sein Reisekoffer war bereits gepackt. Er liebte das großstädtische Treiben nicht. In der Neichshauptstadt hatte er als Knabe zwar öfter in Begleitung seiner Eltern wochenlang geweilt, aber die darin empfangenen Eindrücke lagen zu weit zurück, um seine Vorliebe für das ländliche und kleinstädtische Stillleben, welches er gewohnt war, zu erschüttern. Auf solchen idyllischen Schauplätzen hatte er seine Gymnasiastenzeit, die Jahre seiner Studien an höheren landwirthschaftlichen Anstalten und zuletzt seine militärische Dienstzeit verlebt. Die Wintermonate, welche ihn von dieser letzten Periode trennten, hatte er zu einer Reise nach Italien benutzt, und die Romantik dieses unvergeßlichen Aufenthalts lebte noch zu frisch in seinem Herzen, als daß ihn die Prosa der Weltstadt an der Spree hätte anlocken können. Gleichwohl war es gewissermaßen ein Nachklang seiner romantischen Stimmung, was ihn jetzt dorthin zog: er wollte den Wagner'schen Nibelungen-Cyclus besuchen, der morgen in der Hofoper begann, und bei dieser Gelegenheit seinem Vormunde, dem er für die streng gewissenhafte Verwaltung seines Vermögens bereits brieflich gedankt hatte, noch persönlich seinen Dank abstatten. An demselben Nachmittag fuhr er nach der nächsten Eisenbahnstation. Mit schwerem Herzen nahm er Abschied von der Gegend, denn je rascher ihn sein feuriges Zweigespann davon führte, desto weiter entfernte er sich von der schönen Unbekannten, die seine Gedanken unausgesetzt beschäftigte. II. Der Baron von Sturen saß allein in einem Coupö erster Classe. Es war ihm angenehm, daß ihn niemand in seinem Gedankengange störte. Welche Veränderung hatte jene flüchtige Begegnung in ihm hervorgebracht! Der ganze Frühling der Natur schien in sein Herz eingezogen zu sein. Ja! es gab doch einen 'göttlichen Tropfen im Becher des Lebens. Es lag etwas zwischen der Wiege und dem Grabe, was das Leben schön machte. Er fühlte es, seitdem er heute in die dunkle Gluth jener Augen geblickt hatte. Das waren die Gedanken und hoffnungsfrohen Träume, über denen Wolfgang alles andere vergaß, bis der Zug an einer größeren Station hielt. Er verließ den Waggon, um in der Bahnhofsrestauration eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Während seiner Abwesenheit stieg ein anderer Reisender in das Coupä. Der Ankömmling war von schöner, stattlicher Gestalt, die überall sogleich angenehm auffallen mußte, und Haltung wie Kleidung verriethen den vornehmen Plann. Die ausdrucksvollen, interessanten Züge seines Gesichts wurden harmonisch durch den geistig belebten Blick der braunen Augen ergänzt, über denen die vollen Brauen, tief schwarz wie das kurzlockige Haar, 375 sich in schön geschwungenen Bogen wölbten. Als der Schaffner sich an der offenen Thür zeigte, reichte ihm der neue Fahrgast sein Billet. Aber anstatt die Hand danach auszustrecken, bemerkte der Schaffner: „Ich habe Ihr Billet ja bereits coupirt!" „Das ich nicht wüßte!" entgegnete der Fremde mit kühler Vornehmheit. Der Schaffner schüttelte den Kopf und wollte dem Passagier einreden, daß derselbe ja schon vor einer Halben Stunde auf der Station T. den Zug bestiegen habe. „Zum Teufel!" rief der Fremde. „Ich werde doch wissen, daß ich soeben erst mit dem Postomnibus von C. gekommen bin!" Verwundert und prüfend blickte der Beamte dem Sprechenden in's Gesicht und nahm das Billet in Empfang. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß es den Stempel der hiesigen Station trug, that er mit der Zwickscheere seine Schuldigkeit. „Nun, das ist doch merkwürdig!" brummte er, sich entfernend. „ Ja, in der That, höchst merkwürdig!" lächelte der Reisende vor sich hin, meinte damit aber den confusen Eisenbahnbeamten. „Oder," fiel ihm dann plötzlich ein, „sollte ich etwa einen Doppelgänger haben?" Die Stationsglocke gab das Zeichen zum Einsteigen. Wolfgang schwang sich in das Coups und nahm dem neuen Mitreisenden gegenüber, höflich seinen Hut ziehend, seinen alten Platz wieder ein. Gleich darauf fuhr der Zug weiter. Der Fremde betrachtete ihn mit überraschtemBlicke.Er konnte sich jetzt den seltsamen Irrthum des Schaffners vollständig erklären : denn beim ersten Blicke glaubte er selbst in den Spiegel zu sehen, von so auffallender Ähnlichkeit waren die Gesichtszüge mit den seinigen, freilich nur für den oberflächlichen Beobachter. Bei näherer Prüfung fand man bald heraus, daß der Fremde vier bis fünf Jahre älter war und in der Lebenskunst schon liefere und raffinirtere Studien hinter sich hatte, als Wolfgang. Auch sonst gab es mancherlei Unterscheidungszeichen zwischen beiden, welche charakteristisch genug waren, und wer mit einem von ihnen nur kurze Zeit verkehrte, konnte ihn mit dem anderen so leicht nicht verwechseln. Dem jungen Baron schien die Ähnlichkeit mit seinem Gegenüber nicht aufzufallen, und vielleicht würde sie auch dem Fremden weniger augenfällig erschienen sein, wenn nicht der Irrthum des Schaffners ihn auf die Vermuthung geführt hätte, daß es sich um eine Doppelgängerschaft handeln müsse. Diese letztere schien das Nachdenken des Fremden sehr stark in Anspruch zu nehmen. Endlich war ein Entschluß in ihm gereift. Er wartete einen günstigen Augenblick ab und stellte sich mit den Worten: „Mein Name ist Maitland," seinem schweigsamen Reisegefährten vor. „Von Sturen," antwortete Wolfgang ebenso. Maitland lächelte triumphirend. „Ich vermuthete das," schwebte ihm auf den Lippen, aber er sprach es nicht aus. »Ist Ihnen vielleicht der Name jenes Städtchens bekannt?" leitete Maitland nach dieser gegenseitigen Einführung ein Gespräck ein, indem er nach einer fernen Ortschaft mit rothen Ziegeldächern und einem schlanken Thurm deutete. „Ich bedaure, nein," erwiderte Wolfgang. „Eigentlich sollte ich's wissen, denn ich bin nicht weit von hier zu Hause und habe diese Fahrt schon öfter zurückgelegt. Aber das war in meinen Knabenjahren." „Es ist eine eigenthümliche Empfindung," nahm Maitland wieder das Wort, „wenn man nach langer Abwesenheit aus einer Gegend wieder dahin zurückkehrt. Wie zusammengeschrumpft und verwelkt erscheinen da manche Dinge, welche uns bisher in unsrer Erinnerung in den rei- zendstenFarben fortgelebt haben. Ich halte es für ein großes Glück, daß wir thatsächlich nicht in dieVergangenheit zurückkehren können." „Nun," versetzte der Baron, der an der Unterhaltung Interesse fand, „ich denke mir, daß mancher alte Mann gern die Tage seiner Jugend zurückrufen möchte, in denen ihm alles in höchster Vollkommenheit erschien." „Wir alle wünschen uns die Scenen unserer Knabenjahre zurück, wenn sie weit, weit hinter uns liegen," entgegnete derNeise- genosse; „wenn unser Wunsch aber in Erfüllung ginge, so würden wir uns dann doch sehr getäuscht fühlen." „Warum?" „Weil dies in der Natur der Dinge liegt. Die Person, die an etwas Gefallen findet, und der Gegenstand dieses Gefallens müssen einander angemessen sein. Oder würden Sie sich jetzt noch an Ihrem Holzsäbel oder an Ihrem Steckenpferd erfreuen?" „Nein, gewiß nicht; aber dennoch gewährt mir die Erinnerung an meine Knabenspiele Vergnügen, und indem ich mir vergegenwärtige, welches Wohlgefallen ich einst daran fand, entschädigt mich das für die Veränderung in meiner eigenen Natur." „Dann genießen Sie aber nicht das Vergnügen selbst, sondern nur die Erinnerung daran," entgegnete Maitland. „Aber ich habe manche ältere Leute sagen hören," fiel Wolfgang ein, „daß ihre reinsten Jugendfreuden diejenigen waren, bei welchen die Erinnerung während ihres späteren Lebens mit der größten Vorliebe verweilte" — „Was ist das?" rief Wolsgang in diesem Augenblicke. Das sanfte Hingleiten des Waggons war plötzlich Grlando di Kasso. -Ei ? A MW8 WW 376 von einem heftigen Ruck unterbrochen worden. Beide Insassen deS Coupss wurden von ihren Sitzen hoch empor- geschleudcrt. Unter einem entsetzlichen Holpern schwankte der Wagen herüber und hinüber, jede Secunde den Umsturz drohend, und während er die wildesten Sprünge machte, wurde er noch immer mit rasender Schnelligkeit dahingerissen. Alle Fugen krachten, die Splitter der berstenden Fensterscheiben sprangen um die Köpfe der beiden Reisenden. Wortlos und mit wachsbleichen Gesichtern, jeden Moment die todbringende Katastrophe erwartend, suchten sie sich vergebens an Sitzen und Wänden festzuklammern. Plötzlich fand sich Wolfgang willenlos wie ein Ball herumgewirbelt; das Unterste schien zu oberst, das Oberste zu unterst gekehrt, — er glaubte einen schrillen Pfiff und ein schneidendes Zischen wie von mächtig ausströmendem Dampfe zu vernehmen — dann erfolgte ein furchtbarer Schlag, — ein betäubender Schmerz an Kopf und Gliedern — tausend helle Funken sprühten an seinen Augen vorüber — im nächsten Augenblicke sah und hörte er nichts mehr und verlor alles Bewußtsein, selbst das des Schmerzes. (Forrietzung folgn) -—- Fürstenseldbruck in Oberbayern.") (Hiezu das Bild Seite 377) -—^Nachdruck verboten.) * Seit in unserem nervösen Zeitalter das Aufsuchen von Sommerfrischen oder wenigstens eine kleine Reise während des Sommers in die schöne weite Gotteswelt Unzähligen zum Bedürfnisse und im Allgemeinen Mode geworden, ist unzweifelhaft an Stelle des früheren behaglichen Genießens der Naturschönheiten vielfach eine krankhafte Blasiertheit getreten. Ein recht in's Auge springendes Beispiel dafür ist der schon an Verrücktheit streifende Bergkraxler-Sport. Mit welcher Geringschätzung geht so ein echter Bergfex heute an den mit normalen Kräften und ohne Gefahr zu erreichenden Bergen vorüber! Und da ihm der liebe Gott die Berge nicht hoch und steil genug geschaffen, so macht er wenigstens seine Hochtouren im Winter, weil das doch über das Normale hinausgeht. Und unsere vornehme Welt? Seit in die entlegensten Gebirgsthäler Eisenbahnen schnell und bequem führen, seit mit geringen Kosten Tausende alljährlich in die Alpen gehen, da findet unsere Geldaristokratie den Aufenthalt im Gebirge nicht mehr so lohnend. Es ist ja „gemischt" geworden, und immer kleiner ziehen sich die Kreise, wo man noch so ziemlich „unter sich" ist und nicht beleidigt wird durch den steten Anblick von frisch und frei, mit wenig Geld und frohem Herzen durch die Welt fahrenden Gesellen. Nun, die in gesellschaftlichem Flitter aufgehende Gesellschaft kann sich ja trösten. Da hat man vorläufig *) Der obige Aufsatz war bereits im Satze, als uns ein Büchlein „Führer durch Bruck und seine Umgebung" von Aug Aumiller (Verlag von A. Sighart in Bruck) zukam, das wir bei dieser Gelegenheit den Freunden des vielbesuchten Ortes bestens empfehlen. Der Verfasser (gegenwärtig Alumnus im Georgianum in München) ist selbst ein Brucker Kind und führt uns auf 160 Seiten in die Geschichte, Topographie und Naturschönheiten Brucks und seiner Umgebung ein. Das Büchlein ist sehr handsam, mit Bildern und einer Karte ausgestattet und für die Sommergäste, besonders jene, welche zum ersten Male ihren Sommerwigwam in Bruck oder Umgebung aufschlagen, ein verlässiger und praktischer Führer. — Das obigem Aufsatz beigegebene Bild ist nach einer Photographischen Aufnahme des Herrn Photographen Precht in Bruck autotypisch hergestellt. D. Red. noch die Seebäder, und im schlimmsten Falle gibt es auch in Norwegen und Schottland Berge, wo die Natur noch jungfräulicher ist, als in unseren bayerischen, österreichischen oder schweizerischen Alpen. Nun kann allerdings nicht bestritten werden, daß die Alpenländer, und selbstredend die schönsten Gegenden am meisten, vielfach wirklich der Fremden-Ueberfluthung preisgegeben sind, und daß dieser Umstand auch Demjenigen, der sich mit rechtem Behagen in den Genuß der Natur versenken will, unangenehm werden kann. Solche find nun zur Einsicht gelangt, daß das Gute auch nahe liegen kann. Daher die Erscheinung, daß zur Zeit das Alpenvorland mehr zu Ehren kommt. Und wahrlich, wer die Schönheit der Natur nicht mit dem Meterstabe mißt und diese nicht nur im Gigantischen sucht, wer mit liebendem, forschendem Auge auch das unscheinbarste Gläschen zu betrachten vermag als eine einzelne, aber in der Sinfonie der gesummten Natur unentbehrliche Note, dem thut sich auch hier eine Welt voll Schönheit auf. Luft und Weite! Sind das nicht zwei Faktoren, welche das Menschenherz erfrischen und erheben können? Wer sich je an einem schönen Sommerabend gebadet in jenem rauhen, aber den ganzen Menschen erfrischenden und durchstürken- den Luftstrom, der da meist nach Sonnenuntergang aus den Alpenthälern heraus über das Vorland streicht, wer da an einem thaufrischen, eben von den ersten Sonnenstrahlen beglitzerten Morgen die weite Alpenkette in ihrem blauen, keuschen Dufte geschaut, der wird mir Recht geben. Dazu kommt noch, daß in jenen Gegenden eine meist wohlhabende Bevölkerung haust, und das nenne ich auch einen Vortheil. Ich habe vor einiger Zeit eine Münchener Zeitungsträgerin einen sehr derben, aber einen Kern bitterer Wahrheit enthaltenden Spruch thun hören. Das Weib hatte von einer an ihr vorübergehenden, eleganten Dame die zu einer Begleiterin gemachte Aeußerung aufgeschnappt: „Ach, sie ist wirklich eine liebe Frau." „Ja, wenn man den Sack voll Geld hat, kann man leicht lieb sein." So die schlagfertige Verbreiterin der „gedruckten Intelligenz". Und die Nutzanwendung für diesen Fall? Die Leute in diesen Städtchen, Flecken und Dörfern des Alpenvorlandes sind, weil meist gut situirt, ein lebensfrohes Völkchen, und sie haben nicht nöthig, die bei ihnen Erholung suchenden Großstädter auf moderne Art auszurauben. Und weil hier vorwiegend auch Menschen mit bescheideneren Ansprüchen sich den Sommer über sammeln, so trifft man da nicht selten ein recht gemüthliches, mit seiner Freundlichkeit ansteckendes Zusammenleben. An derlei Orten ist gottlob kein Mangel, aber wenige dürfte es geben, die so viele Annehmlichkeiten vereinigen als der Marktflecken Bruck an der Amper, gemeinhin genannt Fürstenseldbruck. Was ihn aber auch besonders Jenen, die, der Alltäglichkeit entflohen, auch gerne einmal in die Vorzeit sich versenken, lieb und werth macht, das sind die geschichtlichen Erinnerungen, die sich an ihn knüpfen. Ein kurzer Gang durch die Geschichte des Marktes dürfte übrigens Jedermann interessiren. Die älteste Geschichte des Marktes Bruck liegt, wie Jakob Groß in seiner „Chronik des Marktes Fürstenfeldbruck" Eingangs sagt, unzweifelhaft in seinem Namen. Jahrhunderte vor der Gründung des Klosters Fürstenfeld mag hier schon eine Brücke über die Amper geführt und mögen Ansiedelungen um dieselbe bestanden haben. Ob das Alter des Marktes bis in römische Zeiten hinaufreiche, ist nicht zu erweisen, obschon wenigstens vermuthet 377 wird, daß eine römische Nebenstraße über Althegnenberg, Hattenhofen, Mammendorf und Bruck in der Richtung der gegenwärtigen Landstraße nach der Jsar bei Vöhring führte. Urkundlich wird Bruck zuerst im Jahre 828 als ein im Schöngeisinger Forste gelegener Ort genannt, der demnach imHousigau gelegen war, welchem die ganze Orten unverkennbare Spuren sich finden. Als Herrschaft von Bruck wird zuerst genannt die adelige Familie „von Prukke", welche muthmaßlich zuletzt in Augsburg Bürger- recht genommen. Wohl durch Erbschaft kam Bruck von diesem Geschlechte an die von Gegenpiunt, von diesen hinwieder an die von Eise nhofen, welche den größten- ' ' '' - > ^ E N Nr-irör Wß- 'ü HDrimikmna sn ^^Wärlstnfelii - ^ " ZIM? MET' O. Nachbarschaft urkundlich angehörte. Ueberhaupt besaß das Ammerthal schon lange vor der Gründung von Fürstenfeld die Ortschaften, in welchem noch gegenwärtig seine Bewohner leben, und es ist seiner ganzen Ausdehnung nach seit uralten Zeiten größtentheils angebaut. An den sonnigen Hügeln jenseits der Maisach war sogar der Weinbau heimisch, wovon trotz Jahrhunderten noch mancher theils vom Hause Bayern lehenbaren Markt mit allen Zugehörungen und Rechten, wahrscheinlich 1342, an das Kloster Fürstenfeld verkauften. Letzteres war bereits im 13. Jahrhundert gegründet worden. Oben genannte Chronik berichtet hierüber: „Im Jahre 1258 stiftete Herzog Ludwig der Strenge (wie Dr. Schreiber in seiner Geschichte Bayerns vermeldet, zur Sühne für die Hin- 378 richtung seiner Gemahlin Maria von Brabant und nach Vorschrift des Papstes Clemens IV.) ein Kloster für Cisterzienser in Thal (Aiblinger Gerichts), das aber wegen seiner ungünstigen Lage nach wenigen Jahren nach Olching und Salmansweil ihren ersten Abt Anselm. Aber Olching und seine Zugehörung waren nicht des Fürsten eigen Gut, sondern Lehengut, weßhalb er es wieder an sich nahm und andere Güter zu Puch den Mönchen über- '.A «WW ZWW «« WMGHWWM «8 MimM DM Au hoch! Nach dem Gemälde von F. Sonderland. verlegt wurde, wo die Brüder am Abende unserer lieben Frauen Himmelfahrt (14. August) 1202 angelangt sind. Da machten sie einen hölzernen Bau und erwählten an demselben Tage in Gegenwart der Prälaten von Ebrach ließ, die „durch den Rath eines frommen, ehrsamen Edelmannes" den jetzigen Grund und Boden erwählten und ihm den Namen „Fürstenfeld" gaben." Bruck befand sich nun in einem für seine Entwick- 379 lung bedeutsamen Abhängigkeitsverhältnisse zum Kloster Fürstenfeld. Verhängnißvoll scheint dasselbe nicht gewesen zu sein, trotz der vielen im Laufe der Jahrhunderte zwischen Markt und Kloster entstandenen Zwiste, denn der Flecken nahm stetig einen gedeihlichen Aufschwung. Zur Zeit der Erwerbung des Marktes durch das Kloster, also im 14. Jahrhundert, bestand, wie aus mehreren Urkunden ersichtlich, ein Theil der Bevölkerung Brucks noch aus Leibeigenen; es unterliegt aber keinem Zweifel, daß neben der Landwirthschaft, welche wohl von den Meisten Bürgern und Einwohnern betrieben wurde, damals auch schon die erforderlichen Gewerbe im Gange waren, und daß durch ein schon älteres Verkehrsleben die Bürgerschaft nach und nach zu nicht unbedeutendem Wohlstände gelangte. Doch es hat dem Flecken auch nicht an Drangsalen gefehlt. Kloster und Markt hatten zwischen den Jahren 1311—1313 durch die Fehde zwischen ergreifender Pracht und Majestät gen Himmel sich erhebt, ein überwältigendes Denkmal der Größe und Allmacht Gottes. Und so ist denn die „Leuchtenstadt" Jahr für Jahr das Reiseziel einer gewaltigen Fremden-Schaar. Aus dem Norden, Osten, Süden und Westen, aus allen Ländern der alten und neuen Welt tragen sie die Eisenbahnen zu Hunderttausenden hieher, und die Zahl mehrt sich von Jahr zu Jahr. Diese Wahrnehmung und die weitere, daß das katholische Vercinsleben in der Stadt in den letzten Jahren mächtig zu erstarken begann und für seine freie Entwicklung größerer Versammlungs-, Theater- und Concert- Locale bedurfte, riefen den Gedanken an die Erstellung eines katholischen Vereinshauses, eines Sammelpunktes der hier wohnenden und von auswärts hier zusammenströmenden Katholiken wack. Die großen Schwierigkeiten, die sich entgegenstellten, verhehlte man sich keineswegs. r 1 » 1 i 1. 6MLW !!>>> Mn? dem Pfalzgrafcn Rudolf und dem Herzoge Ludwig, noch mehr aber 1322 durch den Heereszug zu leiden, welchen Herzog Leopold von Oesterreich von Schwaben aus mit 2000 Reitern zur Unterstützung stines Bruders, des Gegenkönigs Friedrich des Schönen, nach Bayern unternahm. (Schluß folgt.) ..- Das katholische Vereinshans iu Luzern. Ein Denkmal der Opferwilligkeil schweizerischer Katholiken. (Mit Abbildung.) Die „Perle der Schweiz" wird sie mit Recht genannt, die „Leuchtenstadt" Luzern. Herrlich liegt sie au, schönsten der Schweizerseen, im Herzen der waffenruhm- gekrönten „8 alten Orte", in unmittelbarer Nähe der imponirenden Alpenwelt, die mit ihrem leuchtenden, „ewigen" Schneefirn, zumal bei Anbruch des sonnigen Lenzes, in wunderbarer, jedes ideale, religiöse Gemüth Vorab schreckten die Unkosten des Baues und Betriebes ab. Aber starkes Gottvertrauen siegte über mannigfache Bedenken aller Art, und der Appell an die Opferwilligkeit der Gesinnungsgenossen in der Stadt, im Kanton und in der übrigen Schweiz fand freudiges, ja begeistertes Echo. In wenig Monaten war eine Viertels- Million in Actien zu 500 Francs gezeichnet, die Generalversammlung wurde einberufen, der Bau begann. — Heute ist das schöne, stolze Werk zu allseitiger Befriedigung vollendet. Auf gut ^ Million ist es zu stehen gekommen, aber es ist herrlich gelungen, zur Freude von Jung und Alt in den eigenen Reihen, und ein Gegenstand unverhohlener Bewunderung auf Seite unserer Gegner. Treten wir dem Baue näher! Vom Bahnhof aus führt der Weg über die Scebrücke nach dem weltberühmten „Schweizerhof"-Ouai, dann weiter beim neuen, stolzen „Gotthardgebäude", dem Verwaltungssitze der Gotthard- bahn, vorbei in die nächste Nähe der doppeltgethüruiten „Hofkirche". Eine zur Linken neu angelegte, breite Straße — „Lömenstraße" genannt — führt direct zum „Löwendenkmal" hin, dem genial in eine 20 Meter hohe Felswand gemeißelten Denkmal der Schweizer-Treue beim Sturm der Tuilerien in Paris (10. August 1792). Etwa 250 Schritte zuvor grüßt zur Rechten das „katholische Vereinshaus", das, frei an drei Straßen gelegen, neben dem Rundbau des Henneberg-Panoramas (Einzug der Bourbakischen Armee in die Schweiz im Februar 1871) sich erhebt. Die Baufläche umfaßt 45 Meter Länge bei 27*/z Meter Tiefe und 17^ Meter Fronthöhe. Durch ein reich ausgestattetes Portal treten wir in eine flott herausgeschmückte Säulenhalle. Rechts vom Vestibüle liegt das mit zwei ausgezeichneten Billards versehene, 230 Sitzplätze enthaltende, sehr freundliche, heimelige Cafä- Nestaurant, dahinter Speisesaal und Office. Links vom Vestibüle befinden sich 4 Magazine mit Entresol, daneben — in der Richtung Panorama und Löwendenkmal — die völlig abgeschlossenen Abtheilungen des katholischen Gesellen- und Jünglings-Vereins, mit besonderm Zugang, dem Wunsche der Gesellen gemäß. Der günstig beleuchtete und gelüftete Keller enthält: Küche, Spülküche, Office, große Vorrathsräume, Vierund zwei Wein-Keller; das Kesselhaus für die Central- heizung nebst Kohlenräumen; endlich die Motoren für die großen hydraulischen Wein- und Speise-Aufzüge. Der große Kochherd der Hotelküche ist für mindestens 500 Personen eingerichtet. Vom Vestibüle aus führt eine schöne, fast 8 m. breite, massive Hauptstiege zum I. Stockwerk empor, zum Großen Saal, der, 27 m. lang, 14 m. breit und 8^/g m. hoch, durch hohe, weite Bogenfenster erhellt wird und etwa 900 Sitzplätze enthält. Zwei kunstvolle Kronleuchter spenden Licht durch je 48 elektrische Flammen. Im Vordergrund steht ein herrlicher Concertflügel von Bechstein bereit. Galerien und Logen bieten Raum für Hunderte. Eine größere Galerie-Oeffnung dient bei Tanzanlässen dem Orchester. Vier kleine Nebensäle sind durch Glasthürwände, die man bequem entfernen kann, verbunden und dienen zur Erweiterung des Hauptsaals. Mit Sorge sah man dem Saalbau entgegen. Die Schaffung günstiger akustischer Verhältnisse bedingte ja zum großen Theil ein befriedigendes, gedeihliches Gelingen des Unternehmens überhaupt. Diese nicht zu unterschätzende Schwierigkeit ward durch die bauleitenden Architekten — die HH. Gebrüder Keller und Architekt Hanauer — glänzend überwunden: die außerordentlich feine Akustik des Saales hat die Bewunderung aller Musik-Künstler und Sänger gefunden, die bisher dieselbe erprobten. So erklärte der Direktor der städtischen Cur- capelle, ein Meister der Violine, uns gelegentlich hocherfreut, daß er noch keinen Saal mit besserer Akustik kennen gelernt und daß namentlich die Piano-Sätze ganz wundervoll gelingen. Aus diesem Grunde wurden denn auch die städtischen Abonnemcnts-Concerte sofort in's „Vereinshaus" verlegt; Erwägungen politischer und anderer Art mußten vor rein musikalischen Gründen besiegt zurücktreten. Der II. Stock enthält außer Saal-Galericen und Logen u. a. eine Reihe Fremden-Zimmer, alle sehr freundlich und comfortabcl eingerichtet (Logis von 1 Mk. 20 Pfg. an). Zureisende Fremde werden hierauf speziell aufmerksam gemacht. Auch im III. Stock finden sich nicht minder hübsche Fremdenzimmer: daneben enthält diese Etage noch die Wohnung des Wirthes. Wir fügen hier bei, daß diese Abtheilung des Vereinshauses sich „Hotel Union" benennt. Der Hotelbetrieb erfolgt in Regie; derzeitiger Gerant ist Herr Truttmann-Oesch, Hotelier, von Seelisberg. Beide Stockwerke zusammen — das zweite und dritte — zählen 52 Fremdenbetten. Alle Corridore haben äußerst günstige Licht- und Luftverhältnisse. Der Estrich enthält für die Hotel-Abtheilung verschiedene Dienstboten - Zimmer, sowie 45 Zellen mit 90 Betten für katholische Gesellen. Für Sockel und Treppen wurde Gotthard - Granit, für die Parterre-Verblendung Mügenwiler Muschelkalk, für die oberen Architektur-Gliederungen Sandstein, für die 7 Säulen der Hauptfoyade und die inneren Säulen des Vestibules polierter Kalkstein verwendet. Die Mittelpartie über dem Saale erhielt einen völlig eisernen Dach- stuhl. Die Bauzeit für den gesammtenBau dauerte 14Monate. Die Pensionen in beiden Abtheilungen dürfen als vorzüglich bezeichnet werden, bei anständigen Preisen, und finden auch bereits erfreulichen Zuspruch. Hoffen wir, daß das herrlich gelungene Werk katholischer Opferwilligkeit und sozialpolitischer Thatkraft in den Kreisen unserer Jahr für Jahr in so großer Zahl hier zusammenströmenden Gesinnungsgenossen aus dem In- und Auslande die verdiente Sympathie und werk- thätige Unterstützung finde! Starkes, lebendiges Gottvertrauen hat das Unternehmen geschaffen, und es wird, sofern das letztere seinem Zwecke treu bleibt, auch sicher nicht zu Schanden werden. Gott gebe es! Zu unseren Bildern. Orlando di Kasso. (Zur Erinnerung an seinen 300jährigeu Todestag.) Orlando di Lasso (eigentlich Roland de Lattre) ist geboren 1532 zu Mons im Hennegau. Er kam früh nach Italien, wo er besonders in Neapel seiner musikalischen Ausbildung oblag und, kaum 21 Jahre alt, zu Rom die Kapellmeisterstelle an Sän Giovanni im Lateran erhielt. Später bereiste er England und Frankreich und scheint dann einige Jahre in Zurückgezogen- heit in Antwerpen gelebt zu haben, bis er 1557 von Herzog Albrecht V. von Bayern nach München berufen wurde. Hier erhielt er 1862 die erste Kapellmeisterstelle, sowie 1570 vom Kaiser Maximilian den Reichsadel und wurde 1571 vom Papst Gregor XIII. zum Ritter vom Goldenen Spom ernannt. Auch König Karl IX. von Frankreich überhäufte den Komponisten, als derselbe im letztgenannten Jahre nach Paris kam, mit Auszeichnungen und Geschenken. Ter berühmte Komponist starb in München am 14. Juni 1594 im 62. Lebensjahre. Verheirathet war er mit Regina de Wähkinger, berzogl. daher. Kammerdienerin in der Domkirche zu U. L. Frau, mit welcher er 36 glückliche Ehejabre verlebte. Orlando wurde auf dem ehemaligen Friedhofe der Franziskaner in München zur Ruhe gelegt. Er war nächst Palestrina der größte Tonsetzer des 16. Jahrhunderts. Von seinem Fleiß und seiner Fruchtbarkeit zeugt die Zahl der von ihm hinterlassenen Werke, deren nicht weniger als 2337 nachweisbar sind, darunter die berühmten 7 Bußpsalmen. Au hoch! Die beiden Kleinen auf unserem Bilde befinden sich in einer nicht geringen Verlegenheit. Mutter hat ihnen ein Brieflein zum Besorgen gegeben, das sollen sie in den nächsten Brieskasten werfen. Allein die Kinder sind noch gar klein und der Briefkasten hängt für sie zu hoch. Da hilft kein Strecken und Dehnen, und wenn nicht eben der alte Gerichtsbote des Weges gekommen wäre, hätten die Kinder wohl unverrichteter Dinge wieder heimkehren müssen. Der aber kann den Kleinen aus der Verlegenheit helfen, und weil Lischen ihn gar so schön bittet, wird er ihm sicherlich den Gefallen erweisen. -- 50. Freitag, den 22. Juni 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag dcZ Literarischen Instituts von Haas So Grabherr in Augsburg (Borbesiher Dr. Max Huttler). Zm Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) III. Es waren sehr unangenehme Empfindungen, mit denen Wolfgang von Sturen aus seinem besinnungslosen Zustande erwachte. Er empfand eine Betäubung im ganzen Körper und einen schmerzhaften Druck im Kopfe. Er glaubte zu erkennen, daß er sich in einem fremden, niederen Zimmer auf einem weichen Lager befand und daß mehrere Personen um ihn beschäftigt waren. Doch begannen sich seine Gedanken gleich wieder zu verwirren, er hatte nur noch einen unklaren Eindruck, als ob neben dem Gesicht feines alten Dieners die Züge seines Reisegefährten auftauchten, — dann verfall! er wieder in die Nacht der Bewußtlosigkeit. Während der folgenden zehn Tage schwebte er unter Irrereden zwischen Leben und Tod. Doch seine kräftige Natur klammerte sich fest an das Leben, und das Uebrige thaten die Aerzte und die sorgsame Pflege. Er fühlte sein Herz wieder freier schlagen, in seine betäubten Glieder kehrte die Empfindung zurück. Er sah seinen Diener, seinen Reisegefährten und den Arzt, aber der letztere hatte ihm streng verboten, viel zu sprechen und zu fragen, und so beschränkte sich die Unterhaltung zwischen Wolfgang und seiner Umgebung auf wenige Worte, die nur sein Befinden und seine augenblicklichen Bedürfnisse betrafen. „Nun sage mir, Hartwig, was ist geschehen?" fragte er den greisen Diener, als er sich endlich von dem Zwange des Schweigens befreit fand. „Ich erinnere mich nur, daß es ein Eisenbahnunglück gegeben hat. Wie ich bereits von Dir hörte, ereignete es sich unweit einer kleinen Station, von der man mich nach diesem Dorfwirthshause brachte. Habe ich viele Unglücksgefährten? Sind wohl gar Menschenleben —" „Leider hat es drei Todte gegeben, gnädiger Herr," berichtete Hartwig, „alle übrigen Passagiere, außer Ihnen, trugen nur unbedeutende Verwundungen davon. Herr Maitland ist mit einigen Quetschungen weggekommen." „Und die ganze Zeit über bei mir geblieben?" „Er half Sie pflegen," nickte Hartwig, „und theilte redlich mit mir die Nachtwachen. Er berief telegraphisch seinen Arzt von Berlin hierher, der eine große Berühmtheit sein soll und Sie auch dem Leben erhalten hat, denn der Doctor aus dem nahen Städtchen, welcher Sie jetzt noch behandelt, gab Sie verloren." — „Das alles hat Herr Maitland für mich gethan, — für mich, den er doch kaum erst flüchtig kennen gelernt hatte?" „O, und noch viel mehr hat er gethan!" fuhr Hartwig mit leiser Rührung in der Stimme fort. „Der Wagen, in welchem Sie sich befanden, war entgleist und den Eisenbahndamm hinabgestürzt. Die beiden nächsten Wagen folgten; Sie lagen tief unter den Trümmern, gnädiger Herr. Wer es wagte, Sie hervorzuziehen, ris- kirte sein eigenes Leben, denn was von den übereinander' gestürzten Wagen noch zusammenhielt, konnte jeden Augenblick herabbrcchen, wenn man die zerschmetterten Wagentheile, die den Weg zu Ihnen versperrten, entfernen wollte. Wozu niemand den Muth hatte, das that Herr Maitland: er zog Sie mit eigener schwerer Lebensgefahr aus Ihrem schrecklichen Grabe hervor." Der Baron war sehr bewegt. „Wo ist Herr Maitland ?" unterbrach er ein längeres Schweigen. „Wahrscheinlich angelt er am Flusse. Seit es mit Ihnen besser geht, verbringt er dort halbe Tage." „Wann und wie erfuhrst Du von meinem Unfall?" fragte Wolfgang nach einer abermaligen Pause. „Am Tage nach dem Unglück kam eine Dame in den Villcnhof geritten/s „Eine Dame?" „Ja. Sie zeigte mir eine Berliner Morgenzeitung, worin bereits ein telegraphischer Bericht über das Er- eigniß stand. Ihr Name war darin genannt, gnädiger Herr, und der Ort, wohin man Sie schwer verletzt gebracht hatte. Daraufhin reiste ich sogleich hierher." „Wie sah die Dame aus?" „O, sie war jung und sehr schön." „Was hatte sie für Augen?" „Schwarze, gnädiger Herr, ganz schwarze; sie glühten wie Feuer, doch das Gesicht war sanft, wie das eines Engels." „Du kennst sie natürlich nicht?" «Nein, ich habe sie nie vorher gesehen." „Erinnerst Du Dich vielleicht ihrer Kleidung?" „Darauf habe ich in meinem Schrecken über die Nachricht nicht Acht gegeben. Ich weiß nur, daß sie einen großen runden Hut txug mit einer weißen Feder darauf.". »Hielt sich die Dame längere Zeit auf?" „Nein, sie blieb zu Pferde, und nachdem ich ihr gesagt hatte, das; ich mich sogleich zu Ihnen begeben würde, ritt sie wieder fort." Wolfgang durfte nicht zweifeln, daß die teilnehmende Dame jene schone Amazone gewesen sei, die sein Herz mit einem so magischen Zauber umsponnen hatte und sein erster Gedanke gewesen war, als er sein Bewußtsein wiedererlangte. Er konnte kaum die Zeit erwarten, wo sein Zustand ihm die Rückkehr nach seiner Besitzung gestatten werde. Dann wollte er nicht rasten noch ruhen, bis er ihren Namen erfahren hatte. An die Weiterreise nach Berlin dachte er nicht mehr. „Wenn wir nach Hause zurückkehren, guter Hartwig," sagte der Baron, „müssen wir in der Umgegend zu ermitteln suchen, wer die Dame ist, denn die Pflicht der Höflichkeit erfordert es, daß ich für ihre Aufmerksamkeit danke." „In unserer Umgegend?" bemerkte der Alte mit zweifelnder Miene. „Wer weiß, gnädiger Herr, ob wir da auf der richtigen Fährte sein würden, denn die Dame ist nach Berlin gereist." „Nach Berlin, sagst Du? Woher konntest Du das Wissen?" . „Weil sie auf der Durchreise hier war." „Hier? fragte Wolfgang in höchstem Erstaunen. „Sie war hier?" „Jawohl, sie wollte sich nach Ihrem Befinden erkundigen, aber sie traf es sehr schlimm, denn Sie redeten Tag und Nacht irre, und auch, als sie gerade bei Ihnen war." „So war sie hier in diesem Zimmer?" rief Wolfgang, bon seinem Lager auffahrend. „Auf derselben Stelle stand sie, wo ich jetzt stehe." „Wie lange blieb die Dame hier?" „Ueber eine Stunde." „Was hat sie gesprochen?" „Sie fragte mich, ob Sie geschickten Aerzten anvertraut seien, ob diese Hoffnung auf Ihre Wiederherstellung gäben, ob Sie gut verpflegt würden. Im Allgemeinen sprach sie nur wenig, denn das Weinen war" ihr nahe, und ein paarmal kamen ihr Thränen in die Augen." „Wer mag sie sein? Wer mag sie sein?" rief Wolsgang, die nachdenklich gefaltete Stirn mit der Hand bedeckend. „Sollte vielleicht Herr Maitland ihren Namen erfahren haben?" „Herr Maitland hat sie gar nicht zu sehen bekommen. Er schlief gerade auf seinem Zimmer seine Nachtwache aus." „Wie erfuhrst Tu, daß sie auf der Reise nach Berlin begriffen sei?" „Sie sagte es beiläufig, als sie sich anbot, Ihnen von dort aus einen tüchtigen Arzt zu schicken, was aber nicht mehr nöthig war, da Sie sich, dank der Fürsorge des Herrn Maitland, bereits in den besten Händen befanden." Wolfgang schwieg eine Weile. Endlich fragte er: „Hat sich seitdem niemand nach meinem Befinden erkundigt?" „O, gewiß! Ihr früherer Vormund —" „Herr Justizrath Carus?" „Läßt sich täglich ein Bulletin schicken," nickte der Alte. „Nun aber, gnädiger Herr, muß ich Sie bitten, nichts weiter zu sprechen und zn fragen. Ich habe mich schon schwer genug gegen die ärztlichen Vorschriften vergangen, und wenn es mit Ihnen wieder schlimmer würde, so träfe mich die Schuld." Der junge Baron gehorchte der wohlgemeinten Mahnung seines Dieners. Natürlich hatte nun sein Reiseplan abermals eine Aenderung erfahren. Seit er die gcheimnißvolle Fremde in Berlin wußte, war all' sein Sehnen nach der Weltstadt gerichtet, wo er ihr zu begegnen hoffte. Es schien, als ob die Neuigkeiten, die er von Hartwig vernommen, und die Ungeduld, das Krankenbett zu verlassen, seine Kräfte neu belebten, denn ganz gegen die Befürchtungen des alten Dieners war am andern Morgen der Arzt mit seinem Patienten so zufrieden, daß er ihm erlaubte, auf kurze Zeit aufzustehen. Während Wolsgang, von dieser Erlaubniß Gebrauch machend, an dem geöffneten Fenster faß und die balsamische Maicnlust einsog, trat Maitland ein. „Der Arzt sagte mir sehr Erfreuliches über Sie," begann er, „und da ich Sie ohne Besorgnis; zurücklassen kann, so will ich meine unterbrochene Fahrt nach Berlin uiit dem nächsten Zuge fortsetzen. Ich komme, um Abschied von Ihnen zu nehmen." Wolfgang ergriff seine Hand und sprach in der schönen beredten Sprache des Herzens die Gefühle der Dankbarkeit aus, die er für alle die edle Aufopferung und Güte empfand, welche Maitland ihm erwiesen hatte. „Reden Sie nicht davon," lehnte dieser ab, „ich that es allein zn meiner eigenen Befriedigung und habe darum keine Ansprüche auf Dank." „Nein, nein," erwiderte Wolsgang, „ich habe schon oft von solchen Leuten gehört, welche ihren guten Handlungen stets selbstsüchtige Beweggründe unterschieben. Gewiß gewährt eine edle That demjenigen, der sie vollbringt, Befriedigung, aber sie gilt doch stets dem andern, für den sie geschieht. Sie retteten mir das Leben, indem Sie mich unter den Wagentrümmern hervorzogen." „Ja, das ist wahr," lächelte Maitland, „ich habe auch schon eine Fliege, die in eine Milchschale gefallen war, herausgezogen." „Aber Sie haben das letztere nicht mit Preisgeb- nng Ihres eigenen Lebens gethan; Sie haben auch noch nicht vierzehn Tage in einem Dorfe zugebracht, um einer Fliege beizustehcn. Und dafür wenigstens verdienen Sie meine Dankbarkeit." Maitland sah nach der Uhr. „In einer Stunde kommt der Zug," sagte er. „Leben Sie wohl!" Er reichte dem Baron die Hand. „Ehe wir scheiden," sagte dieser, „muß ich Sie bitten, mir zu sagen, wo ich Sie in Berlin finden kann, denn ich hoffe, daß eine auf so ungewöhnliche Weise begonnene Bekanntschaft hier nicht zu Ende sein wird." „Ich habe eine Junggesellenwohnung „Unter den Linden," antwortete Mattland, „wo ich sehr glücklich sein werde, Sie zu sehen." Er nahm eine Vifitkarte heraus und überreichte sie, nachdem er seine Adresse darauf vermerkt, dem Baron, worauf er sich von ihm verabschiedete. Die Karte in der Hand, auf welcher der einfache Name „Otto Maitland" stand, blieb Wolfgang allein zurück. Seine Gedanken richteten sich auf den neuen Bekannten. Am liebsten hätte er ihn „Freund" genannt, aber Maitland selbst schien keinen Anspruch auf eine solche Bezeichnung machen zu wollen, auch war etwas an ihm, was die Tiefen seines Charakters mit undurchdringlichem Dunkel bedeckte. „Es soll mich wundern, ob er wohl ein Herz hat," dachte Wolfgangm „Wenn das der Fall ist, so bemüht er sich, es zu verbergen. Alle Erscheinungen und Ereignisse scheinen an ihm vorüberzugehen, ohne ihn tiefer zu berühren als der Hauch den Spiegel. Er hat mir das Leben gerettet, hat mich Wochen lang wie ein Bruder gepflegt, und nun verläßt er mich mit der gleich- giltigstcn Miene von der Welt." Zwei Tage später durfte der Genesende seinen ersten Ansgnng machen. Mit jedem Pulsschlage nahmen seine Kräfte zu. Und nach einer Woche bestieg er, gänzlich wieder hergestellt, den Eisenbahnzug nach Berlin, während der alte Hartwig nach dem „Billenhof" zurückkehrte. IV. Es war am Nachmittag, als Baron von Sturen in demselben Berliner Hotel abstieg, wo er bereits als Knabe mit seinen Eltern gewohnt hatte. Seine Besuche bei Maitland und dem Justizrath Carns verschob er vorläufig noch, da sie ihm gesellschaftliche Verpflichtungen auferlegen konnten, die ihm hinderlich gewesen wären. Um sich den Eindrücken der Ncichs- hauptstadt unbefangen hingeben zu können und im Gewühls derselben nach der schönen Amazone zu forschen, mußte er sich ganz allein angehören. In einem so eng zusammengedrängten, vielgestaltigen Weltleben aber ist niemand sein eigener Herr; uugesuchte und unerwartete Beziehungen heften sich wie Fußangeln an die Schritte dessen, der diesen Boden betritt, und führen ihn oft weitab von dem Ziele, das er sich gesteckt, oder bringen ihn auf ganz andern Wegen, als er sich gedacht, demselben näher. Diese Erfahrung sollte auch Wolfgang machen. Er begann gleich nach seiner Ankunft eine Wanderung durch die Straßen und ließ sich vom Strome tragen. Seine Erinnerungen an die Millionenstadt aus seiner Jugendzeit waren sehr unvollkommen, daher erschien ihm alles neu und er fühlte sich wie betäubt von dem rastlosen buntscheckigen Hasten und Jagen, welches sich zwischen majestätischen Häuserfronten auf den breiten Straßen, auf deren glattem Asphaltboden das Klappern der Pferdchufc mehr zu hören war, als das Rollen der Räder, vor seinen Blicken abspielte. Es begann bereits zu dunkeln, als er nach seinem Hotel zurückkehrte. Wie Glühlichter flammten die tausend und abertausend Laternen auf, hier und da ergoß auch elektrisches Licht seinen weißen Glanz weit über die Straße. Wolfgang befand sich eben in einer der schmäleren Straßen, wo das Gedränge von Wagen und Fußgängern nahezu erdrückend und lebensgefährlich war. Da ertönte plötzlich ein schrilles, heftiges Klingeln, — alle Fuhrwerke wichen zur Seite, und wie die wilde Jagd kam die Feuerwehr heran, — drei — fünf, acht, zehn Wagen hintereinander. Wie erzene Gestalten standen im Scheine der Fackeln die Feuerwehrmänner auf den blitzblanken Löschwagen. Nasch, wie es herangesinrmt war, verschwand das von einer feurigen rothen Wolke umgualmte Bild wieder. Wolfgaug von Sturen aber stand wie gebannt. Er sah das Antlitz seiner gcheim- nißoollen Unbekannten, — es war keine Verwechslung, keine Ähnlichkeit, — zu fest hatten sich diese Züge in sein Herz gegraben. Der grelle Schein der vorüber- fliegenden Fackeln war hell auf das süße Gesicht gefallen, und jetzt, wo es in das mattere Licht der Straßenlaternen zurücktrat, hielt er es noch immer unverwandt mit seinen Blicken fest. Sie saß in einer offenen Equipage an der Seite einer anderen Dame, deren Antlitz durch das ihrige verdeckt wurde. Noch hielt der Wagen unter der Masse ineinander verfahrener Fuhrwerke, die sich langsam wieder entwirrte. Aber auch Wolfgang sah sich vor der Mcnschenfluth, die sich um ihn her fcstge- staut, an jeder freieren Bewegung gehindert. Es war unmöglich, an den Wagen zu gelangen. Er bemerkte, wie die Dame nach ihrer Uhr sah und mit der anderen sprach. Offenbar fürchteten beide, verspätet das Ziel ihrer Fahrt zu erreichen, denn es wurden einige Worte mit dem Kutscher gewechselt, welcher bedauernd die Achseln zuckte. Wohin wollten sie? Für Theater oder Concert, war es viel zn spät. Der Baron wollte seine Uhr zu Rathe ziehen, aber — die Tasche, worin er sie trug, war leer. Betroffen blickte er an sich herunter, als er auch die schwere goldene Kette nicht fühlte. Sie war ebenfalls verschwunden. Der Verlust der Uhr war unersetzlich, nicht weil sie einen Werth von mindestens tausend Mark hatte, sondern weil sie ein von Wolfgang heilig gehaltenes Andenken an seinen Vater war. , Ein anständig gekleideter junger Mann bemerkte seine Bestürzung und sah an den tastenden Bewegungen seiner Hand, daß er etwas vermißte. „Sind Sie eben bcstohlcn worden, mein Herr?" fragte er theilnchmend, indem er näher herantrat. „Meine sehr werthvolle Uhr sammt Kette ist fort," antwortete der Gefragte. „Ich fürchte, beides ist die Beute eines Taschendiebs geworden, der den Augenblick, wo meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet war, geschickt zu seinem Gaunerstreich benutzt hat, denn ich erinnere mich genau, daß ich vor Ankunft der Feuerwehr die Uhr noch hatte." Erst jetzt sah Wolfgang sich wieder nach dem Wagen mit den beiden Damen um. Er war verschwunden. „Als erfahrener Berliner würden Sie in einem solchen Gedränge vorsorglich Ihren Rock zugeknöpft haben," sagte der junge Mann. „Ich muß daher annehmen, daß Sie hier fremd sind." „Ich bin erst heute angekommen. Ich denke, es wird das beste sein, wenn ich im nächsten Polizeibureau Meldung mache." „Eine unmittelbare Anzeige bei der Kriminalpolizei wäre noch besser," versetzte der Andere, aber die Bureaux derselben sind um diese Zeit schon geschlossen. Indessen trifft es sich sehr glücklich," fügte er, wie von einem plötzlichen guten Einfall erleuchtet, hinzu, daß der Cri- minalcommissar Nuglisch, mit dem ich bekannt bin, hier in der Nähe Abends sein Glas Wein zn trinken Pflegt. Wenn Sie mich begleiten wollen, so könnten Sie ihm Ihr Mißgeschick mittheilen, und es könnte dann noch heute Abend etwas in der Sache geschehen, denn rasches Handeln ist hier von großer Wichtigkeit." Der Baron war unschlüssig. Der fremde junge Mann sah ihm das an. „Assessor von Malten," stellte er sich ihm vor. Wolfgang blickte ihm etwas überrascht in's Gesicht. Für einen Assessor erschien ihm der Fremde noch sehr jung, wenn diese schlaffen Züge verlebt waren; sie könn- 884 ten aber auch ebenso gut daS reifere Alter andeuten, welches seine BernfSstellung erforderte. Name und Stand thaten zu den angenehmen Manieren des gefälligen Herrn noch das Ihrige. Wolfgang nannte feinen Namen ebenfalls und folgte dem Assessor die Straße entlang. Sie hatten nicht weit zn gehen. Assessor von Malten bog in ein Hans ein und führte seinen Begleiter durch einen langen Hof in ein am Ende desselben gelegenes, sehr einfaches Gastzimmer. Es waren keine Gäste da, als drei Herren von verschiedenem Alter und sehr distingnirtem Aenßern, welche an einem Sctteutische Karten spielten. „Ist der Kriminalcommissar Nuglisch noch nicht hier gewesen?" fragte der Assessor den Wirth. Wolfgang sah nicht, wie der Assessor dem Wirthe mit den Augen zwinkerte und dabei eine leichte Kopf- bewcgnng nach seinem vornehmen Begleiter machte. „Nein, er war noch nicht da," antwortete laut der Wirth, das Zeichen sogleich verstehend, „aber er kommt ganz gewiß noch." Der Assessor bestellte sich Wein und empfahl dem Baron die gleiche Marke. „Sie meinen also," fragte dieser den Assessor, „daß es einen Zweck haben könne, wenn ich hier auf Ihren Bekannten warte?" „Ei, natürlich!" versicherte der Gefragte. „Sie können Ihre Sache in keine bessern Hände legen. Nuglisch ist der schneidigste und findigste Kriminalbeamte in ganz Berlin." Der Assessor erzählte hierauf vom Kriminalcommissar eine Reihe Bravonrstückchen, die sehr unterhaltend waren und einen überraschenden Einblick in die Berliner Verbrecherwelt eröffneten. Vom Tische der Kartenspiclcr her tönte ein lautes Gähnen. „Der Skat langweilt mich heute," sagte unter neuem Gähnen der älteste der drei Herren, dessen Physiognomie mit dem starken grauen Schnurrbarte etwas Militärisches hatte. „Machen wir ein anderes Spielchen! Da meine Frau und meine Tochter im Opernhanse sind, so habe ich heute längeren Urlaub." Der Baron sah, wie nun jeder der Spielenden ein Häufchen Geld neben sich legte. Der militärische Herr nahm drei Karten in die Hand, indem er sie mit den Fingerspitzen an den schmalen Seiten berührte. Eine der Karten, die Coeur-Dame, klemmte er zwischen Daumen und Zeigefinger, die beiden andern Karten zwischen die andern Finger. Nachdem er den Mitspielenden die Karten gezeigt hatte, warf er dieselben mit einer raschen, eigenthümlichen Haudbewegung auf den Tisch, so daß jede mit der Rückseite nach oben zn liegen kam. Der Gegenspieler hatte nun anzugeben, welches die Coeur- Dame sei. Traf er es, so hatte er gewonnen, andernfalls verloren. Das Spiel wurde sehr lebhaft und das Geld rollte hin und her. Woflgnng hatte zwar nie besonderes Gefallen am Spiele gefunden, hier aber reizte ihn die Eigenartigkeit desselben. Er bat ebenfalls, auf einige Minuten am Spiele theilnchmen zu dürfen, und man stellte sich gegenseitig vor, wie es unter Männern von gutem Tone Sitte ist. Wolfgang beobachtete sehr aufmerksam, wohin die Karte flog, auf die er pointirte, und traf es auch richtig mehreremale hintereinander. Plötzlich aber wendete sich das Glück, und so fest er auch stets überzeugt war, daß er die betreffende Karte genau im Auge behalten hatte, so oft irrte er sich dennoch. Je mehr sein Erstaunen wuchs, desto mehr erregte ihn das Spiel. Als er jedoch sah, daß das Glück sich bch^'rlich von ihm abwandte, und sein Verlust nahezu hundert Mark betrug, hörte er mit Pointiren auf. Der alte Militär sah nach der Uhr. Er fand, daß es Zeit sei, Frau und Tochter aus dem Opernhanse abzuholen, und empfahl sich. Bald verabschiedeten sich auch die beiden Andern. Wolfgaug befand sich mit dem Assessor allein, welcher sehr bedauerte, daß der Kriminalcommissar Nuglisch heute nicht gekommen war. Wahrscheinlich sei er durch irgend ein wichtiges Awtsgeschäft abgehalten worden. Wolfgang fand es an der Zeit, sein Hotel aufzusuchen. Der Assessor begleitete ihn bis zum nächsten Droschken stand, gab ihm gute Rathschläge, welche Schritte er morgen früh zur Wiedererlangung seiner Uhr thun solle, und zog, als Wolfgaug in die Droschke stieg, mit graziöser Höflichkeit seinen Hut, indem er ihm versicherte, er schütze sich glücklich, seine Bekanntschaft gemacht zn haben, und hoffe, daß man sich wieder begegnen werde. Diese Hoffnung sollte sich bald genug unter überraschenden Umständen erfüllen. (Fortsetzung folgt.) Fttrstrnfeldbttiik in OberLnhml« (Schluß.) Zn den merkwürdigen Ereignissen aus jener Zeit gehört auch das am 11. Okt. 1317 erfolgte Hinscheiden des deutschen Kaisers Ludwig IV. des Bayern. Er war von München zur Bärenjagd herausgeritten gen Fürstcnfeld und hauchte in den Armen eines Landmannes sein Leben aus. Das dem Andenken an seinen Tod geweihte Monument an der Augsburger Landstraße erhebt sich nicht an der Stätte seines Hinscheidens, sondern diese wird vielmehr auf dem sogenannten Kaiscranger bei Puch zu suchen sein. Dort sank der Fürst vom Pferde, und von dort wurde sein Leichnam zuerst nach Fürstcnfeld gebracht, dessen größter Wohlthäter er gewesen. Später geleiteten ihn die Bürger von München trauernd in ihre Stadt. Im Kloster Fürstenfcld, dem Stifte seines Vaters, sieht man in der prächtigen, 1716 erbauten Kirche noch seine 13 Fuß hohe Statue gegenüber der seines Vaters Ludwig, gefertigt von Anton Boos. Auch im Kriege der Münchener Herzoge Ernst und Wilhelm mit Ludwig dem Gebarteten von Jngol- stadt (1421—1422) hatte die Drucker Gegend viel zn leiden. In den Jahren 1632, 1633, 1646 und 1643 erfolgten wiederholte Einfälle der Schweden und ihrer Verbündeten, und Hand in Hand mit dem Würgengel des Bürgerkrieges ging die Pest. Fast noch Schlimmeres erfuhr Brück im spanischen Erbfolgekriege. Ließ doch ein österreichischer Officier im August 1704 den Markt, nachdem er vorher 300 Gulden gefordert, die mit mehrfacher Leibes- und Lebensgefahr aus München geholt werden mußten, in Brand stecken, wobei nur wenige Häuser dem Feuer entgangen sind. Gelderprefsnngen und Quartierlasten waren überhaupt an der Tagesordnung. Folgten nun neue Drangsale im österreichischen Erbfolgrkriege. Es ist unglaublich, was Brück in den Jahren 1742 bis 385 — 1745 da zu ertragen hatte an Quartierlasten, die zudem regelmäßig mit Geld- und Naturalieuerpressuugen verbunden waren. In dieser Zeit haben unter den Marktbewohnern durch patriotischen Sinn, Klugheit und Entschlossenheit in den schwierigsten Lagen und durch stete Opferbereitwilligkeit für ihre Mitbürger mehrere Männer besonders hervorgeragt, namentlich der damalige Nechnungs- führer Bierbrauer Bernhard Hueber, welcher sich unter augenscheinlicher Hintansetzung seiner häuslichen Angelegenheiten ganz und gar dem öffentlichen Dienste gewidmet hat. Ohne Rücksicht auf persönliche Gefahren, unternahm er vielseitig Reisen zu den feindlichen Heerführern und war verschiedene Male nicht ohne Erfolg der Vertreter der fchwergedrückten Gemeinde bei dem berüchtigten Panduren- Oberst Trenk, bei den Generalen Bernes, Bern- klau, dem Obrist Menzel, dem Obristwachtmeister Andrassi und Anderen, sowie bei der österreichischen Landesadministration in München. Der Posthalter und Gastgeber Jakob Weiß, dessen Familie schon vor dem Schwedcnkriege zu Bruck seßhaft war und heute noch zu den angesehensten des Marktes gehört, stand ihm in patriotischem und gemeinnützigem Wirken rühmlich zur Seite. Er entging am 26. Sept. 1742 nur durch eilige Flucht der Gefangennahme durch feindliche Husaren. Vermuthlich hatten die Oesterreicher ihn wegen Einverständnisses mit der bayerischen Besatzung in Landsberg in Verdacht. Außer diesen vorgenannten Beiden haben sich während der Kriegszeit auch noch die Bürger Martin Prugg- mayr, Peter Loder, Franz Saurle, Johann Hvrl hervorragend an den Markts-Angclegenheiten betheiligt, nicht minder auch durch Vorschüsse und Naturalleistungen verdient gemacht. Nun war Ruhe bis zum Jahre 1792, wo in dem Kriegs der europäischen Mächte gegen die aus der Revolution hervorgegaugene französische Republik die Truppen- durchzüge der Oesterreicher begannen. Im August 1796 kamen die ersten Franzosen, womit eine Acra von Belästigungen, Erpressungen und vielerlei Drangsalen begann, die durch den Friedensschluß im Jahre 1801 beendigt wurde. Nach dem Schwedcnkriege hatte sich die Bevölkerung des Marktes und des Ammcrihales allmälig wieder erholt und vermehrt, und wenn auch der spanische und österreichische Erbfolgekricg neuerdings bittere Wunden geschlagen hatten, so waren doch auch diese bald vergessen, so daß wir vor Beginn der französischen Invasionen einem im Ganzen freundlichen und heiteren Bilde von häuslicher Behäbigkeit begegnen, welches sich in den Urkunden jener Zeit vielfach wiederspiegelt. Lorenz Westen- ried er sagt in seiner Beschreibung der vier Rentämter Bayerns (Landshut 1790): „Der zu diesem Kloster (nämlich Fürstenfcld) gehörige Markt Prnck ist ein schöner Ort, und sind daselbst sehr vermöglichc Bürger und schön gebildete Leute beider Geschlechter." Auch entnehmen wir Adrian v. Niedl's 1796 zu München erschienenem Neisc- Ailas von Bayern, daß Bruck damals 152 Häuser und etwa 800 Einwohner zählte. In diesen artigen Häusern wohnten tüchtige Bürger, deren Haupterwerb in dem Verdienste bestand, welchen das Handwerk brachte. Die Meisten hatten wohl auch Grundbesitz und trieben Ackerbau, aber schon Wenning berichtet in seiner Topographie des Rentamts München: „Der Traidtboden ist mittelmäßig, noch schlechter aber der Wieswachs. Die Gewerkschaft muß also bei den Bürgern zur Nahrung das Bebte thun." Besonders scheinen im Markte geblüht zu haben: die Bierbrauereien, die Kramereien, das Lederer-, Weiß- und Nothgerbergeschäft, die Schmieden, insbesondere die Waffenschmieden, die Mühlen, Bäcker und Metzger. Jedoch auch in den andern Gewerbszweigcn gab es fortwährend hervorragende, zu Wohlstand gelangte Männer, und es saßen schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts häufig auch Maler, Sattler, Kürschner, Schäffler, Schuster, Schneider u. s. w. im engeren Rath der Gemeinde als „Vierer". Das bedeutsamste Ereigniß in der Geschichte Brncks war jedenfalls die am 17. März 1803 und den darauffolgenden Tagen vollzogene Aushebung des Klosters Fürstenfeld, wobei als Aufhebungs-Commissär der churfürstliche Landrichter von Dachau, Lizentiat Hey- dolph — die Bauern nannten ihn „Heuteufcl" — fuugirte. Dabei wurden viele Brutalitäten begangen, z. B. ein altes Btlduiß, darstellend die Hinrichtung der Maria von Brabant, zum Fenster hinausgeworfen, dem Bildnisse des erlauchten Stifters, Herzog Ludwigs des Strengen, die Augen ausgestochen, die Pfeifen der großen, schönen Orgel den Gassenjungen preisgegeben, in der Klosterbibliothek heillos gewirthschaftet, den Klostergcistlichen während des Mittagsmahles die Stühle weggenommen, so daß sie stehend essen mußten u. s. w. Am 13. Juli 1803 wurden die Kloster-Realitäten an den Kattunfabrikanten Leite nberg er von Reichsstadt in Böhmen, einen Protestanten, verkauft, wobei als churfürstlicher Commissär Graf Lodron fungirte. Der Kaufschilling betrug mit Einschluß der zwei Höfe Roggenstein und Puch und 600 Tagwerk Waldungen 130,000 Gulden, und das war nach den damaligen Verhältnissen noch ein guter Preis. Gleichzeitig mit dem Kloster verfiel auch die Kapelle St. Leonhardi zu Bruck der Versteigerung, wurde aber um 310 Gulden von einigen Brucker Bürgern erstanden und so erhalten. Bruck, bisher vom Kloster Fürstenfcld aus pastorirt, wurde nun eine eigene Pfarrei. Herr Leiteuberger, welcher als ein wohlwollender Mann geschildert wird, erlaubte allen Religiösen, unentgeltlich im Kloster wohnen zu bleiben, wofür ihm letztere herzliche Dankbarkeit zollten. Die Klosterkirche, eigentlich zum Abbrüche bestimmt, blieb nun geschlossen, bis sie vom König Max I., welcher sie gelegentlich eines Jagdausfluges (1804?) persönlich besichtigt hatte, unterm 13. August 1816 zur königlichen Landhofkirche erhoben wurde. Das Kloster zählte im Ganzen 41 Aebte, der letzte war Gerhard (Führer von Erding). Selbstredend blieb Brück auch durch die nachfolgenden napoleonischcn Feldzüge nicht unberührt. Die Truppen- durchzüge wurden während jener Zeit als schwere Last empfunden. Im russischen Feldznge sind auch zwei Brucker geblieben, Xaver Griesbeck und Johann Dall- maier. Unterm 13. Juli 1813 verlieh König Maxi. dem Markte Fürstenfeldbruck ein besonderes Wappen, „das in einem blauen Schilde, worin sich eine auf einem grünen Felde aus weißen Quadersteinen erbaute Brücke befindet, über welcher drei silberne Kreuze schweben, besteht". Das frühere Wappen, welches der Markt besessen, scheint ganz und gar in Vergessenheit gerathen gewesen zu sein. Dieses trug im Schildcshaupt die bayerischen, blan und weißen Stauten und dann im rothen Felde eine weiße, steinerne, über einen blauen Strom gespannte Brücke mit goldenem Geländer und einem solchen einfachen Kreuze in der Mitte. Wenn von der — 386 Geschichte des Marktes Bruck die Rede ist, dürfen wir selbstredend der bedeutenden Männer nicht vergessen, welche anS demselben hervorgegangen sind. Groß's Chronik fuhrt als solche an: Karl Förg, kurfürstlicher Kricgs-Hauptbuchhalterei-Nath in München, Sebastian Moll, ordentlicher Professor der Theologie an der Universität München, Jakob Klar, Bürgermeister von München, Joh. Bapt. Stiglmayr, Erzgießer zu München, und Ferdinand v. Miller, ebenfalls Erzgießer in München. Stiglmayr's Vater war als Hufschmied in Bruck ansässig; Miller's Vater, ein Uhrmacher, war aus Aichach eingewandert und hatte des .Hufschmieds Sticglmayr Tochter zur Frau. Die größte Sehenswürdigkeit des Ortes ist die Klosterkirche zu F-ürstcufeld, kaum einige Hundert Schritte von Brück entfernt. Dieselbe hat eine bewunderungswürdige Fagade von dreifacher Säulcnordnung und ist von dem Italiener Fiscati 1718—1741 erbaut. In derselben befinden sich, wie schon erwähnt, die Kolossal- statnen Herzog Ludwigs des Strengen und Kaiser Ludwigs des Bayern. Die Altäre weisen werthvolle Oelbildcr und treffliche Bildliaucr-Arbeiien auf, während die Wände des imposanten Gewölbes reiche und kunstvolle Stucca- tnren zieren. SehcnZwerth sind außerdem noch die prachtvolle Orgel und in der Sakristei ein Oelbild, die Enthauptung der Maria von Brabant darstellend. Vom Kirchthurm aus genießt man einen herrlichen Ausblick. Die ehemaligen Klosterrüume dienen militärischen Zwecken. So ist dort auch die neu errichtete Unterosficiersschule untergebracht. Die Pfarrkirche wurde von 1673 bis 1679 unter Pater Balduin Helm erbaut. Ihre Ausschmückung erfolgte im Laufe der Zeit. Eine gründliche Renovation erfolgte von 1814 bis 1860. Das herrliche Bild auf dem Choraltar wurde gemalt von Glink in München, jene auf den Seitenaltären von Lachn er in München. Nicht zu übersehen ist die kunstreiche Tauf- schüssel, welche in ihrem Grunde die Stammeltern im Paradiese zeigt, deren Sünde durch die Taufe genommen wird. Der schöne Gottesacker weist ein Erabmonnmcut von der Meisterhand Ludwig Schwant haler's auf. Des Besuches nicht unwcrth ist auch das Nathhaus, dessen Giebel zwei Porträimedaillons Kaiser Ludwigs des Bayern und Herzog Ludwigs des Strengen zieren, von dem jungen Ferdinand Miller der Heimathsgemeiude seines Vaters gewidmet. Was aber macht Fürsten feldbruck so besonders geeignet zu einem sommerlichen Aufenthalte? Da ist nun einmal seine hübsche Lage, die so recht in's Auge fällt, wenn man mit dem Lahnzuge von München kommt, wo einem die freundlichen weißen Häuser durch die schattigen Gärten, zahlreichen Baumgruppen und Alleen so einladend entgegen winken. Jedoch präsentirt sich Ort und Gegend auch dem, der von Maisach her die Anhöhe heruntersteigt, nicht uuvoriheilhaft, da derselbe durch die gegenüberliegende, Zum größten Theile bewaldete Hügelreihe ein mehr abgeschlossenes Bild erhält. Der Hauptanziehungspunkt für Bruck sind und bleiben aber die Amperbäder. Soll ein Flußbad die Anforderung erfüllen, welche man von einem heilkräftigen Wasser erwartet, so muß dasselbe frisch und möglichst rein fließen, soll keine Härte besitzen, sondern mild und weich sein. Neben diesen hervorragenden Eigenschaften soll die Bewegung desselben nicht zu reißend, aber auch nicht zu träge sein und seine Temperatur sich ziemlich gleichmäßig zwischen 14—18" II. halten. Diese Vorzüge vereint die mit Recht gepriesene Am per in seltenem Maße. Während ihres Laufes durch den Ammersee sinken die überschüssigen Mineraltheile, welche der kohlensaure Ge- birgsquell enthalten hatte, zu Boden, der Fluß verliert dadurch seine Rauhigkeit und Härte und wird auf diese Weise zu einem so vortrefflichen Badewasscr umgestaltet. Auch die frühere kalte Temperatur hat sich durch die Mischung des SeewasserS ausgeglichen,, ohne daß die Ampcr die durch den kohlensauren Gehalt bedingte Frische verloren hätte. Ihre Temperatur beträgt im Anfange des Monats Juni meist 14° II., steigt in den heißesten Sommertagen bis zu 18 und 20 Grad, während sie gegen Ende des Monats September selten unter 14° L. sinkt. Auf ihrem dreistündigen Lause vom See bis nach Bruck wälzt die Ampcr ihre smaragdgrünen Wogen über Sand und Kicsgerölle, weßhalb ihre Reinheit und Helle immer zunimmt, während sie aber auch ihre nicht zu rasche Strömung beibehält. In ihrem weiteren Laufe dagegen nimmt die Amper die Zuflüsse aus den sie begleitenden Moorgründeu auf und erhält dadurch den Charakter und die Temperatur eines Gewässers des Flachlandes. Aber auch die klimatischen Verhältnisse von Bruck sind dazu angethan, die wohlthätige Wirkung einer Flnßbadekur günstigst zu beeinflussen. Die hohe Lage des Ortes, welcher sich 1730 Fuß über die Mccressläche erhebt, die Nähe des Gebirges, die ihn rings umgebenden Harzdustenden Waldungen und die reiche Vegetation bedingen eine sehr reine und gesunde Luft, welche im Hochsommer durch die frischen Wogen der grünen Amper angenehm gekühlt wird. Weder Fabriken noch schädliche Handwerke verpesten die Atmosphäre; der durchlässige Kiesboden unter der Hnmusschichte verhindert die Ansammlung übermäßiger Feuchtigkeit. Dazu kommt noch, daß Bruck schöne und gut eingerichtete Gasthäuser, welche der Nähe der Hauptstadt wegen alle Ansprüche zu befriedigen im Stands sind, zahlreiche hübsche Privatwohnungen und Zimmer und recht einladende Gärten und Sommerkeller besitzt, in welch letztem es immer munter hergeht, wie denn überhaupt in Bruck ein reges, geselliges Leben herrscht. Dabei sind die überall geforderten Preise anerkanntermaßen mäßig, das, was aber an Verpflegung geleistet wird, gut. Auch für geistige Nahrung ist gesorgt, welche daS von Beamten und Bürgern gegründete „Lesezimmer" in reichlichem Maße bietet. Mehr als dreißig Zeitungen, Journale und Blätter jeder Richtung liegen auf, während eine ziemlich umfangreiche Bibliothek belletristischer und gemeinnütziger Werke auch jedem Fremden gegen geringe Vergütung zu Gebote steht. Die Umgegend ist Zwar ländlich, aber reizend. Reinlich bekicste Wegs durchschneiden die blumigen Wiesen und die schwellenden Felder. Der Verschönerungsvereiu hat auch an lauschigen Plätzchen oder gewählten Aussichtspunkten reichlich für Ruheplätze gesorgt. Solche Plätzchen sind: das „Emeringer Hölzl" mit seinen mächtigen Eichen, der Maisach er und Lind ach er Hart, welche Bruck im weiten Kreise umspannen und kühlenden Schatten und würzigen Tannenduft bieten, während in den Hängen der Kloster- und Nicola- lcithen die Kühle des Buchenwaldes zum Erquicken unwiderstehlich einladen. Viele derselben gestatten auch eine liebliche Fernsicht, während man in dem fünf Viertelstunden von Bruck entfernter: GermunAberg ein weit- — 887 reichendes Gebirgspanorama vor sich hat. Vorn Watz- mann bis zürn jähen Abstürze der Zugspitze und vorn Sailing bis zum Grünten reihen sich Berge an Berge, ragen Zacken und Spitzen, Hörner und Kuppen wie aus einem blandustigen Moore. Im Vordergründe wechseln Kirchen, Weiler und Bauernhöfe, umrahmt von dunklen Forsten und wellenförmigem Hügellande, über welchem im Waldesgrün das herrliche Andechs thront. Letzteres selbst ist leicht erreichbar, wenn man mit der Eisenbahn nach dem nahen Grafrath und von dort mit dem Dampfer auf der Amper und dem Ammersee nach Hcrsching fährt, von wo aus man zu dem hochgelegenen Kloster zu Fuß in einer Stunde gelangt. Aber auch wer den Geist der Sage zu sich sprechen lassen will, der findet da und dort Anregung, so z. V. auf dem nahen Osterberg, dessen Hain einst der Göttin Ostara geweiht war, oder in Buch, der einstmaligen Wohnstätte der seligen Königstochter Edigna, welche da am 26. Februar 1109 starb und deren vom Volke hoch verehrte und in Sagen gepriesene Reliquien sich daselbst noch vorfinden, oder weiter weg bei Schöngeist« g, dem einstigen Sommersitze Orlando di Lasso's, im Mühlhardt, wo sich in Mitte von Hunderten alter Grabhügel zwei heidnische Opfersteine befinden, welche einst von dem Blute der den Göttern geschlachteten Menschen und Thiere rauchten. Noch ist das von Bruck in zwei Stunden erreichbare Schloß Weihern zu erwähnen, welches wegen seiner herrlichen Gemälde- und Kunstsammlungen, dann wegen seiner weit bekannten Musterwirthschaft eine wahre Perle der Umgegend ist. Zuletzt nicht zu vergessen das liebliche Seefeld mit seinen herrlichen Anlagen und Alterthnmsschätzen, das allen Fischliebhabern wohlbekannte Walchstadt, welch beide Orte von der Station Türkenfeld aus besucht werden können. Schließen wir mit den Worten von Hart mann's Schriftchcn „Bruck und die Ampcr-Bäder", denen wir völlig beipflichten: „Somit dürfte genug des Beweises sein, daß Bruck viele Vorzüge in sich schließt und reiche Quellen reinen Genusses bietet, welche nicht nur die Reize eines Landaufenthaltes erhöhen, sondern sogar die Freuden und Genüsse des Stadtlebens leicht vergessen lassen, weßhalb ganz wahrunsergemüthlicherK o bell singt: „Geht Einer aut's Land 'naus, Betracht' die Natur, So kehrt er mit Unwill'n Zur städtische» Flur!" --- Eine kleine Neger-Heldin in der Neligions- Versolgrrng. - (Nachdruck verboten.) ES ist ein gar rührendes und exemplarisches Ge- schichtchcr?, welches wir da in Kürze erzählen wollen. Man wird sich wohl noch des unerhörten Verso!- gungskriegcs erinnern, der im Sommer 1892 im afrikanischen Neger-reiche gegen die dortigen Katholiken (bekehrten Eingeborenen) von Seite der dortigen „Protestanten" — Neger-Christen der „anglikanischen" Kirche — stattgefunden hat. Bei dieser Verfolgung haben die armen Katholiken, selbst die Kinder mit außerordentlich wenigen Ausnahmen, einen Glaubensmuth und eine Stand- hafligkeit bewiesen, welche bewunderungswürdig sind. Es war am 24. Januar 1892, an dem Tage, an welchem der über alle Maßen traurige Krieg losbrach. als ein Negermädchen, das noch nicht 10 Jahre alt war, sich zu den Missionären nach Rnbaga bei der Hauptstadt flüchtete. Es befand sich bei den Missionären mitten in den Flammen, welche die Mission verzehrten, und erhielt vom apostolischen Vicar, Bischof Msgr. Hirth, selbst die heilige Taufe, gerade in einer Zeit, in welcher die Missionäre ihre lctzle Sttmde, ihren letzten Augenblick gekommen glaubten. Das arme Kind folgte dann den Flüchtenden — versteckt unter der Scham von Frauen und Kindern, welche in ihrer Verzweiflung an die Missionäre sich hingen. So folgte es auch auf der Flucht nach der Nyauza-Jnsel Bulingugc. Auf dieser war am 30. Januar 1892 das furchtbare Blutbad, das den Katholiken so viele Menschenopfer kostete. Mit diesem SchrcckenStage war den Missionären die kleine Negerchristin aus dem Gesichtskreis gekommen. Das arme, verlassene Kind war am Leben geblieben, aber in Gefangenschaft gerathen und Sklavin eines protestantischen Negers geworden. Es weinte bitterlich und glaubte, die Missionäre feien alle um's Leben gekommen. Sein Herr wollte das Mädchen mit Gewalt dahin bringen, sich als Protestantin zu erklären. Es war in der katholischen Religion wohl noch nicht gründlich unterrichtet; aber — so viel wußte es, daß die Aufnahme in die katholische Kirche, welche ihm zu Theil geworden, zwischen ihm und dem Manne, der sich seinen Herrn nannte, eine tiefe Kluft gebildet hatte. Darum vermochten weder die rohcstcn Beschimpfungen, noch die härtesten Schläge den Willen der kleinen Bekennen» zu beugen; sie erklärte sich nicht als Protestantin. Sie trug die Hoffnung, entfliehen zu können. Ihr Herr merkte, daß er auf diese Weise nichts erreiche; auch befürchtete er, es werde ihr bei ihm in der Hauptstadt das Entfliehen möglich. Sie mußte fort, in eine ihr ganz unbekannte Gegend — und wo sie unter größerer Aussicht stehe. Und so brachte er das Mädchen gen Westen, bis an die Grenze von Unyoro. Dort hatte er eine Besitzung. Da konnte das kleine Wesen — ganz verloren in einer wildfremden Gegend — nicht an Flucht denken. Uebcraus traurig, ergab es sich in sein Schicksal. In den Vanancnpflanzungcn mußte cS mit protestantischen Sklaven arbeiten. Diese Sklaven verspotteten fortwährend das arme Kind, schimpften es nwxapa," — d. h. Püpistin, und „mu Eäali" — d. h. Medaillcn-Anbctcrin — u. s. w., und quälten und mißhandelten es, weil es nicht au ihrem Gebete thcil- nehmen wollte. Trotzdem und allcdcm blieb die Kleine standhaft. Dieses harte Leben dauerte 15 Monate. Gott erbarmte sich der kleinen Bekennen», die man umsonst durch Schläge zum Abfall zu bringen versuchte. Ihrem Herrn war die Sklavin in seiner Vanancnpflanznng zu Mengo, der Hauptstadt Uganda's, gestorben und glaubte er nun die kleine Katholikin für die leer gewordene Stelle gut verwenden zu können. Dabei muß ihm der Gedanke an ein Entfliehen der Kleinen ganz außer Acht gekommen sein. Der Herr holte also die Sklavin und wies sie ein in ihren neuen Dienst. Sofort kam ihr wieder der Gedanke zur Flucht. Wohin? Das bedachte die arme Waise nicht. Es war, als ob der nicht fern von ihr liegende „heilige Hügel von Nubaga", wo so viele jugendliche Märtyrer schliefen, wie magnetisch sie fortziehe. Und so nahm sie sich denn „ein Herz" und entfloh schon am zweiten Tage nach ihrer Ankunft. Zunächst suchte 388 — sie ein Versteck in dichten Dornbüschen. Von dort aus spähte sie hinaus auf die Vorübergehenden, um zu sehen, ob Jemand eine Medaille oder einen Rosenkranz trage. Ihr Forschen war resultatlos; das machte sie überaus traurig. Waren denn alle Katholiken umgebracht! So verblieb sie in ihrem wilden Versteck ohne Nahrung und bei kalten Nächten! Da wagte sie sich endlich eines Abends aus den Dornbüschen heraus und schlich sich bis zum Fuße des Hügels von Nubaga, auf welchem die katholische Missionsstation (die erste, älteste und vor dem Kriege die faktische Hauptstation von ganz Uganda) war. Hier nun bemerkte das Mädchen eine Frau, welche ihren Rosenkranz um den Hals geschlungen trug. Sofort stürzte das Mädchen auf die Frau zu und rief schluchzend vor Freude: „Ich bin auch eine Katholikin! Ich bin inmitten der Flammen getauft worden! O, sag' mir doch, sind andere Patres gekommen für die, welche man in Bulinguge ermordet hat?" Die katholische Frau sagte der Kleinen, die Patres seien noch am Leben, nahm das Mädchen zu sich und brachte es zu den Missionären auf Rubaga. Das Mädchen hatte eine unbeschreibliche Freude, als cS die guten Väter wieder sah. Nachdem sie die standhafte Kleine getröstet und erquickt hatten, übergaben sie dieselbe einer katholischen Familie zur Obhut. Is. - - — — - - ALLevLei. Was ist Amerika? Ein Schweizer Journalist beantwortet diese Frage in folgender knapper Form: „Amerika ist ein Land, mit dem verglichen Europa nur eine kleine Halbinsel ist; die Vereinigten Staaten bedeuten ein Staatswesen, mit dem verglichen die europäischen Reiche als Kleinstaaterei anzusehen sind. Amerika ist das Land der angemessenen Räume und Dimensionen, das Land des Dollars und der Elektrizität, das Land, wo die Ebenen ausgedehnter, die Flüsse mächtiger, die Wasserfälle tiefer, die Brücken länger, die Blitzzüge schneller, die Katastrophen schauerlicher sind, als in irgend einem anderen Land der Erde, — das Land, wo bei einem einzigen Eisenbahnunfall alle Tage mehr Menschen umkommen, als in ganz Europa in einem vollen Jahre; das Land, wo die Häuser höher, die Spitzbuben zahlreicher, die Reichen reicher, die Armen ärmer, die Millionen großer, die Diebe frecher, die Mörder ungenirter, die Gebildeten seltener; das Land, wo die Zähne falscher, die Corsets enger, die Krankheiten tödlicher, die Korruption allgemeiner, der Spleen raffinirter, die Verrücktheit syste- matischer, der Sommer heißer und der Winter kälter, das Feuer wärmer und das Eis gefrorener, die Zeit kostbarer und die Menschen gehetzter sind, als in unserm schäserhasten Europa; das Land, wo die Greise jünger und die Jünglinge greisenhafter, die Mohren schwärzer und die Weißen gelber sind als sonst irgendwo; das Land der unermeßlichen Naturreichthümer und der großartigsten Nanbsucht der Menschen. Kurz und gut: das Land der außerordentlichen Gegensätze, der fabelhaftesten Extreme, der wahnwitzigsten Ueberhebung, der rücksichtslosesten Dollarjagd und unsinnigsten Erwerbswuth, das Land des Kolossalen und Pyramidalen — natürlich nach den Begriffen des Amerikaners." Am Grabe AlvlMS Maria Raüsboime's. nMsorlcoi'üiLs vowilll iu »otornuw ca>iN!wo Psalm LS. »Dir Erbarimmgm dkS Hcrrn will ich singliunEwiMtN Nie kannt' ich Dich, noch Deine Lebensfährte, Doch ewig bleibst Du mir in's Herz geschrieben: Solch' ouscrwähltcil Mann, ich muß ihn lieben, Dem Gnade ohne Gleichen Gott gewährte. Du warst es. der einmal auch mich bekehrte: Nach eines Strauß und Darwin wüster Zchrung, Da war Dein Wunder himmlische Beschecrung, Und ich vergaß den Jammer dieser Erde. Dich hielt fortan als Heil'gen ich in Ehren: Wer hier gekostet schon des Himmels Wonne, Nie wird Der noch der Erde Tand begehren! Dich lad' ich auch, daß ich Erbarmen finde, Zu meinem Sterben! Daß der Herr mich schone, Befehl' ich Dir mich, dem Maricnkindc! *) Traunstein. Uasner. A. M. RatiSbonne ist geboren und gestorben im Marien- monat Mai: 1. Mai 1814 — 6. Mai 1884 — aber in weit höherem Sinne und Grade Marienkind durch seine geistige Wiedergeburt in Folge der wunderbaren Erscheinung. D. O. Httttiuelsschau im Monat Juli. —X. Venus ? geht als Morgenstern 2 Std. 15 Min. vor der Sonne auf und steht am 20. gegen einen Grad südlich von Jupiter. Mars F ist noch rechtläufig im Sternbilde der Fische und geht anfangs nach, später vor 11 Uhr nachts auf. Jupiter ist nur schwer sichtbar am Morgen- himmel. Saturn H steht in der Jungfran, geht anfangs 12 U. 15 M. zuletzt 10 U. 15 M. abds. unter. In der Nähe des Mondes befinden sich am 2. und 29. Jupiter; am 9. Saturn; am 24. Mars; am 30. Venus. Spika wird am 10., Antares am 14. vom Monde bedeckt. ! i k s KVerrZräthsel. 1 2 4 Vierbeinig siehst du 1 und 3, SechSbeinig 3 und 4, Won 3 und 2 giebt's mancherlei, Bei Tiscke mundet'S dir. 1 4 wachst draußen auf dem Feld, Es nährt so Mensch wie Thier, Gedeiht cö, hat der Bauer Geld, 4 2 siehst du an dir. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 48: Weiß. Schwarz. 1. K. 66-65 : 2. T. §3 L6 ! rc. «-SSWLS-- ^L51. 1894 . „Augsburger Postzeitung". Diustag, den 26. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttlcr). Zm Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) V. „Es darf Sie nicht genieren, Herr Baron, wenn unsere Fahrt uns in Geschäftslokale führt, die ein anständiger Mann nur höchst ungern betritt." „Und wohin fahren wir?" „Wir machen die Runde bei verschiedenen Pfandleihern, die mehr oder weniger im Verdachte der Hehlerei stehen. Wenn wir Glück haben, so finden wir Uhr oder Kette oder beides bei einem derselben." Dieses Gespräch fand in einer Droschke statt, in welcher der Baron von Sturen mit einem in Civil gekleideten Kriminalbeamten saß. Er hatte den an ihm verübten Diebstahl der Kriminalpolizei gemeldet und eine genaue Beschreibung der vermißten Gegenstände zu Protokoll gegeben. Daraufhin wurde einer der Beamten beauftragt, den gestohlenen Gegenständen nachzuforschen, und dem Baron anheimgestellt, ihn zu begleiten, um günstigen Falles sein Eigenthum sogleich recognosciren zu können. „Wird ein Geschäftsmann aber Werthsachen, die er mit seinem Gelde bestehen oder gekauft hat, gutwillig herausgeben?" fragte Wolfgang den Beamten während der Weiterfahrt. „Vor der Kriminalpolizei streckt jeder Pfandleiher ohne Weiteres die Waffen. Auch wird er sich wohl hüten, auf einen Gegenstand von größerem Werthe Geld herauszurücken, wenn er es nicht mit einem ganz vertrauenswürdigen Kunden zu thun hat. Erscheint ihm dieser verdächtig, so giebt er keinen Heller her, bis der Gegenstand in andere Hände gewandert ist. Oft sind die gestohlenen Sachen, noch ehe die Polizei vom Diebstahle Kenntniß hat, schon wohlverpackt auf dem Wege zu einem auswärtigen Trödler. Hätten Sie uns gleich gestern Abend von dem Diebstahle Anzeige gemacht, Herr Baron, so konnten wir sofort Nachforschungen in den Verbrecherklappen anstellen und jeden durchsuchen, ! den wir dort fanden." ^ „Man sagte mir, die Bureaux der Kriminalpolizei seien bereits geschlossen," entgegnete der Baron, „doch würde ich . . ." „Wir sind zu jeder Stunde der Nacht zu haben," unterbrach ihn der Beamte lächelnd. „Doch würde ich in einem gewissen Weinlokale den Kriminalkommissär Nuglisch treffen." „Nuglisch?" fiel ihm der Beamte wieder in's Wort. „Es giebt in ganz Berlin keinen einzigen Kriminalbeamten, der Nuglisch heißt. Wer hat Ihnen so etwas gesagt, Herr Baron?" Wolfgang erzählte die Begegnung mit dem Assessor, und da sein Begleiter ihm immer neue Fragen vorlegte, so berichtete er nach und nach alles, was sich in der Weinstube zugetragen hatte. Auch das Kartenspiel, an welchem er theilgenommen hatte, mußte er genau beschreiben. Der Beamte hörte aufmerksam zu, ohne mit einer Miene zu zucken. Dann sagte er: „Herr Baron! Sie sind von einem Spitzbuben an den andern gerathen. Der junge gefällige Mann, der sich Ihrer so hilfreich annahm, war ein abgefeimter Gauner, so gut wie jener, der Ihnen Uhr und Kette abnahm. Haben Sie noch nie von den Berliner „Bauernfängern" gehört?" Der Baron fuhr betroffen zurück. „Oft genug schon. Aber wäre es denkbar, daß . . ." „An solche sind Sie leider gerathen," fuhr der Beamte fort. „Jener angebliche Assessor war ein sogenannter „Schlepper", dessen Aufgabe es ist, auf geeignete Opfer zu fahnden und diese unter plausiblem Vorwand in das Nest der „Habsburger" zu schleppen. Die drei würdigen Herren waren seine guten Freunde." „Da habe ich freilich ein etwas hohes Entrse für eine gut gespielte Komödie bezahlt," lächelte Wolfgang, mehr über sich selbst belustigt als ärgerlich. „Und wie mag wohl dieses famose Spiel heißen?" „Sie haben mit jenen Herren „Kümmelblättchen" gespielt, Herr Baron. Doch da sind wir bei unsrer ersten Etappe angelangt." Er klopfte an das Fenster hinter dem Kutscher. Die Droschke hielt. „Nückkaufsgeschäft von Moses Nathansohn," lautete die verwitterte Firma über einer unscheinbaren schmalen Ladenthür. Der Baron trat mit seinem Begleiter in den Laden. Nathansohn stand hinter einer Ladentafel. Er war ein hagerer Mann mit gelbem Gesicht und schwarz und grau melirtem, nachlässig sich lockendem Haar. Das spitze Kinn lief in einen Zwickelbart aus; die stark gebogene Nase, die kleinen, dunkeln, glänzenden Augen vollendeten das orientalische Gepräge. Als er den ihm wohlbekannten Kriminalbeamten erblickte, funkelte in den kleinen Augen etwas wie Uebe raschung und Mißvergnügen auf. „Na, Nathansohn," redete ihn in cordialem Tone der Beamte an, der einen scharfen Blick auf ihn geworfen hatte, „Ihr habt etwas für mich. Soll ich rathen? Eine goldene Uhr etwa?" Das Wort traf den Juden wie ein Hieb. „Eine goldene Uhrl" wiederholte er, die Hände zusammenschlagend, in einem schmerzlich vorwurfsvollen Tone, daß der Beamte sich gleich so hoch versteige. „An einer goldenen Kette?" rieth der andere weiter. „Ich schwör's beim gerechten Gott über mir," rief jetzt der Jude, die Hände gen Himmel schüttelnd, „daß ich hab' keine goldene Kette!" „Nun, ereifert Euch nur nicht, Nathansohn. Ich glaube Euch ja. Der Herr Baron hier ist schon mit der Uhr zufrieden. Gebt sie heraus!" Nathansohn wandte sich jetzt an Wolfgang. „Wie soll die Uhr aussehen?" fragte er diesen mit einem durchbohrenden Blicke des Mißtrauens. Es war ein letzter Strohhalm von Hoffnung, an den er sich anklammerte. Der Kriminalbeamte lächelte. Der Baron beschrieb Gehäuse und die Art der Arbeit auf's genaueste. Nathansohn stieß einen Seufzer aus, dann ging er in gebrochener Haltung nach einem kleinen Hinterzimmer. „Wir können von Glück sagen, Herr Baron, daß wir's gleich auf den ersten Wurf getroffen haben," bemerkte der Beamte. „Nathansohn wird sich jetzt da drinnen die Haare ausraufen, daß die kostbare Uhr noch nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig ist." Es währte eine gute Weile, ehe der Jude zurückkam. Er mochte wohl in seiner Klause mit dem Pracht- stück noch ein wenig liebäugeln und blutenden Herzens den Gewinn berechnen, den es ihm hätte bringen können. Endlich kam er, langsam und schlotternd. Er hielt das eorpnL äslioti in beiden Händen, die obere über der unteren zusammengeschlossen. „Was für Zahlen sind auf dem Zifferblatt?" in- quirirte er den Baron, die Hände noch fest übereinander schließend. „Römische oder deutsche?" „Es sind römische Zahlen," antwortete Wolfgang. Der letzte schwache Hoffnungsschimmer war erloschen. Die rechte Hand des Juden, welche die Uhr bedeckt hielt, sank wie eine Hülle herab, und auf der flachen Linken lag Wolfgangs prachtvolles Erbstück. „Nathansohn," sagte der Krimtnalbeamte mit einem siegreichen Lächeln, „diesmal seid Ihr nicht früh genug aufgestanden." Da aber kamen alle bisher zurückgedrängten Gefühle des Juden, die schmerzliche Entsagung und das Bewußtsein, dem eisernen Zwange der Pflicht gehorcht zu haben, zum Ausbruch. „Herr Cowmissarius!" rief er mit blitzenden Augen und die bebende Hand vor die Brust schlagend, „Mo ses Nathansohn ist ein ehrlicher Mann!" „Daran zweifelt niemand, Nathansohn," entgegnete der Beamte, den Aufgebrachten beschwichtigend auf die Schulter klopfend, „ich weiß, daß Ihr ein Ehrenmann seid, welcher seine Pflicht kennt, ich weiß auch, daß Ihr die Uhr nicht angenommen habt, ohne vorher Einsicht in die Legitimation des Ueberbringers zu nehmen, schade nur, daß die Legitimation selbstverständlich gefälscht oder gestohlen war." Der Jude machte eine bedauernde Handbewegung, als wollte er sagen: „Dafür kann Moses Nathansohn nicht!" Mit verbindlichem Lächeln kam er jetzt, die Hände reibend, hinter seinem Ladentische vor und schritt auf Wolfgang zu. Sein Wesen war völlig umgewandelt. „Wollen der gnädige Herr Baron nicht die Gefälligkeit haben," redete er diesen an, ein tiefes Kompliment machend, „mir Ihre Adresse zurückzulassen? Man kann nicht wissen, ob nicht einer auch noch käme mit dem schweren goldenen Uhrkettchen. Ich könnte dann den gnädigen Herrn Baron sogleich benachrichtigen." Wolfgang nannte ihm seinen Namen und sein Hotel. Des Pfandleihers tiefe Bücklinge wollten kein Ende nehmen, als Wolfgang mit seinem Begleiter der Ladenthür zuschritt. Sogar bis an die Droschke folgte er ihm, stolze Seitenblicke versendend, ob die Nachbarn auch sähen, welch' vornehmen Besuch Moses Nathansohn gehabt hatte. „War mir eine große Ehre, Herr Baron, eine sehr große Ehre!" rief er noch dem Einsteigenden nach und schien, während der Wagen sich in Bewegung setzte, in einem tiefen Bückling erstarrt zu sein. „Nathansohn wird Sie jedenfalls heimsuchen," sagte der Kriminalbeamte, „um Ihnen vorzuschwindeln, er habe an der Uhr viel Geld verloren. Lassen Sie sich nicht breitschlagen, Herr Baron!" VI. Als Wolfgang einige Stunden später in seinem Zimmer beschäftigt war, die Berichte seiner beiden Gutsverwalter zu lesen, klopfte es leise an seine Thür. Es war die Gestalt Moses Nathansohn's, der sich in demüthig gebeugter Haltung hereinschob. Wäre nicht der Zwickelbart gewesen, der das Gesicht des Hebräers nach unten so eigenthümlich zuspitzte, daß dem Baron schon vorher unwillkürlich der Vergleich mit einem Papierdrachen gekommen war, er würde den Eintretenden nicht gleich wieder erkannt haben. Der Pfandleiher trug schwarze Kleidung, dazu tadellose Wäsche, deren blendende Weiße die übermäßig langen Manschetten wahrscheinlich mit Fettschrift hervorheben sollten, eine Krawatte von himmelblauer Seide, auf welcher eine Busennadel wie ein grünes Hundeauge funkelte; mit der rechten Hand strich er wie liebkosend einen niedrigen feinen Cylinderhut, um den Glanz noch zu erhöhen. Er verneigte sich fast bis zur Erde. „Nun, Herr Nathansohn," empfing ihn Wolfgang lächelnd, „ist Ihnen schon etwa die goldene Uhrkette in's Revier gelaufen." „Nein, gnädigster Herr Baron," antwortete der Jude, fortwährend in einem Cyclus unterwürfiger Verbeugungen begriffen, „'s is noch keiner mit dem schweren Kettchen gekommen, und 's wird auch keiner mehr kommen." Wolfgang wollte den Besuch des Pfandleihers möglichst abkürzen und sich und ihm eine weitschweifende Einleitung ersparen. „So sind Sie gewiß gekommen, Herr Nathansohn," sagte er, „um mir mitzutheilen, daß Ihnen durch die Herausgabe meiner Uhr ein Verlust erwachsen ist." „Nein, Herr Baron, deßhalb bin ich nicht gekommen." In der Art, wie er die Hände beschwörend auf'S Herz legte, sowie in dem erhabenen Lächeln, womit er Figaro doctrt. Nach dem Gemälde von A. Bihari. 392 die Bewegungen begleitete, lug etwas Pathetisches. „Wenn Moses Nathansohn verliert sein Geld, so is das seine Sache," fügte er hinzu. Er trat mit einer gewissen Feierlichkeit näher heran, zog ein Etui von Maroquin aus seiner Brusttasche, legte es geöffnet auf den Tisch, an welchem der Baron saß, und zeigte auf ein Paar sehr schöner Brillantohrringe. Nathansohns Augen selbst strahlten vor Vergnügen, wahrend sie bald auf dem Schmucke, bald auf dem verwunderten jungen Manne weilten. „Sehr schön," sagte dieser, „in der That wunderschön! Aber was soll ich damit anfangen?" „So vornehme junge Herrn, wie der Herr Baron," sagte der Jude mit schlauer Miene, „können immer Brillantohrringe brauchen. Jede Dame, der Sie wollten machen ein Geschenk damit, würde sagen: Gott, was sind se schön! Und der Herr Baron sollen haben die Sächelchen spottbillig." „Herr Nathansohn," entgegnete Wolfgang, „selbst wenn ich diesen Schmuck brauchen könnte, würde ich mich doch bedenken, ihn zu kaufen; es ist mir ja zur Genüge bekannt, daß Sie ein ehrlicher Mann sind; aber können Sie denn selbst wissen, ob die Person, von der Sie diesen Schmuck haben —" „Ich verstehe den Herrn Baron," nickte Nathansohn, die Augen schließend, „ich verstehe! Aber ich kann Sie versichern, daß Sie sind im Irrthum. Die Sächelchen sind nicht mein. Ich verkaufe sie für einen Andern." „Wirklich?" fragte Wolfgang, „wäre es wohl in- discret, wenn ich frage, wem die Ohrringe gehören?" „Sie gehören einer so schönen jungen Dame, wie's vielleicht giebt keine zweite in ganz Berlin," versetzte Nathansohn. Die Dame sei aus guter Familie, erzählte er, die Eltern seien todt, und das Wenige, was sie hinterlassen, habe der um zwei Jahre ältere Bruder durch- gebracht. Die Dame ernähre sich durch Zeichenunterricht und müsse dabei auch für den Unterhalt ihres Bruders sorgen, der ein vollendeter Taugenichts sei. Da ihre dürftigen Einnahmen hierzu nicht ausreichten, so sehe sie sich endlich genöthigt, diesen Schmuck, das letzte theure Andenken an ihre Mutter, zu veräußern. „War die Besitzerin dieser Ohrringe selbst bei Ihnen?" wollte Wolfgang wissen. „Sie hat mir gebracht die Dingelchen in eigener Person," nickte der Pfandleiher. „'s war das erstemal, daß ich se hab' gesehen. Das Jüngelchen kenn' ich schon lange, es hat mir verkauft von dem Hausrath ein Stück nach dem andern." Wolfgang war entschlossen, den Schmuck zu kaufen, den jungen leichtsinnigen Mann aufzusuchen und zu sehen, ob er durch ihn nicht etwas für die Schwester thun könne „Ich bin nicht abgeneigt, Herr Nathansohn, das Geschäft mit Ihnen gleich abzuschließen," erklärte er, indem er zugleich die Absicht hatte, dem Juden auf den Zahn zu fühlen, „doch müßte ich die Bedingung stellen, daß Sie mir Namen und Wohnung des jungen Menschen angeben. Ich möchte ein paar Worte über seine Angelegenheiten mit ihm sprechen." „Hab' ich mir doch gleich gesagt heute Vormittag, als der Herr Baron mir die große Ehre erwiesen, — Moses Nathansohn, hab' ich mir gesagt: Du hast gefunden den Engel, der dem armen schönen Fräulein aus ihrer grausamen Noth hilft. Warum soll ich dem Herrn Baron nicht sagen wie se heißt und wo se wohnt mit ihrem Bruder, dem leichtfertigen Jüngelchen?" „Schreiben Sie mir die Adresse auf, Herr Nathansohn," erwiderte Wolfgang, indem er dem Besuche Schreibmaterial hinschob, „und nennen Sie mir den Preis der Ohrringe." Der Jude nannte den Preis, wobei er den Baron mit einem prüfenden, berechnenden Blick aus seinen kleinen, lüstern glänzenden Augen ansah. Als dieser sich erhob, um nach seiner Cassette zu gehen, schrieb Nathansohn die Adresse des Geschwisterpaares mit großer Umständlichkeit nieder. Wolfgang zählte ihm die geforderte Summe hin. „Gott vergelt's dem Herrn Baron tausendmal!" dankte Nathanson wie für eine ihm erwiesene Wohlthat und strich unter wiederholten Verneigungen die blanken Goldstücke schmunzelnd ein. Er wandte sich zum Gehen. „Wenn der gnädige Herr Baron sonst 'was brauchen," sagte er, auf dem Wege zur Thür mehrmal stehen bleibend. „Junge, vornehme Herren sind oft Freunde von Alterthümern, da hab' ich zum Beispiel," begann er an den Fingern herzuzählen, „eine echte Damascenerklinge, die noch aus der Zeit Timur's stammt, — eine altgriechische Vase von der Insel Melos —" „Gut, gut, Herr Nathansohn," unterbrach ihn lächelnd der Baron, „sollte plötzlich der Geist der Antike über mich kommen, werde ich Sie um einige Citate aus Ihrem Kataloge bitten. Augenblicklich bin ich noch zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt." Noch einmal krümmte sich die Gestalt Moses Nathan- sohn's an der Flügelthür zu einem tiefen Kompliment zusammen. Dann war er verschwunden. . . . Wolfgang griff nach dem von Nathansohn beschriebenen Zettel. Straße und Hausnummer in einer Vorstadt waren darauf bezeichnet. Der Name des Geschwisterpaares lautete Nettberg. Am nächsten Vormittag begab sich der Baron nach dem ihm bezeichneten Hause, einer vielstöckigen Miethskaserne in einer weit entlegenen Vorstadt. Die Treppenfenster öffneten sich auf einen sogenannten Lichthof, der nichts als ein zwischen Vorder- und Hintergebäude eingekeilter Schacht war, wo die Luft stagnirte und das Licht nur spärlich einzudringen vermochte. Auf den Treppen balgten sich Kinder in zerfetzten Kleidern herum; auf einem der Corridore waren zwei Flurnachbarinnen in einem wüthenden Wortgefecht begriffen. (Fortsetzung folgt.) Reise-Skizze des bayerischen Pilgerzuges nach Lourdes 1894. Ll. Palästina, mit seinen hochheiligen Orten Jerusalem, Bethlehem, Nazareth u. s. w., die durch das Leben und Leiden unseres Erlösers geweiht sind, war seit 18 Jahrhunderten das Ziel von Millionen Wallfahrern; man erinnere sich nur an die Kreuzzüge im Mittelalter, wo Hunderttausende dorthin gewaltet sind. Jerusalem mit dem Oelberg, Kalvarienberg und dem Grabe des Heilandes, ist gewiß der erste Wallfahrtsort der Welt, und wird derselbe seit einigen Jahrzehnten wieder häufiger von Pilger-Karawanen besucht; vor 4 und 5 Jahrzehnten veranstaltete der Severinusverein von 393 Wien ab solche Karawanen, — später arrangirte Mon- signor Geiger in München, bayerische Pilgerkarawanen; an der 3., im Jahre 1880, hat Verfasser dieses sich betheiligt und in den Unterhaltungsblättern der Augs- burger Post-Zeitung und der Neuen Augsburger Zeitung über diese hochinteressante Reise berichtet; Heuer war nach Ostern bereits die 17. Karawane dorthin abgegangen, ab München. Außerdem veranstaltet der deutsche Palä- stina-Vercin seit 2 Jahren eine Jerusalcms-Wallfahrt. Aber nicht Viele haben 6—8 Wochen Zeit und etwa 1000 Mark zur Verfügung, die hiezu benöthigt sind. Der zweite berühmteste Wallfahrtsort der Welt ist die ewige Stadt Rom, mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus, dem ungeheuren St. Petersdom, und 368 Kirchen, Kolosseum, Vatikan, den Katakomben und den großen Ruinen des alten Rom u. s. w. Seit 1868, dem Jahre der Sekundiz des höcbstsel. Papstes wickelten Verkehrsmittel, Eisenbahnen, Dampfschiffe, die Ausführung der Wallfahrt in 2—3 Wochen ermöglichen, bei einem Aufwand von 150 bis 200 Mark ab Bayern, von wo 1890 ein großer Pilgerzug abging. Im Februar 1894 ist in mehreren Zeitungen (A. Postztg., N. A. Ztg., Bayer. Kurier u. a.) wieder eine Einladung ergangen zu einem zweiten bayerischen Pilgerzug seitens eines Pilger-Comites: Pfarr-Vikar A. Beyrer in Rohr, Dierektor, Pfarrer G. Hackl in Steindorf, F. Sibold in Augsburg, Kassier, C. Sontheim in Oberdorf b. B., I. Präg, Schul-Expositus in Lindach u. s. w. Es erfolgten 486 Anmeldungen zu dem Extrazug Buchloe—Lourdes für die Zeit vom 10. bis 21. April ds. Js.; drei Viertel derselben aus Bayern, ein Viertel aus andern Ländern (Württemberg, Westphalen, Schlesien, Erzh. Oesterreich, Ungarn, Körnten, Böhmen, Dyrol, Vorarlberg, Hamburg, Schweiz). Aus Bayern Immenstadl. MM ^ 7 .- 7 ./.' Pius IX., wurden öfter große Pilgerzüge arrangirt, auch 1870, zur Zeit des Vatikanischen Concils, wo auch Verfasser Rom besuchte, bis zur Sekundiz des glorreich regierenden Papstes Leo XIII. und dessen Bischofs-Jubiläum 1893, weshalb der damals geplante Lourdcs-Pilgerzug verschoben wurde. Tausende von Katholiken Deutschlands sind bereits nach Rom gereist, um dem hl. Vater den Tribut ihrer tiefsten Verehrung zu zollen. Nach Jerusalem und Rom ist der dritte berühmteste Wallfahrtsort der Welt in Süd-Frankreich die Stadt Lourdes in den Pyrenäen, dorten der Felsen der Massabielle mit seiner Grotte, dem Erscheinungsorte der „Unbefleckten Empfüngniß", wie sie selbst dem begnadigten Hirtenmädchen Bernadette Soubirons 1854 sich geoffenbart hat. Diese Grotte, die herrliche Basilika auf dem Felsen, mit ihrer Krypta-Kirche und der vorgebauten Rosenkranz- kirche, ist das Ziel von Hunderttausenden Wallfahrern gewesen und wird es bleiben, zumal unsere so sehr ent- waren vertreten: München, besonders Augsburg mit Umgebung (Lechhausen, Friedberg, Oberhausen, Kriegshaber, Merching, Laimering,Derching, Biberbach). Aus Schwaben mehrere Städte: Kempten, Kaufbeuren, Jmmenstadt, ferner Sonthofen, Wertach, Oberdorf b./B., Wiggensbach, Seeg, Hindelang, Langerringen, Mödingen, Kettershausen, Schretzheim, Maihingen u. s. w.; ferner aus Oberbayern: Traunstein, Wasserburg, Ließen, Weilheim, Aibling, Freising, Schrobenhausen, Wolnzach, Nosenheim, Nym- phenburg, Miesback; aus dem übrigen Bayern: Landshut, Amberg, Würzburg, Aschaffenburg, Passau, Waldsassen, Pfarrkirchen u. s. w. Unter den Pilgern waren über die Hälfte dem weiblichen Geschlechte angehörig, Frauen, Jungfrauen, Wittwen, auch Damen höherer Stände; ferner über 30 Geistliche und Alumnen, einige Beamte, Kaufleute, Oekonomen, Ingenieurs, Handwerker, Gutsbesitzer, Privatiers, Dienstboten, Arbeiter u. s. w. Zwölf Procent Kranke und Kränkliche. Der Preis für die Eisenbahn-Billets II. Klasse ab Buchloe bis Lourdes und zurück war auf 105 Mark festgesetzt, für Billets III. Klasse 77 Mark, gewiß eine mäßige Summe für eine Bahnstrecke von 1400 Kilometer, hin und her zusammne 2800 Kilometer. Wer für sich oder mit einer Gruppe reisen will, kann ein Rundreisebillet bestellen für Schweiz und Frankreich; ebenso sind in Lyon Pilgerbillets nach Lourdes zu haben. Nachdem nun diese Pilgerreise nach Lourdes vom 10. bis 21. April mit Gottes Hilfe glücklich ausgeführt worden, möchten wir hierüber eine Reise-Skizze geben (nicht Neisebeschreibung), welche vielleicht künftigen Pilgern willkommen sein mag, aber auch Solchen von einigem Interesse sein dürfte, welche nicht selbst nach Lourdes pilgern können. Es ist wohl zu beherzigen, daß diese große, etwas beschwerliche Wallfahrt eine Bußreise, kein Vergnügungszug ist; man muß sich gefaßt machen auf verschiedene Reisestrapazen, ungewohnte Beschwernisse; auf der Hinreise war nur in Lyon Nachtlager geplant, auf der Heimreise in Einsiedeln; sonst nur bisweilen, bei großen Stationen, ein kurzer Aufenthalt; doch sind die Beschwerden in Wirklichkeit nicht so groß, als Manche meinen, wie auch unsere Mitpilger bezeugen werden! Allen wurde ans Herz gelegt: Gehorsam gegen die Leiter der Wallfahrt. Da in der Schweiz und in Frankreich demsches Geld nur mit großem Verlust angenommen wird, mußte man sich schon zu Hause mit französischem Goldgelde (den sog. Napoleons) versehen, ebenso mit Silber- und Kleingeld, bei Bankhäusern. Paßkarte war nicht benöthigt, ist aber doch anzurathen. Gepäck durfte man nur nehmen, was man selbst tragen konnte, Handkoffer, Handtasche, weil alles Uebrige als Passagiergut aufgegeben werden mußte. Außer der Reisekleidung am Leibe war uns ein Ueberrock (Shaw!) empfohlen, da das Klima in Lourdes im Frühjahre nicht allzuwarm ist, Abends öfter kühl. Auch mit Speisen für den Hinweg versahen wir uns, und leistet eine Flasche zum Wein oder Wasser gute Dienste. Es war ein bewegtes Leben in Buchloe, diesem wichtigen Knotenpunkt der Bahnlinien Lindau— München, Mcmmingcn—Augsburg, von wo auch die gemeinsame Abfahrt geschehen sollte, am 10. April. Viele, die weither gereist waren, hatten sich schon am Vorabend eingefunden und in den dortigen Gasthäusern übernachtet. Dieselben wohnten der vom Hochw. Herrn Director Morgens 5 Uhr celebrirten hl. Pilgermesse bei in der schönen Pfarrkirche, um eine glückliche Pilgerfahrt zu erbitten. Viele, so hörte man, hatten sich abhalten lassen durch die Besorgniß, es möchten sich ähnliche unliebe Vorkommnisse, wie 1890 im Bahnhof in Beziers, wieder ereignen; unsere Pilger waren voll Gottvertrauen und Muth; wohl auch im Hinblick auf den Umstand, daß den Pilgerzügen nach Lourdes, die seit 30 Jahren üblich sind, nie ein Unfall auf den Eisenbahnen begegnete; wunderbar war es, daß bei dem einzigen Zusammenstoß des Pilgerzuges von Niont (700 Fahrgäste) mit einem Expreßzuge bei Agos am 3. Juli 1876 Niemand getödtet oder schwer verwundet wurde! Die Mutter Gottes beschützt ihre frommen Kinder und Pilger. (Fortsetzung folgt.) — 1 > > > -»- Jmmenstadt. (Hiezu das Bild Seite 393.) Nach der Sage hatten da, wo jetzt auf lieblichem Plane das schwäbische Städtchen Jmmenstadt zu den Bergen aufschaut, ein paar Jmmenbauern im Schatten gewaltiger Lindenbäume ihre Wohnungen aufgeschlagen. Die Bewohner derselben trugen, weil ihr Ertrag größtentheils nur in der Bienenzucht bestand, den noch immer in dieser Gegend vielfach vorhandenen Stammnamen Jmmler, und es ist glaublich, daß von ihnen der Ort im Verlaufe der Zeit den Namen „Jmmendorf" erhalten. Urkundlich erscheint „Jmmendorf" zum ersten Male im Jahre 1269. Der eigentliche Grundherr von Jmmendorf war der Besitzer der Burg Laubenbergerstein. Wahrscheinlich wurde Jmmendorf im Jahre 1360 durch die Thätigkeit Heinrich von Montforts, Herrn zu Rothenfels, zur Stadt erhoben. Kaiser Karl IV. erlaubte dem Grafen Heinrich, die neue Stadt zu befestigen, und verlieh derselben das Recht von Lindau. Damals bestand das Städtchen außer einigen steinernen Gebäuden fast nur aus von Holz und Lehm gebauten Häusern. Der Ort war aber nicht nur durch Mauern und Gräben vor feindlichen Ueberfällen geschützt, sondern auch noch durch Schanzen oder sog. Vorwerke sehr gut gesichert. Im Jahre 1407 zogen Appenzeller, mit denen man in Fehde lag, vor Jmmenstadt, konnten es aber nicht einnehmen. Als zudem der oberschwäbische Adel sich sammelte und den Appen- zellern den Rückzug zu verlegen drohte, gaben sie die Belagerung von Jmmenstadt gänzlich auf und eilten dem Bodensee zu. Die Verfassung von Jmmenstadt während des Mittelalters war einfach. An der Spitze der Stadt stand ein Stadtammann. Neben demselben bestand ein Rath von 12 Mitgliedern, der, wie jener, von der Bürger- schaft alljährlich gewählt wurde. Zunftverfassung hatte Jmmenstadt nicht, ebensowenig ein eigenes Stadtgericht. 1422 erhielten die Grafen von Montfort-Rothenfels vom Kaiser das Privilegium, in Jmmenstadt ein Landgericht zu errichten. Späterhin wurden die Jmmenstädter steuerbare Unterthanen von Rothenfels. Mit Ende des 15. und zu Anfang des 16. Jahrhunderts stand bei den Bürgern zu Jmmenstadt Viehzucht und besonders Leinwandweberei in schönem Flor. Im Bauernkriege waren die Jmmenstädter bauernfreundlich gesinnt. Als die Bauern des Algäu's sich erhoben, stellte sich auch aus Jmmenstadt's Mauern ein Bürger als Führer an die Spitze eines ihrer Haufen, es war Konr. Laubegg. Graf Ulrich v. Montfort verkaufte die Grafschaft Rothenfels mit Jmmenstadt an den Freiherrn Johann Jakob v. Königsegg. Unter der Regierung des Freiherrn Georg v. Königsegg und seines Sohnes Hugo hatte Jmmenstadt sehr an Umfang zugenommen. 1629 wurde der Dachstuhl der Pfarrkirche aufgerichtet. 1632 im September flüchteten die meisten Bewohner des Städtchens vor den heranziehenden Schweden. Zwei Regimenter zu Pferd und ein Regiment zu Fuß brachten zwei Nächte und einen Tag in Jmmenstadt und Umgebung zu, was die Stadt 13,000 Gulden kostete. Wie unverschämt sich die Schweden in Jmmenstadt und nächster Umgebung benahmen, geht daraus hervor, daß sie 600 Stück Kühe und Ochsen hinwegführten. Dann nahmen sie noch eine großartige Plünderung vor, bei welcher mehrere Personen niedergemacht wurden. Nach dem Schwedenkciege stiftete Graf Hugo das Kapuziner- Kloster zu Jmmenstadt. Er starb im Dezember 1666 und wurde in der Klosterkirche zu Jmmenstadt begraben. Als 395 — zu den Zeiten des 30jährigen Krieges durch Raub und Verheerung der Schweden in den friedlichen Thälern des Gebietes von Jmmenstadt eine gräßliche Hungersnoth und die Pest wüthete, gab ein Priester, Konrad Frei, den Rath, öffentliche Volksbelustigungen anzustellen, um die in Trauer und Schrecken versunkenen Gemüther wieder zur Lebensfreude anzuregen. Der Rath ward angenommen und alsbald in's Werk gesetzt. Man zog mit Musik in versammelten Schaaren auf den Marktplatz, hielt öffentliche Umzüge, Tänze, Vermummungeu und fand allgemein Vergnügen und — die ersehnte'Hilfe. Darum hielt man noch viele Jahre zum bleibenden Andenken an jene höchst trüben Zeiten auf dem Marktplatz zu Jmmenstadt und in den vornehmsten Straßen öffentliche Umzüge und Volksbelustigungen, die nach ihrem Ursprünge „Pesttanz" genannt wurden. Man gab sich aber nicht nur der Lustbarkeit hin, sondern man betete auch viel, und seit der Pestzeit wird selbst heutzutage noch an jedem Abend in der Stadtpfarrkirche ein Rosenkranz gebetet. Unter der Regierung von Hugo's Nachfolger, des Grafen Leopold, erhob sich Jmmenstadt wieder zu schönster Blüthe. Am 4. Juli 1679 wüthete in Jmmenstadt eine große Feuersbrunst, der 50 Häuser und 2 Menschenleben zum Opfer fielen. Am 26. August 1704 waren vornehme Gäste beim Grafen zu Besuch, und in der Stadtpfarrkirche wurde ein großes Fest gefeiert. Den Gästen zu Ehren ward mit Böllern nahe bei der Pfarrkirche geschossen. Brennendes Papier flog auf das mit Scharrschindeln gedeckte Kirchendach, und dasselbe fing Feuer, die ganze Kirche brannte ab. 1707 fand die Einweihung der neugebauten Pfarrkirche statt. Am 24. August 1796 wurde Jmmenstadt von den Franzosen mit Sturm genommen. 1800 wüthete dortselbst die Rinderpest und verlor die Stadt nicht weniger als 400 Stück Rinder. 1806 fiel Jmmenstadt an Bayern. Am 10. März des genannten Jahres wurden die allerhöchsten Kundmachungen verlesen und die bayerischen Wappen angeschlagen. In dem ehemaligen Schlosse befinden sich heute das k. Amtsgericht und k. Rentamt. Unter den sonstigen Baulichkeiten find hervorzuheben: die Stadtpfarrkirche, im Rokokostile erbaut, die Kapuzinerkirche, das Friedrichsbad u. a Jmmenstadt zählt ca. 2900 Einwohner, die Gesammtpfarrei (mit etwa 10 Filialen) 3650 Seelen und ist seiner reizenden Lage wegen als Sommeraufenthalt beliebt und viel besucht. Unser Bild ist nach einer Photographie des Herrn Photographen R. Ebert in Kempten. -I-v-I- GotdkSrner. Das Gedächtniß mag immer schwinden, wenn nur das Urtheil im Augenblick nicht fehlt. Goethe. -itWI- Figaro docirt. (Zu unserem Bild Seite 391.) Mit viel Humor und Komik hat A. Bihari unter dem Titel „Figaro docirt* eine Scene dargestellt, welche in der Stube eines Dorfbaders sich abspielt. Wir sehen da, wie der Meister und seine bessere Hälfte eben beschäftigt sind, ihres Handwerks zu walten. Ein Bäuerlein betrachtet vor dem Spiegel sein glatt rastrtes Antlitz, mit dem Tuche sich abtrocknend, während eine Anzahl „Kunden* herumstehen und geduldig harren, bis die Reihe an sie kommt. Der Barbier ist ein gelehrtes Haus und in gar manchen Wissenschaften beschlagen. Was er vor den Männern da docirt, ist jedenfalls ein interessantes und unterhaltendes .Thema; das sagen uns die schmunzelnden Gesichter seiner Zuhörer. --- Früher Clown! Eine Kellnergeschichte in 9 Bildern. „Gehorsamer Diener!* „Sie gestatten!" V „Bitte — ein Glas Sherry!" Menü! der Braten! Mittel, leicht oder kräftig? Eine Cigarre! Leicht? — Bitte hier! „Ah — vorzügliches Aroma!" Habe die Ehre, mich zu empfehlen! ! M 52. Ireitag, den 29. Juni 18942 Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Lanne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Im vierten Stockwerk stieß der Baron auf eine Frau, welche dem Redekampfe unter ihr zu lauschen schien. Auf seine Frage, ob Herr Nettberg hier wohne, führte sie ihn nach einer der nächsten in den Corridor Mündenden Thüren. Auf ihr Anklopfen erfolgte keine Antwort. Die Thür war jedoch unverschlossen, und Wolfgang ward von der Frau in das Zimmer geführt. Es befand sich niemand darin. „Herr Rettberg wird ausgegangen sein," sagte die Frau — wahrscheinlich die Wirthin — „aber das Fräulein" — sie schritt nach der Thür und klopfte. „Fräulein Nettberg," rief sie hinein, „bitte, es ist jemand da." Mit einem höflichen Nicken gegen den vornehmen Besuch entfernte sie sich wieder und ließ diesen allein. Das Zimmer war dürftig möbltrt, aber überall herrschte die peinlichste Sauberkeit, und es fehlte nicht an allerlei kleinen Zierathen, wie eine geschickte weibliche Hand sie hervorbringt, um selbst den einfachsten Wohnraum auszuschmücken. Auf einem Tische beim Fenster stand ein Malkasten, daneben lagen einige halb vollendete, sehr gut gezeichnete Landschaften. Jetzt öffnete sich die andere Thür, und aus dem Nebenzimmer trat eine junge Dame herein, deren Aeuße- res vollständig der enthusiastischen Schilderung Nathan- sohn's entsprach. DaS blonde Haar, welches sich in dichten Locken um ihren Nacken schmiegte, leuchtete im Strahle der durch's Fenster scheinenden Sonne wie pures Gold. Aus dem fein modellirten Antlitz leuchteten unter dunklen Brauen zwei sanfte, himmelblaue Augen hervor, deren schwarze seidene Wimpern dem Blicke etwas Schmelzendes gaben. Ueber das edle, bleiche Antlitz ging ein leiser Zug des Kummers. In ihrem schlanken Wüchse nahm sie sich in dem dürftigen Zimmer wie eine hehre Erscheinung aus. Sie verneigte sich fremd vor Wolfgang und fragte mit einem Blicke, der durchaus kein Vergnügen ausdrückte : „Sie wünschen meinen Bruder zu sprechend Ich glaube, daß er bald kommen wird. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmend" Mit diesen Worten deutete sie kalt auf einen Stuhl. „Vielleicht ist es besser, ich komme später wieder," sagte der Baron; „ich fürchte Sie zu stören." Das junge Mädchen blickte mit halb unentschlossener, halb verlegener Miene auf. „In der That, mein Herr," erwiderte sie nach einer kurzen Pause, „ich weiß nicht, ... ich möchte Ihnen gern sagen . . . Zwar wird mein Bruder böse werden, wenn ich Ihnen sage, was ich denke, aber dennoch —" Wolfgang war über diese unklare Rede nicht wenig überrascht. „Bitte, mein Fräulein, sprechen Sie nur frei heraus," ermuthigte er mit einem fortwährend sich steigernden Interesse an dem anmnthigen und doch so rüthselhaften Wesen. „Gut denn, mein Herr," begann sie ernst, „ich wollte Ihnen sagen, daß ich es vorziehen würde, wenn Sie nicht erst auf meinen Bruder warteten." „Es scheint mir denn doch, Fräulein Nettberg," bemerkte der Baron lächelnd, „daß Sie hinsichtlich meiner Person in einem Irrthum befangen sind." „Sind Sie nicht Herr von Quinna?" fragte die Dame. „O nein! mein Name ist von Sturen." „Herr Baron von Sturen!" nickte sie lebhaft, und der befangene Ernst ihres Wesens verwandelte sich in freudige Ueberraschung. „O, dann sind Sie der Herr, welcher Herrn Nathansohn die Ohrringe abkaufte." Sie erröthete, während sie dies sagte. „Es ist so," nickte der Baron. „Durch Herrn Nathansohn erfuhr ich auch Ihre und Ihres Bruders Lage, welche es erklärlich macht, daß Sie sich jenes Familienandenkens entäußerten." „Ach, Herr Nathansohn hätte dieß nicht sagen sollen," entgegnete sie, das schöne Auge zu Boden senkend. „Er antwortete nur auf meine Fragen. Ich kam hierher ohne die Absicht, mich in Ihr Vertrauen drängen zu wollen, sondern nur, um mit Ihrem Bruder zu sprechen und zu sehen, ob ich etwas für ihn thun kann. Aber jetzt, da ich hier bin, würde es mich doch interes- siren, zu erfahren, wer jener Herr von Quinna ist, für welchen Sie mich anfangs hielten. Ich hoffe, ich gehe durch diese neugierige Frage nicht zu weit?" „Durchaus nicht, Herr Baron," antwortete sie, abermals errathend, „wenn Sie wüßten, was Sie alles gethan haben, indem Sie die Ohrringe kauften, würden Sie — 398 fühlen, daß Sie ein Recht zu Ihrer Frage besitzen. Ich kenne Herrn von Quinna nicht, aber ich weiß, daß er und seine Kameraden die Mitschuld an Edmund's leichtfertigem Leben tragen. Von solchen schlimmen Einflüssen umgeben, ist Edmund, leider muß ich es sagen! — tiefer und tiefer gesunken. Ich bin durch ihn fast bettelarm geworden, und mit jenen Brillantohrringen habe ich ihm mein Letztes geopfert." „Ich habe die Ohrringe bei mir," sagte der Baron, der theilnahmsvoll zugehört hatte. „Sie können sich denken, Fräulein Nettberg, daß es beim Einkauf derselben nicht mein Zweck war, sie zu besitzen, sondern nur einigen Beistand zu leisten. Ich kann Ihnen nachfühlen, daß Sie sich nur mit Schmerz von diesem Schmucke trennten, und bitte Sie daher, ihn wieder zurückzunehmen." Er zog das eingesiegelte Etui hervor und bot es dem jungen Mädchen dar. Dieses trat entschieden zurück, doch nicht ohne einen Blick des Vergnügens. „Nein, Herr Baron," entgegnete sie, „ich kann den Schmuck nicht zurücknehmen ... am wenigsten von ... von . . ." „Von einem Fremden, wollen Sie sagen," nahm ihr Wolfgang das Wort von den schönen Lippen. „Aber ich bin überzeugt, daß dieser Einwand wegfallen wird, wenn Sie mich näher kennen —" „O, dann würde ich vielleicht anders fühlen," versetzte die Dame: „Ach! man begegnet im Leben so selten einem theilnehmenden Herzen!" „Nun, so zeigen Sie, daß Sie ein solches nicht von sich weisen, Fräulein Nettberg, und nehmen Sie diesen Schmuck wieder zurück. Ich kann nichts damit anfangen und vermisse das Geld nicht, welches ich dafür ausgegeben habe. Was mich hierher führte, war der Wunsch, Ihrem Bruder nützlich zu werden. Mag aber nun dieser mein erster Besuch seinen Zweck verfehlen oder nicht, — auf alle Fülle bitte ich Sie, mich wenigstens als Ihren Freund zu betrachten, Fräulein Rettberg." „Als solcher haben Sie in der That gehandelt, Herr Baron!" antwortete sie, während Thränen in den blauen Augen glänzten. „Nun gut," nickte Wolsgang, „und so geben Sie mir den Beweis, daß Sie mich als Freund ansehen, indem Sie diese Ohrrings zurücknehmen. Ich weiß nichts damit anzufangen." Noch ehe er ausgesprochen hatte, näherten sich draußen anf dem Corridore Männerschritte. „Mein Bruder Edmund," sagte das junge Mädchen austauschend, und Wolfgang benutzte den Augenblick, ihr das versiegelte Etui in die Hand zu drücken. Im nächsten Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein sehr stutzerhaft gekleideter Herr, etwa in der Mitte der Dreißig, dem ein hinter ihm Folgender den Voran- trttt ließ, trat ein. „Sie wohnen verflucht hoch, Nettberg," wandte er sich mit näselnder Stimme zu seinem Hintermann zurück, „der Teufel hole das Treppensteigen. Buh! buhl" Wie jemand, welcher die Wohnung von Leuten betritt, die einer untergeordneten Gesellschaftsschichte angehören, blieb er, den Hut auf dem Kopfe, ein paar Augenblicke in der offenen Thüre flehen und pustete, ohne sich um die im Zimmer anwesenden Personen zu kümmern. Endlich trat er näher. „Gewiß — Üh — habe ich das Vergnügen mit Fräulein Nettberg — äh — der Schwester meines Freundes?" wandte er sich an das junge Mädchen, seinen Hut abnehmend und eine nachlässige Verbeugung machend. Er beachtete den Baron nicht, zumal sein Auge noch von dem grell zum Fenster hereinbringenden Sonnenstrahls geblendet war, nachdem er von dem dunkeln Corridore hereingetreten. „Mein Name ist von Quinna," fuhr er in seinem näselnden Tone gegen Fräulein Rettberg gewendet fort. Zugleich setzte er seinen Kneifer auf und ein lautes „Ah!" angenehmer Ueberraschung entschlüpfte ihm, da ihm jetzt erst die Augen über die schöne Erscheinung des jungen Mädchens aufgingen. Diese näherte sich dem Baron, als suche sie bei ihm Schutz vor den zudringlich bewundernden Blicken des gespreizten Gecken. Jetzt erst würdigte dieser den Baron größerer Aufmerksamkeit. Er maß den jungen, schönen, mit vornehmer Eleganz gekleideten Mann von Kopf bis zu den Füßen, und je länger er ihn betrachtete, desto finsterer zog sich seine Stirne zusammen. „He! Nettberg! Was soll das heißen?" rief er seinem Freunde zu, indem er auf den Baron deutete. Edmund war langsam eingetreten. Hatte Herr von Quinna vorhin nur eine Erschöpfung affektirt, um zu zeigen, wie wenig er an Besuche in so hoch gelegenen Wohnrüumen gewöhnt sei, so schien Nettberg von dem ihm längst gewohnten Ersteigen der vier Stockwerke wirklich angegriffen zu sein. Sein Gesicht war bleich, seine Brust keuchte, er legte die Hand darauf, als fühle er Schmerz. Er hatte sich inzwischen erholt. Als er jetzt durch Quinna's entrüstete Frage aufmerksam gemacht, den fremden Besucher näher betrachtete, wankte er plötzlich einen Schritt zurück. „Verdammt!" murmelte er hinter den fest aufeinander gebissenen Zähnen. Nicht minder groß, wenn auch ganz anderer Art war Wolfgangs Ueberraschung, denn er erkannte in dem Bruder des jungen schönen Mädchens den vorgeblichen Assessor von Malten. Doch ließ er sich aus zarter Rücksicht für dessen unglückliche Schwester nicht das Geringste merken. „Herr Nettberg," redete er diesen in verbindlichem Tone an, „ich kam hierher, nur mit Ihnen einige Worte über Ihre Angelegenheiten zu sprechen: da ich jedoch finde, daß Sie anderweit in Anspruch genommen sind, so will ich eine günstigere Gelegenheit wählen." „Und wer — äh — wer sind Sie denn, mein Herr?" mischte sich Herr von Quinna ein, indem er sich vor Wolfgang aufpflanzte. „Ich wüßte nicht," gab dieser verächtlich zur Antwort, „weßhalb ich Ihre Frage beantworten sollte; ich kenne Sie nicht und fühle auch durchaus kein Verlangen nach Ihrer Bekanntschaft." „Mein Name ist von Quinna- Herr," rief der Andere. „Ich habe kein Geschäft mit Herrn von Quinna," entgegnete der Baron, „sondern mit Herrn Nettberg." „Aber ich bin Herrn Rettberg's Freund," sagte Quinna giftig. „Es thut mir aufrichtig leid, dies zu hören," erwiderte der Baron ruhig, „denn nach Allem, was ich sehe, scheint diese Freundschaft durchaus nicht Vortheil- haft für ihn zu sein." „Herr!" rief der Andere wüthend, „jetzt bestehe ich — 389 darauf, daß Sie mir Ihre Karte geben. Ich muß Satis- faction haben, Herr — äh —; ich muß Satisfaction haben!" DaS junge Mädchen wollte sich, schreckensbleich im Gesicht, zwischen die beiden Streitenden stellen. „Seien Sie unbesorgt, mein liebes Fräulein!" sprach ihr Wolfgang lächelnd zu. „Mein Herr," wandte er sich hierauf an Quinna, ich gebe nie meine Karte an Leute, welche ich nicht kenne. Wenn Sie der Mann sind, für den ich Sie halte, so soll Ihnen solche Satisfaction werden, wie eine Reitpeitsche sie geben kann. Wenn Sie keine solche Person sind und dies zu meiner Zufriedenheit beweisen, so will ich mich entweder bei Ihnen entschuldigen oder Ihnen auf jede Weise, die Ihnen beliebt, Genugthuung geben. Und jetzt gehen Sie mir aus dem Wege, Herr, sonst könnte ich mich hinreißen lassen, Sie zur Thüre hinauszuwerfen." Mit großer Beweglichkeit machte Herrn von Quinna's etwas kümmerlich gerathene Person dem Baron Platz, dessen Körperformen, bei aller Eleganz, dennoch etwas Nerviges verriethen. „Herr Nettberg," richtete Wolfgang das Wort an diesen, „ich wünsche einige Worte mit Ihnen zu reden, und wenn es Ihnen genehm ist, mich heute Abend zu besuchen, so werde ich mich freuen. Mein Name ist von Sturen," fügte er hinzu und nannte dann auch sein Hotel. Er wußte sehr geschickt den unbefangenen Ton zu treffen, als stelle er sich dem jungen Wüstlinge zum ersten Male vor, und vielleicht glaubte Rettberg auch in der That, der Baron habe in ihm den Assessor von Malten nicht wieder erkannt. Jedenfalls hatte er sein sicheres Wesen wieder gewonnen, und wenn noch ein Nest von Verlegenheit zurückgeblieben war, so verbarg sich derselbe unter einem frechen Lächeln, welches sich durch zwei lange Falten unter dem Ohr ausdrückte und zugleich etwas Hämisches hatte. ^ „Fräulein Nettberg," verabschiedete sich der Baron von der jungen Dame, „ich werde mir ein anderes Mal die Freiheit nehmen, Ihnen meine Aufwartung zu machen." Herr von Quinna hatte während der ganzen Zeit mit einem dummen verlegenen Lächeln dagestanden. „Und nun, Nettberg," sagte er nach der Entfernung des Barons, als wäre nicht das mindeste vorgefallen, „nun führen Sie mich bei Ihrer Schwester in optiwu torwa, ein." „Ich muß jede weitere Einführung ablehnen," entgegnen die junge Dame, sich zurückziehend; „ich fühle durchaus keine Neigung, Herr von Quinna, Ihre Bekanntschaft zu machen, und da ich dies meinem Bruder bereits gesagt habe, so hätte er mir diese Verlegenheit ersparen können." Mit einer kalten Verneigung des Hauptes ging sie in das andere Zimmer und schloß die Thür hinter sich ab. Herrn von Quinna's kleine Gestalt schien sich zu recken, während er mit entrüstetem Erstaunen bald auf seinen Freund, bald nach der Thür blickte, durch welche dessen Schwester verschwunden war. „Sagen Sie mal, Nettberg," fragte er in einem herrischen Tone, als wolle er diesen für das Geschehene verantwortlich machen, was soll denn das alles heißen? Und was wollte jener unverschämte Mensch bei Ihrer Schwester?" „Das hoffe ich selbst erst zu erfahren," gab Nettberg verdrießlich zur Antwort. „Ich kenne ihn nicht. Das Beste wird sein, wenn Sie mich jetzt mit meiner Schwester allein lassen, Quinna. Ich will sie schon zur Vernunft bringen. In einer Stunde treffen Sie mich im Cafä Bauer." „Gut," sagte der andere, „und vergessen Sie nicht, Nettberg," setzte er in leisem, drohendem Tone hinzu, „daß Sie vollständig in meiner Hand sind! Haben Sie verstanden?" Mit diesen Worten schritt er ohne Gruß aus dem Zimmer. Als seine Schritte draußen verhallt waren, klopfte Edmund leise an die Zimmerthür seiner Schwester. „Melanie!" rief er, „Melanie, er ist fort. Komm heraus und laß ein vernünftiges Wort mit Dir reden." Melanie trat mit verweinten Augen heraus. „O, Edmund!" sagte sie vorwurfsvoll, „es wundert mich, daß Du Dich nicht schämst, mich in eine solche Lage gebracht zu haben." „Unsinn, Mädchen, Unsinn!" lachte Edmund. „Sage mir jetzt vor allen Dingen, wie kommt dieser Baron von Sturen hierher? Und was will er von mir?" „Er will Dir helfen, Edmund," rief Melanie, in deren Augen durch die Thränen hindurch neubelebte Hoffnung aufstrahlte, „der alte Nathansohn, von dem er die Ohrringe kaufte, hat ihm von Dir erzählt, und der Baron suchte Dich auf, um Dir seinen Beistand anzubieten." „Den alten Nathansohn soll der Teufel holen, daß er mir Leute auf den Hals schickt, nach denen ich kein Verlangen trage!" rief Edmund. „ES giebt nur eine Person, die mir helfen, die mich vom Untergänge retten kann, — und die bist Du!" „Durch meinen eigenen Untergang soll ich Dir helfen," entgegnete Melanie vorwurfsvoll, „an diesen Herrn von Quinna willst Du mich verkaufen. Mache nicht, daß ich mich selbst verachten muß! Geh' und verlaß mich!" — „Ist das Dein letztes Wort?" fragte Edmund, während es in seinen matten gläsernen Augen unheimlich aufleuchtete, „soll ich mit diesem Bescheid zu meinem Freunde Quinna gehen, der mich —" fügte er, der Schwester in's Ohr flüsternd, hinzu — «in's Zuchthaus bringen kann?" Melanie wurde todtenblaß und sank lautlos in einen Stuhl. Sie ahnte schon längst, daß ihr Bruder sich auf schlimmen Abwegen befand, von denen ihre schwache Mädchenhand ihn nicht zurückzuhalten vermochte. Sie hatte ihm nicht auf seinen verborgenen Pfaden folgen können, aber sie wußte, daß er sich, ganze Nächte ausbleibend, Vergnügungen hingab, die er aus ihrer kärglich versehenen Börse nicht bestreiten konnte; sie hatte oft Besucher bei ihm gesehen, deren heimliches Wesen und verschlagene Physiognomien nichts Gutes verkündeten. (Fortsetzung folgt.) » - ^ ^ -- Goldkörner. Langsam gehe Dir, Freund, dicFreundin„Entschließung" zur Seite, Eilt sie voran, holt bald folgende Neue sie ein. Eine einzige Handlung, unbedacht und leichtsinnig vollbracht, als unbedeutend geachtet, kann entscheidend für ein ganzes Leben werden. Jeremiaö Gotthelf. -- 400 Zur Weltausstellung iu Antwerpen. Von Dr. Joseph Schiesl. (Fortsetzung und Schluß.) Was die Frage anbelangt, ob es richtig war, die Ausstellung in Antwerpen und nicht, wie ursprünglich projektirt war, in Brüssel zu veranstalten, so ließe sich darüber verschiedenes sagen. Sicher ist, daß die Entscheidung für Antwerpen hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen ist, daß diese Stadt vermöge ihrer günstigen Lage an der Scheide den Ausstellern besonders der überseeischen Länder den Transport und die Verladung ihrer Waaren erleichterte. Um nun doch Brüssel, das als die Hauptstadt des Landes ein gewisses Recht beanspruchte, nicht ganz leer ausgehen zu lassen, beabsichtigte man ursprünglich eine Doppelausstellung abzuhalten, und zwar in der Weise, daß die Industrie in Antwerpen, Kunst und Wissenschaft in Brüssel zur Ausstellung kämen. Zu diesem Zwecke wollte man die beiden Städte durch eine elektrische Eisenbahn verbinden, welche die 44 Kilo- meter betragende Entfernung in 10 Minuten durchführen sollte; allein das Projekt scheiterte theils an technischen Schwierigkeiten, theils am Mangel genügender Finan- zirung, so daß Antwerpen der endliche Sieg verblieb. Seine Bedeutung verdankt Antwerpen seiner Lage an der breiten Scheide. Schon zur Zeit Karls V. galt es als die lebendigste und herrlichste Stadt der christlichen Welt, selbst Venedig an Pracht übertreffend. In der Folge aber verlor Antwerpen von seiner Bedeutung, da die beständigen Kriege, in welche es verwickelt war, nicht blos seine Geldkraft schwächten, sondern auch seine Einwohnerzahl verminderten. Erst Napoleon, der die strategische Wichtigkeit dieses Platzes erkannte, hob wieder die gesunkme Stadt; er ließ die großen Hafenanlagen erbauen, Dämme und Schiffswerften Herrichten und die Stadt mit einer doppelten Linie von Festungsgräben umgeben. Damit legte er den Grund zu der Bedeutung, welche Antwerpen heutzutage als eine der stärksten Festungen und größten Seehäfen der Welt genießt. Die holländische Regierung erweiterte zuerst diese Anlagm, ließ sie jedoch später wieder schleifen und erbaute dafür einen einzigen breiten Graben, der in einem weiten Bogen die Stadt umspannt und sich in seinen beiden Endpunkten auf die Scheide und an der Nordseite auf die neuerbaute Citadelle stützt. Der Plan der Kriegsverwaltung bestand darin, Antwerpen im Falle eines Angriffes seitens einer auswärtigen Macht zur DefensivbasiS der gesammten Landesvertheidigung zu machen. Deshalb wurden überall mächtige Schleusen angelegt, welche binnen weniger Stunden den größten Theil der Stadt unter Wasser setzen und so fremden Truppen den Eintritt in die Stadt verwehren konnten. Der Verkehr der Schiffe in Antwerpen ist ein sehr bedeutender. Durchschnittlich liegen täglich 2—300 Schiffe aller Art in den großen Bassins oder an den Docks. Statistischen Erhebungen zufolge verkehrten in Antwerpen im Jahre 1890 gegen 4000 Schiffe, darunter 3000 Dampf- und 1000 Segelschiffe. Die Einfuhr schwankt zwischen 40 und 50 Millionen Francs. Längs des Scheldeflusses ziehen sich die nahezu 4 Kilometer langen Werften hin, an welche sich auf der einen Seite die mächtigen Lagerhäuser anschließen. Die Verladung geschieht zum größten Theile unmittelbar in die Eisenbahn- » wägen, und zwar mittels hydraulischer Krahnen, welche ! ihre Arbeit mit überraschender Geräuschlosigkeit verrichten. ' Besonders zur Zeit der Ankunft der großen transatlan-, tischen Dampfer entfaltet sich hier ein bewegtes Leben' Tausende von Händen sind geschäftig, die Ladung in möglichst kurzer Zeit zu löschen; dazwischen rollen die Eisenbahnwägen, welche die verfrachteten Waaren weiterführen — ein Getöse und ein Gewühl von Menschen, wirr durcheinander und doch nach einem einheitlichen Plane geleitet. In der Regel sind die Schiffe in 15 bis 20 Stunden geleert und gehen dann in die Bassins, um dort von den Strapazen der Reise einige Tage auszuruhen. Wer sich das Treiben aus den Docks ansehen will, dem bietet sich auf der weiten Balustrade, welche sich einige hundert Meter längs des Ufers dahinzieht, der beste Standpunkt. Eine steinerne Treppe führt zu den Promenoirs, von wo aus man eine herrliche Rund- sicht über einen großen Theil der Hafenanlagen, sowie die auf der Scheide liegenden Schiffe genießt. In Mitten dieser Anlagen erhebt sich in gewaltigen Verhältnissen das sogenannte Scheldethor, ein mächtiger, zu Ehren Philipps IV. errichteter Bau, dessen Plan von Rubens entworfen und von Quellin 1624 ausgeführt wurde. Die Inschrift: 0ui la^ns 6t 6-MASS, Rbsnns cul servit st luäus, Lllis kLwlllus §anäst volvsrs Lesläis tziwsgus olim xrvLvo vexit sud vasssrs xuxxos, 8ss vsdit Lllsxicüs, maAllS kliilipps tnis. 8. k. (j. ^lltvsrx. bsne molem äoäio. XVII. erst. Uaji dlUOXXIV. (Ihm, dem der Tcijo und Ganges, dem Rhein und Indus gehorchen, Wälzet der Scheide Gewalt dienend die fröhliche Flulh. Und wie sie einst des Kaisers, des Ahnherrn Flotte getragen, Führet sie jetzt mit Stolz Philipps, des Großen, Panier.) worin der Dichter den „großen Philipp" feiert, wurde allerdings durch die Zeitvcrhältnisse bald überholt; 1640 verlor Philipp Portugal, und 1648 mußte erliste Freiheit der Niederlande anerkennen. Im Innern der Stadt, besonders an den neuangelegten Straßenalleen, Leopold-, Rubens-Straße u. s. w., ist es merklich ruhiger. Erst Abends, wenn die Tausende von Docksarbeitern von der Arbeit heimkehren, beginnt sich auch da das Leben zu regen. Im Allgemeinen macht jedoch Antwerpen bei weitem nicht den reichen und eleganten Eindruck wie Brüssel — man merkt, daß man in einer Stadt ist, in welcher gearbeitet und zwar viel gearbeitet wird, und nicht in einer Stadt, in welcher die Hauptbeschäftigung der Menge das Flanirm auf den Straßen ist. Unter den Kirchen ist die berühmteste die Cathedrale, eine große siebenschiffige Basilika in Kreuzform. Sie ist die schönste und größte gothische Kirche der Niederlande. Während sonst die Kirchen Belgiens meist nur niedere Schiffe haben, beträgt hier die Höhe nahezu 40 Meter. Der Thurm der zu den höchsten der Welt mitzählt, hat eine verschiedenartige Beurtheilung erfahren. Während die Einen an ihm eine architektonische und harmonische Durchbildung vermissen und seine Ausführung mehr kühn denn als schön bezeichnen, haben Andere ihm wegen der Zierlichkeit und Feinheit der Arbeit das höchste Lob gespendet; so Kaiser Karl V., der einmal den Ausspruch gethan, der Thurm verdiene in einem Schmuckkästchen aufbewahrt zu werden. Das Innere der durch die Bilderstürmer des Mittelalters, wie auch durch die Revolution arg beschädigten Kirche ist in einfachen, würdigen und großartigen Verhältnissen angelegt. Ucbcrraschend und von bedeutender perspektivischer Wirkung ist die bei jedem Schritte für das Auge sich vollziehende Verschiebung > 401 -'L- der 7 Schiffe. Neben ihrer baulichen Vollendung verdient aber die Cathedrale vor allem Beachtung wegen der herrlichen Gemälde, welche die Kirche auch zu einem Kunsttempel ersten Ranges machen. Obenan steht die im südlichen Querschiffe befindliche „Kreuzabnahme" von Rubens, welche er im Jahre 1610 bald nach seiner Rückkehr aus Italien gemalt hat. Sie ist die vollendetste aller seiner Schöpfungen. „Ihre Entstehung, meint ein neuerer Kunstsorscher, verdankt sie einem Streite, der sich zwischen der Bogenschützengilde und Rubens bei Gelegenheit seines Hausbaues entsponnen hatte. Es handelte sich um die Kosten einer Mauer, welche das Besitzthum des Malers von dem Garten der Gilde trennte. Der Antheil, welcher aus die letztere fiel, schien mehreren Mitgliedern zu groß. Da legte sich der Bürgermeister Rockox, ein Freund Rubens' und Capitän der Gilde, in das Mittel und erlangte von Rubens, daß dieser zur Ausgleichung der Kosten noch ein Bild für die Gildenkapelle in der Cathedrale zu malen versprach. Das ist die Kreuzabnahme, welcher die Heimsuchung und Darstellung im Tempel als Flügel sich anschließen. Außen ist der Schutzpatron der Gilde, der hl. Christophorus, mit dem auf allen Christophorusbildern wiederkehrenden Eremiten und der Eule angebracht. Dies ist der authentische Vorgang. Die Künstlersage fügt nun hinzu, die Schützen hätten sich einen „Christophorus" bestellt, einen Christusträger. Rubens habe den Auftrag allegorisch genommen und die Abnahme vom Kreuze, auf welcher die Freunde des Herrn den Leichnam tragen, gemalt, auch die heilige Jungfrau nach der Heimsuchung als Christusträgerin und den Hohenpriester Simeon, wie er im Tempel Christus auf den Armen tragt, hinzugefügt. Die Schützen jedoch verstanden diese Allegorie nicht, sondern verlangten ihren Schutzpatron, den hl. Christophorus, den Rubens nachträglich auf einen Flügel gemalt; auf dem zweiten Flügel hätte er dann- die Beschränktheit der Schützen anzudeuten, den Eremiten mit der Laterne und einer Nachteule beigefügt. Eine andere bekannte Anekdote erzählt, daß die Kreuzabnahme, als sie auf der Staffelei war, durch Zufall oder Nachlässigkeit der Schüler in Rubens' Abwesenheit herabfiel und Schaden nahm. van Dyck, als der geschickteste, wurde gewählt, den Schaden auszubessern, was ihm so wohl gelang, daß Rubens nach seiner Rückkehr erklärte, sein Schüler habe ihn übertroffen. Die von van Dyck hergestellten Theile seien die Wangen und das Kinn der Jungfrau und der Arm der Magdalena. Auf dem Flügelbild hat Rubens in der Maria in blauem Gewände das Bildniß seiner ersten Frau, in der Figur Mit dem Korbe das Bildniß seiner Tochter dargestellt." Das Gegenstück zur Kreuzabnahme hat Rubens in seiner Kreuzer-richtung geschaffen. Hier hat er seinem Dränge, dramatisch bewegte Gestalten darzustellen, vollauf freie Bahn gelassen. In der sichtlichen Anstrengung, mit welcher die Kriegsknechte das Kreuz aufzurichten sich bestreben, wollte er symbolisch andeuten, wie schwer die Last der Sünden sei, welche der göttliche Heiland am Kreuzesstamme trage. Trefflich ist Rubens in diesem Bilde die Vertheilung von Licht und Schatten gelungen. Der Leib Christi ist von leuchtend Heller Farbe, während die übrigen Gestalten mehr in's Dunkle gerückt sind, zum Theil sich fast in das Undeutliche verlieren. Originell, aber nicht sehr zum Bilde passend ist der der Frauengruppe beigegebene „Neufundländer". Im Ganzen enthält die Cathedrale fünf Bilder von Rubens' Hand, daneben auch gute Werke von Verbruggen, Matthyssens, Quellin u. s. w. Seine Ruhestätte hat Rubens in der St. Jakobs- Kirche gefunden, in einer zu seinen Ehren gebauten Seiten» kapelle. Sein Grab deckt ein Marmorstein mit der Inschrift: Non sni tamtnm saseuli, ssä st omnis asv» Axsllss äiei nasruit. Noch vor seinem Tode hat er das Altarblatt, welches das Jesuskind auf dem Schooße Marias in einer Laube sitzend darstellt, mit eigener Hand gemalt und, einer Legende zufolge, den Porträts der dargestellten Personen die Gesichtszüge seiner Familienangehörigen gegeben. In architektonischer Hinsicht steht diese Kirche der Cathedrale wenig nach, übertrifft sie jedoch noch an Pracht und Marmorschmuck. An Kunstsammlungen ist Antwerpen reicher denn jede andere Stadt Belgiens; das große städtische Museum, das Müsse moderne, das Müsse Plantin-Moretus, nach dem berühmten Buchdrucker Christian Plantin, der in diesem Hause gewohnt hat, und feinem Nachfolger so benannt, enthalten eine Menge hervorragender Kunstwerke, welche nunmehr zum Theil ihren Platz in der Ausstellung gefunden haben. Was diese selbst betrifft, so steht sie allerdings an Schönheit wie an Chic des Arrangements hinter der im Jahre 1889 in Paris veranstalteten zurück; allein immerhin bildet sie einen schönen Beweis, welch ein erstaunlicher Geist erfindender Arbeit die Belgier belebt, und wie diese auf allen Gebieten mit festem Gang vorwärts schreiten. Die meiste Anziehungskraft übt aus der Ausstellung „Alt-Antwerpen" aus; es ist dies eine bis in das kleinste Detail getreue Wiedergabe eines Antwerpener Stadtviertels aus dem 15. Jahrhundert. Man findet dort Straßen und Gassen, Läden und Schenken, Werkstätten mit Arbeitern in altem geschichtlichen Anzüge, Kapellen, Prunk- und Wohnräume, Vorrathskammern, Thürmchen, Zinnen, Möbel und Geräthschaften aller Art und noch unzählige Gegenstände, welche mit bewunderungswürdiger Genauigkeit nachgebildet sind. Das Ganze ist ein Denkmal für den gründlichsten Fleiß historischer Forschung, dem auch nicht das Kleinste unbedeutend erscheint. Eine andere nicht minder anziehende Spezialität der Ausstellung ist die Nachbildung einer im vorigen Jahre in Deadwood entdeckten unterirdischen Grotte. Zu diesem Behufe hat ein englisches Consortium 8000 Centner dieses krystallartigen Gesteins nach Antwerpen bringen lassen, um damit einen der 1500 Säle jener Grotte nachzubilden und ein das Auge entzückendes Naturschauspiel zu schaffen. Noch vieles andere Schöne finden wir dort, Herbeigetragen von den Enden der Welt, aus den Ländern der verschiedenste» Culturstnfen, die kostbarsten persischen Teppiche neben den einfachsten Jagdgeräthen Afrikas, die größten Maschinen, wahre Wunder der Technik, neben der feinsten Manusactur- spitze; jedes Land hat sein Bestes hiehergetragen, von dem Bewußtsein erfüllt, eine Fricdensmission damit zu erfüllen und allmählig den Weg zur wirthschaftlichcn Annäherung und Aussöhnung der Nationen anzubahnen. Daneben aber bietet jede Ausstellung dem Besucher, dem es in der Regel nur selten möglich ist, über den Nahmen seiner gewöhnlichen Thätigkeit hinaus seinen Blick zu erweitern und die Fortschritte aus dem Boden des gewerblichen wie des künstlerischen Lebens in gleicher Weise zu verfolgen, einen reichen Schatz des Wissenswerthen, die Frucht der edelsten und schönsten Bestrebungen menschlicher Arbeit. 402 Allerdings in der Zeit des Paßgangs und des Trabs, des Poststalls und des Wanderstabs war eine so weite Reise eine „That", die sich jeder zuvor lange überlegte; heutzutage aber nehmen wir schon den süßen Trost mit auf die Reise, bald wieder die heimathlichen Penaten begrüßen zu können. - -- Nclse-Skizze des bayerischen Pilgerznges nach Lourdes 1894. (Fortsetzung.) Nachdem die Pilgerzeichen (eine Lourdesmedaille an weißblauem Bündchen) und die Fahrkarten vertheilt waren, und mit den Morgenzügen auch alle andern angemeldeten Pilger eingetroffen waren, wurde von den 19 Waggons des langen Expreßzuges Besitz genommen; es waren fast ebensoviele Wagen 2. Klasse, als 3. Klasse. Den Herren des Comitös war ein Wagen 1. Klasse von der Generaldirection angewiesen; auf der ganzen Reise war deren Waggon durch ein weißblaues Fähnchen kenntlich gemacht. Um 9 Uhr 15 Minuten Vormittags ging der Zug ab, unter den Segenswünschen vieler anwesenden Bekannten. Folgender Fahrplan unseres Pilgerzuges wurde ausgegeben: Buchloe 9,15, Kaufbeuren 9,50, Günzach 10,34, Kempten 11,11, Jmmenstadt 11,51, Lindau an 11,51, ab 2,20. Romanshorn an 3,40, ab 4. Winterthur ab 5,55, Zürich 7 Uhr Abends, Aarau 8,43, Bern 11,22 Nachts, Genf an am 11. April 3,25 Vm., Bellegarde (französische Grenzstation) 4,30 Vm., Lyon an 9,11, Lyon ab am 12. April 9,38 Vm. Celte am Mittelmeer an am 12. April 6,22 Nm., ab 7,30, in Lourdes an am 13. April 7,45 Vm. In Kaufbeuren, Kempten, Jmmenstadt war Aufenthalt von ein paar Minuten, um angemeldete Pilger aufzunehmen. In Lindau angekommen, hatten wir uns gleich auf den großen bayer. Dampfer begeben, der uns über den Bodensee rasch, binnen 1 Stunde, nach Nomans- horn in die Schweiz beförderte, bei günstiger Witterung. Adieu! liebes Heimathland! hatten Manche gerufen, auf fröhliches Wiedersehen in 10 Tagen! Nomanshorn zählt 3200 Einwohner, ist der größte Hafen am Bodensee, hat großen Kornmarkt. Nach 20 Minuten gieng der Schweizer Expreßzug ab, es wurde jedoch ziemlich oft angehalten, wenigstens an allen größer« Stationen, um entgegenkommenden Zügen auszuweichen. Es war ursprünglich bestimmt, schon Tags vorher, am 9. April, durch die Schweiz zu fahren; aber die Bahnverwaltung hatte erklärt, weder Wagen, noch Führerpersonal an diesem Tage zur Verfügung zu haben, da Alles in Beschlag genommen sei für das Frühlingsfest in Zürich. Naschen Fluges ging es vorbei an vielen Orten und Städten, der Bahnlinie Nomanshorn—Zürich, als z. B. Frauenfeld mit 6100 Einwohnern, Hauptstadt des Kantons Thurgau, an der Murg, mit großen Baumwollenfabriken und Arbeiter- kasernen, einem alten Schloß aus dem 11. Jahrhundert; dann Winterthur mit 16,000 Einwohnern an der Eulach, Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, in dessen Umgegend vortrefflicher Wein wächst. Von Winterthur führt die Bahn über die Töß, rechts fleht man die Ruine Hoch- wülflingen auf einer Höhe von 600 Meter; nach der Station Oerlikon tritt sie in den 935 Meter langen Tunnel unter dem Käferberg, überschreitet die Flüsse Limmat und Sihl und erreicht Zürich mit 91,000 Einwohnern am nördlichen Ende des herrlichen Züricher Sees und an beiden Ufern der Limmat, welche die Stadt in zwei Theile scheidet. Es war Abends 7 Uhr, als wir ankamen. Der Aufenthalt dauerte nur einige Minuten; sie ist Vielen aus uns bekannt durch die Wallfahrt nach Einsiedeln, wohin eine Zweigbahn führt, bis Wädensweil, von der aus man eine prächtige Aussicht auf den See genießt, auf die Insel Ufnau, mit zwei schönen Kirchen, und auf die im Hintergrund der Landschaft sich zeigenden Alpen; von Wädensweil umzieht die Bahn in weiten Bogen die östlichen Abhänge des 1200 Meter hohen Rhonen, passiert von Biberbrücke an das Alpthal und gelangt nach Einsiedeln, das wir aber erst auf der Rückfahrt aus Frankreich besuchten. Betreffs Zürich bemerken wir noch, daß es viele Kirchen besitzt, welche insgesammt den Neformirten gehören. Das katholische Gotteshaus ist in Außer-Sihl, auf dem linken Ufer der Sihl. Daß Zürich auch eine Universität besitzt, an welcher viele Studenten und Studentinnen studieren sollen (Letztere auf Philosophie oder Medicin inscribirt, meist aus Rußland, nebenbei dem Nihilismus ergeben), ist bekannt; auch eine große Freimaurerloge befindet sich hier. Die Vereinsmeierei ist in Zürich in großer Blüthe, Sänger- Turn- Stahlradfahrer- und andere Vereine; die Liedertafel „Harmonie" hat ein großes, schönes Palais als Eigenthum. Eine halbe Stunde von der Stadt erhebt sich der Uetli-Berg, 873 Meter hoch; eine Zahnradbahn führt auf denselben. Wir verlassen die im Glänze der Abendsonne leuchtende prächtige Stadt um 7 Uhr 15 Minuten. Wir haben bisher von Lindau aus 56 Kilometer befahren mit 20 Bahnstationen. Die Linie Zürich—Bern- Genf zählt 241 Kilometer mit 35 Bahnstationen. Die Bahn überschreitet nach dem Austritt aus der Station Zürich die Sihl und, fährt der Limmat entlang nach Baden (3800 Einwohner) mit berühmten Heilquellen, überschreitet die Neuß und berührt Brugg (1572 Einwohner), eine alterthümliche Stadt, zieht sich längs der Aar hin und vorbei an der Station Aarau (6800 Einwohner), am Fuße des Jura gelegen, nach Ölten (4900 Einwohner), einem der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte der Schweiz. Von Ölten führt die Bahn neben dem rechten Aar- Ufer, links das Salischloß, durch einen Tunnel vor Aar- berg, tritt nach Niedwyl in grüne Thäler, hinter Wyningen wieder in einen längeren Tunnel, dann bei Burgdorf (6800 Einwohner) über die große Emme, passiert die Aarbrücke (182 Meter lang und 44 Meter hoch) und dann den Bahnhof von Bern (45,000 Einwohner), Bundeshauptstadt in ziemlich ebener Lage. Von den Fremden wird der Zeitglockenthurm mit künstlichem Uhrwerk aufgesucht; bei jedem Stundenschlag erscheint der krähende Hahn und eine Bärenschaarl Bekannt ist der dortige Bärenzwinger mit einem Bärenpaar. Unter dem Kornhaus ist ein Weinkeller, dessen größtes Faß 42,000 Flaschen enthält. Hier ist auch eine Universität, der noch eine altkatholische Facultät angegliedert ist, von etlichen Studenten frequentiert, deren geringe Zahl dem dort residierenden altkatholischen Bischof Herzog, ehemaligem Professor, nicht behagen will. Der Bahnhof in Bern ist großartig; in der dortigen Restauration konnte man sich erquicken; ein paar Tische waren mit schweizerischen Cavallerie-Offizieren besetzt. Es war 11 Uhr 22 Min. Nachts, als unser Zug den Bahnhof verließ. Das Mondlicht beleuchtete die Berner Alpen, die bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof sichtbar wurden, sie werden aber bald durch den Gurten verdeckt. Dann fährt die Bahn durch ein Wiesenthal, verläßt nach Förishaus das Berner Gebiet und betritt den Freiburger Kanton, fährt durch den Flammat- und Mühlthal-Tunnel, passiert schließlich eine über die Saane erbaute 370 Meter lange und 80 Meter hohe Eisenbahnbrücke und gelangt nach Freiburg (12,000 Einwohner). Sehenswerth ist die Nikolauskirche mit einer der größten Orgeln Europas; die Orgel hat 7800 Pfeifen und 65 Register. Für uns Augsburger Diözesanen hat besondere Bedeutung die Michaelskirche mit dem Grabmal des sel. Jesuitcnpaters Petrus Canistus, dem unsere Diözese so viel verdankt wegen Erhaltung des katholischen Glaubens; er war ja mehrere Jahre auch Domprediger in Augsburg. Der Nacht halber konnte an einen Aufenthalt nicht gedacht werden. Die Pilger von 1890 haben in feierlicher Procession dessen Grabmal besucht, wobei sie von einem Jesuitenpater Namens des Bischofs begrüßt wurden, in salbungsvoller Predigt. Die dortige katholische Universität blüht mehr von Jahr zu Jahr und weist eine ziemlich große Frequenz-Ziffer auf. Der berühmteste Professor an der theologischen Fakultät ist der Dominikaner Peter Weiß, ein hauptsächlicher Anziehungspunkt für die Studenten. In der Nähe der Michaelskirche ist die größte und längste Drahtbrücke Europas, 247 Meter lang. Von Freiburg geht die Bahn über einen hohen Damm längs der Glane hin, dann über eine prächtige Steindrucke, sodann folgt eine einförmige Hochebene. Nach der Station Chcxbres führt die Bahn durch den 460 Meter langen Tunnel von Cornallaz; nach dem Austritt aus demselben wird man durch den wunderbaren Anblick des Genfer Sees überrascht. Die Landschaft wird immer herrlicher, der Weg führt durch Weingegenden, nach 2 kleineren Tunnels über die 43 Meter lange Paudoze-Brücks nach Lausanne (33,000 Einwohner), auf 3 Hügeln erbaut, mit einer herrlichen Kathedrale. Mit Lausanne haben wir das Ufer des Genfer Sees berührt. Derselbe hat einen Flächeninhalt von 11^ geogr. Meilen, ist 14/g Quadrat-Meile größer, als der Bodensee, 78 Kilometer lang. Die Bahn führt vorbei an den Städten Morges (4088 Einwohner) mit Hafen und altem Schloß, Nhon (4200 Einwohner) mit Schloß aus dem 16. Jahrhundert, nach Genf (70,000 Einwohner), der bevölkertsten und reichsten Stadt der Schweiz. Genf wird durch die Rhone in zwei Theile getheilt und durch 8 Brücken verbunden, deren größte die Pont-du- Montblanc. Genf, die Stadt Calvins, deren Einwohner früher fanatischen Haß gegen die Katholiken hatten, ist sehr reich an Sehenswürdigkeiten; wir konnten davon nicht profitieren! Hier spricht man auch das reinste Französisch, weshalb Genf stets gerne von Sprachbeflissenen aufgesucht wird. Es war am 11. April 3 Uhr 25 Min. Morgens, als wir ankamen, 4 Uhr 30 Min., als wir abreisten auf der Bahnlinie Genf—Lyon, 170 Kilometer lang, mit 15 Bahnstationen. Die Bahn tritt jetzt in französisches Gebiet, geht nach der 5. Station Collonges durch 2 kleinere Tunnels, dann durch den 3900 Meter langen Tunnel Credo, überschreitet den herrlichen Viaduct über die Valseriue (11 Bogen, der größte 52 Meter hoch) und gelangt nach Bellegarde, der Zollstation für Schweiz und Frankreich. Alles aussteigenl Zollrevision! Mit Eilfertigkeit und Hast drängte sich das Gros der 500 Pilger durch die Zollhallen; es brauchte nur wenig Zoll bezahlt zu werden, die Meisten hatten nichts zu entrichten; die ganze Revision wurde schnell bethätigt, mit großer Milde. Alsbald waren wieder sämmtliche Pilger in den hübschen, großen und bequemen Waggons der Lyoner Bahn untergebracht. Man passiert bald nach Austritt aus dem Bahnhof 4 Tunnels, von denen der längste der Paradies-Tunnel ist, 1025 Meter, und erreicht die Station Pyrimont, bei der bedeutende Asphaltminen sich befinden. Der Zug ging an den Ufern der Rhone zwischen Felsen und Schluchten mit viel größerer Schnelligkeit, als in der Schweiz. Die meisten Pilger befanden sich zum ersten Male auf dem Boden Frankreichs, welchen heutzutage der Deutsche mit einem eigenthümlichen Gefühle betritt; wie wird man uns begegnen? hieß es; erst am andern Ende des großen Reiches, an der Grenze von Spanien, werden wir nach langer Fahrt das hehre Ziel der großen Reise erreichen. Nach der Station Culoz ist die Bahnrichtung eine nordwestliche bis Amberieu (3618 Einwohner), von da eine südwestliche bis Lyon mit 5 Hauptbahnhöfen und 7 andern. Zuerst passiert die Bahn den Bahnhof St.» Claire, dann den Viaduct über die Rhone, den 2. Bahnhof Brotteaux, überschreitet noch einmal die Rhone und läuft in den Centralbahnhof von Perrache ein. Wir sind in Lyon angelangt, in einer herrlichen und sehr fruchtbaren Gegend gelegen, der größten Stadt Frankreichs nach Paris, am Zusammenflüsse der Rhone und Saöne; es ist 9^ Uhr nach Pariser Zeit, mitteleuropäische Zeit 10 Uhr. Das Comits hatte eine deutsche Landsmännin ersucht, für die Pilger in geeigneten Hotels Quartiere zu bestellen, Fräulein Amölie Lorch, Lehrerin der deutschen Sprache, Nue Vauban 39, welche uns erwartete und begrüßte; nach Austheilung der Quartier- karten fuhren wir in Paktiern in die betreffenden Hotels. Viele von uns in das nahe Hotel Toulouse, früher Hotel Straßburg, wo wir gutes Quartier und sehr gute Beköstigung erhielten bei müßigen Preisen. Lyon ist nach Umfang, Bevölkerung, industrieller und politischer Bedeutung die zweite Stadt Frankreichs, deren Einwohner durch edlen Bürgerfinn und Bürgerfleiß sich hervorthun, zählt 350,000 Einwohner; es besitzt manche Elemente von Paris und gibt ein Abbild vom Leben der Weltstadt an der Seine, die wir schon gelegentlich einer Weltausstellung im Jahre 1867 kennen gelernt haben. Die Rues de la Nepublique, del'Hotel de Ville, de Perrache, mit blühenden Anlagen und Baumpflanzungen, diese Straßen mit ihren luxuriös decorirten Schaufenstern und dem stolzen Hochbau ihrer mächtigen Häuserfronten, sowie einige Stadttheile jenseits der Rhone, concurrieren mit namhaften Pariser Straßen. Die prächtige Place Perrache und der reizende Square auf dem Nepublikplatz, das Kaffeehaus-Leben auf der Straße, das Geschrei der Kleiderhündler und anderer Verkäufer und Zeitungsträger und viele dem Deutschen fremde Dinge erinnern an Frankreichs Hauptstadt; besonders auch die herrlichen geräumigen Passagen. Der Lyoner ist ein Franzose anderer Art als der Pariser, ohne dessen Feinheiten, den Esprit; sein Handel, seine Industrie, seine Zahlen absor- biren ihn. Außer den vielen und guten Gasthöfen sieht man Zahlreiche Cafäs und Restaurants, auch Cafos-Choco- 404 latterS, wo Schockoladenfrühstücke zu haben sind; auch Bier wird geschänkt in einem eleganten Lokale in maurischem Stil, ebenso in einer nahen Brauerei unter dem Bahnhof. Die Tramways fahren auf 10 langen Haupt- linien zu beiden Seiten der Nhüne und Saone, über erstere führen 9 Brücken, über letztere 13 Brücken; auf den Strömen fahren mehrere Dampfer; auf der Saone außerdem kleine Dampfer, Mouches genannt, die fleißig benützt wurden auch unserseits. Sofort fällt der FestungS- Charakter von Lyon in die Augen, da es in einem Umkreis von 6 Stunden von 18 detachierten Forts umgeben ist. Die Stadt, am Kreuzungspunkte mehrerer Weltstraßeu, verdankt dieser Lage ihre hervorragende Bedeutung als Haupthandelsplatz und Vermittlungspunkt zwischen dem Norden und Süden Europas; sie besteht aus der alten Stadt, auf dem rechten Ufer der Saone, dann der eigentlichen Stadt, auf der Landzunge zwischen beiden Strömen, und 6 Vorstädten! Auf einem Spazicrgange gelangten wir von unserm Platz Perrache in die Bourbon-Straße, hier sind prächtige Magazine; sodann in das aristokratische Viertel Lyons, St.-Marttn, mit einer sehr alten Kloster- Kirche aus dem 10. Jahrhundert, 5schiffige romanische Basilika mit 2 Thürmen; dann auf den Platz Bellecour, den Mittelpunkt des modernen Lyon, den schönsten Platz der Stadt, mit Edelkastanien, Gartenanlagen, Palmen, Springbrunnen geschmückt, begreiflich die Lieblingspromenade der Lyoner; in der Mitte das Reiterstandbild Ludwigs XIV. Auf diesem Platze ist das Museum der Glaubensverbreitung, in der Woche von 8—5 Uhr geöffnet, mit einer ethnographischen Sammlung der von den Missionären zugesendeten Geschenke, höchst interessant; unweit das Hospiz Charito, von General Kleber, „dem guten Deutschen", für Arme gestiftet, mit 1217 Betten; 4000 arme Waisen und ausgesetzte Kinder werden auf Kosten dieser Anstalt gepflegt und erzogen, und 400 alte Arme hier bis an ihren Tod verpflegt. Die stolzeste aller Lyoner Straßen ist die „Republikstraße", welche mit den schönsten Pariser Straßen concurriren darf; hier ist auch die Börse, gegenüber das Hotel de Ville, ein pompöser Ausdruck der Lebensfülle der reichen Stadt, mit prachtvollem Bildhauerschmuck in reiner edler Renaissance. Einer der bedeutendsten Plätze ist de Terreaux, mit einem schönen broncenen Springbrunnen, an der Südseite das Palais St.-Pierre, ein ehemaliges Kloster, jetzt in ein Kunst- Museum umgewandelt für Sculpturen, Gemälde, archäologische und naturgeschichtliche Sammlungen, und einer Bibliothek! Hievon konnten wir nicht Einsicht nehmen, bei so kurzgemessener Zeit; wir suchten die Kathedrale St. Johann auf, einen mächtigen gothischen Bau aus dem 13. Jahrhundert, mit reicher Fayade, 3 Portalen mit säulenreichen Scitenwänden; das Innere schmücken reiche Glasmalereien aus dem 14. Jahrhundert und moderne. Von da trachteten wir zur berühmten Wallfahrtskirche Notre Dame de Fourviöres, hochgelegen auf dem Hügel am rechten Ufer der Saone, wohin eine Drahtseilbahn führt. Wir wählten einen aussichtsreichen breiten Fußweg. Diese alte Wallfahrtskirche, von den Bewohnern Lyons und aus weiter Ferne fleißig besucht, liegt auf einer die Stadt überragenden Anhöhe 470 Meter hoch, die sich in bedeutender Länge hinzieht, und von der aus man die schönste Aussicht genießt auf die Riesenstadt und deren herrliche Umgebung. Wir versammelten uns um 4 Uhr Nachm. in diesem alten Gotteshaus, in welchem ein berühmtes Marienbild verehrt wird, durch dessen Verehrung schon so viele Gebetscrhörungen geschahen. Zuerst beteten wir den hl. Rosenkranz, und nach Aussetzung des Ällerheiligsten wurde eine weitere Andacht daran gereiht mit mehreren Wallfahrts-Gesängen, welche, mit Begeisterung gesungen, auch auf die anwesenden Franzosen großen Eindruck machten. Das Lyoner Journal „Dimanche" sagt hierüber: „Es sind am 11. April 500 bayerische Pilger in Lyon angekommen, um zu den Füßen der Gottesmutter ihre frommen Gebete in ihrer Sprache niederzulegen. Wir bewunderten die liebliche Harmonie, welche den deutschen Gesängen charakteristisch ist. Es war in der That schön, diese Pilger beten zu sehen mit größter Andacht, womit sie ihre Liebe zu Maria kundgaben." Neben dieser älteren Kirche befindet sich eine neue, dreimal größere, zu U. L. Fr., die sich durch Pracht auszeichnet; sie hat bis jetzt 17 Millionen Franken gekostet, lauter freiwillige Gaben, und werden noch 2 bis 3 Millionen erforderlich sein, um in dem byzantinischen Prachtbau das noch Fehlende an der Einrichtung zu ergänzen. Dieses großartige Kunstwerk ist eine Votivkirche, bestehend aus einer Krypta und einer Oberkirche mit vier Thürmen und reichem Hanptportal, errichtet aus Dankbarkeit von der Stadt Lyon für den besonderen Schutz der hl. Gottesmutter zur Zeit des großen Krieges 1870/71. Der Name Fourviores stammt vom römischen Forum, auf dessen Platz sie errichtet wurde. Lyon ist überhaupt der hl. Gottesmutter ganz ergeben; am 8. Dezember jeden Jahres erglänzt die Stadt in einem Lichtmeere. Von hier aus besuchten wir unter Führung einer deutschen Lehrerin ein Kloster, das neben einem uralten Hciligthnm der ersten Christen in Lyon erbaut ist und auch den Leib des ersten hl. Bischofs von Lyon enthält, sowie viele Gebeine von hl. Märtyrern auS der Stadt. In der Vorstadt Ste.-Jrene findet man auf jedem Schritt Spuren des alten Lyon, die jetzigen Hänser sind theilweise aus seinen Trümmern gebaut. Die Kirche Ste.-Jrene hat eine sehr alte Krypta; neben der Kirche sieht man noch ansehnliche Neste der großartigen römischen Wasserleitung. (Fortsetzung folgt.) - — "» A n r r r ä L h f e r. (Die Striche sind durch finnentsprechende Wörter zu ersetzen, die im Zusammenhang ein bekanntes Sprichwort ergeben.) ES war-! Der Mondenschein Blinkt' mild in'S Kämmerchen hinein. Versunken — die Sorgen all Des Tags mit ihrem wüsten Schwall. Ein süßes Träuinen hüllt mich ein, Da tönt vom Dach ein kläglich Schrei'», Ließ man denn-frei?! Zerstoben ist die Träumerei! — Der Mond selbst schaut voll Aerger d'reln Und hüllt in — Gewölk sich ein. Auflösung des Kreuz-Räthsels in Nr. 31: „Augsburgrr Postzeitung". 53. Samstag, den 30. Juni 1894^ Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesiher vr. Max Huttlcr). Äm Lanne aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) VII. MoseS Nathansohn war von seiner neuen, vornehmen Bekanntschaft ganz erfüllt. Er hatte noch nie mit einem so feinen Herrn zu thun gehabt wie dieser junge Baron von Sturen, der das Geld nicht ansah und den Preis, den man von ihm verlangte, ohne zu feilschen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, willig bezahlte. Das Vorfahren eines Wagens vor dem Laden war eine Möglichkeit, auf welche man stets gefaßt sein durfte, wenn man sich einer so hohen Kundschaft zu rühmen hatte. Man konnte nicht wissen, welche Consequenzen sich an die Brillantohrringe knüpften, wobei Nathansohn ein schwer zu umgehender Faktor war. Er kam sich wie der als Hausirer verkleidete Zauberer in „Tausend und eine Nacht" vor, dem der Märchenprinz irgend einen alten Tand abkaust, ohne zu ahnen, welche geheime Wunderkraft sich darin verbirgt. Um seinen hohen Geschäftsfreund zu jeder Stunde standesgemäß empfangen zu können, hatte Nathansohn aus seiner Schatzkammer einen Sessel mit rothem verschossenen Sammetpolster, der ein Jahrhundert früher einen fürstlichen Audienzsaal geschmückt haben mochte und noch Spuren der Vergoldung an sich trug, in sein an den Laden stoßendes Hinter- stübchen versetzt. Er war mit diesem Arrangement eben zu Ende und lauschte, während er einen fast verliebten Blick auf das königliche Prachtmöbel warf, dem Geräusch heranrollender Räder und klappernder Hufe, als beides plötzlich vor der Ladenthür verstummte. Mit ein paar Sätzen, die jedem Grotesktänzer Ehre gemacht haben würden, war er draußen, und ehe noch der Baron von Sturen — denn er war es in der That — aus der Droschke gesprungen war, stand bereits Nathansohn, mit dem Haupte fast die Erde berührend, in der weitaufgerissenen Ladenthür. „Ick komme soeben von den Geschwistern Rettberg," begann Wolfgang die Unterredung, nachdem er im Heilig- thum des Hinterstübchens seinen etwas wackligen Thron bestiegen hatte; „Sie haben mir über die junge Dame nicht zu viel gesagt, Herr Nathansohn; sie ist eine wirkliche Schönheit." Der Jude dachte an den Zauberer und den Märchenprinzen und strich sich den Zwickelbart. „Kennen Sie einen gewissen Herrn von Quinna?" fragte der Baron. x „Na, werd' ich nicht kennen den Herrn von Manna!" sagte Nathansohn. v „Würden Sie mir wsbl Einiges über ihn mittheilend" Nathansohn war hMzugKn bereit. Er freute sich, seinem vornehmen Kunden einen uneigennützigen Freundschaftsdienst erweisen zu können, der ihn nichts kostete. Herr von Quinna hatte, wie der Pfandleiher erzählte, bereits eine abenteuerliche Vergangenheit hinter sich und war nur durch die Heirath mit einer häßlichen, aber sehr reichen Wittwe von einem schimpflichen Untergänge gerettet worden. Aufmerksam hatte Baron von Sturen dem Juden zugehört. „Ich sah diesen Herrn bei Fräulein Nettberg eine sehr zweideutige Rolle spielen," sagte er, „die ihn mir jetzt, wo ich weiß, daß er verheirathet ist, nur um so verächtlicher erscheinen läßt. Jedenfalls hat er auf Fräulein Rettbergs Bruder einen verderblichen Einfluß geübt, wenn an diesem überhaupt noch etwas zu verderben war. Vielleicht hat er den jungen Nettberg sogar in irgend einer Schlinge gefangen, aus welcher ihn die Schwester befreien soll. Ich bekenne, daß mir viel daran gelegen wäre, hierüber in's Klare zu kommen. Natürlich liegt es mir fern, eine solche Auskunft zum Nachtheile Nettbergs auszubeuten." „Ich verstehe," wiederholte der Jude, an jeden möglichen Gebrauch denkend, den ein junger Mann in des Barons Verhältnissen von der gewünschten Auskunft machen könne, und vollkommen überzeugt, daß es dessen Absicht sei, Quinna's Plan zu vereiteln und Bruder und Schwester in seine eigene Macht zu bekommen. „Hml" machte Nathansohn und strich nachdenkend seinen Zwickelbart, „mir wird das Jüngelchen nicht Rede stehen. Es müßte einer sein von seinen Bekannten, einer, der ihm kann setzen die Pistole auf die Brust und der doch selbst nicht hat so saubere Hände, um gegen ihn zu machen den Angeber. Hml — hml — Gott! waS zerbrech' ich mir den Kopf und hab' nicht gleich gedenkt an den Ulan d" Das letzte Wort schien dem Juden gegen seinen Willen entschlüpft zu sein, denn er machte eine ärger- 406 liche Bewegung mit der Hand, als wollte er sich aus den Mund schlagen. „Herr Baron," fügte er rasch hinzu, „'s wird mir sein eine große Ehre, Ihnen zu erweisen eine Gefälligkeit. Was ich kann thun in der Sache, werd' ich thun." „Versuchen Sie Ihr Bestes, Herr Nathansohn," sagte Wolfgang, sich von dem ehrwürdigen Thronsessel erhebend. „Erhalte ich von Ihnen die gewünschte Auskunft, so sprechen wir zusammen noch ein Wort über die altgriechische Vase und über die Damascenerklinge auS der Zeit Timurs." „Sie sollen erfahren alles, was Sie erfahren wollen, gnädigster Herr Baron," betheuerte der Jude mit einem schmunzelnden Lächeln, das um seine Augen einen ganzen Elfcnreigen kleiner Fältchen erscheinen ließ, „Sie hätten sich an keine bessere Adresse wenden können, als an Moses Nathansohn!" Mit gewohnter Unterwürfigkeit dienerte er seinen hohen Besuch hinaus, öffnete ihm den Droschkenschlag und verharrte, während der Wagen davon fuhr, in einem tiefen Bückling, die langen Arme senkrecht herabhängen lassend, was ihm das Aussehen gab, als wollte er auf allen Vieren davonkriechen. VIII. Wolfgang befand sich nun mehrere Tage in Berlin, ohne seinem eigentlichen Zwecke auch nur um einen einzigen Schritt näher gekommen zu sein. Statt dessen sah er sich mit Personen und Verhältnissen verkettet, die noch vor Kurzem für ihn so gut wie gar nicht in der Welt gewesen waren: Und dabei hatten ihn alle diese Nebendinge so in Athem gehalteu, daß er noch nicht Zeit gefunden hatte, seinen ehemaligen Vormund, der sich nach seinem Eisenbahnunfalle so theilnehmend nach seinem Befinden erkundigte, zu besuchen, und auch dem neugewonnenen Freunde, dem er sein Leben dankte, hatte er noch nie seine Ankunft in Berlin gemeldet. Am nächsten Vormittage betrat der Baron von Sturen das vornehme Haus Unter den Linden, in welchem Maitland die Beletage bewohnte. Alles zeugte von großem Reichthum und gediegenem Geschmack. Er fand, durch einen Diener angemeldet, Maitland in einem stilvoll ausmöblirten Zimmer, dessen Wände auserlesene Oelgemälde bedeckten. Maitland hatte sich eben von einem Sopha erhoben. Ein Buch bei Seite legend, kam er dem Besucher entgegen, ergriff lebhaft dessen Hand, hieß ihn in der Hauptstadt willkommen und wünschte ihm Glück zu seiner völligen Wiederherstellung. „Maitland," begann Wolfgang, „ich stehe beschämt vor Ihnen. Der Gang zu Ihnen sollte einer meiner ersten Schritte in Berlin sein. ..." „Keine Entschuldigung, Baron," schnitt Maitland ihm das Wort ab. „Ich selbst habe mich wiederholt genau in der gleichen Lage befunden und würde demjenigen, der gegen eine scheinbare Vernachlässigung empfindlich gewesen wäre, den Vorwurf des Egoismus mit Zinsen zurückgegeben haben." Maitland erkundigte sich nach den bisherigen Erfahrungen, die sein neuer Freund in Berlin gesammelt. Wolfgang erzählte einige Abenteuer und kam auch auf seine Bekanntschaft mit Nettbergs; es war ihm nicht leicht, die Fragen Maitlands nach Fräulein Nettberg zu beantworten. Da er aber dem bewährten Freunde Offenheit schuldig war, so erzählte er ohne Rückhalt, auf welche Weise er mit Fräulein Rettberg und ihrem Bruder bekannt geworden war, und verschwieg nur seine erste Begegnung mit dem letzteren, um den Bruder des jungen Mädchens in seiner verbrecherischen Verbindung mit einer Bauernfängerbande nicht noch schlimmer bloßzustellen, als unbedingt nöthig war; er berichtete sein Gespräch mit Melante Nettberg, die Dazwischenkunft Quinna'S und seine darauf folgende Unterredung mit Moses Nathansohn. Maitlayds Benehmen war ganz anders als Wolfgang erwartet hatte. Das gefürchtete Lächeln zeigte sich nicht um seine Lippen. Er legte mit so wenig Worten als möglich dem jüngeren Freunde den Gedanken nahe, Melanie Nettberg zu seiner Geliebten zu machen, so daß dieß als nichts Böses, sondern nur als das beste Auskunftsmittel erschien, ohne daß das Moralische oder Unmoralische dabei in Frage kam. Die kunstreichste Vertheidigung der Ausschweifung würde keine so entsittlichende Wirkung hervorgebracht haben, wie die bedächtige Art, womit Maitland sprach, als handle es sich um etwas Selbstverständliches. „Um Ihren Weg in dieser Sache klar vor sich zu sehen," fuhr Maitland fort, „müssen Sie sich überzeugen, ob Sie sich im Charakter des Mädchens nicht täuschen. Wenn Sie noch ein paarmal mit ihr gesprochen haben werden, kann es Ihnen nicht schwer fallen, die Wahrheit zu ermitteln. Die Kunst sieht der Natur nie so gleich, um ein durch Zweifel geschärftes Auge irre zu führen." „Ich werde kaum Gelegenheit finden, mir ein Urtheil zu bilden," entgegnete der Baron, „denn höchst wahrscheinlich werde ich das junge Mädchen nie wiedersehen." „Und warum nicht?" fragte Maitland. „Weil ich es für gefährlich halte," bekannte Wolfgang. „Bei aller Unschuld ist ihre graziöse Schönheit doch von verführerischem Reize. Soll ich sie mit einem solchen Anhängsel von Bruder zur Frau nehmen? DaS ginge selbst über weine romantischen Ideen hinaus. Und was die andere Art von Verbindung betrifft, auf welche Sie angespielt haben, so kann ich einen derartigen Plan nicht fassen. Ich werde mich daher wohl hüten, einen so gefährlichen Boden wieder aufzusuchen." „Nun, wenn Sie es nicht wollen, Baron," sagte Maitland, „so werde ich eS thun." „Vielleicht werden Sie die Willfährigkeit nicht finden, die Sie erwarten, Maitland," versetzte Wolfgang empfindlich. „Lieber Baron," lachte Maitland, „Sie haben kein Recht, für diese schöne Waise Mitleid zu erwecken und sich dann selbst von ihr abzuwenden mit dem Entschlüsse, einen anderen großmüthigen Mann zu verhindern, ihr seine Theilnahme zu bezeigen." „Ich habe nicht gesagt, daß ich sie verlassen will," entgegnete Wolfgang. „Mein nächster Gang führt mich zu meinem ehemaligen Vormunde —" „Dem Justizrathe Doctor Carus, der sich tägliche Bulletins über Ihr Befinden kommen ließ?" Wolfgang nickte. „Ihm werde ich die Geschichte der jungen Dame erzählen. Er ist ein Menschenfreund und wird in dieser Sache für mich alles thun, was ich persönlich nicht thun kann." „Sie handeln edel und gut, Baron, — vielleicht nicht so praktisch für das Glück des jungen Mädchens, — 407 als wenn Sie sich für den anderen Plan entschieden hätten, aber auf jeden Fall begehen Sie keine Hand» lung, welche nicht wieder gut gemacht werden kann. Jeder muß selbst am besten wissen, was ihn am glücklichsten macht." (Fortsetzung folgt.) Ein Weib als Cadet und Lieutenant. Major Svoboda, Gruppenvorstand im österreichischen Kriegsministcrium, hat die Geschichte der Thercsianischen Militär-Akademie zu Wiener-Neustadt und ihrer Zöglinge von der Gründung der Anstalt bis auf unsere Tage in einem zweibändigen Werke behandelt. Im Wiener Fremdenblatt greift Oskar Teuber aus diesem Werke die wunderbare Geschichte eines Zöglings heraus, der die 1797er Classe der Neustadter Militär-Akademie denkwürdig macht für alle Zeiten: „Er" war — und Svoboda beweist es actenmäßig — ein prächtiges, Helden» müthigeS Weib. Francisca Scanagatta ist der Name dieses seltsamen Zöglings, von dem die ernste Geschichte erzählt. Ihre Wiege stand in Mailand, und kaum war Francisca dieser Wiege entsprungen, so übertraf sie alle Jungen der Nachbarschaft, namentlich aber ihren bleichen, stillen Bruder Giacomo an Wildheit, Energie und Kriegslust. Papa schüttelte erst den Kopf, dann aber faßte er einen Entschluß und reiste mit den heranreifenden Kindern über Venedig gegen Wien. Giacomo sollte Cadet zu Neustadt, Francisca ein tugendsames Pensionatsfräulein bei den Salesianerinnen werden. Aber die Erkrankung Papas und Giacomos zu Venedig lieferte die „tolle" Francisca einem weiter reisenden Freunde Papas aus. Nach einer Laune oder besonderen Fürsorge des Vaters hatte das Töchterlein Männerkleider angelegt, und leicht wurde es dem Mädchen, den Begleiter davon zu überzeugen, daß sich Papa mit den Salesianerinnen einfach geirrt und sie den Cadetten in Wienerisch-Neustadt zugedacht habe. Er übergab sie dem von der Ankunft eines jungen Scanagatta benachrichtigten Akademie-Oberarzt als externen Zögling in Kost und Pflege; glänzend machte sie ihre AufnahmSprüfung, und nun erst beschwor sie Papa in einem herzbewegenden Briefe, sie dem herrlichen Kriegerstande nicht zu entziehen. Was thut ein zärtlicher Vater nicht, wenn ein Töchterlein hartnäckig bittet. Er flog nach Neustadt, hörte den Arzt mit voller Arglosigkeit des „Knaben" Soldatenfreude vertheidigen und machte gute Miene zum bösen Spiel. Drei Jahre später flog Francisca Scanagatta als Fahnenjunker bei den WaraSdiner St. Gregor-Grenzern aus dem Ca- dettcnhause aus und schwang sofort in Italien sein jungfräuliches Schwert. Niemand ahnte in dem jungen Kroaten-Officicr mit den männlich ernsten Zügen das zarte „Fräulein"; nur zu Sandomir in Polen, wo er 1798 mit einem Bataillon Colloredo die Garnison bezog, schüttelten die Damen und Herren bedenklich die Köpfe, weil der junge Italiener so gar keine Begeisterung für das schöne Geschlecht verrieth. „Am Ende ist der Herr Fähnrich ein verkleidetes Mädchen!" rief eines Tages ein jungverheiratheter polnischer Cavalier in fröhlicher Gesellschaft Scanagatta zu. „Gut", antwortete der Verdächtige, „die Damen sollen entscheiden; ich erbitte mir Ihre Gemahlin als Richten«!" Nun schüttelte der Pole das Haupt, und Francisca blieb unbeläst'gt; sie machte sich auch in Klagenfurt und Pancsova von „böser Nachrede" frei, indem sie mit den schlimmsten Zweiflern tätliche Kugeln wechselte. Um 1799 stand die Amazone bei den Deutschbanater Grenzern vor dem belagerten Genua immer in der vordersten Reihe; mit Löwenmuth vertheidigte sie den Posten Barca Gelata, und mehr als des Feindes Kugeln ängstigten sie die Gefahren des Hospitals, wohin man die Schwerverwundeten brachte. Noch einmal ward ihr Jncognito bewahrt; die Lieutenants» charge lohnte im Jahre 1800 ihre Tapferkeit, aber sie war am Ende ihrer Heldenlaufbahn angekommen. Auf einer Dienstreise im Elternhause zü Mailand angekommen, mußte sie sich des Mütterleins Händen anvertrauen, denn ihre Gesundheit war arg angegriffen, und nun be» trieben die Eltern ihre Qittirung, die mit vollen Ehren- und mit Belassung des Officierscharakters genehmigt wurde. Als kaiserlicher Officicr fühlte sich Francisca Scanagatta in allen Zeiten ihres Lebens, auch als sie, dem Zuge ihres Herzens folgend, dem Chevaulegcr- Lieutenant Cölestin Spini die Hand zum Ehebunde reichte, ein wahrhaftiges Lieutenantspaar! Vier Kinder entsprossen dieser Ehe, die 1832 der Tod des Gatten, des Majors Spini, löste. Der gnädige Kaiser beließ der Wittwe nebst der Lieutcnantspension den Majors- Wittwengehalt, und in sorgenloser Ruhe erreichte die Amazone ihr 89. Lebensjahr. Als Radetzky im Jahre 1848 das aufständische Mailand verließ, war die Frau Lieutenant-Majorin unermüdlich in der Pflege zurück« gebliebener Verwundeter, und als im Jahre 1852 das 100jährige Jubiläum der Akademie alle die treuen Söhne der matsr nach Neustadt führte, da flatterte auch ein Brief der einzigen „Neustädten»" in das ehrwürdige Haus, der unterzeichnet war: „Franz Scanagatta, w. p., Lieutenant, Majorswittwe." Noch vor ihrem Ende hatte Francisca Scanagatta die Freude erlebt, daß einer ihrer Enkel in dasselbe Haus einzog, dem sie einst als Fähnrich entsprossen; sie selbst aber lebt fort in der Neustadter Zöglingstradition zu allen Zeiten. - ^ > i Die Versuchung. Allegorie von Vera Wciibel. Eine Anemone blühte schneeig weiß am Saume deS Waldes. Ewig konnte sie nicht blühen, denn die Blumen sterben bald; aber ihr liebliches Weiß konnte sie bewahren bis zum letzten Moment ihres Blühens, und aufrecht wollte sie noch stehen, wenn der Wind bereits das letzte Blättchen aus ihrer zarten Krone geblasen haben werde. Manch rauher Hauch vom Norden hatte schon ihr Köpfchen gebeugt, aber die Anemone stand ausrecht, lieblich in ihrem schneeigen Weiß. Ein Platzregen hatte den Staub der Erde aufgewühlt und alle Blumen beschmutzt, die am Wege standen, der in den Wald führte. Auch auf den reinen Blättern des Waldblümchens zeichneten sich häßliche Flecken. Es war doch recht schade, und ich denke, daß das Blümchen leise für sich weinte. Zum ersten Male passirt ihm dies Unglück, und nun sah es erst, wie schön es gewesen. Aber in der folgenden Nacht fielen unzählige Thauperlen vom Himmel herab und wuschen jedes Gräslein rein vom Erdenstaub. Jungfräulich erglänzte die Anemone wieder im ersten Strahl der Morgensonne, und aufrecht stand sie da, unendlich lieblich in ihrem schneeigen Weiß. Da kam des Wegs ein Jägersmann, ein fröhliches 40S Liebchen trällernd. Keck saß ihm sein grüner Waidmannshut auf dem lockigen Haupte, und die Lebenslust blitzte aus seinen schwarzen Augen. „Mein ist der Wald mit all seinen Vögeln und Blumen", so sang und jubilirte er in seinem jungen Uebermuthe. Da sieht er das weiße Köpfchen der Anemone im goldenen Morgenlichte schimmern. „Mein auch Du", jauchzt er und faßt mit rauher Hand sie an, die duftende Blüthe, und steckt sie zu seinem Gcmsbart auf den grünen Hut. „Da hast Du noch mehr Licht, mehr Luft und Wärme, als unten auf dem moosigen Grunde", tröstet er. Armes, liebliches Blümchen! Warum hat es keine Dornen, um zu stechen, warum keine Kraft, zu widerstehen? Flora gab ihm nichts als Waldcsduft und sein so köstliches Weiß. Und war das nicht genug? War es denn ein Unglück, der Sonne näher zu sein? Unter ihrem Einfluß fühlt sich das Blümchen nun ganz wohl, es glänzt noch schöner als zuvor da unten auf dem kalten Grunde. Doch die Küsse der Sonne werden immer brennender und glühender, sie saugen allen Lebenssaft aus dem zarten Pflänzchen. Müde läßt es seine welken Blättchen hängen, um — zu sterben. Dahin ist der köstliche Waldduft und, ach, auch das schneeige Weiß .... Ein böser Räuber hat das gethan, ein kecker, wilder Jägersmann, aber — warum mußte denn die Anemone gerade am Wege stehen? -»-«-«-es-- Allerlei. ES ist eine längst bekannte Thatsache, daß sogen- gefirnißte Thiere, deren Haut mit einem anhaftenden Stoff, wie Leim, Gummi, Gelatine, Olivenöl, Theer u. s. w. überzogen ist, unter eigenartigen Krankheitserscheinungen zu Grunde gehen. Die Thiere verlieren die Frcßlust, werden unruhig, bekommen Zittern und beschleunigte Athembewegungen und verstärkten Puls, die späterhin aber allmählich immer langsamer werden. Dabei sinkt die Bluttemperatur immer mehr, manchmal bis auf 19 Grad, und das abgekühlte Thier fällt endlich todt zusammen. Je kleiner das Thier ist, desto schneller geht es an der Ueberfirnissung zu Grunde. So starben Kaninchen schon nach 6 bis 12 Stunden, während das Pferd erst nach mehreren Tagen zu Grunde geht. Nach Edenhuizen ist ein Thier unrettbar verloren, wenn die Ueberfirnissung mehr als den sechsten Theil der Körperoberfläche beträgt. Was den Menschen betrifft, so kennt man aus der Ueberlieferung einen Fall, wo das Ueber- ziehen der Haut mit einem undurchlässigen Stoff den Tod zur Folge hatte. Zur Krönung des Papstes Leo X. wurde ein Kind, das einen Engel darstellen sollte, vergoldet und starb in der Nacht darauf, noch ehe es seine hohe Rolle ausspielen konnte. Manche Völker haben ja noch heute, wie früher die Griechen, die Sitte, sich den ganzen Körper mit Fett einzuschmieren, und auch unter den modernen Culturmenschen bekämpft man manche Hautkrankheiten damit, daß man den Leib mit Salben einschmieren läßt, ohne daß es den Menschen schadete. Es ist daraus der Schluß gezogen worden, daß im Gegensatz zum Thier der Mensch das Uebersirnissen seiner Haut ohne Schädigung ertragen könne. An welcher Todesursache geht aber das Thier zu Grunde? Diese Frage haben im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von Gelehrten durch Versuche zu lösen gesucht, ohne endgiltige Klarheit zu bringen. Die Einen glauben, daß durch das Uebersirnissen die Hautathmung unterdrückt wird, so daß die Ausscheidungsstoffe der Haut, als Wasser, Kohlensäure, Ammoniak, flüchtige Riechstoffe und andere noch unbekannte Verbindungen sich im Thierkörper anhäufen und Vergiftung und Tod bedingen. Einige russische Forscher vertreten die Anschauung, daß der durch das Firnissen verursachte Hautreiz in Folge seiner großen Ausdehnung zu schweren nervösen Störungen und schließlich zur Lähmung der nervösen Centralorgane führe. Versuche aus der jüngsten Zeit unterstützen mehr eine dritte Ansicht, daß nämlich die Todesursache eines überfirnißten Thieres wenn nicht allein, so doch zum Wesentlichen in der Abkühlung liege, welche eS infolge des gesteigerten Wärmeverlustes bei dem Versuche erleiden muß, die der Mensch bei sich aber durch die Kleidung oder die Bettdecke verhindert. Denn das Thier wird vor dem Uebersirnissen geschoren und ihm damit seine wesentliche Schutzwehr gegen die Abkühlung geraubt, und gradweise nimmt damit die Eigenwärme ab. Der beste Beweis für die Abkühlungstbeorie wäre der Nachweis, daß gefirnißte Thiere durch Aufhebung des Wärmeverlustes vor dem Tode bewahrt werden können, und in der That haben einige Forscher ihre Thiere durch Einpacken in Watte, durch Halten in einem erwärmten Raum über einige Tage nach dem Firnissen am Leben erhalten. Die Fähigkeit der Gewebe, den vom Blut hinzutretenden Sauerstoff aufzunehmen und zur Verbrennung zu verwerthen, ist, wie alle Lebensvorgänge im Thiere überhaupt, an gewisse Temperaturen gebunden. Je tiefer die Eigenwärme des Warmblütlers unter 30 Grad sinkt, desto mehr leiden die für die Oxydation im Körper unerläßlichen Vorbedingungen; das die Gewebe durchströmende Blut kommt schließlich als arterielles, d. h. noch mit Sauerstoff beladen, in das rechte Herz zurück. Auch die künstliche Athmung vermag somit den Tod der Thiere nicht zu hemmen, und man könnte das Unvermögen der abgekühlten Zelle, den nöthigen Sauerstoff zu erhalten und zu verbrauchen, als die eigentliche Todesursache ansehen. Daß der Mensch scheinbar an der Ueberfirnissung nicht zu Grunde geht, hat eben dadurch seine Ursache, daß man ihn vor Abkühlung schützt; er liegt im Bett oder hat Kleider an. Ein nackter erwachsener Mensch kann seine Eigenwärme unter einer Außentemperatur von 27 bis 28 Grad Celsius nicht gleich erhalten, wenn andere auf die Wärmeregelung einwirkende Bedingungen, wie Muskelarbeit, Aufnahme von Nahrung, ausgeschlossen sind. Gewöhnung, Abhärtung, Fettpolster u. s. w. können ja allerdings die Grenze etwas verschieben; so viel ist aber sicher, daß kein Mensch bei gewöhnlicher Zimmerwärme (17 bis 18 Grad) es eine halbe Stunde ohne Frost aushalten würde. --» z -— Logogryph. Es dehnt sich auö nach allen Seiten, Und Alles, was uns rings umglänzt Ist d'rm, war d'rin seit Ewigkeiten, 's ist grenzenlos und doch begrenzt. Schwer ist'S zu fassen, ohne Gleichen, Sobald es an kein Ding gebannt, Dock wird eS, streichst du nur ein Zeichen, Getränk, das dir gar wohlbekannt. 3. Auflösung des Fiill-Räthsels in Nr. 52: Bei Nacht find alle Katzen grau. --EZS-- AittMattungsAatt M „Augsburger Postzeitung". 54. Dinstag, den 3. Juli 1884. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas ,/ ^ 'L />'->- Mä-Gt: ?E ^W-'W -WWW« !^LÄ8 M-s-- S M«S l'-ÄÄL 414 ist auch der Hauptsitz der katholischen Missionen, des großartigen Werkes der Glaubensverbreitung. Die Franzosen leisten jährlich bei 5 Millionen Franken, während alle anderen katholischen Länder nur die Hälfte dieser Summe zusammenbringen. Wir schieden ungern von dieser reichen und vornehmen Stadt, deren Bewohner uns achtungsvolle Zuvorkommenheit erwiesen hatten! Nützlich für nicht französisch Sprechende hatte sich die Anordnung erwiesen, daß jeder Pilger den Namen des Hotels und der Straße auf ein Papierblättchen aufgeschrieben hatte, so daß einzelne Verirrte leicht nach ihrem Hotel dirigirt werden konnten; die Meisten waren in Gruppen gesammelt. Nach 9 Uhr mußten sich alle wieder auf dem Stunden an großen Bahnhöfen bedeutender Städte kurzen Aufenthalt von einigen Minuten nimmt. Wir begrüßen ohne anzuhalten die Stadt Vienne, von wo bekanntlich die Bittgänge in der Bittwoche ihren Ausgang genommen haben gegen Ende des 5. Jahrhdts. Der hl. Bischof Mamertus hatte sie angeordnet in Ansehung der damaligen großen Strafgerichte Gottes, der Menge Feuersbrünste, der schrecklichen Erdbeben und des furchtbaren Getöses, um bei der Barmherzigkeit Gottes Hilfe zu finden und durch Gebete, Fasttage, öffentliche Bittgänge den beleidigten Gott wieder zu versöhnen; die Strafgerichte hörten auf, die Bittgänge aber wurden alljährlich fortgesetzt und in der ganzen katholischen Kirche Schlangendändigrr. Centralbahnhof einfinden, denn die Abfahrt des Zuges war auf '.zlO Uhr angesetzt. 12. Avril um 9 U. 38 M. Vm. verließen wir wieder den Bahnhof Perrache in Lyon. Nach dem Austritt aus dem Eemralbahnhof überschreitet die Bahn wiederum die 242 Meter lange Brücke über die Rhone, die Bahnrichtung wird eine südliche und zieht sich bis Tarascon längs des Rhönefiuffes hin. Die Rhüne entspringt auf der Westseite des St. Goithard, geht durch halbmondförmigen Lauf in den Genfersec und mündet nach einem 800 Kilometer langen Lauf in den Golf von Lyon am Mittelmeer unterhalb Avignon. Die Linie Lyon-Tarascon zählt 254 Km. »st 41 Bahnstationen, an welchen von Postzügen angehalten wird, während unser „Blitzzug" mit rasender, nie Gesehener Geschwindigkeit dahinsaust und nur nach je 3 gebräuchlich. Dörfer, größere und kleinere Städte flogen gleichsam an uns vorbei; die Vegetation, welche schon in Genf und über der französischen Grenze eine sehr vorgeschrittene war, namentlich in der Richtung gegen Lyon um 5 Wochen voraus als in Deutschland, hatte ab Lyon einen üppigen Charakter; saftig grüne Wiesen, blühende Mandelbäume, Aprikosen- und Pfirsichbäume, Tausende von Kirschbäumen, die bereits abgeblüht hatten, schöne Blumen und Gewächse aller Art lachten uns entgegen; Ulmen, Cypressen und Maulbeerbäume in großer Zahl zierten die Gegend 5 Weingelünde, in der Ebene sich hinziehend, und Oelbäume bekundeten, daß uns ein südliches Klima aufgenommen, die gesegnete Provence (provinoia. Roinuna), wo das Olivenöl gedeiht, bei uns Provencer- Oel genannt. 415 Die Provence, die wir jetzt durcheilen, vom Mittelmeer begrenzt, ist in mehrere Departements getheilt und erhielt ihren Namen von der Romanisirung (krovinoia) Südgalliens; im 12. und 13. Jahrhundert blühte hier besonders die berühmte provencalische Dichtkunst; es ist hier das Land der einst berühmten wohlklingenden ältesten romanischen Sprache, ein Land der Gegensätze; hier üppige Thäler und Niederungen, schon im Frühling reichbeblätterte Maulbeerbäume, welche die rege Seidenzucht bezeugen, Getreidesegen, Weinberge, welche berühmte Weine liefern, Olivenbäume und ergiebige Kastanien, Mandeln, Feigen, Melonen, Citronen, Orangen —, anderseits sonnverbrannte weite Gebiete, nackte, rothe Fessen, staubbeladene Luft, im Sommer glühende Sonne, düsterer Ernst, lange, regen- lose Sommerzeit, Ströme zwischen breiten nackten Steinbetten und ein stürmischer Nordwestwind, Mistral genannt, der im Frühling die Küste eiskalt und gelbnebelig durch- August 1799. Mit Wohlgefallen sieht man ausgedehnte Weinberge. Wir mußten mehrere, zum Theil sehr lange Tunnels durchführen. Valence, mit 2400 Einwohnern, hat eine prachtvolle Kathedrale St. Apollinaris und ein gut erhaltenes Amphitheater mit einem Zuschauerraum für 7000 Personen. Neben dem Bahnhof konnte man auf einer Geschäftsfirma lesen: Leopold Landauer, Manufaktur. Die Landschaft nimmt bei Livron einen südlichen Charakter an; die Berge haben jetzt einen gelben, felsigen, sonnverbrannten Charakter, der in der Provence vorherrscht. Links in der Ferne die Alpen der Dauphins. Die Bahn passtrt bei Montelimar einen langen Vtaduct über den Roubion, — in der Umgegend Maulbeer- und Oliven- pflanzungen, große Feigenbäume. In der Ebene von Montelimar breiten sich um einsame Dörfer weite Getreidefelder aus. Von Orange ab beginnen ausgedehnte Oliven- wälder. Orange ist eine Stadt mit 10,300 Einwohnern, Gberftausen. stürmt und die Rhone hinan bis Valence würhet; dies merkwürdige Land war das Paradies der Troubadoure im Mittelalter. Jetzt trauern die kleinern Städte und Dörfer unter gebrochenen Burgen, und die Großstädte zeigen das volle, aufreibende Leben der modernen Industrie. Schön und blühend sind die Landschaften zwischen Lyon und Avignon; längs der südwärts führenden Bahn- trace sehen wir anmuthige Hügel, schroffe Felsbcrge, stille Dörfer, lebhafte Städte, herrliche Schlösser, zerfallene Ruinen, bald zur Linken bald zur Rechten die Rhone, die dem Meere zuläuft, mit der Bahn; es ist ein klassischer Boden, wo die römischen Imperatoren mit siegreichen Armeen herumgezogen sind, um die Gallier zu unterwerfen. Wir nähern uns der Stadt Valence, wohin Napoleon I. den 80jährigen Papst Pius VI. hat bringen lassen, weil er dem Kirchenstaate nicht entsagen wollte, — ein sanfter Tod erlöste den greisen Dulder am 29. inmitten von Wiesen, Maulbeerpflanzungen, Weinbergen; in seiner Nähe wurden 105 v. Chr. die Römer von den Kimbern und Teutonen geschlagen; Orange gehörte als Fürstenthum 1531—1702 zum Haus Nassau, das daher den Beinamen Oranien führt, wurde 1713 an Frankreich abgetreten. Von der Bahn aus sichtbar ist ein Triumphbogen, ein schöner, prächtig decorirter Bau aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., ebenso am südlichen Ende der Stadt ein römisches Theater, es soll eines der best- erhaltenen, großartigsten antiken Theater sein, für 7000 Personen! Wir konnten es nicht besichtigen bei so kurzem Aufenthalt. Währeno der Fahrt hatten wir aber auch die geistliche Tagesordnung auszuführen; im Pilgerbüchlein, das Jeder bekam, waren die entsprechenden Gebete und Lieder enthalten. Nach der Morgen-Andacht betete man die Reise-Meß-Andacht, um 7 Uhr den Rosenkranz mit Lauretanischer Litanei, um 9 Uhr Marianische Andacht 416 mit mehreren Gebeten und jeweilig drei Ave Maria, 11 Uhr Rosenkranz, 2 Uhr deutsche Vesper-Andacht, 4 Uhr Kreuzweg-Andacht, 6 Uhr Rosenkranz, */z9 Uhr Abend-Andacht; so wurde der Reise die religiöse Signatur als Pilgerzug aufgeprägt! Bei Ankunft an größeren Halt- stationen war Pause im Beten und Singen, um kein Aufsehen zu machen. Die Lieder waren, mit Ausnahme des Lourdesliedes „Ave Maria", dem Augsburger Gesangbüchlein entnommen (Gelobt sei Jesus Christus, Großer Gott, Salve Regina usw.). In Lyon hatten wir gestern um Regen gebetet, auch in Süd-Frankreich hatte es schon ein paar Wochen nicht mehr geregnet. Heute, Donnerstag 12. April, gab es in der Provence ein ansehnliches Gewitter mit Blitz und Donner, es regnete in Strömen bis 5 Uhr Abends. Wir näherten uns Avignon, das uns mehr interessirte als die bisherigen größeren Stationen seit Lyon, wie Tournon, Lavoulte, Viviers, St. Esprit, Bagnols, Villeneuve, die wir eilig Passirt hatten! (Fortsetzung folgt.) - — - Oberstaufe«. (Htezu das Bild Seite 415.) Der Markt Staufen ist im Bezirksamt Sonthofcn, Regierungsbezirk Schwaben und Neuburg, gelegen. Es ist wahrscheinlich, daß der Ort ein Bestandtheil jener großen Grafschaft im Albegau gewesen, welche Graf Hartmann von Landau mit der Burg Meglofs oder Eglofs im Jahre 1243 zu Capua um 3200 Mark Silber an den Kaiser Friedrich II. verkauft hat. Im Besitze der Beste Staufen findet man zu Anfang des 14. Jahrhunderts die Familie von Schellenberg beurkundet. Der Ritter Marquart von Schellenberg verkaufte die Burg mit der Pfarrei Staufen 1311 um 650 Mark Silber an den Grafen Hugo von Montfort. Dieser neue Besitzer stiftete 1328 zu Staufen eine neue Collegiat- kirche mit einem l-'ruspoLitus (Propst) und sechs Presbytern. Das Schloß Staufen lag auf einer Anhöhe bei dem jetzigen Markte Staufen. Im Bauernkriege wurde es zerstört, von dem Grafen Wolf von Montfort aber wieder erbaut. Auch nach einem zweiten Brande 1611 hat Graf Hugo von Königsegg - Rothenfels das Schloß wieder repartren, einen Schloßflügel und eine Kapelle hinzuerbauen lassen. In der letzten Zeit wurde das Schloß nur noch als Jagdschloß benützt, 1807 wurde es gänzlich abgebrochen. Die Herrschaft Staufen mit der Grafschaft Rothenfels war 1567 von dem Grafen Ulrich von Montfort an den Freiherrn von Königsegg um 155,000 fl. verkauft worden. 1804 verkaufte Graf Franz v. Königs- egg-Rothenfels die Reichsgrafschaft Rothenfels mit Staufen an den Kaiser Franz II. von Oesterreich. Der Preßburger Friede vom 26. Dezember 1805 theilte die Herrschaft Staufen der Krone Bayern zu. Der Markt Staufen, der gegenwärtig ca. 900 Einwohner zählt, ist 1680 bis auf drei Häuser abgebrannt. Oberstaufen ist eine beliebte „Sommerfrische", besonders auch der Augsburger; in den dortigen zahlreichen guten Gasthäusern ist für Speise und Trank bestens gesorgt bei civilen Preisen. (Unser Bild ist nach einer Photographie von K. Ebert in Kempten.) - * j -V -i—»- Zu unseren Bildern. Kadi Carnot, priistdent der franröstschen Republik Am 24. Juni l. I. wurde der Präsident der französischen Republik, Sadi Carnot, von dem Italiener Cesario Giovanni Santo in Lyon, wie bereits durch die Tagesblätter des Näheren mitgetheilt, auf offener Straße erdolcht. Ueber den äußeren Lebensgang Sadi Carnots sei Folgendes mitgetheilt: Marie Frantzvts Sadi Carnot, Sohn des Staatsmannes und Publizisten Lazare Hippolyte Carnot, Enkel des Grafen Lazare Nico- las Marguerite Carnot, der unter dem Konsul Bonaparte Kriegsminister war, wurde am 11. August 1837 zu Limoges geboren, trat 1857 in die polytechnische Schule ein und wurde später zum Ingenieur in Annecy ernannt. Am 10. Januar 1871 wurde er von Gambetta zum Präfeklen des Departements der unteren Seine eraannt und mit der Organisation der nationalen Vertheidigung in den drei Departements der unteren Seine, Eure und Calvados betraut. Am 8. Februar desselben Jahres wurde er auch in die Nationalversammlung gewählt. Carnot trat der republikanischen Linken bei und wurde deren Schriftführer; 1876 wurde er in die Abgeordnetenkammer gewählt ; hier trat er für alle Maßregeln ein, die geeignet waren, die Republik zu befestigen, und gehörte am 16. Mai 1877 zu den 363, die dem Ministerium Broglie ein Mißtrauensvotum ertheilten. Er trat besonders bei den Verhandlungen über die öffentlichen Arbeiten, die Eisenbahnen, die Binnenschifffahrt hervor, auch als Berichterstatter der Budgetkommission, und wurde am 26. August 1378 Unterstaatssekretär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, um am 22. September 1880, nach Freycinets Sturz, die Leitung dieses Ministeriums zu übernehmen. Im November 1882 vom Amte zurückgetreten, wurde Sadi Carnot im April 1885 zum Finanzminister im Ministerium Brisson und dann auch im Ministerium Frcycmet ernannt. Als GrSoyö Stellung unhaltbar geworden war. faßten die entschiedenen Republikaner neben Freycinet Sadi Carnot wegen seines berühmten Namens wie wegen seiner bewährten Uneigen- nützigkeit inö Auge, zumal Herrichsucht und Ehrgcir ihm fremd zu sein schienen. Bei dem ersten Wahlgang am 3 Dezember 1887 erhielt er die relative Mehrheit, 303 Stimmen, während 212 auf Ferry, 148 auf General Saussier und 76 auf Frcy- cinet fielen, bei dem zweiten Wahlgang, nachdem Ferry und Freycinet zu seinen Gunsten zurückgetreten waren, 616 von 827 Stimmen. Seine Wahl war besonders durch den Umstand gefördert worden, daß er als Finanzminister die Rückerstattung von 150,000 Fr. Stempelsteuer an die — Grsvy und Wilson befreundeten — Bankiers Dreyfus verweigert hatte, die fein Nachfolger Dauphin genehmigte. Als Herr Rouvier diese Thatsache zur Kenntniß der Kammer brachte, erhob sich diese ein- müthig und brachte dem Ehrenmann eine stürmisä e Huldigung dar. — Carnot hat die Erwartungen gerechtfertigt, die seine Wähler in ihn gesetzt hatten. Er war ein fester Republikaner, ein tüchtiger Redner und verstand es auch, mit der nöthigen Würde das Staatsoberhaupt zu spielen. Hastige Arrestanten. Die drei Schlingel, die Du hier siehst, haben heute ihr Pensum nicht gelernt und müssen nun ihre Faulheit mit Schul- Arrest büßen. Das scheint den Burschen aber nicht sonderlich Kummer zu verursachen, denn sie befinden sich in heiterster Laune; wenigstens die Zwei da, der Seppl mit der langen Pfeife des Herrn Lehrers und der Maxl mit der Geige. Hansjörg scheint es augenblicklich ernst zu nehmen; den Hopf auf die Hände gestützt, ist er gar eifrig in seine Lektüre vertieft.^ Was mag sich da wohl der alte Schulmeister denken, der, eben zur Thür hereingekommen und hinter der Schultafel stehend, das Kleeblatt betrachtet. Am Ende gibt's für den Raucher und den Geigenvirtuosen noch einen Extra-Airest. Kchlangendändiger. Schlangenbändiger gibt es hauptsächlich im Orient und bei den afrikanischen Völkern. Unser heutiges Bild stellt eine Scene dar, welche uns den Schlangenbändiger eben in Ausübung seiner „Kunst" vergegenwärtigt. Auf einer Reise dui ch das Wüsten- land begriffen, haben die Beduinen Halt gemacht, um dem seltsamen Schauspiele des Schlangentänzers ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Auf dem Boden kauernd, spielt ein brauner Sohn der Wüste zum Tanze auf. In Nianchen Ländern Afrika's werden eigene Schlangenfesttage gefeiert und spielen die Schlangcn- bändigcr, auch Schlangenzauberer genannt, dort eine große Rolle. HL55. Ireitag, den S. Juli 1884L Für die Redaction verantwortlich: Philipp Fricl in Augsburg. Druck und Verlag des Literarnchen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg ^Vorbesitzer vr. Max Huttler). Im Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Für Wolfgang gab es nun nichts Räthselhaftes mehr. Eine dunkle Erinnerung war es gewesen, was ihn bei jenem Zusammentreffen mit der Reiterin aus ihrem Antlitz und ihrem Wesen so geheimnißvoll an- gemulhet hatte. Vielleicht waren von der schwarzäugigen Gespielin einige Züge in die Träume des Jünglings übergegangen, die ihm das vervollkommnete Ideal seines Herzens zeigten und dabei der bildnerischen Meisterhand der Natur so nahe geblieben waren. „Erinnern Sie sich," sagte er, unwillkürlich von diesem Jdeengange geleitet, „daß meine kleine Spielkameradin mir versprach, einst meine Frau zu werden?" Beinahe bereute er seine Worte, denn die knabenhaften Gefühle der Vergangenheit fanden in dem heutigen Empfinden des Mannes ein nur zu treues Echo, welches er nicht gern verrathen hätte. „O ja, mich dünkt, Sie hätten mir ein solches Versprechen abgenommen," antwortete sie und lachte unbefangen. Diese Unbefangenheit berührte sein glühendes Herz wie Eis. Er nahm sich vor, seine Neigung zu zügeln und sich nicht eher in Lizi zu oerlieben, bis er die Beweise ihrer Gegenliebe besitze. Dieser Entschluß war freilich sehr thöricht, denn er betraf etwas bereits Geschehenes, — Wolfgang hatte nicht mehr die Macht, das junge Mädchen nicht zu lieben. „Irre ich nicht", sagte er, um die plötzlich eingetretene Paust nicht zu verlängern, „so sind Sie mit Frau von Prachwitz nahe verwandt." „Die Verwandtschaft ist nicht so nahe, daß sie sich mit einem Worte bezeichnen ließe, welches unanfechtbar ist," lächelte Lizi. „Frau von Prachwitz und meine verstorbene Mutter waren Stiefcoustnen. Doch wird es wenig echte Tanten geben, die sich ihrer Nichten so liebevoll annehmen, wie Frau von Prachwitz es mit ihrer Stiefnichte thut." „Ich finde es sehr begreiflich, Sie zärtlich zu lieben, ohne daß es dazu eines besonderen Edelmuthes bedarf," versetzte Wolfgang in scherzendem Tone. „O, in diesem Falle irren Sie sehr," wandte Lizi ein, „es gehörte ein so selbstloses Herz dazu, wie Frau von Prachwitz es besitzt, um statt der Liebe keine Abneigung gegen mich zu fühlen, da ihr durch weine Geburt ein beträchtliches Vermögen entzogen worden ist was für ihre ganze Zukunft verhängnißvoll wurde." „Und gegenwärtig halten Sie sich, wie in früheren Tagen, wieder zu Besuch bei ihr auf und gedenken hoffentlich noch recht lange zu bleiben?" bemerkte Wolfgang. „Einige Wochen," antwortete Lizi. „Nun, da haben Sie einander also schon aufgefunden", ließ sich jetzt Frau von Prachwitz vernehmen, die inzwischen eingetreten war und neben dem plaudernden Paare Platz nahm. „Nicht wahr, lieber Baron, Ihre kleine Jugendgespielin hat sich wenig verändert?" „In ihrem Wesen so wenig," antwortete Wolfgang rasch, obwohl nicht ganz der Wahrheit gemäß, „daß ich mich jeden Augenblick versucht fühle, die letztvergangenen Jahre zu vergessen und sie Lizi zu nennen, zumal es auch der einzige Name ist, unter welchem ick sie kenne." „Ei, so will ich die Etiquette in ihr Recht einsetzen," lachte Frau von Prachwitz. „Fräulein Felicitas Teßner," stellte sie mit komischer Förmlichkeit vor, „nennen Sie sie aber immerhin Lizi, Baron, ich bin gewiß, sie hat nichts dagegen; nicht wahr, mein liebes Mädchen?" „Ich ziehe indessen vor," bemerkte der Baron, „Ihnen den schönen Namen Felicitas unvcrstümmelt zu belassen, er sagt dem Geschmack des Mannes besser zu. Und wollen Sie mich wieder Wolfgang nennen?" „Ja," antwortete Felicitas, mit jener Herzensreinheit aufblickend, welche unendlich anziehender ist, als die höchste Kunst der geschultesten Kokette, „ich hoffe, es wird mir nicht schwer werden, denn alte Gewohnheiten besitzen eine unwiderstehliche Macht." Bald gruppirte sich ein größerer Theil der Gesellschaft um die Dame des Hauses, und Wolfgang und Felicitas konnten sich der allgemeinen Unterhaltung, die in ihrer unmittelbaren Nähe geführt wurde, nicht ganz entziehen. Der Abend verlief dem Baron an Felicitas' Seite wie ein holder Rausch. Er warf den Gedanken an den folgenden Morgen von sich und blieb, bis fast alle Gäste sich entfernt hatten. An Melanie Rettberg mußte er öfter denken. Für den Fall seines Todes war allerdings für sie gesorgt, dennoch mußte sie den gefährlichen Einflüssen, welchen sie schutzlos preisgegeben war, so schnell wie möglich entzogen werden. Eine unüberwindliche Scheu, dieses Thema in Felicitas, Gegenwart zu berühren, versiegelte ihm den Mund. Er nahm sich daher vor, nach seiner Rück- 418 kunft in's Hotel seine Bitte au das gütige und wohlwollende Herz der mütterlichen Freundin der Feder anzuvertrauen. Endlich verließ er das Haus, in welchem er den schönsten Abend seines Lebens verbracht hatte. XII. Am folgenden Morgen veranlaßte ihn der Wunsch, in der Angelegenheit der Geschwister Nettberg zu einem Abschluß zu kommen, zu einem Besuche bei Moses Nathan- sohn. Der Laden war leer, da der Pfandleiher sich gerade in seinem Hinterstübchen befand und von seinem hohen Besuche, der zu Fuße gekommen war und, durch die trübe Scheibe des Schicbfensterchens gesehen, sich von anderen Sterblichen nicht unterschied, keine Ahnung hatte. Mit den entschuldigenden Worten: „Bitte um Verzeihung, wenn ich störe," trat Wolfgang in das Allerhciligste, wo Nathansohn sich eben mit einem Anderen in angelegentlichem Gespräch befand. „Gott! der Herr Baron! der gnädigste Herr Baron!" stotterte der Jude bei dem überraschenden Anblick seines hohen Gönners, indem er breitbeinig hin und her hüpfte, Mit den Händen verwirrt in der Luft herumiappeud, und dazwischen tiefe Komplimente schnitt, wobei er den noch immer bereit stehenden vergoldeten Thronsessel umwarf. Während der Baron ein leises Lächeln nicht unterdrücken konnte, blieb daS Gesicht des anderen Mannes unbeweglich. Es war ein Gesicht, welches man so leicht nicht wieder vergißt. Im ersten Augenblick erschienen die Züge desselben fast abschreckend finster; der aufmerksamere Beobachter konnte aus ihnen aber mehr Verbitterung als düstere Verhärtung herauslesen. Im Gegensatze hierzu lag etwas Offenes auf der hohen Stirn, ebenso contrastirte tu Z schöne blaue Auge mit dem scheuen, nnstüteu Blick, der keinem fremden Blicke Stand hielt. Das schwarze Haar war kurz geschnitten, der kräftige Bartwuchs an allen Srcllen durch die strenge Censur des Nasirmcssers unterdrückt. Der Gliederbau der geradezu reckenhaften Gestalt ließ auf eine herkulische Körperkraft schließen. Trotz manches sympathischen Zuges machte der Fremde auf Wolfgang den Eindruck, als gehöre er zu jenen lichtscheuen Kunden Nathansohns, aus denen sich der verrufenste Theil seines Geschäftsverkehrs rekrutirte. Vielleicht war er der „Ulan", von welchem Nathansohn gesprochen hatte, das ihm wider Willen entschlüpfte Wort augenscheinlich bereuend, und wenn dieser Beiname sich auf die frühere Laufbahn des Mannes bezog, der im Anfange der Vierziger Jahre stehen mochte, so konnte in seiner unwillkürlichen militärisch strammen Haltung WolfgangS in diesen Dingen sehr geschulter Blick jene Vermuthung nur bestätigt finden. Dem Juden war es offenbar sehr unangenehm, daß der Baron ihn in dieser Gesellschaft getroffen hatte. „Nu, was woll'n Se noch hier?" fuhr er den Niesen an, dessen scheuer Blick sich mit forschendem Interesse immer wieder auf den vornehmen jungen Mann gerichtet hatte, worauf der lästige Gast mit kurzem Gruß sich entfernte. „Ich wollte mir heute die Ehre geben, dem Herrn Baron meinen Besuch zu machen," brachte Nathansohn endlich hervor, nachdem er tausend Entschuldigungen gestammelt, daß er seinen hohen Gönner draußen habe warten lassen. „Es ist alles gegangen nach Wunsch; aber es hat gekostet viel Mühe, bis ick meinen Mann hab' dazu gebracht, das Jüngelchen auszuhorchen, und nicht eher ist er herausgerückt mit der Sache, bis ich geschworen hab' den fürchterlichsten Eid, daß dem Jüngelchen nichts Schlimmes darf geschehen." „Ich weiß bereits, was der junge Rettberg gethan hat," antwortete Wolfgang ruhig. „Es ist mir jetzt nur noch darum zu thun, den Namen zu erfahren, den er gefälscht hat." Der Jude blickte ihn sehr erstaunt an. „Auch den Namen könnt' ich dem Herrn Baron sagen," versetzte er, nachdem er sich wieder gefaßt, „aber der fürchterliche Eid —" „Wird Sie hoffentlich nicht hieran hindern," unterbrach ihn Wolfgang, „wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, daß ich dem Burschen nicht schaden, sondern ihn vor dem Zuchthause retten will. Also sprechen Sie frei heraus," fuhr Wolfgang fort, „wie heißt der Mann, dessen Name mißbraucht worden ist?" „Er heißt Maitland," gab der Jude zur Antwort. „Maitland?" wiederholte der Baron. „Etwa Otto Mailland?" Nathansohn nickte. „Er wohnt Unter den Linden. Der Herr Baron sind erschrocken," fügte er forschend hinzu. „Ich bin mehr überrascht, als erschrocken," cnt- gegnetc Wolfgang, „weil der Zufall will, daß ich mit dem genannten Herrn ziemlich genau bekannt bin. Wie aber kommt der junge Ncttberg gerade zu diesem Namen?" „Wie wird er dazu kommen!" sagte der Jude. „Lebt doch der Maitland in der großen Welt, ist er doch ein Mann von großem Reichthum und sein Name so gut wie baar Geld. Das wird das Jüngelchen gewußt haben." Wolfgang zweifelte keinen Augenblick, daß sein Freund aus seine Bitte jeden Gedanken aufgeben würde, den jungen Verbrecher zu verfolgen; doch vermochte er die Befürchtung nicht zu unterdrücken, Mailland könnte von der Macht, die er dadurch über Ncttberg erlangte, gegen dessen schöne Schwester Gebrauch machen. Es lag ein Zauber in MaitlandZ Wesen, ein Reiz in seiner Beredsamkeit, dem Wolfgang selbst nicht widerstehen konnte; bei all seinem hellen Verstände kam ihm im Gespräch mit Maitland die klare Unterscheidung von Recht und Unrecht abhanden, oder es kostete ihn wenigstens einen Kampf, sich beides gegenwärtig zu halten. Besorgt fragte sich Wolfgang, welchen Einfluß ein solcher Mann über ein junges, unerfahrenes Mädchen, wie Melanie Ncttberg, gewinnen könne. „Wenn ich wüßte," unterbrach Wolfgnng sein Schweigen, „in wessen Händen sich der Wechsel befindet, so würde ich ihn sofort einlösen." „Und der Herr Maitland brauchte nichts zu erfahren von der ganzen Geschichte," nickte der Jude lächelnd. „Ich verstehe, ich verstehe. Aber wer soll wissen, wo das Wechselchen jetzt in der Welt herumfährt? Und die Zeit ist knapp bis zum Verfalltage. „Nun, Herr Nathansohn," sagte Wolfgang nach kurzem Ueberlegen, „auf alle Fälle ist mir die von Ihnen erhaltene Auskunft sehr werthvoll. Ein solcher Dienst läßt sich nicht belohnen. Um aber wieder auf die altgric- chische Vase und die antike Damascenerklinge zurückzukommen, wovon Sie mir gelegentlich erzählten, so würden dieselben ein paar fühlbare Lücken in meiner kleinen Alterthumssammlung ausfüllen. Schicken Sie mir diese beiden Gegenstände in mein Hotel, Herr Nathansohn, und vergessen Sie nicht,' die quittirte Rechnung beizufügen." Der Baron empfahl sich rasch, ohne dem Juden Zeit zu seinen üblichen Ehrfurchtsbezeigungen zu lassen. „Gott! was'n Mann!" rief Nathansohn bewundernd, „was'n feiner Aristokrat! Unbesehen und ohne zu handeln nimmt er die Base und den alten Damas- cenersäbel . . . Gott! am Ende hätt' er auch genommen das vergoldete Sesselchen, wenn ich ihm hätt' gesagt, 's wär' der Thron, auf dem schon hätt' gesessen der König Salomo. O, Moses Nathansohn, was biste doch gewesen für'n Schafskopf l" xm. Wolfgang begab sich wieder zu Frau v. Prachwitz, deren Obhut Fräulein Nettberg wohl am sichersten anvertraut werden konnte. Er traf zunächst Felicitas. Nach den üblichen Begrüßungen steuerte er sofort auf sein Ziel los. „Ich muß mich an Ihre Tante und an Sie wenden," fuhr Wolfgang fort, „denn ich bedarfsder Hilfe edelgesinnter Frauen — um eine junge Dame zu schützen." Felicitas war in hohem Grade überrascht über das Ansinnen des Jugendfreundes, der sofort eine Erklärung über die Art und Weise seines Zusammentreffens mit dem Schützling gab. Er berichtete von seiner Begegnung mit Quinna und fügte erläuternd hinzu: „Jener Herr von Quinna, ein gemeiner Abenteurer, hatte die Dame mit Absichten aufgesucht, welche im höchsten Grade beleidigend, ja beschimpfend für ein unschuldiges und- liebenswürdiges Mädchen waren, das unter dem Druck der Armuth leidet und niemanden in der Welt zur Seite hat, als einen allen Lastern und Verbrechen ergebenen Bruder, der ohne jedes Bedenken seine Schwester verrathen und verkaufen würde. Ich hatte durch eine dritte Person von der Lage des jungen Mädchens gehört; der Wunsch, etwas für sie zu thun, und die Hoffnung, ihren Bruder vielleicht vor gänzlicher moralischer Verkommenheit retten zu können, führte mich in die Wohnung der Geschwister, Fräulein Nettberg machte auf mich sofort den Eindruck, daß sie unverdorben und tief bemitleidenswert sei. Sie können sich daher leicht denken, Felict- tas, daß ich sie nicht in meiner Gegenwart wollte beleidigen lassen. Ich muß zum Schutze der Dame aber noch mehr thun, denn sie ist ganz auf meinen Beistand beschränkt. Es kommt leider sehr selten vor, daß sich ein junger Mann ohne eigennützige Beweggründe eines schönen jungen Mädchens annimmt. Ich möchte nicht in einen solchen Verdacht gerathen, und daher bedarf ich einer Mittelsperson, welche an meiner Stelle handelt und derartiger Beargwöhnung unerreichbar ist." „Und in welcher Weise könnten diejenigen, an welche Sie Ihre Beschützerrolle abtreten möchten, am geeignetsten für die Dame sorgen?" „Zunächst dadurch, daß sie dieselbe so rasch wie möglich aus ihrer Wohnung entfernen." „Ist sie in Gefahr?" „Jener Herr von Quinna besitzt eine Macht über ihren Bruder, welche ihr selbst verderblich werden kann." „Ach!" entgegnete Felicitas mit einem schwermüthi- gen Lächeln, „ich kann das alles sehr wohl begreifen, nur das begreife ich nicht, wie ein Bruder so schändlich sein kann, auf das Verderben seiner eigenen Schwester auszugehen." „Müßiggang, Genußsucht und — laot, not Isast — die Furcht vor dem Zuchthause, — das sind seine Triebfedern. Seine Schwester muß vor seinen Zudringlichkeiten geschützt werden, und wenn Sie und Ihre Tante dabei helfen wollen, so wird Ihnen das arme Mädchen dafür dankbar sein und ich nicht minder, Felicitas." „Ich will alles thun, was Sie wollen, Wolfgang," rief Felicitas mit glühendem Gesicht. „Vielleicht wissen Sie, daß es mir an Mitteln, ihr zu helfen — ich meine mit Geld — durchaus nicht fehlt." „O, was das betrifft," versetzte Wolfgang lächelnd, „so lassen Sie nur mich sorgen. Ich besitze weit mehr, als ich gehörig anzuwenden weiß, und möchte Sie daher zu bewegen suchen, mir bei der Verfügung über meinen Reichthum, welcher zu groß ist, um mir nicht ernste Verpflichtungen aufzuerlegen, Ihren Rath zu ertheilen. Wollen Sie meine Mahnerin zum Guten sein, Felicitas?" „Recht gern, Wolfgaug," antwortete das junge Mädchen mit leiser Stimme und das Auge senkend, „wenn ich eitel genug sein könnte zu glauben, daß meine Rathschläge Ihnen nützen würden." Der Baron hatte während dieser Unterredung mancherlei Zeichen an ihr beobachtet, welche seine Hoffnung belebten. Der feurige Glanz ihres Auges erhöhte sich noch, wenn sich dasselbe plötzlich zu ihm erhob; im Tone ihrer Stimme lag etwas Bewegtes, in ihrem Wesen eine gewisse Befangenheit, — das alles verkündete ihm, daß er mindestens die Macht besitze, Bewegungen in ihrem Herzen hervorzurufen. Wer weiß, wohin die jüngste Wendung des Gesprächs geführt haben würde, hätte nicht das Tönen der Vorsaalglocke verrathen, daß Frau von Prachwitz zurückgekehrt sei. „Lassen Sie mich also das Siegel auf Ihr Versprechen drücken, liebe Felicitas," sagte Wolfgang, indem er ihre schöne Hand ergriff und sie respektvoll an seine Lippen führte. „Auf welches Versprechen?" fragte sie befangen. „Meine Mahnerin zu sein," erinnerte er, und gerne hätte er hinzugesetzt: „für's Leben," doch wollte er in diesem Augenblick nicht alles wagen, auch trat Frau von Prachwitz soeben in's Zimmer. Die im Hotel erhaltene Auskunft, daß der Baron ausgegangen sei, hatte ihr zu großer Beruhigung gereicht, und nun war sie sehr erfreut, ihn gerade hier, an Felicitas' Seite, zu finden. Sie war beiden mit gleicher Herzlichkeit zugethan und hielt es für das Natürlichste von der Welt, daß die Jugeudgespielen sich in einander verlieben und das glücklichste Paar von der Welt werden müßten. Das war schon gestern Abend ihr Gedanke gewesen. Der Baron erzählte seine Geschichte und wußte die warm fühlende Wittwe für Melanits Schicksal lebhaft zu interessiren. Sie war erfahren genug, um sofort die Gefahr zu begreifen, vor welcher der Baron das schöne, unschuldige Kind zu schützen trachtete. „Ich will mit Felicitas morgen Ihren Schützling aufsuchen," erklärte sie sich bereit, „und wir werden alles- zu Ihrer Zufriedenheit ordnen. Wir werden ja sehen, wie wir die junge Dame bei uns unterbringen. Sie könnte in dem kleinen Zimmer neben dem Deinigen schlafen, Felicitas." „Auf einige Tage allerdings, liebe Tante," ver» setzte Felicitas, „bliebe sie länger hier, so würde der Zweck kaum erreicht werden. Sie soll von ihrem Bruder entfernt werden; wie leicht könnte sie demselben aber auf einem Ausgange begegnen! Ich will daher an meinen Vater schreiben; in unserm Hause gibt es genug Zimmer, die ihr zur Verfügung stehen." 420 „O, liebe Felicitas! — Au Deinen Vater schreiben?" wandte Frau v. Prachwitz bedenklich ein. „An Deinen Vater schreiben! Du kennst ihn so gut wie ich!" Das junge Mädchen crröihete. „Nun, ich wollte Dich nicht kränken," sagte die Tante, dies beincrkend, „versuche es iwmcrbin und schreibe an Deinen Vater. Sollte er Schwierigkeiten wachen, so wird sich leicht ein anderes Anskunftsmittel finden. Wir haben ja vor, auf einige Wochen nach Rügen zu gehen, und da können wir Fräulein Nettberg mitnehmen." „Ich werde sie sogleich durch ein paar Zeilen von unserm Besuch verständigen, damit wir sie morgen sicher zu Hause antreffen," tagte Felicitas. „Thue das." nickte die Tante, „und laß Dir vom Baron die Adresse sagen." Auf Einladung seiner Gönnerin blieb Wolfgang den ganzen Abend über da, der ihm noch angenehmer verging, als der gestrige. Das Gespräch lenkte sich auf vergangene Zeiten; theure Erinnerungen an seine verstorbenen Eltern und die Stunden, wo er und Felicitas in diesen Räumen als Kinder mit einander gespielt hatten, traten, durch die mütterliche Freundin geweckt, wieder lebendig vor seine Seele, so daß er in ungleich weihevoller Stimmung als gestern das Hans verließ . . . Am andern Vormittag fuhren Frau von Prachwitz und Felicitas nach der entlegenen Vorstadt, in welcher Melanie Ncttberg wohnte. Die beiden Damen waren noch nie in diese Gegend gekommen. Als sie das Haus mit dem höhlenartigen Hofe betraten, die zerlumpten Kinder auf den Treppen sahen, von denen eins, sich verwegen über das Geländer hängend, blitzschnell an ihnen vorübergerutscht kam, als sie aus unsichtbaren Räumen zankende und keifende Stimmen vernahmen, da sank ihnen der Muth, und die etwas nervös veranlagte Frau von Prachwitz gerieth beinahe in Versuchung, wieder umzukehren. Die Wirthin mit dem allezeit offenen Ohre trat, als sie von draußen leise Schritte vernahm, aus ihrer stets nur angelehnten Thüre und war nicht wenig überrascht, zwei so vornehme Damen vor sich zu sehen, die nach Fräulein Ncttberg fragten. Sie zeigte ihnen das Zimmer, welches Frau von Prachwitz zuerst betrat. Melanie stand an dem Tische, worauf noch Felicitas' erbrochener Brief lag, und legte hastig und mit verstörtem Blicke eine Zeitung bei Seite. Frau von Prachwitz war beim ersten Anblick des jungen Mädchens für sie gewonnen. Sie ergriff mit warmherziger Lebhaftigkeit Melanies Hand und theilte ihr in den zartesten Worten mit, wie rühmend der Baron von ihr gesprochen, welche innige Theilnahme er für sie erweckt habe und was nun für sie geschehen solle. Jetzt erst bemerkte Melanie Felicitas, die sich bisher hinter ihrer Tante gehalten hatte. Die beiden reizenden Mädchen standen da und blickten einander stumm an, als sei jede erstaunt über die Schönheit der andern. Aber sei es nun, daß Melanie ihr Schicksal in der außerordentlichen Schönheit Felicitas' las oder daß für ihr aufgeregtes Gemüth jener rasche Wechsel der Empfindungen zu viel gewesen war, — sie erbleichte plötzlich und sank ohnmächtig in Felicitas' Arme. XIV. Um dieselbe Zeit, wo die eben erzählte Scene vor sich ging, kleidete sich der Baron von Sturen zum Ausgehen an, um seinen Freund Maitland aufzusuchen und mit diesem über die fatale Angelegenheit des jungen Rettberg zu sprechen. Er wollte eben nach Hm und Spazierstock greisen, als an der Thür gekiopft wurde. Der Besucher war Maitland selbst. „Nun, wie geht es fragte der Ankömmling. „Gut, wie ich sehe. „Gerade zu Ihnen wollte ich, Maitland," erwiderte Molfgang, „in einer ziemlich wichtigen Sache." „Und ich komme zu Ihnen, Baron," versetzte der Andere mit einem seltsamen Lächeln, — „in einer ziemlich — interessanten Sache. Aber bitte, lassen Sie mich zunächst Zuhörer sein." „Nein, Maitland, sprechen Sie zuerst," ersuchte Wolfgang. Beide setzten sich. „Nun, so hören Sie, Baron," begann der Andere. „Ich habe soeben erfahren, daß sich ein Wechsel auf fünfzehnhundert Mark in Berlin hernnureibt, der angeblich von mir acceptirt sein soll. Zufällig trifft es sich, daß ich einige Tausende auf's Jahr mehr habe, als meine Wünsche und Gewohnheiten erfordern — und so habe ich noch keinem Menschen auf Erden ein solches Ding ausgestellt. Einen ähnlichen Gedanken mochte wohl auch der Banquier haben, in dessen Portefeuille der Wechsel gestern oder heute übergegangen ist, denn er schickte denselben zu mir und ließ mich fragen, ob die Sache in Ordnung sei." „Und was gaben Sie zur Antwort?" fragte Wolfgang ängstlich gespannt. „Ich ließ dem Banquier sagen, ich werde selbst zu ihm kommen. Der Name des Ausstellers, der sich erlaubt hat, mein gefälschtes Accept auf den Wechsel zu setzen, veranlaßte mich hierzu, denn er lautet Eduard Rettberg, und ich weiß, daß dieser Betrüger Ihr Schützling ist." „Sie sagen mir da nichts Neues, Maitland," ent- gegnete Wolfgang nach kurzem Bedenken, „ich bin ebenfalls von der Fälschung unterrichtet und wollte deshalb soeben zu Ihnen kommen, um Sie zu bitten, den leichtsinnigen Menschen nicht vor Gericht zu ziehen. Ich habe nichts hinzuzufügen, als daß ich bereit bin, den Wechsel selbst einzulösen." Maitland lachte. „Sie schützen also doch das Lächeln der jungen Dame auf fünfzehnhundert Mark? Nun, Ihnen zu Gefallen will ich thun, was ich kann." Wolfgang sckwieg, während er mit sich selbst kämpfte. Er wußte, was Maitland argwöhnte. „Sie sind im Irrthum," ergriff er endlich das Wort. „Ich wünsche, den Burschen zu retten, allerdings nicht seiner selbst wegen, sondern aus Rücksicht auf seine Schwester, aber ohne jede unlautere Nebeuabsicht auf diese. Und was auch aus dem verworfenen Bruder werden möge, so haben sich doch Personen gefunden, welche sich für die junge Dame interessiren und dafür Sorge tragen werden, daß sie nicht, durch Armuth bewogen, der Versuchung zum Opfer fällt." „Nun, Baron," entgegnete Maitland, „wenn Sie die Gelegenheit, die sich Ihnen darbietet, nicht benützen wollen, so ist das Ihre Sache. Für mich aber ist jetzt die Gelegenheit so günstig, daß ich, der Versuchung weniger gewachsen als Sie, meinen bösen Antrieben ein wenig nachgeben muß." „Maitland!" rief der Baron aufspringend und des Anderen Arm ergreifend, „Sie versprachen mir —" — 421 — „Ja, ja, ich erinnere mich wohl meines Versprechens," entgegnete Maitland, „aber unsere Stellung hat sich inzwischen verändert. Ich bin jetzt selbst in die Sache verwickelt worden, ohne es zu wollen." „Und Sie wollen wirklich dem schlechten Beispiele des Herrn von Quinna folgen," rief Wolfgang, „Sie wollen das Verbrechen des Bruders gegen die Ehre der Schwester ausspielen?" „Herr!" fuhr Maitland auf, seinen Kopf in den Nacken werfend und den Baron aus wild flammendem Auge anblickend. Im nächsten Moment faßte er sich jedoch wieder, von seiner Stirn wich der finstere Ausdruck, sein Blick besänftigte sich. „Nein, Baron, sagen Sie das nicht. Ich will aus der Furcht des Mädchens keinen Nutzen ziehen, welchen Gebrauch ich auch von ihrer Dankbarkeit machen mag." „So geben Sie mir Ihr Wort, daß der Bruder gerettet werden soll?" fragte Wolfgang. „Ich verspreche Ihnen, so weit es mir möglich ist, den Burschen zu retten," antwortete Maitland nach augenblicklichem Nachsinnen. „Was meine fernere Handlungsweise in dieser Sache betrifft, so werde ich mich von den Umständen bestimmen lassen. Ich leugne nicht, daß ich mich für das Mädchen iuteressire und sie zu sehen wünsche. Und darin werden Sie nichts Bedenkliches finden, Baron." „Erlauben Sie mir aber die Frage," entgegnete Wolfgang, „warum Sie nur bedingungsweise davon reden, den Bruder des Mädchens vor den Folgen seines Verbrechens bewahren zu wollen. Die Sache ist ja auf die einfachste Weise von der Welt erledigt, wenn Sie Mich den Wechsel bezahlen lassen." „Das Letztere ist das Wenigste," versetzte Maitland, „denn ich bin selber nicht eben geizig, Baron, und es soll niemand Anderer als ich das Geld bezahlen. Wenn ich bedingungsweise redete, so geschah es weil —" Er unterbrach sich und versank in Nachdenken. Endlich streckte er seinem Freunde die Hand entgegen und sagte: „Wir haben einen kleinen Zwist gehabt, aber wir wollen wieder Freunde sein. So lassen Sie uns denn überlegen, was wir für Fräulein Rettberg's Bruder thun könen." Der Baron drückte ihm warm die Hand. Beide kamen überein, daß Maitland zu dem Banquier gehe und den Wechsel einlöse. Nettberg sollte in keiner Weise zur Verantwortung gezogen werden, aber nur unter der Bedingung, daß er mit dem nächsten Hamburger Dampfer nach Amerika abreiste. Er sollte mit den nöthigen Geldmitteln versehen werden, und man wollte dafür sorgen, daß er in Amerika eine Anstellung erhielte. Maitland ging so bereitwillig auf diesen Plan ein, daß die Macht seines Einflusses auf Wolfgang und der Reiz seines Umganges wiederhergestellt waren, als er diesen verließ, um die nöthigen Schritte zur Einlösung des gefälschten Wechsels zu thun. (Fortsetzung folgt.) ---- — GotükSrner. Dem Geiz ist nichts zu viel. Durch den dreieinen Gott du bist Gemacht, erlöst, geheiligt, Christ, Ihm schwurst im heil'gen Tausbund du Mit Leib und Seel' dich ewig zu. K. ---»LWLS-.- Neise-Skizze des bayerischen Pilgerzugrs nach Lonroes 1894. (Fortsetzung.) Vorher sahen wir noch links den hohen Berg Ven» toux, und können wir nicht unerwähnt lassen Carthözon, ein interessantes Städtchen mit von Thürmen flankirten Wällen und Thoren aus dem 14. Jahrhundert, dabei ein glänzendes, modernes Schloß. Nach ein paar weiteren Stationen erscheint vor unseren Blicken Avignon, sehr schöne Stadt mit 41,000 Einwohnern, einem ErzbischosS- sitz, Aufenthalt der Päpste von 1309 bis 1377, malerisch auf einem Hügel gelegen; wir eilen vorbei, werden aber auf der Rückreise I^Std. Aufenthalt haben. Wir kommen nun nach Taraseon, 9320 Einwohner, gegenüber Beaucair, mit einem Schloß aus dem 14. Jahrhundert und der Kirche der hl. Martha, welche die Stadt von einem Ungeheuer „Tarasqne" befreite. Das alte Schloß des Königs Rena überragt die Stadt. Es folgt nun eine weitere große Bahnstrecke: Tarascon-Toulouse, 335 Km. lang, mit 53 Bahnstationen. Südlich von hier, gegen Arles zu, wird eine weit ausgedehnte Ebene als das Schlachtfeld bezeichnet, auf dem nach hartem Kampfe Karl Martell die Sarazenen besiegte. Beim Durcheilen dieser Gegend begegnet man überhaupt einer Menge geschichtlicher Denkmäler; römische und griechische, sarazenische und christliche Geschichte spielte sich in dieser Gegend ab und ließ ihre tiefen Spuren zurück. Wir gelangen nun nach Nim es, einer der bedeutendsten Industriestädte des Südens, aus ihr sind viele berühmte Männer hervorgegangen, u. a. in alter Zeit der nachmalige römische Kaiser Antonius Pins, in neuerer Zeit Nicot, der die Tabakspflanze im 16. Jahrhundert aus Portugal einführte, weß- halb das in ihr enthaltene Gift Nicotin genannt wird, in neuester Zeit der bekannte französische Staatsmann Guizot. Hier konnten sich die Pilger wieder restauriren, da sehr guter Wein zu haben war, u. a. feuriger Mus- cat, der in der Umgebung von Lunel wächst; für die noch langdauernde Tour brauchten wir Stärkung; sogar Flaschenbier war zu haben aus einer Brauerei zu Nimes; es ist auffallend, daß die Bierbrauerei selbst in berühmten Weingegenden Frankreichs mehr und mehr an Boden gewinnt; das Bier war jedoch ziemlich theuer. Diese alte Stadt zählt 70,000 Einwohner und besitzt auch ein aus der römischen Zeit stammendes Amphitheater, für 24,000 Zuschauer berechnet. In Montpellier halten wir (6 Uhr Abds.) wieder an, nur wenige Minuten; diese Stadt mit 53,000 Einwohnern ist ein Bischofssitz und gilt als Heimath deS hl. Rochus, hatte einst hohen Ruf in der Medizin und Naturwissenschaft; es hat meist enge Straßen, aber sauber und gut gehalten; hier wurde durch den Friedensschluß 21. Oktober 1622 der 9. Hugenottenkrieg beendigt; am Bahnhof eine hübsche Anlage, Square genannt; Kathedrale des hl. Petrus. Die Eisenbahn führt hinter Montpellier durch eine reichbepflanzte Ebene und überschreitet das Mosson-Flüßchen, bei der Stat. Mireval überschreitet die Bahn zwei Sümpfe, dann über einen Kanal und mitten durch das Wasser nahe dem offenen Meer auf einem 1300 Meter langen Damm nach Cette am Mittelmeer. Hier war Wagenwechsel; die bisherigen bequemen Waggons mußten wir mit etwas beschränkten Wagen vertauschen, wo man kaum das Gepäck unterbringen konnte I — Die Allermeisten sahen zum Erstenmale das Meer; mir war es nicht fremd, da ich 1880 von Neapel aus mit der bayerischen Palästina-Karawane über das Mittelmeer nach Alexandria fahr. Es liegt etwas so Ernstes und Majestätisches in demselben, daß man voll Ehrfurcht Tage lang dies Wunder der Schöpfung betrachten kaun; der Gedanke an die Allmacht Gottes, an die Ewigkeit liegt nirgends näher, als wenn das Auge über den unermeßlichen Meeresspiegel schweift. Cette, sehr hübsch gelegen, zieht sich um den Fuß eines schroffen Felsbergcs und ist eine sehr belebte Haftn- und Handelsstadt, Festung dritten Ranges, mit 35,000 Einwohnern; von hier aus werden die besten französischen Weine in die Welt gesendet, und zwar mit dem echten sehr viel künstlicher Wein; auf den Aushäug- schildern ist die künstliche Fabrikation ganz offen angekündigt; hier sind 2000 Küfer beschäftigt, in den Schiff- banwerkstäiten 1200 Arbeiter; große Stockfisch-Trocknereien. Die Fischerei vom 1. Juli bis 1. März bei der Rückkehr der Fische aus den Teichen ist sehr ergiebig; die nahen Teiche mit Salzwasser liefern jährlich 24,000 Zentner- Fische, 7000 Zentner Aale, 45,000 Zentner Muscheln, 15,000 Wasservögcl; auch feine Austern werden gezogen neben den gewöhnlichen. Der Hafen der Stadt ist sicher, erfordert aber, um ihn vor Versandung zu schützen, jedes Jahr kostspielige Arbeiten. Die Salinen liefern ein für Seesalzgewinnung außerordentlich reines Salz von blendend weißer Farbe und pikantem Geschmack. 179 Meter über das Meer erhebt sich der Berg Ste.-Claire. Von Cette aus genießt man lange den Anblick des Meeres; bald kommt uns ein Wunderwerk des Südens, der Cana! du Midi, entgegen, der, im Jahre 1681 vollendet, in einer Länge von 239,000 Met. die Gewönne mit dem mittelländischen Meere verbindet und sein Wasser bald rechts, bald links von der Bahn in allen Formen, als flacher Canal, in Tunnels, in Berg- und Felseinschnitten, dem Meere zusendet. In Cette beginnt die Mit- tclmeerbahn. Bald nach der Ausfahrt rechts Aussicht auf den Etang de Thau, der mit seiner stillen Wasserfläche und Gebirgsumrahmung einem Alpensee gleicht. Inzwischen ist es Nacht geworden, die durchsausten Gegenden find aber vom Mondlicht beschienen. Wir eilen vorbei an der Stadt Agde am Canal du Midi, in fruchtbarer Ebene, in der Nähe ein längst erloschener Vulcan. Die Bahn verläßt nun das Meer und führt durch die trefflich bebauten Gefilde von Languedoc mit eigenthümlicher Weinkultur, rechts sieht man die Berge der Cevennen. Wir kommen um 9 Uhr Abends nach Beziers, das Loterras der Römer, Stadt mit 43,000 Einwohnern, in herrlicher Lage über einem gartenähnlichen Thal am Canal du Midi; die Stadt hat eine gothische befestigte Kathedrale St.-Nazaire, war im 13. Jahrhundert Hauptsitz der Albigenser, steht selbst in Frankreich nicht in gutem Rufe; 1890 hat die erste bayerische Pilger-Karawane eine unliebe Scene erlebt durch einiges Gesinde!. Es waren Alle angewiesen, sich ruhig zu verhalten, weder laut zu beten noch zu singen — und > auch nicht auszusteigen, z. B. zum Büffet; es waren ca. 50 Personen auf dem Perron, aber der Chef der Station hielt Ordnung. Und so fuhren wir nach 10 Minuten Aufenthalt weiter über den Orbefluß, dann ein Tunnel, über welchen der Canal du Midi hinweggeht; nachdem 26 Km. zurückgelegt sind, kommen wir nach Narbonne, welchem seine alten Thürme und Kirchen ein ernstes mittelalterliches Gepräge geben; die Kathedrale, deren Chor eines der edelsten Bauwerke gothischen Stils, ist dem hl. Justus geweiht; die Stadt soll der Geburtsort des hl. Sebastian sein. Von hier eine Eisenbahn nach Perpignan an die spanische Grenze. 58 Kilometer weiter gelangen wir nach Carcassonne, einer Stadt mit 27,000 Einwohnern, Festung, drei gothischen Kirchen: St.-Viucent und St.- Michcl, St.-Nazaire. Vorbei an Villefranche. Die Bahn nach Toulouse bietet links, besonders bis Station Bram, eine prachtvolle Ansicht der Pyrenäen, die in gewaltiger Ausdehnung die Strecke weithin begleiten. Rechts läuft der Canal du Midi, der 17 Millionen Frcs. gekostet hat; er beginnt in Toulouse und verbindet durch die Garonne daS atlantische Meer mit dem Mittelmeer; er ist 239 Kilometer lang, 20 Meter breit, 2^ Meter tief, hat 62 Schleusen und führt an 55 Stellen auf Arkaden über anders Gewässer; er hat ein paar Häfen, berührt Narbonne, mündet hinter Agde in den Thau und steht dnrch diesen mit dem Mittelmeer in Verbindung. Von Villefranche durch eine sehr reiche, schönes Getreide erzeugende Gegend, mit üppigen Gemüsegärten» schloßartigcn Landsitzen und alten verwitterten Kirchen mit hohen Thurmfagaden in unmuthiger Abwechslung geschmückt — nach Toulouse. Es ist die sechstgrößte Stadt Frankreichs mit 147,600 Einwohnern in einer fruchtbaren Ebene; ist Sitz eines Erzbischofs, hoher Gerichtshöfe, Universität, höherer Lehranstalten — die Garonne theilt sie in Stadt und Vorstadt. In Geist und Körperbildung zeigt sich bei den Bewohnern ein eigenthümlicher südlicher Typus; die Stadt hieß bei den Römern Noiosa, hat sehr sehenswerthe Kirchen, wie die Kathedrale St.-Etienne, St.-Sernin, eine großartige 5schiffige romanische Kirche, im 14. Jahrhundert beendigt, die größte und schönste Kirche in Toulouse, eines der bedeutendsten Bauwerke von Frankreich, mit Krypta, im Chor der berühmte Umgang, die Dour äss Oorps 8rrints, in besonderer Verehrung, mit den heil. Leibern von St. Saturnin, Thomas von Aquin und vielen anderen Heiligen, dann der zweischiffige Bau der Dominikanerkirche, die Kapelle der Inquisition mit der Zelle, welche der hl. Dominikus bewohnte, als er hier verweilte, ferner das Museum mit griechisch- römischen und mittelalterlichen Alterthümern, der Justiz- palast, das Kapital, ein großer Renaissancebau u. s. w. Toulouse war einst Mittelpunkt der Kriege gegen die Albigenser, die mit Feuer und Schwert vertilgt wurden; 1562 wurden 4000 Hugenotten in den Straßen der Stadt niedergemacht. Bei Toulouse fand der letzte Kampf gegen die Herrschaft Napoleons I. (Marschall Soult) statt. Die Bewohner von Toulouse waren schon im Mittelalter berühmt durch ihre dichterischen Anlagen; seine Troubadours waren zahlreich, berühmt in Minneliedern und religiösen Dichtungen. Von Toulouse führt die Bahn nach Muret (21 km), Stadt mit 4200 Einwohnern, wo sich 1213 das Schicksal der Albigenser entschied. Bei der Station St.-Julien passirt man die Garonne; von hier an wird die Fahrt interessanter, die Pyrenäenkette tritt näher hervor. St.-Gaudens, 91 km von Toulouse, ist eine alte, enge Stadt auf einer Anhöhe; auf der folgenden Bahnstrecke bemerkt man zu beiden Seiten auf den Bergen alte Schloßruinen. Die Stadt Montrejeau (104 km) liegt sehr schön und bietet ein weites Panorama der Pyrenäen. Von Capvern (127 km) gelangen wir nach Tarbes, Sitz eines Bischofs, zu dessen Diöcese auch Lourdes gehört. Schon vom Bahnhof aus hat man ein herrliches Panorama der Pyrenäen vor sich, welche, einer Niesen- mauer gleich, Spanien und Frankreich scheiden. Der 423 Uebergang zum spanischen und baskischen Charakter vollzieht sich schon auf französischem Gebiet; die Leute zeigen sich ernster, ruhiger, charaktervoller in ihrem ganzen Wesen. Auf dieser Strecke sah man weniger Weinbau, dagegen mehr Getreidefelder und Wiesen, eingefaßt von Obstbüumen. Es hatte wahrend der Nacht geregnet in diesen Gegenden, wie wir wahrnehmen konnten, und noch kamen einzelne Regenschauer. Die Stadt ist schön, in der Nahe des Bahnhofes sind große Fabriken, aus denen besonders Thonarbeiten hervorgehen; ihr reges Leben hat sie großentheils dem nahen Lourdes zu verdanken. Die Stadt, welche 18,000 Einwohner zählt, bildet einen Centralort für die Pyrenäen-Reisenden, welche sich von da in das Gebirge und in die Pyrenäen begeben; sie ist auch Hauptstadt des Departements der Hoch-Pyrenäen. Die öffentlichen Plätze und Straßen der Stadt sind mit üppigen Alleen von Linden, Ulmen und Akazien bepflanzt. Alles soll der Garten des Massel) übertreffen, der den Garten aus eigenen Mitteln anlegte und der Stadt zum Geschenke gemacht hat. Von den öffentlichen Gebäuden ist die bischöfl. Kathedrale bcmerkenswerth. Der Bischof hält sich auch oft in Lourdes auf, wo ihm eine große, geräumige Wohnung zur Verfügung steht, und erhöht die Feier an gewissen Festtagen. Von hier fährt eine Zweigbahn, 82 lern lang, nach dem berühmten Pyrcnäcnbad deBigorre, mit 40 kalkhaltigen Salinenguelleu, schon den Römern bekannt. Nur noch eine Stunde Eisenbahnfahrt, das Auge wendet sich nicht mehr vom Fenster weg; je tiefer wir in die Pyrenäen, in die ersten schroffen Abhänge des Hochgebirges eindringen, um so lauter Pacht das Herz von freudiger Sehnsucht; Müdigkeit und Schlaf ist vergessen, ebenso Hunger und Durst. Zur Stillung des Hungers hatten sich die Meisten mit Lebensrnitteln vorgesehen, und Wein war ja auf den größeren Stationen an den Büffets zu haben. Die Gedanken eilen voraus zur Mutter Gottes; endlich erklingt freudig der Name Lourdes, wir sind am Ziele unserer Wünsche. Es war vormittags 9 Uhr. Als wir aus den Waggons gestiegen waren, sammelten wir uns um den Direcior. Alle erhielten Quartier- karten, und nun eilten wir, die Einen zu Fuß, Andere in Wagen, hinein in die Stadt, suchten unsere Quartiere auf. Ein großer Theil war an's Hotel Brnnis angewiesen, dessen Eigenthümer (aus Elsaß stammend) auch das benachbarte Hotel Beige, Hotel Sti-Joseph und Hotel Bethanie gepachtet hatten, sowie Privatquartiere. Für Quartier und vollständige Beköstigung hatten wir nur 7 Francs pro Tag zu bezahlen. — Nun Einiges über die Stadt. Noch vor 3 Jahrzehnten war Lourdes eine Stadt Mit 4000 Einwohnern, die ihren stillen täglichen Geschäften nachgingen, — über die Grenzen Frankreichs hinaW wenig bekannt. Die Lage, mitten im Hochgebirg, am äußersten Südende Frankreichs, nahe der spanischen Grenze, schloß sie gleichsam von der übrigen Welt ab, Die Stadt selbst besteht aus mittelgroßen Häusern, engen Straßen, grup- pirt am Fnße eines hohen Felsenrückens, der von einer malerischen, hochgelegenen Festung gekrönt ist. Jenseits dieses Felsens strömt der Gave vorbei. Die Festung hatte als Schlüssel zu den Thälern der Pyrenäen einst eine hohe Bedeutung; jetzt hat sie nur noch malerisches und historisches Interesse. Anfang dieses Jahrhunderts diente sie als Staatsgefnngniß. Lourdes ist ein Knotenpunkt vieler Straßen, die zu den warmen Pyrenäenbädern führen, sowie zu 2 spanischen Gebirgspässen, sowie nach Pau, Tarbes. Die Einwohner von Lourdes haben, wie die übrigen Gebirgsbewohner, einen tiefreligiösen Sinn, der sich besonders in zahlreichen, hier schon längst bestehenden religiösen Vereinen kundgibt. 11m 11 Uhr war die Begrüßung, die erste Andacht und Huldigung an die allerseligste Jnngfran in der Felsengrotte Massabielle anberaumt. Wenn man von der Stadt hinaustritt, ist es zuerst die Brücke über den Gaveflnß, welche man passirt, dann kommt ein ungeheurer großer und länglicher Platz, ca. 300 rn lang und 100 in breit, mit prächtigen Anlagen und vielen Bäumen, längs des FlnsseS, an dessen Anfang die Statue des heiligen Michael steht, mit mächtig geschwungenem Schwert. In der Mitte dieses Platzes befindet sich das Zeichen deS siegenden Heilandes, ein hochragendes, metallenes Kreuz, und am Ende des schönen Platzes die große, kunstvolle Statue der gekrönten Madonna, mit einem Siernenkcanze geschmückt und im Jahre 1876 durch den päpstlichen Nuntius im Auftrage Pins' IX. mit einer Krone von Gold und Edelsteinen gekrönt; aus Diamanten und Brillanten, geopfert von den Damen Frankreichs. Damals waren 100,000 Pilger zugegen. Nachts bei den Lichter-Processionen wird sie beleuchtet und strahlt im hellsten Glänze. Auf der rechten Seite befindet sich das Pilgerhans, Abri genannt. Das lange Parterre dieses großen Hauses besteht aus einem einzigen großen Saale, in welchem sich die Pilger zu verschiedenen Besprechungen versammeln. Vor unseren Augen erhebt sich die herrliche Basilika, unter deren Vorplatz die großartige, geräumige Rotunda sich ausdehnt, welche nach den 15 Altären zu Ehren der 15 Geheimnisse des Rosenkranzes gewöhnlich Nosenkrauzkirche genannt wird. Auf der Höhe deS Felsens Massabielle, über der heiligen Grotte der wunderbaren Erscheinung Mariens, erhebt sich die Basilika, -nahe derselben ein Klostergebände, der Wohnsitz der Missionäre, welchen vom römischen Stuhle die Seelsorge und die Leitung der großartigen Wallfahrt übertragen ist. Wir eilen auf der Straße Zwischen dem Felsen und Fluß hin zur berühmten heiligen Grotte, um die unbefleckte Jnngfran an dieser geheiligten Gnadenstätte zu verehren und Maria, der katrcma. Lavariao, als ihre Kinder aus dem fernen Bayerlande zu huldigen. Unbeschreiblich sind die Gefühle, welche das Herz des Pilgers bei diesem ersten Besuche der Grotte bestürmen; ja, man fühlt es, daß es ein hochheiliger Ort ist. Ich habe Vieles gesehen in 3 Welttheilen, war auf hohen Bergen der Alpen und der Apenninen, und viele hundert Klafter tief unter der Erde in den domähnlichen Grotten der Salzkrystall-Bergwerke in Wiliczka (Ealizien); ich sah die Pyramiden von Gizeh und die ägyptischen Tempel, besuchte den Weltdom St. Peter in der ewigen Stadt Rom und so viele Städte in Italien und Frankreich, sah den Wasserspiegel des Mittelmeeres, wie des Atlantischen Oceans; aber außer Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, Tabor, Gcnesareth hat Nichts die Seele so tief ergriffen, als die heilige Grotte von Lourdes, wo die heiligste Jungfrau im Jahre 1858 einem unschuldigen 14jährigen Hirtenmädchen, Bernadette Sonbirous, 18mal, jedesmal 20 Minuten lang, erschienen ist. — Es sind Offenbarungen, deren Wahrheit durch den heiligen Stuhl anerkannt ist und für alle Jahrhunderts fixirt in der 424 Anordnung eines hierauf bezüglichen Officiums und der Missa, die alljährlich am 18. Februar zu Ehren dieser geheimnißvollen Erscheinung zu cclebrircn ist. Nicht als Fremde fühlten wir uns hier, an diesem zum erstenmale geschauten Orte, sondern wie Kinder in der Heimath, in der Nähe der Mutter! Der Felsen, auf welchem die Füße der himmlischen Erscheinung geruht, liegt vor dem Pilger; heiliger Schauer ergreift ihn. er wirft sich nieder auf die Kniee und betet: ^.vs Nuriu Imwaeulata! Die geheimnißvolle Anziehungskraft, welche die Grotte auf alle sich ihr Nahenden ausübt und auf Hunderttausende ausgeübt hat, ist allein Beweis genug für die Wahrheit der Erscheinung. Welch liebliches, einzigartiges Heiligthum ist dies! Das Auge sieht npr die Felsenhöhle mit dem lichtumslossenen Marmorbilde der unbefleckten Gottesmutter, über dem Felsen ist der Himmelsdom, im Hintergründe die Gebirgslandschaft: die hohen, an den Gipfeln schneebedeckten Berge der Pyrenäen; das Ohr hört nichts, als das Rauschen des nahen Gave- flusses und das Knistern der hundert brennenden Kerzen. Gewaltig ragen an dieser heiligen Stätte die schwarzgrauen Felsen empor, deren tiefer Ernst gemildert ist durch das zarte Grün der Gräser und Gesträuche. Die heilige Grotte dehnt sich am Fuße des Berges aus, 12 in breit, 7 m hoch und 8 m weit in den Felsen hinein. Rechts, etwas erhöht, ist die Nische der Erscheinung mit der Marmorstatue der „unbefleckten Empfängnis;", eine anmuthige, liebliche Gestalt, von einem der ersten Künstler Frankreichs in Lyon gebildet. Die Nische ist eine große Fclsöffnnng in ovaler Form, 4 m über dem Boden, die sich etwa 1 m 50 am von unten nach oben in den Felsen hinein vertieft und sich dann in zwei Arme abtheilt, von denen sich der eine in die untere Grotte herabsenkt, während der andere nach oben hin an der Außenseite des Felsens mündet. Nachdem der hochw. ?. Superior der Missionäre uns in französischer Ansprache begrüßt hatte, deren Hauptinhalt der deutsche k. Asprion wiederholte, hielt auch Herr Director Beyrer an die Pilger eine erhebende Anrede von der Kanzel aus, die neben der Grotte angebracht ist, — unter Zugrundelegung des Kirchengeldes 8t. Nrrriu, suoourrs miserm usw., nebst Aufforderung zum fürbittenden Gebete für Angehörige, Wohlthäter, Lebende, Verstorbene, für's Vaterland und Königshaus, für Papst und Bischof, für Alle, die sich in unser Gebet empfohlen! In sehr gehobener Stimmung kehrten wir vorn Gnadenorte zur Stadt zurück, in die Hotels zum Mittag-Tisch. Um 2 Uhr fand für die sangeskundigen Pilger und Pilgerinnen in der Abri-Halle Chorprobe einer Festmesse von Stehle (gemischte Stimmen) für das Hochamt am folgenden Tage statt. (Fortsetzung folgt.) -- ALLereLsi. Naive Freude. Mutter (Bäuerin beim Besuche ihres Sohnes in der Universitätsstadt^: „Ach, wie sieht es hier unordentlich bei Dir aus! — Ich freue mich nur, daß Du wenigstens die theuren Bücher recht geschont hast!" -«-SS8WS-«- Großmutter und Kind. Jung und All, lobet den Namen des Herrn. Psalm 148, 12. DaS waren beide ein seltenes Paar, Sie zählten zusammen wobl hundert Jahr', Großmütterlein fröhlich und noch gesund, Die Enkelin traurig und todcswund. Oft sprach die Alle von alter Zeit, Dann lauschte die Kranke in ihrem Leid, Ein Znumer schloß Frühling und Winter ein, Mocht'S draußen Frühling, mocht's Winter sein. „Als ich ein Mädchen, wie Du jetzt, war, Trug ick ein Kränzlein im Lockenbaar, Ich durfte gehen zum Tuch des Hwrn, Wie liegen die Zeiten so weit, so fern!" „Großmutter, dort hanget ein Myrtenreis, Mein Kleidchen im Kauen ist schnceigt weiß, Bin ich nur gesund, dann gehe ich auch Zu meinem Heiland nach and'rer Brauch." Aus der Alten Aug' eine Thräne sich stahl, Tes Kindes Wangen waren so fahl, „Und kannst Du nicht selber zum Heiland geh'N, So sollst Du an Deinem Bette ihn seh'n." Der Herbstwind färbte die Blätter roth, Da kam in die S übe zu Gaste der Tod, Dem Kinde zogen sie 'S Brautkleid au, Es hat den Bräutigam sterbend empfahn. Großmutter und Enkelin haben geweint, Als sie mit dem Herrn sich selig vereint. Die Kleine that es den Großen gleich, An Jugcird wurde die Alte reich. Das waren beide ein seltenes Paar, Die welkende Blüthe beim grauen Haar, Großmütterlein fröhlich und noch gesund Und ihre Enkelin todeswund. Adolph Müller. - - - «- Schachaufgabe. Von L. Tavcrnec (Boston). Scbwarz. Weiß zieht an und seht mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Logogryphs in Nr. 53: Raum. Rum. - ^L56. „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 10. Juli 1894 : Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr). Zm Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XV. Trotzdem die Besprechung mit Maitland mit einem versöhnenden Accord ausgeklungen war, fühlte Wolfgang die Nothwendigkeit, die Entfernung Melanie Rettbergs aus ihrer bisherigen Wohnung zu beschleunigen, um sie aus dem Bereiche eines noch gefährlicheren Verfolgers als Quinna war, zu bringen. Um ihr einen warnenden Wink zu geben, begab er sich nach ihrer Wohnung. Eben als er im Begriff stand, den großen Kasernen- bau zu betreten, kam ihm Melanie aus der Hausthüre entgegen. Sie trug ein einfaches graues Beigekleid und in der Hand ein ledernes Handtäschchen; das goldblonde Haar war von einem Weißen Strohhütchen mit dunkelrothen Rosen bedeckt, der ihr wunderhübsch zu Gesicht stand. „Herr Baron I" rief sie überrascht und wollte umkehren, um ihren Besucher hinaufzuführen. „Nein, bitte, Fräulein Nettberg, ich will Sie nicht erst die Treppen wieder Hinaufbemühen," erwiderte Wolfgang. „Gewiß sind Sie auf dem Wege, um Einkäufe zu machen. Wenn Sie mir gestatten wollen, begleite ich Sie ein Stück." Was war es, das ihm an ihrem Benehmen auffiel? Er bemerkte eine eigenthümliche Schüchternheit an ihr; ihre Stimme hatte gebebt, als sie ihn anredete, ihr Blick senkte sich zu Boden. Die Offenheit ihres Wesens, mit welcher sie ihn stets empfing, war verschwunden. Wolfgang fand für diese Veränderung keine Erklärung, doch würde sie ihm begreiflich erschienen sein, wenn er gewußt hätte, daß Melanie nach dem Besuche der beiden Damen in ihr Herz geblickt und sich die Frage vorgelegt hatte, welches eigentlich ihre Gefühle für den Mann waren, der jetzt vor ihr stand. Ihre Aufregung bei dem Anblicke Felicitas' hatte ihr zuerst verrathen, daß etwas Seltsames in ihrem Inneren vorging, und seitdem hatte sie nur immer an den Baron denken müssen. Sie reichte ihm indessen ihre Hand — eine Hand, die gewöhnlich so kalt wie Marmor war, aus welchem sie, der Farbe nach zu schließen, gebildet schien; doch diese Hand war jetzt glühend heiß und ihre Wange so bleich. „Sie sind krank, Fräulein Rettberg!" rief Wolfgang, als er die fieberhafte Berührung fühlte. „AchI es ist heute so vieles auf mich eingestürmt, was mich aufgeregt hat," seufzte sie. „Ich hatte Sie und Ihre Lage nicht vergessen, Fräulein Rettberg," erwiderte er mit freundlichem Ernst, „thu Sie für den Fall meines Todes nach Möglichkeit zu schützen, schrieb ich meine letztwilligen Wünsche nieder, damit Sie auf Lebenszeit vor Gefahr und Mangel gesichert seien." „O, ich weiß, Sie sind edel und gut, ich weiß es sehr wohl!" flüsterte Melanie, und unfähig, ihre tiefe Bewegung zu bemeistern, mußte sie das Taschentuch an die Augen bringen, um rasch ihre Thränen zu trocknen. Während Wolfgang ihr beruhigend zusprach, hatten beide eine kleine Promenadenanlage erreicht, wie es deren auch in den ärmeren Stadttheilen Berlins giebt. Hier wandelten sie ziemlich ungestört auf und ab. „Ich darf wohl annehmen," sagte Wolfgang, „daß es Ihnen nicht gelungen ist, von ihrem Bruder in der Wechselangelegenheit den gewünschten Aufschluß zu erhalten." „So oft ich davon anfange, weist er mich brutal zurück," gab Melanie bekümmert zur Antwort. „Haben Sie ihn vielleicht im Verkehr mit einem Manne von riesenhaftem Wüchse gesehen," fiel der Baron plötzlich ein, „einem Manne in mittleren Jahren, der den Beinamen „der Ulan" trägt?" „Ihre Beschreibung paßt allerdings auf einen Bekannten meines Bruders, der ihn zuweilen besucht. Ich kenne ihn aber unter dem Namen Nölltng. Er trägt das dunkle Haupt- und Barthaar stets kurz abgeschoren —" Wolfgang nickte. „Und das hat mich zuweilen auf den Gedanken gebracht, ob er das nicht thut, um beliebige Metamorphosen mit seinem Gesicht vornehmen zu können." „Es liegt allerdings etwas in seinem Wesen, als ginge er auf krummen Wegen," stimmte Wolfgang bei. „Doch habe ich diesen Gegenstand nur nebenher berührt, Fräulein Rettberg. Was den Wechsel betrifft, so dürfen Sie unbesorgt sein. Der gefälschte Name ist ermittelt; das seltsame Spiel des Zufalls hat es sogar gefügt, daß ich mit diesem Manne, der Maitland heißt, nahe befreundet bin. Ich habe sein Versprechen erhalten, gegen Ihren Bruder nichts zu unternehmen. Der Wechsel dürfte jetzt bereits eingelöst sein." Melanie blieb stehen, und ihr Busen hob sich unter 426 einem tiefen Athemzuge, als fühle sie sich von einer erdrückenden Bürde befreit. „So ist also alle Gefahr für meinen Bruder vorüber?" fragte sie, dem Baron mit inniger Dankbarkeit die Hand drückend. „Sie haben nichts mehr für ihn zu fürchten; doch ist auf seine Besserung kaum zu hoffen, wenn er nicht seinem bisherigen Umgänge entzogen wird." „Ich fürchte, Sie haben nur zu sehr recht." „Mein Freund Maitland und ich sind daher übereingekommen, ihn mit der nächsten Gelegenheit nach Amerika zu schicken und dort für sein weiteres Fortkommen zu sorgen." Melanie schwieg, und als Wolfgang Thränen in ihrem Auge sah, kam er sich fast grausam vor, ihr diese Eröffnung gemacht zu haben. „Ich werde ihn wohl niemals wiedersehen," sagte sie unter einem schmerzlichen Seufzer, „denn ich glaube, er hat ein Brustleiden und wird nicht alt werden. Aber auch ich erwarte einen heilsamen Einfluß auf seinen künftigen Lebenswandel nur von einer gänzlichen Veränderung seiner Umgebung und seiner Verhältnisse. Da ihm aber nun Herr von Quinna nicht mehr schaden kann, so habe auch ich diesen nicht mehr zu fürchten und brauche sonach Frau von Prachwitz und Fräulein Teßner nicht erst zur Last zu fallen." Dem Baron kam diese Schlußfolgerung sehr unerwartet, sie stand im geraden Gegensatze zu dem Zwecke, der ihn zu Melanie geführt hatte. „Im Gegentheil," erwiderte er, „Sie bedürfen einer solchen Zufluchtsstätte dringender denn je." „Ihr Rath ist stets gut und ich müßte sehr undankbar sein, wenn ich ihn nicht befolgen wollte," sagte sie resignirt. „Frau von Prachwitz will mich heute gegen Abend abholen und wird mich bereit finden, mit ihr zu gehen." „Noch muß ich Sie um etwas bitten," bemerkte der Baron zögernd. „Wollen Sie es mir gewähren, ohne zu fragen warum?" „Sie dürfen es nur nennen," antwortete sie. „O, es wird Ihnen nicht schwer werden, Fräulein Rettberg. Ich verlange nichts von Ihnen, als daß Sie mir Ihr Wort geben, niemandem Ihren künftigen Aufenthalt zu verrathen." „Ich gebe es Ihnen, Herr Baron. Ich werde niemandem sagen, wohin ich gehe, weder meinem Bruder, noch meiner Wirthin, noch sonst jemandem in der Welt." „Selbst meinem besten Freunde nicht," fügte Wolfgang hinzu. Er betonte die letzten Worte so stark, daß Melanie ihn fragend anblickte. Doch erwiderte sie: „Ich werde mein Versprechen unter keinen Umstünden brechen." „Ich danke Ihnen, und nun leben Sie wohl," sagte er, ihre Hand ergreifend. „Ich hoffe, Sie heute Abend noch bei Frau von Prachwitz zu sehen." Er schnitt ihr die Dankcsworte, die ihr auf den Lippen schwebten, ab, indem er mit einem leisen Drucke ihre Hand losließ und mit ehrfurchtsvollem Gruße sich entfernte. Als er sie nicht mehr sehen konnte, drückte sie ihre Hand an die Stirne. „Ich darf nicht mehr an ihn denken," waren ihre Gedanken, „es wäre Wahnsinn!" XVI. Von ihrem Ausgange nach Hause zurückgekehrt, packte Melanie in ihrem Schlafzimmer ihre Sachen ein. Sie war zerstreut und unruhig. .Zuweilen hielt sie in ihrer Arbeit inne, ging in das vordere Zimmer, setzte sich auf einen Stuhl und verfiel in Nachsinnen; dann griff sie nach einem auf dem Tische vor ihr liegenden Blatt Papier, begann zu zeichnen, um ihre Gedanken von dem Gegenstände, der diese beschäftigte, abzulenken, und sprang plötzlich, als habe sie etwas versäumt, wieder auf, um hastiger als zuvor mit dem Einpacken fortzufahren. So hatte sie in seltsamer Unruhe ein paar Stunden zugebracht, als sie ein Klopfen an der Thür des vorderen Zimmers zu Vernehmen glaubte. Vorsichtig schloß sie die Thür des Schlafgemachs, worin ihr geöffneter Koffer stand, ehe sie „Herein" rief. Die Wirthin erschien, eine Visitenkarte in der Hand. „Sie empfangen ja lauter vornehme Besuche," sagte sie wichtig, „erst waren die beiden feinen Damen da und nun wünscht Ihnen ein sehr eleganter Herr seine Aufwartung zu machen. Ich hielt ihn im ersten Augenblicke für — " „Bitte, sagen Sie dem Herrn, ich würde mich sehr freuen, ihn zu sehen," fiel ihr Melanie hoch erröthend ins Wort, als sie auf der Karte den Namen „Otto Maitland" gelesen hatte, denn sie erinnerte sich sogleich, daß des Barons Freund so hieß, welcher eine so großmüthige Schonung gegen ihren Bruder übte. Beinahe wäre ein Ausruf der Ueberraschung Me- laniens Lippen entschlüpft, als der Besucher eintrat, denn sie glaubte im ersten Augenblicke den Baron von Sturen wieder vor sich zu sehen. Aber als sie die Täuschung gewahr wurde, fühlte sie, wie trotz der Ähnlichkeit Mait- land's mit dem ihr so theuern Baron, trotz der Dankbarkeit, die sie für den Ankömmling hegte, ein Etwas wie ein leiser Schauder sie berührte. Melanie überwand den seltsamen Eindruck wenigstens so weit, daß er sich nicht in ihrem äußeren Benehmen verrieth. Sie trat Maitland mit ihrer gewohnten Anmuth entgegen und sagte, ihm die Hand reichend: „Herr Baron von Sturen hat mir mitgetheilt, wie edel und gütig Sie gegen meinen Bruder zu handeln geneigt sind. Ich kann nur Gott aufrichtig bitten, Sie zu belohnen, wie Sie es verdienen." Ein seltsamer dunkler Schatten flog über Maitland's Gesicht. Doch er erwiderte sogleich, indem er Melanie's Hand sanft drückte: „So ist mir mein Freund also zuvorgekommen? Ich glaubte, der erste Ueberbringer jener Nachricht zu sein, welche Sie, wie ich gewiß wußte, erfreuen würde." Maitland hatte sich in Melanicns Nähe auf einem Stuhle niedergelassen und fuhr fort: „Sie haben in der letzten Zeit viel Trübsal erlebt, mein liebes Fräulein, und was mir mein Freund davon erzählte, hat den lebhaften Wunsch in mir erregt, etwas für Ihr Glück zu thun, wenn Sie es mir erlauben wollen." „Sie haben durch Ihre hochherzige Handlungsweise an meinem Bruder für mein Glück bereits mehr gethan, als ich Ihnen je zu vergelten vermöchte," versetzte Melanie Nettberg, „und nun mir diese schwerste aller Sorgen vom Herzen ist, hoffe ich mit Hülfe der Freunde, die ich so unerwartet gefunden habe, nichts weiter zu bedürfen. Meine Lage wäre allerdings mehr als verzweifelt gewesen, hätte mir nicht der Herr Baron Hülfe und Trost gewährt." 427 „Mein Freund ist in der That sehr liebenswürdig," sagte Maitland lächelnd. Eine dunkle Nöthe flammte über Melanie's Gesicht und Hals. Es waren weniger Maitland's Worte, als der Ton, in welchem er sie gesprochen, und das Lächeln, womit er sie begleitet hatte, worüber sie erglüht war. In ihrer Empfindung lag indessen auch ein Anflug von Unwillen, und obgleich die Nöthe von ihrem Antlitz noch nicht gewichen war, hob sie doch den Kopf hoch und entgegnen: „Er ist nicht allein liebenswürdig, sondern auch edel und großmüthig. Er zählt zu den wenigen Menschen, die einen erlangten Vortheil niemals in selbstsüchtiger Weise ausbeuten." „Da haben Sie vollständig Recht," pflichtete Maitland bei, „seine Beweggründe sind stets edel, vielleicht sogar etwas zu edel. Es giebt Fälle im Leben, mein liebes Fräulein, wo unser eigener Genuß das Mittel wird, anderen Genuß zu verschaffen, und unter solchen Verhältnissen ist die Selbstverleugnung kaum angebracht." Melanie war von zu großer Herzensreinheit, um diese Rede zu verstehen, und der men- schenkundigeMaitland,welcher mit jedem Augenblicke ihrenCharakter tiefer durchschaute, lenkte das Gespräch auf andere Gegenstände, wobei er seine ganze glänzende Unterhaltungsgabe insTreffen führte. Melanie hörte mit Vergnügen zu, und es gelang ihrem Besucher, sogar ihre Bewunderung zu erregen, womit ihr Herz freilich nichts zu thun hatte. Der Eindruck, welchen sie selbst auf Maitland machte, übertraf weit dessen Erwartungen. Oft schlug er mitten imBrillant- feuerwerk seiner Unterhaltung auf eine Secunde die Augen nieder und erhob sie dann wieder gedankenvoll zu Melanie's Antlitz, um ihre Schönheit förmlich ein- zuschlürfen. „Ich will mich jetzt von Ihnen verabschieden, Fräulein Nettberg," schloß er die Unterhaltung, „aber ich darf wohl die Hoffnung mitnehmen, daß Sie mich für die Zukunft nicht von Ihrer Gesellschaft ausschließen werden, die ich hoch schätzen gelernt habe. Es ist dies wohl die geeignetste Stunde," setzte er hinzu, nach der Uhr sehend, „die ich wählen kann, Sie zu treffen?" Schon war Melanie im Begriff zu antworten, sie werde von morgen an nur bei Frau von Prachwitz zu treffen sein, als sie sich plötzlich des Versprechens erinnerte, welches sie dem Baron gegeben hatte. Dann dachte sie wieder, dem Netter ihres Bruders, dem Freunde des Barons dürfe sie es ja wohl sagen; aber da sielen ihr Wolfgang's seltsam betonte Worte ein: „selbst meinem besten Freunde nicht I" „Ich gehe sehr selten aus," erwiderte sie ausweichend. „AHI Sie sind auch Künstlerin?" rief Maitland, soeben das Blatt mit der Zeichnung auf dem Tische bemerkend und dasselbe in die Hand nehmend. „In der That, köstlich und von sprechender Aehnlichkeit. So kurz und vorübergehend auch meine Bekanntschaft mit dem Originale war, so erkenne ich es doch sofort wieder, Zug für Zug!" Melanie hatte ihre Wirthin in ganzer Figur auf's Papier gezeichnet, um diese charakteristische Erscheinung zu fixiren, ehe sie in ihrem Gedächtniß verblaßte. „Wissen Sie auch, mein talentvolles Fräulein," fuhr Maitland fort, „daß Sie dieser Figur nur noch ein mittelalterliches Gewand anzuziehen brauchen, um aus ihr eine so prächtige Frau Martha Schwerstem zu machen, wie sie dem Altmeister Goethe nicht besser vorgeschwebt haben kann? Wenn es Ihnen dann noch gelingt, ein glückliches Modell für den Mephisto zu finden, so wird das geradezu ein Kabinetsstück geben." Er legte die Zeichnung wieder auf den Tisch und beendete seinen Besuch, indem er sich in ebenso warmer als respektvoller Weise der jungen Dame empfahl. „Ein schönes Kind!" murmelte er, unterwegs fortwährend an Melanie Nettberg zurückdenkend, „ein wahrhaft bestrickendes Wesen! Dieser gnädige Herr Baron" — er sprach den Titel sehr langsam und mit einem sehr gehässigen Accent aus — „ist ein ungeheurer Thor, eine solch' kostbare Perle wegzuwerfen!" (Forts, f.) Casimir pericr. -.AAS- GoldkSrner. Keiner ist so glücklich, so vernünftig und liebenswürdig wie ein wahrer Christ. Pascal. Gut sein, ist Pflicht, sein, Jämmerlichkeit. sehr gut sein, Tugend — halb gut Der, dessen Glaube echt und klar, D>n kann kein Leid bezwingen, Der mag wohl, aller Güter bar, Noch wie ein Vogel singen! Schaut doch d-e Lilien in dem Feld, Wie sind sie frisch und wohlbestellt, Wie grün und guter Dingen! Annette v. Troste. Kommt der Dieb zum Eide Und der Wolf zur Haide, So gewinnen Beide. - 428 Reise-Skizze deS bayerischen Pilgerzuges nach Lourdes 1894. (Fortsetzung.) Während des ganzen Nachmittags war Beichtgelegenheit für die Pilger; die Missionäre wie die Geistlichen der Karawane hatten sich in der Rosenkranzkirche und in der Krypta hiefür zur Verfügung gestellt, nachdem zuvor der Rosenkranz gebetet worden war, ebenso abends nach 7 Uhr, wobei auch das Salve Regina u. a. gesungen wurde. Die anwesenden Franzosen sind voll Lob über die Schönheit und Kraft unseres deutschen Volksgesanges und betheiligen sich fleißig an unsern Andachtsübungen. Einige wünschten den Text zu besitzen; sie sagten: „wir sehen, daß Ihr auch gute Christen seid!" Niemand verließ vor 9 Uhr abends die heilige Stätte, welche im Vorraum 20,000 Andächtigen Platz gewährt. Manche blieben bis 10 oder 11 Uhr abends, bis sie in ihre Quartiere zur Stadt zurückkehrten. Samstag, 14. April, celebrirten die priesterlichen Pilger von morgens 5 Uhr an, meist in der Basilika oder Rosenkranzkirche, heilige Messen unter fleißiger An- wohnung der Mitpilger. Von 7—8 Uhr waren 2 heilige Messen in der Grotte, während deren die heilige General- Communion stattfand und deutsche Meßlieder gesungen wurden. Dann wurden die Kranken, welche sich vor der Grotte in Reihen aufgestellt hatten, mit dem Sanctissimum benedicirt, unter Vorbeten ergreifender Gebetsanmuthungen zur Erweckung des gläubigen Vertrauens, worauf die Pilgerschaft in Procession betend zur oberen Basilika sich bewegte, das Sanctissimum dorthin begleitend. Um halb 10 Uhr predigte der blinde Herr Pfarrer G. Hackl von Steindorf über Maria die Unbefleckte und diese ausgezeichnete Gnadenstätte, wobei Alle tief gerührt wurden. Während des folgenden leoitirten Hochamtes würde vom Pilger-Sängerchor eine 4stimmige Festmesse von Stehle recht gut vorgetragen, unter Direction des Herrn Beneficiaten von Wertingen. Nachmittags 3 Uhr wurde Kreuzweg-Andacht auf dem Calvaricnberge gehalten, wo an den 14 Stationen große Kreuze aufgestellt waren. Die Sonnenstrahlen brannten ziemlich heiß hernieder, so daß wir viel Schweiß vergossen bei dem Herumwandern auf dem ziemlich steilen und hohen Vorberge der Pyrenäen. Auf dem Rückwege besuchten wir die auf der andern Bergseite gelegene große St. Magdalenen-Grotte mit dem lebensgroßen Bilde der Heiligen und der schmerzhaften Mutter Maria. Später war Rosenkranz, während besten sich die Pilger vor der Piscina aufstellten, in welcher die Kranken der Reihe nach badeten im Wasser der wunderbaren Heilquelle. Heule, Samstag, abends halb 8 Uhr hielten wir eine Lichter - Procession, procession aux tiaindsaux. Alle hatten sich mit Kerzen versehen, und nun setzte sich von der Grolle aus bei der Dämmerung der Zug in wohlgeordneten Reihen in Bewegung, den Felsen hinauf in Serpentinen sich bewegend, jeder die brennende Kerze in der Hand. Während der Sängerchor das schöne Lourdes- lied sang, wurde der Schlußrefrain „Ave Maria" von allen Pilgern gesungen, so daß die Felsenwände ein freudiges Echo wiedergaben. So nitl der Zug hinaus in die Nacht, über uns Das Firmament mit seinen funkelnden Sternen, — lange Reihen wandelnder Lichtträger haben sich gebildet ; den 506 Pilgern der bayerischen Karawane haben sich auch Hwndene von Pilgern aus andern Ländern angeschlossen, «vd so ziehen wir singend in langsamer, feierlicher Bewegung an der Basilika vorbei, dem Platze zu, auf dem sich die gekrönte Statue der heiligsten Jungfrau befindet. Auch diese und der sie tragende Marmorsockel ist von einer Unzahl Lichtlein beleuchtet; um sie herum zieht die Procession laut singend der Kirche zu, wo sich der Zug auflöst. Die meisten Pilger gehen wieder zur Grotte, dort noch eine Zeit lang zu beten; bei 50 Pilger sollen die ganze Nacht bis früh Morgens dort ausgehalten haben. Am Sonntag, 15. April, waren unsere Gottesdienste und Andachten auch von den Einwohnern und vielen fremden Pilgern besucht, besonders das Hochamt in der Rosenkranzkirche, unter welchem unser wackerer Sängerchor eine für gemischte Stimmen componirte cäcilianische Messe, mit Harmoniumbegleitung, wirkungsvoll gesungen hat, auch zur großen Erbauung der französischen Zuhörer, die fast nur Choral zu hören gewöhnt sind; vorher hatte ein Augustiner-Pater, N. Heim, unseres Pilgerzuges gepredigt über Maria, die Helferin der Christen. Jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr celebrirten zwei Priester aus unserer Genossenschaft nach einander die heilige Messe in der Grotte, worauf, wie jeden Tag, Kranken-Benediction und feierliche Uebertragung des Allerheiligsten in der Basilika stattfand. Heute besichtigten Viele das berühmte Panorama: Darstellung des Massabielle-Felsens im ursprünglichen Zustande mit der begnadeten Visionärin Bernadette in der Ekstase in Gegenwart von Tausenden bewundernder Zuschauer aus Stadt und Umgebung, wovon Viele noch leben. Auch besuchten wir das elterliche Wohnhaus der Bernadette Soubirous, z. Z. im Besitze eines verheiratheten Vetters derselben; Bett und Möbel im alten Zustande in ihrem Zimmer, darin die Portraits der Familie und 2 Briefe in französischer Sprache, die sie später als Klosterfrau an ihre Geschwister in Lourdes geschrieben; sie waren unter Rahmen und Glas an der Wand aufgehängt. Nach Tisch suchten wir die eigentliche Pfarrkirche von Lourdes auf, eine ziemlich große Kirche ohne besondere Kunstwerke; dort wurde um 1 Uhr Nachm. Katechese gehalten vor wenigstens 300 Christenlehrpflichtigen vom 9. bis 17. Lebensjahr; meist wurde examinirt und die Knaben mit Monsieur, die Mädchen mit Mademoiselle angesprochen; in der Nähe der Friedhof, worin sich auch das Grab Peyramalcs befindet, des Seelsorgers von Bernadette ; daran anstoßend die halbfertige neue Pfarrkirche, deren Weiterbau seit Jahren wegen fehlender Geldmittel sistirt ist. (Fortsetzung folgt.) -—i-W-I—- Casimir Perier, Präsident der französischen Republik. (Mit Porträt.) Präsident Carnot ist am 24. Juni 1894 dem Dolche eines italienischen Anarchisten zum Opfer gefallen. Bereits am 27. Juni hatte Carnot einen Nachfolger gefunden : Im Congreß wurde der bisherige Präsident der Abgeordnetenkammer, Jean Paul Pierre Casimir Perier im ersten Wahlgange mit 451 Stimmen zum Präsidenten der Republik gewählt. Der neue Präsident der Republik ist geboren am 8. November 1847 zu Paris, er ist also 46 Jahre alt. Er ist ein Enkel des berühmten Ministers der Juli-Monarchie und ein Sohn des 1876 gestorbenen Ministers des Innern, der gegen den Staatsstreich Napoleons opponirte, weßhalb er damals auf einige Tage verhaftet wurde, später nach dem 1870er Kriege ein her- 429 vorragendes Mitglied der Nationalversammlung war und ^ Präsident an Stelle des zurückgetretenen Dupuy. Im Mai am 12. Oktober 1871 das Ministerium des Innern über- > dieses Jahres trat er unerwartet, als die Kammer ihm nahm. Der jetzige Präsident ver Republik, der die Rechte j in der Frage der Betheiligung der staatlichen Eisenbahn- studirt und an dem Kriege von 1870—71 als Haupt- i Angestellten an dem Arbeitersyndicat nicht Recht gab, zu- mann der Mobilgarde des Departements Aube theilge- ! rück. Die Kammer gab ihm ein Vertrauensvotum, indem nommen hat, war Kabinets-Chef seines Vaters. 1876 ! sie ihn auf's Neue zum ersten Präsidenten'wühlte. — WM »»USW Mein Kahn kouimll Nach dem Memälde von Frz. Schmid-Breitenbach. > ' > wurde er in die Kammer gewählt. 1877 begann er seine politische Laufbahn als Unterstaatssecretär im Nnterrichts- Ministerium, 1883 wurde er Unterstaatssecretär im Kricgs- Ministerium, 1885 Vicepräsident des Staatshaushalt- Ausschusses der Kammer, dem er lange Jahre angehörte, 1893 am 14. November Präsident der Kammer, gewählt mit 333 von 418 Stimmen, am 1. Dezember Minister- Castmir Perier ist ein Vertreter der strengen Aufrechthaltung der staatlichen Autorität gegenüber den Bestrebungen, welche die Staatsgewalt atomisiren und an deren Stelle die Willkürherrschaft der Blassen, repräsen- tirt durch die Abgeordneten in der Kammer, setzen möchten. -- 430 Dieffen am Ammersee. (Mit Illustrationen.) Es war ein frischer, sonniger Septembermorgen. Wohl hatte das Laub der Bäume und Sträucher in den hübschen See-Anlagen zunächst des Dampfschiff-Steges be- verstorbenen k. Landrichter Hrn. Frdr. Boxler aus dem Moorgrunde und Seeschlamm hervorgezauberten englischen Anlagen auf einer Bank. Mein Blick schweift über die weite Seefläche. Dort drüben über waldiger Höhe grüßt mich mein liebes Kloster Andechs mit seiner besuchten Wallfahrtskirche und dem gemüthlichen Bräustübchen. Weiter Diessrn am Ammersee. reils seine malerische Herbstfarbe angenommen, ja, manche der sich früh belaubenden Bäume hallen ihr Laub bereits auf die Fußpfade geslreul. Doch vermißte ich das Schallen gewährende Dach heute nicht, da es mir den Ausblick auf den See und auf die Berg- kelle ermöglichte. Eine leichte Sstbrise bewegte die weile Seefläche und schaukelte das Schilf mit den laugenBlatteru und schwarzen Srengelkol- ben, und rastlos verfolgten sich die leichten Wellen an das Ufer. Stiller ist's geworden in dem ohnehin stillen Markte. R«r wenige der zahlreichen Sommerfrischler harren noch aws, bis die Dampfschiffe ihre letzte Rundfahrt in wenigen TaMw machen, um im sicheren Hafen zu Stegen auszu- rUcheN vsu mancher stürmischen Fahrt während des Sommers. Ich fitze a« Südende der von dem leider zu früh ! Johauniskraste in Messen. nördlich hinter dem Sommerfrischdorfe und der Dampfschiffsstation Hersching ragen die Thürme und Zinnen des reichsgräflich Törring'- schenSchlossesSeefeld am Pilsensee hervor; links davon spiegelt sich das stille Schlößchen Ried im See und weit imNorden schaue ich noch das neue Bräuhaus von Stegen. Hinter den nahenSchiffhütten beim Dampfschiftsstege liegt malerisch das friedliche St. Alb an, ein Juwel des Ammersee's. Und wenn ich den BlicknachSüden wende, dann steigt vor demselben die majestätische Bergkette auf, vom Tegernsee'r Wallberg über dem Römerthurm von Pähl bis zum Wettersteingebirge, ein herrlicher Anblick! Neben meinem Nuheplatzchen fließt der sonst so wüthige Tiefenbach, unwillig über sein kurzes Jugendglück, in den Ammersee. Nichts störte mich, von der Vergangenheit zu träumen: An den wenigen, vom Urwalde entblößten Stellen um den See schaue ich hölzerne, mit Schilf gedeckte Hütten der vindelicischen Hirten, Fischer und Jäger; dort, auf sonniger Halde, weidet das kleine Rindvieh und auf dem See schaukelt der eichene Einbaum, aus welchem der Fischer sein Netz auswirft, oder in dem der Jäger an das jenseitige Ufer rudert, um, mit Bogen, Pfeil und Speer ausdienste eingestellt, während die Zurückgebliebenen den Unterjochen Knechtesdienste leisten mußten. Bald erhoben sich auf den Höhen diesseits und jenseits des See's Kastelle und Signalthürme, zu welchen dauerhafte Straßen führten, auf denen mehrere Jahrhunderte die römischen Legionen nach Norden zogen, bis die Germanen sie zurückwarfen und ihre Bauten größten- Kirchr, Pfarrhof, Klosterbrauerei in Niesten. WWUM > « » > > > i gerüstet, den Spürhund an der Seite, in den Urwald einzudringen und dem zottigen Viehräuber, dem Bären, auf den Leib zu gehen. Noch hatdenWeisen aus dem Morgenlande der herrliche Stern nicht den Weg gezeigt zur armseligen Wiege unseres Heilands in Bethlehem; es fehlen noch fünfzehn Jahre bis zurGeburt unseres Erlösers im fernenPa- lästina — aber hier, im Lande der Vinde- licier, tobt schon die Kriegsfurie. Vom Bodensee her und über die rhätischen Alpen stürmen unaufhaltsam die römischen Legionen unter Tiberius und Drusus in das friedliche Land, Alles sich unterwerfend. Verzweifelt ringen die Männer um ihre Freiheit, treu unterstützt von ihren Frauen; doch vergebens! Die waffenfähige jüngere Mannschaft wird gefesselt fortgeschleppt und in fernen Ländern zum KriegsGänsegaste in Niesten. theils zerstörten. Noch finden wir auf beiden Ufern des Ammersee's Spuren von Römerstraßen,Schanzen und Grabhügel. DaßDies- sen das römische va- ivg.8i3. gewesen sei, ist sehr zweifelhaft; mehr der Wirklichkeit entspricht der Name Ne8- 8snumvondenpont63 t6886nii, der Schiffbrücke im jetzigen St. Alban, woselbst sich noch der Wallgraben des befestigten Brückenkopfes und Wächterhauses verfolgen läßt. Im nahen Oekonomiehofe Nonnenthal mag ja ein römischer Cohorten- führer seine Sommervilla mit Oekonomie gehabt haben. An die römischen Wartthürme auf aussichtsreichen Punkten baute schon der älteste bajuvarische Adel hier herum im Housigaue, die Grafen von Liessen, die Burgen an, und auch im sogenannten Burgwalde, südwestlich vom Markte und näher dem Dorfe St. Georgen, soll eine größere 432 Burg dieses berühmten Grafengeschlechtes gestanden sein. Mit dem Jahre 815 beginnt es mit der Geschichte des Ortes und der nächsten Umgebung desselben lichter Tag zu werden, denn im genannten Jahre erbaute ein dem Grafengeschlechte ungehöriger Augsburger Chorherr Namens Radhard ein Kirchlein und Stift zu St. Georgen, doch das Stiftsgebäude wurde noch vor Nadhards Tode (850) von den Ungarn zerstört. Gräfin Kunissa von Diessen stellte die Kirche wieder her und erbaute den Chorherren in der Nähe der jetzigen Klostergebäude ein Klösterlein und eine Kirche zu Ehren des hl. Stephanus. Nach dem Tode ihres Gemahls, des Grafen Friedrich II. von Diessen-Andechs, erbaute Kunissa ein Frauenstift mit einer der hl. Maria geweihten Kirche und trat selbst als Oberin in den Orden der Chorfrauen. Graf Berchtold II. von Diessen ließ die Burg abbrechen und ein größeres Kloster aus dem Baumateriale herstellen, wodurch der abwärts gegen den See sich ausdehnende Ort zu einem ansehnlichen Markte heranwuchs, welchen Berchtold II. dem Kloster mit allen Rechten schenkte. Die Freiheiten des Marktes bestätigte Herzog Ludwig der Strenge, und im 14. Jahrhunderte erwarb Kaiser Ludwig der Bayer den Markt wieder, das Kloster erhielt die Gerichtsbarkeit, und nach dem großen Brande im Jahre 1317 verlieh der Kaiser dem Markte einen Wochenmarkt und alle Rechte und Freiheiten einer Stadt. Dem damaligen Propste Konrad II. verlieh Ludwig das Recht der Landstanderie, sowie das Recht, einen eigenen Magistrat zu wählen; dem Kloster aber ertheilte er die Jurisdiction über alle Orte des Pfarrbezirkes mit Ausnahme der Kriminalgerichtsbarkeit und des Blutbannes. — Sehr hart litten Markt und Kloster im dreißigjährigen Kriege, im spanischen Erbfolgekriege und durch die Franzosen im Jahre 1800. Siebenunddreißig Pröpste standen dem Stifte vor von der Gründung an bis zur Säcularisation im Jahre 1803. Ein Jahr später wurde die herrliche, im Jahre 1739 eingeweihte Stiftskirche zur Pfarrkirche statt jener in St. Georgen erhoben. Leider paßt der in den Jahren 1846—1848 erbaute Thurm durchaus nicht zu der imposanten Kirchen-Fatzade. Diessen hatte früher einen Klosterrichter, dann einen herzoglichen und churfürstlichen Seerichter, später erhielt es ein Landgericht, welches jedoch mit jenem in Landsberg vereiniget wurde. Der Markt Diessen liegt 560 Meter über der Nordsee und hat 1254 Einwohner. Vom Dampfschiffstege aus gelangt man, um in den Markt zu gehen, entweder durch die Fischerei, oder durch die nördliche Birkenallee zur Gänsegasse hinauf. Letztere und die Johannisgasse schließen den mittleren Markt mit dem Naihhause, der Post, vier Gasthäusern und zahlreichen Gewerben ein. Beim Rath- hause zieht sich der obere Markt mit der Hofmarksgasse und vom Tutzingerhofe mit der Judengasse zur ehemaligen Klosteihöhe hinauf. Außerdem führen dahin zwei mit Nußbäumen bepflanzte Fußwege aus der Süd- und Nordseite des Marktes. Die verlängerte Hofmarksgasse, zur Gemeinde St. Georgen gehörig, mündet in die Landsberger Straße ein. Vom ehemaligen Chorherren-Kloster bestehen noch viele Theile, welche theils den Pfarrhof, theils die Brauerei- Gastwirthschaft und Oekonomie des Hrn. Span enthalten. In Mitte derselben befindet sich die schöne große Pfarrkirche mit der Chorherren-Gruft und den Grüften der Diessener und Andechser Grafenfamilien. Die schönen Gemälde sind von Albrecht, de Mare, Gg. Bergmüller und Ticpolo; die Fresken von Bergmüller. Zwei der Altäre enthalten heilige Leiber, nämlich des hl. Nasso und der hl. Mechtildis, beide aus dem Geschlechte der Diessen- Andechser Grafen. Am Südende des Marktes befindet sich der Friedhof mit der 1779 restaurirten St. Johanniskirche, welche Epitaphien von ehem. adeligen Seerichterfämilien enthält. Die Diessener sind ein feucht-fröhliches Völkchen, freundlich und gefällig. Für alle Bedürfnisse des Lebens und Haushaltens sorgen tüchtige Geschäfte und Gewerbe, und großen Ruf haben die Zinnwaaren von Schweizer und Nathgeber. Ein gutes photographisches Atelier von Merz, welches die Photographien zu den vorstehenden autotypischen Bildern geliefert hat, befindet sich in der Fischerei, eine Buchdruckerei und Kunsthandlung in der Johannisgasse. Zwei Lohnkutscher sorgen für Beförderung schlechter Fußgänger. Die Postcxpedition mit Telegraph im Gasthause zur Post befördert durch Postomnibusse nach Landsberg und Wilzhofen täglich Briefe, Zeitungen und Frachtstücke. Dem Patienten helfen zwei Aerzte und eben so viele Chirurgen, wenn es irgend möglich ist, wieder auf die Beine, und auf vier Bierkellern mag er sich an gutem, frischem Biere stärken. Drei Dampfschiffe sorgen für den Verkehr mit den See-Orischaften vom Mai bis Ende September, und der Fußgänger kann sich die schöne Umgebung mit den Bergen von St, Alban, St. Georgen und dem Burgwalde aus besehen, und kein Sommergast wird es bereuen, einige Wochen im freundlichen Diessen zugebracht und sich durch Seebäder gestärkt zu haben. Fritz Schenk. -—»-8Ü84—- Wein Sohn kommt! (Zu unserem Bild Seite 429.) Vor Jahren war's, da zog er hinaus in die Fremde, Müt- terleins Einziger! Die Welt wollte erkennen lernen und durch Schaffen und Mühen sich ein Stück Geld verdienen, um sich selbst einmal ein Heim gründen zu können. Wenn die Sonne ihre letzten Strahlen zum Fensterlein sandte, hinter welchem die Mutter zu sitzen Pflegte beim Spinnrocken, das Kätzchen auf dem Kissen neb.n sich, da war es dem Jungen immer, als lüden die goldenen Strahlen ihn ein, hinzuziehen nach jenem Lande, von welchem die Sonne so oft ihre Abschiedsgrüße gesandt. Und er griff zum Wanderstabe, zog hinaus in die weite, weite Ferne, um bei fremden Menschen jenes Glück zu suchen, von dem er in seiner Jugend geträumt. Wieder sitzt Mütterlein beim Spinnrocken, das Kätzchen am gewohnten Platzei Viele Jahre sind dahin, seitdem ihr Einziger von ihr geschieden I Zum offenen Fenster grüßen auch heute wieder der Abendsonne Strahlen lieb Mütterlein. Und der goldene Strahl, der den Jungen einst hinausgelockt in die Ferne — Mutter herz I — heute bringt er ihn dir zurück, deinen Sohn, glücklich und gesund an Leib und Seele! Ja, es ist dein Liebling, den du kommen siehst I Sein Gruß gilt dir, dir und der trauten Heimath! Freue dich, Mütterlein! — das Glück, von dem er geträumt, er hat es gesunden I Frz. Schmid - Breitenbach, der geniale, liebenswürdige Künstler, bat in diesem „Mein Sohn kommt!" betitelten Gemälde neuerdings seine Meisterschaft bewiesen! Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 55: Weiß. Schwarz. 1. D. L.8-68 T. §6-68 : 2. S. 04—§6 f Matt. Zieht Schwarz anders, etwa K. §4-1)5 : setzt W. T §3-1)3 Matt; zieht Schw. mit Spr., erfolgt Matt wie oben usw. --EsS-- z« „Augsburger PostMung". 57 . Ireitag, den 13. Juli 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von Haas L Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Lm Lärme aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XVII. An diesem Abende befand sich Melanie bereits in ihrem neuen Heim und saß mit ihrer Beschützerin und Felicitas in dem traulichen Wohngemache, welches vom Gaslicht eines Kronleuchters fast tageshell erleuchtet wurde. Alle äußeren Lebensumstände erwogen, konnte sich Melanie keine günstigere Veränderung wünschen, als diejenige, welche seit einigen Stunden mit ihr vorgegangen war. Die gute Frau von Prachwitz fühlte für sie wie eine Mutter und that alles, um jedes leise Gefühl von Scheu und Abhängigkeit von dem jungen Mädchen fernzuhalten und es ihr recht heimisch in ihrer neuen Umgebung zu machen. Felicitas stand ihr wohl weniger unbefangen gegenüber, um so tiefer aber vermochte sie in Melanies Empfindungen einzudringen. Es geht nichts über den feinen Spürsinn der Frauen, wenn es gilt, das Geheimniß eines andern weiblichen Herzens zu ergründen. Felicitas vergegenwärtigte sich, welcher Art die Gefühle dieses armen Mädchens gegen ihren ritterlichen Retter wohl sein mochten, und indem sie sich in deren Lage versetzte, las sie in ihrem Herzen wie in einem offenen Buche. Sie legte sich die Frage vor: „Liebt Wolfgang sie am Ende doch? Muß er sie nicht lieben, sie, die so schön, so anziehend und so unmuthig ist? Aber wäre dann Melanie hier gewesen? Würde er sie unmittelbar unter den Schutz dieses Hauses gestellt haben, wenn ihn ein anderes Gefühl, als das des Mitleids, ein anderer Wunsch, als ihre Unschuld vor der drohenden Gefahr zu bewahren, geleitet hätte? Nein, gewiß nicht! sagte sie sich, und obgleich sie anfänglich die Hand ans Herz drücken mußte, um dessen unerträgliches Pochen zu stillen, wurde dieses doch bald wieder ruhig, und sie sagte sich: „Ich bin es, die er liebt. Ach! arme Melanie Rettberg!" Einen einzigen Augenblick hatte Felicitas die stechenden Qualen der Eifersucht empfunden, aber als ihre Zuversicht wiederkehrte, machte sie sich bittere Selbstvorwürfe, daß sie ein Gefühl der Freude über etwas, das einer andern tiefen Kummer bereiten mußte, nicht ganz hatte unterdrücken können. Melanie ihrerseits fühlte sich zu Felicitas, welche ihr die zartesten Aufmerksamkeiten erwies, hingezogen wie zu einer Freundin, der sie ihr ganzes Herz hätte ausschütten mögen — und doch mußte sie gerade vor ihr verbergen, was dieses Herz am tiefsten bewegte. Wenn sie ihre liebliche Gesellschafterin ansah, verstohlen ihre große Schönheit prüfte, da mußte sie sich sagen: „Kein Wunder, daß er sie liebt," und vermochte nur mit Mühe einen tiefen Seufzer zu unterdrücken. Sie kämpfte mit aller Macht gegen den Trübsinn, um ihre Umgebung nichts davon merken zu lassen, und als Frau Prachwitz und ihre Nichte zu ihren Handarbeiten griffen, nahm auch Melanie eine Beschäftigung vor, indem sie ihre Zeichenskizze herbeiholte und dieselbe mit leicht hingeworfenen kecken Strichen vollendete. Sie war nahezu damit fertig, als der Baron von Sturen angemeldet wurde und ins Zimmer trat. Felicttas hegte Gefühle für Wolfgang, deren sie sich sehr lebhaft bewußt ward, sobald sie ihn sah. Obgleich sie um keinen Preis Wolfgang's Liebe geopfert hätte, so wünschte sie doch, daß er zuerst mit Melanie sprechen möchte. Aber Wolfgang that es absichtlich nicht, und zwar um Melanies selbst willen. Es war ihm heute Morgen aus ihrem Wesen und manchem ihrer Worte etwas zur Gewißheit geworden, was ihn fühlen ließ, es würde das Beste sein, seine Neigung für Felicitas so deutlich wie möglich zu erkennen zu geben. Zu ihr wandte er sich daher, nachdem er Frau von Prachwitz begrüßt hatte, zuerst, und während er ihre Hand ergriff und mit ihr sprach, verleugnete er mit keinem Blicke, mit keinem Tone seine Gesinnungen gegen sie, so daß darüber niemand im Zweifel bleiben konnte. Melanie behauptete ihre Fassung; sie hatte vorher schon ihr Schicksal gelesen; sie empfing den Baron, als dieser sich endlich zu ihr wandte, nicht ohne Bewegung, aber doch mit einem äußerlich viel ruhigeren Wesen, als man ihr zugetraut hätte. „Ich brauche wohl nicht erst zu fragen, Fräulein Rettberg," sagte er, „ob Sie sich hier behaglich und glücklich fühlen. Wie ich bemerke, haben Sie sich in Ihrer neuen Umgebung auch bereits künstlerisch beschäftigt," fügte er hinzu, als er auf dem Tische vor dem Platze, von welchem Melanie sich erhoben hatte, die Zeichnung mit den dabei liegenden Bleistiften bemerkte. „O, es ist nur eine Spielerei, nicht des Ansehens werth," versetzte Melanie, als der Baron um Erlaubniß bat, die Zeichnung zu betrachten. „Ah!" rief er, „Sie haben ein Motiv aus Goethes „Faust" gewühlt; täuscht mich nicht alles, so ist eS die 434 Scene, wo der Höllenfürst Frau Martha Schwertlein die Grüße ihres verstorbenen Gatten überbringt. Ei, die alte Dame trägt ja die ausgesprochenen Züge Ihrer bisherigen Wirthin!" lachte der Baron. „Ein sehr glücklicher Gedanke und mit meisterhafter Kunst verwerthet. Aber was ist das? Guter Himmel! Dieser Mephisto ist niemand anders als mein Freund Maitland!" „O, nein! nein!" widersprach Melanie verlegen, „ich habe dabei an niemand gedacht." „Er ist es," behauptete der Baron, „die Aehnlich- keit ist zu auffallend. Unmöglich aber kann dies bloßer Zufall sein. Haben Sie Herrn Maitland schon einmal gesehen, Fräulein Nettberg?" „Heute Nachmittag," antwortete Melanie. „Er besuchte mich, eine Stunde bevor Frau von Prachwitz kam, um mich hierher zu bringen." „Und haben Sie in seinem Benehmen etwas gefunden, das Sie veranlaßte, ihn in dieser Weise zu symbolisiren?" fragte Wolfgang lächelnd, indem er sich erinnerte, einst einen ähnlichen Eindruck von Maitland empfangen zu haben. „O, nein, durchaus nicht!" versicherte Melanie, „im Gegentheil, er hat sich mir nur von der liebenswürdigsten Seite gezeigt. Ich hatte bei dieser Zeichnung gar nichts im Sinne. Wäre es anders, so müßte ich mich beschämt fühlen, einen Mann, der so hochherzig an meinem Bruder gehandelt hat, als Modell zu dem Urheber alles Bösen gewählt zu haben." So sanft sie während dieser Worte das Blatt aus Wolfgangs Hand nahm, so energisch zerriß sie dasselbe in kleine Fetzen. „Erlauben Sie mir, einen würdigeren Gebrauch von meiner unbedeutenden Fertigkeit zu machen," wandte sie sich an Felicitas, „ich will das Porträt des Herrn Barons zeichnen, wenn er so, wie eben jetzt, neben Ihnen auf dem Sopha sitzen bleiben will. Ich kann sehr rasch skizziren und habe einiges Glück im Treffen." Die junge Künstlerin begann die Zeichnung und nahm dabei an der allgemeinen Unterhaltung theil, welche Wolfgang gelegentlich auf Maitland zurücklenkte, indem er sich von Melanie über dessen Besuch Bericht erstatten ließ. „Er gab mir zu verstehen, daß er wiederkommen wolle," schloß sie ihre unbefangene Erzählung, „und ich glaubte ihm sagen zu müssen, daß er mich in meiner bisherigen Wohnung nicht mehr finden würde, sondern —" „Theilten Sie ihm mit, daß er Sie hier treffen würde?" fiel Wolfgang ihr besorgt in die Rede. „Nein, Herr Baron, ich erinnerte mich des Versprechens, welches ich Ihnen gegeben habe, und antwortete ausweichend. Durfte ich auch voraussetzen, daß Sie Herrn Maitland in dieses Versprechen nicht mit eingeschlossen hatten, so fühlte ich mich doch nicht berechtigt, eine Ausnahme zu machen." „Daran haben Sie ganz recht gethan, Fräulein Rettbergl" stimmte Wolfgang bet. „Dieser Maitland ist ein zu großer Lebemann," ergriff Frau von Prachwitz das Wort, „um Ihnen ein vertrauenswürdiger Freund zu sein, liebe Melanie. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, doch steht er in dem Rufe, gegen Laster aller Art sehr duldsam zu sein und mit Leuten von zügellosen Sitten zu verkehren. Der Baron hat ganz Recht, Melanie, eS ist besser, Maitland erfährt Ihren Aufenthaltsort nicht." „Ist das Porträt bald fertig?" fragte Felicitas. „Noch nicht," versetzte die Malerin, winkte aber lächelnd Frau von Prachwitz zu sich. „Meinen Sie, gnädige Frau, daß es ähnlich ist?" „Ach! das ist ja ganz überraschend!" rief diese mit freudigem Ausdruck. Felicitas wurde ungeduldig, die Skizze ebenfalls zu sehen, mußte sich aber einige Minuten gedulden, bis Melanie noch ein paar Striche hinzugefügt hatte. „Jetzt dürfen Sie kommen," sagte Melanie lächelnd, indem sie den Bleistift weglegte. Kaum hatte Felicitas den ersten Blick auf das Blatt geworfen, als ihre Wange die Farbe der Nose annahm. Nicht nur Wolfgangs Porträt erblickte sie, sondern auch ihr eigenes, und nicht genug, daß beide mit großer Treue wiedergegeben waren, sondern wie sie einander anschauten, zeigten ihre Mienen den Ausdruck der innigen Zärtlichkeit, welche die Künstlerin in ihren Herzen ahnte. Ein freudiges Lächeln verklärte Wolfgangs Gesicht, als er das Bild ebenfalls betrachtete, und Melanie selbst schien sich des Beifalls zu freuen, der ihrem kleinen Kunstwerke allseitig zu theil ward, so daß der Nest des Abends anscheinend für alle heiter verstrich. Als der Baron gegangen war, stand Melanie auf, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Ihr Antlitz war von einer leichten Bläffe überflogen, welche Felicitas sehr wohl verstand. Sie trat zu ihr, schlang ihren Arm sanft um sie, küßte sie auf die Wange und sagte mit leiser, bewegter Stimme: „Ich glaube, Melanie, Sie haben mehr von einem Engel, als irgend eines von uns!" Melanie drückte ihr sanft die Hand, und obwohl von keinem der beiden Mädchen mehr ein Wort gesprochen ward, fühlte doch jede von ihnen, daß sie die andere verstand. XVIII. Am andern Tage empfing Maitland ein Billet des Barons. „Mein lieber Maitland!" schrieb dieser, „ich habe auf heute Nachmittag zwei Uhr den jungen Nettberg zu mir entboten. Wollen Sie mich um diese Zeit besuchen, damit wir ihn mit seinem künftigen Schicksale bekannt machen? Ob er freilich kommen wird, kann ich nicht ganz verbürgen, denn er hat mich schon früher einmal auf seinen Besuch vergeblich warten lassen. Ihr Wolfgang v. St." Die vom Briefschreiber gewählte Zeit paßte Maitland schlecht. Nicht einen Augenblick lang hatte er seit gestern den Gedanken an Melanie los werden können, und wie mit tausend Magneten zog es ihn zu ihr. Gerade die Stunde, die der Baron für die Zusammenkunft mit dem Bruder gewählt, hatte Maitland zu dem Besuche der Schwester bestimmt; er hatte sie gestern um die gleiche Zeit angetroffen, und in der leidenschaftlichen Unruhe, die ihn quälte, glaubte er schon, sie heute zu verfehlen, wenn er nicht dieselbe Stunde einhielt. Es war ihm jedoch an einer persönlichen Begegnung mit Melaniens Bruder viel gelegen, obwohl er eine solche am liebsten unter vier Augen gewünscht hätte. Zur bestimmten Zeit ließ er seinen Brougham einspannen und fuhr zu dem Baron. Er fand ihn allein. „Wenn Ihr Schützling pünktlich wäre," bemerkte er, nach der Uhr sehend, „so sollte er schon da sein. Wie es scheint, wird er sich Ihnen auch heute nicht stellen." „Ich habe Grund zu vermuthen," lächelte Wolfgang, 435 „daß er einiges Verlangen trägt, mit mir ein paar Worte zu sprechen. Hören Sie? Da klopft's soeben — Herein I" Edmund Rettberg trat ein. Der Ausdruck frecher Sicherheit in seinen verlebten Zügen schwand, als er sah, daß der Baron nicht allein war. „Guten Tag, Herr Rettberg," empfing ihn Wolfgang, „nehmen Sie sich einen Stuhl und lassen Sie uns über Ihre Angelegenheit reden. Kennen Sie diesen Herrn?" fügte er mit einer Handbewegung nach Mait- land hinzu. „Kann mich nicht erinnern," versetzte Nettberg mit einem mißtrauischen Blick auf Maitland, indem er zögernd Platz nahm. „Sie kennen mich nicht, wie Sie sagen," ergriff Maitland das Wort, „und doch haben Sie sich die Freiheit genommen, meinen Namen auf einen Wechsel von fünfzehnhundert Mark zu setzen. Wissen Sie nun, wer ich bin?" Das Antlitz des Verbrechers ward erdfahl. Sein Auge wanderte zwischen der Thüre und dem Baron von Sturen hin und her, als sei er ungewiß, ob er die Hilfe bei diesem oder in schneller Flucht suchen sollte. „Mein Freund hat mir das Versprechen gegeben, Sie nicht gerichtlich verfolgen zu wollen," legte sich Wolfgang in's Mittel „aber nur unter einer Bedingung." „Welche ist dies?" fragte Nettberg mit einem schlauen, lauernden Ausdruck. „Daß Sie mit der nächsten Schiffsgelegenheit nach Amerika gehen," eröffnete ihm der Baron. „Für die Reisekosten werden wir Sorge tragen." Rettberg schien etwas enttäuscht. „Und was soll ich da drüben anfangen?" fragte er trotzig. „Soll ich dort verhungern?" „Wir beide haben Verbindungen in New-Aork," gab Wolfgang znr Antwort, „und es kostet uns nur ein Wort, um Ihnen ein anständiges Unterkommen zu verschaffen." „Es ist dies die einzige Möglichkeit für Sie, dem Zuchthause zu entgehen," ergänzte Maitland, „also wühlen Sie." „Ich habe bereits gewählt," entschied sich Rettberg, „ich werde mein Glück in Amerika versuchen." „Gut," versetzte Maitland, „so kommen Sie morgen um diese Zeit zu mir. Ich werde Ihnen den von mir eingelösten Wechsel zeigen. Aber merken Sie sich wohl, wenn Sie sich nicht pünktlich auf die Minute einfinden, so steht morgen Abend Ihr Steckbrief in allen Zeitungen." Maitland nannte ihm seine Wohnung und griff nach seinem Hute. „Entschuldigen Sie mich, lieber Baron," wandte er sich an Wolfgang, demselben die Hand reichend, „aber ich habe Eile. Alles Uebrige können Sie ja selbst mit diesem Herrn besprechen. Auf Wiedersehen!" Ohne sich auch nur noch mit einem Blicke um Rettberg zu kümmen, verließ er das Zimmer. Kaum sah Melanie's Bruder sich mit dem Baron allein, als er rasch auf denselben zutrat. „Herr Baron", fragte er in barschem Tone, „was ist aus meiner Schwester geworden? Wenn jemand darüber Auskunft zu geben weiß, so sind Sie es." „Ihrer Schwester geht es gut," antwortete Wolfgang mit kalter Ruhe, „sie befindet sich unter sicherem Schutze." „Das heißt, unter dem Ihrigen," versetzte Rettberg scharf, „ich kann mir denken, daß Sie mir den Aufenthalt meiner Schwester nicht nennen wollen, aber als ihr Bruder verlange ich, daß Sie ihr etwas Bestimmtes aussetzen, damit ihre Zukunft' gesichert ist." „Wie?" rief der Baron aufgebracht, „Sie maßen sich an, sich in die Angelegenheiten Jbrer Schwester zu mischen, für ihr Bestes sorgen zu wollen, nachdem Sie sich alle Mühe gegeben haben, sie an einen ausschweifenden Schurken zu verkaufen?" „Verkaufen!" wiederholte Rettberg mit erkünstelter Entrüstung. „Herr von Quinna erbot sich, meiner Schwester ein anständiges Jahrgeld auszusetzen, wenn es mir gelänge, sie zu seinen Gunsten zu überreden, — wo nicht, zeigte er mir das Zuchthaus im Hintergründe. So blieb mir gar keine andere Wahl, aber Geld hätte ich unter keinen Umstünden für mich angenommen." „Ich würde Ihnen das vielleicht glauben," entgegnen der Baron, „ich würde auch glauben, daß Leichtsinn Sie zu der Wechselfälschung veranlaßte, um Ihre Genußsucht zu befriedigen, wenn ich nicht —" die folgenden. Worte wurden mit besonderer Betonung gesprochen — „die Bekanntschaft des Herrn Assessors von Malten gemacht hätte, dessen Gewerbe mir dafür bürgt, daß ich es mit keinem Leichtfuß, sondern mit einem raffinirten Schwindler zu thun habe. — Was nun Ihre Schwester anlangt, so steht sie nur insofern unter meinem Schutze, als ick. darüber wachen werde, daß sie künftig keinen Belästigungen und Gefahren mehr ausgesetzt ist. Ein anderes Verhältniß als weine Theilnahme an ihrem Schicksale besteht zwischen ihr und mir nicht." „Hm! ich denke aber doch, ich hätte ein Recht, meine Schwester zu sehen und zu sprechen, und es sei daher nur billig, wenn Sie mir sagten, wo sie sich befindet." „Hören Sie mich an," sagte Wolfgang gebieterisch. „Nächsten Freitag geht der Bremer Dampfer ab, mit welchem Sie die Reise nach New-Iork machen. „Dies hier" — Wolfgang händigte ihm einige Goldstücke ein — „wird zur Bestreitung Ihrer Ausgaben hinreichen, so lange Sie noch in Berlin sind. Uebermorgen früh Punkt sechs Uhr erwarte ich Sie am Bahnhöfe Friedrichstraße. Sie werden in meiner Begleitung nach Bremer- haven fahren. Dort übergebe ich Ihnen auf dem Schiffs einen Brief an meinen in New-Aork wohnenden Freund, welcher für Ihr Fortkommen Sorge tragen wird, und bei dieser Gelegenheit erfahren Sie von mir auch die Adresse Ihrer Schwester. Wenn Ihr Herz Sie dazu treibt, ihr von Amerika aus zu schreiben, so mögen Sie es thun." Bei den letzten Worten des Barons erschien unter Nettberg's Ohren die längliche Falte, welche sein Lächeln zu begleiten pflegte und demselben einen überaus hämischen Ausdruck gab. „Nun fürwahr, Herr Baron," sagte er höhnisch, „Sie haben Ihre Vorkehrungen gut getroffen, um mich schnell und gründlich aus Ihrem Wege zu^ entfernen, damit Sie meiner armen Schwester gegenüber freie Hand gewinnen." „Herr!" rief Wolfgang, zum höchsten Zorn gereizt, und stampfte mit dem Fuße den Boden, „wagen Sie es, noch ein Wort über Ihre Schwester zu sprechen, und ich werfe Sie zu diesem Fenster hinaus! . . . Eines Merken Sie sich: nur meiner Fürsprache haben Sie es zu verdanken, daß Herr Maitland von der gerichtlichen ^36 Verfolgung Ihres Verbrechens absteht. Ich verbürge mich in diesem Punkte für Ihre Sicherheit. Finden Sie sich aber übermorgen nicht reisebereit auf dem Bahnhöfe ein, so überlasse ich Sie Ihrem Schicksale. Und nun Adieu, mein Herr!" Dem Baron einen Blick zuwerfend, worin Haß und Rachbegierde lag, entfernte sich Rettberg. Bald darauf ging Wolfgang aus, um Melanie vor der bevorstehenden Abreise ihres Bruders zu unterrichten. Die süße Hoffnung, bei diesem Anlaß auch Felicitas zu sehen und zu sprechen, beschwichtigte Wolfgangs Aerger über Rcttberg's freches Benehmen. Er traf Frau von Prachwitz mit ihrer Nichte in demselben Zimmer, in weichem er den gestrigen Abend mit ihnen verbracht hatte. Melanie befand sich in ihrem Gemach. Frau von Prachwitz unterhielt sich eine Weile mit dem Baron, dann stand sie auf, um Melanie zu holen. — Felicitas fühlte ihr Herz plötzlich heftiger klopfen; sie bat die Tante, zu bleiben, — sie wollte selbst gehen. Aber die gute Dame schützte eine häusliche Angelegenheit vor, die sie ohnehin nöthige, sich auf einige Minuten zu beurlauben, und ließ Felicitas mit dem Baron allein. — Oefter und lebhafter als Wolfgang hatte Felicitas stets der vergangenen Tage gedacht, wo beide als Kinder miteinander gespielt. Wolfgang's Stimme in allen Tönen knabenhafter Erregung oder Zärtlichkeit hatte oft noch in ihrem Ohr geklungen, als sie schon den reiferen Jahren entgegenwuchs; sein jugendliches strahlendes Antlitz tauchte oft im Wachen wie im Traume vor ihrem geistigen Auge auf, und zuweilen versuchte sie, sich die Veränderungen zu vergegenwärtigen, die mit ihm vorgegangen sein mochten, und dann fragte sie sich, wie wohl der Knabe jetzt sein möge, nun er Mann geworden. Mit nicht geringer Bewegung erkannte sie in dem Neiter, der so plötzlich über den Parkzaun gesetzt kam, den Gespielen früherer Tage wieder. Gar manchen Tag träumte sie seitdem von dieser Begegnung, und als sie von seinem schweren Unfall erfuhr, als sie an dem Schmerzenslager des Fiebernden stand, da sagte ihr die namenlose Angst um sein Leben, daß sie ihn mehr liebe als irgend jemand in der Welt. Alles, was sie seitdem von ihm gehört und gesehen hatte, war von der Art, daß die Stimme der Vernunft nur gutheißen konnte, was die Leidenschaft ihr einflüsterte, gegen welche sie vergebens ankämpfte. Jetzt, wo sie sich mit Wolfgang allein sah, fühlte sie eine vorher nie empfundene Bangigkeit. Beide sprachen kein Wort. Wolfgang hatte ihr so viel zu sagen, daß er nicht wußte, wo er anfangen sollte. Dennoch verlor er die kostbare Zeit in der Erwartung, daß Melanie jeden Augenblick kommen könnte. Felicitas ahnte, was in ihm vorging; sie scheute sich, zuerst zu sprechen, denn welch' gleichgiltiges Thema sie auch angeschlagen hätte, so wußte sie doch, daß ihre Stimme zittern und die Aufregung ihres Innern verrathen würde. Wolfgang fühlte, daß das Schweigen schon zu lange gedauert habe und daß er nach einer Pause von so feierlicher Art unmöglich von gleichgiltigen Dingen anfangen könnte. Er nahm neben der jungen Dame auf dem Sopha Platz, ergriff ihre Hand, drückte seine Lippen darauf und flüsterte das Wörtchen: „Felicitas!" Die Angeredete schwieg; ihr Herz schlug stürmisch. „Was hat mir einst die kleine Lizi versprochen?" begann Wolfgang wieder. „Will Felicitas es halten? Wie?" Sie schwieg noch immer. Aber er war ihrer Antwort sicher, denn die Purpurgluth ihres Antlitzes verrieth sie ihm deutlich genug. Sie ließ es geschehen, daß er ihr schönes Haupt sanft an seine Schulter drückte und mit der Hand leise durch die reiche Fülle des rabenschwarzen Haares strich. Er fragte sie noch einmal, ob Felicitas das Versprechen Lizi's einlösen wolle, und als ein leises „Ja" sich wie ein Hauch über ihre Lippen stahl, da umschlang er sie zärtlich mit seinem Arme und drückte einen Kuß auf ihre schöne Stirn. Beide hörten und sahen nichts. Sie merkten nicht, daß die Thür aufging. Melanie erschien auf der Schwelle und erblickte die Liebenden. Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen. Einen Augenblick stand sie wie erstarrt. Dann zog sie sich leise wieder zurück, hinter sich die Thür unhörbar in's Schloß drückend. XIX. Edmund Nettberg fand sich bei Maitland pünktlich um die bestimmte Stunde ein. Maitland saß an einem eleganten Schreibpult und lud seinen Gast ein, in seiner Nähe Platz zu nehmen. Dann befragte er ihn streng nach allen Umständen, die mit der begangenen Wechselfälschung verknüpft waren, schrieb seine Antworten nieder und forderte ihn auf, seinen Namen darunter zu setzen. Rettberg fuhr zurück. „Ich will Ihnen sagen, weshalb ich dieses Ihr Sündenbekenntniß in Händen haben will," erklärte Matt- land in ruhigem Tone. „Ich bedarf Ihrer Mithilfe, um einen bestimmten Zweck zu erreichen." Bei diesen Worten athmete Rettberg auf. „Wenn ich diesen Wechsel der Staatsanwaltschaft vorlege," fuhr Maitland fort, indem er in seine Brusttasche griff, „so sind Sie unrettbar verloren." Er hatte eine mit Schlangenhaut überzogene Brieftasche geöffnet und entnahm derselben den fraglichen Wechsel. „Erkennen Sie die verhängnißvolle Querschrtft wieder?" fragte er, indem er vor Nettbergs Augen mit dem Finger auf die Worte deutete: „Angenommen: Otto Maitland." Der Urheber dieser Schriftstücke starrte mit gierigem Auge auf das Papier. Oh! hätte er es doch in diesem Augenblicke den Händen, die es hielten, entreißen können. Maitland schien in seiner Seele zu lesen, und ein bitteres unheimliches Lächeln zuckte um seine Lippen, indem er sagte: „Ein kostbarer Streifen Papier, wie? Ich werde ihn wie ein Kleinod bewahren, bis ein stärkeres Band zwischen uns besteht." „Die drei Worte, die Sie mit kunstgeübter Hand darauf gesetzt haben, liefern Sie ja vollständig in meine Gewalt," fuhr er fort, den Wechsel wieder in die Brieftasche legend; „wenn ich gleichwohl darauf dringe, daß Sie Ihre Generalbeichte unterzeichnen, so will ich dadurch in Ihnen daS Bewußtsein Ihrer Abhängigkeit von mir nur verschärfen, damit ich um so sicherer bin, daß Sie in der Sache, bei welcher Sie mir helfen sollen, keine falschen Karten gegen mich ausspielen. Wollen 437 Sie mir Ihren Beistand leihen, wollen Sie Ihren Rainen unter dieses Papier setzen, so wird Ihnen die Reise über das Meer erspart, Sie dürfen hier bleiben und ich werde dafür sorgen, daß es Ihnen nie an den Mitteln mangelt, ein angenehmes Leben zu führen. Und nun frage ich Sie, ob Sie geneigt sind, mir in allem betzustehen, was ich von Ihnen verlange." „Ich bin zu allem bereit, wodurch ich mich Ihnen verpflichten kann," erklärte Rettberg, ohne sich lange zu besinnen. „Gut," nickte Maitland, „so unterzeichnen Sie dieses Schriftstück." Nettberg zauderte. Aber eS blieb ihm keine andere Wahl; das Bekenntniß seiner Schuld war schließlich nur das Duplikat des gefälschten Wechsels und vermochte seine Strafbarkeit nicht zu erhöhen. Wenn er unterschrieb, so gewann er sich in dem Besitzer dieses Reichthums, der ihn umgab, einen Freund, dessen Freigebigkeit ihm die angenehmsten Aussichten eröffnete. Er überlas das Blatt und setzte seinen Namen darunter, Maitland legte es in die Brieftasche zu dem Wechsel. Dann lehnte er sich in seinen Sessel zurück, sah Nettberg mit durchdringendem Blicke an und fragte: „Wo ist Ihre Schwester?" „Ich weiß es nicht," antwortete der Gefragte, dem plötzlich eine Ahnung aufging, nach welcher Richtung hin man seiner Dienste begehre. „Ich bin ein paar Tage nicht nach Hause gekommen; als ich zurückkehrte, war sie fort. Aber der Herr Baron von Sturen wird Ihnen sagen können, wo sie ist." „Davon bin ich ebenfalls überzeugt, doch möchte ich ihn nicht fragen. Wir müssen es ohne ihn herausbringen. Sie haben sich gestern ohne Zweifel bei ihm nach dem Verbleib Ihrer Schwester erkundigt, und er hat Ihnen die Auskunft verweigert?" „Erst in Bremerhaven, auf dem Dampfer, der übermorgen nach New-Iork abgeht, will er mir die Adresse meiner Schwester geben." „Ha! das ließe sich benutzen!" rief Maitland, von einem Gedanken erleuchtet. „Das wollen wir versuchen, ob wir nicht schon vorher zum Ziele gelangen können. Ihre Wirthin sagte mir, sie sei nicht zu Hause gewesen, als Ihre Schwester verschwand. Diese habe ihr nur ein Billet mit der Pränumerando-Miethe zurückgelassen." „Weiter wußte mir die Wirthin auch nichts zu sagen," bemerkte Nettberg. „Ich begnügte mich jedoch mit dieser Auskunft nicht, sondern stellte Erkundigungen im ganzen Hause an. Zwei Frauen hatten meine Schwester mit einer vornehm gekleideten Dame in einen eleganten Wagen steigen sehen. Ein Dienstmann, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen, hatte den Koffer herab- getragen. Mehr wußte man mir nicht zu berichten." „Eine elegant gekleidete Dame?" wiederholte Maitland wie im Selbstgespräch. „Wer könnte das gewesen sein?" Plötzlich erhob er den Kopf, den er im Nachdenken auf die Brust hatte sinken lassen. Möglicherweise befand er sich bereits auf einer Spur. Er erinnerte sich zweier Briefe, welche er beim Baron von Sturen gelegentlich eines Besuches auf dem Tische liegen gesehen hatte. Der eine war an den Justizrath CaruS, der andere an eine Frau von Prachwitz adressirt, deren Namen Maitland schon früher in Gesellschaften hatte nennen hören. Der Gedanke, daß der Baron Melanie unter den Schutz die/er Dame gestellt haben könne, lag nahe genug. „Wir wollen morgen weiter über die Sache sprechen," sagte Maitland, sich von seinem Sessel erhebend. „Kommen Sie im Laufe des Vormittags zu mir." „Morgen früh sechs Uhr erwartet mich Ihr Freund auf dem Bahnhöfe Friedrichstraße, um mich nach Bremerhaven zu begleiten," wandte Nettberg lächelnd ein. „So kommen Sie diesen Nachmittag in der sechsten Stunde wieder," bestimmte Maitland. „Doch warten Sie einen Augenblick." Er zog wieder die Brieftasche mit dem schillernden Ueberzuge von Schlangenhaut hervor, nahm aus einem mit Banknoten vollgestopften Fache derselben einen Hundertmarkschein und überreichte ihn seinem neuen Verbündeten mit den Worten: „Nehmen Sie dies als Handgeld. Wenn der Erfolg unsere Bemühungen krönt, so hat Ihr Glück begonnen." Nettberg griff begierig nach dem Mammon, für welchen er — das war ihm sehr wohl bewußt — seine Schwester verkaufte, und warf dem Geber ein bedeutsames Lächeln zu, welches selbst diesen höheren Dämon mit Ekel und Verachtung erfüllte. (Fortsetzung folgt.) --4SSS8-S--'- Reise-Skizze des bayerischen Pilgerzuges nach Lonrdes 1894. (Fortsetzung.) Wir eilten nun zur liturgischen Choral-Vesper in die Basilika, gesungen von 40 Geistlichen (Pilgern), — welcher alle Reisegefährten und viel Volk beiwohnten. Wegen des Sonntags war ganz Lourdes in Bewegung; auch Nachbar-Gemeinden kamen mit den Erstkommunikanten unter Führung ihrer Abbäs, die begeisterte Ansprachen in der Grotte an ihre jungen Zuhörer hielten. Auch heute wurde wieder eine großartige Lichter-Prozesston gehalten, welcher Einheimische und Fremde sich anschlössen; die Basilika, die gekrönte Madonna und das große Kreuz waren prächtig illuminirt. Am folgenden Tage, 16. April, predigte k. Bartholomä aus Maria Birnbaum bei Aichach, (Maria, unsere Mutter,) beim Hauptgottesdienste, und Dinstag Vormittag Herr Pfarrer Hinträger von Kirchheim, dieser über den Rosenkranz. Während des Dinstags wurden die drei Kirchen und die Grotte noch recht fleißig besucht; denn Abends 8 Uhr sollte ja die Abschieds-Andacht stattfinden und Nachts 11 Uhr die Rückreise beginnen. Wie ist uns doch dieses Lourdes so theuer geworden; mit Recht hat es einen Weltruf er langt; sein Name ist über die Grenzen Frankreichs und Spaniens hinausgedrungen in alle Welttheile; 800 Tausende machen sich alle Jahre auf, um aus den entferntesten Ländern Europas, ja über den Ocean hierher zu kommen, und für Millionen ist Lourdes der Gegenstand sehnlichster Wünsche! Lourdes ist ein Sammelplatz für Nationen geworden. Die Fremdenbücher der Hotels, die Aufschreibungen der dortigen Missionäre weisen die Namen von Pilgern auf, die nicht bloß aus europäischen Ländern (sogar aus Schottland, Dänemark, Rußland, Polen), sondern auch aus Nord- und Süd- Amerika, aus den verschiedensten Theilen der großen Inselwelt hierhergekommen sind, und zwar aus allen Ständen, Bischöfe und Priester, Fürsten und Hochadelige, Gelehrte und Künstler, Soldaten, Beamte, Kaufleute, Landbauern, 438 Gewerbsleute — und von jedem Alter. Diese große Berühmtheit von Lourdes verdankt es eben den Erscheinungen der unbefleckten hl. Jungfrau Maria in der Felsengrotte zu Massabielle und den zahllosen Gnaden, die seit diesen Erscheinungen dort gespendet werden. Betreffs dieser Erscheinungen müssen wir auf die Specialbeschreibungen und Schriften über Lourdes verweisen, wie von Dr. Hofele-Leutkirch, Laserre, die kleineren Schriften von k. Koneberg und k. Eberle, Dr. Ackerl- Linz, und bemerken hierüber nur Folgendes: Am 11. Februar 1858 gingen die zwei Schwestern Bernadette und Marie Soubirous und ein drittes Mädchen, Töchter armer Leute aus Lourdes, hinaus an das linke Ufer des Gave zum Felsen Massabielle, um dort Holz zu suchen. Bernadette hört ein Geräusch, sie schaut empor und steht in der ober der Grotte befindlichen länglichen Felshöhluug eine Frau von unvergleichlicher Schönheit, von himmlischem Glänze umflossen, eine Frau von mittlerer Größe und jugendlicher Anmuth; in edler Einfachheit wallt ein blendend weißes Kleid herab, an jedem ihrer Füße erblüht eine goldene Rose, von ihrem Haupte fließt ein faltenreicher Schleier fast bis zum Saume des Kleides, während ein himmelblauer Gürtel ihre Hüfte umschlingt, dessen beide Enden bis an die Füße reichen. Freundlich, mit einem Blicke unvergleichlicher Milde lächelt die wunderbare Erscheinung dem 14jährigen Kinde zu, neigt Haupt und Hände grüßend gegen Bernadette, welche nun den Rosenkranz betet; nach 20 Minuten verschwindet die Erscheinung. Von nun an zieht es Bernadette mit unwiderstehlichem Dränge zur Grotte hin; vor vielen Tausenden — denn die Sache wurde bald bekannt — kniet sie da in Verzückung und schaut hinauf zur Felsenhöhle, in der sonst kein Auge als das ihrige die wunderbare Gestalt erblickt. Vom 10. Februar bis 10. Juli genoß sie dies Glück 18mal. Bei der 6. Erscheinung brach eine Quelle aus dem Felsgestein der Grotte hervor, wobei die himmlische Erscheinung sprach, nachdem sie der Bernadette zuvor ein dreifaches Geheimniß Mitgetheilt hatte: „Und nun trinke und wasche Dich an der Quelle und iß von den Kräutern, welche dort wachsen!", welchen Auftrag sie erfüllte. Anfänglich war es ein schmaler Wasserstreifen, der gegen den Eingang floß; am andern Morgen sprudelte die durch eine unbekannte Macht aus geheimnißvoller Tiefe heraufbeschworene Quelle immer stärker; anfangs etwas schlammig, wurde sie hell und klar, sprudelte in einem Wafferstrahle, der die Stärke eines Kinderarmes hatte, aus der Erde hervor, 85 Liter per Minute, 5100 Liter per Stunde, 122,400 Liter per Tag. So fließt das Wasser nun schon seit 35 Jahren, ohne an Kraft und Stärke abzunehmen; die Pilger treten ehrfurchtsvoll hin, um zu trinken und sich zu waschen oder zu baden, und Tausende von Litern werden jährlich nach allen Theilen der Welt versendet zum heilbringenden Gebrauche. Durch einen gedeckten Kanal wird es außerhalb der Grotte zu einem geschlossenen Marmorbehälter geleitet, den als Inschrift die an Bernadette gerichteten Worte der seligsten Jungfrau zieren: „Trinke aus der Quelle und wasche Dich daselbst!"; aus mehreren Röhren fließt dasselbe. Es ist ein außerordentlich frisches Wasser, das die Quelle gibt. Durch einen neuen Kanal wird es nach seinem Abflusse aus dem Marworbassin einige Schritte weiter längs der Felswand zu zwei größeren Bassins in ein Badehäuschen mit zwei Abtheilungen für Männer und Frauen geleitet für diejenigen Pilger, welche durch Eintauchen des Körpers oder einzelner Glieder Heilung suchen. Von jenem Moment an mehrten sich Tag für Tag die wunderbaren Heilungen an Kranken, welche das Wasser gebrauchten. Die Quelle ist wie der Schafteich zu Jerusalem; in diesem lag eine große Menge von Kranken, Blinden, Lahmen, Abgezehrten, welche die Bewegung des Wassers durch einen Engel des Herrn abwarteten, der zur bestimmten Stunde in den Teich hinabstieg; wer zuerst nach der Bewegung des Wassers in den Teich hinabstieg, der ward gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet sein mochte. Joh. V, 2—5. Schon wenige Stunden nach ihrer Entstehung begann die Quelle ihre Heilskraft zu äußern und hat sich bis heute an Tausenden erprobt in Lourdes und sonst aller Orten, wo man dieses Heilswasser sich hatte schicken lassen. Andere Aeußerungen der himmlischen Frau an Bernadette waren: „Ich verspreche Dir, Dich glücklich zu machen, nicht in dieser, aber in der andern Welt!" und sie setzte hinzu: „Ich wünsche, daß viele Leute hierherkommen!" Am 21. Februar sagte die Erscheinung, mit Trauer erfüllt, dreimal „Buße!" und „Bete für die Sünder!" Am 23. Februar sagte sie mit freundlichen Worten: „Meine Tochter, geh' und sage den Priestern, daß ich an diesem Orte eine Kapelle errichtet haben will, und daß man in Prozessionen hierher ziehe!" Die Stelle, wo Bernadette zu beten pflegte und die Erscheinung sah, ist mit einer Marmorplatte bezeichnet, darauf die Worte stehen: „Hier hat Bernadette gebetet!" In den Morgenstunden des 25. März, dem Feste Maria Verkündigung, folgte das begnadigte Mädchen wieder einem inneren Rufe und eilte zur Grotte. Bisher hatte die Erscheinung ihren Namen nicht genannt; sie wollte Zuerst durch unzählige Werke himmlischer Barmherzigkeit den Herzen der Gläubigen ihren Namen einprägen und erst dann durch eine feierliche Offenbarung die fromme Ueberzeugung und den Glauben des christlichen Volkes bestätigen, welches längst erklärt hatte, die Erscheinung könne nur die allerseligste Jungfrau gewesen sein. Jetzt, nachdem 3 Jahre und 3 Monate verflossen waren, seit Pius IX., der große Verehrer der Gottesmutter, umgeben von vielen Bischöfen, als Glaubenssatz erklärt hatte, daß Maria ohne Makel der Erbsünde empfangen, jetzt wollte sie selbst feierlich die frohe Botschaft verkünden und den vor 39 Monaten verkündeten Glaubenssatz wunderbar durch ihren eigenen Ausspruch bestätigen. Bernadette war wieder zur Grotte geeilt, eine große Menschenmenge war ihr gefolgt; sobald sie sich auf die Kniee niedergelassen, zeigte sich ihr die Erscheinung im herrlichsten Strahlenglanze in unendlicher Lieblichkeit und sprach auf die wiederholte Anfrage des Kindes: „Ich bin die unbefleckte Empfüngniß!" (js sui8 iramaoulös con- osxtioll), Worte, die sie nie gehört, die sie dem Pfarrer mittheilte, — dieser und das christliche Volk verstanden es wohl, man hatte sich nicht geirrt, die wunderbare Frau war die allerseligste Jungfrau, die unbefleckt empfangene Mutter des Herrn. Eben diese Worte prangen jetzt in goldenen Lettern über dem Haupte der Marien-Statue. Noch zweimal erschien die himmlische Frau dem unschuldigen Kinde, zum letzen Male am Scapulierfeste, dem 16. Juli, um das hartverfolgte Mädchen zu trösten, für die Vergangenheit zu belohnen und für die Zukunft zu stärken. Mit unendlicher Liebe neigte die Himmelskönigin ihr Haupt zum Abschied und verschwand, um in die ewigen Wohnungen des Himmels zu ihrem göttlichen Sohne Jesus zurückzukehren. Diese Offenbarungen sind von der höchsten — 439 kirchlichen Autorität geprüft und anerkannt. Ich übergehe die zahlreichen Wunder, die in der Grotte und an der Heilquelle seitdem geschahen bis heute, und die noch zahlreicheren Bekehrungen; bei der französischen National- Wallfahrt 1882 sind, wie die Annalen berichten, 176 wunderbare Heilungen und 800 Bekehrungen bewirkt worden; zahllos sind die Gebetserhörungen l Eine auffallende Heilung geschah auch an einem Gelähmten, der täglich im Wägelchen zur Grotte und Quelle gefahren wurde und am letzten Tage geheilt mit uns heimkehren konnte, L. aus Nicderbayern, außer ihm noch drei Kranke, nämlich zwei Priester, ein Laie, und merkwürdige Gebetserhörungen, sowie eine auffällige Bekehrung eines Sünders, der 14 Jahre lang nicht mehr die Sakramente empfangen hatte. Die vielen Hundert Krücken, womit der untere Theil des Felsens weit hinauf bedeckt ist, sind auch Zeugnisse der vielen Wunder, die hier geschehen. In der Grotte brennen meistens 200 Kerzen; am Gitter steht eine große Kiste auf vier Rädchen, welche fort und fort wieder gefüllt wird seitens der Pilger mit größeren und kleineren Kerzen. Wie wir bereits angegeben haben, befindet sich die Grotte in einer senkrecht abfallenden Felsenwand, hat unten eine Breite von 6 Metern, eine Tiefe von 5 Metern, nach oben sich verengend betrügt die Höhe 6 Meter; die Nische, in welcher die unbefleckte Empfängniß dem begnadeten Mädchen erschien, bildet den Schluß der Höhle nach oben, deren ganzen Raum die herrliche, lebensgroße Statue aus carrarischem Marmor ausfüllt. Die Mitte der Höhle nimmt ein kleiner Altar ein, in dessen Nähe große eiserne Kronleuchter mit brennenden Kerzen, während große brennende Kerzen im Hintergrund aufgestellt sind. Die neben der Statue befindliche Felswand ist mit Epheu und anderem wirr verschlungenen Gewächse bedeckt, das mit seinen Zweigen bis zur Statue sich ausdehnt; zur Rechten macht sich ein Nosenstock breit. An die Felscnwand halten die Pilger alle religiösen Gegenstände, die sie zur Erinnerung an Lourdes den Ihrigen nach Hause bringen wollen, und drücken die Stirne an dieselbe. Von dem Gewölbe der Grotte herab schwebt eine goldene Lampe vor dem Altare, zu dessen linker Seite Sitze angebracht sind für den Klerus, auch für Kranke, die hier im Anblicke der Madonna- Statue ihre Gebete um Heilung ihrer Gebrechen verrichten; in Nollwägelchen ruhen solche Kranke, die, des Gebrauches ihrer Glieder beraubt, täglich hierher gebracht werden, bis sie Erhörung finden. Von Zeit zu Zeit verkündet ein Mtsstonspriester eine Reihe von Anliegen und bittet um das Gebet der Pilger, worauf eine Litanei folgt. Ein zierliches Gitter trennt das Heiligthum vom Vorplätze, der sich bis zu dem hier kanalifirten Gavefluß ausdehnt, mit Asphalt gepflastert und seitwärts durch hohe Bäume geschützt ist; in mehreren Reihen sind Knie- und Sitz- Bänke aufgestellt. Dieser große schöne Platz, auf dem für 20,000 Menschen Raum ist, wurde dadurch gewonnen, daß man den Gavefluß zurückdrängte. Seitwärts führt an der Felsenwand, in drei Abtheilungen gebrochen, ein bequemer Weg auf die Anhöhe zur Basilika, der bei den Lichterprozessionen einen wundervollen Rückblick auf die großartige Illumination gewährt. Wenn man über den Fluß hinüberschaut, so sieht man ein schönes, geräumiges Gebäude, von Anlagen und Baumgruppen umsäumt, den Karmeltter-Convent auf dem Berge Karmel, von welchem oft melodisches Geläute ertönt. An der Anhöhe hin schlängest sich das Geleise der Bahn nach Spanien um den Hügel herum, so daß die von dorther kommenden Pilger von den Waggons aus die Grotte sehen und begrüßen. 5 Minuten nördlich ist das arme Kloster der Frauen von der unbefleckten Empfängnis;, wo auch Pilgerinnen billig beherbergt werden; man. gibt ihnen Almosen, indem man dort Devotionalien kauft. Von der Grotte, welche unter dem Presbyterium der auf dem Felsen thronenden Basilika liegt, führt ein Serpentinweg im Schatten duftender Akazien hinauf zum großartigen Marmorbau dieser weltberühmten Wallfahrts» Kirche 10 Minuten westlich von der Stadt Lourdes. Sie ist in romanisch-gothischem Stile erbaut und hat zwei Stockwerke, eine Krypta und über dieser die dreischiffige Hauptkirche, zu der außerhalb der Krypta eine breite Steintreppe führt. Wir treten zuerst in die Krypta ein; sie ist halbkreisförmig gebaut, reich verziert, enthält fünf kleinere Kapellen mit ebensoviel Altären, in zahlreichen Nischen eine Menge von Beichtstühlen. Hier wird die ganze Woche der Gottesdienst gehalten, in der oberen nur an Sonntagen; diese unterirdische Kirche enthält drei durch Pfeiler getrennte Schiffe; der Hochaltar ist unmittelbar über der Erscheinungs-Nischengrotte. Vom frühen Morgen an wird das hl. Meßopfer hier dargebracht und sie ist stets von Andächtigen gefüllt. Eine große Anzahl von Votiv- Kerzen erhellt das Halbdunkel. Wegen Mangel an Ministranten müssen sich immer zwei Priester vereinbaren und an einen Altar treten. Dort ist alles Nothwendige vorbereitet, bis auf die Hostien und das Kelchtuch, was in der Sakristei geholt wird. Nun macht zuerst Einer der Herren den Meßner und Ministranten, und xosb missain I trifft den Andern das Ministriren. Klingeln werden bet der heil. Wandlung nicht benützt, weil meist 5 Priester celebriren zu gleicher Zeit. Gerade in dieser dunklen Krypta sind schon viele Wunder geschehen! Auf zwei großen Treppen, die zu beiden Seiten des Eingangs emporsteigen, gelangt man zum Atrium der Basilika; in schönster Lage auf hohen Fels gebaut, beherrscht dieser Gottestempel die ganze Gegend. Steht man unter der geräumigen Vorhalle, die von hohen Säulen getragen wird, so genießt das Auge einen wundervollen Anblick. Ueber dem Ufer des Gave gewahrt man südlich auf steiler Felswand die Stadt und Burgveste, zur Linken herrliche Triften und grünende Wiesen und die stets belebte Straße nach Pau, zur Rechten die hohen Pyrenäen, oben mit Schnee bedeckt, tief unten der reißende Gebirgsfluß. An der Fatzade der Kirche steigt ein schöner gothischer Thurm hoch empor, dessen Fuß das Portal mit einem zierlichen Portikus bildet. Ueber dem Portal sieht man das Bild- niß Pius' IX. in Mosaik und darüber eine zierliche Fensterrose. Die Basilika ist von milchweißen Quadern erbaut. In ihren weiten Räumen umfaßt diese Wallfahrtskirche einen Kranz von 15 Kapellen, die das Schiff und den Chor umgeben; alle Altäre sind von schönem weißem Marmor. Den Glanzpunkt der Kirche bildet der hohe, reiche, prachtvolle Hochaltar Unserer Lieben Frau von Lourdes auf dem herrlichen hohen Chor. Ueber ihm halten zwei silberne Engel eine aus Gold gefertigte Doppel- Palme, welche Pius IX. als Weihegeschenk hierher gesendet, und unter dieser leuchten aus flammenden goldenen Herzen künstlich zusammengesetzt die Worte, durch welche die allerseligste Jungfrau sich als die unbefleckte Empfängniß offenbarte; der Hochaltar, aus weißem Marmor zierlich erbaut, ist von einem prachtvollen Broncegitter umschlossen. Die hohen Stufen des Altares und den 440 ganzen Chor bedeckt ein kostbarer Teppich, das Weihegeschenk der Frauen Frankreichs. Zahlreiche glänzende Kronleuchter , 20 an der Zahl, 10 vergoldete Lampen und mehrere silberne schmücken den Chor der Kirche, die Kronleuchter umgeben wie ein Strahlenkranz das Standbild der allerseligsten Jungfrau; 20 Kronleuchter hängen in den Bogcnöffnungen der Seitenkapellen, und die Bogenzwickel des Chores sind ausgefüllt mit goldenen und silbernen Herzen, welche hinweisen auf die von U. L.Frau an Bernadette gerichteten Worte: „Ich will, daß man an diesem Orte eine Kirche baue, und daß man in Pro- cesfionen „hieher ziehe". Großartige Processionen sind ja seitdem aus allen Theilen Frankreichs und Europas hieher gekommen, in diese Kirche, welche in Erfüllung des Wunsches der Helferin der Christen, Maria, erbaut wurde. Sie haben 600 kostbare, goldbedeckte Fahnen hieher gebracht, aus kostbaren, meist weißen Seidenstoffen bestehend, mit kunstvoll gestickten Bildern, Emblemen, Inschriften mit dem Namen einer Stadt oder des betreffenden Pilgerznges und der Jahreszahl versehen; sie hängen vom Gewölbe herab, stammen aus Frankreich, Spanien, Italien, England, Amerika (Mexiko), Oesterreich-Ungarn, Deutschland. Die deutsche Fahne hängt an würdiger Stelle, Allen sichtbar, 3 rir lang, 2 m breit, mit dem Bildnisse der unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria, zu beiden Seiten die beiden Patrone Deutschlands, rechts der hl. Bonifacius, links die hl. Elisabeth; im unteren Theile glänzen in goldenen und silbernen Zügen die Worte: „LeatuM wo äicwnb omuss Aöiröiationes (selig werden mich preisen alle Geschlechter), Ro^inu, paom, via, pro riodis (Königin des Friedens, bitte für uns!)." _ (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. In diese Nelsekizze hat sich bei Beschreibung der Stadt Lyon (Nr. 52 des „Unterhaltungsbl".) ein Irrthum ein- geschlicben, da bier (S. 404) der französische General Kleber als Stifter der Charits genannt ist Dieter war jedoch in Wirklichkeit Johann Kleeb erger, gebürtig aus Nürnberg, der im vorigen Jahrhundert als armer Arbeiter nach Lyon kanr und sich dort durch seine Tüchtigkeit zum Seidenfabrikanten und vielfachen Millionär aufschwang. Durch großartige Akte der Wohlthätigkeit sicherte er sich ein dauerndes Andenken in den Heizen der Lyoncr, die dem >bou ailsmanä- auch ein stolzes Denkmal aus Erz setzten. -- Eisenbahnwesen in China. Mit erstaunlicher Zähigkeit haben die bezopften „Söhne des Himmels" die „Feuer-Teufel" — so nennen sie die Locomotive — von ihrem Lande ferngehalten, selbst nachdem die Japanesen bereits ein ganzes Eisenbahnnetz errichtet hatten. Endlich scheint aber auch sür das „himmlische Reich" die Aera des Dampfes angebrochen zu sein. Der Anfang dazu ist wenigstens gemacht. Der erste Versuch, sie mit einer vollzogenen Thatsache zu überrumpeln, scheiterte freilich in jämmerlicher Weise. Vor zwanzig Jahren hatte sich eine englische Gesellschaft gebildet, die von Schanghai nach dem etwa 16 Kilometer nördlich davon gelegenen Wusung eine hauptsächlich sür den Güterverkehr bestimmte Bahn bauen wollte. Sie kam um die Erlaubniß ein — und erhielt sie auch —, eine Straße von Schanghai nach Wusnng bauen zu dürfen. Auf die Straße wurden aber Schienen gelegt — schmalspurig und sehr leicht —, eine kleine Locomotive aus England beschafft und trotz aller Anfeindungen seitens des Volkes im Jahre 1875 die Bahn eröffnet. Die chinesischen Behörden sahen wohl, daß man sie hintergangen hatte, sie schwiegen aber, bis unglücklicherweise ein Chinese überfahren wurde. Jetzt erklärten sie der Gesellschaft: „Wir haben euch die Erlaubniß gegeben, eine Straße nach Wusung zu bauen, aber von Schienen und Feuerteufeln war keine Rede, noch weniger haben wir euch erlaubt, mit eurer Maschine unsere Leute zu tödten. Wir wollen heute davon absehen, daß ihr uns hintergangen habt, aber wir fraaen: was kostet eure Eisenbahn?" Wohl oder übel mußte die Gesellschaft nach Verlauf einiger Zeit die Bahn den chinesischen Behörden abtreten. Diese ließen die Schienen abnehmen und nach der Insel Formosa an die Küste schaffen, wo sie später wieder zu Ehren gekommen sind. Der zweite Versuch gelang besser. Bei Kaiping nordwestlich von Tientsin wurde ein abbauwürdiges Steinkohlenlager gesunden. Die englischen Techniker, welche die Ausbeulung der Gruben leiteten, empfanden die Schwierigkeiten des Transportes der Kohle mittelst der landesüblichen Karren sehr, und sie beschlossen, auf irgend eine Art Dampfkraft zu Hülfe zu nehmen. Aber eingedenk des Schicksals der Wusung-Bahn ließen sie zunächst eine kleine Locomotive aus England kommen, die in verschiedenen Theilen nach verschiedenen Häfen abgesandt wurde und aus verschiedenen Wegen Kaiping erreichte. In einem Schuppen ohne Fenster, nur mit einem Oberlicht, wurde die Locomotive zusammengestellt, auf der Straße nach den Gruben Holzschienen gelegt und Wagen mit entsprechenden Rädern beschafft. Aber ohne behördliche Erlaubniß durfte man die Locomotive n cht benutzen. Glücklicherweise war Li-Hung-Tschang, der Statthalter der Provinz, kein Feind von Neuerungen. Er wurde zur Besichtigung einer neuen Art von Kohlenbefördcrung eingeladen, kam, machte auf Zureden auf der Locomotive eine Fahrt nach den Gruben hin und zurück, und damit war der Damm gebrochen. In den folgenden Jahren bildete sich eine chinesische Gesellschaft zur Wcitcrführung der Kaiping-Linie nach der Küste, und die kaiserliche Regierung selbst beförderte das Unternehmen. Heute ist im Betrieb eine Linie von Kaiping in südwestlicher Richtung nach Tongku (nördlich von Taku an der Mündung des Pe ho), ferner eine Linie von Tongku nach Tientsin. Ferner ist von Kaiping eine Bahn in nordöstlicher Richtung nach Shan-hai-kwan am Golf von Liaotong gebaut worden, die außerordentlichen Anklang bei der Bevölkerung gefunden hat, so daß eine Wetterführung dieser Linie nach Mulden, nördlich von Ninlschuan, bereits in Angriff genommen ist. Die bei dem Bau und dem Betrieb dieser Bahnen beschäftigten Techniker sind fast ausschließlich Engländer, als Heizer werden Chinesen benutzt, doch unterliegt es keinem Zweifel, daß wie in Japan so auch in China nach und nach der größte Theil des Betriebe der Bahnen in die Hände der Eingeborenen übergehen wird. -- ArttHinogrivy. 1 4 5 2 ein Gebirge, 2 2 5 2 4 Hauptstadt in einem Schweizer Kanton, 3 2 5 5 will Niemand sein, doch wer cö ist, hält gern Andere dafür. 4 3 3 2 westfälische Stadt. 2 3 3 2 fremdländische Münze, Gewicht und weiblicher Vorname, 5 2 12 bekannter indischer Titel. Die Anfangsbuchstaben der obigen Wörter bezeichnen einen Zeitabschnitt. äL58, 1894 : „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 17. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Nerlag des Literarischen Instituts von Haas Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Äm Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XX. Eine Stunde später ließ Maitland sich bei Frau von Prachwitz melden. Sie war nicht wenig über diesen Besuch verwundert und, als derselbe eintrat, für den ersten Augenblick über dessen Aehnlichkeit mit Wolfgang frappirt. Höflich, aber etwas gemessen, empfing sie ihn, und nachdem sie ihn gebeten, sich zu setzen, erkundigte sie sich, welchem glücklichen Umstände sie die Ehre stiner Gegenwart verdanke. „Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich Sie belästige," begann Maitland. „Obgleich ich es der Schicklichkeit angemessen fand, mich bei Ihnen melden zu lassen, so gilt mein Besuch doch eigentlich einer jungen Dame, die sich gegenwärtig unter Ihrer wohlwollenden Obhut befindet. Ich meine Fräulein Rettberg." Frau von Prachwitz besaß Geistesgegenwart genug, um ihre Ueberraschung zu verbergen. „Fräulein Rettberg machte mir allerdings die Freude, ein paar Tage bet mir zuzubringen," antwortete sie in harmlosem Tone, „hat mich aber heute verlassen." Obgleich Maitland den Schein des Gleichmuths beizubehalten suchte, so lag doch eine gewisse unmuthige Schärfe in seinem Ton, indem er erwiderte: „Dann erlaube ich mir, gnädige Frau, Sie um Fräulein Rett- berg's Adresse zu bitten." „Leider bin ich nicht in der Lage, diesen Wunsch zu erfüllen," war die höfliche Antwort. „Darf ich bescheiden fragen, ob diese ablehnende Antwort einen besonderen Grund hat, oder ob Ihnen selbst der Aufenthalt der jungen Dame unbekannt ist? Da ich für Fräulein Rettberg sehr wichtige Nachrichten habe, so ist es durchaus nöthig, daß ich ihre Adresse erfahre." „Ich gestehe," versetzte Frau von Prachwitz, „daß ich Ihnen den gewünschten Aufschluß nicht gebe, weil das Fräulein mich gebeten hat, niemand zu sagen, wohin sie gegangen ist." „Aber mit Rücksicht darauf," erwiderte Maitland, „daß Angelegenheiten der ernstesten Art, an welchen ihr Bruder betheiligt ist, in meiner Hand ruhen, sollte ich doch meinen, sie müßte eine Ausnahme zu meinen Gunsten gemacht haben." „Sie hat es nicht gethan," entgegnete Frau von Prachwitz trocken, „und somit kann auch ich es nicht auf mich nehmen, eine Ausnahme zu machen." „Nein, gnädige Frau, dieser Ansicht vermag ich nicht beizupflichten," versetzte Maitland kühn; „ich sollte vielmehr glauben, daß Sie in Betracht meiner gesellschaftlichen Stellung ohne Bedenken die Ausnahme zu meinen Gunsten auf sich nehmen könnten." „Ich kann es nicht, wenn ich auch wollte," bemerkte die Dame mit bedauerndem Achselzucken. „Fräulein Rettberg ist vorläufig auf ein paar Lage zu einer Freundin gereist, deren Adresse ich selbst nicht kenne, sie wird mir bald schreiben, und wenn sie mich ermächtigt, Ihnen Auskunft über ihren Aufenthalt zu geben, so werde ich Ihnen dieselbe zuschicken." Der Ton, in welchem sie sprach, war fest und bestimmt, und als Maitland sah, daß er nichts weiter erreichen konnte, empfahl er sich in der höflichsten Weise. Alles, was Maitland soeben von Frau von Prachwitz gehört hatte, beruhte auf Wahrheit. Melanit war heute abgereist. Felicitas hatte vor einigen Tagen an ihren Vater geschrieben und ihn gebeten, Fräulein Nettberg als ihre Freundin auf einige Zeit aufzunehmen. Seine Antwort war gestern Abend eingetroffen. Er fragt, ob Fräulein Rettberg's Mutter eine geborene von Baldeneck und die Tochter einer Schauspielerin gewesen sei, welche den Theaternamen Baldenecker geführt habe und vor dreißig und etlichen Jahren in Hamburg gestorben sei. Wenn dies alles zuträfe, schrieb er, so würde es ihm zum größten Vergnügen gereichen, Fräulein Nettberg bet sich aufzunehmen. Es sei nicht nöthig, daß sie ihre Abreise bis zu Felicitas' Heimkehr verschiebe; er werde sie zu jeder Stunde willkommen heißen; sie könne bleiben, so lange es ihr gefalle, und dürfe sich versichert halten, daß er sie in jeder Beziehung wie sein eigenes Kind behandeln werde. Ueber diese Antwort waren alle erstaunt. Felicitas fand eine solche Zuvorkommenheit an ihrem Vater so ungewöhnlich, daß sie gar nicht geglaubt haben würde, er habe den Biief geschrieben, wäre es nicht seine Handschrift gewesen. Melanie war nicht minder erstaunt, ihre darin erwähnten Fawilienverhältnisse mit allem, was ihr darüber selbst bekannt war, vollkommen übereinstimmend zu finden. Felicitas wollte ihrem Vater schreiben, daß alle seine Voraussetzungen zuträfen und Melanie mit ihr in einigen Wochen nach Göllnitz kommen 442 werde. Melanit jedoch legte ihre schöne Hand auf den Arm der Freundin und sagte, ihr mit bittendem Ausdruck in's Gesicht blickend: „Ich würde lieber schon morgen gehen." „Aber warum das?" fragte Felicitas. „Meine Tante wünscht, daß Sie bleiben und uns nach Rügen begleiten, wohin auch der Baron —" „Reden Sie mir nicht zu, liebe Felicitas," ent- gegnete Melanie in bewegtem Tone. „Es gibt hier in Berlin so mancherlei, dem ich gern aus dem Wege ginge." Felicitas verstand sie und legte ihrem Wunsche kein Hinderniß in den Weg. Melanie war abgereist, und da sie die Absicht angedeutet, unterwegs eine ihrer ehemaligen Zeichenschülerinnen zu besuchen, ohne daß deren Name und Wohnort zur Sprache gekommen wäre, so hatte Maitland auch in diesem Punkte von Frau v. Prach- witz nur die Wahrheit erfahren. XXI. Im Osten Berlins befand sich in einer ziemlich belebten Straße ein Kellerlokal. Obwohl darin eine Schankwirthschaft betrieben wurde, so bedurfte dasselbe doch weder eines besonderen Anlockungsmittels, noch eines Aushängeschildes. Nicht jeder war hier willkommen; wer aber gern gesehen ward, der fand den Weg von selbst in den „Blutigen Knochen", wie der Ort von seinen Besuchern genannt wurde. Man stieg einige Stufen hinab und gelangte in ein niedriges Zimmer mit roh getünchten Wänden und einem sehr primitiven Mobiliar. Ein zweites, anstoßendes Zimmer bot einen nicht minder bescheidenen Aufenthalt. Ein paar Petroleumlampen, die von der verräucherten Decke herabhingen, verbreiteten eine ziemlich dürftige Helle. An kleinen Tischen saß, gruppenweise von einander getrennt, eine äußerst bunte Gesellschaft. Einige der Gäste schienen, ihrer Kleidung nach, dem Handwerkerstände anzugehören; an einem andern Tische machten sich drei oder vier gänzlich zerlumpte Kerle breit; an einem dritten unterhielten sich einige fast stutzerhaft gekleidete Herren, das Monocle im Auge, den feinen Cylinderhut auf dem Kopfe, die Wäsche tadellos und blendend weiß. So wenig sie in diese Gesellschaft, unter welcher sich auch einige frech dreinschauende Frauenzimmer befanden, zu gehören schienen, so unterschieden sie sich von derselben doch nur durch ihre elegante Kleidung, denn sämmtliche Gäste zählten ausnahmslos zu jener Menschenklasse, welche bei der Wahl ihres Berufes ein- für allemal einen dicken Strich durch das siebente Gebot gemacht hat, und der „Blutige Knochen" war eine der besuchtesten „Verbrecherklappen" Berlins. Unter jener Gruppe feiner Herren, welche sich in jedem eleganten Restaurant „Unter den Linden" hätten sehen lassen können, verbargen sich Hochstapler, Taschendiebe und Bauernfänger; die abgerissenen, reducirten Gestalten gehörten dem nächtlichen Strolchthume an; die scheinbaren biedern Handwerker waren resolute Einbrecher. Das Benehmen aller dieser Gäste bot äußerlich durchaus nichts Besonderes. Sie rauchten, tranken Bier oder Schnaps, unterhielten sich oder spielten Karten. Nur wenige von diesen Leuten kannten einander bei ihren wirklichen Namen; jeder hatte seinen Spitznamen, denn dieses Verstecken hinter fälschlich beigelegten Namen führt das wachsame Auge des Gesetzes irre. Unter den Anwesenden wurde einer mit „Aalauge", ein anderer mit „Plattbein" angeredet, ein dritter, welcher den vornehmen Namen „der Burggraf" führte, brachte die Gesundheit des „steifen Lehmann" aus, und einige der Gesellen, welche sich leise von der „schiefen Laterne" und der „Dampfwalze" unterhielten, verriethen durch gewisse Seitenblicke, daß unter diesen charakteristischen Pseudonymen sich zwei der „Damen" verbargen, welche die Gesellschaft durch ihre Gegenwart zierten. Die Gespräche wurden hier laut, dort leise in einer Sprache geführt, welche der Uneingeweihte kaum für Deutsch gehalten hätte, denn sämmtliche Ausdrücke und Bezeichnungen der Handwerker entstammten dem Gaunerwörterbuche. Unter den Gästen, welche das elegante Gaunerthum repräsentirten, befand sich auch einer unserer Bekannten. Nichts Geringeres als Champagner war es, womit er seine Genossen bewirthete, denn von so selbstsüchtigem Charakter er auch sonst war, so hielt er es doch unter seines Gleichen mit dem Grundsätze: leben und leben lassen, und gönnte ihnen gern einen Antheil an dem Hundertmarkschein, welchen er heute erst aus Maitland's freigebiger Hand empfangen hatte. „Guten Abend, Herr Assessor von Malten," tönte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und eine Hand legte sich auf seine Schulter, „wann treten Sie Ihre große Reise über's Meer an?" Ueberrascht blickte sich Rettberg nach dem Sprecher um, der eben erst von der Straße eingetreten war. Es war ein rüstiger, sehr groß und kräftig gebauter Fünfziger mit mächtigem, grau melirtem Vollbarte und ebensolchem Haar, welches zu beiden Seiten über dem Ohre hervorgekämmt und nach den Schläfen zu sorgfältig gedreht war. Das Augenpaar unter den buschigen Brauen blickte durch eine bläuliche Brille mit schelmischem Ausdruck auf den Angeredeten herab. Der graue Filzhut, der helle, zurückgeschlagene Sommerüberzieher und die darunter sichtbare Kleidung waren von feinstem Stoff. Erstaunt und betroffen starrte Rettberg den Fremden an, der sich über Dinge, um die nur seine nächsten Vertrauten wußten, so wohl unterrichtet gezeigt hatte. Da warf der alte Herr seinen Hut aus den nächsten Tisch, nahm die melirte Perrücke vom Kopfe, steckte die blaue Brille in die Tasche, riß sich die buschigen Brauen und den gewaltigen Vollbart ab, und indem er plötzlich mit kurzgeschnittenem dunkeln Haar und bartlosem Gesicht dastand, glich er genau jenem hünenhaften Mann, den unlängst der Baron von Sturen im Hinter- stübchcn Moses Nathansohn's im Gespräch mit diesem angetroffen hatte. „Der UlanI" ging ein allgemeines Murmeln durch das Zimmer, in welchem sich derartige Metamorphosen sehr häufig abspielten. „Ein schwerer JungeI" raunte „Aalauge" dem „Burggrafen" in der Gaunersprache zu, welche unter dieser Bezeichnung Einen versteht, der nur schwere Diebstähle begeht. Der Burggraf nickte. „Wird wieder einmal eine Aske (Diebstahlsgelegenheit) ausbaldowert (ausgekundschaftet) haben." Rölling oder der „Ulan", wie er hier hieß, ließ sich an dem leeren Tische nieder, auf welchen er vorhin seinen Hut geworfen hatte. Ein anderer, welcher mit ihm zugleich eingetreten war und einen jener ledernen 443 Kästen in der Hand trug, wie man sie bei Hausirern sieht, nahm ihm gegenüber Platz. „Deine neue Charaktermaske?" fragte Rettberg, indem er sich neben Rölling setzte und eine neue Flasche Champagner bestellte. „Ja, die Polizei liebt die Abwechslung," antwortete Rölling mit einem tiefen, volltönenden Organe. „Wo kommst Du her?" „Direkt vom Bahnhöfe kommen wir; haben auswärts Geschäfte gehabt, ich und der Hausirerfranz," antwortete Rölling mit einem Blick auf sein Gegenüber. „Es ist mir lieb, daß ich Dich vor Deiner Abreise noch einmal treffe. Ei, sieh' da, mit Sekt feierst Du Deinen Abschied, mein Junge? Na, PrositI Auf Dein Wohlergehen in der neuen Welt!" Nettberg lächelte schlau. „Das Programm hat eine Abänderung erfahren," entgegnen er und erzählte, was sich heute zwischen ihm und Maitland zugetragen hatte. Auch den Inhalt der zweiten Unterredung, zu welcher er sich bei demselben noch einmal gegen Abend eingefunden, theilte er seinem vertrauten Freunde mit. Danach war bestimmt worden, daß Rettberg morgen früh mit dem Baron von Sturen, ganz wie dieser es angeordnet, nach Bremerhaven reisen sollte, um dort auf dem Schiffe die ihm versprochene Adresse seiner Schwester in Empfang zu nehmen. Da der Dampfer Southampton anlief, so sollte er von dort aus die Adresse sofort an Maitland tele- graphiren und, anstatt die Reise nach New-Iork fortzusetzen, wieder nach Berlin zurückkehren. Während Rölling zuhörte, verfinsterten sich seine Mienen mehr und mehr. „Mir gefällt der Handel nicht, mein Junge," bemerkte er. „Wäre ich an Deiner Stelle, so würde ich mich lieber an den Andern halten, den Baron von Sturen. Der scheint's mit Dir und Deiner Schwester am ehrlichsten zu meinen. Folge ihm, mein Junge." „Was soll ich in Amerika?" versetzte Rettberg miß- muthig. „Man wird mich dort in irgend ein Comptoir stecken, und zur Arbeit bin ich verdorben." „Es gab eine Zeit," sagte Rölling bitter, „wo ich froh gewesen wäre, Arbeit zu bekommen, um mich ehrlich durchzuschlagen. Du läßt Dich von dem Schlaraffenleben locken, das dieser Maitland Dir verspricht; aber wer bürgt Dir dafür, daß er sein Wort hält, wenn er seinen Zweck erreicht hat?" „Oh, er ist ein verdammt nobler Herr!" versicherte Rettberg. „Er ist ein größerer Schurke als irgend Einer von uns!" fuhr der Ulan auf. „Wir nehmen andrer Leute Geld oder sonstigen Trödel, dieser Teufel aber will einem armen, lieben Mädchen Tugend und Unschuld rauben. Und Du, mein Junge — nimm mir's nicht übel, aber von einem Burschen, der eine so gute Erziehung genossen hat, wie Du, sollte man doch nicht meinen, daß er seine Schwester verschachern würde. Das Moralisiren mag mir schlecht genug anstehen, aber in diesem Punkte hätte ich doch mehr Ehre im Leibe! Donner und Hagel!" rief er, das vor ihm stehende Glas Champagner ergreifend, „jeder Tropfen, den ich noch von diesem Gesöff trinke, das doch nur mit Deinem Judas- gelde erkauft ist, soll zu Gift werden!" Damit schmetterte er das halbvolle Glas auf den Boden, daß die Splitter hoch umhersprangen. Rettberg wagte nichts zu entgegnen, denn er hatte einen gewissen Respekt vor seinem älteren Freunde. Es stak etwas von einem edlen Kerne in diesem entschlossenen Verbrecher, der seinem Wesen etwas Geheimnißvolles gab, wovon sich selbst die Verworfensten seiner Handwerksgenossen seltsam angezogen fühlten. „Warum hast Du den Kerl, als er Dir heute den Wechsel zeigte, nicht an der Gurgel gepackt und ihm den Wisch aus der Hand gerissen?" fragte Rölling nach einer Weile. „Wenn's mißlang, so wäre ich nur um so schlimmer daran gewesen", wandte Rettberg ein, „und Aussicht auf Erfolg hatte ich nicht, denn Maitland ist mir weit überlegen." „Hm!" machte der Andere, „wenn wir den Wechsel und das andere Papier, das Du einfältiger Weise unterzeichnet hast, bekommen könnten, so wäre der ganze unsaubere Handel zu Ende. Wo hat er die beiden Wische verwahrt?" „In einer Brieftasche, die er wahrscheinlich immer bei sich zu tragen pflegt," antwortete Rettberg lebhaft. „Sie ist mit Schlangenhaut überzogen." „Kenne die neumodischen Dinger," nickte der Ulan, „habe dergleichen in einem Luxusladen in der Kaiserpassage gesehen." „Höre, Rölling!" sagte Rettberg in beschwörendem Tone und legte seine Hand auf dessen Arm, „wenn es Jemanden gibt, der mir zu den Papieren verhelfen könnte, so bist Du der Mann. Eine Gelegenheit, ihn um die Brieftasche zu erleichtern, würdest Du bald ausfindig gemacht haben." „Was glaubst Du von mir?" entgegnete der Ulan verächtlich. „Bin ich etwa ein Seifensieder (Taschendieb)? Da mußt Du Dich an den „bunten Karl" dort wenden," setzte er hinzu und deutete mit einer leichten Kopfbewegung nach einem jungen Manne, welcher, ein goldenes Pince-nez auf der Nase, selbstgefällig die Enden seines schwaxzen Schnurrbartes drehte und einen eleganten dunkelblauen Kammgarnanzug nebst buntfarbiger Krawatte trug. Wenn aber dabei sonst nichts zu verdienen ist, so thut der's auch nicht." „O, er würde dabei ein brillantes Geschäft machen," versicherte Rettberg, „denn es war auch Geld in der Brieftasche; ich sah, daß sie dick mit Banknoten gefüllt war." (Fortsetzung folgt.) Pfarrer K. M. Kaiser --- 444 Hin-elang und Hinterstein im Allgäu, ehedem Alpgau. - (Nachdruck verboten.) (Mit Illustrationen nach Photographien von I. Heimbucher in Sonthofcn und Jmmcnstadt.) 1. Hindelang. Inmitten der erhabenen Allgäuer Hochgebirgswelt, in einem ziemlich breiten, sonnigen Thalkessel, der durch- rauscht wird von dem wildschäumenden Gebirgswasser der Osterach, reizend markirt und umländet mit saftiggrünen Hügeln und stark bewaldeten Höhenzügen, fast ringsum begrenzt und seit Jahrhunderten bewacht von himmelan- strebenden, vielzackigen und majestätischen Bergesriesen, liegt am Fuße des Hirschberges der neuaufstrebende Marktflecken Hindelang malerisch schön hingebettet. Der Name „Hindelang" — von Sonthofen aus so genannt -— bedeutet etymologisch: „Hinterwang" oder „Hintere Wanne" (Mulde). In diese herrlich reizende Landschaft,^zu diesem zauberhaft schön situirten Flecken der Erde führt von Sonthofen aus ostwärts, dem Bergfluß der Osterach entlang, eine durchaus ebene und guterhaltene Staats- und Poststraße in einer Länge von 7,6 Kilometer. Diese Straße setzt sich von Hindelang aus in östlicher Richtung fort als Jochbergstraße, 1300 Fuß aufsteigend mit einer bis zu 18procentigen Steigung, nach dem Filialort Oberjoch, 4446 Fuß hoch über dem Meeresspiegel gelegen. Der Jochberg bildet die Wasserscheide zwischen dcr Jller mit Osterach und der Wertach. In Oberjoch zweigt links eine Vcrbindungsstrahe ab auf bayerischem Gebiete nach Unterjoch, Wertach und Nessel- wang; gerade aus aber führt die Staatsstraße längs des Jseler und des Windhagrückens nach Tirol, nämlich nach Schattwald*), Thannheim und Reutte, wodurch ein reger Verkehr vermittelt wird. Hindelang in seiner absolut staubfreien Lage erscheint als ein Luftkurort ersten Ranges und ist von der Natur ausnehmend bevorzugt. Die Höhen ringsum zeigen schöne Waldbestände von Fichten und Tannen mit erquickendem Harzduft; da weht und fächelt reine, gesunde und stärkende Gebirgsluft, vermischt mit wohlthuendem Alpenkräuter- Aroma; auch wird vorzügliches Quellwasser geboten. Da lebt sich's leicht und gut, wie die niedere SterblichkeitsZiffer bezeugt. Herrliche Spaziergänge in der Ebene, sowie ausgedehntere Promenaden, Ausflüge und Gebirgs- touren machen den Aufenthalt höchst angenehm. In solch' erfrischender, ozonhaltiger Luft werden die durch Mühen und Sorgen des dunstigen Alltagslebens angegriffenen Lungen von allem lästigen Staube wieder gereinigt und gestärkt. Darum weilen daselbst die fremden Gäste von Nah und Fern im Sommer behufs Erholung und Erfrischung um so lieber, als im gedachten Thälchen ein rühriges und biederes, ein gemüthreiches und dienstfreund- liches Gebirgsvölkchen, dem deutschen Volksstamme der Alemannen ungehörig, leibt und lebt, das theils seine Gäste in entsprechende Gasthäuser mit jeglichem Comfort, theils in reinliche und schmucke Privathäuser gerne aufnimmt, beherbergt und deren weitere Ansprüche bestmöglichst zu befriedigen sucht. *) Schattwald ist ein beliebter Ausflugsort der Hinde- langer „Sommerfrisctler," bekannt und berühmt durch den guten „Tiroler" und delikate Forellen im dortigen Gasthause „zur Traube", dessen hübsche, freundliche Zimmer fast immer von Sommergästen belegt sind. Die freundlichen, zuvorkommenden WirthSleute machen den Aufenthalt in diesem reizenden Ge- birgsdorfe doppelt angenehm. D. R. Der Markt Hindelang zählt etwa 130 Wohnhäuser mit etwas mehr als 700 Einwohnern, hat eine Schule mit zwei Lehrkräften, ein Nebenzollamt, eine Postexpedition und Telegraphenstation. Täglich verkehren mehrmals Postwagen und Privatomnibus. Auch ein pract. Arzt übt an Ort und Stelle im Bedarfsfälle seine segensreiche Praxis aus. — Hier sind die meisten Häuser im Gebirgsstil aus Holz gebaut, sauber und zierlich, zweistöckig, d. h. Erdgeschoß und erster Stock mit flachem Dach, welches mit dem Wohnhaus auch die Räumlichkeiten für den Oeko- nomiebetrieb zugleich vereinigt. Die Außenseite dieser Häuser hat theils Mörtelbewurf, theils einen Schindelpanzer. Die inneren Zimmerwände und Decken sind in der Regel getäfelt, dagegen die neueren Gebäude sind meist gemauert, mit hohem Dachstuhl versehen. Die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung ist wohl Viehzucht, Milch- und Alpenwirthschaft, verbunden mit dem Betriebe von einzelnen Kleingewerben. Die Bewirlhschaftung der Ackerfelder und Wiesen, der Viehweidcplütze und der Alpenweiden, vereinigt mit Molkerei- und Käsefabrikation, sowie der lebhafte Handel sowohl mit den Erzeugnissen gedachter Beschäftigung, als auch mit Holz und Brettern, sind die Faktoren, auf welche sich die Behäbigkeit der hiesigen Bewohner hauptsächlich gründet; Getreidebau findet sich jetzt nur mehr vereinzelt, weil sich die Milchwirthschaft in dieser Gegend vortheil- hafter rentirt. Die Gewässer der Osterach sind dienstbar gemacht dem Gewerbe und der Industrie, und setzen die Turbinen und Schwungräder nicht nur von Mühlen und Hammerschmieden, sondern seit jüngster Zeit auch von drei großen Fabrtketnblissements für Weberei in Bewegung, wobei insgesammt an etwa 400 Webstühlen 200 Arbeiterinnen und zwar meist einheimische beschäftigt sind. Das Hindelanger Thal war sicher vor etwas mehr als tausend Jahren noch ein ausgedehnter Urwald; hiehcr hatten wohl die alten Kelten und Vindelicier und selbst auch die Römer niemals einen Fuß gesetzt. Erst später in Folge rasch zunehmender Bevölkerung, nachdem die bereits christlichen Franken in der Schlacht von Zülpich im Jahre 496 die wandernden noch heidnischen Alemannen und Sueven besiegt hatten und hierauf allmälig das Christenthum bei uns unter der Herrschaft der Merovinger und Karolinger sich ausbreitete, mögen dann auch christliche Ansiedler im 8. und 9. Jahrhundert von Sonthofen her in unserem Thale, und zwar vorerst wahrscheinlich beim Eingänge desselben, nämlich bei Liebenstein, sich häuslich niedergelassen haben. Sehr begütert war zu jenen Zeiten auch im Allgäu das mächtige Geschlecht der Welsen, und als dann gegen Ende des 12. Jahrhunderts dessen Güter an die Hohenstaufen fielen und mit dem letzten Hohenstaufen Konradin aber die kaiserliche Macht in Deutschland immer mehr zurückging, kamen diese Güter vielfach zum Reich, welches sie als Pfand und Lehen oder als Geschenk und Entlohnung an einzelne Fürsten, Edle und Ritter vergab. So entwickelten sich die Landeshoheiten der einzelnen Reichsfürsten und Herrschaften. Das Hindelanger Thal gehörte den Edlen der Herrschaft Nettenberg und war denselben zinsbar und Unterthan. Zwei Seitenlinien der Nettenberger waren die Edlen von Trauchburg und Hohenegg. So kam es, daß in Hindelang viele Hofstätten und Grundstücke den Herren von Hohenegg steuer- und kriegsdienstpflichtig waren. Auch die Herren von Heimenhofen gewannen Einfluß in Hinde- 445 lang. Als die Rettenberger wegen vieler Schulden sich nicht mehr recht zu halten vermochten, kam der größte Theil der Rettenberger Herrschaft meist durch Kauf in den Jahren 1332 bis 1477 an den Bischof, beziehungsweise an das Hochstift Augsburg, und zwar nicht bloß viele Güter und Besitzungen, sondern selbst auch die Landeshoheit. Der Grundoberherr oder Landesherr vom Hinde- langer Thal war nunmehr der Bischof von Augsburg. In Hindelang war neben den Hörigen auch ein niederes Adelsgeschlecht mit eigenem Wappen schon im 11. Jahrhundert „begütert" und saß ohne Zweifel auf dem nachmaligen sogen. „Stutenhof", der zur Pferdezucht diente. Dieses Adelsgeschlecht hatte aber keine Gerichtsbarkeit. Noch im 14. und 15. Jahrhundert finden wir mehrmals einen Berthold oder Benz von Hindelang als Zeugen bei Abschließung von Verträgen. In den Jahren 1575 bis 1641 besaßen die noblen bis 1802 alljährlich auf einige Zeit in Sommerfrische gerne in seinem Schlosse zu Hindelang. Das war immer ein hocherfreuliches Ereigniß für die Hindelanger, wenn der liebenswürdige und splendide Churfürst bei ihnen wieder Einkehr nahm. Während seines hiesigen Aufenthaltes wurden dann „im Netterschwang" auf Kosten des Churfürsten förmliche Volksfeste abgehalten; überhaupt verdankte Hindelang demselben manche fromme und wohlthätige Stiftung. Die dankbare Pfarr- gemeinde Hindelang wird sein gesegnetes Andenken stets in Ehren halten. In Folge des Reichsdeputationshauptschlusses zu Regensburg am 25. Februar 1803 fielen auch die bischöflichen Güter in Hindelang, nämlich der ganze Stutenhof mit Netterschwang und sammt dem bischöflichen Schlosse an den bayerischen Chur-Staat; auch die bischöfliche Landeshoheit mit den damit verbundenen Einkünften ging UMM MW- Glücklich heraus! Grafen Fugger diesen Stutenhof, welcher dann im letztgenannten Jahre mittels Kauf durch Bischof Heinrich von Knöringen in den Besitz des Augsburger Hochstiftes kam. Im Laufe der Jahre wurde dieser Stuten- und Fohlenhof (z. B. i. I. 1654) durch Ankauf des Gutes in Retterschwang, sowie i. I. 1726 durch Ankauf der Scholl'- schen Güter noch bedeutend erweitert, so daß man bei demselben 53 Stück Pferde und 39 Stück Rindvieh zugleich halten konnte. Darüber war ein eigener bischöflicher Stutenhofverwalter gesetzt. Ganz in der Nähe dieses Stutenhofes erbaute nun Bischof Sigismund Franz, Erzherzog von Oesterreich (Jnns- brucker Linie), das prächtige Schloß im Jahre 1660, ein stolzer Monumentalbau. Hier nahmen nun die Bischöfe von Augsburg vielfach ihren Sommeraufenthalt. Wie Bischof Sigismund Franz, so weilte auch besonders Bischof und Churfürst Clemens Wenzeslaus in den Jahren 1768 an die Krone Bayern über. Durch Verkauf kamen dann allmälig die auf diese Weise erworbenen bayerischen Staatsgüter in Privatbesitz, so daß nun in dem ehemaligen bischöflichen Schlosse eine Bierbräuerei sich befindet. Schon im Jahre 1150 begegnen wir in der Geschichte des Allgäu's von Baumann einem Priester Namens Oggoz von Hindelang, der wahrscheinlich dem hiesigen niederen Adelsgeschlechte angehörte. Hindelang war ursprünglich eine Filiale von Sont- hofen; im Laufe der Zeit wurde hier eine exponirte Kaplanei errichtet, welche dann etwa um das Jahr 1450 durch Bischof Peter von Schauenberg, mit zwei Dritteln Pfarrzehent dotirt, zur selbstständigen Pfarrei erhoben wurde. Der erste Pfarrer in Hindelang, Heinrich Krum aus Ehingen, stiftete im Jahre 1472 das Frühmeßbenefizium daselbst. Nachdem die ehemalige Filiale Unterjoch sich im Jahre 1868 in ähnlicher Weise, wie 400 Jahre früher 446 Hindelang der Mutterkirche Sonthofen gegenüber gethan, l zu einer selbstständigen Pfarrei emporgeschwungen hat, gehören zur Pfarrei Hindelang noch zehn Filialen, von. welchen drei je eine eigene deutsche Volksschule haben. Die ganze Pfarrei zählt z. Z. 2270 Seelen. Hindelang ist der Geburtsort der berühmten und hervorragenden Künstler und Bildhauer, der Gebrüder Franz und Konrad Eberhard, von welchen vorzüglich Konrad als Professor der Akademie der bildenden Künste in München unter König Ludwig I. der christlichen Kunst seine ausgezeichneten und vielseitigen Talente weihte. Die Pfarrkirche mit Thurm in Hindelang ist ein solider, stattlicher, im neugothischen Stile aufgeführter Bau. Der Abbruch der alten, baufälligen Kirche nebst ihrem etwas sich neigendeu Spitzthurme wurde Anfang Mai 1864 begonnen, eine Nothkirche im Pfarrstadel errichtet, und unter Leitung des Baumeisters Johann Bapt. Aus der alten Kirche stammen zwei künstlerische Reliefs aus weißem carrarischem Marmor: „Madonna mit dem Jesuskind" und „Jesus der Kinderfreund" von den Gebrüdern Eberhard. Beachtenswert sind auch die prachtvolle, bei 27 Pfd. schwere, silberne, mit Edelsteinen reich besetzte Monstranz, ein im Jahre 1650 gemachtes Präsent des Bischofs Erzherzog Sigismund Franz, Erbauers des Schlosses, dann zwei kostbare, vollständige Festornate, Geschenke vom Churfürsten, Bischof Clemens Wenzeslaus und seiner Fräulein Schwester, Prinzessin Kunigunde. Nach dem zerstörungswüthenden Einfalle der Schweden im Jahre 1632/33 herrschte auch in unseren Gegenden allemhalben die Pest oder der „schwarze Tod". Auch in Hindelang mußte ein eigener Pestgottesacker angelegt werden, 1/4 Stündchen südlich im Thalgrunde in der Nähe der Osterach, mit einer Sebastianskapelle aus Holz gebaut. Hindelang. Kaufmann wurde die neue Pfarrkirche soweit hergestellt, daß dieselbe am 24. Juni 1867, am Patrociniumsfeste, zur Gottesdienstfeier zum ersten Male bezogen und benutzt werden konnte. Die hochfeierliche Consecration der neuen Kirche erfolgte durch unsern Hochwürdigsten Herrn Bischof Pancratius jedoch erst am Schutzengelfest d. I. - 1872. Die Kirche hat drei schöne Altäre und einen herrlichen, aus Sandstein kunstvoll gemeißelten, mit den kgl. bayerischen Wittelsbacher-Wappen nebst Emblemen versehenen Taufstein, ein hochherziges Geschenk Sr. k. Höh. unseres erlauchtesten Prinzregenten Luitpold von Bayern. Sehenswerth ist darin auch eine durch opferwillige Bemühungen des kgl. Lycealprofessors Dr. Joh. Michael Kaufmann, eines geborenen Hindelangers, zu Stande gebrachte, vom Bildhauer Petz in München, einem Schüler des Konrad Eberhard, kunstreich hergestellte Statuengruppe der Mutter Gottes von La Salette. Als aber Sturm und Unwetter am 18. Januar 1739 diese Kapelle total zerstörten, wurde mit einem Legate des Hasenwirthes Michael Heim zu 400 fl. und mit den Liebesgaben anderer Wohlthäter unter Pfarrer Haug bald darauf die derzeitige gemauerte Kapelle hergestellt, in welcher während der Sommermonate jedes Jahres von jeher öfter das hl. Meßopfer dargebracht wird. Diese Kapelle wurde geweiht am 30. Oktober 1748. Im gedachten Jahre wurde nämlich ein Altar aus der Pfarrkirche in die Gottesackerkapelle transferirt. Dieser sehr hübsche, altgothische Altar, aus Holz verfertigt vom Bildhauer Gg. Lederer zu Kaufbeuren im Jahre 1519, darstellend die göttliche Dreifaltigkeit, wie sie theilnimmt an der Krönung Maria's, hat nicht unbedeutenden Kunstwerth. 2. Hinterstein. Fünf Kilometer von Hindelang entfernt, liegt in südöstlicher Richtung das Filialkirchdorf Hinterstem. Von 447 Hindelang führt nämlich ein ganz hübsches Verbindungs- Sträßchen in östlicher Richtung nach kurzer Wanderung in den Filialort Oberdorf. Dieses große Dorf, unter Obstbäumen völlig versteckt, zählt mehr als 100 Häuser und über 500 Einwohner und liegt am Fuße des Jseler, welcher den Hintergrund und gleichsam den scheinbaren Abschluß vorn Hinde- langer Thalkessel bildet. Auf einer mäßigen Anhöhe daselbst liegt das Prinz Luitpold-Bad, welches zwar nur einen einfachen und ländlichen Charakter trägt, aber dessen Umgebung eine herrliche Natur mit magischen Reizen bietet und einen überraschend entzückenden Ausblick in die Berge und in's Hinde- langerThal hinaus gewährt. Dieses Bad, mit allen wünschens- werthenEinrichtun gen versehen, ist einevorzüglicheLuftkurstätte und verfügtüberreichliche, heilkräftige Schwefel-Mineral-Quellen. Von Oberdorf ab führt das Sträßchen in südlicher Richtung weiter am Ufer der rauschenden Osterach bis zumWeiler Bruck; die Vorberge'rücken enge zusammen; auf einmal wendet sich das Sträßchen um dieFelsen herum ostwärts, vorbei an dem großen, aufrecht stehenden Stein, welcher nebst der Lage der hinter demselben liegenden Ortschaft zur Ortsbezeichnung ,Hinterstein' Anlaß gegeben haben soll. Das Hintersteiner Thal erstreckt sich bis zumFuße des Hochvogels. Die Ortschaft Hinterstein hat 240 Einwohner; ihre meist aus Holz gebauten und mit Schindeln gedeckten sechzig Wohnhäuser mit mehreren Nagelschmied- Werkstätten dehnen sich zerstreut aus in einer Flächenlänge von 3 Kilometer. Im Gasthause des Herrn Fügenschuh findet man eine vor- trefflicheKüche undBe- dienung. Hinterstem ist eine Perle von Naturschönheit, nahe der Tiroler Grenze, zwischen hohen Bergen vollständig eingebettet. — Da herrscht Ruhe und Friede, nicht einmal ein Singvogel läßt sich hören, wohl aber schicken fröhliche Hirten und Aelpler aus freudiger Brust ihre munteren Jauchzer von schwindelnder Höhe herab in's einsame Thal, und ober dem Dorfe stürzt tosend das schäumende Berg- Hinlerstcin.' Kchallwatd Wasser in vielen Fällen und Cascaden über die Felswände hernieder und eilt dem Bett der wilden Osterach zu. Glücklich Derjenige, welcher hier in dieser stillen Ge- birgseinsamkeit und in ernster Abgeschiedenheit während der schönen und heiteren Sommermonate die Wunder, welche die Natur und ihr allgewaltiger Schöpfer geschaffen, leibhaftig schauen und jugendfrisch durch- träumen kann. Hier suchten denn auch die Hindelanger während der Kriegszeiten in den Jahren 1796,1800 und 1809 eine sichere und bewährte Zufluchtsstätte. Die Leute sind hier innig religiös, sparsam und zufrieden und hängen mit ganzer Seele an Gott und an ihrer lieben Heimathscholle, der sie nur mühsam den nöthigen Lebensunterhalt abzuringen vermögen. Sind es ja doch nur ganz kurze Monate, während welcher bei dem beschränkten Horizont wegen der Enge des Thales und der Höhe der Berge die Sonne ihre wärmenden und belebendenStrah- len niederzusenden vermag, nur zu bald stellen sich alljährlich Frost, Reif, Schnee und Kälte ein. Beim Beginne, sowie am Schlüsse des Dorfes befindet sich je eine zierliche Kapelle, und im Mittelpunkt steht die allerliebst freundliche und zur Andacht stimmende Kirche, erbaut i.J. 1804/5 und von Seiner churfürstlichen Durchlaucht Clemens Wenzeslaus, Bischof in Augsburg, am 1. Sept. 1805 zu Ehren des hl. Antonius kon- sekrirt. Hochderselbe trug selbst zum Baue der Kirche 400 fl. bei. Pfarrer Franz Sales Kisel in Hindelang spendete zur Errichtung einer Manual- Kaplanei mit eigener Behausung oaselbstim Jahre 1803 eineKapi- talsumme von 3000fl. und Pfarrer Jos. Erdt von Aitrang 500 fl. Vor ein paar Jahrzehnten wurde ein neues Schulhaus erbaut. Seit dem Jahre 1856 ist in Hinterstem ein eigener Gottesacker; in demselben befindet sich ein prachtvolles Kruzifix aus Metall, eine hochherzige Widmung Sr. kgl. Hoheit des Prinz-Regenten Luitpold von Bayern. Nebenan auf einer mäßigen Anhöhe erhebt sich das einfache, aber hübsche Jagdschlößchen Sr. kgl. Hoheit des 448 Prinz-Regenten, Höchstwelcher im Hinterstetner Thale alljährlich vorübergehend auf je ein paar Wochen schon seit 4 Dezennien hindurch dem edlen Waidwerk, der Hirsch- und Gemsenjagd, obliegt. Geht man etliche Kilometer Weges von Hinterstem aus weiter in südöstlicher Richtung dem Hochvogel zu, so gelangt der Wanderer zu einer wildromantischen Gebirgsschlucht. Zwischen Felswänden drängt und zwängt sich die wildtobende Osterach hindurch uno bildet die 65 Meter tiefe, gewaltige Klamm der „Eisenbreche", an welche sich mehrere interessante Sagen knüpfen. Diese Klamm hat ihren Namen erhalten von den nicht allzufern liegenden Eisenerzgruben am Erzberge, aus welchen ehedem vom Jahre 1490 an durch die Grafen von Montfort Eisenerz für die Eisenschmelze in Hindelang gewonnen wurde. Uebrigens, geneigter Leser! komme selbst hierher, staune und erfreue dich mit triumphirendem Herzen; denn das deutsche Lied sagt nur wahr, wenn es froh aus voller Kehle hinausruft in alle Welt: „Auf den Bergen ist es schön!" - »- — Zu unseren Bildern. Pfarrer und k. Distriklsschulinjpector Kaiser in Aibting. Bet der Konstituirung des bayerischen Landesverbandes landwirthschaftlicherDarlchenskassenvereine wurde der k.Distrikts- Schulinspector und Pfarrer Kaspar W, Kaiser in Aibling (Oberbayern) zum zweiten Verbands-Director gewählt. Wenn seine Persönlichkeit ob seiner vielen Verdienste um die Raiffeisensache auch schon in weitesten Kreisen bekannt ist, so gewinnt dieselbe ohne Zweifel hiedurch nur noch mehr Interesse. Geboren am 6. Juli 1853 zu Babesheim in Schwaben unweit der Donau, besuchte Kaiser das Gymnasium zu Dillingen, nach dessen Absolvirung die Universität München als Alumnus des Georgianums, mit welchem er in den ersten Tagen des Monats Juni 1894 dessen 4. Centenarium gefeiert hat. 1876 trat er als Priester aus demselben in die Seelsorge der großen, ausgedehnten Pfarrei Altusried im schönen Algäu, wirkte später als Stadtkaplan in zwei Städten an der Donau und übernahm, diesem seinem heimathlichen Strom folgend, 1882 die Pfarrei Berg bei Donauwörth. Unter dem damaligen verdienten k. Bezirksamtmann Hoch- kirch in Donauwörth, nunmehrigen k. Regierungsrath in München, wurde Pfarrer Kaiser als Mitglied des landwirthschaftlichen Bezirkscomitss Donauwörth zu dessen Sekretär erwählt. In dieser speziell landwirthschaftlichen Thätigkeit fand er Gelegenheit, das Ratffeisenwesen kennen und lieben zu lernen, für welches er immer mehr Interesse gewann, und durch Wort und That und Schrift wesentlich zur Einführung und Verbreitung der Raiff- etsenvereine im südlichen Bayern beitrug, so zwar, daß er selbst bis zum Jahre 1894 mehr denn ein halb Hundert solcher segensreich wirkender Vereine in Schwaben, Ober- und Niederbayern gegründet hat. Auf landwirthschaftlichen Versammlungen und bei ähnlichen Anlässen (in Donauwörth, Mindelheim, Augsburg, Memmingen, T>illingen, Nördlingen, Lauingen, Straßburg, Erfurt, Frankfurt, Bamberg, Berchtesgaden, Oberdorf, Mühldorf, Ganghofen, Traun- stein, Deggendorf, Reichenhall, Biessenhosen) trat er als begeisterter Redner und Herold der Raiffeismvereine mit bestem Erfolge auf, dehnte seine Propaganda hiefür selbst üSer die vaterländischen Grenzen tief in's Nachbarland Tirol bis Oetz und Brixen hinein aus, wo er den Anstoß zur Gründung zahlreicher Raiffeisen- vereink und des tirolischen Landesverbandes gab. Weithin bekannt ist im In- und Auslande Kaiser's Buch „Raiffeisen-Abende", welches in Tausenden und Abertausenden Exemplaren in deutscher, französischer und in anderen Sprachen freundliche Aufnahme fand, die Verbreitung der Raiff- etsen-Sache ungemein förderte^ und seit Gründung des bayer. Landesverbandes als „Praktischer Raiffetsenmann" die Lande durcheilt, dem Verfasser aber ob seiner volksthümlichen, klaren und faßlichen Sprache bis in die höchsten und allerhöchsten Kreise hinauf die lebhafteste Anerkennung gebracht hat. Jln jüngster Zeit erschien in der Bucher'schen Verlagsbuchhandlung in Würzburg seine Umarbeitung der praktischen „Winke und Rathschläge" des um die Raiffeisen-Sache hochverdienten Pfarrers Josef Kolb in Prosselsheim, des intimen Freundes des j- Vaters Raiffeisen. Kaiser's „Raiffeisen-Winke" und „Raiffeiien-Kalender" leisten den Raisfeisen-Vereinen die schätzenswerthesten Dienste, so daß es nicht verwunderlich erscheinen darf, wenn sämmtliche angeführten Raiffeisen-Publikationen Kaiser's von warmen Verehrern der Sache selbst im bayerischen Landtage empfohlen wurden. Daß das ersprießliche Wirken Kaisers auf seelsorglichem und socialem Gebiet, sowie seine siebenjährige Thätigkeit in der Ge- sangenenanstalt Nrederschönenfeld auch in den regierenden Kreisen wohlgefälligst bemerkt wurde, beweist die allergnädigste Verleihung des k. bayer. Vervienstordens vom hl. Michael IV. Klasse (7 März 1891), wie nicht minder die allerhöchste Anerkennung, welche dem verdienten Raiffeisenmanne in wiederholt allergnädigst g> währten Audienzen von Sr. kgl. Hoheit dem Prinzregenten Luitpold und Sr. kgl. Hoheit Prinzen Ludwig ausgesprochen wurde, ebenso die Auszeichnung mit der „großen silbernen Vereinsdenkmünze" durch den landwirthschaftlichen Verein in Bayern (1888). Auch als Hausgeistlicher und kgl. Pfarrer im Zuchthause Kaisheim (vom 1. November 1891 an) und kgl. Distrikts- Schulinspector des Bezirkes Monheim war er rastlos thätig für die Raiffeisensache und nahm hervorragenden Antheil an der Gründung des bayerischen Landesverbandes landwirtschaftlicher Tarlehenskassenvereine. Mit Rücksicht darauf und auf seine Stellung als zweiter Verbandsdirector im Verbände wurde er, wie schon erwähnt, zum Pfarrer in dem schön gelegenen Aibling ernannt, von wo aus er in naher Verbindung mit der Central- stelle des bayerischen Landesverbandes in München seine für die Raiffeisensache so erfolgreiche Thätigkeit in alter Begeisterung fortsetzt sä mnltos annos — so Gott will — und alle Verehrer Vater Raiffeisens wünschen. Vanadins. Glücklich heraus I Zu den Hühner-Vögeln zählen auch die Wald- oder Feld- Hühner. Sie nisten in der Regel auf der Erde oder in niedrigem Gestrüpp und legen eine große Zahl von Eiern in einer Brüt. Die Jungen verlassen das Et mit Daunen bekleidet, folgen der Mutter vom ersten Tage an und nehmen selbstständig Futter auf. Auf unserem Bilde siehst Du, lieber Leser, das Nest eines Feldhuhnes. Vor kurzer Zeit noch hättest Du in dem Neste fünf niedliche Eierchen schauen können. Heute aber sind die Hüllen gesprengt. Zwei allerliebste Vöglein sind bereits „glücklich heraus" aus dem Ei, während zwei andere eben daran sind, die Hüllen zu sprengen. Das Nesthäkchen aber im letzten Ei rührt sich noch nicht; doch wird es nicht mehr lange dauern und auch das Nesthäkchen ist da. Wie werden sich die Alten freuen über die junge, muntere Brüt! -» -i- < , «>4—«- ZLilder-NätHsek. bliebe bist cl^. Ms --HMZÄ- ^L59. Kreitag, den 20. Juli 1884. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg ^Vorbesttzer vr. Max Huttler). Im Laune alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Nun, ich will mit dem bunten Karl sprechen. Die Hauptsache ist zunächst, daß er Deinen sauberen Mädchenjäger von Angesicht zu Angesicht beaugenscheinigt, damit er auf der Straße seinen Mann kennt. Ich werde die Sache schon einzuleiten wissen. — Ah! guten Abend, Schlosserfritz!" unterbrach er sich, „Du kommst wie gerufen; auf Dich warte ich eben." Die Anrede galt einem stämmigen, untersetzten Manne mit pockennarbigem Gesicht, welcher in Haltung und Kleidung den Eindruck eines schlichten Handwerkers machte und behaglich aus einer kurzen Pfeife schmauchte. Der Ankömmling errieth aus den Worten des Ulanen sogleich, daß es sich um ein „Geschäft" handelte. Er nahm sich einen Stuhl, und bald bot die Gruppe am Tische den Anblick einer geheimnitzvollen Verschwvrungsscene dar. Der Ulan, der Schlosserfritz und der Mann mit dem Lederkasten, „Hausirerfranz" genannt, waren dicht aneinandergerückt und verhandelten mit gedämpften Stimmen, während Nettberg anscheinend theilnahmslos dabei saß. Nölling entwickelte den Plan zu einem vielversprechenden Einbruchsdiebstahl. Er hatte schon wiederholt ein Inserat in der Zeitung gelesen, daß in der Nähe einer brandenburgischen Kreisstadt, die von hier aus mit der Eisenbahn in wenigen Stunden zu erreichen war, ein Gut zu verkaufen sei. In der Verkleidung, in welcher er vorhin den „blutigen Knochen" betreten hatte, war er hingereist und hatte sich bei dem Besitzer des Gutes als Kauflustiger eingeführt, um unter diesem Vorwande die Gebäulichteiten genau zu besichtigen und sich nach leicht transportablen werthvollen Gegenständen umzusehen, welche ein kühnes Wagestück lohnend erscheinen lassen könnten. „Der Zufall oder der Teufel will," fuhr Nölling in seiner Mittheilung fort, „daß ich mit dem Gutsbesitzer noch eine alle Rechnung zu begleichen habe. Er war früher Advokat in der Kreisstadt, ein so niederträchtiger Rechtsverdreher und Geldschinder, wie vielleicht kein zweiter unter der Sonne zu finden ist, und hat mich bis in den Hals in die Tinte geritten. Für alles, was ich jetzt bin, habe ich mich bei ihm zu bedanken!" — Nölling stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. — „Doch das bei Seite," nahm er seine Erzählung wieder auf. „Der Schuft, der natürlich keine Ahnung besaß, daß er das rachelüsterne Opfer seiner schmutzigen Habsucht vor sich sah, hat mich mit einer Zuvorkommenheit, über die ich manchmal laut hätte lachen mögen, in Haus und Hof herumgeführt, so daß ich jeden Winkel kenne." Es trat eine Pause ein, die der Schlosserfritz unterbrach, indem er sagte: „Was gibt's bei der Sache zu verdienen?" „In einem der Zimmer sah ich einen Glnsschrank," antwortete der Ulan, „der von oben bis unten mit Silbergeschirr gefüllt war, etwas altfränkisch in der Fa^on, aber Alles gediegen und schwer; ich kenne diese Art Waare l" Der Schlosserfritz schüttelte verdrießlich den Kopf. „Das muß eingeschmolzen werden, unv dabei bleibt der größte Theil an den Händen des Goldschmclzers kleben. Will ich Silberschränke ausleeren, so brauche ich nicht erst aus Berlin herauszugehen." „Nur gemacb, Freund Fritz!" versetzte Nölling. „Das Beste kommt immer zuletzt. Während mir der Alte Felder und Wiesen zeigte, hat der Hausirerfritz, der mein Reisebegleiter war, sich von ungefähr auf dem Gute ein- gefunden und vor der Dienstmagd die Herrlichkeiten seiner Lederschachtel ausgekramt. „Na, das war eine Einfalt vom Lande, wie sie schöner nicht im Buche steht!" sagte lachend der Hausirer auf einen fragenden Blick des Schlosserfritz. „Während sie sich meine Waaren besah, brachte ich von ihr heraus, daß von Berlin und Potsdam häufig Offiziere angereist kommen, mit denen ihr Herr Geldgeschäfte macht, und daß er deshalb immer 15—20,000 Mark baares Geld im Hause habe." „Das sieht schon anders aus!" schmunzelte der Schlosserfritz. „Liegt das Gutsgehöft mitten im Dorfe oder nahe dabei?" „Es liegt eine gute halbe Stunde davon," erwiderte Nölling. „Ich stellte mich deshalb bedenklich und sagte zu dem Alten, man wohne hier doch eigentlich sehr abgelegen. Da lachte er. Die Gegend sei sicher. Seit zehn Jahren sei weit und breit kein Diebstahl vorgekommen. Man könne hier getrost bei offenen Thüren schlafen. Trotzdem ist die Hausthüre des Herrenhauses von festem Eichenholz und im Innern mit eisernen Riegeln versehen; die Parterrezimmer haben sämmtlich starke Läden, und diese werden des Nachts kreuzweise mit Eisenstangen verschlossen —" 450 „DaS gäbe ein saures Stück Arbeit!" meinte Schlosserfritz und kratzte sich hinter den Ohren. „War gehen uns Läden und Hausthüren an?" sagte der Ulan. „Wir fassen unsere Aufgabe von einem „höhern" Gesichtspunkte auf, haha! Das erste Stockwerk, das keine Läden hat, ist nicht hoch und hat einen kleinen Balkon. Wenn Jemand auf meine Schulter steigt, so kann er eine Strickleiter am Balkon befestigen, durch die wir einsteigen. Den Eingang in die übrigen Theile des Hauses öffnet uns unser Schränkzeug (Dtebshandwerks- zeug)." „Und wo ist das Geld?" erkundigte sich Schlosserfritz. „Im Schlafzimmer des Advokaten, das zu ebener Erde liegt, steht ein Feuerfester, und darin wird's natürlich stecken. Wir müssen dem alten Burschen sofort das Maul verstopfen. Ist ihm das Geld lieber als seine Haut und weigert er sich, den Kassenschlüssel herzugeben —" „So hab' ich meine Kreis- und Stichsäge bei mir," ergänzte ruhig der Schlosser. „Es wäre nicht das erste Loch, das sie in die Wandung eines Geldspindes machte. Gibt's viele Leute im Hause?" „Außer dem Alten nur zwei Weiber," nahm der Hausirer das Wort. „Die eine ist seine Tochter, die aber eben verreist ist, die andere ist die Dienstmagd. Die schläft oben in einer Bodenkammer. Die Gutsarbeiter wohnen alle im Dorfe. Nur der Kutscher schläft auf dem Gute über der Stallung; die liegt aber ihre reichlichen fünfzig Schritte hinter dem Herrenhause." „Das Geschäft im Innern besorgen wir beide," bemerkte Nölling, den Schlosser mit dem Ellbogen anstoßend. „Der Hansirerfranz steht nach der Straße zu Schmiere (Wache). Wir müssen aber noch einen Vierten haben, der auf den Hof Acht gibt." „Wir nehmen den „Don Carlos" dazu," erklärte der Schlosser, „der sieht in der Nacht wie ein Küuzchen. Sind Hofhunde da?" „Nein," versetzte der Ulan, „um Hunde zu füttern, ist der alte Filz zu geizig. Er gestattet sich zwar den Luxus eines Reitpferdes, aber nur aus Gesundheitsrücksichten, weil ihm, wie er mir sagte, der Arzt das Reiten empfohlen hat." „Hört, ich habe da einen guten Einfall," sagte der Hausirer geheimnißvcll. „Wie wär's, wenn wir die „Cognacnase" und den „langen Eda" auch mitthun ließen?" „Gott bewahre! das geht nicht!" eiferte der Schlosser, „diese beiden Herren haben einen so schlimmen Ruf, daß wir sie nicht in den Handel verwickeln dürfen, denn es ist ihnen immer jemand auf der Ferse, um sie zu beobachten." „Eben deshalb könnten wir sie gut brauchen," lächelte der Hausirer verschmitzt. „Man schickt sie nach der Kreisstadt voraus, etwa einen Tag vorher, und dort Müssen sie sich überall umhertreiben —" „Um den Verdacht auf sich zu lenken," fiel Nölling ein. „Ich verstehe." „Weiter sollen sie nichts dabei thun," nickte der Hausirer, „die große Figur des Ulanen ist auffällig, und da der „lange Eda" nur um ein Weniges kleiner ist —" „So soll er über die Persönlichkeit irre führen," ergänzte der Schlosserfritz. „Das ist verteufelt gut aus- gesonnen. Natürlich müssen der lange Eda und die Cognacnase für Beweise sorgen, wo sie die Nacht zugebracht haben, und wir müssen uns auch bei Zeiten nach guten Freunden umsehen, die, wenn's Noth thut, unser Alibi beschwören. Soweit wäre also alles gut. Das Weitere können wir morgen besprechen." „Noch eins, was wir nicht übersehen dürfen," erinnerte der Hausirer. „Wir haben einen Weg von mehreren Stunden nach der Kreisstadt zurück. Wie sollen wir das schwere Silberzeug fortbringen? Und doch müssen wir vor Tagesanbruch schon im Eisenbahnzuge sitzen." „Das macht mir keinen Kummer," sagte der Schlosserfritz, „ich habe in der Kreisstadt einen guten Freund, der früher selbst ein Kochemer (Verbrecher) war und jetzt dort einen Pferdehandel betreibt. Der stellt uns Wagen und Pferde, wenn wir ihm einen Antheil am Geschäft geben. Das ist ein Kerl, der sein Fach aus dem ff versteht, sage ich Euch! Einem Milchhändler hat er denselben Klepper dreimal verkauft; zuerst als Rappen, ohne einen Flecken Weiß am ganzen Leibe; dann mit zwei weißen Vorderfüßen; und endlich hat er ihn geschoren, ihm den Schweif gestutzt und ein ganz anderes Geschöpf daraus gemacht. Aber der Milchhändler konnte weder das erste noch das letzte Mal mit dem Vieh fahren, denn es war störrisch und schlug vorne und hinten aus." „Gut, Schlosserfritz, Du sorgst für den Wagen," bemerkte der Ulan, „aber binde Deinem Freunde auf die Seele, daß er uns nicht etwa ein Paar Pferde vom Geblüts der Milchmannsmähre einspannt; dabei könnten wir schlecht fahren!" Der Schlosserfritz und der Hausirer brachen in ein unbändiges Gelächter aus, welches so ansteckend war, daß fast die ganze ehrenwerthe Gesellschaft des „blutigen Knochens" unwillkürlich mit einstimmte, ohne die Veranlassung zu kennen. Plötzlich öffnete sich die auf die Straße führende Thür. In der Spalte ward der Kopf eines Mannes sichtbar. „Lampen! Lampen!" rief er hastig mit lauter Stimme herein und war sogleich wieder verschwunden. Dieses einzige Wort, mit welchem das Gauneridiom eine nahende Gefahr bezeichnet, wirkte wie ein Zauber. Mit Blitzesschnelle stürzte alles durch Vorder- und Hinterthür hinaus, und im Nu war das Lokal wie ausgefegt. — Der Wirth, welcher bisher hinter seiner Ladentafel gestanden und Speisen und Getränke gegen klingende Münze verabreicht hatte, räumte eilig die Gläser weg. Dann setzte er sich hinter seinen Ladentisch, ließ den Kopf auf beide übereinandergelegte Arme sinken und schien eben aus einem Schläfchen zu erwachen, als mehrere Kriminalschutzmänner eintraten. Ihre Frage nach ein paar Gästen, die sie genau beschrieben, verneinte er mit der unschuldigsten Miene von der Welt. Es seien überhaupt den ganzen Abend nur zwei Gäste dagewesen, sagte er gähnend, und auf diese passe die Beschreibung nicht. Die Zeiten seien schlecht, die Leute hätten kein Geld, und wenn's nicht bald besser würde, werde er nächstens seine Bude zumachen. Die Polizei spürte keine Lust, den Lamentationen des Wirths über die trostlosen Zeiten lange zuzuhören, und da sie das Nest leer gefunden, so entfernte sie sich wieder, um ihr Glück in einer andern Verbrecherklappe zu versuchen. XXII. Obgleich Maitland Melanie nur jenes eine Mal gesehen und gesprochen hatte, so war sie ihm doch sofort als das Wesen erschienen, nach welchem er schon lange 451 gesucht; ihre Schönheit reizte seine Leidenschaft; ihre Unschuld fesselte ihn; von ihrer Bildung und ihren Talenten versprach er sich Unterhaltung in jenen Stunden, wo er sich von den gewohnten Genüssen angewidert fühlte. ES war sein Entschluß, sie zu gewinnen, und dieser Entschluß wurde durch die Hindernisse, die sich ihm entgegenstellten, nur noch befestigt und gestärkt. Daß es gerade der Baron von Sturen war, welcher seinen Plan durchkreuzte, reizte seinen Ehrgeiz und seine Eitelkeit auf's höchste; von allen Menschen in der Welt wäre dieser der letze gewesen, welchem Maitland einen Triumph über sich gegönnt hätte; dasselbe geheimnißvolle Motiv, welches ihn in allen seinen Beziehungen zu dem Baron leitete, war auch hier in Thätigkeit und stachelte ihn zu energischerem Widerstand, als es die Leidenschaft für Melanie vermocht hätte. An dem Tage, wo er Nettberg in Southampton angelangt wußte, erwartete er mit Ungeduld dessen Depesche, die ihm Melaniens Aufenthalt namhaft machen sollte. Aber die Depesche kam nicht. Als sie auch während der nächsten Tage ausblieb, begann er zu fürchten, daß Rettberg ihm entschlüpft sei. Maitland sann bereits auf Mittel, wie er seinen Zweck auf andereur Wege erreichen könne, als eines Tages ganz unerwartet Nettberg selbst erschien. Er kam direct von Southampton, wie er sagte, und so war es auch. Maitland empfing ihn sehr kühl. „Ich muß wohl annehmen/ sagte er, „daß Sie mir nichts zu telegraphiren hatten, und daß Ihre Reise verfehlt war." „Der Herr Baron übergab mir in Bremerhaven auf dem Schiffe einen Brief meiner Schwester," antwortete Nettberg, „und dieser Brief enthält alles, was Sie zu wissen wünschen." „Und warum telegraphirten Sie mir nicht sofort?" fragte Maitland. Rettberg zuckte die Achseln. „Ehe ich mich weiter in dieser Sache engagire, muß ich darauf bestehen, daß Sie sich verpflichten, meiner Schwester eine anständige Nente auszusetzen, damit ihre Zukunft gesichert ist." Diese Forderung war das Resultat jener Unterredung mit Rölling, der ihn mißtrauisch gegen Mait- land's Versprechungen gemacht hatte. Um ihn dieses Mißtrauen nicht merken zu lassen, gab er sich den Anschein, als fei es ihm nur um seine Schwester zu thun; aber indem er Garantien für deren Zukunft verlangte, sorgte er für sich selbst, denn er wußte genau, daß Melanie ihren letzten Pfennig mit ihm theilen würde. Maitland maß ihn mit einem verächtlichen Blicke. „Seien Sie über die Zukunft Ihrer Schwester ohne Sorgen," versetzte er. „Vor allem sagen Sie mir, wo sie sich aufhält. Beellen Sie sich aber mit der Antwort, denn ich lasse nicht mit mir spaßen." „So lange Sie mir keine bessere Zusicherung geben, als diese," versetzte Rettberg, „so lange ich hierüber von Ihnen nichts Schriftliches in der Hand habe, dürfen Sie auf meinen Beistand nicht rechnen." Maitland würde, um Melanie zu gewinnen, jede Bürgschaft für die Sicherung ihrer Zukunft gegeben haben, aber daß ihr Bruder, der an Händen und Füßen gebunden vor ihm stand, ihm Bedingungen vorschreiben wollte, reizte seinen Stolz. „Gut," entgegnete er, nachdem er den Elenden eine Weile finster angestarrt hatte, „Sie fordern selbst Ihr Schicksal heraus. Ich werde den Aufenthalt Ihrer Schwester auch ohne Ihre Mithülfe ermitteln. Aber Sie sollen nicht ungestraft Ihr Spiel mit mir getrieben haben." Mit entschlossenen Schritten ging er nach der Thür und drückte auf den Knopf der elektrischen Glockenleitung. „Was haben Sie vor?" fragte Rettberg. „O, ich werde einfach nur nack einem Kriminalbeamten senden, diesem den falschen Wechsel übergeben und ihn ersuchen, Sie auf der Stelle zu verhaften." Rettberg hätte in diesem Augenblicke viel darum gegeben, zu wissen, ob seine Freunde schon für ihn gewirkt hatten, ob Maitland die gefährlichen Papiere überhaupt noch besaß, aber er hatte seit seiner Rückkehr von der Reise weder Rölling noch den „bunten Karl" zu finden vermocht. Während Rettberg noch zögerte, ob er es darauf ankommen lassen solle oder nicht, erschien der Diener, den das Glockenzeichen herbeigerufen hatte. Er wartete auf den Befehl seines Gebieters; als dieser aber schwieg, um Rettberg noch einen Augenblick Zeit zum Ueberlegen zu lassen, meldete er, es seien zwei Herren im Vorzimmer, die ihre Aufwartung zu machen wünschten. Der eine sei ein Herr von Lehmann, der andere habe keinen Namen genannt. „Laß die Herren eintreten," befahl Maitland nach kurzem Ueberlegen. „Sobald sie wieder gegangen sind, kommst Du zurück." Bald darauf erschienen die beiden angemeldeten Besucher. Der eine war ein imposanter ältlicher Herr, dessen stattlicher Vollbart und sorgsam frisirtes Haar zu ergrauen begann. Eine Brille von bläulicher Färbung verschleierte den Blick seiner Augen, die von dichten kräftigen Brauen beschattet wurden. Die feine Kleidung unter dem offenen hellen Sommerüberzieher verrieth den wohlsttuirten Mann. Er mochte wohl ein Gutsbesitzer und ehemaliger Offizier sein, wenigstens lag etwas Militärisches in seiner Haltung. Sein Begleiter war ein noch junger Mann, dessen Kleidung sich im Schnitt nach der neuesten Mode richtete, aber eine Neigung für bunte Farben erkennen ließ. Ein leises unmerkliches Zusammenzucken abgerechnet, gab Rettberg, gewohnt, seine Miene zu beherrschen, nicht das mindeste Zeichen der Ueberraschung kund, so unverhofft seinen Freund Rölling und den „bunten Karl" hier zu sehen, und auch die beiden Gauner benahmen sich vollständig fremd gegen ihn, soweit sie ihn überhaupt beachteten. „Was verschafft mir das Vergnügen?" redete Mattland mit der kalten, vornehmen Höflichkeit, die er stets im Verkehr mit Fremden beobachtete, den alten Herrn an. „Verzeihen Sie, wenn ich störe," antwortete dieser mit einem nichtssagenden Blicke auf Rettberg, „aber ich werde Ihre Zeit nur für wenige Augenblicke in Anspruch nehmen, um mir eine Auskunft von Ihnen zu erbitten. Ich bin in der Wahl meines Dienstpersonals sehr vorsichtig, und da ich eben im Begriff stehe, einen neuen Kutscher zu engagiren, der früher bei Ihnen gedient hat, so wollte ich mir die Frage erlauben, ob Sie mir den Mann empfehlen können." „Wie heißt er?" „Bulmering," erwiderte der alte Herr und schien gespannt die Antwort zu erwarten, obwohl er genau voraus wußte, was kommen würde. „Bulmering," wiederholte Maitland, einen Augen- blick in seinem Gedächtniß suchend. „Ganz recht, ich erinnere mich seiner genau," fügte er mit einem sarkastischen Lächeln hinzu, „ich habe weder vor noch nach ihm einen Kutscher gehabt, der sich so vortrefflich, wie er, auf die Führung von Zügel und Peitsche verstanden hätte. Nur besaß er einen kleinen Fehler, den ich nicht verschweigen darf. Er stahl nämlich den Hafer scheffelweise, und alles, was an dem Pferdegeschirr von Silber war, ließ er spurlos verschwinden. Als er sich endlich auch an meiner goldenen Uhr vergriff, jagte ich ihn davon." Der alte Herr zog die buschigen Brauen stark in die Höhe und gag einen pfeifenden Ton von sich, womit er seine Ueberraschung und sittliche Entrüstung ausdrückte. — „Sollte man es für möglich halten, daß ein so junger Mensch schon so verdorben sein könnte?" wandte er sich an seinen Begleiter. Dieser stieß einen tiefen Seufzer aus und schüttelte mit einer moralischen Be- kümmerniß, die ihm sehr schlecht zu Gesicht stand, den Kopf. — Der alte Herr drückte Maitland seinen Dank aus, daß er ihn durch die ertheilte Auskunft vor einer ähnlichen unangenehmen Erfahrung bewahrt habe, und bat nochmals um Entschuldigung, ihn bemüht zu haben. „Darf ich fragen," wandte Maitland sich in etwas scharfem Tone an den jünger« Herrn, von dem er sich die ganze Zeit über mit stechendem Blick fixirt sah, „mit wem ich die Ehre habe und womit ich Ihnen dienen kann?" „O," sagte der Alte mit entschuldigendem Lächeln, „es ist mein Sohn, der mich begleitet hat." Beide verbeugten sich mit feinem Anstand und gingen. Dieser Zwischenfall hatte Nettberg belehrt, daß er sich nach wie vor in Maitland's Hand befand, denn er errieth leicht, daß der Besuch seiner Freunde vorerst ein geschickter Vorwand gewesen war, um sich mit dessen Aeußern genau bekannt zu machen. Als daher der Diener, dem erhaltenen Auftrage gemäß, abermals eintrat, sagte er in knirschender Ergebung: „Sie können Ihrem Diener den Gang ersparen." Auf einen Wink seines Herrn entfernte sich jener wieder, worauf Nettberg einen Brief hervorzog mit den Worten: „Hier sind die Abschiedszeilen, die meine Schwester mir geschrieben hat. Sie können daraus ihren Aufenthalt ersehen." Maitland ergriff den Brief und überlas die mit zierlicher Handschrift geschriebenen Zeilen. Wie sie dem Bruder mittheilte, stand sie im Begriffe, von Berlin abzureisen; seine Briefe würden sie bis auf Weiteres unter der Adresse des Gutsbesitzers Teßner auf Göllnitz treffen, die nächste Poststation sei die Kreisstadt P. Eine flüchtige Nöthe färbte Maitland's Antlitz, als er den Namen Teßner las, und seine Lippen preßten sich aufeinander, als wolle er einen Seelenschmerz niederkämpfen. Nicht ohne Bewegung las er auch den übrigen Inhalt des Briefes. In ergreifenden Worten sagte die Schwester dem Bruder Lebewohl, und mit rührender Bitte beschwor sie ihn, jenseits des Meeres ein ehrlicher, rechtschaffener Mann zu werden. Wohl schlug dem Lesenden das Gewissen. Die edeln Grundsätze, welche sie so liebevoll schwesterlich dem Bruder einzuprägen suchte, wollte Maitland selbst in ihr erschüttern und vernichten. Aber die Bewegung ging rasch vorüber, die mahnende Stimme hatte keine Gewalt über seine Entschlüsse. „Merken Sie sich eins, guter Freund," sagte er, Nettberg den Brief zurückgebend, „ich bin nicht der Mann, der sich Vorschriften wachen läßt. Was Sie vorhin für Ihre Schwester verlangten und ich Ihnen verweigerte, weil Sie es in hohem Tone forderten, das will ich jetzt gewähren, nachdem Sie sich zum Gehorsam verstanden haben." Maitland setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb einige an Rettberg gerichtete Zeilen nieder, worin er sich verpflichtete, dessen Schwester unter gewissen, von derselben noch zu erfüllenden Bedingungen eine Jahresrente von namhaftem Betrag zu gewähren, welche ihre Zukunft vollständig sicherte. Nachdem Maitland dem „vorsorglichen" Bruder das Papier übergeben hatte, befahl er ihm, wieder in seine alte Wohnung zurückzukehren, damit er ihn jederzeit zu finden wisse, schärfte ihm ein, den Baron von Sturen sorgfältig aus dem Wege zu gehen, versah ihn abermals reichlich mit Geld und entließ ihn. XXIII. Etwa zwei Meilen von der Besitzung Wolfgang's, dem „Villenhofe," entfernt lag, von Feldern und Waldungen umgeben, das kleine Dorf Göllnitz und eine halbe Stunde davon das gleichnamige Gut, welches Felicitas' Vater gehörte. Die Gutsgebäude bildeten ein Quadrat, dessen Rückseite Stallungen und Vorrathsräume enthielt, während die Vorderseite das Herrenhaus einnahm. Die andern beiden Seiten bestanden aus hohen Mauern, an welche verschiedene der Haus- und Landwirthschaft dienende Räumlichkeiten angebaut waren. In einer dieser Mauern befand sich das Hofthor. Das Herrenhaus war nur ein Stockwerk hoch. Von seinen beiden Schmalseiten bot die nach Osten zu gelegene eine freie Aussicht auf denjenigen Theil der Gegend, welcher die meisten landschaftlichen Reize auszuweisen hatte, daher war auch im ersten Stockwerk ein kleiner Balkon mit eiserner Brüstung angebracht, auf welchen eine Glasthür hinausführte. Unmittelbar unter dem Balkon stand eine Laube von Lattenwerk, die eine Ecke eines Blumengärtchens bildend, welches von einem niederen Staket umschlossen war. Von der Hauptfront des Hauses führte eine kleine Pappelallee nach der Landstraße. Es war am Spätnachmittag, als die lange, hagere Gestalt des Gutsherrn an der Seite Melanie Rettberg's langsam die Pappelallee entlang schritt, um mit dem jungen Mädchen, welches seit heute Morgen seine Gastfreundschaft genoß, einen Spaziergang in die nächste Umgebung zu machen. Die Natur, welche die Contraste liebt, mochte wohl ihre Genugthuung haben in den Gegensätzen zwischen dem klapperdürren Alten und dem neben ihm wandelnden Mädchen, einem Bilde der Jugend und der Anmuth. Sie trug den breitrandigen Strohhut lose auf dem Kopf, in allen ihren Bewegungen lag eine träumerische Grazie. „Ihre Großmutter war also eine Frau von Bal- deneck," brachte Teßner das Gespräch auf den schon in seinem Briefe an Felicitas berührten Gegenstand, „sie gehörte unter dem Namen Baldenecker der Bühne an und starb in Hamburg." „Ich war überascht," entgegnete Melanie, „Sie mit unserer Familienchronik so vertraut zu finden." 453 — Ich stand in einer Rechtsangelegenheit kurze Zeit mit Frau von Baldeneck in Briefwechsel," antwortete Teßner, „als ich noch in der Kreisstadt drüben die Advokatenpraxis betrieb. Reicht Ihre Kenntniß von Ihrer Familie über Ihre Großmutter hinaus? Wissen Sie, wer deren Eltern waren?" „Davon habe ich keine Ahnung," antwortete das junge Mädchen. Ein geheimntßvolles Lächeln, als dürfte er sich rühmen, über diese Frage besser unterrichtet zu sein, umspielte die Lippen des Advokaten. Eine gute Weile setzten beide ihren Weg schweigend fort. Plötzlich machte der alte Herr Halt und betrachtete Melanie mit prüfendem Blick. „Wenn mich der Anschein nicht trügt," sagte er, „so sind Sie noch nicht mündig, Fräulein Rettberg?" „Nein, ich werde es erst nächstes Jahr." „Haben Sie Geschwister?" fragte er im Weitergehen. „Nur einen drei Jahre älteren Bruder." „Ahl was ist er und wo hält er sich gegenwärtig auf?" — Melanie wurde verlegen. „Warum sollte ich dem Vater meiner Freundin nicht die Wahrheit sagen?" bemerkte sie nach kurzem Schweigen. „Die Frage, was er ist, läßt sich schwer beantworten, denn er hat wiederholt seinen Beruf gewechselt und nichts ordentlich betrieben. Bis vor Kurzem lebte er mit mir in Berlin. Von Natur zum. Leichtsinn geneigt, ist er in dieser gefährlichen Stadt in schlechte Gesellschaft gerathen und hat schlimme Streiche begangen. Ein Freund, der sich unserer liebevoll annahm, verschaffte ihm eine Versorgang in Amerika. — —" (Fortsetzung folgt.) -- Reise-Skizze -es bayerischen Pilgerznges nach Lourdes 1894. (Fortsetzung.) So bildet die Kirche ein Arsenal, dessen Triumph- Standarten nicht im Kriege erbeutet, sondern von der Dankbarkeit und Liebe gespendet wurden. Auch die Seiten- wände der Kirche sind ganz mit kleinen weißen Marmortafeln, deren goldene Inschriften die Dankbarkeit der wunderbar Geheilten ausdrücken, mit Bildern und andern Weihegeschcnken bedeckt. Die um den Hochaltar im Kreise gruppirten fünf Kapellen sind vom Titel Unserer Lieben Frau von Salette, vom Rosenkranz, vom heiligen Herzen, vom Berge .Karmel und vom Siege. In den hohen Fenstern gewahrt man die schönsten Glasmalereien, in welchen in Form von Medaillons die Geschichte Berna- dette's und einige hervorragende Wunder dargestellt sind. Der ganze noch übrig gelassene Raum an den Seiten- wänden, besonders um die Altäre herum, ist von werthvollen Weihegeschenken aller Art bedeckt; außer Reihen von goldenen und silbernen Herzen, die sinnreich gruppirt sind, hat dort ein Fürst seine Krone mit strahlenden Diamanten gewidmet, ein Krieger seinen kostbaren Degen, ein General seine goldenen Epauletten; hier prangen in kunstfertigen Rahmen goldene und silberne Kränze, nebenan ziehen unsern Blick an Neliquienschreine, mit aller Kunst aus purem Golde gearbeitet; hell funkelt dort das Großkreuz der Ehrenlegion, das ein Staatsmann zu Füßen der Muttergottes niedergelegt hat. Einigen von uns glückte es, am letzten Tage auch noch die eigentliche Schatzkammer zu sehen; darin bewunderten wir: eine Krone, bestehend aus 40,000 Diamanten, von den Frauen Frankreichs U. L. Frau geschenkt; eine goldene Rose von P'ipst Leo, ein goldenes Kreuz von Papst Pius, ein geschnitztes Bild, gefertigt aus einer Wurzel des wilden Rosenstrauchs, den der Fuß der hl. Jungfrau berührte; ein Stein von jenem Gestein, auf dem der Fuß Mariens stand; Pectorale Pius' IX., elfenbeinerne Kanontafeln Leo's XIII., ein silbergesticktes Meßgewand, mit Perlen übersäet, ein anderes in Goldbrokat, drei reiche Pluviale mit den 15 Geheimnissen des Rosenkranzes. Die Kirche ist sehr geräumig, um Tausende vou Andächtigen zu fassen; aber der Zuzug von Wallfahrern nimmt von Jahr zu Jahr in ungeahnter Weise zu, besonders an Frauenfesten; überdies kommen an manchen Festtagen 500—600 Priester nach Lourdes, und da es schwer ist, daß alle cclebriren können, hat man den Plan gefaßt, unten am Berge eine neue, große prachtvolle Kirche zu bauen, die den 15 Geheimnissen des heiligen Rosenkranzes geweiht sein sollte. Am 16. Juli 1883 wurde der Grundstein gelegt vom Cardinal - Erzbischof Despres von Toulouse, im Beisein von 16 Bischöfen, und nun ist sie vollendet; sie hat 15 Altäre, jeder einem Geheimnisse des Rosenkranzes gewidmet, und kann über 6000 Personen aufnehmen, die alle den Hochaltar vor Augen haben. Die Gruppen von je 5 Nosenkranzkapellen bilden ein griechisches Kreuz, überragt von Kuppel und Laterne, während das große, weite, fast flache Dach den Vorplatz zur Krypta und Basilika bildet. In bewunderungswürdiger Weise sind die gothische Basilika, die halbdunkle Krypta und byzantinische Nosenkranzkirche durch Bogen, Arkaden, Gänge, Zinnen und Statuen zu einem einzigen harmonisch wirkenden Prachtbau verbunden. In den 3 Kirchen finden 12,000 Personen ausreichenden Platz; zwischen den Arkaden 100,000, vor der Felsengrotte 20,000 Personen. Dieser Vorplatz erinnert an den St. Peters-Platz in Rom, den Lourdes beinahe übertrifft durch die Grande Avenue, den großen sorgfältig gepflegten Vorplatz, der zum Terrain der Missionäre gehört, wo jederzeit feierliche Ruhe herrscht angesichts der erhabenen Heiligthümer. Hier kann der Pilger ungestört seine Andacht Pflegen und dabei die liebliche Landschaft genießen. Welche großartigen Schöpfungen sind in Lourdes entstanden seit 1858, eigentlich seit 1862, wo der Bischof von Tarbes nach gründlicher, jahrelanger Untersuchung einer vielgliedrigen bischöfl. Commission die Wahrheit der übernatürlichen Erscheinungen der allerseligsten Jungfrau bestätigte, welche der Bernndette Soubirous in der Grotte Massabielle zu Theil geworden, und der Bau einer Kirche angeordnet wurde, unter Appell an die Mildthätigkeit der Gläubigen seiner Diöcese, Frankreichs, Europas. Am 4. April 1864 folgte die feierliche Besitznahme von Massabielle seitens der Kirche durch die Einweihung der herrlichen Marien-Statue, die von dem berühmten Künstler Fabisch aus Lyon nach den Angaben Bernadette's gefertigt worden war. Damals lag Bernadette krank im Spital; später trat sie in das Kloster zu Revers und widmete fortan ihr Leben als Barmherzige Schwester der Pflege der Kranken und Armen, selbst heimgesucht von schweren Krankheiten, bis sie am 16. April 1879 sanft im Herrn entschlief im 35. Lebensjahre, im 13. Jahre ihres Klosterlebens. Im Diorama zu Lourdes ist eine Darstellung zu sehen, wie sie auf dem Sterbebette mit 454 den heiligen Sakramenten vom Bischöfe versehen wurde. Im Jahre 1893 ist auch ihre Schwester Marie zu Lour- des gestorben, welche sie bei ihren Gängen zur Grotte begleitet hatte. Lourdes liegt am Fuße der Pyrenäen, unweit der spanischen Grenze; wenn man südlich von der Stadt über die Berge steigt, können wir in 5 Stunden das erste spanische Dorf erreichen und unweit davon die Stadt Vignemale. Wer aber per Bahn nach Spanien will, muß entweder in Carcassonne nach Narbonne abbiegen und von Perpignan aus hinüberwandern in der Richtung gegen das Miitelmeer, oder südwestlich ab Lourdes über Pau die Pyrenäenbahn benützen, nach Bayonne, und dann in Jrun die spanische Grenze überschreiten, als Ziel seiner Excursion das herrlich am Atlantischen Ocean (Golf de Gascogne oder Biscaya) gelegene Sän Sebastian erwählen. Mehrere von uns entschlossen sich, hiefür ein paar Tage zu opfern. Die Pyrenäenbahn führt westwärts südwestlich ab Lourdes, wo wir mgs.7 Uhr abreisten, über St.-Ps (11 krn von Lourdes), Montaut-Betharram (15 Irrn), Coarraze (22 kw), Pau (39 km), Lescar (46 km), Orthez (79 kw) nach Bayonne (145 km). Die Strecke von Lourdes bis St>- Ps mit seinen im Schweizerstil gebauten Häusern, die vom Gave hufeisenförmig umzogen und von hohen Bergen eingeengt ist, ist eine der lieblichsten, die es geben kann. St.-Ps ist ein Städtchen mit 2500 Einwohnern. Auch Betharram liegt in überaus lieblicher Gegend, nahe am Gave, rückwärts von einem Halbkreis bewaldeter Berge umschlossen; hier befindet sich ein großes Priester- Seminar für Missionäre. Unweit davon liegt auf einer Anhöhe eine vielbesuchte Wallfahrtskirche mit schönem Calvarienberg, schon Ende des Mittelalters angelegt. Wir kommen nach Pau, einer der herrlichst gelegenen Städte Europas und einem der ersten klimatischen Kurorte. Die Stadt, welche 27,000 Einwohner zählt, zieht sich am Rande einer Hochebene hin, welche steil gegen den Gavefluß abfällt; hier herrscht ein internationaler Ton, weil jeden Winter mehrere Tausende Fremde hier weilen. Vom Bahnhof führt eine ziemlich steile Rampe hinan zur Place Noyale, einem hochberühmten Platz; hier überschaut man das sich prächtig bietende Panorama. Eine Promenade mit köstlicher Aussicht nach Süden gewährt der Boulevard du Midi, sonnig, vor Nordwinden geschützt. Die Kirche St.-Martin ist ein Neubau im gothischen Stil, mit elegantem Thurm; der Hochaltar vereint alle Marmorarten der Pyrenäen; hat schöne Glasgemälde. Das Schloß von Pau, wo die bayerischen Gefangenen verwahrt wurden (1871), ist das interessanteste Gebäude der Stadt, mit welcher es 3 Brücken verbinden; Napoleon III. ließ es restauriren, mit seinen imposanten 6 Thürmen, Zinnen und breiten Mauern. Das Innere des Schlosses mit seinen vielen Sälen in 2 Stockwerken ist sehr interessant. Das hiesige Klima ist für chronische Kehlkopf-Katarrhe sehr empfohlen. Vor uns liegt das weite Gavethal, zu beiden Seiten mit den herrlichsten Villen und freundlichen Dörfern besetzt. Die gegen Süden aufsteigenden Hügel sind mit Weingärten bedeckt; allmälig erheben sich die Hügel zu hohen Felsbergen, welche sich an die Pyrenäen anschließen. Die Bahn durchzieht dann das Thal des Gave und dann das fruchtbare Thal des AdourfluffeS, in den sich der Gave ergießt, und erreicht endlich Bayonne, die alte Baskenstadt, Waffenplatz ersten Ranges, mit 26,000 Einwohnern, 1 Stunde vom Golf von Biscaya. Bayonne, am Zusammenfluß der Nive und des Adour, 5 km von der Bay von Biscaya, zerfällt in drei Haupt-Stadttheile, Groß-, Klein-Bayonne und Vorstadt; eS hat breite und gerade Straßen, schöne Häuser und gehört zu den ersten Festungen Frankreichs. Seine Lage, nahe beim Meere, hart an der Grenze von Spanien, am Fuße der Pyrenäen, spiegelt sich auch in den Gegensätzen der Bevölkerung ab, in einer wunderbaren Mischung von Sitten, Idiomen und Trachten; es ist eine halb spanische, halb baskische Stadt. Der Spanier tritt auf in braunem Mantel oder in Jacke, Stulpenstiefeln, niederem rnndem Hut; der Baske mit dem lange», nach hinten geschlagenen Haar, blauer, weitfaltiger Mütze, Sammetkittel, rother Leibbinde; das baskische Mädchen mit der Coiffure ihres farbigen halbseidenen Tuches, der Matrose mit dem Tafthut, dazu der französische Soldat und die Fremden- colonie aus Biarritz geben dem Leben der Stadt einen originellen Charakter, gesteigert durch die Gewohnheit der Basken, lachend und lärmend zu verkehren. Die Einwohner fabriciren vorzüglichen Branntwein und Liqueur, Chocolade, Glasflaschen, und treiben besonders mit Wein, Wolle, Schinken ansehnlichen Handel. Im Hafen wenig Leben. In der Vorstadt liegt die Citadelle, die Straße nach Spanien beherrschend; von ihren Bastionen schöne Aussicht auf das baskische Bergland, die Dünen und die Pyrenäen. Eine steinerne Brücke, 210 in lang, führt über den Adonr zu: Kleinstadt; die Brücke Majou über die Nive nach der Großstadt. Die Kathedrale hat zwei elegante, 42 in hohe Thürme; der gothische Jnncnbau macht einen erhebenden Eindruck. Unser nächstes Ziel ist Sän Sebastian, eine der schönst gelegenen Städte des nö-dlichen Spanien; die ganze Reise dahin ist hochinteressant, gibt einen recht guten Einblick in nordspanisches Gebiet und Leben. Die Entfernung von Bayonne nach Sän Sebastian beträgt 63 kni. die man in 2^ Stunden fährt um 3 Frcs. 65 Cent. Die Bahn zieht über den Adour und die Nive zur Station Biarritz, von welcher der Badeort noch 3 km westlich liegt. Biarritz, wohin auch eine Lokalbahn führt, ist eine Stadt mit 8500 Einwohnern, jetzt eines der besuchtesten Meerbäder Europas. Napoleon III. und Eugenie hielten hier Herbst-Residenz in ihrem Palais. Im August und September strömen viele Tausende von Fremden, die vornehme Pariser Welt, Spanier, Engländer, Russen, Deutsche, zu diesem schönsten Seebad Frankreichs; ein köstliches Ufer mit feinem Sande; an drei verschiedenen Buchten gestattet die gesteigerte Brandung der Wogen jede beliebige Heilanwendung des Badens; die Entfernung bis zum Meer ist eine geringe. Wirklich eine prächtige malerische Lage; interessant das Einströmen des hochaufschäumenden Meeres in zerklüftete hohe Felsenriffe, die Rundschau von der Mündung der Garonne bis zn den Gipfeln der fernen spanischen Sierras und die amphi- theatralische Lage der Wohnhäuser, die aus den Fenstern die schönsten Ausblicke gewähren. Die Ufer sind malerisch, der Horizont weithin offen. Auch Winter-Station wegen seines milden Klimas. Jenseits des Tunnels ein baskisches Dorf mit Meerbädern; es folgt St.-Jan de Luz, 23 kw; mit Hotels am Meeresufer; nun setzt die Bahn über die Nivelle. Durch einen 404 va langen Tunnel in das Thal des Grenzflußes Bidafsoa, jenseits des Flusses steht man weit hinein in das spanische Gebiet. Hendaye (35 km) ist die französische Grenzstation, — über genannten Grenz» 455 fluß nach Fontarabte, echt spanisches altes Stäbchen mit 300V Einwohnern, die Bevölkerung auffallend schön. In Jrun betreten wir das eigentliche Spanien; — hier Wagenwechsel; die Stadt mit 5520 Einwohnern auf einer Anhöhe hat eine hübsche Kirche, — einstündiger Aufenthalt. Die Bahn verläßt nun das Meer für kurze Zeit und führt durch gebirgiges, anmuthtges Land; durch zwei Tunnels nach Pasages, Städtchen in herrlicher Lage an einer Meeresbucht, und nun gelangen wir nach Sau Sebastian am Golf von Biscaha, mit 20,000 Einwohnern, mit Hafen und Festung, liegt reizend auf einem Isthmus zwischen 2 Buchten am Fuße eines isolirten, mit Fort gekrönten Hügels Orgullo, 130 rn hoch, nach Süden von fruchtbarem, romantischem Flußthal und hohen Gebirgen umgeben; eine prächtig gebaute Stadt, zu der wir vom Bahnhof aus per Trambahn fuhren. Die Bucht La Concha, mit beliebten Seebädern, ist von schmucken Häusern und Vergnügungslokalen umgeben. Im Sommer residirt hier die königliche Familie. In der Stadt nimmt das Rathhaus, Casa de lo Ayuntamiento, eine ganze Seite der Plaza Nueva ein, die von Portikus mit eleganten Schauläden und Häusern mit eisernen Balkönen umgeben ist. Abends promenirt hier die vornehme Welt; ein großer baumbeschatteter Promenadeplatz ist in allen spanischen Städten anzutreffen. Auffällig ist uns die schöne Galakleidung der spanischen Soldaten; — die Sennoras sind durchweg mit Mantillas versehen, auf dem Kopf ein spitzenbesäetes, feines Tuch, in Seide gekleidet; der Menschenschlag freundlich und zuvorkommend gegen Fremde. Die St. Marienkirche ist ein eleganter Renaissancebau, — eine zweite Kirche, ist ziemlich dunkel gehalten, bietet nichts Bemerkenswerthes. Auf der Höhe des Monte Orgullo liegt, */z Stunde entfernt, das Kastell mit Pracht-Panorama auf das Atlantische Meer und nach Spanien hinein, wozu man einen Erlaubnißschein auf der Kommandantur holen muß; ein Soldat ist Führer auf die höchste Plattform mit herrlicher Aussicht. Vor der Stadt besichtigten wir die Arena für 10,000 Zuschauer; die Stierkümpfe finden alle 14 Tage statt vom Juli bis September. Nicht zu vergessen ist das vortreffliche Diner zu billigem Preise, mit starken spanischen Weinen. Von Sau Sebastian führt die Bahn nach Madrid; wer morgens 8 Uhr hier abreist, gelangt bis 9 Uhr nach Tolosa, dann über Zumarraga, Alsasna, Vitoria, Miranda de Ebro Abends 5 Uhr nach Burgos, 9 Uhr nach Valladolid, andern Tags Abends 5 Uhr nach Madrid. Hochbefriedigt von unserem Ausflug nach Spanien kehrten wir von Sän Sebastian wieder in kstündiger Fahrt zurück über Bayonne und Pau nach unserem lieben Lourdes, um dort noch den letzten Tag unseres Aufenthalts auszunützen, noch einmal die heiligen Stätten zu besuchen, Einkäufe an Devotionalien zu machen und die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen, die auf 11 Uhr Nachts Dinstag, 17. April, angesetzt war. Wir kamen um 10 Uhr Vormittags an, eilten gleich zur Basilika, wo eben das Hochamt begann und während desselben von einem Pilger, Pfr. M., eine hl. Messe celebrirt wurde für unsern Prinzregenten Luitpold von Bayern und Allerhöchst- dessen Familie, sowie für das ganze Königliche Haus Wittelsbach, mit welchem Bayern durch fast ein Jahrtausend verbunden ist; es ist daS älteste Herrschergeschlecht Europas; fo haben wir auch unserem bayerischen Patriotismus an diesem weltberühmten Gnadenorte Ausdruck gegeben. Während des Hochamtes leistete unser Sängerchor, Herren und Damen, wieder Vortreffliches; derselbe hat sehr viel beigetragen zur größer« Würde und Feierlichkeit der Gottesdienste und Andachten, zur allgemeinen Erbauung der Pilger und der Fremden, welche immer zahlreicher sich einfanden. Alle holten noch Wasser von der heiligen Quelle für die Heimath in blechernen oder gläsernen Flaschen, erstere enthielten 4—6 Liter. Mehrere bestellten größere Quantitäten im Bureau, von wo jährlich viele Tausende von Flaschen mit diesem wunderbaren Lourdeswasser in alle Welt versendet werden. Wer Wasser aus Lourdes will, schreibe einfach an den Superior der dortigen Missionäre, dessen Adresse ist: k. ?. Luxsrtsur äss Llissionnairsg äs l'lmwuoulss Oonssxtüon L I^ouräss (Lautss-I'^rsnsss); 6, 10, 20, 30 Flaschen, die dann gegen Nachnahme zugesendet werden; zu vergüten sind nur die Flaschen und die Fracht, sowie der Zoll; das Wasser und das Einfüllen sind gratis; wer nur ein paar Flaschen bedarf, kann sich auch an die Auer'sche Buchhandlung in Donauwörth, oder an M. und A. Kerle, München, Amalienstraße 16, wenden. Es ist ein außerordentlich frisches Wasser, das die Quelle gibt. Beigelegt werden gedruckte kurze Gebete, die bei Anwendung in Krankheiten oder an kranken Gliedern gebetet zu werden Pflegen. Taufende Kranke in verschiedenen Ländern, die wegen körperlicher Schwäche oder Armuth und zu weiter Entfernung nicht selbst nach Lourdes zur Quelle kommen konnten, suchten von dort sich Wasser zu verschaffen; von allen Seiten treffen Berichte ein über merkwürdige Heilungen, die durch die Kraft dieses hl. Wassers und das Vertrauen zu Maria bewirkt wurden. Man lese nur die „L-nnalss äs Uotrs-Oains äs lucmräss; Lsrtrairä I?ujo, imxrirnsur äs 1a> Qrotts", — in deutscher Ausgabe bei L. Auer in Donauwörth, die in monatlichen Lieferungen erscheinen und berichten über die verschiedenen Vorgänge an der Grotte: Prozessionen, Festlichkeiten, die Namen berühmter Pilger und die wunderbaren Heilungen, welche an der Quelle selbst oder durch das nach auswärts versandte Wasser vollzogen werden; nur jene Heilungen werden aufgenommen, die von den Aerzten als wunderbar angesehen werden. Man kann angesichts dessen unmöglich daran zweifeln, daß die Quelle selbst und all diese Heilungen einem übernatürlichen Einflüsse, der Mutterliebe Mariens gegen ihre bedrängten Kinder auf Erden, zu verdanken sind. Einer der ersten Chemiker Frankreichs, Fichol in Toulouse, hat das Wasser chemisch untersucht und gefunden, daß es nur die Bestandtheile des gewöhnlichen Trinkwassers und nicht eine einzige Substanz enthalte an Mineralien, welche ihm besondere Heilkraft mittheilte. Wo auf der ganzen Welt ist die Quelle, welche gleich der von Lourdes Blinde sehend, Taube hörend, Gelähmte plötzlich gehend macht, welche Schwerkranken durch einen einzigen Tropfen ihres Wassers völlige Genesung gibt! Dinstag Nachmittags eilten Alle wieder von einer Kirche zur andern und zur Grotte, wo der Rosenkranz gebetet wurde, um nachher noch längere Zeit dort zu beten für sich und Andere in der Heimath, nochmal alle Anliegen der Gebenedeiten vorzutragen und sich für Leben und Sterben ihrer Fürbitte zu empfehlen. Sie ist immer belagert zu jeder Tageszeit von betenden Pilgern auS Frankreich, Spanien, England, Amerika, Italien, Deutschland, Oesterreich. Die größere Zahl gehörte de» vor- 458 nehmen Ständen an, aus dem männlichen wie aus dem frommen Geschlechte; es ist wie ein Bekenntniß des Glaubens, daß die Herren ebenso gut wie die Damen sehr große Rosenkränze mit Perlen und Kreuz um die Mitte geschlungen oder am Arme trugen, sogar mehrere Militärs. Bei dem Anblicke der vor der Grotte sich versammelnden Menge drängt sich die Erwägung auf, wie durch die Religion der Geist der innigsten christlichen Liebe geweckt, das Band der vollkommenen Einheit um die Angebörigen der verschiedensten Nationen und Stünde geschlungen wird; sieht man hier neben dem reichen, vornehmen Herrn den Landmann, an der Seite der noblen Dame die ärmlich gekleidete Hirtin, Kinder aller Nationen in Andacht vereint, so fühlt man, wie uns das Christenthum zu Gliedern einer Familie, zu Kindern einer gemeinsamen Mutter gemacht hat; man steht erfüllt, was die HI. Jungfrau Maria voraussagte: „Blich werden selig preisen alle Geschlechter!" Man denkt hier an den Himmel, wo noch mehr als hier „alle Thränen abgewischt", alle Unterschiede der Nationalüät und der Stünde beseitigt werden. — Man kann hier mit Inbrunst und Andacht beten, wie an wenig andern heiligen Orten; diese feierliche Stille, das Wildromantische des FelscuS, das Rauschen des vorübereilenden Flusses, über sich das blaue Himmelsgewölbe, der Anblick der betenden Menge, Alle unverwandt das Auge auf die Statue der Mutter Gottes gerichtet, die Hände andächtig haltend oder ausbreitend und stundenlang knieend, — der Gedanke: dort in der so nahe vor mir sich öffnenden Felsen-Nische hat sich die Mutter Gottes so oft gezeigt, da stand sie in herrlichem Lichtglanze, die reinen jungfräulichen Füße der Königin der Engel haben diesen irdischen Felsen berührt, ihre himmlische Stimme ward hier vernommen, hier neigte sich der Himmel zur Erde herab, zum sündhaften Menschengeschlechte, — all dieß muß die Beter mit heiliger Ehrfurcht erfüllen und zum Beten drängen. Selbst nicht im heiligen Hause zu Loreto oder an den Gräbern der Apostelfürsten habe ich eine so große Menschenmenge so innig beten gesehen wie hier, wo Maria ihren Gnadenthron aufgeschlagen hat, uns zu trösten, zu heilen, zu erhören! Um gnädig erhört zu werben, ist aber Buße erforderlich, darum pflegen alle Pilger zu beichten und zu communiciren; diese täglichen General-Communionen an der Grotte während und nach den hl. Messen gehörten zu den Glanzpunkten unserer Wallfahrt. Abends 8 Uhr war Abschiedsandacht in der Basilika. In unbeschreiblichem Lichtglanze erstrahlte diese mächtige Kirche. An den vielen, zum Theil sehr großen Lustres brannten Hunderte von Kerzen, welche auf eigenthümliche Art angezündet wurden. Es waren nämlich alle Lustres und an denselben auch wieder eine jede Kerze durch eine Zündschnur mit einander verbunden. Als das Ende dieser Schnur angezündet war, eilte der Funke unendlich rasch von einem Lustre und von einer Kerze zur andern, bis in kurzer Frist das ganze Lichtmeer dem geblendeten Auge entgegenschimmerte. Der deutsche Missionär k. Asprion, aus Hohen- zollern gebürtig, hielt eine herzliche Abschiedsrede, indem er den Eifer und die Andacht der Pilger belobte, die Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen zur getreuen Erfüllung der Standespflichten aufforderte und zur beharrlichen Liebe, Andacht und Verehrung der unbefleckten allerseligsten Jungfrau Maria, zum fleißigen Beten des hl. Rosenkranzes, zum Gebete für die Kirche und das deutsche Vaterland, — und schließlich Alle dem Segen und dem Schutze Mariens empfahl. Nachdem die Devotionalien geweiht waren (täglich war hiefür Gelegenheit), wurde der päpstliche Segen von dem Missionär gespendet, dann das Sanctissimum ausgesetzt, das Danklied „Großer Gott" und Salve Regina gesungen und nach einem deutschen Segenliede der sakramentale Segen gespendet. Viele Opfer waren in den Tronc gelegt worden, sowie einzelne Weihegeschenke, deren bis jetzt fast 10,000 seit 30 Jahren gespendet worden waren. Dahin gehören die goldenen und silbernen Gefäße, die für den heiligen Dienst bestimmt sind, 60 kostbare Kelche, 15 Ctborien, 7 Monstranzen, darunter eine als Kunstwerk ersten Ranges mit 1300 Diamanten, 4000 seltenen kostbaren Steinen, Rubinen, Amethysten, Topasen, kostbaren Perlen, 22 Sternen von Brillanten, welche die Glorie der hl. Hostie umgeben, 12 Sterne von kleinen Brillanten, einen Nimbus zur Verherrlichung der Mutter Gottes bildend, ein Kunstwerk von Goldarbeit, Plastik und Email, woran der Künstler Calliot in Lyon mit 33 auserwählten Arbeitern 4 Jahre gearbeitet hat. Einiges wurde geopfert für den Altar der Deutschen in der Nosenkranzkirche, welcher 10,000 Frcs. kostet, wovon 6000 Frcs. gedeckt sind, 4000 Frcs. noch fehlen. — Es folgte der letzte gemeinsame Gang zur Felsengrotte um 9 Uhr Abends, wo Jeder das Abschiedsgebet aus seinem Pilgerbüchlein betete, nochmal rief: „O Maria, Heil der Kranken, Zuflucht der Sünder, Trösterin der Betrübten, bitte für uns!" Welche Summe von Leid und Sorge, Trübsal und Bedrängniß, die in der Abschiedsstunde zu den Füßen der Helferin der Christen niedergelegt wurde! Nicht nur Frauen, sondern auch die Männer sah man, die Augen voll Thränen, sich wiederholt niederbeugen, den hl. Felsen küssen. Welcher Ort in der Welt, außer Kalvaria und dem hl. Grab zu Jerusalem, übt solch unwiderstehlichen Eindruck aus auf die Christensecle, als diese Felsenhöhle, welche die unbefleckte Jungfrau durch ihre wirkliche gnadenvolle Erscheinung geheiligt hat; es ist, als ob man sich garnicht trennen könnte von diesem wunderbaren Orte! Und doch muß es sein. Die Zeit drängt! Wir müssen wieder heim in unser theures Vaterland, zu unsern Familien. So lebt denn wohl, ihr schönen Ufer des Gave, ihr malerischen Landschaftsbilder, ihr Kapellen voll hehrer Weihe; lebe wohl, du neues Jerusalem, du Fürstentempel der Königin des Himmels und der Erde, wir haben deine Pracht geschaut, die Lichterkronen, haben deine Gnade gekostet. Lebe wohl, du unvergeßliche Grotte mit deiner Wunderguelle, deinen Kerzen, Pyramiden, deinen vielen Weihegaben. Lebe wohl, Maria, ohne Sünde empfangen, auf Wiedersehen im Himmel! Das Kind muß scheiden von der Mutter, in deren Nähe es tagelang weilte, — das Herz blieb bei ihr zurück! (Schluß folgt.) -- Auflösung des Arithmogripbs in Nr. 57: Jura, Aarau, Narr, Unna, Anna, Naja. — Januar. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 68: Handelsvertrag. 6V. 1894. „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 24. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Angsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Partial-Obligationen) von 2'000,000 Mk. kommt. Die Fabrik beschäftigt sich mit der Construction von Buchdruckmaschinen, dem Bau von Turbinen und Dampfmaschinen, von Kälte-Erzeugungsmaschinen für Eis- fabriration, Wasser- und Luftkühlung. Mit diesen Erzeugnissen innig zusammenhängend wurde der Bau von Transmissionen, Pumpen, hydraulischen Pressen, mechanischen Aufzügen rc. gepflegt, ja sogar großartige eiserne Brücken (über den Lech und anderweit) sind in der Maschinenfabrik Augsburg ausgeführt worden, so daß die Jahresproduktion der Fabrik das gewaltige Gewicht von 3'750,000 Kilogramm liefert. Die Zahl der gebauten Schnellpressen aller Größen kommt heute der Ziffer 4400 nahe. Besonders hervorzuheben sind zwei große, neue Maschinen, welche aus der Fabrik hervorgegangen: die Mehrfarbendruckmaschine für fünf Farben und die Zwillings- Rotationsmaschine. Die Leistungsfähigkeit der ersteren beträgt 6000—8000 Bogen in der Stunde, bei einem Format von 840X670 ram. Papiergröße, je nach der Güte der zu liefernden Arbeit. Zwillings-Rotationsmaschinen baute die Fabrik im Ganzen bis jetzt 21. Dieser ganze großartige Industriebetrieb bewegt sich in einem Komplex von Gebäuden, deren Ausdehnung natürlich die verschiedenartigste, je ihrem Zweck entsprechende ist, und zwischen und in denen der Verkehr durch gelegte Schienengeleise erleichtert wird. Das eigentliche allbewegende Leben aber wird der ganzen Anlage eingehaucht in einem links vom Fabrik- eingange gelegenen Hause. In demselben befinden sich die Direktions- und Comptoirlokalitäten nebst den Sälen für die technischen Bureaux mit ihren mächtigen Zeichnungstischen, dem entsprechenden kaufmännischen und technischen Personal rc. Tritt man in eine oder die andere der ungeheuren Werkstätten, so wird man unwillkürlich überrascht sein durch die fast sinnverwirrende Großartigkeit des sich bietenden An- blickes. DaS Schnurren und Summen der zahllosen Theile der Werkzeug- Maschinen, das hier pfeilgeschwinde^ dort majestätisch langsame Drehen von kleinen und großen Rädern und Scheiben, das zitternde Durcheinander der in der weiten Perspektive scheinbar lianen- artig verschlungenen Treibriemen , deren systematische Regelmäßigkeit sich erst dem ruhiger blickenden, prüfenden Auge offenbart, das stille Dahingleiten mächtiger Eisenstücke auf massigen Eisen- lagern, zu deren Seiten sich oben durch colossale Querbalken von Eisen verbundene viereckige Eisenpfeiler erheben — wahre Eingangspforten zu den Werkstätten des Pluto I — deren von gewaltiger Kraft und Stärke zeugender Bau uns um so mehr in Erstaunen setzt, wenn wir die kleinen Eisen- spähne gewahren,die derscharfe Hobel von dem unter ihm durchlaufenden Ma- schinentheile abstößt,— daneben die ebenso colossalen Drehkrah- nen zum Heben der ungeheuren Lasten und darüber die nicht minder soliden, 4 ^ -2 >- i N 1 / AM -«o »» § HLW WW! E' M'G durch die weiten Säle rollenden, zum Theil von Dampfkraft getriebenen Laufkrahnen — das Alles muß man sehen und auf seine Sinne wirken lassen, um einen richtigen, aber zugleich überwältigenden Eindruck zu empfangen von der großartigen Entwicklung der deutschen Maschinen- Jndustrte überhaupt und ihrer in der Fabrik zu Augsburg kultivirten Zweige insbesondere. Die eigentliche active Thätigkeit vertheilt sich auf folgende Lokale: eine Eisen- und Metallgießerei, eine Gußputzerei, eine Schmiede und Kesselschmiede, eine Dreherei, ein Montirgebäude für Dampfmaschinen und Turbinen und eine Schnellpressenwerkstätte nebst Montirsaal, wozu als wichtige Nebeneinrichtungen kommen: eine Sägemühle mit großartigem, den Reichthum eines ganzen Waldes bergendem Holzvorrathslager, eine Modellschreinerei und ein Modellmagazin. In diesen Lokalen, für deren Luftreinigung Ventilatoren sorgen, befinden sich 7 Dampfmaschinen und 1 Turbine von zusammen 800—1000 Pferdekräften, 380 Schraubstöcke, 334 Drehbänke, 67 Hobelmaschinen, 96 Bohrmaschinen, 51 Stoß- und Fräsmaschinen, 14 Näder- schneidmaschinen, 50 Schmiedfeuer, 11 Dampf- und Prä- cisionshämmer, 8 Vollgattersägen, 77 Hobelbänke, 115 Krahnen und Aufzüge, wobei 45 Laufkrahnen von 500 bis 30,000 Kilogramm Tragkraft. Die elektrische Beleuchtungsanlage umfaßt 272 Bogenlampen und 1100 Glühlampen. Die Fabrik besitzt eine Schienenanlage zur Verbindung mit dem Bahnhof (Geleiselänge innerhalb der Fabrik circa 3000 Meter), 1 Lokomotive und 1 fahrbaren Dampfkrahnen. Die Buchdruckmnschinen-Werkstätte anlangend, ist der ganze Montirsaal mit Laufkrahnen ausgestattet, mit deren Hilfe jede schwere Last leicht transportirt werden kann, wie auch vermittelst derselben das Einlegen der Cylinder mit Leichtigkeit und vollkommenster Sicherheit ausgeführt wird. Neben den Laufkrahnen sind ebenfalls durch den ganzen Saal Transmissionen gelegt, sowohl zum Betriebe der aufgestellten Werkzeugmaschinen, als auch namentlich zur Probeweisen Inbetriebsetzung aller hier zusammengestellten Buchdruckmaschinen. Und in dieser Beziehung ist der sich hier bietende Anblick von wahrhaft überraschender Großartigkeit. Man glaubt sich in eine Buchdruckerei allerersten Ranges versetzt, wenn man den ganzen weiten Saal von einer Erhöhung überblickt und die Menge der aufgestellten Maschinen aller Gattungen sieht, die hier in nicht geringer Zahl schon vollkommen fertig stehen, während nicht weniger sich in mehr oder minder vorgeschrittenen Stadien der Zusammensetzung befinden. Wohl kein Besucher der Fabrik wird sich von dem Montirsaale ohne aufrichtige Bewunderung trennen, denn er ist einzig in seiner Art und von seltener Großartigkeit. Einige allgemeine nützliche Nebeneinrichtungen der Fabrik mögen noch Erwähnung finden. Zu ihnen zählen wir, daß, wo nöthig, jeder der großen Werkstätten Zeichenräume für die Ausführung der Details beigegeben sind, so daß ein direktes Hand-in-Hand-gehen des entwerfenden Ingenieurs oder Abtheilungsmeisters, welch letzterer stets auch sein abgesondertes Zimmer in der Werkstatt hat, mit dem praktisch ausführenden Arbeiter möglich ist. Als sehr nützlich erweist sich auch das Holzpflaster in den meisten Werkstätten, das sich am praktischsten in diesen Räumen bewährt, wo ein niederfallender Gegenstand oft die stärksten Bohlen zu zersplittern vermag. Gegen Feuers- 462 — gefahr ist Vorsorge getroffen durch eine ausgedehnte Anlage von Nothpfosten, die sofort durch die Dampfmaschine oder die Turbine gespeist und getrieben werden können. Daß die Fabrik außer umfangreichen Remisen auch trefflich eingerichtete und vorzüglich gehaltene Stallungen besitzt, sei nur nebenbei erwähnt. Auf dem Fabrikterrain ist auch eine Wirthschaft (Hausmeisterei) eingerichtet, wo einfache Nahrungsmittel und Getränke zu Selbstkostenpreisen abgegeben werden. Auch eine Anzahl Häuser hat man in geringer Entfernung von den Fabriklokalitäten in sehr gesunder Lage, inmitten von Gärten und Wiesen, errichtet, in denen sich je nach der Größe des Hauses vier oder acht Wohnungen von drei und vier Zimmern für Arbeiterfamilien befinden. Zu jeder derselben ist auch ein Stückchen Gartenland zum beliebigen Anbau von Gemüse oder Blumen beigegeben. Unter den Wohlfahrtseinrichtungen zu Gunsten der Arbeiter in der Maschinenfabrik sind zu nennen: die Arbeiter-Wohlfnhrts-Einrichtungs-Kasse mit einem Vermögen von M. 73,622.24 (Stand am 30. Juni 1893), die Arbeiter-Unterstützungs-Kasse mit einem Vermögen von M. 255,726.37, die Pensionskaffe der Angestellten mit einem Vermögen von M. 150,392.18, die Spezial-Unter- stützungskasse des Aufsichtsrathes (unterstützt bis 30. Juni 1893 wurden seit Gründung 643 Hilfsbedürftige mit M. 27,038.41 im Gesammtbetrage), die Arbeiter-Sparkasse mit einer Einlage von M. 148,476.16 (Stand am 30. Juni 1893). Aus Vorstehendem ist ersichtlich, über welch gewaltige Mittel die Maschinenfabrik Augsburg verfügt und wodurch sie in den Stand gesetzt ist, ebenso prompt als cxact und gewissenhaft zu arbeiten. Die Menschen vergehen, die Welt aber schreitet vorwärts! Und „Vorwärts!" ist auch die Losung der Maschinenfabrik Augsburg. Möge das großartige Etablissement stets in gleicher Weise wie bisher gedeihen und blühen! Füssen. (Hiezu das Bild Seite 463.) Füssen, Stadt mit ca. 2800 Einwohnern, vor dem Eingänge in das Hochgebirge, am Lech gelegen, ist Grenzstadt gegen Tirol, Sitz eines Bezirksamtes, Amtsgerichtes und Rentamtes. Die Stadt hat sechs katholische Kirchen, ein Franziskanerkloster, ein Schloß, eine große Seiler- waarenfabrik. Das im südlichen Theile der Stadt auf einem Felsen gelegene umfangreiche Schloß, von dessen Thurme aus man eine reizende Aussicht genießt, ist durch den am 22. April 1745 zwischen dem Kurfürsten Maximilian III. von Bayern und Maria Theresia daselbst abgeschlossenen Frieden merkwürdig geworden. Neben der Burg stehen die Gebäude der ehemaligen Benediktiner- Abtei St. Mang und die Stiftskirche, im gefälligen No- kokostil, mit interessanten Grabdenkmälern und Gemälden. Füssen steht an der Stelle einer römischen Niederlassung. Um 720 erhielt es die Benediktiner-Abtei St. Mang, nach ihrem Gründer, dem Mönche Magnus, benannt. Erst im Besitze der Welsen, kam es 1191 an die Hohenstaufen und 1226 durch Verpfändung an den Herzog Ludwig von Bayern. Damals hatte auch das Hochstift Augsburg bereits Besitzungen und Rechte in und um Füssen, namentlich, wie es scheint, die Advokatie des Klosters. Die Bischöfe hielten in Füssen zur Vertretung ihrer Rechte 463 einen Vogt. Herzog Ludwig begann nun, auf einem Berge ober Füssen eine Beste zu bauen; sie war gegen das Stift Augsburg gerichtet, konnte daher von den Bischöfen nicht geduldet werden. Wirklich verstand sich Herzog Ludwig in einem mit Bischof Wolfhart von Augsburg wahrscheinlich im Februar 1292 geschlossenen Vergleiche, vom Baue von Besten zu Füssen und in der Umgebung abzustehen. 1313 fiel die Vogtei an die Bischöfe von Augsburg, damit war die Oberhoheit des Hochstiftes Augsburg über die Stadt Füssen begründet. Die Eigenschaft einer Stadt trägt Füssen schon im 13. Jahrhundert. Auf dem Berge stand damals schon eine bischöfliche Beste. Der Berg selbst aber gehörte dem St. Magnuskloster. Bischof Friedrich erweiterte 1322 das Schloß und befestigte es stärker. Auch die Stadt, welche dem von Kaiser Ludwig zu Augsburg am 4. Oktober 1330 in stand, gewährte der BürgerschaftMahrung und förderte viel Wohlstand. Am 19. Juli 1046 wurde Füssen von Sebastian Schertlin von Burtenbach, dem Hauptmann der oberdeutschen Städte, eingenommen. Schertlin setzte sofort eine neue Stadtverwaltung ein, schaffte den katholischen Gottesdienst ab, entfernte die Heiligenbilder aus den Kirchen und ließ durch einen Prüdikantcn, Johann Flimmer, den er aus Augsburg mitgebracht hatte, bei St. Magnus lutherisch predigen. Am 12. Juli legte Schertlin in die Stadt eine Besatzung und zog, nachdem er Schloß und Kloster rein ausgeplündert, gegen Augsburg ab. Auch des Kurfürsten Moriz von Sachsen hochverräterischer Zug nach Tirol gegen Karl V. im Jahre 1552 ging über Füssen, das am 18. Mai von ihm eingenommen wurde. Mit dem Jahre 1632 begannen die Leiden und Schrecken des Schwedenkrieges in reichem Maße auch -MUW ZM1 I Mssrn. Schwaben und in Oberbayern errichteten Landfrieden bei- trat, erhielt eine neue Befestigung, zu deren Herstellung Bischof Heinrich im Jahre 1338 den Bürgern den Lech- zoll auf 3 Jahre bewilligte. Die Stadt Füssen war schon in früher Zeit zur Ausübung des Halsgerichts berechtigt, den Vollzug dieses Rechtes erleichterte Kaiser Sigismund der Stadt unter'm 23. September 1431 dadurch, daß von dem oft schwer aufzubringenden Sieben-Eide (Eide vor sieben Richtern in jedem einzelnen Falle) abgestanden werden durfte und den Bürgermeistern und dem Rathe eingeräumt wurde, über übelthätige und schädliche Leute jedesmal gemäß ihrer allgemeinen eidlichen Verpflichtung zu erkennen und sie mit dem Tode oder an Leib und Gliedern zu strafen. Die letzten Jahrzehnte des 15. und die ersten des 16. Jahrhunderts bildeten Füffens glänzendste Zeit. Der lebhafte Verkehr und Waarendurchzug, als der italienisch-deutsche Handel in schönster Blüthe über Füssen heranzuziehen. Beim Heranrücken der Schweden flüchteten die Einwohner massenhaft nach Tirol. Am Abende des 22. Juni stand General Banner mit vielem Kriegsvolke und schwerem Geschütze vor der Stadt. Nach einstündiger Beschießung am nächsten Morgen war er Herr derselben. Den größten Theil der Besatzung nahm er gefangen. Die Stadt mußte 5000 Gulden Brand- schatzung erlegen. Banner nahm Wohnung im Kloster St. Magnus. Am 1. Juli zog das Hauptheer Banner's nach Augsburg zurück; in Füssen blieben nur 400 Mann als Besatzung. Gegen sie rückte Erzherzog Leopold aus Tirol her mit 12,000 Mann und begann am 17. Juli die Stadt zu beschießen; nach dritthalbtägigem Sturme mußte sich die Stadt ergeben, welche einer gründlichen Plünderung anheimfiel. Die folgenden Jahre brachten für Füssen endlose Durchzöge von kaiserlichen Kriegsvölkern und schwer drückende Einquartierungen. Erst nachdem 1648 Friede geschlossen ward, konnte sich die Stadt wieder allmälig erholen. Das folgende Jahrhundert brachte Füssens Namen in Verbindung mit einem weltgeschichtlichen Ereignisse; der Friede von Füssen nämlich endete den vierjährigen Krieg über die österreichische Thronfolge. Derselbe wurde, wie erwähnt, am 22. April 1745 geschlossen. Der Reichs- deputations-Hauptschluß vom 25. Februar 1803 theilte das Gebiet des Hochstifts Augsburg und damit die Stadt Füssen dem Kurstaate Bayern, die Abtei St. Magnus dem Fürsten von Oettingen-Wallerstein zu, nachdem die Stadt schon am 3. September 1802 durch kurbayerische Truppen provisorisch für Bayern in Besitz genommen worden war. 1803 erfolgte die Aufhebung des Klosters St. Mang. Ein neuer Abschnitt in der Geschichte Füssens begann, als Kronprinz Maximilian von Bayern die Burg Hohen- schwangau zu seiner Lieblingsstätte wählte und in reizvoller Schönheit herstellte; denn der Stadt eng benachbart, strahlt Hohenschwangau's Glanz und Neuschwanstein, das „Walhall" unseres unglücklichen, unvergeßlichen Königs, auch auf diese nieder, und von der Huld der Könige Maximilian II., Ludwig II. und der Königin Marie getragen, lebte Füssen neu auf in Ansehen, Verkehr und Wohlstand. — Füssen erfreut sich mit Recht wegen seiner herrlichen Umgebung eines regen Fremdenverkehrs und ist im Hinblick auf die vielen trefflichen Wirthschaften, in denen man bestens aufgehoben ist, der Aufenthalt dortselbst den Touristen nur zu empfehlen. (Unser Bild ist nach einer Photographie von Herrn Ludwig Schradler in Füssen am Lech.) - Hungrige Gäste. (Zu unserem Bild Seite 459.) Umbaucht von der Poesie des Südens liefert E. Ravel in seiner Originalzeichnung ein Genrestück von bestechender Ein- fachbeit: ein ehrwürdiger Kapuzinermönch streut im Klosterhofe, dessen Mauern auf der einen Seite in das unermeßliche Meer abfallen, dem Geflügel die übliche Körnerration aus der Holzschüssel und freut sich über den gesegneten Appetit seiner Gäste. Und Hunger hat das Federvieh fast zu jeder Tageszeit, mögen es nun Hühner oder Tauben oder langsam schreitende Gänse sein. Mit Beziehung darauf sagt auch ein alter Spruch: „Willst du verderben und weißt nicht wie, So halte nur Viel Federvieh." Buchstäblich genau dürste übrigens der Spruch selten zutreffen, und die armen Kapuziner wären die letzten, welche die eigene spärliche Nahrung in unbilliger Weise der unvernünftigen, wenn auch nützlichen Kreatur zuwenden wollten. Futter brauchen aber einmal die zweibeinigen Eier-, Fleisch- und Federlieferanten, und — „der Gerechte erbarmt sich auch des Thieres". " --- - Allerlei. Ein sehr beliebtes Mittel in amerikanischen gesetzgebenden Versammlungen, die Abstimmung über nicht zusagende Gesetze zu hintertreiben, besteht darin, die Verhandlungen durch tagelange Reden in die Länge zu ziehen. Von einer der letzten Verhandlungen im Bundessenate entwirft ein Washingtoner Berichterstatter folgende Schilderung: In einer Ecke erhebt sich ein kleines, unscheinbares Männchen, kahlköpfig, mit Augen, die nach zwei Seiten zugleich sehen, und rothem, fadenscheinigem, kurzgeschnittenem Schnurrbart. Es ist Senator Quay. Nichts als ein weißes Hemd bedeckt das bescheidene Spitz- bäuchlein, graue Hose und eine kurze, weite Jacke vollenden den Anzug. Der Mann setzt eine schwere goldene Brille auf die Nase; neben ihm hat ein müde aussehender junger Schreiber Platz genommen, der einen Berg Papier vor sich hat. Er schiebt das erste Blatt dem Manne in die Hände, mechanisch, wie die Drucker die weißen Blätter in die Presse schieben. Ebenso mechanisch ergreift der kleine Mann das Papier und beginnt zu lesen. Ein dünnes, gebrochenes und zerbrochenes Sümmchen, von dem man nicht weiß, wo es herkommt; Niemand versteht ein Wort, aber Blatt für Blatt wird in die Maschine geschoben und abgeleiert, wie in einem zerbrochenen Phonographen. Die Mitglieder des Senats flattern auseinander. Zigarren und Limonade in den Vorzimmern, Mint-Juleps und Erdbeerkuchen, kalter Lachs und Champagner, gebratener Hummer und Ale, Käsebrod und Bier im Restaurant, kühlendes Bad oder Spazier- gang, ein paar Briefe diktiren oder Bekannte empfangen, alles Mögliche, nur nicht im Senat bleiben I Die Preß- galerte ist leer, und der letzte Besucher in den anderen Galerien ist eingeschlafen. Der Mann im kurzen Sommer- jäckchen liest immer weiter. Der Vizepräsident läßt sich ablösen und macht's wie alle Anderen. Senator Pfeffer, der sonst Alles mit anhört, unterbricht seine Hauptbeschäftigung, das Streichen seines langen Bartes, sieht nach der Uhr und geht nach dem Restaurant, um eine Mahlzeit einzunehmen. Eine Anzahl von Pagen hat sich malerisch um den Stuhl des alten Thürhüters Basset gruppirt, und Alle halten ihren Mittagsschlaf. Manchmal wandert ein Senator in Grau oder Blau oder Weiß in den Saal und macht eine Bemerkung, dann liest der Mann in der Sommerjacke wieder weiter. Der Schreiber, der die Blätter einschickst, ist bei 110 angelangt und kaut Gummi, sich wach zu halten. Es wird fünf Uhr, und der Mann liest noch. Da wacht Senator Hoar, der abwechselnd Briefe geschrieben und geschlafen hat, auf, sieht sich um und bemerkt, es sei wohl keine beschlußfähige Mitgltcderzahl vorhanden; ein anderer Senator wacht auf und sagt, er hätte einige Zwischenbemerkungen über Wolle zu machen. Der Mann in der Sommerjacke verbeugt sich und fällt in seinen Stuhl. Er ist eben bei dem siebenten Abschnitt seiner großen Tarifrede angelangt... * Helft den Armen! Zu Lengenfeld (Oberpfalz) befindet sich in der Sakristei der Kirche eine Tafel mit folgenden Versen vom Jahre 1583: „Laßt euch die Noth erbarmen! Helft und gebt den Armen! Wenn ihr euer Ohr vor den Armen zustopft, So hört euch Gott nicht, da ihr schon anklopft. Hast du viel, so gib reichlich; Hast du wenig, so gib treulich! Theil dem Hungrigen mit dun Brod, Deck den Nackten mit deinem Kleid, So wirst du sammeln in der Noth Einen Lohn, so dir vergilt Gott." -- Iiilder-Uäthsek. zm „Rugsburger Postxritung". M 61. Ireitag, den 27. Juli 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Zin Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) XXV. Den Kopf auf die Hand gestützt, lauschte Maitland eine geraume Weile jedem Geräusch, wobei ihm die Minuten zu Ewigkeiten wurden. Um ganz sicher zu sein, wartete er noch immer, als sich im Hause längst nichts mehr regte. Da war es ihm plötzlich, als ob ein Ton wie ein leiser Schrei oder Ruf an sein Ohr schlüge. Er richtete sich empor und horchte lange mit angehaltenem Athem. Aber nicht der leiseste Laut ließ sich mehr hören. Es mochte wohl nur die Vorspiegelung seiner geschäftigen Einbildungskraft gewesen sein, vielleicht auch hatte er sich bereits in dem Halbzustande zwischen Wachen und Traum befunden; er wußte es selbst nicht genau, jedenfalls aber war es nun Zeit, das Terrain zu recoguosciren. Maitland schlich zur Thüre und öffnete diese leise. Kaum war er hinausgetreten, als ihm vom Corridore gedämpfte Schritte ent- gegentönten. Er hatte die Thür hinter sich weit aufstehen lassen, und da vom Fenster seines Zimmers her das Licht des Mondes, der höher am Himmel heraufgestiegen war, hereindrang, so stand er, vom Gange aus gesehen, im Hellen und zog sich rasch in's Zimmer zurück. Noch ehe er hinter sich die Thüre andrücken konnte, erhielt er einen schweren Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden streckte und ihn einige Minuten lang aller Besinnung beraubte. Als er die Augen wieder öffnete, war das auf dem Tische stehende Licht angezündet, und er erblickte zwei Männer, deren Gesichter durch schwarzen Krepp verhüllt waren. Maitland war ein Mann von unbeugsamem Muthe, und obgleich er zwei gegen sich hatte und der eine von ihnen eine wahre Riesengestalt war, so versuchte er dennoch aufzustehen, in der Zuversicht, er werde den Einbrechern so lange Stand zu halten vermögen, bis weitere Hilfe komme. Aber beim ersten Versuche, sich zu bewegen, fühlte er, daß ihm die Hände auf den Rücken gebunden und seine Füße ebenfalls gefesselt waren. Er faßte daher den Entschluß, regungslos, wie ein Todter, liegen zu bleiben und mit halbgeschlossenen Augen die Räuber zu beobachten. „Manchmal ist der Mondschein auch zu etwas gut," sagte der kleinere der beiden Männer, „hätte er nicht diesen ungebetenen Gast beleuchtet, so hätte unsere ganze Rechnung schief gehen können. Hast Du ihm den Nest gegeben?" „Nein, das hab' ich nicht!" gab der Riese zur Antwort. „Er ist nur betäubt; sieh', wie er athmet." Mit diesen Worten nahm der Sprechende das Licht und beugte sich auf Maitland herab, der rasch die Augen geschlossen hatte. „Zum Teufel!" rief der Riese mit gedämpfter Stimme, „ich will mich hängen lassen, wenn das nicht der Kerl ist, der den armen Assessor wegen Wechselfälschung in's Zuchthaus bringen will, wenn dieser ihm nicht die Schwester ausliefert. Was hat der Bursche hier in ihrer Nähe zu schaffen? Wenn er mit ihrem Willen hier ist, so will ich —" Er unterbrach sich, denn er hatte, während er sprach, sich nach seinem Genossen umgewendet und bemerkt, wie derselbe aus Maitlands Kleidern eine Brieftasche hervorzog. „Laß sehen!" rief er, hastig die Hand danach ausstreckend, „Himmel und Hölle! das ist wahrhaftig das Ding mit der Schlangenhaut." Der „bunte Karl" war also noch nicht an der Arbeit. Her mit der Brieftasche; wir wollen sie später untersuchen. Jetzt an unser Hauptgeschäft." Der Niese steckte die Brieftasche zu sich, während sein Begleiter Maitlands Uhr, Brillantnadel und Ringe an sich nahm und diesem selbst einen Knebel in den Mund schob. Nachdem die Einbrecher das Licht ausgelöscht hatten, entfernten sie sich leise und ließen den Gefesselten in der Finsterniß und im Zustande qualvollster Hilflosigkeit zurück. Unfähig sich zu bewegen, machte er verzweifelte, aber ohnmächtige Kraftanstrengungen, sich von den Fesseln zu befreien, die seine Glieder zusammenschnürten. Indem er sich die Worte, die er den Niesen hatte sprechen hören, in's Gedächtniß zurückrief, gewann er die Ueberzeugung, daß Nettberg zu den Einbrechern in gewissen Beziehungen stehen mußte. Die körperlichen Qualen, die Wuth über seine Hilflosigkeit und über den Verlust der Brieftasche, wodurch er sich alle Machtmittel über die Geschwister Nettberg aus der Hand gerungen sah, erschöpften Maitland's Lebensgeister, und er verfiel in einen bewußtlosen Zustand. Als er die Augen wieder aufschlug, dämmerte der Morgen zum Fenster herein; er fühlte seine Glieder frei 466 von den Fesseln und sah zwei Personen mit sich beschäftigt. Maitland's Befreier waren das Dienstmädchen und der Kutscher. Das Mädchen hatte in ihrer Bodenkammer oben von den Vorgängen, die sich während der Nacht im Hause zugetragen, nichts bemerkt. Als sie mit dem ersten Morgengrauen ihre Kammer verlassen wollte, war dieselbe von außen verschlossen. Mit aller Leibesmacht stemmte sich das Mädchen gegen die Thür, bis diese aufsprang. Zu ihrem großen Erstaunen entdeckte sie nun, daß ein von außen in die Thürbekleidung getriebener Bohrer die Thür bis jetzt zugehalten hatte. Aber ihr Erstaunen sollte noch wachsen, als sie in den Hausflur hinabkam und die der Küche gegenüberliegende Thür, welche in die unteren Wohnräume führte und über Nacht stets verriegelt war, nur angelehnt fand. In die Thürfüllung war ein Loch gebrochen, groß genug, daß jemand von außen mit der Hand hindurchgreifen und den massiven Riegel hatte zurückschieben können. Jetzt ging selbst dem schlichten Verstände des Bauernmädchens eine Ahnung auf, daß Diebe im Hause gewesen sein mußten. Als sie nun auch Jammertöne aus dem Schlafzimmer ihres Herru vernahm, welches an den Salon stieß, schloß sie die Hinterthür auf und stürzte auf den Hof hinaus, um den Kutscher zu Hülfe zu rufen, der über dem Pferdestalle schlief. Beide fanden ihren Herrn im kläglichsten Zustande an den Bettpfosten angebunden, an Händen und Füßen gefesselt und durch einen in den Mund gestopften Knebel am Schreien verhindert. Die dicke Thür des eisernen Geldschranks, welcher seinen Platz im Schlafzimmer hatte, stand weit offen; der Silberschrcmk im Salon war vollständig ausgeleert. Wie die Einbrecher in das wohlverwahrte Haus gelangt sein mochten, war räthselhaft; nur soviel stand fest, daß sie dasselbe durch die vordere Hausthür verlassen hatten, denn der schwere innere Riegel war zurückgeschoben. Das war der Bericht, den das Mädchen und der Kutscher, einander ergänzend, in athemloser Hast dem fremden Gaste erstatteten. „Was ist aus Fräulein Nettberg geworden s" lautete Maitland's erste Frage. Darüber wußten sie noch nichts. Maitland wollte sich rasch erheben, aber er vermochte nicht zu stehen; noch versagten ihm die kaum frei gewordenen Glieder den Dienst. „Eilen Sie, eilen Sie!" rief er dem Mädchen zu, Mit einer Kopfbewcgung nach dem Corridore, „und bringen Sie mir sofort Nachricht, wie Sie das Fräulein gefunden haben." Das Mädchen stürzte fort und kehrte sehr rasch wieder zurück. „Das junge Fräulein ist fort!" rief sie mit Augen so groß wie ein Teller. „Die Einbrecher müssen durch ihr Zimmer in's Haus gekommen sein; die Balkonthür steht offen. Das Fräulein ist nirgends zu finden." Maitland ward blaß wie der Tod. Er erinnerte sich des leisen Schreies, den er vernommen und für eine Täuschung seiner Einbildungskraft gehalten hatte. Er ließ das ganze Haus durchsuchen, aber nirgends fand sich eine Spur von dem unglücklichen Mädchen, welches die Räuber wahrscheinlich aus Furcht vor Verrath mit sich genommen hatten. Sein jugendlicher Körper erholte sich bald von den lähmenden Einwirkungen dieser Nacht, und die wilde Energie der seelischen Erregung, in welcher er sich befand, kam ihm dabei zu Hülfe. Nachdem er sich vollständig angekleidet, suchte er seinen Gastgeber auf, den er knieend vor seinem beraubten Geldschranke traf. Bald jammernd, bald in wilde Flüche ausbrechend, hatte er nur Sinn für den eigenen Verlust. Zwölftausend Mark in Gold und Neichsbanknoten waren den Schurken zur Beute gefallen, und dabei hatte er ihnen auch noch eigenhändig den Schlüssel zum Geldschranke ausliefern müssen, weil sie gedroht, ihn todtschlagen zu wollen, wenn er sich weigere. „Geben Sie Befehl, Herr Teßner, daß mir sofort ein Pferd gesattelt werde," drängte Maitland. „Ich will nach der Kreisstadt hinüberreiten und sofort Polizei und Gericht in Bewegung setzen. Nur durch schnelles Handeln läßt sich ein Erfolg erreichen." Fünf Minuten später bestieg Maitland das Reitpferd des Gutsherrn und sprengte davon. XXVI. Als Melanie Retiberg die Zeilen Maitland's überlas, worin er ihr die Rückkehr ihres Bruders meldete, war sie sehr bestürzt, und der Wunsch, sobald wie möglich Aufklärung zu erhalten, diktirte ihr die unter Maitland's Anfrage hastig hingeworfenen Worte. Melanie löschte das Licht, legte sich zu Bett und ahnungslos, daß das Verbrechen sie in doppelter Gestalt umschwebte, sank sie in Schlummer. Wie lange derselbe gedauert, wußte sie nicht, aber ihr Erwachen war von Schrecken begleitet. Es war ein Licht im Zimmer und sie unterschied zwei Männer, deren Gesichter unter einer schwarzen Florhülle verborgen waren. Der eine von ihnen, eine hünenhafte Gestalt, streifte die Florhülle zurück, um in durstigen Zügen ein Glas Wasser hinunterzustürzen, welches auf dem Nachttische stand. Melanie war regungslos dagelegen, die Angst hatte ihre Kehle zugeschnürt. In dem Augenblick aber, wo sie die Gesichtszüge des Trinkenden deutlicher unterschied, richtete sie sich mit einem leisen Schrei der Ueberraschung empor, und ihren Lippen entfuhr der Ausruf: „Herr Nöllingl" Der Angerufene, welcher ebensowenig wie sein Begleiter darauf gefaßt war, das Zimmer bewohnt zu finden, zuckte zusammen. Hastig den Flor wieder über sein Gesicht ziehend, stürzte er lautlos auf das Bett zu und erhob unter einem leisen Fluche die mit einem Brecheisen bewaffnete Hand zum tödtlichen Schlage. Melanie faltete die Hände mit flehender Geberde. Sie bot in ihrer Schönheit und unschuldsvollen Jugend ein so rührendes Bild, daß ein Herz von Stein dazu gehört hätte, sie in diesem Augenblicke" erbarmungslos hinzumorden. „Sie kennen mich?" zischte der Mann. „Ja, ich kenne Sie," stammelte sie, „ich bin Melanie Rettbekg." „Edmund's Schwester!" murmelte Nölling und ließ die bewaffnete Hand langsam Herabfinken. Wohl kannte er Melanie, welche er bei ihrem Bruder ein paar Mal gesehen, aber er hatte sie hier so wenig gesucht und in ihrem Nachtgewand und mit dem aufgelösten Haar erschien sie ihm so ganz anders, daß erst ihr Name ihm den Schlüssel zum Wiedererkennen ihrer Züge lieferte. „Das fügt sich unglücklich!" flüsterte er. „Die Schwester meines Freundes wäre die letzte, der ich etwas 467 zu Leide thun würde. Wenn ich aber Ihres Lebens schone, und Sie verhelfen mir dafür hinter Schlotz und Riegel, Fräulein, so wären Sie, bei meiner armen Seele! noch schlimmer als ich!" „Ich will nie ein Wort gegen Sie aussagen, so wahr Gott mir helfe!" betheuerte Melanie leise. „Aber — was Sie auch in diesem Hause vorhaben mögen — versprechen Sie mir, daß Sie auch das Leben Anderer schonen wollen." „Ich habe meine Hand noch nie mit einem Morde befleckt," erwiderte Nölling, „und hoffentlich wird's auch hier ohne solche traurige Nothwendigkeit abgehen. Was nun Ihr Versprechen anlangt, so will ich der Schwester meines Freudes Glauben schenken." Er trat vom Bette zurück und besprach sich eine Weile flüsternd mit seinem Genossen, welcher Einwendungen zu erheben schien. „Bleiben Sie ruhig, Fräulein, es geschieht Ihnen nichts," wandte sich Nölling wieder an das zitternde Mädchen, worauf er durch die Balkonthür verschwand und nach einiger Zeit mit einem dritten Manne zurückkehrte, dessen Gesicht ebenfalls von schwarzem Krepp um- schleiert war. „Und nun, Fräulein, stehen Sie auf und kleiden Sie sich an," flüsterte Nölling. „Meine Begleiter sind nicht so vertrauende Leute wie ich; sie wollen Sie hier nicht zurücklassen, sondern bestehen darauf, daß Sie mit uns gehen, sobald wir unser Geschäft besorgt haben. Beeilen Sie sich und seien Sie ohne Furcht, denn es wird Ihnen kein Leid geschehen." Das Licht auslöschend, schlich er mit seinen beiden Genossen auf den Corridor hinaus. Der Zuletztge- kommene mit dem Namen „Don Carlos" blieb draußen vor Melanie's Thür als Wache zurück. Noch immer wie halb gelähmt von dem ausgestandenen Schrecken, stand Melanie auf, um sich anzukleiden, so gut es im Finstern ging; in ihrer seltsamen Situation, wo sie wußte, daß es sich um ein Verbrechen handle, welches sie schweigend geschehen lassen mußte, kam sie sich vor, als habe sie selbst Antheil daran, obgleich sie es nicht zu hindern vermocht hätte; ein einziger lauter Schrei würde ihr das Leben gekostet haben, ohne die Einbrecher von ihrem Vorhaben zurückzuhalten. Noch war sie mit dem Ankleiden nicht fertig, da öffnete sich auch leise die Thür, und ihr Wächter trat ein. „Vorwärts jetzt, es ist Zeit!" raunte er ihr zu. „Treten Sie leise auf und verhalten Sie sich still, sonst — Er ergriff sie am Arme und führte sie geräuschlos die Treppe hinab und durch die geöffnete Hausthür ins Freie. Am Ende der Pappclallee wartete ein mit zwei Pferden bespannter Wagen; daneben stand ein Mann, welcher auf die Pferde Acht gab. Nachdem Melanie den Wagen bestiegen, begab sich ihr Begleiter, wieder nach dem Hause und kehrte nach einer Weile mit Nölling und dessen Genossen zurück. Alle drei waren mit Säcken beladen, deren Inhalt einen metallenen Klang von sich gab, als die Säcke im Wagen untergebracht wurden. Die vier Männer stiegen ein, Nölling nahm auf dem vorderen Sitze seinen Platz neben Melanie, ergriff Zügel und Peitsche, und — fort ging es in scharfem Trabe. Kein Wort ward unterwegs gesprochen. Als Nölling bemerkte, daß Melanie ohne Mantel war, hüllte er sie zum Schutze gegen die Nachtkühle schweigend in eine Decke. Nach längerer Fahrt traten die Thürme und die Häuserumriffe der Kreisstadt aus der Dunkelheit hervor. Nölling umfuhr die Stadt in den verschiedensten Richtungen, bis der Wagen endlich vor einem Gehöfte Halt machte, dessen Einfahrtsthor sogleich wie von unsichtbaren Händen geöffnet wurde. Im Hofe stiegen Melanie's Begleiter ab und verschwanden mit ihren Lasten im Hause. Nölling half ihr vom Wagen und führte sie in ein Zimmer, in welchem ein Licht brannte. „Ich habe also Ihr Wort, Fräulein," begann er, „daß Sie nichts zu meinen Ungunsten aussagen werden." „Keine Silbe, womit ich einen Verrath an Ihnen begehen könnte, soll über meine Lippen kommen, wenn es sich nur um das Eigenthum und nicht um das Leben Anderer handelt, das versichere ich auf meine Ehre!" „Gut, gut, damit bin ich zufrieden," nickte Nölling. „Und nun sehen Sie, was ich da habe." „Dies hier ist der Wechsel, den Ihr Bruder gefälscht hat. Der feine Herr, der sich diese Nacht im Göllnitzer Herrenhause einquartiert hatte, bewahrte ihn sorgfältig auf, um Ihren Bruder in's Zuchthaus zu bringen, falls er nicht an Ihnen zum Verrüther werden wollte." Lächelnd drehte er den Wechsel zusammen und hielt ihn wie einen Fidibus an's Licht. Im Nu ging der Hauptbeweis von Edmund's Verbrechen in Flammen auf. „Da ist noch ein kleiner Zettel," fuhr Nölling fort, „auf welchem Ihr eigener Name steht. Wahrscheinlich sollte er auch bei irgend einer Schurkerei mitspielen." Ehe er auch dieses Papier der Flamme überlieferte, zeigte er es Melanie, und diese erkannte anf dem abgeschnittenen Streifen die Zeilen wieder, die sie gestern Abend an Maitland geschrieben hatte. „Und dieses Stück Papier," schloß Nölling, auf ein drittes Blatt weisend, „ist eine Art Sündenbekeunt- niß, das Maitland Ihren Bruder unterzeichnen ließ. Auch das geschah, um Sie in seine Gewalt zu bekommen. Es möge den Weg seiner beiden Vorgänger wandeln." Im gleichen Augenblick flackerte auch dieses letzte Zeugniß von Edmund's Schuld auf, und nur schwarze Flocken schwebten noch davon umher. „So!" lachte der Necke, „nun ist der ganze böse Zauber gebrochen." In der ihr eigenen heftigen Aufwallung von Dankbarkeit stürzte das junge Mädchen auf ihn zu, ergriff seine rauhe Hand und drückte sie an ihre Lippen. „Unsinn! Unsinn!" rief er, sie sanft abwehrend. „Aber lassen Sie sich vor diesem verdammten Schurken, dem Maitland, warnen, Fräulein. Er ist schlimmer als Unsereiner. Er hatte Ihren Bruder vollständig in der Schlinge, und durch ihn wollte er Sie in seine Gewalt bekommen!" „Wissen Sie etwas über meinen Bruder?" fragte Melanie. „Er hat seine Reise nach Amerika in England unterbrochen Und befindet sich wieder in Berlin in seiner alten Wohnung," gab Nölling zur Antwort und erklärte hierauf dem erstaunt zuhörenden Mädchen das ganze Manöver, welches von Maitland zur Entdeckung ihres Aufenthaltes in's Werk gesetzt worden war. „Nun muß ich fort," sagte er am Ende seines kurzen Berichtes; „es ist nöthig, daß Sie noch einige Zeit hier bleiben; noch vor Tagesanbruch wird Sie jemand nach der inneren 468 Stadt führen, dann sind Sie frei. Bis dahin lassen Sie sich nicht bange sein; ich habe Ihnen gesagt, daß Ihnen nichts geschehen wird, und ich halte mein Versprechen — " „Und ich das meinige!« ergänzte Melanie, ihr Wort mit einem Händedruck besiegelnd, worauf der Niese sich verabschiedete, die Thür hinter sich abschließend. XXVII. Es war noch völlig dunkel, als Melanie aus ihrem Gefängniß erlöst wurde. Ihr Befreier war ein bäuerisch gekleidetes weibliches Wesen mit einem bunten, unter dem Kinn zugebundenen Kopftuche, welches von dem Gesicht seiner Besitzerin so wenig frei ließ, daß sich Aussehen und Alter derselben schwer hätten bestimmen lassen. Die Frau winkte Melanie mit der Hand, ihr zu folgen, und führte sie stumm durch ein solches Gewirr von Hinter- und Ncbengüßchen, daß es Melanie unmöglich gewesen wäre, den Weg nach dem eben verlassenen Gehöft zurückzufinden. Der Tag dämmerte bereits, als eine lang sich hin- dehnende, meist von hohen Häusern gebildete Straße erreicht war; hier machte die schweigsame Führerin Melanie ein Zeichen, daß sie dieser Straße folgen solle, und wandte sich zurück, um an der nächsten Ecke zu verschwinden. Der ihr angedeuteten Richtung folgend, gelangte Melanie auf den Marktplatz, auf welchem sich mehrere Gasthöfe befanden. Aus einem derselben kam eben ein vierspänniger Postwagen herausgerollt. Ueber dem Thore prangte die Inschrift: „Gasthaus zur Post.« Melanie ging auf das alterthümliche Haus zu und erreichte dasselbe eben, als ein Mädchen in schneeweißer Schürze- mit Brustlatz und gekreuzten Achselbändern, welches dem Postwagen nachgeblickt hatte, sich von dem Thorweg wieder in den Durchfahrtsflur zurückziehen wollte. „Können Sie mir vielleicht sagen,« wandte Melanie sich an das Mädchen, „wann die Post abgeht, die durch Göllnitz fährt?« „Da haben Sie noch bis zehn Uhr Zeit, Fräulein,« antwortete das Mädchen zuvorkommend, „wollen Sie nicht in die Gaststube eintreten? Oder wünschen Sie einstweilen ein Zimmer?« Melanie nahm den letzteren Vorschlag sehr gern an und ließ sich von dem Mädchen ein in den höheren Stockwerken gelegenes Zimmer anweisen. „Ist Ihnen vielleicht Kaffee gefällig?« fragte das Mädchen. Melanie bat um eine Tasse Kaffee mit etwas Gebäck und begann nach der Entfernung des Mädchens vor dem Spiegel ihr Haar zu ordnen. Nach einer Viertelstunde kam das bestellte Frühstück, welches sie sich trefflich schmecken ließ. Wahrend sie noch dem Gebäck zusprach, griff sie in die Tasche ihres Kleides — und da quoll ihr plötzlich der Bissen im Munde, denn sie hatte eben entdeckt, daß sie ohne Geld war. Sie erinnerte sich, daß sie auf ihrer Reise nach Göllnitz das Portemonnaie in ihrem Regenmantel getragen und es herauszunehmen vergessen hatte. Der Gedanke, sich durch die Annahme des Zimmers und des Frühstücks eine Schuld aufgeladen zu haben, die sie nicht bezahlen konnte, und auch nicht die Mittel zur Rückkehr nach Göllnitz zu besitzen, machte sie siedend heiß. Bei ihrer Gewohnheit, ihre Ringe vor dem Schlafengehen abzulegen, sah sie sich nicht einmal im Stande, wenigstens ein Pfandobjekt zu hinterlassen, wenn sie auch den weiten Weg hätte zu Fuß zurücklegen wollen. Melanie zog die Klingel und fragte das eintretende Mädchen, ob sie mit der Frau des Hauses ein paar Worte reden könne. „Die Madame schläft noch," erwiderte das Mädchen, „es gab gestern Abend ein Abschiedsessen und da ist sie spät zu Bett gekommen, aber der Herr ist schon wach.« „Ich möchte lieber mit der Frau sprechen,« ent- gegnete Melanie nach kurzem Bedenken. „Gut; ich werde eS ihr sagen, sobald sie aufgestanden ist.« . . . Viertelstunde auf Viertelstunde schlich dahin. Endlich erschien die so sehnlich und doch so angstvoll Erwartete. Sie war eine große, überaus korpulente, sehr gut gekleidete Fünfzigerin, deren mit einem Doppelkinn gesegnetes Gesicht den Eindruck herber Ehrbarkeit machte. „Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte die Wirthin, indem sie die junge Dame neugierig von Kopf bis zu Fuß betrachtete. Melanie hatte sich vorgenommen, frei und unbefangen vom Herzen weg zu sprechen, aber trotzdem sank ihr Ton zur Schüchternheit herab, während sie erzählte, daß sie wider ihren Willen in diese Stadt gekommen sei und unglücklicher Weise ihr Portemonnaie zurückgelassen habe. „Ich befinde mich nun in doppelter Verlegenheit,« schloß sie, „denn ich möchte mit der nächsten Post nach dem Gute Göllnitz zurückkehren, wo ich bei Herrn Teßner zu Besuch weile. Wollen Sie mir das unbedeutende Fahrgeld nicht vorstrecken, so bitte ich Sie, mir wenigstens meine kleine Zeche zu creditiren; ich werde Ihnen das Geld gleich nach meiner Heimkunft schicken. Leider habe ich nichts bei mir, was ich Ihnen einstweilen als Pfand zurücklassen könnte.« Die Wirthin hatte, während sie zuhörte, den Mund fest zusammengezogen und stieß jetzt ein ominöses: „So, so!« aus. „Ich leihe grundsätzlich Niemandem Geld, Fräulein.« sagte sie, „übrigens pflegt man, wenn man auf Reisen geht, zu allererst Geld zu sich zu stecken.« Es blieb nun Melanie nichts anderes übrig, als zu berichten, daß diese Nacht bei Herrn Teßner eingebrochen worden sei und daß die Einbrecher sie aus Furcht, von ihr verrathen zu werden, mit sich genommen und an einem Orte, den sie nicht anzugeben wisse, abgesetzt Hütten. „So, so!« lautete sehr frostig wieder die Antwort der Wirthin, welche der abenteuerlichen Geschichte mit mißtrauischer Miene zugehört hatte. „Nun, ich will einmal mit meinem Manne über die Sache reden.« Es lag etwas im Tone dieser Worte, was eher einer Drohung als einer Vertröstung ähnelte. Als die Wirthin in die Gaststube hinabkam, fand sie ihren Gatten in eifrigem Gespräch mit einem vornehm aussehenden Herrn, welcher stehend eine Tasse Kaffee zu sich nahm. „Vor 8 Uhr finden Sie den Polizeicommissar nicht auf seinem Bureau,« sagte der Wirth. „Solangewerden Sie sich also gedulden müssen. — Du, Frau," wandte er sich an seine Gattin, „denke Dir nur, diese Nacht ist auf dem Gute Göllnitz eingebrochen worden; die Diebe haben dem alten Teßner zwölftausend Mark aus dem 469 Kassenschranke gestohlen, sämmtliches Silberzeug mitgenommen —" „Daß Gott erbarm'!" rief die Wirthin. „Dann ist die Geschichte doch wohl wahr, die mir eben das junge Frauenzimmer in Nr. 27 erzählt hat. Sie sagt, die Spitzbuben hätten sie mit fortgeschleppt —" „Fortgeschleppt?" unterbrach sie hastig der fremde Herr. „Ein junges Frauenzimmer? Wo ist sie? Wie sieht sie aus?" „Sie ist hier im Hause," antwortete die Wirthin, „ich wollte ihr die Sache nicht glauben. Sie sieht zwar sehr unschuldig aus mit ihrem feinen Gesichtchen und mit dem goldblonden Haare, aber —" „Kein Zweifel, es ist Fräulein Nettberg I" rtef der Fremde. „Ich muß das Fräulein sogleich sprechen. Führen Sie mich zu ihr." Die junge Dame in Nr. 27 hatte durch diesen Zwischenfall im den Augen der Wirthin sehr gewonnen. „Jedenfalls muß ich erst fragen," erwiderte sie, „ob das Fräulein Sie zu so früher Stunde empfangen will, und mir Ihren werthen Namen auskitten." „Mein Name ist Maitland," war die ungeduldige Antwort. „Einen Zweifel darüber, ob das Fräulein mich zu sehen wünscht, gibt es nicht." Er folgte der Wirthin die Treppe hinauf. Diese öffnete die Thür von Nr. 27 so weit, daß gerade ihre stattliche Person hindurch konnte, Maitland aber draußen bleiben mußte. „Wenn Sie Fräulein Äettberg sind," redete sie die schüchterne Zimmerbewohnerin an, „so ist hier ein Herr, der Sie zu sprechen wünscht. Er nennt sich Maitland." Melanies Miene verrieth deutlich, daß ihr dieser Besuch sehr unwillkommen sei, aber noch ehe sie antworten konnte, riß Maitland der Wirthin ungestüm die Thür aus der Hand und schritt, sich an ihr vorüber- drängend, auf das junge Mädchen zu. „Wie preise ich den glücklichen Zufall, der mich Sie hier finden ließ!" rief er, und es lag so viel wirkliche Freude in seiner Miene, daß Melanie ihm ihre Hand nicht zu verweigern vermochte. Da die Wirthin inzwischen verschwunden war, so drückte er seine Lippen darauf. Melanie wollte ihre Hand augenblicklich zurückziehen, aber er hielt sie fest in der seinigen. „O, Melanie," sagte er, sie nach dem Sopha führend, „was habe ich seit heute Nacht Ihretwegen gelitten!" Die junge Dame erröthete und zitterte, denn sie fühlte, daß ein Augenblick der Prüfung nahte. „Melanie, theure Melanie, es kann Ihnen nicht verborgen geblieben sein, daß ich Sie liebe, mit einer Leidenschaft und Innigkeit liebe, wie ich sie vorher noch nie für ein Weib empfunden habe. Sie sollen über mich gebieten, ich will der Sclave Ihrer Wünsche sein. Lassen Sie uns vereint durch's Leben gehen, Melanie, durch keines der kalten gesetzlichen Bande gebunden, sondern durch den edleren, stärkeren Impuls überwältigender Leidenschaft, die sich über die eitlen Ceremonien der sog. Gesellschaft hinwegsetzt, unzertrennlich aneinander gefesselt! — Ich lege Ihnen mein Vermögen, mein Leben, mich selbst zu Füßen. Lassen Sie nur den leisesten Wunsch vernehmen, und er soll im Augenblick erfüllt werden! Nein, Geliebte, bebe nicht aus meinen Armen zurück; einmal doch laß mich Dich an mein Herz pressen, das für Dich, nur für Dich flammt und glüht!" Aber während er mit wachsender Leidenschaft zu ihr sprach, wich Melanie vor ihm zurück. Wie sehr er auch unter unbestimmten, aber glühenden Worten seinen Antrag verschleierte, so verstand sie, gewarnt wie sie war, ihn nur zu gut und erkannte, daß alles wahr sei, was man ihr über ihn gesagt hatte. Sie stand vor ihm und betrachtete ihn mit einer Miene der Verachtung und des Abscheus. (Fortsetzung folgt.) -—8S88NS--- Irernde Klänge. »Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt.' Paulus. Der müde Tag geht nun zur Ruh', Im Garten schlafen die Rosen, Verirrte Töne trägt mir zu Der Wind mit Flüstern und Kosen. AuS lichtern Räumen kommen sie her, Flüchtlinge sind sie im Dunkel, Mir schimmert die kleine Lampe nur mehr Und oben der Sterne Gesunkel. Und denen sie rauschten, haben sie Die Sorgen wohl alle vertrieben, Oder sind bei ihrer Melodie Die Herzen verstimmt geblieben? Vor'm Hause der Springguell steigt ohne Rast Und fallet plätschernd nieder, Ich lausche gern, sein einziger Gast, Auf seine geheimen Lieder. Er hat zum Dank in der Einsamkeit Manch' stilles Wort mir vertrauet, Dann hat die Seele auS dieser Zeit Jn'S Reich des FricdenS geschauet. Adolph Müller. --SMNS--- Reise-Skizze des bayerischen Pisgerznges nach Lonrdes 1894. (Schluß.) Und nun hinein eiligen Schrittes zur Stadt; es war 10 Uhr Nachts geworden. Jeder eilte, der Eine zu Wagen, Andere zu Fuß, mit dem Gepäcke auf den Bahnhof. 11 Uhr Nachts fuhren wir in Lourdcs ab — in unserm rasch dahinsausenden Extrazng. Wir durch- flogen die vom Mondschein beleuchteten Landschaften — einige Zeit längs den Pyrenäen, deren schneebedeckte Ntesenberge sichtbar waren; — es wurde still in den Waggons, die Meisten waren in Schlaf versunken; wir passirten Toulouse, wo nur wenige Minuten Aufenthalt war, Carcassonne, Narbonne, Beziers. Inzwischen war es Tag geworden. Von Beziers fuhren wir nach Cette, kamen dort an Mittags um 12 Uhr; Aufenthalt eine Stunde 50 Min. Da konnte man sich restauriren mit Wein oder Speisen, Stadt und Umgebung beschauen; Andere gingen anS Meer, um dort Muscheln u. A. zu suchen! Der Anblick des Meeres fesselt immer wieder anf's Neue. Mit Andacht preiset man gleich dem königlichen Psalmisten die Allmacht Gottes. „Ihr Meere und Flüsse, preiset den Herrn! Ihr Walfische und Alles, was sich in den Wassern regt, preiset den Herrn, lobet und erhebet ihn über Alles in Ewigkeit!" Wie feierlich ertönen auf dem Meere die Worte der hl. Schrift: „Es erheben die Ströme, o Herr, ihre Stimme; die Ström- ungcn erheben ihre Wellen im Brausen vieler Wasser. Wunderbar ist der Aufruhr des Wassers, wunderbar der Herr in der Höhe." Dieses Mittelmeer haben wir überquert im Jahre 1880 auf einer Palästinareisei Seltsame, erhebende Gedanken erfassen den denkenden Menschen auf dem Meere; man fühlt sich angeweht vom Odem der Ewigkeit, für welche das Meer, das unermeßliche, ein Gleichnis; ist, da sie nie aufhört, auch nicht, wenn so viele Jahrtausende verflossen sind, als das Meer Wassertropfen enthält; hier lernt man von Herzensgrund beten zum Allmächtigen, dessen Hand das Schiff und seine Bewohner führt über die sturmbewegtcn Wellen zum sicheren Hafen und vor Unglück bewahrt (Sturm, Blitz, Brand, Klippen, Sandbänke rc.). Jenseits des Mittelmeeres liegt Nordafrika (Marokko, Algerien, Tunis, Tripolis), Aegyptcn, sodann Asien mit dem heiligen Lande Palästina. Ueber Montpellier nach Avignon. Hier benutzten Mehrere den Aufenthalt von 1 Stunde 40 Min., um sich die Stadt zu besehen. Die Stadt zählt 33,000 Einwohner, ist am linken Ufer der hier mit einer prächtigen Drahtbrücke überspannten Rhone, liegt malerisch am steilen Abhang eines 60 rn hohen Kalkfelscns, der das mächtige Schloß der Päpste und die Kathedrale Notre Dame trägt. Die .Stadt selbst hat noch die alten, thurmbewehrten Mauern ihrer Glanzzeit und die schmalen Straßen des Mittelalters; aber vom Bahnhöfe zieht die schöne breite Straße de la Republique schnurgerade durch sie hindurch über den Nathhausplatz bis zum Felsen mit der Papsiburg. Zu Wagen gelangt man in etlichen Minuten vom Bahnhof aus hinauf. Dieser Palast ist ein weithin das Land beherrschender, majestätisch aufragender Bau, 1336—64 von den damaligen Päpsten errichtet, breit und verschlossen mit wenigen und schmalen Spitzbogen- fenstern, großen Blendbogen, ernsten, bräunlichrothen Mauerflächen, sechs massigen, viereckigen Thürmen; zur Zeit ist die Burg Kaserne, soll aber eine andere Bestimmung erhalten. Die Erlaubniß zum Besuch hat man im Nathhaus, Hotel de Wille, zu holen; wir hatten hiezu keine Zeit. Der Consistoriumssaal soll sehr berühmte Fresken enthalten; außer vielen Nebensälen sei beachtens- werth der Nathssaal, die Galerie des Conclave, der nördliche Flügel mit mehreren Kapellen, die päpstliche Kapelle, die Kapelle des hl. Officiums und die Tour de Trouillas. Nördlich von der Papstburg ist die Kathedrale Notre Dame mit prachtvollem romanischem Portal; das Schiff zeigt das System der romanischen Kirchen Südfrankreichs, die schmalen Seitenschiffe sind in Kapellen umgewandelt; neben der Sakristei das Mausoleum Johanns XLII., ein Prachtwerk von Marmor in gothischem Stil, von graziöser Leichtigkeit, aus dem 16. Jahrhundert. Von den Päpsten, welche hier residirten, nennen wir Benedikt XII., Clemens VI., Jnnocenz VI., Urban V. u. A. Aus der Kirche auf die Promenade mit Gartenanlagen, Springbrunnen, herrlicher Aussicht. Zurück in die Stadt, dessen Museum Calvet sammt dem nahen botanischen Garten Andere besuchen, denen mehr Zeit gegönnt ist. Die Straßen sind sehr belebt, wir gewahren sehr viele Officiere und Soldaten. Wir kommen noch rechtzeitig auf dem Bahnhof an; ein Oberst fragt uns, ob wir Preußen seien? Wir antworten: äs Lrrvisro, ^utrissis, aus Bayern und Oesterreich I trss Uion, sagt er, und unterhält sich mit uns noch kurze Zeit, bis es heißt: „en voitures", in die Wagen; der Zug geht ab über Valence nach Lyon, wo wir Nachts 11 Uhr 26 Min. ankommen. In Lyon kamen ein paar Herren wieder zu uns, die von Lourdes aus einen Abstecher nach Marseille gemacht hatten. Nach eiuem Aufenthalte von 25 Minuten dampfte der Expreßzug weiter; seit Cette hatten wir wieder die wohnlichen Lyoner Wagen, in denen wir eS uns bequem machen konnten; Alle überließen.sich dem Schlafe bis zur Greuz-Station Bellegarde, wo wir die Schweizer Waggons besteigen mußten. Eiligst fuhren wir weiter nach Genf, vorbei an gewaltigen Bergriesen (Montblanc), die blaue Flnth des See's bewundernd, die schmucken Landhäuser wie die ausgedehnten Weinberge und Gärten mit Vergnügen betrachtend. Nach 4 Uhr waren wir in Genf angekommen, verließen es nach dreiviertelstündigem Aufenthalte; die Landschaft am See bietet ein unvergleichlich schönes Bild; wir sehen das hübsch gelegene schöne Lausanne; später entschwindet der See unseren Blicken; in Freiburg erreichen wir die deutsche Sprachgrenze. Es war nicht möglich, länger anzuhalten, sonst wären wir gerne wie die Pilger von 1880 betend zum Grabe des seligen Petrus Canisius in Prozession gezogen, der ja auch ein Apostel Deutschlands war, in Bayern den Irrlehren entgegenwirkte und zuletzt, am Ende seines thatcnreichen Lebens, auch den Kanton Freiburg zum katholischen Glauben zurückgeführt hat. Sein Andenken lebt besonders in der Stadt Augsburg und in der ganzen Diözese fort, wo er so viel gewirkt hat für den kathol. Glauben, ebenso in Jngolstadt, Landshut. Wir fahren sodann durch fruchtbare Gefilde, eilen vorbei an Bern, der Bundeshauptstadt, Vorm. 9 Uhr 48 M., erreichen den lieblichen Vierwaldstütter-See und verweilen eine Viertelstunde im schönen Luzern. Einige Herren wollen den See befahren und uns bis Einsiedeln nachfahren. Die Fahrt führte an den Ufern des See's hin, den viele Fahrzeuge belebten; von dem diesseitigen langgestreckten Ufer winkten eine Reihe freundlicher Ortschaften herüber; sodann ging es in sanfter Steigung aufwärts, mit dem Ausblick nach dem Nigi, vorbei an Station Goldau; — welcher Unterschied in der Vegetation hier, im Vergleich zu Frankreich! — wir sahen Tausende von Kirschbäumen! Endlich gelangen wir nach vierund- dreißigstündiger ununterbrochener Fahrt, während der wir zwei Nächte in dem stets rollenden Zuge verbracht hatten, nach Einsiedeln, Nachmittags vor 4 Uhr. Es ist ein lieblicher, an einen Hügel malerisch hingestreckter Ort, gekrönt von der großen Wallfahrtskirche, vor welcher ein großer freier Platz sich erstreckt, der durch einen hübschen monumentalen Brunnen geschmückt ist. Hier sind die Geschäftshäuser der großen Firma Benziger, in der ganzen katholischen Welt bekannt. Nachdem die Pilger in verschiedenen Quartieren gut untergebracht waren, eilten Alle, um ihre Begrüßuugs-Audacht vor dem Gnadenbilde zu verrichten. Abends 6 Uhr beteten wir gemeinsam den Rosenkranz. Jeder suchte zeitig nach eingenommenem Abend-Imbiß die Lagerstätte auf, um von der langen Fahrt auszuruhen. Morgens 5 Uhr eilten die Pilger wieder zu der großartigen Kirche, wo an vielen Altären heilige Messen celebrirt wurden. Alle waren erstaunt über die Größe und Schönheit dieses prächtigen Tempels, in dessen Mitte die Kapelle mit dem gold- strahlenden Gnadenbilde der Himmelskönigin Maria mit dem Jesukinde sich befindet, stets umlagert von Andächtigen. Wir Lourdes-Pilger hatten gewiß Grund, eine herzinnige Danksagung hier abzustatten für den glücklichen Verlauf unserer großen Wallfahrt, während welcher wir den Schutz Mariens so reichlich erfahren hatten. Auch hier, au dieser marianischen Gnadenstätte, sind schon Tausende in ihren Gebeten erhört worden und haben wunderbare Hilfe gefunden durch Mariens Fürbitte in leiblichen und geistlichen Nöthen; Tausende wallfahrten alljährlich hierher aus der Schweiz, Süddeutschland, Oesterreich, Italien und Südfrankreich; Tausende empfangen alljährlich hier die hl.Sakramente. Wir erwähnen noch die einzelnenAltäre. Beim Eintritt in die Kirche links ist der Nosenkranzaltar, aus Marmor, vorzüglich für den Pfarrgotkesdienst bestimmt, hier ist das Allerheiligste aufbewahrt; ferner der St. Josephsaltnr mit dem Neliquienschrein des hl. Blutzeugen Dionys; der St. Konrads-Altar; der hl. Bischof ward im Jahre 948 berufen, die Kirche zu weihen, was in Folge einer Vision unterblieb; der Altar St. Meinrads, des Stifters von Einsiedeln, mit trefflichen Statuen; ein anderer Altar ist Kaiser Heinrich II., dem Heiligen, geweiht; der folgende ist der Altar des Kirchenpatrons, des hl. Mauritius, neben demselben führt ein Flügelthor in eine geräumige Settenkirche mit 29 Beichtstühlen; der hl. Kreuzaltar mit Reliquien. Imposant ist der herrliche Hochaltar, aus feinen Marmorarten gefertigt, im Tabernakel das Sauctissimum, im Hintergründe das Altarbild „Maria Himmelfahrt"; neben demselben der Oelbergaltar; der zehnte Altar ist dem hl. Burgunderköuig Sigismund geweiht, -j- 530, mit dem Leibe der hl. M. Candida; es folgen der Herz Jesu- Altar, der St. Benedictus-Altar, der Herz Maria-Altar, St. Anna-Altar, der Schutz-Altar zu Ehren der Beschützerin der Christen, Maria. Diese 15 Altäre umgeben die Gnadenkapelle mit dem Gnadenbilde, vor welchem schon St. Meinrad so viel gebetet hat. Am Sigismund- Altare werden täglich die Devotionalicn geweiht. Die Wallfahrtskirche erfreut sich des Privilegiums der 7 Kirchen. Nach kurzer, herzlicher Abschiedsandacht mußten die Pilger eilen, um rechtzeitig zum Bahnhof zu gelangen. Viele waren ja schon früher in Einsiedeln gewesen. Freitag den 20. April fuhren wir in Einsiedeln ab um 7 Uhr 33 M. und gelangten über Wädensweil um den Züricher See herum, den Ausblick auf dessen reizende Gestade mit zahlreichen Ortschaften und blühenden Obstbaumgärten genießend. Ankunft in Zürich um 9 U. 45 M. Vorm. Hier gesellten sich zu uns ein paar zurückgelassene Pilger, die in Genf das Abfahrtssignal überhört hatten in der Restauration. Im hiesigen Bahnhof war Gelegenheit gegeben, sich zu restauriren. Von Zürich fuhren wir ab um 10 Uhr 18 Min. Weiter ging die Fahrt auf derselben Linie, wie herwärts, durch schöne, im Frühlingsschmucke prangende Landschaften, vorbei an Städten, Dörfern und Stationen, viel schneller und mit weniger Anhalten, als bei der Herfahrt, bei günstiger Witterung. Nach 2 Stunden, um 12 Uhr 35 Min., erreichte der Zug Nomaushoru. Freudig begrüßten wir den Bodensee und seine schöne Umgebung. Zwei geräumige Dampfer nahmen uns auf, um uns bei lieblichem Sonnenschein ins deutsche Vaterland hinüber- zuführen. Während der ruhigen Ueberfahrt wurden von vielen Pilgern nochmals Wallfahrtslieder gesungen, mit weithin tönendem Schalle. Alle erfreuten sich an der herrlichen, erquickenden Seefahrt, die nur 100 Minuten dauerte. In Lindau angekommen, begrüßten wir mit Hochgefühl die weiß-blaue bayerische Fahne. Weiß-blau ist die Farbe des Himmels, weiß-blau ist die Farbe der Muttergottes, die in weißem Gewände mit hellblauem Gürtel geschmückt erschienen ist zu Lourdes! Weiß-blau ist die Farbe unseres engern, lieben Vaterlands Bayern! Nach geschehener, gütiger Zollrevision bestiegen wir, von Bekannten und vielen Zuschauern empfangen und zum Bahnhof begleitet, voll Zufriedenheit die bequemen bayerischen Wagen; manche Pilger aus den Seegegenden und ' aus Vorarlberg, Württemberg verließen uns. Der Zug eilte durch's liebliche Allgäu mit seinen schönen landschaftlichen Scenerien, nach kurzem Aufenthalt in Jmmcn- stadt und Kempten, wo wieder Viele den Pilgerzug verließen. An den Stationen und aus manchen Häuser» der angrenzenden Ortschaften waren wir freundlich begrüßt worden mit Tücherschwenken und Zurufen. Verfasser dies hatte in 5 Correspondenzartikeln an die katholischen Augsburger Zeitungen — aus Lyon und Lourdes — unsern bayerischen Landsleuten, und speciell den Angehörigen der Pilger, Kunde gegeben von dem Verlaufe der Pilgerreise, von unserer Rückreise und Ankunftszeit an den bayerischen Hauptstationen, so daß man allerorten genau orientirt war. So war auch kurze Rast in Bieffenhofen und Kaufbeuren. Endlich um 8 Uhr 15 Min. abends (20. April) erreichten wir gottlob wieder den Ausgangspunkt, — nunmehr die Endstation Buchloe —; die Pilger trennten sich mit kurzem und herzlichem Abschiede. Von hier begaben sich die Theilnehmer wieder in ihre Heimath, mit Benützung der Abendzüge. Viele konnten aber erst andern Tags heimkommen und mußten in München oder Augsburg übernachten. Dem hochw. Herrn Director Beyrer und dem ganzen Comitö, den Herren Hackl, Sibold, Sontheim, Präg, Chordirector Preinfalk rc., gebührt in hohem Grade Dank und Anerkennung für so viele Mühe und Aufopferung. Der Geist des Pilgerzuges war ein recht guter, ein allgemeines friedliches Zusammenleben; man fühlte sich wie eine Familie, obgleich wir verschiedenen Ländern an» gehörten. Dank auch der kaiserlich deutschen Botschaft in Paris; dieselbe hatten wir vor der Abreise von dem beabsichtigten Pilgerzug (10.—21. April) benachrichtigt, uns unter ihre Protektion gestellt, was auch für künftige Karawanen zu empfehlen ist. Wie das Bayernvolk die Muttergottcs Maria als Landes-Patronin verehrt, so war und ist auch das Königliche Haus Wittelsbach von jeher der heiligsten Jungfrau ergeben. Auch die Allerhöchsten Herrschaften haben Kenntniß genommen von dem bayerischen Pilgerzug nach Lourdes und der in der Basilika dort celebrirten heiligen Messe für daS kgl. Haus, wie die Obersthofmeisterin Gräfin v. Oberndorff dem Celebranten Pfarrer M. zu G. am 8. Mai mittheilte: „Im Auftrage I. K. H. Prinzessin Therese und im Auftrage Sr. K. Hoheit des Prinz- Regenten vielmals für die loyale Kundgebung und die Gebete (heilige Messe) verbindlichsten Dank aussprcchend; daß Ihre Königlichen Hoheiten für Alles hocherfreut und dankbar waren!" Auch von diesem zweiten bayer. Pilgerzuge kehrte jeder Theilnehmer hochbefriedigt heim. Für alle Opfer, alle Anstrengungen und Entbehrungen haben sie reichlichen Segen für sich und die Ihrigen geerntet! Sie haben dort am heiligen Gnadenorte gutes Beispiel gegeben, wie das „Journal de Lourdes" vom 22. April — 472 4 schreibt: „Diese Bayern seien wahre Pilger gewesen; «an habe nicht leicht in Lourdes einen andächtigeren Wallfahrtszng gesehen, als den bayerischen, der ein wahrhaft gutes Beispiel gegeben." Viele Tausende reisen jährlich in Bäder, oder auf Berge zur Luftkur; — wir haben den Pilgerstab in die Pyrenäen getragen, dort hin, zum wunderbaren Gnadenfelsen, dem Heiligthum der Himmelskönigin, hat es uns hingezogen mit magnetischer Gewalt, u. haben himmlische Luft eingenthmet. Jeder Pilger hat durch diese Wallfahrt ein offenes Bekenntniß seines Glaubens an die zwei jüngsten, früher vielfach angestrit- tenen Glaubenssätze abgelegt: das Dogma (1854) von der „Unbefleckten Empfängniß", welche ja auf Massabielle erschienen ist, — und die andere Glaubens-Definition vom 18. Juli 1870 vom „unfehlbarem Lehramt des Papstes, als obersten Lehrers der Kirche". So faßte es Pins IX. auf, der das Bild der „Unbefleckten" krönen ließ; so sieht es Papst Leo XIII. an, der die neue Kirche in Lourdes zur Basilika erhob und nun ein eigenes Officium von der Erscheinung Mariens zu Lourdes sammt Missa genehmigt hat, pro 18. Februar jedes Jahres. Gestärkt im Glauben sind wir heimgekehrt mit dem heiligen Vorsätze, in apostolischer Weise für die Ausbreitung des Marien-Cnltus und dessen intensivere Pflege thätig zu sein, auch zum Danke für den greifbaren Schutz auf der weiten Reise, die bis Lourdes bezw. S.Sebastian hin und zurück 3200 Irin beträgt. Möchten noch Viele den gegen Bernadette ausgesprochenen Wunsch Mariens erfüllen helfen: „Viele Menschen sollen in Procession zur Grotte kommen!" und so der Einladung der Königin des Himmels und der Erde in kindlicher Gesinnung Folge leisten! Die herzerhebende Erinnerung an Lourdes wird unser Leben lang dauern. Der unbefleckten Jungfrau Maria zu Ehren sind diese Zeilen geschrieben! Nankralkus Martin, Pfarrer zu Geltendorf (Oberbayern), Ritter des Heilig Grab-Ordens von Jerusalem. ^ -— Hmunelsschan im Monat August. —Merkur 8 ist als Morgenstern in der ersten Hälfte des Monates sichtbar, am besten gegen 4 U. früh. Venus ? am 28. in der Nähe des MondeS geht auf zwischen 2 und 3 U. früh. Mars F, rcchtläufig im Sternbilde der Fische, wird immer Heller, steht am 21. unter dem Mond und geht auf zwischen 10 U. 25 M. und 8 U. 37 M. abds. Jupiter ?! geht anfangs auf gegen 12 U. 45 M. zuletzt gegen 11 U. 15 M. nachts, bewegt sich rechtläufig vom Stiere zu den Zwillingen und steht am 26. in der Nähe des Mondes. Saturn H geht unter zwischen 10 U. 15 M. und 8 U. 15 M. abds. und verschwindet am Abendhimmel. Am 6. nordw. von der Mondsichel. In diesem Monate kann man den Sternschnuppen- schwarm der Perseiden beobachten, und sind die-Sternschnuppen zwischen 10. und 13. August am häufigsten. - - * >IÄW4 - - Bei der anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums des Herrn Stadtpfarrers Kinzel von St. Max in Augsburg am Samstag den 14. Juli stattgefundenen Gratulation der Schulkinder wurde der Herr Jubilar seitens eines Schulknäbleins mit einer allerliebsten Dialektdichtung (Verfasser Herr Stadtkaplan Friedrich Müller) erfreut, die der Veröffentlichung nicht nnwerth sein dürfte. Dieselbe lautet: I bin a Aus! I bin a Bua — Herr Jubilaur, Möcht' au zum Fescht mei Schärfte gea; Ihr sind ja sell — ischt dös nit wauhr? — Z'Kempta dob a' Bua mol g'wca! So bring i von alle Buaba zum Schlueß An lauta, feschta, herzlicha Grueß. An Grueß von de Buaba z' Kriegshaber draußt, Da hand'r ja drui Jauhr als Pfarrer g'haust, Und an Grueß von de Buaba z' Ncarling im Ries, Dia Hand Ui au gera g'het — dös woaß i ganz g'wieß, Und an Grueß von de Buaba z' Lindau im Seea, Wiara fürt sind — dös thuet ihna hcint no weah! Und an Hauptgrueß von alle St. Maxemer Buaba, An Juchzgcr zum Pfand auö d'r Herzensgruabal I bin a Bua, Herr Jubilaur, Möcht' Ui zum Fescht au GeltS Gott sa: Ihr Hand in fünfazwanzig Jauhr De Buaba Guats an Haufa tha. So sag' i, von alle Buaba d'r Bot, An kräftiga, gmoana Vergelts Ui Gott. Dergelts Gott für all' Uire Schualgäng und Plaga, Vergelts Gott für d' Bildla — gnua Hammer hoam traga, Vergelts Gott sür's Lehrn — so oifach und schliacht, Vergelts Gott füc'n Firm- und Communion-Unterriacht, Vergelts Gott für d' Tatz'n mit'n Rohr — daß st's biagt, Vergelts Gott für d' Strix'n — wear's verdeant hat, hat's g'kriagt. Vergelts Gott für d' Liab, für's Loab und für d' Strof, An Vorsatz zum Gelts Gott — mir wer'» ietz recht brov. I bin a Bua, Herr Jubilaur, Möcht' Ui zum Fescht au Wünschla bring»; 's hat fei dia ganze Buabaschaur Wohl beatet, daß's zum Hünm'l dringa. So rucf i, mit alle oin Herz, zum Altanr: Scgn' Gott unser Herrle no fünfazwanz'g Jauhr. Ja fegn' Gott Ui d' G'sundheit no lang, ja no lang, Nau bleibt'r schon bei uns — dau ischt m'r nit bang, Und fegn' Gott Uir Beata und d' Sorg für de Arma, Dia g'winnt Ui beim Richt'r an öbigs Erbarm«, Und fegn' Gott Uir Wirk« in Kauz'l und Schual Und fegn' Gott d'n Eifer im Bueßricht'rschtuahl, Und fegn' Gott Uir Opfer im Leaba und Sterb», Im Himm'l 's bescht Plätzle, dös sollet'r erwcrba. I bin a Bua, Herr Jubilaur, Hau Ui der Buaba Feschtgrueß g'sait, Und ischt'S Gcdichtla ietz au gaur, De Buaba-Liab — dia kennt koi Zeit, Ja die brennt fürt mit doppelt» Glueth, O bleibet au Ihr Uire Buaba recht guet. Aber ietz soll es donn'ra — Ihr verlaub'ns uns doch, Ihr Herr Jubilaur — Ihr sollet leaba hoch! Telegramm-Räthsel. (Die Striche sind durch Vokale, die Punkte durch Konsonanten zu ersetzen.) 62 . 1894 . „Augsburger postMung". Dinstag, den 31. Juli Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Zm Banne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „O, ich weiß, was sie unbesiegbar macht," rief Mattland, „Sie lieber, den Baron von Sturen. Der Adelstitel reizt Ihre weibliche Eitelkeit. Wäre mir zutheil geworden, was mir nach dem einfachsten Rechte der Natur gebührt, so —" Er lachte wild auf. „Sehen Sie sich vor," zischte er, „ehe Sie meine Anerbietungen zurückweisen, bedenken Sie wohl, daß das Schicksal Ihres Bruders, ja daß auch Ihr Schicksal, Melanie Nettberg, Ihr Ruf, auf den Sie so eitel pochen, in meinen Händen ist. Wagen Sie es jetzt, mir zu trotzen, so soll die Welt lachen und sagen: sie war Maitlands Geliebte, aber er ward ihrer überdrüssig und verstieß sie schon nach einem Tage! Ihr Schicksal, sage ich, so wie das Ihres Bruders steht in meiner Hand!" „Mein Schicksal, mein Ruf in Ihrer Hand?" rief Melanie. „Ich kann es wohl verstehen, wenn Sie sagen, das Schicksal meines Bruders ruhe in Ihrer Hand; aber über meinen Ruf haben Sie keine Macht. Sie würden der Welt eine große Lüge sagen, wenn Sie behaupten wollten, ich sei die Geliebte eines Mannes gewesen, den ich hasse und verachte." Sie hatte das Haupt hoch aufgerichtet, ihr Auge flammte, und Maitland fühlte, obgleich alle diese Zeichen des Zornes ihm galten, die Leidenschaft in seinem Herzen nur noch stärker werden. „Melanie," lenkte er in einen Ton ein, der halb scherzhaft war, „wenn Sie mir so trotzen, muß ich Ihnen beweisen, daß ich nicht machtlos gedroht habe. Erinnern Sie sich der Worte nicht mehr, mit denen Sie gestern Abend mein Billet beantworteten? Sie lauteten: „Ich stehe zu jeder Stunde, wo es Ihnen beliebt, zu Ihrer Verfügung." Melanie schien ein paar Augenblicke sprachlos vor Ueberraschung, doch zeigte sich in ihrer Haltung nicht die mindeste Beimischung von Furcht. „Sie sind ein Teufel!" rief sie. „Aber ich spotte Ihrer satanischen Anschläge. Mein Ekel vor Ihrer Gesinnung ist so groß, wie mein Haß und meine Verachtung. Fielen Sie mir morgen zu Füßen mit Anträgen ebenso rein und lauter, als die mir heute von Ihnen gestellten schäm- und ehrlos sind, und wäre ich eine Bettlerin und müßte von Haus zu Haus mein Brod suchen, so würde ich Sie dennoch mit derselben Verachtung zurückstoßen, wie ich es jetzt thue!" Kühn schritt sie an Maitland vorüber und zog die Klingel. In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür und die Wirthin erschien. Ihr wohlgenährtes Antlitz glühte wie Zinnober; sie schien vor Zorn geschwollen wie ein gereizter Puterhahn. „Sie sollen in meinem Hause nicht" beleidigt und beschimpft werden, Fräulein!" rief sie, auf Melanie zueilend. „Verzeihen Sie, daß ich draußen gehorcht habe, aber als ich Ihnen den Namen dieses Herrn nannte, machten Sie eine so bestürzte Miene, und der Herr trat gleich so zudringlich in's Zimmer, daß ich bei mir dachte, es könnte nichts schaden, wenn ich in der Nähe bliebe. Er soll Sie nicht länger kränken!" Melanie brach in Thränen aus. Die Wirthin, welche, außer in Geldsachen, eine ganz gute Frau war, nahm das heftig ergriffene Mädchen an der Hand und sagte, indem sie ihr sanft das goldene Haar streichelte, in mütterlichem Tone: „Seien Sie ruhig, mein liebes Fräulein. Sie sind ein ehrbares, tugendhaftes Kind und verdienen, daß man sich Ihrer annimmt. Mein Mann wird Ihnen unten im Postbureau die Fahrkarte lösen und Sie bis Göllnitz begleiten, damit Ihnen unterwegs kein Leid geschieht. — Und Sie, mein Herr," wandte sie sich herausfordernd an Maitland, „Sie werden gut thun, dieses Haus auf der Stelle von Ihrer Gegenwart zu befreien und sich zum Kuckuck zu schceren, sonst lasse ich Sie die Treppe hinabwerfen. Verstehen Sie mich?" „Fräulein Rettberg!" sagte Maitland mit voller Selbstbeherrschung und ohne die Wirthin einer Erwiderung zu würdigen, „wir werden uns wiedersehen, wo Sie andern Sinnes sein werden." „Niemals," rief Melanie, „niemals!" Ohne weiter ein Wort zu verlieren, verließ Maitland das Zimmer. XXVIll. Wenn dem Besitzer dcs Gutes Göllnitz in seinem Jammer über den Verlust des Geldes und des Inhalts seines Silberschrankes noch ein süßer Trost verblieben war, so bestand dieser darin, daß die Einbrecher eine heilige Scheu vor seinen Staats- und Börsenpapieren an den Tag gelegt hatten, welche den größten Theil seines beweglichen Vermögens bildeten und sich unversehrt eim Kassenschranke vorfanden. 474 Dieses'Gefühl der Befriedigung wurde noch durch die unerwartete Rückkehr Melanie's erhöht. AIs Teßner sich von seinem ersten Schrecken erholt, hatte ihn ihr Verschwinden mehr und mehr beunruhigt, denu Melanie ebensowohl wie ihr Bruder galten ihm als ein glücklicher Fang, welchen er, im alleinigen Besitz des Geheimnisses, daß beide Anspruch auf ein großes Vermögen hatten, nach Möglichkeit auszubeuten gedachte. Hätte er um Melanie's Leben fürchten müssen, so wäre ihm leicht auch die Fühlung mit ihrem Bruder verloren gegangen, dessen Aufenthalt er nicht kannte. Nun war die Vermißte glücklich zurückgekehrt, und er begrüßte sie mit unverhohlener Freude. Melanie hatte noch nicht Zeit gehabt, ihm ihr Abenteuer zu erzählen, als auch schon in einem Miethfuhr- werke ein Polizeicommissär mit mehreren Unterbeamten aus der Kreisstadt eintraf, um den Thatbestand aufzunehmen und die Aussagen der Gutsbewohner zu Protokoll zu bringen. Melanie berichtete auf die an sie gestellten Fragen die Erlebnisse dieser Nacht der Wahrheit getreu, verschwieg aber alles, wodurch sie Rölling Hütte verrathen können. „Nach den übereinstimmenden Angaben des Herrn Mailland und des Herrn Teßner ist einer der Einbrecher ein Mann von ungewöhnlicher Körpergröße gewesen," bemerkte der Commissär, „auch haben sich am gestrigen Tage in der Stadt zwei Individuen von sehr verdächtigem Aussehen herumgetrieben, von denen das eine ebenfalls durch seine Größe aufgefallen ist. Getrauen Sie sich, diesen Mann wieder zu erkennen? „Ich muß hierüber jede Auskunft ablehnen," ent- gegnete Melanie ohne weiteres Bedenken. „Warum?" fragte der Beamte verwundert. „Weil ich gerade diesem Manne mein Leben verdanke. Nur das Versprechen, nie ein Wort zu sagen, welches zu seiner Erkennung führen könne, rettete mich." „Aber bedenken Sie doch, Fräulein," entgegnete der Commissär überrascht, „daß ein unter Drohungen und Einschüchterungen abgepreßtes Versprechen vor keinem Gesetze der Welt anerkannt wird!" „Ich habe es hier nicht mit dem Gesetze, sondern nur mit meinem Gewissen zuthun," entgegnete Melanie. „Der Mann, der mein Leben schonte, vertraute meinem Worte, und ich werde mich von einem Verbrecher nicht beschämen lassen." Der Commissär lächelte kalt. „Das Gesetz hat im vorliegenden Falle mit der Gewissensfrage nichts zu thun, wohl aber besitzt es die Mittel, Ihren Widerstand zu brechen. Sie werden als Zeugin vor Gericht erscheinen und darauf vereidigt werden, daß Sie die Wahrheit sagen." „Ich werde vor Gericht ebenso wenig die Unwahrheit sagen, Herr Commissär, wie jetzt. Ich werde nur schweigen, wo mein Gewissen mir das Reden verbietet." Der Beamte schüttelte bedenklich den Kopf; da Melanie aber bei ihrem Entschlüsse beharrte, so blieb ihm nichts anderes übrig, als ihre Weigerung ebenfalls zu Protokoll zu nehmen und das Uebrige dem Richter zu überlassen. So wenig das starre Festhalten Melanie's an ihrem Versprechen in dem Interesse des bestohlenen Gutsherrn lag, so verlor dieser doch kein Wort darüber. Er wünschte alles zu vermeiden, was sein Verhältniß zu ihr trüben konnte. An demselben Tage schickte Maitland das entliehene Reitpferd zurück. Er hatte dem Boten zugleich. ein Billet mitgegeben des Inhalts, daß er von dem beabsichtigten Kaufe zurücktrete, nachdem er sich in vergangener Nacht von den Nachtheilen und Gefahren der Unsicherheit der Gegend und der Abgelegenheit des Gutes habe überzeugen müssen. * * * Die wenigen Tage, welche Feltcitas mit ihrer Tante und dem Baron von Sturen in dem Rügenschen Seebade Saßnitz bisher verlebt hatte, waren wie ein glücklicher Traum gewesen. Aber solche Tage heiterer Hoffnung gleichen nur zu oft dem glänzenden Morgen des tropischen Klimas, wo mitten an einem zuvor ganz fleckenlosen, lachenden Himmel sich plötzlich ein kleines dunkles Wölkchen zeigt, um sich binnen weniger Stunden schwarz und drohend über den ganzen Horizont auszubreiten und Zerstörung und Jammer herabzusenden. Das unscheinbare Wölkchen war ein Brief, den Felicitas eines Morgens von ihrem Vater empfing. Begreiflicher Weise erschrak sie über die darin enthaltene Nachricht von dem Einbruchsdiebstahl, aber noch viel mehr über den kurz angebundenen, gebieterischen Ton, in welchem sie aufgefordert wurde, ohne Verzug nach Hause zurückzukehren. Sie begab sich sofort zu ihrer Tante, welche das anstoßende Zimmer bewohnte, und während diese Teßner's Brief las, durchflog Felicitas ein gleichzeitig empfangenes Schreiben Melanie's. Plötzlich begann die Hand, worin sie dasselbe hielt, heftig zu zittern und sank herab. Frau von Prachwitz gab, während sie las, durch verschiedene Ausrufe ihre erstaunte Antheilnahme an dem ruchlosen Frevel zu erkennen, dessen nächtlicher Schauplatz das Göllnitzer Herrenhaus gewesen war. „Weshalb Dich aber Dein Vater mit so peremptorischen Worten nach Hause ruft," sagte sie, „begreife ich nicht; Deine Gegenwart kann doch die Sache nicht ungeschehen machen! Aber was hast Du, Kind?" fragte sie aufblickend, „Du zitterst ja und bist ganz blaß geworden I" „Da, lies, Tante, was Melanie über diesen Punkt schreibt; das erklärt mir zur Genüge, weshalb mein Vater auf meiner sofortigen Rückkehr besteht." Felicitas reichte der Tante den Brief und deutete auf eine Stelle darin, welche folgendermaßen lautete: „Ich fürchte sehr, liebe Felicitas, daß mit diesen Zeilen zugleich ein Brief Ihres Vaters eintrifft, welcher Sie nach Hause zurückruft, und ich mache mir die bittersten Vorwürfe, vielleicht die unschuldige Ursache zu sein, daß Sie dem kaum erst genossenen herrlichen Aufenthalte an der Meeresküste und den Freunden, die Ihnen denselben verschönern, so bald wieder entrückt werden sollen. Ihr Vater gab anfangs nicht die mindeste Absicht zu erkennen, Sie in Ihrem Vergnügen zu stören, änderte aber ganz plötzlich seinen Sinn. Es ist möglich, daß ich mich über die Ursache täusche, aber verschweigen will ich Ihnen nicht, daß dieser Rückschlag in dem Augenblicke eintraf, wo ich, ohne nur dabei etwas Schlimmes zu denken, ganz beiläufig die Aeußerung fallen ließ, daß sich Herr Baron von Sturen in Ihrer Gesellschaft befinde." Die Tante schüttelte, als sie gelesen, den Kopf und wurde nachdenklich. „Ich erinnere mich wohl," unterbrach Felicitas ein 475 längeres Schweigen, „daß mein Vater sich sehr unfreundlich gegen Wolfgang benahm, als wir uns zum ersten Male wiedersahen. Damals schrieb ich es dem Schreck zu, den er uns durch sein plötzliches Hervorbrechen aus dem Parke eingejagt hatte. Nun weiß ich zwar, daß mein Vater leider von sehr unversöhnlichem Charakter ist, dennoch kann ich mir kaum denken, daß er ihm diese Kleinigkeit nachtragen sollte." „Wenn er dem Baron übel gesinnt ist," entgegnete die Tante langsam und gedankenvoll, „so liegt die Ursache dazu wohl viel weiter zurück. Ich weiß, daß er auf Wolfgang's Vater nicht gut zu sprechen war. Er sah den Verkehr zwischen Dir und Wolfgang, als ihr noch Kinder wäret, nicht gern, duldete ihn aber, weil er mir in meinem Hause keine Vorschriften machen konnte." „Du meinst also, Tante, daß ein alter Haß gegen Wolfgang's Vater zu Grunde liegt? O, hättest Du mich vor diesem unseligen Hinderniß, welches ich plötzlich zwischen mich und Wolfgang treten sehe, doch gewarnt, ehe ich der Stimme meines Herzens Gehör gabt" „Mache Dir keine thörichten Skrupel, mein Kind l" beruhigte Frau von Prachwitz, das Haupt des bestürzten Mädchens an ihre Brust lehnend. „Hat Melanie richtig beobachtet, und Deine Rück- berufung stützt sich wirklich auf einen verjährten Groll, den Dein Vater gegen Wolfgang's Familie hegt, so wird das keine Rolle mehr spielen, wenn er hört, mit welchen ernsten Absichten auf Dich der Baron sich trägt." Man behauptet, die Liebe sei blind, und in Augenblicken der Freude hat sie wirklich ein blödes Auge; aber bei dem ersten Kummer, der an sie herantritt, kommt ein prophetischer Geist über sie, welcher sie das Unheil schon von fern sehen läßt, das nur zu oft auf ihrem Rosenpfade lauert. So konnte auch Felicitas, trotz der Tröstungen ihrer Tante, eine düstere Ahnung nicht los werden. „Tante," sagte sie nach längerem Schweigen in naturgemäßer Jdeenverbindung, mit leiser Stimme, „auch Du sollst ja einst unglücklich geliebt haben! Deine Eltern waren adelsstolz, so viel ich weiß, und wollten Dich dem bürgerlichen Manne, den Du liebtest, nicht geben. Du gehorchtest ihnen und entsagtest dem Theuersten, was die Welt für Dich hatte." „Mein Fall war ein ganz anderer als der Deinige," erwiderte Frau von Prachwitz mit einem leisen Lächeln, daß Felicitas sich bereits zu einer so tragischen Nutzanwendung auf sich selbst verstieg. „Allerdings ging das Gerücht, daß meine Heirath an dem aristokratischen Hochmuth meiner Eltern gescheitert sei, aber in Wahrheit verhielt es sich ganz anders, liebes Kind. Mein Vater stand vor seinem Ruin. Er hatte mit seinem Vermögen für seinen besten Freund gutgesagt, — und dieser Freund betrog ihn. Ein älterer, sehr vermögender Kavalier — mein späterer Gatte — bewarb sich schon längst um meine Hand. Ich mußte meinen Vater retten und that es im vollen Einverständniß mit meinem Geliebten, der damals ein unbemittelter Mann war." „Arme Tante!" rief Felicitas, ihren Arm um dje ernst bewegte Frau schlingend, „wäre ich nicht in dieser trübseligen Welt erschienen, so gehörte das Vermögen Dir, um welches Du durch meine Geburt beraubt wurdest und Du hättest den Mann Deiner Herzenswahl heirathen können. Wie große Ursache hättest Du gehabt, mir zu grollen, und dennoch hast Du für mich stets nur Liebe gehabt!" „Was konntest Du armer Wurm denn dafür?" lächelte Frau von Prachwitz, Felicitas zärtlich auf die Stirn küssend. „Und verhinderte Deine Geburt nicht eine schreiende Ungerechtigkeit gegen Deine Mutter, welcher man das ihr gebührende Erbe entziehen wollte, um es mir zuzuwenden, die mit der Familie nur in entferntem Grade verwandt war?" „Ich bin über diese Verhältnisse nicht unterrichtet, denn meine Mutter starb als ich noch im kindlichen Alter stand, und mein Vater hat sich darüber nie ausgesprochen. War denn meine Mutter mit ihren Eltern zerfallen?" „Nein, denn sie verlor beide sehr früh. Das Vermögen stammte vom Großvater Deiner Mutter und dieser hatte sie in seinem Testamente zu meinen Gunsten enterbt." „Was mag da wohl zwischen beiden vorgekommen sein?" meinte Felicitas mit einem Seufzer. „Sollte etwa ihre Heirath mit meinem Vater gegen den großväterlichen Willen geschehen sein?" „Ganz im Gegentheil," versetzte die Tante. „Es war sogar des Großvaters Wunsch, daß sie den um viele Jahre älteren Mann heirathete, und nur unter dieser Bedingung änderte der Großvater sein Testament dahin ab, daß Deine Mutter wenigstens die Nutznießung des Vermögens erhielt, dieses selbst aber auf die Kinder oder, wenn die Ehe kinderlos blieb, auf mich übergehen sollte." „Immerhin läßt diese Reserve auf einen starken Groll gegen meine Mutter schließen," bemerkte Felicitas. „Was die Ursache gewesen sein könnte, weiß ich nicht; als Deine Mutter heirathete, war ich noch sehr jung, und sie selbst hat sich gegen mich niemals darüber geäußert." Die beiden Damen wurden in ihrem Gespräche durch die Ankunft des Barons von Sturen unterbrochen, welcher sie zu einem Spaziergange abholen wollte. Natürlich war Wolfgang sehr unangenehm überrascht, als er vernahm, daß die Damen, statt sich zu der gewohnten Morgenpromenade fertig zu machen, an's Einpacken ihrer Neisekoffer dachten. Felicitas verschwieg ihm ihre Befürchtungen; sie erzählte ihm nur von dem Einbruch in Göllnitz und fügte hinzu, daß ihr Vater seine Tochter bei sich zu haben wünsche, da seine Gesundheit schon seit Jahren nicht die beste sei und das Ereigniß ihn angegriffen habe. Frau von Prachwitz wollte ohne Felicitas nicht hier bleiben. Sie hatte beschlossen, nach Berlin zurückzukehren, und da mit der Abreise der Geliebten der Aufenthalt auf der Insel auch für den Baron seinen Hauptreiz einbüßen mußte, so begleitete er die Damen bis Berlin und reiste von dort direct nach seinem schlesischen Gute weiter,' dem er schon längst einen Besuch schuldig war. XXIX. Einige Wochen waren verflossen, als an einem freundlichen Nachmittage Felicitas Teßner auf schattigem Waldpfade dahin wandelte. Sie hatte im Dorfe Göllnitz ein paar Besuche bei armen Leuten gemacht, welche sie in hilfsbedürftiger Lage mit Rath und That unterstützte, und war dann noch ein gutes Stück über das Dorf hinausgegangen, um den harzigen Waldduft einzuathmen. Eben dachte sie daran, den Rückweg anzutreten, als sie 476 von der Fahrstraße her, die sich am Waldrande hinzog, den Hufschlag eines scharftrabenden Pferdes vernahm. Ihr Herz pochte bei diesem Tone, dessen kurzer, flotter Anschlag offenbar auf einen Reiter schließen ließ, denn sie dachte, es könne Wolfgang sein. Die Liebe ist ebenso schnell mit Hoffnungen wie mit Befürchtungen bei der Hand, und obwohl der Gedanke an Wolfgang sehr natürlich war, verwarf sie ihn doch schon im nächsten Augenblicke als eine eitle Selbsttäuschung, denn er hatte ihr erst vor wenigen Tagen von seinem schlesischen Gute aus geschrieben, ohne ein Wort über die Zeit seiner Rückreise zu erwähnen. Dennoch verließ sie den Fußpfad und schlug die Richtung nach der Straße ein. Durfte sie ihren Augen trauen? Ja, es war der Geliebte. Auf demselben prächtigen Renner, mit dem er damals über den Zaun seines Parkes gesetzt war, wollte er eben an ihr vorüberjagen. „Wolfgang! Wolfgang!" Er kannte den süßen Wohllaut dieser Stimme sehr wohl, und wie er, sein Pferd mit einem Ruck zum Stehen bringend, den Blick seitwärts nach der Stelle wandte, von wo der Ruf erklungen, sah er eben die schlanke Mädchengestalt in ihrem hellen Sommergewand wie eine Waldfee zwischen dem dunkeln Grün der Gebüsche hervortreten. Im nächsten Augenblick war er vom Pferde und Felicitas über den Graben gesprungen, und Wolfgang drückte die Geliebte an sein Herz. Während er das Pferd hinter sich am Zügel führte, wandelte sie an seiner Seite. Wolfgang wollte Felicitas endlich die Seintge nennen, und um sein Schicksal zu erfahren, war er heute gekommen. Er wollte vor ihren Vater treten, um sich von ihm ihre Hand und die Zusage baldiger Verbindung zu erbitten. Zwar hatte Teßner gegen Felicitas noch kein Wort geäußert, welches darauf schließen ließ, er werde sich ihrer Verbindung mit Wolfgang entschieden widersetzen. Er hatte über diesen Gegenstand vollkommenes Schweigen beobachtet; zwar war er etwas finster gewesen, aber Felicitas schrieb dies dem ihn betroffenen Verluste und dem körperlichen Unbehagen zu, über welches er klagte. Obgleich sie also nicht wußte, was sie eigentlich zu fürchten hätte, beschlich sie doch zuweilen ein Zweifel, der das Gefühl der Freude dämpfte. Jetzt bebte sie schüchtern zurück, das süße Geheimniß ihrer Liebe einem Dritten enthüllen zu müssen, und gleichwohl widerstrebte es ihr auch, ihrem Vater die Eröffnung ihres Herzens noch länger vorzuenthalten. Wäre nicht dieses letztere Gefühl gewesen, so würde sie Wolfgang zugeredet haben, noch einige Zeit geduldig zu warten und nicht allzu hastig in die dunkle Zukunft hineinzustürmen, aber das Bewußtsein der Pflicht trat dazwischen, obgleich sie noch zögerte und sagte: „Mein Vater ist noch immer über das ihn betroffene Unglück etwas verbittert und fühlt sich Unwohl. Auch fürchte ich, wir werden gerade heute schwer Gelegenheit finden, mit ihm ungestört zu sprechen, da Melanie's Bruder bei ihm ist." „Melanie's Bruder?" wiederholte Wolfgang erstaunt. „Wie wäre das möglich? Ist er denn von Amerika wieder zurückgekehrt?" „Er und Mclanie haben Ansprüche auf ein bedeutendes Erbe, welches sich im unrechtmäßigen Besitz eines anderen befinden soll. Meinem Vater waren diese Verhältnisse von einer früheren Rechtspraxis her bekannt, er wußte jedoch die gesetzlichen Erben nicht ausfindig zu machen, die er endlich in den beiden Geschwistern entdeckt hat." „Ob dieser Glücksfall von heilsamem Einfluß auf Rettberg sein wird, möchte ich bezweifeln," bemerkte Wolfgang. „Um der armen Melanie willen aber kann sich darüber niemand herzlicher freuen als ich. In wessen Händen befindet sich denn jetzt noch dieses streitige Vermögen?" „Das weiß ich nicht, und Melanie weiß es ebenso wenig," antwortete Felicitas. „Mein Vater und auch ihr Bruder machen ihr vorläufig noch ein Geheimniß daraus. Rettberg ist viel zwischen Berlin und Göllnitz unterwegs, und wenn er kommt, schließt er sich mit meinem Vater ein. Melanie wundert sich selbst über diese Geheimnißthuerei, da sie doch an dem Gegenstände ebenso unmittelbar betheiligt ist wie ihr Bruder." Beide hatten inzwischen das Dorf erreicht, wo der Baron im Gasthaus sein Pferd einstellte, um auf dem Wege nach dem Gute ungehindert mit Felicitas plaudern zu können. Er bestand darauf, heute noch bei ihrem Vater in aller Form um ihre Hand anzuhalten, und Felicitas gab nach, behielt sich jedoch vor, zuerst selbst mit ihrem Vater zu sprechen, damit dieser auf Wolfgang's Werbung vorbereitet sei. Sie erreichten das Gut. Melanie führte den Geliebten in den kleinen, an die Südseite des Herrenhauses stoßenden Blumengarten, wo er warten sollte, bis sie ihn rufen werde. „Gehen Sie, mein süßes Mädchen," flüsterte er ihr zu, „und kehren Sie mit glückverkündender Miene zu mir zurück I" Er blickte ihr nach, bis sie um die Ecke des Hauses verschwand, und setzte sich dann in die unter dem Balconfenster gelegene Laube. Noch hatte er keine fünf Minuten gewartet, als sich Schritte vernehmen ließen; es wurde auch gesprochen, aber er vermochte die Stimmen nicht zu unterscheiden. Sehr bald bemerkte er, daß die Personen sich nicht dem Garten näherten, sondern die Pappelallee betreten haben mußten. Erst in der Mitte derselben, wo die Ecke des Hauses sie nicht mehr verbarg, tauchten sie auf, und obwohl sie Wolfgang den Rücken zukehrten, so erkannte er doch leicht Melanie und ihren Bruder. Sonst war ihm die Gegenwart des liebenswürdigen, reizvollen Mädchens ein süßer Genuß gewesen, — jetzt wandte er sich nach der Laube zurück und verbarg sich in deren schattigem Grün, damit Melanie ihn, falls sie sich zufällig umwendete, nicht sehen sollte, denn er würde sich nicht in der Stimmung befunden haben, mit ihr zu plaudern. (Fortsetzung folgt.) -- 8rüAii6i' ^ hlrme. Ein Gedenkblatt zum 27. und 28. Juli 1794. Von Frhrn. v. R. INachdruck verboten.; Nobespierre! Der Unbestechliche, Einzige, wie ihn seine Zeitgenossen nannten, der Mann mit dem Tugendscheine und der Lügenmaske des Patriotismus, Meister in der radikalen Verwerthung jakobinischer Nivellirungs- theorien, gleich unübertroffen an Heuchelei wie an Mordlust, das Prototyp eines vollendeten Tyrannen I Sich der absoluten Herrschaft zu bemächtigen, schlug er nieder, was 477 immer neben ihm aufstrebte, verfolgte er Tugend und ! die Wege zeigte, die er zur Vernichtung seiner Gegner Laster, Verbrechen wie Unschuld, hat er Freiheits- und j glaubte nehmen zu müssen. Was ihn Allen, ohne Unter- Photvgraphik-Verlag von Franz Hansstarngl, Kunstverlag, A. S., in München Kuisella. Nach dem Gemälde von Ludwig Knaus. »8 B8« WS ««« MM MM --sWÄ j^W MMU MM ÄfiES- Vaterlandsliebe, die schönsten Regungen der Menschenbrust, seinen unersättlichen Machtgelüsten dienstbar gemacht und selbst den Verrath nicht gescheut, wenn er ihm schied der Parteistellung, so fürchterlich machte, war der stets wache, lauernde, wider die Rivalen seiner Macht gerichtete Argwohn, dessen todbringenden Wirkungen sich 478 nur Wenige zu entziehen vermochten. Die Nation seinem Willen gefügig zu machen, rechnete Robespierre mit einem Faktor, dessen sich die Despoten aller Zeiten stets mit sicherem Erfolge bedient hatten. Schrecken war die wirkende Kraft, welche die Menge im Blutbanne des Nach- richters halten, die Geister lahmen, sie bis zur Willen- losigkeit Herabdrücken sollte. ?riiuu8 in orUo äsu8 68d tünaor I Also wurde mit jenem berüchtigten Reinigungswerke begonnen und dem Gange des Sanirungsprozesses ein durch die prekäre Lage der Republik bedingtes, beschleunigtes Tempo gegeben. Die Idee der Erneuerung der bürgerlichen Gesellschaft seines Vaterlandes im Wege ausgiebiger Blutentziehung hatte wohl Robespierre zuerst gefaßt und ihre Durchführung als eine oonäitio oins c^ua non zur Diktatur allen anderen Erwägungen vorangestellt. von Rechtmäßigkeit zu geben. Das Richteramt, welches gewöhnlich der Straßenpöbel zu handhaben pflegte, wird in die Hand des Revolutionstribunals gelegt, dessen Verfahren abgekürzt, Zeugenverhöre und Vertheidigung der Angeklagten, weil überflüssig, werden beseitigt. Der Wohlfahrtsausschuß,*) in welchem Robespierre herrschte, hatte bereits alle Gewalt zu sich hinübergezogen und dem erniedrigten Konvent jede gesetzgeberische Initiative entrissen. In dumpfer Ergebung, gleich dem römischen Senate der Manischen Zeit, horchte diese durch den Schrecken niedergehaltene Versammlung den Dictaten eines Mannes, der sich zu ihr in das Verhältniß des Herrn zum Sklaven gesetzt, sich demnach allein das Recht der freien Meinungs- Aeußerung zuerkannt hatte. Wehe Dem, der es wagte, die Machtbefugnisse des Herrschers wegzuläugnen oder gar die Integrität**) dieses alleinigen souveränen Volks- ALL »r- -HM Hohrnschwanga«. Daß der Regenerator sein Heilverfahren, wie es der fürchterliche Cynismus jener Zeit nannte, nicht in dem ganzen von ihm gewallten Umfange praktiziren konnte, verdankte Frankreich jenen Blutmenschen, die, von ihrem Meister bedroht, nur in dessen schnellem Untergang die Möglichkeit eigener Rettung zu erblicken vermeinten. So wurde denn das Bewußtsein der allzeit gegenwärtigen Gefahr für Leib und Leben das Hauptmoment der Angriffe auf Nobespierre, die Ursache seines endlichen Sturzes. Mit dem Untergänge der Gironde, jenem heillosen Triumphe terroristrender Allgewalt über die Principien Vergleichsweiser Mäßigung, war auch die letzte Schranke gefallen, die den grauenvollen Gang der Revolution aufhalten konnte, sie in andere Bahnen hätte lenken können. Hatten vordem Schwäche und Böswilligkeit der Behörden den fürchterlichen Metzeleien Vorschub geleistet, so gedachte man diesen jetzt durch das Gesetz gegen die Verdächtigen, das ja auf Alle passen mochte, einen Schein repräsentanten in Zweifel zu ziehen. In den Conflict zwischen den Forderungen der Pflicht und der Rücksichtnahme persönlicher Sicherheit gedrängt, siegte der Selbsterhaltungstrieb und führte in seinen Konsequenzen im Schooße des Konvents ebenso wie in ganz Frankreich zu den niederträchtigsten Handlungen. Bald blieben viele von den Deputirten, sei es aus Unwille über die Rolle, die sie spielen sollten, oder weil sie, von Robespierre und seinem Anhange bedroht, sich der Verhaftnahme durch die Flucht zu entziehen hofften, von den Sitzungen fern, der Nest suchte durch feigeNachgiebigkeit, kriechende Schmeichelei den Zorn des Gewaltigen zu besänftigen und stimmte allen jenen Vorschlägen bei, die der Wohlfahrtsausschuß Wurde am 6. April 1793 mit der ausgedehnten Vollmacht errichtet,Gesetze zu geben und vollziehen zulassen. **) Der Konvent hatte auf Marat's Vorschlag unter gewissen dehnbaren Einschränkungen seinen Mitgliedern das Privilegium der Unverletzbarkeit entzogen. 479 im wohlverstandenen Interesse seiner Machtfülle dem Konvente hatte zugehen lassen. Gegen die steigende Macht Robespierre's und seiner Kollegen erhob sich der Pariser Gemeinderath im erbitterten, doch kurz geführten Kampfe. In ihm saßen vordem Robespierre und Marat und alle jene mordlustigen Verbrecher, welche die furchtbaren Ereignisse des 10. Aug. 1792 vorbereitet, dann die gräßlichen Metzeleien der folgenden Septembertage verschuldet hatten. Getragen von der Gunst des Pöbels, die er als beste Stütze selbst- eigener Macht betrachtete, war dieser Gemeinderath der wahre Herr Frankreichs geworden. Der gesetzgebenden Versammlung, die ihm zitternd gehorchte, zwang er seinen Willen als Gesetz auf, Leben und Eigenthum der Bürger der Hauptstadt, die Wohlfahrt des ganzen Landes waren seiner schrankenlosen Willkür anheimgegeben. Die Wahlen im Herbst 1792 brachten seine Führer in den Konvent, den Gemeinderath unter die Aufsicht des Wohlfahrts- Ausschusses, dem es inzwischen gelungen war, sich der ganzen Regierungsgewalt zu bemächtigen. Es lag in der Verschiebung der Machtverhältnisse, in dem beiden Theilen gleichenBestreben nach Volksbeherrschung, daß sie zu unversöhnlichen Gegnern wurden, den Kampf um ihre Existenz auf Tod und Leben führen mußten. Der Gemeinderath, wähnend, die öffentliche Meinung, die sich gegen die Dictatur des Wohl- fahrts-Ausschusses richtete, für sich zu haben, rechnete in der Entscheidungsstunde zugleich auf seine alten Bundesgenossen, jene Mordbanden, die ihm bisher bei den blutigsten Vorgängen der Revolution stets zu Willen gewesen waren. Aber die Bürger der Hauptstadt scheuten die Gewalt des Gemeinderaths ebenso, wie die des Wohlfahrts-Ausschusses, welche jener, wäre er wieder in deren Besitz gekommen, gleich tyrannisch gebraucht haben würde. Vergeblich rief der Gemeinderath die sonst zu jedem Aufstande bereiten Pikenmänner von St. Antoine und Marceau, die er gegen den Konvent zu führen gedachte, zu den Waffen. Sie waren von ihm abgefallen und hatten sich für den mächtigeren Rivalen erklärt. Auf sich allein gestellt, unterlag der Gemeinderath demselben Despotismus, dessen vorzüglicher Vertreter er selbst gewesen war. Am 13. März 1794 wurden seine Häupter mit noch 16 Anderen ihres Anhanges unter dem Vorwande einer Verschwörung gegen die Freiheit des Volkes auf Geheiß des Wohlfahrtsausschusses in Verhaft genommen. Dem Nevolutionstribunale übergeben, wurden sie sämmtlich zum Tode verurtheilt und den 24. März hingerichtet. Ihr Loos war ein wohlverdientes. Wetteifernd an Grausamkeit mit dem Wohlfahrtsausschuß, übertraf er diesen in allen Lastern, welche die Menschennatur schänden, ihr das Brandmal sittlicher Verderbtheit aufdrücken. Er hat den Sanskülottismus jener Zeit geschaffen, seine Attribute bestimmt und den schamlosesten Cynismus an die Stelle gesellschaftlicher Umgangsformen gesetzt. Jnkarnirter Gegner des Gottglaubens, den er scheute, weilerdemVerbrechen steuern konnte, verfolgte er die Diener der Kirche mit einer bis zum Aberwitz gehendenWuth. Seine Mitglieder, ihnen voran Hebert, Chaumette, dann der Sprecher des Menschengeschlechts, Anacharsts Cloots, haben im November 1793 durch ihre Deklaration vor dem Konvent den Atheismus glorificirt und jenen zu dem verhängnißvollen Beschluß der Abschaffung des alten, durch tausendjährige Tradition geheiligten Kultus der katholischen Kirche gedrängt. Sie waren es vorzüglich, welche die untern Schichten des Volkes mit jenem Oifte durchseuchten, das, aus den Lehren des Materialismus gezogen, gleich einem Fermente in rascher Gährung den moralischen Zersetzungsprozeß bewirkte.*) Noch war die Richtstätte von dem Blute der von Am 10. November 1793 wurde zu Paris mit theatralischem Gepränge das Fest der Vernunft, d. i. des grobsinnlich-'n Materialismus, gefeiert. Zur Versinnbildlichung diente eine auf den Altar des Vaterlandes gestellte Lustdirne. Ue»schwanftcin. 480 der Vergeltung getroffenen Hebertisten geröthet, da schaute Robespierre, der Leiter des Wohlfahrtsausschusses, schon nach andern Opfern aus, die seiner ungemessenen Herrschsucht fallen sollten. Die Cordeliers, jener engere Verein jakobinischer Propaganda, Männer, deren wilder Fanatismus kein Verbrechen scheute, waren dem Diktator verdächtig geworden. Er fürchtete ihre Entschlossenheit, welche ihm zwar oft zu Diensten gewesen, die sich aber dereinst in rascher That auch gegen ihn äußern konnte. Zudem wußte man, daß bei ihren geheimen Zusammenkünften Resolutionen gefaßt wurden, welche nichts Geringeres bezweckten, als in der Autorität des Konvents ein Gegengewicht wider die Macht des Wohlfahrtsausschusses zu gewinnen. Grund genug, sie unter das Messer der Guillotine zu bringen. Der Gefahr zu begegnen, drängten diese in Danton, ihren Führer, dessen Kühnheit im Konvente niemals unterlegen war, Robespierre des Strebens nach der Alleinherrschaft zu beschuldigen und gegen ihn ein Anklagedekret zu bewirken. Aber Danton glaubte, bevor er den entscheidenden Schlag wagte, sich zuerst der Zustimmung des Berges versichern zu müssen. Zudem setzte er bei Nobespterre wohl den Willen, aber nicht den Muth voraus, ihn zu verderben. Er hatte sich getäuscht. Noch in derselben Nacht, welche einer letzten Zusammenkunft Robespierre's mit Danton folgte, wurde dieser in Verhaft genommen, mit ihm seine Fraktionsgenossen, von denen sich nur Wenige durch die Flucht zu retten vermochten. Am 6. April folgten die Cordeliers den Hebertisten, mit welchen sie gleiche Blutschuld theilten, im Tode.*) (Schluß folgt.) - Zu unseren Bildern. Kuisella. Zu den begabteren Künstlern auf dem Gebiete der Malerei zählt der besonders durch seine Genrebilder berühmt gewordene Ludwig Knaus (geboren zu Wiesbaden). Aus allen jenen Werken, welche seinen Ruf als Genremaler begründet haben, spricht eine wahre, naive Empfindung, ein feiner Humor und eine große Mannigfaltigkeit der Charakteristik. Der Künstler hat auch Porträte in genrehafter Auffassung, aber mit feinster, geistreicher Charakteristik gemalt. Die ecbt deutsche Richtung seiner Kunstanschauung gipfelt in der Schilderung des Kinder- lebens. Ein anmuthiges Bild von sprechender Natürlichkeit lieferte Ludwig Knaus mit „Luisella"; wir bringen heute eine Darstellung nach dem Originalgemälde. Hohenschwangau und Ueuschwanstcin. Hohenschwangau, königliches Scbloß im bayerischen Regierungsbezirke Schwaben, 3 Kilometer südöstlich von Füssen, war der Lieblingsaufenthalt des unglücklichen Königs Ludwig II. Schon im 12. Jahrhundert stand hier eine den Welsen gehörende Burg (damals Schwanstein genannt), welche 1191 durch Kauf in den Besitz der Herzoge von Schwaben hohenstaufischen Stammes überging, dann dem Geschlechte der Herren von Schwangau gehörte und in der Zeit der Reformation an die Augsburger Patrizierfamilie Paumgarten kam, welche die baufällig gewordenen Gebäude niederreißen und 1538—47 ein neues Schloß errichten ließ. Herrschaft und Schloß wurden 1567 von Herzog Albrecht V. von Bayern erworben. Letzteres war zu Anfang unseres Jahrhunderts zur halben Ruine geworden und bereits zum Abbruch von einem Bauern um 200 Gulden gekauft, als 1832 der damalige Kronprinz Maximilian von Bayern das Gebäude wieder erwarb und die Restauration desselben im Geiste deS ritterlichen Mittelalters unter Leitung Domenico Quaglio's anordnete. Er gab dem Schlosse auch den Namen Hohenschwangau, den bisher eine gegenüber auf dem Berzenkopf liegende Burg geführt hatte. Seitdem gehört Hohenschwangau zu den *) Veranlaßten die Gräuel vom 2.-9. September 1792 und stimmten fiü den Tod Ludwigs XVI. herrlichsten der vielen deutschen Fürstenlustsitze. In prachtvoller Wald- und Gebirgsumgebung krönt es einen Vorsprung der Alpen, dessen Fuß von dem Schwansee und dem Alpsee bespült wird. Das Innere ist in seinen verschiedenen prachtvollen Sälen (Schwanrittersaal, Schyrensaal, Helden-, Hohenstaufensaal rc.) mit Fresken und enkaustischen Wandbildern von Neder, Lorenz Quaglio, Lindenschmit, M. v. Schwind rc. geschmückt. Auch durch die historischen Erinnerungen, die sich an die Stätte knüpfen, übt Hohenschwangau hohen Reiz Hier sagte Konradin beim Antritt seines verhängnißvollen Zuges nach Italien seiner Mutter Lebewohl. An der Stelle der alten, eigentlichen Burg Hohenschwangau liegt dicht an der Pöllatschlucht auf einem vorspringenden Bergkegel das Schloß Neuschwan st ein, von Ludwig II. während eines Zeitraumes von mehr als zehn Jahren nach den Plänen des Hofbaudirectors v. Dollmann erbaut und vom König bis zu seiner Ueberführung nach Schloß Berg bewohnt. In streng romanischem Stil erhebt sich das Schloß in fünf Stockwerken, über welchen noch drei Dachstühle und zwei Thürme aufragen, und dann steigt noch der 65 Meter hohe Bergfried über den Dachfirsten beträchtlich empor. Die Mauern sind aus Ziegelsteinen aufgeführt, zeigen gekuppelte Rundbogenfenstcr und tragen zierliche Erker und Vorspränge. Kupferplatten decken den Bau; die des Daches über den dem Gebirge zugewandten Altanen sind stark vergoldet, so daß sie im Sonnenlicht herrlich matt erglänzen. Auf dem einen Dachfirst thront ein 4 Meter hoher Rittersmann, auf dem andern ein 2 Meter hoher Löwe, das Wappenthier Bayerns. Schon im Jahre 1864, bald nach seinem Regierungsantritte, war im Könige der Gedanke lebendig geworden, aus den Ruinen von Vorder- und Hinterschwangau ein neues Schloß erstehen zu lassen. Am 15. September 1869 fand die Grundsteinlegung statt. Das Innere des Schlosses haucht vaterländischen Geist. Hier ist alles durchweht von dem jugendfrischen, waldfrischen Hauch der deutschen Sage und Dichtung. Hier begegnen uns die alten deutschen Dichtergestalten des Lohengrin und Tannhäuser, des Parfival und Titurel, Wolfram von Eschenbach und Walter von der Vogelweide Bei aller Pracht, die auch diese Räume erfüllt, sind sie doch keine kalten Prunkgemächer, sondern die Stätte einer fürstlichen Haus- und Hofhaltung. — (Unsere Illustrationen sind nach Photographien von Ludwig Schradler in Füssen am Lech.) --- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung deS Bilder-Räthsels in Nr. 60: Was man hofft, glaubt man gern. Auflösung des Telegramm-Räih'els in Nr. 61: Wohlthaten still und rein gegeben, Sind Todte, die im Grabe leben, Sind Blumen, die im Sturm besteh'n, Sind Sterne, die nicht untergeh'n. (Claudius.) --KMZS-- ^L63. Ireilag, den 3. August 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Eine Viertelstunde verstrich — eine halbe Stunde. Endlich vernahm er wieder Schritte vorn Hause her. Er stand auf und erblickte Felicitas. Sie kam nicht elastischen Ganges daher, der ihr sonst eigen war, sondern langsam und zögernd. Als sie sich mehr genähert hatte, bemerkte er, daß ihr Antlitz todtenbleich war und ihre Augen in Thränen schwammen. Tief erschrocken, schlang Wolfgang den Arm um sie und zog sie in die Laube. Er drückte sie an seine Brust und fragte sie angstvoll, was geschehen sei. Aber während er seine Frage mehrere Male wiederholte, verbarg Felicitas fortwährend ihr Antlitz an seiner Brust und konnte vor Schluchzen nicht sprechen. Endlich brachte sie die Worte hervor: „Es ist alles aus, Wolsgangl Ich kann nie die Ihrige werden. Wir dürfen uns nicht mehr sehen!" „Gott im Himmel! Was soll das heißen, Felicitas?" rief der Baron. „Wogegen kann Ihr Vater Einwendungen machen? Was kann er auszusetzen haben an mir, meinem Stande, meinem Vermögen?" „Es ist nichts von alledem, Wolfgang!" betheuerte Felicitas. „Nun, was ist es denn?" rief Wolfgang. Sie antwortete nur durch ein trostloses Kopf- schütteln. „Felicitas! Sie haben sich mir verlobt, und nimmer werde ich meinen Anspruch auf Sie aufgeben. Wenn Sie mich lieben, wenn Sie mich je geliebt haben, so werden Sie mich M dieser schrecklichen Prüfungsstunde nicht verlassen. Felicitas! Sie müssen die Meinige werden, auf alle Gefahren hin und ohne die Einwilligung Ihres Vaters, wenn er seine Zustimmung auf nichtssagende Gründe hin versagt. Sie haben nicht das Recht, sich zum Mittel zu machen, um mein Herz mit Füßen zu treten, meine ganze Zukunft der Verzweiflung zu weihen, mich einen Augenblick auf die höchste Höhe des Glückes zu erheben, um mich dann für immer elend zu machen." Er hatte sie während dieser Worte fester an seine Brust gepreßt, aber Felicitas machte sich aus seinen Armen los, nur ihre Hand in der seinigen lassend. „Es sind Umstände vorhanden," antwortete sie, welche es mir unmöglich machen, Ihnen meine Hand zu geben, wollte ich auch meine Kindespflicht gegen meinen Vater vergessen. Oh, Wolfgang l" rief sie unter einem erneuten Thränenstrome, „Sie werden mich hassen, Sie werden den Tag, wo Sie mich zum ersten Male sahen, als den unglücklichsten Ihres Lebens verwünschen — und dieser Gedanke ist für mich schwerer zu ertragen, als alles Andere!" Verwirrt und schweigend starrte Wolfgang sie an. „Was meinen Sie damit, Felicitas?" fragte er endlich. „Oh, denken Sie an die Verantwortung, die Sie auf Ihr Haupt laden! Bedenken Sie, Felicitas, Sie zerstören nicht nur anf immer mein Glück und meinen Frieden, sondern Sie treiben mich hin zum Laster, zur Sünde, vielleicht zum Verbrechen! Sie stürzen mich in jenen Strudel der wilden Genußsucht, welcher die einzige Zuflucht für hoffnungslose und glaubenslose Verzweiflung ist. Felicitas! Sie wollen sich einem Andern vermählen!" „Niemals! niemals!" rief Felicitas heftig. „Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß kein Beweggrund auf der Welt mich je vermögen soll, meine Hand einem andern Manne zu geben; daß ich Sie, theurer Wolfgang, immer lieben werde, bis zur letzten Stunde meines Lebens. Dagegen verlange ich von Ihnen nichts, als daß Sie sich bestreben sollen, nie hart über Ihre arme Lizzi zu urtheilen und ihr eine Schuld aufzubürden, wo Ihnen ihre Handlungsweise unbegreiflich erscheinen mag. Wenn Sie mich je aufrichtig und wahrhaft geliebt haben, Wolfgang, so ehren Sie mein Gedächtniß dadurch, daß Sie standhaft an all den edlen und hochsinnigen Grundsätzen festhalten, die Sie in meinen Augen mit einer Glorie bekleidet haben, welche in meiner Erinnerung von dem Bilde des einzigen Mannes, den ich je geliebt, unzertrennlich ist. Lassen Sie mich auch hören, daß Sie glücklich sind, — so glücklich wenigstens, als die Umstände eS erlauben. Ja, Wolfgang," fügte sie hinzu, beide Hände sanft auf seinen Arm legend, „glücklich mit einer Andern, die Sie vielleicht ebenso innig liebt, wie ich. O, Wolfgang, Sie sind ganz der Mann, Glück zu geben und zu empfangen. Tag und Nacht will ich zu Gott flehen, daß dies Ihr Loos sein möge!" Wolfgang barg sein Angesicht in den Händen, um die schrecklichen verworrenen Bilder von sich abzuwehren, die ihn wie eine Vision seiner Zukunft umschwebten. „Felicitas," fragte er nach einem langen Schweigen, „wird mir das unübersteigliche Hinderniß, welches 482 uns von einander trennt, stets ein Geheimniß bleiben?" — „Niemals darf nur ein Wort davon über meine Lippen kommen," sagte Felicitas feierlich. „Und nun leben Sie wohl für immer!" Sie sprach dies mit leiser, gebrochener Stimme, wie die letzten Worte einer Sterbenden. Wolfgang drückte sie mit wildem Ungestüm noch einmal an seine Brust. Dann erleichterte ein Thränen- strom sein zerfleischtes Herz; er küßte sie wieder und immer wieder mit einem wahnsinnigen Schmerz, wie ihn nur derjenige kennt, welcher weiß, was es heißt, sich auf immer von dem Liebsten und Theuersten auf der Welt trennen zu müssen. Felicitas weinte schweigend. Noch einmal flüsterte sie: „Leb' wohll" Dann riß sie sich von ihm los und eilte weg. LXX. Die Sonne war hinabgesunken. Von Süden her zog eine schwarze Wetterwand am Himmel herauf, in welcher sich weißlich-graue, schweflige Wolken bargen. Wer um diese Zeit unterwegs war, der hätte wohl Ursache gehabt, besorgte Blicke nach dem finster zusammengeballten Gewölk zu werfen, aber der Reiter, welcher auf der einsamen Landstraße dahintrabte, kümmerte sich nicht darum. Das sonst so frische und strahlende Antlitz Wolf- gang's, dem wir eben auf seinem traurigen Heimwege begegnen, war blaß und bekümmert, getäuschte Hoffnung und tiefes leidenschaftliches Brüten hatten seiner Stirn das Siegel reiferen Lebens aufgedrückt; in wenigen Stunden schien er um Jahre gealtert. Immerzu ritt er durch die einsamen Fluren, welche sich tiefer und tiefer in Finsterniß hüllten. In langen, schweren Stößen begann der Wind zu heulen. Der Himmel öffnete sich flammend, und auf Augenblicke blitzte die Landschaft tageshcll aus der Nacht hervor, der Boden erzitterte unter betäubenden Donnerschlägen, und in dicken Strömen rauschte der Regen herab. Der Reiter hielt zuweilen an, um sich in der Finsterniß zu orientiren, ..w dann schüttelte er den Kopf, denn mehr und mehr gewann er die Ueberzeugung, daß er, nur immer mit seinen qualvollen Gedanken beschäftigt, des Weges nicht geachtet und bei irgend einer Kreuzung die falsche Straße eingeschlagen hatte. Da tauchte plötzlich im violetten Lichte eines Blitzstrahls dicht an der Straße ein niederes längliches Gebäude auf. So viel Wolfgang in der flüchtigen Beleuchtung unterscheiden konnte, war es eine Art Schuppen, dessen ihm zugekehrte Seite offen lag. Er stieg vom Pferde und führte dasselbe in den finsteren Raum. Da erschien plötzlich am anderen Ende des Schuppens ein Lichtstreifen, und in dem Zwischenraum einer sich öffnenden Thür zeigten sich die dunklen Umrisse einer menschlichen Gestalt. „Bist Du da, Paul?" rief sie in den finsteren Raum hinein. Wolfgang schritt auf die Stelle zu. Allem Anschein nach befand er sich in einer verlassenen, im Verfall begriffenen Ziegelscheune; das Licht drang aus einem durch eine Thüre verwahrten Bretterverschlag. Vor Wolfgang stand eine alte, wohl fast siebzigjährige Frau mit schneeweißem Scheitel, in dürftiger, aber sauberer Kleidung. Sie hielt ein Licht in der Hand, welches in dem theilweise abgebrochenen Halse einer Flasche steckte. — „Es ist nicht Paul," sagte Wolfgang, indem er der erschrocken zurückweichenden Frau in den Verschlag folgte, „ich habe mit meinem Pferde hier nur Obdach gegen das Unwetter gesucht." Die Alte starrte ihm eine geraume Weile sprachlos in's Gesicht und musterte ihn dann von Kopf bis zu Fuß. „Nein, nein," murmelte sie wie im Selbstgespräch, „es ist keiner von ihnen; sie können die Kleider eines vornehmen Herrn anziehen, aber sie sehen doch nie wie ein solcher aus. Nein, nein, es ist kein Häscher." In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und ein Mann von riesenhohem Wüchse trat ein, eine vom Regen triefende Decke um die Schultern geschlungen. Mit finsterem Blicke betrachtete er Wolfgang. „Wer sind Sie und was wollen Sie hier?" fragte er in drohendem Tone. „Ich suche nur Unterkunft gegen den Regen," antwortete Wolfgang, „ich wollte nach dem Villenhofe und habe den Weg verloren." „Nach dem Villenhofe?" griff die alte Frau das Wort auf und trat dicht an Wolfgang heran, um ihm abermals in's Gesicht zu blicken. „Dann sind Sie wohl ein Sohn des Barons von Sturen? Ja, ja, Sie sehen ihm sehr ähnlich; auch von Ihrer Mutter haben Sie etwas, aber Sie gleichen mehr Ihrem Vater." „So kannten Sie also meine Eltern?" fragte Wolfgang. „Ja, ich kannte beide gut; aber es ist jetzt zwanzig lange Jahre her, daß ich sie zuletzt sah. Leben Ihre Eltern noch?" „Nein, sie sind beide todt." Von dem Antlitz des riesenhaften Mannes war, wahrend er dem Gespräche zuhörte, der drohende Ausdruck verschwunden. „Sie erinnern sich meiner wohl nicht, Herr Baron?" fragte er. „Wir haben uns allerdings nur ein einziges Mal gesehen." „Es war in Moses Nathansohn's Hinterstübchen," sagte Wolfgang, welcher Gestalt und Physiognomie des Mannes schon vorher wiedererkannt hatte, „und wenn mein Gedächtniß mich nicht täuscht, so ist Ihr Name Rölling." Der Niese legte bedeutsam seinen Finger um den Mund. — „Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, Herr Baron," sagte er, „denn ich kenne gewisse Personen, an denen Sie sehr edel gehandelt haben. Aber ich bitte Sie, niemandem zu verrathen, daß Sie mich hier gesehen haben. Die Spürhunde sind hinter mir her wegen eines kleinen Streiches, den ich vor einiger Zeit verübte, und ich gedenke daher eine Reise über das Meer zu machen." „Seien Sie versichert, daß ich nicht den Verräther spielen werde," versetzte Wolfgang, welcher sich nach den Vermuthungen, die er schon früher über das Gewerbe dieses Mannes gehegt, durch dessen dunkle Anspielung kaum überrascht fühlte. „Ich mag nicht fragen, Herr Rölling, was Sie sich haben zu Schulden kommen lassen, aber ich kann nicht umhin, Ihnen mein Bedauern auszudrücken, daß Sie auf ebenso schlimmen als gefährlichen Wegen wandeln. Es liegt so manches in Ihrem Wesen, was mich sympathisch berührt, so daß es mir schwer fällt, Sie zu den unrettbar Verlorenen der menschlichen Gesellschaft zu zählen. Wenn Sie Ihre Flucht über das Meer glücklich bewerkstelligt haben, so denken t- 483 Sie an weine Worte und versuchen Sie, in einer neuen Welt ein neues Leben anzufangen." „Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, Herr Baron," erwiderte Rölling, „aber die sogenannte gute Gesellschaft gestattet niemandem besser zu werden. Glauben Sie mir, was die Hälfte aller Verbrecher in'S Unglück stürzt, ist Mangel an Hoffnung. Das letzte Rest- chen Hoffnung würde Unsereinen gar oft wieder zum ehrlichen Manne machen, aber haben wir einmal einen Fehltritt begangen, so gibt eS für uns nichts mehr zu gewinnen, wenn wir auch stehen bleiben. Nun, ich habe einige Aufmunterung von Ihnen erhalten, und wenn ich diesmal glücklich durchkomme, so will ich mein Möglichstes thun, Ihren wohlmeinenden Rath zu befolgen." „Ich hoffe beideS für Sie, Herr Rölling," ent- gegnete der Baron, „denn es steckt in Ihnen ein guter Kem, wie ich glaube. Doch das Unwetter draußen hat aufgehört, und ich könnte nun am Ende meinen Weg fortsetzen." „Dann werde ich Sie soweit begleiten, bis Sie selbst nach dem Villenhofe finden können," erbot sich Rölling, „denn ich kenne hier alle Wege und Stege genau." Der Baron nahm das Anerbieten dankbar an. Er wünschte der alten Frau freundlich gute Nacht und holte sein Pferd, welches ihm von Rölling abgenommen und am Zügel geführt wurde, da der einzuschlagende Weg das Reiten sehr erschwert hätte. Der Aufruhr der Elemente draußen hatte sich beruhigt. Der Regen fiel fast nur noch in vereinzelten Tropfen. Während die Beiden schweigend Nebeneinander hergingen, bedauerte der Baron im Stillen, daß die Achtung vor dem Gesetz ihm verbot, nur im mindesten die Flucht eines Mannes zu begünstigen, bei welchem er eine Neigung zur Reue zu sehen glaubte. Aber er dachte nach, wie er in anderer Weise etwas für ihn thun könne. „Herr Baron," sagte Rölling unterwegs, „ich weiß, daß Sie Beziehungen zu einem jungen Manne Namens Rettberg gehabt haben. Wie es scheint, ist er nicht mehr in Berlin. Wissen Sie vielleicht zufällig, wie es ihm geht?" „Er hält sich gegenwärtig bei dem Gutsbesitzer Teßner in Göllnitz auf," antwortete der Baron, peinlich berührt, den Namen des Mannes aussprechen zu müssen, der den seligen Traum seiner Zukunft vernichtet hatte. „Hai" rief Rölling, indem er sich vor die Stirne schlug, „dann ist es dieser Bube, der mich verrathen hat! Was hätte er sonst mit dem alten Schuft zu thun?" „Soviel ich weiß," entgegnete Wolfgang, „verkehrt Rettberg mit dem Besitzer von Göllnitz in einer Geschäftsangelegenheit; eS handelt sich um eine bedeutende Erbschaft, zu welcher der ehemalige Advokat dem jungen Mann verhelfen will." Rölling schien beruhigt. „Dann soll Rettberg sich in Acht nehmen," bemerkte er. „Auch mir hat der alte Halsabschneider einmal zu einer Erbschaft verhelfen wollen. Das Ende vom Liede war, daß er mich in's bitterste Elend stürzte. Alles, was ich geworden bin, hat er allein auf dem Gewissen. Doch ich will die alte traurige Geschichte nicht aufrühren; es macht mich ganz wild!" — Nach einiger Zeit vereinigte sich der schmale Feldweg, auf welchem man bisher dahin geschritten war, mit einer Fahrstraße. „Das ist Ihr Weg, Herr Baron," sagte Rölling stehen bleibend. „Wenn Sie denselben verfolgen, so kommen Sie an einen Bach, worüber eine Brücke führt; hinter dieser scheidet sich die Straße. Sie brauchen nur die Richtung nach links einzuschlagen, so erreichen Sie den Villenhof." „Ich danke Ihnen," sagte Wolfgang. „Doch noch ein Wort, Herr Rölling. Ich vermuthe, die alte Frau, die Sie bei sich haben, ist Ihre Mutter." „Ja, Herr Baron. Sie ist von dort hergekommen, wo ich nun selbst mein Glück probiren will, und nachdem wir einander längst für todt gehalten, fanden wir uns in dem unglückseligen Augenblicke, wo ich vor den Häschern die Flucht ergreifen mußte. Aber sie wollte mich in der Gefahr nicht verlassen und hat mich in meinen Schlupfwinkel begleitet, wo ich augenblicklich vor Verfolgung sicher zu sein glaube." „Für Sie selbst, Herr Rölling, kann ich leider nichts thun," erwiderte Wolfgang, „aber Ihrer Mutter biete ich ein Obdach auf meiner Besitzung an. In der Nähe des VillenhofeS habe ich ein leeres Häuschen, welches ich ihr wohnlich einrichten lassen will. Dort kann sie bleiben, so lange sie lebt. Ich werde sofort die nöthigen Befehle geben, und wenn Ihre Mutter sich morgen auf dem Villenhofe meldet, soll sie ihr neues Heim zu ihrer Aufnahme bereit finden." Rölling antwortete nichts. Er drückte dem Baron nur schweigend die Hand und führte sie ehrerbietig an seine Lippen. So schieden beide. (Fortsetzung folgt.) -—r-- SaiZner a dllmo. Ein Gedenkölatt zum 27. und 28. Juli 1794. Von Frhrn. v. R. (Schluß.) Die Hinrichtung Dantons und seiner Gefährten schlug dem Schreckensregiment die erste, unheilbare Wunde. Der blutgetränkte Radikalismus getroffen von seinen eigenen Repräsentanten! Der Tyrann hatte die Konsequenzen des Gleichheitsprincips gezogen, und sein Arm reichte in die Verstecke der Aristokraten wie in die Versammlungsräume des geschworenen KönigSmordes. Die Jakobiner erkannten, daß auch sie nicht mehr sicher seien, und rüsteten sich zur Abwehr. In diese Zeit fallen die Anfänge der gegen das Leben Nobespierre's gerichteten Verschwörung, dann jene bekannten, in fürchterlich steigender Progression massenhaft vorgenommenen Exekutionen. Die Revolution näherte sich ihrem Zenith. Ein Vlutstrom von ungeahnter Heftigkeit ergießt sich über Frankreich. Das Leben sinkt im Werthe wie eine Waare, nach welcher nicht mehr gefragt ist. Die Revolutionsausschüsse werden vermehrt/) Nevo- lutionstribunale in allen Städten des Reiches errichtet, die Guillotine wird in Permanenz erklärt. Das Mordbeil arbeitet Tag für Tag?) und was unter der Hand des ') Es waren deren im ganzen Umfange der Republik 50,000 beschäftigt und kosteten nach Cambon's Berechnung jährlich 591 Millionen 300,000 LivreS. ') Collot d'HerboiS, der ehemalige Schauspieler, hatte als Commissär des Konvents die gegen Lyon ausgesprochene Acht zu vollziehen. Er läßt die Einwohner zu Tausenden mit Kartätschen niederschmettern. Deßgleichen wüthete Carrier in Nantes, wo Kinder von 6—14 Jahren und selbst Säuglinge guillotinier wurden. Tausende von Männern und Frauen, zusannnenge- bundcn und republikanische Ehen genannt, wurden in der Loire ertränkt. 484 — Henkers nicht verendet, wird erschlagen, niedergeschossen, ersäuft in den Aufständen des Südens und der Vendee, wo Konventsdeputirte die Beschlüsse des Wohlfahrtsausschusses vollziehen und im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit dem dreieinigen Nevolutionsgötzen Hekatombe auf Hekatombe häufen. Und inmitten all dieser Gräuel, wo die Nation durch ein Uebermaß von Jammer und Elend in einen Zustand dumpfer Verzweiflung versank, jeder Widerstand aufhörte, dekretirte der Konvent auf Nobespierres Vorschlag den „Glauben" an die Existenz eines höchsten Wesens und an die Unsterblichkeit der Seele. Der blutbespritzte Hypokrit, der das Vertilgungs- system inaugurirte, Frankreich in ein Schlachthaus verwandelte, hatte über Menschenglück und Menschenrechte gesprochen, welchen Deductionen die Versammlung in düsterem Schweigen gefolgt war. Am 8. Juni wurde das Fest des höchsten Wesens gefeiert, bei welche« Robespierre als der Hohepriester einer neugeschaffenen antichrist- lichen Religion figurirte, um die Huldigung einer zahllosen Menschenmenge entgegenzunehmen. Der Pariser Pöbel, gelangweilt von den täglich sich wiederholenden Masseuhinrichtungen, verlangte nach anderen Schaustellungen, die ihm jetzt geboten und von dem ersten Acteur des Landes meisterhaft in Scene gesetzt wurden. Das dankbare Auditorium beklatschte die schwülstigen Tiraden seines Lieblings, brüllte die Hymne an das höchste Wesen und verlief sich dann, um nach weiteren Zerstreuungen zu suchen. Und damit wäre die ganze Sache abgethan gewesen. Aber die Farce barg für ihren Urheber eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Etwas bisher ganz Unerhörtes hatte sich ereignet. Drohende Zurufe gegen Nobespierre waren aus den Reihen des ihn umgebenden Konvents vernehmbar geworden. An diesem Tage begann die Zuversicht des Despoten zu schwinden, das Vertrauen in den Bestand seiner Macht zu wanken. Die Opposition, welche sich gegen ihren Herrn gebildet hatte, rang mit diesem um Freiheit und Leben, sie verfiel dem Henker, wenn sie im Kampfe besiegt war. Es waren Mitglieder des Berges, die sich wider Robespierre stellten, Freunde des Hingerichteten Danton, und von jenem am meisten gefürchtet. Am Tage nach dem Feste erschien Nobespierre im Wohlfahrtsausschuß und verlangte, daß dieser im Konvent ein Anklagedekret gegen die Dantouisten beantrage. Aber Mlland-Varennes, Collot d'Herbois und Andere fürchteten, daß, wenn sie abermals Deputirte preisgäben, schließlich sie selbst an die Reihe kommen könnten, Bedenken, welche durch die seither gemachten Erfahrungen vollkommen gerechtfertigt wurden. Nobespierre errieth alsbald deren Beweggründe, aus welchen ihm gefährliche Gegner erwachsen mußten, und beschloß den Untergang seiner Kollegen. Um zum Ziele zu gelangen, sing er an, die Sitzungen des Ausschusses zu meiden, als ob seine Abwesenheit allein genügte, dessen Beschlüsse in Mißkredit zu bringen. Er hatte aber schlecht gerechnet. Denn als die Ausschußmitglieder ihn nicht mehr sahen, hörten sie auch auf, ihn zu fürchten, und ergaben sich Collot d'Herbois und Billaud-Varennes, die jetzt auch den zweiten Aus- schuß des Konvents, jenen der öffentlichen Sicherheit, bestimmten, sich Nobespierre's Einfluß zu entziehen. Während dessen dauerten die Hinrichtungen ununterbrochen fort. Auf dem Revolutionsplatze in Paris, wo die furchtbare Maschine fuuctiontrte, war der Boden von dem entströmenden Lebenssäfte schlüpferig, der Blutgeruch unerträglich geworden. Der Standort der Guillotine mußte verlegt, und in der Vorstadt St. Antoine, wohin sie gebracht worden war, mußte das Blut durch einen Kanal abgeleitet werden. Gleichwohl wurde über zu langsame Justiz geklagt und das Revolutionstribunal, dessen Gewissenlosigkeit und Grausamkeit notorisch war, für den Entgang der noch fehlenden Millionen ^) mit seinem Leben verantwortlich gemacht. Vadier sagte: „Wir müssen eine Mauer von Köpfen zwischen uns und dem Volke errichten." Billaud-Varennes sprach: „Das Nevolutions-Tribunal glaubt genug zu thun, wenn es täglich 60—80 Köpfe fallen läßt. Eine Zahl, welche fast immer gleich ist, flößt keine Furcht mehr ein; man gewöhnt sich daran, man muß sie verdoppeln, dann wieder erhöhen." „Wie schwach ihr zu Paris seid," rief Collot d'Herbois aus, „man sieht wohl die Verweichlichung einer großen Hauptstadt l Könnt ihr eure Ohren denn nicht an den Kanonendonner gewöhnend) Die Feinde des Vaterlandes zu köpfen, zeugt von Furchtsamkeit, ihr müßt sie zerschmettern, ich habe es hundertmal gesagt!" Also kam man überein, die Zahl der Verurtheilten einstweilen zu verdoppeln und sie wenigstens auf 150 täglich zu bringen. Von nun an kannte das aus Männern von der Wahl Nobespierre's bestehende Revolutionstribunal keine Freisprechung mehr?) Die Gefängnisse der Hauptstadt waren mit Verhafteten überfüllt. Um sie zu entleeren, wurden täglich 150 bis 160 Personen vor das Tribunal geführt und alle ohne Bedenken zum Tode verurtheilt. Die Jury, die Personi- fication des Nationalgewissens, lag während der Verhandlung oft gähnend auf den Bänken und verdammte nach geendigten Debatten, bet welchen übrigens nur Ankläger und Belastungszeugen gehört wurden, ebenso handwerksmäßig, als der Scharfrichter guillotinirte. Die verbrecherische Leichtfertigkeit, mit welcher Richter und Geschworene verfuhren, spottete aller Beschreibung. Es ereignete sich nicht selten, daß Personen vor das Tribunal gefordert wurden, welche schon längst guillotinirt waren. Ebenso war es den Gerichtsboten überlassen, welche Personen sie mitnehmen wollten. Die Physiognomie der sogenannten Verdächtigen, und -verdächtig war Alles, was sich von den Sanscülotten in irgend welcher Weise unterschied, war genau bestimmt worden. Die Sicherheitskarten, welche dem Inhaber derselben den Nachweis seines revolutionären Bürgersinnes ermöglichen sollten, hatten jetzt ihren Werth verloren. Man wurde von allen Seiten angefallen, um Rechenschaft über seinen Civismus abzulegen. Furcht vor den Polizeiagenten verwandelte alle öffentlichen Plätze in Einöden. Jeder ruhige, besonders aber jeder begüterte Bürger bestellte täglich sein HauS in der Voraussetzung, die nächste Nacht verhaftet zu werden. Man hatte mit dem Leben abgeschlossen und glaubte, daß nur ein glücklicher Zufall Rettung bringen konnte. Denn in dem kurzen Zeitraume von wenigen Monaten endeten in PariS allein 13,700 Personen, darunter 3400 Frauen und Jungfrauen, auf dem Blutgerüste. Es ist wohl mit gutem Grunde anzunehmen, daß, wenn die Sicherheit der Schreckensmänner nicht selbst bedroht gewesen wäre, die Hinrichtungen auf unberechen- Nobespierre beabsichtigte, Frankreich auf ein Fünfttheil seiner Einwohner zurückzuführen. Eine Anspielung auf seine Lyoner Füsilladen. °) Richter und Geschworene waren aus dem Abschaum der Gesellschaft zusammengesetzt. Einige waren bald nach ihrer Entlassung von den Galeeren ToulonS auf die Nichterbank gelangt, Andere hatten während der Septembermorde ihr Verbrecherthum dokumentirt. 485 bare Zeit hinaus ihren Fortgang genommen haben würden. Denn nach dem Tode ihres Zwtngherrn, als die ihnen gemeinschaftlich drohende Gefahr vorübergezogen war, versuchten sie alsbald wieder den Terrorismus zu erneuern und bekämpften alle Maßregeln, welche eine humanere Gestaltung der revolutionären Zustände herbeiführen konnten. Nobespierre, welcher von der wider ihn in Gang gebrachten Verschwörung wohl unterrichtet war, glaubte das Gewitter durch die Macht der Rede im Konvente allein beschwichtigen zu können und wies alle Rathschläge, welche persönlichen Muth voraussetzten, scheu zurück. Seine Freunde riethen ihm, die Truppen Henriot's, des Kommandanten von Paris, der Nobespierre ergeben war, nach dem Konvente zu beordern, die Ausgänge des Sitzungssaales besetzen und die Mitglieder beider Aus- schüsse als Volksverräther im Namen des Gesetzes verhaften zu lassen. Dieser Vorschlag, der Nobespierre gerettet haben würde, machte ihn erblassen. Er verlor den Kopf, wenn er persönlich handeln sollte. Hatte er sich doch den 20. Juni und 10. August verkrochen, und jetzt wagte er es nicht, sich an einem Tage zu zeigen, an welchem er das Ziel seiner Wünsche erreichen, sich die Dictatur erkämpfen sollte °). Der Konvent kam den 9. Thermidor — 27. Juli — um die gewöhnliche Stunde zusammen. Nobespierre bemerkte, daß die Mäuner des Berges noch nie so entschlossen und drohend ausgesehen hatten, wie heute. Ihre Reihen sind gedrängt, dicht, geschlossen, aber seine Bank — ist leer, verlassen, von Allen gemieden. Seine Gegner sind übereingekommen, mit ihrem Angriff auf ein verabredetes Zeichen zu warten. Dieses Zeichen wurde gegeben, als St.-Just, der Vertraute Nobespierre's/) das Wort ergriff, um dem häufig wiederkehrenden Gerüchte über eine Spaltung im Schooße des Wohlfahrtsausschusses entgegen zu treten. Weit kam der Redner nicht, denn schon stand Tallien, Nobespierre's böser Dämon, ueben ihm, drängte ihn von der Tribüne, und indem er sich gegen den Gefürchteten wandte, entfesselte er in der Versammlung einen Beifallssturm, wie er noch niemals im Konventsaale gehört worden war. „Schlagen wir mit festem Arme zu," rief er aus. „Laßt uns bis auf die Bänke des Nevolutionstribunals, bis in die Schreibstuben der Jakobiner, in die des Gemeinderaths ihn und seinen aus Spitzbuben und Verbrechern bestehenden Anhang verfolgen! Laßt uns endlich so vielen feigen Angriffen auf die Menschheit und ihre heiligen Rechte ein Ziel setzen! ^) Ueber was rann sich denn der Tyrann beklagen? Kommt er nicht durch die von ihm selbst geschmiedeten Waffen um, von denen er einen so fürchterlichen Gebrauch wider uns gemacht hat? Haltet ihn fest, er würde uns Alle vernichten, wenn man ihn frei von hinnen ließe!" Tallien schien eine absolute Gewalt auf die ganze Versammlung erlangt zu haben. Der Berg erhob sich mit einem Male, um Nobespierre's Verhaftung zu verlangen. Dieser, von seiner Betäubung, in welche ihn Tallien's Angriff ver- b) Als man Nobespierre gerathen hatte, sich der Truppen Willen manchmal zu P-erds zu zeigen, wollte er reiten lernen, mußte aber vie Uebungen bald wieder einstellen, da er sich der Furcht vor diesen Thieren nicht zu entledigen vermochte. ') St.-Just, vordem Marquis von Fontinvtlle, Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, hatte mit Couthon und Lebas zu Nobespierre gehalten. b) Tallien hatte selbst diesen heiligen Rechten, zumal als öffentlicher Ankläger beim Revolutionstribunal, Hohn gesprochen. setzte, zurückgekommen, versuchte nun alles Mögliche, um zum Worte zu kommen. Aber „nieder mit dem Tyrannen" scholl es durch den Saal, und die Tribünen hallten beifällig wieder. Nobespierre's schneidende, gellende Stimme durchdrang die donnernden, brüllenden Stimmen seiner Feinde. Bald erkletterte er die Neduerbühne, bald stieg er auf den Stuhl des Präsidenten.^) Dieser blieb taub für sein Geschrei. Nun entspann sich ein fortwährender Kampf zwischen der Klingel des Präsidenten und Nobespierre's Stimme. In Verzweiflung suchte er mit glühenden Blicken Diejenigen, welche ihm im Glücke am meisten geschmeichelt hatten. Umsonst! „Zum letzten Male, Präsident der Meuchelmörder," schrie er jetzt, „verlange ich das Wort!" Die Klingel antwortete ihm abermals. Jetzt änderte Nobespierre seinen Plan und stürzte nach den Bänken, wo Vergniaud's Freunde sitzen. „Wir müssen," rief er ihnen zu, „einander gegen die gemeinschaftlichen Feinde unterstützen, die seit langer Zeit Euren Tod geschworen haben und nun den meinigen verlangen!" „Zurück von diesen Bänken," erwiderte ihm Ferrand, „Du besudelst sie durch Deine Gegenwart. Vergniand und Condorcet saßen hier." ") Nobespierre fängt nun abermals den Kampf mit des Präsidenten Klingel an. Aber schon versagt ihm die Stimme. „Man will mich morden," keucht er. „Hast Du den Tod nicht etwa verdient, tausendfach verdient?" antwortet man ihm. Noch immer will er sich Gehör verschaffen. Aber man reißt ihn zurück, und Garnier, welcher bemerkt, daß seine Stimme sich verändert hat, schreit ihm zu: „Das ist Dantons Blut, das in Deinem Rachen zusammenströmt und Deine Sprache erstickt!" Er heult und droht, vcrzweiflungsvoll wirft er sich auf die Bänke, dann springt er wieder auf. Der Mund schäumt, Rache blitzt ihm aus den Augen. Die Abstimmung über seine Verhaftung machte dieser fürchterlichen Scene ein Ende. Dieselbe wurde bis auf sechs Stimmen einstimmig unter dem Rufe „Es lebe die Republik" angenommen. „Die Republik!" kreischte Robespierre, „es gibt keine mehr, die Spitzbuben siegen!" Mit ihm wurden zugleich sein Bruder, dann St.-Just, Couthon und Lebas in Verhaft genommen. Gegen Dumas, den berüchtigten Präsidenten des Nevolutionstribunals, Henriot und sämmtliche Chefs der Nationalgarden wurden Ver- haftsdekrete erlassen. Noch in der nämlichen Sitzung ließ der Konvent den ehedem so Gefürchteten vor die Schranken schleppen, um sich an seiner Demüthigung zu weiden. Ein fragender Blick, den er nach den Galerien warf, wo das tugendhafte Volk") sich drängte, erhielt ein Zischen zur Antwort. „Die Banditen siegen," knirschte er mit verhaltenem Grimme, indem er sich den Schranken näherte, wo Gendarmen seiner harrten, die ihn mit feinen Freunden in den Luxembourg bringen sollten. Der furchtbare Nobespierre war zwar gelähmt, aber noch nicht zerschmettert. Ihn zu retten, durcheilt Henriot mit seinen Helfern die Straßen der Hauptstadt und schreit über Rebellion und Aufruhr bis unter die Fenster der Tuilerien. Er überwältigt deren Posten, rückt mit feiner Artillerie in die Höfe des Nationalpalastes ein und dringt bis zu dem Konventssaale vor, um die Mitglieder beider °) Es war Thnriot, dem Nobespierre früher wiederholt mit dem Tode gedroht hatte. '°) Führer der Gironde, welche vornehmlich durch Nobespierre's Einfluß gestürzt wurden. Vergniand wurde hingerichtet, Condorcet nahm Gift. ") Nobespierre sprach im Konvente und Jakobinerklub stets vom tugendhaften Volke. 486 Negierungsausschüsse zu verhaften. In diesem Augenblicke höchster Gefahr erklärt der Konvent Robespierre, Henriot und ihre Anhänger außer dem Gesetz. Die Menge auf den Tribünen nimmt Partei für die Versammlung, drängt die Angreifer zurück, die sich feige zurückziehen, um nach dem Stadthanse zu eilen, wohin inzwischen Robespierre, dem Gewahrsam im Luxembourg entkommen, von seinen Freunden gebracht worden war. Er benahm durch feine Angst allen Denjenigen den Muth, die ihn zu vertheidigen herbeigekommen waren. Die Cowmiffäre des Gemeinderaths, welche die Vorstädte für RobeSpierre in Bewegung setzen sollten, hatten nichts bewirkt. Man war der abscheulichen Hinrichtungen endlich müde^) und gab zur Antwort: „Wenn wir vor Hunger sterben, so wird uns das Schauspiel einer Hinrichtung von hundert sogenannten Aristokraten gegeben, unter denen oft die besten, für unser wirkliches Wohl besorgten Patrioten sind. Will man uns mit Menschenfleisch speisen und mit Blut tränken? Nobespierre hat alle Freiheit und alle Menschen- rechte unterdrückt, und nun sollen wir uns eines solchen Tyrannen annehmen?" Um 11 Uhr Nachts rückt BarraS, der von dem Konvente zum Befehlshaber der bewaffneten Macht ernannt worden war, vor das Stadthaus, ordnet seine Truppen zum Angriffe und läßt die Dekrete, zu deren Vollzug er beordert ist, bekannt geben. Henriots Kanoniere schreien: „Es lebe der Konvent!" und richten ihre Geschütze gegen den Gemeinderath, den sie noch eben zu vertheidigen geschworen hatten. Man dringt nun in das Stadthaus, die Treppe hinauf in den Versammlungssaal, wo sich die Geächteten nach kurzem Widerstände ergeben. Um dem Blutgerüste zu entrinnen, drückte Nobespierre ein Ptstol in seinen Mund ab, zerschmetterte sich aber nur die Kinnlade. Sein Bruder stürzte sich aus dem Fenster und brach beide Schenkelbeine. Couthon, unter einem Tische versteckt, versuchte sich durch Messerstiche zu todten. Alle, ausgenommen Lebas, der sich zu gleicher Zeit zwei Pistolen in die Schläfe feuerte, hatte man lebendig bekommen, unter ihnen Dumas, Fleuriot, den Maire, Coffin- hal, einen der Tribunalsrichter, Payan und Simon, jenen Elenden, dem der Sohn des unglücklichen Ludwig XVI. zum Opfer gefallen war. Henriot ward von Coffinhal, der ihm Alles zur Last legte, aus einem Fenster geworfen. Unversehrt verbarg er sich in einem Abzugsgraben, wo ihn aber Gendarmen entdeckten und ihn durch Säbelhiebe zur Ergebung nöthigten. Robespierre wurde auf einer Art von Bahre bis an die Thüre deS Konventssaales getragen, um ihn der Versammlung zu zeigen. Auf dem Wege dorthin näherte sich ihm ein Bürger mit den Worten: „Ja, Nobespierre, es gibt ein höchstes Wesen, und die Vergeltung harret Deiner!" Man setzte ihn in dem Sitzungssaals des Wohlfahrtsausschusses ab, wo er, geschüttelt von Fieberschauern und ohne einen Laut von sich zu geben, zwei volle Stunden verbrachte. Dann trug man ihn in das Hospital, Hotel Dieu, wo ein Wundarzt ihn verbinden mußte, und zuletzt in die Conciergerie, den letzten Aufenthaltsort der zum Tode Verurtheilten. ") Als man gegen 8 Uhr Abends noch 80 Berurtheilte nach dem Richtplatze führte, warf sich das Volk auf die Karren, hielt diese an und verjagte die Eskorte. Aber im selben Augenblicke sprengte Henriot mit seinen Leuten heran» sammelte die zerstreuten Gendarmen wieder, ließ mit den Säbelklingen auf das unbcwaffnete Volk einhauen — der Todtenmarsch wird fortgesetzt und am Tage der Rettung müssen 80 Schlachtopfer durch einen bereits verhafteten Verbrecher fallen. Am Morgen des 28. Juli vor das Revolutionstribuna! geführt, waren ihm Bewußtsein und Sprache wieder gekommen. In Anbetracht des Umschwunges politischer Machtverhältnisse mußte Nobespierre verurtheilt werden. DaS Schaffst wurde für ihn auf dem Revolutionsplatze, nämlich da errichtet, wo so viele Tausende zur Beschleunigung seines Sturzes geblutet hatten. Der Karren, welcher Robespierre mit 21 seiner Anhänger trug, wurde auf dem Wege zur Richtstätte vor dem Hause des Tischlers Duplaix längere Zeit angehalten. *b) Das Volk, welches beim Anblicke Nobespierre's in ein Wuthgeheul ausbrach, wollte es so haben. Eine Gruppe von Weibern umtanzte mit bacchantischer Wildheit die Verurtheilten. Dem Zuge voran hüpfte ein Weib und schrie: „Dein Tod macht mich vor Freude trunken, Nobespierre, hinunter mit Dir in die Hölle, der Du von allen Müttern und Gattinnen verflucht bist!" Auf dem Richtplatze wurde ihm mit Gewalt die Binde, welche seine Wunde bedeckte, abgerissen. Er stieß einen fürchterlichen Schrei aus, dann wurde er auf's Brett gelegt. Um 5 Uhr Abends fiel sein Haupt. Die Leichname der Hingerichteten warf man in eben die Gruben, welche kurz vorher gegraben wurden, um die Körper mehrerer Hunderte von Schlachtopfern aufzunehmen, welche von Nobespierre bereits dem Tode geweiht waren. ' ' - Mangel an genügendem Schlafe — eine Hauptnrsache der Nervenschwäche. Eine hygieinische Betrachtung von L. H. (Nachdruck «nboteu.1 Einig sind die Schriftsteller und Dichter aller Zeiten und Nationen im Lobe des Schlafes. Der Schlaf gewährt ja Erquickung dem Ermüdeten, Ruhe dem Verfolgten und Umhcrgetriebenen, er bietet Trost dem Kummervollen und Linderung dem Leidenden; er ist das Grab der Leiden und die Auferstehung zu neuer Kraft und Heiterkeit. Tertulliau nennt den Schlaf wackiaus vperuw, oui legitime trusnäo äie3 cwäit, nox IsAsor Isoiti Lukersns rerum etiarn eolorsw; der Schlaf ist etwas Heiliges, deßhalb weicht gleichsam voll Ehrfurcht der Tag, damit man diese HimmelSgabe genießen könne, die Nacht hat ihn znm Gesetze gemacht, indem sie den Dingen im geheimnißvollen Dunkel die Farbe nimmt. Wenn nur dieses „Gesetz der Nacht" auch immer beobachtet würde! Schon Seneca tadelt diejenigen, welche auf unserem Erdtheile mit unseren Antipoden wachen, während wir schlafen bei Nacht, und mit unseren Antipoden schlafen, während wir wachen bei Tag. Wenn Seneca heute zu uns käme, würde er uns nicht auch tadeln müssen, daß wir das „Gesetz der Nacht" ganz oder doch theilweise übertreten? Fast jeden Abend ist in den Städten etwas anderes los: ein Theater, eine Vereinsversammlung, ein Concert, eine Arbeiterversammlung u. f. w. Dabei regt sich der während der Tagesarbeit erschlaffte Organismus in einem Nebelmeere von Tabaksqualm beim Genusse geistiger Getränke stark auf; erst um 11, 12 oder 1 Uhr wird dem müden Körper gestattet, sich zur Ruhe hinzustrecken auf's Lager — aber welch ein unruhiger, gestörter, unerquicklicher Schlaf! Und nach 5 oder 6 Stunden muß die Arbeit wieder aufgenommen werden. Die Folge dieser unserer Lebensweise ") Im Hause Duplaix' hatte Robespierre seit Beginn der Revolution gewohnt. 487 ist aber eine sehr traurige, es ist die in allen Standen immer mehr um sich greifende Neurasthenie oder Nervenschwäche. In den Annalen der Elektro - Homöopathie und Gesundheitspflege (Monatsschrift des elektro-homöopathtschen Institutes in Genf, 3. Jahrgang, 1893, Nr. 1, S. 3) schreibt A. v. Fellenberg-Ziegler in einem Aufsätze „über die Folgen und Nachtheile ungenügenden Schlafes" folgendes beherzigenswerthe Wort: „Ich bin überzeugt, daß der fast allgemein herrschende Mangel an ausreichend genügendem Schlafe des Nachts bei den Stadtbewohnern eine Haupt-, ja bei vielen, die alle Excesse meiden und mäßig und vernünftig leben, vielleicht einzige Ursache der herrschenden Neurasthenie (Nervenschwäche) ist." Während des Schlafes soll ja der Körper neue Kräfte sammeln zum Zwecke fernerer Leistungsfähigkeit; im Schlafe erschlaffen sämmtliche der Willkür unterworfenen Muskeln und häufen durch den während desselben ununterbrochen vor sich gehenden Stoffwechsel neue Lebenskraft in sich auf, wodurch sie dann befähigt werden, der an sie gestellten Forderung zu erneuter Thätigkeit Folge geben zu können. Während des Schlafes soll also Wiederersatz der durch die wachende Thätigkeit aufgewendeten Stoffe und Kräfte vor sich gehen — daher haben schon die alten Lateiner den Schlaf einen reäiuta- Zrator viiiam, Wiederhersteller der Kräfte, genannt — und es leuchtet sofort die ungeheuere Wichtigkeit desselben ein für die Stärkung des Körpers, die Erhaltung der Gesundheit, die Verlängerung des Lebens. Mangel an genügendem, restaurirendem Schlafe muß also zerstörend auf den Organismus einwirken. „Das durch keinen Schlaf eingeschränkte Leben," sagt Ph. K. Hartmann (Glückseligkeiislehre für das physische Leben des Menschen, Leipzig 1862, S. 115), „verzehrt gleich beständig angefachtem Feuer den thierischen Körper, verursacht Abmagernng, große Schwäche, Wassersucht, Abzehrung und hitzige Fieber von der gefährlichsten Art; oder die Organe der Phantasie verfallen in ausschweifende Thätigkeit, überwältigen die äußeren Sinne und die Vernunft, und es entstehen Schwermuth, quälende Seelennnruhe und Wahnsinn. Je rascher das Leben eines Menschen in sich ist, je weniger er zuzusetzen hat, desto bedürftiger ist er des Schlafes und desto verderblicher für ihn der Abbruch desselben. Sehr arbeitsame, magere und nervenschwache Menschen können daher ihrer Gesundheit nicht empfindlicher zusetzen, als wenn sie sich den Schlaf entziehen; sie haben vielmehr das Recht, ihn eine Stunde länger zu genießen als andere, und schwerlich wird es ein wirksameres Erholungsmittel für sie geben." Schlaf ist dem Körper so nothwendig wie Nahrung, ja noch nothwendiger; denn „Mangel an genügendem, restaurirendem Schlafe des Nachts zehrt mehr an den Körper- und insbesondere au den Nervenkräften, als ungenügende Nahrung. Schlafentziehung greift erwiesener Maßen den Organismus und besonders das Nervensystem ohne Vergleich viel mehr an als Nahrungsmangel". v. Fellenberg 1. o. Denn die Muskelsnbstanz, die der Körper durch Arbeit und Wachen verliert, kann zwar durch Speise und Trank wiederersetzt werden, die Nervensubstanz aber wird nur wahrend des Schlafes ersetzt. Da nun bei geistiger Arbeit die Nerven mehr in Mitleidenschaft gezogen werden, als bei körperlicher, so. ist geistig Arbeitenden der Schlaf noch viel nöthiger als körperlich Angestrengten. „Wer geistig angestrengt arbeitet," sagt der bekannte Pilosoph Stock! (Phil. Bd. 2, S. 407), „bedarf des Schlafes ebenso gut, als derjenige, welcher große körperliche Anstrengungen zu bestehen hat, ja vielleicht bedarf er dessen noch mehr, weil die geistige Arbeit gerade die Centralorgane des sensitiven Organismus in hohem Grade in Mitleidenschaft zieht." Der durch seine Pastoraltheologie berühmte Praktiker Dr. Stöhr schreibt diesbezüglich (Pastoraltheologie S. 190 sf.): Es ist eine durchaus irrthümliche Ansicht, zu glauben, daß gerade ein mit grobkörperlicher Arbeit verbundenes Tagewerk ein stärkeres Bedürfniß nach Schlaf mit sich bringe. Ich gebe zu, daß in einem solchen Falle das Gefühl physischer Ermüdung besonders augenfällig ist und den Ermatteten in unwiderstehlicher Sehnstnht nach Muskelruhe auf das Lager zwingt; aber der vollkommen gesunde Erwachsene hat dann nach wenigen Stunden tiefen, todähnlichen Schlafes die volle Elasticität der Glieder wieder gewonnen, und sein ganzes Wesen athmet eine Frische und Verjüngung, die sich in der selbstbewußten sicheren Weise seines Gebahrens kundgibt. Nach starken geistigen Anstrengungen dagegen zittern noch während der ersten Zeit des Schlafes die mächtigen Erregungen der vorausgegangenen Stunden nach, das gesammte Nervensystem bedarf längere Zeit, um zur vollkommenen Ruhe zu kommen, in lebhaften Traumbildern klingen noch die Eindrücke nach, die das Gehirn tagsüber erfahren hat, und nach dem Erwachen lastet oft genug noch ein Gefühl von Druck bleischwer auf Stirn und Schläfen, und mit eigenthümlicher Verdrossenheit beginnen die Vorstellungen sich zu ordnen, um all- mälig Gestalt und Farbe zu bekommen; es muß eine bestimmte Zeit verstreichen, bis sich das Wirrsal halbfertiger und ungeordneter Gedanken zu voller Klarheit und Bestimmtheit aufgehellt hat. Und gerade für den Gelehrten, der vielleicht die besten Stunden des Tages um des lieben Geldes willen in einem geistesleeren oder wenigstens tief unter seinem Wollen und Können stehenden Frondienst verzetteln muß, liegt die Versuchung so nahe, durch das Opfer des Schlafes sich etwas von jener Muße zu erkaufen, die er sonst vergebens während jener Zwangsarbeit in der beruflichen Tretmühle herbeisehnt, die nun einmal für die meisten von uns zum „Kampf um's Dasein" gehört. Es ist ein erhabenes Gefühl, diese Stunden der Nacht, die man siegreich dem unabweisbarsten Bedürfnisse der menschlichen Natur abgezwungen hat, so ganz sein eigen nennen zu können. Wenn der letzte Tritt in den Straßen verhallt ist und jene tiefe, geheimnißvolle Stille sich ringsum gelagert hat, die so fruchtbar an Entwürfen und Bildern ist, dann fühlt sich der Wachende Herr und König in dem weiten Reiche des Gedankens, die kleinlichen Sorgen und Plagen des Tages sind entschwunden und vergessen, und in dem Bewußtsein, vor jedem lästigen Störenfried sicher, die ganze Kraft des Geistes zur That zusammenraffen zu können, kann er mit früher nie geahnter Leichtigkeit und Ungcstörtheit zur Arbeit ansetzen. Aber der Preis, den er für die kostbare Waare — Zeit — gezahlt hat, ist ein hoher: Leben und Gesundheit! Die Widerstandsfähigkeit der Mannesjahre und der Enthusiasmus geistigen Schaffens sind lange Zeit im Stande, den Körper vor den Folgen dieser naturwidrigen Entbehrung zu schützen; aber es kommt der Tag, au dem die künstlich erhaltene 488 Gleichgewichtslage in's Schwanken geräth, an dem der stolze Wille sich beugen muß vor der physiologischen Nothwendigkeit, und von diesem Tage an nimmt die gekränkte Natur schwere Rache für die erlittene Unbill. Die Strafe erfolgt durch das, womit man gesündigt: der Schlaf, um den man so ^ange den Organismus betrogen hat, flieht das müde Auge, ängstigende Träume machen die kurze Ruhe, die das überreizte Gehirn endlich doch gefunden hat, zur Qual, ein ganzes Heer nervöser Erkrankungen bedroht den Genuß des Daseins, und der lebensfrische, erfotgessichere Mann wird zum ängstlich sorgenden, daseinssatten Hypochonder. Daß auch schwerere Gewcbserkrankungen des Gehirns und Rückenmarks mit Lähmungen, Krämpfcn oder ausgesprochener Geistesstörung als Folge von ungebührlich ausgedehnten Nachtwachen sich einstellen können, erwähne ich nur nebenbei; es sind der düsteren Züge in diesem Bilde ohnedieß genug. Der Versuch mancher, den Nachts entgangenen Schlaf am Tage nachzuholen oder wenigstens durch das Mittagsschläfchen in etwas zu ersetzen, kann vom hygieinischen Standpunkte aus nicht gebilligt werden. „Das Verwechseln des Tages mit der Nacht, indem man jenen zum Schlafe und diese zur Arbeit oder Belustigung bestimmt, muß, wenn es längere Zeit getrieben wird, üble Folgen hinterlassen. Nie kann der Schlaf am Tage so ruhig fein als in der Nacht; er wird durch das Licht, die größere Wärme, das Getöse der Geschäfte beunruhigt und mehr zu einem träumenden Schlummer als zu einem stärkenden Schlafe." Hartmann 1. o. S. 115. Auch von Fcllenberg-Ziegler sagt: „Der Schlaf am Tage ist nur ein Nothbehelf und wirkt nie so wohlthätig und restaurirend wie der normale ruhige Nachtschlaf, den er nicht ersetzen kann." Am naturgemäßesten wäre es eben, wie der schon citirte Stöhr meint, mit den Vögeln zur Ruhe zu gehen und gleich ihnen das erste Grauen des Tages wach zu begrüßen; allein der Zwang, den wir uns als Glieder einer Gesellschaft, die längst mit den reinen Instinkten streng naturgemäßer Lebensweise gebrochen hat, anthun müssen, macht solche hygieinische Forderungen unausführbar. Doch sollte man wenigstens ein paar Stunden vor Mitternacht für den Schlaf gewinnen. Die Volksmeinung legt darauf einen hohen Werth, und nicht mit Unrecht. Die Gewohnheiten der Londoner Aristokratie, die kurz vor Mitternacht ihre Salons eröffnet und dann am andern Morgen bis tief in den Tag hinein der Ruhe pflegt, sind hygieinisch durchaus verwerflich. Der Tag mit seiner Fülle von Licht und Thätigkeit gehört dem Wachen, und wenn auch die nothwendige Dauer der Ruhe in vollem Maße beibehalten wird, so wird doch immer nach kürzerer oder längerer Zeit für die vernunftwidrige Umstellung der Tageseintheilung der schlimme Lohn folgen. Welches ist denn nun eigentlich, um zum Schlüsse zu eilen, die nothwendige Dauer der Ruhe S Wir wollen keineswegs den Siebenschläfern das Wort reden. „Uebermaß an Schlaf entzieht dem Leben eine große Menge erweckender Reize und bringt dadurch Kälte, Trägheit und Schwäche in dasselbe. Alle Verrichtungen gehen nur schleichend von Statten, der Körper wird aufgedunsen und nnbehilflich, die Seele dumm. Der Langschläfer beraubt sich des schönsten Theiles seines Lebens, seiner menschlichen Würde und stellt sich einem Heere von Krankheiten bloß." Hartmann I. o. S. 116. Wenn wir aber im Allgemeinen 8 Stunden Schlaf fordern für einen Erwachsenen, so bezeichnet diese Zahl kein Uebermaß, sondern das von der Natur Geforderte. „Wie physiologisch nachgewiesen ist, hat der normale erwachsene und arbeitende Mensch durchschnittlich 8 Stunden Schlaf oder doch wenigstens Bettruhe nöthig, um neue Kräfte zu sammeln." v. Fcllenberg-Ziegler 1. o. S. 5. '» « v -r —- AlLeriei. Zehn Rauchregeln. Dieselben sind zusammengestellt von Or. E. Keibel und lauten wie folgt: 1. Rauche nie eine Zigarre weiter, die nicht zieht oder nicht luftdicht ist, kurz eine solche, die nicht brennt, denn unter solchen Umständen geht viel Nikotin in den Rauch über und damit auch in den Körper des Rauchers. 2. Rauche in der Pfeife nur ganz leichten Tabak; schwerer Tabak entwickelt namentlich in Pfeifen, wo der Luftzutritt meist ungenügend ist, viel Nikotin. 3. Hüte dich vor dunklen Zigarren; sie enthalten, da sie eine starke Gährung durchgemacht haben, viel Ammoniak. 4. Da erfahrungsgemäß importirte Havaunazigarren am schädlichsten wirken, so rauche man dieses Kraut nur selten, höchstens 1—2 Stück am Tag und dann stets nach Tisch. 5. Rauche nie eine Zigarre bis zum Ende. Je kürzer die Zigarre wird, desto schwerer wird sie. Hüte dich auch vor dem Schlucken des Rauches, den der Magen wird durch das scharfe Nikotin gereizt. 6. Rauche womöglich keine Zigarre, die ausgegangen und liegen geblieben ist, von neuem an. 7. Wenn irgend möglich, so rauche aus einer Pfeife mit recht langem Rohre, man sei aber peinlich sauber mit dem Rohre, weil sich sonst darin mit der Zeit viel Nikotin ansetzen würde. 8. Rauche weder Zigarre noch Zigarette ohne reinliche Zigarrenspitze; durch Kauen und Zerbeißen der Zigarre gelangt viel Nikotin in den Speichel; zudem können durch Zigarren gewisse Krankheiten wie z. B. die Schwindsucht, übertragen werden. 9. Kein Mensch soll vor seiner vollständigen körperlichen Ausbildung, also etwa vor dem 20. Lebensjahre, rauchen. 10. Weder Zigarre noch Zigarette, noch Pfeife rauche man, ohne Lust dazu zu haben. — Kirchthürme ohne Uhrwerk sind auch in Deutschland auf dem Lande keine Seltenheit. Mehrere französische Landpfarrer wußten dem Mangel eines Schlagwerkes an der Kirchenuhr oder dem gänzlichen Mangel der letzteren auf ebenso einfache als sinnreiche Art dadurch abzuhelfen, daß sie an der Glocke im Kirchthurm einen Hammer anbringen ließen, der durch einen Elektromagnet, welcher mittelst elektrischer Leitung mit einer beliebigen Wanduhr im Pfarrhause verbunden ist, in Bewegung gesetzt wird, so oft die Uhr im Pfarrhaus zum Schlage aushebt. Die ganze Einrichtung verursacht nur geringe Kosten und ist so einfach, daß sie von jedem Fachmann, der sich auf die Anlage elektrischer Klingeln versteht, hergestellt werden kann. Vorsichtig. Richter: „Was ist eigentlich Ihre Beschäftigung?" — Angeklagter: „Akrobat!" — Richter: „Schließen Sie 'mal sofort das Fenster, Gerichtsdienerl" --EZS-- ^L64. 1894 . „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 7. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas «I «>«!»> .dK !> I > I j>. V ir n ^ f ni ig mi m NA Weitzhaus Jahre 1343 endlich, zur Zeit, „als ein großes Sterben unter den Menschen herrschte", richtete der Rath der freien Reichsstadt Frankfurt am Main ein unter seiner Aufsicht und seiner Polizeiordnung stehendes Magazin zur Bereitung und zum Verkauf von Arzneimitteln her und nannte diese Niederlage „des Hochedlcn Rathes Apotheke". Das war das erste derartige Unternehmen in Deutschland. Dem Beispiel Frankfurts folgten dann bald Augsburg, Prag, Prenzlau, Nürnberg, Stuttgart, Ulm und Leipzig (1409). Im Jahre 1488 erst wurde vom Kurfürsten Johann Cicero, dem ersten der Hohen- zollern, der seinen bleibenden Wohnsitz nach der Mark Brandenburg verlegte, unsere heutige Reichshauptstadt Berlin mit einer Apotheke bedacht. Die Ucberwachung dieser neuen Apotheken oder „küarinaeopolia." (Arzneiläden), wie man sie amtlich gern nannte, übertrug man promovirten Doctoren der bet Füssen. erforderlichen Kräuter selbst „aufziehen" konnten. Eine eigens dazu eingesetzte Ralhscommission, die „Apotheker- herren", nahm jeden Monat die Einkünfte der Apotheke entgegen und unterzog sie alljährlich einer Revision. Wer Apotheker werden wollte, mußte v'cr Jahre in einer Apoth-ke lernen und dann eine Prüfung bestehen. Die amtliche Grundlage der pharmaceutischen Kunst bildete bis 1637 eine von einem im 13. Jahrhundert zu Ale- xandrien lebenden griechischen Arzte verfaßte Anweisung zur Bereitung von Heilmitteln. Auch sonst waren viele aus dem Arabischen stammende Werke im Gebrauch, und gleich der Heilkunst stand auch die Pharmacie mit der Astrologie in engster Verbindung. Den besten Einblick in das Apotheker- und Medi- cinalwesen früherer Zeiten gewähren uns die Apotheker- ordnungen, die im 16. und 17. Jahrhundert von den städtischen und staatlichen Behörden erlassen wurden. Wir 494 ersehen aus ihnen, daß, wenngleich man die Schriften der ausgezeichneten Aerzte des Alterthums Hippokrates und Glenus wieder in den Bereich der medicinischen Studien gezogen und der Lehre vom Bau des menschlichen Körpers erneute Beachtung geschenkt, wenngleich ferner der merkwürdige Theophrastus Paracelsus (geb. 1493) der Heilmittellehre eine wissenschaftliche Grundlage gegeben hatte, dennoch in der Medicin sowohl wie in der Pharmacie der Aberglaube und der Charlatanis- mus noch viele Menschenalter hindurch eine bedeutende Rolle spielen durfte. In diesen Apothekerordnungen sind fast sämmtliche Heilmittel und damit verwandte Gegenstände aufgezählt, die in der Apotheke herzustellen und vorräthig zu halten sind. Sie umfassen nicht allein das Thier- und Pflanzenreich, sondern auch Theile des menschlichen Leibes, sowie Geschöpfe, die in Wirklichkeit gar nicht existirten, wie z. B. das fabelhafte Einhorn, dessen Horn — der Zahn des Narwals — man das Pfund für 1536 Thaler verkauftel Auch andere Thiere oder ihre Glieder und Erzeugnisse nahmen unter den Bor- räthen der Apotheken einen hohen Rang ein und mußten von den Hilfe erbittenden Kranken mit Gold ausgewogen werden. Ober an stand der Wolf, dem man die große Ehre in medicinischer Hinsicht erzeigte, die ärztliche Ver Wendung seiner Körpertheile zum Gegenstand einer eifrig getriebenen Wissenschaft, der „Lykographie", zu gestalten. Auch aus den Körpern edler Jagdthiere wurden Theile entnommen und zu pharmaceutischen Zwecken verwandt: Hirschhaare, Hirschhorngeist, Hirschthränen aus dem rechten wie aus dem linken Auge, Elennshorn und Elennsklauen, Hasenhaar, Hühnermagenhaut, Biberschmalz, Entenfett und Schlangenfett! Auch Auswurfstoffe wurden häufig verschrieben, dann Erde und Steine, die sich im Magen mancher Thiere finden. Große Heilkräfte suchte man auch in den Schädelknochen der eines gewaltsamen Todes gestorbenen Menschen. Aus ägyptischen Mumien zog man kräftigende Getränke, und das besonders von den Scharfrichtern bezogene Fett menschlicher Körper diente gegen Rheumatismus! Das kostbarste Arzneimittel, welches die alten Apothekerordnungen aufzählen, war das „Moos von eines Menschen Hirnschal", eine kleine Schmarotzerpflanze, die auf den Schädeln der armen Sünder aufsproß, wenn man sie so lange am Galgen hängen ließ. Schier endlos ist die Zahl von Kräutern, Blüthen und Wurzeln, die in den Wurzelgärten der Apotheken gepflegt oder von angestellten „Wurzweibern" oder „Wurz- lerinnen" herbeigeschleppt wurden. Auch bei diesen hatte der Aberglaube ein gewichtiges Wort mitzureden. Da war es insonderheit die Mistel, ein auf der Eiche oder auf Obstbäumcn wucherndes Schmarotzergewächs, die in den alten Apotheken fast für ein Universal-Heilmittel gegen alle Gebresten der Welt gehalten wurde. Diese Annahme reicht zweifelsohne bis in die Tage der keltischen Druiden zurück, welche die Mistel als das Heiligste in der Natur verehrten, dessen kundigem Gebrauche jegliche Krankheit von Menschen und Thieren weichen müsse. Die Mistel wurde vor allem als Specificum gegen die Fallsucht verwandt und noch bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinab als solches in gelehrten Büchern empfohlen. Schließlich sind noch zu erwähnen die edlen Metalle und die Halb- und Ganz-Edelsteine, die unter den Apothekerwaaren früherer Zeiten nicht den letzten Platz einnahmen. „Fein Gold", „gemeines Blattgold", „geschlagenes Silber" u. a. m. wurden gemahlen oder feingeschnitten in bestimmten Liqueuren als Mittel gegen gichtische und Unterleibskrankheiten verabreicht. Den Edelsteinen schrieb man noch bis zum Beginne des 19. Jahrhundert eine besondere Heilkraft zu, dem einen, wenn man ihn trug, andern, wenn man sie auf den erkrankten Körpertheil legte. Der Beryll heilte Magenschmerzen, der Lapislazuli das Fieber, der Rubin schützte vor Gift, der Smaragd stillte Blut, der Saphir kräftigte das Herz, der Türkis die Augen, der Diamant versöhnte die Liebenden, eine Eigenschaft, die er wohl noch heute bethätigt — wenn er als Geschenk antritt. Auch verordnete man das Trinken von zerkleinerten echten Perlen; Ludwig XIV. suchte durch solche Mittel im Alter seine Jugendkräfte wieder zu gewinnen. Geheimmittel, Elixire, Pulver und Pillen, die laut Dankschreiben geheilter Patienten alle möglichen Beschwerden beseitigen, gab es schon vor Jahrhunderten. Ludwig XIV. bezahlte 48,000 Frcs. für ein einziges Recept. Es existirte z. B. der „Balsam des barmherzigen Samariters im Evangelium". „Der Samariter", hieß es in dem Begleitbrief, „bediente sich dieses Mittels, um einen wunden- bedeckten Kranken zu heilen." Nachdem wir im Vorstehenden in kurzen Zügen die Entwicklung und Eigenart der alten Apotheken zu schildern versuchten, erübrigt noch, auch die ferneren Obliegenheiten des frühern Apothekenverwalters mit einigen Strichen zu zeichnen. Interessant für die Leserinnen wird es sein, daß die Apotheker im späteren Mittelalter und während der Rcnaissanccperiode nicht allein die Parfums, Seifen und Pomaden unter der Maske von Heilmitteln vertrieben, daß sie nicht nur den Kaffee, den Thee und die Chocolade als „wunderthätige Medicinalspecies" führten, sondern daß es ihnen auch oblag, unsere Ahnmütter mit Confect, Fiuchtsäften und Liqueuren zu versorgen. Verschiedene alte Bücher geben uns darüber nähern Aufschluß. So das um 1540 in Straßburg gedruckte Werk mit dem langen Titel: „Unterweisung allerley Latwergen, Confecte, Conserven, Eynlegungen von mancherley Früchten, Plumen und Kräutern samt andern künstlichen und anmuthiglichen Gerüchen, wie solche in den Apotheken gemachet und verkaufet werden." Ein anderes, zwei Jahre später erschienenes Büchlein: „Petrarchas Trostspiegel", zeigt uns sogar auf dem Titelblatt eine Apotheke aus der ersten Zeit ihres Bestehens. Die Flaschen und Schalen, die der alte Holzschnitt ausweist, gleichen vollständig den noch heute in den Apotheken üblichen Büchsen. Eine erstaunliche Regsamkeit und Vielseitigkeit entfaltete der frühere Apotheker als Liqueurfabrikant; er zog nicht nur unzählbare Mengen von „Aquaviten" ab, er wartete auch mit den unterschiedlichsten Gewürzweinen und feinsten Bieren auf, unter denen das „Danziger", dessen Verkauf er monopolisirte, den größten Ruf erlangte. Und wie reichhaltig waren nicht die Erzeugnisse, die er als Conditor zu Tage förderte! Mußte er doch für alle größeren Feste, Hochzeiten, Kindstaufen und Begräbnisse den Bedarf an Torten, Kränzelkuchen, Marzipanen und Marmeladen decken. Sogar mit der Herstellung „extrafeiner" Schüsseln, Vorgerichte, Pasteten und Kapaunbrühen befaßte sich der sein Interesse ernst vertretende . Apothekenverwalter. Also Pharmaceut, Parfumeur, Conditor, Krämer und Garkoch in einer Person! Die gute alte Zeit! So denkt vielleicht mancher Photographie im Verlage der Münchener Kunst- und VerlagS-Anstalt Dr. st. Albert L Co. -s MVM MW NWMW KM/WM! 'WlM- MKM MAS Heimwärts. Nach einem Originalgemälde von Adolf Lüden. !>t.» ^ UÄÄ WUM MZW MMURE 496 Apothekenbesitzer unserer Tage, der sein Walten auf einen so kleinen Umfang eingeschränkt sieht. Die Allgemeinheit aber muß sich glücklich schätzen, daß mit der Reform der Arzneikunde, mit ihrer wissenschaftlichen Begründung und naturgemäßen Vereinfachung eine gründliche Umgestaltung des Apothekenwesens Hand in Hand gegangen ist. („Köln. Ztg.") -S-88NS- Zu unseren Bildern. Johann Josef v. Görres wurde am 25. Januar 1776 zu Coblenz am Rhein geboren. Sein Vater war ein braver, schlichter Holzhändler, die Mutter stammte aus Italien. Er absolvirte das Coblenzer Gymnasium und sollte sich in Bonn der Arzneiwissenschaft widmen. Da zogen die französischen Truppen in die Rheinlande ein. Die ganze Bevölkerung wurde vom politischen Freiheitstaumel fortgerissen, alle jungen Köpfe, unser Görres voran, wähnten, das Ende der alten, vielfach verrotteten Zustände sei gekommen und das Morgenroth einer besseren Zeit angebrochen. Kaum zwanzigjährig, trat er in Clubs und Volksversammlungen als feuriger Redner für die Sache der neuen „Freiheit" in die Schranken und gründete zuerst „Das rothe Blatt", später den „Rübezahl", zwei Zeitungen, in denen er mit größter Schärfe und Uner- fchrockenheit zunächst den alten Mißständen Deutschlands, bald darauf aber auch den französischen „Schurken und Bösewichtern" entgegentrat und die deßhalb beide nach kurzem Bestände unterdrückt wurden. Später zog er sich vom öffentlichen Leben gänzlich zurück und nahm 1804 eine Stelle als Lehrer der Physik an der Secundärschule seiner Vaterstadt an. 1806 begab er sich nach Heidelberg, wo er an der Universität Vorlesungen über Geschichte und Literatur hielt und mit Clemens Brentano und Arnim die „Einsiedlerzeitung" und hierauf mit Unterstützung Jos. v. Eichendorff's „Die deutschen Volksbücher" herausgab. 1813 wandte er sein Interesse der glorreichen Erhebung Deutschlands zu und ließ nun den „Rheinischen Merkur" erscheinen, der 1816 durch eine Cabinetsordre aus Berlin unterdrückt wurde. 1820 mußte er vor den Nachstellungen der preußischen Regierung nach Straßburg flüchten. Hier verweilte er bis 1827. In der Broschüre „Die heilige Allianz und die Völker auf dem Con- gresse zu Verona" hat der große Geist die Hoffnung, daß „von der Politik der Höfe ein Heil für die Völker zu erwarten stehe", endgtltig aufgegeben und tritt von jetzt an immer emschiedencr auf als Vertheidiger der gläubig-christlichen Weltanschauung und der katholischen Kirche gegen die unchristliche Geschichtsforschung und Philosophie sowie gegen die Hebelgriffe des protestantischen Staatsgötzenthums. Seine Thätigkeit in dieser Richtung entwickelte er zuerst als Mitarbeiter des „Katholik", dann nach seiner im Jahre 1827 erfolgten Berufung als Universitätsprofessor nach München, wo sich ein großer Kreis hochbegabter katholischer Männer und Jünglinge um ihn schaarte, durch die Schrift „Ueber Grundlage, Gliederung und Zeitenfolge der Weltgeschichte" (1830), weiter in seiner merkwürdigen „Mystik", dann in seinem aus Anlaß der Verhaftung des Kölner Erzbischofs erschienenen unsterblichen „Athanastus" (1838), ferner als Mit- gründer und Mitarbeiter der berühmten gelhen Hefte, der „Historisch-politischen Blätter", endlich durch die gegen den Deutschkatholizismus gerichtete Schrift „Die Wallfahrt nach Trier" (1845) und durch seine als Mitglied der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften verfaßten geschichtlichen Abhandlungen. Görres wurde an seinem 72. Geburtstage von einer ernstlichen Krankheit befallen und starb nach kurzem Leiden am 27. Januar 1848. Er war ein „Hercules der Wissenschaft", ein Publicist und Ge- schichtsphilosoph ersten Ranges, ein gewaltiges Schwert seiner Nation und seiner Glaubensgenossen im Kampfe für Wahrheit, Freiheit und Recht. _ Weitzhaus bei Füssen. Wir haben kürzlich die Ansichten des Städtchens Füssen und der beiden Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwan- stein gebracht und laden heute den freundlichen Leser ein, mit uns die landschaftlichen Reize der Umgebung Füssens zu genilßen. Aus der Ferne grüßen im Süden die Höhenzüge des Breitenbergs, während in majestätischer Pracht im nahen Hintergründe der Säuling zum Himmel ragt, weit hinausschauend über die bayerische Hochebene. Hier siehst du die Berge um Seeg und den langen Rücken des Sulzberges, den Auerberg und an der Grenze des Hochlands gelegen den Senggele, Buch-, Zwiesel- und Tiefenthalberg. Und hast du dich satt gesehen an den schönen Reizen, welche die Landschaft im weiten Umkreise dir bietet, dann lenke deinen Weg zum nahen Walde mit seinen herrlichen Anlagen und Spaziergängen. Und willst du mit dem Schönen auch das Angenehme verbinden, so führt dich der Alpen- rosenweg nach einer Stätte, wo deiner Erholung und Erfrischung wartet, wie du dir es kaum besser wünschen mögest. Es ist das allen Touristen wohlbekannte und mit Vorliebe aufgesuchte Gasthaus, benannt Weißhaus. Hier findest du alles, wonach ein Touristenherz verlangt: eine vorzügliche Küche, excellenten Keller, aufmerksame und freundliche Bedienung und gemüthliche Gesellschaft. (Unser heutiges Bild ist nach einer Photographie von Ludwig Scbradler in Füssen am Lech.) Heimwärts. Heute bringen wir unsern Lesern ein Bild nach einem Originalgemälde des russischen Malers Adolf Lüben. Der Künstler hildete sich ursprünglich in Berlin aus, wirkte seit 1860 in Antwerpen und trat hierauf zur Landwirthsckast über. Lüben gab dieselbe indeß bald wieder auf und übte in Berlin sclbst- ständig seine Kunst aus, um 1876 nach München überzusiedeln. Unser heutiges Bild ist dem landwirthschaftlichen Leben entnommen. Die gründen, frischen und kräftigen Gestalten — Oberländer vom Mähen heimkehrend —, welche der Künstler im Bilde so naturgetreu zu fixiren verstand, werden gewiß auch bet unsern Lesern eines symvatbiscben Eindruckes nicht verfehlen. St. Sfra. Die Lohe glüht, das Reisig brennt, Und Rauch zum Himmel steigt, Am Pfahl das Mädchen jeder nennt, Das heut zum Tod sich neigt. Die Bublin ist's, die manche Nacht Beim Schwelgermahle hingebracht, Die Christum jetzt bekennt. Statt Perlenschnüren zwängt ein Strick Die edlen Glieder wund, Sie klagt nicht um ein Jugendglück, Leis betet nur der Mund. Ihr Fuß ging oft die Sündenbahn, Nun lecken schon die Flammen d'ran, Der Henker weicht zurück. Und dichter wallt der schwarze Qualm, Der helle Brand verglimmt, Es hat noch einen Dankespsalm Die Martyrin angestimmt. Still wird's nun auf dem Hochgericht, Ihr Leben flieht, wie's Sonnenlicht In Wolken jetzt verschwimmt. Hoch oben glänzt das Sternenzelt, Die Woge mit Woge tauscht, Im nächt'gen Schweigen ruht die Welt, Und auch kein Häscher lauscht. Vom Ufer her auf schwankem Kahn Mit Priestern fromme Frauen nah'n, Indeß der Strom entrauscht. Ein kleiner Kreis steht an dem Pfahl, Den noch das Holz umbaut, Sie baben wie ein Glaubensmal Die Todte angeschaut. Der zarte Leib war unversehrt, Die Flamme hat ihn nicht begehrt. — Eilt fort, der Morgen graut! Unfern der Stadt ein Grabmal stand, Darin im Sarkophag Die Martyrin ihre Ruhe fand, Eh' neu erschien der Tag. Und über'm Grabe pries man laut Die Heldin und die Gottesbraut, Wenn auch ihr Leib erlag. Ein hehres Münster wölbt sich jetzt Ueber dem Martyrgrab, Zum Ruhm des Glaubens hingesetzt, Den Gott der Heldin gab. Schon viele Wetter hielt es aus, Es bleibe stets des Glaubens Haus Jahrhunderte hinab. Adolph Müller. -» -»> t- ^- M 65. Ireitag. den 10. August L894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg m kaiserlichen Heere den Feldzug 1866 in Böhmen mitgemacht und lebte nunmehr, nachdem er den Kriegsdienst verlassen hatte, seit dem Tode seines Vaters auf seiner Gütern rm un- fcrnen Hohenems. Schon am 22. Februar des nächsten Jahres (1870) führte er (eine stebe Braut in München zum Altare. Die Trauunq wurde von einem nahen Verwandten, dem jetzigen Domdechanten von Nottenbnrg Grafen August oon Waldbucg-Wo fegg, in der ?rzbischöflicheu Hauskapcll? vollzogen. Diese Verbindung zwischen den beiden erlauchten Häusern war nicht die erste- Eine sei hier besonders hervorgehoben Einer der berühmtesten Ahnen des Grafen, nämlich Neichserbtruchseß Georg von Waldburg (f 1531)—„Bauernjörg" zugcnaunt — als Hauptmann des schwäbischen Bundes der Schrecken der fränkischen Raubritter und der wilden Horden des Bauernkrieges, hatte im Jahr. 1514 die Gräsin Marie von Oettingen zur Gemahlin genommen, deren Vater Joachim von dem berüchtigten Raubritter Hans Thomas v. Absberg ermordet worden war. Jnsoferne konnte das Brautpaar also auf vormalige gemeinsame Stammeltern zurückblicken. Erhebender war der Rückblick auf eine der größten Frauen Deutschlands, auf die hl. Elisabeth von Thüringen, von welcher weiblichcr- seits abzustammen beide Theile sich rühmen konnten; fügen wir noch bei, daß Braut und Bräutigam auch die heilige Herzogin Hebwig von Schlesien unter ihre älteren weiblichen Ahnen zählen konnten. Welch' erhabene Beispiele unter den Voreltern! und wahrlich, die späte Enkelin war ihr ganzes Leben bemüht, sich solcher Ahnen würdig zu erweisen. So haben wir denn die junge Frau bis zum Ein- tritte in ihre nunmehrige traute Häuslichkeit in Hohenems begleitet; betrachten wir nun auch ihr stilles, segensreiches Wirken im Kreise der Ihrigen und nach außen während der 24 Jahre, die sie hier an der Seite ihres geliebten Gemahles in glücklichster Ehe verlebte. Losgerissen aus dem Getriebe der großen Welt, getrennt von ihren theueren Angehörigen, fern ihrer geliebten Heimath, fand sie sich mit bewunderungswürdigem Geschick in die neuen Verhältnisse in dem so stillen und entlegenen Hohenems. Behielt sie auch ihre alte Heimath, namentlich ihr 603 liebes Ries, immer im freundlichsten Andenken, verfolgte sie auch die Angelegenheiten ihres früheren Vaterlandes stets mit dem lebhaftesten Interesse, und blieb sie auch ihren Verwandten zu Hause mit der gleichen Liebe wie früher zugethan, so war doch ihre Hauptsorge fortan ihrem neuen Heim und ihrer neuen, sich bald mehrenden Familie zugewendet. In treuer, genauer Erfüllung ihrer Berufspflichten als christliche Hausfrau und Mutter suchte sie ihren Lebenszweck. Bei solcher Gesinnung vermißt man nicht die Freuden der grcßen Welt, findet man keine Zeit zur Langweile; der Tag scheint eher zu kurz, als zu lange. Daß die Gräfin den Tag stets — Sommer wie Winter — mit Anhörung der hl. Messe begann, erwähnen wir hier der Vollständigkeit wegen, obgleich es eigentlich überflüssig wäre, da sich das bei einer gut katholischen Edeldame, der sich hiezu die Gelegenheit bietet, von selbst versteht. Der ganze übrige Tag war der Thätigkeit gewidmet; müßig hat sie wohl Niemand je angetroffen. Leitung des Hauswesens, weibliche Handarbeiten für das Haus und die Kinder wechselten mit Arbeiten für die Armen und die Kirche. Erholung gewährten Spaziergänge in der so romantischen Umgebung von Hohenems, oder Lektüre gediegener Bücher, oder auch hie und da Musik. Der wohlgeordnete Zustand ihrer Seele spiegelte sich nach außen in ihrem musterhaften Ordnungssinne ab; Einhaltung der Zeitcintheilung, Ordnung in allen Räumen und Gemächern, Ordnung in allen Beschäftigungen, darauf hielt sie vor Allem; auch der kleinste Fehler wider die Ordnung entzog sich nicht ihrem stets wachsamen Auge und wurde sofort abgestellt. Wenn sie nun auch von der Dienerschaft dieselbe genaue Pflichterfüllung forderte, die sie sich selbst zur Regel gemacht hatte, so war sie ihren Dienern doch eine stets gütige und freundliche Herrin, die eben so sehr für deren geistiges als materielles Wohl bedacht war. Dafür zeugt der Umstand, daß im Hanse stets langjährige Diener zu treffen waren. Mit dem Heranwachsen der Kinder — Gott hatte ihr 2 Söhne und 3 Töchter geschenkt — wuchsen die Sorgen für deren Erziehung. Die Kinder zu guten Christen zu erziehen, daß dies die erste Pflicht der Eltern sei, darin war sie mit ihrem lieben Gemahle ganz einig, und dahin ging vor Allem ihr Streben; die Aufgabe wurde sehr erleichtert durch ihr eigenes Beispiel; das Beispiel der Eltern in Erfüllung der religiösen Pflichten, die Angewöhnung der Kinder an Uebung der Religion von frühester Jugend auf wirkt mehr und nachhaltiger, als die bloße Belehrung; das waren die Grundsätze, nach denen sie die religiöse Erziehung der Kinder leitete. Ebenso war sie aber auch bemüht, dieselben zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Obgleich die zärtlichste Mutter, so nahm sie doch keinen Anstand, sich auch zeitweise von den Kindern zu trennen, wenn sie es zu deren Besten geboten hielt. Daß die Erziehung und der Unterricht der Knaben mit fortschreitenden Jahren im väterlichen Hanse immer schwieriger wird, darin waren die Eltern einig. Die Anforderungen des Unterrichts sind hoch, der Knabe bedarf des Wetteifers mit seinesgleichen, er muß sich frühe an den Verkehr mit anderen Menschen gewöhnen; dazu bietet ein tüchtiges Institut mehr Gelegenheit, als der heimathliche Herd. Diesen Gesichtspunkten folgend, wurden daher die Knaben frühzeitig dem so berühmten Institut 8to11a rnatubinn der Väter der Gesellschaft Jesu in Feldkirch anvertraut. — Anders verhält es sich bei den Töchtern; Erziehung für das Haus bildet hier den Schwerpunkt, und die beste Erzieherin bleibt immer eine verständige, pflichtgetrcue Mutter. Diesem richtigen Grundsätze folgend, behielt sie die Töchter länger zu Hause und leitete persönlich unter Beihilfe einer tüchtigen Erzieherin deren Ausbildung. Aber auch von den lieben Töchtern trennte sie sich zeitweilig und übergab sie den Damen vom hl. Herzen Jesu in Riedeuburg, sei es, um sie zur Feier der ersten hl. Communion vorbereiten zu lassen, sei es, um der Ausbildung vor dem Eintritte in die Well noch die letzte Vollendung zu geben. Leider mußte sie ihre geliebten Kinder noch in so jungen Jahren verlassen; waren ihr auch die zwei älteren Töchter während ihrer langwierigen Krankheit treue und hingebende Pflegerinnen und konnten so ihrer theuren Mutter ihre Dankbarkeit und grenzenlose Liebe durch die That beweisen und Zeugniß dafür ablegen, daß der ausgestreute Same bereits gute Früchte trage, so sind sie doch noch gerade in den Jahren, wo man der Mutter so sehr bedarf. Von ihren lieben Kindern schon jetzt getrennt zu werden, das war eS, was ihr oft recht schmerzlich siel; wenn sie auch immerhin der Gedanke getröstet haben wird, daß Gott ihren redlichen Bemühungen auch für die Zukunft seinen Segen erhalten werde. Die Kinder möge auch die Gewißheit trösten, daß der Tod ihnen zwar die sicktbare, aber nicht die geistige Gegenwart ihrer lieben Mutter rauben konnte; ja, daß sie im Jenseits noch besser für sie zu sorgen im Staude ist, als dies auf Erden je möglich wäre. Daß eine so liebevolle Gattin, eine so aufopfernde Mutter, die den Ihrigen das Familienleben so zu sagen zum Paradies zu machen vermochte, auch im Verkehr mit der Außenwelt alle Herzen gewann, bedarf keiner Erwähnung. Ihre stattliche, vornehme Erscheinung, ihr freundliches Lächeln, ihr heiterer Charakter mußte schon für sie einnehmen; mehr aber noch bezauberte ihre stets gleiche, wohlwollende Freundlichkeit gegen Alle, mit denen sie verkehrte, mochten sie hoch oder niedrig sein. Von ihrem Mitgefühl und ihrer Wohlthätigkeit für Kranke und Arme wollen wir schweigen, eingedenk ihres Grundsatzes, daß die eine Hand nicht wissen soll, was die andere thut. Sie half stets gern und freudig, wo sie nur konnte. Ihr Interesse beschränkte sich aber nicht auf den Kreis ihrer Familie und ihrer nächsten Umgebung; auch für die großen socialen Tagesfragen hatte sie einen offenen Blick. Der stets weitergreifenden Verderbuiß der Zeit, der zunehmenden Eutchristlichung mit aller Macht entgegenzutreten, hielt sie für allg'mcine Pflicht. Reit der religiösen Erziehung, mit der Pflege der Religion in der Familie müsse man beginnen, war ihr oft ausgesprochener Grundsatz. Diesen Zweck zu fördern hielt sie den Mütterverein, dessen segensreiches Wirken sie von früher her kannte, für eines der wirksamsten Mittel. Sie förderte daher nach Kräften die Einführung dieses Zeitgemäßen Vereines in Hohenems (Jauuar 1889) und übernahm gerne die Vorstandschaft desselben; derselbe hat sich bereits so eingebürgert, daß gegenwärtig gegen 400 Mütter den Tod ihrer licben Präsidentin beklagen. An allen speziellen Andachten und Gottesdiensten des Vereins nahm sie stets persönlich theil; stets stieg sie an solchen Tagen von ihrem Oratorium hinab in die Kirche. Wie rührend war es da, die erlauchte Gräfin an der Spitze 804 von Hunderten von Frauen in tiefer Andacht zum Tische des Herrn treten zu sehen, oder zu beobachten, wie sie etwa bei dem Requiem für eine arme Arbeitersfrau, die dem Vereine angehört hatte, den Wachsstock »n der Hand, den Mutiern voran zum Opfer ging! Dock es würde zu weit führen, wollten wir uns in weitere Einzelheiten einlassen; es sei daher nur noch kurz erwähnt, daß die Verstorbene auch an der Sp tze der F-rauengrnpve zum hl. Carolas in.Hohenems des katholischen Schulvereins seit der Gründung (1890) stand. Wir haben nun nur noch über die langwierige, schmerzliche Krankheit zu berichten, welche die unvergeßliche Gräfin, noch nicht 50 Jahre alt, ach viel zu frühe! dahinraffen sollte. Wie so viele, deren vorzeitigen Tod man in den letzten Jahren zu beklaaen hatte, wurde auch sie ein Opfer der so unheilvollen Influenza. Es ist dieser modernen Pest eigen, daß sie selbst in der Regel gelinde austeilt und häufig gutartig zu verlauten scheint; allein sie hat heimlich Krankheitskeime, die in dem Organismus ruhten und ohne sie vielleicht immer geschlummert hätten, entwickelt und gefördert. So auch hier! Es zeigte sich ein tieferes Herzleiden, das die Aerzie von Beginn an für verhängnißvoll erklärten, und das auch so unheilvoll enden sollte. Nichts veimochte die Kunst und Bemühung der Aerzte! nichts die sorgfältigste Pflege! Selten wird eine Kranke mit so viel Liebe und ausdauernder Opfcrwilligkeit gepflegt und besorgt worden sein, als die theure Verblichene. An der Sp'tze stand die unvermäblte Schwester des Grafen, Gräfin Anna von Waldburg, welche auf die Kunde von der Erkrankung ihrer lieben Schwägerin sofort an ihr Krankenlager eilte und es durch beinahe 9 Monate bei Tag und Nacht kaum jemals verließ; hicbei wurde sie auch auf das Aufopferndste unterstützt durch den Grafen selbst, durch die lieben Töchter, durch die opferwillige Krcnzschwester Briqitta, die Dienstboten; allein alle Blühe, Liebe und Sorgfalt konnten dem Tode seine Beute nicht entreißen, wenn auch die Tage der lieben Kranken verlängert wurden. Daß es wahr ist, daß sich der Christ vor Allem im Leiden erprobt, das hat sich hier bestätigt. Was die Gi äfin in diesen 9 Monaten, die sie beinahe immer Tag und Nacht im Krankenstuhle sitzend verlebte, gelitten hat, das weiß Gott allein! Ihre wahrhaft heldenmüthige Geduld erlaubte ihr keine Klage auch bei den größten Schmerzen; ihr stets heiterer Sinn verließ sie auch in der Krankheit nicht. Sie hörte nicht auf an Allem Antheil zu nehmen und leitete sogar ihr Hauswesen vom Sckmcrzenslager aus; selbst ihre Liebe zur gewohnten Thätigkeit blieb aufrecht, und so lange als es ihr Zustand erlaubte, beschäftigte sie sich zeitweilig mit weiblichen Handarbeiten. Unerschütterlich blieb ihr Vertrauen auf ihren Heiland, auf die hehre Gottesmutter und den hl. Joseph; hegte sie auch gerne Hoffnung auf Genesung, und sprach sie es auch manchmal aus, daß es ihr wohl schwer falle, so frühe den theuren Gatten, die lieben Kinder zu verlassen, so unterließ sie es doch nie. in tiefer Ergebenheit ihren gewohnten Spruch: „Wie Gott will!" beizufügen. Die langen Nachtwachen, die gebotene Unthätigkeit benützte sie zur Verdoppelung ihrer gewohnten Andachls- Lbungen. Unaufhörlich betete sie den Rosenkranz für die armen Seelen, stets ihre lieben Angehörigen auffordernd, sich mit ihr nach Kräften im Gebete zu vereinigen. Seit Beginn der Fastenzeit unterließ sie an keinem Tage die Kreuzwegandacht; ja noch am Tage vor ihrer Auflistung verrichtete sie diese schöne Andacht gemeinschaftlich mit der Familie. So hat sie denn ihren Weg der Schmerzen mit dem Leidenswege des göttlichen Heilandes vereinigt; am letzten Abendmahle hatte sie oft während ihrer langen Leidenszeit theilgenommen; nun begleitete sie den Erlöser auch auf seinem Gange nach Golgatha. Hat derselbe seinem unfreiwilligen Begleiter, dem reckten Schäckcr, nur wegen eines einzigen Augenblickes aufrichtiger Reue sofort die Pforten des Paradieses geöffnet, so sind wir wohl zu der Hoffnung berechtigt, daß er seine treue Dienerin, freudige Bekennen» und willige Nachfolgerin alsbald in die Glorie des himmlischen Reiches eingeführt habe. Dinstag den 6. März Vormittaos ^/zll Uhr entschwebte ihre Seele der irdischen Hülle und ließ den schmerzgebeugten Gatten, die weinenden Kinder zwar in tiefster Trauer und Betrübniß zurück, aber nickt tröst os, denn indem sie dem Beispiele der Verklärten folgen werden, hoffen sie auf ein einstiges freudiges Wicderscben. Der entseelte Körper wurde im großen Saale deS Palastes aufgebahrt. Da rubtc sie nun, um eben von einem Walde von Zicrgewäcksen, noch im Tode das freundliche Läckeln auf den bleichen Lippen, so fr-edlich, als ob sie schliefe. Den ganzen Tag wallfahrtete die Bevölkerung zum Katafalke, um die allverehrte Gräfin noch einmal zu sehen, >ür chre Ruhe zu beten und sie, wie üblich, mit dem hl. Weihwasser zu be-prengen. Die Bestattung fand Donnerstag den 8. März statt; dieselbe gestaltete sich zu einer ebenso herzlichen als imposanten Kundgebung für die Verstorbene und das ganze gräfliche Haus. Der hockwürdigste Generalvicar von Feldkirch, Bnchos Dr. Zobl. celebrirte in eigener Person das Requiem und nahm die Einsegnung und Beerdigung vor. Die hohen Verwandten der Häustr Oettingen und Woldburg, Freunde und Bekannte der Familie, zahlreiche Geistliche, die Honoratioren der Umgegend hatten sich Ungesunden. Rührender als alles das war die herzliche spontane Theilnahme der großen Gemeinde Hohcncnis; obgleich der jetzigen Generation die einstmalige Verbindung von Gntsherrschaft und Gemeinde nur mehr als Sage vorschwebt, so bctbeiligte sich doch die Gemeindevertretung in corpore officicll an der Leichenfeier; die Veteroncnvereine, die Feuerwehr, kurz alle Korporationen und Vereine, vor allen andern der Mütter- verein, und nahezu die ganze Bevölkerung begleiteten die hohe Verstorbene zur Ruhestätte. Unabsehbar war der Zug der Trauernden. Zahlreiche Kränze bedeckten den frischen Grabeshügek, darunter einer, den die Gemeinde Hohenems pietätvoll am Fuße des Sarges niedergelegt hatte. Am 14. März fand in der Pfarrkirche der ansehnlichen benachbarten Gemeinde Lustenau — der Graf ist auch hier Kirchenpatron — ein feierlicher Trauergottesdienst für die Seelenruhe der Dahingeschiedenen statt, dem die hohe Familie anwohnte. Die Gemeindevertretung in oorxors war erschienen, der Veteranenverein ausgerückt und zahlreiche Gläubige sandten ihre Gebete für die gute Gräfin zum Himmel. Ihr Andenken wird sür immer im Segen bleiben! jM „Augsburger Posizritung". 66 Dinstag, den 14. August 1884 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L> Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Im Mime alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) LXXV. Es war Herbst geworden. Die Backsteinmauer, welche den geräumigen Platz vor dem Herrenhause des „Villenhofes" umgab und üppig mit wildem Wein umrankt war, sah im Schmucke der purpurnen Blätter wie in Blut getaucht aus. Das Laub der alten, hohen Bäume, die innerhalb der Mauer den Vorhof umsäumten, schien sich in starres Gold verwandelt zu haben, und jeder Windstoß, der es schüttelte, hielt eine reiche Ernte an Blättern, welche sich auf eine kurze Henkersfrist wie flatternde Schmetterlinge in der Luft behaupteten, um dann matt und leblos zur Erde herabzutaumeln. Auf die frische Pracht der Herbsttfärbung blickte drohend ein trübgrauer Himmel herab, wie ein grämlicher Alter auf ein spielendes Kind, dem er die bunte Tändelei bald vertreiben wird. Der Kehraus der Natur wiederholte sich in dem menschlichen Treiben, welches auf dem Vorplätze herrschte, denn auch dieses deutete den Bruch mit einer alten Ordnung der Dinge an. Dort standen drei bis vier mächtige, geschlossene Möbelwagen, und eine Schaar kräftiger Männer belud dieselben mit Möbeln und Kisten. In den Prachtzimmern der Villa selbst sah es öde aus. Manche derselben waren schon gänzlich entleert und hatten nichts mehr zu bieten, als die nackte Schönheit ihrer Tapeten und Deckenstuckaturen. Nur im Arbeitszimmer des Barons stand noch alles an seinem alten Platze. In dem hohen, weißen Porzellanofen loderte ein Feuer und verzehrte einen Haufen alter Briefe und anderer Papiere. Der Baron war in seiner Arbeit, alle werthlosen Scripturen zu verbrennen, durch einen Besuch unterbrochen worden, und dieser war kein anderer als Mait- land, welcher neben ihm auf einem grünseidenen Muschelsofa saß. Beide befanden sich in ernstem Gespräch, aber dieses bewegte sich in den alten freundschaftlichen Formen; denn während des monatelangen Zwischenraums, wo sie einander nicht mehr gesehen, hatten sich Wolf- gang's Gesinnungen gegen den Mann, der sich ihm in mehr als einer Lage als Freund bewährt hatte, nicht geändert. Der Baron besaß keine Ahnung von dem Jntriguenstück, welches Maitland seitdem in Scene gesetzt hatte, niemand hatte ihn von dessen Doppelspiel mit Rettberg oder von seinen Anschlägen gegen Melanie unterrichtet. Er kannte Maitland als einen Menschen, der großmüthiger Handlungen fähig war und dabei alles Verdienstliche derselben ableugnete, und konnte nicht vergessen, daß Maitland ihm das Leben gerettet und ihn während eines schmerzhaften Krankenlagers mit der Sorgfalt und Treue eines Bruders gepflegt hatte. In diesem Lichte allein war Wolfgang berechtigt, Maitland zu betrachten, obwohl manche leichtfertige Aeußerungen desselben ihn veranlaßt hatten, ein so liebreizendes Wesen, wie Melanie, vor ihm zu hüten. Indessen nahm Wolfgang an, daß Maitland als Weltmann, der von Genuß zu Genuß eilt, sie über anderen Dingen längst wieder vergessen hatte. „So finde ich Sie also im Begriff," sagte Maitland, „diese schöne Besitzung für immer zu verlassen und sich auf Ihr Gut in Schlesien zurückzuziehen. Uüd obendrein sind es die Geschwister Nettberg, welche Sie aus Ihrem Eigenthum vertreiben — dieselben Menschen, denen Sie so viele Großmuth bewiesen haben? Ich habe wohl in Berliner Kreisen davon reden hören, daß Sie in einen Prozeß verwickelt seien, aber mehr, als daß es sich um eines Ihrer beiden Güter handle und daß dabei sehr merkwürdige Umstände im Spiele sein sollten, wußte man sich nicht zu erzählen. „In der That sind die Umstände seltsam genug," entgegnete Wolfgang, „und ich nehme keinen Anstand, sie Ihnen mitzutheilen, wenn Sie es hören wollen." „Nichts könnte mich lebhafter interesstren!" versicherte Maitland. „Der Villenhof gehörte ursprünglich einem Onkel meines Vaters, dem Baron Bolko von Sturen," erzählte Wolfgang. „Baron Bolko hatte drei Söhne und eine Tochter. Diese Tochter, Albertine mit Namen und das jüngste der Geschwister, verliebte sich in einen Herrn von Baldeneck. Das wäre nun kein Unglück gewesen, aber Herr von Baldeneck war Schauspieler, und da die Familie sich einer solchen Verbindung widersetzte, so lieh sich Albertine von Herrn von Baldeneck entführen, hei- rathete ihn, ging ebenfalls zum Theater und gab den Ihrigen nie wieder ein Lebenszeichen von sich. Im Laufe der Zeit starb Baron Bolko, der schon lange vor Alber- tine's Heirath Wittwer gewesen war. Der älteste Sohn hatte von seiner Mutter die Schwindsucht geerbt und folgte dem Vater bald im Tode, der zweite Sohn fiel als Offizier in der Berliner Märzrevolution 1848, der dritte wurde im Duell erschossen. Zwei der Söhne waren unverheiratet, der dritte war als kinderloser Wittwer gestorben. Da Albertine von ihrem Vater zwar verstoßen, aber nicht enterbt war, so hatte sie rechtmäßigen Anspruch auf das Erbe, welches aus dem schuldenfreien „Villenhofe" bestand, während das Baarvermögen einigen milden Stiftungen zufiel. Frau von Baldeneck, von der niemand wußte, ob sie noch lebte, wurde in üblicher Weise in den Zeitungen aufgefordert, sich zu melden. Da die gesetzliche Frist verstrich, ohne daß man von der Verschollenen hörte, so erhielt als nächster Erbe mein Vater den Villenhof in fürsorglichen Besitz, und fast dreißig Jahre lang ist dieser Besitz unangefochten geblieben. Das ist der Sachverhalt, wie ich ihn aus den Mittheilungen meiner verstorbenen Eltern kenne. Was nun folgt, hat sich aus den Akten der Erbschaftsklage und den beigefügten Belegen ergeben und war meinem Vater unbekannt geblieben. Zur Zeit, als der letzte männliche Sproß des Barons Bolko gestorben war, lebte Frau von Baldeneck als betagte Wittwe in Hamburg. Sie hatte sich nach jenem Bruche mit ihrer Familie nicht mehr um dieselbe gekümmert und ihre Enterbung als selbstverständlich betrachtet. Da spielte ihr der Zufall eines jener Zeitungsblätter in die Hand, worin sie zum Antritt ihrer Erbschaft aufgefordert wurde. Der Termin, welcher zu ihrer Todeserklärung berechtigt hätte, war noch nicht, abgelaufen. Sie wandte sich brieflich an einen damals in hiesiger Kreisstadt wohnhaft gewesenen Nechtsanwalt, Namens Teßner, beauftragte diesen mit der Geltendmachung ihres Erbanspruchs und sandte ihm alle Papiere, welche zur Legitimirung ihrer Persönlichkeit erforderlich waren. Der Advokat that bei Gericht die nöthigen Schritte, aber der Gerichtsbeamte, in dessen Händen die Sache ruhte, legte die Eingabe mit dem sämmtlichen Beweismaterial unter die alten Akten. Erst später hat sich herausgestellt, daß er bereits damals an Geistesstörung litt, der er nach Jahr und Tag im Irrenhause erlag. Frau von Baldeneck war inzwischen auch gestorben; aus ihren Briefen wußte Teßner, ihr Advokat, daß sie eine Tochter besaß, die einen gewissen Nettberg geheirathet hatte. Auf diese Tochter waren nun die Erbansärüche ihrer Mutter übergegangen, aber die Briefe der Verstorbenen boten über den Aufenthalt ihrer Tochter keinen Anhaltspunkt. Teßner behauptet zwar, zur Ermittlung derselben keine Mühe gescheut zu haben, aber es ist wohl anzunehmen, daß er die Sache einfach auf sich beruhen ließ, um sich nicht in Unkosten zu stecken, die ihm, wenn seine Nachforschungen vergeblich blieben, niemand ersetzt haben würde. Ich habe einigen Grund zu der Vermuthung, daß es zwischen Teßner und meinem verstorbenen Vater einen Berührungspunkt gegeben hat, wodurch mein Vater sich dessen Haß zuzog, der leider auch auf mich übergegangen zu sein scheint. Diese Erbitterung muß aber damals noch nicht bestanden haben, denn sonst würde dem Advokaten kein Opfer zu groß gewesen sein, die Erben Frau von Baldenecks aufzufinden, um ihre Ansprüche gegen meinen Vater geltend zu machen, wie er es nun gegen mich betrieben hat, nachdem er vor einigen Monaten in dem seiner Tochter befreundeten Fräulein Rettberg und deren Bruder Frau von Baldeneck's Enkel entdeckte. Teßner ließ die alten Akten aus jener Zeit durchsuchen, da er als Frau von Baldeneck's Mandatar deren Erbansprüche in aller Form Rechtens angemeldet hat, und es haben sich sämmtliche Beweisstücke vorgefunden, welche den Geschwistern Rettberg das Mittel an die Hand gaben, mit der begründetsten Aussicht auf Erfolg einen Prozeß gegen mich anzustrengen, da die dreißigjährige Frist, in welcher Frau von Baldeneck's rechtzeitig angemeldete Ansprüche auf den Besitz des Villen- hofs verjährt wären, noch nicht abgelaufen ist. Ich beauftragte meinen ehemaligen Vormund, Doctor Carus, mit der Prüfung der Angelegenheit, und er gab mir ein erschöpfendes Gutachten darüber, welches zu meinen Ungunsten ausfiel. Ich könnte den Proceß allerdings Jahre lang hinhalten, theilte er mir mit, würde mich aber doch endlich fügen müssen, da die Sache ganz klar sei. So habe ich denn, ohne den geringsten Widerspruch zu erheben, den Geschwistern Rettberg ihr gutes Recht eingeräumt, und Sie finden mich eben damit beschäftigt. den Villenhof zu verlassen, um den neuen Besitzern desselben Platz zu machen." „Sie haben gehandelt, wie ich es von Ihnen gar nicht anders erwartet hätte," sagte Maitland, als der Baron schwieg. „Immerhin ist es keine Kleinigkeit, so ohne weiteres die Hälfte seiner Besitzthümer dahinfahren zu sehen, und der Verlust dieses schönen Gutes scheint Ihnen doch nahe gegangen zu sein. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich beim ersten Anblick über Ihr Aussehen erschrocken bin. Sie scheinen um Jahre gealtert, und diese auffällige Veränderung muß ich doch wohl dem Kummer über Ihren Verlust zuschreiben." „O, Maitland," entgegnete der Baron, „so schmerzlich mich auch der Abschied von dieser Heimstätte bewegt, wo ich geboren bin, so verliere ich damit doch nur etwas, was mir nicht rechtmäßig gehörte, und in meinem schönen Gute in Schlesien finde ich einen reichlichen Ersatz. Aber ich habe einen anderen Verlust erlitten, den ich nie verschmerzen werde. Das Glück des Lebens hängt nicht an Schätzen und Rittergütern, es gibt einen viel kostbareren Besitz, einen Besitz, der dem Aermsten vergönnt sein kann, mir aber versagt ist. Das höchste Gut des Menschen — ist wieder der Mensch!" „Ich glaube, ich verstehe Sie," sagte Maitland, da der Baron nicht weiter sprach. „Sie haben mich in diesem Punkte nicht zu Ihrem Vertrauten gemacht, aber nach dem, was Sie eben gesagt haben, könnte ich fast errathen, was Ihnen jene junge Dame war, in deren Gesellschaft ich Sie einst im Thiergarten sah. Es war nur eine flüchtige Begegnung; Sie ritten an der Seite einer offenen Equipage, in welcher zwei Damen saßen. Die eine, mit der Sie sich lebhaft unterhielten, war von jener sinnberückenden Schönheit, die uns wie ein Sonnenstrahl aus grauem Himmel berührt. Ich sehe sie noch vor mir mit dem dunkeln, wunderbar leuchtenden Auge —" Maitland brach ab, da Wolfgang ihm schmerzlich Schweigen zuwinkte. Aber für Maitland war es genug, um zu wissen, daß er den wunden Punkt getroffen hatte. Er trat an's Fenster, welches nach dem Parke hinausging, und sah eine Weile dem Spiele der gelben Blätter zu, die der Wind umherwirbelte. „Der Herbst macht mich stets schwermüthig," unterbrach er eine längere Pause, „er erinnert mich daran, wie manches Vergnügen ungekostet an mir vorüberge- schlüpft ist, wie wenige Freuden je zurückkehren, wie leer und hohl so viele Dinge waren, denen ich nachgetrachtet habe. Ich habe, um mich zu zerstreuen, alle Hülfs- quellen erschöpft, welche Berlin darbietet, aber ich fand, 507 daß alles nur eitel und alltäglich sei. Es gibt nur ein einziges Mittel, um das Herz neu aufzufrischen — und das ist das Reisen. So bin ich denn zu Ihnen gekommen, Baron, um Sie aufzufordern, mit mir eine Tour durch fremde Länder zu macken." Wolfgang blickte bei diesem Vorschlage auf, und ein mattes Lächeln erhellte sein Antlitz. „Wir können beide nichts Besseres thun," fügte Maitland hinzu, „als der traurigen Jahreszeit, die unsere Stimmung nur noch zu verdüstern geeignet ist, zu entfliehen. Die ganze Welt liegt vor uns. Lassen Sie uns zusammen vorwärtseilen durch die wechselvollen Scenen unseres Erdballs und nirgends länger weilen, als wo wir noch den Genuß in seiner vollen Frische haben können. Was sagen Sie? Wollen Sie mein Begleiter sein?" Die Lehre, daß der Mann jeden Kummer durch abwechselnde Aufregung betäuben könne, fand in Wolf- der alten Mauer des Kirchhofs, welcher zwischen dem Villenhofe und dem Dorfe lag, hatte sich der Schnee zu einem glitzernden Gebirge aufgehäuft; er wölbte sich zu hohen flaumigen Hügeln über den stillen Gräbern, und hatte sich auf Kreuzen und Denksteinen in dicken Klumpen festgesetzt, die ihnen das Ansehen unheimlicher Gebilde gaben. Von den weißen Gräberreihen hob sich eine Gruppe dunkler Menschengestalten ab, welche den Kirchhof eben verließen. Unter ihnen befand sich in voller Amtstracht der Pfarrer, welcher sich eben von einer jungen Dame verabschiedete. Ein enganliegender Pelzmantel verrieth die feinen Linien ihres schlanken Wuchses, ein Pelzbarett bedeckte das von goldblondem Haar umgebene Haupt, durch den silbergrauen Schleier schimmerte in sanftem Glänze ein blaues Augenpaar. Von der Dame wandte sich der Pfarrer an einen neben ihr stehenden Mann, dessen Riesengestalt in dem abgetragenen Paletot lu'! i "u.' I II - Jordanbad. gang's jetziger Seelenstimmung den fruchtbarsten Boden; er erblickte darin das einzige Mittel, den Gedanken an Felicitas zu verbannen. „Ich bin der Ihrige," entgegnete er, während sein Auge zum ersten Male wieder von jenem Feuer erhellt wurde, welches von der Lebhaftigkeit seines Geistes zeugte, „ich hatte mir zwar vorgenommen, mich in die Einsamkeit des Landlebens zu vergraben und mich ganz meinen Geschäften zu widmen; aber ich glaube, die Medicin, die Sie meinem kranken Gemüthe verschreiben, ist die heilkräftigere. Ich gehe mit Ihnen!" Der Weg zum Laster ist ein blumenreicher, geebneter Pfad, auf welchem es keine Hindernisse giebt, die unsere Schritte aufhalten. Wolfgang Hütte auf diesem Wege keinen gefährlicheren Führer finden können als Maitland, mit welchem er einige Tage später die Reise nach dem Süden antrat. XXXVI. Der Winter hatte über das bunte Farbenspiel des Herbstes eine dicke, glänzend weiße Decke gebreitet. Auf und dem schäbigen Cylinderhute von der eleganten und zarten Erscheinung seiner Begleiterin seltsam abstach. Der geistliche Herr reichte ihm die Hand, sprach noch ein paar herzliche Trostesworte zu ihm und ließ dann beide auf dem Kirchhofe zurück. Die junge Dame war die neue Herrin des „Villen- hofs," Melanie Nettberg, ihr Begleiter war Nölling, dessen Mutter man soeben begraben hatte. Der Baron v. Sturen hatte, ehe er den Villenhof verließ, die Bewohnerin des „Btrkenhäuschens" dem Schutze und der Fürsorge Melanies empfohlen, und diese nahm sich der alten Frau liebevoll an. Nach längerem Krankenlager war die alte Frau unter Melanies pflegender Hand verschieden. Auf die Todesnachricht war der Sohn gerade noch rechtzeitig angelangt, um dem Begräbniß beiwohnen zu können, und erst am kaum geschlossenen Grabe hatte er Gelegenheit gefunden, der jungen Herrin des „Villen- hofs" für alles, was sie an seiner Mutter gethan, zu danken. Eben war er im Begriff gewesen, sie zu dem zwei- 508 spännigen Coups zu begleiten, welches vor der Kirchhofspforte hielt, als sie den Wunsch äußerte, ein paar Worte mit dem Todtengräber zu sprechen. Rölling holte ihn herbei, und Melanie trug ihm auf, Frau Röllings Dann fügte sie Grab in gutem Stand zu erhalten hinzu: „Im Jahre 1870 ist ein französischer Offizier mit Gattin und Kind hier bestattet worden. Können Sie mir die Ruhestätte zeigen?" Diese Worte hatten bei Rölling eine Bewegung der Ueberraschung hervorgerufen. Er tauschte einen ernsten Blick mit Melanie, welcher sagte, daß beide einander verstanden. Der Todtengräber ging voraus. Vor einem der Schneehügel blieb er stehen und deutete mit der Hand auf ein eisernes, vom Roste angefressenes Kreuz, auf welchem sich nur mühsam noch die verwitterte Inschrift entziffern ließ: „Capitain Alphonse Bourdin, Irma Bourdin." Melanie weilte einige Minuten an dem Orte und schien tief bewegt. „Ich wünsche," wandte sie sich an den Todtengräber, „daß auch auf diese Ruhestätte besondere Sorgfalt verwendet werde. Sobald das Frühjahr kommt, werde ich mit Ihnen besprechen, was dafür geschehen soll." „So wissen Sie also — ?" fragte Rölling mit einer gewissen Befangenheit, während er an Melaniens Seite wieder dem Ausgange des Kirchhofes zuschritt. ,,Ja, Herr Rölling," entgegnete sie in einem Tone, in welchem eine zarte Schonung lag, „Ihre Mutter hat kurz vor ihrem Tode in meiner und des Pfarrers Gegenwart durch ein reumüthiges Bekenntniß ihr Gewissen erleichtert, aber damit freilich auch das meinige mit einer schweren Verantwortlichkeit belastet," fügte sie unter einem bangen Seufzer hinzu, „denn das Gestündniß legt mir eine harte Pflicht auf, welche für eine Person, die ich sehr liebe, von verhängnißvollen Folgen sein wird." Rölling schwieg betroffen. Als Melanies Wagen erreicht war, entblößte er sein Haupt, um sich von ihr zu verabschieden. „Nein, Herr Rölling," sagte Melanie freundlich, „so scheiden wir nicht von einander. Bitte, begleiten Sie mich." Sie nöthigte ihn, zu ihr in den Wagen zu steigen, welcher bald darauf den Villenhof erreichte. Unterwegs hatten beide, jedes mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, kaum einige Worte gewechselt. Zu Lause angelangt, ließ Melanie ihren Gast in ein behagliches, angenehm durchwärmtes Zimmer führen. Es war Spätnachmittag, und bereits begann es zu dunkeln. Als nach einer Viertelstunde Melanie in einfacher Haustoilette eintrat, gefolgt von einem Diener, welcher eine brennende Lampe trug, da war es dem sie Erwartenden, als ob Ein Freund in der N»ts die freundlich sich über das Zimmer verbreitende Helle von dem schönen Mädchen selbst ausstrahle, wie von einer höheren Erscheinung. „Ich bin glücklich," begann Rölling, als beide wieder allein waren, „noch einmal Gelegenheit zu haben, Ihnen - 509 — für die hingebende Pflege, womit Sie die letzten Tage meiner armen Mutter verschönt haben, danken zu können. Aber ich habe auch eine heilige Schuld der Dankbarkeit abzutragen, die mich selbst angeht. Sie haben mir meine Freiheit gerettet und sogar mehr als das." M „Hätte man mich in's Zuchthaus gesteckt," fuhr Rölling fort, „so wäre ich wahrscheinlich als derselbe verdorbene Mensch wieder herausgekommen. Als ich Sie aber in der Gerichtsverhandlung vor Staatsanwalt und Richter stehen sah, fest entschlossen, sich lieber einer entwürdigenden Strafe auszusetzen, als einem Elenden, wie ich bin, Ihr Wort zu brechen, da sagte ich zu mir selber: komme ich glücklich davon, so will ich ein anderes Leben führen, um diesem Engel zu zeigen, daß der bessere Geist in mir noch nicht erstorben ist. Ach l in mir lag nie der Trieb zum Bösen; die grausame Härte der Menschen, die erbarmungslose Strenge der Gesetze haben mich erst zum Verbrecher gemacht." „Niemand weiß besser als ich, daß Sie edler Regungen fähig sind," erwiderte Melanie. „Ich habe oft über den Widerspruch in Ihrer Natur nachgedacht. Vielleicht löst sich mir dieses Räthsel, wenn Sie mir die näheren Umstände Ihres Lebens mittheilen." „Wenn es in der Welt ein Wesen giebt, von dem ich nicht verkannt sein möchte, so sind Sie es," sagte Rölling. „Ich will Ihnen nur die nackten Thatsachen berichten, die aber genug sagen werden .... Man nennt mich unter meines Gleichen den „Ulan," weil ich bei den Garde- Ulanen stand. Als solcher machte ich den Krieg gegen Frankreich mit. Zweimal wurde ich schwer verwundet, aber mein Herz schlug warm für das Vaterland; kaum halb von meiner Wunde geheilt, eilte ich immer wieder meiner Fahne nach. Meine Mutter hatte mir in ihrem letzten Briefe mitgetheilt, daß sie im Begriffe sei, nach Amerika auszuwandern. Nach dem Kriege solle ich ihr nachkommen, schrieb sie, die Reisemittel würde ich von dem Advokaten Teßner erhalten. Ich hatte aber bereits einen andern Lebensplan. Ich liebte ein wackeres Mädchen, das mich im Lazareth verpflegt hatte, und als der Krieg beendet war, wurde sie meine Frau." „ der Noth. Von^Eja rl Reichert. (Fortsetzung folgt) sich und beugte sein Haupt auf Melanies um sie ehrfurchtsvoll mit seinen Lippen zu Er erhob Hand herab, berühren. „O,^nicht doch, nicht doch!" rief Melanie, „ich habe ja nur das Versprechen gehalten, das ich Ihnen gab." Goldkörner. Entweder große Menschen oder große Zwecke muß ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Weltecken gelegen. Jean Paul. -—b v -- 510 Fischen. — Burgberg. (Nachdruck verboten.) (Mit Illustrationen nach Photographien von I. Heimhuber in Sonthofen und Jmmcnstadt.) 1. Fischen. Fischen wird schon sehr früh erwähnt. Nach Baumann*) schon im Jahre 860 unter dem Namen Vis- irinAuir. In einem Vertrage v. I. 905 I^lcino; in einem solchen von 1182 kisoina; ferner ViMlii i. I. 1433; tUlconAg, 907. Fischen gehörte zum Alpgau, zu dem es von 912 an ständig gerechnet wird und als dessen Cente, d. i. Untergau, es sich sogar bis 1806 erhält. Vom Jahre 1179—1182 hatte das Kloster Füssen sein Präsentationsrecht zur Kirche Fischen gegen den Edlen Adilbert von Nettenberg, der die Vogtei über diese Kirche ausübte, zu verfechten. Die Fischinger Kirche wurde 1126 eingeweiht. Einige Zeit vor 1170 hatte das Kloster zu Kempten das Eigenthumsrecht an die Kirche zu Fischen. Auch das berühmte Kloster Allerheiligen zu Schaffhausen hatte zu Fischen Besitzungen von ungefähr 1100 bis1479.AmSchlusse des Mittelalters waren die Grafen von Rotenfels im Besitz der Herrschaft über Fischen. Nach Rudolf von Habsburg war Rotenfels und damit Fischen an die Herren von Schellen- berg gekommen, die aber im 14. Jahrhundert ihre Besitzungen im Allgäu veräußern mußten; damit kamen Rotenfels und Fischen an die Tettnanger Linie des Montfort'schen Hauses, dessen Sprossen sich seit 1440 geradezu „Grafen von Montfort zu Rotenfels" nennen. Die Pfarrei Fischen, die jetzt 1800 Seelen zählt, war seinerzeit sehr ausgedehnt. Wie schon oben bemerkt, wurde die Kirche schon 1126 eingeweiht, das Benesizium 1446 gegründet. In die Pfarrei Fischen, die zum Bis- thum Konstanz zählte, gehörten sogar einige Dörfer des Walserthales (z. B. Mittelberg). (Eine andere Anzahl gehörte zu Oberstdorf und damit zum Btsthum Augsburg.) Diese Gemeinden des Walserthales trennten sich jedoch von Fischen mit Zustimmung der Herren von Heimenhofen, welchen der Kirchensatz zu Fischen zustand, und des Fischener Pfarrers, welche Trennung Bischof Burkard von Konstanz im Jahre 1391 bestätigte. Auch Tiefenbach gehörte zu Fischen, trennte sich aber wegen der großen Entfernung und der damit verbundenen Beschwerden mit Genehmigung der Grafen von Montfort zu Rotenfels und des Fischener Kirchherrn Sigmund von Heimenhofen als eigene Pfarrei von Fischen i. I. 1499. Die Namen der jeweiligen Pfarrer sind bekannt von 1390 an; der erste ist Bertholdus Wisches. Nach diesen historischen Daten über das Fischen der Vergangenheit wollen wir übergehen zum Fischen der Gegenwart. Fischen liegt so ziemlich in der Mitte zwischen Sonthofen und Oberstdorf und darf sich rühmen, von allen Kennern des Allgäu's als der schönstgelegene Ort des oberen Jllerthals gepriesen zu werden. Es ist ringsum von einem Bergkranz umgeben, nach Süden hin ist fast ; die ganze Allgäuer Bergkette sichtbar, nach Osten hin der höchstens von dem eine Viertelstunde westwärts entfernten hochgelegenen Maderhalm etwas umfassendere großartige Blick auf das Gaisalpthal mit Entschen- und Wengen- kopf, Rubi- und Nebelhorn, im Westen Riedbergerhorn und die Bolsterlangerberge, und im Norden bildet den Abschluß der Rigi des Allgäu's, der 1741 Meter hohe Grünten. Schöne Spaziergänge in der Nähe, schattige Wege vom Verschönerungsverein angelegt. Ausgezeichnete Bahnverbindung sowohl nach Oberstdorf wie Sonthofen. Fischen selbst liegt 758 Meter über dem Meer, ist ein großes, schönes Dorf mit etwa 500 Einwohnern und über 70 Häusern, deren Nettigkeit und Sauberkeit von innen wie von außen sehr wohlthuend berührt. Fischen besitzt eine bedeutende mechanische Weberei, die lauter einheimische Mädchen oder solche der nächsten Umgebung beschäftigt, Handel und Gewerbe ist sehr vertreten, gute Gasthöfe („Kreuz", „Löwe", „Alpenrose"), in denen der Fremde auch bei großenAnsprüchen mit Kost und Verpflegung zufrieden sein kann. Auch inPrivathäusern ist in der letzten Zeit viel zur Bequemlichkeit der Fremden geschehen. Badegelegenheit bietet das 10 Minuten entfernte Mineralbad Au. Die schöne Lage Fischens, der angenehme und dabei im Verhältniß zu vielen überflutheten Sommerfrischen doch ruhige Aufenthalt dringt denn auch in immer weitere Kreise. Fischen, das vor wenigen Jahren noch fast keinen Fremdenzufluß kannte, sieht von Jahr zu Jahr die Zahl seiner Sommergäste wachsen und hat auch in dieser Saison eine namhafte Mehrung zu verzeichnen. 2. Burgberg. Wer von Jmmenstadt aus per Bahn nach Sonthofen fährt, erblickt einige Male durch Lücken des die Jller umgebenden hohen Gebüsches das Pfarrdorf Burgberg, gar lieblich in einer durch den Grünten gegen Südwesten gebildeten heimlichen Ecke gelegen. Der Ort Burgberg zählt z. Z. circa 700 Seelen. Bis zum Jahre 1750 war Burgberg eine Filiale — wohl die größte — von Sonthofen. Damals schon wohnten in 80 Häusern 450 Menschen. In diesem Jahre stifteten der Hochw. Hr. Joh. Bapt. Bechteler, hochfürstl. augsburgi- Fischen. *) Dr. F. L. Baumann, Geschichte des Allgäus. 511 scher geistl. Rath und Fiskal, des löbl. Collegiatstiftes St. Gertrud in Augsburg Canonicus, ein geborener Sonthofener, und der Pfarrer und Kapitelskammercr von Burggen, Hr. Licentiat Tiberius Bach, ein ehemaliger Sonthofener Kaplan, in Burgberg ein Benefizium. Ersterer schenkte 7000, letzterer 1000 fl. zu diesem Zwecke. Es geschah dies, um einerseits die Arbeitslast der beiden Sonthofener Geistlichen zu vermindern, dann aber namentlich, um dem Wunsche der Burgberger, „welche schon Ville Jahre hero nichts eifriger gesucht, als daß in diesem orth ein aigener Ouratus aufgestellt werden möchte", zu entsprechen. Doppelt nothwendig sei diese Benefiziumsstiftung, da beim Erzgraben und Holzfällen Unglücksfälle vorkommen könnten und dies die Nähe eines Geistlichen sehr wünschenswerth erscheinen lasse. Kirche und Benefiziaten- wohnung herzustellen, übernahm die Gemeinde Burgberg, und verpflichtete sich überdies noch, einen Widdum zum Unterhalte für 2—3 Stück Vieh und das nöthige Brennholz dem Benefiziaten zu erstellen. 1752 erhielt Burgberg den ersten Benefiziaten in der Person des Hochw. Herrn ThomasNeuberg, welcher dieseStelle vierzig Jahre inne hatte und 1792 hochbetagt eines plötzlichenTodes starb; so berichtet die links der Kirchenthüre über seinem Grabe angebrachte Gedenktafel. Schon 1795 suppli- cirten die Burgberger um Errichtung einer Pfarrei, welchem Ansuchen, obwohl es sehr gut begründet war — Burgberg müsse schon früher eine eigene Seelsorgstelle, wenn nicht gar eine Pfarrei gewesen sein, gäbe es ja im Oesch seit Alters her viele Pfarrfelder, im Orte selbst einen gut gestifteten Meßner mit eigenem Haus — Seitens des Ordinariates Augsburg auf Andringen des damaligen Pfarrers Hör- mann von Sonthofen keine Folge gegeben wurde. Endlich 1803 war das Streben der Burgberger von Erfolg gekrönt. Das Benefizium wurde mit der uralten Pfarrei Agathazell vereinigt, und so entstand die Pfarrei Burg- berg-Agathazcll. Agathazell, Häusser und Ortwang, jeder Ort ungefähr 60—70 Seelen zählend, wurden Filialen der neuerrichteten Pfarrei. Als erster Pfarrer ist Andr. Metz genannt. Damals zählte die neue Pfarrei bereits zwischen 7- und 800 Seelen, während sich zur Zeit die Seelenzahl auf nahezu 1000 beläuft. 1835 wurde, um an Sonn- und Feiertagen eine Frühmesse zu haben, eine Kaplanei gestiftet, die aber des herrschenden Priestermangels wegen gegenwärtig leider nicht besetzt werden kann. Die Lage Burgbergs ist, wie bereits oben angedeutet, sehr schön, das Klima mild, da Nord- und Ostwinde keinen Zugang haben. Wenn Wohnungen vorhanden wären, würde sich Burgberg wie wenig andere Orte zu kurzem Sommeraufenthalte eignen. Zum Mindesten aber lohnete sich das Besteigen des Grünten gar sehr. Unerklärlicher Weise wurde dieser Berg, der bayerische Rigi genannt, eine Zeit lang Seitens der Fremden viel zu wenig berücksichtigt; in den letzten Jahren aber hat sich die Sache erfreulicher Weise gebessert. Möge kein Besucher des oberen Jllerthales es versäumen, den nicht sonderlich beschwerlichen Anstieg des Grünten zu wagen; die Aussicht ist eine sehr lohnende, sowohl in's Gebirge als auch in's Land. Ziemlich nahe der Spitze befindet sich ein prächtiges Hotel, wo für Speise und Trank, gute Quartiere und überhaupt alle Bequemlichkeiten aufs beste Sorge getragen ist. In Burgberg selbst gibt es mehrere nette Gasthäuser, von denen namentlich das zum „Löwen" angelegentlichst empfohlen werden kann. —SÄ8X8SS- Erinnerungen an Jordanbad. (Hiezu das Bild Seite 507.) II. Dreiviertel Stunden südsüdöstlich von der Württembergischen Oberamtsstadt Biberach, an der Bahnlinie Ulm— Friedrichshafen, liegt an einem sichten- und buchenbewachsenen Hügel überaus idyllisch hingelagert das Jordanbad, dessen Geschichte zwar auf mehr als sechs Jahrhunderte zurückreicht, das aber erst in neuerer Zeit weithin Klang und Zugkraft erhalten hat, wildem es zu einem „Kneippbad" eingerichtet worden ist. Wohl wird auch noch die alte Mineralquelle benützt und aus ihrem eisenhaltigen Wasser mittelst eines „Verede- lungs"-Verfahrens ein sehr angenehm schmeckender Säuerling aew on- nen; aber diese Quelle, die der Sage nach einem aus Palästina heimkeh- kehrenden Kreuzzugs- Ritter Heilung gespendet und von ihm in from- merErinnerung mit dem Namen „Jordan" benannt worden sein soll, spielt keine Rolle mehr. Das Agens, das heute das Jordanbad belebt und zum Zielpunkt hellbedürftiger Menschen macht, ist reines Quellwasser, gesammelt in Hochrefervoirs im schattigen Hügelwald, das mit 6 Grad Frische in reicher Menge das prächtig eingerichtete Bad speist und in unverfälschter „Methode Kneipp" den Badegästen applicirt wiid — nach den Anordnungen des ausgezeichneten Badearztes Herrn Dr. msä. Stützte, eines der ersten, oder wenn wir nicht irren des ersten medizinischen Jüngers, der sich der Hydropathie nach Kneipp'schen Ideen zuwandte. Seine vorsichtige und doch sichere Behandlung der Leidenden, die aufmerksame und eingehende Sorge, d,e er jedem Einzelnen zuwendet, gewinnen ihm sofort das Vertrauen der Badegäste, und — auch das mag erlaubt sein zu sagen — die wahrhaft überbescheidenen Ansprüche, die seine Deseroitenrechnungen an die Kasse der Gäste machen, beweisen, daß ihm sein Beruf etwas mehr ist, als eine Quelle des Erwerbes. Also zum Jordanbad I Nachdem wir in Ulm die Fahrt unterbrochen und das prächtige, aber in seinen Gesammtmaßverbält- nissen doch nicht ganz befriedigende Münster besichtigt hatten, fuhren wir mit der „schwäbische Eisebahn" durch die wiesbau- reichen Gefilde des Rißthales nach der alten, freundlichen Reichsstadt Blberach. Dort erwartete uns der comfortable Bade-Hotel- wagen, der in kurzer Zeit unser somalisches Dasein „nach dem Jordan" (so lautet der ortsübliche Ausdruck) spedirte. „Franz", der würdige Oberkellner mit grauen Haaren und Barttoilette L Is. F> anz Josef, geleitete uns sofort zum Badearzt, der auch über die Unterbringung der Gäste verfügt. Um jenen Menschenkindern, die an einer unheilbaren Aversion gegen Durgderg M-M -»Mit l->"v«t. 512 „Schwalbenschwänze" leiden, nicht von vornherein die Freude am „Jordan" zu verderben, sei gleich bemerkt, daß „Franz" der Einzige seiner Species lovo oitato ist und seine Unterkellner — lauter sittsame schwäbische Jungfrauen sind, angefangen von der Philippine, die uns im zweiten Stockwerk des Kurhauses bediente und in der Kapelle des Kurortes des Sonn- und Feiertages gar fürtrefflich ihre treffsichere Stimme in den Dienst der musiea saora stellt, bis zu all den anderen Jungfrauen, die im Kur- und Badehaus, in Feld und Wirthschaft eifrig ihrer Pflicht obliegen und alles in größter Ordnung und Sauberkeit erhalten — wie sich all das geziemt für ein Etablissement, das den ehrwürdigen Franziskanerinnen von Reutte (Württemberg) gehört. Nach mannigfachen Schicksalen, die der „Jordan" im Laufe der Jahrhunderte hatte, war die Heilstätte schließlich — Dank der Munificenz des fürstlichen Hauses Wolfcgg — in den Besitz dieser Congrcgation übergegangen (1887) und Gottes Segen ruht sichtlich auf diesem Besitz, der unter der Leitung der dermaligen Frau Oberin eine ungeahnte Verschönerung durch Neubauten und prächtige Gartenanlagen erfuhr. Da ist neben dem alten Badehause — mit seinem neuangebauten Flügel, der parterre die vorzüglich eingerichteten Baderäume und im 1. Stock Fremdenzimmer enthält —, ein stattliches, mit neuzeitlichem Comfort reich ausgestattetes Kurhaus. In demselben befinden sich im Hochparterre u. A. die Amtszimmer des Badearztes und im 1. Stock ein hübscher Lesesaal mit Balkon Vom Parterrecorridor gelangt man in den Pavillonbau mit geräumigem, elegantem Speisesaal für jene Kurgäste, welche die Verpflegung I. Klasse gewählt haben.*) Daneben befindet sich ein zweiter Saal mit Billard. Das Kurhaus liegt auf einer Terrasse des schon erwähnten Waldhügels, welcher durch reiche Teppichgärtnerei geschmückt ist und mit dem darunter liegenden großen Garten — darin prächtige Rosencultur — und den grünenden, von Hügeln weithin begrenzten Gefilden des Umlach- und Rißthales dem Auge einen gar lieblichen Anblick bietet. Ueber die Gefilde hin schweift der Blick auf die nahegelegene Pfarrei Ummendorf (Bahnstation), wo der geschichtsgelahrte und weitgereiste Pfarrherr Dr. Hofele in einem ehemaligen Schlosse residirt und mit größter Liebens. Würdigkeit den Jordan-Gästen die Schätze seiner Sammlungen zeigt. Links von Ummendorf winkt der Kreuzberg freundlich herüber, auf dem — eine Schöpfung Dr. Hofele's — eine kleine Kuppelkirche thront, eine vielbesuchte Stätte der Andacht. Ein „Kreuzweg" mit geschnitzten und gemalten Stationen führt zur Grabkirche hinauf, welche mit hübschen Gemälden von den Kunstmalern Fugel und Locher (München) geschmückt ist. Auf der anderen Seite der Thalweitung grüßt von der Höhe das Dörfchen Rissegg herab, in dem einst der jetzige Hr. Bischof vr. Haffner von Mainz als Vicar von Biberach aus die Seelsorge versah. Ein uraltes Kapellchen mit Holzvorbau reiht sich nach Westen an das Kurhaus an. Es genügte dem Bedürfniß längst nicht mehr und ist diesem nun durch einen prächtigen Neubau abgeholfen, den die „Schwestern" in den letzten Jahren aufführen ließen. Nach den Plänen des Herrn Domvicars Dengler von Regensburg erstand das neue Klostergebäude mit stattlicher Front, das im westlichen Theil die Behausung der Schwestern, im östlichen die Kirche enthält und beide Theile unter einem Dache in ebenso praktischer als stilistisch glücklicher Werfe vereint. Der Stil ist romanisch und das Innere der Kirche, die polychrom ausgemalt ist, überaus stimmungsvoll. Am 7. Juli d. I. wurde zum ersten Male das hl. Opfer in diesem schönen Gotteshause gefeiert. Erwähnen wir noch das Wirthschaftsgebäude mit dem Speisesaal für die Kurgäste der II. Pensionsklasse und die stattlichen Oekonomiegebäude mit herrlichem Milchvieh und 6 prächtigen Pferden für den landwirthschaftlichen Betrieb und die KuranstaltsEquipagen, so haben wir alle die Gebäude aufgeführt, welche zusammen das „Jordanbad" bilden. Doch sei noch einer langen gedeckten Wandelbabn gedacht, in welcher sich auch eine Kegelbahn befindet. Die Wandelbabn ist heizbar und da auch Bade- und Kurhaus mit Centtaldampfheizung versehen find, so eignet sich Jordanbad auch sehr für Kuren im Winter und hat auch thatsächlich schon die letzten paar Winter Kurgäste gehabt. (Schluß folgt.) Eine Front-Ansicht des Jordanbades gibt unser heutiges nach einer Photographie hergestelltes Bild, das aber, wie die Photographie, leider die hübsche, terrassenförmige Lage nicht recht *) Die Preise sind für Verköstigung (Frühstück, Mittag- und Abendtisch excl. Getränke) I. Klasse 3 M., II. Klasse 2M., für Wohnung (bessere Zimmer) 1—3 M. zur Geltung bringt. — Wer sich eingehender über „Jordan" orientiren will, dem empfehlen wir aus Wörl's Reisehandbüchern das Heftchen „Führer durch Jordanbad und Umgebung" (Verlag von Wörl in Würzburg. Preis 50 Pfg.). —-S2LWÜ-S- Giu Freund in der Noth. (Zu unserem Bild Seite 508 und 509.) Es waren einmal drei Vierfüßler, gar arge Bösewichte von Hunden, der Mops, der Schnauz und der Dackl, das waren recht lose Gesellen, die es besonders auf die kleinen Hündchen abgesehen. Wo immer nur der Zufall eines in ihre Nähe führte, ging die Hetze los. Wehe dem Thierchen, daß sich ihr Hänseln, Scherzen und Necken nickt gefallen lassen wollte, da gab's schließlich auch noch Stöße, Püffe und — Bisse. So wäre es heute fast auch dem kleinen „Auch" gegangen. Aber da kam zur rechten Zeit noch Amh's alter Freund, derHektor, der den Bösewichten nicht wenig Respekt einflößte Da steht nun das verblüffte Kleeblatt und getraut sich nicht mehr zu mucksen. Amy aber ist nicht wenig froh, daß er seine Peiniger mit einem Male losgeworden, und mit Recht, denn der Hektor fürchtet die drei losen Burschen alle zusammen nicht. --^-SlNS-- Allerlei. Fatal. A.: „Warum ist denn die Verlobung des Professors zurückgegangen?" — B.: „Nur wegen seiner schrecklichen Zerstreutheit. Will er da seiner Braut eine Schachtel mit einem schönen Nosenbouquet senden, vergißt aber das Bouquet hineinzulegen und schickt bloß die leere Schachtel mit der Inschrift: Dein Ebenbild!" * Studio sin der Wirthschaft zu einem Philisters: „. . . Was, Ihnen sind die Studenten zu gering? Mein Herr, wenn ich will, so dreht sich die ganze Welt um mich!" * Aus der Kaserne. Feldwebel: „..Also Sie sind an der Universität ... wie sagten Sie doch?" — Einjähriger: „Jmmatrikulirt!" Feldwebel: „Na ja, ganz richtig! . . . Wir sagen da ganz einfach geimpft!" Bescheidener Wunsch. Der kleine Fritz szum Onkelj: „Ach, Onkel, wir haben morgen Kindermasken- fest ... sei so gut und leih' mir Deine rothe Nase!" - I—«- Aitder-Käthser. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 62: Weiß. Schwarz. , S. L5 06 (06) f K. V6-05 2. B. L2-LL j- Matt. --EZS- Augsburgrr Postzeitung ^ 67. Ireitag, den 17. August 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Haas L> Gradderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Im Laune aller Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Sie waren also verheiratet?" fragte Melauie überrascht. „Ich war verheiratet, und mein Weib schenkte mir einen prächtigen Jungen. Ja, ich habe das Glück des Familienlebens gekannt, aber ich sollte es nnr kurze Zeit genießen. Warum meine Mutter so plötzlich vorn Auswandcrungsfieber befallen worden war, woher sie die hierzu erforderlichen Geldmittel nahm und mit welchem Rechte ich von dem Advokaten Teßner das Geld zu der weiten Reise verlangen konnte, das alles war mir damals unerklärlich, mir war weiter nichts bekannt, als daß meine Mutter vor ihrer Verheiratung bei dem Advokaten als Wirtschafterin gedient hatte. Sie wissen so gut wie ich, welchen Dienst sie ihm erwiesen hat, als ich im Kriege war; er hatte es zur Bedingung gemacht, daß sie das Geld, durch welches er sie bestach, in Amerika verzehre, denn er wollte sich die Mitwisserin eines so gefährlichen Geheimnisses vom Halse schaffen; er fürchtete auch, daß meine Mutter mir die Sache gelegentlich ausplaudern könnte, und um uns beide für immer voneinander zu trennen, log er mir vor, meine Mutier sei während der Ucberfahrt nach Amerika gestorben; ihr selbst aber hat er geschrieben, ich sei meiner letzten Verwundung erlegen. Bis vor einigen Monaten haben wir einander für todt gehalten. Erst durch einen meiner berüchtigten Genossen, der sich nach Amerika flüchten mußte und dort zufällig mit meiner Mutter zusammentraf, erfuhr sie, daß ich am Leben sei; ihr letztes Geld zusammenraffend, eilte sie nach Deutschland zurück und schloß ihren todtgeglaubten Sohn, den sie in einer ihr bezeichneten Verbrechcrkneipe fand, in demselben Augenblicke in die Arme, wo dieser die Kunde erhielt, daß die Häscher hinter ihm her seien . . . Bald nach meiner Verheirathung war ein Verwandter meiner Frau gestorben und hatte sie zur Erbin eines nicht unbedeutenden Vermögensantheils eingesetzt. Die betreffende Testamentsklausel wurde jedoch von den anderen Miterben angefochten. Teßner, an den wir uns wandten, erbot sich, den Prozeß für uns zu führen und alle Kosten auszulegen. Als Lohn beanspruchte er freilich nicht weniger als zwei Drittthetle der Erbschaft für sich, aber da er darauf schwor, daß meine Frau den Prozeß gewinnen müsse, so nahmen wir sein Anerbieten an und verschrie» ben uns ihm beide mit Haut und Haaren. Aber der Prozeß zog sich jahrelang hin, und die letzte Entscheidung fiel zu Ungunsten meiner Frau aus. Der habsüchtige Advokat klagte die bedeutende Kostensumme, die er verauslagt hatte, gegen uns ein und bediente sich schonungslos all der harten Machtmittel, welche daS Gesetz einem Gläubiger einräumt. Ich war Schieferdecker und hatte mit der kleinen Ersparniß, welche meine Frau mir mit in die Ehe gekrackt, in Berlin ein eigenes Geschäft errichtet, das uns recht und schlecht nährte. Alles, bis auf die unentbehrlichsten Werkzeuge, wurde mir gepfändet, mein Geschäft war ruinirt. Zuletzt wurde auch der Hauswirth, dem ich die letzte Miethe hatte sckuldig bleiben müssen, ungeduldig; er ließ uns alles nehmen, was uns noch zu nehmen war. Es war ein giftiger Winter, der viele schlimme Krankheiten mit sich brachte. Auch meine Frau und mein Kind lagen darnieder, aber das Gesetz, welches die Berliner Hausbesitzer in seinen besonderen Schutz nimmt, kannte keine Sckonung: meinen beiden armen Kranken wurden die Veiten unter dem Leibe weggepfändct. In der feuchten Kellerspelunke, in der ich mit den Meiuigen Unterkunft suchen mußte, starb erst mein Kind und bald darnach merne Fran auf einem elenden Strohsacke . . . Der besitzenden Klaffe mag der Staat als eine sehr moralische Anstalt erscheinen, mir aber kamen ganz andere Gedanken darüber. Ich hatte für den Staat, als er in Gefahr war, mein Blut vergossen, und er schickte mir dafür, als ich im Unglücke war, seine Executoren über den Hals. Die Moral des Staates hatte die meinige vergiftet, ich war erbittert bis in's Mark. Für mich waren Tugend und Recht leere Begriffe geworden. Zeitweise ohne Arbeit, war ich durch meine Armuth genöthigt, zur Befriedigung meiner Leibesbedürfniffe billige und schlechte Lokale zu besuchen. Dort kam ich mit Leuten aus der Verbrecherwelt zusammen. Sie ließen mich das baare lachende Geld sehen, welches ihr Geschäft ihnen abwarf; ich begann an der anscheinend so mühelosen Laufbahn des Verbrechens Gefallen zu finden, und als ich einst vier Tage lang hatte fasten müssen und dem Hungertode nahe war, warf ich meine letzten Bedenken von mir und betheiligte mich an einem Diebstahle. Ich ward dabei ergriffen, vor Gericht gestellt und in's Gefängniß gesteckt. Während meiner Strafzeit bereute ich meinen Fehltritt und nahm mir fest vor, nie wieder auf 514 den Weg des Lasters zurückzukehren. Aber wo ich auch anklopfte, um ehrliche Arbeit zu suchen, überall scheute man davor zurück, einen bestraften Verbrecher in Dienst zu nehmen. Einmal zu den schlimmen Genossen zurückgekehrt, wurde ich von diesen nicht mehr aus den Fingern gelassen. So bin ich auf dem Wege des Verbrechens fortgeschritten, und nichts vermochte mich mehr aufzuhalten, es hätte denn ein Engel sein müssen. Und dieses Wunder geschah wirklich: der Engel waren Siel Und wären Sie auf Erden das einzige Wesen, in dem noch Tugend nnd erhabene Selbstverleugnung wohnt, um Ihretwillen allein schon lohnte es sich, den Weg des Guten zu wandeln. Niemals habe ich wieder meine Hand nach unrechtem Gute ausgestreckt." Melanie hatte mit tiefer Bewegung zugehört. Als Rölling schwieg, saß sie noch lange stumm vor ihm und hielt das Antlitz mit der Hand bedeckt. „Und wovon fristen Sie jetzt Ihr Leben, Herr Rölling?" fragte sie endlich. Er lächelte trübe. „Ich arbeite, wenn es Arbeit giebt. Sehnsüchtig blicke ich des Morgens gen Himmel, ob er nicht einen tüchtigen Schneefall in die Straßen Berlins Herabschicken werde, — darüber freue ich mich stets wie ein Kind über eine Weihnachtsbescheerung, denn da giebt es mit Schaufel und Spitzhacke ein Stückchen Geld zu verdienen, was oft auf viele Tage reichen muß." Melanie blickte ihn mit dem Ausdruck schmerzlichen Mitleids an. Dann trat sie entschlossen auf ihn zu. „Es wäre eine Sünde, ein Verbrechen," sagte sie, „wollte ich Sie in Ihre traurigen Verhältnisse zurückkehren lassen. Sie stehen von dieser Stunde an in meinen Diensten. Welche Beschäftigung würden Sie sich hier wohl wünschen?" „O, jede Arbeit, die Sie mir anweisen, werde ich mit Freude verrichten," rief Nölling, während es in seinem Auge hell aufleuchtete, „machen Sie mich zum untersten Ihrer Hirten oder vertrauen Sie mir Millionen ungezählt an — ich werde mein Amt treu und rechtschaffen verwalten." Melanie versank in ein kurzes Nachsinnen. Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen. „Ich nehme Sie beim Wort," sagte sie ernst, „ich vertraue Ihnen das Theuerste an, was ich besitze - meinen Bruder." „Er ist nicht hier, vermuthe ich?" „Er muß feiner angegriffenen Gesundheit wegen den Winter über in einem milden Klima verbringen und hat seit einiger Zeit eine Villa bei Monte Carlo bezogen, wo sich die berüchtigtste Spielhölle Europäs befindet. Ich fürchte, daß er seine Gesundheit vernachlässigt und seiner Leidenschaft fröhnt. Ich kann ihm leider nicht 7'ir Seite stehen, um ihn zu überwachen, denn eS war eine seiner ersten Maßnahmen, den zuverlässigen und erfahrenen Mann- welcher dieses Gut bisher verwaltete, zu entlassen. So bin ich denn an die Scholle gebannt und muß selbst nach dem Rechten sehen, so gut ich es vermag. Wenn ich zu Jemand das Vertrauen habe, daß er meinem Bruder ein warnender Freund, ein treuer Berather sein würde, so sind Sie es, Herr Rölling. Ich glaube, daß Sie größeren Einfluß auf ihn besaßen, als ich, daß Sie von diesem Einfluß nur im besten Sinne Gebrauch gemacht haben." „Das that ich stets, denn ich wollte nicht, daß er so tief fallen sollte wie ich," erwiderte Rölling. „Ob er aber auch jetzt noch auf mich hören wird, ob er als reicher Mann sich nicht des Umgangs mit einem ehemaligen Verbrecher schämen wird, wenn dieser auch nur in dem Verhältniß eines schlichten Dieners zu ihm steht, ist eine andere Frage. Ich werde aber mein Möglichstes thun, um mich Ihres großen Vertrauens würdig zu zeigen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für alles, was Sie an mir gethan haben, danken soll!" „Wenn Jemand Ursache hat, dankbar zu sein," entgegnete Melanie, „so bin ich es, denn ich betrachte es als eine große Gnade Gottes, daß er mir die Mittel gegeben hat. Anderen zu helfen, wie auch ich in der trostlosesten Lage meines Lebens einen Retter fand." Rölling bemerkte, wie ein Schatten über ihr schönes Antlitz glitt, während ihre Hand unwillkürlich nach dem Herzen griff, als ob die Worte, welche sie eben gesprochen, einen schmerzlichen Gedanken in ihr geweckt hätten. xxxvn. Die Sonne tauchte hinter den leuchtenden Kuppeln und Spitzen des Casiuos von Monte Carlo unter; die winzige Halbinsel lag wie schlafend am Busen des Meeres, welches fern im Süden mit dem Himmelsblau zusammenschmolz. Im Osten breitete sich ein röthlich flammender Schimmer über Land und Wasser aus, den Hügelzug bei Mentone in rosafarbene Schleier hüllend. Ein paar näher liegende Anhöhen bildeten den dunkleren Hintergrund für freundliche Villen und Gärten, welche in tropischer Pracht prangten. Weit hinten im Norden schloffen die blendenden Schneegipfel der Seealpen das Landschaftsbild ab. Zwei Spaziergänger betrachteten das großartige stumme Schauspiel. Diese beiden waren Maitland und der Baron von Sturen. Sie hatten nur wenige Wochen in Neapel und Rom verweilt, und Maitland hatte feinen Freund überredet, einen längeren Aufenthalt in Monte Carlo zu nehmen, welches jetzt — im Januar — auf dem Höhepunkte der Saison stand. Während Wolfgang umherblickte, von Dankbarkeit gegen das Wesen bewegt, das die Erde in solche Herrlichkeit gekleidet hatte, stand Maitland in finsterem Sinnen. „Wohin soll der Mensch fliehen vor Gott," rief er in herbem Tone, „vor ihm, der die armseligen, aus seiner Hand hervorgegangenen Erdenwürmer in ein Meer von Elend, Zwietracht und gegenseitiger Vernichtung geworfen hat! Geht er in die Städte, so findet er die langsam zehrende Krankheit, die treulose Geliebte, betrogene Hoffnungen, das Elend der Armuth. Sucht er Zuflucht in der Einsamkeit der Gebirge, so folgen ihm der Blitz, der herabstürzende Felsblock oder die donnernde Lawine, und er wird zertreten, wie er selbst den Wurm zertritt. Wozu schuf Gott den Menschen, als um ihn zu verfluchen?" Maitland's Auge leuchtete grimmig, und auf seinem Antlitz lag ein dämonischer Ausdruck, vor welchem Wolfgang erschrak. Als er so da stand und seine schönen Glieder anspannte, indem er sich stets am äußersten Rande eines jähen Absturzes im Gleichgewicht hielt, glich er einem der gefallenen Geister, die auf die Erde herabgekommen, um mit den Sterblichen gefährliche Gemeinschaft zu halten. „Es ist nicht das erste Mal, daß ich Sie so sprechen höre," sagte Wolfgang, „aber fragen möchte ich doch endlich einmal, welche Ursache gerade Sie, Mait- land, zu so finsteren Gedanken haben sollten. Sie gehören zu jenen Bevorzugten, welche ein gütiges Geschick mit Reichthümern gesegnet hat; Siebesitzen hohe Geistesgaben und vereinigen damit jene blendende Persönlichkeit, welche überall ihres Sieges gewiß ist. Ich wüßte nicht, was Sie sich noch wünschen könnten, wenn nicht etwa ein geheimes Leiden Sie drückt, welches Sie bisher vor wir verborgen haben." Maitland blickte seinen Begleiter drohend an, als ob er sich persönlich beleidigt gefühlt hätte, doch verschwand dieser finstere Schatten rasch wieder von seinen Zügen. „Mein geheimes Leiden, Baron," antwortete er nach einer Pause, „ist der Fluch, der auf meiner Geburt lastet, und den alle Reichthümer der Erde nicht von mir nehmen können. Wissen Sie, wer der stolze, mit Reichthum gesegnete, mit Vorzügen des Geistes und Körpers ausgestattete Mann ist, der vor Ihnen steht? Ich will eS Ihnen sagen: er ist ein elender Bastard!" Wieder erschienen jene unheimlich dämonischen Schatten auf seinem Antlitz, während er die Fäuste vor sich hin ballte; wieder wich dieser Ausdruck wilder seelischer Bewegung rasch zurück, wie von einem eisernen Willen gebannt. „Meine Mutter war ein gebildetes, ehrbares Mädchen aus guter bürgerlicher Familie," fuhr er in ruhigem, aber bitterem Tone fort. „Ihre außergewöhnliche Schönheit reizte die Sinnenlust eines hochadeligen Kavaliers, der ihr die Ehe versprach und sie verführte. Die Frucht dieses Verhältnisses bin ich. — Mein Vater opferte die Geliebte dem Standesvorurtheile und führte eine Dame aus altadeligem Geschlecht zum Traualtar. Während der Sohn, der aus dieser Ehe hervorging, standesgemäß erzogen wurde und den stolzen Titel seines Vaters erbte, war ich die Schande meiner Mutter und das Verhängniß ihrer Zukunft. Als sie einst in der Zeitung las, daß ein reiches kinderloses Ehepaar einen Knaben an Kindesstatt zu adoptirren wünschte, trug sie mich hin. Ich bin meiner Mutter nie mehr im Leben begegnet. Ich grolle ihr nicht, daß sie die Bürde von sich abschüttelte, denn sie mußte, um nicht unterzugehen, mit der hergebrachten Sitte der Gesellschaft rechnen. Wer meine Eltern waren, erfuhr ich mit allen Einzelheiten später durch meine Pflegeeltern, welche mir in Ermangelung anderer Erben ihr sehr bedeutendes Vermögen hinterließen. Schon in meinen Jünglingsjahren faßte ich einen Haß gegen den wortbrüchigen Mann, der das Leben meiner Mutter vergiftet hat, einen noch glühenderen Haß aber gegen meinen Halbbruder, der mir alle die Rechte gestohlen hat, auf welche ich nach natürlichem Gesetze gerechten Anspruch besäße; er ist eine lebendige Beleidigung meines Ehrgeizes und meines Stolzes. Vereinigten sich nicht alle Eigenschaften in mir, die mich befähigen, um in jener Elite, der sich die Thüren der Könige und Fürsten öffnen, eine glänzende Rolle zu spielen, so ließe ich mir vielleicht an Geld und Gut genügen. Aber gerade alle jene Vorzüge, die ich besitze, erscheinen mir als ein Hohn auf meine Geburt, und nun frage ich Sie, was mir das Leben bieten, was es mir sein kann! Nur eine Aufgabe wüßte ich mir noch zu stellen, welche mir das Leben werthvoll machen könnte." „Welche?" fragte Wolfgang. „Die Aufgabe, meine Mutter und mich zu rächen, den meiner Rache durch den Tod entrückten Vater in seinem legitimen Sohne zu strafen und diesen hinabzu- drücken, tief, tief unter mich hinab in den Sumpf gänzlicher Verkommenheit, wo ihm Titel und Würde nur noch wie eine beißende Ironie erscheinen sollten!" Maitland schien sich in eine solche Erbitterung hineingeredet zu haben, daß Wolfgang vor dem Blicke tödtlichen Hasses, dem er in Maitland's Auge begegnete, unwillkürlich zurückbebte. Er gab daher jeden Versuch auf, ihn mit seinem Schicksale zu versöhnen, und wagte auch nicht, ihn auf den Widerspruch aufmerksam zu machen, in welchen Maitland mit sich selbst gericjh, indem er den Verführer seiner Mutter wegen eines Vergehens verurtheilte, aus welchem Maitland selbst sich kein Gewissen gemacht haben würde. Wolfgang begnügte sich zu fragen, ob Mailland seinem Halbbruder im Leben schon begegnet sei. „Wir kennen einander," gab Maitland finster zur Antwort. „Und Ihre Mutter? Haben Sie nichts über deren späteres Schicksal erfahren?" „Sie starb in ihrem dreißigsten Lebensjahre als die Gattin eines Mannes, der ihr Vater hätte sein können. Ich war bei Ihrem Tods zwischen zehn und elf Jahre alt. Doch genug hiervon. Kommen Sie mit mir in's Casino, damit die Roulette mich auf andere Gedanken bringt. . ." Beide begaben sich auf den Weg nach dem Casino, ohne mehr als dann und wann ein paar gleichgiltige Worte auszutauschen. Das Casino stand auf einem großen Platze, in dessen Mitte sich eine Fontäne mit weitem Bassin erhob. Spaziergänger mit vergnügte» oder verstimmten, stets aber aufgeregten Mienen wandelten dort umher. In der von Säulen getragenen Vorhalle empfingen Diener, alle Nähte mit Goldborten bedeckt, die ankommenden Gäste. Zum ersten Male betrat Wolfgang die Jnnenräume, mit denen Maitland aus früheren Jahren sehr wohl bekannt war. In den drei großen, der Norllette und dem Prsntö-st-Huai'Lllts gewidmeten, tageshell erleuchteten Spielsälen gruppirte sich um sieben Tische in buntem Gedränge eine sehr gemischte Gesellschaft, zu welcher Paris in freigebigster Weise seine Oami-rnonäs beigesteuert hatte. Eine fast andächtige Stille herrschte unter der dichten Menschenfülls. Man hörte nur das Klingen der Münzen, das Schwirren der Scheibe, das Gerassel der Kugel und von Zeit zu Zeit den näselnden gleichmäßigen Ruf der Croupiers: „l?ait68 votro zsu, Llss- sieurs!" und „klian ns va xlus!" Die meiste Anziehungskraft übte die Roulette. Maitland trat mit Wolfgang an einen dieser Spieltische. Auf dem Glücksfclde erhoben sich Berge silberner und goldener Frankstücke, breitete sich eine ganze Brandung rauschender Bankscheine aus. Und dann plötzlich rafften die Krücken der Croupiers alles unbarmherzig zusammen. Während Wolfgang mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgängen auf dem Glücksfelde folgte, welche ihm vollständig neu waren, beobachtete Mailland die um die Roulette versammelte Gesellschaft. Unter den Spielern auf der anderen Seite bemerkte er plötzlich einen hochelegant gekleideten jungen Mann, dessen Gesicht ihm bekannt vorkam. Aber erst nachdem er diesen Zügen ein gründliches Studium gewidmet hatte, erkannte er Nettberg wieder, so sehr hatte sich dieser, seit er ihn 516 zuletzt gesehen, verändert. Seine Wangen waren bleich und eingesunken und auf jeder derselben brannte ein Heller rother Fleck; die tief in den Höhlen liegenden Augen zeigten einen unnatürlichen Glanz; seine Brust athmete hastig und dabei ließ er ein leichtes, aber häufiges Hüsteln hören. Er spielte unausgesetzt und schob mit den gelben dürren Fingern, an denen Brillantringe funkelten, seine Banknoten mit einer Blasirtheit hin, als wären sie Maculatur. Es währte nicht lange, so sah Maitland hinter ihm eine riesige Gestalt auftauchen, in welcher er ebenfalls einen alten Bekannten wieder erkannte. Es war Nölling. Er trug schwarze Kleidung, eine schneeweiße Cravatte, drückte einen schwarzen Cyiin- derhut an seine Brust und schien mit aller einem Kammerdiener geziemenden Ehrfurcht Nettberg durch leises Zureden vom Spieltische entfernen zu wollen. Rettberg's Antworten trugen offenbar das Gepräge herrischer Abweisung. Die stumme Scene wiederholte sich ein paar Mal, bis Nettberg sich endlich zu fügen schien. Mehr getragen als geführt, schwankte er an der Seite des Riesen mit schleifenden Füßen matt dahin, aber nicht um den Saal zu verlassen, sondern nur um an einen Irents- et-guarants-Tisch zu treten und dort von neuem zu spielen. Maitland hatte diesen Vorgang mit einem leisen Zuge des Hohns um seine Lippen beobachtet; jetzt aber wurde seine ganze Aufmerksamkeit von Wolfgang in Anspruch genommen. Für diesen lag in dem Glänzen des GoldeS, dem erbarmungslosen, unaufhörlichen Schwingen der Krücken der Croupiers etwas dämonisch Anziehendes; hier vergaß er den schmerzlichen Druck, der auf seinem Herzen lastete. Er hatte lange den Kreislauf der Roulette beobachtet. Jetzt zog er eine Rolle Gold hervor und setzte sie auf Nummer dreizehn. Die Scheibe machte ihre Drehung, und die Kugel rollte in ihr Fach. „Dien na vL plus!" näselte der Croupier in automatischer Eintönigkeit. noir, Iwpair st rnanHuel" klang es dann — und Wolfgang's Einsatz hatte sich verdoppelt. Er ließ alles liegen und spielte weiter. Noch mehrere Male wiederholte sich dasselbe. Gold und Banknoten Ihürmten sich vor dem glücklichen Spieler auf. ,2ärc>!" sagte er, die ungezählten Tausende einsetzend. „2sro!" wiederholte der Croupier. Die Scheibe setzte sich in Bewegung, die Kngel schnurrte, dann stieß ste an die Umfassung. „1.6 gen 68t kait . . . riöu ns va plus . . „Irsuis äeux; Iiou§6 ?rür 6t I'ass6 , . Alles war fort! Von neuem holte Wolfgang eine Rolle Gold aus seiner Tasche. Er befand sich in einer Aufregung, die er nie vorher gekannt hatte, sein ungestümes Wesen beherrschte ihn mehr denn je und riß ihn zu einer Heftigkeit hin, die er vergebens bändigen zu können wünschte. Maitland's Blick hing mit dem Ausdruck wilden Triumphs an dem Spieler. „Der erste Sprung ist gethan," dachte er bei sich. „Er soll weitergehen, und über kurz oder lang will ich der Welt einen so gemeinen und leeren Wüstling zeigen, als irgend einen, der seine Lage und Nächte am Spieltische zubringt!" Als Wolfgang einmal zufällig sein Auge von der kreisenden Höllenmaschine wegwandte, sah er eine Gestalt, bei deren Anblick ihm das Blut heiß zu den Schläfen drang; er verstand nichts mehr von allem, was auf dem Glücksfelde vorging, als daß er abermals das Spiel verloren hatte. Die Erscheinung, die ihm so unver- muthet hier in der Fremde entgegentrat, war Felicitas. Sie trug Trauerkleidung. Er eilte auf sie zu, faßte ihre Hand und führte sie aus dem Gedränge. Felicitas war nicht weniger bewegt als er und ließ die weiche, schöne, zitternde Hand in der seinigen, so lange er sie halten wollte. Auf seine Frage, warum sie Trauer trage, antwortete sie, daß ihr Vater gestorben sei. „Wolfgang," sagte Felicitas. während sich beide langsam dem Ausgange des Saales zu bewegten, „ich habe Sie um eine große Gunst zu bitten." „Reden Sie, Felicitas," erwiderte er. „Sind Sie denn nicht überzeugt, daß ich, um Sie glücklich zu machen, selbst mein Leben hingeben würde?" „Treten Sie nie wieder an einen Spieltisch, Wolfgang," bat Felicitas. „Sie wissen nicht, was ich in den letzten zehn Minuten gelitten habe." »Ich sagte Ihnen, Felicitas, daß ich nicht dafür stehen könnte, welche Zerstreuungen ich suchen würde, um den Jammer los zu werden, den Ihr Verlust über mich gebracht hat." „O, Wolfgang," entgegnete Felicitas, „suchen Sie um meinetwillen nach einem bessern Troste. Zu wissen, daß Sie glücklich sind, wäre die einzige Freude, der ich noch fähig bin." „Ich muß mit Ihnen sprechen, Felicitas," sagte er, indem er sie sanft in die Vorhalle zog. „Sie dürfen es mir nicht abschlagen." Beide schritten die breiten Stufen hinab und suchten draußen auf dem weiten Platze eine einsam gelegene Stelle auf, wo sie auf- und abwandelten. (Fortsetzung folgt.) --- Land und Leute i« Holland. Von Theodor Hermann Lange. —(Nachdruck verbolen.1 Wer Holland als Tourist besucht, nimmt gewöhnlich seinen Weg zunächst nach der Hauptstadt des Landes, nach Amsterdam. Amsterdam ist nicht nur die größte, es ist auch die schönste Stadt Hollands, die man häufig das „nordische Venedig" nennt und die thatsächlich in vielen Stadtvierteln an die herrliche Lagunenstadt an der Adria erinnert. Ziehen sich doch auch in Amsterdam neben den großen und breiten Straßen und den prachtvollen Quais tiefe „Grachten" (Wasserstraßen) entlang, welche mit unzähligen Lastkähnen, schnellen Dampfern und zierlichen Booten bedeckt sind. Eine mehrstündige Dampferfahrt durch die verschiedenen Quartiere orientirt am besten, obschon die Stadt aus weit über hundert Inseln und Jnselchen besteht, welche durch 360 Zug- und Drehbrücken mit einander verbunden sind. Von Jahr zu Jahr verringert sich allerdings die Wasserfläche in und um Amsterdam. Die Bassins im Centrum der Stadt verschwinden durch Trockenlegung mehr und mehr, und große Plätze entstehen auf dem so gewonnenen Terrain. Amsterdam ist gleichwie Rotterdam ganz auf Pfählen erbaut. Die obere Erdschicht in der Stadt besteht aus losem Sand und Schlamm, und bevor nicht die Pfähle in den untersten festen Sand eingerammt sind, läßt sich kein dauerhaftes 617 Gebäude aufführen. So kostet der Ban unter der Erde bisweilen mehr als der über derselben. Ganze deutsche Wälder sind hier in die sumpfigen holländischen Torflager eingerammt worden. Vor einigen fünfzig Jahren versank plötzlich ein für die ostindische Kompagnie errichtetes Kornmagazin buchstäblich in den Schlamm, da die Pfähle nachgegeben hatten. Mehrere Jahre später drohte übrigens Amsterdam noch eine andere Gefahr sehr bedenklicher Art. Manche Pfähle waren von Holzwürmern derartig zerfressen, daß sie einer Honigscheibe auf ein Haar ähnelten. Der Wurm war aus tropischen Ländern mit Schiffen herübergekommen, konnte aber zum Glück das nordische Klima nicht vertragen und war nach etwa Jahresfrist wieder vollständig verschwunden. Das moderne Amsterdam ist ungemein reich an Kirchen, Palästen, Museen, Akademien, Bibliotheken und Sammlungen der verschiedensten Art. Die gemeinnützigen Anstalten, die Asyle u. s. w. müssen geradezu als muster- giltig bezeichnet werden. Von hohem technischem und theilweise auch historischem Interesse sind die Diamant- schleifereien nördlich und südlich von der Binnenamstel. Aber auch die Industrie mit nachgeahmten Diamanten blüht in Amsterdam. Den Mittelpunkt des Verkehrs in Amsterdam bildet oer sogenannte „Dam" (Damm). Von hier aus laufen die Hauptstraßen: Damstraat, Kalversiraat, Nieuvedijk u. s. w. aus. Hier befinden sich die größten Geschäftsläden, die ersten Hotels, die vornehmsten Restaurants und Cafes. Vom „Dam" — einem großen Platz, auf welchem auch das Königliche Palais, die Börse und andere hervorragende Bauten stehen — gehen Pferdebahnen nach allen Richtungen. Am „Dam" kann man auch einen der kleinen Vergnügungsdampfer besteigen, um hinaus nach dem „N" („Ei") oder auf der Binnenamstel durch die Stadt zu fahren. Am „N", an der „Handels- kade", am „Osterdock" u. s. w. löschen und laden die großen Ozeandampfer und Segelschiffe. Fast uoch großartiger als in Amsterdam erscheint uns in Rotterdam der holländische Seeverkehr, da er in letzterer Stadt sich nur an wenigen Quais konzentrirt. Nähert man sich beispielsweise von Dordrecht kommend der Stadt Rotterdam, so hat man vom Eisenbahnwaggon aus einen herrlichen Blick über den Wald von Masten, der uns auf der rechten Seite entgegenstarrt. Der Eisenbahnzug fährt auf einem großartigen Viadukt dahin, und schon vor der Einfahrt in die Stadt haben wir eine prächtige Aussicht. Ueber Brücken und Kanäle, über die Maas, die Rotte, carröartige Bassins rollt der Zug, um schließlich an der „Station Börse" stehen zu bleiben. Die beiden „neuen" hohen Maasbrücken sind entzückende Bauwerke. Drunten plätschern die Wogen, auf deren Rücken kleine Boote und Dampfer, sowie die stolzen Ostindienfahrer, die prächtigen Post- und Passagierdampfer der Niederländisch-Amerikanischen Dampfschifffahrtsge- sellschaft sich schaukeln, welche den Verkehr zwischen Holland und Amerika vermitteln, während bis hinauf zum Rotter- damer Park ein Wald von Masten unsern Blicken sich darbietet und Kriegsschiffe, Kanonenboote und Küstenfahrer vor unsern Augen sichtbar werden. Hier merkt wan den Pulsschlag des Weltverkehrs, hier werden die Produkte aller Zonen und Länder verladen, hier erheben sich die langen Reihen gewaltiger Speicher, von denen ein einziger oft 700,000 Ctr. Getreide tragt. Die Passagier- dampfer der Niederländisch-Amerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft liegen am sogenannten Norder-Eiland und an einem bestimmten Tage in der Woche stauen und drängen sich Hunderte von Europamüden zusammen, in überwiegender Anzahl deutsche Auswanderer, um die Reise nach Amerika anzutreten. Ebenso großartig wie nach dem Hafen zu ist in Rotterdam der Ausblick von der „Station Börse" in die Stadt hinein. An den prächtigen Postplatz mit dem stattlichen „Postkantoor" und der „Beurs" (Börse) schließen sich die neuen hochgebanten Straßen an, von schiffbaren Kanälen durchflossen. Die frequenteste und wohl am meisten deutsche Straße Rotterdams tst die „Hoogstraat" (hohe Straße). Hier liest man an den Firmentafeln auffallend viel deutsche Namen, hier befindet sich auch mindestens ein Dutzend besserer Münchener Bierhallen. „Apostelbräu", „Löwenbräu", „Weihenstephan", „Klosterbräu" u. s. w. — alle diese und ähnliche Namen prangen auf großen Schildern weithin sichtbar an den Häuserreihen. Ja sogar eine „Berliner Weißbierstube" befindet sich hier. Die Zahl der in Holland ansässigen Deutschen ist übrigens eine verhältnißmäßig recht bedeutende. Unter den 360,000 Einwohnern Amsterdams befinden sich über 12,000, unter den 185,000 Einwohnern Rotterdams etwa 8000 Deutsche. Der Neiseude, der aus Deutschland oder sonst woher nach Amsterdam und Rotterdam kommt und in diesen beiden Städten die vielgerühmte und peinliche Sauberkeit kennen lernen will, wird zwar Amsterdam als eine elegante und reinliche Stadt bezeichnen müssen, aber hinsichtlich weniger Straßen Rotterdams doch arg enttäuscht sein. Es giebt in Rotterdam zwar ungemein saubere Stadtviertel, aber bei dem enormen Frachtverkchr durch die Stadt ist es gar nicht möglich, gewisse Straßen, wo sich große Gütermassen stauen oder ein- und ausgeladen werden, fortwährend reinlich und sauber zu halten. Will wan die holländische Sauberkeit kennen lernen, so muß man in die Provinz reisen. Dort sind zahlreiche Dörfer so überaus reinlich gehalten, daß oft uoch die kühnsten Erwartungen übertroffen werden. Der Preis gebührt in dieser Hinsicht dem Dorfe Broek, das sich von Amsterdam aus bequem in zwei Stunden erreichen läßt. Die Fußwege in Broek sind mit gebrannten, verschiedenfarbigen Ziegeln mosaikartig gepflastert. Der Fahrweg führt um das Dorf. Im Sommer sind eine Anzahl Kinder eigens zum Zwecke angestellt, um jedes Blatt, jede Blüthe, welche ein Windhauch in die Gassen weht, aufzuheben und in gemauerte Löcher, bezw. Behälter zu werfen, die mit grün und weiß angestrichenen Brettern bedeckt werden. Natürlich werden diese Gassen tagtäglich von den Dienstmägden gescheuert, getrocknet und glatt bezw. glänzend gebürstet. Die Dienstboten reinigen die Teppiche, Schuhe und Kleider ihrer Herrschaften niemals in oder vor den Häusern, sondern auf einem eigens dazu bestimmten Grasplatze, der sich einige Hundert Schritte vom Dorfe entfernt befindet. Die Kaminrohre in den Häusern werden gleichfalls sorgfältig gewaschen. An den Thüren steht Schuhwerk aller Art, denn im Hause selber gehen die Bewohner nur in Filzpantoffeln. Erwühnens- werth sind gleichfalls die doppelten Eingänge in jedem Hause. Die Hauptthür wird meist nur bei Taufen, Trauungen und Begräbnissen geöffnet. Ganz besonders „stilgerecht" und sauber sind die Kuhställe in Broek', die sich meist unter den Dächern der Wohnhäuser befinden. In mehr als einem Kuhstalle gewahrte ich auf dem Gesimse prachtvolle große Manteluhren mit guten Musikwerken. Auf den Dächern einiger Kuhställe sah ich wiederholt Uhren mit Glockenspiel. Im Sommer dient der Kuhstall der Familie bisweilen zum Speisezimmer, da sich das Vieh während der warmen Jahreszeit Tag und Nacht auf der Weide aufhält. Doch ich will es an diesen Mittheilungen über Broek genug sein lassen. Wenn auch hie und da die holländische Reinlichkeit zu einer Manie ausartet, im Großen und Ganzen berührt den Reisenden dieser Ordnungssinn sehr angenehm. Der Holländer ist nicht der sauertöpfische, wortkarge Geselle, wie man sich ihn häufig vorstellt. Der Holländer ißt und trinkt außerdem nicht bloß gut, sondern auch verhältnißmäßig sehr viel. Besonders ist es die bäuerliche und niedere Bevölkerung, welche in letzterer Hinsicht etwas Außerordentliches leistet. In den Kirmeßwochen — die große Rotterdamer Kirmeß währt drei Wochen — wird gewöhnlich drei Mal am Vormittag gefrühstückt, was immerhin sehr viel ist, wenn schon der Holländer erst um 4 Uhr Nachmittags zu Mittag zu speisen pflegt. Mit diesen Kirmessen sind stets große Jahrmärkte verbunden. Für das männliche und weibliche Gesinde ist die Kirmeß »die tolle Woche". Viele Mägde bedingen sich bei ihrem Dienstantritt für die Kirmeßzeit direkt drei bis vier vollständig freie Tage und Nächte aus, die ihnen auch von der Herrschaft zugesichert werden. Trotzdem Ende August und Anfang September es oft noch drückend heiß ist, tanzt das junge Volk leidenschaftlich und stärkt sich dabei an — Grog, Glühwein, Punsch, Branntwein, Thee, Kaffee u. f. w. Noch überraschender ist die seltsame Sitte unter den Dienstmädchen gewisser Provinzen Hollands, für die Dauer der Kirmeß sich einen Liebhaber zu »miethen". Und zwar sind diese Liebhaber gar nicht so billig. Oft thun sich sogar zwei oder auch drei Mädchen zusammen, um sich einen Liebhaber gemeinschaftlich zu engagiren, falls ein solcher für ein Mädchen zu theuer sein sollte. Dieser „Bräutigam auf Zeit und Kündigung" hat vielerlei Pflichten. Natürlich muß er zunächst ein sauberer und schmucker Bursche sein, dann ein flotter, unermüdlicher Tänzer, damit die Mädchen „mit ihm sich sehen lassen können" u. s. w. Der Liebhaber erhält außer verschiedenen werthvollen Geschenken seitens seiner Beschützerinnen natürlich während der ganzen Kirmeßwoche vollständig freie Zeche. Ich fand übrigens bei meinen häufigen Reisen durch die verschiedenen Provinzen hie und da recht interessante Sitten und Gebräuche. Will z. B. in Nordholland ein junger Mann ein Mädchen heirathen und weiß er nicht, ob er auf Gegenliebe rechnen darf, so klopft er eines Tages an die Hausthür und bittet das junge Mädchen, an welches er sein Herz verloren, um Feuer für seine ausgegangene Zigarre oder Pfeife. Das erste Mal wird ihm das Feuer anstandslos von dem Mädchen gereicht; erbittet er sich den andern Tag oder einige Tage später noch einmal Feuer, so weiß das junge Mädchen sofort, welche Absichten den jungen Mann in das Haus ihrer Eltern geführt haben. Verweigert sie ihm jetzt das Feuer, so gilt dies als Zeichen, daß sie von seiner Werbung Nichts wissen will. Reicht sie es ihm aber lächelnd dar, so giebt sie ihm dadurch die Hand zum Bunde fürs Leben. In anderen Gegenden Hollands ist folgender ähnlicher Gebrauch üblich. Ein junger Mann hat in einer Familie ein junges Mädchen kennen gelernt, das er gern heirathen möchte. Um sich nun zu überzeugen, ob die Jungfrau gern die Seine werden möchte, schickt er der Mutter der von ihm angebeteten Dame eine Torte oder einen Kuchen ins Haus und bittet sich die Erlaubniß aus, den Kuchen mit in der Familie bei einer Tasse Kaffee verspeisen zu dürfen. Natürlich wird ihm diese Bitte nicht abgeschlagen. Hilft nun das junge Mädchen mit, den Kuchen zu verzehren, und beißt sie mit ihren weißen Zähnen herzhaft in ihr Kuchenstück hinein, so hat sie „angebissen" und ist bereit, mit dem jungen Manne den Bund fürs Leben zu schließen. Läßt sie aber den Kuchen unberührt, so will sie von dem Betreffenden Nichts wissen, der sich nunmehr allerdings sehr rasch und schweren Herzens von der Familie verabschiedet. Uebrigcns sind die Holländerinnen durchweg hübsch. Große, kräftige, elastische Gestalten, heiter, lebensfroh und meist wirklich gebildet, auch sehr sprachgewandt und vorzügliche Gesellschafterinnen. Die holländische Sprache klingt aus dem Munde einer gebildeten jungen Holländerin sehr angenehm, und wenn das Holländische natürlich auch nicht den Wohllaut des Italienischen hat, so ist es doch eine auf's Feinste durchgebildete Sprache, welche der Hochdeutsche sich in vielen Stücken zum Muster nehmen könnte. Es ist gänzlich falsch, wenn hie und da behauptet wird, das Holländische sei eigentlich gar keine Schriftsprache, sondern so etwas ähnliches wie Plattdeutsch. Bisweilen werden in Zeitungen und Büchern holländische Worte oder ganze Sätze mitgetheilt, um angeblich zu beweisen, wie „kurios" das Holländische eigentlich sei. So soll z. B. der Holländer für „Kopf" die Worte „Deetz" oder „Dassel" haben. Der Satz: „Sie salbten ihm daS Haupt mit Oel", soll angeblich beißen: „Se schmeerten hem den Deetz met Fatt in"; ja nach einer noch tolleren Behauptung: „Se belabberten hem den Dassel met Thran." In all diesen Sätzen ist indessen kein holländischer Ausdruck vorhanden. Vor allem verdient die holländische Sprache deßwegen Anerkennung, weil in ihr verhältnißmäßig wenig Fremdwörter enthalten sind und auch der gebildete Holländer in der Umgangssprache nur selten ein Fremdwort anwendet. Wir sagen „Kolonie", der Holländer „Volk- planting", d. h. „Volkspflanzung"; wir haben unsern „Professor", der Niederländer sagt „Hoogleerar", wir sprechen von „Extremen", die Holländer vom „uitersten" (sprich äußersten), wir haben „Philosophen«, welche „Ideen" fassen, der Holländer hat „Wysgecren" (Weis- heitsbegehrer), welche „Denkbeelder" (Denkbtlder) in ihrem Kopfe haben u. s. w. Uebrigcns wird auch in Holland sehr viel Deutsch gesprochen, es ist in den besseren Kreisen sozusagen die zweite Landessprache und verdrängt das Französische immer mehr. Früher herrschte in verschiedenen holländischen Kreisen eine gewisse Mißstimmung gegen das Deutsche Reich. Indessen ist darin neuerdings eine sehr erfreuliche Wendung zum Bessern erfolgt, besonders nach der Reife» die Kaiser Wilhelm II. von Deutschland im Juli 1891 nach Amsterdam und Holland unternahm. --SM8SS-.- Der Nachtwächter. - (Na-druS ««WoNN.1 Fz Wie der althochdeutsche Name rmktrvasitari zeigt und sein gemeinigliches Blasinftrument, das Horn, das Ehrenzeichen der Krieger, Jäger und Gerichtsboten erkennen läßt, vermag der verspottete Nachtwächter sich eines 619 hohen Alters zu rühmen. Er war auch von Anfang ein in jeder Beziehung ehrenwerther Mann. Denn er genoß das rühmliche Vorrecht des Freien, Waffen zu tragen, und rvaoka, und ^varäs, — d. i. die Tag- und Nachtwache, die Aufrechthaltung der Ordnung im Innern des Landes, die Hut der Städte, Festungen und Grenzen des Reiches — gehörte ja zu den Bürgerpflichten des freien Mannes. Als im Mittelaltcr das Reich in eine Reihe kleiner Gewalten zerfiel, da ging auch die „Nachtwache" in den Dienst dieser engen Kreise über. Namentlich war es das luftige Amt der Thurmwächter auf Höfen und Burgen, dem der beschriebene militärische Charakter anhaften blieb. Allein es ist auch wahrscheinlich, daß gerade für dieses Amt nach und nach sich Verrichtungen ausbildeten, welche mehr dem geselligen und friedlichen Zusammenleben der Burgbewohner ihr Dasein verdankten, zunächst das rufende Ansagen des Abends und Morgens, der Abend- und Morgenwunsch, daß Gott den Menschen eine gute Nacht und einen guten Tag geben möge. Dieser Gruß kam aber damals nicht bloß aus Wächters Mund, sondern: „Gott geb' Euch Fraue gute Nacht!" oder: „Gott geb' ihr immer guten Tag!" war gäng und gäbe in der höfischen Sprache. Für daS Stunden ausrufen kommen die Belege später vor. Vorerst blieb man bei der einfachsten Nalurbeobachtung, welche den Tag noch nicht in Stunden, sondern bloß in Tag und Nacht und das Jahr nur in Sommer und Winter theilte. Ein Gedicht der höfischen Periode erzählt: „Der Wachter auf der Zinne saß, Sein Tagelied er sang, Daß ihm sein' Stimm' erklang Von großem Ton. Er sang: Es taget schon Der Tag, er scheinet in den Saal, Wohlauf, Ritter, überall Wohlauf, es ist Tag!" Aehnlich lautet auch der Morgenruf der Nachtwächter unserer Tage: „Steht auf im Namen Jesu Christ! Der helle Tag vorhanden ist. Der helle Tag, der nie verlag. Gott geb' uns allen guten Lag!" Und in meiner Heimath, im rheinpfälzischen Westlich, wenn wir in den Chartagen als „Kläpperbuwwe" das Gebetläuten am Morgen verkündigten, fangen wir mit frischer Kehle: „Steht aus im Namen Herrn Jesu Christ! Der helle Tag vorhanden ist. Den hellen Tag hat Gott gemacht. Ave Maria, Betglock'!" Demselben Nacht- und Thurmwächter wird in einer besonderen Gattung der mittelalterlichen Lyrik eine hervorragende Rolle zugetheilt in den „Wächterliedern" oder „Tageliedern", den Scheideliedern zwischen dem Geliebten und der Geliebten, anknüpfend an den Morgenfang des Wächters. Der Amts- und Ehrennachfolger des höfischen Nachtwächters wurde der städtische. Er behielt von seinem Vorfahren das Horn bei und vertauschte bloß den Spieß mit der Hellabarte, neben dem Morgen- und Abendruf ward seine wichtigste Verkündigung der Stundenruf. Der älteste Stundenruf stammt aus dem 15. Jahrhundert und lautet: „Merkt, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen: Die Glock' hat sechse geschlagen. Hütet's Feuer! Wohlhin guter Sechse!" Die Anrede „Ihr Herrn" zeigt uns, daß wir uns auf städtischem Boden befinden, wo die Obrigkeit, die Herren des Rathes altreichsstädtisch regelmäßig „unsere Herren" genannt werden. Auch auf den Dörfern fand mit der Einführung der Schlaguhren der Stundenruf Eingang. Und je mehr der ursprünglich wehrhafte Charakter sich verdunkelte, je alterthümlicher die Ausstattung des Nachtwächters erschien — nur die Laterne war als modernes Attribut hinzugekommen — und je mehr die wohlhabenden Bürger sich der persönlichen Wachlpflicht entzogen, desto unpoetischer wurde das Amt und die Person des Mannes. Bisweilen ward der Nachtwächter in die Kaste der „unehrlichen Leute" verstoßen, bisweilen unterschied man zwei Arten: die, welche dem Diebssange obliegen mußten und also Schergen und Häschern nahestanden, galten als unehrlich, dagegen erfreute der „reine" Nachtwächter mit Lanze, Horn und Leuchte sich eines ehrlichen Rufes, er hatte auf Feuer und Licht aufzupassen, bei gefährlichen Ereignissen sich eilends zurückzuziehen und nur aus der Ferne grausam Alarm zu blasen. An einigen Orten, z. B. in Hamburg, ward das wohllautende Horn und der fromme Gesang im 17. Jahrhundert beseitigt. Nach dem Muster Amsterdams warb man 150 ausgediente Soldaten, rüstete sie mit Partisanen, halben Piken und „anderen guten Wehren" aus und verpflichtete sie für einen genau geregelten Posten- und Patrouillen- dienst. Sie führten ein Klapperwcrk mit sich und hatten dasselbe „hart zu rühren", wenn Brand, Frevel und Diebstahl im Anzüge, halbstündlich aber sanft zu rühren und durch bloße Aussprache zu vermelden: die Glocke hat soundsoviel geschlagen; sonst war ihnen jeder Gesang verboten. Erst im 18. Jahrhundert ward der Nachtwächter wieder in die Strömung der Poesie, hier der Sentimentalität, dort des Humors hineingezogen. Empfindsame Seelen fühlten sich beim Rufe des Nachtwächters von weicher Wchmuth berührt, und Lavater z. B. schrieb in sein Tagebuch: „Um 3 Uhr Morgens erwachte ich und hörte den Nachtwächter. Ich hörte ihn niemals ohne eine gewisse süße Melancholie, die mit einer feinen Empfindung der Flüchtigkeit meines Lebens und der dunkeln Vorstellung von wachenden Weisen, seufzenden Kranken, Gebärenden, Sterbenden u. s. w. verbunden ist." Der Humor der Zeit schuf die Fabeln von Gellert, wo zwei Nachtwächter sich spinnefeind werden, weil der eine „bewahrt das Feuer und das Licht" und der andere „verwahrt das Feuer und das Licht" singt, und von Claudius, wo der Nachtwächter eine obrigkeitliche Nase erhält, weil er hartnäckig, statt „der Klock hat 10 geschlagen", „das Klock" singt. Auch im Kasperltheater und, um es gleich hier zu verzeichnen, in der Jobsiade bekam der Nachtwächter einen Ehrenplatz. Die Aufklärungszeit bemächtigte sich dann der Poesie des Nachtwächters, in ihrer sinnige» Art. In Leipzig erschien ein Gesangbuch — für Nachtwächter, betitelt: „Der Nachtwächter des 19. Jahrhunderts", und in einem anderen Gesangbuch von 518 Liedern für jede Tugend, jedes Geschäft, jedes Alter, jeden Stand, jedes Geschlecht (Lieder für Müller, Bäcker, Kaufleute, Pfarrer, Schulmeister rc.) ward als Nr. 54 auch ei» Lied für den Nachtwächter geboten: I. Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagenr Der Hammer hat 10 geschlagen. Die Zeit zur Ruhe rückt heran. Wohl dem, der seine Pflicht gethan! Habt acht aus Feuer und Licht, Daß Niemand Schaden geschichtr 's hat 10 geschlagen. 520 3. Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagen: Der Hammer hat 12 geschlagen. Die Geisterstunde ist vorbei. Wer glaubt jetzt noch die Narrethei? Schicht wohl in göttlicher Hut, Da schlüst sich's sicher und gut! 's hat 12 geschlagen. 6. und letzte Strophe. Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagen: Der Hammer hat 3 geschlagen. Lobt Gott den Herrn sür diese Nacht, Er ist's, der Euch getreu bewacht! Verschlaft die Stunde auch nicht, Sobald der Morgen anbricht. 's hat 3 geschlagen. In unseren erleuchteten Tagen ist der Nachtwächter vollends zur komischen Figur geworden. Herren und Bürger bei vorgeschrittener Bildung mögen von ihm nichts hören, geschweige sich etwas „sagen" lassen. Nur noch in „zurückgeblicbrnen" Städtchen und in Dörfern beg:gnet man bisweilen den romantischen Gestalten. In der Großstadt aber schleicht still und wild im Schatten der Häuser und Thorbögen der moderne Schutzmann, der Diener jener „furchtbaren Macht, die richtend im Verborgenen wacht", der hohen Polizei. -- Erimm'uilgen an Zordaribad. (Schluß.) Neben der riesigen und wunderbar gleichmäßig gewachsenen Jordanlinde zwischen Badehaus und Wirtschaftsgebäude, unter deren Schatten sich's so angenehm ruht und von der ein neuerer Dichter singt: O schöne Ruh' für müde Gäste O reicher Schatten weit hinaus! Und droben summt's im Laub der Neste Wie im gewaltigen Bienenhaus. Als wie ein fernes Orgeldröhnen Die Stimme all der Bienen klingt Und mit so sanften Rauschetönen Der Wind sein Lied dazwischen singt — — ist es in erster Linie der herrliche, bergansteigende Wald un° mittelbar hinter den Kurgebäuden, welcher das Juwel des Jordanbades bildet. Harzduftige Fichtenbestände abwechselnd mit Gruppen hochstämmiger Buchen laden hier zu wandeln, und lauschige Plätzchen und zahlreiche Bänke zu stiller Ruhe ein. Weit oben am Waldessaum wird bei klarem Wetter das Auge entzückt durch eine umfassende AlpenauSsicht, (die man allerdings noch großartiger vom „Lindelc"berg im benachbarten Biberach zu genießen Gelegenheit hat; dort schweift das Auge von der Zugspitze bis zum Berner -Oberland mit Finsterarhorn und Schrcckhorn). Dieser schöne Wald ist für die meisten Kurgäste — einige von ihnen haben in dem darin aus Holz erbauten Waldhausc ihr Quartier auch bei Nacht aufgeschlagen — Vor- und Nachmittags der beliebteste Aufenthalt, wenn sie ihren „Guß" erhalten und sich wieder „warm gelaufen" haben. Hier gibt man sich so ganz der belebenden Kraft ozonreicher Lust hin und da die allermeisten der Kurgäste mit jenem Leiden behaftet sind, das so recht Ln äo siöols ist, so darf man sicher annehmen, daß diese Luftbäder nicht zum geringsten Theil an den guten Erfolgen ibren Antheil haben, welche in den Kaltwasseranwend- ungen für Nervenleidende mit Recht gesucht werden. Zudem gibt sür Herzleidende der Waldhügel auch Gelegenheit, die Pros. Ocrtcl'sche Terrainkur zu cxercircn. Leider war eS dem Schreiber dieser Zeilen nur zu kurze Zeit möglich, die Idylle des „Jordan" zu genießen. Aber trotzdem haben ihm die Kaltwasseranwend- ungen, die köstliche Luft und — last not toast — das »xroon! nLAvtiis« eine fühlbare Besserung seines neurastheuischen Zustandes verschafft. Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren ganz vortrefflich. Man ist nicht genirt, findet ohne Mähe Anschluß und kann ihn meiden, wenn man will. Rauschende Vergnügungen gibt eS.nicht, aber eine, fast möchten wir sagen cordiale Stimmung lagert über der Kurgesellschast und ein ungezwungener aber doch feiner Ton beherrschte das gesellschaftliche Zusammensein. So fanden es wenigstens wir zur Zeit unseres dortigen Aufenthaltes, und mit Vergnügen erinnern wir uns des angenehmen Verkebrs mit hochgebildeten Pcriönlichkeiten geistlichen und weltlichen Standes auS verschiedenen Ländern. Neben dem „engeren Vatcrlande" waren namentlich die Rheinlande stark vertreicn; auch Frankreich und Rußland hatten eine Anzahl Gäste gesandt und zweifeln wir nicht, daß der Ruf des „Jordan" immer weiter dringen wird, zumal Prälat Kneipp selbst dieses Bad all Denen empfiehlt, die größeren Anspruch an Comfort machen und sich in dem Trubel von Wörishofen nicht behaglich fühlen. Freilich ging es jüngst dem Altmeister recht übel im „Jordan"; er zog sich auf einige Tage dorthin zurück, um etwas „auszuruhen". Aber wo bat Vater Kneipp Ruhe? Kaum hatte sich die Kunde verbreitet, daß er im „Jordan" sei, strömte das Volk von Nah und Fern zusammen und mit der Ruhe war's vorbei! Sonst lebt man freilich sehr ruhig im „Jordan"; aber trotzdem kann man von Vielen d-e scherzhafte Klage hören „man kommt zu nichts". Man bat eben mit der Pflege der Gesundheit vollauf zu thun. Des Morgens kommt Wilhelm, der unermüdliche Bademeister, und für die Damen eine „Schwester", um die Kaltwaschung ru vollziehen. Dann legt man sich wieder zu Bett; dann das köstliche Barfußlaufen in den thaufrifcken Jordan-Wiesen; hierauf laugdauerndcS Frühstück: dann kommt die Post und bringt Briefe und Zeitungen aus der Heimath; nun ist'S Zeit sich warm zu laufen und feinen „Guß", „Halb- bad" oder was sonst zu nehmen und sich wieder warm zu gehen; dann muß man doch den könlieben Wald genießen und nun ruft schon die Glocke zum Diner. Und so ging es fort, bis nacb dem Abcndtisch allmälig ctzliche von den männlichen durstigen Seelen, dem Zuge der verderbten Natur folacnd, zu einem feuchtfröhlichen „Schoppen" im Speiscsoal der Wirthschaft sich zusammenfanden, und unter der Aegide des allbcliebicn xarockus bar- batns aus Rammingcn jeden neuankommenden Bruder in oers- vlsia — es wurde aber auch Honigwnn und andere entsetzliche Gebräue getrunken — mit dem Wahlspruch begrüßten: „Ham mer wieder eint" Doch um V-10 Uhr war strenge Polizeistunde und das war gut — denn ergiebiger Schlaf ist sür die Neu- rastheniker ein Hanptrcquisit und „Ruhe ist dcö Bürgers erste Pflicht", zumal im „Jordan". DaS Jordanbad ist unstreitig ein köstliches Plätzchen und wer Ruhe suchen will, wird sich dort behaglich iühlen. Gottes- friede liegt über dieser Idylle und ferne dem Lärm der Welt läßt sich hier Einkehr halten in'S eigene Innere und zugleich die Gesundheit Pflegen, auck wenn man mit einer Dosis Skepsis an der Allheilkrast des Wassers ausgestattet ist. ES schadet jedenfalls nichts bei vorsichtiger Anwendung wie sie im Jordan üblich ist und — dem Schreiber dieses hat es vorzüglich bekommen. Darum schließt er mit den Worten: Auf Wiedersehen — trautes Jordanbad! -- » - h > v »i - - Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. ^L68. 1894 „Augsburger Post;eitung". Dinstag, den 21. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Gradherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Lin Ganne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Die Nacht war klar, und die Luft war mit balsamischen Düften beladen. Am anderen Ende hob sich das gewölbte Dach des Casino's gegen den mondhellen Himmel ab, und schattenhafte Gestalten begegneten sich auf der Freitreppe. Unzählige Gasflammen glänzten wie Sterne im dunklen Raume und beleuchteten die Marmorbalustraden und die spielenden Wässer der Fontäne, indessen der bläulich blasse Schimmer einer elektrischen Lampe der Scene etwas Geisterhaftes verlieh. „Felicitas," begann Wolfgang, „lassen Sie mich hoffen, daß die Verzweiflung nicht länger dauern wird, die mich treiben könnte, aus trüben Quellen Erleichterung zu schöpfen." „Ach, Wolfgang," seufzte sie bang, „ich kann Ihnen leider nichts zu Ihrem Troste sagen. Lassen Sie die Erinnerung an vergangene Tage schwinden — ich sage nicht, daß Sie mich vergessen sollen, denn ich glaube, Sie werden dieß nicht können, aber erinnern Sie sich meiner nur als einer Todten. Wolfgang schüttelte unmuthig den Kopf. „Aber warum denn, Felicitas? Welches Hinderniß steht uns jetzt noch entgegen? Können Sie keinen Beweggrund angeben, so fordere ich Sie als die Meinige, die mir durch jedes Band nach allem Rechte angehört." „Nein, nein, sprechen Sie nicht soi" flehte Felicitas. „Niemals, niemals kann ich die Ihrige werden, Wolfgang, — der Tod meines Vaters ändert nichts daran." „Felicitas," erwiderte Wolfgang in einem Tone, in welchem die Ruhe der Verzweiflung lag, „ich dachte mir einst, Sie würden mein Schutzengel sein, Sie würden meine Schritte leiten, mich von allem heilen, was an mir schwach oder verkehrt ist. Ach, wie sehr habe ich mich getäuscht! Sie haben mir meine Ruhe genommen, Sie haben mir meine Hoffnung geraubt, Sie ziehen mich von der Tugend ab, Sie stürzen mich in Herabwürdigung und Laster!" „O, WolfgangI" rief Felicitas, indem sie seine Hand erfaßte und sie beschwörend drückte, „wenn Sie mich je geliebt haben, so fügen Sie zu der bittern Täuschung meiner ersten und einzigen Neigung nicht noch den unsäglichen Schmerz hinzu, daß der Mann, der mir das Theuerste in der Welt ist, seinen reinen fleckenlosen Ruf weggeworfen, sein Herz auf bösen Wegen verderbt hat um meinetwillen. Versprechen Sie mir, daß Sie mit solchen Gedanken und Vorsätzen, wie Sie eben ausgesprochen, nicht von mir scheiden wollen." „Versprechen will ich es Ihnen," erwiderte Wolfgang. „Und nun leben Sie wohl." „O, gehen Sie nicht!" bat Wolfgang. „Ich kann nicht länger weilen," entgegnete sie, „man erwartet mich." Sie riß sich sanft los, wandte sich nach einigen Schritten noch einmal nach Wolfgang um, ihm noch einen letzten Gruß mit der Hand zuwinkend, und eilte nach dem Casino zurück. So plötzlich, so unerwartet schnell war sie entschwunden, daß Wolfgang nicht einmal Zeit gefunden hatte, sie zu fragen, welchen Umständen er diese überraschende Begegnung überhaupt zu verdanken habe. Einige Augenblicke lang fühlte er sich versucht ihr nachzueilen, aber er gab den Gedanken wieder auf und bog in einen der Gänge des Gartens ein, die auf dem Platze mündeten. — So lange er Felicitas' Stimme gehört, hatten ihre Worte ihn nur in tiefe Traurigkeit versetzen können; jetzt aber, wo er sich wieder allein sah, kam eine unsägliche Bitterkeit über ihn. Warum verschwieg sie das Hinderniß, welches auch jetzt noch zwischen ihnen stand? Die Festigkeit, welche in Felicitas' Resignation lag, ließ ihn an ihrer Liebe, das Geheimnißvolle an ihrer Aufrichtigkeit zweifeln. Wie kam sie hierher nach Monte Carlo? fragte er sich. Warum riß sie sich so schnell wieder von ihm los, und wer erwartete sie? Wolfgang fühlte sich plötzlich von einem unbestimmten Argwohn erfaßt. Er wollte wissen, in wessen Begleitung Felicitas sich hier befand. Er kehrte um und eilte nach dem Casino. Aber es war elf Uhr, die Stunde, wo das Spiel geschlossen wird, und die Säle waren bereits leer. Um diese Zeit pflegte der Nachtzug die Tagesgäste von Monte Carlo nach Nizza zu führen. Gehörte Felicitas mit ihrer unbekannten Begleitung vielleicht zu diesen? Wolfgang eilte die Terrassenstufen hinab. Auf dem Perron der Haltestelle unten drängten sich die Passagiere in die Coupes. Der Perron war hell erleuchtet. Wolfgang täuschte sich nicht: jene Dame dort, welche etwa zehn Schritte von ihm soeben in ein Coupe verschwand, war Felicitas. Ein Diener, der hinter ihr gestanden, 522 reichte ihr einen Shawl hinein, welcher über seinem Arme gehangen hatte, und eilte dann den Zug entlang, um denselben ebenfalls zu besteigen. Er mußte an Wolfgang vorbei. Dieser ergriff ihn am Arme. „Wer war die Dame," fragte er, „der Sie eben den Shawl in's Coups gereicht haben?" „Frau Justizrath Carus von Berlin." antwortete der Gefragte höflich, den Hut in der Hand. „Ich meine," sagte Wolfgang, indem er mit aller Kraft seine Fassung aufrecht zu erhalten suchte, „ich meine, der Herr Justizrath kann noch nicht lange verheiratet sein." „Erst seit zwei Wochen. Er befindet sich eben auf der Hochzeitsreise." Mit bitterem Lächeln zog Wolfgang eine Visitenkarte hervor und gab sie dem Diener mit den Worten: „Für Frau Justizrath Carus mit meinem Glückwünsche!" . . . Das also war das Hinderniß I . . . XXXVIII. Wolfgang hatte eine schlaflose Nacht verbracht. Sein Kopf schwindelte, als er sich am andern Morgen Bewegung in der freien Luft machte und mit dem hastigen, unsicheren Gang eines Mannes dahinschritt, welcher der Spielball furchtbarer seelischer Bewegungen ist. Sein Auge erkannte die Gegenstände nicht, auf welche es sich richtete, sein Geist schien sich von allen sinnlichen Wahrnehmungen abgeschlossen zu haben. Plötzlich faßte Jemand seinen Arm. „Was ist Ihnen, Baron? Ich folge Ihnen seit einer halben Stunde und glaube zu bemerken, daß Sie nicht wissen, wohin Sie gehen oder was Sie thun." „So ist es, Maitland," antwortete der Baron, nachdem er sich eine Weile besonnen, „ich bin das Opfer einer unerhörten Täuschung geworden." „Sagen Sie mir alles, Baron. Vielleicht kann ich Ihnen rathen." Wolfgang erlag fast unter der Last seines Schmerzes, er fühlte sich außer Stande, das Schreckliche allein zu tragen. Nichts war ihm daher willkommener als diese Gelegenheit, sein Leid dem theilnehmenden Freunde anzuvertrauen. Er bedeckte einige Minuten das Gesicht mit beiden Händen, um seine Gedanken zu sammeln, und erzählte dann seinem Begleiter rückhaltlos die Geschichte seiner Neigung zu seiner ehemaligen Jugendgespielin, von jener ersten Wiederbegegnung zu Pferde an der Parkgrenze des „Villenhofs" bis zu dem Augenblicke, wo sie sich gestern Abend so rasch von ihm verabschiedet hatte. Was dann unten an der Haltestation geschehen war, welche unerwartete niederschmetternde Aufklärung über das rüthselhafte Verhalten der Geliebten ihm durch eine einfache Auskunft aus dem Munde des Dieners geworden war, — darüber schwieg er vorläufig noch. „Ich wußte nicht, daß Ihre Liebe eine so leidenschaftliche war," sagte Maitland, „wenn Sie wahrhaft lieben, so dürfen Sie sich nicht durch thörichte Gelübde abschrecken lassen, denn in der Leidenschaft liegt eine Macht, welche alle Hindernisse besiegt und der ein Weib auf die Dauer nicht zu widerstehen vermag. Sie müssen ihr beweisen, daß Sie fest entschlossen sind, sie zu besitzen oder zu sterben." „Dazu ist es zu spät!" versetzte der Baron bitter, „ich vermuthe, ihr Vater hat ihr irgend ein Versprechen abgepreßt — gestern Abend noch erfuhr ich, daß sie jetzt die Gattin eines andern ist, eines Mannes, der mindestens das Doppelte ihrer Jahre zählt." Maitland blickte ihn überrascht an. Dann aber faßte er seine Hand, heftete sein dunkles flammendes Auge auf ihn und entgegnete: „Wenn sie die Gattin eines andern ist, so müssen Sie sie diesem andern nehmen. Mit welchem Rechte darf ein anderer sie besitzen? Gehört sie nicht Ihnen durch das unauflösliche Band der Herzensneigung, welches über das Grab hinausreicht? Kommen Sie mir nicht mit menschlichen Gesetzen und Anordnungen, wo nur Seele und Seele einander Gesetz sein können. Welche leeren Worte, gedankenlos an einem Altar gesprochen, werden aus ihrem Herzen den Geliebten ihres Jugendtraumes reißen können? Sehen Sie nicht ein, daß ihre ganze Zukunft nur eine endlose Kette des Elends, des Grams sein muß? Baron! wenn Sie wahrhaft lieben, so werden Sie dieses holde bethörte Wesen von der höllischen Pein befreien, welche ihr die Zärtlichkeit eines ungeliebten Gatten bereiten muß. Sie müssen ihr das vom Blitz der Leidenschaft getroffene Gesicht eines Mannes zeigen, dem sie den Himmel versprach und den nun das Höllenfeuer betrogener Zuneigung verzehrt. Sie müssen mit der gewaltigen Sprache der Liebe sie drängen, Sie von Verzweiflung, Vernichtung und Tod zu retten und Ihnen die Seligkeit zurückzugeben, die sie Ihnen geraubt hat." So sprach Maitland, und dabei kam ihm die überwältigende Beredsamkeit der Blicke, der Gcberden und des Tones zu Hilfe, die mehr noch als seine Worte wirkten. Wolfgang wußte wohl, daß die Worte, die er vernahm, böse waren, aber Maitland's schlimme Lehren wandten sich in einem Augenblicke an ihn, wo seine moralische Kraft durch den erlittenen Schmerz erschüttert war. Beide gingen lange Zeit schweigend nebeneinander her. Sie waren an einen Punkt gekommen, der sich unmittelbar über der Bucht befand. In dieser schaukelten sich die vor Anker liegenden kleinen, graziösen Pri- vat-Iachten, welche reichen Engländern oder Amerikanern gehörten und deren Nationalflaggen trugen; einzelne Fischerboote, von denen die rothe genuesische Mütze her- aufschimmerte, kamen über die blaue, leicht gekräuselte Fläche des Mittelmeeres herangesegelt. Maitland's Schritte waren langsamer geworden, und in eifriges Sinnen verloren, blieb er endlich stehen und blickte in die Bucht hinab. „Wie wäre es, Baron," unterbracher das Schweigen, „wenn wir eine Entführung mittelst einer schnellen Dampf-Jacht in Scene setzten? Sie brauchen sich um nichts zu kümmern und haben bei der Sache nichts zu thun, als zu bestimmen, an welcher Küste Europa's oder Afrika's Sie mit Ihrer schönen Beute landen wollen." Der Baron verstand seinen Begleiter. Es lag etwas in Maitland's Einflüsterungen, das den Eingebungen des Teufels glich, und vergebens kämpfte Wolfgang gegen die Versuchung. „Was ich auch thun werde," erwiderte er nach einer bedeutungsvollen Pause, „ich muß Zeit zur Ueber- legung haben. Für jetzt verlasse ich Sie, Maitland, denn ich fühle das Bedürfniß, mit meinen Gedanken allein zu sein " Er verabschiedete sich von seinem Freunde, der seinen Spaziergang fortsetzte, und begab sich geradeswegs nach einem der hinter dem Casino gelegenen Hotels, in welchem er mit Maitland wohnte. Als er in sein Zimmer trat, erwartete ihn dort ein altes, bekanntes Gesicht aus der Heimath: sein alter Diener Hartwig war angekommen. Wolfgang hatte ihn kommen lassen, weil er hier einen längeren Aufenthalt zu nehmen gedachte und eine zuverlässige Person um sich zu haben wünschte. Hartwig brachte einige Briefe mit; unter den letzteren befand sich auch ein sehr volu- minösesSchrei- ben,welches das Siegel des Landgerichts trug. Anhängliche Diener haben, wietreueHunde eineWitterung, wenn ihrem Herrn Gefahr droht. So war es denn eine recht sorgenvoll frngendeMiene mit welcher Hartwig dem Baron das dicke Amtsschreiben einhändigte. Das Schriftstück war in der That eine Klageschrift. Wolfgangs Nachgiebigkeit und Gerechtigkeitssinn hatte sei- nemGegnernur dieHandhabezu einer weiteren Forderung dargeboten, die aus der älteren hervorging. Edmund und Melanie NUt- bcrg verlangten die Herausgabe aller Einkünfte, welche Wolf- gang's Vater und er selbst während des unrechtmäßigen Besitzes des Villcnhofes aus diesem gezogen hatten. Es war ein vernichtender Schlag! (Fortsetzung wlgt.) -- Leitershofen und k. Leonor Franz v. Tourucly's Gesellschaft des heiligen Herzens. Geschichtliche Erinnerungen zum Centenarium der Gründung genannter Gesellschaft 1791. (Nach dem Pfnrurbarium und Dr. Speil, ?. L. Fr. v. Tournely, zusammengestellt von L. Bosch, Psarrer.) Hübsch an die westlich von Augsburg sich lang hinziehende, schön bewaldete Hügelkette hingelehnt, liegt das kleine Pfarrdorf Leitershofen (Einwohnerzahl 335). Rechts ragt hoch darüber hinaus die schloßartige ,Waldkuralpe' Nervenheil, ihr zur Seite links in einem Wäldchen die ältere „Alpe"; beides vielbesuchte Ausflugsorte wegen des nah- gelegenen herrlichen Hochwaldes mit seinen weitverzweigten, zum Theil romantischen Spaziergängen — wegen prächtiger Aussicht auf Stadt und Land, und oft entzückender Aussicht auf die Alpenkette. Auch die sehr hübsche, freundliche Kirche (1732 neu erbaut, 1751 con- sccrirt, 1882 u. ff. rcstau- rirt), zu Ehren des hl. Königs und Märtyrers Oswald und der Unbefleckten Empfängnis; Maria geweiht, zu deren Verehrung seit dem Jahre 1735 (also längst vor Verkündigung des betreffenden Dogmas s1854f) eine Bruderschaft besteht, deren Mitglieder sich auf 112 Ortschaften vertheilen, beherrscht — auf die Anhöhe gebaut — die meist von schönen Obstgärten umgebenen Häuser. Die ältere Kirche soll noch aus der Hcidenzeit gestammt haben, wie die unter dem (16.) Pfarrer Joh. Biechele (11. Juli 1713 instituirt, ff 25. November 1730 im Kloster St. Georg in Augs- Krttitirnschlag. Nach dcm Gemälde von K. Raupp 524 bürg) noch auf dem „Freythof" gelegenen Trümmer eines heidnischen steinernen Altartisches, der früher hinter dem einzigen Altare der Kirche war, zu beweisen schienen. Den sehr schön nächst der Kirche gelegenen Pfarrhof baute Christoph Lautier, Vierherr im Domstift Augsburg, im Jahre 1736, wie die Inschrift über dem Eingang besagt. (kluo N6 vuäs via., nisi äixario iilariu NV60XXXVI.) Sein Bild ist noch im Pfarrhof. Ueber die meist niederen Häuser erheben sich noch zwei besonders in die Augen fallende Gebäude: das „obere" und „untere Schloß"; beide durch den großen Wechsel, wie zum großen Theil durch das Ansehen ihrer Bewohner und Besitzer merkwürdig, das „untere" sogar von kirchengeschichtlicher Bedeutung. Die Namen der berühmtesten und edelsten Geschlechter Augsburgs tragen mehrere ihrer Besitzer: Fugger und Weiser. Die ältesten Notizen über Leitershofen und besonders diese beiden „Schlösser" lauten nach dem Pfarrurbarium daselbst wie folgt: „Anno 1265 schenkte Conradinus, der zweyte König in Sicilien und Jerusalem, der letzte Herzog in Schwaben, des Bischofs zu Augsburg Neichslandvogt, „zu Heil und Trost seiner und seiner Erben seel der Kirche zu st. georgen in augsburg, in welchem stift damahls Ulrich Spannagl der Erste probst Ware, die Vogtey und Feldgüter der „Einöde" Leitershofen, so geschehen uo. 1265 den 19 aprilis auf dem schloß Fridberg nägst augsburg." „Anno 1597 Er Kaufte Jacob Fugger der 4. und letzte Sohn des antonii Fuggers von Freiherrn von Sonnenberg David ungnad (so des berühmten Matthaei lang Erzbischofen zu Salzburg Schwester Eva zur Ehe gehabt) das Schloß Wellenburg samt allen demselbigen zue- und ungehörigen Gütter um 60,000 fl., worunter auch das Dorf leitershofen gehörte." — Im „oberen Schlößle" war damals Friedrich Weiser. Nach dem Tode Jacob Fuggers 1598 (56 Jahre alt) erbte Leitershofen mit Schloß Wellenburg und zugehörigen Dörfern sein dritter Sohn Hieronymus. Maximilian Fugger kaufte das sog. „welserische schlößl" mit den „sölden und Zu- gehörung" um 17,000 fl. und „hat mithin im Dorfe leitershofen die völlige Jurisdiction bekommen". Dem Conrad Peuttinger (1635 Stadtpfleger in Augsburg) gehörte damals der sog. „Sizinger-Hof" durch Kauf um 2200 fl. 9. Juni 1626 unter Hrn. Hieronymus Fugger (1355 war Hans Langenmantel von Augsburg Besitzer; jetzt Mich. Sattelmair). Der sogenannte „Stiefelhof" (von den ehemaligen Besitzerinnen, den „Stiefelnonnen" in Augsburg, so genannt (jetzt Schnellj) war 1636 mit dem „oberen Schlößle", zu dem ehemals auch der Sizinger- Hof gehörte, im Besitz einer Edelfrau „anna Maria Jnchhlin von Höhenwald". 16. Juni 1629 kaufte ihn H. Hieronymus Fugger um 18,000 fl. (1468—1531 hatten dies Gut theilweise die Herren Patres Karmeliter zu St. Anna in Augsburg („welche zu luthers zeiten sammt Ihrem Prior Frosch fast alle apostasirt und ihr Kloster der Statt überlassen"j). Herr Duile, ehem. Ulrikanischer Kellerverwalter, ließ als späterer Besitzer des „obern Schlößle" die inneren zweiThürme abbrechen und daraus einen Stadel bauen. Derselbe baute die Kapelle im „obern Schlößle" 1769. 1772 starb und verdarb er in der „theuren Zeit". Das „Schlößle" fiel dem St. Georgs- Kloster in Augsburg anheim. Dann fiel es durch Kauf an Madame Sauttier, „augsburgische Handelsfrau", um 9500 fl. „baargelts"; nach ihrem Tode 10. Dez. 1794 an Hofmedicus vr. Paul um 12,000 fl. 1. Dez. 1831 verkaufte es Kaufmann und Wechselgerichtsassessor Seebacher in Augsburg an H. Wilhelm von Langenmantel um 7450 fl.; dieser 1833 1. Febr. mit Vieh, Futter, Getreide und Einrichtung an Herrn Zeitungsverleger Moy um 8000 fl.; letzterer 1837 an einen Güterzertrümmerer. Im Sommer 1844 und 1848 bewohnte es General- lieutenant und Divisionsgeneral Graf Albert Pappenheim mit Gemahlin und Tochter. Von der Frau Gräfin heißt es im Pfarrurbarium: „Die Frau Gräfin, eine Liebhaberin des Landlebens, that den hiesigen Armen sehr viel Gutes, besuchte ihre Hütten und wohnte an Sonn- und Werktagen dahier dem Gottesdienste sehr fleißig bei zur Erbauung der Gemeinde. Sie that auch Manches zur Verschönerung der Kirche." Giulini und seine Schwester besaßen es nacheinander 1852—1854. Im Februar 1854 kaufte es von letzterer die Doctorswittwe Frau Hoffmann aus Augsburg, deren Familie es noch besitzt. Genannte wollte — wie das Pfarrurbarium berichtet — (Protestantin) aus der Schloßkapelle eine Wagenremise machen. Auf oberhirtliche Anordnung wurde der Altar herausgenommen und der Leib des hl. Märtyrers Optatus am 30. April 1854 früh 6 Uhr in aller Stille auf den Kreuzaltar der Pfarrkirche übertragen. Der Bruder der Doctorswittwe Hoffmann, Excellenz Carl v. Heilbronner, Commandant der 3. Armeedivision in Nürnberg, war seiner Zeit einer der tüchtigsten bayerischen Generale. Der dahier verstorbene, als Historiker für Augsburg wohlbekannte Herr Dr. Hoffmann wurde zum Wohlthäter für die Armen Leitershofens durch Mildthätigkeit im Leben und eine Armenfonds- Stiftung (1000 M.) im Tode. Besonderes Interesse kann (wegen seiner kirchen- geschichtlichen Bedeutung) das sog. „kleine Schloß" oder „untere Schlößle" beanspruchen. Im Jahre 1575 soll das „untere Schlößl" zu hl. Kreuz in Augsburg gehört haben. „Das angebaute Haus an dem untern Schlößl solle Ehmahls vor altem den Juden für eine Synagog gedient haben. 1582 waren sie noch da. Dieses untere Schlößl erkaufte unter Pfarrer Biechele auf dessen Einrathen (damit es nämlich den lutheranern nicht mehr zur Wohnung dienen solle) Ttl. Herr xrolat zu St. Georg in Augsburg Melchior Vötter uo. 1722 von der Vormundschaft des minderjährigen Fuggers Joseph Maria sr. Excellenz Frau Theresia Fuggerin, geb. gräfin v. Zeil, abgedachten Fuggers Frau Mutter, und Herrn general grasen Eustach Fugger von Norndorf per 1700 fl." 160?—1677 gehörte es einem Augsburger Kaufmann Marcus Hueber, der „augsbur- gischen Konfession zugethan", 1676 Bürgermeister in Augsburg. 1718 besaß dieses Schlößl laut vorhandenem Kaufbrief ein protestantischer „Capitain Herr Winchhler von Poleitz"; von ihm lösten es die Fugger wieder ein. Im Jahre 1766 kaufte es Herr Joseph Benedikt Wolf, „Buchführer" (— Buchhändler) in Augsburg, vom Kloster „St. Georgen" um 4000 fl., renovirtc es gänzlich, „ließ die ,vicr Echhthürme' (Eöthnrme) abwerfen", baute unten ein neues Gartenhaus darzu, das er im ganzen daran soll 12000 fl. verbaut haben; benutzte es bis anno 1783." Nach dem Tod seiner Gattin „solcher Ergötzung verdrüßlich", bot er es feil, konnte um 7000 fl. keinen Käufer finden und beschloß, „es zum guten zu verwenden" durch eine Lotterie um 6500 fl., wovon 3000 fl. zum „Kathol. schuel lunäo in augsburg", („welcher da- W 526 mahls nur für alle deütsche schuelen in augsburg sich auf 2800 fl. belaufete"), 3000 fl. zur „armenanstalt in augsburg", 500 fl. aber „in die arme Häuser utriu8c;us istiAionis falte verwendet werden". „Diese Lotterie wurde noch mit 4500 fl. gewinnsten vermehrt." Herr Johannes Zorn, „apotheker und Senator in derNeichsstatt Kembten", bekam bei der Ziehung am 22. Februar 1790 als ersten Preis das „schlößl samt angehörr". Derselbe behielt es ungefähr ein Halbjahr, konnte dann nicht einmal 400 Louisdor lösen ; überdrüssig desselben, verkaufte er es um 1000 Conventionsthaler, das ist zu 2400 fl, an Herrn Martin v. Binder, Domherrn in Augsburg. In dieseZeit fällt das denkwürdigste Er- eigniß in der Geschichte Leitershofens. Die französische Revolution zwang Hunderte von Adeligen und Priestern zur Emigration. Belgien, die Nheinlande, die Schweiz und besonders auch Schwaben boten vielen französischen Priestern und andern Flüchtlingen Zuflucht. Unter allen emigrirten französischen Priestern jener Schreckenszeit beansprucht entschieden Ist Leonor Frz. v. Tour- ncly das meiste Interesse. Geboren zu Laval im heutigen Departement Mayenne am 20. Jan. 1767 als Sohn des Herrn Chevalier Leonor Franz v. Tournely, Herrn von Bois-Thibault, Hazay, St. Marie du Bois, Chuboeuf und Courberie, und der edlen frommen Johanna Mathurine Duplessis, zum Priester geweiht am 19. März 1791 zu St. Sulpice in Paris, wandte sich Abbs (Leonor Franz) v. Tournely mit Prinz Carl von Broglte, dem Sohne des berühmten Marschalls gleichen Namens, auf Rath des Seminar-Directois Abbe Emery nach Deutschland. „Gott hat große Absichten mit Ihnen, reisen Sie!" „Dort wird Gott Sie erkennen lassen, zu welchem Werke er Sie bestimmt hat"; dies waren Emery's prophetische Worte an Tournely, von dem seine Mutter, die ihr Seelsorger di: „Heilige' nannte, schon vorhersagte, er sei berufen, die Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu vorzubereiten. Osterst, im damals österr. Luxemburg, nahm die Freunde zuerst auf, dann Antwerpen, das auch in österreichischen Händen war, wo Tournely mährend lOtägiger geistlicher liebungen im dortigen Kapuzinerkloster im Gebet vor einem Herz-Jesu-Bilde die Eingebung empfing, die zum Ersatz des seit 21. Juli 1773 aufgehobenen Jesuitenordens zu gründende Gesellschaft nach dem hl. Herzen Jesu zu benennen. Ein ehedem den Jesuiten gehöriges Landhaus bei Löwen nahm die ersten zwei Glieder dieser im April 1794 entstandenen Gesellschaft auf. Bald gesellten sich Tournely und Broglie des Ersteren Bruder Fr. Xaver v. Tournely und Carl Leblanc zu. Als sie vor den nachrückenden siegreichen Revolutionären weiterflüchten mußten (nach deren Sieg bei Fleurus am 26. Juni 1794), führte ihnen die göttliche Vorsehung Joseph Varin in Venloo zu, der das von Tournely ber. Leonor Franz v. Tournely. gründete Werk zu vollenden berufen war. Derselbe war wie C. Leblanc vorher Offizier. Unterdessen feierte die Revolution ihre gräulichen Orgien in Frankreich. In den Tagen des 2. und 3. September 1791 fielen bei 400 Priester in Paris einem Blutbade zum Opfer. Am 21. Januar 1793 fiel Ludwigs XVI. Haupt unter dem Beile der Guillotine. Die sogen, „höllischen Colonnen" zogen mordend durch Frankreich. Die edle Mutter Tour- nely's wurde 1793 und 94 gefangen gehalten. Die Mutter Joseph Varin's opferte freudig ihr Leben für die Sache der hl. Religion auf dem Schaffst am 19. Juli 1794. Ihr Opfer erkaufte wohl das Opfer ihres Sohnes, das derselbe Tags zuvor durch den Eintritt in die Gesellschaft des hl. Herzens Jesu brachte. Von Venloo kamen die Emigranten über Aachen, Köln, Koblenz, Frankfurt nach Augsburg, wohin ihnen ihr Gönner in Antwerpen, Abbs Pey, eine Empfehlung an Domherrn Beck gegeben hatte, der seine Verwendung bei Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Trier, zugleich Bischof von Augsburg, versprach. Einstweilen wurde die Gesellschaft des heil. Herzens Jesu im Benediktiner stifte St. Ulrich (22. August 1794) aufgenommen. EndeAugust zog sie in das eben leerstehende „kleine Schloß" zu Leitershofe n ein, das ihr der Besitzer, Domherr Martin v. Binder, überließ. Hier — in einer Laube — war es, wo Ist v. Tournely am 2. Oktober 1794 seine auf sechs Mitglieder angewachsene Gesellschaft versammelte und ihr eröffnete, sie sollten wahre Ordensleute, wahre Kinder des hl. Jgnatius sein, und darum wollten sie das Gelübde dieses heiligen Ordensstiftcrs nachahmen, sich dem Papste zur Verfügung zu stellen — wenn möglich — innerhalb 18 Monaten persönlich — andernfalls schriftlich. Am Ib.Okt. 1794 weihten sich die fünf genannten Mitglieder dieser Gesellschaft mit Fidelis von Grivcl durch ein besonderes Gelübde den heil. Herzen Jesu und Mariä und übernahmen die Verpflichiung, das begonnene Werk fortzuführen. Dies geschah am Grabe des hl. Ulrich zu Augsburg, des Schutzheiligen der Diözese, die sie so freundlich aufgenommen hatte. Hier in Leitershofen war es auch, wo Tournely im Gebete der Gedanke sich aufdrängte, auch eine Gesellschaft von Frauen dem heil. Herzen Jesu zu apostolischer Lehrthätigkeit zu weihen, wozu die Bruder ihm ihr Einverständnis) erklärten (Mai 1795?). Tournely veranlaßte hier die regelrechte Wahl eines Obern, wozu er einstimmig, trotz alles Widerstreben?, per Acclamation wie durch Abgabe von Stimmzetteln gewählt ward. Studium und Gebet zur Vorbereitung auf den gewählten Beruf heiligten die Räume des „kleinen Schlosses". Die Bewohner desselben waren, wie Varin erzählt: ein Herz und eine Seele. Die 527 des Deutschen kundigen Glieder riefen mit einem Glöcklein die Bewohner Leitershofens zu Katechesen zusammen. Ueberaus ärmlich war ihr Leben im „Schlößle". Was konnte das „leere Schlößle" und das „arme Lettershofen" ihnen bieten? Sie schliefen auf dem Boden auf Stroh mit Holz zu Häupten und Füßen. Eine gute alte Jungfrau aus der Nachbarschaft brachte ihnen manchmal „laues Wasser mit Kohl und andern: Gemüse". Kartoffeln und Brod waren meist ihre Nahrung — und davon brachen sie sich noch ab. Dabei waren sie, wie Bärin erzählt, so fröhlich, daß sie den Ausbruch der Heiterkeit in den Stunden der Erholung oft kaum zurückzuhalten vermochten. In der Pfarrkirche erbauten sie das Volk durch Gebet und Gesang — besonders in der Fastenzeit 1795 vor dem Bild der schmerzhaften Muttergottes. Während deS außergewöhnlich strengen Winters 1794/95 gefror ihnen der Athem nachts an den Mund, und der liebenswürdige Obere Tournelh wärmte den Genossen mit heißen Ziegelsteinen die Füße. Sie öffneten die Fenster, um die fanden die Pilger hier Prinzessin Louise Condß, welche nachmals in Wien mit vier französischen Barmherzigen Schwestern und einer Ursulinerin die erste Niederlassung von Frauen des hl. Herzens bildete, die jedoch schon vor dem Tode Tournely's auseinandcrging. Im Juli 1796 mußte die Gesellschaft von Göggingen nach Wien flüchten. Von da siedelte Tournelh am 18. April (Osterdinstag) 1797 mit seinen Genossen nach Schloß Hagenbrunn bei Wien über, da Wien aus Furcht vor einer Belagerung durch die Franzosen keine Fremden mehr duldete. Am gleichen Tage erwies sich diese Furcht jedoch als eitel, denn der Friede von Leoben hob die Feindseligkeiten auf. Das Stift Klosterneuburg überließ der Gesellschaft des hl. Herzens genanntes Schloß als willkommenes Asyl. Doch Tournelh sollte der Ruhe darin nicht lange mehr genießen. Am 2. Juli (Fest Mariä Heimsuchung) 1797 schon erkrankte er schwer und starb nach wiederholter Vorhersage seines Todes Sonntag den 9. Juli 1797 früh 4-/2 Uhr. Keilershofen bei Augsburg. draußen wärmere Luft in den Schlafraum zu lassen, den Kohlenbecken nicht genügend erwärmten. Auch hier war ihnen nicht lange Ruhe gegönnt. Domherr v. Binder starb im August 1795. Mitte November 1795 mußten sie ausziehen, da die Erben das „Schloß" an den letzten Propst von Hl. Kreuz in Augsburg, Ludwig Zöschinger von Burtenbach, verkauften und dieser ihnen die Wohnung kündigte. Kurfürst Clemens Wenzeslaus (Trier) bot ihnen einen Zufluchtsort im Demeriten-(Priester-)Hause im nahen Göggingen an (später Landgericht, jetzt dem berühmten Herrn Hessing forthopädische Kuranstalt^ gehörig). Ein einziger Raum war ihnen alles. Joseph Varin wurde in Augsburg am 12. März 1796 zum Priester geweiht. Hier in Göggingen trat der Gesellschaft der junge Priester Anton Kohlmann aus Elsaß bei, nachdem sie sich schon in Lettershofen allmälig auf 13 eigentliche Mitglieder vermehrt hatte, während drei treffliaie Laienbrüder (lauter Emigranten) die häuslichen Geschäfte verrichteten. Die Nomfahrt Tournely's, Broglie's und Grivel's im April 1796 wurde in Frciburg unterbrochen. Die Franzosen standen in Piemont und Lombardei. Doch Ost hörte man ihn — heimwehkrank nach dem Himmel — sehnsüchtig rufen: „Ruhe des Himmels, Ruhe des Himmels I" Kurz vor seinem Scheiden sagte er seinen Brüdern: „Es ist nothwendig, daß ich hingehe." Prophetisch sprach er zu Varin von der „Gesellschaft der Frauen des hl. Herzens Jesu": „Sie wird sein, sie wird sein, glauben Sie esl" Und sie besteht heute noch! — Aus der Gesellschaft des hl. Herzens wurden bald „Väter des Glaubens" unter Leitung Paccanaris. Dieser und Prinz C. v. Broglie, der in England ein Pensionat begründete, wurden ungehorsam gegen die Kirche — bekehrten sich jedoch am Ende. Franz L'aver v. Tournelh blieb als Cooperator an seines Bruders Grab in Kleinengersdorf. Joseph Varin aber hatte die Freude, zu Paris im Jahre 1800 den passenden Grundstein zum Gebäude des Ordens der „Frauen des hl. Herzens" (Harnes cku 80 , 01-6 6 c»ur-) zu finden in der kleinen, gelehrten und ebenso frommen Magdalena Sophia Barat, die sich vor ihm mit noch zwei Jungfrauen am 21. November 1800 den hl. Herzen Jesu und Mariä, dem von Tournelh, ihrem geistigen Vater, geplanten Werke weihte. Erzieh- 528 ung und Unterricht weiblicher Jugend im Pensionate, unentgeltlicher Unterricht an arme auswärtige Mädchen, geistliche Uebungen für Wcltleute ist der Zweck dieses Ordens. Fast 60 Jahre stand die bereits vom hl. Stuhle „ehrwürdig" gesprochene M. Magdalena Sophia Barat dem Orden als Generaloberin vor. Die dritte Generaloberin starb vor kurzem. Frankreich, Belgien, Oesterreich, selbst Amerika zählten zusammen schon 89 Niederlassungen, als am 23. Mai 1868 Frauen des hl. Herzens Jesu von Niedenburg bei Bregenz in Wien das neu erbaute Kloster am Rennweg bezogen. Am 23. September 1868 wurde oer Leichnam Tournely's in Kleinengersdorf exhumirt und nach Wien übertragen, wo er ehrenvoll in der für seine Gruft hergestellten Krypta im Kloster der Frauen des hl. Herzens am 20. November 1868 beigesetzt wurde. Den Schluß dieser Notizen über k. Leonor Franz v. Tournely und seine Gesellschaft des hl. Herzens Jesu mögen ein paar bedeutsame Zeugnisse über den „kleinen Diener des guten Meisters" (so nannte er sich selbst) bilden. Abbe Emery, Seminardirektor von St. Sulpice, schrieb nach dem Tode Tournely's*): „Ich habe viele durch Tugend ausgezeichnete Menschen gekannt; ich habe viele heilige Seelen gekannt; ich habe die Lebensbeschreibung einer großen Anzahl von Heiligen gelesen und ich kann bezeugen, daß ich niemals eine Seele gefunden, die mehr von dem hl. Feuer der Liebe Gottes entzündet gewesen wäre, als die meines lieben Tournely." Bischof de la Fare von Nancy sagte beim Tode Tournely's: „Das ist ein unersetzlicher Verlust für die Sache der Religion." Das Volk nannte ihn den „liebenswürdigen Heiligen."**) Das denkwürdige „untere Schlößchen" besaßen in der Folgezeit nach der Sücularisation des Klosters zu heil. Kreuz, mit dem auch das Schlößchen 1803 dem bayer. Staate anheimfiel, Popp 1809—14; etwa 40 Jahre H. Kümmich, Kaufmann von Augsburg, der Lcitershofen mit einer Armenfond-Stistung bedachte (100 fl.); die Englischen Fräulein 1858—63; Privatier Sendlinger 1863-1880; Nagel 1881; Cresc. Altheimer 1881 bis 1882; v. Egloffstein 1882—1893; jetzt Herr Eber, Kaufmann aus Augsburg. Der jetzige Besitzer, Herr Eber aus Augsburg, hat in dankenswerthester Hochherzigkeit die Kosten für eine Marmorgedenktafel am „unteren Schlößchen" (bereits innen mit viel Liebe restaurirt) zur Erinnerung an die genannten, geschichtlich merkwürdigen Bewohner übernommen. — Am 26. August 1894 (der muthmaßlichen Zeit des Einzugs Tournely's und seiner Genossen) wird Lcitershofen ihr Gedächtniß in einer Centenarfeier (Sonntag, Herz-Mariä-Fest) begehen. Sein Andenken sei in Ehren l (Unsere Illustrationen zu diesem Aufsätze sind nach Photographien aus dem Atelier von Peter Schmid, vorm. Gebr. Martin, in Augsburg.) *) Ouiäso, Vis (tu U, ?. Vortu p. 65. **) Dr. Speit: U. L. Fr. v. Tournely, S. 247 u. 248. Breslau 1874. -- Goldköruer. Was klagt, was tobt man doch? Sein Unglück und sein Glück Ist sich ein jeder selbst. Schau alle Sachen an. Dies alles ist in dir, laß deinen eitlen Wahn. .- Zu unseren Bildern. Brückenschlag. Hans und Gretel haben neulich am Flußufer den Pioniren zugeschaut, wie döse vor ihren Augen über den Fluß eine große Brücke geschlagen, auf der Roß und Reiter sicher an's andere Ufer gelangten, ohne daß sie erst dem Fäbrmann ein lautes: „Hol über!" hätten zurufen müssen. Die Brücke war so nett und herrlich, Alles hatte so schön geklappt, daß sie unwillkürlich ihre Sinne gefangen hält. Besonders Hans träumt die halbe Nacht vom Erbauen von Brücken. Heute ist gerade ein glücklicher Tag für ihn. Die Mutter ist in den Wald gegangen, um für das Ziegenpaar Futter zu suchen, und der Vater mutz in seinem Segelboot einen Fremden über den Fluß fetzen. Da ist Hans eiligst zum Holzvorrath gesprungen, hat sich das entsprechende Scheit ausgesucht, das die Grundlage werden soll zu einer Brücke, die er über das am Häuschen vorbeisließende Büchlein zu erbauen gedenkt. Gretchen will auch nicht müßig sein und unterstützt den kleinen Baumeister nach Kräften. Ob das Werk wohl gelingen wird? „Dergelt's Gott, Du gutes Kind l" Wir haben es hier mit einem der gelungensten Bilder des 1839 in Stuttgart geborenen und 1869 nach München übergesiedelten Genremalers Friedrich Ortlieb zu thun. Eine ganze Geschichte ließe sich zu dieser Darstellung schreiben, so beredt tritt sie uns entgegen, und besonders der greise Bettler scheint den Mund öffnen und uns aus rergangcnen besseren Tagen ei zählen zu wollen, wo auch ihn Kinder umringten und er entfernt nicht dachte, je sein Brod vor fremden Thüren sich erbitten zu müssen. --SÄ8Ü8LS- Allerlei. Unerwarteter Erfolg. „ . . Den jungen Doktor möchte ich Keinem als Vertheidiger empfehlen!" — „Aber er soll doch ein vorzüglicher Redner sein!" — „Gerade deßhalb! Kürzlich hat er beim Schwurgerichte die Unschuld eines Raubmörders so glänzend geschildert, daß dieser vor lauter Erschütterung gleich nachher ein Geständniß ablegte!" -X- In der Schonzeit. Baron: „Sagen Sie'mal, weßhalb verbieten Sie dem Herrn aus der Stadt nicht das Jagen? Es ist doch Schonzeit!" — Förster: „Das geschieht in unserem eigenen Interesse; der macht uns nämlich bis zum Anfang der Jagd das Wild etwas zutraulich." Nilder-Näthsel. Auflösung des BildenRärhsels in Nr. 66: Wer tadelt, will kaufen. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 67: Weiß. Schwan. 1. L 63-24 V5-U4 2. K. Ll V2 K. II! U2 3. D. 22 118 -j- Matt. X 69 . 1894 . M „Augsburger Postzeitung". Arettag, den 24. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). Im Sänne alter Schuld. Roman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Er hatte eine Summe von mehr als einer Million zurückzuerstatten, und diese stak in seinem schlefifchen Gute, welches von den Erträgnissen des Villenhofs zum Theil arrondirt worden war. Er mußte, wenn er die Forderung der Geschwister Rettberg befriedigen wollte, unter allen Umständen das Gut verkaufen. Und dann . . . ? Was blieb ihm dann? Es gab Wolfgang einen Stich in's Herz, unter diesem, auf seinen Untergang ausgehenden Schriftstücke den Namen Melanie zu lesen; aber sie mußte sich dem Willen ihres Vormundes unterwerfen, und hinter diesem stand das Vormundschaftsgericht. Er war überzeugt, daß von Seiten Melanies alles geschehen war, um die Klage zu unterdrücken, denn er kannte ihre edle Gesinnung aus einem ergreifenden Briefe, den sie ihm bereits bei Gelegenheit des Prozesses um den Villenhof geschrieben hatte. Mit der ganzen Kraft seines leicht überschäumenden Temperaments empörte sich Wolfgang gegen das Schicksal, welches alles, was er besaß, als Prämie für Schurkerei und Gemeinheit einem Nouö in den Schooß werfen wollte, damit er es am grünen Tische in alle vier Winde jage. In diese erbitterte, wilde Stimmung blitzte plötzlich auch noch ein furchtbarer Argwohn hinein: hatte Felicitas etwa durch ihren Vater Kenntniß gehabt, welche Verluste Wolfgang bevorstanden und wie er Schlag auf Schlag dem Ruin entgegengeführt werden mußte? Fühlte Felicitas sich nicht stark genug, das Loos eines verarmten Edelmannes zu theilen, und zog daher vor, die Gattin eines reichen Advokaten zu werden? Wenn von allen Seiten die Wellen des tückischen Geschicks über dem Menschen zusammenschlagen, dann verläßt ihn nicht nur der Glaube an alles Gute und Edle, sondern auch die Kraft, selbst gut und edel zu bleiben. Von einem Gauner, dem er Gutes erwiesen, bis auf's Messer verfolgt, von der Geliebten betrogen und verrathen, wollte Wolfgang dem Schicksale trotzen, er wollte sich nicht länger am Narrenseile schmerzlich duldender Entsagung hin- und herziehen lassen, — er wollte den Schurken, der ihn in Armuth zu stürzen trachtete, mit gleicher Münze bezahlen, indem er sein Besitzthum rasch in Geld umsetzte und sich mit diesem dem Bereiche der gierigen Hände, die sich darnach ausstreckten, entzvg — und die Geliebte, die ihn betrogen, sollte seine Sklavin werden. Es war der Augenblick da, wo jene sophistische Glückseligkeitslehre, die Mattland ihm unausgesetzt gepredigt hatte, wie ein ausgestreuter Same in Wolfgang's Brust ihre Keime zu treiben begann. XXXIX. Noch an demselben Nachmittage fuhr Wolfgang nach Nizza, um zu erkunden, wo Justizrath Carus mit seiner jungen Gattin dort Aufenthalt genommen habe. Als er durch die Straße Francesco di Paolo ging, hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Er wandte sich um und sah eine Dame, die eben aus dem Postgebäude getreten war, als er an diesem vorüber schlenderte, auf sich zukommen. „Welche Ueberraschung, Sie hier zu finden!" rief er, Frau von Prachwitz erkennend. „Es ist eine alte Anhänglichkeit, die mich unter sehr veränderten Verhältnissen gerade nach Nizza zog," lächelte sie, ihm mit gewohnter Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend. „Ich habe hier vor vielen Jahren Genesung gefunden, als ein tiefes Gemüthsleiden meine Gesundheit erschütterte." „Ein Gemüthsleiden?" wiederholte der Baron. „Ja, lieber Wolfgang, auch meinem Leben hat die Tragödie des Herzens nicht gefehlt, und nun hat sie doch noch fröhlich mit dem Siege jener Liebe geendet, von welcher man sagt, sie rostet nicht. Die Welt mag die Achseln dazu zucken, denn wir sind beide nicht mehr jung. Aber warum sollen zwei Menschen, die für einander bestimmt waren, sich nicht in diesem Leben noch angehören dürfen, nachdem es kein Hinderniß mehr zwischen ihnen giebt? So habe in denn meine alte Liebe geheirathet, meine erste und einzige Liebe." Während beide langsam weiter gegangen waren, hatte Wolfgang auf seine Begleiterin Blicke zunehmenden Erstaunens geworfen, denn der Sinn ihrer Rede war ihm dunkel. „Sie haben sich wieder verheirathet?" fragte er. „Darf ich nicht wissen, mit wem?" „Mein Himmel, wie seltsam Sie fragen, Wolfgang l Meine Vermählungsanzeige mag sie in Nom, wohin ich sie Ihnen schickte, wohl verfehlt haben. Aber empfing ich nicht gestern Abend im Eisenbahncoups Ihre Karte mit Ihrem Glückwünsche?" „Den Namen Ihres Gatten! Um Gotteswillen, den 830 Namen Ihres Gatten!" rief Wolfgang mit bebender Stimme. „Wie sonderbar Sie doch sind! Sollten Sie denn seit gestern Abend den Namen Ihres ehemaligen Vormundes vergessen habend" „Sie sind — Sie sind Frau Carus? Und die Dame, welcher gestern Abend der Diener einen Shaw! in's Coups reichted" „War ich." „Aber ich sah nur Felicitas." „Sie stieg zuletzt ein; ich saß mit meinem Gatten bereits im Coups. Ich weiß nicht, Wolfgang, was ich aus Ihren Fragen machen soll." Wolfgang nahm alle seine Fassung zusammen, um sich nicht zu verrathen, aber in ihrer nachdenklichen Miene glaubte er zu lesen, daß sie dem Mißverständnisse, welches das verwechselte Eigenthumsrecht auf den Shawl angerichtet hatte, auf der Spur sei. „Wir befinden uns auf der Hochzeitsreise und Felicitas begleitet uns. DaS arme Kind bedarf der Zerstreuung. Ihnen, Wolfgang, brauche ich kaum zu sagen, daß der schwere Kummer, unter dem sie leidet, nicht erst seit dem Tode ihres Vaters datirt." Und doch kann ich mir keinen Grund ausdenken, weshalb sie sich und mich um Glück und Hoffnung gebracht hat. Sollte sie sich darüber vielleicht gegen Sie rückhaltsloser ausgesprochen haben?" „Ich habe nur wenig aus ihr herausbekommen," entgegnete Frau Carus, „ich begreife, daß es gegen Felicitas' Zartgefühl geht, Ihnen zu sagen, daß ein alter Familienhaß im Spiele ist. Ich aber brauche Ihnen dies nicht zu verschweigen." „Ich vermuthete dies. Felicitas' Vater und der meinige müssen aus irgend einer Veranlassung einmal hart aneinander gestoßen sein." Frau Carus schüttelte den Kopf. „Der eigentliche Anlaß ging von Felicitas' Mutter aus. Sie nährte einen unauslöschlichen Haß gegen Ihren Vater, einen Haß, den sie mit in's Grab nahm, denn noch in ihrer letzten Stunde forderte sie von ihrem Gatten das Versprechen, mit der Familie von Sturen niemals in näheren freundschaftlichen Verkehr zu treten und auch keine Annäherung zwischen den Kindern zu gestatten, falls die Schickung des Lebens beide zusammenführen sollte." „Dann bleibt mir keine Hoffnung mehr!" rief Wolfgang bestürzt. „Um welch' unseliges Geheimniß mag es sich hierbei handeln?" „Darüber spricht Felicitas nicht. Sie hat mir nur gesagt, daß sie ihren Vater zwang, es ibr zu entdecken, als er seine Einwilligung zu Eurer Heirath verweigerte. Doch hören Sie, Wolfgang, vielleicht giebt es außer Felicitas noch eine Person, welche Licht in das Dunkel zu bringen vermag. Es ist dies der alte Hartwig, der damals schon in ihres Vaters Dienste gestanden haben muß und dessen Vertrauen in so hohem Maße besaß, daß ex möglicher Weise in jene Angelegenheit eingeweiht war." Als Wolfgang nach Hause kam, ließ er den alten Diener kommen. „Hast Du die verstorbene Frau Teßner gekannt?" fragte er ihn. Die Frage kam dem Diener offenbar sehr unerwartet. Er stutzte, warf einen scheuen Blick auf seinen Herrn und antwortete mit unsicherer Stimme: „Ja — o ja — ich habe sie gekannt." „Ist Dir vielleicht erinnerlich," fragte der Baron weiter, „daß es zwischen ihr und meinem Vater einmal etwas gegeben hat, was eine Frau nie verzeiht? Du mußt mir alles sagen, was Du über Frau Teßner und meinen Vater weißt; mußt Du dabei eine Saite berühren, die vielleicht dem Charakter meines Vaters nicht zur Ehre gereicht, so fürchte nicht, seinem Andenken zu schaden, denn sein Bild steht mit so vielen edlen Zügen geschmückt vor mir, daß ein Flecken es nicht dauernd zu trüben vermag. Was sich auch zwischen jener Frau und meinem Vater ereignet haben mag — es wendet sich jetzt als Verhängnis; gegen mich, mein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Ich muß klar in der Sache sehen. Sprich also ohne Umschweife und sage, was Du weißt." „Die Geschichte ist lange her," begann Hartwig zögernd, „wohl an die siebeuundzwanzig Jahre. Mein gnädiger Herr, Ihr Herr Vater war damals unverheirathet und noch nicht lange erst von Schlesien nach dem Villen- hofe übersiedelt, da lernte er ein junges Mädchen kennen, welches bei der Pfarrersfamilie im Dorfe einen ganzen Sommer zu Besuch war. . . Wie das allmählich so gekommen ist, weiß ich nicht, aber ein Wunder war's, nicht, denn die junge Dame war so schön, daß sich ein Mann in sie verlieben mußte, er mochte wollen oder nicht, na, kurz und gut, es dauerte gar nicht lange, da war ich zwischen dem Villenhofe und dem Pfarrhause täglich ein paar Mal unterwegs mit rosafarbenen, süßduftenden Billets. Es gab Bestellungen zu heimlichen Zusammenkünften u. s. w., und was ich voraussah, trat endlich ein! Das Verhältniß hatte Folgen und das Fräulein leiste plötzlich ab. Ihr Herr Vater benahm sich dabei sehr nobel, ich weiß das am besten, denn er machte mich zum Vermittler in der delikaten Geschichte, in die ich nnn doch einmal eingeweiht war. Aber das Fräulein wies alle seine Anerbietungen, die nicht dircct auf eine Heirath hinausliefen, von sich. Die Sache ging damals dem gnädigen Herrn sehr im Kopfe herum, und ich glaube, er hätte das Fräulein wohl auch geheirathet, aber es lag etwas in ihrem Charakter, — Rachsucht, Starrsinn und Hochmuth — was ihn abschreckte und voraussehen ließ, daß die Ehe keine glückliche werden könne. Fünf oder sechs Jahre später heircuhete das Fräulein den Advokaten Teßner in der Kreisstadt, der damals bereits ein alter Junggeselle war. Sie mochte wohl kaum über vierundzwanzig Jahre alt sein und war noch immer sehr schön. Mehrere Freier hatte sie bereits abgewiesen, da ihr nach dem Herrn Baron keiner hoch genug stand, bis ihr Großvater der Sache ein Ende machte und ihr, glaub' ich, mit Enterbung drohte, wenn sie nicht die Frau des Advokaten würde. Sie schenkte ihm eine Tochter und ist einige Jahre darauf gestorben. Bis dahin hatte der Herr Baron mit dem Advokaten in geschäftlichem Verkehr gestanden und demselben alle seine Rechtsgeschäfte übertragen. Er gab ihm daher beim Tode der Frau seine Theilnahme zu erkennen und sandte mich mit einer Condolenzkarte und einem prachtvollen Lorbeerkranze in's Trauerhaus. Ich dachte, der Himmel müsse über mir zusammenbrechen, als der Advokat, der so katzenartig freundlich war, mich sammt Karte und Kranz in giftigster Weise zurückwies. Nachdem ihm seine Frau in ihrer letzten Stunde bekannt habe, sagte er vor Wuth zitternd, in welchen Beziehungen sie früher zu meinem Herrn gestanden, müsse er jede Beileidsbe- 631 zeugung von solcher Seite ablehnen. Hatte er von jenem Verhältnisse Kentniß gehabt, so würde er sich für viel zu gut gehalten haben, der Nachfolger des Herrn Barons zu werden. Man konnte es ihm leich; ansehen, daß er noch kochte vor Eifersucht, von der schönen Frau, in die er rasend verliebt war, betrogen worden zu sein. . . Damit, gnädiger Herr, habe ich Ihnen alles Hauptsächliche mitgetheilt. Es wäre darüber nie ein Wort über meine Lippen gekommen, wenn mir mein Gewissen nicht gesagt hätte, daß ich Ihnen gehorchen müsse." Wolfgang hielt sein Antlitz mit der Hand bedeckt. Nach längerer Zeit blickte er auf und sagte: „So habe ich also, noch ehe ich selbst das Licht der Welt erblickte, bereits einen Bruder oder eine Schwester gehabt, und es wäre meine Pflicht, mich nach diesem Geschwister umzusehen." „Es war ein Bruder, gnädiger Herr," bemerkte Hartwig, „der Herr Baron wollte für den Knaben sorgen, aber die Mutter wies auch dies zurück, und nie haben wir erfahren können, was aus dem Kinde geworden ist." Hartwig war entlassen. Schlimmeres hätte er nicht hören können. Ja, Felicitas hatte Recht. Unmöglich konnte sie die Gattin eines Mannes werden, dessen Vater ihre Mutter einst zu Fall gebracht, unmöglich hätte sie ihm, dem Geliebten, dieses Geheimniß entdecken können, nie und nimmer wäre das Wort über ihre keuschen Lippen gekommen, das ihre eigene Mutter bloßstellen mußte. Bald nach Hartwig's Entfernung erschien Maitland. In seinen Augen leuchtete es triumphirend, sein Wesen hatte etwas Echeimnißvollcs. „Baron." sagte er mit gedämpfter Stimme, die Hand auf Wolfgangs Schulter legend. „Alles geht gut. Ich unterhandle eben noch wegen des Ankaufs der schnellsten Dampf-Jacht, die in den Buchten der Nievera ankert; einige unternehmende Monagasken stehen bereits zu unserer Verfügung. Jetzt gilt eS noch zu berathen, wie wir den Gegenstand Ihrer Liebe an eine einsame Stelle locken, wo wir seiner ohne Aufsehen habhaft werden können." „Ich bin mit mir ernstlich zu Rathe gegangen," entgegnete Wolfgang, „und habe bei genauerer Selbstprüfung gefunden, daß ich Ihre Ansicht über Glückseligkeit nicht zur meinigen machen kann. Nehmen Sie meinen Dank für Ihre Bemühungen." Ein höhnisches Lächeln schwebte um Maitland'S Lippen. „Es sei wie Sie wollen; gehen Sie Ihren eigenen Weg," erwiderte er und entfernte sich mit mißvergnügter Miene. . . Schon von dem Augenblicke an, wo Wolfgang von der furchtbaren Selbsttäuschung, daß Felicitas ihn betrogen habe, befreit worden war, waren alle seine wilden Entschlüsse und Pläne geschwunden. Er lehnte sich nicht mehr gegen sein Schicksal auf und wollte mit Würde und Ergebung tragen, was es ihm bestimmt hatte, selbst das Loos der Armuth. Er erschrack jetzt vor den finsteren Gedanken, denen er Eingang in seine Brust gestattet hatte, und glaubte zu entdecken, welche gefährliche Hochschule der Versuchungen ihm der Umgang mit Maitland war. „Ich muß vor diesem Manne fliehen," dachte Wolfgang, „oder er wird mich moralisch zu Grunde richten. Wahrhaftig! wenn ich jener gehaßte Halbbruder wäre, an welchem er seine Wuth über das Mißgeschick seiner Geburt kühlen möchte, er könnte nicht systematischer zu Werle gehen!" Wolfgang fühlte sich plötzlich von einem Gedanken erfaßt, der ihn in die größte Aufregung versetzte. Die Verhältnisse, welche der alte Hartwig geschildert hatte, erinnerten ihn lebhaft an Maitland'S Erzählung. Wär er (Wolfgang) etwa wirklich jener glücklichere Halbbruder, den Maitland so tödtlich haßte, daß es ihm als eine, eines ganzen Lebens würdige Aufgabe erschien, ihn zu vernichten. Nein! Unmöglich konnte sich unter so viel Freundschaft und Herzlichkeit, wie Maitland ihm in den verschiedensten Lebenslagen bewiesen, eine glühende, still und rastlos arbeitende Rachsucht verbergen. Auch kamen derartige Verführuugsgeschichtcn ja leider zu häufig vor, als daß es nicht eine Menge analoger Fälle gegeben haben sollte. XL. Jener Abend, wo Maitland am Roulettentische mit Edmund Rettberg zusammengetroffen war, sollte der letzte gewesen sein, den der junge Nous im Casino, wo er bisher täglicher Gast war, verbrachte. Er war seitdem aus der von ihm bewohnten Villa zwischen Monte-Carlo und Nizza nicht wieder herausgekommen. Der Fieber- zustand, welcher den Kranken bisher nicht am Ausgehen zn hindern vermochte, hatte sich so gesteigert, daß er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Nichts aber lag dem Kranken ferner als der Gedanke, daß sein Leiden unheilbar sei und daß die Schatten des Todes sich bereits auf ihn herabzusenken begännen. Herablassende Gespräche mit Nölling wechselten mit despotischen Launen. Er hatte den Mann, vor dem er früher einen gewissen scheuen Respect gehabt, von Ansang an in wegwerfendster Weise behandelt. Wenn Nettberg seine unerträglichen Launen an ihn ausließ, was täglich ein paar Mal geschah, so pflegte er ihm Schimpfwörter, wie „Verdammter Spitzbube!" — „Langfinger!" — „Einbrecher!" — „Galgenvogel!" — „ZuchthauSkandidat!" — in's Gesicht zu schleudern, und hatte seine stille Freude daran, daß Nölling es nicht wagen durfte, auf Nettberg's eigene Vergangenheit auch nur mit einer Silbe anzuspielen oder ihm gar die eine oder die an dere jener Benennungen, die sehr gut auch auf den ehemaligen Bauernfänger und Wechselfälscher paßten, zurückzugeben. Freilich fühlte sich Nölling mehr als einmal versucht, den elenden Buben wie einen Stiefelknecht an die Wand zu schmettern, aber die Dankbarkeit und Hingebung für Melanie war stärker noch als die augenblickliche Wuth, und mit einer wahren Heiligengeduld ertrug er eine entwürdigende Behandlung, deren Bitterkeit Melanie niemals auch nur ahnen sollte. So hatte sich ihre Hoffnung, daß Nölling einen heilsamen Einfluß auf ihren Bruder ausüben könne, nicht erfüllt. Aber es war ohnehin nichts mehr an Edmund zu retten gewesen, er hatte sich bereits, als Nölling anlangte, im letzten Stadium der Lungenschwindsucht befunden. In seinen Berichten an Melanie suchte Nölling diese nach Möglichkeit zu schonen, als er aber sah, daß es mit Edmund schnell vorwärts ging, ließ sich die Wahrheit nicht mehr verschweigen. Melanie reiste ohne Verzug ab. Kurz vor ihrer Ankunft war Edmund in Nölling's Armen verschieden. Lange weinte Melanie bitterlich an der Leiche ihres Bruders. Nölling leistete der Trauernden jeden mög- 532 lichen Beistand und nahm alle die peinlichen Geschäfte allein auf sich, die mit jener letzten Pflicht, verwandten Staub in die Erde zu legen, verbunden sind. Ueber Rölling's Lippen kam kein Wort, welches das Andenken des Bruders im Herzen der Schwester hätte trüben können, aber selbst wenn er in die bittersten Anklagen über das Benehmen des Verstorbenen ausge- brochen wäre, so hätte er demselben kein schlimmeres Zeugniß ausstellen können, als dieser sich selbst ausgestellt hatte. Bei der Durchsicht der von Edmund hinterlassenen Papiere fielen Melanie nämlich einige ältere Blätter in die Hand, welche ein mehrmals abgeändertes Concept enthielten, wobei gleichzeitig Versuche gemacht worden waren, mit verstellter Handschrift zu schreiben. Es war der Inhalt jenes anonymen Briefes an die Staatsanwaltschaft, worin Nölling als das Haupt der Bande, die bei Teßner eingebrochen hatte, denuncirt war. Offenbar hatte Edmund, als künftiger Angehöriger der obern Zehntausend einen so unbequemen Freund wie Rölling bei Zeiten von sich abschütteln wollen und dazu das sich gerade darbietende sehr probate Mittel zu benutzen versucht, ihn hinter festen Zuchthausmauern unterzubringen. (Fortsetzung folgt.) ----8-W8LS—-- „Für Herz und Haus."*) Jüngst ist ein deutscher Dichter heimgegangen, der im Leben uns viel schöne Lieder spendete. Er schrieb unter dem Pseudonym: F. v. Münchberg, Frhr. v. Rach- witz, von Miris; letzterer Name mag besonders in den Lesern der „Fliegenden Blätter" freundliche Erinnerungen wecken. Die Gedichte, welche unter dem Titel: „Für Herz und Haus" erschienen, tragen den wirklichen Namen des Dichters, nämlich des in Regensburg gestorbenen fürstl. Domänendirectors Franz Bonn. Was Bonn, dessen Vildniß die erste Seite der oben erwähnten Gedichte schmückt, in der Widmung versprach, hat er auch gehalten. Was von der Jugend frönen Tagen Bis in mein Alter mich bewegt, Soweit ich's konnt' in Reimen sagen, Hab' ich in dieses Buch gelegt. Wir finden auf den 312 Seiten des Buches ein Dichterleben in Liedern. Im ersten Theile „Lenz und Liebe" besingt der Dichter den Frühling in der Natur und den in seinem Herzen. Er schildert die Gefühle während seiner Bräutigamszeit. Die Liebe der Geschlechter ist ihm weder tändelndes Spiel noch sentimentale Schwärmerei, sondern eine geistige, am Altare besiegelte und in Gott verklärte Zuneigung. In den „vermischten Gedichten" bringt er einige herzige Lieder, deren Stoff aus dem Kleinleben entlehnt ist, wir treffen aber auch ernste Gedichte darin, z. B. Allerseelen, Weihnacht, Unterm Christbaum. Der dritte Theil enthält „Bilder und Balladen". Bonn behandelt einige historische Ereignisse, oft aber auch umwebt er eigen Erlebtes mit poetischem Schleier. Zart und unmuthig sind im vierten Theile „Lieder und Stimmungen", tröstlich und weihevoll die Gedichte des fünften Theiles „In ernsten Stunden". Manches der Stimmungslieder gemahnt uns an *) „Für Herz und HauS", Gedichte von Franz Bonn. Dritte Auflage, Regensburg, Habbel. S. 312; Preis geb. 5 M. Eichendorff's gemüthvolle und oft zauberische schöne Gesänge, so daS Lied „Heimweh". H Unter den Bäumen in stiller Nacht Schlagen die Nachtigallen, Wenn hoch über die Wipfel sacht Silberne Lichter wallen. Unter den Träumen auf meine Brust Heimliche Thränen sanken, Waren verklärt auch in reiner Lust Alle meine Gedanken. Heimliche Thränen, heimlicher Sang, Irdisches Sehnen und Bangen, Ach i wie lange, o Welt, wie lang Hältst Du mein Herz gefangen. In den Gedichten auf den letzten Seiten sind jene Töne voller angeschlagen, die aus den Tiefen einer gläubigen Seele kommen, leise aber durchklingen sie auch alle übrigen Lieder. Und deßwegen muß uns der entschlafene Sänger so werth sein. Wie viele Gedichtsammlungen erscheinen alljährlich, worin bald gröber, bald feiner der Glaube verspottet wird oder in denen sich nur die Zweifelsucht, die Leere und der Schmerz der modernen Welt ausspricht. Hier sucht wieder einmal ein Gläubiger uns zu trösten, zu läutern und auf ewige Ideale hinzuweisen. Die Lieder von Franz Bonn sind ganz dazu angelegt, das zu werden, was er selbst ihnen als Wunsch und Scheidewort mit auf den Weg gegeben hat: So sei in Haus und Herz willkommen Mein Bucht Vergeblich sang ich nicht, Mag auch nur einem Herzen frommen, Nur einem Hause, mein Gedicht. Adolph Müller. -- Ein wirklicher Glücksritter. (Aus meiner alten Mappe.) Ein wirklicher Glücksritter ist eigentlich Derjenige, der das „Glück" im Ritte findet, ohne es zu suchen, und von einem solchen Glücksritter will ich ein Geschichtlein erzählen, das wohl einzig in seiner Art und kaum Einem unserer günstigen Leser bekannt sein dürfte. Der Graf von FlamarenS in Frankreich hatte, nachdem er mit Ehren seine militärische Laufbahn beendet, ins ländliche Stillleben sich zurückgezogen. Fortuna, die Göttin des Glückes, hatte bisher seiner noch nicht gedacht, wie es scheint, und er lebte von einem sehr bescheidenen Vermögen; doch immerhin fand der „frank und freie" Mann, der keinen „Aufwand" machte, dabei sein Auskommen; eine etwas vollere Kasse wäre hie und da nun allerdings nicht vom Uebel gewesen. Einst mußte der Graf von Flamarens eines Ver- mögensproceffes wegen eine Reise nach der Hauptstadt Frankreichs — nach Paris unternehmen. Damals war das Dampfroß noch nicht erstanden. Der Graf bestieg daher seine liebe Nosinante und suchte die weite Reise in kleinen Tagesritten zurückzulegen. So kam er eines Tages in den Wald von Fon- tainebleau. Da sah er eine Anzahl von Menschen, ebenfalls zu Pferde, die alle einen Seitenweg einschlugen; also ein und dieselbe Reiseabsicht haben mußten. Das reizte die Neugierde des Grafen, und muthig, wie der alte Soldat war, beschloß er, dieser ihm räthselhaften Erscheinung zu folgen. Nach einer Weile kam er an einen freien weiten Platz beim Fort de la Biche. Da sah er die Reiter und betrachtete sie genau. Sie waren abgestiegen. Ihre Physiognomien, die bräunliche Gesichtsfarbe (sonnenverbrannt) und ihre Kleidung hatte nichts weniger als etwas Nobles — und war durchaus nicht einladend. Sie banden ihre Pferde an die Bäume an. — „Parbleu! Ich bin am Ende in eine Räuberbande gerathen," sagte sich der Graf, „und ein Entrinnen ist da unmöglich. Es ist am besten, ich stelle mich an wie sie." Und er stieg ab und band sein Pferd auch an. Sofort fand er alle Blicke auf sich gerichtet. Bald sammelten sie sich zu einzelnen Gruppen und hielten, wie es schien, sehr eifrige Berathung, wobei immer nach ihm geschaut wurde. Nun lösten sich die Gruppen und die allgemeine Berathung trat ein. „Das Ding fängt an unheimlich zu werden", dachte der Graf, „jetzt werden sie über mein Loos entscheiden. Verwünschte Neugierdel" Endlich trat ein bärtiger Mann mit düsterer, fast zorniger Miene aus dem Kreise heraus und gerade auf den Grafen zu und sprach: „Darf man fragen, welcher Zweck Sie hieher führt, mein Herr?" Der Ton des Sprechenden klang nichts weniger als trotzig — im Gegentheil verlegen. Das stählte den Muth des Grafen, und er antwortete: „Sehr wahrscheinlich derselbe Zweck, der Sie hieher geführt hat, mein Herr." Der Abgesandte begab sich zurück zu den Seinen, und wieder begann die Berathung, und zwar noch eifriger, wie aus den lebhaften Gestikulationen zu schließen war. Abermals kam der Abgeordnete zu dem Grafen, und wie erstaunte dieser, als ihm der Fremde im Namen seiner Genossen die Summe von 200 Louisd'or — in baar — antrug, wenn er, der Graf, auf seinen Zweck verzichten und den Platz verlassen möchte. Da der Graf die Sache sich nicht erklären konnte, gewann sie für ihn das Ansehen eines komischen Abenteuers, und er beschloß, dasselbe weiter zu spielen. Er entgegnete deßhalb: Diese Summe sei noch viel zu ungenügend, um feinen Abzug zu bestimmen. Und wieder wird verhandelt „drüben und hüben". Da endlich bietet der Fremde dem Grafen fünfhundert Louisd'or. Der Graf wußte durchaus nicht, was er denken sollte, ein ganz unbeschreibbares Gefühl beherrschte ihn derart, daß er nicht sofort Antwort geben konnte. Der Fremde hielt dieses Schweigen für eine bedenkliche Zögerung und sagte: „Nun, mein Herr, ich meine, dqs sei denn doch eine respektable Summe, zumal Sie nich^ das geringste Nisico haben." Da besann sich der Graf nicht lang und antwortete: „Nun denn — in Gottes Namen." Man bezahlte ihm baar die Summe, überhäufte ihn mit der heitersten Miene von der Welt — mit Komplimenten, und der Graf räumte den Platz. Ganz verblüfft über dieses märchenhafte Ereigniß ritt er dahin. „Hm, mir unbegreiflich," sagte er für sich, „warum zahlen mir diese sonderbaren Leute diese bedeutende Summe? Sind das am Ende gar keine Menschen, sondern Kobolde? Und ist das Geld vielleicht nur Scheingeld?" Dabei befühlte er seine Brusttasche. „Doch nein, die Goldfüchse sind noch da. Und welche vergnügte Gesichter sie trotz dieser Ausgabe machten! Nun — ich bin auch vergnügt, das Geld kommt mir gerade recht. Unglück wird es mir wohl nicht bringen, und ein Teufelsspuk kann es nicht sein. Wer aber löst mir das merkwürdige Räthsel?" Unter der Pein dieser Frage kam er nach Melun. Dort vernahm er in einem Gasthofe ein Gespräch, das ihn aufs Höchste interessirte. „Wer wohl die Glücklichen sein werden," meinte der Eine. „Nun — ich denke, die „Zehner", die gestern bet mir abstiegen," sagte der Gastwirth. „Sie haben heute einen scharfen Ritt gemacht." „Ja, wenn die „Dreier" mit ihrem Grafen Prienne nicht einen Strich durch die Rechnung machen," meinte ein Dritter. „Die haben erst jüngst eine bedeutende Schlappe erhalten," entgegnete der Wirth, „und der Graf liegt schwer krank darnieder. Freilich könnte an diesem großen Waldtheil, bei glücklichem Einsteigerungspreis, leicht eine halbe Million gewonnen werden." — „Zehner", so viel der Männer mögen es gewesen sein, sagte sich der Graf; Waldversteigerung? Die „Dreier" — mit einem Grafen? — Große Holzhändler l Jetzt tagte des Räthsels Lösung. — „Erlauben Sie, meine Herren," wandte sich der Graf zu den Sprechenden, „wo findet diese Waldversteigerung statt?" „Beim Fort de la Biche." Das Räthsel war gelöst: Die Reiter — „Zehner" hatten den Grafen für einen gefährlichen Concurrenten gehalten — und denselben durch die Abkaufssumme sich vom Halse geschafft. So wurde der Graf von Flamarens ohne Willen zu einem wirklichen Glücksritter. I's. - . . ' Der eiserne Bestand. Eine Knödelgeschichte von O. Kalis. —^^ (Nachdrua vnbolen.) Die verehrten Leserinnen werden ersucht, sich durch obige Aufschrift nicht erschrecken zu lassen. Es handelt sich mit dem „eisernen Bestand" nicht um das Waffen- Arsenal in Spandau oder um das Krupp'sche Kanonen- gußwerk in Essen, sondern um eine ziemlich harmlose Vorschrift aus dem letzten Krieg. Auch an dem Ausdruck „Knödelgeschichte" möge 'sich niemand stoßen. Es wird keineswegs aufgezählt werden, wann, wo und von welcher geistreichen, hübschen Küchenfee die Knödel erfunden, wieviele seit jener Zeit verzehrt worden sind. Auch werden weder alle Arten dieser kräftigen Speise katalogisirt, noch auch die vielen Redensarten in ein .System gebracht. Das Alles wollen wir berufenen Fachmännern überlassen. — Unsere Militärhumoreske geht auf eine oder, besser gesagt, doppelte Soldatenbosheit hinaus, und zwar: erstens auf Mißbrauch des Wortes „Knödel", zweitens auf wirklich „gekochte Knödel". * * Beim Ausbrnch des deutsch-französischen Krieges wurde vielfach das Bedenken laut, Süd- und Norddeutschland werde sich bei gemeinsamer Operation nicht gut vertragen. Schon die divergirenden Nationalitäten seien zu einem gedeihlichen, harmonischen Zusammenwirken kaum geschaffen; besonders aber müßten die durch den Bruderkrieg vor vier Jahren geschaffenen Gegensätze zu Befürchtungen Anlaß geben. Wir kümmerten uns um dergleichen spießbürgerliche Auseinandersetzungen wenig; denn kaum hatten dieselben Platz gegriffen, als uns an der Landesgrenze schon die französischen Chasscpotgeschosse über die Köpfe schwirrten. Jetzt hörten alle Sonderinteressen, alle Gehässigkeiten auf. Es galt ein gemeinsames, wüthiges Vorgehen gegen den Feind. Dieses Zusammenwirken half uns über die schwierigsten Stellungen hinweg: man denke an Weißenburg, Wörth, Sedan, Orleans, Paris! — Wir Süddeutsche wurden von unseren Vorgesetzten streng innerhalb der Grenzen von „Mein und Dein" gehalten. In Folge dessen mußten wir manchmal empfindlich hungern. Zur Abhilfe waren häufig die norddeutschen Freunde bei der Hand. Ich gestehe: zweimal erhielt ich in schwerer Noth von einem Preußen Atzung. Gut. Wir vertrugen uns besser, als Mancher zu hoffen gewagt hätte. Und doch war die liebe Brüderlichkeit vielleicht nur eine künstliche. Als Paris capitulirt hatte und die Hoffnung auf den Friedensschluß zu berechtigen schien, da sing die Freundschaft zwischen Nord und Süd zu krebsen an. „Hören Se mal, Jotzke, dat is 'n Bayer! Wir hätten diese Leute nich' jebrancht; wären leicht alleene fertig jeworden mit den Franzosen." — „Justav, steh' mal, sieh' mal diesen trampeligen Kerl! Is jedenfalls 'n Bayer. Wie kann man solche Bären als Soldaten anstellen?" — „Stulte, Se einfältiges Kamel! Ich lasse Se zehn Tage in's Loch sbeereu, wenn Se nochmal mit 'nem Bayer smoliren. De sind zu dumm for 'n Preuße!" — „Blitz, Bomben und Granaten! Schwartcck, wie, 'n Bayer hat Dir 'ne Ohrfeige applicirt? Schäme Dir drei Ewigkeiten lang for dat preußische Heer! Brumme drei Strafwachen, weil et 'n Bayer war!" — Solche und ähnliche Liebenswürdigkeiten wurden fast täglich laut. Den 3. Mai bezog mein Bataillon Cautonnement im Städtchen Alfort. Auch ein preußisches Regiment lag daselbst. Am folgenden Morgen wurden wir von unserem Hauptmann zum Exerciren aus der Stadt geführt. Auf dem Marsch kamen wir an einem freien Platz vorbei, wo ein preußischer Unterofficier etliche junge Leute drillte. Sobald unser Compagnie-Chef außer Hörweite war, begann der über vier Mann Befehlende zu schreien: „Hört mal, Mannschaften! Sehet diese wandelnden Automaten an. — Det find Bayern. — Solch' tranrije Fijuren dürft Ihr nich werden. — Ich snje Euch noch mehr: et find Knödelfresser.-Wir waren bereits zu weit entfernt, um noch weitere Kosenamen des Unterofficiers Flurspecht vernehmen zu können. Abends besuchte ich ein Weingastlokal. Noch war hinter mir die Thüre nicht geschlossen, und schon ertönte Flurspecht's Stimme: „Habe die Ehre, altbayerischer Knödelfresfer!" Was sollte ich thun; mich schließlich in einen Scandal verwickeln? Nein, umgekehrt, in's Quartier gegangen und ein Glas Wasser getrunken! Am nächsten Abend, als ich bereits schlief, kamen mehrere meiner Compagniekameraden wüthend heim. Sie schimpften, fluchten, schworen Rache. Erst nach langem Poltern fand ich heraus, daß diese in meine gestrige Gesellschaft gerathen seien. Wieder einen Tag später besuchten unser zwölf Mann die bekannte Weinkneipe. Flurspecht uns sehen und mit seinen Mannschaften durch eine Hinterthüre verduften, war fast eins. Bald erscholl durch ein Fenster: „Ihr seid lauter altbayerische Knödelfresser l" — „Knödel- fresser!" cchoten auch die traurigen „Mannschaften", welche ihrem Unterofficier täglich den Wein bezahlen mußten. Unter meinen Landsleuten stieg die Erbitterung auf's höchste: man wollte diesen Menschen selbst auf offener Straße überfallen. Am 8. Mai kam ich Mittags von der Wache ab. Meinem Quartier gegenüber wurde echtes Hackerbräubier aus München verzapft, die Maß zu 30 Kreuzer. Schon einigemale war an mich die Versuchung herangetreten, von diesem Naß zu kosten; aber die Kosten! Heute unterlag jedes Bedenken in Betreff der Finanzen. Bald saß ich in der feinmöblirten Schankhalle des Hotels an der Marnebrücke. Bald stand in einem echt bayerischen Maßkrug das gewohnte, beliebte Nationalgetränk vor mir. Was sind für den Bayer alle Weine, selbst der feinste Bordeaux, den ich gekostet, gegenüber einer Maß „Münchener"! Nicht nur mit Verstand, wie man empfiehlt, sondern sogar mit einer gewissen Andacht schlürfte ich die entzückenden Tropfen. Erst als der Krug zur Hälfte geleert war, würdigte ich auch meine Umgebung einiger Aufmerksamkeit. Ich saß allein. Der Saal war fast leer. Nur zwei preußische Officiere thaten einige Meter weit von mir an einem Erkeriisch dem „bayerischen Braunen" alle Ehre an. Diese wurden in ihren Mittheilungen bald so laut, daß ich beinahe jedes Wort des Gespräches verstehen konnte. „Noch eines, Premier", sprach der ältere Officier, Namens v. Stechwitz, „ich werde morgen nur zwei Stunden lang exerciren lassen. Dann wird strenge Visitation der Tornister vorgenommen. Besonderes Augenmerk wenden wir dem „eisernen Bestand" zu. Ich fürchte, die Mannschaften haben vor dem großen Armeebefehl nicht die gehörige Achtung und naschen an der Erbswurst ohne Noth, während sie doch zu leben haben wie der Vogel im Hanfsamen. Halten wir bei dieser Gelegenheit die Daumen besonders auf den Unter- osficieren. — Hören Sie, Premier! — Schockschwerenoth! — Ich glaube gar, Sie schlafen? — Premicrlieutenant, schnell trinken Sie eine Flasche Wein! Es wäre die höchste Schande, wenn sich ein preußischer Officier gestehen müßte, er sei durch bayerisches Bier betrunken geworden." — Auch der Hauptmann v. Stechwitz lallte bereits, daß er nur noch mit Mühe zu verstehen war. Es ist zum Ausderhautfahren. Nicht nur die bayerischen Soldaten, nicht nur die bayerischen Knödel taugen nichts; selbst das Bier erhält kein Recht, weil es „bayerisch" ist. Unmuthig verließ ich das Gastlokal. Also, der preußische Hauptmann nimmt morgen Visitation des „eisernen Bestandes" vor. Was ist der „eiserne Bestand"? Da bet unseren zu befürchtenden Massenkriegen an eine Verköstigung der Heere mit frischen Naturalien nicht mehr zu denken ist, haben, ich weiß nicht wohlwollende oder speculative, Männer an künstliche Ernährung gedacht. Diese ist heute ziemlich ausgebildet. Man denke an „Conserven" und „Dörrgemüse". Die Erbswurst machte den Anfang. Obwohl nach der Weihnachtsnummer eines Berliner Blattes von 1870 ein Professor aus Königsberg behauptete, „die Zukunft (Erbswurst resp. Conserven) vergifte die Jugend," war gegen Ende des Monats Januar 1871 das ganze deutsche Kriegslager mit dieser Gabe überschwemmt. Das Ding bestand aus Erbsenmehl gehacktem Schinken und Salpeter. Die Form war compakt, wurstartig in Pergameutpapier. Diese Wurst, fein geschnitten und in Wasser gekocht, lieferte in wenigen Minuten eine schmachvolle, nahrhafte Suppe, aber auch bedeutende Unterleibswehen. Durch Gewohnheit blieben letztere aus und damit in der Regel auch der Appetit. Solche Dinger erhielten wir längere Zeit in Ermanglung von Fleisch als Nahrung. Eines Tages wurde uns mit besonderer Feierlichkeit eine Erbswurst überreicht, die man nicht verspeisen dürfe, sondern im Tornister herumtragen müsse, bis die höchste Noth eingetreten sei. 535 Dies nannte man den „eisernen Bestand": wohl deßwegen, weil auch Eisen nicht verzehrt wird. „Es lebe die Gemüthlichkeit!" rief unser Secondjäger Hamberger. „Jetzt geht das Hungerleiden erst recht an. Die Verpflegs- abtheilung will nichts mehr geben. Sie prahlt damit, daß soviel Erbswurst geliefert werde. Hat der Soldat eine solche, dann darf er sie nicht essen." Ich lag in meinem Quartier mißmuthig auf dem Stroh. — Also wir Bayern sind eigentlich Böotier. — Haben wir darum die Heimath verlassen, eine Unzahl von Mühen und Beschwerden ertragen, das Leben in die Schanze geschlagen, um endlich von den Preußen Mitleidig verachtet zu werden? — — So, so, morgen hält der Hauptmann v. Stechwitz Visitation über den „eisernen Bestand". Hm — —. Ein häßlicher Gedanke blitzte mir durch das Gehirn. — Häßlich, warum? — Der getretene Wurm krümmt sich. — Wozu ist der Menschheit und insbesondere dem Soldaten ein Recht auf Nothwehr gegeben! — Fünf Minuten später befand ich mich außerhalb der Wohnung. Ich kaufte in einem Bäckerladen für fünf Sons Weißbrod, bei einem Viktualienhändler vier Stück Eier und etwas Weizenmehl. In meinem Quartier folgte nun ernstliche Arbeit. Es wurde Feuer gemacht, Wasser darüber gesetzt, das Brod fein geschnitten, die Eier darangeschlagen und einiges Mehl beigemengt. Nachdem das Ganze etwas geknetet war, brachte ich die weiche Masse in runde Formen und legte diese in das kochende Wasser. Nach einer halben Stunde hatte ich die herrlichsten Knödel vor mir. Nun griff ich aus meinem Tornister eine Erbswurst, deren ich zwei besaß, löste sorgfältig ein Ende derselben und schabte mit einem Löffel den ganzen Inhalt heraus, so daß ich bald das leere Pergament in Händen hielt. Dahinein ließ ich nun Knödel auf Knödel geleiten. Fünf Stück fanden Raum. Das offene Ende der Wurst wurde nicht gebunden, sondern nur zusammengedreht. Mit diesem Produkt begab ich mich noch um r/zö Uhr Abends zu dem mir wohlbekannten Quartier des Unterossiciers Flurspccht. Sobald der nächste Morgen die Marne zu vergolden begann, ging ich zu meinem vorgesetzten Unterosficier, zeigte ihm meine Fußbekleidung, deren Absätze nothwendig einer Reparatur bedurften, und erhielt leicht Erlaubniß, die Hilfe des Compagnieschuhmachers in Anspruch zu nehmen. Somit hatte ich mindestens für den ersten halben Tag dienstfrei. Um 6 Uhr zog mein Bataillon zur Uebung aus. Ich wandte jetzt natürlich mein Augenmerk den Preußen zu. Eine Stunde später begann es sich auch vor dem Quartier Flurspechts zu regen. Bald waren die „Mannschaften" angetreten. Der Unterosficier besichtigte jeden Knopf an der Uniform, sämmtliche Riemen und Schnallen am Tornister, endlich die Waffen in all ihren Theilen. Hierauf sprach er im patzigstem Commandoton: „Man kann mit Euerer Propretät leidlich Zufrieden sein. Mach? mir auch vor dem Herrn Hauptmann beim Exercieren keine Schande. Noch eines! Ihr wißt, daß wir nie vor einer Untersuchung des „Kalbspclzcs" sicher sind. Sollte einer von Euch Fressalien darin haben, so werfe er sie sofort auf die Straße; sonst trifft Euch ein Donnerwetter! — Mannschaften — Marsch!" Vor der Wohnung des Hauptmanns vereinigte sich die Compagnie. Nach einigem Warten blickte der Feldwebel wiederholt nach den Fenstern des Chefs, konnte aber dort kein Leben entdecken. Endlich erschien der Lieutenant. Sofort wurde ihm die Meldung abgestattet, daß die Compagnie mit 160 Mann und 22 Unterofficieren am Platze sei. Der junge Mann sah auf die Uhr, schüttelte sein lockiges Haupt und führte die Truppe nach einer nahen Wiesenfläche. Hier wurde in Abtheilungen exerciert. Nach einer halben Stunde kam der Premierlieutenant herangewankt. Sein Gesicht zeigte entsetzliche Spuren von gestern. Er nahm schweigend die Meldung des Lieutenants entgegen und zog seinen schweren Kopf wieder in die Stadt zurück. Nach einer weiteren halben Stunde kam der Hauptmann v. Stechwitz geritten. Sobald er vom Pferd „gesprungen", rief er etwas heiser: „Compagnie — stille gestanden! — Ich will heute meiner Mannschaft etwas Ruhe gönnen. Der Dienst darf aber nicht Schaden leiden, darum halten wir eine kurze Untersuchung der Tornister, und insbesondere des „eisernen Bestandes", 'rr Premier!" — Da dieser nicht anwesend war, meldete ihn der Lieutenant als „krank". Stechwitz com- mandirte: „Gewehr in Pyramiden! — Tornister ab! — Znr Visitation bereit!" — „'rr Lieutenant! Ich untersuche in Ihrer Gegenwart die Tornister der Unter- officiere; hierauf thun Sie dasselbe mit den Unterofficieren bei der Mannschaft!" „Zu Befehl, Herr Hauptmann." Zuerst kam der Sergeant Jarke an die Reihe. Bet ihm fand sich alles in Ordnung. Der zweite Tornister, des Unterossiciers Flurspecht, verhieß dieselbe Pünktlichkeit. Obenauf lag die Mütze, dann der Putzzeug, und darunter blickte ein neues Flanellhcmd unmuthig hervor. „Gut", sprach der Hauptmann und ging einige Schritte vorwärts. „Doch halt!" rief er, „ich mnß auch den „eisernen Bestand" sehen!" — Flurspecht stand unbeweglich. — „Sergeant, bringe Er mir das Geforderte zur Ansicht!" Der Gerufene beugte sich über den Tornister, hob Mütze, Putzgegenstände und Hemd hinweg. Jetzt starrten aller Augen zwei Cigarrenkistchen entgegen. Das erste derselben erwies sich als leer. In dem zweiten befand sich ein der Erbswurst ähnliches Etwas. Der Sergeant reichte das Kistchen dem Hauptmann zur Besichtigung. Dieser ergriff die wurstähnliche Erscheinung an dem trockenen Ende, hob sie empor und plötzlich kollerten aus der Haut fünf kugelförmige, teigartige Dinger hervor. Stechwitz prallte zurück: er mochte Dynamit wittern, „'rr Lieutenant!" rief er endlich, „was soll das?" „Herr Hauptmann, dies sind Knödel. Ich lernte diese Ernährnngsart auf meiner vorigjährigen Reise in Süddemschland kennen. Die Knödel schmecken ganz famos; besonders wenn sie mit Schinken oder frischer Leber durch- woben sind." Stechwitz bot das Bild der Erdoberfläche vor einem schweren Gewitter. Schweigen — unheimliche Schwüle. Die Nasenflügel begannen zu vibriren wie elektrische Funken. Die vergrößerten Augen rollten wie Donner. Die Brust wogte auf und nieder wie das stnrmgepeitschte Meer. Endlich brach eine Fluth von Schimpfworten hervor-. „Den ehrenhaften Namen „Unterosficier" sind Sie nicht mehr werth; Sie haben ihn beschimpft, entehrt. Flurspecht! Ich muß Ihnen die Borten vom Waffenrock reißen und verbrennen. Ich bin genöthigt, Sie in den Soldatenstand zweiter Klasse zu versetzen. — Der preußische Soldat hat die erdenklichste Abhärtung 536 an den Tag zu legen, sich Mit Speck, Kommißbrod und Schnaps zu begnügen. — Was muß ich aber hier wahrnehmen? — Unaualisicirbare süddeutsche Leckerhaftigkeit, die strafbarste Vergeudung des „eisernen Bestandes", die vorschriftwidrigste Packung des Tornisters! — Was soll ich mit Ihnen anfangen?" „Herr Hauptmann!" begann Flurspecht zerknirscht, „ich gestehe alles ein, die Cigarrenkistchen, die fehlende Erbswurst; aber von den Knödeln weiß ich nicht, wie —" „Halten Sie Ihr Leckermaul!" schnitt ihm v. Stech- witz die Vertheidigung ab. „'rr Lieutenant, was denken Sie von der Angelegenheit?" „Herr Hauptmann, ich meine unmaßgeblich, wenn der Herr Premier hier wäre, könnte man gegen den Unterofficier scharf vorgehen. Nun aber, — wollen der Herr Hauptmann entschuldigen — bayerisches — Bier — „Genug, genug, 'rr Lieutenant! Der preußische Officter ist gegen seine Untergebenen immer zur Milde geneigt. Ich werde darum für Flurspecht die geringste Strafe verordnen. Er bekommt für jedes der drei Verbrechen einen Tag Haft. Sergeant, führen Sie den Delinquenten sofort in das Compagnie-Wachlokal ab!" Von dieser Stunde an wurde Flurspecht in Alfort nicht mehr gesehen. Es hieß allgemein, er hätte sich zu einem andern Regiment versetzen lassen. Uns kam der Name „Knödelfresser" nie wieder zu Ohren. ALleeLer» „Lord Rosse", — so erzählt „The World" — „ist bekanntlich einer unserer trefflichsten Mafchinen- Jugenieure. Jüngst kommt er auf einem Spaziergauge an einer Fabrik vorbei, in deren Hofraurrr eine Dampfmaschine arbeitet. Er stellt sich hin und sieht mit gelassener Aufmerksamkeit zu. Plötzlich schüttelt er mit dem Kopfe, zieht eine Uhr hervor und blickt nun abwechselnd bald auf die Uhr, bald auf die Maschine. Der Werkmeister kann sich das Benehmen des wildfremden Menschen nicht erklären. „Nun, was gibt's denn?" fährt er ihn an. „WaS ist Ihnen denn nicht recht?" — „O," sagt Lord Rosse, „mir ist Alles recht. Ich warte nur, bis die Maschine in die Luft fliegt." — „In die Luft, sind Sie verrückt, Mensch?" — „Nein, aber wenn noch zehn Minuten mit der gelockerten Schraube gearbeitet wird, fliegt sie gewiß in die Luft." Der Werkmeister sieht hin, erbleicht und läßt die Maschine stoppen. „Aber zum Teufel," sagt er dann, „warum haben Sie denn nicht früher Ihren Mund aufgethan?" „Wall«, entgegnete der Lord. „Warum? Ich habe ja noch nie eine Maschine in die Luft fliegen sehen!" Sprach's und ging höchst vergnügt von dannen. — * Auf der Jagd. Förster fzu einem Schützen): „Halt! Auf diesen schönen Hasen wird nicht geschossen!" — Schütze: „Warum denn nicht?" — Förster: „Auf den schießt der Herr Baron jeden Sonntag." * Dame des Hauses sauf einer musikalischen Soiree): „Herr Kapellmeister, bitte, spielen Sie das Adagio etwas schneller — es wird schon die Suppe aufgetragen." Vor dem Wildpretladen. „Gehst du morgen auf die Jagd, Männchen?" „Ja!" „Ach, weißt Du, da schieß' mir doch diesen Hasen hier!" * Kunstliebhaber: „An Ihrem Bilde kann man sich gar nicht satt sehen!" — Maler: „Eben deßhalb möcht' ich eS gern verkaufen." » I -*«> « -»- Versöhnlichkeit. Will bitt'rer Groll nicht aus dem Herzen weichen, Denk' Dir den Feind auf seinem Sterbebette, Wenn er auch noch so tief gekränkt Dich hätte, Hier müßtest Du versöhnt die Hände reichen. Bülk auf das Kreuz, des GottveriöhnerS Zeichen, Schau hin im Geist auf Jesu Todesstätte. Nach Seinem Vorbild für den Hasser bete! Als Jünger sollst Du ja dem Meister gleichen. Wenn Du wie Heiden folgst dem Rachetriebe, Woran denn sollen es die Menschen merken. Daß Du ein Christ; — wie kannst Du Kind Dich nennen Deß, den Johannes als die laut're Liebe Geprediget in Worten und in Werken? — Nie läßt vom Glauben sich die Liebe trennen. Ll. v. Himmelöschau im Monat September. —X. Venus H geht als Morgenstern 2 Stunden vor der Sonne auf. Mars F wird rechtläufig, sehr hell mit röthlichem Lichte, bewegt sich zwischen Widder und Walfisch und ist die ganze Nacht sichtbar. Am 18. steht er westlich vom Mond. Jupiter ?!, rechtläufig in den Zwillingen, geht auf zwischen 11 U. 15 M. und 9 U. 30. M. nachts, ist sehr hell mit weißem Lichte. Am 22. geht er 10 U. 2 M. abds. rechts unter dem Mond auf. Am 15. Sept. findet eine partielle Mondsfinsterniß statt. Anfang der Finsterniß 4 U. 35 M. früh, Mitte der Finsterniß 5 U. 31 M., Ende 6 U. 27 M. nach mitteleuropäischer Zeit. In Augsburg geht der Mond 33 M. vor dem Ende der Finsterniß unter. Die totale Sonnenfinsterniß am 29. Sept. ist in unserer Gegend nicht zu beobachten. . - Kreuz- und Huer-Mthsel. 1 2 bedeckt die weiten Fluren, S 4 ist, was Du nennest dein, > 1 4 verfolgt des Wildes Spuren, Schrill durch die Luft ertönt sein Schrei'n, 3 2 flieh'» vor des Jägers Meute Und werden doch noch seine Beute, 4 2 wirst du gewißlich kennen, Du siehst es in der Mägde Hand. 3 1 wird dir die Bibel nennen, Es ist ein Berg im heil'gen Land. Auflösung des Bilder-Näthsels in Nr. 63: Ein Sonnenblick macht Nebeltage vergessen. --MUZS--— 70 . 1894 . „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 28. August Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas „Und dazu mußte ich mich mit hergeben!" rief Melanie^ in Thränen ausbrechend, ich, die ich Ihnen mehr als mein Leben verdanke!" Wolfgang faßte ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. „Sie haben Alles wieder gut gemacht, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Aber nun sagen Sie mir, wie geht es Ihnen und was ist Ihnen begegnet, seit wir uns nicht gesehen hahen?" „Wenn irdische Glücksgüter wahrhaft glücklich machen können, so bin ich es," antwortete Melanie unter einem tiefen Seufzer. „Aber ich wage kaum, Sie zu fragen, wie Sie sich befinden, denn ich sehe, daß Sie krank sind, Herr Baron." „Nennen Sie mich nicht so," bat Wolfgang. „Nach allen den Ereignissen, die unser Schicksal verflochten haben, können wir uns nur als Geschwister betrachten, und wenn Sie mir gestatten wollen, Melanie, werde ich Ihnen ein Bruder sein an Stelle dessen, den Sie verloren haben." „Sie sind mir schon ein besserer Bruder gewesen," 538 erwiderte Melanie. „Aber Sie sagen mir nicht, ob sie krank sind, und doch fürchte ich dies, denn Sie haben sich sehr verändert. O, gewiß haben mein Bruder und ich dies verschuldet, Wolfgang!" Sie sprach seinen Namen zögernd und leise aus und das Blut stieg ihr in's Gesicht, als ob sie ihm gesagt hätte, daß sie ihn liebe. „Nein, Melanie, der Gedanke an mein Vermögen hat mir keinen Kummer verursacht; etwas anderes ist es, das mich elend gemacht hat." Er brach ab und fragte dann: „Ist es Ihnen bekannt, daß Felicitas in der Nähe weilt?" Melanie verstand ihn. „Ja, ich weiß," nickte sie sinnend, „sie hat mir von Nizza geschrieben. Ich werde sie besuchen und hoffe sie zu bewegen, mir die Gründe mitzutheilen, welche..." „Ich kenne die Gründe bereits und sie sind derart, daß ich meine letzte Hoffnung vernichtet sehe. Auf meiner Verbindung mit Felicitas würde der Fluch ihrer Mutter ruhen, an deren Lebensglück mein Vater in seinen jüngeren Jahren sich vergangen hat, ohne dieses Vergehen am Traualtäre zu sühnen." Melanie sank in den Stuhl zurück und blickte den Baron starr an. — „Das ist das Hinderniß? O, mein Gott!" rief sie mit einer verklärten Miene, als ringe sich eine schwere Last von ihrem Herzen los, „wenn Sie wüßten, Wolfgang, welche drückende Bürde Sie mir durch Ihre Mittheilung vomGewissen nehmen! Ich habe mich mit einem Geheimniß getragen, welches ich nicht verschweigen darf, dessen Enthüllung mir aber gleichwohl als eine Grausamkeit gegen Felicitas erschien, denn es beraubt sie nicht nur des Anrechts auf das Erbe ihres Vaters, sondern auch auf ihr eigenes Vermögen, welches an ihre Tante zurückfallen muß. Felicitas ist nicht das Kind derjenigen, die sie bisher für ihre Eltern gehalten hat. Der Fluch einer Frau, die nicht ihre Mutter ist, kann ihrem Lebensglücke unmöglich im Wege stehen." „Noch sprechen Sie in Räthseln, Melanie. Lösen Sie die bangen Zweifel, die noch immer der Hoffnung den Zugang zu meinem Herzen verwehren!" bat Wolfgang, die gefalteten Hände beschwörend gegen Melanie ausstreckend. „Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist," antwortete Melanie, „daß das Vermögen, welches Frau Teßner von ihrem Großvater zu hoffen hatte, an Felicitas' Tante übergegangen wäre, wenn Frau Teßner's Ehe kinderlos blieb. Die Härte eines Großvaters, die eigene Enkelin zu Gunsten einer entfernteren Verwandten unter gewissen Umständen zu enterben, mag ihren Grund in der rigorosen Beurtheilung jenes Fehltritts gehabt haben, den Sie vorhin andeuteten. Frau Teßner schenkte ihremGatten einTöch- terchen, das aber bald nach seiner Geburt starb. Um jene Zeit es war während des Krieges 1870 — befand sich unter den Verwundeten, welche im Villenhofe verpflegt wurden, ein französischer Kapitän, Namens Bourdin. Er starb in den Armen seiner jungen Gattin, die ausFrankreich herbeigeeilt war, und die unglückliche Wittwe erlag den Anstrengungen der Reise und dem Kummer, nachdem sie einem Mädchen das Leben gegeben hatte. Teßner hörte von dem traurigen Ereignisse; er wandte sich an Frau Nölling, welche die Kapitänswittwe und deren Kind imBirken- häuschen pflegie, und bestach sie durch eine verlockende Summe Geldes, ihm das lebende Kind der Französin zu bringen, und dafür das eigene todte an die Seite der verblichenen Mutter zu legen. Durch diesen Betrug sicherte Teßner sich und seiner Frau das bedeutende Vermögen. Frau Teßner hat den Tod ihres Kindes und dessen Vertauschung mit einem fremden nie erfahren und deshalb Felicitas für ihre wirkliche Tochter gehalten." Wolsgang war eine Zeitlang sprachlos und glich einem Marmorbilde. Endlich brachte er stammelnd hervor: „So wäre Felicitas —" „Die Tochter des Kapitäns Alphonso Bourdin und dessen Gemahlin Irma," vollendete Melanie. „Beide ruhen neben den anderen Opfern des Krieges auf dem Dorfkirchhose." Kart Fürst zu Löwcnstcr». 539 „Und wie sind Sie mit diesen überraschenden Umständen bekannt geworden?" fragte Wolfgang. „Vor einem Monate ist Frau Rölling gestorben," antwortete Melanie. „Auf dem Todtenbette hat sie dem Pfarrer in meiner Gegenwart das Geheimniß gebeichtet. Aus dem kleinen Nachlaß des französischen Ehepaares nahm sie ein Medaillon mit Frau Bourdin's photogra- phischem Brustbilde au sich, um ein Andenken an die Verstorbene zu besitzen. Ich will es Ihnen zeigen." Sie erhob sich und eilte nach der .Villa. Der Baron sprang don seinem Stuhle empor und ging mit großen Schritten auf und ab. Er hätte sich Flügel gewünscht, um zu Felicitas eilen zu können. Plötzlich blieb er stehen. Er hatte das Gebüsch von Orangenbäumen vor sich, hinter welchem der Garten terrassenförmig gegen das Meer abfiel. Zwischen den Büschen war deutlich der Schattenriß einer männlichen Gestalt sichtbar. Als Wolfgang seine Aufmerksamkeit darauf richtete, entfernte sich der Schatten und tauchte allmählich in der tieferen Partie des Gartens unter, wo er verschwand. In diesem Augenblicke kehrte Melanie zurück. Sie brachte das Medaillon mit und legte es in Wolfgangs Hand. In den Anblick der Züge versunken, die Felicitas' Mutter angehörten, vergaß er den Vorgang, der ihn eben beschäftigt hatte. Die Aehnlichkeit mit Felicitas war frappant. Innig drückte er das Medaillon an seine Lippen. Dann sank er überwältigt vor Melanie auf die Kniee, ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. „O, Melanie!" rief er, „wie reich, wie unendlich reich haben Sie mich heute gemacht! Sie haben mich vor der Armuth gerettet und nun haben Sie mir auch die Geliebte zurückgegeben. Sie sind der gute Engel meines Lebens und ich stehe beschämt vor Ihnen mit leeren Händen, denn Engeln hat der Sterbliche nichts zu bieten!" Melanie zog ihn sanft empor. Zu sprechen vermochte sie nicht. In ihren schönen Augen schimmerten Thränen edler Rührung. Wolfgang wollte mit dem nächsten Zuge zu Felicitas eilen. Melanie bat ihn jedoch, alles ihr zu überlassen. Sie versprach, morgen früh selbst nach Nizza zu fahren und ihm sofort nach ihrer Rückkunft Nachricht zu senden. Tiefbewegt schieden beide für heute. Als Rölling hinter dem Baron eben die Gartenpforte zuschloß, fiel diesem die Schattengestalt wieder ein, die er hinter dem Orangengebüsch beobachtet hatte. Er fragte Rölling, ob dieser vielleicht selbst im Garten gewesen sei. „Nein," war die Antwort, „ich bin bis jetzt in der Villa beim Einpacken beschäftigt gewesen und aus dieser nicht herausgekommen." Wie könnte ein Unberufener in jenen Theil des Gartens gelangt sein?" forschte der Baron weiter. Von der Bucht aus." „In welcher Absicht könnte sich aber jemand hier einschleichen?" „Es wäre gut, Herr Baron," versetzte Rölling, während eine dunkle Zornesröthe in sein Gesicht stieg, „wenn Sie Ihren Freund warnten, ehe ich meine Hand an seine Kehle lege." „Meinen Freund?" rief der Baron betroffen. „Meinen Sie damit Herrn Maitland?" „Ja, den meine ich. Seitdem das Fräulein hier ist, weicht er ihr nicht von der Ferse, trotzdem sie seinen Besuch durch mich entschieden hat zurückweisen lassen. Er soll sich in Acht nehmen, daß ich ihm seine Schurkerei nicht heimzahle!" Auf Drängen des Barons erzählte Rölling, wie hinterlistig Maitland Rettberg's Auswanderung nach Amerika hintertrieben hatte, um den Burschen in der Hand zu haben und sich dessen Schwester durch Drohungen gefügig zu machen, und wie er sich in Nölltng's Gefängniß Zutritt verschafft hatte, um zu versuchen, von diesem jene Papiere zurückzuerlangen, durch deren Verlust ihm die Macht über Melanie's Geschick entwunden worden war. Wolfgang erschrak vor dem tiefen Blicke, den Nölling's schlichte Vorführung jener Thatsachen ihn in den Charakter Maitland's thun ließ. Als er nach Hause kam, suchte er ihn sogleich auf. (Schluß folgt.) -SSWLS- Goldkörner. Wer etwas Treffliches leisten will, Hätt' gern was Großes geboren, Der samm'le still und unerschlafft Im kleinsten Punkte die höchste Kraft. Zähne, Wangenroth und Haare, Alles leider falsche Waare; Echt sind Herz und Zunge nur, Weil sie falsch sind von Statur. M. Kalbeck. - — -- Russisches Studentenleben. Ueber die Zustände an den russischen Hochschulen ist man in Deutschland meist schlecht oder mindestens sehr mangelhaft unterrichtet, und man bringt dieserhalb den akademischen Verhältnissen im Zarenreiche nur ein geringes Interesse entgegen. Eine Ausnahme in letzterer Hinsicht bildet die Universität Dorpat, deren Umwandlung aus einer echt deutschen Lehranstalt in ein russisch- slavisches Institut in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit und vielfach mit einer gewissermaßen wehmüthigen Theilnahme verfolgt wird. Dabei darf nicht vergessen werden, daß das deutsche Element in den russischen Ostsee-Provinzen nur etwa zwölf Procent der Gesammtbevölkerung der baltischen Gouvernements ausmacht. Allerdings muß dieses Zehntel zum weitaus überwiegenden Theile in den intelligenten und besitzenden Klassen gesucht werden. Immerhin bietet das Leben und Treiben an den russischen Hochschulen, gerade weil es von unserm akademischen Leben vielfach ganz verschieden ist, des Interessanten genug dar. Zuvörderst sei bemerkt, daß keine der neun russischen Hochschulen auf ein hohes Alter zurückblicken kann. Die älteste ist die Moskauer Universität, welche im Jahre 1755 von der Kaiserin Elisabeth Petrowna (1741 bis 1762) begründet wurde; die jüngste die Universität in Tomsk in Sibirien, welche erst seit fünf Jahren besteht. Die meisten Universitäten wurden erst in diesem Jahrhundert in's Leben gerufen. Die Einteilung in drei oder vier Facultäten (Jura, Medicin, Philosophie bzw. Theologie) ist in Rußland unbekannt. Eine philosophische Facultät gibt es nicht, dafür eine juristische, medicinische, philologische, mathematische, naturwissenschaftliche und theologische Facultät. Meist sind aber 540 für die Theologen besondere Akademieen (Priester-Seminare) errichtet, welche mit der eigentlichen Universität in derselben Stadt in gar keiner Verbindung stehen. Auch haben viele Universitäten nicht sämmtliche Facultäten. So hat die Universität Odessa keine medicinische Facultät, Tomsk keine juristische, philologische und naturwissenschaftliche; die St. Petersburger Universität hat keine eigentliche medicinische Facultät. Dafür gibt es aber in St. Petersburg eine eigene medicinische Akademie usw. Ebenso bestehen für die russischen Universitäten keine ein- für Volksaufklärung (des Ministers für öffentlichen Unterricht) der Zutritt zu den Vorlesungen gestattet werden. Die Rectoren haben in dieser Hinsicht niemals das entscheidende Wort zu sprechen. Was sonst noch die Aufnahme-Bestimmungen anbelangt, so bestehen hinsichtlich der Jmmatriculation von jüdischen Studenten an sämmtlichen Universitäten ganz besondere Vorschriften. An der St. Petersburger Universität werden durchschnittlich nur fünf Procent jüdischer Studenten zugelassen, im Technischen Institut in St. Petersburg nur ein Procent KMMD MM MW W. Gräbhein: Der Rest vorn Fast. heitlichen Aufnahme-Bestimmungen. Obschon zahlreiche Mädchen-Gymnasien vorhanden sind, deren Schülerinnen nach abgelegter Reifeprüfung das Recht zum UniversitätsBesuch haben, so sind doch gegenwärtig in Rußland den Abiturientinnen von Mädchen-Gymnasien alle Universitäten verschlossen. Früher wurden an der medicinischen Akademie in St. Petersburg, ebenso in Moskau, junge Mädchen, welche das Abiturienten-Examen bestanden hatten, zu den Vorlesungen zugelassen. Sogenannten Hörern (Hospitanten), sowie Ausländern kann nur in Folge besonderer Erlaubniß des Ministers Juden und in der Ingenieurschule (für Brücken- und Eisenbahn-B.au) gar keine Juden. In Odessa, Warschau und Tomsk werden augenblicklich zehn Procent Juden zugelassen, aber auch nur solche, welche mindestens mit der Note 4 vorn Gymnasium kommen (in Rußland ist die Censuren-Scala eine andere als beispielsweise in Deutschland). Handelt es sich dabei um russische und polnische Juden, so werden die Ersteren bei der Aufnahme bevorzugt. Hin und wieder wird aber doch der Procentsatz der bet den Universitäten zulässigen jüdischen Studenten über- 541 schritten, und zwar wenn deren Angehörige persönlich bei dem Minister in St. Petersburg vorstellig werden. Dazu genügt allerdings nicht eine einzige Audienz, sondern die Bittsteller müssen sich jede Woche Monate hindurch beim Minister melden lassen. Ich reiste ein Mal aus Lit- thauen nach Warschau und fuhr auf der Eisenbahn mit einem aus St. Petersburg zurückkehrenden jüdischen Rentner zusammen, der seinen Sohn Jura studiren lassen wollte. Der junge Mann konnte trotz eines guten Abi- turienten-Zeugnisses nirgends immatriculirt werden, da Juristen, Medicinern und Philologen polnischer Nationalität (Katholiken und Protestanten) wird übrigens bei der Jmmatriculation an der Warschauer Universität neuerdings regelmäßig mitgetheilt, daß sie niemals auf eine staatliche Anstellung innerhalb der polnischen Gouvernements zu rechnen haben. Beanspruchen sie nach Absol- virung ihrer Studien derartige Posten, so können ihnen diese nur im Innern oder im Osten Rußlands verliehen werden. An den russischen Hochschulen gibt es keine Semester, WM MAN! «M« UMi ?!> UM MWW W. Gräbhein: Uom frischen Fasst die Zahl der jüdischen Studirenden nicht überschritten werden sollte. Sechs Monate hindurch erschien der Vater in St. Petersbnrg bei allen öffentlichen Sprechstunden des Ministers — die russischen Minister müssen jede Woche öffentliche Sprechstunden abhalten, bei denen keinem russischen Staatsangehörigen, auch nicht dem ärmsten, der Zutritt verweigert werden darf —, und schließlich wurde der junge Mann immatriculirt. Ein anderer Fall ist mir bekannt, bei dem die Jmmatriculation von zwei polnischen Studenten mit Hülfe von 1000 Rubeln gelang. Dieser Fall dürfte übrigens nicht vereinzelt dastehen. sondern nur Jahrescurse, wofür in allen Facultäten und an allen Universitäten je 100 Rubel zu zahlen sind. Für die Jmmatriculation hat man nur 25 Kopeken (52 Pfg.) zu entrichten. Juristen, Philologen, Mathematiker und Naturwissenschaftler haben je vier Jahrescurse zu absolviren, Mediciner jedoch müssen 5'/z Jahre studiren. Bei Schluß jedes Jahrcs-Cursus finden Prüfungen statt. Länger als zwei Jahre wird kein Student in einem Cursus geduldet. Hat er die Prüfung bei Jahresschluß nicht bestanden, so erfolgt seine Verweisung von der Universität. Jeder Cursus hat seine bestimmten 542 Vorlesungen, an diesen muß der Student theilnehmen. Eine Wahl hinsichtlich der Vorlesungen, wie beispielsweise in Deutschland, Oesterreich usw., gibt es auf den russischen Universitäten nicht. Natürlich kann ein Student auch ganz ruhig ein Mal ein paar Collegs „schwänzen", danach fragt Niemand. Er kann auch eine Viertel- oder halbe Stunde zu spät in's Colleg kommen, deswegen wird er nicht zur Rede gestellt. Die Hauptsache ist nur, daß er bei Jahresschluß die Prüfungen besteht, bei denen allerdings auf manchen Universitäten Polen (Katholiken), Deutsche (Protestanten) und Juden gegenüber den Na- tional-Nufsen in so fern benachtheiligt sind, als man den eigentlichen Russen die mündlichen Examina wesentlich erleichtert und den Uebrigen bedeutend erschwert. Vereinzelt kommen auch hier Bestechungen vor, wie sie an manchen Gymnasien leider nichts Seltenes sind, wo die Väter die Aufnahme ihrer Söhne von den Gymnasial- Dircctoren um 300—500 Rubel erkaufen müssen. Juristen und Philologen, welche der russischen Staatskirche angehören, erhalten nach bestandener Prüfung sofort Staats-Anstellungen, Katholiken und Protestanten seltener, Juden niemals. Es vergeht immer eine Reihe von Jahren, ehe man Jsraeliten staatliche Stellungen gibt, und dann auch nur in Ausnahmefällen. In Petersburg werden Katholiken, Protestanten und Juden immer noch am ehesten angestellt. An der Petersburger Universität bilden die katholischen und protestantischen Lehrkräfte zusammen mit einigen Juden den kleineren Theil des Lehrkörpers, während der weitaus größere aus echten Russen besteht. — An der Warschauer Universität gibt es mehrere katholische und protestantische Professoren, aber keine jüdischen. Die polnischen Gelehrten, welche die akademischeLaufbahn einschlagen,haben nurAussichtaufAnstellungbzw.Beförderung, wenn sie sich nach dem Osten versetzen lassen. An der Universität in Tomsk in Sibirien sind zwei polnische Professoren. Einer derselben, Pros. Zaleski (Saljessky), hat erst vor kurzem eine in der Gelehrtenwelt Aufsehen erregende Schrift über den Schirsee veröffentlicht. In Odessa, Kiew, Moskau und Charkow trifft man an den Hochschulen eine Anzahl Professoren polnischer Nationalität (Katholiken), während an der Warschauer Universität nur noch sehr wenige polnische Professoren lesen, und zwar gegenwärtig ausschließlich in russischer Sprache. Die russischen Studenten müssen, sobald sie das Universitätsgebäude betreten, in Uniform erscheinen. Auf der Straße zeigen sie sich gelegentlich auch in Civil. Bei feierlichen Anlässen kommt zu der Uniform noch der Degen. Facultät und Jahrescursus können an der Uniform nicht unterschieden werden. Die studentische Uniform besteht in dunkelblauem Anzug mit hellblauen Aufschlägen nebst gelben Metallknöpfen. Auch die Mütze ist von dunkelblauer Farbe. Die Universitäts-Professoren sind ebenfalls an ihrer Kleidung kenntlich: einem dunkelblauen Frack mit Knöpfen, auf denen der russische Adler angebracht ist. In oorxors erscheinen die Studenten niemals auf der Straße oder im Universitätsgebäude. Rotten sie sich ein Mal zusammen, so werden sie gewöhnlich sehr rasch durch Kosaken mit der Kugelpeitsche (aaUaMg.) auseinan- dergetrieben, sofort relegirt und der Polizei oder den Gerichten zur Bestrafung überwiesen. Meist erfolgen die studentischen Zusammenrottungen, um gegen mißliebige Professoren zu demonstriren. Die Universitäts-Rectoren werden von der Regierung ernannt und bekleiden das Rectorat oft viele Jahre hinter einander, bis sie entweder in eine höhere Stellung berufen oder pensionirt werden. Ein Verkehr zwischen Studenten und Professoren findet außerhalb der Hörsäle kaum statt. Zu den Bällen und Festlichkeiten in den Familien der Professoren werden die Studenten, abgesehen von den Söhnen eines Ministers, eines hohen Offiziers usw., nicht geladen. Für gewöhnliche Sterbliche, vor allem für arme Studenten, sind die ruf fischen Professoren ganz unzugänglich. Oeffent- liche Studenten-Versamm- lungen, Commerse u. dgl., welche von Universitäts-Professoren besucht werden könnten, sind in Rußland verboten. Die großen(Sommer-) Ferien währen an den russischen Hochschulen vom 15. Juni bis 15. August, die Öfter- und Weihnachtsferien je drei Wochen. Das fröhliche, heitere und oft ausgelassene studentische Leben wie in Deutschland ist in Rußland gänzlich unbekannt. Verbindungen oder Vereine zu. wissenschaftlichen oder geselligen Zwecken sind nicht gestattet. Die früher in Dor- pat nach Art der deutschen Verbindungen bestehenden Stu- denten-Vereine sind von der Regierung aufgehoben worden, theilweise haben sie sich selbst aufgelöst. In den geheimen studentischen Cirkeln und Vereinen herrscht ein sehr reges Leben. Man treibt darin mit Vorliebe Politik, natürlich nicht regierungsfreundliche, man beschäftigt sich vor allem mit der socialen Frage bzw. mit socialistischen und nihilistischen Gedanken. Natürlich spürt die Polizei diesen geheimen Cirkeln eifrig nach, und von Zeit zu Zeit gelingt es ihr auch, die Mitglieder einer solchen Vereinigung zu verhaften. Eine akademische Gerichtsbarkeit gibt es in Aeußere Ansicht der Wallfahrtskirche Geiersberg. MjZW WOL MW 543 Rußland nicht und somit auch keinen „Carcer". Die einzige Strafe, welche die Universität über die Studenten verhängen kann, ist die Relegation. Nur Polizei und Gerichte verurtheilen die politisch oder sonstwie belasteten Studenten, und zwar entweder zu Gefängniß, Zwangsarbeit oder Verbannung nach Sibirien. Im Allgemeinen sind die russischen Studenten arme Teufel. Die wenigen reichen Söhne von hohen und höher» Beamten, höhern Offizieren, Großindustriellen usw. verschwinden in der Masse vollständig. In Petersburg und Moskau bestreiten viele Studenten alle ihre Ausgaben mit 20 Rubeln monatlich (44 M.). Ein Student in Tomsk (Sibirien) schrieb mir vor mehreren Monaten, daß dort zahlreiche Studenten für die volle Pension monatlich nur 15 Rubel (etwa 32 M.) zahlen, Heizung undBeleuchtung einbegriffen. Die wohlhabenden Studenten in Tomsk zahlen etwa 30-35 Rubel für die Pension. In dem in Tomsk erscheinenden „Sibirski Wjest- nik" finde ich öfters Anzeigen, worin Studenten sich zur Ertheilung von Privatunterricht, zur Buchführung bei Kaufleuten, zu Uebersetz- ungen usw. anbieten. In Tomsk gehen Studenten mit Erlaubniß ihrer Professoren bis zu neun Monaten in „Kondition", d. h. sie nehmen für diese Zeit Stellung als Hauslehrer an und arbeiten für sich weiter. Nur einen bis zwei Monate vor den Prüfungen müssen sie pünktlich wieder Eintreffen. Natürlich ertheilen auch zahlreiche Studenten an Gymnasiasten oder sonstige Schüler Unterricht. Viele Studenten leben fast ausschließlich von privaten und staatlichen Stipendien, welche besonders die Moskauer Universität in großer Anzahl zu vergeben hat. Die staatlichen Stipendien erhalten fast ausschließlich National-Russen. Die Universitätsgebäude Aeußern wie im Innern unsern deutschen, sind meist awphitheatralisch gebaut. Kneipgelage, Mensuren oder nabele Passionen sind den russischen Studenten ganz unbekannt. Studenten- Duelle sind sehr selten. In Warschau kommen sie beispielsweise niemals vor, vereinzelt noch in St. Petersburg und Moskau, wo es Studenten vom Militär-Adel gibt, d. h. Osfizierssöhne. Fechtunterricht können vie Studenten nehmen; aber es lernen verhältnißmäßig wenige „pauken",und gute „Schläger" gibt es noch weniger. Die Militärverhältnisse der russischen Studenten sind ganz eigenartige. Das Institut der Einjährig-Freiwilligen gibt es in Rußland nicht. Der active Dienst beträgt bei den Landtruppen fünf bis sechs Jahre. Ein junger WttlllWtWIIIlllljllllllllliiitlltiiu Hochaltar in der Wallfahrtskirche Geiersberz. ähneln im Die Hörsäle Mann, welcher eine Universität absolvirt hat, befindet sich jedoch nur sechs Monate im activen Dienste. Hat er sich gut geführt, so wird er nach drei Monaten Offizier (je nach Wunsch in der Linie oder Reserve, aber nicht in der Garde). Gymnasial-Abiturienten dienen ebenfalls nur sechs Monate activ. Das erste medicinische Examen heißt nicht das „Phy- sicum", sondern die Prüfung vom ersten zum zweiten Cursus, und zwar wird in folgenden Fächern geprüft: Botanik, Zoologie, Mineralogie, Chemie, Physik, Anatomie usw., wozu auch noch die praktischen Uebungen im Laboratorium kommen. Im letzten (fünften) Jahrescurs beschäftigten sich beispielsweise die Studenten der Medicin mit Pathologie, Therapie, Chirurgie, Geburtshülfe, Frauenkrankheiten, gerichtlicher Medicin, Toxikologie, Ophthal- mologie, Herzkrankheiten, Hautkrankheiten usw. In den juristischen Cursen wird besonders Geschichte des russischen Rechts, Encyklopädie der juristischen und politischen Wissenschaften, Geschichte des Römischen Rechts, allgemeine und russische Geschichte, Civil- und Straf- Procedur, Civilrecht, internationales Recht usw. behandelt. In den mathematischen Cursen wird das Hauptgewicht auf Geometrie, Physik, Chemie, Differentialrechnung, Integralrechnung, Mechanik, praktische Astronomie usw. gelegt. Im ersten Jahrescursus für Philologen wird französische und russische Litteratur, allgemeine Geschichte, russische Sprache usw. behandelt. Im ersten Jahrescursus für Naturwissenschaftler wird Physik, Chemie, Anatomie usw. gelehrt. Im letzten Jahrescursus werden Paläontologie, technische Chemie, Geologie usw. gelehrt. Im großen Ganzen geht es in den Auditorien der russischen Universitäten nicht viel anders als in den oberen Klassen der Gymnasien zu, nur mit dem Unterschiede, daß die Professoren die Studenten bereits als Erwachsene behandeln und daß der einzelne Student, wenn er schließlich ein Mal einige Tage „bummeln" will, auch ruhig aus den Vorlesungen wegbleiben kann, ohne sich, wie schon erwähnt, entschuldigen zu müssen. Die meisten indeß arbeiten angestrengt Tag und Nacht, um die Prüfungen beim Jahrescursus bestehen zu können. Der Grundzug im Wesen des russischen Studenten ist ein ernster, verschlossener, der sich bei manchen Individuen bis zur Askese und zum Fanatismus steigert. Die eine Hälfte „büffelt" ununterbrochen, nur um so rasch als möglich die Examina hinter sich zu haben und eine Staatsanstellung zu erlangen — meist ein sehr bescheidenes, aber sicheres Brodplätzchen —, die andere Hälfte 544 Uicekönig Ki-Hung-Tschang. »M der Studenten huldigt revolutionären Plänen. Sorge und Noth sind aber bei den meisten die ständigen Begleiter nicht bloß durch die akademischen Jahre, sondern oft noch lange im bürgerlichen Leben. Nur Wenigen lacht die Sonne des Erfolges und des Glücks, und nur zu Viele finden in den Gewölben irgend einer Citadelle, zwischen den feuchten Mauern eines niedrigen Gefängnisses, auf den Schneefeldern oder in den Bergwerken Sibiriens einen frühen Tod. Aber Keinem von all' den ehemaligen russischen Studenten, gleichviel, ob sie es später zum berühmten Professor, zum Geheimrath, Gouverneur oder gar zum Minister gebracht haben, oder ob sie nur einfache Beamte, Aerzte, Lehrer usw. geworden sind, erscheinen in seinem Alter die akademischen Jahre in rosiger Verklärung. Es gibt in Rußland keine sorglosen Füchse, keine „Burschenherrlichkeit"; ein Jeder ist froh, wenn die Universttätsjahre vorüber sind und er in das bürgerliche Leben Hinübertreten kann. - —- Zu unseren Bildern. Karl Fiirst zu Köwenstein. Am Sonntag den 26. August 1894 nahm die dießjährige Generalversammlung der katholischen Vereine in Deutschland, kurz Katholikentag genannt, in Köln ihren Anfang. Tausende von katholischen Männern, Priestern und Laien, find nach Köln geeilt, um an den Berathungen theil zu nehmen und die Bedeutung der dort zu fassenden Beschlüsse zu erhöhen. Die Katholikentage haben für die deutschen Katholiken eine außerordentlich wichtige Bedeutung, da Hunderte von hervorragenden Männern dort zusammenströmen, um ihre Anschauungen auszutauschen und ihre Meinung zu läutern. Die Katholikentage find auch von einschneidender Bedeutung für die Stadt, welche die Ehre hat, den jeweiligen Katholikentag in ihren Mauern abhalten zu können, da neues religiöses Leben von demselben auszugehen pflegt und die gläubigen Katholiken an diesen Versammlungen ein Vorbild und eine Stütze finden zur Organisation, mit der sie ihre Rechte vertheidigen können. Die Wahl des Ortes für die Versammlung liegt in den Händen des Generalcomissärs, des Fürsten Karl zu Löwenstein, dessen Bild wir heute bringen. Fürst Karl zu Löwenstein ist geboren am 21. Mai 1834 und restdtrt zu Kleinheubach in Unterfranken. Er ist der Chef der katholischen Linie Löwcnstein, der Linie Löwenstetn-Wertheim-Rosenberg. Fürst Karl zu Löwenstetn hat sich um die katholische Sache in Deutschland und in Bayern hervorragende Verdienste erworben. Wo es galt, für die katholische Sache zu wirken, stand der Fürst mit an der Spitze. Im Reichstage und in der bayerischen Kammer der Reichsräthe hat er wiederholt die Rechte der Katholiken mit aller Entschiedenheit wahrgenommen und vertheidigt gegen die Angriffe, welche der Unglauben auf dieselben wagte. Er hat auch weite Reisen nicht gescheut, um aufzuklären, wo es nothwendig war und dadurch viel zur Erhaltung und Festigung der Einigkeit unter den Katholiken beigetragen. Der Generalcommissär steht im 6. Dezenium seines Lebens. Möge es ihm gegönnt sein, noch recht lange und recht oft das Amt auszuüben, das ihm das Vertrauen der Katholiken seit 26 Jahren übertragen hat! Der Rest vom Fast. — Dom frischen Fast. Ein guter Trunk macht Alte jung! heißt es im Sprichwort. Und nicht ganz mit Unrecht. Wie köstlich schmeckt doch das braune Naß, wenn es vom frischen Faße kommt! Da mag uns wohl auch der Postillon aus unserem Bilde beistimmen, der soeben im Begriffe ist, den Durst mit einer Maß Frischangezapften zu stillenl Das Bäuerlein dagegen, dem der Wirth das Letzte vorgesetzt, denkt gewiß anders! Seine bittersauere Miene sagt uns, daß das schaumlose Getränk nichts weniger als angenehm zu trinken. Wir glauben, der Mann ist froh, wenn er die Halbe glücklich „herauffen" — wenn er den „Plempl" am Ende nicht gar stehen läßt. Die Kirche auf dem Geiersberg bet Deggrndorf. Wer in das freundlich gelegene Städtchen Deggendorf kommt, möge nicht versäumen, den ganz nahe bei der Stadt gelegenen Geiersberg und dem dortigen Kirchlein einen Besuch abzustatten. Die Kirche, im gothischen Stile erbaut, ist eine Wallfahrtskirche, der Mutter-Goites geweiht, welche auf dem Hochaltare tn einem Tabernakel eine Rose (Losn wMiea) mit Christus dem Gekreuzigten auf dem Schoße darstellt. Dieses Vesperbild ist schon sehr alt und wurde in besonderer Verehrung gehalten. Es geht die Sage, daß in einem Geierneste auf diesem bewaldeten Berge ein Bildchen gefunden wurde, in welchem die Gottesmutter auf solche Weise dargestellt war, was Veranlassung zum Bau einer Kapelle und wahrscheinlich zur Kirche wurde. Der sehr schöne Flügelaltar wurde im Atelier des Kunstschreiners Ktefl in Deggendorf und des Bildhauers Keil in München gefertigt, von Maler Hämmerl in Deggendorf gefaßt, sowie von demselben auch die etwas eigenartige Tünchung ausgeführt. Uicekönig ßi-Hung-Tfchang. Von den Persönlichkeiten, die bis jetzt in der japanisch- chinesischen Verwicklung hervorgetreten sind, erregt am meisten Interesse die des chinesischen Vicekönigs Li-Hung-Tschang. Wie es scheint, wird indeß dieser merkwürdige Mann, der „chinesische Bismarck", wie er auch genannt wird, kaum mehr eine Rolle spielen, da er infolge des Unsterns, der über den ersten von chinesischer Seite unternommenen kriegerischen Maßnahmen schwebte, bei seinem kaiserlichen Herrn in Ungnade gefallen sein soll. Ueber ihn äußert sich ein in den betreffenden Verhältnissen sehr wohl erfahrener Berichterstatter: Li-Hung-Tschang ist noch in einem ganz andern Sinne allmächtiger als Bismarck; er erinnert vielmehr an Wallenstein, sintemal er thatsächlich fast der Eigenthümer einer Armee von 75,000 Mann und der besten Flotte im Osten ist. Er besitzt ungeheueren Reichthum und hat keine Feinde in dem Sinne, daß er sie alle besiegt hat. Es ist kaum eine Uebertreibung, wenn man behauptet, daß er und nicht der Kaiser der thatsächliche Beherrscher der 350 Millionen Zopfträgcr ist. Ungleich dem Kaiser, der aus der Mandschurei stammt, ist er ein reiner Chinese, und darin beruht zum Theil seine Stärke. Schon im Jahre 1860 nahm er eine solche Stellung ein, daß er mit dem berühmten Gordon zusammen speiste. 1880 wurde er Großkanzler. Es ist nicht das erste Mal, daß er in den Schatten der kaiserlichen Ungnade gerathen; schon 1870, nach dem Blutbade von Tientsin, ging er vieler Titel verlustig, weil er angeblich seinen Oberbefehlshaber im Stiche ließ; aber schon 1872 kehrte er in Amt und Würden zurück. Er ist jetzt 71 Jahre alt, steht also auf der Schwelle des Greifen- alters und mag es auch an Emsigkeit haben fehlen lassen. Immerhin ist er der einzige Mann in China, der allgemeine Autorität besitzt; man darf aber annehmen, daß der Verlust des Abzeichens der gelben Reitjacke ihn nicht ohne weiteres aus dem Sattel hebt. -- HL71. „Augsburger Postxeitung". Ireilag, den 31. August 18S4. ^ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas " Wolfgang athmete tief auf. Der zermalmende Druck des Zweifels und der Furcht war von seinem Herzen gewichen. Dennoch zog Plötzlich ein trüber Schatten über sein Antlitz. „Du scheinst traurig, Wolfgang?" fragte FelicitaS besorgt. „Nein, Geliebte, traurig bin ich nicht," entgegnete er, sie auf die Stirn küssend, „aber selbst in der Seligkeit dieses Augenblicks gibt es etwas, das mich ernst stimmt, denn wenn ich daran denke, zu welchen schlimmen Entschlüssen ich mich in diesen Tagen unter dem Einfluß der Verzweiflung hinreißen ließ, so fühle ich im tiefsten 54b Herzen, daß ich der Güte und Gnade Gottes nicht würidg bin. Aber es ist vorüber, mein süßes Mädchen — es ist vorüber, und die Hölle hat keine Macht mehr über mich; Du hast sie ihr genommen. Doch laß uns über unserem Glücke nicht diejenige vergessen, der wir es zu danken haben. Wenn es gütige Feen gibt, so ist Melanie eine von ihnen!" Er wandte sich der Stelle zu, wo er Melanie zuletzt gesehen hatte, aber sie war verschwunden. Obwohl sie weniger an sich selbst als an andere dachte, obwohl das Glück des liebenden Paares ihrem Auge Thränen edler Rührung entlockte, so glaubte sie doch, ihr heftig klopfendes Herz müsse ihr zerspringen. Leise schlich sie sich davon und wandelte langsam die Gartenterrasse hinab. Auf diesem Wege entwarf sie ihren künftigen Lebensplan. Sie wußte, daß ihr das Loos der Entsagung zugefallen und daß es ihre Bestimmung war, auf das eigene Glück zu verzichten und dafür dasjenige anderer zu begründen. Nicht umsonst hatte sie in der Schule der Armuth die Nachtseiten menschlichen Daseins an sich selbst kennen gelernt. In dem schönen, stillen „Villenhofe" wollte sie ihre künftigen Jahre verbringen; jede Hütte des Dorfes sollte ihren Schritt kennen, und so weit ihre Macht reichte, wollte sie Freude und Sonnenschein um sich verbreiten. Ganz in diese neue Welt künftiger Pflichten versenkt, war Melanie eben an einer Gruppe Pinien angekommen. Mit dem würzigen Harzdufte, den diese verbreiteten, mischte sich ein unangenehmer Theer- und Steinkohlcngeruch, den der Wind von der nahen Bucht Herauftrieb. Plötzlich sprang hinter den Bäumen die hohe Gestalt eines Mannes hervor, der in einen langen dunkeln Mantel gehüllt war und einen Calabreserhut tief ins Gesicht gedrückt hatte. Melanie stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus, aber blitzschnell hatte der Mann sie mit starken Armen umfaßt, um sie nach der Bucht hinabzutragen. Daß es sich um einen Banditenstreich handle, war Melanie's erster Gedanke. „Um des Himmels willen, lassen Sie mich los!" rief sie flehend. „Sie sollen so viel Lösegeld haben, als Sie verlangen!" „Lösegeld," erwiderte der Fremde mit einer Stimme, welche ihr bekannt erschien, „eine halbe Welt soll Sie nicht auslösen, bis Sie ein Geschöpf geworden sind, das sich selbst haßt und verabscheut. In Deutschland wiesen Sie meine Liebe mit bitterer Verachtung zurück, aber jetzt habe ich Sie in sicherer Gewalt." Was ihr die bekannte Stimme nicht gleich verrieth, erschlossen ihr die eben vernommenen Worte: sie befand sich in der Macht des Mannes, der sie einst mit unwürdigen Anträgen verfolgt, der wie ein finsteres Schicksal verderbendrohend eine dämonische Herrschaft über ihren Bruder geübt und mit dieser Macht ihren eigenen Willen zu lenken versucht hatte, und der nun, da diese Mittel ihm nicht mehr zu Gebote standen, sich mit gewaltthätiger Hand ihrer Person versicherte. Ihre furchtbare Lage erkennend, wollte sie einen verzweifelten Hilferuf ausstoßen, aber er preßte das eine Ende feines Mantels auf ihren Mund und trug sie mit raschen Schritten weiter und weiter hinab. Wolfgang und Felicitas hatten Melanie's Schrei vernommen, welchen ihr der Schrecken beim ersten Anblick ihres Entführers entlockt hatte. Wolfgang vermochte genau zu unterscheiden, daß der Schrei von der Richtung der Bucht herkam, und sofort fiel ihm wieder jene Schattengestalt ein, die er gestern hinter dem Orangengebüsch beobachtet hatte. Er wollte eben hinabeilen, als Nölling herbeigestürzt kam. „Wo ist meine Herrin?" fragte er hastig, indem er angstvoll umherblickte. „Ich glaubte, sie sei hier bei Ihnen." „Sie war hier," antwortete Wolfgang, „aber sie hat sich unbemerkt entfernt." „Dort — dort!" rief Rölling und deutete mit bebender Hand nach den Terrassen, „von dort kam der Schrei!" Beide Männer theilten die gleiche Befürchtung, sie hatten einander im Nu verstanden und rannten in wildem Laufe den nach der Bucht sich hinunterziehenden Theil des Gartens hinab, während Felicitas ihnen mit zitternden Gliedern folgte. Bald sahen sie vor sich im hellen Mondeiflichte die Gestalten des Entführers und seiner Beute, die sich ver- zweiflungsvoll in dessen Armen wand. Der Räuber hatte fast die Bucht erreicht, in welcher eine schlanke Dampf- Nacht lag. Ein Brett bildete eine Brücke zwischen dem Strande und dem Fahrzeuge und auf dem letzteren standen mehrere Männer mit rothen genuesischen Mützen bereit, das Brett wegzuziehen, sobald der Erwartete mit feinem Raube an Bord sei. Nur wenige Secunden hätte es hierzu noch bedurft, aber Nölling schnitt mit einigen gewaltigen Sprüngen dem Räuber den Weg ab, und dieser, die herkulische Kraft seines Verfolgers kennend, wandte sich seitwärts um und lief den Strand entlang, seinen gedungenen Mithelfern auf dem Schiffe mit lauter Stimme einige italienische Worte zurufend. Auf dieses Zeichen stürzten sich drei Männer von der Dacht auf Rölling. Zwei davon packte der Riese sofort beim Kragen, und mit jeder seiner nervigen Fäuste einen emporhebend, schmetterte er beider Köpfe mit so furchtbarer Wucht gegen einander, daß die Angreifer besinnungslos zu Boden stürzten. Während er sich der Revolver bemächtigte welche die Betäubten im Gürtel trugen, feuerte der Dritte auf Nölling einen Schuß ab, der jedoch nicht traf, und floh nach der Jacht zurück. „Hierher! hierher!" hörte Nölling die Stimme des Barons. Dieser war inzwischen dem Entführer Melanie's gefolgt, welcher, besorgt um seinen Raub, in blinder Hast einen über das Meer hinausragenden Felsen erstiegen hatte, an dessen weißer Wand sich rauschend die Wellen brachen. „Hier steht der Schurke!" rief Wolfgang, an dem Felsen emporkletternd. „Ich kenne ihn nur zu gut!" Oben auf dem äußeren Felsende stand Maitland, den linken Arm krampfhaft um Melanie geschlungen, in der rechten Hand drohend eine Schußwaffe haltend. Nölling war inzwischen herangekommen und hatte dem Baron einen der erbeuteten Revolver in die Hand gedrückt; aber keiner der beiden Männer wagte auf Maitland zu schießen; aus Furcht, Melanie zu treffen. Maitland's hohe Gestalt war klar und deutlich im Mondlichte sichtbar, und Wolfgang und Nölling konnten, da sie keine fünf Schritte von ihm entfernt waren, sogar seine Züge und den Ausdruck wilden Grimms darin unterscheiden, als von der Bucht her zischend eine weiße Dampf- 547 Wolke aufwirbelte und die Jacht eilfertig in die offene See htnauSdampfte. „Zurück, Herr Baron von Sturen," rief Maitland, „und hören Sie ein paar Worte an l Als wir uns zuerst trafen, fühlte ich, daß unsere Geschicke aneinander gefesselt seien. Ich hatte mit Ihnen abzurechnen und wollte Sie in meine Macht bekommen; jetzt bin ich in der Ihrigen. Wenn Sie mich über diesen Felsrand treiben, so jagen Sie nicht nur dieses Mädchen in den Tod, welches Sie liebt, sondern Sie tödten auch Ihren eigenen Bruder — ja I Ihres Vaters Sohn, Herr Baron, den Bastard, dem Sie seine natürlichen Rechte gestohlen haben." Wolfgang war einen Augenblick starr. Die eben vernommenen Worte bestätigten die furchtbare Wahrheit jener Vermuthung, an welche er nicht hatte glauben wollen. Er wich, wie vor einem Gespenste, vor Maitland zurück, und die Hand mit dem drohend erhobenen Revolver sank kraftlos herab. Maitland stieß ein höhnisches Gelächter aus. „Trögst Du Bedenken, Brüderchen," rief er, „die Mordwaffe gegen das väterliche Fleisch und Blut zu erheben? Für mich gibt es solche Scrupel nicht. Hinweg! sage ich Dir; hinweg mit Euch beiden oder —" Er streckte die Hand mit dem Revolver gegen Wolfgang aus, aber ehe er noch losdrücken konnte, hatte Rölling mit einem Satze den Zwtschenraum übersprungen und riß Melanie aus Mait- land's Armen. Dieser wollte der ihm entwundenen Beute nachstürzen, erhielt aber von Rölling einen solchen Stoß in die Brust, daß er unaufhaltsam gegen den Rand des Felsens zurücktaumelte. Selbst in diesem Augenblicke, der, wie er fühlte, sein letzter war, schlug noch in ihm der Fieberpuls der Leidenschaft. Blindlings feuerte er seine Waffe gegen Melanie ab. Ein Blitz — ein Knall — Maitland's Gestalt war kopfüber von dem Felsen verschwunden und Rölling, von dem zu hochgehenden Schusse in den Kopf getroffen, taumelte, noch im Todeskampfe seine gerettete Herrin festhaltend, von dem Felsen zu Wolfgang's Füßen herab . . . In den Armen FelicitaS' erwachte Melanie aus einer tiefen Ohnmacht. AIs sie sich des Geschehenen erinnerte und ihren Netter mit zerschmetterter Stirn kalt und regungslos daliegen sah, warf sie sich mit einem erschütternden Schmerzensschrei neben ihm in die Kniee. Das Hinscheiden des eigenen Bruders hatte sie nicht so zu ergreifen vermocht, als das Ende dieses Mannes, der heldenmüthig für sie in den Tod gegangen war. Aber mitten in ihrem Schmerze kam ihr beim Anblick des ruhigen, friedlichen Todtenantlitzes ein tröstender Gedanke: nie mehr hätte er auf Erden diesen Frieden gefunden. Sie wußte es nur zu gut, daß die Erinnerung an sein früheres Leben wie ein nicht zu ertödtender Wurm an seinem Herzen fraß. Seine Reue konnte vor den Menschen nicht vergessen machen, was er einst gewesen und gethan; aber der Richter aller Richter, vor dem er jetzt stand, sah gnädig auf seine letzte That der Sühne und löschte die Schuld seines Lebens aus . . . Maitland's Leiche gab das Meer nicht zurück, doch sein Geist lebt noch immer und sucht zu vernichten, was gut und edel ist. Glücklich jeder, dem er sich nicht in der täuschenden Hülle eines Freundes naht. Wehe aber demjenigen, der einen Maitland gar in seinem eigenen Herzen trägt! Das Schvheulresl. Eine wahre Geschichte. Erzählt von Robert v. Hagen. «Nachdruck «rrbotk».) „Aha, das Schützenliesell" ruft der verehrte Leser; „die kenne ich ja auch vom Schützenfeste in München her. Es war ein bildschönes, flinkes Mädel, und wem die das Bier gebracht hat, dem hat's «och 'mal so gut geschmeckt, als sonst." Aber diesmal fehlgeschossen, mein lieber Schütze! Ich erzähle hier von einem anderen Schützenliesel, vom Original-Schützenliesel, die allen jenen, welche Anno 1868 am großen Bundesschießen im Wiener Prater theilge- nommen, unvergeßlich sein wird. Wer die Geschichte aber noch nicht kennt, dem will ich sie nach Schützenart kurz und schlichtweg hier erzählen. Also unter den Tausenden, welche zu dem Schützenfeste gekommen waren, befand sich auch der Sturzvogelwirth Tobias Stahlaner, der beste Schütze, soweit der Jnn sein liebes Tirol durchläuft. Das ist bekannt, und darüber wird nicht gestritten, und seine Tochter, das blitzsaubere Liesel, die hatte er mitgebracht. Sie hatte sich's nicht nehmen lassen, ihren Vater nach Wien zu begleiten, nicht etwa aus Neugierbe, die Kaiserstadt zu sehen und dann in ihren Bergen damit prahlen zu können — nein! „I will mitschießa, Vota (Vater)," sagte sie zum Sturzvogelwirth, „i will denn fein' Leut' drin zeig«, daß de Tirolermadel auch guat schieße könne und nit nur alleweil Kühmelken und Jodeln!" „Mir is scho recht," sagte der Stahlaner Tobias, „kannst scho mitkomma; aber i glaub' nit, daß Dir's erlauben werden, die andern, das Schießen; denn de G'schich't ist ja doch nur für uns Mannsleut' herg'richt'." „Sie wern's scho erlauben," erwiderte das Lresel voller Ueberzeugung, „und i werd' Dir a ka Schand nit mache, Vota, das kannst mir glauben." Das letztere hätte sie ihrem Vater nicht erst zu versichern brauchen; denn das Liesel schoß fast ebensogut wie er, und die Büchse hatte sie seit Kindesbeinen her lieber in der Hand gehabt, als das dumme Strickzeug. Also die Sache war abgemacht: die Wirthschaft wurde der ältesten Tochter, dem Nandl, übergeben, denn die Mutter war schon lange todt, und mit einem jauchzenden „Haldari dio" nahmen Vater und Tochter kurzen Abschied von den geliebten heimathlichen Bergen. Zwischen Berg und Thal Da liegt der Wasscrfall. Haldarodio dio io! Juhl Ein Prachtmädel, das Liesel! Das seine gesunde und runde Gesichte! I Und angethan mit dem so kleidsamen Tirolerkostüme, den kecken feschen Hut voller Eoel- weiß, die blanke Büchse über die mollige runde Achsel gehängt — so hätt' sie damals der Defregger sehen müssen — da wär' ein Bild draus geworden, das sich gewaschen hätt'! Das Liefe! wurde in ihrem Vertrauen auf die Galanterie des Schützen-Komitees in Wien nicht getäuscht. In liebenswürdiger Weise wurde ihr am Schießstande Platz gewährt. Aber sie wollte diese Vergünstigung nicht so ohne weiteres annehmen und stellte selbst die Bedingung: „I mach' zuerst an Schuß; triff i etni ins Schwarze, so könnt's mir's erlauben; triff i nit eint auf'n ersten Schuß, so laß i's Schießen ganz bleiben!" Und schon legte sie den Stutzen an die frische «sAk-e» 548 Wange, die wie Milch und Blut erschien, — der Schuß krachte und — „mitten drin war er!" In respektvoller Bewunderung umstanden nun alle das allerliebste Diarndel, das dann im Verlaufe des Vormittags auf diversen anderen Scheiben fast ausschließlich nur Meisterschüsse abgegeben hatte. Wie ein Lauffeuer ging's über den Schützenplatz vom Liesel, seinem famosen Schießen, und jeder wollte sich das Wunder-Liesel 'mal angucken. Ja, am nächsten Tage waren einige Zeitungen so indiskret gewesen, ganze lange Artikel über die moderne „Wilhelm Tellerin" zu bringen. Und wieder stand das Liesel an der Seite ihres Vaters, der sich nicht minder bereits als trefflicher Schütze hervorgethan hatte, und sie bewies denn auch, daß die Tiroler Mädeln noch mehr als das Kühmelken und Jodeln verstehen. Da machte sich plötzlich eine allgemeine Bewegung unter den übrigen Schützen bemerkbar, und gefolgt von dem Präsidenten, einigen Komiteemitgliedern und mehreren anderen trat ein bereits älterer Herr, der das Band der Ehrenlegion im Knopfloche trug, an den Schießstand. „Seine Durchlaucht der Herr Herzog von G., Gesandter von X.," so wendete sich der Präsident an das Schützenliesel, „möchte das Vergnügen haben, die ausgezeichnete Schützin begrüßen zu können." „Was will er denn von mir? Ich kenn' ihn ja gar nit." „Seine Durchlaucht haben von Ihrem Meisterschießen gehört und möchten Sie persönlich kennen lernen." „Na, wenn's weiter nix is," erwiderte das Schützenliesel; „da steh' i!" Der Herzog kniff sein Monokle ins rechte Auge, lüftete leicht seinen Cylinderhut und sagte in näselnder Stimme: „Lla pstits, js suis suvstanis äs kairs votrs oonvaissauosl" „Ja," erwiderte die List, „wenn Du mit mir reden willst, nachher muaßt scho tirolerisch sprechen; denn dös Kramszeug da, dadervon versieh' i ka Wört'l. Was willst denn eigentli von mir?" Alle Umstehenden, mit Ausnahme des Sturzvogelwirthes — denn der fand das ganz natürlich — waren wie versteinert, und einige konnten das Lachen nur mit Mühe unterdrücken. Der Herzog, welcher der deutschen Sprache nur höchst unvollkommen mächtig war, hatte von ihrer Erwiderung überhaupt nur das „Du" verstanden, und sich an seine Begleiter in französischer Sprache wendend, sagte er: „karstlsu, ich glaube gar, die Kleine da duzt mich?" „In der That, Durchlaucht!" antwortete ein junger, hübscher Aitachö, der Graf von St. Fallier; „das Mädchen sagte „Du" zu Eurer Durchlaucht." „Lla.i8 — waas — aber, Mademoiselle, ich finden sehr komisch, daß Sie sak zu mir „Du"; ich sein der Herzog von G." „Ja, wie soll i denn anders zu Dir sagen, als Du? I wüßt' wirkst nit!" „Euer Durchlaucht," sagte ein Herr vo« Komitee, „die Leute im Tiroler Gebirgskunde, die sagen zu jedem „Du", und selbst wenn einer beim Kaiser zur Audienz ist, so sagt er schlankweg: „Du, Herr Kaiser!"" „Ah, charmant, charmant!" sagte der Herzog unter Lachen; „das ist ja sehr amüsant! Wollen Sie, L xrop08, das hübsche Kind ersuchen, einen Schuß zu thun, damit ich mich von ihrer so gerühmten Fertigkeit überzeuge.« Man übersetzte die Bitte des Herzogs ins Deutsche. „Na, na, schieß nur Du zuerst," sagte sie zum Herzog; „zeig' mal, was D' kannst! Zuerst kommst Du dran; dafür bist a Herzog — und nachher komm i!" Damit reichte sie ihm ihre eigene Büchse. Seine Durchlaucht kam ihrem Wunsche nach, klemmte sein Monokle fester ins Auge, legte an und — schoß der Luft ein Loch. „Gieb her die Büchsen!" sagte das Schützenliesel, und von dem anmuthigen Gestchtchen waren Unwillen und Ungeduld herabzulesen. „So a Schuß is aus der Büchsen no niemals raus kommen! Muaßt das Schießen no besser lernen. Und dann horch, was i Dir sag': A rechter Schütz und Jaga, wenn er was treffen will, der darf sich nimmer so a Fensterglas ins Aug' reinkleben, wie's Du da hast." Sie nahm die Büchse aus seiner Hand und schickte sich an, nun ihren Schuß zu thun. Da, wie mit magnetischer Gewalt gelenkt, wendete sich ihr Blick nach dem einige Schritte entfernt stehenden Grafen St. Fallier, welcher wie bezaubert und in Verzückung während des ganzen Vorganges kein Auge von ihr abgelassen hatte. Sein feuriger^ bewundernder Blick traf sie, und einen Moment schien sie wie gebannt von demselben. Schnell aber faßte sie sich und reichte dem jungen Manne die Büchse hin. „Probir's 'mal Du," sagte sie; „vielleicht haben Deine Augen bessere Kraft, als die vom Herr Herzog!" „Ich will's versuchen," erwiderte der junge Kavalier lächelnd in ziemlich fließendem Deutsch, und dunkle Nöthe überzog seine schönen, edlen Züge. „Schiaß guat!" sagte das Schützenliesel; „i denk' mir 'was dabei. Wenn st triffst, so is's richtig, das, was i mir denk'! Wennst nit triffst, dann is's halt nit richtig!« Der junge Graf zielte — zielte lange — dann ein kurzes Sausen — und „Centrum!" rief man allseitig. „Jesus, Maria und Josef!" bebte es leise von den rosigen Lippen der Tirolerin. „'s is richtig so!" Freudestrahlenden Auges brachte der glückliche Schütze dem Mädchen die Büchse zurück, und mit Spannung erwartete man nun auch den Schuß, den das Schützenliesel abzugeben hatte. Sie nahm den Stutzen mit merklicher Erregung zur Hand, legte an — die Hand zitterte — das Auge war unruhig — der Schuß krachte und — ging fehl, weit, weit — links ab von der Scheibe! „Was machst denn, Madel? Bist wohl nicht recht g'scheit, Liesel?« rief ihr Vater erbost. „Die Schand' mußt wieder gut machen. Flink nacheinander schloß dreimal ins Schwarze, wennst nit willst, daß Dein Vater zornig wird." Und das Schützenliesel schoß; ein-, zwei-, dreimal -fehl! Sie stampfte mit beiden Füßchen, und Thränen traten ihr in die engelhaft schönen Augen. „Kum, Vater," sagte sie, „kum, i will's nit wieder thun. I weiß nit, was mir fehlt! I glaub, t bin a bissel krank." > r 549 ^ ' » t Dann trat sie an den Herzog heran und sagte treuherzig: „Herr Herzog, sei nit bös, daß i Dich vorhin verspott' hab' wegen Deinem schlechten Schiaßen. I hab's no schlechter g'macht als Du." Die väterliche Liebe und Besorgniß des Vaters, sein Kind sei etwa doch plötzlich krank geworden, besiegten feinen anfänglichen Zorn über die schreckliche Schand', und mit einem „Grüaß Gott, Schützen!" ging er mit seiner Tochter ab. Als sie bei dem jetzt etwas entfernter stehenden Grafen St. Fallier vorüberkamen, da wendete sich das Schützenliesel unbemerkt zu ihm und sagte leise in vorwurfsvollem Tone: „Da bist halt Du schuld, Du böser, böser Mensch, — zwcßwegen hast mich denn alleweil so ang'schautl" » * * Nordwestlich von Brixen in Tirol befindet sich der sogenannte Sturzvogel. So recht heimlich und versteckt liegt dort das herrliche Anwesen des reichen Tobias Stahlaner, der im Leben schon mindestens fünfzigmal Schützenkönig war und mehr zum Zeitvertreibe, als aus Gewinnsucht so nebenbei eine Gastwirthschaft betreibt. Die Schützenkönigswürde ist bei ihm die Hauptsache. Da stand er, wie er leibt und lebt, vor der Gogel- wtrthschaft und untersuchte einen nach dem andern von den vor ihm liegenden prächtigen Stutzen. Denn in einigen Tagen war ja wieder großes Vogelschießen in Brixen, und da mußte er doch auch dabei sein. Ging's denn ohne ihn? Da kam plötzlich in großer Eile Loisel (Alots) der Viehhirt und schrie, soweit es der Kapitalkropf, den er sein eigen nannte, zuließ: „Gogelwirth, am Jnnersturz is aner obig'fallen; i hon sei Stimm' g'hört, aber alloi kann i ihn nit ausfi- hol'n." „So geh' holt hintri in die Scheun', der Hansel soll mit Dir geh'n, die Strick' und die Steigeisen mitnehmen. Wenn s gar schlimm sein sollt', so tragt's ihn halt zusamm' nach dem Kloster hin, nach Mariabrunn — wenn die Knochen aber no ganz find, dann bringt's ihn in Gottesnamen her. Es ist halt Menschenpflicht l" Loisel that, wie ihm geheißen, und in Gemeinschaft mit dem ebenfalls kropfigen Hansel ging's eiligen Schrittes dem Jnnersturz — einem gefurchtsten Bergfalle — zu, dem Verunglückten Hilfe zu bringen. Denn das Tirolerherz ist ein ungeschliffener Diamant, aber immerhin ein Diamant, und wenn Loisel oder Hansel beim Kirchweih- feste im blutigen Faustkampfe einen halbtodt geschlagen hat, so wacht er denn auch Tag und Nacht beim Lager des Verletzten, Pflegt ihn in aller Sorgfalt und betet einen Rosenkranz nach dem andern zur heiligen Jungfrau Maria Muttergottes, damit er wieder recht bald g'snnd wird — und sich dann wieder von frischem raffen (raufen) kann! „'s wird halt wieder so a Fremder sein," brummte der Gogelwirth in den Bart hinein; „die Leut' hab'n kein Dunst vom Bergsteigen; aber auffi müssen's halt, ohne dem geht's nit!" Der Gogelwirth hatte recht; eS war richtig ein Fremder, mit dem die beiden Knechte eine Stunde später bet der Wirthschaft ankamen. „Die G'schicht wird nit schlimm sein," sagte Tobias Stahlaner zu seiner Tochter, dem Schützenliesel, das soeben von Sellach, wo Jahrmarkt war, gekommen war und der er von dem Unfälle erzählt hatte; „Liefe!, mach's Fremdenlager zurechtl" Das Schützenliesel eilte, dem Befehl ihres Vaters nachzukommen „Ich danke Euch, Ihr guten Leute, für Eure große Mühe und Aufopferung; ohne Euch wär' ich wohl elend zu Grunde gegangen," so sprach der Fremde, als er anscheinend unter großen Schmerzen auf der Holzbank, welche vor der Wirthschaft stand, Platz genommen hatte Seine Sprache klang fremd, wenngleich er sich auch im Hochdeutschen ziemlich gut auszudrücken wußte. „Meine Kräfte drohten mich bereits total zu verlassen, und das Wurzelwerk, an dem ich mich krampfhaft hielt, schien sich bereits aus der Erde zu lockern. Hättet Ihr mir nicht noch zu rechter Zeit die Leine zugeworfen, ich wäre tief hinabgestürzt in die finstere Kluft und hätte meinen Kopf wohl an irgend einem Felsen zerschmettert." „Ja, schau," sagte Loisel in belehrendem Tone, „warum bist' denn auffi g'stieg'n?" „Na ja," ergänzte der Hansel und blähte seinen Kröpf auf, „wärst halt nit auffi g'stieg'n, wärst halt nit abi g'fall'n." „Nun, Euer Schade soll's ja nicht sein," erwiderte der Fremde, „ich will Euch reich belohnen. Jetzt aber seht zu, daß ich mich auf Heu oder Stroh recht weich hinlegen kann; denn ich glaube, ich habe außer den vielen Schürfungen den linken Fuß gebrochen. Die Schmerzen nehmen schon überhand." Die letzten Worte hatte der Gogelwirth, welcher eben aus dem Hause heraustrat, vernommen. „Wenn a Fremder beim Gogelwirth Unterkunft sucht, so braucht er grad nit immer auf Heu und Stroh zu liegen," sagte er mit einem gewissen Stolz. „Das Fremdenbett oben is zurecht gemacht. Es wird Dir wohl nit zu schlecht sein — so glaub i. Im vergangenen Jahr hat der Vetter vom Kaiser, der Erzherzog Heinrich, drin g'schlafen, und am andern Morgen hat er g'sagt: „Gogelwirth, z'Haus mei Bett is auch nit besser!" „Frisch überzogen iS halt auch," so ergänzte noch der Gogelwirth. „Und jetzt laß Dich 'rauftragen; i werd unterdessen nach Brixen schicken um'n Doktor, vorher aber noch die alte Ursula aus der Sennhütte herab- holen lassen; die taugt mehr, als alle Doktoren; sie wird Dir 'was auflegen, da wo 's Dich schmerzt. Brauchst Dich gar nit zu geniren vor ihr; 's is ja bloß a altes Weib und die Stucker neunzig Jahre hat's bereits am Buckel." „Dann seid auch so gut," sagte der Fremde, „gebt mir ein Stück Papier, damit ich meinen Diener, welcher in Brixen im Hotel zum Erzherzog Johann auf mich wartet, benachrichtige, wo ich mich befinde, und damit er mit dem Gepäck hierher kommt." „Das geschah, und der Kranke wurde sodann nach dem oben gelegenen Fremdenzimmer, welches die herrlichste Aussicht auf die mächtigen Berge und hinab in ein reizendes Thal gewährte, transportirt. „Ich muaß den Menschen schon wo g'sehn haben tm Leben. I hätt' ihn gern g'fragt, wer er is und woher er is.-I hätt'S auch 'than, wenn er g'sund wär', — aber an Kranken fragt der Tiroler nit um so 5S0 etwas, a Kranker g'hört der Menschheit an, ob er der oder der Nation ang'hört — ob er Bettler oder Kaiser is!" Der Kranke war bereits zwei Tage in der Gagel- wirthschaft. Bei allem Unglück hatte er doch Glück gehabt; denn der Arzt konstatirte, daß von einem Beinbruch keine Spur, sondern einzig der linke Fuß ausgerenkt gewesen und, da die Wiedereinrenkung nicht hatte sogleich vorgenommen werden können, so heftige Schmerzen, eine hohe Geschwulst und bedeutendes Fieber entstanden seien. Es war gerade am Palmsonntag. „Geh' rauf, Liesel, zu dem Fremden,- befahl der Gogelwirth seiner Tochter, „nimm's Gebetbüchel mit, sag' ihm's Vaterunser und 's Ave Maria vor und a Gebet zu seinem heiligen Schutzpatron. Er soll wissen, daß er in an christlichen Haus is." „Aber, Vater,- wendete das Schiitzenliesel ein, «wirst do nit verlangen, daß i zu ein' fremden Mannsbild ins Zimmer geh'? Die selige Muatter hat's mir scharf verboten — und i hab's immer so g'halten." „Die alte Ursula is oben bet ihm zur Pfleg' — aber sie kann ja nit lesen, und 's Vaterunser kann sie auch nit mehr fehlerfrei aufsagen. Also, marsch 'rauf — Dein Vater befiehlt's!" Das Schiitzenliesel hatte heut ihr FeiertagS-Staats- gewandel an und sah sehr hübsch und appetitlich aus. Sie ging 'rauf. Eigentlich war sie schon lauge begierig, den Fremden zu sehen, aber sie hatte sich gesagt: „Was sich nit schickt, das schickt sich halt nit," und so hatte sie bisher ihre Neugierde in Bann gehalten. „An die Thür' erst anklopfen? Ach was, das brauch i nit. Das Haus g'hört ja uns,- sagte sich das Liesel nach kurzer Ueberlegung, „und überdies könnt's ihn ja derschrecken." Und demgemäß öffnete sie ohne weiteres die Thür zum Fremdenzimmer und trat ein. „Gelobt sei Jesus Christus," sagte sie dabei, und „in Ewigkeit, Amen," Hütte die alte Ursula antworten müssen, wenn sie nicht eingeschlafen gewesen wär' im alten Großvatersessel. „Der Vater hat mi 'raufgeschickt — i soll Euch das Vaterunser vorsagen,- so begann das Liesel, ein wenig verlegen und die Augen zu Boden geheftet. „Denn heut' iS der Palmsonntag. - Der Kranke wendete sein Antlitz der Eingetretenen zu, starrte sie eine Weile an und seine vom Krankenlager gebleichten Wangen belebten sich in Purpurröthe. „Schiitzenliesel! Schützenliesel!- ertönte es von seinen Lippen. Sie sah auf vom Boden — sah ihn an, den Kranken, und rief erregt: „Ja, träum' i denn oder is es die pure Wahrheit? I kenn' Dich ja-ja, ja, Du bischt's, Du bischt der Schütz, der in Wien beim Schützenfest aus mein' Stutzen den feinen Schuß gethan!" Ihr Gesicht glühte. „Ja, ja, ich bin's, Schützenliesel, — ich habe Sie gesucht in ganz Tirol. Ich bin gefahren und gewandert durch's Jnnthal, durch's Etsch- und Eisak- und durch's Pusterthal. Ich habe keine Ruhe gehabt seit jenem ersten Moment, wo ich Sie am Schießplatz in Wien gesehen und gesprochen — und ich mußte Sie wiederfinden —- „Und weswegen denn? Was wolltest Du denn von mir?" „Jch wollte Sie fragen,- antwortete der junge Mann und seine Augen hingen in verzehrendem Feuer an der holden Gestalt des Schützenliesel, „ich wollte Sie fragen, was es zu bedeuten hatte, als Sie, bevor ich damals meinen Schuß abgab, zu mir sagten: Schieß' gut! Ich denke mir etwas dabei; triffst Du, so ist es richtig das, was ich mir dabei denke; triffst Du nicht, dann ist es nicht richtig!" Sie wurde blutroth. „Nix war's, — gar nix war's," antwortete sie, vor Scham vergehend, „a Dummheit war's — weiter nix —. Doch jetzt muß i thun, wie rnir's der Vater g'heißen hat!" Und zu dem über dem Kopfbettende an der Wand befindlichen hölzernen Kreuze des Erlösers hinausblickend, sprach sie langsam im echten Tirolerisch das „Vater Unser" und das ,,^-vv Llaria". „Und wie heißt Dein heiliger Schutzpatron?" so fragte sie dann den Kranken. „Es ist der heilige Nikolaus". Das Schützenliesel ging hin zu dem alterthümlichen, reichgeschnitzten Schrank und entnahm einigen dort aufgestellten Büchern das größte. Es war die Geschichte der Heiligen. Sie schlug jene des heiligen Nikolaus auf und entnahm derselben das Gebet dieses Schutzpatrons. Und da sie zu der Stelle kam, wo es heißt: „O Herr, laß Wahrheit sprechen meine Zunge alle Zeit und mein Herz nicht werden zur Mördergrube — —" da, bei diesen Worten, die sie heruntergelesen, hielt sie plötzlich erschrocken inne und das arme kleine einfältige Ding, das es viel ernster meinte mit seiner Religion, als die hochgebildeten Stadtleut', — sie brach in Thränen aus, und mit den Worten: „Nein, nein, — i darf nit weiter lesen — i kanu's auch nit mehr; denn g'rad vorher hat mei Zung' die Unwahrheit g'sprochen und aus meim Herze! hab' i a Mördergruben g'macht" — lief sie aus dem Zimmer! Wenn das Schützenliesel traurig war, das hatt' noch nie lange gedauert. Zum Kopfhängenlassen war sie gerade nicht geschaffen. Der Graf war so weit hergestellt, daß, wenn er'S eilig gehabt,-er die Gogelwirthschaft ganz commod schon hätte verlassen können. Aber er hatte eS eben nicht eilig, im Gegentheil, es gefiel ihm hier, in fortwährender Nähe des geliebten Gegenstandes, den er so lange emsig gesucht und dessen Wiedersehen er quasi bald mit seinem Leben erkauft hätte, und er dachte vorläufig gar nicht daran, das heimlich traute Fleckchen Erde zu verlassen. Da trat eines Tages der Gogelwirth an ihn heran und sagte: „Weißt' was, Herr Graf? Jetzt bist' scho volle drei Wochen bet uns — Dein Haxen (Fuß) is g'sund, und so glaubet i halt, daß 's Zeit wär', wcnnst' Dir unser Tirol wieder a mal von aner andern Seiten anschauen würdest. - „Mein ferneres Verweilen an diesem Ort, welchen ich so sehr lieb gewonnen habe, wäre Euch unangenehm, Gogelwirth?" so fragte in höchster Bestürzung der junge Graf. — „Ja," sagte Liesel'S Vater mit mürrischem Tone. „Und warum das? Bin ich nicht bereit, Euch reichlich zu entschädigen für alles, was Ihr mir geboten?- „Geld," antwortete der Alte, „spielt beim Gagel» i — 4 '-. l- > — 551 — Wirth, Gott sel's 'dankt, ka Roll'. Fragt's mt ntt — i hab' meine Gründ'!" Mit diesen kurz angebundenen Worten begab er sich tn'S Gehöft. „Ltesel! Liefe!!" rief er da. Das Schützenliesel kam gelaufen. „Sag' dem patscheten Bedienten oben, daß er für seinen Herrn die Sachen bald zusammenpacken soll; denn der Graf reist wieder ab." „Wie? Was?" rief das Schützenliesel erstaunt und wurde zuerst blaß und dann blutroth — „er reist ab? Er hat ja noch gar nix g'sagt davon? So auf einmal, so übereinander?" „Ja, 'S is Zeit, i hab' ihm den guten Rath gegeben; Tirol is a großes und schönes Land. Er soll sich die andern Gegenden auch ansehen." „Vater, Du — Du hast ihm g'sagt, er möcht' wieder weg?" „Ja, i hab's ihm g'sagt!" „Aber, Vater, warum denn? Weswegen denn — ?" „Frag' mi net, Diarndl, — ich hab' meine besonderen Gründ'!" Und damit war's basta; das Schützenliesel durfte nicht weiter fragen, wollte sie ihren Vater nicht in Wuth bringen. Sie ging, seinen Befehlen nachzukommen. Dann aber stürzte sie hinaus in's Freie, ihrem gepreßten Herzen durch Thränen Luft zu machen. Dort oben, beim Kreuzweg, da ist eine kleine Marienstatue, dorthin eilte sie mit Sturmcsschritten, und nachdem sie sich vergewissert hatte, daß Niemand weit und breit in der Nähe sei, da warf sie sich hin auf ihre Kniee und erzählte laut der Marienstatue von ihrem Kummer und Herzeleid: „O Maria, sei nit bös, aber i kann uit anders, ich hab' ihn halt gar so gern, denn er is ja so lieb und guat und kennt kan Hehl und kan Falsch. O Maria, heut' geht er fort von uns, und ich werd' ihn im Leben nie mehr wiedersehen! Nimm ihn in Deinen heiligen Schutz! Und auch zu Dir, heiliger Nikolaus, seinem Schutz- und Namenspatron, bete ich — o schütze ihn!" — „Liesel, Liefe!!" ertönte eS plötzlich, und als wär' er aus dem Boden gestampft, gleich einer heiligen Erscheinung, stand er vor ihr, — derjenige, für welchen sie soeben laut gefleht hatte. Das Liesel schrie laut auf, und schnell erhob sie sich. Ihre vorher so schmerzerfüllten Züge verriethen plötzlich Unwillen. „Pfui, Du hast g'lauscht!" sagte sie zu dem Grafen; „das war nit schön; das war nit fein — die Schand' hätt'st mir ersparen können!" „Liesel, ist es denn eine Schande, daß Du es ausgesprochen hast, daß Du mich auch liebst?" Du hast mich dadurch zum Glücklichsten gemacht und giebst mir den Muth, noch heute wegzuziehen von hier. Aber ich werde bald wieder kommen, wenn Du es willst — ?" „Weswegen denn wiederkommen? Was hat's denn für an Zweck? Hast denn nit g'nug d'ran, daß Du mir meine Ruh' gestohlen hast für lange, lange Zeit — vielleicht für eine Ewigkeit?" „Wenn ich sie Dir gestohlen habe, Deine Ruhe, ko will ich sie Dir auch wiedergeben. Ich will wieder- sommen in kurzer Zeit und vor Deinen Vater hintreten: Herr Stahlaner, gebt mir Eure Tochter zur Frau! Ich will sie Euch nicht wett weg entführen. Wir bleiben hier im schönen Tirol. Auf einem hübschen Platze im Pufter- thale will ich uns ein schönes Schloß bauen lassen, das Deiner würdig sein soll, Du Königin der Alm, Liesel! Soll ich kommen? Sprich eS aus: Willst Du die Meine werden?" „Schau, das is ntt recht von Dir, daß Du mit mir armen Diarndel solchen G'spaß machst — Du a hochgeborner Graf mit aner großen Krön', wie ich eine drin in Innsbruck g'sehen hab' — und i, a einfaches Tirolermadel — das Schützenliesel vom Gogelsturz?" „Ich schwör' Dir's hier bei der Statue der heiligen Jungfrau: es ist mein voller Ernst! Ich bin selbst- ständig; ich habe niemand Rechenschaft zu geben über das, was ich thue oder unterlasse. Meine Stellung als Diplomat will ich aufgeben und —" „Was ist denn dös, «Diplomat?" fragte das Liese! naiv; es kann nix b'sonders Gnats sein; denn mei Vater hat amal g'sagt, a Diplomat, der red't immer das Gegentheil von dem', was er denkt — und wenn das wirklich der Fall is, dann denkst halt auch anders, als Du sprichst. Doch nein, nein. Du hast ja g'schworeu zur heiligen Jungfrau, daß es Dein Ernst ist —" Der Graf klärte sie nun in recht faßlicher Weise über die Bedeutung des „Diplomat" auf und sprach dem wie im Traume neben ihm dahinwandelnden Schützeu- liesel so recht zu Gemüth und Herz. „Ja, ja, i möcht' schon!" sagte sie nach einer Weile; „aber mei' Vater, der wird halt nit woll'n; er kann die Fremden, die Ausländer nit recht leiden — und Du bist ja a Fremder, a Ausländer." „Ich bin ein Franzose; aber in Deutschland, am Rheine, da habe ich fast meine ganze Jugendzeit verbracht, und da habe ich die Deutschen achten und lieben gelernt." „Du bist a Franzos?" rief das Schützenliesel fast bestürzt. „DaS is schad', — recht schad'!" ergänzte sie traurig. „Und warum das, Schützenliesel?" fragte er sie und betrachtete sie neugierig, als wollte er die Gründe erforschen. Liesel schwieg, als hätte sie seine Frage nicht gehört, und es war ihr recht, als, plötzlich um eine Felsecke herumkommend, jemand seinen Gruß: „Gelobt fet Jesus Christus!" entgegenlief: „In Ewigkeit, Amen!" antwortete das Schützenliesel. (Schluß folgt.) ---LAWNS--—- Goldkösner. Verdienst seht allemal Wirksamkeit voraus; mit bloßem Speculiren erwirbt man's ebensowenig, als Einer reich wird, der sich auf einen Berg seht, in dessen Gruben Goldadern sind. Justus Möser. Glück! sie nennen dich blind und werden nicht müde, zu schelten. Frag' doch endlich zurück: Könnt ihr denn selber auch seh'n? Friedrich HebLel. Gelassen lernt' ich Tadel ertragen, Wie er beschert ward, fein und grob; Aber am Herzen fühlt' ich nagen Der guten Freunde gnädiges Lob. Paul Hehse. Siehst du ertrinken wen, rett' ihn vor allen, Dann frag' ihn erst, wie er hineingefallen. K. Einem lauteren Menschen ist es viel wonnesamer, einem Armen zu dienen als einem Reichen. Tanker. 862 Allerlei. Alle jene wunderlichen thierischen und pflanzlichen Stoffe, die der Chinese zu sich nimmt, kommen in kleine Stücke zerschnitten auf den Tisch und werden dadurch sowohl wie durch farbige Saucen und vielfache Würzen ganz unkenntlich. So sind z. B. die sehr beliebten nächtlich schattirten Scheiben von seltsam barschem Geschmack, die bei einem größeren chinesischen „Tschau-Tschau" (Essen) gleich einen der ersten Gänge bilden und in einer schwarzen Sauce angerichtet werden, hartgekochte Eier, die, 4-5 Jahre lang unter der Erde aufbewahrt, einen der Entwicklung alter Käse ähnlichen Umbildungsprozeß durchgemacht haben. Haifischflossen und als Salat zubereitete junge Bambussprossen verursachen dem chinesischen Magen durchaus nicht, wie fast jedem europäischen, entsetzliche Beschwerden, dürfen vielmehr als auserwählte Leckerbissen bei keiner Festtafel fehlen. Die in einer blauen Sauce schwimmenden Nudeln stellen sich bei näherer Betrachtung als gesalzene und getrocknete Regenwürmer heraus, während die Bestandtheile eines mit Bouillon servirten Hachä's große und kleine Raupen sind. Man denke sich ferner die Lage eines europäischen Gesandten, dem der chinesische Minister bei einem von ihm gegebenen diplomatischen Festessen eine scharfgebratene Ratte, wie sie die Chinesen so gern essen, auf der Spitze eines Eßstäbchens als vorzügliche Delikatesse anbietet! Ein „Tschau-Tschau" besteht aus wenigstens 35 Gängen, und die Gäste wie die ser- virenden Lakaien haben, da Teller und Stäbchen fortwährend gewechselt werden, mit dem Angebot und Genießen der Speisen alle Hände voll zu thun. Der Durst wird mit leichtem, etwas erwärmtem Wein gestillt. Die Chinesen sind keine leidenschaftlichen Zecher, auch reizen die meisten Schüsseln nicht zum Trinken. Eine Menge Süßigkeiten bilden das Dessert, wozu Marzipan gehört, angefertigt aus Zucker, Mandeln und — Schweineschmalz. Wie bei allen asiatischen Völkern, denen die Reize der bunten Reihe bei Tische unbekannt sind, nehmen die Frauen und Töchter an den Tafelfreuden ihrer Väter und Gatten nicht Theil. Doch kommen Ausnahmen vor, wenn seltenen Gästen besondere Ehren erwiesen werden sollen. So bei einem Mahle, zu dem der berühmte Landschaftsmaler Professor Eduard Hildebrandt, als er auf seiner Reise um die Erde in Shanghai weilte, von einem reichen chinesischen Kaufmann geladen war. Außer Hildebrandt waren noch drei deutsche Herren zugegen. Den drei Ehefrauen des Gastgebers nebst den fünf Töchtern waren ihre Plätze hinter den Gästen angewiesen. Zwischen den einzelnen Gängen, die stets aus mehreren Speisen bestanden, ließen sich die Damen auf dem Schooße der Gäste nieder und suchten diese durch kunstlose Mandolinen- klänge zu erheitern. Auf Hildebrandt hatte die gewichtigste der Mütter Platz genommen, ohne daß dieser geneigt gewesen wäre, die Ehre solcher Niederlassung gehörig zu würdigen. Rechtzeitig — erzählt er — kam mir ein rettender Gedanke. Ich erinnerte mich, wie bei einem Gala- Diner in Bangkok (Siam) Seine Majestät König Mong- kut von Siam Allerhöchstselbst mit seinen großen schweißigen Händen in die Schüsseln gegriffen, aus Reis, Fleisch und Sauce einen mächtigen Knödel zusammengekleistert und in den Mund seiner Lieblingsgäste, also auch in den meinigen und in den des englischen Gesandten, geschoben hatte, daß ich beinahe an dieser fürstlichen Gnadengabe erstickt wäre. Wie, wenn ich nach dem Vorbilde Seiner Majestät von Siam meine liebenswürdige Besitzerin durch einen phantastisch komponirten Kloß zu zerstreuen trachtete, da mir doch jede Unterhaltung mit ihr durch Un- kenntniß der Sprache abgeschnitten war? Das Herz deS Menschen ist ein Drachennest, ich gestehe unumwunden, daß ich mit teuflischer Schadenfreude meiner Alten dieselben Qualen zu bereiten trachtete, die mir einst die Gabe des siamesischen Königs verursacht hatte. Aus gesottenem Reis, Hachs von Regenwürmern und Jahre lang vergraben gewesenen Eiern fertigte ich einen handlichen Bissen, der eben so schwer zu kauen wie zu verschlingen sein mußte, und schob ihn Madame mit tückischem Lächeln in den Mund. Mein Zweck war erreicht. Die Artigkeit an sich wurde zwar sehr gut aufgenommen, doch erwies sich bald, daß meine Gönnerin der Bewältigung des höllischen Bissens nicht gewachsen war. Krampfhaft strengte sich die Unglückliche an, das formlose Kompositum niederzuwürgen, plötzlich sprang sie auf und entfernte sich, um — nicht wiederzukehren. * Wie man vor 50 Jahren auf der Eisenbahn fuhr, ist nach der «St. Z." bei der Feier deS fünfzigjährigen Bestehens der Görlitz-Dresdener Eisenbahn erörtert worden. Danach waren von den Personenwagen damals nur die Wagen erster Klasse ganz geschlossen; die Wagen zweiter Klasse hatten zwar eine feste Bedachung, waren aber an den Seiten nur mit Letnwandvorhängen zum Auf- und Zuziehen versehen. Die Personenwagen dritter Klasse waren ganz offen. Die Reisenden dieser Wagenklasse waren daher vielfachen Belästigungen durch die Witterungsverhältnisse, durch Staub und durch Rauch und Funken der Lokomotive ausgesetzt. In den Zeitungen wurden seiner Zeit für Reisende auf Eisenbahnen Halb- Masken von Gaze, das Stück für 20 Pfg., als Schutz gegen Asche und Staub, sowie Dampfwagenbrillen von Gewerbetreibenden zum Kauf angeboten. Mit der Schnelligkeit des Fahrend war es damals auch nicht weit her; besonders verursachte das Wasserfassen der Lokomotive erheblichen Zeitverlust. Ein alter Dresdener Gesangverein bestellte zu einer Sängerfahrt nach Bischofswerda einen Bruderverein von Nadeburg auf den dortigen Bahnhof. In dem Schreiben an diesen Verein heißt es wörtlich: „Kommt Alle an die Bahn, namentlich Krause, Lachmann usw. sollen kommen; während die Lokomotive Wasser saust, können wir einen Schafskopf ableiern. Zwölfmal 'rum kommen wir allemal!" -- KrittzmogripH. 1 2 5 9 2 bekannt aus einem Trauerspiel, 2 8 9 6 1 brauchen Modedamen viel. 3 4 6 5 am Teich zu finden und am Wald, 4 5 2 1 ein großer Held in kleiner Gestalt. 5 6 7 8 was Mensch und Thier stets hat. 6 3 9 8 2 5 bekannt als Insel und als Stadt. 7 2 7 7 9 als frommes Wesen verehrt, 8 2 1 7 mit scharfer Spitze bewehrt, 9 5 6 4 sowie auch die Anfangsbuchstaben Sind Namen, wie sie die Mädchen haben. Auflösung des Kreuz- und Quer-Räthsels in Nr. 69: Ra sen Ha be / ' AnterAaltungsAatt j zm „Nugsburger Postzeitung". ^L72. Dinstag, den 4. September 1894. ??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Znsiiruts von Haas >L Grabderr in Augsburg tVorbesitzer Dr. Mar Huttlcr). t Aer Organist. Novelle von C. Borges. lNachdruck verboten.^ - 1. Kapitel. „Herein!" Auf diesen Zuruf öffnete sich die Thür des Arbeitszimmers, auf der in großen schwarzen Buchstaben die Worte: „Johann Schellenbcrg und Sohn. Wohnungs- Vermittelungs-Bureau" zu lesen standen. Die Eintretende war eine junge Dame; sie war groß und schlank, ihre Gestalt graciös und anmuthig. Dunkles, kurz gelocktes Haar umgab wellenförmig ihre hohe Stirn, und die hellleuchtenden Augen blickten erstaunt, ja fast neugierig in das große, menschenleere, nur dürftig ausgestattete Gemach und nach der offenstehenden Thür eines zweiten Zimmers, aus welchem zweifellos die Aufforderung einzutreten ergangen war. „Herein!" wiederholte die Stimme jetzt lauter und energischer, und dem Rufe folgend betrat die junge Dame das zweite Gemach. Ein junger, stattlich aussehender Mann saß emsig schreibend vor seinem hohen Pulte; tief neigte sich das stolze Haupt über die großen Folianten, die vor ihm ausgebreitet lagen, ohne die Blicke von der Arbeit zu erheben. Doch nur einen Augenblick. Kaum fiel sein Auge auf die Dame, die jetzt schüchtern auf der Schwelle stand, als 'er hastig von seinem Sitze aufsprang und sich tief verneigend dem unerwarteten Gaste näherte. „Ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hatte keine Ahnung, daß eine Dame Einlaß begehrte," stammelte er verwirrt und um einigermaßen seine momentane Verlegenheit zu verbergen, schob er einen bequemen Sessel für die unbekannte Fremde herbei. Die Dame lächelte über diesen Eifer, dann begann sie mit sanfter, melodischer Stimme: „Ich bin hierher gekommen, um von Ihnen eine Wohnung zu miethen. Sie haben ein kleines, weit in der Vorstadt gelegenes Häuschen augenblicklich leer stehen; können wir es bekommen und kann es sofort bezogen werden?" „Von welchem Hause reden Sie? Wir haben sehr viele Wohnungen auf unserer Liste, in der Stadt sowohl wie außerhalb," versetzte der Gefragte und wunderte sich nicht wenig, daß eine schöne junge Dame in solch einem Auftrage zu ihm in's Bureau komme. „Das Häuschen liegt ziemlich weit in der Vorstadt dicht an der Landstraße am Saum des Waldes und trägt den hochpoetischen Namen Rosenvilla!" „Die Rosenvilla! Unmöglich!" kam es von den Lippen des jungen Mannes; jedoch sich seiner Pflicht erinnernd, fuhr er zögernd fort: „Ja, so heißt das Häuschen, oder richtiger gesagt die erbärmliche, elende Hütte, die nur aus Ironie ihren Namen trägt. Aber vermuthlich haben Sie dieselbe noch gar nicht gesehen?" „Nur von außen, aber ich hoffe bestimmt, daß uns das Logis zusagen wird." „Hm!" machte der junge Agent, „es ist wenig anziehend, daher meine Frage, ob Sie das Häuschen gesehen hätten. Aber wenn es Ihnen zusagt — natürlich, es ist ja Ihre Sache." „Ich muß selbstredend die inneren Räumlichkeiten sehen, ehe ich mich entscheide. Sie haben gewiß die Schlüssel, bitte, geben Sie mir dieselben, damit die Sache schnell erledigt wird, auch bitte ich um die Bedingungen." Herr Karl, wie er kurzweg als einziger Sohn des alten, finsteren Agenten Schellenbcrg genannt wurde, willfahrte gern ihrer Bitte und übergab der jungen Dame die betreffenden Schlüssel und nahm hingegen ihre Karte in Empfang, auf der in feiner Zierschrift der Name „Helene Willford" zu lesen war. Sie erzählte ganz unbefangen, daß sie mit den Ihrigen erst kürzlich aus England gekommen sei und jetzt beabsichtige, fortan hier in Deutschland zu leben, da der Vater erst kürzlich gestorben und die Mutter eine Deutsche sei. Ihr einziger Bekannter und Freund sei der Pfarrer Härtung an der Paulus-Kirche, durch seine Vermittlung sei ihr Bruder als Organist angestellt; sie würde pünktlich den Miethzins zahlen, wenn sie mit ihrer Mutter, der Schwester und dem Brnder die Rosenvilla beziehen würde. — „Ich befürchte, das Logis wird in keiner Weise entsprechen," warnte jetzt Herr Karl schon zum zweiten Male. „Es liegt freilich in unserem eigenen Interesse, das Haus sobald wie möglich zu vermiethen, und wir dürfen gewiß keinen Miether davon zurückhalten; aber dennoch halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß der bauliche Zustand der Hütte sehr viel zu wünschen übrig läßt. Der Eigenthümer bekümmert sich herzlich wenig um seine kleine Besitzung, dafür ist aber auch der Miethpreis ein sehr geringer. Außerdem muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß sich das Haus nicht 554 gerade des besten Rufes erfreut. Der letzte Einwohner — ein alter geiziger Junggeselle — verschwand vor einigen Jahren auf geheimnißvolle, unaufgeklärte Weise aus demselben. Ob ein Verbrechen vorlag, oder ob der Alte plötzlich auswanderte, wurde nicht festgestellt, aber seitdem steht das Häuschen leer, sogar seine Nähe wird von Spaziergängern ängstlich gemieden." „O! das ist für mich durchaus kein Hinderniß in dem Hause zu wohnen," versetzte die junge Dame unbeirrt, „vorausgesetzt ist es nicht so baufällig, um uns über dem Kopfe zusammen zu brechen, und bietet hinreichend Schutz gegen Wind, Regen und Unwetter. Meine Mutter", fuhr sie dann seufzend fort, „ist leider blind; jedoch hofft der Arzt, daß bei größter Ruhe und guter Pflege das Augenlicht sich mit der Zeit wieder kräftigen wird. Die Schwester ist fast beständig krank; beide werden also die vielen Schattenseiten der Wohnung kaum bemerken." „Aber denken Sie doch an sich selbst," mahnte Herr Schellenberg jr.; denn unwillkürlich nahm er bereits Interesse an dem Geschicke der fremden Familie. Sie lachte belustigt. Ihre eigene Behaglichkeit war durch die beständige Sorge um ihre Lieben ganz in den Hintergrund getreten, darum entgegnete sie heiter: „Den größten Theil meiner Zeit werde ich hoffentlich außerhalb des Hauses zubringen. Klavier- und Gesangunterricht ist meine Hauptbeschäftigung. Der Pfarrer Härtung hat für eine beträchtliche Anzahl Schülerinnen gesorgt, die sich gewiß noch vermehren wird, und auch mein Bruder — sie senkte verwirrt und mit lieblichem Erröthen bei diesen Worten die Augen zu Boden — wird allzu sehr beschäftigt sein, um sich darum zu kümmern, wie und wo er wohnt." Der junge Agent durfte kein weiteres, warnendes Wort sagen. Er hatte seine Pflicht vollkommen erfüllt, ja, noch mehr, er hatte sie noch überschritten; denn Hütte der Eigenthümer der Nosenvilla das Gespräch gehört, so würde der junge Mann sich den Vorwurf nicht erspart haben, die Miether zurückzuschrecken und ihn dadurch in seinem Vortheil zu schädigen. So ließ er es ruhig geschehen, daß Fräulein Willford die Schlüssel mit dem Versprechen entgegennahm, morgen um dieselbe Stunde wieder zu kommen, um endgültig die Angelegenheit zu ordnen. „Beim HimmelI das sind ein paar Augen, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht sah," rief der junge Mann enthusiastisch, als er sich allein sah. „Ein solches liebes Gefichtchen ist genug, um mich bis an mein Lebensende zu verfolgen. Thorheit I" fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort, „das sind keine Gedanken für einen armen Mann, wie ich einer bin, der für sein tägliches, kümmerliches Brod zu sorgen hat. Na, da kommt schon mein Vater, und ich habe noch nicht einmal diese Rechnungen durchgesehen." Wirklich öffnete sich die Thür des vorderen Zimmers und ein ältlicher Herr mit stark ergrauten Haaren und von Gram durchfurchten Zügen betrat das innere Gemach. „Ist Jemand hier gewesen, Karl?" frug er nicht unfreundlich einen forschenden Blick in das freudig erregte Antlitz seines Sohnes werfend. „Ja, der alte Meier, der Baumeister, war wieder hier, er dringt auf Zahlung der letzten Reparaturen, na, ich habe ihn auf bessere Zeiten vertröstet. Es hat auch noch nie so erbärmlich schlecht mit unserm Geschäft gestanden, wie gerade jetzt," fuhr der junge Mann seufzend fort, „aber endlich haben wir auch Aussicht, die Nosenvilla zu vermiethen, denke nur, Vater, die verrufene, morsche alte Hütte! Eine Dame war hier, um die Schlüssel zu holen." „Eine Dame?" fragte ungläubig der alte Vater, „sie will doch das jämmerliche Loch nicht selbst bewohnen?" „Natürlich, aber nicht allein. Sie hat einen Bruder, der Organist an der Paulus-Kirche, eine kranke Schwester und eine blinde Mutter." „Das ist sonderbar! Es finden sich Wenige bereit, in diesem abgelegenen Neste zu wohnen." „Das möchte ich auch behaupten, aber trotz alle- dem scheint Fräulein Willford eine fein gebildete, aristokratische Dame zu sein, die gewiß ohne eigenes Verschulden gezwungen wird, die Hütte zu nehmen. Sie ist die reizendste Dame, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Du hättest nur in ihre leuchtenden, dunkeln Augen schauen sollen, Vater, die so hell wie die Sterne am Himmel leuchten; dann die vollen rothen Lippen, das schmale liebliche Antlitz, die silberhelle Stimme und — — —" „Na, Karl, genug davon," unterbrach scherzend der Vater die enthusiastische Beschreibung. „Diese Schwärmerei für eine unbekannte Dame ist mir gänzlich fremd an Dir. Kümmere Dich nicht um sie, noch um ihre Schönheit; sage mir lieber, ob sie ernstlich die Nosenvilla miethen will. Das alte baufällige Nest steht schon seit Jahren leer, und noch gestern schrieb mir der Eigenthümer einen sehr unfreundlichen Brief, gerade als ob es unsere Schuld sei, daß kein Mensch in dem Loche wohnen will." „Ich gab ihr die Schlüssel," versetzte der Sohn in geschäftsmäßigem Tone, aus dem plötzlich jedes schwärmerische Gefühl verschwunden war, „und morgen um diese Zeit will sie wieder kommen; so sagte sie mir wenigstens oder so habe ich's verstanden." „Nannte sie keine Freunde oder Bekannte, bet denen wir über die Familie Erkundigungen einziehen können, oder gab ihre Schönheit Dir genügende Sicherheit?" „Ja, sie dachte daran, wiewohl ich offen gestehe, daß ich es vergessen hatte. Wenn der Pfarrer Härtung den Bruder als Organist angestellt hat, so können wir doch auch wohl mit der Familie als Miether zufrieden sein. xropos, der Pfarrer und besonders sein Bruder, der Doctor Härtung, sind ja Deine besten Freunde; Du kannst Dich bei ihnen sehr gut über diese Fremden erkundigen." Der alte Herr lächelte wehmüthig. Die beiden Brüder waren freilich seine besten Freunde; schon während lang verflossener Studienjahre hatte sich das Freundschaftsband geknüpft, das im Kampf mit dem Leben nur noch fester und inniger geworden war. Aber während die beiden Brüder Härtung hohe, angesehene Stellungen in der Welt einnahmen, in der Stadt allgemein beliebt, gekannt und hochgeachtet waren, mußte Schellenberg täglich von Neuem den Kampf ums Dasein aufnehmen und lebte mit seinem Sohn kümmerlich und verborgen, ein unbekannter, talentloser und wenig energischer Agent. Am nächsten Tage zur festgesetzten Zeit stand Fräulein Willford wieder vor der Thür des Agenten. Doch heute erfolgte nicht das schrille „Herein" auf das leise Pochen. Herr Karl schien darauf gewartet zu haben; denn blitz- 'e i. 555 i schnell stand er an der Thür, die er eilfertig öffnete. Er hatte sich nicht getäuscht. Vor ihm stand die junge Dame, die unwillkürlich wachend und träumend seine Sinne gefangen hielt. „Fräulein Willford!" rief er mit gut gespieltem Erstaunen freudig aus, dann führte er sie galant zu einem Sitze. „Was denken Sie jetzt von der Rosen- villa, nachdem Sie die innern Räumlichkeiten gesehen haben? Sie sind gewiß in Ihren Erwartungen getäuscht," begann er, nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Durchaus nichtI Die Räumlichkeiten sowie die einsame Lage des Hauses entsprechen ganz und gar meinen Wünschen," versetzte sie ganz entschieden. „Beabsichtigen Sie denn wirklich, selbst dort zu wohnen?" fragte der junge Agent erstaunt. „Ja! es wäre mir sogar lieb, wenn wir noch heute einziehen könnten. Wir wohnen bis jetzt im Hotel, und dort findet meine arme Mutter nicht ihre behagliche Bequemlichkeit. Es steht doch unserer Absicht nichts hindernd im Wege?" „Nicht im Geringsten. Wenn Sie diesen Contract unterzeichnen, so ist die Sache erledigt." Helene Willford setzte mit fester Hand ihren Namen unter das dargereichte Schriftstück und war von jetzt an Inhaberin der Rosenvilla. 2. Kapitel. Es war am Nachmittag desselben Tages, zur Zeit da der vielbeschäftigte Arzt Doctor Härtung die Runde bei seinen zahlreichen Patienten machte, als sich geräuschlos die Thür eines Schlafzimmers im obern Stockwerk des Hauses öffnete und Martha, das jüngste Töch- terlein, in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt, einen dichten Schleier, der gänzlich ihr hübsches Gesichtchen vor neugierigen Blicken verbarg, fest umgebunden, unbemerkt die Treppe hinabstieg. Vorsichtig spähte sie nach allen Seiten umher, und ein Seufzer der Erleichterung entschlüpfte ihrer geängstigten Brust, als sie ungesehen das Haus verlassen konnte. An der nächsten Straßenecke benutzte sie den bereitstehenden Omnibus, der nach kurzer Zeit vor einem großartigen Gebäude anhielt. Es war der Kaiserhof, ein beliebtes Restaurant, verbunden mit Conditorei, das von den Bewohnern der Großstadt gern und häufig besucht wurde. Die junge Dame schien hier vortrefflich bekannt zu sein; denn dienstfertig trat ihr sofort der Gar^on entgegen um sie in ein kleines Gemach zu führen, in dem nur wenige Gäste, plaudernd oder in ihren Zeitungen vertieft, versammelt waren. In diesem Augenblick trat ein junger Mann aus einer Fensternische. Er hatte augenscheinlich die Ankommende erwartet; denn er führte sie schweigend, aber mit glücklichem Lächeln auf seinem ehrlichen, offenen Antlitz auf den soeben verlassenen Platz zurück. „GeliebteI" flüsterte er ihr kaum hörbar zu, fest ihre kleine, weiße Hand in der seintgen haltend, „wie lange hast Du mich heute warten lassen! Ich fürchtete schon, Du würdest gar nicht kommen, und ich machte mir um Deinetwillen große Unruhe." „Du konntest doch wohl denken, daß ich mein Versprechen halten würde, Franz," lautete die ebenso leise gegebene Antwort, „aber ach! ich fürchtete, man würde bald entdecken, daß wir verlobt sind, und was würde dann mein Vater sagen!? Meine älteste Schwester Marie beobachtet mich ohnehin scharf genug, und es wird mir immer schwerer, das Haus heimlich zu verlassen." „Fürchtest Du, daß Deine Liebe zu dem Ex-Orga- nisten schon bekannt ist? Nun wohl, ich verstehe Deine Gefühle; Dein Vater, und ganz besonders Dein Onkel, dem ich meine Entlassung zu verdanken habe, halten mich ja viel zu gering, um meine Augen zu Dir zu erheben. Diese Heimlichkeiten sollten auch sofort aufhören, wenn ich offen vor Deinen Vater hintreten könnte mit dem Beweis, Dir eine sorgenfreie Existenz zu bieten." Martha blickte erschreckt in das erregte Antlitz ihres Geliebten ; sie war leichenblaß geworden, Thränen erstickten ihre Stimme, und um ihre Lippen zuckte es bedenklich. „Zweifelst Du etwa an meiner treuen Liebe?" fragte sie tonlos und bebend. „Kleine Thörin! Wenn dort jener junge blasse Herr mit den entstellenden blauen Brillengläsern uns nicht so anstarrte, so würde ich Dich statt aller Antwort in meine Arme schließen. Kennst Du den Fremden? Er scheint unsere ganze Unterhaltung angehört zu haben." Martha schaute besorgt nach der bezeichneten Richtung, aber der Fremde wandte sich um, ergriff eine Zeitung und setzte sich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers. „So, nun ist er fort; wir wollen uns nicht mehr um ihn bekümmern," tröstete Franz das zitternde Mädchen. „Nun höre meinen Plan, Martha. Ick bin fest entschlossen, schon bald nach England zu reisen und will mir dort durch List oder Gewalt Zutritt bei meinem Onkel zu verschaffen suchen. Es wird freilich nicht ganz leicht sein: denn mein Vetter, Edmund Normann, schrieb mir, daß meine Tante den guten alten Mann mit Argusaugen bewacht, daß Niemand allein zu ihm darf, daß selbst sein Anwalt ihn nur in ihrer Gegenwart besuchen darf; aber trotzdem will ich doch einen Versuch machen." „Kennt Dich Deine Tante persönlich?" „Nein; ich glaube es wenigstens nicht. Sie hat mich bei meinem guten Onkel aus meinem Rechte verdrängt ; als ich vor einem Jahre von einer längeren Reise aus dem Orient zurückkehrte, hielt ich mich nur vr. Kourp, Difchof von Fulda. 556 eine Stunde im Schlosse auf, und ich glaube nicht, daß sie mich damals gesehen hat." „Franz, mir kommt ein guter Gedanke! Versuche unter erborgtem Namen Zutritt bei Deinem Onkel zu erlangen." diesem Namen lange genug die Stellung als Organist bekleidet, Zutritt in unserer Familie erlangt und mein ganzes Herz gewonnen?" „Wohl wahr! Ich sollte den Tag segnen, der mich nach Deutschland, der Heimath meiner Mutter, brachte, Durg Trausnitz bei iandshut. Löwrnzwingcr unter dem Kälter der Trausnitz. „Du bist immer romantisch, mein Liebling. Glaubst Du nicht, es sei schon genug, daß ich schon ein ganzes Jahr lang meinen richtigen Namen abgelegt habe und den einfachen Namen meiner Mutter trage und mich Franz Burgfeld nenne?" „Sei nicht undankbar, Franz. Hast Du nicht unter und es war noch ein glücklicher Zufall, der mich hier gleich Beschäftigung finden ließ." „Wie schade, daß Du mit meinem Vater und besonders mit meinem Onkel nicht gut harmo- nirst!" „Ist das schade?" rief der junge Mann nicht ohne Bitterkeit, „es ist doch wirklich nicht meine Schuld. Bedenke, ich hatte früher die Musik nur zu meinem Vergnügen, aber nicht als Broderwerb betrieben. Und jetzt war man mit meinem Orgelspiel nicht mehr zufrieden, und Dein Onkel machte mir mit Fug und Recht den Vorwurf, daß die Leitung des Ktrchenchores nicht in guten Händen sei. Konnte ich das noch länger ertragen?" „Gestehe offen, Du eignest Dich auch nicht als Organist." „Nun, Du kannst Recht haben, Martha. Bedenke, von frühester Kindheit an hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt, später die Güter meines Onkels zu verwalten, als dessen einzigen Erben ich mich dachte." „Guter Gott! es ist gleich sieben Uhr!" rief Martha sichtlich erschreckt aus, ihre kleine goldne Uhr aus dem 7 - 557 i reich begüterten Onkel in England mit ihrem Verlobten Mein Vater ist die personificirte Pünktlichkeit, wieder hergestellt sei. Gürtel ziehend, „wir haben heute viel zu lange gepluu- > dert. und das Abendessen muß um sieben Uhr auf dem Tische steh.n. Ich fürchte, schon zu spät zu kommen; schnell, laß uns eilen!" Herr Burgfeld verließ mit ihr das Lokal, wartete einige Minuten, bis der rechte Omnibus vor der Thür hielt, nahm ihr das Versprechen ab, sich am nächsten Mittwoch zur selben Stunde hier wieder einzusinken, um endgültig die geplante Reise nach England mit ihr zu überlegen. Es war ein Glück, daß heute der sonst so pünktliche Arzt wohl zwanzig Minuten länger bei seinen Patienten aufgehalten wurde und ausnahmsweise das Speisezimmer später wie gewöhnlich betrat.Auch war er so sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß er gar nicht bemerkte, wie sein jüngstes Tochter- lein Martha, sein Liebling, erst nach ihm und zwar vom schnellen Gehen stark erhitzt und fast athemlos das Zimmer betrat. Auch die Mutter und die zweite Tochter Hedwig bemerkten nicht die Erregung des jüngsten Familiengliedes, wohl aber Marie, die älteste Tochter. Sie hatte schon vor geraumer Zeit Martha'sZimmerbetreten, es leer gefunden, und jetzt wollte sie mit ihren finsteren, durchbohrenden Blicken jedes Geheimniß ihrer Schwester erforschen; doch sie hütete sich wohl, offen von ihren Beobachtungen zu sprechen. Als das Mahl beendet war, eilte Martha schnell in ihr kleines behagliches Zimmer. Sie mußte allein sein, denn die Gedanken jagten sich in ihrem Hirn, und gewaltsammußtesiesich zur Ruhe zwingen. Ach! könnte doch ihr Franz die Stellung in der Welt einnehmen, die ihm zukam I Freilich hielten ihn der Vater und der Oheim viel zu stolz und aristokratisch, um eine untergeordnete Stellung als Organist einzunehmen, und waren daher herzlich froh, einen bescheidenen, anspruchslosen Nachfolger gefunden zu haben, der besser für die Stellung zu passen schien. Kein Gedanke des Neides stieg in ihrem Herzen gegen den neuen Organisten auf, wiewohl sie sich gefreut hätte, wenn der Wechsel noch nicht so bald stattgefunden, wenigstens nicht eher, bis das frühere Verhältniß zu dem WWW T " " -fij. k! § n §«? Der Martinsthurm zu Kandshut. Aber es war für den jungen Neffen unendlich schwer, Zutritt zu dem alten Herrn zu erlangen, der beständig von seiner mißtrauischen Gattin bewacht wurde. — Vor kaum zwei Jahren hatte die stolze Kokette in einem Badeorte den alten Lord Merlie kennen gelernt. Sie hatte schon früher von seinem Reichthum, von seinem prächtigen Schlosse und von seinen großartigen Besitzungen gehört, und ihrer Beredsamkeit war es ein Leichtes gewesen, den müden, altersschwachen Greis zu überreden, ihr seinen Titel und Namen anzubieten. Die Hochzeit wurde in aller Stille gefeiert, sogar Franz Merlie, der einzige Neffe und Erbe des alten Herrn, der sich gerade damals einer größeren Gesellschaft Naturforscher angeschlossen hatte und sich seit längerer Zeit im Orient aufhielt, hatte keineAhnung von dem Wechsel im Leben des alten Herrn, der für ihn schlimme Folgen haben sollte. — Kaum im alten Ahnenschlosse angelangt, wußte die ränkesüchtige Gattin den lebensmüden Greis zu bewegen, das Testament zu Gunsten des hoffnungsvollen, jungen Neffen zu vernichten. Das reiche Erbe sollte ihr und ihrer Familie zufallen, und auch dieser Plan gelang nach Wunsch und leider allzu leicht. Als nun der ahnungs- losejungeMann vorJahres- frist das Haus seines Onkels betrat, das er von Kindheit an als sein Vaterhaus betrachtet hatte, da seine Eltern ihm durch den unerbittlichenTod früh entrissen worden waren, hörte er zu seinem Entsetzen die unglaubliche Veränderung. Die jungeSchloßherrin ließ ihm durch ihre Diener den Befehl geben, nie mehr eine Schwelle zu übertreten, auf die er nicht das geringste Anrecht habe, da es ihm niemals gelingen werde, den Onkel zu sehen oder zu sprechen. Franz stand da wie vernichtet. Er wollte anfänglich eine Erklärung verlangen, doch sein Stolz bäumte sich gegen die unerwartete und verletzende Behandlung. Dröhnend warf er die schwere, eichene Thüre ins Schloß, daß die Fenster in den Gemächern klirrten, und hoch erhobenen Hauptes kehrte er dem Schauplatz seiner glücklichen Kindheit und seiner Jugendträume den Rücken. Er hatte eine vorzügliche Ausbildung genossen, sich aber nicht auf einen bestimmten Beruf vorbereitet, da er als Erbe seines Onkels später die umfangreichen Güter zu verwalten gedachte. Sein Vetter Edmund Normann hatte ein kleines Gut in der Nähe, er bot dem Heimathlosen gastfrei ein Obdach an und überredete ihn, mit dem Onkel in Briefwechsel zu treten. Denselben wohlgemeinten Rath gab ihm eine befreundete Familie, Doctor Feller; dieselbe hatte schon im freundschaftlichen Verkehr mit seinen Eltern gestanden, und wie er später in Deutschland zu seiner Freude vernahm, war Frau Feller die Schwester der beiden Brüder Härtung, also die Tante seiner geliebten Martha. Er befolgte den guten Rath. Vergebens, alle Briefe kamen uneröffnet zurück. Da fand der enttäuschte junge Mann keine Ruhe mehr in der alten Heimath; er reiste nach Deutschland, dem Vaterland seiner früh verstorbenen Mutter, und unter ihrem Namen nahm er die bescheidene Stelle eines Organisten an der Paulus-Kirche an, die gerade vakant war. Zwar wußte er, daß er kaum den Anforderungen genügen würde, aber es handelte sich um die Erringung einer gesicherten Existenz, und er durfte im Kampf um's Dasein nicht unterliegen. (Forts, f.) Das Schühenliesl. Eine wahre Geschichte. Erzählt von Robert v. Hagen. (Schluß.) Der Mann, der ihnen gegenüberstand, hatte einen Stelzfuß, einige blankgeputzte Medaillen auf dem schäbigen Rocke und trug einen an einem Riemen um den Hals hängenden alten Leierkasten. „Ah, Du bist's, Hirselpacherl Wo kommst denn her? Hast Dich ja schon lang' nit bet uns sehen lassen." „Bin halt a bisse! länger 'blieben im Passey'rthal, als fünften. Wenn's Dir recht is, Schützenliesel, setzt Euch hier auf den Felsvorsprung — i will Euch was spielen und singen." „Mir is scho recht," antwortete das Liesel, setzte sich und wies auch dem Grafen einen Platz an. Der alte Bettelmusikant machte seinen Kasten zurecht — drehte im langsamen Tempo, und mit ziemlich wohlklingender Stimme sang er dazu: Zu Mantua in Banden Der treue Hofer war, In Mantua zum Tode Führt' ihn der Feinde Schaar. Es blutete der Brüder Herz, Ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz, Mit ihm das Land Tirol rc. Das Schützenliesel wurde während dieses Gesanges immer unruhiger, ihre Brust hob und senkte sich stürmisch — das enge Mieder drohte zu zerspringen. „Es ist gnua, Hirselpacher; hör' auf zu singen und zu spielen — geh' wieder Deiner Wege und wennst heut abends nach der Gogelwirthschaft kommst, sollst an Topf Milch und a groß Stück Brod dazu haben." Der Graf aber warf ihm in den schon bereitgehaltenen Hut einen Silbergulden, daß der Alte darüber schier das bißchen Vernunft verlor: „Wons? Is das Dein Ernst? Dös is ja a richtiger kaiserlicher Silbergulden! Na, so a Glück! Gnädigster Herr, laß mich Deine Hand küssen. O du liabs Herrgöttel, a ganzer neuer Silbergulden. Ah, da will i aber auch zwanzig Rosenkränz' Herunterbeten, damit Dir der Herrgott viel Glück und a Weiberl schenkt, so schön, so liab und guat, wie das Diaxndel, das da neben Dir sitzt, und auch so brav, wie's Schützenliesel!" „Troll' Dich weg, alte Plaudertaschen; i will nix mehr hören von Dein' G'wäschl" entgegnete, bis über die Ohren roth geworden, das Liesel. Der alte Leiermann erging sich noch in Tausenden von Segenswünschen und humpelte vergnügt weiter. Das Schützenliesel sah ihrem Begleiter so recht forschend in's Auge, und dann hob sie in weichem, gefühlvollem Tone an: „Hast mich denn wirklich so gern? So recht vom Herzen liab?" „Ueber alles hab' ich Dich lieb, Du trautes Engelskind." „Na, dann bitt' i Dich — geh' weg von uns, noch heut', und komm' nit wieder. Denn schau, — es kann ja nix daraus werden zwischen uns. Als der alte Wer- kelmann da früher g'sungen hat das schöne Liad vom Andreas Hofer, da is mir's plötzli wie Schuppen von den Augen g'fallen, daß i nimmer und nimmer Dein Weiberl wer'n könnt'. Denn schau, der Hofer Andrä, das is der Stolz vom Tiroler, und nach den Heiligen da kommt gleich der Hofer. Und in der Schul' wird's uns Kindern schon eing'lernt, was er alles Gut's than hat für's Tirolerland — wie er dann verrathen worden is, wie ihn dann die Franzosen hing'schleppt hab'n nach der Festung Mantua und wie's ihn dann am 20. Februar 1810 grausam erschossen hab'n, die Franzosen. Warum? Bloß darum, weil er sein liab's Vaterland, sein liab's Tirol von fremder Herrschaft befreien wollt'." „Und für das, was meine Nation vor beinahe sechzig Jahren gegen Euch gesündigt hat in Kriegszeiten, dafür soll ich, der Einzelne, büßen? Nein, mein Schützenliesel, das kann Dein Ernst nicht sein," erwiderte der Graf. „Ja, 's is mein rechter Ernst," antwortete sie, „daß i Dir nimmer ang'hören kann, weilst halt a Franzos bist. Schau, wär's Dir denn recht, wenn die Leut' dann später mit den Fingern auf uns zeigen thäten und sagen: „Seht's dorthin, dorthin, dort geht das frühere Schützenliesel, die usis abtrünnig geworden is; sie hat einen von denen g'heirath', die unsern Hofer in Mantua ums Leben 'bracht hab'n, — an Franzosen." „Sie sollen das nicht sagen, Du theures Herzensmädchen. Dir zulieb' ist mir kein Opfer zu groß. Gieb mir Dein Jawort, und ich, der ich weder Vater mehr, noch Mutier besitze, nur entferntere Verwandte, also an niemand gebunden bin und frei schalten und walten kann über ein großes, von keiner Seite antastbares Vermögen, ich komme her zu Euch, in Eure wunderschönen Berge, verschaffe mir das Nationalitätsrecht und bleibe mit Dir bis an unser seliges Ende. Denn höre mich an, Du, mein Kleinod, ich kann nicht leben ohne Dich; in Dir wohnt meine ganze Glückseligkeit, mein Hoffen, mein Sehnen, mein Denken, mein Fühlen!" Sie reichte ihm die beiden Hände. „Ja, ja, i glaub', Du meinst es halt doch recht ehrlich und nit wie a Diplomat; und so will i gern Dein g'hören für's ganze Leben, wenn der Vater nix dagegen hat. Er is ja so herzensguat, mein Vater, wenn er auch so brummbärig aussieht. Vom Fensterln*), wie's im Tirolerlande Mode is, do is er ka Freund — wenn aber einer amal kommt, a braver Mensch, und er fragt: *) Des Nachts auf der Leiter zum Fenster des Liebchens klettern- 559 Gogelwirth, giebst mir Dein' Tochter, i hab's gern und I sie hat mi a gern, dann antwort' er g'wiß: Ntmm's, I wenn's Dich mag!" „Nun, so will ich denn kühn anfragen bei Deinem Vater und ihm offen und ehrlich alles darlegen, wie ich es meine. Und dann werde ich ja sehen, ob es denn gar so große Eile hat, daß ich mir Euer schönes Tirol von einer anderen Seite ansehe." Die beiden Liebenden hatten sich nun noch gar vieles zu sagen und zu erzählen und schmiedeten die wunderbarsten Pläne für die Zukunft. „Na, und sag' mal, Nikola, wirst denn was dagegen hab'n, wenn i als Dein Weiber! no immer mei liabs Tirolergewandel tragen möcht'?" fragte endlich das Liefe! mit gar wichtigem Ton. „Nun, darüber beruhige Dich, Liesel — in dieser Angelegenheit werden wir wohl noch einig werden." a Landdirn', zu wenig aber für a Grafenweib. Wennst mir das dann später vorwerfen thät'st — i springat direkt in den Jnn und thät' mi dersäufen!" Unter diesen mehr oder weniger erbaulichen Abmachungen kamen die beiden in die Nähe der Gogel- wirthschaft. Noch flink und g'schwind a recht derbes Busserl — und wie ein verscheuchtes Reh eilte das Schützenliesel voraus, schlich sich unbemerkt ins Gehöft und stellte sich, als ob sie überhaupt dasselbe nicht verlassen gehabt hätte. Wehe auch dem Liesel, wenn der gestrenge Vater nur das mindeste gemerkt hätte — wär' das ein Gewitter geworden mit Blitz und Donnerschlag I Denn — mißtrauisch war er ohnedies schon, sonst hätte er gewiß nicht den Fremden da oben so ernsthaft aufgefordert, Tirol von der andern Seite anzusehen. ML Sturz des Erzherzogs Wilhelm. „Ja, aber das sag i Dir gleich im voraus" — so stellte sie ihre weiteren Bedingungen. „Wenn i a Dein' Frau sein werd', auf ein andern Namen, als auf Liesel oder Schützenliesel, horch' i nit — das muaß alles beim Alten bleiben — denn Elisabeth, wie man in der Stadt sagt, das klingt viel zu g'spreizt und nobel." „Sei beruhigt, mein herziges Liesel, ich werde Dich bei keinem anderen Namen nennen, als bei dem Du mir so theuer geworden bist." - „Ja, und richtig — noch eins wollt''i Dir sagen — Jeses, Jeses, was war's denn nur schnell? Ja, i hab's! Also, i wollt Dir bloß sag'n, daß mir's gar nit recht is, daß Du a Graf bist — 's wär mir halt tausendmal lieber, Du wärst a Hofbesitzer so wie mein Vater, mit an g'wöhnlichen, recht groben Tirolernam', Stadelbaner, Tschurtschenthaler, Wurzenbacher oder so was dergleichen. Denn schau, i bin ja in d' Schul' gangen, aber z'viel hab i halt nit g'lernt. G'nug für Im Sommer 1880 besuchte der Erzähler dieser Ge- geschichte, einen beim Kaiserjäger-Regiment stehenden, in Bozen in Garnison befindlichen Verwandten und wurde von demselben zur Theilnahme an dem Bozener Schützenfeste, welches am nächsten Tage begann, aufgefordert resp. eingeladen. Der Erzherzog Heinrich von Oesterreich nebst Gemahlin, die Grafen von Meran (Söhne des verstorbenen Erzherzogs Johann) und fast alle Honoratioren der Umgebung hatten ihr Erscheinen zugesagt und waren auch erschienen. Da plötzlich konzentrirten sich aller Blicke nach einem Punkte — einer nach dem Schießplatz einherrollenden Equipage, in welcher ein Herr und eine Dame, die letztere in Tiroler Nationaltracht, saßen. Der Wagen hielt, der Leibjäger sprang vom Bock, öffnete den Wagenschlag, und die beiden Insassen entstiegen dem Gefährte. Sämmtliche Offiziere, welche sich um den schon zeitig erschienenen Erzherzog Heinrich gruppirt hatten, salutirten respektvoll, und der letztere, 560 ein jovialer, allbeliebter Prinz, that ein übriges, indem er sogar einige Schritte nach vorwärts machte und sowohl dem Herrn, wie auch der Dame die Hand reichte. „Also, natürlich auch erschienen?" sagte der Erzherzog lächelnd, „allerdings etwas spät." „Ja, kaiserliche Hoheit," sagte die hübsche, imponirend schöne und stattliche Dame, „es muß halt alles seine Rangordnung haben." „Wie soll ich das verstehen, Gräfin?" fragte der Erzherzog erstaunt. „Ja wissen's denn nit, Kaiserliche Hoheit, daß mich die guten Brixner beim letzten Schießen zur Schützenkönigin gemacht hab'n? Na, und so mein' i halt, daß es ganz in der Ordnung is, wenn die Prinzen und Prinzessinnen*) früher am Platz sind als die Königin." „Ah, allerdings, allerdings," sagte der Erzherzog lächelnd, „ich gratulire noch nachträglich zu der Rangerhöhung." „Sie bleibt doch immer dieselbe," flüsterte mir mein Vetter zu. „Wer ist dieses reizende Naturkind?" fragte ich ihn. „O, Pardon, Du kennst sie nicht? Nun, es ist unsere famose Schützengräfin, die Gräfin St. Fallier auf Tschurtschenthal, das frühere sogenannte Schützenliesel. Wenn es Dir Spaß macht und sich die allgemeine Ad- miration gelegt haben wird, will ich Gelegenheit nehmen, Dich ihr vorzustellen. Aber auf eins mache ich Dich aufmerksam; willst Du sie in eine längere Unterhaltung verwickeln, so rede um Gotteswillen nur nicht allzu hochdeutsch mit ihr." „Ich will mir's merken." „Die Gräfin," so fuhr er fort, indeß ich die herrliche Erscheinung nicht genug bewundern konnte, „ist der Abgott aller Gebirgsleute; sie ist unermüdlich im Wohlthun und opfert Unsummen zu wohlthätigen Zwecken. Das Schloß Tschurtschenthal bei Strulbach ist ein Meisterwerk der Architektur, und die Schätze, die es birgt, erinnern an die Märchen aus „Tausend und eine Nacht"." „Der Herr, welcher neben ihr steht, ist ihr Gatte?" „Ja, der Graf St. Fallier, ein geborener Franzose, aber mit Leib und Seele naturalisirter Tiroler. Wenn ich nicht irre, gehört er sogar dem österreichischen Reichsrath an. Doch es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte ich Dir die gar wundersame Geschichte vom Schützenliesel hier erzählen. Ein andermal." Die Gelegenheit, der Gräfin St. Fallier vorgestellt zu werden, ergab sich recht bald, und da ich durch einen wohlgeglückten Schuß mich bei ihr in hohen Respekt zu setzen verstanden hatte, so folgte denn auch am kommenden Tage eine liebenswürdige Einladung nach dem Feen- schloß Tschurtschenthal, welcher ich mit ganz besonderem Vergnügen entsprach. In möglichst diskreter Weise lenkte ich gelegentlich eines zweiten Besuches das Gespräch auf den Sturzvogel, den ich demnächst zu einer Fußtour ausersehen hatte, und da hatte ich denn auch die Stelle getroffen, nach welcher ich zielte. „Ja," sagte sie, „wenn Sie halt nur nit a Schriftsteller wären, so würd' ich Ihnen die ganze G'schicht erzählen, auf welche Art und Weis' ich die Gräfin St. Fallier 'worden bin; aber die Schriftsteller, die plaudern *) Die Gemahlin des Erzherzogs war früher die Schauspielerin Hofmann vom Grazer LandeStheaier und ist demse ben morganatisch angetraut. halt alles größtentheils aus, was sie hören, und noch dazu gedruckt, schwarz auf weiß." „Frau Gräfin, ohne Ihre Genehmigung — werde ich es nicht wagen — —" „Na also, wenn Sie's interessirt, so horchen's halt zu. Nikola, Du hast doch nix dagegen?" wendete sie sich an ihren Gatten. „Nein, meine Theuere," sagte der Graf, „ich selbst höre gar zu gern aus Deinem Munde mein Lebensglück erzählen." Und nachdem sie uns noch die köstlichen silbernen Pokale mit noch köstlicherem Rebensaft gefüllt hatte, erzählte sie mit unendlich melodischer Stimme ihre Geschichte — die Geschichte vom „Schützenliesel"! * H * Nachträglich hat mir die Heldin der Geschichte denn doch die Erlaubniß ertheilt, die Erzählung in Kürze zu veröffentlichen, „aber," sagte sie, „um Gott'swilleu nicht die richtigen Familiennamen nennen — 's sti nit wegen mir, — sondern wegen meinem lieben Mann." Und ihrem Wunsche bin ich auch nachgekommen. -- Zu unseren Bildern. Dr. Komp, Dischof von Fulda. Als Bischof von Fulda wurde am 27. April der bisherige Bisthumsverweser vr. Georg Jgnatius Komp gewählt. Er ist der Nachfolger des in der Nacht vom 11. auf 12. Januar l. Is. verstorbenen Bischofes Joseph Weyland. vr. Komp ist geboren am 5. Juni 1828 zu Hammelburg in Bayern. Viele Jahre hindurch war er Regens des Priesterseminars, an dessen philosophisch-theologische Lehranstalt er als Professor der Pa- storal-Liturgik, Pädagogik und Katechetik wirkte. Nach dem Tode des Bischofs Joseph wurde er zum Bisthumsverweser gewählt. Der überaus würdige und liebenswürdige Priester hat an dem öffentlichen Leben im katholischen Deutschland seit langer Zeit einen hervorragenden Antheil genommen. Insbesondere war er ein eifriger Förderer und häufiger Besucher der Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands und betheiligte sich lebhaft an den Bestrebungen der Görresgesell- schaft, deren Vorstand er angehört. — Kandshul Zu den Sehenswürdigkeiten der Hautpstadt Niederbayerns, der so malerisch an der Jsar gelegenen Stadt Landshut, zählt in erster Linie die herrliche Martinskirche. Dieselbe wurde unter Herzog Friedrich in den Jahren 1407—1177 erbaut. Die Höhe des Thurmes der St. Martinskirche beträgt 133 Meter. Sodann ist tu erwähnen, das die Stadt überragende, zum Theil restaurirte Schloß Trausnitz mit allegorischen Fresken aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Die Burg wurde erbaut von Herzog Ludwig I., dem Sohne Otto's von Wittelsbach. Fremde mögen nicht versäumen, sich auch den Löwemwinger unter dem Söller der Trausnitz zu besehen. Die Stadt zählt 11 Kirchen. An sehenswerthen Gebäuden sei noch erwähnt, das kgl. Rest- denzschloß, Neubau, das Regierungsgebände, (vormaliges Dominikanerkloster) das alte Landschaftshaus u. s. w. Klurz des Erzherzogs Wilhelm. Als am 29. Juli Erherzog Wilhelm von Oesterreich beim Morgenritte einen zur Abfahrt bereiten elektrischen Zug vor sich sah, befahl er kräftig zu läuten. Der Maschinist lhat, wie ihm geheißen. Das Pferd blieb ruhig. Eben wollte der Erz- berzog das Experiment zum zweiten Male wiederholen, als das Pferd sich bäumte. Da ergriff er mit der rechten Hand die Mähne und versucbte, mit der Linken die Zügel kurz fassend, abzusteigen. Ein jäber Ruck, und der Erzherzog stürzte rücklings zu Boden, wobei der linke Fuß sich im Bügel verfing. Das Haupt schlug auf den Boden, der gerade an dieser Stelle mit spitzen Schottersteinen bedeckt ist. Das scheue Pferd schleifte den Erzherzog in dieser fürchterlichen Lage etwa zehn Schritte quer über das Geleise. Hier löste sich endlich der Fuß aus dem Bügel, und in rasendem Laufe stürmte das Pprd vorwärts, während er schwer verwundet auf der Straße liegen blieb. Nach seiner Villa transportirt, verschied er nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr. -^ q. -<»- - HL73. Ireitaz, den 7. September 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) 3. Kapitel. Wenn jemals ein Haus oder eine Gegend aus Ironie oder Unrecht seinen Namen erhielt, so war es die Rosenvilla. So weit das Auge schaute, dehnte sich an der einen Seite die staubige Landstraße aus, während an der andern ein vernachlässigter Wald, in dem Disteln und Doruengestrüpp wucherten, sich weithin erstreckte. Eine zerbröckelte Mauer umgab die elende Hütte. Ein kleiner, verwilderter Garten lag zwar vor derselben, aber das Grundstück befand sich in einem so schlechten Zustand, daß es fast eine Unmöglichkeit war, es urbar zu machen. Das zerbrochene, verrostete eiserne Gitterthor war dem Umstürze nahe und ohne Gefahr konnte man es kaum öffnen oder schließen. Das Wohnhaus selbst war so baufällig, daß weder die Treppe noch die obern Räumlichkeiten benutzt werden konnten. Was aber Menschcnkunst und eine liebende Hand vermocht hatten, den untern Räumen eine gewisse Behaglichkeit zu verleihen, war hinreichend geschehen. Zahlreiche Bilder, größtentheils Skizzen der eigenen Hand, bedeckten die schadhaften Stellen der zerfetzten Tapete. Die vielen Kleinigkeiten, wie sie nur das neunzehnte Jahrhundert in bunter Mosaik zusammenwürfelt, standen auf dem Schreibtische umher und verliehen dem ärmlichen Gemach ein ansehnliches und behagliches Aussehen. Auf einem niederen Ruhebette lag eine junge Dame in warme Decken gehüllt. Sie hatte die müden Augen halb geschlossen, und ein krankhaft leidendex Zug lagerte auf ihrem bleichen, schönen Antlitz. Sie mochte hoch in den Zwanzigern sein, wiewohl eine längere Krankheit sie älter erscheinen ließ, wie sie in Wirklichkeit war. Eine ältliche Dame mit silberweißen Haaren und schmerzdurchfurchtcm Antlitz bewegte sich geräuschlos durch das kleine Gemach. Vorsichtig mit den Händen tastend, prüfte sie den kleinen runden Tisch, auf dem das Abendbrod servirt stand. Man merkte es den Bewegungen der Dame an, daß sie vollständig blind war, aber dennoch war ihr Schritt sicher und elastisch und ihre Bewegungen nicht ungeschickt. Ab und zu richtete die Kranke von ihrem Lager aus einen besorgten Blick auf die Mutter, gleichsam um sich zu vergewissern, daß derselben kein Unfall drohe, und dann schloß sie mit einem Seufzer wieder die müden Augen. „Wie spät Helene heute wieder kommt!" bemerkte besorgt die blinde Mutter und ließ noch einmal ihre Finger behutsam über den Tisch gleiten, um sich zu überzeugen, daß nichts zum Abendbrod fehle. „Du weißt, Mutter, sie wollte heute noch zu dem Kaufmann Grüner gehen, dessen Töchter Musikunterricht haben sollten, und dort ist sie vielleicht etwas länger aufgehalten worden." „Ganz recht, Jda, ich bin auch gewiß zu ängstlich und fürchte immer ein neues Unglück, obgleich ich keinen Grund dazu habe. Aber meine Nerven sind überreizt, daher diese Unruhe. Wir müssen doch froh und dankbar sein, so bald diese reizende Villa bekommen zu haben, der junge Agent Schellenberg hat viel für uns gethan, uns dieses Logis für eine so geringe Rente zu überlassen." „Da kommt Helene! ich höre ihren Schritt," rief die Kranke freudig aus, denn es war ihr peinlich, die Mutter in dieser Täuschung über die traurige Wohnung zu bestärken, und doch war sie mit der Schwester übereingekommen, ihr den wahren Zustand und die trostlose Lage des Hauses zu verbergen. Die Blinde tastete vorsichtig nach der Thür, und bald betrat die junge Dame, die das Herz des jungen Agenten gefangen, das trauliche Gemach. „Nun, liebe Mutter," rief Helene fröhlich, die bleiche Stirn der alten Dame küssend, „Du hast gewiß gedacht, ich käme heute gar nicht wieder, so spät ist es mir geworden. Und wie ist's heute mit Dir, liebe Jda?" mit diesen Worten eilte sie an das Lager der Schwester und drückte einen Kuß auf die schmalen, blassen Lippen. „Ah! das Abendbrod ist schon fertig, wie ich sehe! das ist herrlich, denn an gutem Appetit fehlt es mir nie." „Nun, der Thee ist noch nicht fertig," warf die besorgte Mutter ein, „aber das Wasser kocht, nur wagte ich nicht ihn zu bereiten." „Das soll auch niemals geschehen, so lange ich hier bei Euch bin," versetzte Helene heiter, dann band sie eine große Schürze um, eilte in die kleine Küche, um bald darauf mit dem duftenden Getränk zurückzukehren. Zuerst sorgte sie mit liebevoller Zärtlichkeit für die Bedürfnisse der Mutter, dann bediente sie die kranke Schwester, und als ihre Lieben sich erquickten» nickte sie 562 ihnen freundlich zu und dachte schließlich auch daran, ihren eigenen Hunger zu stillen. „So," begann sie, als das einfache Mahl beendet war, „nun will ich Euch von meinen heutigen Erlebnissen bei der hochmüthigen, stolzen Frau Grüner erzählen. Ihr Reichthum hat mich jedenfalls blenden sollen, jedoch, der imponirt mir nicht, denn sie führte mich durch eine ganze Reihe Prunkgemächer mit spiegelglattem Parquetboden, die mit kostbaren Vasen, Gold- consolen und hohen Wandspiegeln verschwenderisch genug ausgestattet waren. Sie hat zwei kleine Töchter von 6 — 8 Jahren. Beide sollen Klavierunterricht haben und jede zwei Stunden wöchentlich. Weil die Kinder aber nur Anfänger sind, zahlt sie eine Mark pro Stunde." „Du hast doch hoffentlich das Anerbieten nicht angenommen?" wandte die Schwester erregt ein. „Gewiß habe ich das! wie könnte ich auch der Versuchung widerstehen, vier Mark wöchentlich mehr zu verdienen!" scherzte Helene belustigt. „Natürlich, der „Herr Organist" kann größere Ansprüche machen und würde diesen Bettel nicht angenommen haben. Aber er hat ja jeden Tag schon so viele Schüler und Schülerinnen zu unterrichten, bekommt für jede Stunde vier Mark und mit dieser Einnahme können wir doch zufrieden sein." Thränen traten in die erloschenen Augen der Blinden, und ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. „Helene," flüsterte sie bebend, „scherze doch nicht in dieser Weise. Du weißt, daß die Erinnerung an unseren Verlust mir das Herz abdrückt, und bedenke, wie schwer ich dabei gelitten habe!" Das junge Mädchen legte zärtlich ihren Arm um den Hals der geliebten Mutter. „Du weißt, daß ich Dir gern jeden Kummer erspare, aber eS muß Dir und Jda doch eine Beruhigung sein, wenn ihr ganz genau wißt, wie es mit unseren finanziellen Verhältnissen steht. Ihr wißt, daß der „Organist" ein ansehnliches Gehalt von der Kirche bezieht, außerdem hat ihm der Negier- ungsrath Brauer die Stelle als Musiklehrer in seinem Hause angeboten, die ihm auch ein nettes Sümmchen einbringt; er soll dort den erwachsenen Töchtern Klavierunterricht ertheilen. Dann kommen meine Privatstunden dazu, die ich Nachmittags ertheile, und die vier Mark von Frau Grüner —" sie lachte schelmisch bei diesen Worten. — „Ihr seht also, wir haben keine Noth und brauchen nicht mit Sorge der Zukunft entgegen zu sehen. Waren wir nicht sehr glücklich, dieses reizende kleine Häuschen zu erwerben, so preiswürdig und höchst romantisch —" sie warf bei den letzten Worten der kranken Schwester einen bedeutungsvollen Blick zu — „da haben wir doch alle Ursache mit unserem Loose zufrieden zu sein." — „In der That, wir dürfen uns nicht beklagen," bestätigte die Blinde, die von dem Mienenspiel ihrer Töchter gar keine Ahnung hatte, „es wundert mich nur, daß diese reizende Villa, wie sie nach Eurer Beschreibung sein muß, gerade leer stand." Wenn eS Täuschungen gibt, die zum Wohle der Menschen ausgeführt und zu ihrem Glücke beitragen, so war diese eine solche. Frau Willford hatte in England an der Seite ihres Gatten ein glanzvolles, luxuriöses Leben geführt. Zwar wußte sie, daß sie verarmt waren, aber die hingebende Liebe ihrer Töchter hatte der Armuth ihren Stachel geraubt. Auch war ihre Blindheit ihr zum Segen geworden, denn sie trug ihr schweres Leid geduldig und ergeben. Hätte sie aber das elende Obdach gesehen, so würde sie sich entweder energisch geweigert haben, in einer solchen erbärmlichen Hütte zu wohnen, oder sie hätte ihren Töchtern durch unaufhörliche Klagen das Leben verbittert. Jetzt war sie in ihrer Unwissenheit der Lage und des Ortes vollständig mit Helenens Anordnungen zufrieden, und der poetische Name des Hauses trug nicht wenig dazu bei, sie in dem Irrthum zu bestärken, in dem ihre Töchter sie absichtlich gefangen hielten. „Wie gefällt Dir die Familie Brauer?" fragte Jda leise, denn die Mutter war wie allabendlich in ihrem Lehnsessel eingeschlummert. „Sehr gut. Man ist höflich und zuvorkommend gegen mich und ich muß mich an meine neue Stellung gewöhnen," lautete die ebenso leise gegebene Antwort. „Wieviele Kinder hast Du zu unterrichten?" „Drei. Zwei erwachsene Mädchen und einen 14- jährigen Knaben. Die ganze Familie ist sehr musikalisch. und es ist ein Vergnügen, dort im Hause zu verkehren." Ein lautes Pochen an der Hausthür unterbrach die Stille des Abends; die beiden Mädchen erschraken, sogar die Blinde erwachte und richtete sich in ihrem Sessel auf. „Wer kommt noch am späten Abend zu uns?" fragte sie ängstlich und richtete ihre glanzlosen Augen der Thür zu. „ES ist noch gar nicht so spät, Mutter, kaum sieben Uhr vorbei," versetzte Helene, dann verließ sie das Zimmer. „Ah! Fräulein Willford!" hörte man im Hausflur eine unbekannte männliche Stimme, „ich störe doch nicht? Mein Vater beauftragt mich, zu Ihnen, zu gehen. Am Tage fehlt mir die Zeit, daher muß ich die Abendstunden benutzen, um Besuche zu machen." Helene erröthetc; sie führte den Gast in das Wohnzimmer. „Mutter, hier ist Herr Schellenberg, durch dessen gütige Vermittelung wir unsere Wohnung haben," rief sie laut, die Thüre öffnend. „Ich freue mich, Gelegenheit zu haben, Ihnen für den Beistand zu danken, den Sie meiner Tochter geleistet haben," entgegnete höflich die Blinde. Der junge Mann blickte verlegen von der Mutter auf die Tochter, dann siel sein Blick auf das Lager der Kranken, und Helene beeilte sich, ihre Schwester vorzustellen. „Haben Sie sich in Ihrem neuen Heim eingelebt?" fragte Herr Schellenberg, einen prüfenden Blick im Zimmer umherwerfend. „Das Haus gefällt uns vorzüglich," nahm die Blinde das Wort, „ich bedaure nur, die schöne Lage und die Umgegend nicht sehen zu können, es soll ja hier nichts zu wünschen übrig sein." Ungeachtet der Erwähnung ihres Leidens konnte Herr Schellenberg ein Lächeln nicht unterdrücken. Daß die Mutter bedauerte, die trostlose Lage der Hütte nicht sehen zu können, erschien ihm fast lächerlich; aber ein Blick in Helenens bittendes Antlitz überzeugte ihn, daß die Mutter absichtlich in Unwissenheit über den wahren Sachverhalt gelassen war. „Mein Vater wünscht, daß ich mich bei Ihnen er» kundige, was zu Ihrer Bequemlichkeit hier geschehen kann," fuhr der junge Mann deshalb unbeirrt fort. „Es kann an diesem Hause gar nichts geschehen," nahm die Kranke schnell das Wort, doch im leisen Flüstertöne fügte sie hinzu: „Nur müßte es bis auf den Grund niedergerissen und neu aufgebaut werden." „Ich weiß wirklich nicht, was hier geschehen könnte," meinte Helene verständnißvoll, „es müßten denn die Manerleute kommen, um Hand an die äußere Gartenmauer zu legen." „Aber Helene!" rief die Mutter sichtlich bestürzt, „verlange doch nicht zu viel! Du sagst mir, die Mauer sei schön und ganz neu angestrichen, das eiserne Thor in bester Ordnung. Bedenke, wenn Arbeiter kämen, so würden sie die Spaliere verderben und dadurch den Wein, die Pfirsiche und die Aprikosen schädigen." Helene seufzte. Was mußte jetzt Herr Schellenberg von ihr denken, daß die Mutter sich in diesem Irrthum befand. Doch Herr Schellenberg hatte sich bereits erhoben. Er empfand das unbestimmte drückende Gefühl, daß seine Anwesenheit den Bewohnern der Hütte peinlich sei. „Ich hatte gehofft, die Bekanntschaft unseres neuen Organisten zu machen, aber ich muß wohl eine günstige Gelegenheit abwarten," sagte er beim Abschied, mit sanftem Druck Helenens Hand fassend. „Mein Bruder sieht nicht gern Fremde, er liebt ein geselliges Leben nicht sonderlich," versetzte das junge Mädchen, indem dunkle Nöthe die bleichen Wangen färbte, und mit diesem Bescheid mußte Herr Schellenberg den Rückweg antreten. 4. Kapitel. Es war Sonntag. In der Paulskirche saß die Menge der Andächtigen dicht gedrängt beisammen, und viele derselben warteten begierig auf die ersten Klänge der Orgel, oder vielmehr auf die Leistungen des neuen Organisten, von dem schon so manches Geheimnißvolle erzählt wurde. Aber nur sehr wenige hatten ihn selbst gesehen; nicht einmal die Töchter des Herrn Doctor Härtung, die doch durch den regen Verkehr mit dem Pfarrer sich berechtigt glaubten, die neuen Mitglieder der Gemeinde zuerst kennen zu lernen. Da rauschten plötzlich die ersten Klänge der Orgel durch das gefüllte Gotteshaus. In athcmloser Spannung lauschten die Gläubigen, und die zufriedenen Blicke der Musikkenner bekundeten deutlicher denn Worte, daß die Leistung des jungen Künstlers eine ganz außerordentliche sei. Man wußte, daß der neue Organist noch sehr jung, ja fast noch ein Knabe sei, und viele Glieder der Gemeinde halten sein erstes Auftreten gefürchtet, besonders da die Wahl seines Vorgängers nicht nach besten Wünschen und zur Zufriedenheit ausgefallen war. Desto größer war jetzt die Befriedigung, als die vollen, glockenreinen Töne das Gotteshaus erfüllten, die am Schlüsse der Andacht es noch verstanden, Kenner und Musikfreunde noch längere Zeit zu fesseln. Draußen auf dem Kirchplatze hatte sich inzwischen eine kleine Gruppe junger Damen gebildet, deren Mittelpunkt Martha und Hedwig Härtung bildeten. „Ich hörte, er sei abschreckend häßlich, habe das ganze Gesicht voll Pockennarben," nahm eine kleine, dunkeläugige Brünette das Wort, „dazu hat er rothes Haar und trägt eine große blaue Brille." „Wohl möglich," lächelte Martha, die in den letzten Tagen auffallend bleich geworden war, „aber sein Spiel ist vorzüglich; er ist ein Meister in seiner Kunst." Ehe die lebhafte Brünette etwas erwidern konnte, siel Jenny Brauer hastig ein, und zu dieser gewendet rief sie in gereiztem Tone: „Du hast Dich heute aber gründlich geirrt, denn der neue Organist entspricht Deiner Beschreibung gar nicht. Ich werde es doch wohl am besten wissen, da er fast täglich zu uns kommt. Gestern hatte ich bei ihm meine erste Klaviersiunde; er ist durchaus nicht häßlich, im Gegentheil, ich finde ihn sogar schön. Es ist wahr, er trägt beständig eine große dunkelblaue Brille zum Schutze gegen die Augen, aber nach meiner Meinung macht ihn dieselbe gerade anziehend. Und was erst seine Stimme anbelangt, die ist so melodisch und sanft, wie ich selten eine gehört habe, fast so weich wie die einer Dame." „Wessen Stimme, etwa die meinige?" scherzte ein junger Herr, der unbemerkt zu der kleinen Gruppe hinzugetreten war. „Herr Schellenberg! Sie haben uns wirklich erschreckt ! Wir sprachen von dem neuen Organisten, Herrn Willford; er soll aus England gekommen sein," versetzte lebhaft die kleine Brünette. „Dann ist er so gut wie ein Landsmann von mir," fuhr der junge Agent erheitert fort. „Meine Mutter war eine Engländerin, daher zähle ich mich halb und halb zu Albions stolzen Söhnen. Der frühere Organist kam aus England, und nun dieser neue ebenfalls. Sind Sie ganz sicher, Fräulein Martha, daß Sie nicht auch eine Engländerin sind, oder" — setzte er im ganz leisen Flüstertöne hinzu, so daß sie allein seine Worte verstehen konnte — „möchten Sie nicht gerne eine Engländerin werden?" „Thorheit, Herr Schellenberg, wir sehen doch wahrlich nicht wie Engländerinnen aus", nahm Hedwig anstatt der Schwester das Wort, während diese verwirrt den Blick zu Boden senkte, „wir sind Deutsche, stolz auf unsere Nation, und wir haben noch nie unser Vaterland verlassen. Nur eine Tante von uns wohnt im südlichen England, die ich schon deshalb gern besuchen möchte, um Land und Leute kennen zu lernen. Komm, Martha," wandte sie sich jetzt an die jüngere Schwester, „wir müssen uns beeilen, wenn wir nicht zu spät zum Mittagessen kommen wollen. Wir sind hier ohnehin die letzten, sogar der Küster hat schon die Kirche verlassen." „Wie ist dann der neue Organist hinausgekommen? Hat Jemand ihn gesehen?" fragte Herr Schellenberg. Er hatte keinen Blick von der Kirchthür abgewandt, hauptsächlich um die Schwester zu sehen, und da ihm dieses nicht gelungen war, so hoffte er wenigstens einen Blick von dem Bruder zu erhäschen. Aber der neue Organist schien ebensowenig anzutreffen zu sein, wie seine Schwester, und dieser Umstand trug nicht wenig dazu bet, die Bewohner der Nosenvilla mit einem geheimniß- vollen Etwas zu umgeben. Martha Härtung fühlte sich an diesem Tage ganz besonders unglücklich. Sie hatte gehört, daß der neue Organist sehr jugendlich sei, daß er ein schmales, bleiches Gesicht habe und eine blaue Brille trage. Zweifellos war er der unbekannte Fremde, der vor einigen Tagen im Restaurant die Unterredung der Liebenden mit 564 angehört hatte, und vielleicht machte er gelegentlich ihrem Vater oder dem Pfarrer von dem Gehörten Mittheilung. Dann hatte Herr Schellenberg eine Bemerkung fallen lassen, die dem zaghaften jungen Mädchen das Blut in die Wangen trieb und ihr die Gewißheit aufdrängte, daß er etwas von ihrem Herzensgeheimniß wisse. Wieviel und was er davon erfahren hatte, blieb eine unbeantwortete Frage, die das arme Mädchen folterte. Schließlich hatte sie seit der letzten Unterredung nichts mehr von Franz Burgfeld gehört. Sie war an dem verabredeten Mittwoch pünktlich, wie gewöhnlich, im Restaurant erschienen, hatte volle zwei Stunden vergebens gewartet, um dann muthlos und niedergeschlagen den Rückweg anzutreten. Es waren seitdem nur wenige Tage vergangen, aber diese wurden zur Ewigkeit, da sie daran gewöhnt war, täglich ein Briefchen von ihm zu finden, die jetzt gänzlich ausblieben. Am äußersten Ende des Gartens, in dem dichten Gezweig eines Holunderstrauches, war ein kleines Versteck, nur den Liebenden bekannt; aber sonderbar, ihr letzter Brief lag schon seit einigen Tagen unberührt, er war nicht abgeholt worden. Kein Wunder also, daß Martha's Wangen erbleichten, ihre Augen vom Weinen sich rötheten und sie matt und kraftlos wie ein Schatten umherging. Die Kirche war bis auf den letzten Platz geleert, als der Organist sich von seinem Platze erhob. Vorsichtig verschloß er sein geliebtes Instrument, und ungesehen verließ er durch eine Scitenthür der Sacristei das Gotteshaus. Es war ein weiter Weg bis zur entlegenen Nosenvilla, aber er war ein rüstiger Fußgänger und kümmerte sich wenig um die Länge des Weges. Raschen Schrittes ging er seinem Ziele entgegen und hatte bald die beträchtliche Strecke zurückgelegt. Die Thür der Hütte stand offen. Schnell betrat er das kleine Wohnzimmer und ließ langsam seine Blicke über die blinde Mutter, dann auf die kranke Schwester schweifen. Die alte Dame rührte sich nicht aus ihrem Sessel; tiefer Seelenschmerz und eine große innere Erregung malten sich in ihren Zügen; doch die Kranke streckte mit ihrem gewohnten Lächeln dem Eintretenden ihre welke Hand entgegen. „Nun, Herr Organist, wie ist das erste Auftreten heute ergangen?" fragte sie schelmisch. „Hast Du ein trauriges Fiasco gemacht oder die Menge durch Deine Leistungen bezaubert?" „Keines von beiden, soviel ich weiß," lautete die ruhige Erwiderung. „Hast Du kein freundliches Wort für mich, Mutter?" „Gewiß, gewiß," versetzte sichtlich bewegt die blinde Frau, „ich freue mich, mein Kind, daß Dein erstes Auftreten gut abgelaufen ist. Ich machte mir um Deinetwillen große Sorge." „Es war nicht der geringste Grund zur Unruhe vorhanden," lächelte der Jüngling wehmüthig, „aber die alten Erinnerungen wachen wieder in Dir auf, wir wollen aber nicht davon reden." Er wollte bei diesen Worten das Zimmer verlassen, doch gerade in diesem Augenblick kam ein Bote des Pfarrers Härtung, der dem jungen Künstler eine Einladung zum Abendessen überbrachte. „Es sei Sitte," berichtete der redselige Bote, „daß der Organist, einige Lehrer und mehrere befreundete Familien monatlich einmal eine musikalische Abendunterhaltung im Pfarrhause veranstalteten; der Vorgänger habe stets bereitwillig mitgewirkt, und vom Nachfolger würde dasselbe erwartet." Die Einladung war freundlich gehalten und gut gemeint; desto mehr war der geistliche Herr erstaunt, daß eine höfliche, aber ganz entschiedene Ablehnung erfolgte. Der Organist schrieb, daß seine Mutter ein längeres Ausbleiben des Abends höchst ungern sehen würde, und daß seine Gesundheit und seine Gewohnheiten jeden geselligen Verkehr ausschließen müßten. „So, das wird für immer genügen," murmelte er befriedigt, als er dem Boten das Schreiben einhändigte. „Gewiß wird die Familie des Arztes auch dort sein," fuhr er, zu seiner Mutter gewendet, fort, „die jüngste Tochter scheint ein prächtiges Mädchen zu sein, sie hat einen guten Eindruck auf mich gemacht." „Wo hast Du sie kennen lernen?" fragte Jda verwundert. „Ich lernte sie gar nicht kennen, wenigstens nicht in dem Sinne, wie Du es meinst," lautete die ruhige Antwort, „ich sah sie zufällig in einem Restaurant, aber sie ahnte gar nicht, daß ich in ihrer Nähe stand, auch kennt sie mich nicht." „Das lautet geheimnißvoll," warf die Mutter ein. Mitternacht war längst vorüber, und die Bewohner der Nosenvilla lagen in sanftem Schlummer. Doch die Blinde saß aufrecht in ihrem Bette und rang verzweif- lungsvoll die Hände. „Mein Sohn! mein Sohn!" stöhnte sie unter Thränen, „warum mußtest Du mir so früh entrissen werden! Wollte Gott, ich hätte für Dich sterben können." (Fortsetzung folgt.) -"-SS888SS-- Die Heimath Rübezahls. Von Don Josaphet. - «Nachdruck vttLolni.; Wer die Natur deutscher Gebirge in ihrer Größe und Majestät anschauen, sein Herz und Auge an den hohen und kühnen Gletschern laben will, wer an der Natur der deutschen Gebirgswelt sich die Gewißheit eines schaffenden Weltgeistcs und die Ueberzeugung von dessen Allmacht und Erhabenheit gewinnen möchte, der wandere nach der Schweiz. Wer die Natur deutscher Gebirge in ihrer Größe und Lieblichkeit zugleich lieben lernen will, der gehe dorthin, wo die hohen kalten Gletscher Helvetiens, gleichsam im ersten Licbeserwachen lächelnd, lebenvollcreS Ansehen tragen und mehr frisches Erdengrün und weniger Himmelseis zeigen, wo die Thäler, von buntfarbigen Flüssen durchströmt, romantischer blinken, — nach dem schönen Lande Hafers, Tirol. Wer aber von den Söhnen Germaniens seinen Bergstock nicht über die Grenzen seiner engeren Heimath setzen und die wahrhaft erhabene Schönheit eines deutschen (im eigentlichen Sinne) Gebirges mit patriotischem Hochgefühle genießen möchte, der besteige an einem schönen Sommer- nachmittage die Heuscheuer bei Wünschelburg in Prenßisch- Schlesien mit der unvergleichlichen Aussicht auf die Heimath Rübezahls — das lieblich-ernste Riesengebirge. Eine Ansicht, die von den Alpen bis zum deutschen Meere, von den Karpathen bis zur Ostsee nicht ihres Gleichen mehr hat, ist das prachtvolle Landschaftsgemälde, 565 welches sich dort oben vor dem Freunde der Natur feierlich enthüllt, wenn er eine Stunde vor Sonnenuntergang den Wechsel der Beleuchtung abwartet, den nur der Abend in seiner ganzen zauberischen Herrlichkeit einer schönen und ausgedehnten Landschaft verleihen kann. Der Wunsch eines Jeden: „Ach, der Mensch will Höh'n erklimmen, „Wo er freien Blick umher, „Wo ihn rein're Lüft' umschwimmen, „Eb'ne Flüche drückt ihn schwer"; — im Niesengebirge kann er erfüllet werden. Und dann besitzt das Niesengebirge einen Vorzug, um den auch mit ewigem Schnee bedeckte Alpengipfel dasselbe beneiden können: es ist die „unsterbliche" Erscheinung Nübezahl's, eines Naturschwärmers, eines Alpinisten ersten Ranges, welcher der Schutzherr und Allvater dieser Höhen und zugleich ein echter deutscher Dämon genannt werden muß. Obgleich der Berggeist des Niesengebirgcs im Allgemeinen zu der großen Klasse der vermittelnden Dämonen gehört, unter welcher Bezeichnung die alten Griechen Mittelwescn zwischen dieser und jener Welt 'verstanden, welche — wie die Genien der Römer — den Menschenkindern guten Rath gaben, sie vor Verbrechen warnten und zu guten Thaten aufmunterten, indem sie aus ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, den Wäldern und Einöden, hervortraten und sich dem menschlichen Auge oft in sichtbarer Gestalt darstellten, so ist doch in seinem ganzen wunderbaren und meist wunderlichen Wesen ein gewisses Etwas, das ihn von der größten Anzahl anderer derartiger Geister oder Genien ganz bestimmt und deutlich unterscheidet. Die Kobolde, welche uns Shakespeare in seinen von wundervoller Poesie überschwellenden Dramen so meisterhaft geschildert hat, sind kleine, wilde Necker, plump und doch wieder beweglich; sie spielen lauter lose Streiche und allerhand Allotria und treiben sich recht von amors selbst genießend in dem Mondscheiudickicht der Wälder herum. Rübezahl dagegen, der „Alte des Berges", der Höhengeist xar Lxosilsircs, zeigt sich nur in ernster, männlicher Gestalt, erscheint nur in oft riesenhafter Bildung. Es ist unleugbar, daß die mannigfaltigen Sagen des vom Geiste nimmer ruhender, frischer Dichtung nmwobcnen Riesengebirges, weil sie sich an eine bestimmte, angemessene gigantische Persönlichkeit knüpfen, nicht ohne das tiefere, oft rührende Interesse der zahlreichen Mythen anderer Gebirge sich uns darstellen; allein dennoch haben sie bei weitem nicht das düstere Gewand der Melancholie und Tragik, wie z. B. die meisten Sagen, welche am unheimlichen Brocken, im Harz, entsprungen sind. Die Märchen, Sagen und Mythen des Niesen- gebirges haben ein Verdienst, welches ihnen eigenthümlich ist, und das, wie dies überhaupt auf diesem Gebiete stets der Fall ist, mit der Lokalität und besonderen Eigenthümlichkeit der Gegend als unzertrennlich verbunden erachtet werden muß. Die Mehrzahl der Hochgebirge nämlich ist so begaffen, daß die höchsten Punkte und Gipfel, die über die anderen hervorragen, insgemein von unersteiglichen Felsen umgeben, von nie betretener ewiger Schneekruste bedeckt sind. Blaue Gletscher laufen aus diesen schwarzen, unersteiglichen Mauern nieder; nirgends ein Baum, nirgends ein belebender Gottesathem, nur große, wilde Felsenkränze, auf denen das umherirrende Auge keinen grünenden Streif zu entdecken vermag, der als Oelblatt des Friedens über dieser Wildniß hinge, und wie beim Eingang zur Ewigkeit glaubt man sich umgeben von Gottheiten und von Geistern, deren Gestalten man mit den Augen sucht und deren Zuruf das Ohr jeden Augenblick zu vernehmen glaubt. Tiefe Thäler, wilde Schluchten, von wilden Thieren bewohnt, isoliren diese Hauptgipfel auf gewisse Weise von dem Ganzen, trennen sie ab von dem niederen Theile des Gebirges, welchen der Fuß des Menschen betritt und wo noch seine Hütten stehen, und lassen sie gleichsam als den versteinerten Fluch des bösen Geistes erscheinen, welcher diese Oede zu seinem Wohnsitze sich erkoren. Nur einzelnen, wenigen kühnen Individuen, welche mit den Geistern und dem Genius der wilden Einöden vertraut sind, ist es gegeben, diese heimlichsten und schauerlichsten Plätze zu betreten, welche dann das Geheimniß und schauerliche Wunder, das diesen inncwohnt, ebenfalls theilen. Nur nach und nach lernt man Wahrheit und Dichtung unterscheiden und gelangt zur Ueber- zcngung, daß das Meiste von den ungereimten, in's Wunderbare ausgebildeten Erzählungen, von den fürchterlichen, Grausen erregenden Geschichten auf Uebertreibungen, auf nicht begründeten Nachrichten beruhen müsse. Nur durch Neugierde beherzt genug gemacht, bestehen immer mehr das Wagniß, einzudringen, hinaufzuklimmen in die Geister- und Spuk'Neviere, „Wo schaudernd man es fühlt mit tiefem Beben, Daß man in diesem Kreis das eiuz'ge Leben." — — — Ganz anders verhält es sich in Nachsicht hierauf mit der Geologie des Riescngebirges. Eine weite, lustige, reichbewohnte Ebene beginnt unmittelbar am Fuße seiner höchsten Gipfel. Reinliche, nette Städtchen und Dörfer sind überall zerstreut; von ihnen aus kann man die zackigen Fclsenspitzen, die steilen. Abhänge, die düsteren Seen des Gebirges als etwas Nahes erblicken. Das Wunderbare kommt also hier in unmittelbare Beziehung zu den Menschen, und das, was sich sonst als schreckliche, zerstörende und stets räthsclhaft unterirdische Macht erweist, erscheint nur noch als ein lichter Traum — das Mysterium schwindet, das Bild von Saks ist Jedermann sichtbar. Die Drohungen der fürchterlichen Geister verwandeln sich in lustige und unerschöpfliche Streiche und Scherze; anstatt des finstern Eindrucks, der in dem Gemüthe gleichsam traurig nachklingt, tritt in und an dem Wunderbaren hier selbst das Behagliche hervor. Noch durch einen andern Zug ist das ohnedies schon eigenthümlich reizende Niesengebirge von den andern deutschen Gebirgen unterschieden — durch seine Jsolirung. Fast alle Bergketten Deutschlands hängen mehr oder weniger zusammen; der Harz schließt sich an die westfälischen Gebirge und an den Thüringerwald, und diese wieder stehen mit den fränkischen Kelten in Verbindung, ebenso wie das Erzgebirge mit den böhmischen Wald- bergen. Die Heimath Nübezahl's hingegen bricht im Norden wie im Süden schroff und steil ab; sie bildet also ein einfaches Hoch-Centrum, auf welchem der Gott AcoluS zu herrschen scheint. Da zwei verschiedene Klimate, ein nördliches und ein südliches, auf seinen Höhcnkuppeu zusammentreffen, so ist in meteorologischer Beziehung vielleicht kein deutsches Hochland so merkwürdig und interessant, als das „windige" Riesengebirge. Südliche und nördliche Witterung lösen sich hier schnell ab und stören das Gleichgewicht der Lust in sehr hohem Grade. Fast beständig sammeln sich Wolken über und um die zackigen — 566 Häupter der Berge und hüllen sie in das sie charakteri- sirrnde feuchte Gewand, die „Nebelkappe". H^ige Winde sausen auf den Gipfeln, welche, wie die Weltpofaunen des letzten der Tage, nach den vier Himmelsgegenden hinblascn und von Nord und Süd hier wieder zusammentreffen. Regenschauer und Sturm überraschen Einen hier, wenn man sich's am wenigsten versieht; rasch wechseln Trübe und Sonnenschein, ruhige Lust und Unwetter in Nübezahl's Heimath. „Alles ist unbeständig!" dies melancholische Wort, es könnte an der Stirne der Schnee- koppe eingravirt als Devise des Niesengebirges gelten. Diese Erscheinungen nimmt man in der Umgegend für Capricen und lose Neckereien des Dämons, der die Berge beherrscht, und auf diese Weise erhalten die Traditionen, welche sich darauf beziehen, zugleich einen mehr phantastischen als tragischen Charakter, obgleich denselben keineswegs aller Ernst abgesprochen werden kann. Ein Berggeist, eine dämonische Gestalt wie Rübezahl kann nur in einem Gebirgsrahmen, wie es das Niesengebirge ist, existiren, weil er die Launen desselben pcrsonificirt, weil er eben der Genius dieser Höhen genannt wird. — Die Erfindung der Zündhölzer. Der Culturmensch, der in alle Segnungen der Civilisation hineingeboren und hineingewachsen ist, hat in der Regel nicht das Bewußtsein vom Werth dieser Güter, da er dieselben für selbstverständlich hält und glaubt, es könne gar nicht anders sein, es hätte nie anders sein können, wenn es ihm überhaupt in den Sinn kommt, darüber nachzudenken. Die Vortheile, welche eine Entdeckung oder Erfindung gewährt, werden nur bei ihrer Erscheinung gewürdigt; von langer Dauer ist dieses dankbare Gefühl nicht. In-der Regel lernt man den Werth der Dinge erst kennen und würdigen, wenn man ihrer verlustig gegangen ist. Man vergegenwärtige sich nur einmal den Zustand, der eintreten würde, wenn wir plötzlich der Zündhölzer beraubt würden. Mittags kein Feuer im Herd, Abends kein Licht und nun gar im Winter — wir würden hilfloser sein als die Wilden, die doch auf ihre Weise, wenn auch mit großer Mühe und vielem Zeitverlust, durch Reibung Feuer hervorzubringen wissen. Unsere ganze Cultur, ja unsere Existenz, unser Leben würden auf's Ernstlichste bedroht sein, denn wir müßten auf die Erlangung dieser unentbehrlichen Lebensbedingung so viel Zeit verwenden, daß für den Erwerb und die Beschaffung des Lebensunterhaltes nur wenig übrig bliebe. Und doch gehört die Erfindung der Zündhölzer zu den allerjüngstrn. Es lebt noch eine gute Anzahl Menschen, die in ihrer Kindheit keine Zündhölzer gekannt haben, denn ihre Erfindung fällt in das Jahr 1833. Das Hauptmittel, mit dem man vor diesem Zeitpunkt Feuer machte, war Stahl, Stein und Schwamm (Zunder). Hatte man Feuer geschlagen, d. h. den Schwamm in Gluth versetzt, so erhielt man eine Flamme, wenn man einen Schwefelfaden damit in Berührung brachte. Damit konnte man dann Stroh, Papier, bezw. Holz oder eine Kerze anzünden. In welche Zeit die Erfindung dieses primitiven, aber immerhin praktischen Feuerzeuges fällt, ist nicht bekannt. Man nimmt in der Regel das Ende des 13. Jahrhunderts an, weil es um diese Zeit urkundlich erwähnt wird; es ist jedoch als sicher anzunehmen, daß die alten Römer, wenn nicht viel früher schon die alten Aegypter, es gekannt haben. Diese verstanden sich schon vor länger als 5000 Jahren auf das Beharren harter Steine, wie Granit und Syenit, was nur mittelst eiserner (oder gar stählerner) Instrumente möglich war. Dabei kann es diesem scharfsinnigen Volke nicht entgangen sein, daß bei dieser Arbeit oft Feuerfunkm zum Vorschein kamen, und daß sie diese Entdeckung denn auch nutzbar gemacht haben, ist ebenfalls als höchst wahrscheinlich anzunehmen. Bei diesem Feuerzeug blieb eS jedenfalls, bis endlich das Jahr 1812 eine Neuerung auf diesem Felde brachte, nämlich die Erfindung des Tunkfcuerzeugcs, das aber keineswegs geeignet war, jenes zu ersetzen. Es bestand aus einem Gemenge von Schwefelsäure mit Asbest. War es frisch hergerichtet, so gab ein an der Spitze mit chlorsaurem Kali versehener, darin eingetauchter Schwefelfaden eine Flamme. Nach einigen Tagen hatte aber die Schwefelsäure, nach ihrer bekannten Eigenthümlichkeit, so viel Wasser aus der Luft angezogen, daß die Mischung versagte und man also keine Flamme mehr erhielt, weß- halb die meisten wieder zu Stahl, Stein und Schwamm zurückkehrten. Elf Jahre später, also 1823, erfand Döbereiner einen chemischen Zündapparat, der aber so kostspielig war, daß nur wohlhabende Leute ihn anschaffen konnten. Von wirklich praktischem Werthe waren erst die Zündhölzer; ja dieselben können als die volksthüinlichste von allen Erfindungen bezeichnet werden, denn sie sind, wie Licht und Lust, in der Hütte des ärmsten Mannes ebenso anzutreffen, wie im Palaste des Millionärs oder Fürsten. Der Name des Erfinders und dessen Lebensschicksale sind daher znm Mindesten werth, allgemein bekannt zu werden. Leider ist über diese Lebensschicksale — wie es ja bei den meisten Erfindern der Fall ist — nicht viel Erfreuliches zu melden. Um so mehr ist es Pflicht der Nachwelt, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren. Der Student der Chemie Johann Friedrich Kämmerer aus Ludwigsburg in Württemberg war wegen Theilnahme an dem revolutionären Hambacher Fest, 27. Mai 1832, zu einem halben Jahr Gcfängnißstrafe verurlheilt worden, die er auf dem Hohenasperg verbüßen sollte. Der Gefängnißdirektor, ein alter Oberst, war ein menschlich fühlender Herr, der seinen Sträflingen das Schicksal zu erleichtern suchte, soweit es sich mit seiner Amtspflicht vereinbaren ließ. Als er den jungen Chemiker näher kennen lernte, gestattete er ihm gern, in seiner Zelle ein kleines Laboratorium zu errichten. Kämmerer hatte schon auf der Universität Versuche zur Verbesserung des oben erwähnten Tunkfeuerzeuges gemacht, war aber zu keinem befriedigenden Ergebniß gelangt. Besseren Erfolg hatte er bei seinen Versuchen mit Phosphor. Gegen Ende seiner Haft fand er die richtige Mischung. Durch Reibung an der Wand entzündete sich der damit getränkte Span; mit dem allcr- einfachsten Handgriff entstand augenblicklich Feuer. Alle Vorzüge einer guten Erfindung: Geschwindigkeit, Wohlfeil- heit und Zuverlässigkeit, waren vorhanden. Man kann sich denken, welche Freude den jungen Mann über diesen Erfolg erfüllte. Ohne Ucberschwenglichkeit konnte er seinen Gewinn nach Tausenden berechnen. Die Gefängniß- mauern erschienen ihm jetzt in einem ganz anderen Lichte. Kein Zweifel: er war ein gemachter Mann. Voll froher Hoffnungen begab er sich nach seiner Vaterstadt Ludwigsburg und begann Neibzündhölzer und Reibzündschwamm zu fabriciren. Leider aber folgte Enttäuschung auf Enttäuschung. Vor allen Dingen konnte er die wichtigste Vorbedingung zu seinem erhofften Erfolg nicht erreichen, da es im Jahre 1833 in Deutschland noch kein Patent- gesetz gab. Die nach auswärts versendeten Reibfcuerzeuge wurden von Chemikern untersucht, das Geheimniß war bald entdeckt und wurde nachgeahmt. Muthig kämpfte der Erfinder gegen die immer mehr sich fühlbar machende Concurrenz. Da traf ihn 1835 der härteste Schlag, seine Fabrikate wurden vom Bundestag als „höchst gefährlich" verboten. Natürlich wurde das Verbot auch in den Einzelstaaten wiederholt. Der Kuriosität halber theilen wir den Wortlaut des im Königreich Hannover erlassenen Verbotes im Folgenden mit. Da heißt es: „Da die neuerdings in Gebrauch gekommenen Reibzünd- werkzeuge sich als feuergefährlich erwiesen haben, so wird hiermit verfügt: Der Vertrieb der sogenannten Neibzünd- hvlzer, des Reibzündschwammcs und aller Zündwerkzenge, welche sich durch Reiben an einer rauhen Fläche entzünden, wird bei Vermeidung der Confiscation und einer Geldstrafe von 5 bis 10 Thalern untersagt. Diejenigen, welche sich bisher mit dem Vertrieb dieser Gegenstände befaßten, haben bei gleicher Strafe ihren Vorrath binnen einer vorzuschreibenden Frist aus dem Königreich zu schaffen und, daß solches geschehen, nachzuweisen. Die confiscirten Neibzündwerkzeuge sind zu vernichten." Auch die letzte Hoffnung Kammerer's sollte schwinden, als er die vom deutschen Boden verbannte Erfindung im Auslande verwerthen wollte. Man machte dort sein Fabrikat ebenfalls schon nach, ja, ein Apotheker zu Stvckton in England, Namens Walker, maßte sich sogar das Verdienst der Erfindung an. Als die deutschen Regierungen gewahrten, daß die praktischen Engländer die „Feucrs- gefahr der Neibzündwerkzeuge" gering achteten, gaben sie allmählich den Vertrieb wieder frei — leider zu spät für den Erfinder. Sein Vermögen war im Laufe der Jahre geopfert, seine Gesundheit durch die beständigen Kämpfe und Widerwärtigkeiten untergraben. Unter den harten Schlägen, die seine Hoffnungen zerstört hatten, sollte er auch noch seine Geisteskräfte einbüßen. Der Urheber der volksthümlichsten aller Erfindungen starb 1857 im Irrenhause zu Ludwigsburg! — Heute ist die Zündholz-Industrie zu einem Zweige der Großindustrie geworden, der wenigstens 150,000 Menschen beschäftigt, aber die fünffache Anzahl ernährt. Die größte Zündholzfabrik ist die von Jönköping in Schweden. Die Fabrik beschäftigt 900 Arbeiter und stellt täglich 45—50 Millionen Zündhölzer her. Von den 1500 Millionen Menschen, die auf der Erde leben, sind sicher 1000 Millionen am Zündholzverbrauch mit betheiligt. Rechnet man auf den Kopf und Tag 4 Stück, so ergibt das einen täglichen Verbrauch von 4000 Mill. Zündhölzern. (Leipz. Tagebl.) - .- ' — GoLdköxner. Es ist gut, über des Herrn Leiden Thränen zu weinen, vergiß nur nicht darüber, des Herrn Thränen zu trocknen, in seinen weinenden Gliedern. K. Säume nicht, dich zu erdreisten Wenn die Menge zögernd schwerst, Alles kann der Edle leisten, Der versteht und rasch ergreift. Goethe. Der ernste Wille ist allmächtig, er ist der Gott in uns'rer Brust. --SAWSk—- Vom Kärntner Volkslied. Wia's Bacher! vom Berg So g'schafti und g'schwind, Und so leicht aus'« Faß unt' Der Apfelmost rinnt. So leicht als wia's Vözerl Auf'n Astel oben singt. Und so lustig wia'ö Gamsl Von Felsen oba springt, So kemman dö Liadlan, Dö herzigen, dahe! Und wia leicht i dö G'sangel Von weitem versieh'! (Oberösterreichisches Lied.) Das Volkslied ist ein gar merkwürdiger Vogel. Das Singen versteht er, darüber ist kein Zweifel; doch heute ist er traurig, morgen ist er lustig, ein Mal ist er flott und keck, dann verbirgt er sich wieder zaghaft und geschämig. Ein Mal singt er: „Wenn der Mond so schön scheint in seinem silbernen Glanz", ein anderes Mal: Wenn die Sonne in den Gletschern blitzt, wenn die Sicheln im Felde rauschen, wenn das Heu auf den Alpen- wiesen duftet, wenn sich die Hochzeitsleute im Tanze drehen, wenn die Lagerbüchsen in den Felsen widerhallen, aber auch: Wenn's Christkindlein kommt und die drei Könige, wenn die Osterglocken klingen und wenn der Mai kommt, die „gfreuliche Zeit — wo die Welt voll ist — von Liab und von Lustbarkeit". Manchmal verwandelt sich allerdings das liebliche Vögelchen in einen häßlichen Naben, der mit Schnabel und Füßen in stinkendem Aas herumgewühlt hat. Wir meinen das sogenannte „Lumpenliedl", das „Zotenliedl", den groben Gassenhauer. Das ist kein Gesang, es ist häßliches Gekrächze, und mit diesem Gesellen wollen wir nie und nimmer etwas zu thun haben. Ein anständiger Mensch läßt das häßliche Thier auch niemals zu sicq. Heute gehen wir unserm Vöglein nur nach, wo es frisch und lustig singt; denn wir wollen etwas zu lachen haben. Der „Kärntnerbua" ist gern lustig, oder er macht wenigstens gern einen Spaß. Sitzt er im Wirthshaus und hat er das erste Glas Bier oder Wein hinter die Halsbinde hinabgebracht, so geht ihm die Lustbarkeit und Keckheit besonders in's Blut; dann singt er wohl: Sei mar lustige Buab'n, Von Klagensurt g'bürt, Js kan Aderl im Leib ja, Das st' net rührt. Doch wer weiß, ob ihm nicht ein Anderer erwidert: Die Klagenfurter Buab'n Seint rechte Spreizn, Hab'» GlaSscherb'n im Sack Statt der Kupferkreuzer. Bei einem Tisch sitzt ein „Kitt" übermüthiger Burschen beisammen. Ich glaube, es hat eine Wette gegeben, welche jetzt gemeinschaftlich vertrunken wird; denn auf dem Tische steht eine volle Literflasche Wein, nnd die Burschen schauen zu den Biertrinkern hinüber und singen: Goritschitzer wir, Mir trink mer ka Bier, Mir trink mer lei Wein, Weil mer Goritschitzer sein. Freilich, auf eine solche gefährliche Aufforderung hin kann es noch schlimm ausfallen. Es könnte z. B. ein Liedlein erwidert werden: Die Goritschitzer Stutzer Seint rechte Prahler, Hab'n Glasscheiben im Sack Stait's der Silbcrthaler. 568 Sie putzen sich auf Und sie hab'n a Frisur» Dabei essen'S die Erdapfel Sammt der Montur. Wir wollen es nicht glauben, daß es zum Aeußersten kommt, zum Raufen. Es möchte uns nicht gefallen, wenn ^ Frisch auf und nit verzagt Und dabei angepackt, Hergeklanbt Paar um Paar Außa ban Thoar. Ist der Wirth am rechten Fleck und verstehen die Burschen einen Spaß — und wer nicht kann Spaß versteh'», soll nicht unter die Leute geh'» — so werden beide Parteien lachen und sich ein «Prosit" zurufen. So wird weiter gesungen und weiter getrunken. Wenn's nur nicht zu viel wird! Junge Leute wissen oft leider kein Maß und Ziel, und: Der Mensch hat an Geist, Hat der Schullehrcr g'sagt, Und daß der Wein a an hat, Han i selber derfragt. Und wann dö zwa raf'n Da bat'S fast den Schein, Als wann halt der Weingeist That der Stärkere fein. Eine Ausred' gibt es alleweg. Wie sagt doch ein Volksschriftsteller? Wer zum Sklaven irgend einer Leidenschaft geworden ist, oder wer die Klingelkappe auf seinem närrischen Kopfe tragt, der findet für sein Laster oder für seine Narrheit immer eine Ausrede oder Entschuldigung, und die SaLe müßte schon unendlich schlecht sein, welcher die Menschen nicht ein schönes Mäntelchen umzuhängen verständen. Der Geizkragen und Pfennigklauber ist eben nur sparsam und haushälterisch, der Verschwender nur freigebig und läßt den Leuten auch etwas zukommen. Der Minutenschinder weiß den Werth der Zeit zu bemessen, der Faulpelz läßt den lieben Herrgott walten. Der verschimmelte Murrkopf spielt sich auf den Weltweisen hinaus, der Bruder Lüderlich ist bloß ein lustiges Haus und ein Allerweltsliebling. Wie sich die jungen Leute dafür entschuldigen, daß sie „Zwanziger" und „Zehner!" weit über Gebühr auf den Wirthshaustisch werfen, das erkennt man aus ihren Liedern. Ich meine indeß, den meisten ist es nicht recht Ernst, sie wollen sich nur einen Scherz machen. So singt der Eine: Warum soll i denn Durst lcid'n, Da war i a Narr, Bin i lustig, so trink i, Bin i traurig, schon gar. Hab zweierlei Flasch'n, 's a jede von Glas, Für Freud ane, für Leid ane, Haltet jede a Maß. Oder: Mein Vater hat g'sagt, I vertrinket schon all'S, De Schuah und dc Strumpf Geh'n nit abe ban Hals. Ein Anderer, der dreht den Spieß um und meint, er thue eigentlich seinem Vater einen Gefallen, daß er das Geld brav aufgehen läßt: Der Vater hat g'sagt, Bnabman, feid's nur lusti, Sunst wer'n meine Thaler Im Kasten rufst. Mei Vater hat g'sagt Bist a rechter Gimp!, Brauchst all'S z'weng Geld, Werd all'S voller Schimpl (Schimmelpilze). Uebrigens, jeder Sack hat ein Loch, es rinnt alles aus, und keine Brieftasche ist so groß, daß sie nicht könnte leer werden. Das Gefühl preßt den Seufzer aus: Wann's Tbaler that regnen, Und Goldstückeln schneib'n, Das war so a Wetter, Was allwal kunt bleib'«. Die Zecherei ist aus. Der Wirth kennt seine Sperrstunden und er ist kein „Kreuzerfuchser", daß er auf ein kleines Stück Kupfer nicht verzichten könnte. Jetzt heißt es nach Hause gehen. Vielleicht hat Jemand zu klagen: M'n Berg ziag'n Nöpel (Nebel), In Thal kcmans z'sam, W'rum soll denn just i grad Kan Nöpel nit hau. Besser, wenn's nicht der Fall ist. Allein verdächtig scheint's mir, daß ein Bursche beginnt, die Wölklein um ihre Straße zu beneiden, indem er singt: Die Wölklan hant'S guat, Seint immer as'n Wög, Bergl aufe. Vcrgl abe, Und brauchen: kan Steg. Was rechte „Lumpeln" sind, die wissen auch sonst allerlei Ausreden: Glab ja nit, i waggl, I kinnt nit recht stcan; I kann weg'n Hücneraug'n Nur nit recht gran. (Köln. Volksztg.) -- KLLesLeL. Im Zweifel. Gast sauf einer musikalischen SoirZe, wo die Tochter des Hanfes grauenhaft falsch si»gif: „Hm — hm — wenn ich bloß wüßte, welches Lied sie meint!?" * Höhere Physik. „Was ereignet sich, wenn ein Licht unter einem gewissen Winkel in's Wasser fällt — wissen Sie es, Müller?" — „In der Regel geht es ausl" .. .. R ö j> f e l ss p r rr rr g. bei den ar n mir bei ent ar vor ^ -> ich gold auch ten daß ten te ten ber schach theil that ten iu kein ich te die wo lern a ich brach Auflösung des Arlthmogriphs in Nr. 71: Romeo, Odeur, Saum, Amor, Mund, Usedom, Nonne, Dorn,, Emma. — Nosamunde. 74 1894 . „Augsburgrr Postzeitung". Dinstag, den 11. September Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) 5. Kapitel. Wenn der Organist gehofft hatte, daß seine ganz energische Weigerung, der Einladung des Pfarrers Folge zu leisten, ihn allen gesellschaftlichen Pflichten überheben würde, so hatte er sich gründlich getäuscht, denn zu seinem nicht geringen Erstaunen schien gerade das Gegentheil eintreten zu wollen. . Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, daß der talentvolle junge Künstler geflissentlich jeden ge- ! felsigen Verkehr meide, und die tausendzüngige Fama stempelte ihn bereits zum Menschenhasser. In Folge dieses müßigen Geredes fingen die Leute an, sich mehr als nothwendig um die Bewohner der Rosenvilla zu bekümmern. Einige Neugierige wagten sogar, die entlegene Hütte aufzusuchen, um unter irgend einem erdachten Vorwande Gelegenheit zu finden, die Bekanntschaft des jungen Mannes zu machen. Ihr Bemühen war nutzlos. In höflicher, aber ganz entschiedener Weise, die keinen Widerspruch duldete, berichtete Helene oder die kranke Schwester, daß der Organist zu sehr von seiner Zeit in Anspruch genommen sei und daher jeden Besuch abweisen lasse. Auch ein reicher Gutsbesitzer der Umgegend hatte von diesem Sonderling gehört; er kam selbst, um ihn als Musiklchrer für seine Kinder zu gewinnen, aber auch er wurde abgewiesen. Die Kranke gab ihm die Versicherung, daß die Zeit ihres Bruders vollkommen besetzt sei und er neue Schüler nicht mehr annehmen könne. Der reiche, in seinem Stolze gekränkte Gutsbesitzer war über diese ablehnende Entgegnung empört; eine heftige Antwort schwebte auf seinen Lippen, doch da fiel sein Blick auf das sorgenvolle Antlitz der Frau, und die Worte blieben unausgesprochen; schweigend verließ er die Hütte. Bald flüsterte man von einem Geheimniß, das die Fremden umgab und das seinen Höhepunkt in dem jungen Künstler mit den großen blauen Brillengläsern erreichte. Er erfüllte nach wie vor gewissenhaft alle übernommenen Pflichten, in der Kirche sowohl wie in Privatfamilien, aber er schloß mit Niemandem Freundschaft. — Inzwischen lebte Helene Willford in ihrer heiteren Weise ruhig einen Tag in den andern. Ebenso wie der Bruder schlug sie jede Einladung aus, aber ab und zu machte sie doch eine Ausnahme. Es widerstand ihrem offenen ehrlichen Charakier, immer nach leeren nichtigen Ausreden zu haschen, und so war es gekommen, daß sie an einigen musikalischen Abendunterhaltungen einer b(» freundeten Familie, des Commerzienraths Laube, dessen Töchter sie unterrichtete, Theil genommen hatte. „Martha," sagte Elfe Laube eines Morgens zu ihrer Freundin, der jüngsten Tochter des Doctor Härtung, „Du mußt morgen zu uns kommen. Fräulein Willford kommt, und Du mußt sie kennen lernen." „Ganz wie Du willst," versetzte die Angeredete tonlos, denn ihre frühere Munterkeit war dahin; „wird der Organist auch kommen?" „Er?I Nein, ganz gewiß nicht. Wir bemühen uns gar nicht mehr, ihn einzuladen. Ich kann gar nicht begreifen, was die Leute Anziehendes an ihm finden, er ist ja fast noch ein Knabe. Nach meinem Geschmack könnte nur ein Mann sein, der ein stattliches männliches Aeußere hat." „Wie Herr Karl Schellenbcrg," warf Martha neckend ein, denn die Zuneigung der Freundin zu dem jungen Agenten war unter den jungen Mädchen hinlänglich bekannt. Elsa erröthete; dann lachte sie verlegen, und zuletzt seufzte sie schwer. Der junge Agent war arm und seine Aussichten für die Zukunft wenig verlockend; aber mit Freuden würde sie Mangel und Entbehrung mit ihm getheilt haben und wäre doch an seiner Seite glücklich gewesen; aknr sie wußte auch, daß diese Gefühle ihm gänzlich fremd waren. „Es ist eine sonderbare Welt," klagte sie, ihren geheimsten Gedanken Ausdruck gebend, „Leute, die uns gleichgültig sind, lieben uns, und diejenigen, die wir lieben — —" „Lieben Andere," ergänzte Martha. „Wie weißt Du das? wen liebt er?" fragte Elsa erschrocken, und ihre Wangen färbten sich dunkler. „Ich sprach nur im Allgemeinen, und jede Persönlichkeit ist ausgeschlossen," beruhigte Martha. Elsa fühlte, daß sie sich verrathen hatte. Schnell gab sie dem Gespräch eine andere Wendung, erinnerte die Freundin, am nächsten Tage recht zeitig zu erscheinen, und trat dann in Gedanken versunken den Heimweg an. Plötzlich bemerkte sie, daß sie unbewußt eine falsche 570 Richtung eingeschlagen hatte und sich in der Nähe der Noserwilla befand. Sie wollte die Gelegenheit benutzen und Fräulein Willford bitten, einige Notenhefte für die geplante Festlichkeit mitzubringen. „Es ist eine gute Gelegenheit, jetzt hineinzugehen; vielleicht kann ich endlich einmal den Organisten sehen," dachte sie bei sich selbst, denn die Mutter und die Schwester waren ihr bekannt. „Da ist erl" rief sie plötzlich überrascht stehen bleibend, als sie von der entgegengesetzten Richtung den jungen Mann sich in raschen Schritten der Hütte nähern sah. Ohne seine Blicke zu erheben, betrat der junge Mann das Häuschen, dessen Thür er hinter sich verschloß, und wenige Minuten später klopfte Elsa Laube an die Hausthür, sich im Stillen freuend, daß heute der junge Künstler ihr nicht entgehen werde. Nach kurzer Zeit wurde die Thüre langsam und vorsichtig geöffnet, und Elsa stand der Blinden gegenüber, die ihre glanzlosen Augen auf die Fremde richtete, mit dem ängstlichen Gefühl, ob sie dem Besuche Einlaß gewähren solle oder nicht. »Ist Fräulein Helene daheim? ich möchte sie sprechen," begann Elsa, durch den starren Blick der armen Frau eingeschüchtert. „Wer sind Sie?" lautete die ruhige Entgegnung. Doch kaum hatte sie den Namen gehört, als das Antlitz der Blinden sich erhellte und sie den Gast in das bescheidene Wohnzimmer führte. „Wie gut, daß Sie gekommen sind, Fräulein Elsa, ich fürchtete schon, Sie hätten uns vergessen," rief ihr die Kranke entgegen und deutete mit der Hand auf einen Stuhl, dicht an ihrem Lager. Die Blinde hatte das Zimmer verlassen, jedenfalls wollte sie Helene benachrichtigen, und Elsa fand inzwischen Zeit, im Zimmer Umschau zu halten. Sie wunderte sich im Stillen über die Möglichkeit, daß Menschen in diesen elenden Räumen glücklich leben könnten. „Wir würden uns freuen, wenn Herr Willford morgen an unserer kleinen Festlichkeit Theil nehmen wollte; es kommen viele Musikfreunde zu uns, und ich kann ihm im voraus einen genußreichen Abend versprechen," begann Elsa. „Sie meinen es gewiß gut," versetzte die Kranke freundlich, „aber mein Bruder wird Ihre Einladung doch ausschlagen. Er geht grundsätzlich nie in Gesellschaft, und seine zahlreichen Schüler nehmen fast seine ganze Zeit in Anspruch." „Wenn ich ihn heute selbst bitte, macht er vielleicht eine Ausnahme," beharrte Elsa, „eine kleine Abwechselung muß ihm doch eine Erholung sein." „Das ist unmöglich. Er ist nicht zu Hause." Elsa blickte ungläubig die Kranke an. „Er ist nicht zu Hause?" wiederholte sie kopfschüttelnd, „das ist doch sonderbar, ich habe ihn doch mit meinen eigenen Augen gesehen; er betrat nurwenigeAugenblickevormir das Haus." „Wirklich? Nun, dann muß ich mich geirrt haben, aber dennoch kann ich Ihnen keine Hoffnungen machen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, der Organist lehnt jede Einladung entschieden ab; er nimmt hier im Hause noch nicht einmal Besuch von Fremden an." „Guten Morgen, Fränlein Elsa," ertönte in diesem Augenblick Hclenens heitere Stimme, als sie der Freundin die Hand zum Gruß entgegen streckte. „Wir möchten Sie bitten, einige Notenhefte mitzubringen, und meine Mutter hofft, daß der Herr Organist Sie begleiten wird." „Das begreife ich, aber ich will ihn später fragen, er ist jetzt nicht hier." Elsa sah betroffen auf: Hätte sie nicht mit ihren eigenen Augen den jungen Mann vor wenigen Minuten gesehen, so würde sie gern den Worten der Schwestern Glauben geschenkt haben, aber jetzt wußte sie, daß sie absichtlich getäuscht werde. Mißmuthig und verstimmt erhob sie sich, bat Helene noch einmal, doch ja nicht die Noten zu vergessen, und verließ bald die Hütte. * 4 - * Die prächtig geschmückten Gesellschaftsräume des reichen Commerzienraths Laube waren mit zahlreichen Gästen gefüllt. Er pflegte diese musikalischen Unterhaltungsabende nur selten zu arrangiren, wenn es aber geschah, so waren dieselben so prunkvoll und anziehend wie irgend möglich. In der einen Ecke saß der alte Dr. Härtung im eifrigen Gespräch mit einigen jungen Gelehrten. Er war so sehr von der geistigen Unterhaltung gefesselt, daß er gänzlich darüber sein jüngstes Töchterlein vergaß und gar nicht bemerkte, wie eifrig es sich hinter schlanken Palmenwedeln mit einem fremdländisch aussehenden Herrn unterhielt. „Wie gefällt Ihnen das gesellige Leben hier in Deutschland?" fragte soeben die junge Dame, worauf der Fremde lächelnd erwiderte, daß ihm ein solches Leben zu neu und fremd sei, um sich ein Urtheil darüber zu erlauben. „Gestehen Sie es nur, Herr Rock, Sie hatten in Canada von einem gesellschaftlichen Leben gar keine Ahnung," fuhr die junge Dame heiter plaudernd fort. „Nicht die geringste. Mein Onkel kümmert sich sogar wenig um seine eigenen Gutsnachbarn. Er liebt ein freies, gesundes, ungebundenes Farmerleben, das er nur um meinetwillen aufgegeben hat." „Wie kam das? Gefiel Ihnen das Leben nicht in Canada?" „Im Gegentheil, ich war dort sehr glücklich. Aber mein Onkel Robert — er ist gar nicht mein rechter Onkel; er adoptirte mich, als ich noch ein ganz kleines Kind war — wollte mir eine ganz vorzügliche Ausbildung verschaffen, wie ich sie dort drüben nicht recht haben konnte. Darum verkaufte er seine Besitzungen und reiste mit mir nach Europa. Vor einigen Monaten hat er sich in England angekauft, wohin ich ihm später zu folgen gedenke." „Wie hochherzig von ihm! Ist er verheirathet?" „Nein, er lebt als Junggeselle. Es liegt ihm wenig an der Gesellschaft von Damen — wahrscheinlich hat er in seiner Jugend nicht die Nichtige gefunden," setzte er scherzend hinzu, einen bewundernden Blick in das liebliche Antlitz der Dame werfend. „Herr Rock! wo sind Sie denn eigentlich? Sie haben sich ja versteckt," erklang plötzlich die heitere Stimme der Wirthin. „Kommen Sie doch mit in das Musikzimmer; ich höre soeben, daß Sie eine prachtvolle Stimme und einen guten Tenor haben. Sie werden unserer Gesellschaft zu Liebe doch singen, nicht wahr?" schmeichelte sie bittend. „Es sind hier viele Musikfreunde versammelt, denen Sie noch nicht vorgestellt sind." 5>7l — „Gewiß gehe ich mit Ihnen, wenn Sie es wünschen, und gern will ich auch mein Bestes thun," erklärte der Angeredete bereitwillig. „Vielleicht wird Fräulein Härtung meine Lieder begleiten," fügte er bittend Hinzu. Martha lachte bei dieser Zumuthung hell auf. „Ich würde es mit Vergnügen thun, aber alle meine Bekannte wissen, daß ich gar nicht musikalisch bin", gestand sie offen. „Ich könnte kein Liedchen begleiten, selbst wenn es gälte, mein Leben damit zu retten." „Kommen Sie nur, Herr Rock, ich stelle Sie einer Dame vor, die Ihren Anforderungen vollkommen genügen wird. Sie ist hier Musiklehrerin, es ist also ihr Fach." Herr Rock folgte seiner Wirthin ins Musikzimmer. Dicht vor dem Instrument, in den Noten blätternd, stand eine junge Dame in dunkelblauem Sammetkleide, mit kurz gelocktem Haar und lebhaften, feurigen Augen. „Herr Oswald Rock — Fräulein Willford", und die Fremden waren hiermit vorgestellt. Dann bat die Wirthin, dem jungen Herrn einige Lieder zu begleiten, und . , ^ ging darauf in ein anderes Zimmer, um für die weitere Unterhaltung ihrer Gäste zu sorgen. Helene stutzte. Sie ließ prüfend ihre dunkeln Augen über die Gestalt und dasAntlitz des Fremden schweifen, und unverkennbares Erstaunen malte sich in ihren Zügen. War es denn eine Sinnestäuschung oder ein neckisches Spiel ihrer erregtenPhantasie ? Sie sah ihr ganz getreues Abbild vor sich stehen; der Canadier hatte ihre Augen, ihr dunkles Haar, ihre Züge, ihre ganze Gestalt. Herr Rock war ein Naturkind. Er verstand es durchaus nicht, seine Gedanken zu verbergen. AIs er daher einen flüchtigen Blick in das lieblich geröthete Antlitz der Dame geworfen hatte, rief er in unverkennbarer sichtlicher Ueberraschung erstaunt aus: „Das ist doch sonderbar, Fräulein Willford, Sie sehen ja gerade so aus, wie ich; Sie könnten meine Schwester sein." Die junge Dame beherrschte ihre Gefühle, sie lächelte, als sie in leisem Flüstertöne entgegnete: „Es ist wirklich eine auffallende Ähnlichkeit vorhanden, Herr Rock; aber sprechen wir nicht mehr davon, wir erregen bereits Aufmerksamkeit. Haben Sie ein Lied ausgewählt? Die Gäste warten auf Ihren Vortrag." Der Canadier erinnerte sich seines Versprechens, suchte unter den Noten, und bald erfüllte seine reine klangvolle Stimme den Saal und hielt die Musikkenner in fast athemloser Spannung. „Fräulein Willford, darf ich Sie in den Speisesaal führen?" fragte Herr Schellenberg, als der Gesang beendet war. Helene nahm den dargebotenen Arm freudig an. „Wie kommt es, daß ich Sie niemals treffe?" flüsterte er ihr leise zu, „weichen Sie mir absichtlich aus? Habe ich Sie unwissend beleidigt?" „Das ist Einbildung, Herr Schellenberg, warum sollte ich Ihnen ausweichen?" „Das darf eine Landsmännin auch gar nicht thun," scherzte er weiter, doch Helene schien seine Worte nicht zu verstehen. „Verzeihen Sie," lächelte er, „aber sind wir denn nicht Landsleute? Meine Mutter war eine Engländerin, und daher darf ich mich doch auch zu Englands stolzen Söhnen rechnen." „Ja, wir kamen aus England," versetzte Helene, doch diese Unterhaltung schien peinliche Erinnerungen in ihr zu erwecken. Der junge Agent merkte den verlegenen Blick, doch er mißdeutete ihn und fuhr daher unbeirrt fort: „Ich bin stolz auf meine Nationalität, aber lassen Sie mich auf meine erste Frage zurückkommen: wie kommt es, daß ich Sie jetzt so selten sehe?" „Das weiß ich wirklich nicht; bedenken Sie, die Stadt ist doch groß, da hält es schon schwer, sich zu begegnen." „Wissen Sie, daß ich jetzt nur dem Gottesdienst in der Pauluskirche beiwohne? Sie müssen doch des^Sonntags dort sein; Sie gehören zu der Kirche und da Ihr Bruder dort Organist ist, haben Sie gewiß besonderes Interesse für diese Kirche. Wie kommt es, daß ich Sie niemals treffe?" „Ich bin regelmäßig dort. Aber die Kirche ist groß, Sie können doch unmöglich die ganze Gemeinde überblicken." „Das thue ich dennoch. Sie werden gewiß über mich lachen, und vielleicht thue ich auch Unrecht, aber ich gehe sehr früh hinein, setze mich verborgen hinter einen Pfeiler gerade der Thür gegenüber, daß ich ganz bequem jeden Eintretenden mustern kann. Nach Beendigung des Gottesdienstes bleibe ich so lange auf dem Kirchplatz, bis die Letzten sich entfernt haben; aber es ist mir noch nicht gelungen, Sie zu sehen, und das ist doch sonderbar." „Sie sollten nicht zur Kirche gehen, um mich sehen zu wollen, das ist ein Unrecht," wandte Helene vorwurfsvoll ein. „Ich weiß es, aber mir bleibt kein anderer Ausweg. Geben Sie mir die Erlaubniß, Sie in der Rosenvilla zu besuchen und Sie machen mich zum Glücklichsten aller Sterblichen." „Sie sind uns stets willkommen." „Ist das Ihr Ernst?" jubelte er freudig überrascht; doch den schelmischen Ausdruck in ihren Zügen gewahrend, fügte er kleinlaut hinzu: „Sie treiben wohl Scherz mit mir, Fräulein Willford?" „Ganz gewiß nichtI Meine Mutter spricht oft von Z Nomcapilular Christoph v. Zichmid. 572 Ihnen und wundert sich, warum Sie uns nicht mehr besuchen," versicherte sie. „Ich will jetzt häufiger kommen. Meine freie Zeit soll mich auf dem Wege zur Rosenvilla finden." Während der ganzen halb ernsten, halb scherzenden, leise geführten Unterhaltung hatte Elsa Laube keinen Blick von dem Agenten und Helene abgewandt; und als am späten Abend die letzten Gäste das gastfreie Haus verließen und ein Licht nach dem anderen erlosch, eilte sie in ihr einsames kleines Schlafzimmer. Schluchzend barg sie ihr Haupt in die schneeigen Kissen ihres Lagers und weinte bitterlich über die Vergänglichkeit alles irdischen Glückes und über die gänzliche Vernichtung ihres erdachten, kurzen Liebestraumes. 6. Kapitel. Als Franz Burgfeld an jenem Abend nach der letzten Unterredung mit Martha im Restaurant allein in seiner bescheidenen Wohnung saß und über die Unbeständigkeit des launenhaften Glückes grübelte, wollte er fast verzweifeln. Die Zukunft lag dunkel und fast hoffnungslos vor ihm. Aus seiner Stellung als Organist entlassen, dachte er gar nicht daran, sich einen ähnlichen Wirkungskreis zu suchen; denn er mußte Martha Recht geben, die ihm offen erklärt hatte, daß seine Leistungen für eine solche Stellung nicht genügten. Der Gedanke an ihre treue Liebe war ihm ein Trost, und mit Bitterkeit gedachte er der Gattin seines alten Onkels, die es vermocht hatte, ihn aus dessen Gunst zu verdrängen. Er hatte ihn von Kindheit an wie einen Vater geliebt, ja er liebte ihn immer noch, und er entschloß sich, um seiner Geliebten willen, noch einmal einen Versuch zu machen, das alte frühere Verhältniß wieder herzustellen. Dann erst konnte er offen vor den alten Dr. Härtung hintreten, um die Hand der jüngsten Tochter bitten und ihr eine glückliche Zukunft in Aussicht stellen. „Für Sie, Herr Burgfeld," rief in diesem Augenblick die Wirthin, die leise die Thür geöffnet hatte und jetzt ihrem Einwohner ein Telegramm entgegenhielt. Franz Burgfeld erschrak. Hastig ergriff er das ver- hängnißvolle Schreiben und überflog die wenigen Worte: „Komme sofort. Dein Onkel gefährlich erkrankt. Scharlachfieber. Keine Pflege. Edmund Normann." Mehrere Minuten starrte der junge Mann auf die unheilverkündende Botschaft; die Worte tanzten vor seinen Augen; doch gewaltsam zwang er sich zur Ruhe. Dann ließ er seine Wirthin kommen, bezahlte seine Rechnung und theilte ihr seine nöthig gewordene Abreise auf den folgenden Tag mit. Darauf nahm er seinen Schreibkasten und schrieb seiner Martha den Grund seiner plötzlichen Abreise. Er bat flehentlich um eine letzte kurze Unterredung im bekannten Restaurant am nächsten Vormittag, da er schon mit dem Mittagszuge nach der nächsten Hafenstadt abfahren wolle. Am folgenden Morgen, nachdem er seine wenigen Habseligkeiten zusammengepackt, schlug er den Weg nach der Wohnung des Dr. Härtung ein. Er wagte nicht, selbst das Haus zu betreten, denn die finstere, älteste Tochter Marie hatte schon Argwohn geschöpft und würde nie eine Zusammenkunft mit der Schwester gestattet haben. Geduldig ging er in der Nähe deS Hauses auf und ab, bis er endlich einen kleinen Metzgerlehrling sah, der, Fleisch herumtragend, gerade auf das Haus seiner Geliebten zuschritt. Im nächsten Augenblick war der Kleine im Besitz des Briefes, und mit der strengen Anweisung, denselben nur Fräulein Martha einzuhändigen, betrat er das Haus. Bald darauf kehrte er zurück. „Ich habe ihr den Brief gegeben, und sie sagte mir: es ist gut," berichtete der Knabe, schmunzelnd die blanke Silbermünze in der Hand betrachtend, „kann ich noch einen Auftrag für Sie besorgen, mein Herr?" „Bist Du auch ganz sicher, daß es Fräulein Martha war, der Du den Brief gegeben hast, war sie jung und sehr schön?" forschte Herr Burgfcld nach. »Ja, ja, und sie sagte: es ist so gut," rief der Knabe, eilig davonlaufend, denn er wußte ganz genau, daß die finsterblickende Dame durchaus nicht der gemachten Beschreibung entsprach. Franz Burgfeld wartete zwei volle Stunden, und schweren Herzens lenkte er seine Schritte nach dem Bahnhöfe, ohne seine Geliebte gesehen zu haben. Er ahnte gar nicht, daß sein kleines Liebesbriefchen gar nicht in die richtigen Hände gelangt war. Marie hatte das Schreiben an sich genommen, es gelesen und sofort den Flammen übergeben, fest entschlossen in Zukunft noch ein wachsameres Auge auf die Schwester zu haben. Vorläufig war jede Gefahr beseitigt, denn Herr Burgfeld war nach England gereist, und voraussichtlich würde er nicht so bald wiederkehren. Inzwischen führte das Dampfroß den jungen Ex- Organisten schnell der nächsten Hafenstadt entgegen. Einer seiner Mitreisenden war ein ältlicher Herr mit grauem Haar, hellen freundlichen Augen und wohlwollenden Zügen. Auch auf dem Schiffe nach England blieb er sein Reisegefährte, und ehe noch die englische Küste in Sicht war, wußte Herr Burgfeld den Namen, das Reiseziel und einen großen Theil der Lebensgeschichte des Fremden, während auch Herr Robert Rock aus Canada mit inniger Theilnahme das Geschick seines jungen Freundes angehört hatte. „Es unterliegt keinem Zweifel, die Frauen tragen oft viel dazu bei, das Elend hier auf Erden zu vergrößern, aber sie helfen uns auch manches Leid geduldig zu tragen und den Kampf mit dem Leben stets von Neuem wieder aufzunehmen," tröstete er. „Hätte Ihr alter Oheim nicht dem Gerede seiner jungen Gattin gelauscht, so wären Sie jetzt noch sein Erbe. Hingegen trägt Ihre Geliebte in Deutschland dazu bei, daß Sie den Muth nicht sinken lassen, und um ihretwillen wird es Ihnen gelingen, alle Hindernisse zu beseitigen, um ihr dereinst als Ihrer Gattin eine sorgenfreie Existenz zu sichern." Der junge Mann war von der aufrichtigen Theilnahme des Canadiers fest überzeugt und drückte ihm warm die Hand. „Ich habe mich in fernen Landen nie viel um das schöne Geschlecht gekümmert," fuhr Herr Rock fort und ließ gedankenvoll seine Blicke über die unendliche See schweifen, „aber dennoch war der liebe Gott mir gnädig und schenkte mir einen prächtigen Sohn, der jetzt mein Stolz und meine Freude ist. Es sind jetzt sechzehn Jahre, da hörte ich, daß englische Auswanderer ein Kind in Winnipeg in Canada ausgesetzt und alsdann ihre Reise in das Innere des Landes fortgesetzt hatten. Meine Besitzung war ganz in der Nähe, und ich ging hin, um mir das arme Kind anzusehen. Ein trostloser Anblick bot sich meinen Blicken dar. Das arme Kind VcZ °l ^^L 8 A SS >'5^. M ..V M M. WMlMMSW,- S«!.^ S -FH ^WSEUEE ^ s ' M L MZM2Z ^8WW8^ W MS^L-ß' - tz« -M. SM, k^-LM - ^ MZMf .ff. ^.'L 7 . 's .- Zwischen zwei Niiudern. Nach dcm Gemälde von Leo Dehaisne. 574 war vom heftigen Fieber ergriffen und wälzte sich in wilden Phantasien auf seinem elenden Lager, auf welches mitleidige Menschen es gebettet hatten. Ich fühlte Mitleid mit dem armen verlassenen Knaben, nahm ihn mit mir und pflegte ihn. Als er vollständig genesen war, verlangte er nach seinem Vater, nach seiner Mutter und nach seinen Schwestern. Aber er wußte nicht, wo er war; nur daß er Oswald heiße und lange Zeit auf einem großen Schiffe, gewesen sei. Er konnte mir weder seinen Vaternamen noch sein Heimathsland nennen; wahrscheinlich hatte das lang anhaltende, heftige Fieber seine Erinnerungen geschwächt. Ich nahm ihn an Kindesstatt an, gab ihm meinen Namen und lehnte ihn mich „Onkel" zu nennen. „Der Kleine wuchs zu einem prächtigen, wunderbar schönen Knaben heran, den ich wie mein eigenes Kind liebte, und noch täglich danke ich Gott für dieses Geschenk vom Himmel. Da ich reich genug war, entschloß ich mich, meinem Knaben zu geben, was ich in meiner Jugend entbehren mußte — eine vorzügliche Erziehung. So lange es möglich war, hielt ich ihm dort drüben die besten Lehrer, aber das ging nur wenige Jahre. Endlich erwachte auch das lang geschlummert« Verlangen in mir, meine alte Heimath wiederzusehen, wiewohl ich wußte, daß kein Mensch mehr darin zu finden war, der den alten ergrauten Mann wiedererkennen würde, der vor vierzig Jahren als armer fünfzehnjähriger Knabe sein Vaterland verlassen hatte. „Ich will mich kurz fassen. Mein Sohn blieb in Deutschland guten Händen anvertraut, und ich wußte, daß er gewissenhaft seinen Studien oblag. Dann reiste ich nach England, gerade wie heute. „Niemand kannte mich, oder erinnerte sich meines Namens. Die wenigen Leute, deren ich mich entsann, waren todt oder fortgezogen; ich war ein Fremder geworden in meiner alten Heimath. Da durchreiste ich verschiedene Länder Europa's, um mir ein Plätzchen auszusuchen, wo ich in Frieden den Rest meines Lebens zubringen könnte. Es fehlte mir nicht an den erforderlichen Geldmitteln, aber ich fand nicht, was ich suchte, und kehrte darum nach England zurück. Es waren damals schlechte Zeiten unter den Edelleuten. Ich lernte einen Lord Willford kennen, der durch fremde oder eigene Schuld in die größte Noth gerathen war. Er war ein stolzer, hochmüthiger Mann, hatte aber eine edle Frau und zwei liebliche Töchter. Bald darauf starb der alte Herr, und sein ganzes Eigenthum kam unter den Hammer. Seine Frau hatte ihn unendlich geliebt; sie konnte diesen herben Verlust nicht ertragen und weinte sich blind in ihrem großen Schmerze; sie hatte von jeher schwache Augen. Die älteste Tochter war kränklich, ein Rückenmarksleiden hielt sie seit Jahren auf das Lager gefesselt; aber die jüngste war ein Bild blühender Gesundheit, und es war eine Lust einen Blick von ihr zu erhäschen. „Ich kaufte die starkverschuldete Besitzung zu einem sehr hohen Preise, um die zahlreichen Gläubiger zu befriedigen, mußte aber leider erfahren, daß für die verarmte Familie auch nicht ein Pfennig übrig blieb und sie in die größte Noth gerieth. Ich glaube, die Familie sah mich für ihren größten Feind an, der gewaltsam ihr Eigenthum an sich gerissen habe, ausgenommen die jüngste Tochter. Wenn ich durch einen glücklichen Zufall mit ihr zusammentraf, war sie so freundlich gegen mich, als ob ich in Rang und Stellung ihr gleich stände. „Nun, mein junger Freund," fuhr der redselige Alte fort, „jetzt kommt die schwerste Stunde, die ich in meinem Leben verbracht habe. Sie wissen, was es heißt, eine Dame zu lieben. Aber bedenken Sie die Liebe eines alten gereiften Mannes, der vorher in seinem Leben noch nie geliebt hatte. Unglücklicher Weise fühlte ich diese Liebe zu der jüngsten Tochter des verarmteu Edelmannes, der mich in seinem Leben gewiß für zu gering hielt, ihm die Schuhriemen zu lösen. „Ich wußte, daß die Familie das Land verlassen und die jüngste Tochter in der Fremde eine Existenz gründen wollte. Sie kannte aber gar nicht die kalte, erbarmungslose Welt; wein Herz blutete für sie, und gern hätte ich mein Leben gegeben, um sie glücklich zu machen. „Da traf ich sie in einem einsamen Walde. Ich bat sie-nein — ich flehte sie an, mich zu heirathen, um von ihrem rechtmäßigen väterlichen Eigenthum wieder Besitz zu nehmen. Ich verlangte ja keine Liebe von ihr, denn die konnte sie mir, dem alten Manne, doch nicht geben, aber ich bat, sich für ihre blinde Mutter, für die kranke Schwester aufzuopfern, damit sie mit ihren Lieben in dem alten Schlosse bleiben könne. „All mein Bitten war nutzlos. In herzgewinnender, aber ganz entschiedener Weise erklärte sie mir, daß sie lieber verhungern wolle, als eine Heirath ohne Liebe einzugehen; wiewohl sie mir die Versicherung ihrer Freundschaft und Hochachtung gab. „„Was meine Familie anbetrifft," sagte sie mit zuckenden Lippen und thränenfeuchten Augen, „so wird mir Gott die Kraft geben, für sie zu arbeiten, obgleich ich schwach und unerfahren bin; aber ein eheliches Leben ohne Liebe könnte ich nimmer ertragen." „Sie verließen das Land; ich weiß nicht, wohin sie sich gewendet haben, aber mein Herz sagt mir, daß es ihnen gut geht. So, jetzt kennen Sie meine ganze Geschichte, junger Freund, und da sehe ich ja schon die Küste vor uns." Der Ex-Organist hatte mit großem Interesse der Erzählung des Fremden gelauscht; er konnte kein Wort erwidern, schweigend drückte er ihm die harte, schwielige Hand, und gemeinsam bestiegen sie die englische Küste. (Fortsetzung folgt.) -- - Christoph von Schmid. (Mit Porträt nach einer Photographie aus dem Atelier T. HaaS in Augsburg.) Am 3. September 1854 war nach eben vollendetem 86. Lebensjahre der gefeierte Jugendschriftsteller Domkapitular Dr. Christoph v. Schmid, dessen anmuthige Werke viele Tausende von Kinderherzen seit dem Erscheinen seiner „Ostereier" beglückt haben, der Cholera zum Opfer gefallen. Geboren am 15. August 1768 zu Dinkelsbühl, vollendete Christoph von Schmid seine Gymnasial- und Fachstudien in Dillingen. Am 28. August 1791 las er in seiner Vaterstadt seine erste hl. Messe. Seine erste Anstellung fand Schmid als Kaplan in Nassen- beuren, dann wurde er Amtsgehilfe des als Pfarrer nach Seeg versetzten Professors Feneberg. 1796 berief ihn Graf Stadion als Schulbenefiziaten und Schul- Inspektor nach Thannhausen an der Mindel. Hier erging an ihn von Seite des kurfürstlich bayerischen Direktoriums der deutschen Schulen der Auftrag zur Bearbeitung der biblischen Geschichte, die zuerst im Drucke 1801 erschien. Bald folgte auch sein „Erster Unterricht von Gott", das auch als sprachliches Meisterwerk geltende bekannte „Gottbüchlein". Inzwischen war Schund Distrikts- schulinspektor für den Landgerichtsbezirk Ursberg geworden und hatte als solcher mit der Organisation des Schulwesens außerordentlich viel zu thun. Dennoch gewann er Zeit, im Jahre 1816 als Ostergeschenk für seine Schüler und Schülerinnen die „Ostereier" herauszugeben. Daran reihte sich die „Genovefa" und viele andere Erzählungen, Schauspiele und Gedichte, welche größtentheils in Thannhausen zu Papier gebracht, den Schulkindern ' als Belohnung vorgelesen, vielfach aber erst später in I Vorschlag gebracht. Da berief ihn König Ludwig I. 1826 in sein Vaterland zurück, indem er ihn zum Domcapitular in Augsburg ernannte. Am 24. Mai 1827 wurde er hier in sein neues Amt, in welchem ihm das Referat über Schulangelegenheiten übertragen wurde, eingesetzt. Er wohnte zuerst im Hause der Wolff'schen Buchhandlung L 3, bezog dann, weil es ihm hier zu hoch und unruhig war, ein eigenes Haus — L 167 —, bis er im Jahre 1833 in die durch Ernennung des Domkapitulars Tischer zum Dompfarrer freigewordene Domherrnwohnung — L 165 — einziehen konnte, in welcher er bis zu seinem Tode verblieb, gehegt von der Sorgfalt seiner nächsten Verwandten, hochgeachtet von allen, die ihm näher traten, geehrt durch die Freundschaft hochstehender Männer, ge- ' schmückt mit Ehren und Auszeichnungen mancherlei I Art, beglückt durch die Liebe der Kinder, denen er Hochlchlotz pühl Druck gegeben wurden. Eine Reihe seiner Schauspiele wurde auch in Thannhausen zuerst aufgeführt. So hatte Schund beinahe 20 Jahre in Thannhausen segensreich gewirkt, er hatte während dieser Zeit einen Ruf als Professor der Pädagogik und Aesthetik an das neuerrichtete Lyceum in Dillingen ausgeschlagen, auch das Anerbieten einer theologischen Professur an der Universität Landshut und der damit verbundenen Leitung des theologischen Seminars (1815) lehnte er ab. Da wurde im gleichen Jahre die vielbegehrte Pfarrei Stadion in Württemberg erledigt und vom Grafen Stadion ihm sofort übertragen. Während seines Aufenthaltes hier wünschte ihn auch die Universität Tübingen als Professor der Moral und Pastoraltheologie, er sollte ferner Regens des Priesterseminars zu Rottenburg werden; aber er wollte Seelsorger und dem Kreise der Kinder nahe bleiben. Er wurde sogar von der katholischen Geistlichkeit Württembergs für den erledigten Bischofssitz von Rottenburg in am Ammerfek. Nach einer Photographie von Max Merz in Diesjen. selbst beglückend in ununterbrochener Arbeitskraft und Lust stets neue frohe Stunden bereitete. Hatte schon seine Vaterstadt Dinkelsbühl, die ihm auch in der Folgezeit ein ehernes Denkmal setzte, den 50. Jahrestag seiner Primiz am 29. August 1841 in erhebender Weise gefeiert , so wurde der Beginn seines 80. Lebensjahres, 15. August 1847, zu einem wahren Jubelfeste für die ganze Stadt Augsburg. Als etliche Jahre darauf der unheimliche Würgengel durch die Straßen Augsburgs schritt, da schonte er auch des ehrwürdigen 86jährigen Greises nicht. Die Feder, mittelst welcher der Edle so Treffliches geschaffen, entsank seinen Händen, und auf immer verstummte der beredte Mund, der so lieblich erzählte. (Nach dem „Sammler".) -- Goldkörner. Fröhlichkeit ist die Gesundheit der Seele, Traurigkeit ist deren Gift. 576 Das neue Hochschloß Pähl am Ammelsee. (Mit Bild) Auf einer vorspringenden Ecke des zwischen dem Würm- und Ammersee liegenden, hie und da durch kleine, tiefe Thäler durchschnittenen Plateau's liegt das Hochschloß Pähl, oberhalb dem Dorfe gleichen Namens. Der heute noch vollständig erhaltene doppelte Wall, der es im Norden und Osten umzieht, weist auf dessen römischen Ursprung hin. Doch von den Bauten des alten Bollwerkes ist nichts mehr erhalten. Die Grafen von An- dechs und nachmals die Wittelsbacher waren Besitzer des Schlosses. Zeit und Elemente brachen den einst so festen Bau, so daß er zum Meierhof herabsank, welchen in unsern Tagen Hofrath Hanfstängl in München erwarb. Hanfstängl verdanken wir auch die Erhaltung der uralten Eichen und Linden, von denen der Blick über das grüne Vorland zu den blauen Bergen der Alpen spielt. Jetzt aber ist für das Hochschloß Pähl eine neue Zeit angebrochen, indem es vor ungefähr 20 Jahren in den Besitz der Familie Czermak kam. Diese Familie ist zwar nicht durch den Adel der Geburt ausgezeichnet, erfreut sich aber im Reiche der Wissenschaft und Kunst und edler Gesinnung eines ruhmvollen Namens. Der Vater des jetzigen Besitzers war Johann Czermak, geb. 1828 zu Prag, Professor in Leipzig, Physiolog und Arzt; derselbe begründete die Laryngoskopie, Rhinoskopie und erfand eine neue Methode der chirurgischen und ärztlichen Behandlung des Kehlkopfes (Erfinder des Kehlkopfspiegels). Während nun die Familie Czermak von väterlicher Seite in den Besitz außerordentlicher geistiger Schätze gelangte, wurde ihr mütterlicherseits ein entsprechender materieller Reichthum zugeführt. Dadurch ist es möglich geworden, nicht blos esnes der ältesten Denkmäler vaterländischer Geschichte zu erhalten, sondern es in seiner jetzigen Schönheit herzustellen, so daß es nicht blos als eine Zierde von Pähl, sondern des ganzen Ammerthales hervorragt. Dasselbe wurde im Jahre 1884 auf 85 nach der Angabe und dem Plane des jetzigen Besitzers Herrn Ernst Czermak neugebaut, doch so, daß die Neste des alten Baues aus Gründen der Pietät erhalten und in den neuen Bau eingefügt worden sind. Die Ausführung seines genialen Gedankens hatte Herr E. Czermak dem berühmten Münchener Architekten Albert Schmid übertragen. Das geniale Werk Schmid's gliedert sich in drei Baugruppen: das Herrenhaus, den sog. Fremdenflügel und das Stall- und Dienerhaus. Das Herrenhaus, dem Süden zugekehrt und so die schönste Aussicht auf's Gebirge bietend, enthält in der Hauptsache die Wohn- und Schlafräume des Besitzers. Der Fremdenflügel bildet ein in sich vollständig abgeschlossenes kleines Wohnhaus mit hübscher Treppenanlage. Das Stallgebäude enthält die Räume für Pferdestände, Remise, Geschirrkammer und Dienerzimmer. Eine letzte Gruppe bildet der Thorthurm, die Hofterrassenmauer mit dem Brunnen und die Bastei. In einfachem gothischen Stile aus gelbem Backstein mit Tuffgliederung erbaut, zeigt das neue Hochschloß im Innern wcrthvolles Material und reichen Formenschmuck der Frühgothik und bildet mit seinen großartigen, schön gegliederten Massen die schönste Zierde des Vorlandes. -- Zwischen zwei Räubern. (Zu unierem Bild Seite 573.) Bubi befindet sich in nicht geringer Verlegenheit. Mutter hat den beiden Geschwisürlcin und Spielgenossen MUchbrei vorgesetzt; die Kinder sollten ja recht brav sein und ein m dem andern nichts wegnehmen. Allein Häuschen ist ein böser Schlingel und möchte gar zu gern von Schwester's Milchbrei kosten. So nimmt er denn flugs, ehe klein Lischen es noch recht hindern kann. einen Löffel voll aus dessen Teller. Zu allem Unglück kommt auch noch Mizzi herangeschlichen, um unbemerkt ein bischen zu naschen. Daß Lischen über das Brüderlein nicht wenig ungehalten ist, läßt sich denken. Mizzi aber wird, sobald Mutter zurück, sicherlich ihre Naschhaftigkeit büßen müssen. -i-888-«—- - Allerlei. Im Jahre 1711 besuchte der Zar Peter der Große von Rußland den König von Sachsen August den Starken und sein Land. Bei der Reise durch Sachsen kam der Zar auch unweit der böhmischen Grenze durch den durch seine Spielwaaren-Jndustrie bekannten Ort Olbernhau, in dessen Nähe das ehemals auch als Münzstätte verwendete Kupferhammerwerk Saigerhütte- Grünthal liegt. Die Chronik erzählt davon folgende Geschichte. Der Selbstherrscher aller Neusten führte, nachdem er in Freiberg mit in die Tiefe der Silbergruben eingefahren, in der Grünthaler Saigerhütte einen seiner höchst wunderlichen Einfälle aus. Das Niederschmettern des großen Kupferhammers machte ihm großes Vergnügen. Gern wollte er wissen, welche Empfindung der haben müsse, der, auf diesem großen Hammer reitend, dessen Niederschlage auf den Ambos mitmacht. Gewiß ein Einfall, den nur ein Russe haben kann. Zur Freude seiner russischen Begleiter, zur Verwunderung der Hammerleute und zum Entsetzen der sächsischen Kavaliere, welche König August der Starke ihm als Geleitsherren mitgegeben hatte, bestieg er alsbald den großen Hammer, der dann, in vollen Gang gebracht, mit Mark und Bein erschütternden Schlägen niederfiel. Jeder andere Mensch würde von dieser gewaltsamen, alle Knochen des Körpers durch- dröhnenden Erschütterung sinnlos geworden sein, Peter der Große war dabei ganz wohl und fidel, die ungewöhnliche „Anregung" war ganz nach seinem Geschmack. Bis jetzt ist er der Einzige geblieben, der sich auf diese Weise amüsirt hat. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zage matt. - — -HZMS- M „Augsburger Postzeitung". 75. Ireitag, den 14 . September 1894. Für dir Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) Die reiche Besitzung des alten Lord Merlin lag im südlichen England. DaS stolze, schloßartige Gebäude hatte schon oft das Auge manches fremden Beschauers entzückt und die sorgfältig gepflegten, weitausgcdehnten Parkanlagen erregten die Bewunderung der ganzen Umgegend. Alles was Menschenkunst und Geschicklich- keit vermochten, dieses herrliche Stückchen Erde in ein Paradies umzuwandeln, war geschehen; denn der alte Herr scheute keine Kosten, wenn es galt, etwas zur Verschönerung seiner Besitzung beizutragen. Aber glücklich war der Eigenthümer nicht zu nennen, als er jetzt in heftiger Fieberhitze, in einem luxuriös ausgestatteten Gemach, sich unruhig in seinen seidenen Kissen hin und her wälzte. Neben seinem Lager stand Dr. Feller; sein Antlitz war sehr ernst und fast rathlos blickte er im Zimmer umher. „Ich weiß kaum, wie es noch werden soll," wandte er sich im Flüstertöne an die alte Verwalterin, die bei dem Kranken Wache hielt. „Dieses Fieber greift mit aller Gewalt um sich; kein Hans im nahen Dorfe und in der nächsten Umgebung ist verschont; die Epidemie rafft täglich Opfer dahin und eS ist nicht mehr möglich eine Pflegerin zu bekommen. Ich kann mich doch auf Sie verlassen, Frau Brunn, Sie bleiben doch über Nacht hier auf ihrem Posten?" Die Angeredete gab gern das Versprechen und der Arzt verließ seinen Patienten. — In der Halle trat der im Dienst ergraute Portier auf ihn zu. „Herr Doktor, der junge Herr ist soeben angekommen; er ist hier im Salon; er wünscht mit Ihnen zu sprechen!" „Herr Franz?" fragt der Arzt freudig überrascht. „Natürlich! Wer sollte es auch anders sein?" Ohne ein Wort der Erwiderung eilte der Arzt in das bezeichnete Gemach und streckte dem Jüngling beide Hände entgegen. „Willkommen Herr Franz — willkommen in der alten Heimath," rief der Doktor freudig aus. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit; denn wir bedürfen Ihrer Hülfe." „Ich danke Ihnen, Herr Doktor, es ist mir eine Freude, daß mich Jemand willkommen heißt. Aber wie steht's mit meinem Onkel? Mein Vetter telegraphirte mir von seiner Krankheit." „Es geht ihm leider schlecht genug. Das Scharlachfieber ist ausgebrochen und jetzt die ungünstigste Jahreszeit; dabei der dichte Londoner Nebel, sodaß die Leute in großer Zahl dahingerafft werden. Hier im Schlosse haben die Leute alle den Kopf verloren; die vielen neuen Dienstboten sind bei den ersten Krankheitserscheinungen fortgegangen, die alten waren von der neuen Herrin entlassen. Sie liegt jetzt auch fast ganz ! ohne Pflege, nur eine junge französische Zofe ist bei ihr, aber auch diese hat schon gedacht, morgen abzureisen." „Wer pflegt denn meinen Onkel?" fragte der Neffe besorgt. „Die alte Verwalterin, Frau Brunn, ist bei ihm. Sie und der alte Portier sind allein noch übrig geblieben von der alten Dienerschaft; sie helfen nach besten Kräften." „Ist Lady Merlin denn auch erkrankt?" „Gewiß, sogar sehr gefährlich; ihr Zustand ist nach menschlicher Ueberzeugung hoffnungslos. Aber Franz, mein lieber junger Freund, ich freue mich, daß Sie hier sind; ich habe Sie ja schon als ein kleines Kind gekannt. Doch jetzt muß ich fort; ich habe viel im Dorfe zu thun. Aber hüten Sie sich, daß Sie nicht auch krank werden." „Ich kann mich der Gefahr der Ansteckung nicht entziehen, Herr Doktor, und muß dann die Folgen tragen. Jetzt will ich meinen Onkel Pflegen, denn er bedarf meiner Hülfe." „Sie verstehen aber gar nichts von Krankenpflege," wandte der Arzt besorgt ein. „Mein Herz wird mich lehren, was ich machen soll, und jedenfalls thue ich nach besten Kräften. Aber wollen Sie mir nicht einige Winke geben?" Der Arzt besann sich einen kurzen Augenblick. „Kommen Sie schnell mit mir," entschied er dann und kehrte mit dem jungen Herrn in's Krankenzimmer zurück. Frau Brunn konnte kaum ihre Freude bei diesem unerwarteten Besuch verbergen, und ihre Augen füllten sich mit Thränen, als sie hörte, daß der junge Herr die Pflege des Oheims von jetzt an selbst übernehmen werde. Er war in früheren Jahren stets der Liebling des Hauses gewesen und seine Verbannung aus dem Schlosse hatte das Herz der treuen Dienerin mit Wehmuth erfüllt. -> 578 Während der folgenden Nacht wich der Neffe keinen Augenblick vorn Bette des Kranken, obgleich er nach der langen Reise selbst nothwendig der Ruhe bedurfte. Der Patient lag noch immer in wilden Fieberphantasien; eS war die Krisis und nach der Aussage des Arztes mutzte bald ein Wendepunkt eintreten. Gegen Morgen wurde der Kranke ruhiger und bald fiel er in einen ruhigen, erquickenden Schlummer. Franz Burgfeld — oder vielmehr Franz Merlin, wie er sich wieder nannte, seitdem er wieder England'S Boden betreten hatte, wagte kaum zu athmen, aus Furcht, den geliebten Kranken zu stören. Als der gute Doktor am nächsten Tag wieder in das Krankenzimmer trat, kniete der Neffe am Bette des alten Herrn, der zu neuem Leben erwacht und segnend die Hand auf dem Haupte des Jünglings ruhen ließ. Leise und unbemerkt zog sich der Arzt zurück; er wußte, daß die Gegenwart des Neffen dem Patienten die beste Genesung bringen würde. 7. Kapitel. Martha Härtung ging im Hause ihres Vaters unruhig umher. Nirgends fand sie Ruhe; keine Arbeit konnte sie zerstreuen oder ihre Gedanken fesselrr. Vergebens durchsuchte sie den ganzen Garten in der Hoffnung, ein sicheres, verborgenes Versteck zu finden, dem ein Brieschen von ihrem Geliebten anvertraut war. Sie wußte nicht, was sie von seinem unerklärlichen Schweigen denken sollte und zermarterte ihren armen Kopf mit allerlei erdenklichen Möglichkeiten. So war es denn kein Wunder, daß ihre Wangen immer schmäler und bleicher, ihr Gang und ihre Haltung schleppender wurde und der Vater mit seiner Gemahlin ernstlich Rücksprache nahm, ob es nicht besser sei, das Töchterlein zu Verwandten auf's Land zu schicken. Doch diesem Plane fetzte die junge Dame energischen Widerstand entgegen. Der Gedanke, jetzt die Stadt zu verlassen, solange sie über das Geschick ihres Geliebten vollständig in Ungewißheit war, schien ihr schlimmer zu sein, als der Tod. Darum überredete sie die Eltern, es sei nicht der geringste Grund zur Besorgnitz vorhanden und sie fühle sich frisch und gesund. Wenig zufrieden mit dieser Versicherung fragte die besorgte Mutter ihre älteste Tochter Marie um ihren Rath. Diese erkannte allein den Grund der traurigen Veränderung, hütete sich aber wohl, davon zu reden und schlug Aufheiterung und Zerstreuung vor. Die zärtliche Mutter befolgte gern den Rath ihrer erfahrenen, verständigen Tochter. Sie beeilte sich, Martha's Freundinnen und einige bekannte junge Herrn zu einer kleinen Festlichkeit zu laden, zu der auch Fräulein Willford und der Organist hinzugezogen werden sollten. Wie man es vermuthet hatte, traf es ein. Die junge Dame nahm die Einladung an; der Organist hingegen hatte wie gewöhnlich für derartige Zerstreuungen keine Zeit. V Eine kleine heitere Gesellschaft war in Frau Dr. Hartung's Empfangszimmer versammelt, und ihr lebhaftes Geplauder drang hinüber zu der entlegenen Fensternische, in der Martha mit Thränen in den Augen einsam dastand und theiluahmslos dem bunten Getriebe zuschaute. Da weckte eine wohlbekannte Stimme sie plötzlich aus ihrem trüben Sinnen und Helene Willford legte sanft ihre Hand auf den Arm der bekümmerten Freundin. Sie führte die Willenlose i» die Einsamkeit des großen, wohlgepfiegten Gartens und sprach tröstend auf sie ein. „Ich glaube Martha," sagte sie in vertrauenerweckendem Tone, „Du hast etwas auf dem Herzen, was Dich drückt. Ist es Dir nicht eine Erleichterung, Dich auszusprecheu?" Martha zögerte. Helene war die Einzige unter ihren vielen Freundinnen, der sie vollkommen vertraute und seit längerer Zeit stand sie mit ihr in innigem Verkehr. „Ich errathe vielleicht Deinen Kummer, oder besser gesagt, ich weiß gewiß mehr davon, wie Du ahnst," fuhr Helene leise flüsternd fort. Die Freundin erschrak. Sie erinnerte sich des Tages im Restaurant; der Organist hatte zweifellos ihre Unterredung mit Franz Burgfeld angehört und dann mit der Schwester darüber gesprochen. Nun, eS konnte ihr im Grunde ihrer Seele nur lieb sein; denn es war ihr zum Bedürfniß geworden, ihr übervolles Herz auszuschütten, und wem konnte sie größeres Vertrauen schenken als ihrer teilnehmenden Freundin?" In wenigen Worten erzählte Martha ihr Geheimniß. Sie habe sich heimlich mit dem früheren Organisten verlobt, ihm Liebe und Treue geschworen, und jetzt könne sie sich sein Schweigen nicht erklären. Helene hatte den wahren Sachverhalt längst geahnt und verstand es, die weinende Freundin zu trösten. „Nun höre, was ich Dir sage," begann sie, als Martha ihre Erzählung beendet hatte. „Dein geliebter Franz ist weder todt noch verschollen, was Du anzunehmen scheinst. Ich hatte ihn vor kurzer Zeit selbst gesehen; er war auf dem Bahnhof und benutzte den Schnellzug nach der Hafenstadt. Gewiß ist er jetzt in England." „In England?" wiederholte Martha erstaunt, denn sie hatte absichtlich weder den rechtmäßigen Namen noch die Heimath ihres Geliebten genannt. „Woher weißt Du denn, daß er nach England wollte?" „Helene lachte. „Ich vermuthe es," entgegnete sie heiier, „wir waren früher Gutsnachbarn und ich habe ihn sogleich wieder erkannt." „Aber warum schreibt er mir nicht einige Zeilen! Er muß doch wissen, wie sehr ich mich nach Nachricht sehne," klagte Martha. „Wie soll er denn die Adresse schreiben? Er kaun doch unmöglich eine Bemerkung für den Briefboten machen, daß er den Brief dem sichersten Platze im Garten anvertraut. Würde aber hier im Hause ein Brief für Dich aus England abgegeben, so müßte das Aufsehen erregen." „Er hätte mir vor seiner Abreise schreiben müssen", beharrte Martha, die immer größeres Vertrauen zu ihrer Freundin faßte. „Das ist auch meine Ansicht, wiewohl es immerhin möglich ist, daß er Dir geschrieben hat. Vielleicht ist der Brief unterschlagen oder er liegt noch in einem sicheren Versteck im Garten verborgen und Du hast ihn noch nicht gefunden. Kannst Du Dich auf die Dienstboten verlassen?" „Ja. Sie sind mir alle zugethan und würden mir den Brief gegeben haben, wenn er im Hause abgegeben wäre." l- 579 „Nun gut, dann will ich Dir sagen, was wir thun wollen, oder vielmehr, was ich thun will. Dein Franz lebt doch im südlichen England?« „Ja. Ganz in der Nähe von Beading.« „Gut. Ich habe dort in der Umgegend noch viele Freunde, die sollen sich nach ihm erkundigen und mir recht bald Nachricht geben.« Martha lächelte freudig. Die Unterhaltung mit der Freundin hatte sie mit neuer Hoffnung belebt. „Frage nicht nach dem Namen „Burgfeld«, das ist der Name seiner Mutter. Er heißt „Merlin",« flüsterte Martha der Freundin zu. „Ich weiß es,« nickte diese, und beide Mädchen kehrten zu der Gesellschaft zurück. « » » Wenige Tage nach dieser Unterredung verließ Helene Willford in tiefe Gedanken versunken die Nosenvilla und schlug die Richtung nach Dr. .Hartung's Wohnung ein. Ihr liebliches Antlitz war heute ungewöhnlich ernst, und ihre Augen waren vorn Weinen geröthet. Sie hatte die lang ersehnte Nachricht aus England erhalten, aber diese war so sehr betrübend, daß sie fast verzagte bei dem Gedanken, sie der Freundin mitzutheilen. Franz Merlin war gefährlich erkrankt, sein Zustand so gut wie hoffnungslos. Das heimtückische Fieber hatte fast kein Haus verschont, und über Arme und Reiche, Jünglinge und Greise senkte der Tod erbarmungslos seine Fackel. Helene selbst betrauerte den Tod eines Mannes, den sie hoch geachtet hatte. Sein Herz hatte für sie geschlagen; er hatte ihr mit seiner Hand Reichthum und irdisches Glück angeboten, aber sie konnte seine Liebe nicht erwidern und war viel zu edel und aufrichtig, um eine Ehe ohne Liebe einzugehen. Jetzt hatte sie die Nachricht von dem Tode des Eanadiers erhalten, und mit tiefem Weh im Herzen gedachte sie der letzten einsamen Tagen des alten ehrlichen Mannes. „Ist Fräulein Martha zu Hause?" fragte Helene das Hausmädchen, als sie ihr Ziel erreicht hatte. „Ja. Bitte, treten Sie-« Doch ehe das Dienstmädchen vollenden konnte, kam Marie aus dem Wohnzimmer. Die innige Freundschaft der Schwester mit der Klavierlehrerin mißfiel ihr, und sie wollte die Beiden so viel wie möglich von einander fern halten. „Wie geht es Ihnen, Fräulein Willford?« begann sie mit erheuchelter Freundlichkeit. „Sie wünschen Martha zu sprechen? Geben Sie mir Ihre Botschaft, denn meine Schwester ist verhindert.« Helene's Wangen färbten sich dunkler. Eine heftige Entgegnung schwebte auf ihren Lippen, doch um Martha's willen hielt sie dieselbe zurück; da wandte sie sich an das Hausmädchen, das noch immer wartend im Hintergrund stand. „Bitte, sagen Sie Fräulein Martha, daß ich hier bin; wenn sie verhindert ist, mich zu sehen, so erwarte ich sie «och heute in der Nosenvilla.« Schon nach einigen Minuten kam Martha eilig die Treppe herab; sie faßte Helene's Arm und zog sie eilig in ihr eigenes Zimmer. Sie wurde leichenblaß, und ihre Glieder zittertm, als sie einen besorgten Blick in das erregte Antlitz ihrer Freundin warf. „Martha, sei ruhig,« beschwichtigte Helene, mit sanfter Gewalt die Freundin in einen Sessel drückend. „Er ist krank, aber in guten Händen, und es fehlt ihn nicht an treuer Pflege. Um seinetwillen mußt Du ruhig und standhaft bleiben.« „Krank!? Sage mir Alles. Ich bin stärker wie Du denkst und kann Alles ertragen, nur nicht die Ungewißheit.« „So höre. Franz Merlin ging wie ein tapferer Held auf dem Kampfplatz, um seinen alten Onkel zu pflegen, der von allen Freunden verlassen war. Er bekam selbst das Fieber und wird jetzt treu und liebevoll gepflegt.« „Scharlachfirberl« war das einzige Wort, das Martha's bebende Lippen hervorbringen konnten. „Seit Wochen wüthet diese Epidemie in der ganzen Umgegend und fordert noch immer zahlreiche Opfer", fuhr Helene fort. „Deine Verwandten, die Familie deS Dr. Feller, helfen nach besten Kräften bei Arm und Reich, jedoch fehlt es immer noch an ausreichenden Hülfe- leistungen." „Ich gehe zu meiner Tante, — ich gehe fort und biete meine schwachen Kräfte an", entschied Martha, von ihrem Sitze aufspringend und sich hoch aufrichtend, dann eilte sie der Thüre zu. „Aber Martha, so warte doch," flehte die Freundin. „Du darfst solche Gedanken nicht fassen. Die Reise ist weit und beschwerlich, und Du bist im fremden Lande ganz unerfahren. Was würden Deine Eltern sagen!" „Ich muß in seiner Nähe sein; ich will helfen, ihn zu pflegen.« Noch ehe Helene ein weiteres Wort erwidern konnte, hatte Martha das Zimmer verlassen. Sie stand rathloS inmitten des Zimmers. Sie fürchtete für die Freundin, die noch niemals selbstständig eine Reise unternommen hatte. Da kam ihr plötzlich ein glücklicher Gedanke, und eilig und ungesehen verließ sie das Hans. Ihr nächstes Ziel war das Bureau deS Agenten Schellenbcrg, den sie jetzt seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der junge Mann saß wie gewöhnlich vor seinem Pulte. Aber es waren heute nicht Berechnungen, die seine Sinne fesselten; vor ihm ausgebreitet lag ein großer, weißer Bogen, auf den zahllose größere oder kleinere Mädchenköpfe gezeichnet waren. Alle hatten kurz gelocktes Haar und trugen die gleichen Züge, und unter jedem stand das Wort „Helene" in Blumen- oder Zierschrift. Jetzt warf der junge Mann einen zufriedenen Blick auf seine Leistungen; doch plötzlich horchte er auf, er glaubte ein leises Klopfen gehört zu haben. Eilfertig öffnete er die Thür und stand dem Original seiner Skizzen gegenüber. „Ich wußte, daß Sie heute kommen würden, Fräulein Willford; ich hatte eine untrügliche Ahnung Ihrer Nähe, noch ehe ich Ihr Klopfen hörte," rief er tu freudiger Uebcrraschung. Helene beachtete kaum seine enthusiastischen Worte. „ES ist eine ernste Angelegenheit, die mich hierher führt," begann sie in ihrer schlichten Weise, „eine Angelegenheit, mit der ich Sie nicht belästigen würde, wenn ich nicht von Ihrer Theilnahme für Fräulein Martha Härtung überzeugt wäre.« „Droht ihr irgend eine Gefahr?« „Das gerade nicht. Aber Herr Burgfeld, der frühere Organist, ist nach England zurückgekehrt, um seinen alten Onkel zu Pflegen, Martha-« 580 Sie stockte plötzlich. In ihrem Eifer, der Freundin einen wesentlichen Dienst zu leisten, hatte sie ganz vergessen, daß sie kein Recht habe, deren Geheimniß auszuplaudern. Aber die nächsten Worte des Agenten überzeugten fie, daß ihm das Verhältniß der Liebenden nicht unbekannt sei. „Ich verstehe," versetzte er. „Sie liebt ihn und will jetzt mit ihm in Briefwechsel treten." „Sie will ohne Wissen der Eltern nach England zu ihrer Tante, die ganz in seiner Nähe wohnt, reisen," fiel die junge Dame hastig ein. „Daß sie heimlich reisen will, mißfällt mir, aber sie weiß sehr gut, daß die besorgte Mutter niemals ihre Einwilligung geben wird." Dann wartete sie auf einen Ausruf des Erstaunens, aber vergebens. Im Gegentheil, der Agent nickte beifällig, als ob er dieses Resultat erwartet habe. „Ich komme soeben von ihrem Hause," fuhr Helene unbeirrt fort, „und Martha läßt sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen, aber sie ahnt gar nicht die Schwierigkeiten einer so weiten Reise! Da dachte ich, — wenn ein Freund ihr heute Abend auf dem Bahnhöfe behülflich wäre, vielleicht findet sich ein Mitreisender, sie wäre dann wenigstens nicht ganz allein. Ich würde selbst gehen, aber da sie den Nachtzug benutzt, wage ich nicht, so spät allein auszugehen." „Gewiß nicht! Sie dürfen gar nicht daran denken. Es wird mir eine Freude sein, Ihnen diesen Dienst zu erweisen. Der Schaffner soll mir versprechen, für sie zu sorgen; auch soll er ihr am Hafen behülflich sein. Es ist gerade jetzt die beste Reisezeit, und da wäre es doch ein Wunder, wenn ich nicht Bekannte auf dem Bahnsteig anträfe, die sich der jungen Dame gern annehmen würden. Helene erhob sich. Sie freute sich, daß ihre Freundin nicht ganz verlassen abreisen sollte. „Ich werde morgen Abend zu Ihnen kommen, um Ihnen zu sagen, wie es Ihrer Freundin ergangen ist. Sie sind den ganzen Tag in Anspruch genommen, sonst sollten Sie nicht so lange auf Nachricht warten." „Morgen bin ich verhindert", warf Helene ein, „ich muß Sie also bitten, noch einen Tag länger mit ihrem Besuche zu warten. Aber ich möchte doch gern wissen, ob Martha den rechten Zug benutzt hat." „Gehen Sie nicht morgen um 3 Uhr zu Frau Grüner, oder irre ich mich? Würden Sie mir zürnen, wenn ich Ihnen auf dem Wege begegnete?" Helene erröthete. Sie wollte den jungen Mann nicht gern ermuthigen, aber was sollte Sie thun, um Gewißheit über die Abreise der Freundin zu haben? „Nur für dieses eine Mal", versetzte sie deshalb zögernd, „aber es darf nie wieder geschehen; ich liebe derartige Begegnungen nicht." Der junge Mann verneigte sich. Die kühlen Worte hatten ihn empfindlich verletzt, und auch Helene verließ das Bureau mit dem unbestimmten Gedanken, daß heute ihr richtiges Gefühl sie irre geleitet habe. tz: Dr. Härtung faß auf seinem gewöhnlichen Platz am Frühstückstisch. Unmuthig schaute er auf den leeren Platz an seiner Seite, den sein Liebling noch stets vor ihm eingenommen hatte. „Wo ist Martha?" wandte er sich an feine Gattin. „Ich weiß es nicht. Hedwig, willst Du nicht heraufgehen und zusehen, weshalb Martha heute noch nicht hier ist?" Die also Angeredete blickte wehmüthig auf ihre Tasse dampfenden Kaffee's, doch gehorsam erhob sie sich und verließ das Zimmer. Schon nach wenigen Minuten kehrte sie athemlos und in größter Erregung zurück. „Papa! Papa!" rief sie, bestürzt auf der Schwelle stehen bleibend. „Martha ist nirgends zu finden; ihr Bett steht unberührt — sie ist fort!" Der Arzt sah betroffen im Zimmer umher: kein Wort kam über seine festzusammengepreßten Lippen. Die Mutter und Marie stürzten schnell in Martha's Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Hedwig's Aussage sich bestätigte. Auch die Dienstboten eilten bei dieser Nachricht schreckensbleich herbei. Die arme Mutter kehrte bald mit thränenüberströmtem Antlitz zu ihrem Gatten zurück. Sie gab ihm ein Briefchen, welches sie auf. dem Schreibtisch ihrer jüngsten Tochter gefunden hatte. Noch immer saß der alte Herr regungslos da; keine Miene in seinem finstern Antlitz verrieth seine Erregung. Hastig ergriff er den Brief, und mit bebender Stimme las er: „Meine geliebten Eltern! „Ehe Ihr dieses Briefchen findet, bin ich zu weit „von Euch getrennt, um mich einholen oder mir nachweisen zu können. Wenn Ihr auch den Versuch machen „wolltet, mich zur Rückkehr zu bestimmen, so würde es „doch nutzlos sein, denn ich reise nach England zu „meiner Tante." Der Arzt ließ das Schreiben fallen; sein Antlitz war aschfahl geworden, und seine Lippen zuckten. Doch schnell ermannte er sich und las in derselben ruhigen Weise weiter: „Zürnt mir nicht, geliebte Eltern, wenn ich Euch „sage, daß ich mich vor einigen Wochen mit Franz Burgfeld „— diesen Namen trug er hier —, dem früheren Organisten, verlobt habe. Ich weiß jetzt, daß es ein „Unrecht war, diesen Schritt ohne Eure Erlaubniß und „ohne Euer Wissen zu thun, aber ich liebte ihn zu sehr. „Meine Strafe folgt schon jetzt; denn mein geliebter „Franz ist im Hause seines Onkels am Scharlachfieber „gefährlich erkrankt, und ich gehe jetzt hin, um ihn ge- „meinschaftlich mit meiner Tante Pflegen zu helfen. Du „hast Franz in Deinem Hause nie gern gesehen, mein „geliebter Vater, hauptsächlich weil er seiner Stellung „nicht genügte und die übernommenen Pflichten nicht „erfüllen konnte. Daher wagte er auch nicht, offen vor „Dich zu treten, um meine Hand zu erbitten, ehe „er mir eine gesicherte Existenz bieten konnte. Aber „wenn Du ihn erst genauer kennst, dann wirst Du mir „wieder vergeben und wieder mit Liebe Herabblicken auf „Deine unglückliche Tochter Martha." Schweigend gab der Arzt seiner Gattin den Brief zurück; dann nahm er seinen gewohnten Platz am Frühstückstisch wieder ein. Er war plötzlich ein lebensmüder Greis geworden; diese unerwartete Nachricht hatte ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen und ihn um 10 Jahre älter gemacht. Schluchzend verließ die Mutter das Zimmer, gefolgt von Marie, die sich heute zum ersten Male Gewissensbisse machte, den Brief der Schwester gelesen und vernichtet zu haben. Groß war das Erstaunen, als mit Windesschnelle sich die Nachricht in der Stadt verbreitete, daß Martha, ein Liebling Aller, mit dem Ex-Organisten verlobt sei. Kluge Mütter schüttelten bedenklich ihre Häupter und erklärten, daß die gute Frau Dr. Härtung kein wach» sawes Auge auf die Tochter gehabt, daher selbst zu tadeln sei und jetzt allein die Folgen ihrer Pflicht» Vergessenheit zu tragen habe. tFortsetzung folgt.) --.^SSWSS-- Doktor Humor. Biographische Plauderei von Klara Reichner. lNachdriuk «erboten.1 - „Immer heiter, — Gott hilft weiter!" Zu jenen guten Geistern, die als tägliche, willkommene Gäste, ja womöglich ständige Familienglieder in keinem Hause fehlen sollten, gehört vor Allem: Freund Humor! — Gleichviel, ob man so weit gehen will, wie jener Dichter, der behauptet: „wie Du die Welt anblickst, so blickt die Welt Dich wieder an; — lächle, willst Du vergnügt leben, der Lächelnden zu!" — jedenfalls ist sicher und gewiß, daß nichts so leicht und heilsam über gar viele größere und kleinere Widerwärtigkeiten und Sorgen des menschlichen Daseins forthilft, als der gute Genius Humor, und zwar jener freundliche Humor, der tief im Herzen wohnt und aus dem Herzen kommt, der zur rechten Zeit anmuthig zu scherzen, als wohlthätiger Tröster Ernst und Heiterkeit im rechten Maße zu vermischen und im rechten Augenblicke zu erscheinen weiß, doch der nicht taktlos und verletzend, sondern — als liebenswürdiger Vermittler auftretend — versöhnend wirkt. Wie mancher heikeln Angelegenheit wird der schärfste Stachel abgebrochen durch unsern klugen Hausfreund und Hausarzt Humor und sein probates Universalmittel: eine gute Laune! — Wie ansteckend vermag ein herzliches Lachen zu wirken, das aus harmlos-fröhlichem Gemüthe kommt! — Und welchen hohen praktischen Werth besitzt das Lachen! — „Heiterkeit ernährt das Leben!" sagt mit Recht ein italienisches Sprichwort, denn heiteres Lachen versetzt Geist und Körper in wohlthuende Bewegung, befördert den Umlauf des Blutes und sogar — die Verdauung, die um so wichtiger ist, als bekanntlich unsere Stimmungen ja — aus dem Magen kommen! Daß unsere wackeren Vorfahren dies bereits wußten und beherzigten, das heißt just bei Tische vor Allem Heiterkeit und Lachen zu erregen suchten, beweist die große Vorliebe, mit der sie stets den Doktor Humor als Tischgast luden, wie ihre Vorliebe für die lustigen sogenannten „Leber-Reime" und die ehedem so hochgeschätzten, witzigen Narren und Possenreißer, die selbst den allerhöchsten Herrschaften gegenüber mit unbegrenzter „Narrenfreiheit" sich alles Mögliche erlauben durften. — Ebenso haben die Gastronomen, Feinschmecker und Eßkünstler aller Zeiten als bewährtes Mittel, um angenehm und zuträglich zu speisen, nur leichtes, harmloses und heiteres Tischgespräch empfohlen, — dagegen vor ernsten oder gar fatalen und streitbaren Unterhaltungen sehr eindringlich — weil schwerverdaulicher und den Genuß störend — gewarnt! — Uebcrhaupt hat das Lachen schon zu jeder Zeit sehr hoch im Cours gestanden. „Der Tag, welchen wir am meisten als verloren beklagen müssen, ist der, an welchem wir nicht gelacht haben!" meint der gelehrte Franzose Chamfort, und un» zählige Anekdoten rühmen die heilsame Wirkung des Lachens, das selbst Kranke und Sterbende zu neuer Lebens» kraft erweckt schon haben soll. — So erzählt z. B. ein erfahrener deutscher Arzt von einem hohen Würdenträger, daß dieser im Sterben bereits lag und um ihn herum seine habgierige Dienerschaft zu rauben und zu plündern begann. Da setzte sein Affe sich des Herrn Hut auf und verfolgte mit einem Degen die Diebe. Der Todkranke aber lachte und — genas! — „Eine Stunde lachen", sagte auch der große englische Humorist Sterne, „setzt ein Jahr an unsere Lebenszeit," und schlug sogar in allem Ernste vor, das Lacken unter die ärztlichen Heilmittel aufzunehmen, — ein Vorschlag zur Güte, dem hervorragende Aerzte beigestimmt schon haben, wie der berühmte Engländer Thomas Sydenham im 17. Jahrhundert, welcher behauptete, daß in einem Städtchen die Ankunft eines tüchtigen Hanswursts noch einmal so viel werth sei, als die Ankunft von zwanzig mit Medicamenten beladenen Eseln, — ja der renommirte französische Arzt Tifsot will im vorigen Jahrhundert durch Lachen so manche Krankheit curirt, so manchen Inkurabel» zum gesunden Menschen gemacht haben — in Folge der wohlthätigen Erschütterung des Körpers und des Geistes, nebst der damit verbundenen Auffrischung und Aufmunterung der Lebenskraft. Besitzt Doktor Humor, als ältester und berühmtester Verfechter arzneiloser Heilkunde, doch — sogar nach dem Ausspruche medicinischcr Autoritäten — in dem von ihm stets mit Erfolg ordinirten Medikament ein untrügliches Geheim- und Verjüngungsmitkel, das die Gesundheit erhält und das Leben verlängert, indem es alle Triebfedern des Organismus kräftigt und sie neu aufzieht, Herz und Lungen öffnet, — das Blut, die Lebensgeister noch einmal so lustig durch ihre Kanäle treibt, frisch und fröhlich macht und Magen und Zwerchfell zurecht rüttelt und schüttelt. Heiterkeit und gute Laune pflegen deshalb auch stets die allerbesten Zeichen geistiger wie körperlicher Gesundheit zu sein; — außerdem aber hat der Frohsinnige den Vortheil, länger verschont zu bleiben von den äußeren und inneren Spuren des bösen Alters und Alterns, denn Doktor Humors Jugend-Elixir ist zugleich ein kosmetisches Mittel, das nicht nur die ganze Welt und das Leben, sondern auch den Menschen selbst verschönt. Welch' einen traurigen Anblick bietet ein ewiger Grillenfänger, ein Griesgram, Brummbär, ein Murrkopf oder Kopshänger! — „Ein fröhliches Herz erheitert das Angesicht, ein trauriges Gemüth schlägt den Geist nieder; — ein fröhliches Gemüth macht ein blühendes Alter, ein trauriger Geist vertrocknet die Gebeine!" — lehren schon im Buch der Bücher die Wcisheitssprüche Salomonis. — Darum ist auch eine gute Laune, dieses Sonntagskind der Erde, des Menschen bestes Erbtheil und das schönste Geschenk, das die gütige Allmutter Natur ihm zur Begleitung und Ausrüstung für die LcbenSreise mitgeben kann, zugleich aber das bewährte Naturheilmittel gegen allerlei Uebel des Leibes und der Seele, das sie, die vorsorgliche Haushälterin, eigens ersann zu allgemeinem Nutz und Frommen, wirksamer oft für die Oekonomie des Lebens, wie manche bittere Arznei! — „Fröhlicher Muth hilft durch, — was Fröhliche thun, geräth wohl," denn „lachende Heiterkeit wirft auf alle Lebensbahnen Sonnenlicht!" Droht einen bei des Daseins kleinen und großen 582 Nadelstichen auch bisweilen der Humor im Stich zu lassen, — eine gute Laune hilft über Manches fort und ist der beste Blitzableiter bei so manchem häuslichen und andern Uugewitter. — „Nur wer sich recht des Lebens freut, Trügt leichter, was es Schlimmes beut!" lehrt ja der erfahrene, Weltweise Doktor Humor, der mit nachsichtigem Lächeln herabblickt auf die vielen kleinen Thorheiten und thörichten Kleinlichkeiten dieser Welt, und der nicht nur, wenn man vertrauensvoll sich an ihn wendet, der beste Helfer und Tröster in der Noth und Plage täglicher und alltäglicher Misere ist, sondern auch der beliebteste Hausgenosse und Gesellschafter zu sein pflegt, dessen gute Eigenschaften zu den menschlich liebenswürdigsten gehören, und der oft sogar es fertig bringt, selbst der steifleinensten Etiquette, dem langweiligsten Ceremonien ein Schnippchen zu schlagen. Denn steifer Zwang läßt — hemmend und eindämmend — echten, rechten Humor nicht aufkommen, ebenso wenig wie Umnuth und üble Laune fröhliche Gemüthlichkeit um sich dulden wollen, — weder im geselligen noch häuslichen Kreise! — Statt des Herzens wird dann die Galle erregt, — statt Heiterkeit regt Aerger sich, und Friede und Freude nehmen vor den geschworenen Feinden alles äußeren und inneren Wohlbefindens: Verdruß und Unbehaglichkeit, schleunigst Reißaus! — Was nun das berühmte, oft erprobte Recept des Doktor Humor betrifft, so kann Jeder, der die Mühe nicht scheut, sich's selber zubereiten! „So höre denn und gib wohl Acht, Wie man die Heiterkeit braut und macht, — Denn nicht eine jede ist echt und rein, Doch diese hilft bei jeglicher Pein! — Zuerst sieh in's Herz und späh' es recht aus, Und wasch' alle Selbstsucht tüchtig heraus. Daun nimm Geduld und Nachsicht zur Hand Und schüttle es um mit etwas Verstand. Ein Tröpfchen Lethe thu' auch dabei, Es macht von vergangenem Weh' dich frei; — Nicht Leichtsinn, doch leichten Sinn rühre drein, Ein bischen Witz, doch gerieben ganz fein. Viel guten Willen und feste Kraft Und Menschenliebe, die hilft und schafft, Ein wenig Selbstvertrauen und Muth, Bescheidenes Hoffen und ruhiges Blut. — Das Alles rühre zusammen fein, Und nimm es mit reinem Herzen ein, — Und schlägt dies dennoch und kommt nicht zur Nuh', So blicke bittend nach oben dazu! — Du wirst es sehen, dann konimt der Muth, Und alles And're wird wieder gut, — Die Thräne trocknet, die Lippe lacht, Und doch weiß Keiner, wie Du es gemacht!" Und wer's nicht probirt, der ist ein Thor, Sagt stank und frei der Doktor Humor. -- Zur Ehrenrettung des Fuchses. Eine criminalpolitische Studie von Leopold Bauke. Einer ganzen Reihe von Thieren ist erst durch genauere Betrachtung ihrer Lebensgewohnheiten nachträglich die ihnen gebührende Werthschätzung zutheil geworden, man denke nur an den Maulwurf, den Bussard, die Kröte u. s. w. So erfreulich es nun ist, daß diesen Geschöpfen schon in dieser Welt Gerechtigkeit zutheil wird, so erscheint es doch anderseits in hohem Grade einseitig, wenn die Frage, ob man ein Thier zu den schädlichen oder nützlichen rechnen soll, lediglich vom wirthschaftlichen Standpunkte aus erörtert wird. Gewiß ist dieser Gesichtspunkt außerordentlich wichtig, aber ganz allein darf er bei der Beurtheilung der Frage nicht ausschlaggebend sein. Das Gefühl für Gerechtigkeit verlangt vielmehr, daß man das große Allgemeine dabei nicht aus den Augen verliert. Irgendwelche Zweifel daran, daß man sich im letztgenannten Falle auf der richtigen Fährte befindet, können nicht bestehen, so wenig wie man bisher bezweifelt hat, daß die salus xudlioa jedem Einzelinteresse vorangeht. Ein treffendes Beispiel hierfür bietet uns der Storch. Seit einiger Zeit ist man nämlich darauf aufmerksam geworden, daß er schonungslos die Nester nützlicher Böge! plündert, junge Hasen verspeist und ähnliche schändliche Räubereien begeht, die man früher bei seinem gravitätischen, durch Sagen und Märchen geheiligten Wesen gar nicht vermuthete. Infolge dessen hat man ihm vielfach schonungslos den Krieg erklärt. Sollte es sich aber bewahrheiten, was viele Naturbeobachter mit Entschiedenheit behaupten, daß in den storchleeren Gegenden die gefährlichen Kreuzottern sich in unheimlicher Weise vermehren, daß also zwischen diesem Ueberhandnehmen und seinem Verschwinden ein ursächlicher Zusammenhang bestände, so würde es in Zukunft niemand einfallen, den Vertilgungskampf fortzusetzen. Ist nun bei dem Storche die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß er uns in der Vertilgung des schädlichen Gewürms große Dienste leistet, so ist bei dem bestgehaßten Strauchdiebe, dem Fuchse, die Gewißheit vorhanden — nicht etwa, daß er ein nützliches Thier ist, — wohl aber, daß er uns unter Umständen, wie im Nachstehenden bewiesen werden soll, von ganz unberechenbarem Nutzen ist und daß er deshalb wie kein anderer gegenüber dem allgemeinen Verdammungsurtheil den Anspruch auf „mildernde Umstände" hat. DaS Bestreben, Neinecke nach Möglichkeit zu vernichten, ist ja nur zu leicht erklärlich. Wie jedermann weiß, ist er der ärgste Feind von allem jagdbaren Wild, decimirt die Geflügelställe des Landwirths, fischt und krebst „unberechtigt", richtet selbst in Obst- und Weingärten erheblichen Schaden an und begeht sonst noch zahllose Unthaten. Bei dem Kriege, der gegen einen solchen Räuber geführt wird, gelten alle Mittel als erlaubt. Brehm schreibt darüber: „Ncinecke steht jahraus, jahrein im Waldbann und ist vogelfrei, für ihn gibt eS keine Zeit der Hegung, keine Schonung. Man schießt, fängt, vergiftet ihn, gräbt ihn aus seinem sichern Bau und schlägt ihn mit dem gemeinen Knüppel nieder, hetzt ihn zu Tode, holt ihn mit Schraubenziehern aus der Erde heraus, kurz, sucht ihn zu vernichten, wo immer nur möglich und zu jeder Zeit. Wäre er nicht so gescheit und schlau: der Mensch hätte ihn längst vollkommen ausgerottet. Er aber setzt List gegen List und seine Klugheit gegen den Menschenverstand ein und lebt so, trotz aller Befehdung, ungeachtet seiner Vogelfreiheit, sein gemüthliches Waldleben fort." — An einer andern Stelle nennt ihn Brehm den „Erzschelm, Gauner, Strolch und Tagedieb Neinecke". Doch, wie schon vorher bemerkt wurde, die Gerechtigkeit gebietet, daß man nicht lediglich den wirthschaftlichen Schaden, den er anrichtet, entscheiden läßt. Man darf selbst bet einem solchen Bösewichte die guten Seiten nicht übersehen. Da eine solche unbefangene Beurtheilung 583 bisher wohl selten oder überhaupt noch nicht stattgefunden hat, so soll auch einmal eine Lanze für den Uebelbeleu- mundeten eingelegt werden, indem wir seine Lichtseiten gebührend hervorheben. Anlaß zu dieser Ehrenrettung gibt uns der Umstand, daß kürzlich bet Halle der Leichnam einer augenscheinlich gewaltsam umgebrachten Frauensperson durch Füchse aus der Erde gescharrt worden ist. Hoffen wir, daß das Verbrechen seine gerechte Sühne finden wird. Aber sollte auch diese Hoffnung sich nicht erfüllen, sollte sich vielleicht auch nicht mit Genauigkeit feststellen lassen, daß wirklich ein Mord vorliegt, so würde das um keinen Deut die Verdienste Reineckes schmälern, die er sich durch Unterstützung der menschlichen Rechtspflege bisher erworben hat. Wer sich einigermaßen mit dem Studium von Capitalverbrechen befaßt hat, wird gewiß schon die Beobachtung gemacht haben, daß die gewöhnlichsten Arten, einen Menschen beiseite zu bringen, ohne daß ein Verdacht auf den Thäter fällt, folgende drei sind: vergiften, ins Wasser stürzen, im Walde vergraben. Das Beibringen von Gift hat nun die beiden großen Nachtheile, daß die Beschaffung des Giftes regelmäßig auf große Schwierigkeiten stoßt und der Nachweis der Vergiftung noch jahrelang nach der That möglich ist; das Wasser gibt die Todten wieder von sich, ist deshalb also ebenfalls wenig empfehlenswerth; wie erfährt man aber etwas von dem im dunkeln Forst Verscharrten? — Den Ruhm, Neinecke, muß dir dein größter Feind lasse», daß ohne dich die letztgedachte Art die probateste wäre! Man wird sich einen ungefähren Begriff von seiner Nützlichkeit in diesem Punkte machen können, wenn man sich vergegenwärtigt, daß beispielsweise allein in dem Sommex des Jahres 1867 in dem Gebiete der einzigen Provinz Westprenßen durch seine Thätigkeit die Mordthaten von nicht weniger als vier Personen zur Entdeckung gelangten. Ohne ihn würden diese Unmenschen, die jetzt im Zuchthause ihre That sühnen, niemals entdeckt worden sein. Es dürfte nicht ohne Interesse sein, die nähern Umstände im Umrisse mitzutheilen. Die Wittwe Anna Piotrowka lebte in äußerst kümmerlichen Verhältnissen und suchte sich, so gut es ging, als Wirthschaften:: durch die Welt zu schlagen. Hierbei war ihr sehr im Wege, daß sie einen vierjährigen, gutgearteten Knaben besaß, dem sie deshalb eine äußerst lieblose Behandlung zutheil werden ließ. Ihre Abneigung gegen ihr eigenes Kind stieg aufs höchste, als die Aussicht auf eine ihr paffende Heirath mit einem Manne, dem sie die Wirthschaft führte, lediglich an dem Vorhandensein des unglücklichen Geschöpfes scheiterte. Sie stieß verschiedene Drohungen aus, aus denen klar hervorging, daß sie sich der unbequemen Last entledigen wollte; so äußerte sie einmal, sie wolle den Jungen in die Weichsel werfen. Im Juli war das Kind plötzlich verschwunden, und die Ermordung ihres eigenen Kindes würde vielleicht niemals an das Tageslicht gekommen sein, wenn nicht acht Wochen später, im September, Füchse die im Glinker Forste verscharrte Leiche ausgegeben Hütten. Die Piotrowka wurde gefänglich eingezogen und gestand, daß sie den Knaben aus den erwähnten Gründen umgebracht und mit einer Sandschicht bedeckt habe. Laut Urtheil des Thorner Schwurgerichts wurde sie zum Tode verur- theilt, durch allerhöchste Ordre aber zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Läßt sich bei Berücksichtigung aller Thatumstände die Unthat psychologisch ohne Schwierigkeit erklären, ja, wird man der Verurtheilten in Anbetracht der ungünstigen socialen Lage trotz der Brutalität ihrer Handlungsweise nicht jegliches Mitgefühl versagen können, so ist der zweite Fall, bei dem die drei andern Personen, und zwar eine Mutter mit zwei erwachsenen Kindern, ihren Ehemann und Stiefvater umbrachten, schon um deswillen viel häßlicher, weil ein Motiv von gleicher Entschuldbar- keit nicht vorhanden war. Der Kätner Jakob Gaidetzka, das unglückliche Opfer des zweiten Falles, besaß eine Kätnerstelle hart am großen Münsterwalder Forste. Seine Frau war in erster Ehe mit einem gewissen Jwanowskt verheirathet gewesen, aus der zwei Kinder, Victoria und Johann, am Leben waren. In der Familie herrschte deshalb viel Streit nndZank, well Victoria I. Mutterfreuden entgegensah und dem Vater dieser Zustand mit Rücksicht auf die kleinen Geschwister ein Dorn im Auge war. Er verlangte daher ihre Entfernung aus dem Haufe, eine Forderung, der seine Frau, die leibliche Mutter, ganz energisch widersprach. Um den Zänkereien anläßlich dieses Streitpunktes ein- für allemal ein Ende zu bereiten, faßte sie im Verein mit den genannten Kindern den entsetzlichen Plan, den unbequemen Nörgler auf immer verstummen zu machen. Wirklich kam denn auch in der Nacht vom 1. zum 2. September das scheußliche Vorhaben zur Ausführung. Um eine Entdeckung der Mordthat unmöglich zu machen, wurde der Leichnam noch in derselben Nacht in den Forst geschafft und dort vergraben. Selbstverständlich erregte das plötzliche Verschwinden des Gaidetzka bei den Nachbarn Aufsehen. Alle Anfragen beantwortete die Frau in Uebereinstimmung mit den Kindern dahin, daß ihr Mann sich in der Frühe des 2. September eines kranken Fußes wegen zum Doktor aufgemacht habe. Wahrscheinlich werde er sich von dort aus zu seinen in der Nähe wohnhaften Eltern begeben haben, weil er bei diesen eine bessere Verpflegung zu finden hoffe. Als nun aber im December der Ehemann immer noch nicht zurückkehrte, da war es nicht wunderbar, daß allerlei die Verbrecher verdächtigende Gerüchte umher- schwirrten. Es wurde daher eine amtliche Untersuchung der Wohnräume des Gaidetzka angeordnet, die natürlich zu keinem Ergebniß führte, weil sämmtliche Spuren der That nach so langer Zeit längst beseitigt waren. Erwähnung verdient hierbei ganz besonders der Umstand, daß die beiden Weiber, Mutter und Tochter, die Untersuchung der Beamten mit Frechheit und Hohnlachen begleiteten. Auch der Winter verging, ohne daß man dem Verbrechen auf die Spur gekommen wäre, und es schien fast, als ob der ruchlos Hingemordete ungerächt bleiben sollte, da, fast neun Monate nach der grausigen That, stieß ein Hirteuknabe, wie es in dem Bericht heißt, „auf eine durch Füchse aufgekratzte Grube, in welcher ein menschlicher Leichnam lag". Durch zweckmäßiges Verhör der kleinen Geschwister wurde der Thatbestand festgestellt und sämmtliche drei Personen durch Schwnrgerichtsurtheil zum Tode verur- theilt. Auch in diesem Falle wurde durch Begnadigung die erkannte Strafe in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Diese Thatsachen sprechen mehr als ganze Bände von Lobsprüchen dafür, daß Neinecke gerade durch seine abscheuliche Manier deS Leichenbenagens unschätzbaren Nutzen stiftet. Unwillkürlich fällt einem hierbei eine historische Reminiscenz ein, daß er nämlich durch diese Unart gewissermaßen einen politischen Act von größter Bedeutung für ein ganzes Volk begangen hat: Wer erinnert sich nicht aus seiner Schülerzeit der schaurigen Geschichte, wie der von den Spartanern in den Abgrund gestürzte messenische Held Aristomenes stoisch den Tod erwartete und ganz wunderbarerweise von einem die Leichen aufsuchenden Fuchse — wenn auch wider dessen W.llen — gerettet wurde. Nun wird man vielleicht hiergegen mit Recht den Einwand erheben, daß außer dem Fuchs noch viele andere Thiere dem Menschen beim Auffinden menschlicher Leichname Dienste leisten, also namentlich die große Zahl derer, die gleich ihm Aas annehmen, wie Wildschweine, Krähen u. s. w. Daß diese Aasfresser jedoch einen vergrabenen Leichnam hervorscharren, dürfte kaum zu erweisen sein, jedenfalls ereignet es sich so selten, daß eS kaum in Betracht kommt. Merkwürdigerweise soll vor einiger Zeit in der Nähe von Berlin ein Pferd durch sein seltsames Gebaren zu einer nähern Untersuchung der Umgebung und dadurch zur Auffindung einer vergrabenen Leiche Anlaß gegeben haben, und ein ähnlicher Fall, in dem ein Pferd die Entdeckung einer Blutthat herbeigeführt hat, wird im Archiv für Strafrccht aus dem Jahre 1868 gemeldet. Auch der Hund kann seinem Vetter die Siegespalme nicht streitig machen, da er in Begleitung des Menschen niemals so regelmäßig und häufig die abgelegensten und einsamsten Waldpartieen absuchen kann. Ganz abgesehen hiervon machen sich bei Neinecke viel vitalere Interessen an der Auffindung eines Leichnams geltend, handelt eS sich doch für ihn um einen guten Schmaus. Daher spielt unser treuer Hausgenosse in dieser Hinsicht nur eine untergeordnete Rolle, und sogar von dem Försterhunde muß man daS gleiche sagen. Sein Vorzug liegt mehr in der Begabung, die Spuren eines Vermißten aufzufinden. In den leider so zahlreichen Fällen, wo Forstbeamte vergeblich von den Angehörigen erwartet werden, weil sie heimtückisch von Wilderern erschossen worden sind, leistet er ganz unersetzliche Dienste. Doch liegt es auf der Hand, daß die auf der Erdoberfläche befindliche Leiche bei ihrem Fäulnißgeruch, bei der Anziehungskraft, die sie auf Krähen u. s. w. ausübt, außerordentlich viel leichter von Menschen zu entdecken ist. So bliebe denn dem Fuchs der Ehrenpreis in der Unterstützung der menschlichen Justiz, und zwar gerade bei den allerschwersten Verbrechen. Sollte auch nur in jedem Jahre durchschnittlich ein einziger Fall vorkommen, in dem er einen Mörder dem Henkerbeil überlieferte, so wäre das bei der verhältnißmäßigen Seltenheit derTödtung immerhin eine stattliche Leistung, zumal er durch diese Thätigkeit Manchen von der Begehung einer solchen Unthat abschreckt. Vergegenwärtigt man sich, daß die vorzüglichsten Strafgesetze, die gelehrtesten und erfahrensten Richter doch nicht das Geringste dazu beitragen können, die bisher unbekannte Thatsache eines scheußlichen Verbrechens an das Tageslicht zu bringen, so wird man, wie wir glauben, über seine Schandthaten etwas milder denken, besonders in Anbetracht dessen, daß er ein vorzüglicher Mäusevertilger ist. Ja, eS ist gar kein Grund zur Klage vorhanden, daß es nicht gelingt, ihn gänzlich auszurotten, wie etwa seinen Verwandten, den Wolf; im Gegentheil, die Natur ist hier wieder einmal klüger als der Mensch, indem sie ihm unter den ungünstigsten Verhältnissen noch Lebensbedingungen verschafft hat. Alles in allem genommen wird man also sagen können, daß Meister Neinecke auf den Titel eines der tüchtigsten Hillfsbeamten der Staatsanwaltschaft mit Recht Anspruch hat, obwohl er unbesoldet ist, was übrigens bei der Justiz nicht selten vorkommen soll. (Köln. Ztg.) - - Aus der Marienörncke. Leiser Schauer mich erfaßte, Ms ich auf der Brücke stand. Die da zwischen Erd' und Himmel Schroffe Felsen kühn verband. Drunten durch die tiefen Klüfte Schäumend der Gebirgsbach sprang, Wie ein altes, düst'res Märchen Mir in's Ohr sein Rauschen klang. Stolzes, herrliches Ncuschwanstcin, Deine Zinnen ragen kühn, Lautlos ihren Schöpfer preisend» Ueber Berg und Gauen hin. Seinen kühnsten Träumen lebte Dort der königliche Aar, Und er träumt' sie weltenferne, Erdentrücket manches Jahr. Seine mächt'gen Geistesschwingen Regte er dort wunderbar, Bayern's Volk, wie zum Vermächtniß Sollst du's schauen immerdar. Düst'rcS Märchen, traurig flüsterst Du enipor aus dunkler Kluft: „Finst'rcs Schicksal kam gegangen, Grub dem Hohen früh die Gruft." Eine Alpenrose spät noch An der steilen Bergwand glüht, Unerreichbar für den Wand'rer Einsam oben fie verblüht. So verblühet, so veralühet Einsam oft ein Mcnschenherz, Einsam trägt es tief im Busen All sein Fühlen, seinen Schmerz. Was ich oben hier muß sinnen, Düst'res Märchen, raunest du Mir auf weltenileg'ncn Pfaden Trüb und melancholisch zu. Räthsel. Nimm einem Ungeheuer, Was doppelt ihm gegeben, Bin harmlos nun, im Feuer, So sagt man, kann ich leben. Auflösung des Rösselsprungs in Nr. 73: Arbeiten that ich auch in Schachten, Wo ich kein Gold entkernte, Die aber mir den Bortheil brachten, Daß ich arbeiten lernte. (F. Nückert.) Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 74: Weiß. Schwarz. 1. T. 63-65 T. 68 oder M-V8 (am besten) 2. D. W-bAf- K. L4-V4 3. D. §3-631- K. V4-L4 4 . §2-§3f matt. ^L76. 1894. „Augsburger Post;ritung". Dinstag, den 18. September Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas H, Grabherr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Fortsetzung.) 8. Kapitel. „Es wundert mich", bemerkte Jda Willford, als sie prüfend ihre Blicke auf das Antlitz ihrer Schwester heftete, „weshalb der junge Agent jetzt so häufig zu uns kommt. Ich fürchte, er hat keinen großen Wirkungskreis, und es ist doch schade, daß er so viele Stunden des Tages müßig zubringt. Was denkst Du davon, Helene?" Dunkles Roth färbte die Wangen der Schwester, als sie mit anscheinender Gleichgültigkeit versetzte: „Es ist wirklich traurig, Jda, ich fürchte, der arme Mann führt ein trostloses Leben. Er kennt doch eigentlich gar keine Häuslichkeit; seine Mutter ist todt, er hat weder Geschwister noch Freunde, und sein Vater ist ein finsterer, ungeselliger Mann. Ich bin früher nur einmal mit ihm zusammengetroffen; aber bei seinem Anblick überlief mich ein Frösteln, und ich konnte den schlechten Eindruck, den er auf mich gemacht hatte, lange nicht vergessen." „Hältst Du es denn für richtig, den jungen Mann zu seinen häufigen Besuchen zu ermuthigen?" ermähnte die Schwester. „Bedenke, er ist eben so arm, wie wir es sind." „Ich fürchte, er ist noch ärmer, denn er hat Schulden, die wir nicht haben. Er selbst trügt zwar nicht die Schuld, wohl aber sein Vater, der — wie gesagt wird — jeden Erwerb leichtsinnig verspielt. Er soll ganz nahe vor dem Bankerott stehen." Helene seufzte schwer bei diesen letzten Worten. Sie kannte aus eigener trauriger Erfahrung zu gut, wie eine Schuldenlast drückt. Hatte doch ihr eigener Vater seine Familie in Noth und Mangel zurückgelassen. „Helene! Helene! komm schnell zu mir", rief in diesem Augenblick die Mutter aus dem anstoßenden Zimmer, und eilig folgte das junge Mädchen dem Rufe. „Sage mir schnell, Helene, ist dieses ein rothes Tuch?!" „Ja, Mutter, es ist roth", versetzte Helene vor Erregung zitternd. „Gott sei gedankt!" kam es feierlich von den Lippen der alten Frau, „ich kann wieder sehen!" Einen Augenblick standen Mutter und Tochter schweigend da; ihre Herzen richteten sich dankerfüllt zum Geber alles Guten, der jetzt so gnädig das harte Schicksal der schwergeprüften Frau gewendet hatte. Dann gingen Beide ins Wohnzimmer zurück, um Jda die glückliche Botschaft zu verkündigen. Frau Willford konnte wieder sehen, wenn auch nur sehr wenig. Von ihren Töchtern und von den Gegenständen im Zimmer sah sie nur undeutliche Umrisse, und nur bei ganz genauer Betrachtung und mit Anstrengung sah sie deutlicher. „Ich will sofort zum Augenarzt gehen; er soll Deine Augen untersuchen", entschied Helene, als die erste Freude j vorüber war, und Mutter und Schwester stimmten diesem j Vorschlage bei. Als der berühmte Augenarzt längere Zeit die Augen der Patientin untersucht hatte, lautete sein Ausspruch dahin: „Große Ruhe, Bewegung in der frischen Luft und kräftige Nahrung würden bald'das Augenlicht dermaßen kräftigen, daß es stärker werden würde, wie in vergangenen Zeiten. Die längere Blindheit sei eine übergroße Schwäche des Sehnervs gewesen, der sich in der letzten Ruhezeit erholt und gestärkt habe." Es waren glückliche Menschen, die an jenem Abend beisammen saßen, denn Jda hatte erklärt, die gute Neuigkeit übe die beste Wirkung auf ihr Leiden aus, und nach langer Zeit erhob sie sich zum ersten Male von ihrem Lager. Selbst das Eintreten des jungen Agenten störte die Glücklichen nicht, denn Herr Schellenberg nahm so innigen Antheil an dem Geschick der befreundeten Familie, daß die Freude dadurch nur verdoppelt wurde. „Wie geht es denn Ihrer Freundin Martha?" fragte Herr Schellenberg leise. „Seit dem letzten Sonntag habe ich nichts mehr von ihr gehört", entgegnete Helene. „Sie schrieb mir, daß Franz außer aller Gefahr sei; seine Tante ist gestorben, und leider ist auch wenig Hoffnung für das Leben seines Onkels vorhanden. Er war anfänglich auf dem besten Wege zur Besserung, da erkrankte der Neffe, und der alte Herr bestand darauf, ihn zu Pflegen. Da bekam er einen Nückfall, und nach der Aussage der Aerzte geht er seinem Ende rasch entgegen." „Wie traurig", gab Herr Schellenberg zu. „Wir betrauern auch den Verlust eines Freundes", fuhr Helene fort. „Herr Rock aus Canada ist der heimtückischen Seuche zum Opfer gefallen. Es ist besonders für seinen Avoptivsohn sehr hart, den er wie ein Vater liebte." Herr Sch'llcnberg hatte heute längere Zeit wie 586 gewöhnlich in der Rosenvilla verbracht. Er erschrak sichtlich, als er einen Blick auf die Uhr warf, und beeilte sich, den Rückweg anzutreten. -l- q- Ungefähr zwei Monate waren seit dem plötzlichen Verschwinden Martha's aus ihrem Elternhause vergangen. Der alte Doktor saß wie gewöhnlich mit seiner Gattin und seinen Töchtern im Wohnzimmer, doch die kurze Zeit hatte den alten Herrn traurig verändert. Sein Haar war jetzt vollständig gebleicht, sein Antlitz gefurcht, seine Haltung gebeugt, und seine müden, tiefliegenden Augen zeugten von schlaflosen Nächten. Die heimliche Flucht seiner Lieblingstochter aus dem Elternhause hatte den sonst so rüstigen Mann in einen lebensmüden Greis verwandelt. Zwar wußte er, daß Martha im Hause ihrer Tante lebte, also guten Händen anvertraut war, aber daß sie ihn heimlich verlassen, sich ohne sein Wissen heimlich verlobt hatte, kränkte ihn tief. Martha hatte sechsmal geschrieben, aber auf den ausdrücklichen, strengen Befehl des Vaters waren sämmtliche Briefe uneröffnet zurückgesandt. Der schwergekränkte Vater wollte nicht einmal einen Blick auf die Aufschrift werfen. Aber ach! wie schmerzlich er den Flüchtling vermißte, ahnte Niemand. Marie war zu hart, zu schroff in ihrem Urtheil; Hedwig oberflächlich und vergnügungssüchtig; keine von Beiden bot ihm einen Ersatz für die heitere, lebensfrohe Martha, und der gebeugte Vater ließ oft seine Blicke nach der Fensternische hinüber schweifen, wo der leere Platz seines Lieblings war. Jetzt wurde leise die Thüre geöffnet, und das Hausmädchen betrat in freudiger Erregung das Gemach. Es mußte eine ganz besondere Neuigkeit fein, die sie überbringen wollte', denn sie ließ die Thür offen stehen, und gcheimnißvoll lächelnd schaute sie zurück. „Unser gutes Fräulein Martha und Lord Merlin!" meldete sie jetzt laut und vernehmlich, und ehe der Doktor Zeit hatte, sich von seinem Sessel zu erheben, oder die Mutter ihre Näharbeit bei Seite legen konnte, eilte Martha in das Zimmer und warf sich ihrem Vater zu Füßen, während der junge Mann kleich und von der beschwerlichen Reise angegriffen auf der Thürschwelle stehen blieb. „Vater, Vater, vergib mir oder Du brichst mir das Herz", flehte Martha unter Thränen. „Sieh doch nicht so finster auf Dein Kind herab, mein geliebter Vater. Ich bin ja schon hart genug gestraft; als alle meine Briefe uneröffnet zurückkamen, wäre ich fast gestorben!" Sie umschlang fester die Kniee ihres Vaters und blickte dann wie hülfesuchcnd die weinende Mutter an. Eine Zeit lang blieb der Vater unbeweglich, doch plötzlich schmolz die feste Eisrinde von seinem Herzen, und er barg das Haupt seines Lieblings an seiner Brust. „Ich muß auch um Verzeihung bitten", begann jetzt der junge Mann, langsam in das Zimmer tretend, „denn ich trage allein die Schuld, daß Martha das Haus ihrer Eltern verließ. Aber ich liebte sie zu sehr, wagte aber nicht, um ihre Hand anzuhalten, da ich nur ein Herz voll Liebe bieten konnte. Als Sühne bringe ich sie ihnen selbst wieder zurück; glauben Sie mir", fügte er hinzu, bittend vom Vater auf die Mutter sehend, „mein ganzes Leben soll dazu dienen, das geschehene Unrecht wieder gut zu machen. Jetzt komme ich zu Ihnen, um aus Ihrer Hand das Glück meines Lebens zu nehmen, und um Ihren Segen für unfern Bund zu erbitten." Es lag nicht in Frau Hartungs Natur, irgend einem Menschen die Bitte um Vergebung abzuschlagen, am wenigsten dem Verlobten ihrer Tochter, dem sie im Grunde ihrer Seele doch innig zugethan war. Sie nahm daher ohne Zögern die dargereichte Hand, und der Gatte folgte bald ihrem Beispiele. Als die erste Freude des Wiedersehens vorüber war, wurde beschlossen, daß die Hochzeit in kurzer Zeit und in aller Stille gefeiert werden sollte, und nach derselben wollte das junge Paar nach England zurück, wo der junge Lord die umfangreichen Güter seines Onkels übernehmen mußte, die ihm als dem einzigen, rechtmäßigen Erben zugefallen waren. Das Wiedersehen der beiden Freundinnen Martha und Helene Willford war aufrichtig und herzlich. Martha fühlte sich häufiger denn je nach der Rosenvilla hingezogen, aber sonderbar, die Bewohner der einsamen Hütte schienen eine Zusammenkunft mit dem jungen Lord Merlin ängstlich zu meiden. Die heimliche Verlobung konnte gewiß nicht der Grund sein, denn Helene war schon seit längerer Zeit in das Geheimniß eingeweiht. Auch hatte der junge Agent ganz richtig geahnt, in welchem Verhältniß die beiden Liebenden zu einander standen, denn er hatte häufig Gelegenheit gehabt, ihre Zusammenkünfte zu beobachten. Aber Martha konnte sich nicht erklären, weshalb die Freunde so ängstlich eine Begegnung mit ihrem Verlobten mieden, und sie beschloß, ruhig zu warten, bis sie die Lösung des Räthsels gefunden habe. So waren Wochen vergangen. Der alte Pfarrer Härtung hatte an hl. Stätte das junge Paar zum treuen Bunde für's Leben vereint. Er hatte den jungen Mann immer geliebt und es schmerzlich empfunden, daß ihm die Fähigkeiten zum tüchtigen Organisten mangelten, desto mehr freute er sich über den Wechsel, der so plötzlich in seinem Leben eingetreten war. Am Arm ihres Gatten ging Martha eines Tages spazieren. An einer Biegung des Weges stand Helene ihnen plötzlich gegenüber; sie wollte ausweichen, doch Martha hielt sie mit sanfter Gemalt zurück. „Helene!" rief sie in gekränktem Tone, „wolltest Du wirklich vorübereilen, ohne mit uns zu sprechen? Franz" — zu ihrem Gatten gewendet — „hier ist Fräulein Willford, der wir großen Dank schulden." Der junge Lord stutzte. Mit unverhohlenem Erstaunen blickte er die Freundin seiner Gattin an, murmelte einige Worte der Begrüßung, während Helene verwirrt die Augen zu Boden schlug. „Jda!" rief die jüngere Schwester, als sie die Rosenvilla erreicht hatte, „ich habe heute Franz Merlin gesehen. Er hat mich erkannt; was sollen wir jetzt thun?" Jda seufzte schwer. „ArmeS Kind," flüsterte sie leise, „Du opferst Dich umsonst für uns auf. Die Wahrheit muß doch an den Tag kommen; die Welt ist nicht groß genug, um uns zu verbergen." „Aber, Jda, ich bin fest überzeugt, daß Martha und ihr Gatte schweigen würden, wenn ich darum bitte. Sie müßten wenigsteus meine Gründe achten, die mich zu dieser Täuschung veranlaßten; Mutter war ja nie damit einverstanden." „Ja es war ihr immer sehr schwer, ganz besonders jetzt, da ihr Augenlicht sich langsam kräftigt. Was wird sie erst sagen, wenn sie soviel wieder sehen kann, um die Täuschung zu bemerken, in der wir sie absichtlich in Hinsicht dieser elenden Hütte gelassen haben!" „Wir dürfen hier nicht viel länger mehr bleiben. Mutter sieht ohnehin blaß und angegriffen aus; eine Luftveränderung würde ihr sehr gut thun. Oh! wie traurig ist es doch, daß wir so arm sind." Helene brach bei diesen letzten Worten in Thränen aus; die Anstrengungen der letzten Zeit waren für ihre überreizten Nerven zu viel gewesen. Jda tröstete die Schwester und suchte sie nach Kräften zu beruhigen. Bald trocknete Helene ihre Thränen und bettete wie ein müdes Kind ihr Haupt an die Schulter der kranken Schwester. 9. Kapitel. Fräulein Willford hatte ihre Stunden im Hause der Kaufmannsfamilie Grüner beendet. Mit raschen Schritten eilte sie ihrem Heim zu, denn es dunkelte bereits, und der Weg war noch weit. Doch kaum hatte sie eine kurze Strecke zurückgelegt, als sie an einer Biegung des Weges mit Herrn Schellenberg zusammentraf, dessen Antlitz bei ihrem Anblick sich erhellte. „Herr Schellenberg! wie oft habe ich schon darum gebeten, nicht meine Wege zu kreuzen", sagte die junge Dame mit gerechtem Vorwurf. „Oh, Helene — ich bitte um Verzeihung — Fräulein Willford wollte ich sagen, seien Sie nicht hart gegen mich. Wie soll ich es denn anders anfangen, um Sie allein zu sprechen? In Ihrem Hause ist Ihre Mutter und Ihre Schwester beständig zugegen, darum sagen Sie mir, Helene, ist es Ihnen nicht lieb, wenn wir uns gelegentlich treffen?" Helene schwieg. Sie wollte den jungen Mann nicht zu einer Wiederholung dieserBegegnungen ermuthigen. „Wenn Sie wüßten, wie elend und unglücklich ich mich oft fühle, so würden Sie Mitleid mit mir haben", fuhr der junge Mann f^rt, als er vergebens auf Antwort gewartet hatte. „Ich weiß wohl, daß ich in dieser Weise nicht zu Ihnen sprechen dürfte; denn ich bin ein armer Mann, der täglich den Kampf mit dem Leben aufnehmen muß. Aber ich liebe Sie, Helene, ich verzweifle fast, wenn ich nicht die Gewißheit habe, wieder geliebt zu werden. Antworten Sie mir ehrlich, lieben Sie mich, oder ist keine Stimme in Ihrem Herzen, die für mich spricht?" Endlich war's gesagt, und obgleich Herr Schellenberg weder die richtige Zeit noch einen passenden Ort zu dem Geständniß seiner Liebe gewühlt hatte, schien Helene doch überglücklich zu sein, denn ihre Augen leuchteten freudig, als sie ihm ganz leise zuflüsterte: „Ich liebe Sie!" Es waren nur drei kleine Worte, aber sie genügten, zwei Menschen überaus glücklich zu machen. „Geliebte!" sagte der junge Mann, ich weiß, ich bin Deiner nicht würdig; aber ich will vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, und dann muß es mir gelingen, Dir ein sorgenfreies Dasein zu verschaffen. Mit unserm Geschäft steht es freilich schlecht, aber es soll bald besser werden, denn jetzt weiß ich, für wen ich wirken und schaffen soll. Helene, ist es denn wirklich wahr, daß Du mich liebst? Ist es nur Mitleid, was Dich bewegt, meine Hand anzunehmen?" „Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meines Herzens", erklärte Helene feierlich. Von diesem Augenblicke an verstand sie erst recht die Bedeutung des Wortes Liebe, und ohne dieselbe hätte sie sich keine Ehe denken können. Freudig würde sie an der Seite eines geliebten Gatten Armuth und Noth ertragen, aber ein Leben im Ueberfluß ohne Liebe hätte sie sich nicht denken können. Am Eingang der Rosenvilla trennten sich die Liebenden. Schellenberg versprach, noch am selben Tage wiederzukommen, um die Mutter um die Hand der Tochter zu bitten, und vor Freude strahlend betrat Helene die Hütte. „Ein Brief für Dich! er ist aus England", begrüßteJda die Schwester, und sie wunderte sich im Stillen über das veränderte Aussehen; denn wenn Liebe im Stande ist, ein Antlitz zu verschönern, so war das Resultat schon bei Helene sichtbar. Nur wenige Minuten vertiefte sich Helene in den Inhalt des Briefes, dann ließ sie ihn mit einem lauten AusrufdesErstaunens zur Erde fallen. „Mutter", rief sie, vor Freude an allen Gliedern zitternd, „wir bekommen unser väterliches Gut in England wieder zurück!" Frau Willford war aufgesprungen; auch Jda richtete sich bei dieser unerwarteten Nachricht vom Lager auf. „Wie meinst Du das, Helene, was bedeuten Deine Worte? von wem ist der Brief, sage mir es schnell!" „Von dem Anwalt des guten Herrn Rock. Esscheint, man hat schonseitMo- naten nach unserm Aufenthaltsorte geforscht. Er hat uns" — sie sagte ab- sichtlichnichtmir— „das ganze Besitz- thum hinterlassen, und auch die Hälfte seines Vermögens. Denke Mutter, wir können wieder nach England zurück! Freust Du Dich nicht, Jda? Wir beziehen wieder unser altes, liebes Haus; oh! der Gedanke ist mir fast wie ein schöner Traum." - (Schluß folgt.) -- St. Ottilien. (Hiezu die Bilder auf Seite 590 und 59 l.) Die geschriebene Zeile vermag zwar, wenn der Schreiber zn schildern versteht, von einer Sache ein anschauliches Bild zu entwerfen, aber eine Zeichnung spricht zum Auge oft noch lebendiger. Man kann aus Bildern nicht selten noch mehr lesen, als „zwischen den Zeilen." Daher bringen wir dem lieben Leser diesmal ein paar Bilder, welche ihm von St. Ottilien ein treues Bild gewähren. Aber zum Bilde gehört wiederum ein erklärendes Wort, welches das aussprechen soll, was das stumme Bild verschweigen würde. Albert Graf üe Man. 588 Wir fügen zunächst eine Beschreibung bei, welche Herr Hauptmann a. D. Hugo Arnold schrieb, und worin er das, was er bei einem Besuche daselbst beobachtet und gesehen hat, mit interessanten geschichtlichen Notizen verknüpft. (Herr Arnold ist als vaterländischer Alterthumsforscher eine rühmlich bekannte Autorität.) Er leitet den Bericht zuerst mit einigen Sätzen von allgemeinem Interesse ein: „Den Söhnen St. Benedikts habe ich immerdar eine warme Anhänglichkeit bewahrt, seitdem ich in Volksschule und Gymnasium ihr Zögling gewesen war, und namentlich ist von der Einweihung der Basilika des hl. Bonifazius an, bei welcher wir Schulknaben selbstverständlich unser angemessen Theil hatten, niemals der Eindruck des Gemäldes von mir gewichen, welches die Mönche als Verkünder der Heilslehre und Be- kehrer unserer Vorfahren darstellt. Als ich später beim ernsten Studium der Geschichte ihre Bedeutung nicht blos als Boten des christlichen Glaubens, sondern auch als Begründer und Träger einer höheren Kultur voll würdigen lernte, habe ich nach einer besonderen Seite hin die ältesten Spuren ihres Wirkens verfolgt, welche als unverwischbare, sprechende Urkunden Jahrhunderte hindurch davon zeugen: die Ortsnamen auf -zell und -Münster, welche die Kunde von den ältesten mönchischen Niederlassungen in unseren Landen erhalten haben. München selbst trägt ja den Namen und das Wappen von den Mönchen des Stifts Tegernsee, und in seiner Umgebung, wenn auch nicht gerade in seiner unmittelbaren Nähe, haben wir drei solche Ansiedelungen von ursprünglich mönchischem Charakter: Münster, ein Filialdorf der Pfarrei Egmattng, unweit der römischen Heerstaße von Augsburg nach Salzburg, wo auf einem herrlich gelegenen Punkte eine jetzt etwas herabgekommene Kirche mit ziemlich großem gothischen Chöre steht; ferner Zell bei Ebenhausen, welches die Grundlage für das spätere Stift Schäftlarn am Peipinbach bildete, hart an der Römerstraße von Tölz über Wolfrathshausen nach Augsburg und nach Freising gelegen, und endlich Zell, j etzt Zellhof genannt, bei Schöngeising (die Station ^.ci ^.rnsti'6 der Peutinger'schen Tafel), wo die Augs- burg-Salzburger Römerstraße die grüne Amper überschreitet. Das waren die Vorposten der Bekeh- rer, von welchen aus das Christenthum in der Umgebung verbreitet und anfänglich auch die Seelsorge geübt wurde. Doch nicht blos als Missionäre kamen die Benediktiner, sie gingen, für ihren Unterhalt auf die Arbeit der eigenen Hände angewiesen, dem Volke mit dem Beispiele emsiger Bodenarbeit voran. Sie rodeten den Wald, trockneten Sümpfe und Moräste und wandelten das Land in fruchttragende Gefilde um, pflegten das nützliche Handwerk und die edlen Künste in ihren Zellen und unterwiesen darin die Sippe der Gläubigen, welche sich um sie gesammelt hatten. So galten die Mansen, Höfe und Weiler der Stifte und Klöster als die bestbe- bauten, und frühzeitig bildete sich das Sprichwort: „Unter'« Krummstab ist gut wohnen." Auf St. Ottilien übergehend schreibt der Herr Berichterstatter: „Solcher Erinnerungen voll, wanderte ich hinaus nach Emming oder, wie der Ort nach der Patronin des Kirchleins jetzt lieber genannt wird, nach St. Ottilien. Lieblichere Reize schmücken die Moränen-Land- schaft am anderen, am rechten Gestade des idyllischen Ammersees; aber auch hier unterbrechen den tiefen Ernst der über die Hügelwellen sich dehnenden Forsten an- muthige Bilder; uralte Vergangenheit schwebt mit Däm- merschatten über verfallenen Wohnstätten und verlassenen Straßen, und die Sage plaudert von manchem früheren Ereigniß. Der ehrengeachtete Hr. Emmo, der vor etwa 13 Jahrhunderten für sich und die Seinen in Emming die Hütten baute, hat sich gar kein übles Plätzlein erkoren: auf der hochragenden Kuppe einer sonnigen Hügelwelle, deren Hänge fruchtbare Felder und Wiesen bekleiden, während aus den Niederungen die hellen Spiegel größerer und kleinerer- Weiher blinken, die Höhen schwarzgrüne Wälder säumen und hier am südlichen Horizont die blauende Alpenkette im duftigen Nebel verschwimmt. Im Mittclalter gehörte das Dörfchen als Schwaige zur benachbarten Herrschaft Greifenberg; aus den Händen der dort gebietenden Herren v. Perfall kam es an einen Hrn. v. Haunenhofen, welcher an die bereits stehende Kirche ein Schlößlein anbaute. Dann gelangte es in vielfachem Wechsel wieder an die Herren von Perfall, Gemmingen, Mändl v. Deutenhofen, Füll v. Windach und Kammerberg (1674), aus welchem Geschlecht Hr. Johann Ulrich dem Schlosse feine jetzige Gestalt gab, dann an die Freiherren v. Jngenheim. Später kam die Hofmark Emming an die Herren von Krempelhuber und schließlich sank es vom Adelssitze zum bäuerlichen Gut herab. „Während die Neuzeit aus einstigen Klöstern glänzende Prunkschlösser der Fürsten und des Adels schuf, geschah vor zwei Lustrum (10 Jahre) zu Emming eine Umwandlung, welche sonst nur das fromme Mittelalter gesehen hatte, als mächtige Grafen und Herren die trutzi- gen Burgen ihrer Ahnen verließen und sie in gottgeweihte Abteien und Stifte umgestalteten. Ein frommer Mann, der ehrwürdige ?. Andreas Amrhein, ein Benediktiner aus Beuron, erwarb den früheren Edelmannsitz und siedelte dahin mit seiner ganzen Schaar von Getreuen, wie ein germanischer Häuptling mit seiner Gefolgschaft, von Reichenbach am Regen im Bayerischen Walde um, wo er an die Ausführung des als selbstgestelltes Lebensziel begonnenen Werkes geschritten war, aber unter der Ungunst der Verhältnisse keine gedeihliche Entwicklung der jungen Congregation erwarten konnte. „Schon seit langen Jahren hatte sich nämlich der Benediktiner-Pater mit dem Gedanken getragen, eine alte Aufgabe seines Ordens wieder aufzunehmen und in heidnischen Landen eine Misston nach dem Vorbilde der alten englischen, deutschen und nordischen Missionsklöster St. Benedikts mit einem Mutterhaus und Noviziat in Europa zu gründen. Die Anregung dazu gab ihm das Wort des Papstes Pins IX. in einem Breve an Bischof Freppel und in dem von Livingstone an die anglikanischen Missionäre in Afrika ertheilten Rathe, die Klöster der alten Zeiten sich zum Muster zu nehmen und ihre Anstalten durch Nachahmung des dort gegebenen Beispieles lebensfähig zu machen. Den gefaßten Plan führte er in offenbar richtiger und darum so herrlich gelingender Weise aus, indem er trachtete, nicht blos recht viele Missionspriester, sondern auch Hilfsmissionäre aus dem Laienstande in möglichst großer Zahl zu gewinnen, wie es bereits der hl. Franz Raver gethan hatte. Und zur vollkommenen Durchführung seines Vorhabens zog er auch das weibliche Geschlecht heran, denn Frauen sollten gleichfalls den Unterricht und die Unterweisung der Weiber übernehmen. Die Pläne, welche k. Amrhein seinen . .! ZV 8 LU^M G'MPK- DMZL1 L'L MM ?ÄKW-^ MW Klara Freibach: Kauft Ueilchen! geistlichen Oberen unterbreitete, fanden die Genehmigung der Kongregation der Propaganda, an deren Berathungen eine größere Anzahl von Kardinälen theilnahm, darunter auch Kardinal Lavigerie, der hochverdiente Gründer der Missionsgesellschaft für Algier und Centralafrika, sowie die des Papstes. Besonders warm befürworteten die Gründung Kardinal Franzelini und Erzbischof Jakobini, der hochverdiente Sekretär der Propaganda. Die betreffenden Erlasse rühren aus dem Juni und Juli 1884 her und in Bayern vermochte I>. Amrhein sein Vorhaben auszuführen; er preist darum als Fügung der göttlichen Vorsehung dieses Zusammentreffen, daß gerade damals das Deutsche Reich ernstliche Schritte zum Erwerb größerer Länderstriche in Afrika that. Als Arbeitsfeld wurde daher Deutsch-Ostafrika gewählt, dessen südlicher Theil vom hl. Stuhl 1887 zur „Apostolischen Präfektur !>0 - führen und durch diese sie für das Christentum empfänglich machen. Das ist ein äußerst wichtiger Grundsatz, der das St. Benedikt-Missionshaus wesentlich und sehr günstig von anderen Misstonen unterscheidet. Darum üben sich auch die Priester und Katecheten neben dem Studium täglich im Handwerk oder Feldbau und die Kandidaten der dritten Kategorie, die Arbeiter-Hilfs- missionäre, werden in den Werkstätten, im Hausdienste, im Felde, Stall und Garten beschäftigt, die Frauen entsprechend im Haushalt, im Zarten und bei der Milchwirtschaft. Die Grundlage der Hausordnung bildet die Regel des hl. Benedikt und eine unerschütterliche strenge Disciplin. Weil alle Gattungen des Handwerkes für die Mission und das Missionshaus von ersprießlichem Nutzen sind, finden Handwerker jeder Art willkommene Aufnahme: Buchdrucker, Mechaniker, Schreiner, Missionshaus und Kirche Zil. Gtlitten bei Emming. (Herrerikloster.) Original-Aufnahme von Max Merz, Photograph in Diessen am Ammersee. fVervielsältigungsrecht vorbehalten.) Süd-Sansibar" eingerichtet und der St. Benediktus- Missionsgesellschaft übertragen wurde. Die Missionäre von St. Ottilien gliedern sich in drei Kategorien: in Priester, Katecheten, welche als Lehrer in den Missionsschulen eine wirksame Stütze der ersteren sein sollen, und Arbeiter; die weibliche Abteilung in letztere zwei. Dazu treten die entsprechenden Kandidaten- und Vorbereitungsklassen. Die gesamte Ausbildung der Insassen des Hauses ist auf die Missions- thütigkeit berechnet, die Studien erstrecken sich somit auf das dem Priester nötige wissenschaftliche Gebiet in Sprachen, namentlich auch auf das Französische, Englische und Suaheli. Wo die Kräfte der Anstalt nicht ausreichen, treten weltliche Lehrer ein. Neben der geistigen Thätigkeit fällt aber der körperlichen Arbeit eine große, vielleicht noch eine höhere Aufgabe zu, denn die Gewöhnung an die Arbeit soll die Heiden zur Gesittung Schuster, Schneider, Schmiede, Schlosser, Spengler, Zimmerleute, Wagner, Maler, Buchbinder, Gärtner, Oekonomen, die sich auf die Bodenkultur, die Pferde- und Viehzucht verstehen. Aber wie es der äußerst schwierige, entbehrurgsvolle Beruf erfordert, ist weder das Leben im Hause ein behagliches noch die Zulassung eine leichte, im Gegenteil herrscht eiserne Zucht; Abhärtung und Entsagung, pünktlichster Gehorsam dienen als Richtschnur und der Eintritt unterliegt vorsorglich den schärfsten Bedingungen, um abenteuersüchtige oder spekulationslustige Leute und Personen zweifelhaften Charakters fern zu halten. Ja, die Kandidaten müssen wahrhaft „Beruf" in sich fühlen und in harter langer Probe bewähren, um zum Lohn dafür ein Leben einzutauschen voll Mühen, Beschwerden und Aufopferung! In unsern fast nur dem materiellen Streben ergebenen Tagen klingt es fast wie ein tröstendes Wunder, daß in den ersten sieben Monaten nach Gründung des Missionshauses (1885) schon 150 Kandidaten sich um Aufnahme meldeten; zur Zeit, nachdem erst vor ein paar Monaten sechs Missionäre und neun Missionsschwestcrn sich nach Afrika einschifften, zählt der Personalstand in St. Ottilien 93 Frauen und 106 Männer und 35 Zöglinge, deren Zahl mit Beginn des neuen Schuljahres sich mehr als verdoppeln wird. Im Schatten mächtiger Linden krönen das Kirchlein mit wälscher Kuvpel und das einfache Schlößlein mit Giebel- und Seitenbau den Hügel, um dessen Futz sich die kleinen Söldnerhäuser des Weilers gruppieren. Das Schlößlein ist jetzt Seminar und soll nächstens umgebaut werden, da die Räume unzureichend sind. Im neuen Klostergebäude befinden sich die Wohnungen der Priester und Kleriker und die gemeinschaftlichen Räume I freundlicher Genossenschaft, gern schaut man die kräftigen, sehnigen Gestalten und die zufriedenen Mienen der mit höflichem Anstaube Grüßenden, worunter drei zur Ausbildung hier befindliche Ncgerjünglinge die muntersten Gesellen sind. „Es sind hübsche Bursche von dolichokcphalem Typus, das Deutsche in Sprache und Schrift vollkommen beherrschend; der eine, ein Sudanese, weiß viel aus seiner bewegten Jugend zu erzählen, da er als dreijähriger Knabe auf einer Sklavenjagd geraubt wurde und dasselbe Schicksal ihn später mehrmals nach einander traf." „Mit wehmütiger und doch stolzgehobener Erinnerung Pflegen die Brüder das Gedächtnis der Märtyrer, welche in der Mission zu Pugu am 13. Januar 1889 als erste Opfer aus dem Stande des Mutterhauses die Treue ! mit ihrem Blute besiegelten, und als lebenslängliches ,,, k INI! ,"ii!>«« 1 sb ^ ß ö S« >i i i« P 8 . 18 lL WWW Missionshaus und Kirche K1. Ottilien bei Ennning. (Frouenklrst r) Original-Aufnahme von Max Merz, Photograph in Diefscn am Ammerfee. lVcrvielfältigungsrccht vorbehalten ) der Brüder. Nebenan sind Ochsen- und Pferdestall, die Oekonomiegebäude und Werkstätten untergebracht. Im Ganzen zählt die Anstalt 26 Giebel. Wohlthätig treten überall Sauberkeit und Ordnung vor Augen, die > einst ziemlich herabgckommencn Gebäude befinden sich in bestem Stande und das Gotteshaus ziert farbenprächtiger Schmuck. Trotz des modernen Anstriches erwacht unwillkürlich die Erinnerung an das alte Kloster des frühen Mittelalters, wozu auch das Nebeneinanderbestehen von Mannes- und Frauenkloster viel beitrügt. In emsigem Treiben und in geschäftiger Arbeit tummeln sich im Hofe, in den Werkstätten und auf den Fluren die Kleriker im schwarzen, die Brüder im grauen Habit, sämtlich den blutroten Gürtel der Propaganda und den Vollbart tragend, soweit er eben sprossen will. Mit stillem Behagen fühlt der Soldat die überall bemerk- lichen, anheimelnden Zeichen strammer Disciplin und Andenken trägt Frater Nupert die rote Narbe der damals empfangenen Wunde über die ganze Gesichtsscite. „Mächtig empfindet man die kräftige Hand des Schöpfers und Leiters der -Anstalt, des IN Amrhein, eines Mannes von umfassender Bildung, imponierendem Wesen und hoher Gestalt, eines Schweizers von Geburt; man fühlt, daß ein höherer, über ihm waltender Geist ihn berief, die Pflanzstätte zu schaffen für die Schulung in edelster Gesittung, die ihre Wurzel senkt in das Zeichen des Christenglaubens: das Kreuz!" Beherrscht wird der ganze Klosterkomplcx vom neuen Vaterhause der Missionäre, einem großen 65 in langen und 20 in breiten dreistöckigen Bau im gothischen Style, ebenso praktisch in seiner Anlage als architektonisch schön und einfach. Die Pläne und Bauleitung wurden von IN Amrhein selbst besorgt, der in Architektur und Malkunst tüchtig ist. Weitaus die meisten Bauarbeiten 592 wurden von den Laienbrüdern, die gegenwärtig schon 20 Gewerbe betreiben, selbst hergestellt, wobei die Bewohner der Umgegend in liebevoller Weise freiwillige Aushilfe mit Gratisfuhrwerken leisteten. Die Umgebung des Klosters ist bereits auf einem Komplex von 20 Tagwerk mit einer Mauer umfriedigt und in Gemüsegärten verwandelt. — Zwei Jahre zuvor legte man den Grundstein zu einem Mutterhaus der Missionsschwestern. Unermüdete Arbeit und kräftiges Zusammenwirken aller Kräfte gepaart mit weiser Sparsamkeit haben auch hier gezeigt, wie mit geringen Mitteln Großes und Zweckmäßiges geschafft werden kann. Im letzten Sommer hat der Herr Generalsuperior endlich auch das Wirtsanwesen erworben, dessen Enteignung sowohl im Interesse der Arrondirung als auch des stetig wachsenden Fremdenverkehrs dringend geboten war. Die Besucher St. Ottiliens finden jetzt an Stelle der ehemaligen Wirtschaft ein einfaches, sauberes Hospiz, wo den zahlreichen, meist priesterlichen Gästen ein angenehmes Plätzchen zu einigen Tagen geistiger Ruhe geboten werden kann. Wollen wir noch kurz der Thätigkeit der St. Bene- diktus-Missions-Genossenschaft in Afrika gedenken, so dürfte es nicht überflüssig sein vorauszuschicken, daß der Gründer besonders in den ersten Jahren mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, deren größte die war, daß er Jahre lang fast allein stand, ohne priesterlichen Mitarbeiter, ohne Gründungsfond, außer den allein sicheren der göttlichen Vorsehung. Seine zwei ersten, im Geiste des Hauses erfahrenen Priester ?. Bonifaz Fleschutz und I'. Franziskus Mayr, raffte ein tückisches Fieber dahin. Fünf Jahre nach der Gründung konnte er dann die Erstlinge des Nachwuchses dem H. H. Bischof zur Weihe prüsentiren. Von da an steigerte sich aber die Zahl der Weihekandidaten; im Monat Juli haben wieder vier Fratres die hl. Priesterweihe empfangen, während im kommenden Jahre 6 Kleriker ihre theologischen Studien beendigen werden. .Die Letzteren frequentieren die Vorlesungen des Kgl. Lyceums zu Dillingen. Am 1. Juni dieses Jahres entsandte ?. Amrhein die siebente Expedition nach Afrika. Führer derselben ist k. Maurus Hartmann, ein geborener Oberndorfer und Augsburger Diözesan, der in Dillingen seine Studien machte. Er war bisher die vorzüglichste Stütze seines Obern, ein energischer, umsichtiger Mann von unverwüstlicher Thatkraft. Seine Aufgabe wird zunächst sein, das Männerkloster in Dar-es-Salaam mit seinen Anstalten in das außerhalb genannter Stadt gelegene Misstonsgut Kolozani zu verlegen, wo auch der geeignetste Platz zur Anlage eines eigenen Christenviertels ist. Die dadurch frei werdenden Gebäude des bisherigen Klosters werden in ein katholisches Spital verwandelt und den Missionsschwestern übergeben, deren Erziehungsanstalten in nächster Nähe liegen. Gegen Ende dieses Jahres soll sodann die achte Expedition St. Ottilien verlassen und mit ihr wird Maurus tiefer im Innern unserer ostafrikanischen Kolonie ein Kloster mit Musteranstalten als Centralstation gründen. Möge das Werk, auf dem so augenscheinlich Gottes Segen ruht und das der Kirche schon 3 Märtyrer gegeben hat, blühen und gedeihen und sich allseitiger Unterstützung erfreuen. --SSSWiS— — Zu unseren Bildern. Albert Graf de Man. Graf de Mun, der unter den Vertretern der französischen Katholiken im Parlament unbestritten den ersten Platz einnimmt, ist geboren am 28. Februar 184 t zu Lünigny. Er trat nach Vollendung seiner Studien bei den Kürassieren ein und nahm im Jahre 1876 seinen Abschied, um ungehindert und ohne Rücksicht nehmen zu müssen, für die Rechte der katholischen Kirche eintreten zu können. Er wurde im selben Jahre Mitglied der Kammer der Abgeordneten, wo er durch seine Energie und einzig dastebende Beredsamkeit sofort zu einem der hervorragendsten Parteiführer sich aufschwang. Der sozialen Frage wandte er seine besondere Aufmerksamkeit zu und schuf die wichtigen Oorolss oatdoliguss L'ouvrisrs, die einflußreich zu werden versprechen. Graf de Mun steht in voller Manneskraft; es ist ihin wahrscheinlich vorbehalten, bei der Wiedergeburt Frankreichs aus den jetzigen chaotischen Zuständen noch eine Rolle zu spielen. _ Kauft NeilchrnI „Kauft Veilchens" flehen leis und zaghaft die beiden Kleinen, die selbst wie ein paar schüchterne, sinnige Frühlingsblümlein draußen vor dem Thore im frostigen Winde stehen. Ach, ihnen schadet er nichts, aber Papa desto mehr. Er sollte nach dem Süden, hat der Arzt erklärkt, wenigstens stärkende Weine trinken und nickt die halben Nächte am Reißbrett sitzen über den leidigen Fabrikzeichnungen, zu denen die Sorge um die Seinen den begabten Künstler zwingt. Die Mutter seufzt und schüttelt den Kopf, als man auch ihr mehr Ruhe und Erholung verordnen will. Es reicht ja nicht einmal zu einer Flasche guten Weins für den Kranken. Betty und klein Evchen aber wissen Rath. Hinter der Hecke im Schloßgarten sind die Veilchen schon aufgesproßt und gewiß wehrt es ihnen Niemand, sie zu pflücken. Ohne den Eltern ein Wort zu verrathen, halten sie nun ihre Sträußchen feil und wenn Papa von dem Erlös nicht die Reise macht, kann er doch wohl Wein trinken, so viel er will. Jedenfalls — mag die Rechnung der kleinen Rechenmeisterinnen stimmen oder nicht — haben sie dem Vater unsäglich wohl gethan und vielleicht würde das erträumte Geld die wehmüthige Freude nicht aufwiegen, die ihre Liebe ihm bereitet. Goldkörner. Ob auch die Kunst stets wechselnd sich erweist, So bleibt dock eines fest in Kunst und Leben: Es ist die Seele, der lebend'ge Geist, Der, Gott entstammt, das Göttliche will geben. -—i-»-«-«- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 5. Zuge matt. Auflösung des Räthsels in Nr. 75: Moloch, Molch. HL77. Irettag, den 21. September 1894. Kür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Der Organist. Novelle von C. Borges. (Schluß.) Als die erste Freude vorüber war, singen die beiden Schwestern in Nutze an, Pläne für die Zukunft zu machen. „Du mußt sofort alle Klavierstunden aufgeben", entschied Jda, „ebenso muß der „Organist" seine Stellung kündigend" „Der arme Organist", scherzte Helene, „er wird sich gewiß darüber freuen, denn er hat seine Pflichten stets nur ungern erfüllt." „Gott sei gedankt, die Sorge um das tägliche Brod hat doch nun aufgehört", warf Frau Willford ein, und der tiefe Schatten, der sonst auf ihrem bleichen Antlitz lagerte, war gänzlich verschwunden. „Aber wo soll der Organist bleiben, und waS werden die Leute von ihm denken? Er kann doch nicht plötzlich und auf unaufgeklärte Weise verschwinden", rief Helene sorglos. Sie hatte in ihrem Eifer ihre Worte nicht bedacht und erschrak sichtlich, als die Mutter sich mit einem schweren Seufzer in den Sessel zurücklehnte. „O, Mutter, vergib mir, ich bedachte nicht, waS ich sagte", rief Helene und schlang zärtlich den Arm um den Hals der geliebten Mutter. „Ich weih, mein Kind, Du wolltest nicht absichtlich traurige Erinnerungen in mir erwecken, aber Du ahnst nicht, wie lebhaft mir jene Tranerzeit noch vor Augen steht. Laß uns nicht mehr davon reden, sage mir lieber etwas Näheres von der Erbschaft. Wer erbt noch außer Dir? Du sagtest doch, daß die Hälfte des Vermögens Dir vermacht sei, wer bekommt die andere Hälfte?" „Uns ist die Erbschaft gemacht", verbesserte Helene. „Dann erbt noch sein Adoptivsohn, Oswald Rock." „Oswald? er ist sein Adoptivsohn?" rief Frau Willford in jähem Entsetzen. „Wer ist er? Wo kommt er her? was weißt Du von ihm?" „Gerechter Gott! ich hatte ganz vergessen, daß mein Bruder Oswald hieß. Jetzt — —" Sie stockte. Wie Schuppen fiel es ihr plötzlich von den Augen — sie erinnerte sich der auffallenden Ähnlichkeit des jungen Canadiers, den sie vor längerer Zeit in der Gesellschaft getroffen hatte. Was sollte das bedeuten? „Ich traf einen Herrn Oswald Rock beim Com» merzienrath Laube", sagte sie dann laut, „und Martha sagte mir, es sei der Adoptivsohn des reichen Canadiers; das ist alles, was ich von ihm weiß." Sie fürchtete, in der Gegenwart ihrer leicht erregbaren Mutter, von der auffallenden Ähnlichkeit zu sprechen; aber sie setzte sich auf einen niederen Schemel und bat schmeichelnd: „Willst Du mir nicht die Einzelheiten jenes traurigen Ereignisses erzählen, liebe Mutter? Ich war damals noch so klein, daß ich mich kaum noch der einfachen Thatsache entsinnen kann, und späterhin wurde in meiner Gegenwart nie mehr davon gesprochen." „Es ist wenig davon zu sagen, mein Kind. Ihr Beide — er war ja Dein Zwillingsbrnder — hattet kaum das vierte Lebensjahr überschritten, als eine arme, unbekannte Familie, Enders mit Namen, sich in unserer Gegend niederließ. Niemand kannte sie, aber sie schienen treu und ehrlich; wenigstens erweckten sie keinen Verdacht. Die Frau gewann das Vertrauen unserer Köchin, die sie aus Mitleid in unserer Küche beschäftigte. Der Mann fand Arbeit bei einem Gärtner. Beide schienen unsern lieben, kleinen Oswald sehr gern zu haben. Doch eines Morgens war mein geliebtes Kind plötzlich spurlos verschwunden. Ihr Beide schlieft in meinem Ankleidezimmer, dessen Thür zu meinem Schlafgemach stets offen stand. Wir kamen an jenem Abend erst gegen Mitternacht aus einer Gesellschaft zurück; ich legte meine Diamanten und weine Juwelen aus den Tisch in meinem Ankleidezimmer und überzeugte mich, daß ihr Beide im süßen Schlummer läget. „Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, Helene, daß nichts unversucht blieb, eine Spur von dem verschwundenen Liebling zu entdecken. Dein armer Vater und ich verzweifelten fast vor tiefem Weh.' Endlich fand man sein schwarzes Sammetjäckchen, welches er tagS zuvor getragen hatte, am Rande des Mühlenbaches, der an jener Stelle sehr steil und tief war. Wir mußten annehmen, er sei dort ertrunken, obgleich seine Leiche nicht gefunden und wir nicht begreifen konnten, wie er in der Nacht dorthin gekommen sein könnte. „Die ganze Nachbarschaft befand sich bei der Kunde über dieses Unglück in der größten Aufregung. Niemand achtete darauf, daß seit jenem Schreckenstage die Eheleute Enders ebenfalls spurlos verschwunden waren. Sobald es bekannt wurde, fahndete die Polizei nach diesen Leuten; aber vergebens. Wir nahmen die Hülfe der geschicktesten DetectivS tn Anspruch, versprachen hohe Belohnungen, allein die Leute blieben verschwunden und das Geheimniß unaufgeklärt." „Glaubst Du nicht, Mutter, daß der arme, kleine Knabe während der warmen Sommernacht aufgestanden, sich allein die Thür nach der Terrasse geöffnet habe und nach dem Bach gewandert sei? Er war doch ungewöhnlich groß für sein Alter und spielte oft allein im Garten", warf Jda ein. „Diese Vermuthung wurde in unserer Nachbarschaft wohl angenommen, aber in meinem Herzen stand die Ueberzeugung fest, daß die beiden Enders mit dem Verschwinden des Kleinen tn Verbindung standen." „Wurden zur gleichen Zeit auch Deine Juwelen gestohlen?" forschte die Tochter weiter. „Wahrscheinlich; jedoch bei der großen Unruhe im Hause, besonders aber tn meinem tiefen Schmerze vermißte ich die Kostbarkeiten erst vier Wochen später; jedenfalls waren sie schon lange geraubt." „Sah mein kleiner Bruder mir sehr ähnlich?" fragte Helene in spannender Erwartung. „Du sollst Dich selbst überzeugen." Die Mutter öffnete bet diesen Worten ein goldenes Medaillon, welches sie stets an einem Kettchen um den Hals trug und sich nie davon trennte. Zwei kleine Kindergefichtchen, — ein Knabe und ein Mädchen — hielt sie der erwartungsvollen Tochter entgegen; beide zum Verwechseln ähnlich. Helene hatte noch die wunderbar dunklen Augen, das schwarze Haar wie vor langen Jahren auf jenem Bilde, und diese auffallende Aehnlich- keit hatte sie noch ganz deutlich vor ganz kurzer Zeit bei dem Canadier gesehen. Ein leises Klopfen an der Thür beendete schnell die Unterhaltung, und Frau Willford hatte kaum Zeit, die Bilder fortzulegen, als Martha Härtung, jetzt Lady Merlin, das Zimmer betrat. „Ich bin gekommen, um Ihnen zu der unerwarteten Erbschaft Glück zu wünschen; Sie sehen, ich bin genau davon unterrichtet", begann sie in ihrer herzgewinnenden Weise, der alten Dame beide Hände entgegenstreckend. „Wie konnte sich denn diese Nachricht so schnell verbreiten? Wir wissen sie doch selbst erst wenige Stunden und haben noch mit keinem Mensche« davon gesprochen!" „Mein Gatte las zufällig den Aufruf des Anwalts in der Zeitung und beeilte sich die gewünschte Adresse sofort mitzutheilen." Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen, dann fuhr Martha fort: „Franz erkannte Martha beim ersten Anblick; er hatte sie früher in England gesehen, und es ist ihm schmerzlich, daß sie ihm jetzt absichtlich aus dem Wege geht. Um sich zu überzeugen, sich in der Familie nicht zu irren, schrieb er nach England" — „und hielt Nachforschungen über uns", ergänzte Helene im gereizten Tone. „Sowar's, stimmte die Freundin bei. Das „Resultat seiner Bemühungen war die überraschende Neuigkeit, daß Helene Willford gar keinen Bruder habe. Der Organist an der Pauluskirche muß also eine geheimnißvolle Persönlichkeit sein, die mit den Bewohnern der Nosenvilla tn engem Zusammenhange steht." Wieder trat eine peinliche Stille ein. Frau Willford war leichenblaß geworden und senkte die Augen zu Boden. Jda blickte besorgt auf die Schwester, die allein ihre Ruhe bewahrte. Endlich begann sie: „Du möchtest wohl gern die Lösung des geheimnißvollen Räthsels wissen? Wenn Du einen Augenblick warten willst, so soll der Organist selber kommen und Dir die gewünschte Erklärung geben", mit diesen Worten eilte sie in das Nebenzimmer. Während ihrer Abwesenheit herrschte noch immer tiefes Schweigen. Jedes der Anwesenden blickte in banger Erwartung nach der Thür, die sich bald öffnete, und der Organist trat mit einer tiefen Verbeugung auf Martha zu. Doch erhob er seine schmale, weiße Hand, nahm die entstellende blaue Brille von seinen Augen und blickte lächelnd im Kreise umher. „Helene! Du bist's selber!" rief Helene in freudiger Ueberraschung, während die Mutter und Jda erleichtert aufathmeten, als sei ihnen ein Stein vom Herzen gefallen. „Ja, ich bin's selber und kein Anderer", rief die junge Dame belustigt über das Erstaunen der Freundin aus, „und heute habe ich diese Bekleidung zum letzten Male getragen. Ehe ich dieselbe aber für immer ablege, ist es eine Pflicht der Freundschaft, eine vollgültige Erklärung zu geben." „Ich muß ganz von Anfang beginnen. Du wirst gehört haben, daß bald nach dem Tode meines Vaters der Verkauf unseres Schlosses und der großen Güter erfolgte. Wir waren gänzlich verarmt und entschlossen uns, nach Deutschland zu reisen, wo wir vollständig unbekannt waren. Ich hatte stets mit Vorliebe die Musik betrieben und darin eine vorzügliche Ausbildung genossen. In unserer kleinen Dorskirche spielte ich schon seit Jahren die Orgel, weil unser alter Dorfschullehrer kränklich war und es mir ein großes Vergnügen machte. Ich zweifelte tn meiner Unwissenheit gar. nicht daran, daß es mir in einer großen Stadt gelingen müsse, eine Stelle als Organist zu erhalten, um in dieser Weise für den Unterhalt meiner Lieben zu sorgen. Ich hatte mich getäuscht. An verschiedenen Kirchen bot ich meine Kräfte an; aber ach! man lachte über mich. Der Gedanke, eine Dame als Orgelspieler!» anzustellen, schien ganz unerhört; auch bemerkte ich leider, daß Klavierstunden zu schlecht honorirt wurden, um den Meinigen ein erträgliches Dasein zu verschaffen. Hingegen wurde Herren, deren Leistungen oft noch geringer waren wie die meinen, ein viel höheres Gehalt gezahlt. Was sollte ich da thun? Ich hatte doch nicht allein für mich, sondern auch für meine Mutter und Schwester zu sorgen. Da kam mir der Gedanke, die Rolle meines Bruders zu spielen, der, wenn er gelebt hätte, jetzt an meiner Stelle für unsern Unterhalt gesorgt haben würde. Ich entschloß mich, eine doppelte Existenz zu führen. Die Hälfte des Tages war ich Organist und gab gut bezahlten Unterricht, tn der andern Hälfte war ich einfach Helene Willford, die arme Klavierlehrerin, und auf diese Weise gelang es mir, ein hinreichendes Auskommen zu erhalten. „Um meinen Zweck besser zu erreichen, ließ ich mein langes Haar abschneiden; meine Mutter und Schwester waren mehr darüber entsetzt, als ich selbst. Um ein Erkenne» zu vermeiden trug ich diese entstellende blaue Brille. Als ich in dieser Verkleidung die Stelle als Organist erhalten hatte, suchte ich nach einer entlegenen, 8SS einsamen Wohnung, in der mein Ein» und Ausgehen nicht beachtet werden konnte. Hier, diese einsame Rosen- villa entsprach vollkommen meinen Wünschen. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, Martha", fuhr das opferfreudige junge Mädchen fort und warf einen zärtlichen Blick auf die geliebte Mutter, «daß ich hier im Hause die größten Hindernisse zu beseitigen hatte. Meine Verkleidung erweckte stets im Herzen meiner Mutter die traurigsteil Erinnerungen, denn die Wunden über den Verlust des Kindes sind noch immer nicht geheilt. Jedesmal, wenn von dem Organisten die Rede war, litt sie unsäglich, und darum vermied ich es so viel wie möglich, mit ihr über meine Thätigkeit zu sprechen. —^ Dein Gatte kannte unsere Familie in England; er mußte wissen, daß wir keinen Bruder hatten, und darum fürchtete ich eine Begegnung mit ihm, wie leicht hätte er sonst dem Pfarrer unsern Betrug aufdecken können!" „Ich muß noch einen wichtigen Punkt hinzufügen, Lady Merlin", wandte Jda ein, sich von ihrem Lager erhebend, „und das ist nämlich das größte Opfer, was Helene für uns gebracht hat. Sie hätte in Reichthum und Ueberfluß in unserer Heimath leben können, wenn sie nur gewollt hätte. Aber sie zog ein mühevolles, arbeitsames Leben einer Heirath ohne Liebe vor, und leider liebte sie nicht den reichen Fremdling, der damals unser Eigenthum erwarb." Als Martha alle Geheimnisse aufgedeckt hatte, schloß sie die Freundin in ihre Arme, und die glücklichen Menschen blieben noch lange beisammen und besprachen Pläne für eine bessere Zukunft. „Du mußt zuerst Deine Stelle als Organist aufgeben, wiewohl Du nur ungern in der Kirche vermißt wirst," entschied Martha. „Ganz bestimmt. Ebenso gebe ich alle Klavierstunden auf. Wie sollen wir aber so schnell einen Nachfolger als Organist finden?" „Franz soll Dich auf kurze Zeit vertreten, natürlich nur so lange, bis wir nach England zurückkehren. Aber wie sonderbar! erst jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, woher es kam, daß wir Dich nicht in der Kirche sahen! Wie wird Franz sich freuen, wenn ich ihm diese Neuigkeit bringe," scherzte sie dann, „ich sage ihm natürlich Alles und habe gar kein Geheimniß vor ihm," und mit glücklichem Lächeln auf dem Antlitz nahm die Freundin Abschied aus der Rosenvilla. „Mutter," begann Helene, als sie am Abend dieses ereignißretchen TageS ihren gewohnten Platz zu den Füßen der alten Dame eingenommen hatte, „ich habe Dir etwas zu sagen." „Was tst's, mein Kind, hoffentlich nichts Unangenehmes?" „Nicht für mich und gewiß auch nicht für Dich oder Jda," versetzte das junge Mädchen erröthend, «Herr Schellenberg will heute noch kommen, um mit Dir zu sprechen." Die leise gesprochenen Worte und daS heftige Er- röthen sprachen deutlicher als Worte es vermocht hätten, und Frau Willford, die die Neigung ihrer Tochter lange geahnt und großes Vertrauen in den Charakter des jungen Mannes setzte, küßte sie zärtlich, als sie ihr zuflüsterte: „Werde glücklich mit dem Manne Deiner Wahl, mein geliebtes Kind, Du verdienst die Liebe des besten Gatten. Was sagst Du dazu, Jda?" Statt jeder Antwort streckte die Kranke der Schwester ihre Hände entgegen und zog sie fest an sich. Sie fühlte sich unaussprechlich dankbar, daß jetzt alle Noth vorüber und ein neues Leben für die schwergeprüfte Familie beginnen werde. Als am Abend der junge Agent !von seiner Liebe zn Helene mit der Mutter gesprochen, ihre Einwilligung und ihren Segen zn dem Bunde erhalten hatte, war er nicht wenig erstaunt über den wunderbaren Glückswechsel im Leben seiner Geliebten. Zwar war er bitter enttäuscht; denn er hatte gehofft, mit rastlosem Eifer für Helene arbeiten zu dürfen, und jetzt war sie eine reiche Erbin. Nachdem Frau Willford sich zurückgezogen hatte, um sich nach den Aufregungen des Tages endlich Ruhe zu gönnen, deren sie dringend bedurfte, erzählte Jda auf den Wunsch ihrer Schwester alle Einzelheiten von dem räthselhaften Verschwinden des kleinen Bruders vor ungefähr 16 Jahren, und Helene schilderte die auffallende Ähnlichkeit mit ihr und dem jungen Canadier, den Herr Schellenberg damals selbst in der Gesellschaft kennen gelernt hatte. „Wollen Sie mir die Lösung des Räthsels überlassen? Alles, was ausgeforscht werden kann, soll in kürzester Zeit geschehen," versicherte der Agent, bittend zu Jda hinüberblickend. Beide Damen gaben gern ihre Zustimmung, und bewegt nahmen die Liebenden Abschied. Wochen waren vergangen. Frau Willford bewohnte mit ihren Töchtern eines der besten Hotels; sie wollte nicht eher in die alte Heimath zurückkehren, bis einige Veränderungen und alle Vorbereitungen zu ihrem Empfange getroffen waren. „Herr Schellenberg!" meldete in diesem Augenblick der Kellner, und gleich darauf betrat der Agent daS Gemach. Er begrüßte alle Anwesenden, dann flüsterte er leise seiner vor Glück strahlenden Braut ins Ohr: „Er ist unten im Lesezimmer." Dann wandte er sich an Frau Willford, die er bat, ihr einige wichtige Enthüllungen machen zu dürfen, und die alte Dame gab gern ihre Einwilligung. «Ich muß sechzehn Jahre zurückgreifen," begann der Erzähler. „Da kam ein Mann mit Namen EnderS nach England, denn er hatte von Diamanten und Juwelen von unschätzbarem Werthe gehört, die sich im Besitze einer reich begüterten Familie, die im südlichen England wohnte, befänden. Diesem Enders oder Braun, oder Benützer hundert anderer verschiedener Namen, war eS ein Leichtes, mit seiner Frau das Vertrauen der Dienerschaft zu erwerben, so daß beide bald im Schlosse Beschäftigung fanden. Er brachte auch bald in Erfahrung, daß die Herrin des Schlosses diese Kostbarkeiten nach dem Gebrauch in ihrem Ankleidezimmer aufbewahrte. «Der Schurke wartete nun auf eine günstige Gelegenheit. Nach einer Festlichkeit, als alle Bewohner des Schlosses im tiefen Schlafe lagen, schlich er leise in daS ihm bekannte Zimmer, nahm die Juwelen an sich, und gerade im Begriff, daS Zimmer zu verlassen, sah er zu seinem Entsetzen den kleinen vierjährigen Oswald vor sich stehen, der, aus dem Schlafe erwacht, sein Bettchen verlassen hatte und den Bewegungen des Elenden gefolgt war. Hastig ergriff der Schurke ein Jäckchen des Kindes, warf es ihm über den Kopf, um eS am Schreien zu 596 verhindern, und eS auf den Arm nehmend, eilte er mit ihm so schnell wie möglich aus dem Schlosse. Noch in derselben Nacht verließ das saubere Paar England, nachdem zuvor das verrätherifche Kleidungsstück des Kindes in ein Gestrüpp am Mühlenbach geworfen war, um die Nachforschungen auf eine falsche Spur zu leiten. „Die gestohlenen Kostbarkeiten brachten den Elenden keinen Segen. Auf dem Schiffe nach Canada wurden dieselben von einem Mitreisenden geraubt, und von heftigen Gewissensbissen gefoltert, landete der unglückliche Mann im fremden Lande. Er konnte den Anblick des Kindes nicht mehr ertragen; es war ihm eine unerträgliche Last und erinnerte ihn stündlich an seine große Schuld. Um sich seiner zu entledigen, setzte er es in Wtnnipeg aus in der Hoffnung, daß edle Menschen sich des hülflosen Kleinen erbarmen würden. Er hatte sich nicht getäuscht. Ein reicher Farmer, Herr Nock, nahm ihn auf, ließ ihm eine vorzügliche Erziehung geben und vermachte ihm schließlich nach seinem Tode die Hälfte seines bedeutenden Vermögens." Alle diese Einzelheiten hatte Herr Schellenberg von einem Geschäftsfreunde aus Canada erfahren, dessen redlichen Bemühungen es gelungen war, den Elenden aufzufinden und ihm das Geständnis; abzuzwingen. Während dieses ausführlichen Berichtes hatte Frau Willford häufig die Farbe gewechselt; jetzt erhob sie sich hastig und verlangte ihren Sohn zu sehen. Helene hatte sie schon langsam auf diese unerwartete Freude vorbereitet und von der Aehnlichkeit des jungen Fremden gesprochen, aber die Mutter hatte ein solches Glück nicht zu fassen vermocht. Bald darauf drückte sie ihren einzigen, langverlorenen Sohn wieder an ihr stürmisch pochendes Herz; ihr Auge konnte sich nicht satt sehen an den wohlbekannten, theuren Zügen, und sie wollte ihren Liebling nicht wieder aus den Armen lassen, den sie schon seit sechzehn Jahren beweint hatte.- Es war eine glänzende Hochzeit, die nach einigen Monaten in England gefeiert wurde. Glück und Zufriedenheit leuchteten aus Hclcnens Augen, als sie am Arm ihres Gatten nach der feierlichen Handlung das Gotteshaus verließ. Unter den Gästen befanden sich auch Lord und Lady Merlin, die jetzt ein glückliches Leben in England führten, auch Edmund Normann, der Vetter des Ex-Organistcn, der mit Oswald Willford enge Freundschaft geschlossen hatte. Jda hatte an der kirchlichen Feier keinen Antheil nehmen können. Sie lag mit gefalteten Händen auf ihrem Ruhebette uud weinte Thränen des Glückes und der Freude, als sie an das Loos ihrer Schwester dachte, mit der sie treulich alles Leid und alle Freude getheilt hatte. Dr. Härtung lebte in dem Glücke seiner Kinder von Neuem auf. Er verkehrt jetzt gern und häufig mit seinem alten Freund, dem Agenten Schellenberg, der, nachdem ihn sein Sohn verlassen, das Geschäft allein weiter führen muß. Er arbeitet emsiger und sorgsamer wie früher, so daß er es bald zu einer gewissen Blüthe emporbringt. Der alte Pfarrer Härtung versicherte oft im Vertrauen seinem Bruder, er müsse fortan mit der Wahl seiner Organisten vorsichtig sein, da die beiden letzten ihn doch arg betrogen hätten. Er engagirte einen alten, grauhaarigen Mann, von dem er nichts mehr zu fürchten hatte. Die strenge, finstere Marie hatte noch eine stürmische Unterredung mit ihrer Schwester Hedwig, in der ein gewisser unterschlagener Brief das Hauptthema bildete. Sie verlieb bald darauf das Haus ihres Vaters und fand in einem Asyl für weibliche Gefangene als Aufseherin Beschäftigung, wo ihr scharfes Auge und ihre finstern Blicke besser am Platze waren. Hedwig Härtung und Elsa Laube fanden bald ihr Glück in einer eigenen Häuslichkeit; Erstere heirathete bald einen alten Wittwer, dem sie die letzten Lebensjahre erheiterte; Elsa einen jungen Arzt, dessen Reize für die junge Gattin hauptsächlich in der Aehnlichkeit bestanden, die er mit dem Agenten Schellenberg hatte, den sie einst liebte. Frau Willford lebte noch lange Jahre heiter und glücklich im Glück ihrer Kinder. Gerne nahm sie ihre Enkel, zwei prächtige, rothwangige Buben, auf ihren Schooß und erzählte ihnen von dem Organisten in der Nosenvilla — eine Geschichte, welche die Kleinen nicht oft genug hören konnten. -.-S2-U-SS-«- Die letzten Erzfeinde Spaniens und des Christenthums anf den Philippinen. ^Nachdruck verboten.; - Wir laden unsern geneigten Leserkreis ein, uns heute im Geiste nach dem fernsten Osten der Welt zu folgen, nämlich nach dem spanischen Jnselreiche der Philippinen; da diese Inselwelt bei weitem nicht so bekannt ist, als sie es aus verschiedenen Gründen verdient. Die Philippinnen sind ein Perlenkranz der indischen Jnselflur. Was für uns aber einen noch viel höheren Werth hat, das ist die Thatsache, daß dieser großeArchipel, mit Ausnahme der größeren Hälfte der Insel Mindanao, schon seit 200 Jahren fast dem Christentum — der katholischen Kirche gewonnen. Das ist eines von den größten und schönsten Werken der christlichen Civilisation! Die Insel Mindanao nun ist es, wo nochdie „letzten Erzfeinde Spaniens und des Christenthums" Hansen, — und zwar schon dreihundert Jahre lang — zu blutigem Leidwesen Spaniens und der.Glaubensboten; und erst in allerneuester Zeit haben diese Erzfeinde wieder blutige Greuelthaten verübt, — wovon wir später hören werden. Eben diese Unthat hat uns den Archipel der Philippinen und insbesondere die Insel Mindanao wieder in Erinnerung gebracht, und dieser gilt der Haupttheil unserer gegenwärtigen Darstellung (welche nach verschiedenen Berichten älterer und neuer Reisewerke und besonders nach den sachlichen Berichten der Zeitschrift „Die kathol. Missionen" in ihren Jahrgängen 1889, 1890 und 1894 mit kritischer Richtung, verfaßt ist). Der edle Fernando de Magelhaens — aus Portugal — ein zweiter Kolumbus — war es, der in spanischen Diensten unter König Philipp II. im Jahre 1521 nach einer langen und lebensvollen Seefahrt den Archipel entdeckte, welcher nach dem Namen des spanischen Königs „Philipp" den Namen „Philippinen" erhielt. Magelhaens landete zuerst eben an der großen Insel Mindanao, die im Süden des Archipels 597 liegt. Nachdem er vom Schiffe aus mit den Beherrschern Mindanao's mehrere Tage friedliche Verhandlungen gepflogen, stieg er ans Land: das geschah am ersten Ostertage 1521, am 31. März. Damals wohnte an der Südküste Mindanao's, wo Magelhaens landete, noch ein zumeist friedliches Heidenvolk, oder ein solches hatte noch die Herrschaft inne; und so fand der angestaunte fremde Seefahrer eine gar freundliche Aufnahme. Magelhaens pflanzte auf das Zeichen des Christenthums und wurde der erste Glaubensbote auf Mindanao. Die Heiden bezeigten einen swarmen religiösen Sinn, kamen rasch den christlichen Lehren entgegen, und Magelhaens und sein Schiffskaplan durften die größte Hoffnung hegen. Doch, man tritt aus finsterer Mitternacht nicht in den hellen Tag hinein. DaS Unglück kam ganz un- vermuthet und im Niesenschritt. Nur wenige Tage nach der Besitznahme der Insel Mindanao begab sich Magelhaens auf die kleine benachbarte Insel Maktan (oder Matan). Dort aber wollten die Bewohner den fremden Seefahrer nicht landen lassen. Es kam zu einem Kampfe, und in demselben fand Magelhaens seinen Tod, seine Leute aber mußten flüchten. Das geschah am 2 6. April 1521. Das war wohl eiu trauriges, klägliches Ende des großen Seefahrers, aber es besiegelte ein unvergängliches Verdienst. Zur Zeit, als Magelhaens die Philippinen entdeckte, hatte eben die Einwanderung der malayischen Mohammedaner von den Molukken her nach den Philippinen begonnen, und ohne die Entdeckung des Seefahrers Magelhaens und ohne die Eroberung Spaniens wäre dieser ganze Archipel eine Beute der Mohammedaner geworden und für das Christenthum verloren gewesen! Fernando de Magelhaens, der Entdecker der Philippinen selbst, war also der erste Blutzeuge des Evangeliums auf diesem Archipel. Es sind ihrer noch mehrere gefolgt. So friedlich auch auf den meisten der Inseln das Bekehrnngswerk verlaufen, so leicht und glatt wie die Sache von Manchen dargestellt worden) ging es denn doch nicht. Noch in dem Zeitraume von 1625 bis 1684 kostete das Christianistrungswerk, abgesehen von Mindanao, manches kostbare Leben; wir nennen nur die Blutzeugen k. Alphons Garcia, k. Damiani Peres und den Laienbruder Onuphrius. Die spanische Regierung konnte nicht sofort die Entdeckung des - Jnselreiches in, dem Grade sich zu Nutzen machen, als sie es wünschte, weil sie mit Portugal in Krieg verwickelt ward. Auch fehlte es an geschickter Leitung der Unternehmungen. Bis das EroberungS- und das Missionswerk mit Energie und glücklichem Erfolge betrieben werden konnte, waren bereits die sechziger Jahre des Jahrhunderts angebrochen. Im Missionswerk arbeiteten mit heiligem Eifer und reichem Erfolge die Augustiner, Dominikaner, Franziskaner und die Väter Jesu. — Bevor .wir nun den weiter» Verlauf des christlichen CivilisationSwerkes und der politischen Situation besprechen, wird es geboten sein, das Wissenswertheste über Land und Leute vorzuführen. Der Archipel Philippinen bildet mit Japan gleichsam die äußerste Vormauer des asiatischen Festlandes gegen den stillen Ocean. In einem Doppelbogen, der sich fast in der Mitte der Hauptinsel Luzon (oder Manila) vereinigt, schließen die Philippinen mit Formosa das chinesische Meer nach Osten hin ab. Zu dem nördlichen Theile dieses Doppelbogens gehört nur die nördliche Hälfte der Insel Luzon; zv dem südlichen Theile gehören: das südliche Luzon, die Inseln Samar, Letzte, die Surigao-Gruppe und die große Insel Mindanao. Von dem mittleren Theile Luzons aus erstreckt sich bis zur Nordspitzc Borneos eine weitere Reihesvon Inseln: Mindoro, Calamiani und die lange Insel Palawan. Die Inseln Basilian Sulu (oder Jolo) und die Tawi-Tawigruppe schließen den Archipel im Süden von Mindanao nach Borneo hin ab, und der durch sie abgegrenzte Theil des Meeres wird die Min- dorosee genannt. Im östlichen Theile der Mindoro-See, zwischen Mindoro und Mindanao, sind die Inseln Tablas, Mas- bate, Panay, Guimaras, dos Negros, Cebu und Bajol. Als die bedeutendsten der Inseln sind angeführt: Luzon, Mindanao, Mindoro, Samar, Letzte, dos Negros und Cebu; doch gehört in diese Reihe wohl auch die Insel Panay, deren Bevölkerung schon vor bereits 20 Jahren (1874) auf 1,052,586 Seelen angegeben worden. Manche der vorgenannten Inseln haben nicht die Hälfte. So hatte eben im Jahre 1874 die Insel Cebu, die auch zu den 12 großen Inseln gezählt wird, nur 427,356 Einwohner. Der Gesammt-Flächeninhalt der Philippinen umfaßt 170 585 glrm. DaS ist schon ein respektabler Raum, und ihn auszufüllen gehört, vergleichsweise, der Flächeninhalt von ganz Süddeutschland und von Königreich Sachsen dazu, dann noch jener der Großherzog- thümer Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg und des Herzogthums Altenburg; und dann hätte immer noch ein Duodezfürstenthum in diesem Raume gemächlich Platz. Die Gesammtzahl der Inseln wird auf 1200 geschätzt. Wir haben schon gesagt, daß die Pilippinen einen Pcrlenkranz der indischen Jnsclflur bilden. Alle, welche dieses Jnselreich näher kennen gelernt haben, alte und neue Forscher und Missionäre, sind darüber voll des Lobes und nennen es „eine Art Paradies". Nach ihren verschiedenen Schilderungen darf ich wohl folgendes Bild skizziren: Länder und Ländchen umschlungen von smaragdenen Meereswogen, nmwölbt von azurblauem Firmamente voll ganz eigenthümlicher Sternenpracht, Sonne und Mond von unvergleichlichem Silberschein und Goldglanz; Alles immer in herrlicher Grüne,— Wiesen, Bäume und Wälder; Blumen, Schmetterlinge, Vögel von entzückender Farbenpracht; in immerwährendem Blüthenschmuck die tropischen Fruchtbäume und — zugleich doch Früchte tragend; ein Boden — fabelhaft fruchtbar —, zwei, ja nicht selten drei Ernten in einem Jahre, dazu noch wildwachsende Nährpflanzen; reiche Wälder, voll des seltenen Edelholzes. Berge und Thäler voll Flüsse, Bäche und Seen;, die Wälder voll Wild, die vielen Gewässer voll Fische; überall Leben und Lichtglanz, ewiger Frühling und Sommer zugleich, und selbst ein Klima wilder Zone:daS ist das Jnselreich Philippinen! Dock unterm gold'ncn Sternenzelt Ist keine ütclfreie Welt! Auf diesem paradiesischen Jnselreich haust das entsetzliche Erdbeben und der furchtbare Cyklon (Wirbelsturm). Die Bevölkerung dieses Archipels besteht aus den Nachkommen vor Jahrhunderten bereits eingewanderter Malayen verschiedener Stämme und Zweige. Die Spanier bezeichnen sie als: 1) die Visatza's (Bissatzas) die intelligentesten der Malayen — die „alten Christen"; 5SS 2)die Moros, mohammedanische Malayen; 3)Jnfi8les, noch heidnische Malayen, darunter noch fast ganz wilde Stämme; endlich 4) daS Urvolk, die Mamaua's, Schwarze, von kleiner Gestalt; daher von den Spaniern NegrilloS geheißen, sonst Negritos benannt. Es sind ein Zweig der Papua. Von den Malayen zurück in die Gebirge gedrängt, sind sie noch heute ohne alle Kultur. Es sind ihrer nur noch wenige Tausend. Die Gesammtzahl der Einwohner ist verschieden angegeben, von 6*/z Millionen bis auf 7*/g Millionen. Immerhin ist dieser Archipel bei seiner Raumgröße und seiner mächtigen Fruchtbarkeit zu gering bevölkert, wenn man bedenkt, daß jener deutsche Staatenkomplex, der die gleiche Größe wie dieser Archipel hat, mehr als noch einmal so viel Einwohner zählt. Die Gesammtzahl der Katholiken betrug im Jahre 1880 5^/z Millionen, heute wohl 6 Millionen. Somit hat dieses Jnselreich mehr Katholiken als ganz China, Vorder- und Hinterindien und Japan zusammen. Ja, das ist ein großartiges Missionswerk. Der Charakter dieses Jnselvolkes ist seiner großen Mehrheit nach ein friedlicher und gutmüthiger, sonst wäre dieses christliche Civilisationswerk, wie es heute dasteht, nicht möglich gewesen. Nur auf der Insel Mindanao fand die Predigt des Evangeliums und das Kultnrwerk der Spanier einen hartnäckigen und blutigen Widerstand, und heute noch lebt ein großer Theil feiner trotzigen und gefährlichen Erzfeinde; es sind eben die Moros und einige noch wilde Heidenstämme. Diese alle waren von jeher Piraten, und sind es noch, und haben als solche den Spaniern und den eingeborenen Christen, sowie den Missionären unendlich viel Leid gebracht. Trotz ihres Widerstandes aber und trotz aller Gefahr haben die wüthigen Glaubensboten endlich auch festen Fuß auf Mindanao gefaßt. Es waren die Vater Jesu, die 1581 nach Mindanao kamen. Ihre heldenmüthige Stand- haftigkeit hat auch reichlich Martyrerblut gekostet. Es fielen unter Andern als Opfer des heiligen Glaubens die Patres: Del Caprio, Zamora, Mendoza, SancheS, AresiuS, Paliol, Ronek, Damiani, Lopez und Mantiel. (Schluß folgt.) -- Der Gerichtsvollzieher. Eine Erzählung aus der Residenz von Robert von Hageyj lNachdruS vervolm.1 Ich trank mein Glas Bier; an demselben Tische saß der Gerichtsvollzieher Meißel, dessen werthe Bekanntschaft ich glücklicherweise nicht in meiner Wohnung, sondern seinerzeit zufällig in meiner Stammkneipe gemacht hatte. „Nun, das will ich Ihnen gern glauben," bestätigte ich seine diesbezügliche Aeußerung, „daß das Amt eines Gerichtsvollziehers wohl auch recht viele Schattenseiten auszuweisen haben dürfte. Ich für meine Person zum Beispiel, ich taugte wahrlich nicht dazu; mich würde das immerwährende Schauen des immensen Elendes, welches sich täglich vor Ihren Augen entrollt, weich stimmen, und ich würde meines Amtes wohl so nachsichtig walten, daß möglicherweise schnell ein Kollege kommen müßte, bei mir selbst die gewissen ominösen „blauen Dingerchen" anzukleben." „Ja, ja," erwiderte der Gerichtsvollzieher Meißel, „manchmal weiß man thatsächlich nicht, wie man'S recht thun soll — und die Humanität, die man zeitweilig an den Tag legt, wird oft schlecht gelohnt. Nimmt man Rücksicht auf die Leute und kommt, um ihnen das Berede und Gerede im Hause und der Nachbarschaft zu ersparen, nicht uniformirt, so ist man dem ausgesetzt, wie mir dies bereits vorgekommen ist, daß man grob angegangen wird und es heißt: „Ich habe mit Ihnen nichts zu thun; wenn Sie Gerichtsvollzieher sind, so kommen Sie vorschriftsmäßig in Uniform l" Und andere jammern wieder, wenn man in Uniform kommt: „Mein Gatt, mein Gott, welche Blamage, welche Schande für uns im ganzen Hause! Bei uus hat noch nie ein Gerichtsvollzieher etwas zu thun gehabt, und nun haben alle Leute gesehen, daß ein solcher zu uns kam; unser ganzer Geschäftsruf ist verloren!" — Im übrigen," setzte Herr Meißel fort, „sieht uns jeder, gegen den wir einschreiten müssen, als seinen natürlichen Feind an, obwohl ich Sie versichern kann, daß es mir oft das Herz abpreßt, wenn ein hartherziger Gläubiger darauf dringt, armen, oft unverschuldet ins Unglück gerathenen Leuten ihr Letztes abzu- pfünden und hin nach der Pfandkammer schaffen zu lassen. Ja, ja, ich gebe Ihnen mein Wort, oft kämpft Gerichtsvollzieher und Mensch in einer Person vereint einen harten Kampf mit sich selbst." Obwohl im allgemeinen auch kein besonderer Freund von Leuten, welche, wenn auch amtliche, so doch immerhin Unglücks-Boten und -Vollzieher sind und die sich für ihre Unglücksbotschaft noch obendrein gut bezahlen lassen, so machte ich doch bei Meißel eine Ausnahme; kannte ich ihn doch bereits längere Zeit und hatte er doch in der ganzen Umgegend den Ruf eines pflichtgetreuen, aber äußerst humanen Mannes. „Kellner, bringen Sie mir noch einen Schoppen!" rief Herr Meißel, „und dann heißt's den Heimweg antreten ; ich habe heute ganz außergewöhnliche fünf Sonntagsgäste zum Mittagessen geladen, na, und da will ich pünktlich zur Stelle sein, um sie würdig zu empfangen." „Ei, ei, wohl recht feine Herrschaften d" „Na, gar so arg ist's nicht, obwohl vor etwa zwei Jahren sie noch auf Gummirädern gefahren sind; nun, heute benutzen sie allerdings ihre eigenen Gehvorrich- tungen." „Sie machen mich neugierig; wenn es nicht unbescheiden wäre und keine Geheimnisse zu wahren sind, würde ich Sie bitten, mir etwas über Ihre seltenen Gäste mitzutheilen; Sie wissen, mich als Schriftsteller interessiren stets solche Geschichten aus dem Volks- und großstädtischen Leben und Treiben." „Gut. Ich habe noch so ein Dreiviertelstündchen Zeit," sagte Herr Meißel, auf die Uhr blickend, «und will Ihnen die Sache kurz erzählen." Noch zwei „Echte" mußte der Kellner bringen, und dann hörte ich aufmerksam zu. „Wir waren nur zwei Geschwister," hob Herr Meißel an, „ich und meine Schwester Louise. Unsere Mutter war zeitig gestorben. Mein Vater, ein kleiner Steuer- beamter mit einem ebenso kleinen Gehalt, wendete aber alles auf, um uns Kindern eine gute Erziehung zutheil werden zu lassen. Als meine Schwester größer wurde, führte sie die kleine Wirthschaft, indeß ich Kommis in einem Engros-Geschäft war und von meinem Sold tüchtig zur Wirthschaft beisteuerte. Da kam das Jahr 1870, und als militärpflichtig wurde ich dem 7. Infanterie-Regiment einverleibt; ich wurde bald Unteroffizier, und daß ich, in SS» zweierlei Tuch steckend, wohl auch meine Schuldigkeit gethan habe, beweist dies schwarz-weiße Bündchen, zu dem ein eisernes Kreuz gehört, welches ich für Grave- lotte bekam. Zu Ende des Feldzuges, der mir im übrigen auch eine angekochte Bohne in das rechte Betn eintrug, war ich Feldwebel und blieb mit meinem Regiment bei der Besatzungsarmee unter General von Man- teuffel und kam dann später nach Straßburg in Garnison. Hier überraschte mich im Jahre 1873 die Nachricht von der Heirath meiner Schwester Louise mit dem Bankier Ernst Manfred, Firma Manfred L Soling. Ich gratu- ltrte meiner Schwester und dem unbekannten Schwager zu diesem stattgehabten Ereigniß, erwähnte aber mit keiner Silbe, wie schmerzlich es mich berührt hatte, daß man es nicht der Mühe werth gehalten, wich zur Hochzeit einzuladen. Ich erkrankte bald darauf an Gelenkrheumatismus, und die Folge war, daß ich ein Jahr später um den Abschied vom Militärdienst einkam. Als ich in die Wohnung meines alten Vaters trat, da stürzte er weinend an meine Brust und küßte mich stürmisch. „Endlich, endlich," rief er, „bin ich nicht mehr so ganz und gar allein, endlich weiß ich wieder, daß ich ein Kind habe!" „Und Schwester Louise? Was ist's mit der?" „Die?" sagte er schmerzlich bewegt, „die ist eine große, stolze Dame geworden — steh', sieh' her!" — und der gute alte Mann nahm seinen schwarzen Sonntagsrock aus dem Schrank. „Hier, siehst Du diese Straßenkothflecke, mit denen der Rock übersäet ist? Nun, ich will Dir sagen, wo sie herrühren und warum ich sie bis jetzt noch nicht entfernte: Sonntag vor acht Tagen, da machte ich einen kleinen Spaziergang im Thiergarten; da kam plötzlich eine prächtige, mit galonnirten Dienern bespickte Equipage angesaust; ich wollte noch den Damm überschreiten, aber vorsichtshalber blieb ich im letzten Momente dennoch stehen. Die Equipage sauste hart an mir vorüber, die Rüder aber hatten mich über und über mit Koth bespritzt. Der Herr und die Dame sahen mich an; der Herr machte ein gleichgültiges blasirteS Gesicht, die Dame verzog das ihre zn einem freundlich sein sollenden Lächeln und nickte mir fast unmerklich einen leichten Gruß zu. Nun, Emil, weißt Du, wer diese Dame war? Louise war's! Deine Schwester — meine Tochter!" „Vater, das kann nicht sein. Du wirst Dich getäuscht haben I Louise kann nimmermehr so undankbar geworden sein; sicherlich hätte sie halten lassen und Dir einen Platz im Wagen angeboten!" erwiderte ich ihm. „Nein, nein, ich habe mich nicht getäuscht. Im übrigen hat sie sich seit ihrer Verheiratung höchstens Vier- ibis fünfmal bei mir sehen lassen. Sie behauptet, das Treppensteigen bekomme ihr nicht, und so oft ich in der prachtvollen Villa in der Thiergartenstraße vorsprach, war immer entweder große Gesellschaft da und ich konnte nicht empfangen werden, oder — die Herrschaft war ausgefahren, am Lande, oder in Baden-Baden oder Ems." Ich tröstete meinen Vater und sagte ihm, daß ich nach erhaltenem Abschied Aussicht auf eine gute Staats- Zivil-Stellung und in Straßburg ein Schätzlein hätte, dasselbe nach Berlin holen und heirathen werde, und daß wir dann „vorläufig zu Dreien" zusammen wirthschaften würden, worüber er ganz glücklich war. Nächsten Hags konnte ich es denn doch nicht unterlassen, meine Schwester aufzusuchen. Ich bürstete meine Uniform recht proper und blank und begab mich nach ihrer Herrschaft« lichen Wohnung im Thtergartenviertel. „Melden Sie den Feldwebel Meißel," sagte ich zu einem Lasten von Bedienten, der mit seiner glattrasirten Visage einem brasilianischen Affen nicht unähnlich sah. „Die gnädige Frau läßt sich nicht von jedermann sprechen," sagte er hochfahrend. „Sie sind wohl vom Herrn Oberstleutnant von Naßmeyer geschickt? He?" so näselte der Kerl. „Ich bin von gar niemand geschickt," erwiderte ich ärgerlich; „ich bin der Bruder von Frau Manfred, hat Er verstanden, Er Lümmel Er?" Das wirkte. Er machte mir für den Lümmel noch extra eine Verbeugung und meldete mich an. „Ah, sieh' da, Du bist's, Emil? Na, daS freut mich. Aber sag' 'mal in des Himmels Namen, wie konntest Du nur in Uniform kommen? Was braucht die Dienerschaft zu wissen, daß mein Bruder nur Feldwebel ist? — Man fragte mich einmal, und da erzählte ich, ich hätte einen Bruder, der Offizier sei; nun hast Du mich aber in eine schöne Verlegenheit gebracht!" „DaS geschieht Dir ganz recht, Louise," erwiderte ich ihr; „zu was denn diese Lügen, zu welchem Zwecke diese Aufschneiderei?" Ich nahm mir nun kein Blatt mehr vor den Mund und tadelte heftig ihre Undankbarkeit gegen unseren Vater, und das Ende vom Liede war, daß ich sie mit den Worten verließ: „Frau Manfred, wir kennen uns nicht mehr. Adieu! Auf Nimmerwiedersehen!" Wer weiß, ob meine brüderliche Liebe es mit der Zeit zugegeben hätte, Wort zu halten, aber eine Szene, welche ich mit anzuhören Gelegenheit hatte, als ich draußen im Vor- saal meinen Mantel anzog, befestigte mich nur noch mehr in meinem Entschluß. An mir vorüber stürzte nämlich ein noch ziemlich junger Mann, den ich der erhaltenen Beschreibung nach sofort als meinen mir persönlich unbekannten Schwager rekognoszirte. Sein Blick streifte mich nur leicht, aber keineswegs wohlwollend. Er schien sehr erregt und betrat eilends das Zimmer meiner Schwester, welches ich eben verlassen hatte. Gleich darauf hörte ich lauten Wortwechsel: „Hab' ich nicht schon genügend gesellschaftliche Blamage wegen Deiner mangelhaften Bildung? Läßt Du mir nun auch noch Deine lieben Verwandten ins Haus kommen? Die Fenster auf, daß dieser Kaserneuduft verschwindet! Und noch Eines will ich Dir sagen: dieser fürchterliche Aufwand tu Kleidern, Schmuck, Haushalt und so weiter kann nicht länger dauern! Sieh' hier diese Zeitung, welche ich mit Füßen trete, sie bringt die Nachricht, daß das Haus Konrad Söhne Fällst gemacht hat. Das bedeutet für unsere Firma einen Verlust von einigen Hunderttausenden Mark! Wir gehen dem Ruin entgegen —" Ich wollte nicht den Horcher spielen und verließ die prachtvolle Villa der Thiergartenstraße. Es schien nicht so schlimm zu stehen mit der Firma Manfred L Comp., denn man hörte nichts Nachteiliges. Jahre vergingen. Ich hatte mittlerweile meine kleine Elsässerin geheiratet und bereits einen „kleinen Meißel" als Stammhalter; da las ich endlich doch in den Zeitungen von dem Sturz des Bankhauses „Manfred 8e Soling". Mein Vater grämte sich darüber, ich aber sagte: „Ja, ja, Hochmuth kommt vor dem Fall!" Ich hörte dann wieder eine Zeit lang nichts von meiner Schwester, endlich aber, daß sie mit ihrem Manne unter 60V höchst bescheidenen Verhältnissen draußen in Moabit wohnte und daß aus dem stolzen Bankier ein Holz- und Kohlen- und Feuerversicherungsagent geworden war. — Als mit der neuen Gerichtsordnung das Institut der Gerichtsvollzieher an Stelle der Exekutoren ins Leben gerufen wurde, meldete ich mich zur Prüfung und bekam Anstellung. Wie vom Blitz getroffen war ich vor etlichen Wochen, als ich unter anderem auch einen Auftrag auf Siegelung in Höhe von 640 Mark „in Sachen Seiffart contra, Manfred und Frau" zugestellt bekam. Welch' seltsame Fügung! Gepreßten Herzens begab ich mich in Zivil hinaus nach Moabit, nach der X . . .- straße Nr. ... — Zwei reizende, blondgelockte Knaben spielten vor dem Hause. Betroffen betrachtete ich sie eine Weile, dann fragte ich sie: „Wohnen in diesem Hause Herr und Frau Manfred?" „Ja, mein Herr," erwiderte der eine sehr höflich, „das ist mein Papa und meine liebe Mama; sie sind beide zu Hause, drei Treppen, links." Ich konnte mich nicht halten; ich nahm den Blondkopf des Knaben in meine Hände und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, dann stieg ich die drei Etagen aufwärts. Ein etwa sechsjähriges Mädchen, welches den Jnngens da unten aufs Haar ähnlich sah, öffnete und ließ mich ein. Auf mein Pochen ertönte ein zagendes, unbestimmtes „Herein", und in die Stube tretend, gewahrte ich meine Schwester am Fenster sitzend über eine Nähmaschine gebückt, emsig arbeitend. Der frühere Bankier Manfred aber saß an einem Tisch und — schrieb Manuskripte ab. Meine Schwester schien mich nicht gleich zu erkennen. „Ich komme in Sachen Seiffart contra, Manfred und Frau," sagte ich laut; „Objekt 640 Mark und die Kosten. Können Sie bezahlen? Ich bin der Gerichtsvollzieher Meißel." Meine Schwester sprang erschrocken auf und starrte mich an; ich aber that alles Mögliche, um, so lange es ging, hart zu bleiben. „Es giebt Leute," sagte ich mit Ausdruck, „die Uniformen, auch Feldwebelunisormen absolut nicht leiden mögen, geschweige denn Gcrichtsuniform; deshalb bin ich in Zivil gekommen!" „Emil! Emil! Mein Bruder!" rief Louise und stürzte auf mich zu; „in solchem Augenblicke müssen wir uns wiedersehen?" Ich blieb kalt. „Herr Manfred, können Sie bezahlen?" fragte ich nochmals, „sonst muß ich an die Möbel rc. Siegel anlegen." Da stürzten plötzlich die beiden blonden Jungens ins Zimmer und riefen: „Ach, da ist ja der Herr, der uns nach Papa und Mama gefragt hat l Mama," fragte der Kleinere, „wer ist denn dieser Herr?" „Es ist Euer Onkel, Onkel Emil!" „Onkel Emil? Der Offizier, von dem Du uns immer erzählt hast? Warum hat er denn keinen Säbel?" Louise erröthete, indeß die beiden Jungens auf mich hinaufklettert« und riefen: „Ach, lieber Onkel, Du mußt uns exerziren lernen." Auch das kleine Mädchen kam heran und sagte, einen Knicks machend: „Guten Tag, lieber Onkel, ich heiße Lieschen!" „Und nun frage ich Sie," sagte Herr Meißel zu mir, „unter solchen Umständen hätte ich jetzt meine Schachtel mit den „blauen Dingerchen" hervorziehen und pfänden und versiegeln sollen? Nein, das konnte ich nicht, das vermochte ich nicht. Ich war entwaffnet, war versöhnt. Ich umarmte meine so schwer gedemüthigte Schwester und gab dem beschämt dastehenden Schwager die Hand." Der Kläger Seiffart erhielt am nächsten Tage seine 640 Mark. Von wem? Nun, das ist Nebensache! Kosten sind nicht viel entstanden. Und nun, mein Herr," so schloß der brave Gerichtsvollzieher, „können Sie sich wohl denken, wer jene fünf Gäste sind, die ich heute zu Mittag habe. Es ist die höchste Zeit, daß ich gehe; der alte Papa lugt gewiß schon aus dem Fenster, ob endlich alle seine Kinder kommen! Nun, Gott befohlen!" Allerlei. In Kufstein steht an einem Bäckerhaus an der Straße nach Sparchen folgender Vers: Früh eh' der Lag noch graut, Morgens wenn die Erde thaut, Müssen Bäcker wachen, Brod und Semmel dachen; Dies wär' eine feine Kunst, Hätten sie das Mehl umsonst. » Doppelsinnig. Erzieherin: „Was? Mit dem Kinderwagen soll ich durch die Stadt fahren? Und vier Kinder d'rin! Das thu' ich nicht! Das hätten Sie mir auch beim Antritt sagen müssen!" — Dame: „Ich sagte Ihnen ja, die Kinder wären schwer zu ziehen!" » Das gelobte Land. Gatte swüthendj: „Wieder ein neues Kleid! O, ich wollte, Du wärest in Kamerun!" — Gattin: „Warum denn?" — Gatte: „Da lamentiren die Frauen niemals, daß sie nichts anzuziehen hätten!" » Passende Gelegenheit. „Du, Sepp,heut' woll'n wir 'nein in die Stadt und den Nazi phoiographir'n lassen, weil ich ihn heut' gerad' g'waschen hab'!" . .> Näthselhafte Inschrift. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 76: Weiß. Schwarz. 1. K. §2-83 : -s- K. 82-83 (siebe a) 2. L. 84-86 : T. 88-86: -f- (siehe b) 3. S. 66-84 -i- K. 83-84 (siehe o) 4. T. L2-82 -t- K- 84-65 5. T. 82-85 ch ^Varianten: L) 1. K. 82-8(6)1 2. T. L2-L1 -s- K. 8(6)1-82 - 3. L. 84-63 -t- K. 82—83 4. T. L.1-81 oder S. 66-84 ch b) sonst S. 66 - 84 H o) zieht Schwarz beim dritten Zuge T. 86—84:-s-, so folgt Weiß K. 83—84: und beim 5. Zuge setzt T. L2—82 matt. --MM-- zrn „Augsburger Postzeitung". ^L78. Dinstag, den 25. September 1894. ssür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literariichen Instituts von Haas sc Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Nachdruck verboten ) 1. Kapitel. In einem jener herrlichen, von waldbedcckten Hügeln umsäumten Thäler, wie sie die Nachbarländer der Vo- gesen vielfach ausweisen, lag ein einsames, weinbekränztes Landhaus. Der kleine Wohnsitz war seit länger als einem Jahrhundert Eigenthum der reich begüterten stolzen Familie von Reck gewesen; doch der letzte Sprosse hatte es in unglaublich schneller Zeit verstanden, nicht allein die umliegenden Güter mit schweren Schulden zu belasten, sondern auch sich selbst und seine einzige Tochter Melitta gänzlich an den Bettelstab zu bringen. Doch der leichtsinnige Edelmann sollte die Folgen seiner Verschwendung nicht lange tragen; ein Sturz vom Pferde machte inmitten eines Jagdvergnügens seinem Leben ein jähes Ende, seine Tochter fast in Dürftigkeit zurücklassend. — Jetzt stand sie anmuthig und stolz zugleich im Arbeitszimmer ihres verstorbenen Vaters, obwohl sie so arm war, daß sie nicht einmal die behagliche Einrichtung des Hauses ihr Eigen nennen durfte, das sie von Kindheit an bewohnt hatte. An den Lisch gelehnt schaute sie mit thränenlosen, tiefliegenden Augen auf die zahllose Menge von Rechnungen, uneingelösten Schuldscheinen und anderen Papieren, die der alte Anwalt Schierick mit musterhafter Geduld geordnet und sorgfältig zusammengelegt hatte. „Ich bin selbst ganz rathlos, Fräulein Melitta," gestand endlich der alte Herr, „und ich sehe augenblicklich gar keinen anderen Ausweg aus diesen unerquicklichen Verhältnissen, als den Vorschlag Ihrer Tante, Frau von Reinberg, anzunehmen. Es war der letzte Wunsch Ihres sterbenden Vaters, daß Sie bei seiner Stiefschwester bleiben sollten, und nach ihrem Briefe zu urtheilen, ist sie auch nicht abgeneigt, Sie als Hausgenossin aufzunehmen." Eine Wolke des UnmuthS umschattete das bleiche Antlitz des schönen Mädchens; dann blitzte es zornig in ihren großen blauen Augen, als sie mit bebender Stimme erwiderte: „Ja! aber welch' eine Stellung soll ich einnehmen! Ganz und gar von ihren und ihrer Töchter Launen abhängig zu sein, für meinen Unterhalt als Schneiderin, Kammerjungfer oder Gesellschafterin ausgenutzt zu werden und keinen anderen Lohn für meine Dienste zu bekommen, als das Brod, was ich esse, das ist mir ein unerträglicher Gedanke." Der Ton ihrer Stimme war leidenschaftlich und erregt, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie ahnte in diesem Augenblick gewiß nicht, wie sehr sie einem Meisterwerke glich, aus der Hand des großen Schöpfers hervorgegangen. Der rosige Abendschein um- floß ihre hohe, von einem schlichten, schwarzen Gewand umhüllte Gestalt, die stolz aufgerichtet dastand. Fast un- ^ verständlich hatte sie anfangs den weitschweifigen Aus- i einandersetzungen ihres väterlichen Freundes gelauscht und kaum seinen Worten Glauben geschenkt, als er ihr klar und deutlich auseinandersetzte, daß die Güter so hoch verschuldet seien und von dem Schtffbruch so gut wie nichts für sie gerettet werden könne. Dann hatte sie unverwandt ihre Blicke auf das ernste Antlitz des alten Anwalts gerichtet, gleichsam als wolle sie in seiner tiefsten Seele die Wahrheit seiner Worte ergründen, die sie zuerst für einen grausamen, unzeitigen Scherz gehalten hatte. Der alte Herr blickte fast mit einem Gefühl von Scheu und Ehrfurcht in die erregten Züge der jungen Dame; erst jetzt kam ihm der wunderbare Reiz ihrer Erscheinung zum vollen Bewußtsein, und mit einigem Mitleid erfüllte ihn die tiefe Bewegung ihrer Seele, die sich deutlich in ihren Mienen wiederspiegelte. Der Verstorbene hatte nur wenige Freunde und keine Verwandten, die sich der armen, verlassenen Waise hätte annehmen können. Außer zwei Stiefschwestern, die älter waren, wie er selbst, hatte er keine Geschwister, und selbst diese hatte er nur sehr selten, Melitta dieselben nie gesehen; diesen seinen einzigen Schwestern hatte er sterbend sein verwaistes Kirid anvertraut. Die Antwort der beiden Tanten auf die Nachricht von dem plötzlichen und unerwarteten Ende des Bruders war kalt und herzlos. Die älteste, Fräulein Lydia von Reck, verweigerte kurz und bündig die Erfüllung der letzten Bitte des Bruders. Sie sei viel zu alt, um eine Veränderung in ihrem stillen Haushalte zu treffen, und die jungen Mädchen von heut zu Tage begnügten sich nicht mit den schlichten, einfachen Gebräuchen von ehedem, schrieb sie ihrer unbekannten Nichte. — Die jüngere, Frau von Reinberg, bot zwar Melitta eine Unterkunft in ihrem Hause an; allein sie verlangte so viele Dienste dafür, daß das arme, junge Mädchen wohl zurückschrecken 602 konnte: „Ich bin nicht reich genug, um die Tochter meines verschwenderischen Stiefbruders unentgeltlich aufzunehmen," schrieb sie am Schlüsse ihres herzlosen Briefes, „aber wenn sie sich im Hause nützlich macht, so daß sie mir und meinen Töchtern eine Stütze ist, so mag sie zu uns kommen und so lange bei uns bleiben, bis sie ein besseres Unterkommen findet." So lautete das Anerbieten, das der armen Waise Thränen des Zorns und der Empörung in die Augen getrieben hatte." „Sie sind viel zu jung, um allein leben zu können, selbst wenn Sie reich wären," tröstete der alte Herr theilnehmend. „Auch als Erzieherin würden Sie schwerlich eine gute Stelle finden, da Sie kein Examen als Lehrerin gemacht haben. „Ich könnte noch genug lernen," schaltete Melitta ein, „und nebenbei würde ich in der Musik und im Gesang Unterricht geben; Sie wissen, ich bin musikalisch." „Ja, mein Kind, aber ich will ganz offen mit Ihnen reden," entgegnete wohlwollend der alte Herr. „Es taugt nicht für Sie, freund- und schutzlos allein in der Welt sich den Weg zu bahnen. Sie sind viel zu unerfahren und — verzeihen Sie — viel zu schön, um schon jetzt den Kampf mit dem Leben aufzunehmen. Nehmen Sie das Anerbieten Ihrer Tante an, vorläufig wenigstens, bis sich etwas Besseres findet. Eine Wendung zum Guten tritt vielleicht eher ein wie Sie vermuthen, wer weiß, Sie finden gewiß noch Ihren zukünftigen Gatten unter den Freunden ihrer Tante." Melitta wandte sich unwillig ab und richtete ihre Blicke den scheidenden Sonnenstrahlen nach. Ihre Gedanken jagten sich in ihrem armen Hirn; sie hatte in den letzten Tagen seit dem Tode ihres Vaters so viel gelitten, daß sie nur mit Mühe und gewaltsam sich zur Ruhe zwingen konte. Plötzlich wandte sie sich um und fragte: „Kennen Sie meine Tante, haben Sie ihre Töchter schon gesehen?" Der alte Herr verneinte. „Ich glaube, sie ist Wittwe," fügte er hinzu. „Ja, ich glaube es; ich weiß fast gar nichts von meinen Verwandten, mein Vater sprach nie von ihnen. „Nun, sehen Sie nicht so schwarz in die Zukunft, mein Kind," tröstete der Anwalt, „gefällt es Ihnen nicht, so finden Sie gewiß ein anderes Heim. Bald ist hier Alles geordnet, die Gläubiger werden befriedigt und Ihnen bleibt nur noch höchstens ein kleiner Rest von einigen hundert Mark. Zwar bitter wenig für eine Dame Ihres Ranges; aber ich rathe Ihnen, nicht eher als im Nothfall dieses Geld anzugreifen. Schade, daß Ihr Vater sein Leben nicht versichern wollte, dann könnten Sie mit einer Gesellschafterin das Leben hier ruhig weiter führen. Aber so oft ich ihn als Freund auch dazu ermähnte, so lachte er nur über die Idee und versicherte mir, daß er noch gar nicht an seinen Tod denken wolle. Doch nun leben Sie wohl, mein Kind; ich will diese Papiere mit mir nehmen, und wenn ich etwas darin finde, theile ich Ihnen es mit. Inzwischen rathe ich Ihnen, das Anerbieten Ihrer Tante anzunehmen." „Ja, es bleibt mir kein anderer Ausweg", seufzte das arme Mädchen. „Hier kann ich nicht länger bleiben, wie ich es gehofft hatte. Aber ich werde bei meiner Tante höchst unglücklich werden, und sie wird mich hassen, das ahne ich schon jetzt." „Still, still, malen Sie sich die Zukunft doch nicht schwärzer aus, wie sie ist. Wer weiß, vielleicht gehen sie glücklichen Tagen entgegen, und wie gesagt, Sie bleiben nicht, wenn es Ihnen dort doch nicht zusagt, Sie täuschen sich gewiß in Ihren Verwandten und finden ein Zusammenleben mit ihnen recht angenehm und erheiternd." „Nicht, nach dem Briefe zu urtheilen," stieß Melitta fast rauh hervor, auf das Schreiben deutend, welches noch geöffnet auf dem Tische lag. „Ich nehme in dem Hause nur die Stellung einer armen Verwandten ein, und das kann mir nie gefallen. Die Familie von Reck war eine stolze Familie; alle meine Ahnen zeichneten sich durch diese Eigenschaft aus, und ich arte nach ihnen. Freilich machte mein Vater eine Ausnahme, sonst würde er an mich gedacht und das reiche Besitzthum nicht so bald verschwendet haben." Der alte Herr nickte verständnißvoll, dann drückte er mit väterlichem Wohlwollen die Hand der verlassenen jungen Dame, und auf dem Heimwege murmelte er beständig vor sich hin: „Das arme Kind — das arme Kind! — der Vater war ein Narr, sie so hülflos in der Welt zurückzulassen — warum hat er nicht besser für sein einziges Kind gesorgt!" Das ansehnlichste Haus am Marktplatz der kleinen Garnisonstadt W. war das Wohnhaus der verwittweten Frau von Neinberg. Mit seinem zierlichen Schnitzwexk unter dem hohen Giebeldach zeichnete es sich Vortheilhaft von den einfachen Nachbarhäusern aus, obgleich die altmodische Bauart verrieth, daß es schon seit Jahrhunderten Wind und Wetter getrotzt hatte. Die Familie Neinberg bewohnte schon seit zehn Jahren dasselbe Wohnhaus und zählte zu den Honoratioren des Städtchens. Sie gaben die feinsten kleinen Gesellschaften, veranstalteten Bälle, arrangirten interessante Picknicks, sogar im Theater oder im Concertgarten stellten die beiden erwachsenen Töchter, Cecilie und Edith, bereitwillig ihre musikalischen Talente zur Verfügung, wenn ihre Dienste erwünscht oder erforderlich waren. So war es kein Wunder, daß die Familie Reinberg als Musterbild häuslicher Zufriedenheit und stillen Glückes von Freunden und Bekannten hoch gepriesen wurde, und Niemand ahnte, daß hinter der heiteren Maske Cecilien's unerträgliche Launen und unter jener Edith's Unzufriedenheit, Neid und Zanksucht verborgen waren. Mutter und Töchter liebten ein geselliges Leben über alles. Ein kleinerer oder größerer Kreis von Freunden war häufig in ihrem Hause versammelt, aber trotz aller Bemühung hatte es der guten Mutter noch nicht gelingen wollen, ihren Töchtern, deren vielfache Fehler sie sehr gut kannte, zu einem eigenen Heim zu verhelfen. „Jetzt soll noch dazu eine arme Verwandte zu uns kommen, die vielleicht sogar aus dem Hause plaudert," murrte Edith, als die drei Damen allein im Wohnzimmer saßen, in dem die gewöhnliche, heitere Maske abgelegt wurde, hingegen Uneinigkeit und Streit häufig überhand nahmen. „Meine liebe Edith, ich sehe die Nothwendigkeit gar nicht ein, sie überhaupt in unsere Kreise einzuführen," versetzte höhnend die ältere Schwester. „Wir halten sie einfach in dem Hintergrund, betrachten sie als Stütze, Näherin, oder wie wir ihre Dienste verwenden können; die Leute sollen gar nicht wissen, daß sie unsere Cousine 603 ist, dann wird sie auch zu keiner Gesellschaft zugezogen." „Das ist auch ganz unmöglich; ich kann doch nicht drei heiratsfähige Mädchen herumführen," ertönte Frau von Reinberg's schrille Stimme. „Ihr Beide müßt erst verheirathet sein, ehe ich meine Nichte in der Welt einführe. Das Mädchen ist auch bettelarm; ich müßte für ihre Garderobe sorgen, wenn wir sie mit uns nehmen wollten, und das kann ich nicht. Es wird mir ohnehin schwer genug, dieses kostspielige Leben in der alten Weise weiter zu führen und — —" „Wir müssen bald eine Abendgesellschaft oder einen Ball geben," unterbrach Cecilie die Mutter ungestüm. „Wir sind es vielen Offizieren schuldig, und Oberst Wellinghof ist wieder hier; er war einige Tage bei seinem reichen Onkel." „Wirklich? oh! das ist gut; der Onkel ist fabelhaft reich, und er ist der einzige Erbe. Er hat mir oft von dem großen Rittergut erzählt, das er später erben wird, und ich gedenke, Herrin darauf zu werden," versetzte Edith, die Schwester mit neidischen Blicken betrachtend. „Du? Na, das ist unerhört; im letzten Garten-Conzert ist er nicht von meiner Seite gewichen." „Weil ich gerade an einer kleinen Bootfahrt Theil nahm," schaltete die Schwester unwillig ein. „Er erzählte mir später, daß er kaum Deine Worte gehört habe, weil er beständig unserm Boote nachschaute." Edith's Augen flammten zornig bei diesen letzten Worten, ihre Stimme bebte vor innerer Erregung. Er hat von seinem Vater ein Vermögen von einer halben Million geerbt, und wenn sein Onkel stirbt, nimmt er seinen Abschied und verwaltet das Rittergut." „Edith! ist das wirklich wahr? ist er so reich?" warf die'Mutter ein, vor Erstaunen ihr Buch fallen lassend. „Ja, ich hörte es gestern im Conzert, Frau Herbert erzählte es mir, sie kennt die Familie ganz genau; und ich will später ganz gewiß Frau Oberst Wellinghof werden." „Ich ebenfalls," schaltete Cecilie ruhig ein. „Meine lieben Töchter, zankt Euch doch nicht wieder," flehte die Mutter. „Ich habe Kopfschmerzen, und das laute Sprechen macht mich nervös. — Mich soll doch wundern, wie diese Melitta sein wird," fügte sie dann hinzu, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. „Zweifellos ist sie ungebildet und häßlich; sie war als kleines Kind durchaus nicht hübsch; ich sah damals ihre Photographie, als ihre Mutter noch lebte." „Sie wird jedenfalls uns keinen Abbruch thun," höhnte Edith. „Ihr Vater lebte dort in dem kleinen Landhause, sie ist nie in der Welt gewesen, hat also auch keine Erziehung genossen; hoffentlich erzählt sie nicht, daß sie mit uns verwandt ist." „Das wird sie nicht thun, wenn ich es ihr verbiete"; versetzte die ältere Dame stirnrunzelnd. „Aber willst Du nicht nach dem Bahnhöfe gehen, um sie abzuholen, Cecilie?" „Ich ganz gewiß nicht!" versetzte die Gefragte. „Ich ebenso wenig!" schaltete die Schwester ein." „Du kannst ja selbst gehen, um sie abzuholen, Mutter, wenn Du so begierig bist, sie zu sehen, oder schicke das Dienstmädchen — Marie kann hingehen, so wird's am besten sein." Nach einigem Hin- und Herreden wurde der Vorschlag angenommen und Marie nach der Station geschickt, um die neue Hausgenossin abzuholen. Es dunkelte bereits, als der Zug einlief. Matt und lebensmüde stand Melitta allein auf dem Bahnsteig und ließ ihre umflorten Blicke trostlos über das rege Menschengewühl schweifen. Lachen und Scherzen, freudiger Willkommengruß schwirrte an ihre Ohren; nur sie stand allein, hier war Niemand, der ihr die Hand zum Willkommen bot; sie fühlte sich elend und verlassen, fast eben so verzweifelt, wie sie vor kurzer Zeit an der Bahre ihres Vaters gestanden hatte. Aber sie blieb nicht unbemerkt. Ein großer, stattlicher Herr mit freundlichem, wohlwollendemAnt- litz mochte die einsame Fremde wohl bemerkt haben, denn höflich grüßend trat er auf sie zu und fragte ehrerbietig: „Darf ich Ihnen meine Dienste anbieten? Sie sind fremd hier, wie ich sehe; werden Sie erwartet?" Melitta hob ihre thränenfeuchten Augen, und als sie in das ehrliche Gesicht des Fremden blickte, erhellte ein mattes Lächeln, wie ein flüchtiger Sonnenschein, ihr bleiches Antlitz. „Ich erwartete abgeholt zu werden," gestand sie offen, „aber ich habe mich gewiß getäuscht. Wollen Sie mir zu einem Wagen verhelfen? ist es weit bis nach dem Marktplatz?" „Nein, nur wenige Minuten; aber da Sie hie fremd sind, nehmen Sie am besten einen Wagen." „Sind Sie Fräulein von Reck?" hörte sie Plötzlich eine schüchterne Stimme dicht an ihrer Seite. Melitta wandte sich freudig um und sah ein frisches rothwangiges Mädchen mit schneeweißer Schürze vor sich stehen. „Ich bin Marie, das Hausmädchen, und soll Sie abholen," fügte sie dann hinzu. „So werde ich wenigstens erwartet," dachte Melitta, erleichtert aufathmend, dann wandte sie sich an den Fremden, der sich inzwischen vergeblich bemüht hatte, einen Wagen aufzutreiben, und die Ankunft der Dienerin gar nicht bemerkt hatte. Kardinal Andreas Sleinhuber 604 „Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihren Beistand, ich werde abgeholt." Der Fremde verneigte sich, drückte seine Hoffnung aus, daß es ihr in dem Städtchen gut gefallen möge, und verließ den Bahnsteig. Melitta schaute ihm nach; das Gefühl der Einsamkeit beschlich sie von neuem. Als sie die melodische Stimme des Fremden gehört, in sein edles, aristokratisches Antlitz geschaut hatte, vergaß sie momentan ihre traurige Lage, die ihr jetzt drückender denn je erschien. Dann wandte sie sich an Marie, die sich mit dem Handgepäck zu schaffen machte. „Wie gut, daß Sie gekommen sind, Marie," begann sie, „ich wußte gar nicht, was ick hier allein in der fremden Stadt machen sollte. Können wir jetzt gehen, oder ist hier ein Wagen oder Omnibus?" „Es ist nicht weit, kaum zehn Minuten", erwiderte das Mädchen, und beide gingen raschen Schrittes ihrem Ziele zu. Noch saß Frau von Neinberg mit ihren beiden Töchtern im Wohnzimmer, als Melitta eintrat. Alle drei hefteten ihre kalten, kritischen Blicke auf die arme Waise, und keine von ihnen brachte ein freundliches Wort zum Willkommen über ihre Lippen. Die beiden jungen Damen überzeugten sich sogleich, daß sie in ihrer Cousine eine ganz gefährliche Nebenbuhlerin halten, denn diese liebliche Anmuth hatten sie nicht zu sehen erwartet. Es war doch wirklich schlimm genug, daß sie immer als Hausgenoffin bei ihnen sein sollte, aber daß sie so bildschön war, war doch unerträglich. Die Mutter mochte dieselben Gedanken haben, denn auch sie maß mit strengen, finstern Blicken die arme Nichte. „Du kommst sehr spät," brach endlich Cecilie das peinliche Schweigen. Wir würden Marie nicht geschickt haben, wenn wir das gewußt hätten, da wir sie kaum im Hause entbehren konnten." „Ja, so ist es," pflichtete auch Edith bei. „Du hättest auch ebenso gut allein kommen können. Mir scheint es, Du bist daran gewöhnt, allein im Dunkeln auszugehen." Purpurgluth bedeckte die bleichen Wangen der Fremden. „Nein," versetzte sie eisig, „ich gehe nie im Dunkeln allein, und ich bedaure, daß Marie lange ausgeblieben ist. Wir waren uns fremd, daher wartete sie, bis sich die Menschenmenge verlaufen hatte, und ich wußte ja auch nicht, was ich machen sollte." „Bist Du zu Fuß gekommen?" Frau von Neinberg blickte ihre Nichte bei diesen Worten durchbohrend an. Aus dem schroffen Benehmen ihrer Töchter ersah sie endlose unangenehme Folgen; aber sie wagte nicht, ihnen entgegen zu treten. „Ja! Marie sagte, der Weg sei nicht weit, und es war kein Wagen zu haben," lautete die kurze Antwort. „Marie hat ebenso unüberlegt gehandelt; sie hätte vorher einen Wagen nehmen müssen. Hoffentlich hat Dich Niemand gesehen." „Wenn mich Jemand gesehen, so würde man mich nicht für eine Verwandte dieses Hauses gehalten haken," gab Melitta kalt zurück; denn ihr Stolz empörte sich gegen diesen unerwarteten Empfang. „Nein, gewiß nicht," gab Frau von Reinberg zu, „aber du wir gerade dieses Thema begonnen haben, Melitta, so sollst Du gleich erfahren, daß wir übereingekommen sind, Dich nicht als eine Verwandte in unsere Kreise einzuführen. Dein Vater war ja auch nur mein Stiefbruder, daher ist die Verwandtschaft nicht einmal nahe. Es ist mir höchst fatal, daß ich Dir gleich am ersten Abend erklären muß, daß wir Dich nur aus Mitleid aufnehmen; aber man soll hier in der Stadt nicht erfahren, daß wir arme Verwandle haben. Es könnte nachteilig für meine Töchter werden; hoffentlich hast Du mich verstanden So, Du willst Dich gewiß gern in Dein Zimmer zurückziehen. Wir essen pünktlich um acht Uhr zu Abend." Melitta richtete sich stolz empor. „Soll das heißen, daß ich an den Mahlzeiten Theil nehme?" fragte sie eisig. „Wenn wir allein sind, gewiß, ist aber Besuch da .." „Werde ich in meinem Zimmer bleiben," ergänzte Melitta bitter. „Auch heute Abend bleibe ich lieber allein; ich bin müde und von der Reise angegriffen." „Sehr gut. Marie," wendete sich die Hausfrau an die Dienerin, die soeben eintrat, „zeige Fräulein von Reck ihr Zimmer und bringe ihr Thee zum Abendessen. Gute Nacht, Melitta." „Gute Nacht, Frau von Neinberg," und ohne einen Blick auf die Cousinen zu werfen, verließ Melitta hoch aufgerichtet das Gemach. „Mutter, was sollen wir thun? Sie ist bildschön und überschattet uns beide," stöhnte Edith, als sich die Thür hinter Melitta geschloffen hatte. „Wenn wir das früher gewußt hätten, so wäre sie jetzt nicht hier." „Sie darf nicht hier bleiben, Du mußt ihr ein anderes Unterkommen verschaffen," wandte die Schwester ein. „Regt Euch nicht auf, Kinder; gewiß, sie darf hier nicht bleiben: es ist unmöglich," tröstete die Mutter und sann schon auf Mittel und Wege, sich so schnell wie möglich der Armen zu entledigen. ^ 2. Kapitel. Mittlerweile lag Melitta auf ihrem harten Lager in dem kleinen niederen Mansardenstübchen mit den kahlen Wänden, dem schmalen, hohen Dachfenster und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. „Ich will hier nicht bleiben," stieß sie zu wiederholten Malen hervor, „lieber bei freundlichen Leuten eine untergeordnete Stellung einnehmen, als hier bei diesen stolzen Leuten bleiben! O, Vater, Vater, warum hast Du nicht besser für Dein Kind gesorgt, warum hast Du mich so allein in die erbarmungslosen Welt hinausgestoßen," rief sie verzweifelt. Aber kein Vater hörte das verlassene Kind. Nach und nach wurde sie ruhiger, ihre wirren Gedanken sammelten sich zu einem stillen Seufzer. „Ach, lieber Gott, hilf! Du allein kannst helfen!" stammelten endlich ihre blassen Lippen. Wußte sie im Augenblick auch nicht, was sie erbitten sollte, sie flüchtete doch zuversichtlich an Gottes treues Vaterherz. „Er macht es besser als wir denken," fuhr sie in ihrem Sinnen fort, dann schloffen sich ihre müden Augenlider zum ersten Schlaf in ihrem neuen Heim. Als sie am nächsten Morgen nach unruhigem Schlummer erwachte, hatte sie das Gefühl, als hielte ein schwerer, unheilvoller Traum noch ihre Sinne umfangen. Doch ein Blick in die elende Dachkammer, auf die nackten Wände und den hölzernen Schemel an ihrem Bette setzte sie schnell in die Wirklichkeit zurück. Sie gedachte der langen mühsamen Reise und dann des Empfangs ihrer Verwandten. --->^ Ä-Ls. W?kL fÄL-M,V WW ^; ?HHHM 606 „Sie haben mir nicht einmal die Hand gereicht/' klagte sie unter Thränen, „ich werde mich hier niemals wohl fühlen." Ein lautes Pochen an der Thür weckte sie aus ihren dumpfen Träumen. Marie kam, um sie zum Frühstück in das Speisezimmer zu führen. Augenscheinlich hatten die drei Damen ihre Gesinnung über die neue Hausgenossin geändert, denn Cccilie lächelte die Cousine freundlich an, auch Edith ging auf sie zu und reichte ihr die Hand. Die alte Dame schien befriedigt, denn sie nickte ihren Töchtern verstündnißvoll zu, dann umarmte sie die erstaunte Nichte und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Du hast Deines Vaters Züge, hoffentlich hastDunichtseinen Leichtsinn geerbt," begann sie. „Wir haben hier im Hause viel Arbeit; wir wollten uns schon eine Hülfe nehmen, aber jetzt, da Du gekommen bist, müssen wir sehen, daß wir allein fertig werden. Bist Du geschickt in Handarbeit?" „Ja!" „Kannst Du Hüte garniren?" fragte Ce- cilie ungestüm. „Und Kleider anfertigen?" warf Edith ein. „Ich habe beides für mich stets gethan," lautete die Antwort, „aber gewiß seid Ihr anspruchsvoller, wie ich es bin." „Hast Du dasKleid selbst gemacht, was Du an hast? es sitzt vorzüglich ",fuhrEdith fort, mit kritischen Blicken den Anzug der neuen Cousine betrachtend. „Ja; ich machte meine Kleider stets allein." „Gut. Ich will Dir einige meiner Kleider nach dem Frühstück zeigen; sie müssen umgeändert werden. Eine Schneiderin würde sich zu viel dafür bezahlen lassen; dann fehlt mir auch ein Gesellschaftskleid." „Ich will helfen so gut ich kann," versicherte Melitta, nur mühsam ein verächtliches Lächeln unterdrückend, daß das Benehmen der Cousinen sich über Nacht so gänzlich geändert hatte. (Fortsetzung folgt.) — —I««i—- Goldkörner. Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig; Denn die Tage sind kurz und beschränkt der Sterblichen Schicksal. Bedernau. (Mit Illustrationen.) Bedernau, im Alterthum „Werdernaw," „Wetternau" geheißen, ist ein volkreiches Pfarrdorf !//z Stunden westlich von Pfaffenhausen, an einem in's Kammelthal abfallenden Hügelgelände, und zählte stets zur alten Herrschaft Mindelheim, deren erste Inhaber die Welf'schen Vasallen von Mindelberg waren. Im Jahre 1250 stiftete Schwigger von Mindelberg in seinem Dorf Werdernaw ein Wilhelmitenkloster, welches, im Jahre 1256 von Papst und Bischof bestätigt, schon i. I. 1257 die Ordensregel der Eremiten des hl. Augustin annehmen mußte und später nach Mindelheim verlegt wurde. Nach Pl.Braun(Htst.- top.Bschrbg.1S.179) geschah die Verlegung desKlosters 1264, das ist aber nach der uns vorliegenden Urkunde v. I. 1275, betr. den Verkauf des Hofes zu Bergenstetten an „die Brüder so da geheißen sint von Bedernaw" (wörtlich) nicht richtig, sondern waren vielmehr die Augustiner- Eremiten damals — 1275 — noch in Bedernau. Die Verlegung des Klosters nach Mindelheim scheint jedoch bald darauf stattgefunden zu haben. Als sie erfolgte, bestätigte Schwigger von Mindelberg die Kirche von Bedernau dem Kloster i. Mindelheim. Im Jahre 1288 nahm Heinrich von Mindelberg den Kirchensatz von Bedernau wieder an sich und gab dem Augustiner-Kloster dafür den Kirchensatz von Mindelau. Die Inhaber der Herrschaft Mindelheim im 16. Jahrhundert, die Herren v. Frundsberg, gaben Bedernau mit Baumgärtl wieder an reiche Stadtbürger als Afterlehen, so nach dem Bauernkriege an die Stebenhaber aus Memmingen. J.J. 1556 waren Marx und Johann Egolf Stebenhaber im Lehenbesitz von Bedernau. I. 1.1590 war David Weiß, Bürger von Augsburg, im Ortsbesitz. Als am Anfang des 17. Jahrhunderts die Herrschaft Mindelheim in den Besitz des Herzogs Max von Bayern gelangt war, erlangte der reiche Augsburger Bürger Hans Oesterreichs um 1616 Bedernau als bayer. Lehen. Er präsentirte i.J. 1617 den Fr. Bronner und nach dessen Rücktritt 2. April 1618 den PH.Schrueff als Dedernau. (Schloß der Freiherren v. Castell.) Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krnrnbach. fVervielfältigurigSrecht vorbehalten.) ^-2 WM' 607 Pfarrer, der bei Beginn des Jahres 1633 starb. D. Oesterreichs präsentirte dann den Gg. Dischmacher. Ob dieser das Pestjahr 1635 überlebte, ist nicht bekannt. Die Gemeinde hatte 1635 außerhalb des Dorfes für die an der Pest Gestorbenen den Pestgottesacker angelegt, den sie 16 Jahre nach der Pest — im Jahre 1651 — arg vernachlässigte. General- vicar Zeiler befahl darum nach der Visitation, daß der Pestgottesacker mit einer Mauer umgeben werden müsse. Nach Pfarrer Dischmacher's Tod, der zwischen 1635 und 1640 erfolgt sein mochte, wurde die Pfarrei Bedernau meist von Breitenbrunn aus versehen. Im Jahre1646 erhielt Bedernau, nachdem der imKriege„arg zergangene Pfarrhof" reparirt war, wieder einen eigenen Pfarrer — Hans Mäher, den Hans Christ. Oester- reicher am 20. April 1646 präsentirte. JmJahre 1665 zog Pfarrer Mayer auf die Pfarrei Mindelau, und Hans Christoph Oesterreicher präsentste den 31. Mai den Martin Bisse! (1665 bis 1680) alsPfarrer. Bald darauf verkaufte Oesterreicher die Ort- schaftBedernau an den Grafen Wolf Bernhard vonMuggenthal, dessen Geschlecht die Herrschaft als bayerisches Lehen fast 100 Jahre lang — von 1665—1762 — behauptete. Im Jahre 1762 fiel die Herrschaft Bedernau von den Grafen v. Muggen- thal an Bayern heim, das den Hof-Zahlmeister v. Kretz damit belehnte, der aber schon nach 4 Jahren, 1766, Bedernau wieder gegen die Hofmark Rätzenhofen (Nieder- bayern) eintauschte. Bedernau war nun 13 Jahre lang (1766—1779) unmittelbar bayerisch, bis im Jahre 1779 die Kaiserin Maria Theresia im bayerischen Erbfolgekrieg die Herrschaft Mindelheim auf kurze Zeit an sich zog und Bedernau dem kaiserlichen General v. Ried als ein „Kunkellehen" überließ, (v. Naiser.) So kurz wie der bayerische Erbfolgekrieg war auch die österreichische Herrschaft in Bedernau. Im Jahre 1781 war der Flecken schon wieder bayerisch, und Churfürst Carl Theodor belehnte nun im Jahre 1782 den churpfälzischen Finanzminister Freiherr» v, Ca stell mit dem Lehen Bedernau, dessen Nachkommen es heute noch in Besitz haben. Am 26. März 1789 präsentirte Joseph Leopold Neichsfreiherr von Ca stell— „Herr der Herrschaft von Bedernau, zu Rhörda und Neilra, Ober- und Nieder-Egelbach, Steinhaufen und Mittersendling, Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern wirk!, adeliger Hofgerichtsrath zu Mannheim, dann Hofkammerrath und Hofkassierer in München" — den Norbert Pfanzelt als Pfarrer (1789—1815). Pfarrer Pfanzelt's Pfarramtsführung dauerte also gerade so lang wie die französische Nevolutionsperiode, die im Jahre 1789 begann und 1815 abschloß. Ihm folgten Bened. Schnitzer (1815 bis 1825), Johann Gg. Koneberg (1826 bis 1835), der Oheim unseres unvergeßlichen Herrn Dom- kapitulars Joh. Gg. Hafenmayr und des gewesenen Hrn. Pfarrers ?. Hermann Koneberg in Otto- beuren, ferner Decan Joh.Deisler(1835bis 1840),JosephRampp (1840bis1848),Ant. Stiegeler (1848 bis 1884), Konrad Neitz (1884 bis 1888), Anton Mahr (seit 1888). Bei der Säkularisation wurde ein frei- herrl. v. Castell'sches Patrimonial - Gericht zweiter Classe errichtet, dasselbe aber später aufgehoben und auch die niedere Gerichtsbarkeit der Ortschaft Bedernau dem königl. Landgericht Mindelheim zugetheilt. Der dermalige Inhaber des Lehens und Schloßgutes mit Grundherrschaft ist Herr Domkapitular undGeneralvicar Frz. Xaver Freiherr vonCastell inAugs- burg, Urenkel des churpfälzischen Finanzministers, der vom Churfürsten Carl Theodor die Herrschaft Bedernau zuerst, anno 1782, zu Lehen erhielt. -- Zu unl-ren Bildern. Kardinal Andreas Steinhulicr. *) Das Ereigniß, daß ein Bayer mit dem Purpur des Kardinals geschmückt wurde, ist zu bedeutungsvoll, als daß es Übergängen werden dürfte. Ww finden in der Geschichte mehrfach bayerische Kardinäle, *) Aus der sehr empfehlenswerthen Wochenschrift „Das Bayerland", redigirt von H. Leher, herausgegeben vonR. Olden- bourg in München. Kedernau. (Schloß und Kirche.) Original-Aufnahme von Gustav Baaber, Photograph in Krnmbach. fVervielfältigungSrecht vorbehalten.) MKtzM 608 Prinzen unseres Königshauses, Mitglieder unserer großen adeligen Familien, insbesondere Bischöfe unserer einstigen reichs- unmittelbaren Bisthümer. Aber äußerst selten werden wir finden, daß ein Sprosse einer bürgerlichen Familie des Landes diese hohe Würde der katholischen Hierarchie erreicht hätte; insbesondere in den früheren Jahrhunderten, während wir in der Gegenwart den verstorbenen Kardinal Hergenröther zu nennen hätten. In dem jetzt vorliegenden Falle bat der Kreis Niederbayern die Freude, den neuen Kirchenfürsten seinen Landsmann nennen zu dürfen. Der vor Kurzem durch Leo XIII. zum Kardinal erhobene D. Andreas Steinhuber wurde geboren am 11. Novbr. 1825 als Sohn des Raumoserbauern Chrysant Steinhuber und seiner Frau Maria geb. Hölzl aus der Pfarrei Birnbach zu Unteruttlau, Pfarrei Uttlau, Bezirksamts Griesbach. Es war eine mit acht Kindern gesegnete Familie, nämlich fünf Brüder und drei Schwestern, wovon Kardinal Steinhuber der jüngste ist; zwei Brüder davon find seit einigen Jahren gestorben, ebenso zwei Schwestern, wovon sich eine dem Klosterleben widmete und in Nymphenburg starb. Es leben gegenwärtig außer dem Kardinal noch zwei Brüder, nämlich Chrysant Steinhuber, Privatier in Griesbach, und Engelbert Steinbuber, Oekonom in Unteruttlau, sowie eine Schwester, Anna Propsteder, geb. Steinhuber, Oekonomenwittwe in Endbam bei St Salvator. An der großen Freude nehmen Theil 19 Enkel und Enkelinnen, nicht minder die Geschwister des hohen Würdenträgers, auch alle Verwandte, welche diesem Stamme angehören, die gesammte Diözese Passau und der Kreis Niederbayern. 1836 kam Steinhuber an die kgl. Studienanstalt Passau, welche damals der als Pädagoge und Schulmann heute noch berühmte Rektor Peter Brunner leitete. Steinhuber absolvirte das Gymnasium 1844. Die alten Kataloge der Anstalt lassen ihn jedes Jahr unter den Preisträgern erscheinen, fast in allen Jahren auf dem dritten Platze im allgemeinen Fortgange. Im Deutschen und in der Geschichte erhielt er wiederholt den ersten Preis. 1844/45 machte er noch den I. philosophischen Kurs am königl. Lyceum in Passau durch, dann kam er in das Germanium nach Rom. In der Lateran-Basilika wurde er am 19. April 1851 zum Priester geweiht; am Ostersonntag (20. April) feierte er sein erstes hl. Meßopfer. Der spätere Kardinal Hergenröther, der berühmte Apologet Hettinger, die Brüder Hurter, der jetzige Bischof Battaglie von Chur waren dort seine Mitschüler. Als Dr. xbil. et tdsol. kehrte er im Juni 1853 aus Rom zurück. Nach damals bestehenden staatlichen Bestimmungen widmete er sich im Schuljahre 1853/54 an der Universität München dem Studium der in's Verwaltungs- und Rechtsfach einschlägigen theologischen Gegenstände. Vom 27. Mai bis 12. Aug. 1854 versah er die Stelle eines Hofkaplans bei Ihrer Königl. Hoheit Herzogin Louise von Bayern und ertheilte dem Prinzen Karl Theodor Unterricht im Italienischen, den Prinzessinnen Marie, Mathilde und Charlotte in der Religionslehre. Ende September desselben Jahres kehrte er nach Passau zurück. Von Oktober 1854 bis Oktober 1857 wirkte er als Stadtpfarr- Kooperator in Jnnstadr-Passau. Ende Oktober desselben Jahres trat er in St. Andrä (Kärnten) in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Nach überstandener Probezeit wurde er Professor, zuerst der Philosophie, dann der Theologie, an der Universität Innsbruck. Im Jahre 1867 kehrte er als Rektor in das deutsch-ungarische Kollegium zurück, dessen Leitung er bis Herbst 1880 behielt. Während er dieses Amt bekleidete, wurde er (1873) gleichzeitig zum Theologen der apostolischen Pönitentiarie ernannt, was er bis jetzt geblieben ist. Außerdem hat er bislang bei den Kongregationen der Inquisition, der Propaganda und der außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten gewirkt. Am 16. Januar 1893 verlieh ihm Leo XIII. im geeimen Konsistorium den Purpur, behielt ihn aber in xotto. Die Publikation erfolgte im Konsistorium des 18. Mai 1894. Wir sind in der angenehmen Lage, den werthen Lesern des „Unterhaltungsblattes" das Porträt Seiner Eminenz des Herrn Kardinals nach der jüngsten Photographischen Aufnahme von F. de Federicis in Rom bieten zu können. _ Nor dem Amisvorsteher. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis erbricht! Das mußte auch heute der alte Sepp erfahren. Schon längst hatte der Herr Förster bemerkt, daß im Gemetndewalde ein Holzfrevler sein Spiel treibe, nur konnte der Dieb nicht eruirt werden. Verdacht hatte er freilich schon immer auf den Sepp, allein der verstand es eben, sich nicht erwischen zu lassen. Ein Dieb war der Alte, wie er meinte, eigentlich nicht. Er war ein armer Teufel, was man sagt, und glaubte eben, auf etliche Stämme Holz könne es dem Herrn Wald-Besitzer unmöglich ankommen. Allein das Gesetz ist strenge und der Herr Förster auch. Heute wurde der Seppl auf frischer That ertappt und muß nun mit- sammt dem oorxns äslioti, dem Holzhündel, vor den Amtsvorsteher. Da steht er als Angeklagter vor der hohen Behörde mit geballten Fäusten und wildrollenden Augen, als hätte ihm der Förster, der ihn mitgenommen, ganz und gar Unrecht gethan. Wie wird die Sache wohl enden, Sepp? Wir befürchten, nicht gut. --SÄ8SLS-- Allerlei. Militärische Reminiscenz. Theaterdirector sam 15. des Monats den Gang zur Kasse durch eine Schaar Schauspieler und Schauspielerinnen versperrt findendj: „Bitte, zurück da, meine Herrschaften, aus der Vorschußlinie I" * Selbsterkenntniß. sAus dem medicinischen Examens Professor: „Können Sie mir ein besonders markantes Beispiel von den verderblichen Wirkungen des Alkoholismus anführen?" Student stief aufseufzend^: „Mein Schweigen!" Eine gute Freundin. Emma: „Hast Du gehört, daß sich unsere Freundin, die Paula, verlobt hat? Wollen wir sie nicht 'mal besuchen?" — Marie: „Wozu denn? Da läßt sich doch nichts mehr dagegen machen!" Umschreibung. A.: „Nun, wie war denn das diesjährige Manöver?" — Major: „O, drei Generale blieben als Civilisten auf dem Platze." -— - Himmelsschau im Monat Oktober. —/. Merkur wird Abendstern, aber kaum sichtbar, da er höchstens 40 Min. länger am Westhimmel bleibt, als die Sonne. Venus Z ist als Morgenstern kaum noch sichtbar, da sie zuletzt erst 6 U. morgs. aufgeht. Mars F wird der hellste Stern am Himmel, leuchtet die ganze Nacht und bewegt sich vom Widder gegen die Fische. Am 15. befindet er sich in der Nähe des Mondes. Jupiter R geht anfangs um 9 U. 30 M., zuletzt 7 U. 30 M. abds. auf. Am 18. Sternschnuppen östlich vom Orion, besonders in später Nacht. --S-8ÜS-S- ZLi der-Aäthsel. Auflösung der räthselhaften Inschrift in Nr. 77: Damen-Coups. ^L79. Ircitag, den 28. September 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Map Hutkler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Cccilie ließ sich über die neuesten Moden in der Residenz und Melitta's Heimath unterrichten, und kaum war das einfache Frühstück beendet, als beide Damen der neuen Hausgeuossin die verschiedensten Toiletten zeigten, die sämmtlich umgeändert und erneuert werden sollten. „Du kannst hier in diesem Zimmer arbeiten," bemerkte Edith herablassend, „denn wir benutzen es selten, da wir häufig in Gesellschaften sind oder unten im Salon unsere Besuche empfangen. Du kannst vom Fenster aus den ganzen Markt überblicken, und da der Gasthof gerade gegenüber liegt, wird es Dir nie an Unterhaltung fehlen. Es ist oft sehr interessant, den regen Fremdenverkehr zu beobachten." Melitta antwortete nichts. Der Gedanke, hier in diesem Zimmer von Morgen bis Abend, einen Tag wie den andern, ohne Abwechselung arbeiten zu müssen, raubte ihr fast die Besinnung und gern hätte sie gleich heute noch ihre wenigen Sachen zusammengerafft, um in die weite Welt hinauszuwandern. — So schlichen Tage und Wochen langsom dahin. Der reiche, üppige Herbst mit seinen glänzenden Farben hatte dem eisigen Winter Platz gemacht. Rauhe Winde spielten mit den letzten dürren Blättern, wirbelten sie hoch in die Luft, und die kahlen Bäume streckten wie wehklagend die nackten Zweige zum Himmel empor. Der Winter hatte die warme Lebenslust von der Erde gestreift, die Blumen waren dahin und die Vöglein fortgezogen. Mehr denn je fühlte sich Melitta wie eine Gefangene; denn sie war an ein freies, ungebundenes Leben gewöhnt, und jetzt durfte sie ohne Erlaubniß nie das Haus verlassen; denn obgleich die Töchter freundlich im Umgang mit ihr blieben, die Mutter sogar ihr erlaubte, sie mit „Tante" und „Du" anzureden, so konnte sie sich doch nicht heimlich fühlen. Zahlreiche Gäste gingen in dem offenen Hause ein und aus. Melitta blieb unverdrossen bei ihrer Arbeit; sie hörte das heitere Lachen, das muntere Geplauder ihrer Cousinen, ebenso das Geklirr der Tassen, Gläser und Teller; aber Niemand dachte daran, ihr eine kleine Erquickung zu bringen, wiewohl sie oft darnach lechzte. Oberst Wellinghof war ein häufiger Gast, aber trotzdem hatte Melitta ihn noch nie gesehen. Cecilie und Edith wurden nicht müde von ihm zu erzählen — sein Reichthum', seine geistreiche Unterhaltung, seine edlen Züge und die seelenvollen Augen waren der unerschöpfliche Unterhaltungsstoff, bis Melitta müde wurde und den Namen nicht einmal mehr hören mochte. So vergingen langsam die Wochen im unerträglichen Einerlei, und schon rückte das Weihnachisfest mit seinen mancherlei Freuden und Festlichkeiten herbei. Die Offiziere der kleinen Garnison veranstalteten im Casino wie alljährlich einen großartigen Ball, und Melitta mußte fleißiger denn je bei ihrer Arbeit sitzen, um neue Ballkleider für diesen Festabend zu verfertigen. Sie selbst war so jung und lebenslustig; sehr gern hätte sie an dem Vergnügen theilgenommen, und ihr Loos schien ihr in diesen Tagen doppelt schwer zu ertragen, da eine glückliche Schickung die Cousinen aus dem reichen Füllhorn mit Freude und Glück überschüttet hatte, während ihr nur Mühe, Sorge und Arbeit zugefallen war. Vielleicht ahnte Edith die Gedanken ihrer Cousinen, denn sie vertrösteten dieselbe auf spätere Zeiten, wo sich gewiß bald Gelegenheit finden werde, zur Belohnung ihres unermüdlichen Fleißes ein Theater oder Concert zu besuchen. Endlich war der lang ersehnte Festtag herbeigekommen. Es war ein rauher, kalter Dezembertag. Hoch lag der festgefrorene Schnee in den Straßen; schwere blauschwarze Wolken wälzten sich am Himmel, doch trotz der grausigen Witterung hat Cecilie ihre Cousine mit einem unbedeutenden Auftrag in die weit entlegene Wohnung einer Freundin geschickt. Von Neuem empörte sich der Stolz in Melitta's Herzen; selbst Marie, das Hausmädchen, hatte sich geweigert, sich bei diesem Unwetter in's Freie zu wagen und, eine leichte Erkältung vorschützend, Melitta den Auftrag ihrer Herrin überbracht. Ein eisiger Wind branste und heulte in den entlaubten Aesten über ihrem Haupte, als sie fest in ihren Mantel gehüllt, den Rückweg antrat. Von Alinute zu Minute schien der Sturm heftiger zu werden, nur mit größter Mühe konnte sie gegen denselben ankämpfen. Dichter Schnee mit Hagel vermischt schlug ihr in's Gesicht und verdunkelte ihre Blicke, so daß es fast unmöglich schien, vor- oder rückwärts zu kommen. Melitta stand verzweifelt, machtlos lehnte sie gegen den Stamm einer alten, knorrigen Eiche, in deren Aesten eine Schaar Krähen ihr heiseres Geschrei in das trostlose Geheul des Sturmes mischten. 610 „Singt mir mein Todenlied da oben, ihr schwarzen Nachwöge!," rief sie aus, zu der krächzenden Schaar aufblickend, die hoch über ihr flügelschlagend gegen die Strömung der Luft ankämpfte, denn sie wagte fast nicht mehr auf Rettung aus diesem Unwetter zu hoffen. Nach und nach wurde sie ruhiger; auch die Kraft der entfesselten Elemente in der Luft schien gebrochen, der Sturm raste weniger heftig, und vorsichtig verließ daS vor Frost und Kälte an allen Gliedern zitternde Mädchen den schützenden Baumstamm. „Ich will diese demüthigende Behandlung nicht länger ertragen," flüsterte sie leise vor sich hin, „noch heute will ich meiner anderen Stieftante einen Brief schreiben und sie um Hülfe bitten. Sie will mich zwar nicht in ihrem Hause aufnehmen, aber sie wird mir zu einer Stelle verhelfen. Nach Edith's Aussagen ist sie eine reiche, aber sehr excentrische alte Jungfer", fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, „aber nach allem, was ich von ihr gehört habe, wird sie mir trotz ihrer Launen und Eigenheiten doch gut gefallen. Ich habe doch eine gute Erziehung genossen, bin sehr musikalisch, und hier habe ich gar keine Gelegenheit, meine Talente zu verwerthen. — Einen Versuch will ich machen, nur muß ich vorsichtig sein, damit Edith und Cecilte nichts merken, sonst komme ich in den Verdacht, mich in Tante Lydia's Gunst einschleichen zu wollen, um sie später zu beerben. Bah! ich denke gar nicht an Geld und Reichthum, nur-" Ihr Gedankenflug nahm ein jähes Ende. Ohne des glatten, eisigen Weges zu achten, hatte sie ihre Schritte beschleunigt, sie rutschte — taumelte und fiel auf die Erde. Erschreckt, vom Fall halb betäubt, versuchte sie sich aufzurichten; dabei fühlte sie einen brennenden Schmerz am Kopf, auch den rechten Arm hatte sie dermaßen verletzt, daß sie sich nicht auf denselben stützen konnte. Verwirrt schloß sie die Augen, doch plötzlich fühlte sie, daß sie von der feuchten Erde aufgehoben wurde, und eine melodische, bekannte Stimme fragte theilnehmend: „Haben Sie sich verletzt, mein Fräulein " Melitta blickte auf. Eine leise Nöthe überzog ihr bleiches Antlitz, als sie in ihrem Netter jenen Fremden erkannte, der ihr schon damals auf dem Bahnsteig, seine Hülfe angeboten hatte; nur erschien er heute in seiner glänzenden Offiziersunisorm noch stattlicher, als in dem schlichten, grauen Reiseanzug. Auch der Offizier schien Melitta wiederzuerkennen, das bleiche Antlitz mit dem unendlich traurigen Ausdruck hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. „Ich habe mich nur ein wenig verletzt," antwortete sie auf seine Frage, „mein Arm scheint verrenkt, es wird sich bald wieder bessern, und mein Kopf muß auf einen spitzen Stein gefallen sein." Beim Schein einer nahen Laterne bemerkte er eine nicht unbedeutende Stirnwunde, aus der langsam Blut zu träufeln begann. „Sie müssen bald Ihre Stirn kühlen," rief er besorgt, haben Sie noch weit zu gehen?" „Nur bis auf den Markt; ich bin bald am Ziel. Es war recht thöricht von mir, nicht besser auf weinen Weg zu achten und zu fallen, aber es ist so glatt." „ES ist auch kein Wetter für Damen, ohne Schutz auszugehen; es wurde mir selbst schwer genug, mir meinen Weg zu bahnen und gegen Wind und Wetter zu kämpfen." Melitta drückte mit zitternden Fingern ihr Tuch fest auf die Stirnwnnde, die heftiger zu schmerzen begann, und ein Gefühl großer Schwäche und der Ohnmacht übermannte sie. „Ich werde Sie heim geleiten," entschied der Offizier, „Sie können sich kaum aufrecht halten." „Ich danke Ihnen — Sie sind sehr gütig — ich fühle mich wirklich matt und — —" Es dunkelte vor ihren Augen; sie würde von neuem zur Erde gefallen sein, wenn sein starker Arm sie nicht beschützt hätte. „Sie müssen so schnell wie möglich heim, hier, nehmen Sie meinen Arm, versuchen Sie, ob Sie gehen können. Stützen Sie sich nur immerhin fest auf mich, ich bin stark genug, Sie zu tragen, wenn es nothwendig wäre." Diese Worte gaben Melitta ihre Kraft zurück; sie nahm den dargereichten Arm, und fest darauf gestützt setzte sie langsam den Weg fort. „Frau von Neinberg wird erschrecken, wenn sie erfährt, daß ihr Gast auf dem Wege diesen Unfall erlitten hat," bemerkte der Fremde, als Melitta das Ziel ihres Weges angegeben hatte. „Ich bin dort kein Gast; ich wohne bei ihr," versetzte Melitta ruhig. „Aber ich sah Sie dort noch niemals und gehe doch so viel im Haufe ein und aus. Wie geht das zu?" „Oh! das ist sehr einfach. Ich bleibe in meinem Zimmer, und wenn Gäste im Hause sind, darf ich mich überhaupt nicht sehen lassen. Ich bin ja nur eine arme Verwandte, die aus Mitleid aufgenommen ist," fügte sie dann bitter hinzu; sie vergaß momentan, daß sie zu einem Fremden sprach, und das Gefühl ihrer trostlosen Lage hatte sie vollständig überwältigt. „Weiß denn Frau von Neinberg, daß Sie bet diesem schaurigen Wetter ausgegangen sind?" fragte der Offizier mit strengen Blicken. „Ja, sie schickte mich selbst, da das Mädchen über Erkältung klagte. Aber," fügte sie hinzu, sich plötzlich besinnend, daß sie mit einem Fremden sprach, „bitte, vergessen Sie meine Worte und sagen Sie nicht wieder, was ich Ihnen vorschnell von meiner Stellung sagte. Frau von Neinberg liebt es nicht, mich als Verwandte in ihre Kreise einzuführen." „Ihr Vertrauen soll nicht mißbraucht werden, Fräulein-" „Melitta von Reck ist mein Name," ergänzte das junge Mädchen. „Oh! den Namen habe ich oft gehört. Georg von Neck war ein Freund meines Onkels, der jetzt ein großes Rittergut in Helmstadt hat. Ganz in der Nähe wohnt auch ein altes Fräulein, Lydia von Reck. Aber jetzt, da Sie mir Ihren Namen gesagt, ist es nur recht und billig, daß ich mich Ihnen vorstelle. Richard Wellinghof, Oberst im hiesigen Dragoner-Regiment." „Oberst Wellinghof!" rief Melitta fast erschreckt aus. „O, ich hatte mir von Ihnen eine ganz andere Vorstellung gemacht!" „Wirklich? Darf ich fragen in wie fern ich Ihrer Vorstellung nicht entspreche?" fragte er ernsthaft. „Nun, ich hörte so oft Ihren Namen, meine Cousinen erzählten nur von Ihnen, singen Ihr Loblied in allen Tonarten, so daß ich Sie für sehr stolz und hoch- müthig hielt. 611 Der Oberst lachte. „Hoffentlich haben Sie Ihre Meinung geändert," sagte er scherzend. „Gewiß. Sie sind gegen mich sehr gütig gewesen, sowohl heute, als auch an jenem Abend, als ich hier eintraf," gestand Melitta. „Leider kannte ich Sie damals noch nicht, oder ich würde Sie begleitet haben. Hätte ich jetzt nur gewußt, daß Sie bei Reinbergs wohnten, so würde ich Ihnen für den heutigen Ballabend eine Einladung geschickt haben, leider ist es jetzt zu spät." „Meine Tante würde es nicht erlaubt haben; Sie sehen, ich trage auch noch Trauerkleidung für meinen Vater, besuche also auch keinen Ball, wiewohl ich so gern dem Vergnügen zugeschaut hätte." „Sie werden für die nächste Festlichkeit eine Karte bekommen," versicherte er höflich. „Ah! ich freue mich schon jetzt darauf. Doch hier sind wir am Ziel. Gute Nacht, Herr Oberst, und Dank für Ihre Begleitung; ohne Ihren Beistand wäre ich gewiß nicht so gut heimgekommen." „Darf ich hoffen, Sie bei meinem nächsten Besuch zusehen? Ich muß doch erfahren, ob dieser Fall auch keine nachtheiligen Folgen für Sie hat." „Nein, ich glaube, wir werden uns nicht wiedersehen," versetzte Melitta zögernd. „Und ich bitte, sagen Sie auch nichts von diesem Unfall, meine Tante möchte zürnen, daß Sie mir Beistand geleistet haben. Wollen Sie mir versprechen, darüber zu schweigen?" Sie sah flehentlich zu ihm empor, und als er in daS blasse, bleiche Gestchtchen schaute, konnte er nicht widerstehen und führte ehrerbietig die kleine bebende Hand an seine Lippen. „Gewiß, wenn Sie es wünschen," versicherte er schnell, „obgleich mir die Erfüllung Ihrer Bitte schwer werden wird; leben Sie wohl." Naschen Schrittes wandte er sich um, den Weg nach dem Castno nehmend. „Wie schade, daß sie heute Abend nicht an der Festlichkeit Theil nimmt," dachte er bei sich selbst. „Sie ist fast noch ein Kind, aber ein liebliches und, wie es scheint, unglückliches Kind. Warum hält Frau von Neinberg sie in dem Hintergrund?" grübelte er weiter. „Fa- milienstolz — oder fürchtet sie, daß diese kindliche Schönheit ihre eigenen Töchter in den Schatten stellt? Ich werde es bald genug erfahren." Inzwischen hatte Melitta sorgfältig die Spuren ihres Unfalls verwischt, die kleine Stirnwunde mit ihren welligen Haaren bedeckt, auch der Arm verursachte weniger Schmerzen. So betrat sie das Wohnzimmer, in dem die drei Damen gewöhnlich zu finden waren. „Du bleibst sehr lange!" rief Cecilie der Ankommenden zürnend entgegen. „Du mußt mir noch bei der Toilette helfen, mein Haar frisiren, und wenn Du nicht bald anfängst, so bleibt Dir für Edith sehr wenig Zeit übrig." „Du hast Dir gewiß die hell erleuchteten Schaufenster in den Läden angesehen?" rief Edith erregt dazwischen, „und dabei vernachlässigst Du Deine Pflichten." „Daran habe ich gewiß nicht gedacht", versicherte Melitta erröthend, „es war auch viel zu kalt und stürmisch, um mich lange draußen aufzuhalten; aber die Wege waren so glatt, ich konnte nur langsam vorwärts kommen." „Nun, stelle zuerst vorsichtig mein Blumenbouquet in's Wasser, aber behutsam, daß die Spitzenmanschette nicht feucht wird. Oberst Wellinghof hat es mir geschickt." „Nimm meine Blumen gleich mit; sie dürfen hier im warmen Zimmer nicht länger bleiben," befahl Edith. „Sind diese Blumen nicht entzückend? Glaubst Du nicht, daß mein Bouquet daS schönste ist?" Melitta näherte sich dem kleinen Seitentische, auf dem zwei herrliche Blumensträuße prangten. Das eine Bouquet aus Rosen und Maiglöckchen, das andere aus Kamelien und Veilchen bestehend. Sie waren beide gleich kostbar und prachtvoll, und Melitta konnte kaum einen leisen Seufzer unterdrücken, als sie gedachte, daß der Oberst ihr ebenfalls einen gleichen werthvollen Strauß geschickt haben würde, wenn er von ihrem Dasein eine Ahnung gehabt hätte. „Sie find beide herrlich", sagte sie, die Blumen bewundernd, „wenn ich zu wählen hätte, so wüßte ich nicht, welchem ich den Vorzug geben sollte." Cecilie lachte bei diesen Worten, während Edith stolz ihr Haupt zurückwarf. „So, jetzt hörst Du selbst, was Melitta sagt", rief sie hochmüthig. Deine Blumen sind also durchaus nicht schöner wie die »reinigen." „Vielleicht nicht, „höhnte Cecilie, „aber mein Bouquet besteht aus Rosen. — Rosen schenkt man bei einer Verlobung — werde noch heute Abend WellinghofS glückliche Braut sein!" „Nur, wenn er sich nicht mit mir verlobt," warf Edith boshaft ein. „Komm, Melitta, hilf mir bei meiner Toilette." „Melitta muß mir zuerst helfen; ich bin die älteste," gebot Cecilie. „Ja, Du bist bedeutend älter, daran zweifelt Niemand," gab die jüngere Schwester zurück, dann verließ sie das Gemach. Es waren für Melitta zwei schwere, lange Stunden, ehe die Toilette der Damen zur Zufriedenheit beendet war und sie endlich zum Casino fuhren, dann setzte sie sich hin und weinte bitterlich. „Soll ich mein ganzes Leben in dieser Weise zubringen?" klagte sie laut, „dann möchte ich lieber sterben; ich bin matt und todesmüde." Doch bald trocknete sie ihre Thränen; der Brief für Tante Lydia mußte in Eile geschrieben und zur Post 'besorgt werden, denn eine passendere Gelegenheit war nicht leicht zu finden. 3. Kapitel. „Ich bin ganz rathlos! Was in aller Welt sollen wir nun beginnen? Ich habe hin und her überlegt, kann aber gar keinen Entschluß fassen! Wenn es nicht um Deinetwillen wäre, Cecilie, so würde ich noch im letzten Augenblick die ganze Festlichkeit aufschieben. Aber Du bist ja fest überzeugt, daß Oberst Wellinghof sich endlich mit Dir verloben wird; ich begreife überhaupt nicht, daß es nicht schon lange geschehen ist! Du glaubtest doch auf dem letzten Ball im Castno so sicher zu sein." Frau von Neinberg's Stimme war erregt, ihre Nerven überreizt; ein unangenehmer harter Zug zeigte sich stets in ihrem strengen Antlitz, wenn sie die feine Gesellschaftsmaske abgelegt hatte. Sie war heute mit ihren beiden Töchtern und mit Melitta im Arbeitszimmer; die letztere wie gewöhnlich unermüdlich und fleißig mit einer Näharbeit beschäftigt. Sie schreckten schon lange nicht mehr davor zurück, in Gegenwart der Cousine die unerquicklichsten Unterhaltungen zu führen, gehässige Bemerkungen über Bekannte oder Freunde zu wachen, war doch Melitta in ihren Augen so gut wie eine Wachspuppe, deren Veröffentlichungen der häuslichen Scenen sie nicht zu fürchten hatten. Heute hatte Frau von Neinberg freilich Ursache genug, fast zu verzweifeln. Es sollte in ihrem Hause am folgenden Tage, als am Vorabend des Weihnachtsfestes, eine glänzende Abendunterhaltung stattfinden, zu der die Einladungen bereits sämmtlich angenommen waren. Oberst Wellinghof sollte die beste Gelegenheit finden, sich mit Cccilie zu verloben, denn zuerst wurden lebende Bilder, darnach kleine Aufführungen und zuletzt ein gemüthlicher Ball arrangirt, natürlich fielen die Hauptrollen dem Oberst und der ältesten Tochter des Hauses zu. Nun war im letzten Augenblick der Klavierspieler, der bei den Bildern zur Begleitung der Aufführungen zum Tanze und sogar in den Pausen spielen sollte, krank geworden, und zwar so ernstlich, daß an sein Erscheinen am Abend der Festlichkeit nicht mehr zu denken war. Auch war die Zeit viel zu kurz, um aus der nahen Residenz eine neue Kraft zu engagiern, kein Wunder daher, daß bet dieser unerwarteten Wendung die arme Mutter rath- und fassungslos war. „Wir dürfen die Festlichkeit nicht aufschieben, die Zeit ist viel zu kurz, auch sind alle Einladungen angenommen," bemerkte Cccilie mit der größten Kaltblütigkeit. »Ich will auch morgen Wellinghof's Braut werden, wir hätten uns schon auf dem letzten Ball verlobt, aber Edith kam jedesmal im kritischen Augenblick dazwischen und störte uns im Alleinsein. Wenn Du es morgen ebenso machst," fügte sie, mit drohenden Blicken ihre Schwester ansehend, hinzu, „so wirst Du es später bitter genug bereuen, wenn ich erst Herrin auf dem großen Nittergute und fabelhaft reich bin." „Hm! das wirst Du nie werden," versetzte die Schwester verächtlich, „ich habe ebenso viel und wohl noch mehr Aussicht wie Du." „Kinder, ich bitte Euch, zankt Euch heute nicht," flehte die Mutter, „helft mir lieber, wie ich einen Klavierspieler bekomme. Ich muß gestehen, ich bin noch in meinem Leben nicht in einer so großen Verlegenheit gewesen — was sollen wir nur thun?" „Darf ich spielen?" Es war Melitta, die diese Frage gestellt hatte, Unbemerkt hatte sie ihre Arbeit niedergelegt und stand jetzt hoch aufgerichtet ihrer Tante gegenüber. Sie war fast noch bleicher denn sonst, ihre Wangen waren eingefallen und zeugten deutlich von Ueberanstrengung und Ueberbürdung; doch ihre Singen leuchteten lebhaft und kindlich bittend schaute sie die erstaunten Verwandten an, als sie ihre Frage wiederholte: „Darf ich spielen?" „Du? Kannst Du spielen?" fragten betroffen die beiden jungen Damen. Sie hatten sich bisher noch gar nicht die Mühe gegeben, nach den Kenntnissen der armen Cousine zu fragen und hatten es für selbstverständlich gehalten, daß außer ihrer Handarbeit die Leistungen sehr gering sein müßten. „Ja, ich spiele gern," lautete die entschiedene Antwort. „Aber wie spielst Du?" forschte Edith. „Wir haben noch uie einen Ton von Dir gehört." „Weil Ihr mir nie Gelegenheit dazu gegeben habt. Ich war zu meiner Ausbildung im Konservatorium und habe mir dort den Preis errungen." „Kannst Du denn auch Tanzmusik spielen?" fragte die Tante mißtrauisch. „Gewiß", versetzte Melitta entschieden. Frau von Neinberg überlegte. „Ich sehe wirklich nicht ein, warum Melitta nicht die Stelle des Klavierspielers einnehmen sollte", sagte sie dann langsam. „Wir sind dann aus der Verlegenheit und es werden uns v;ele Mühen und Kosten erspart. Es wird Niemand erfahren, daß Du zur Familie gehörst, denn es werden oft Damen zum Spielen engagiert; man wird Dich für eine solche halten. Hast Du ein Gesellschaftskleid?" „Ich habe ein Kleid, das genügen wird. Da ich noch Trauerkleider trage, ist keine große Toilette erforderlich." „Ganz gewiß nicht," warf Cecilte unmuthig ein, der diese Wendung wenig zu gefallen schien, „in Deinen Verhältnissen würde eine gute Toilette Veranlassung zum Anstoß geben." „Ein einfaches schwarzes Kleid genügt vollkommen," gab auch Edith zu. „Ein solches trug auch die Klavierspielerin bei Frau Herbert bei der letzten Soiree; sie sah sehr gut darin aus und Niemand hielt sie für einen Gast oder ging in den Pausen zu ihr, um ihr Spiel zu bewundern." Melitta schwieg. Eine heftige Entgegnung schwebte zwar auf ihren Lippen, aber sie unterdrückte ihren Un- muth. Sie wollte sich jetzt noch den Verwandten nützlich machen, damit die Ueberraschung desto größer sei, wenn sie unerwartet vor sie treten würden, um zu sagen, daß sie das Haus ihrer Peiniger auf immer verlasse. „Ich will nicht ein einfaches Hauskleid anziehen, nur um mich ihnen gefällig zu erweisen," dachte sie bet sich selbst, als sie ihr prachtvolles schwarzes Sammetkleid betrachtete, welches sie hier noch nicht getragen hatte. „Es ist ebenso schon wie Ceciliens, wenn nicht noch schöner wie das ihrige." Vergebens bemühten sich die beiden jungen Damen, Melitta's Toilette zu sehen; sie schwieg beharrlich und sagte nur: daß sie wie gewöhnlich in Schwarz erscheinen würde. Der nächste Tag war für Melitta sehr anstrengend. Unaufhörlich wurde sie hin und her geschickt, keinen Augenblick fand sie Ruhe, kaum hatte sie die langen Tafeln im Speisesaal gedeckt, als sie wieder neue Anordnungen im Ballsaal oder im Garderobenzimmer treffen sollte. „Sorge dafür, daß Du den Damen beim Ablegen der Mantel hilfst," hatte die Tante stirnerunzelnd geboten, als Melitta in ihrer eleganten Toilette mit leicht gerötheten Wangen ihr Zimmer verließ; sie bemerkte mit Mißfallen, daß das junge Mädchen heute einem jener lieblichen Engelsgesichter glich, denen man nur selten begegnet. Und dennoch fühlte Melitta sich nach all den anstrengenden Pflichten, die ihr heute auferlegt waren, todesmatt und müde, dabei sollte sie gleich 3—4 Stunden, vielleicht noch länger. hintereinander sitzen und spielen, ehe sie ihr müdes Haupt zur Ruhe legen konnte. (Fortsetzung folgt.) -—SSWNS-- Goldköruer. Unparteiisch sein ist nur dann eine Ehre, wenn die Parteien sich versöhnen können, ohne Gott, die Wahrheit und daö Recht zu verleugnen. K. — 613 Die letzten Erzfeinde Spaniens nnd des Christenthums auf den Philippinen. (Schluß.) Das Blut der Glaubensboten war nicht vergebens geflossen; doch hatten sie immer mit heimtückischen Gefahren zu kämpfen, und mehr denn ein Mal mußten die Jesuiten auf Mindanao ihre blühenden Missionen von Neuem aus Schutt und Trümmern wieder aufbauen. Noch im Jahre 1721 wurde Zamboanga (an der Küste) von der Flotte der mohammedanisch-malayischen Seeräuber angegriffen und nur durch das schwere Geschütz der Spanier gerettet. Die Insel Mindanao — die südlichste — bietet in Bezug auf die außerordentliche Fruchtbarkeit und seltene Schönheit dasselbe Bild, das wir vom ganzen Archipel gegeben, und hat namentlich in Hinsicht auf Wasserfülle (auch herrliche Binnen-Seen) und Wald- reichthum von den andern Inseln den Vorzug. Der Flächeninhalt wird bis auf 94400 glrm. angegeben, und schätzt man Mindanao fast gerade so groß wie die Königreiche Bayernfund Württemberg zusammen.*) Das stimmt jedoch nicht mit dem Größenverhältnisse des ganzen Archipels von 170,585 glrm. Denn — da die Insel Luzon (Manila) noch größer als Mindanao ist, so würde der Eesammtflächenraum dieser zwei Inseln allein schon die Größe des ganzen Archipels überragen, selbst wenn sie gleichgroß, und dazu kommen noch 10 „größere" (von den 1200!) Inseln, darunter 3 bedeutende. (!) Vielleicht ist die Größe des ganzen Archipels zu gering angegeben (es fehlt überhaupt noch an statistischen Erhebungen). Wie dem nun sein mag, immerhin ist Mindanao bei feiner Größe, wenn diese auch nur 84,000 beträgt, sehr gering bevölkert, da nach der, wie es scheint, auch problematischen, statistischen Angabe diese große Insel nur 600,000 Einwohner hat, während sie mehr als 6 Millionen haben könnte. (?) Es sind jedoch der Einwohner mehr, wenn die Specialangaben richtig; denn es sollten auf Mindanao im Jahre 1890 wohnen: 216,000 Katholiken, 125,000 mohammedanische Malayen, 300,000 Heiden, — etwa 4000 heidnische Negritos, 3000 Spanier, — Militär, Beamte, Missionäre, Kaufleute rc., wohl auch einige Hundert anderer, europäischer und amerikanischer Geschäftsleute und an 2000 Chinesen (wo diese „Juden Ostasiens" sind, muß es auch etwas zu gewinnen geben). — Die Insel Mindanao ist es also, wo noch die Erzfeinde Spaniens nnd der christlichen Civilisation Hausen: die Moros — mohammedanische Malayen mit ihren Sultanen und den besonders gefährliche Da tos — zu Vasallen herabgesunkene, frühere kleine Könige und die uncultivirtesten der Heidenstämme. Seeräuberei und Sklavenfang ist das Handwerk der Moros und der wilden Heidenstämme. Auf der Anzahl der Sklaven beruht das Ansehen und die Macht der Datos und auch der Häuptlinge der wilden Malayen-Stämme; ganze Dörfer werden entvölkert. Was die Seeräuberei betrifft, so haben die Spanier den schwersten Standpunkt; denn sie besitzen weder die Geschicklichkeit, noch die Tollkühnheit der Piraten, und auch nicht die geeigneten Fahrzeuge. Auf ihren leichten, seichtgehenden Booten gleiten die Moros blitzschnell auf den *) Bayern umfaßt 75853 gkm., Württemberg 19,503; zusammen 95,366. Wogen dahin und können von den Spaniern — selbst auf leichten Kanonenbooten, nicht eingeholt werden. Und kommen sie je in eine gefährliche Klemme, dann stürmen sie über Klippen und Wasserfälle hinab — und die Spanier haben das Nachsehen. — Erst jüngst haben die Moros wieder eine blutige Greuelthat verübt. Unter Anführung eines Dato, Namens Ali, haben sie die Militärstation Lepanto überfallen, alles niedergemacht, was ihnen in den Weg gekommen, Kirchen und Altäre zerstört, den Commandanten, den Hauptmann der Besatzung und 12 Mann fortgeschleppt. Sie ermordeten auf dem Marsche die beiden obersten Militärführer und drei Frauen, die, ermüdet nicht weiter folgen konnten. Der Befehlshaber der Station Valenzia, der Missions-Pater von Neu-Sevilla und der Fähnrich einer Polizeitruppe eilten an der Spitze von 400 Mann den Moros nach. Erst nach unbeschreiblichen Strapatzen hatten sie den Feind eingeholt, auch überfallen; und es glückte ihnen, denselben in die Flucht zu schlagen. — Die grausamsten der Heiden sind die wilden Stämme der Baganis und ihrer Verwandten, der Bagobos. Nach dem Berichte eines Missionärs fallen unter den Mordwaffen der Baganis auf Mindanao jährlich weit über 200 Personen, und ndch beträchtlicher ist die Zahl der Weiber und Kinder, die als Sklaven fortgeschleppt werden. In der Mission des Paters allein werden jährlich an 60 Personen „umgebracht" und an 100 zu Sklave» gemacht. — Nicht besser, wohl aber noch grausamer sind die Bagobos. Beider Genuß ist es, ihre Wuth im Christenblut zu stillen. Sie graben ihr Opfer bis zum Lendengürtel in die Erde, tanzen wild singend längere Zeit um den Unglücklichen, dann endlich tödten sie ihn langsam im Lanzenwerfen, reißen der noch warmen Leiche die Eingeweide heraus und verzehren sie. Ein friedfertiges und schön gestaltetes Heiden« Volk sind die Mandaya's. Sie sind gelehrig und dienstfertig, offen und gastfreundlich. Dem rohen Naturzustände sind sie schon weit entrückt. Sie lieben und pflegen streng sociale Ordnung, haben einen Gouverneur, einen Kapitän und einen Lieutenant für Aufrechterhaltung der Ordnung und für den Kriegsfall; sie haben ferner Richter, und über Allen steht der Aelteste des Volkes als König. Auch besitzen sie eine große Sammlung überlieferter Gesetze. Uebrigcns ist auch unter diesem Volke, je nach den Stammzweigen, die Verfassung verschieden. Die Mandayas glauben an zwei gute Götter — nnd an zwei böse Götter — oder Geister. Die guten Götter sind Mansilatan, der Vater und Badla, der Sohn. „Gott" — der Vater wohnt im Himmel, „Gott" der Sohn regiert die Erde. Von Beiden komnit alles Gute, und sie helfen aus den schwersten Krankheiten, Gefahren und schützen vor Unglück. Die bösen „Götter" sind Pondaugnon (Ponda-ugnon) und sein Weib Malimbong; von ihnen kommt alles Unglück nnd Unheil, die Krankheit, sowie das Erdbeben (das auf dem vulkanischen Boden der Philippinen so häufig eintritt). Die Mandayas haben Prieste rinnen mit einer Oberpriesterin. Wenn diese Heiden in schweren Nöthen zu ihren guten Göttern beten, so rufen sie inbrünstig auch den Vater an, von seinem Himmel herab zur Hülfe zu kommen; nnd dabei werden die hölzernen Bilder der beiden bösen Götter tüchtig durch ge- 614 prügelt. Die Mandayas glauben an ein Fortleben nach dem Tode; wie sich aber dasselbe denken, ob sie an ein Leben im Jenseits und an einen Himmel und eine Hölle glauben, darüber können wir nichts berichten. Immerhin finden bei den Mandayas die Missionäre einen fruchtbaren Boden. — Von den christlichen Malayen sind es vor allen andern die „Visayas," welche besonderes Interesse verdienen. Sie werden die „alten Christen" genannt, sind treue, fromme Gläubige und gehorsame Bürger und sind geistig sehr begabt. Die VisayaS, oder Bissaya's, wie sie in den Berichten der alten Missionäre heißen, waren schon vor Ankunft der Spanier ein ziemlich civilisirtcs Volk und waren mit den Tagalen die ersten, welche das Christenthum annahmen. Durch ihre Tapferkeit leisteten sie den Spaniern von jeher große Dienste, namentlich im Kampfe gegen die Moros (auch gegen die Holländer im 17. Jahrhundert). Aus ihnen setzt sich fast die ganze Miliz der Spanier auf Mindanao zusammen. In den Gewerben besitzen sie eine überraschende Geschicklichkeit, und ihre Industrie erreicht den Höhepunkt in Anfertigung eines Gewebes, dessen Fäden so fein sind, daß sie ein Luftzug zerreißen könnte. Es ist das Pinja-Ge- webe, aus Ananasfasern, dessen Ausfuhr jährlich in dem einzigen Hafen Jlo — ilo auf über 16 Millionen Mark (nach deutschem Geld) geschätzt wird und namentlich nach Peking und London wandert. Dieses merkwürdige Gewebe hat auf europäischen und amerikanischen großen Ausstellungen allgemein Bewunderung erregt. So haben wir denn im fernsten Osten ein katholisches Jnselreich. Ja, es ist daS eine der schönsten und großartigsten geistigen Eroberungen, welche auch die leibliche Wohlfahrt von Millionen von Menschen zur Folge hatte. Denn diese Völker sind nicht nur aus dem finstersten, unheilvollsten Aberglauben, sondern auch vor dem gänzlichen Untergang gerettet worden. Diese armen Völker haben sich nicht, wie es leider bei den Länder-Eroberungen gewöhnlich geschehen und noch da und dort der Fall ist, vermindert, oder sind etwa gar bis zum Absterben herabgesunken; sondern haben sich im Gegentheile vermehrt und zwar um Millionen! Mit der weisen religiösen Eroberung hat sich eben auch eine weise politische Eroberung von Seite der spanischen Regierung vereint, welche den Rathschlägen der kundigen und edelsinnigen Missionäre gefolgt. Man trachtete darnach, Sitten, Sprache, Freiheit und Besitzthum der Eingeborenen, in soweit es immer möglich, zu erhalten und nicht zu zerstören. Behutsamen Schrittes führte man sie der Veredlung entgegen; — eine Kolonialpolitik, die mancher Staat sich.zur Lehre nehmen kann! — Nun fehlt nur noch die völlige Doppeleroberung der Insel Mindanao. Die religiöse Eroberung ist, seitdem die Väter Jesu, durch endliche Zulassung seitens der spanischen Regierung vom Jahre 1863 ab, wieder auf Mindanao wirken, bereits bis zur Hälfte vorgeschritten. Die politische Eroberung dagegen hat noch eine größere und schwere Arbeit zu vollbringen. Von ihren 5 Provinzen an der Küste, ist sie indeß in den jüngsten 15 Jahren in'S Innere etwas vorgedrungen; und auf die obengemeldeten grauenhaften Unthaten hin haben die Spanier, wie es scheint, sich entschlossen, energischer vorzugehen. General Blanco aus Manila ist mit dreitausend Mann an Ort und Stelle gerückt, während an der Küste die Flotte operirt. Wir dürfen hoffen, daß unter Gottes Hilfe in nicht zu ferner Zeit auch auf Mindanao der heilsame Doppelsieg errungen sein werde. — I. G. Fußcnecker. --»-IWI-—-- Vedrmrenschloß El-Golea m der Sahara. Von Theodor Habicher. iNachdruck verboten.) Schloß „El-Golea", von den Berbern „La Taori" und von seinen Bewohnern auch „El-Menia" genannt, liegt unter 30° 21V 12" nördlicher Breite und 0° 47' 40" östlicher Länge, also beinahe am Meridian von Algier. Die zahlreichen Stadtruinen, sowie die Chronik der Vergangenheit berichten von einer einstigen Einwohnerzahl von 6000 Seelen. Die Stadt ist auf einer Plattform eines der drei die Oase beherrschenden Hügel erbaut. Der erste, auf dessen Gipfel ein großer kegelförmiger Steinhaufen zum Andenken an eine von Sid Abou Hass gemachte Pilgerreise errichtet wurde, wird Megrunet Sidi Chciker-Hügcl genannt; der zweite, dessen Ausdehnung etwas kleiner und der an Höhe den ersteren überragt, diente als auserschener Bauort für das Beduinenschloß, welches seinem Aussehen gemäß der in strategischer Hinsicht bedeutendste Punkt ist; der dritte besteht aus einem riesigen Haufen röthlicher Töpfererde, auf dessen Gipfel einige große Felsblöcke ruhen, die in späterer Zeit, durch die Einflüsse des Regens beeinträchtigt, zur Erdabrutschung beitragen werden. Von den Arabern wird dieser Hügel „Tin Bon Zid" genannt. Die am Fuße desselben befindliche Grabstätte wurde von einem hochverehrten Marabout (Priester des Islams) errichtet, und zur frommen Erinnerung an ihn erhielt der dritte Hügel seinen Namen. Das Castell ist von einer drei Meter hohen Mauer umgeben und befindet sich in noch halbwegs gutem Zustande. Ein Theil seiner Ruinen bildet ein undurchdringbares Labyrinth, in welchem es einem, in Folge der vielen unterirdischen Gänge und Gewölbe, äußerst schwer fällt, sich zu orientiren. Diese letzteren dienen gegenwärtig den Nomaden als Magazine. Der dort wohnende Schloßhütcr ist die einzige lebende Person in diesen verödeten Hallen, und ihm ist der Schlüssel zu dem Schloßthore in Verwahrung übergeben. An der Hinterfront der Beste erhebt sich eine steile, vier Meter hohe Böschung, auf deren triangelförmigem Plateau das von einer Ringmauer umgebene Fort erbaut ist. Der Aufstieg vom Schloß zum Fort besteht in mehreren, in Felsen gehauenen Tritten und befestigten eisernen Klammern, welche zur Sicherheit des Auf- und Abstieges angebracht wurden. Auf dem Plateau befindet sich eine alte, baufällige Moschee, an deren südlicher Mauerseite die zur Erinnerung an die Expeditionen des Generals Gallifet und Oberst Velin eingravirten Inschriften zu lesen sind. Vom Fort aus genießt man in der Richtung nach West und Süd eine unbegrenzte Fernsicht. Die Stadt „El-Golea" hatte, wie Ouargla, eine Glanzperiode. Riesige Datteln- und Palmen-Haine bedeckten das ganze Thal, bewässert von den vielen Cisternen und künstlich angelegten Wasserleitungen; es existirt noch eine davon, die Eigenthum des Si-el-Ala ist. Vier andere könnten ohne besonders große Kosten hergestellt werden. In der Nachbarschaft zu Hasst El-Bckai und zu Hasst Muses existiren noch drei, die unter den Namen Fegaguir Ali 815 oder Attou bekannt sind. Die Oase erstreckt sich bis nach Onplin, woselbst es viele schöne Gärten hat. Am 23. Djoumad el Abdul (23. Dezember 1661) langte der von Gourara kommende Reisende El-Aichi zu El-Golea an. In seinen Reiseberichten drückte sich der kühne Forscher über die Lage und Beschaffenheit der Oase folgendermaßen aus: ^ „Wir reisten von Gourara ab; kaum hatten wir jedoch einige Wegstunden zurückgelegt, als sich uns der Samoum in seiner ganzen schrecklichen Gestalt zeigte. Die Leute der Karawane litten auf die schrecklichste Weise, denn wenn man nur einen Augenblick die Augen öffnete, so waren sie mit Sand gefüllt; trotz all dieser Unannehmlichkeiten verloren wir nicht unsern Muth und erreichten endlich, obwohl zu Tode ermattet, die uns rettende Oase El-Golea. Dir Burg gleichen Namens ist auf einem Granitfelsen erbaut und bildet einen isolirtcn Hügel, desgleichen hat es dortselbst viele Cisternen, deren Wasser sehr frisch und gut ist. Auch fehlt es nicht an Dattelbäumen und Palmen, welche durch ihre schattenspendenden Aeste wohlthuend bei der Hitze auf die Menschen einwirken und deren Früchte äußerst schmackhaft sind. „Die Stadt steht unter der Herrschaft des Sultans von Ouargla, der dortselbst einen Amel (Gouverneur) eingesetzt hat. Letzterer ist ein Beduine, ohne Schuhe und ooiüuro, angethan mit schmutziger Kleidung, abstoßende Umstände, die aber nicht verhindern, daß er sich trotzdem von seinen Unterthanen Respekt zu verschaffen weiß." El-Golea war bewohnt von dem Cheikh El Hadj Sid Abou Hass ben el Ouali es Salah Sid Abdel- Kader ben Mohamed ben Seliman ben Bon-Smahu, Marabout (geheiligter Araberpriester), der in diesem Landstriche unter dem abgekürzten Namen Sid Esch-Cheikh bekannt war und von seinen Unterthanen sehr respektirt wurde. Seine Nachkommen sind heute unter dem Namen Ben-esch-Che!kh sowohl in den Gegenden des Tells, sowie in der Sahara bekannt. Seit jenen Tagen nahm das Gedeihen der Oase den Krebsschritt an. Die Chaamba-Mouadhi, welche die gegenwärtigen Schloß- und Gärtenbesitzer sind, wohnen beinahe immer in ihren Zelten auf den großen Steppen, die sie als Nomaden durchstreifen, und nur in den heißesten Sommermonaten, sowie gegen Beginn Oktobers halten sie sich in den kühlen Schloßräumcn vorübergehend auf, um gleich darauf wieder ihr uustätes Leben weiterzuführen. Die nur in geringer Zahl existirende dauerhaft ansässige Bevölkerung besteht aus einigen Familien der Zenata, Abkömmlinge von Gourara und weniger vom Sklavenjoche befreiter Neger, deren Zustand äußerst miserabel ist. Am Fuße des Schloßhügcls befinden sich einige von den dauerhaft niedergelassenen Arabern bewohnte Stein- baracken und mehrere Gubbas (Art Kapelle mit 4 regelrecht aufgeführten Mauern und einer Kuppel, deren Spitze ein Halbmond ziert; die Außenseiten sind mit Kalk getüncht, und die kleine Eingangspforte befindet sich gegen Sonnenaufgang), die zur Erinnerung der Ouled Sidi Cheikhs errichtet wurden. Die Chaamba gehören der Araber-Nasse verschiedener Abstammung an. Sie bilden drei unter den Nomaden verschiedene Gruppen mit diversen Namens- bezeichuungen, die auf ihre Abstammung zurückführen. Nämlich: 1. die Chaamba Bon Nouba oder Chaamba von Ouargla; 2. die Chaamba Berezga oder Chaamba von Metlili; 3. die Chaamba von El-Golea oder Chaamba Mouadhi, von den Touareg auch Cherenba ouan Taorit genannt. Die Letzteren stammen von den Ouled Madi von Bouzadi und von den Ouled Zid von Biskra ab und zertheilen sich wieder in fünf Traditionen von ziemlich gleicher Stärke: die Ouled Nrcho, Zweiglinie, zu welcher die begütertsten und einflußreichsten Familien zählen; die Ouled Zid, Mouadhi, Ouled Feredj und Ouled Sidi El Hadj Uahia, welch letztere im Wege der Adoptirung zu Lehen erhobene Marabout der Ouled Sidi Cheiks und Abkömmlinge der Ouled Uahia wurden und gegenwärtig Beria bewohnen; sowie die dauerhaften Wohnsitz habenden, genannt Zenata, im Ganzen mit einer Anzahl von 1500 Einwohnern. Die Mouadhi, ein von den anderen Arabern sich isolirendes Tribü, bewahren heute noch sehr primitive Sitten und sind sehr intim mit den Gourara, den Touat und den Tidikclt. Den Kindern derselben wird schon in der frühesten Jugend eingeschärft, alle Koumi (Christen) zu hassen und für den Erhalt ihrer Freiheit zu jeder Stunde bereit sich zu halten, ihr Leben zu lassen. Dieses Tribü, wie schon bereits bemerkt, nimmt jedoch nur bei der heißesten Saison Besitz von Schloß El-Golea. Nach dem Pflücken der Datteln, von denen die Oase ungefähr 6000 Palmen besitzt, und Abführung der noch anderen diversen Früchte in die Schloßkeller, zerstreuen sie sich in der ungeheuren Wüste Sahara, woselbst sie von der Gazellen- und Mouflon- (Art Hirschkuh) Jagd, sowie von Kameel-Milch sich ernähren. Dieses zwar rauhe, jedoch unabhängige Leben würden die Mouadhi unter keinem Umstände, selbst mit den noch so gut situirtcn Bürgern oder anderen Nomaden Nord-Algeriens, vertauschen. Von frühester Kindheit an alle Mäugel, Entbehrungen und Strapazen gewöhnt, nahm, im beständigen Kampfe mit den Elementen, der Mouadhi- Araber einen unabhängigen, harten, wilden Charakter an, der beim Zusammentreffen mit ihm einen gewissen beängstigenden Eindruck hervorbringt. Als unermüdliche Reiter besitzen sie bewundernswerthe Mahara (Dromedare), mit welchen sie Proben von unübertreffbarer Schnelligkeit und Ausdauer ablegen. Hievon nur ein Beispiel von Chaamba Bou Haus ben Haodh. Derselbe befand sich auf Besuch bei einem seiner Freunde zu KSar-El-Arab (in Salah), als er erfuhr, daß sich ein Wüstcnprediger vorbeigehend zu Fares Oum El-Lil, 75 Kilometer von Ksar-El-Arab, aufhielt. Nach dieser vernommenen Nachricht sattelte er sofort seinen Mahari und ritt an einem Freitag gegen 10 Uhr vormittags ab; noch am selben Abende stieß er auf die ihm als Wüstensohn nur zu bekannten Spuren eines als Schnell- läufer dressirten Kameels, das kein anderes als das des Predigers sein konnte; allein die Fußspuren wichen von der erst angegebenen Richtung ab und dirigirtcn sick gegen El-Golea, woselbst er Dinstag morgens ankam. Somit legte er in 96 Stunden eine Strecke von 475 Kilometern mit ein und demselben Dromedar zurück. Ich glaube, daß bis heute nicht viele derartige Ritte unter den angeführten Umständen ausgeführt wurden und dieser wohl der einzige in seinem Genre gewesen sein mag. Als vorzüglicher Schütze ernährt der Mouadhi seine Familie von Gazellen- und Mouflon-Flcisch. Als Führer leistet er Staunenswerthes, denn er kennt alle 616 Pfade und Saumwege und weiß sich gut zurechtzufinden in dem immensen Labyrinthe des Erg. Als abenteuerlustiger Plünderer wird er von seinen Nachbarn stets mit Argus-Augen beobachtet. Das ungeheuer große, von den Mouadhi in Kreuz und Quer durchzogene Terrain hat als seine Grenzen: im Süd und im Südostcn die Contreforts des Tad- mit gegen Maader, im Südwester! und Westen den inneren Theil jenes Plateaus, welches in seiner Erhebung gegen Süden die von den Arabern so genannte Gebirgskette Bas-Tadmit bildet, den oberen Lauf des Oued (Fluß) Mcguiden, gegen Erg Sedra, und den nördlichen Theil gegen Hasst bou Zid des großen Erg, im Norden und Nordwcsteu endlich den Theil der Chcbka, im Süden Hassi Tscmed, den Oued Zergoun zu Onm el Hadaj, und von diesem Punkt in gerader Richtung folgend gegen den Oued Segguer, indem man diesem in einem Drittel seines Laufes folgt bis Korid el Thahal, woselbst der Scgguercr Fluß in den ungeheueren Sand-Dünen des großen Erg spurlos versiegt. Dieses sind die Grenzen, welche die Nettesten des Tribüs bezeichnen. Ein Blick auf eine gute Karte kann einem die leichtere Orientirung verschaffen, daß das kleine Tribü der Chaamba Mouadhi ganz abgeschlossen von der Außenwelt in diesem ungeheueren, wenig bewohnten Wüstendistricte ist. Obwohl von vielen täglichen Gefahren umstellt, entsetzt sich der Mouadhi doch dieser Eventualität halber nicht und läßt zur größeren Sicherheit in den Magazinen des Beduinen-Schlosses El-Golea alle seine Reichthümer, in Datteln, Getreide, Wolle, Fellen u. s. w. bestehend, zurück. Er führt nur die zu seinem Unterhalte nothwendigsten Gegenstände mit sich und bleibt in der Wüste des Erg während voller 8 Monate. Vergangenen Jahres wurden von französischer Seite eifrige Nachforschungen in Betreff der Bodenverhältnisse in El-Golea angestellt. Von den Bewohnern des Landes erhielt man die sich als wahr bestätigende Nachricht, daß vor circa 100 Jahren artesische Quellen existirten. Die angestellten Versuche ergaben das Resultat, daß an drei verschiedenen Stellen bei einer Grabung zwischen 17 bis 45 Metern Tiefe man auf ein Wasserbecken stößt. Allerdings ist es nöthig, eine Felsenschicht in der Dicke von zwei Metern Durchmesser zu sprengen, wodurch dann das größte Hinderniß beseitigt wäre. In strategischer Hinsicht wäre El-Golea für die französische Colonie Algerien^von großer militärischer Wichtigkeit, da es gleichsam der Communications- Mittelpunkt zwischen Algerien und dem Senegal ist. In hygienischer Beziehung ist El-Golea bedeutend gesünder als die Oase Ouargla, woselbst voriges Jahr ein starkes Fort erbaut wurde, deren Klima aber einem Europäer den Aufenthalt nicht länger als sechs Monate gestattet, in Folge des dort grassirenden Fiebers und anderer epidemischer Krankheiten. Selbst der als Nomade lebende Araber flieht in den Monaten Mai, Juni und Oktober diesen Fieber-Ort. Sollte der von Seite des General-Gouverneurs von Algerien gemachte Vorschlag bei der Regierung Anklang finden, so wird in Bälde ein kleines Detachemcnt von eingeborenen Tirailleurs (Schützen) und Spahis (Cavallcrie) in El-Golea Garnison beziehen, und der Verfall des Beduinen-Schlosses El-Golea wird dann entweder beschleunigt oder aufgehalten werden. Allerlei. Elementarereignisse zur Zeit Heinrichs deS Löwen und Kaiser Barbarossa's. Darüber sagt AbelS Chronik von Halberstadt: „Der Theuerung und Pest nicht zu gedenken, die schon 1150/51 g'rasfirte, so hat 1157/58 Sturm und Ungewitter sammt Platzregen großen Schaden gethan. 1163/64 sind die Flüsse und Seen übergelaufen und haben Vieh, Menschen, Häuser und Kirchen weggeführt, der Hagel hat an vielen Orten die Früchte sehr beschädiget. Anno 1166 ist wieder ein sehr nasser Sommer gewesen, wodurch Theuerung und Sterben bei Menschen und Vieh verursacht wurde, ja 1167/68 soll die Pest in Welsch- und Deutschland gewüthet haben. Anno 1170 war eine solche Hitze, daß die Erde gleichsam in Staub verwandelt wurde, der eine Seuche folgte, die 1172 noch anhielt; 1173 war die Hitze wieder so groß, daß fette Torferde sich entzündete und man kaum den Samen erntete, worauf ein stinkender Nebel viele Krankheiten hervorbrachte. Anno 1174 war der Sommer kalt und stürmisch, der Herbst allzu naß. 1177 war der Winter sehr kalt, der Sommer heiß, der Herbst naß. 1179 war der Winter sehr hart und langwierig, so daß die Bäume erst im Juni zu blühen anfingen. Den 22. Juli ist ein gräulicher Hagelschlag mit gewaltigem Sturm gewesen, wobei Feld- und Eartcnfrüchte viel gelitten haben." --- Mana-Uru^ Ä» M6L MM MB -Ir^Wr .D-*X>-' ^ä>» Ä MMHd 622 ihren Beichtzetlel brachte, denn er forderte sie auf, längstens an Jakobi die evangelische Herrschaft zu verlassen. Die Magd kehrte sich jedoch nicht daran, nachdem ihr der Helfer Schnaderbeck am Dom, dessen Rath sie einholte, gesagt hatte, sie solle auf sein Wort hin nur bleiben. Dabei beruhigte sich der chuifürstliche Neligionsagent nicht, er trat mit dem Landrichter Mändl in Landrberg über den hochbedenklichen oaous in Correspondcnz und muhte sich der Unterstützung des Amtsbürgermeisters Jakob Wilh. Benedikt von Langenmantel-Westheim zu versichern. Am Annatag (26. Juli) spät Abends lud der Amtsdiener Felix Seyfried auf anderen Morgen 7 Uhr die Jordan auf das Bürgermeisteramt, und da sie sich durch die Samstags-Arbeiten etwas verspätete, kam um halb 8 Uhr der Diener abermals und nahm sie „Knall und Fall, ohne daß sie das weiße Brusttüchlein noch umbinden Herren Stndipfleger, Bürgermeister und Räthe, Gnädig und Hochgebietende, Großgünstig und Hochgeehrteste Herren" eine de- und wehmüthige Schutzklage ein, worin sie unverhohlen den Verdacht ausspricht, hinter der Geschichte stecke nur der Burggraf von Behr, obwohl die Jordan „ein getreuer, gottesfürchtiger und nützlicher Ehehalt, sowie eine eifrige katholische Christin von jeher gewesen, was hundert Personen bezeugen können", und wenn sie nicht bald zurückkehre, so erleide ihre Buchdruckersprofession einen schweren Schaden. „denn das Mensch habe durch Collationiren, Richten der Bogen und Anderes mitgeholfen, was eine fremde Magd nicht so leicht lerne". Außerdem gelang den Bemühungen der rührigen Frau, daß Helfer Schnaderbeck bei dem Pfarrer in Landsberg für Jordan sich verwendete, doch lautete die Antwort nicht günstig. Er schrieb: „Der Landrichter rnalirv sich nicht n i? n « »; kl n n « » r» --WWW 8L- Aulenried. (Schloß.) Original-Aufnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fVervielsäliigungsrecht vorbehalten.) durfte", mit sich fort. Stunde auf Stunde verrann, und Frau Lotter, welche nicht früher den Laden verlassen konnte, schickte sich eben an, einen Nachbar zu ersuchen, nach dem Verbleiben der Magd zu schauen, da trat die Schlossersfrau Volk mit der seltsamen Nachricht in die Stube, es sei ihr vor dem Vogelthor eine Kutsche begegnet, aus welcher sie den Hülferuf der Katharin deutlich gehört habe; zu sehen sei aber nichts gewesen, weil der Wagen schnell gegen das rothe Thor davonfuhr. Die ganze Vorstadt gerieth über diesen gchcimnißvollen Vorgang in Aufregung, denn bei der allgemein bekannten tadellosen Ausführung der Jordan dachte Niemand an eine Verschuldung ihrerseits. Rasch entschlossen reichte die Wittwe Lotter mit ihren beiden Beiständen schon am 29. „an die Wohlgeborene, Hoch- und Wohledelgeborene, Hochedle, Gestrenge, Edle, Beste, Wohlehienveste, Fürsichtige, Hoch- und Wahlweise in die Sache, habe der Magistrat viel angefangen, so möge er auch viel ausmachen, und auf dem Rathhause sei er hart angelassen worden, „man könne das Mensch nicht losgeben, bis die Beschuldigung, als ob sie unter zwölf Weibspersonen, so evangelisch werden wollten, die Räthelsführerin gewesen, bewießen sei"." Diese Anklage bezeichnete Frau Lotter als „grundfalsch". Während der Monate August und September wartete man auf dem oberen Graben vergeblich auf eine Raths- Entschließung und auf die Rückkehr der Entführten, daher um so freudiger Frau Lotter überrascht wurde, als am 1. Oktober die Katharin sie begrüßte. Sogleich am nächsten Tage ging sie mit ihr zu dem Amtsbürgermeister Johann Elias Leopold Herwart, der zur Hülfe sich erbötig erklärt hatte, und die Magd mußte ihm das Erlebte erzählen, was er zu Protokoll nahm. (Schluß folgt.) > > , » -t' 623 Autenried. (Mit Illustrationen.) Da, wo sich die westlich von Jchenhausen gelegene Feldebene zu den nördlichen Ausläufern des großen Noggenburger Waldes etwas hinabsenkt, liegt am Waldrande einsam das Dorf Autenried mit seinem stattlichen freiherrlich v. Reck'schen Schlosse. In den Tagen des Mittelalters war es nicht so einsam hier wie heute. Die große Landstraße von Augsburg über Agawang, Jettingen, Jchenhausen führte durch Autenried nach Ulm, und die alten Ortsherren, die Ritter von Bühl, besaßen hier den Straßenzoll. Der lebhafte Straßenverkehr ließ den Ort schon frühe entstehen. Der alte Name „Utenried" sagt uns, daß er aus der Waldausrodung eines Uto (Otto) entstanden sei. Wie so viele Orte der Gegend, gehörte auch Utenried den Bischöfen von Augsburg, von welchen es ritterliche Dienstleute zu Lehen trugen, die sich von Utenried schrieben und bis zum Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts Burg und Dorf besaßen. Als diese alten Ritter von Utenried starben oder verdarben, kamen die Ritter von Noth, die auf Bühl saßen und deßhalb auch den Zunamen „die Bühler" führten, in den Besitz von Utenried. Im Jahre 1430 besaßen die Ritter Heinrich und Hans Von Bühl den Ort, und zwar jeder dieHälfte desselben „sammt aller Zu- gehör mitdemZoll".Unter diesen Rittern erhielt Autenried, bisher eine Filiale der großenPfarrei Günzburg, einen eigenen Pfarrer. Im Jahre 1464 stifteten die Ritter von Bühl in der Kirche zu Autenried mit 6 Jmmi Roggen, 6 Jmmi Haber und einem Garten einen eigenen Jahrtag, der noch im Jahre 1631 mit mehreren hl. Messen gehalten wurde. Ihre Nachkommen, „die Gebrüder Wolf und Konrad von Bühl", verkauften im Jahre 1509 Autenried an den reichbegüterten Ritter Veit von Rechberg. Mit dem Tode Albert Hermann von Nechberg's, der noch im Jahre 1570 den Johann Hueber als Pfarrer von Autenried präsen- tirte, fiel im Jahre 1599 Autenried mit Schloß und Zoll als bischöfl. Lehen dem Bischof anheim. Von da an und durch die ganze Zeit deS Schwedenkrieges behielt Bischof Heinrich V. von Augsburg das Rittergut Autenried mit Anhosen im unmittelbaren Besitz und setzte einen Pfleger e Autenried. Original-Ausnahme von G.Baader, Photograph hin. Nach dem Schwedenkrieg im Jahre 1649 erhielt der kaiserliche Generalwachtmeister Johann Heinrich de Lapiöre das bischöfl. Lehengut Autenried. Daß die Schweden hier arg gehaust haben, zeigt ein noch im Original vorhandener Revers vom Jahre 1666, in welchem Pfarrer Mangart den Bezug des ganzen Zehent dem Gutsherrn de Lapiöre überließ, wogegen Letzterer sich verbindlich machte, dem Pfarrer jährlich 30 Gulden Geld, freie Kost am herrschaftlichen Tische, dazu eine „ehrbare priesterliche Kutte" und ein Paar neue Schuhe zu geben. Heinrich de Lapiöre präsentirte sofort den Feldpater Gg. Koffner von Jngolstadt als Pfarrer von Autenried, der jedoch auf der in Folge des Krieges sehr mager gewordenen Pfarrei nur zwei Jahre aushielt. Philipp Leopold de Lopiöre, ein Sohn des Joh. Heinrich deLapiöre, wurde 1677 auf dem Wege nach Jchenhausen von seinem Bedienten Namens Krug ermordet. Die an der Unglücksflätte erbaute Kapelle heißt heute noch im Volksmunde die Lapiers-Kapelle. Joh. Heinrichs Enkel, Philipp Friedrich de Lapiere, vermachte im Jahre 1685 die Herrschaft Autenried seiner Gattin Cäcilia von Volmar, welche sich an Joseph Anton Eusebtus Freiherrn von Halden wieder verheirathete und ihm so Autenried und Anhosen zubrachte. JmJahre 1771 folgte dem Joseph Anton von Halden im Besitz des Gutes sein Adoptivsohn Leopold Freiherr v. Lasier v. Halden und da dieser 1798 kinderlos starb, fiel Autenried an Seitenver- wandie aus dem Geschlechte derer von Laß- berg, von welchen eS im Jahre 1805 die Brüder Johann Michael und Sebastian Freiherren von Neck erkauften, deren Nachkommen heute noch im Besitze des Schloßgutes sind. Die Pfarrkirche des Ortes ist dem hl. Stephanus geweiht. Vom alten baufälligen Küchlein wurde 1708 das Langhaus, 1709 der Chor abgebrochen und in den folgenden Jahren ein Neubau vom Grunde aus aufgeführt. Bald nachdem der Bau vollendet war, wurde die neue Kirche eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte. In einem Berichte des Dekans Franz Böll von Neuburg an den bischöflichen Generalvikar am 22. September 1721 wird über die Entstehung der Wallfahrt u. A. berichtet, daß in einem bei Autenried gelegenen Wäldchen von einer Frau aus Weissenhorn ein hölzernes Kruzifix in der (Pfarrkirche.) in Krumbach. )BervieIfältigungSrecht vorbehalten.) 624 Höhlung eines Baumes aufgefunden wurde. Ein Gebet zu diesem Bilde bewirkte, daß das mit einem Bruche behaftete Kind der Frau geheilt wurde. Auch eine Reihe von wunderbaren Heilungen anderer Krankheiten wurde bekannt, so daß alsbald viel gläubiges Volk zusammenströmte. 1724 wurde das Wallsahrtsbild in die Pfarrkirche Autenried überbracht, wo es sich heute noch befindet. Die Pfarrkirche selbst ziert heute ein stattlicher Thurm. Es wurde nämlich 1890 der baufällige Dachreiter abgebrochen und ein neuer Thurm nach dem Plane des damaligen Kreisbau-Assessors Höfl (jetzt k. Bauamtmann in Kempten) mit einem Kostenaufwand von 13,000 M. gebaut, wozu Herr Hamm in Augsburg ein herrliches Geläute mit den Tönen L, llio, H, Ois lieferte. -- Zu unseren Bildern vr. Morsch, dessen Bild wir heute bringen, gehört zu den ersten Parlamentariern des Deutschen Reiches und Preußens. Rechtsanwalt Dr. Porsch, fürstbtschöflicher Conststorialrath in Breslau, ist geboren am 30. April 1853 zu Ratibor in Oberschlesien. Er besuchte das katholische Gymnasium zu Glogau, die Universitäten Breslau, Berlin, Tübingen, Leipzig. Im Jahre 1874 wurde er Referendar, 1876 ward er von der juristischen Fakultät Breslau zum Dr. zur. utr. auf Grund der Schrift: „Die Bedeutung des Beweises durch Jndicien im geistlichen Gerichtsverfahren" (Breslau Adlerholz) promovirt. Im Jahre 1878 ward er Gerichisassessor, 1879 Anwalt zunächst am Landgericht, dann am Oberlandesgericht Breslau. Seit 1881 ist er Stadtverordneter der Stadt Breslau, seit 1882 Mitglied des fürstbischöfl. Konsistoriums für Ehe- und Disciplinarsachen, seit 1884 Mitglied des preuß. Abg ordneten- hauses für Neurode-Glatz-Habelschwerdt. Im Reichstage vertrat er durch mehrere Legislaturperioden hindurch Reickenbach-Neu- rode (Schlesien). Leider hat er für die letzte Militärvorlage gestimmt, was wir für einen Fehler halten, vr. Porsch hat deßhalb ein Reichstagsmandat nicht mehr angenommen. Allein das kann und darf nicht immer so bleiben, vr. Porsch wollte, sagen wir es rund heraus, seinen Fürstbischof decken, der für die Militärvorlage eingetreten war. Nachdem vr Levd,r und Prinz Arenberg, die ebenfalls für die Militärvorlaze gestimmt, wieder in's Centrum eintreten konnten, muß auch vr. Porsch wieder der Weg geebnet werden. Er ist ein lauterer Charakter, ein grundgescheidter Mann, ein ganz ausgezeichneter, feiner, kennt- nißreicher, erfahrener und schlagfertiger Redner, den wir nicht entbehren können. Er gehörte zu Windthorst's tüchtigsten Schülern und ist berufen, im Verein mit Bachern, Fritzen, Gröber, Hitze, Schädler, Spähn und dem hoffentlich wieder in den Reichstag zurückkehrenden vr. Orterer das Centrum ruhmreich vorwärts zu führen zu neuen glänzenden Erfolgen für Kirche, Vaterland, Fürst und Volk. Uor der Schenke. Manöverzeit ist's Da ist es für den Soldaten eine Hauptsache, immer mit dem richtigen Quantum Proviant versehen zu sein, denn Hunger und Durst stellen sich zu solchen Zeiten bei ihm rechtzeitig ein. Da sehen wir auf unserem Bilde den Proviantwagen, der soeben, geleitet von einem strammen Reikers- mann, vor der Schenke Halt gemacht. Die Hitze ist groß und der Weg nicht allzu gut. Da heißt es auch für die Thiere Sorge tragen. Die W rthsleute sind biedere Menschen, die dem Ersuchen, den Pferden Futter und Wasser zu geben, auch bereitwilligst nachkommen. Während der Soldat im Wagen gemüthlich sein Pfeifchen schmaucht und zusteht, wie der Bauersmann den Pferden Haber in den Barren schüttet, weiß der Reitersmann die kurze Rast zu benützen, der schmucken Maid, die seinen Rappen tränkt, allerlei Schönes vorzuplaudern. Die beiden Söhne des Mars werden sich jedenfalls auch ein Mäßlein zu gute thun, meinen wir wenigstens, oder sollte das bereits geschehen sein? -—s-88i—-- Goldkörner. Man gab Dir einen Rath! Hab' Acht von wem er kommt; Oft räth der Eigennutz nur, was ihm selber frommt. Pas Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; ihr Eltern, jammert nicht, Gönnt ihm die süße Ruh'; Aus Blumen blickt ein frtedevoll Gesicht Und spricht euch tröstlich zu: Ein lieblich Loos ist mir beschicken, Ich lieg' und schlafe ganz in Frieden; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; es hat sich müd' gespielt Und hat sich satt gefreut; Die Puppe, die es stolz im Aermchen hielt, Sein liebes Sonntagskleid, Sein Büchlein, d'ran es fromm gesessen, Sein Reichthum all ist nun vergessen; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; sein Lebenstag war mild Und leicht sein Erdenloos, Ein Bächlein, das durch's blumige Gefild In klaren Wellen floß; Kein Weh bat ihm durch's Herz geschnitten, Der letzte Kampf war bald gestritten; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; wie selig schlief es ein In seines Hirten Arml Noch war sein Herz vom G.ft der Sünde rein, D'rum starb es ohne Harm. Ein schuldlos Herz, ein gut Gewissen, Das ist das beste Steibekissen; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlein schläft; all Erdenweh und Noth Verschläft's im sichei'n Zelt; Weißt, Mutter, du, was Bitt'res ihm gedroht In dieser argen Wet? Jetzt inag der rauhe Winter stürmen, Der schwüle Sommer Wetter thürmen; Das Mägdlein schläft. Das Märdlein schläft; nur eine kurze Nacht Wrschläft's im Kämmerlein; O wenn es einst vom Schlummer auserwacht, Das wird ein Morgen sein! Der eintrat in Jairus Kammer, Der stillt dann auch euren Jammer; Das Mägdlein schläft. Das Mägdlem schläft; und nun den letzten Kuß Auf seinen bl ichen Mund; O Mutterherz, so sei es denn, wcil's muß; Gott, hilf durch diese Stund'! Ihr Kinder, folgt im Chorgesange Dem Schwesterlein zum letz en Gange; Das Mägdlein schläft. D.s Mägdlein schläft; nun, Hirte, nimm's an's Herz, Es ist ja ewig dein; Ihr Sterne, blicket freundlich niederwärts Und hütet sein Gebein; Ihr Winde, weht mit leisem Flügel Um diesen blumem eichen Hügel, Das Mägdlein schläft. Karl Gerok. -S-88-Se- Nicder-Rätysek. HL 81 . 1894 . M „Augsburger Postzeitung". Areilag, den S. October Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Die Werte des Kaufes. Erzählung von C. Borges. (Fortsetzung.) Es war noch dunkel, als Melitta nach einer schlaflosen Nacht heimlich das Haus ihrer Tante verließ und unruhig die Abfahrt des Zuges auf dem Bahnsteig erwartete. — Sie kannte ihre Tante noch gar nicht, und was sie von den Cousinen von ihr gehört hatte, trug gewiß nicht dazu bei, sie mit den besten Hoffnungen zu erfüllen. Würde dieselbe sie aufnehmen, da sie heimlich entflohen war? Was sollte dann aus ihr werden? Frau von Reinberg würde sie niemals wieder in ihrem Hause dulden, und selbst im schlimmsten Falle würde sie nie wieder um ihren Beistand bitten. Endlich brauste der Zug heran. Die Coupös waren sämmtlich überfüllt, nur ein Wagen schien noch ganz leer. Melitta freute sich ein Plätzchen gefunden zu haben, denn schon setzte sich der Zug in Bewegung. Nur ein Herr, in einen langen Neisemantel gehüllt, saß in der Ecke, sein Antlitz hinter einer Zeitnng bergend. Doch kaum ließ er dieselbe einen Augenblick sinken, so erschrak Melitta so heftig, als habe sie einen Geist gesehen. „Oberst Wellinghoft" kam es bestürzt von ihren Lippen. „Fräulein von Reck!" rief er nicht minder überrascht, „dieses ist wirklich ein unerwartetes Vergnügen. Ich hatte gestern noch keine Ahnung, daß wir diese kleine Reise gemeinschaftlich machen würben." „Melitta erröthete verlegen. „Ich ebenso wenig," gestand sie offen, „aber ich reise jetzt nach Helmstedt, um dort meine Tante zu besuchen." „Das ist herrlich! Ich mache die gleiche Tour und reise zu meinem Onkel. Sie wissen doch, daß mein Onkel ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt?" Melitta wußte es nicht. „Kennen Sie meine Tante?" fragte sie dann gespannt. „Oh, ja! sehr genau," versicherte er. „Ist sie liebenswürdig im Umgang?" forschte Melitta ängstlich weiter. „Ja, aber sie hat auch ihre Eigenheiten." „Ich habe sie niemals gesehen, und fürchte ein Zusammenleben mit ihr," gestand Melitta bebend. Der Oberst wunderte sich immer mehr über seine Begleiterin. Noch gestern Abend auf dem Balle hatte Edith ihm erzählt, daß Melitta eine ganz untergeordnete Stellung in ihrem Hause einnähme, daß sie ihnen aber sehr nützlich, sogar unentbehrlich sei, weil sie viele Arbeiten verrichte, die selbst die Dienstboten zu thun sich weigerten. Aber er war zu höflich, um nach dem Grunde ihrer plötzlichen Abreise zu forschen, und hoffte, daß ihm freiwillig Mittheilung darüber gemacht würde. «Ist Fräulein von Reck sehr alt?" fragte Melitta weiter, „und ist sie sehr reich?" „Nicht gerade alt, Mitte der sechziger, sollte ich meinen, lautete die Antwort, „und sie steht in dem Rufe großen Reichthums. Aber in ihrer äußeren Erscheinung zeigt sie denselben keineswegs. Als ich sie das letzte Mal im vorigen Sommer besuchte, war sie in ihrem Gemüsegarten beschäftigt, und sie trug ein Kostüm, das vielleicht noch aus Noah's Zeiten stammte. Jedenfalls bemerkte sie mein Lächeln darüber, denn sie sagte in ihrer derben, offenen Weise: „Warum stierst Du mich so an, Richard? Siehst Du mich denn heute zum ersten Male? Was meine Kleidung anbetrifft, so ist mir diese bequem, und das ist mir lieber wie die Kleider der fein geputzten Damen, die mit ihren engen Stiefelchen und hohen Absätzen in Deinen Augen gewiß den Inbegriff aller Schönheit ausmachen. So machen es die jungen Herren aber heut zu Tage alle; sie haben nur Augen für schön geputzte Püppchen, die sich nach jeder neuen Mode kleiden; das sind nur Narren in meinen Augen." Zu dieser Sorte zählte sie auch mich, wie ich wohl voraussetzen konnte," fügte er lächelnd hinzu. Melitta konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, doch bald flüsterte sie seufzend: „Ich werde es gewiß nicht bei Ihr aushalten können; fast wünsche ich wieder umzukehren; aber wohin soll ich gehen-und es ist heute so kalt," flüsterte sie leise. „Hier ist mein Plaid — nehmen Sie ihn, ich bitte darum: ich kann ihn wirklich entbehren. Aber sehen Sie," fuhr er dann fort, als Melitta sich standhaft weigerte, „ich setze mich Ihnen gerade gegenüber, dann reicht er für uns beide aus," und ehe sie etwas dagegen einwenden konnte, war sie schon in den warmen Plaid eingehüllt. Dann plauderte er in heiterer Weise von seinem Soldatenleben, erzählte selbsterlebte oder erdachte An» nekdoten, bis Melitta herzlich über manchen lustigen 626 Einfall lachte und mit ihm scherzte, als ob sie die besten Freunde wären. „Dies ist Helmstedt", sagte plötzlich der Offizier, als der Zug in einem ländlichen Bahnhöfe einlief. „Das Haus Ihrer Tante ist vielleicht eine halbe Stunde von hier entfernt. Werden Sie erwartet?" „Nein! sie weiß wenigstens nicht, daß ich schon so bald komme," versetzte Melitta zögernd. „Das trifft sich herrlich; denn da ich auch nicht mit diesem Zuge erwartet werde, kann ich Sie begleiten." Melitta's Muth sank mehr und mehr, je näher sie zum Ziele ihrer Reise gelangte. „Ich will meiner Tante erzählen, daß ich das Leben nicht mehr ertragen konnte," dachte sie bet sich selbst, „es ist mir doch ein Trost, daß ich hier fortgehen kann, sobald sich eine Stelle für mich findet." Auch der Oberst wunderte sich, daß plötzlich seine schöne Begleiterin so schweigsam wurde und alle Fragen nur einsilbig beantwortete, und er glaubte nicht anders, als daß sein Irrthum von gestern Abend Schuld an dieser Sinnesänderung sei. Es hatte wirklich anfänglich in seiner Absicht gelegen, sich mit Cecilie von Reinberg zu verloben; nicht so sehr aus Liebe, sondern vielmehr aus dem sicheren Gefühl, daß Tochter und Mutter es dringend wünschten. Er glaubte sie allein im Ballsaal zu treffen, und um sie zu Anfang der Festlichkeit seinen Kameraden als Braut vorzustellen, trat er rasch hinzu und legte seinen Arm um ihre Schulter. Jedoch als er seinen Irrthum gewahrte und Cecilien's erregte Worte an sein Ohr schlugen, überzeugte er sich, daß er mit ihr kein Glück für's Leben gefunden haben würde, und daß sie für ihn verloren sei. Hätte sie dieser kleinen, unbedeutenden Täuschung keinen Werth beigelegt oder wenigstens ihr aufgeregtes Temperament zügeln können, so wäre für sie noch alles gut gewesen. Aber jetzt hatte sie gewaltsam ihr eigenes Glück zerstört und für immer die Hoffnung verloren, als Herrin auf dem großen Edelhof einziehen zu können. So geschieht es oft in der Welt. Wie viele verscherzen ihr Glück durch ein unbesonnenes Wort, und verderben oder zerstören dadurch die schönsten Zukunftsträume. Melitta ging schweigend an der Seite ihres Begleiters; Jedes schien jetzt mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein; endlich fragte sie schüchtern: „Weiß meine Tante — Frau von Neinberg — daß Ihr Onkel hier ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt?" „Ich vermuthe es, aber ich weiß es nicht mit Bestimmtheit; ich habe nie mit ihr darüber gesprochen. Sie wissen, ich bin nicht oft hier, höchstens 2—3 mal im Jahre und dann nur einen Tag. Auch heute bleibe ich nur zwei Tage." „Wirklich? Bleiben Sie nicht länger?" Wieder trat eine Pause ein. „Sehen Sie, dort ist das Haus Ihrer Tante," bemerkte endlich der Offizier, „gehen Sie hier durch den großen Garten, das Thor ist nur angelehnt; ich will Sie bis zur Thür geleiten." „ Oh, nein! gehen Sie nicht weiter; ich bin ja hier am Ziele;" dann reichte sie ihm die Hand zum Abschied. „Ich bin Ihnen immer zu Dank verpflichtet, Sie haben mir schon manchen Dienst erwiesen," fügte sie leise hinzu. Er hielt ihre zitternde Hand fest in der seinen. „Reden Sie nicht davon," bat er, was müssen Sie gestern wohl von mir gedacht haben!" Ihre Wangen färbten sich purpurn, und sie versuchte ihre Hand zu befreien, doch er hielt sie fest umschlossen. „Sie erwarten wohl, daß ich mein Bedauern über weine Täuschung ausdrücken soll," fuhr er fort, „aber sie fiel zu meinem Glück aus, denn ich lernte, daß ich vor einem Abgrund stand. Ich bedaure nur, daß Sie mir zürnen; denn ich merke, Sie haben mir noch nicht vergeben." Sie heftete die Blicke zu Boden und wagte nicht ihn anzusehen oder ihm zu antworten. „Wir werden uns jetzt häufiger sehen," fuhr er unbeirrt fort, „wenigstens werde ich den Versuch machen, mit Ihnen zusammen zu treffen, so oft ich meinen Onkel besuche." „Ich bleibe nicht immer hier," versetzte Melitta leise, „ich will mich in der Welt nützlich machen, und meine Tante wird mir zu einer Stelle verhelfen." „Hm," lächelte der Offizier, „so wie ich Ihre Tante kenne, wird Sie nicht daran denken, das zu thun." Dann öffnete er das Gartenthor und schaute ihr nach, bis sie in dem kleinen Häuschen verschwunden war, und die Thür ihrer neuen Heimath sich hinter ihr geschlossen hatte. 2. Kapitel. „Also Du bist meine Nichte Melitta?" Die alte Dame trippelte in nervöser Hast in ihr Wohnzimmer und drückte das ängstlich zitternde Mädchen stürmisch an ihr Herz, nachdem sie ihr diese Worte ent- gegengerufen hatte. „Du siehst Deinem Vater aber sehr wenig ähnlich," fuhr sie eifrig fort, „Du siehst weit besser aus. Entschlossenheit, Wahrheit und Aufrichtigkeit sind in Deinen Zügen geschrieben, und diese Tugenden besaß Dein Vater nicht. Nun — nun — ich will ja nichts gegen Deinen Vater sagen, mein Kind, Dü brauchst nicht so heftig zu erröthen. In Deinen Augen war er zweifellos ein Muster aller Vollkommenheit, und Du thust Recht daran, nur das Beste von ihm zu denken. Aber nichtsdestoweniger war er ein leichtsinniger Mensch! Ich freue mich aber, daß Du die feinen Züge, die schönen blauen Augen und das wellige Haar Deiner Mütter geerbt hast, denn ich liebte sie sehr. Sie war meine beste Freundin, ehe sie sich verheirathete, und wenn ich geahnt hätte, daß Du ihr liebliches Gesicht und ihr anspruchloseS, bescheidenes Wesen geerbt hättest, so hättest Du schon vor Monaten zu mir kommen sollen. So, mein Kind, nun setze Dich und erzähle mir, warum Du so eilig das Haus meiner Schwester verlassen hast, und dann wollen wir zu Mittag essen. Ich esse gewöhnlich zeitig, denn ich verlange nach meinem Mittagsschläfchen. Du mußt Dich schon an meine Lebensweise gewöhnen und das Zusammenleben mit mir ertragen um Deiner Mutter willen." „Nein, um Deinetwillen, denn ich will Dich lieb haben," rief Melitta aus, dann schlang sie ihre Arme um den Hals der alten Dame und brach dann in Thränen aus. „Ich war so elend, einsam und unglücklich," fuhr sie dann fort, „und wünschte oft zu sterben, besonders gestern Abend konnte ich das Leben nicht länger ertragen." „Still, still, mein Kind, sprich nicht solche Worte; es werden noch glückliche Tage kommen für Dich. So, trockne Deine Thränen und erzähle mir, warum Du schon heute gekommen bist, ohne mir Deine Ankunft zu melden." »Ich konnte die Behandlung nicht länger ertragen," schluchzte sie, „und — da bin ich fortgelaufen." „Heimlich? Hm, das war thöricht. Aber erzähle mir alles ausführlich." Melitta gehorchte. Sie verschwieg nichts, selbst nicht die Begegnung mit Oberst Wellinghof und seine Begleitung bis hierher. Vielleicht war es ein Glück, daß Melitta das schelmische Lächeln der alten Dame nicht bemerkte, sie würde sonst an ihrer Theilnahme gezweifelt haben. Doch als sie ihre kurze, traurige Geschichte beendet hatte, konnte sie wohl merken, daß die alte Dame entrüstet über das Verhalten ihrer Schwester war. „Ich werde noch heute meiner Schwester einen Brief schreiben und ihr sagen, daß ich Dich lieber an Kindesstatt annehmen will, da es mir scheint, daß Du bei ihr und ihren Töchtern niemals glücklich werden kannst. Auch soll sie uns sofort Deine Sachen schicken," sagte die Tante, als Melitta sich beruhigt hatte und sogar ein Lächeln um ihre Lippen bei der Aussicht spielte, daß ihr Leben sich jetzt angenehmer für sie gestalten werde. „Doch jetzt komm' mit mir, Elisabeth wird Dein Zimmer in Ordnung haben, Du mußt es Dir ansehen, ehe wir essen, Du mußt halb verhungert fein!" Es war ein Helles, freundliches Gemach, zwar altmodisch, aber bequem und geschmackvoll eingerichtet. Ein lustiges Feuer knisterte im Ofen, und im Vergleich mit der armseligen Kammer, die sie in den letzten Monaten benutzt hatte, schien dieses Zimmer fürstlich eingerichtet. Die alte Tante war ganz entzückt, sogar Elisabeth, die anfänglich den Gast als unwillkommenen Eindringling befrachtet hatte, war glücklich über die Dankesbezeugungen und mühte sich in kleinen Dienstleistungen. Erst spät gegen Abend erzählte die Tante von ihrem Freunde, dem alten Herrn Wellinghof, und schlug Melitta vor, ihm einige Stunden Gesellschaft zu leisten. „Du weißt, Melitta," fuhr sie in ihrem Gespräche fort, „daß Du mich anfänglich batest, Dir zu einer S ellung behülflich zu sein, um Dich in der Welt nützlich zu machen. Aber es war gleich meine Absicht, Dich bei mir zu behalten, und Du sollst Deine Zeit ausnutzen, wie Du willst. Doch jetzt, nachdem ich Dich gesehen habe, will ich Dich wie meine eigene Tochter halten, und nach meinem Tode erbst Du das Häuschen und mein ganzes Vermögen." „Wie gut bist Du," flüsterte Melitta dankbar, als sie die welke Hand an ihre Lippen drückte. „Aber gib mir nur Arbeit, damit ich Dir nicht zur Last bin. Ich will gern jeden Tag nach dem Rittergut gehen und für Herrn Wellinghof thun, was ich kann. Wirklich, ich thue es gern." „Ja, Du sollst es thun, selbst wenn Du mein eigenes .Kind wärst, solltest Du hingehen. Denn Herr Wellinghof ist alt, einsam und ein treuer Freund, dem ich gern sein ödes Leben erheitern möchte. Morgen wollen wir Beide zu ihm gehen, dann kannst Du mit ihm das Nähere besprechen. Wenn er Dir ein Gehalt anbietet, so nimm es, Du kannst es verwenden wie Du willst, denn was Du an Taschengeld oder für Deine Kleidung gebrauchst, dafür sorge ich. So, nun möchte ich Deine Stimme hören, Du spielst und singst doch gern?" Die alte Dame war eine enthusiastische Musikfreundin, sie verstand die Talente wohl zu beurtheilen und liebte alles Schöne und Harmonische. So hatte» denn auch wenige Tacte genügt, sie zu überzeuge,» daß Melitta in dieser Kunst weit vorangeschritten war, und als jetzt die volle, silberhelle Stimme durchs Zimmer hallte, rieb sie sich vergnügt die Hände und flüsterte leise: „Eine meiner Nichten wird vielleicht noch seine Gattin, und hoffentlich diese." Am nächsten Morgen ging Melitta mit der Tante den weiten Weg nach dem Edelhofs. Der alte Herr saß mit seinem Neffen in seinem Arbeitszimmer; er betrachtete die junge Dame aufmerksam, dann fragte er mit unverkennbarem Wohlwollen, das dem Alter so wohl ansteht, ob sie die junge Dame sei, die die Stelle als Privatsekretär in seinem Hause einnehmen wolle. „Ja, ich will gern alles thun, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben," versetzte Melitta bescheiden. „Ich las häufig meinem Vater vor und schrieb seine Briefe, bin also an eine solche Thätigkeit gewöhnt." „Gut, wir wollen es einrichten, mein Kind, nur fürchte ich, Sie werden nicht gern Ihre besten Stunden im Tage bei einem alten, verdrießlichen Kranken zubringen, wie ich einer bin. — Sie sind jung und schön; Sie sollten wie ein Schmetterling im Sonnenschein umherflattern." „Ich habe Zeit genug, mich des Sonnenscheins zu freuen", lautete die schnelle Entgegnung, „und jetzt erst kann ich anfangen, mich meines Lebens zu freuen; ich habe mich nie so glücklich gefühlt, wie jetzt bei meiner Taute." „Nun, das freut mich, und wenn Sie einen Son- nenblick in das Dasein eines einsamen Mannes bringen wollen, so sind Sie der größten Dankbarkeit sicher. — Kommen Sie täglich zu mir, ich gebe Ihnen ein Gehalt von tausend Mark; nein, nein, mein Kind, wehren Sie nicht ab", als Melittas Antlitz Ueberraschung und Freude ausdrückte, „ich habe mehr Geld, wie ich gebrauchen kann, und wenn Ihre Tante es für zu wenig hält, gut, dann verdoppeln wir die Summe, das ist einfach genug." Diese Unterhaltung wurde im leisen Flüsterton geführt, während sich die Tant^ mit dem jungen Offizier im eifrigen Gespräch über die Veränderungen im Regiment und über die Aussichten über Krieg und Frieden befand. Doch jetzt, als die wichtige Unterhaltung beendet war, winkte der alte Herr seinen Neffen zu sich und bat ihn, Melitta zu unterhalten, da er mit seiner Freundin zu reden habe. WaS würde jetzt wohl Fran von Reinberg gesagt haben, wenn sie gewußt hätte, daß Melitta jetzt im großen Hause umhergeführt wurde, in dem Cecilie so gerne Herrin geworden wäre! Der Offizier führte sie in die Bildergallerie, zeigte und erklärte die seltsamen Gemälde und erzählte die Legende, die sich daran knüpfte, dann in den Ahnensaal und zuletzt in das Treibhaus, und mit Blumen reich beschenkt kehrte sie zu ihrer Tante zurück. Melitta hatte in ihrem Leben bis jetzt nur sehr wenig Aufmerksamkeiten erfahren. Die Freunde ihres Vaters hatten sie wie ein hübsches Kind, Reinbergs sie wie eine Untergebene behandelt. Dieses war heute der erste wirklich glückliche Tag ihres Lebens, und sie war ganz traurig, als die Tante sich zur Heimkehr rüstete, und, wichtige Briefe zu schreiben vorschiebend, die Einladung zum Mittagessen anSschlug. 628 So waren Wochen vergangen; der Frühling mit seiner glänzenden Blüthenpracht, war noch nie so herrlich erschienen, wie in diesem Jahre, und der Herr Oberst, der seinen alten Onkel häufiger denn früher besuchte, bemerkte mit Stolz und Freude, daß Melitta sich zur vollkommenen Schönheit entwickelte, wie eine Blume im Sonnenschein. Die Tante hatte nur einmal einen kurzen, sehr unfreundlichen Brief von ihrer Schwester erhalten. Am Schlüsse derselben schrieb sie: „Hoffentlich bereust Du nicht, das heuchlerische und „undankbare Geschöpf in Deinem Hause aufgenommen „zu haben. Sie ist so hinterlistig und falsch, daß ich „bedauere, sie in meinem Hause mit meinen unschuldigen „Töchtern vereint aufgenommen zu haben. Erwähne „ihren Namen nicht mehr in Deinem Briefe." Die alte Dame runzelte mißmuthig die Stirn, dann zerriß sie den Brief, ohne ihn ihrem Schützling zu zeigen oder von dem Inhalt zu sprechen. Melitta war ja glücklich; sie schien die schweren Monate wie einen bösen Traum vergessen zu haben. Auch der alte Wellinghof hatte alle Ursache, sich über den Wechsel in seinem einsamen Leben zu freuen. „Sie soll Richard Heimchen," dachte er oft bei sich selbst, sich vergnüglich die Hände reibend, „dann habe ich sie immer bei mir; sie ist der Sonnenschein meines Hauses." Aber so oft und viel er auch Melitta von seinem Neffe» erzählte, sie schien kein Interesse für ihn zu haben, und selbst als er dem Neffen einst anvertraute, daß es ihm gelungen sei, eine paffende Gattin für ihn zu finden, schüttelte der junge Mann unwillig sein Haupt mit der Versicherung, daß nur er allein sich die Gattin wählen würde. „Du irrst Dich, Richard," rief der Onkel erschreckt, „ich vertrete Vaterstelle an Dir und als solcher steht es mir zu, für Deine Zukunft zu sorgen. Fräulein Lydia hat noch viele Nichten-" „Ich werde nie eine derselben heirathen, verlaß Dich darauf," lautete die eilige Antwort, dann verließ er raschen Schrittes das Zimmer, den alten Herrn erstaunt und ärgerlich zurücklassend. * H * „Haben sie kürzlich unsere Cousine Melitta gesehen, wie geht es ihr?" „Ja, ich sehe sie häufig, auch noch vor einigen Tagen, als ich in Helmstedt war." Monate waren vergangen, der Herbst mit seinen goldenen Aehren, den reichen Früchten und den buntfarbigen Blättern war ins Land gezogen. In der kleinen Garnisonstadt herrschte ungewöhnliches Leben und Treiben, denn das Gerücht von der Versetzung des Regiments nach einer entlegenen größeren Stadt war im Umlauf und hatte sich mit Windesschnelle verbreitet. Ob das Gerücht auf Wahrheit beruhte oder nicht, wußte man nicht; aber ein Jeder bemühte sich, den gern gesehenen Offizieren zum Abschied noch alle erdenkliche Ehre zu erweisen. Natürlich nahm auch jetzt Frau von Neinberg mit ihren Töchtern an jener Festlichkeit theil, und Cecilie war fest entschlossen, endlich den Preis zu gewinnen, den sie leichtfertig vor vielen Monaten selbst verscherzt hatte. Sie ließ keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, den Oberst in der Unterhaltung zu fesseln, und da sie zu ihrem Aerger bemerkt hatte, daß er häufiger denn jemals nach Helmstedt fuhr, hatte sie die obige Frage an ihn gerichtet. Bitter bereuten Mutter und Töchter, durch allzu schroffe Behandlung Melitta vertrieben zu haben, die jetzt Aufnahme in Helmstedt gefunden und daher häufig Gelegenheit zum Verkehr mit dem alten Oheim und dem jungen Offizier hatte. „Wir haben gar nicht daran gedacht, daß der alte Wellinghof ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt, und daß er Tante Lydia's Freund ist," dachten sie oft in leidenschaftlicher Erregung. „Es wäre uns doch nur eine Kleinigkeit gewesen, dorthin zu reisen und die Gunst des alten Mannes für uns zu gewinnen. Tante Lydia schrieb uns früher, daß sie sich über den Verkehr des jungen Neffen in unserm Hause freute, und daß sie hoffte, er würde eine von uns als Gattin heimführen! Und nun zerstört Melitta unsere schönsten Hoffnungen!" So lauteten die beständigen Klagen der Schwestern, eine gab der anderen die Schuld, zur Flucht der armen Melitta beigetragen zu haben, und die Streitigkeiten darüber wurden täglich heftiger und anhaltender. Sie wußten, daß der Oberst keine Gelegenheit unbenutzt vorüber gehen ließ, nach Helmstedt zu reisen, und schien bei seiner Rückkehr so glücklich und heiter zu sein, als verlebte er nie vergnügtere Stunden, wie gerade dort. Aber Cecilie von Reinberg wollte nicht ohne einen letzten Versuch jede Hoffnung schwinden lassen. Sie war fest entschlossen, als Herrin auf dem großen Gute zu schalten, und ungeachtet Edith's Warnungen, sich der Lächerlichkeit nicht auszusetzen, kleidete sie sich zu der bevorstehenden Festlichkeit mit der größten Sorgfalt, um einen letzten Angriff auf das Herz ihres Geliebten zu machen. „Wir haben seit langer Zeit nichts von meiner Tante in Helmstedt gehört", begann sie nach einer längeren Pause, als beide während eines Gartenkonzertes in einer schattigen Allee ein stilles Plätzchen gesucht und gefunden hatten, „aber dennoch sind wir mit allen Neuigkeiten vertraut, die sich dort zutragen. Es muß sehr angenehm für Ihren Onkel sein, Melitta beständig um sich zu haben, aber es ist hart für Sie, da Sie doch wissen, wie viel Sie dabei verlieren." „Was bedeuten Ihre Worte," rief der Offizier unwillig, „ich verstehe nicht, was Sie meinen, Fräulein von Neinberg." „Oh l — nun — ich würde ja nichts gesagt haben," Cecilie heuchelte ein ganz verlegenes Gesicht, „aber ich glaubte, es sei Ihnen gar kein Geheimniß, daß Melitta mit der Absicht umginge, den alten Herrn zu heirathen. — Tante Lydia wünscht es ebenfalls, sie spielte in ihrem ganzen Briefe darauf an. — Meine Cousine Melitta ist ein Glückskind — wenigstens hält sie sich selbst dafür. Was mich anbetrifft, so denke ich anders; ich könnte niemals einen Mann heirathen, der alt genug wäre, um mein Großvater zu sein, selbst wenn er ein Millionär wäre. Aber so viele Mädchen denken nur an Gold und Reichthum." Cecilie machte bei diesen Worten ein so unschuldiges, harmloses Gesicht, daß der Offizier ihr Glauben schenkte. Er hielt die Leute für so offen und ehrlich, wie er es selbst war, und der Gedanke lag ihm fern, 629 daß seine Begleiterin nur seinen Verdacht erregen und ihre eigenen Zwecke verfolgen wollte. Melitta wollte seinen alten Onkel heirathenl Dieser Gedanke schien ihm fast lächerlich, unerhört; aber dennoch — —" „Darf ich wissen," fragte er sarkastisch, „ob die Verlobung zwischen ihm und Fräulein Melitta schon eine öffentliche ist? Sie scheinen doch so gut und genau in die Verhältnisse meines Onkels eingeweiht zu fein." „Oh, denken Sie nicht, daß es nur ein leeres Geschwätz ist; ich würde es Ihnen nicht gesagt haben, wenn ich es nicht mit Bestimmtheit wüßte. Wie konnte ich auch nur ahnen, daß Sie noch nichts davon gehört hatten; Sie sind doch so häufig dort und gehören zu den nächsten Verwandten, dies muß also eine ganz unerwartete Nachricht sein. „Ganz recht. Die nächsten Verwandten sind oft die letzten, die Familien-Neuigketten hören. Beantworten Sie mir aber meine erste Frage; ist die Verlobung schon öffentlich?" Cecilte schlug verwirrt die Augen zu Boden; sie war zu wett gegangen und bereute ihre vorschnellen Worte. „Ich-ich habe noch nicht davon gehört," stammelte sie verlegen, „wir hörten nur von der Verlobung und daß die Hochzeit bald folgen werde." „Ah! nun, es war mir wirklich eine interessante Neuigkeit. Mag mein guter Onkel heirathen wann und wenn er will, er geht mir dann mit einem guten Beispiel voran. „Wollen Sie denn auch heirathen?" Cecilie sah ihn bei diesen Worten mit herzgewinnender Lieblichkeit an und lehnte sich fester auf seinen Arm. „Wahrscheinlich!" „Oh, wie schade! gerade jetzt wenn das Regiment versetzt wird. Es muß entsetzlich hart für das Mädchen sein, allein als Braut hier zurückzubleiben." „Für welches Mädchen?" fragte der Oberst erstaunt. „Natürlich für das glückliche Mädchen, daS Sie zu heirathen gedenken. Weiß sie denn noch nichts von der Versetzung des Regimentes?" „Die Dame, die ich mir als zukünftige Gattin auserkoren habe, wohnt gar nicht hier in der Stadt", erwiederte er mit fester Entschiedenheit, und an dem eisigen Ton seiner Stimme merkte Cecilie, daß auch für sie die letzte Hoffnung geschwunden sei. „Aber er soll doch wenigstens Melitta nicht heirathen; das ist mir schon ein Trost," dachte sie bei sich selbst, dann erhob sie sich von ihrem Sitze und fugte laut hinzu: „Lassen Sie uns zu der Gesellschaft zurückkehren: man wird uns vermissen." (Schluß folgt.) -- Goldkörner. So wie die Flamme des Lichtes, auch wenn umgewendet, nach auswärts strebt, Ebenso ringt das Gute, wenn auch vom Unglück tkf gebeugt, doch immer empor. Es sprechen, die da sind begraben, Zum Greise also, wie zum Knaben: „Was Ihr da seid, das waren wir; Was wir nun sind, das werdet Jhrl" Eine Entführung aus Augsburg 1748. (Schluß.) „Nachdem ich — gab Jordan an — mit dem Amtsdiener vor des Herrn von Langenmantel Behausung, wo eine Kutsche mit drei Pferden stand, gekommen war, rief man mich in die Schreibstube, und Seine Gnaden fragte nur, wie ich heiße. Ich nannte den Namen und bat gehorsamst um Auskunft, was man mit mir vorhabe. Der Herr Bürgermeister entgegnete, er habe damit nichts zu schaffen, ich werde alles in Landsberg hören, wohin auf Anordnung des Landrichters ich jetzt gebracht werde. Darüber erschrak ich so sehr, daß ich nimmer weiß, wie ich in die Kutsche kam und der Felix neben mir saß. Wir fuhren durch das Stefingerthor, und beim rothen Eisenhammer (gegenüber dem Blatternwall) stieg der Amtsdiener aus, und des Burggrafen Schreiber Aymont, mit einer Flinte bewaffnet, nahm seinen Platz ein. Ungeachtet der Fuhrmann die Pferde so antrieb, als wollte er sie umbringen, sah ich doch am Vogelthor die Schloffertn Volk, der ich rief: „sag' sie's meiner Frau", aber der Schreiber hielt mir das Maul zu und drohte Feuer zu geben, wenn ich nochmals schreie. So kamen wir an den „Stadel" auf dem Lechfeld, und dort erwarteten uns die Landsberger Schergen und einige Bauern mit Stecken, aber der Stadelwirth duldete nicht, daß sie auf ihren Karren mich setzten, denn wir seien noch auf augsbur- gischer Jurisdiction. Der Schreiber führte mich deßhalb an den Grenzstein, und ich mußte jetzt den Wagen besteigen. Ein Fuß wurde an denselben gekettet, die Henkersknechte hielten meine Arme, und wir fuhren ab; der Schreiber folgte uns in der Kutsche. Wie wir Landsberg erreichten, lief die halbe Stadt zusammen, um mich als die ärgste Verbrecherin zu sehen. Man legte mich in den Thurm, und nach 8 Tagen sprach mich der Landrichter zum ersten Male an, indem er verlangte, ich solle gestehen, daß ich von meinem Glauben abfallen wolle und noch 14 katholische Weiber dazu verleite, was ich jedoch als eine schändliche Lüge erklärte. Nach einer Woche übergab man mich dem Eisenvater, bei dem ich eingesperrt bis zum letzten September blieb. An diesem Tage kam ich zum zweiten Mal vor den Landrichter, und nachdem ich ihm die geforderten 18 fl. hinterlegt hatte, gab er mir diese zwei Schreiben mit den Worten, ich könne jetzt fortgehen, wohin ich wolle." Das eine Schriftstück, aus dem churfürstlichen Hofrathe an das Landgericht Landsberg gerichtet, lautete: „Max Joseph. Wir haben Deinen Weegen der bei dem Dir gnädigst anvertrauten Landgericht iu xuueto 8U8p6ota.6 f?6rv6i'8ioni8 (Verleitung) inhaftirten Katharina Jordanin 8ud äato 9. xra,68. 14. August abhin unter- thänigst erstatteten Bericht samt denen Beilagen empfangen und Uns hierüber im gesehenen Rath umständig xropo- niren lassen. Bevelchen Dir hierauf gndgst., die zur Verhaft genommene Jordanin sogleich ohnentgeldltch des Ver- haffts zu entlaßen, doch aber derselben den Vortrag zu machen, daß sie sich längstens bis künftig Lichtmeß in einen kath. Dienst begeben oder bei solchen ihre ander- wärtige Versorgung suchen solle, welches Dir dieselbe auch ordentlich anzugeloben hat. Du aber wirst von solch Unser gndgsten. Resolution Unserm Religions Agenten in Augsburg Nachricht geben, anbei auch die possierlichen Unkosten behörigen Orts verrechnen. München, 20. Septb. 1748." Das zweite Schreiben liquidirt die Auslagen des Edlen von Behr gurr Nel.-Agenten: t-*-I 630 „für den eigens abgeschickten NauäLlariuva Philipp Ignatz d'Aymont zwei Reisen und Bemühungen 3 fl. — kr., wobei demselben wegen glücklicher der Sache Verrichtung und Ausgang zu einem weiteren äoussrir als zumalen einem armen Convertiten, welcher kaum mit seiner Instruktion der französischen Sprache eine tägliche Kost vielmehr ein konsttss Kleid den Winter anschaffen kann 1 st. 30 kr., für dkk Fuhrmann Rauschmayer mit 3Pferden 4 fl. 30 kr., für Amtsbemühung in tali easu extra- orclinario 3 fl. 50 kr. 12 fl. 50 kr., wozu noch die bürgermeisteramtlichen Gebühren zu schlagen sind.« Diese Akten übergab Bürgermeister Herwart am 2. Oktober mit einem Anheimstellungsberichte, dessen heftige, unfreundlich collegialische Sprache befremdete. „Helene Lottcrin — schreibt er — hat vor etlichen Monaten klagbar angezeigt, welcher Gestalt ihre Dienstmagd unverhört mit Gewalt zur Stadt hinaus entführt worden sei. Aus den Beilagen belieben Ew. Herrlichkeit und Großgünstige zu ersehen, wie es diesem Mensch ergangen ist. Das Kurfürstlich bayerische Lorlxtum gibt selbst zu erkennen, daß sie blos in Verdacht gerathen, als ob sie zu der evangcl. Religion übertreten wollen. Ob aber dieses ein Verbrechen gewest wäre, welchem zu begegnen man also hinterlistig und so äußerst gewaltthätig zu Werke gehen dürfe und wohin es in kurzem kommen werde, wenn ein solches nur den spanischen Jnguisitionsregeln gemäßes Verfahren erlaubt wäre, wodurch die allgemeinen Reichs- als hiesige paritätische Grundgesetze gänzlich verachtet und schnöder Weise gebrochen werden, stelle ich Ew. Ew. anheim.« Bürgermeister von Langenmantel, alsbald von dem unterrichtet, was auf dem Nathhause gegen ihn sich vorbereitete, beeilte sich jetzt, den Senats-Auftrag vom 30. Juli, über die Klage der Buchhändlerin Lotter sich zu äußern, zu erledigen, und er führte aus: „Burggraf von Behr besuchte mich am Annatag Abends und unter Berufung auf das mir vorgelegte Schreiben des Landrichters Josef Ignatz Mändl in Landsberg ging er mich an, die hiesige Dienstmagd Jordanin, eine churbayerische Unterthanin, morgen ob psrioulum in mors. nach Landsberg führen zu lassen, maßen alle Anstalten dazu schon getroffen seien. Ich hatte demnach nicht so viel Zeit übrig, wegen eines äslioti die legale Erkundigung einzuziehen, sondern mußte, um nichts anstößiges gegen churfürstliche Nachbarschaft zu begehen, dem Antrage äekorirsn. Später stellte sich allerdings heraus, daß Edler von Behr vermöge seiner unbegründeten äsnunoiation wie den Landrichter, so auch mich schändlicherweis hintergangen hatte, und ich werde äata osoasions gar nicht ermangeln, den gespielten Betrug ihm empfindlich zu machen, aber die bedauerlich rsgnirirte Ablieferung der Person kann mir nicht zur Last gelegt werden." Die Freiheit hatte Katharina Jordan zwar erlangt, allein aus den spitzigen Reden der Leute blieb ihr nicht verborgen, daß ihrem guten Rufe ein Makel anklebe, sagte man ihr doch in's Gesicht: „den Schimpf werde sie ihrer Lebtag nimmer los«. Und die bösen Zungen machten sich auch an ihren Bräutigam, den katholischen Färbermeister Paul Heichele, der schon vor dem Unglück sie zur Ehe begehrte, denn sein Zunftgenosse Kohlbauer warf ihm. weil für das Handwerk schädlich, vor, wie er ein Mensch heirathen möge, das unter den Schergen gestanden sei. So sahen die beiden Personen sich genöthigt, nochmals den Rath um ein attssiutuoa ivnosontias (Unschulds- zeugniß) xsr Lsorstuva zu bitten und zugleich ihnen zum Rückersatz der abgenommenen 18 fl. zu verhelfen. Es mußte jetzt etwas geschehen, doch glaubten die hohen Herren, von einer Vernehmung aller Betheiligten nicht absehen zu sollen. Die bezügliche Anordnung des Senats vom 12. November vollzogen andern Tags die Bürgermeister Herwart und Zimmermann, ohne daß dadurch wesentlich Neues gewonnen wurde. Begreiflicher Weise bestritt Peter Ph. Jg. Karl d'Aymont aus Frei- bnrg in der Schweiz, Schreiber auf der bischöflichen Kanzlei des Burggrafen, daß er der Jordan den Mund verstopft und sie geängstigt habe, er werde schießen, er habe sogar das Anlegen der Schellen und Anschmieden an den Wagen den Bütteln verwehrt, woran sie sich jedoch unter Berufung aus einen landgerichtlichen Befehl nicht kehrten, und schließlich fragte er spöttisch, ob man von einem mit der Umgegend der Stadt nicht vertrauten Manne erwarte, er wisse genau die bayerische Grenze. Dagegen verbreiteten die Angaben des Färbers Heichele einiges Licht über die durch den Burggrafen ohne Wissen seiner Vorgesetzten eingeleitete Verhaftung der Magd und über die günstige Wendung des Prozesses in München. „Als ich mich über das Schicksal meiner Verlobten bei dem Herrn von Behr erkundigte, — sagte Heichele — so zankte er mich wie einen Buben, was ich mir nicht gefallen lassen konnte. Ich beschwerte mich deßhalb bei Seiner Gnaden dem Herrn Kanzleipräsidenten und Dom- eapiiular Baron von Bettendorf, der ihm in meiner Gegenwart wegen verübter Ungerechtigkeit einen derben Verweis gab und noch sagte, er hätte gute Lust, ihn gar abzusetzen. Dann rieth er mir, eine Bittschrift an den Kurfürstlichen Hofrath aufsetzen zu lassen und dieselbe ihm zu bringen, er wolle sie mit einem guten Wort nach München schicken.« Daß diese Verwendung von gutem Erfolge sein werde, war vorauszusehen, dennLi-anoiLeusllokarmssVVrllisImug lidsr Laro äs Lsttsnäori war nicht nur Oanonious Oaxitularig, sondern auch Lsrsnissimi Lleotoris Lavarias Oonsiliarius Intimus aotualis Oonsilii Lo- olssiastioi Lraesss, und als solchem mußte die thörichte Handlung des ihm unterstellten Religions - Agenten für Seine Churfürstliche Durchlaucht von Bayern sehr unangenehm gewesen sein. Gleichzeitig kam das Protokoll und eine geharnischte, für die Unabhängigkeit der Reichsstadt nicht schmeichelhafte Protestation des Herrn von Langenmantel zu Handen des Magistrats. Der in seiner Ehre gekränkt sich fühlende Patrizier gab seinem Unmuthe ungeschminkten Ausdruck. „Obgleich ich noch ohne Oeoretuua ö saucsllaria bin, so höre ich, daß meine amtliche Thätigkeit mit einer spanischen Inquisition olauäioants similituäius verglichen werde. Wenn mich eine fünfjährige Amtsführung vor einem so unerhörten Vorwurf nicht schützt, so begreife ich auch die gegen mich getroffene, unlängst beliebte Maßregel, daß ich vor der Abstimmung abzutreten hatte. Aber ich beharre darauf, nicht das Geschwätz des Burggrafen, sondern die in Form Rechtens gestellte Requisition des Landrichters veranlaßte meine angefochtene Handlung und ich frage, wenn Churbayern seine Unterthanen auch ohne vorhergegangenes Lslivb simxliviter zurückberuft und 631 ihre Lxtraäition beansprucht, ob Augsburg im Stande wäre, dagegen zu sein? Würden daher die Herwartschen imxutatiL nicht zurückgewiesen, so bin ich neaessitirt sä salvancka st tuonäa zürn kartis oatstolieas mit eben demjenigen Eifer bet Gelegenheit zu verfahren, mit welchem auf der anderen Seite bei bekannten Vorgängen ohne Rücksicht auf die hiesige paritätische Verfassung der Anfang und die Bahn gemacht worden ist. Entschieden verwahre ich mich dahero durch die Unbesonnenheit des Edlen von Behr oder wegen der Brutalität dessen besoldeten Subjectes in eine schiefe Lage gerückt zu werden." Besänftigend wirkte die Erklärung des Bürgermeisters Herwart, es sei von ihm nicht beabsichtigt gewesen, den Herrn von Langenmantel zu beleidigen, dessen sehr rühmliche Eigenschaften er hochachte und dessen Freundschaft ihm allzeit höchst schätzbar gewesen. Demungeochtet vermochten die Nathsconsulenten ihr Gutachten in keine müdere Form zu kleiden. „Es mußte—setzten sie voraus — dem Bürgermeister der blinde Neligionseifer und die zu übereilten Urtheilen geneigte Gemüthsart des Burggrafen bekannt sein, daher das Mißfallen über den Amtsmißbrauch sowohl in Ansehung der gehinderten freien Religionsänderung, als fürnehmlich in Betracht der verfügten Auslieferung, ohne darüber bei dem Magistrate anzufragen, sich nicht unterdrücken lasse." Endlich am 19. Dezember 1748 erging in8snatn das vaoretum: 1. Dem Herrn Bürgermeister v. Langenmantel das Mißfallen, wie beantragt worden, auszu- sprechen. 2. Der Katharina Jordan, nunmehr» verehelichten Heichelin, nicht nur von gemeiner Stadtkanzlei ein öffentliches aitestatum iimooovtias bei ihrer kündbaren Unschuld ertheilen, sondern auch inseriren zu lassen, daß ihr niemand, wer er auch sein möge, bei 10 Nthl. Straf keinen Vorwurf mache, sondern sie aller Orten und Enden als eine unverleumnudete ehrliche Person angesehen und geachtet werde. 3. Wegen der ihr in Landsberg abgenommenen 18 st. wird K. Jordan alias Heichelin an den dortigen Landrichter und an den Burggrafen von Behr verwiesen, und Letzterer soll durch das Bürgermeisteramt, das er so schändlich hintergangcn, dazu angehalten werden. 4. Wegen des rc. Behr in dieser ganzen Sache bewießenen Schäbigen und friedensstörischen Ausführung, auch übrigen intoleranten Betragens sowohl an den durchlauchtigen Churfürsten von Bayern, als auch an Seine Hochfürstliche Gnaden den Bischof Joseph in Augsburg ein nachdrückliches Beschwerungsschreiben zu erlaßen und bei dem Hofrath in München höchsten Orts um Abschaffung des rc. Behr von der Neligious-Agentie unterthünigstes Ansuchen zu stellen. 5. Dem Schreiber Aymont die unverantwortliche Violation des allhiesigen tsrritorii zu verweisen und 2 Tage lang in das Gewölble ihn zu legen. Mit der bürgermeisteramtlichen Anzeige vom 6. Jan. 1749, daß der am Perlach ergriffene renitente Aymont die Strafe abgesessen habe, schließen die Akten. --SS2--S--S-"- DeS Himmels Walten. Erzählt von M. Dursch. lNachLrm! verbot!».) Die Winternacht zog herauf, stürmisch und kalt. Noch immer wogten die schweren, feuchten Schleier vom Himmel, noch immer senkten sich die weißen Flocken lautlos zur Erde. Sie schienen nicht eher ruhen zu wollen, als bis sie dem einsamen Reiter und seinem Rosse ein weiches lindes Grab bereitet hätten. Jeder Pfad war verschneit, jeder Weg verdeckt von flimmerndem Schnee. Selbst die Landstraße verlor sich spurlos in der weiten, weißen Ebene. Verzweifelt spähte der Reiter durch die Nacht: da. tauchte plötzlich dicht vor ihm ein schimmerndes Licht auf. Durch das Fenster einer Schenke strahlend, winkte es traulich zur Einkehr. Der Reiter stieg vom Rosse und pochte kräftig an das verschlossene Thor. Wüthendes Hundegebell ertönte, dann kamen schlürfende Schritte, Schlüssel knarrten und das Thor wurde vorsichtig geöffnet. Ein großer, weißbärtiger Mann erschien; er hielt eine Laterne, deren Schein in breiten Strahlen auf den Schnee der Landstraße und die wirbelnden Flocken fiel. Mürrisch fragte er nach dem Begehren des Fremden. „Ein kräftiger Imbiß," war die Antwort, „und ein warmes Lager für Wich und meinen Gaul — das ist Alles, um was ich Euch bitte." Der weißbärtige Alte schien zu überlegen; prüfend erhob er die Laterne und leuchtete dem Ankömmling in's Gesicht. Dann forderte er ihn auf, ihm zu folgen, und ging voraus in die Schenkstube. Hier lagen auf dicken, kostbaren Teppichen zwei jüngere Männer, durch die auffallende Ähnlichkeit ihrer Gesichtsbildung mit der des Wirthes sofort als seine Söhne erkennbar. Sie begrüßten zwar den Gast zuvorkommend und höflich, aber ihr Benehmen hatte etwas Unerklärliches, Verstecktes an sich, und in ihren Augen lag derselbe lauernde Ausdruck wie in denen des Alten. Der Fremde war unangenehm berührt von dieser Beobachtung, und er hatte das Gefühl, die Drei könnten, ohne sich zu besinnen, ihrem Neben- menschen das Lebenslicht ausblasen. Sonderbar erschien es ihm auch, daß in einer gewöhnlichen Schenke so kostbare Teppiche vorhanden waren. Allein er befreite sich rasch von seinen — wie er meinte — grundlosen Befürchtungen. Er ließ sich vom Wirthe den nassen Mantel abnehmen und setzte sich in die behagliche Wärme des OfenS. Bald wurde Wein, Schinken und Hausbrod aufgetragen, und der Gast ließ sich Alles vortrefflich munden. Inzwischen führte der Wirth das Roß in den Stall und fütterte es; Zaum und Sattelzeug aber hängte er in der Stube auf. Dann nahm er mit heuchlerischer Freundlichkeit bei seinem Gaste Platz, um von Diesem und Jenem zu plaudern. „Ihr seid gewiß ein Kaufherr," fragte er im Laufe des Gespräches, „und wollt den Jahrmarkt in der nahen Stadt besuchen?" Der Angeredete nickte. „Ader wie gefährlich ist es doch, so allein, ohne Begleiter, durch Nacht und Nebel zu ziehen! Wie leicht könntet Ihr des vielen Geldes beraubt werden," meinte der Wirth. Dabei blinzelte er verstohlen auf den gefüllten Ledergurt des Kaufherrn. — Lächelnd entgegnete dieser: „Gegen eine solche Gefahr bin ich hinreichend geschützt. Ein Paar kräftige Fäuste, ein gutes Roß und eine ausgezeichnete Pistole, das sind sichere Helfer, die mir schon manchen Dienst erwiesen." Zufällig sah er dabei von der Mahlzeit empor und bemerkte, wie der Alte mit einem seltsamen Blick die Aufmerksamkeit seiner Söhne auf den Geldgurt lenkte und wie ein leises Kopfnicken die Erwiderung war. Von neuem erwachte sein Argwohn, und ein fürchterlicher Gedanke durchzuckte sein Gehirn. Unwillkürlich griff er nach seiner Pistole, aber rasch überlegend ließ er sie stecken und that, als ob er von Allem nichts bemerkt hätte. Der Wirth geleitete ihn auf sein Zimmer, das eine Stiege höher lag und nur ein einziges Fenster nach dem Hofe besaß. Er 632 wünschte »gute Nacht" und entfernte sich. Bald darauf wurde daS Licht in der Schenkstube gelöscht, im ganzen Hause war e8 dunkel und Alles schien zur Ruhe gegangen. Der Kaufherr beschloß, auf seiner Hut zu sein. Leise wollte er den Riegel vor die Thüre schieben, aber zu seinem Aerger vermochte er gar keinen zu finden, so viel er auch im Dunkeln umhertastete. Noch größer wurde sein Mißmuth, als er nach der Pistole langte und entdeckte, daß er sie unten habe liegen lassen. Mit vorsichtigen Schritten ging er daher die Stiege hinab, bis er plötzlich durch ein Paar glotzender Augen und ein dumpfes, drohendes Knurren wieder angehalten wurde. Zugleich vernahm er unterdrückte, halblaute Stimmen. Er blieb stehen und lauschte. DaS Blut wogte ihm in heißen Wellen zum Herzen, bei dem, was er vernahm. „Seine Pistole hat er drunten auf der Bank liegen lassen," sagte der Alte. „Es ist also nicht die mindeste Gefahr vorhanden, und Alles geht so glatt und sicher wie sonst. Ich schleiche mich an sein Bett und schlage ihm mit der Axt deu Schädel ein. Indessen grabt Ihr im Hofe ein großes Loch; wenn ich fertig bin, pfeife ich leise und werfe ihn durch das Fenster hinab. Ihr verscharrt ihn dann mitsammt den Kleidern — wir behalten nichts als das Geld — und macht die Grube rasch wieder zu, damit wir nicht überrascht werden." — „Wir werden das Unselige thun," war die Antwort, „sorge Du nur, daß jeder Lärm vermieden wird." Die Flüsternden erhoben sich, und Jener, dem ein gräßlicher Tod so nahe schien, schlich in sein Zimmer zurück. Er befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung, sah er sich doch wehrlos in die Hände dieser Mordgesellen gegeben. „Hätte ich nur irgend eine Waffe bei mir," dachte er, „damit ich mich wenigstens gegen die Uebermacht vertheidigen könnte! Oder soll ich es dennoch wagen? Allerdings — Einer gegen Drei — aber ich habe ja schon manchen Strauß glücklich bestanden. Doch nein, wenn es mir auch den Menschen gegenüber gelänge, freien Weg zu schaffen — die Hunde würden mich in Stücke zerreißen, bevor ich einen Arm gegen sie erheben könnte!" Er verfiel in düsteres Sinnen. Fern von der Heimath sollte er also auf so elende Weise um sein Leben kommen, spurlos verschollen sollte er sein für Gattin, Kinder und Eltern, deren einzige Stütze er war! Mit Anstrengung suchte er nach einer Möglichkeit der Rettung. Endlich war sein Plan gefaßt. Er selbst bebte zwar vor dem Grauenvollen, allein es gab keinen andern Weg, dem fürchterlich drohenden Schicksal zu entgehen. »Himmlischer, verzeihe mir," betete er, „Du weißt, daß mir nichts anderes Möglich ist!" — Entschlossen stellte er sich neben der Thüre auf und wartete. Eine, zwei Stunden vergingen und Alles blieb todten- still. Nur draußen tobte der Schncesturw, und die Bäume ächzten unter seiner Last gleich Sterbenden. Immer schwärzer wurde der Himmel, immer fester ballte sich das Gewölke, immer dichtere Schneewehen jagten zur Erde. Da — es mochte um Mitternacht sein — ließen sich plötzlich gedämpfte Schritte und ein flüchtiges Knacken der Treppenstufen hören. Die Schritte kamen langsam näher. Der Kaufherr hielt, um seine Stellung nicht zu verrathen, den Athem an. Nun tastet es an der Thürklinke, und nun schleicht es leise über die Schwelle. Näher und näher bewegt es sich gegen das Lager — jetzt ein vorsichtiges Tasten auf der Bettdecke — da — ein dumpfer, gurgelnder Laut — ein schwerer Fall, und Alles ist wieder grabeSstill. Leblos, erdrosselt von nervigen Händen, liegt der Verbrecher am Boden. Nun aber gilt es rasch zu handeln, das grauenhafte Werk entschlossen zu vollenden, wenn die Rettung gelingen soll. Hastig kleidet der Kaufherr den entseelten Körper in sein eigenes Lederwams, hebt ihn auf das Fenster und läßt einen leisen Pfiff ertönen. Sofort wurde von unten auf gleiche Weise geantwortet, der Todte fällt in den Hof hinab, vier Hände ergreifen ihn, werfen ihn in eine Grube und schaufeln die Erde wieder darüber. Als der Kaufherr sich von dem Gelingen der Täuschung versichert hatte, eilte er in die Schenkstube, öffnete leise ein Fenster und schwang sich auf die Landstraße hinaus. Es war höchste Zeit, denn schon leuchteten durch das Dunkel die glühenden Augen zweier Rüden, die vorn Hofe aus seine Anwesenheit wahrgenommen hatten. Auf eine wilde, stürmische Nacht folgte ein ruhiger, klarer Morgen. Als die kalte Wintersonne heraufstieg, beleuchtete sie einen Trupp Soldaten, deren Helme und Waffen ihre Strahlen blitzend zurückwarfen. Es waren die Schergen der nahen Stadt, unter Führung des geretteten Kaufherrn nach der Schenke abgesandt. „Wo ist denn Euer Vater?" fragte der Hauptmann die beiden Missethäter, die beim Anblick des todtgeglaubten GasteS gleichsam zu Stein erstarrten. „Wir wissen es nicht," stammelten sie endlich, „er ist noch nicht herabgekommen, er muß noch schlafen." — „Wahrscheinlich," spottete der Hauptmann, „es ist auch gar nicht zu verwundern, wenn er einen so festen Schlaf hat. Nun, wir wollen Euch zeigen, wo Euer Vater ist. Schaufelt einmal die Erde aus dieser Grube, aber rasch!" Zitternd gehorchten die Unseligen. Endlich zeigte sich die Leiche des alten Wirthes mit verzerrtem, blutunterlaufenem Antlitz. — „Seht Ihr nun, Ihr Mordbuben, wo Euer Vater ist?" rief jetzt flammenden Auges der Hauptmann. „Ihn hat das Gericht ereilt, und bevor die Sonne sich neigt, werdet auch Ihr Euren Lohn empfangen!" „Erbarmen, Erbarmen!" winselten die Elenden, während sie auf die Kniee fielen. Kräftige Fäuste rissen sie empor, schnürten ihre Hände zusammen; die Soldaten nahmen sie in ihre Mitte, und eilig bewegte sich der traurige Zug nach der Stadt. Die Wintersonne leuchtete über Thal und Höhen, so strahlend, so herrlich — den Tag verschönend, der endlich eine Reihe grauenvoller Verbrechen sühnte. — Kreuz- und Auer-KäMt. 1 2 verdirbt so manche Speise, In allen 3 4 zeig' dich weise, 1 4- beherrscht dich als Despot, 2 4 bringt Wunden oder Tod. 8 2 umschließet Geld und Tand, S 1 ein Thier im fremden Land. Auflösung des Buchstaben-RSthsels in Nr. 79: Salm. — Salomo. Auflösung des Bilder-Näthsels in Nr. 80: Bei jedem Anfang bedenke das Ende. --WRZS-- ^L 82 . 1894. »m „Augsburger Postzeitung". Dinstag, den 9. October ^ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas »» -ÄMV :.^.-. , weiß, was es da zu leiden gibt. Auch der Huberbauer weiß davon zu erzählen. Er hat's nicht mehr aushalten können vor Weh, und so entschloß >r sich denn, beim Dorfarlle gründlich Heilung zu suchen. Der Herr Doktor ist ein Mann von Fach und versteht es, das Uebel „mit der Wurzel" zu heben. Zunächst gilt es, den Sitz des Uebels zu eruiren und wir glauben, er wird seines Amtes zur Zufriedenheit unseres Bäuerleins walten. -^ - Allerlei. Was dem Kloster Frauenchiemsee ein herzoglicher Besuch kostete. Herzog Heinrich der Reiche überraschte am 27. November 1444 das Kloster Frauen- chiemsee mit einem Besuche und blieb dasübst bis 1. Dez. Er führte mit sich 56 Pferde rc. Die Zehrung an Wein, Futter und Fischen kostete die Frauen 65 Pfd. dl., eine Summe, um die man damals einen großen Hof kaufen konnte. Als die Aebtissin Dorothea von Layming ihren Streit mit andern Fischereiberechtigten vorlegte, wollte dem Schiedsrichter ihr Recht nicht einleuchten, bis sie ihre vorgebrachten Beweise mit einem neuen verstärkte — nämlich mit einem Geschenke von 32 Pfd. dl. Nun war auf einmal dem Herrn die Sache ganz klar, und entschied er zu Gunsten des Klosters. ZSilder-Hläthsek. Fatale Anziehungskraft N i M UM» j«r rr ^L87. Areitag, den 26. October ve?v Kür die Redaction verantwortlich: Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L hilipp Frick in Augsburg, rabherr in Augsburg tVorbesttzer vr. Max Huttlcr), BernmarÄ von Httdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Die Kaiserin hatte einen Wunsch auf dem Herzen, den die Prinzessin Sophia, welche zugegen war, theilte. Auch Theophano duldete, nicht, daß der Priester seinen Dank für die reichen Geschenke aussprach. Nasch leitete sie also ein: „Herr Bernward, Eurer Weisheit habe ich rückhaltlos die Erziehung und den Unterricht des jungen Kaisers anvertraut; und darum, mein viclgelehrter Herr, folge ich, das wißt Ihr, in allen Stücken, die Ottos Wohl und Wehe betreffen, Eurem Rathe. Heute handelt es sich um eine Freude, die ich meinem Sohne gewähren möchte. Von allen Seiten drängt man mich, den jungen Kaiser nach seinem Wunsche an den Jagden theilnehmen zu lassen, so für die kommenden Tage vorbereitet sind. Nicht am wenigsten bittet um die Gegenwart des kaiserlichen Bruders meine Tochter Sophia. Sie hat am edlen Waidwerk Freude und möchte selber mitreiten." Der Hofkaplan schaute eine Weile bedenklich vor sich hin. „Hohe Herrin, mir thut es leid, mich Euerm Wunsche widersetzen zu müssen," sprach er alsdann. „Es freut mich, wenn mein Otto auf dem Burghofe im Waffenhandwerk sich übt, doch weiß ich auch, daß er zu jung ist, um Genuß am Vergnügen der Männer zu finden; und ich weiß auch, daß solche Zerstreuung ein großes Hemmnis; wäre in seinen Studien, denen er mit Eifer sich hingibt. Darum laßt ihn ungestört unter meiner Obhut," also bat er flehentlich. „Otto möchte so gerne an der Jagd tlMnehmen," wendete die Kaiserin ein. Bernward neigte das Haupt? „Es ist gut und nothwendig für den zukünftigen Weltbeherrscher, daß ihm schon in der Jugend einige Hemmnisse entgegentreten. Das Leben hier auf Erden ist ein steter Kampf. Wer als Herrscher auf einem Throne sitzen soll, muß vor allen Dingen lernen, sich selbst zu überwinden." Theophano nickte unwillkürlich beistimmend. „Aber, Herr Bernward. wie soll Sophias Wunsch erfüllt werden?" so fragte sie alsdann bekümmert. Ehe der Hofkaplan etwelche Antwort bereit hatte, rief die erzürnte Prinzessin: „Schweigt nur. Ich weiß es, gestrenger Mann, Ihr haltet es für unschicklich, daß die Kaisers-Tochter und -Schwester sich an weltlichen Freuden erlustige, zumal da sie, wie Euch bekannt, in nächster Zeit der Welt Lebewohl sagen und ins Kloster eintreten soll." Ein seines Lächeln flog über des jungen Priesters Züge. „Da Ihr es also genau zu wissen scheint, Herrin Sophia, daß züchtige Jungfrauen sich still in ihrer Kemenate halten, und daß es bei denen nicht Sitte ist, mehr, als nöthig, sich öffentlich zu zeigen, so brauche ich darüber kein Wort zu verlieren. Freilich würde ich es für geziemender erachten, wenn Ihr zur Vorbereitung auf Euern künftigen heiligen Stand bemüht wäret, im geistlichen Leben voranzuschreiten, anstatt weltliche Zerstreuungen zu suchen." Die Prinzessin entgegnete heftig: „Soll es mir denn nicht gestattet sein, erlaubte weltliche Freuden zu genießen, weil ich mein Leben in klösterlicher Zurückgezogenheit beschließen will!" Bernward richtete sein seelenvolles Auge auf die Kaiserstochier. „Junge Herrin, Ihr wißt nicht, was Euch frommt," sagte er. „Seit einem halben Jahre ist es mir vergönnt, in Eurer Nähe zu leben, Euch täglich zusehen; inzwischen aber — ich fühle mich verpflichtet, es endlich auszu- sprechen — ist es mir auch klar geworden, daß Ihr mit Euerm hohen und ehrbegierigen Sinn besser auf einen Thron, als in die Dienstbarkeit des Ordenslebens taugt. O, folget meinem Rath, bleibt in der Welt! Für Euch ist das heilsamer. Bedenket wohl, daß Ihr als Ordensfrau allen Würden und Ehren, aller Anerkennung entsagen müßt, nichts besitzen dürft und in aller Unterwürfigkeit Euern geistlichen Obern dienen sollt. Welche Versuchungen, welche Unruhen würden Euch daraus erwachsen, wenn Ihr Demuth und vollkommenen Gehorsam gelobt hättet! In den Orden tritt man ein, um zu dienen, nicht um zu herrschen, und im Kloster kann Niemand bestehen, der nicht von ganzem Herzen sich demüthigen will. Ueberleget meine Mahnung wohl." Sophia war bald roth, bald bleich geworden, während der freimüthige Priester überzeugungsvoll zu ihr sprach. Jetzt entgegnete sie: „Wie könnt Ihr glauben, die deutsche Kaiserstochter werde lange in demüthiger Unterwerfung dienen müssen!" Sie warf den Kopf zurück. „Der Aebtissinnenstab ist 674 ist mir aufbewahrt. Ich werde gebieten freier, unumschränkter, als wenn ich eines Herrschers angetrautes Weib wäre." Bernward rief schmerzlich erregt: „Mit solchen Gesinnungen wollt Ihr in den Orden eintreten! Ich sage Euch, wer sich im Klosterleben nicht bestrebt, der Geringste und Dcmüthigste zu sein, wird sich und den anderen den Frieden nicht bewahren können." Heftig erwiderte die Prinzessin: „Da scheint Euere Schwester Judith andere Meinung zu hegen; denn nach kaum einem Jahre seit ihrem Eintritt in den Orden nahm sie die Würde einer Aebtissin zu Ningelheim an." 4 Bernward chrtgeguete erlistn „Nur Engern und nur mu Gehorsam gegen ihre Mllschwestern übernahm Judith Eas^ Amtj zu dem diese' sie gewählt "hatten." Er unterdrückte die Bemerkung, daß Judith ihrer heldenmüthigen Tugenden, ihres heiligmüßigen Lebenswandels halber so bald schon zu dieser Stelle auserkoren worden sei, denn er wollte die Aufgebrachte nicht erzürnen. In Sophias stolzes Herz aber hatte er einen Stachel gesenkt. Seine wohlgemeinte Warnung vergaß und vergab diese ihm nie und nimmer. V. Das Waffenspiel zu Quedlinburg. Es hält der Kaiser ein großes Turney, D'rum zogen die Ritter all' herbei, Wohlansgerüstet nach Nittcrbrauch Mit Lanzen und blanken Schwertern auch. Griebel. Glückliche Tage für Bernward brachte das schöne Ostei fest zu Quedlinburg. Da konnte er endlich, wie er es längst ersehnt, mit seinem heimgekehrten Bruder Tammo plaudern, da empfing ihn mit herzlicher Liebe sein Oheim, der Bischof Volkmar von Utrecht, da begrüßte ihn der kluge Bischof Osdag von Htldesheim; sein getreuer Freund, Graf Altman von Olesburg, trat ihm entgegen, sein junger Mitschüler von der Hildesheimer Domschule, Heinrich von Bayern, war beglückt, ihn wiederzufinden. Der junge Hofkaplan und kaiserliche Lehrmeister hätte sich vervielfältigen müssen, um allen genügen zu können, die Ansprüche an ihn erhoben. Die Großen des Reiches suchten den gelehrten, den arbeitsfreudigen Erzieher des Kaisers kennen zu lernen. Diesen bescheidenen Priester zierten ja die edelsten Gaben — Heiligkeit und Wissenschaft — welche Hochachtung und Bewunderung herausforderten. Am ersten Tage nach dem Osterfeste wurde draußen auf dem weiten Wiesenplan ein großes Kampfspiel gehalten, wobei die Blüthe der Ritterschaft Proben ihrer Kraft und Wafsengewandtheit ablegen sollte. Die mit bunten Teppichen geschmückten Tribünen belebten sich mit erlesenen Zuschauern der vornehmsten Stände. Unter dem Purpur-Baldachin nahm Bernward neben seinem kaiserlichen Zögling Platz. Sein kunstsinniges, für alles Schöne empfängliches Auge schweifte heute über das weite glänzende Rundbild. Gerade gegenüber erhob sich der goldbefranste Altan der Kaiserin. Die schöne Frau saß in der Mitte ihrer Töchter und war umringt von einem Kranze edler Hofdamen. Ein heiteres, ein farbenprächtiges Bild. Prinzessin Sophia hatte das Ehrenamt übernommen, die Sieger mit dem Preise zu krönen. Die Kaiserstochter sah entzückend aus in ihrem silberglitzernden, blaßrosigen Gewände, das schwarze Lockenhaar mit thau- flimmernden Heckcnröschen geschmückt. Doch ebenso wohlgefällig als auf ihr hafteten die Blicke mancher Ritter auf der blonden Hofdame, welche nicht weit von ihr saß. Hildeswitha in einem zarten Gewände von wasserblauem silberdurchwirktem Stoff, das rings mit Schneeglöckchen geziert war, sah selber aus wie ein lieblich frisches Schneeglöckchen. Die Herren, so in der Nähe des Wendenprinzen saßen, glaubten wohl nicht mit Unrecht, daß dessen Blicke nach dem Frauen-Altan, sowie dessen Bewunderung ausdrückende Flüsterworte: „O, wie ist sie holdselig!" der anmuthsvollen Hildeswitha galten. , Eine kleine Bewegung ^ ging ljurch die Reihen der jungen Edeldamen, ^als ein schlanker Page sich geschmeidig hindurchwand und dem Hoffrüuletn Hildeswitha von Olcs- burg mit leisen Flüsterworten einen Strauß herrlicher Rosen überreichte. „Rosen im Ostermonat! Der Spender muß ein reicher Fürst sein," äußerte die Griechin Helena bewundernd. „Soll ich Euch den Geber verrathen?" fragte lächelnd eine blonde Schöne. „Sprich, Gisela. Geschwind sag' uns, wer ist er?" klang es auffordernd von allen Seiten. Die also Bestürmte erzählte leise: „Draußen vor den Schranken sah ich jenen Edelknaben in vertraulicher Zwiesprache mit dem Sohne des Wendenkönigs, der drüben sitzt und unverwandt herüber- schaut. Er wird dem Pagen den Auftrag zu der Huldigung gegeben haben. Seht, wie seine schwarzen Augen blitzen. Ihm wäre es auch lieber, sich dort unten auf feurigem Streitroß zu tummeln, als betrübt den Zuschauer zu spielen." „Nun, allzu betrübt schaut er nicht drein," lachte Helena. „Warum sollte er das auch," entgegnete die Andere. „Seine Gefangenschaft wird ihm zum ersten nicht gar so schwer gemacht und wird zweitens auch nicht von beträchtlicher Dauer sein. Der reiche und mächtige König Mistut mag schon bald das Lösegeld für den Sohn aufbringen und mit der Einsendung nicht zögern." Helena meinte lächelnd: „Da wird unsere Herrin Theophano am Ende wohl gar genöthigt sein, neben der Geisel eine ihrer Hofdamen freizugeben. Doch seht, wie sie auf dem Wahlplatze gegeneinander rennen. Hört, wie die Rüstungen dröhnen, die Schilde klirren von gewaltigen Streichen! Das Spiel wird ernst, es erfordert unsere ungetheilte Aufmerksamkeit. Schaut, keiner der Helden ist sieghafter, als Tammo von Sommerschenburg!" Den Edelfräulein ringsumher mochte wohl dasselbe dünken, denn keine äußerte andere Meinung. Mit größerem Antheil noch, als von der Frauen- Altane, wurden von deS Kaisers Tribüne aus die Wechselfälle des Kampsspiels verfolgt. Voll freudiger Spannung beobachtete Bernward, mit welcher Geschicklichkeit der junge Heinrich von Bayern schon die Waffen handhabte, sah er, wie Freund Altman von Olesburg sich mächtig auszeichnete, gewahrte er mit Hochgefühl, wie sein Bruder Tammo, ohne selber ein einziges Mal zu wanken oder den Speer fehlzustoßen, alle, die ihm nahten, in den Sand warf und gar manchem die Waffen nahm. 675 Nun hatte Tammo dem Letzten die Lanze zerbrochen und blieb von allen Rittern, so zuerst auf dem Kampfplatz erschienen, als einzig Unüberwindlicher, als Held aller Helden auf der Wahlstatt zurück. Pauken und Trompeten feierten den Ruhm des Siegers. Graf Hoiko, des jungen Kaisers Waffenmeister, verkündete, daß er als Kampfrichter dem edlen Grasen Tammo von Sommerschenburg den Preis der Tapferkeit zuerkenne. Otto erhob sich von seinem Throne und rief: „Sophia, meine Schwester, schmücke den Helm des Siegers mit dem goldenen Lorbeer!" Endloser Jubel folgte der kaiserlichen Entscheidung. Unter dem Beifall der Menge tummelte der Sieger seinen feurigen Renner und zwang ihn zu langsamem Schritt, während er mit zum Gruß gesenktem Speer dem Frauen-Altan sich näherte. Der Kranzspenderin dunkle Augen flammten dem Helden begeistert entgegen. Tief neigte der sein Haupt vor der Kaisertochter. Erröthend bog Sophia sich vor und legte mit zarter Hand den goldenen Lorbeerkranz um den Helm des Siegers. Er dankte mit stummer ehrerbietiger Verneigung. Trompetengeschmetter und jauchzendes Rufen: „Heil dem Helden!" begrüßte den Gekrönten. Der begann nun der Sitte gemäß einen Ruudritt um die Schranken. Da fiel sein Blick auf die holde Hildeswitha. Er stutzte, zügelte sein Roß und wandte sich ihr zu. Beider Augensterne tauchten bewundernd ineinander. „Seid mir gegrüßt, edle Jungfrau Hildeswitha, Schwester meines Freundes und Freundin meiner Schwester! In Gandersheim sah ich Euch zuletzt als sonnig holdes Kind, an Euerm Goldhaar erkenne ich Euch wieder," also sprach er. Hingerissen von ihrer Lieblichkeit beugte er sich vor und flüsterte: „O gebt mir den schönsten Siegespreis, schenkt mir eine Rose aus Euerer Hand." Verwirrt und mit Purpurgluth übergössen bot die holde Maid dem Helden die schönste Rose ihres Straußes dar und wußte selber kaum, daß sie es that. „Die minnige Rose gilt mir höher, als der stolze Lorbeer," also sprach er beglückt und steckte die Rose als Helmzier über den Lorbeerkranz. So geschmückt ritt er unter lautem Beifallrufen langsam um den weiten Turnierplan. Die Sachsenherren alle freuten sich über die Auszeichnung, welche der Held des Tages einer Tochter des Landes hatte zu Theil werden lassen. Bernward aber wiegte leise das Haupt. „Welche Unbesonnenheit!" sprach er bei sich. Gegenüber sah er die Kaisertochter tief erblaßt mit funkelnden Augen und festgeschlossenen Lippen, ein Bild beleidigter Hoheit. Sie preßte die Rechte auf's Herz. Die Huldigung, so Tammo, der von ihr Gekrönte, dem untergebenen Edelfräulein zugewendet hatte, mußte der Stolzen eine Niederlage, ja eine Verspottung dünken. Eine solche Geringschätzung hatte man der eiteln Prinzessin Sophia noch nicht geboten. So waren die Waffenspiele zu Ende. Mit gemischten Gefühlen verließen alle den Schauplatz. Die Männer ruhten bei festlichem Gelage von den Kämpfen aus und feierten beim Becherklang fröhlich und einträchtig den Sieger. Die Frauen zogen sich derweil in die Kemenate zurück, allwo köstliche Erfrischungen ihrer harrten. Hier- selbst besprachen deren flinke Zünglein lebhafter und erregter, als die. Männer beim Trinkgelage das thaten, die Ereignisse des Tages. Eine der Hofdamen fehlte. Das war Hildeswitha. Die Kaiserin hatte der Jungfrau ein Stelldichein mit dem von Hildesheim gekommenen Bruder zugesichert. Die Maid hatte den Grafen Altman während der Feiertage nur aus der Ferne gesehen. An der Südseite der Kaiserpfalz auf einem Felsen- vorsprunge lag ein gar lieblich moosbewachsen Plätzlein. Das war von Epheu und Immergrün.umrankt, so^daß es auch jetzt im Vorfrühling schon so grün ausschaute, wie mitten im-Sommer. Darüber lächelte der blauU Himmel mit seinem Strahlenauge, der Sonne. Wie weit schweifte hier der Blick über zartgrüne Fluren bis zu den hoch und höher thürmenden dunklen Felsen und Wäldern des Harzgebirges. Eine Moosbank in epheu- umschatteter Grotte lud zum Niedersitzen und stillen Genießen von Gottes freier Welt verführerisch ein. Zu diesem Felsengärtlein hatte die Herrin Theophano den Schlüssel in Hildeswithas Hand gelegt. Die Jungfrau ließ sich auf die Moosbank nieder und erwartete dort träumend, von lieblichen Bildern um- gaukclt, den Bruder. Da nahten schnelle Männertritte. Das Burgpförtlein flog auf, und — der kecke Wendenprinz stand strahlend vor Hildeswitha. „Welch ein Ueberfall!" rief sie erschrocken und sprang empor. Der schwarzäugige Prinz aber nahm eine so demüthig zerknirschte Haltung, so beweglich bittende Miene an, daß die Zürnende fast lächeln mußte. „Ein Unstern führt Euch hierher," grollte sie dennoch. „Kein Unstern, sondern ein treuer Page, der mir auch verrieth, daß ich Euch hier finden würde, geleitete mich," versicherte Slavomir. Er trat näher und schaute mit gluthvoller Begeisterung in ihre Augen. „O Hildeswitha, der Waldvogel zieht ja willenlos der Sonne nach und verläßt die Heimath, um ihr zu folgen. Winter ist es dort für mich, wo ich Eueren Anblick entbehre. Die Zeit dünkt mir eine Ewigkeit, seit ich Euch zum ersten und zum letzten Male in Hildesheim sah. Glaubt Ihr, daß ich mich selber freiwillig als Geisel gestellt, daß ich nicht einen meiner jüngern Brüder oder die Edelsten meines Stammes gesandt hätte, wenn nicht die Sehnsucht mich an den deutschen Kaiserhof gezogen? Durch Kundschafter kannte ich ja Euer» Aufenthalt. Edle Jungfrau, da habt Ihr mein Bekenntniß." „In Mondesfrist löst mein Vater mich aus, und ein freier Königssohn wirbt um Eure Hand. O, vertrauet dem Manne, der Euch schützen wird, wie ein schwer errungenes Kleinod, der jede Frcudenblume des Lebens für Euch suchen, der seinen Thron mit Euch theilen wird. Entziehet mir den Blick nicht und leset aus meinem Auge Wahrheit und Liebe, daß Ihr erkennt, wie ich es meine." Die Jungfrau, tief erbleicht, fassungslos ob der stürmischen Werbung, die sie nicht ohne Bewegung anhörte, trat zurück und stammelte leise, wie bittend: „Ich kann nicht. Prinz Slavomir, ich kann nicht 676 Euer Weib werden. Seid mir nicht böse. Ihr findet eine Jungfrau Eures Stammes als Königin." Der Prinz taumelte. Sein einzig Wort war: „Verschmäht l — Wie soll ich daS ertragen?" Ernst und bleich wandte er sich zum Gehen. In der Pforte trat ihm Altman entgegen. Der stutzte. Slavomir ging mit stummem Gruß an ihm vorüber. Ein strenger Blick des jungen Grafen traf die wie schuldbewußt dastehende Maid. „Was ist das, meine Schwester?" fragte er gemessen. Da flog sie an seine Brust, schmiegte ihr Haupt weinend an seine Schulter und flüsterte: „O, Du Lieber, zürne mir nicht. Er drang hier ein ohne meine Zustimmung, und, mein Bruder" — sie stockte — „er warb um mich." Der Graf, rasch besänftigt, strich liebevoll über ihr Goldhaar. „Du wiesest ihn ab?" Sie nickte. „Kind, Du verschmähtest eine Königskrone," sprach er gewichtig. Sie schaute in die Ferne. Dem Sonnenschein gleich flog es über ihre Züge, während sie sprach: „Was ist weltliche Herrschaft und Größe gegenüber dem stillen Glück im friedlichen Daheim!" Bewegt blickte er auf sie nieder. „Schwestcrlein, Du warst in Deinem Recht, Dich ihm zu versagen, wenn Du ihn nicht liebst. Und ich gestehe, ungern hätte ich Dich als die Gattin eines uns feindlichen Königssohns in die Fremde entlassen." „So zürnst Du nicht, daß ich hier bleibe?" „Nein, wie dürfte ich!" Er nahm ihre Hand und zog Hildcswitha neben sich auf die Ruhebank. „Eines losse mich fragen: Wie lange willst Du noch zögern, Dich Zu vermählen? Ist kein Bewerber Dir werth genug?" Da lächelte sie fast schalkhaft. „Bis heute nicht, mein Altman." „Und ich glaubte einst, der fremde Köuigssohn sei Dir nicht gleichgiltig," sagte er nachdenklich. Sie schüttelte den Kopf. „Ach, Altman, ein Kind ist jedem freundlich gesinnt, der ihm Güte erweist. Was wußte ich dazumal von Liebe!" Er schaute ihr tief und eindringlich in's Auge. „Und heute, Hildcswitha, heute kennst Du dieses beherrschende Gefühl? Heute ist Dein Herz gefesselt an einen Anderen?" Sie erglühte schämig und gab ausweichende Antwort: „Ehe der Winter in's Land kommt, nimmt meine Prinzessin Sophia zu Gandersheim den Schleier. Ich habe gelobt, in Treue bei ihr zu bleiben, bis sie der Welt entsagt, und darf anderen Gedanken keinen Raum geben. Wenn die Blätter fallen, kehre ich frei nach Hildesheim zur Mutter zurück. O Altman, erzähle mir von der Guten." Das that der Graf gerne. Er berichtete, wie glücklich die Mutter sich im Burghause zu Hildesheim in der Nähe des Domes fühle, und wie sie nicht zu bewegen sei, nach der einsamen Olesburg Zurückzukehren. Wie er selber daher beständig auf der Wanderschaft sei von der Stammburg nach dem Stadthause und von dort zurück nach der Olesburg. Er erzählte von seiner Ueber- wachnng des Landfriedens, von der Hegung des Gerichts, und in diesem ruhigen Gespräche, das sich zwischen beiden entsponnen, vergaß er zu der Jungfrau nicht geringen Freude alle weiteren unliebsamen Fragen. (Fortsetzung folgt.) ---SSWSS-- Bilder auS Steierinark, Körnten und dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. — - (Nachdruck vrrdolen.! I. Von Salzburg nach Klagenfurt und Villach. Stciermark, Körnten und das Küstenland Krain sollte für den diesjährigen Urlaub die Losung werden. Unsere Zeit war sehr bemessen; ein großer Theil des Urlaubs wurde der nothwendigen Nutze halber nach angestrengter Berufsthätigkeit gemeinsam mit der Familie in einem uns seit Jahren liebgewordenen oberbaherischen Gebirgsdörfchen zugebracht, und wir mußten uns deßhalb darauf beschränken, nur einige besondere Punkte für mehr eingehende Besuche auszuwählen. In Salzburg, der reizenden alten Bischofsstadt, die stets fesselt, ließen wir uns ein entsprechendes Rundreisebillet zusammenstellen, das, von dem betreffenden österreichischen Beamten entworfen, sehr zu unserer Zufriedenheit ausfiel; nur hat er. wahrscheinlich um uns auf k. k. Bahnlinien zu halten, die prachtvolle Partie vom obern Kanalthale nach Görz, zu unserm Bedauern, nicht eingeslochten, da sie eine italienische Bahnstrecke benöthigte. Die Tour Salzburg—Bischofshosen—Selzthal ist wohl hinlänglich bekannt, und kann deren Beschreibung umgangen werden; dagegen dürfte jene zwischen Selzthal und Klagenfurt einiger Streiflichter werth sein. Dieselbe geht zunächst durch das Palten-, das Licsing- und das Murihal, welch letzteres nördlich von den Seckauer-Alpen mit dem Zinken und Reichert, südlich von dem Glein- und Seethaler Alpcnzug umschlossen ist Unweit der Station Schanerfeld tritt sie in das Flußgebiet der Drau, in welchem sie die Thäler der Olsa, der Mcttnitz, der Gurk und der Glan berührt. Das Ganze ist eine sehr interessante Fahrt; fast jede Station lohnt die Besichtigung; entweder sieht man hübsch gelegene Orte mit alten Kirchen, großen Gewerkschaften, oder Klöstern, oder auch schöne Vergformationen mit lieblichen Seitenthälern; hauptsächlich aber fesselt die Scenerie durch die wcchsel- reichen Bauwerke, die monumentalen Denksteine aus alter und neuer Zeit. Es ist dies die Gegend der Schlösser und Burgen; fast jeder hervorragende Bcrgkcgel ist mit einer hübschen Ruine, einem Herren-Schloß, grün um- rankter Villa oder freundlicher Kirche geziert. Besonders hervorragende Punkte sind: auf der Höhe gegen die Wasserscheide der Drau, oberhalb der Station Scheifling, ein ausnehmend schöner Blick in die Thäler von Ober- und Niederwölz mit Burgen, die malerisch dem Grün der Gehänge entsteigen, sowie in die Thalmünbung gegen Murau auf die Dörfer und Kirchen von Lind, Scheifling, St. Lorenzen, den reizenden Calvarieuberg, das vier- thürmige Schloß Schrattenberg, und bald darauf, nach Uebcrsteigung der Wasserscheide von Mur und Drau bei Station St. Lamprecht, hastet das Auge aus der hochgelegenen Kirche Mariahof und Schloß Forchtenstein mit dem Hintergrund der ganzen Seethaler Alvenkette. Die Fahrt abwärts führt durch das enge, romantische Olsathal; beim Austritt aus der pittoresken Felsenschlucht die Burg Neudeck, welche die Thalrundung von Station und Bad Einöde beherrscht, im Schutze der mächtigen Ruinen von Dürnstein, der alten Grenzwacht zwischen Steiermark und Kärnten. Die Bahn tritt nun hart an die Mcttmtz, und ein prachtvolles Landschaftsbild entrollt sich dem entzückten Auge: Friesach, die alte, mit Mauern und Gräben umzogene Stadt, trägt das Gepräge hoher Romantik; in reizvoller Gruppirung umstehen sie die Burgminen Geyersberg, Petersberg und Rothenthurm nebst der verfallenen Propstei Virgilienberg. Am Einflüsse der Mettnitz in die Gurk liegt Zwischen- wässern mit dem ansehnlichen, im Viereck erbauten Schlosse Pöckstein, der Sommerresidcnz des Fürstbischofs von Gurk, dessen Lage durch malerisch gruppirte Ruinen von drei Burgen verschönert wird. Bei Station Launsdorf verläßt die Bahn die Gurk, um bei Station Glandorf an die Glan zu treten. In Mitte dieser beiden Flußgebiete ist die Perle der an Schlössern und Burgen reichen Gegend — Hochosterwitz, die stolze Beste, die auf einem freistehenden, von einem Mauergürtel spiralförmig umwundenen, grün umwobenen Felskegel von 150 Meter Höhe thront und weithin die Gegend beherrscht — ein fesselndes Bild, welches sich von seinem Hintergründe, dem waldigen, mit einer Kirche gekrönten Magdalenenberge, farbenreich abhebt. Station Glandorf ist der Knotenpunkt zweier sich abzweigenden Bahnlinien; während die eine über St. Veit sich dem Ossiacher See und Villach zuwendet, führt uns die andere über das historische Zollfeld mit dem Herzogsstuhl, an Schloß Tanzcnberg vorbei, nach Maria-Saal mit hohem, doppclthürmigcm Dome, an dessen Außenseite viele Nömersteine angebracht sind, und mit Blick über eine hohe, schlanke Thurmruine auf die hochgelegene alte Kirche Maria am Saalberg. Nach Ueberschreitung des Glanflusses befinden wir uns in KärntenS Hauptstadt, in Klagen fürt. Dieselbe wurde nun alsogleich besichtigt. Wir durchkreuzen eine Menge meist geradliniger Straßen, welche die weiten, von nicht sehr hohen Häusern umgebenen Plätze verbinden, besehen uns die Kathedrale, die alte Pfarrkirche St. Egidicn, das von zwei Thürmen überragte StändchauS, den Hauptplatz mit dem Lindwurm- brunnen, — ein Herkules den Drachen erschlagend, — der Maria Theresia-Statue und einer Marien-Säulr, — den Fischmarkt mit alter Bronzefigur und noch mehrere hervorragende Bauwerke; allein, war es die heiße Mittagssonne, war es, weil die vielen Bildungs-Anstalten der Ferien halber geschlossen waren, ich empfand den Eindruck von Langweile, sehr wahrscheinlich gesteigert durch das Gcsühl eines zügellosen Appetites, der sich in einer Weise geltend machte, daß mir die schönsten Kunstbauten und Kunstwerke der Welt nebensächlich gewesen wären; es war 2 Uhr nachmittags, und außer einem Delicatesse-B'ödchen, dem eisernen Bestand des Ruck- sacks entnommen, hatten wir seit 4 Uhr früh noch nichts im Magen, der ob seiner Vernachlässigung bedenklich knurrte. Im ersten besten Gasthofe wurde eingefallen. Ein schöner, grün umrcmkter Glaspavillon empfing uns mit einer Menge fein gedeckter, aber — leerer Tische, zwischen welchen Kellner ordnend hin- und Herschlichen. — Nein! das war unsere Sache nicht; eine Neige vom längst angesteckten Faß schwebte als Gespenst unserm guten Durst entgegen; in einem zweiten Gastlocale erschien es uns nicht besser; da, bei einer Straßenbiegung, sahen wir einen Wächter der Sicherheit, sanft geröthet, unter einem Thorbogen lehnen, — ein Sohn des Mars stolzirte schmunzelnd und selbstbewußt heraus, gefolgt von ein paar Heben in weißer Schürze, den inhaltsvollen Steinkrug schaumüberfließend in der Rechten, — darüber ein Schild „Zum Schwaben". Ei, wie heimathlich das klingt; kein Zweifel, Schicksalsfügung wies uns hieher. Sehr primitiv zwar; eine Ecke des weiten Hofes, von dunklen Kastanien überschattet, war der Wirthschaft als Biergartcn überlassen; das ist wohl auch heimathlich; denn ob unterm Nußbaum oder Kastauiculaubdach wir campiren, das ist eins. Eine freundlich flinke Hebe stach schnell ein frisches Faß trefflich mundenden Gösener Bieres an, eine tellergroße, dicke Cotelette war bald duftend zur Stelle, und der Mensch begann wieder fröhlich zu werden und Interesse an der Außenwelt zu nehmen. Zur Unterhaltung dienten im Haupthofraum aufgestellte Militär- pferde, welche der Revue durch den diensthabenden Osfi- cier harrten. Welch leichte ungarische Nace, fein gefesselt und nervig gebaut, die intelligenten Köpfe auf dem schlanken Hals zwanglos wiegend, und die hübschen geschmeidigen Gestalten der Pscrde-Wärter, die freundlich manches Interessante über Militärwesen und Pferdehaltung zu erzählen wußten! Doch, wir hatten uns fast zu gütlich gethan; schleunigst wurde der Rückzug zum ziemlich weit entfernten Bahnhof angetreten, um die Bahnstrecke bis Villach noch vor beginnender Dunkelheit zurücklegen zu können. Im Südosten von Klagenfurt zieht sich eine weite Ebene hin, die südlich von einem Mittelgebirge, der grünen Sattnitz, überragt wird; über demselben erblicken wir zum ersten Male die formenreichen Felsenkämme der Karawanken. Westlich begrenzt der Kreuzberg mit den Franz Joseph-Anlagen die Stadt; an seinem Fuße verbindet der Lendkanal dieselbe mit dem lieblichen, hellblauen, langgestreckten Wörihcr See. Die Bahn, den Kanal überbrückend, zieht sich am nördlichen Ufer des See's hin und befördert den regen Verkehr der vielbesuchten, angenehmen Sommerfrisch- und Badeorte, wie Krumpcndorf, Pritschnitz, Leonstein rc., die ihrerseits wieder durch einen Kranz schöner, parkmnschatteter Villen verbunden sind. Am südlichen Ufer bespült das lichte Gewässer einen schmalen, in den See als Landzunge vorspringenden Fellen, auf welchem dunkel beschattet die 1000 Jahre alte, wohlerhaltene Wallfahrtskirche Maria- Werd dem See den Namen gibt. Durch einfaches Hügelland tritt die Bahn au die Drau, welche als mächtiger Fluß an einer Stelle eine so intensive Biegung macht, daß die beiden Brücken, die sie überschreiten und mittelst eines Dammes zusammenhängen. als einziger colossal langer Brückenbau erscheinen. Wir hatten dort eine unheimliche Fahrt: langsam glitt der Zug von Pfeiler zu Pfeiler, indeß unter der Brücke auf Balkcngcrüstcn Ncparaturarbeiten vorgenommen wurden ; erleichtert athmete die ganze Reisegesellschaft aus, als die Locomotive den letzten Bogcnpfeiler ohne Unfall Pas- sirt hatte und mit gewöhnlicher Fahrgeschwindigkeit in Station Sccbach einfuhr. Hier erhebt sich an der Mündung des Ossiacher Thales die Burgruine Landskron, großartig in ihrem Umfang und Aufbau. Das Ganze — der burggckrönte Berg, das stürmische, breite Wasser, die niedriger gelegene, kleinere Burg Wernberg — war ein sehr schönes Landschaftsbild. Bald darauf kamen wir im Thal der Dran nach Villach, mit seiner vielgepriesenen herrlichen Lage, dem Knotenpunkt von zwei Hauptbahnen Oesterreichs und dem Endziel unserer heutigen Fahrt. II. Villach, Tarvis und Umgebung. Vom Bahnhöfe Villach aus überschreitet man die Draubrücke und gelangt an den Gcwerbefleiß und Handel verrathenden Hauptplatz, welchen die Pfarrkirche mit ihrem hohen, gothischen Thurm und schlanken Spitzbogensenstern malerisch abschließt. Aus alter Anhänglichkeit logirten wir uns im Gasthofe zur Post ein, ein altes Gebäude, das, besonders von dem theilweise zum freundlichen Wirth- schaftsgarten umgewandelten Hofe aus betrachtet, architektonisch interessant ist; mit seinen gewölbten Corridorcn und Gallerten, von doppelten, grün umrankten und durch Säulen verzierten Nundbogcnscnstern erhellt, macht es einen italienischen Eindruck und erinnert gleich manchen Häusern daran, daß Villach in alter Zeit seine Entstehung und seinen Aufschwung dem regen Verkehr mit Italien verdankt. Ein Abendspazicrgang belehrte uns, daß die Neuzeit — hauptsächlich vertreten durch das neue Realgymnasium, vor welchem die Statue des einheimischen Bildhauers Hans Gsesser steht, und durch ein großes, den modernen Anforderungen entsprechendes Hotel — hinter der alten Zeit nicht zurückbleiben will; auf der Draubrücke genießt man einen schönen Blick über das weite, fruchtbare, vom Silberband des Flusses durchströmte Land und auf den mächtigen Dobratsch, den Nigi Kärntens, sowie die vielgestaltige Kette der Kara- wanken. Wer nicht lange in Villach sich aufhält, sollte die Partie an den Faakersee nicht versäumen. Auf dem Wege dahin traten wir in die Hl. Kreuzkirche, einen Kuppelbau in italienischem Stile; in der kleinen, reich in Nococo ausgestatteten Nebenkapelle ist die Geschichte von deren Entstehung in Freskobildern mit erlärrkerndem Text an den Wänden abzulesen. Es war Sonntag, die Küche gedrängt voll Landleuten, unter denen besonders die hübschen Gailthalerinnen in ihrer eigenthümlichen Tracht auffielen. Die schlanke Taille wird vom blumigen Leibchen umschlossen, über welches sich ein feingesälteltes oder spitzenbesetztes weißes Brusttuch legt; die weiten Hemdärmel, ebenfalls mit Fältchenbesatz, reichen bis an's Handgelenk; das ovale frische Gesicht umhüllt ein eigenartig umgeschlungencs buntes Seidcntuch; doch entstellend wirkt die Tracht durch die sonderbare Fußbekleidung. Der sehr kurze dunkle Faltenrock, mit grellem Besatz und Heller Schürze überbunden, läßt die Wade bis an's Knie frei; dieselbe steckt nun in einer dicken, weißwollenen Gamasche und sitzt säulenartig auf dem kleinen Vorfnß auf, der in einem mit Goldfransen besetzten zierlichen Schuh steckt. In dem eine Stunde entfernten Dorfe Proschkowitz bietet die einfache, auf einer Anhöhe gelegene Restauration mit ihren hölzernen, vom Laubdach der alten Bäume beschatteten Bänken kühlende Ruhe und den schönsten Ueber- blick über den zu Füßen liegenden lieblichen See mit seiner pittoresken Umrahmung, aus welcher als herrlichste Staffage die hohe Pyramide des Mittagskofel den Mittelpunkt des reizenden Bildes einnimmt. An der südlichen, Wechselreichen Bergkette blinkt ein hochgelegenes Kirch- thürmchen; unter demselben erhebt sich die graue Ruine Finkenstein, träumerisch vom Sonneuduft umwoben; in der Ferne schweift das Auge über das reich mit Ortschaften besetzte Hügel- und Bergland, im Norden von der braunen Görlitzen, im Osten von der Villacher Alpe — Dobratsch — überragt, an welche sich südlich die Karawanken mit ihren steinernen Häuptern und trotzigen Felsgipfeln und die stolzen Gestalten der Julischen Alpen anschließen. Zu unsern Füßen, mitten im hellblauen Wasserbecken, schwimmt eine dunkelgrüne Insel, zu deren Besuch ein Fährmann einlud. Versunken im Genuß eines schönen Naturbildes, stört jede Annäherung von Menschen, von denen man annimmt, daß nur Beutelust sie dazu bestimmt, daher der Bootsmann ziemlich rauh abgewiesen wurde; doch mit Unrecht! Wir eilten an das steile User hinab und mußten bald einsehen, daß ein langweiliger Fußpfad, durch Wald vom See abgeschnitten, uns längs desselben hinführte und wir die reizvolle Fahrt nach dem lieblichen Eilande und dem freundlichen Dorfe Faak versäumt hatten. Der einzige Mensch, dessen wir ansichtig wurden, war die Begleiterin einer Kuh, ein etwa zehnjähriges Mädchen, das auf alle unsere mit der größten Geduld gestellten Fragen nur mit scheuem Grinsen antwortete. Endlich waren wir an einer hochgelegenen Kirche angelangt; Bänke, im Kreise um alte Bäume gezogen, luden zur wohlverdienten Rast; genügende Auskunft erhielten wir im nahen, grün umsponnenen Häuschen. Wir waren in Faak und ließen noch einmal den ganzen Reiz des lieblichen Seebildes, das ausgebreitet sich unserm Blick entrollte, in der feierlich stillen Sonntagsruhe auf uns einwirken. Der Rückweg nach Villach vollzog sich schneller. An einer rindenüberdachten Waldkapelle vorüber, kamen wir auf kürzerem Waldpfade nach Maria Gait, auf einer Felsenterrasse über dem Gailflusse gelegen, und nachdem wir um eine scharfe Ecke gebogen, erreichten wir auf der Landstraße unsern vorherigen Weg. Inzwischen war es Mittag geworden; die Sonne sendete glühende Strahlen. Von einem weitem Ausflug auf die Villacher Alpe wurde abgesehen und dagegen die Bahnfahrt gegen Tarvis angetreten. Die Bahn bleibt nun im Thals der Gail zwischen den Ausläufern der Karawanken und dem Bergstöcke des Dobratsch, und bietet schöne Blicke auf die Gailthaler Alpen. Der Glanzpunkt dieser Fahrt ist die große Schloßruine Arnold stein, auf niederm, langgestrecktem Felsenstock malerisch hingebaut, welchem die von Mauern umschlossene Stadt sich anschmiegt; es ist ein interessantes, freundliches Bild, während rechts die gewaltigen Felsabstürze des Dobratsch den großartigsten Blick gewähren. — Eine hohe Eisenbrücke führt über das Kiesbett des Gailitzbaches und nun durch Schlucht und Wald, den mächtigen Felsbergen entlang, zur Station Thörl- Magiern. In breiten Windungen zieht sich von hier der interessante kühne Bau von Bahn und Straße im Felsengraben der Gailitz durch Felseinschnitte, Tunnels und Dammbauten hoch über dem hellblauen, schäumenden und den Fuß weißer Kalkfelsen netzenden Schlitzabach hin, zum Hauptorte des Kanallhales, zur Station Tarvis. Der große Bahnhof von Untertarvis hat eine unvergleichlich schöne Lage. Die herrliche Gruppe des Man« gart und der Fünfspitzen, der zackige Wischberg, die imposante Pyramide des Königsberges vereinigen sich zum schönsten Nahmen um das tief eingeschnittene Thal mit seinen saftgrünen, sammetweichen Wiesengeländen, welche die hellblaue, weißschäumende Schlitzn munter durchbraust, um zwischen den hohen Felspyramiden, welche die Laibacher Bahn kühn und zierlich überbrückt, in einer Schlucht zu verschwinden. Der hübsche Ort zieht sich langgestreckt den Berg hinan und besteht aus Untertarvis mit schmalen Straßen, alten Häusern und Gewerkschaften an der Schlitz« und aus Obertarvis, welches in seiner reizenden, an Wald angelehnten Höhenlage ein sehr besuchter und beliebter Sommerfrischort ist. Zwischen beiden erhebt sich auf einem Hügel die Kirche mit dem Friedhof; alte Fcstungsmauern mit dicken, niederen Thürmen, die als Beinhaus und zur Aufbewahrung verschiedener Requisiten verwendet sind, geben dem Platze ein feudales Aussehen. Die Kirche, an deren Außenseite alte Grabsteine eingemauert sind, ist interessant durch ihren Doppelbau. Das Presbyterium ist die erste, uralte kleine Kirche mit gothischem Steinportale und Gewölbe und einem Altare mit alten Schnitzereien, die Krönung Mariens vorstellend; der größere Theil der Kirche ist ein neuerer Bau mit Netzgewölbe. Unmittelbar hinter der Häuserreihe von Obertarvis, nächst dem früher Taxis'schcn Palais, jetzt Forsthaus, beginnt ein schön angelegter, wechselvollcr Waldspaziergang voll der herrlichsten Ausblicke auf die großartig ernste Hochgebirgsnatur, der geeignet ist, den Standgästen von Tarvis den Aufenthalt dortselbst äußerst genußreich zu machen. Ueber Wiesenplateau und kühlen Waldesschattcn zieht er sich gegen das obere Kanalthal und gewährt die schönsten Ausblicke auf die majestätisch aufsteigenden kahlen Kalkgipfel und das lachende Thal; jede der zahlreichen, zur Ruhe ladenden Bänke hat eine besondere Benennung je nach der Aussicht, die man auf ihr genießt. Wir wählten als Ziel den Luschari blick. Eine Merkwürdigkeit der Gegend ist nämlich der Luschari oder hl. Berg, eine von Jung und Alt aus der weiten Umgebung vielbesuchte Wallfahrt; unweit der Kapelle ist der Gipfel des Berges, der allerdings die Hauptanstrcngnng erfordert, aber die viclgerühmte Aussicht noch bei weitem übertrifft. In drei Stunden gelangt man zur Kirche und kann sich dann mittelst Schlitten in einer Viertelstunde über die steilen, glatten Grasflächen wieder herabbcsördern lassen: eine pfeilschnelle, ungefährliche Fahrt, da die Lenker der Schlitten, rüstige Slovenen, äußerst gewandt und zuverlässig sind. Wir genossen den Anblick der Kirche und der sie umgebenden Häuser, die im reinen, vom Abendgold durchhanchten Acther den Gipfel des Berges krönen, von unten — ein äußerst liebliches, anziehendes Bild, vom tiefsten Frieden umweht und unwillkürlich zu Andacht stimmend. Heimwärts ging es einen schlüpfrig steilen Weg gerade an die Bahn hinab, der uns an das oberste Ende des Dorfes führte und uns zeigte, daß in Tarvis Natur und Knust sich vereinen, um dem Geschmacke eines jeden Spaziergängers Rechnung zu tragen. Der Gras Karl-Steig erschließt unweit Untcr- tarviS eine wild erhabene Felscnklamm am Thalschlusse, eine Hanptzierde der Gegend. Er ist mühsam in die Felsen über der brausenden, sich in wildem Getöse überstürzenden Schlitz« eingesprengt und durch Balkenstcge verbunden, wo die Felsenbildung keinen Raum dem Pfad gewährt. Am Eingänge, hoch über unserem Haupte, übersetzt sie die Eisenbahnbrücke und verbindet die beiden mächtigsten, hoch aufstrebenden, sich am nächsten gegenüber liegenden Felsenpfeiler. (Fortsetzung folgt.) -- Für den Andern. Von Reinhold Herrmann. lNachdru« vttbotkii.l Lautlose Stille. Auf die Ebene hernieder flammt die Mittagsgluth der indischen Sonne, und die erhitzte Luft macht die dorrenden langen Grasbüschel wie im Fieberdurste zittern. Das zerschossene Antlitz gen Himmel gekehrt, die zerfetzte Uniform mit geronnenem Blut übergössen, die Fäuste noch vom letzten Todeskampf krampfhaft in das Erdreich gekrallt, liegt inmitten die Leiche Eines aus jener bunt zusammengewürfelten Schaar Söldlinge, mit denen Holland seine Besitztheile in Indien gegen die kriegerischen eingeborenen Volksstämme vertheidigt. Er ist nicht der einzige Todte. Doch in seiner unmittelbaren Nähe dehnt sich die lange Reihe der Lebenden hin, welche gegen den verborgenen Feind anschleichen. Sie liegen in flüchtiger Rast hingestreckt, wie die äußerste Erschöpfung sie hinwarf, der sie doch nicht Herr werden können in dieser engen Gemeinschaft mit der brennenden Sonne und den für ewig Verstummten. Von den drei Vordersten, alle in fast gleich zerlumptem Zustande wie der Todte, unterhalten sich zwei in halbleisem, mehr gebrummtem Gespräch über den Dritten, der ihr Nachbar ist, eine feine, schlanke Gestalt, der selbst in dieser Tracht noch etwas von dem ehemaligen Offizier innewohnt, der den Rock seines Königs nicht ganz so freiwillig mit den armseligen Lappen der holländischen Colonialarmee vertauscht hat, wie die zwei braunen, harten Gesellen, die seine Kameraden sind. Aus Passion ist der auch nicht hierhergekommen. Nein, wahrlich nicht! Doch es gibt im heimischen Deutschland so viele Thore, welche auf die Straße der Verzweiflung hinausführen — Mancher ist unter ihnen hin- weggeschritten, meinend, Edelmuth und Güte seien denselben Weg gegangen. Draußen weht Wcltluft, nicht scharf gemacht durch die Ecken der Stadt und nicht verdumpft vom Athem der Menschen, sondern frei, göttlich, verwandt mit dem Himmel, in den sie verschweln, hier wie dort erlösend. Den jungen zusammengesunkenen Menschen dort mit den vergehenden Zügen und dem verfehlten Leben hatte sie auch erlösen sollen ..... „Wasser!" stöhnte er mit brennenden Lippen und streckte den Arm aus in der Richtung, wo seine beiden Landsleute lagen. Der Eine hob nachlässig den Kopf. „Wasser?" lachte er heiser. „Hat sich waS bei Wasser! Da — sauf' Branntwein! Es sind, glaub' ick, noch ein paar Tropfen in der Flasche. Man soll nicht sagen, daß ich einen Kameraden verdursten lasse, wenn auch Deinesgleichen — —" Das Uebrige brummte er mürrisch in sich hinein. ' Der Andere griff gierig nach dem dargebotenen Gefäß und schüttete die ganze Menge des ekel lauwarmen Trankes auf einmal in sich hinein. Wenn es nicht erquickte, so stärkte es doch und half, die bleierne Mattigkeit für den Augenblick besiegen. 680 „Ich danke Dir, Kamerad!" Und hinzu setzte er, während sein grober Gefährte kopfschüttelnd die feinen Finger des Dankenden betrachtete: „Wenn man jetzt ein Stückchen Brod hätte!" „Hast auch das nicht mehr im Sacke?" sagte der Zweite mit gutmüthigem Spott. „Ja, so 'n feiner Herr und haushalten! Hat's Dich auch aus der Heimath gejagt — das Glück, das die Andern haben, während unsereins gleich ein Schubbiak heißt? Freilich: Dul!" Es sprach ein gewisses Nichiverstehen der Lage des Andern aus diesem „Freilich: Dul" und — unfreiwillig wohl — eine Achterklärnug, schärfer, ach! millionenmal verdammender, denn die, welche ihn einst in die Welt hinausgetrieben .... Noch eine Weile lagen sie so: er mit sich ringend, ob er ihnen sein Schicksal erzählen sollte; sie wie im Warten darauf. Dann kam das Kommando zum Aufbrnch. * * * Am Ostrande der glühenden Savanne bewegen sich die Grasbüschel, als gleite etwas Lebendes behutsam zwischen hin. Einen Augenblick taucht ein dunkles Gesicht mit glühenden, rachedurstigen Augen über den Halmen empor. Dann gleitet der Körper des indischen Spähers wie der Blitz wieder hinter sich, wo ein gurgelnder Strom die Ebene durchschneidet, während drüben, am anderen Ufer, ein Wald sich dehnt; die Wasser rauschen auf und ein hochgeschwungener Büchsenlauf blinkt in der funkelnden Sonne — eine kurze Minute, dann ist Alles wie ein gleißender, triefender Schatten im Urwalddickicht verschwunden. Nur schimmernde Tropfen aus dem silbernen Strome dort unten fallen wie Perlen von Blatt zu Blatt... » * Langsam, glatt auf der Erde, kriechen sie heran, zur Deckung vor dem spähenden Feinde nur das mannshohe Ried. Weiter hinten liegt das Gros des Zuges. Die drei Vordersten sind ausgesandt, den Feind zu recognosciren. Keiner hat ein Wort gesprochen seit dem Aufbruch. Sie wissen Alle, daß hinter jedem unvorsichtigen Laut der Tod kauert. Und die Gefahr übt eine so eiserne Disciplin . Nur der Fluß singt im Vorübergleiten leise sein ewiges Lied. Sie machen Halt und heben sich sachte aus den Halmen. Rings bleibt Alles still. „Die Hunde sind weiter gezogen," brummt der Eine. Dann sieht er den Wald am jenseitigen Ufer und ein bedenkliches Pfeifen schlüpft zwischen seinen Zähnen hindurch. — Ach! da ist Wasser! Der Andere taumelt; auch er hat es bemerkt. Die Augen treten ihm fast aus den Höhlen; er will vorwärts stürzen. Die eiserne Faust des Groben hat ihn rechtzeitig ergriffen und hält ihn zurück. Sie hat leichtes Spiel, denn wie vom Blitz gefällt schlägt der tödtlich Erschöpfte, Durstgefolterte in das schirmende Gras zurück. „Wasser!" flüstern seine brennenden Lippen. Armer Teufel! Wenn man ihm helfen könnte! Wieder bleibt es minutenlang still. Nur das lockende Plätschern des unfernen Stromes tönt wie gurgelndes Lachen herauf und vermischt sich mit dem Röcheln des Verschmachtenden.... „Ich will es versuchen." —'„Was?" — „Zum Ufer hinabznkommen." — »Willst Du Dein Leben ris- kiren um einen Trunk Wasser? Ich wette meine Monatslöhnung, die Schufte stecken drüben im Wald." — „Sie werden mich nicht gleich treffen. Bin ja kein Kind mehr," brummte der Grobe zurück. Und den Schaft seiner Büchse fester fassend, begann er vorwärts zu kriechen. „Streicht mit Euren Eisen heraus, daß ich gedeckt bin. Und wenn Ihr etwas Verdächtiges seht, knallt d'rauf los. Ich hole das Wasser." Dann schlugen die Halme hinter ihm zusammen, und nur das sich langsam entfernende Geräusch, mit dem er sich über den Boden hinschob, blieb hörbar. Dann verstummte auch das. Am Strom aber bogen sich die Grasbüschel auseinander und das Antlitz des Groben spähte vorsichtig hinüber in den schweigenden, taglosen Wald. Wieder kommt der pfeifende Ton von seinen Lippen; diesmal aber ist es ein Pfeifen des Vefriedigtseins. Er hält sich nach der letzten sorgfältigen Umschau für sicher. Ein Stück Erdreich hat sich unter seinen Händen gelockert und plumpste vor ihm in den Flnß. Noch einmal horcht er Minutenlang nach drüben hinüber. Dann schiebt er sich lautlos weiter vor und klimmt das Ufer hinab.... Ach, das ist Wasser! So hat ihm nie ein Trunk daheim geschmeckt, und wäre er auch vom rarsten Stoff gewesen, wie dieses köstliche, quellfrische, langentbehrte Naß, das er jetzt in sich hineinsog. Dann ließ er es glucksend in die bereitgehaltenen Flaschen laufen, seine und die seiner beiden Kameraden. Ja, auch der Andere blieb sein Kamerad, sein Mitmensch, wenn er auch was Feineres war — oder gewesen war — als er selbst .... Er drückt die Stöpsel in die vollgelaufenen Behälter und hebt sich sachte rückwärts. Da knallt es drüben scharf auf... ein einziges Mal nur — und mit zerschmetterter Stirn sinkt der Brave zurück — für den Andern. — Hiiiimelsschau im Monat Nopember. —1. Merkur 8 ist in der zweiten Hälfte des Monates als Morgenstern von 6 U. bis 7 U. morgs. sichtbar. Venus tz verschwindet am Morgenhimmel. Mars L ist sehr hell, die ganze Nacht am Himmel und bleibt bis zum 23. rückläufig in den Fischen. Am 10. links vom Mond. Jupiter erreicht seine größte Tageshöhe zwischen 3 U. 51 M. früh und 1 U. 51 M., übertrifft Mars an Helligkeit und bleibt die ganze Nacht sichtbar. Am 15. links vom Mond. Am 13. kann man den Sternschnuppenschwarm der Leoniden im Löwen am Osthimmel beobachten. Diese Sternschnuppen waren bisher sehr selten, nehmen aber jetzt an Anzahl zu und erreichen i. 1.1899 ihr Maximum. -- Auslösung des Bilder-Räthsels in Nr. 84: Schauspieldichter. Auslösung des Bilder-Rathsels in Nr. 86: Schneidergeselle. 88 . »m „Augsburger Postzritung". Dinstag, den 30. October 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Mar Huttler). Kermvard von Hilüesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) VI. Die Bräute Christi. Ich bin eine Dienerin Chiisti und zeige mich als eine ihm dienstpflichtige Magd. Antiphone. „Und so laden wir Euch ein, ehrwürdiger und geliebter Amtsbruder, Euch am Feste des heiligen Evangelisten Lucas im Stifte Gandersheim einzu- finden, allwo wir am genannten Tage der gottge- weihten Kaiserstochter Sophia und anderen Mägden des Herrn den Schleier geben werden." Also lautete der Schluss eines Briefes, den der mächtige Mainzer Erzbischof Willegis an Herrn Osdag, den Bischof von Hildesheim, gesandt hatte. Herr Osdag hatte dazu verwundert den Kopf geschüttelt, war aber der Einladung nachgekommen, und zwar im Geleite seines Dekans Thangmar. Er war schon am Tage vor dem Feste nach Gandersheim geritten; nicht weil ihn die Einladung absonderlich freute, sondern weil er, der Bischof von Hildesheim, gewillt war, sich seine Rechte nicht verkümmern zu lassen, nämlich die im dortigen Kloster der Welt entsagenden Jungfrauen selber einzukleiden, wie das von alten Zeiten her Brauch war. Als er vom Saumthier abgestiegen war, wandte der fromme und bedächtige Herr sich der Kirche zu, um daselbst ein Gebet zum Gelingen alles Guten zu verrichten. Sein Dekan Thangmar aber schritt inzwischen sporen- klirrend dem Gemach der Aebtissin zu. „Gott zum Gruß, ehrwürdige Frau!" sprach er und neigte sich geziemend. „Was ist das?" Frau Gerberga reichte ihm verständnißvoll vom Sessel aus die Rechte und sagte mild: „Eine Prüfung, Herr Decan. Seid willkommen!" Frau Gerberga hatte nicht mehr die Kraft, so hoheitsvoll da zu stehen, wie vor zwölf Jahren. Ein inneres Leiden zehrte an ihrem Lebensmark: es hatte sie namhaft verändert. Herr Thangmar gewahrte das mit Betrübniß. Darum bemerkte er sanfter, als es vor dem seine Absicht war: „Eine Prüfung sagt Ihr, Frau Aebtissin; wir aber sind nicht gewillt, eine Demüthigung über uns ergehen zu lassen. Wisset, den Rechten unseres bischöflichen Herrn soll durch keinerlei Anmaßung irgend welcher Eintrag geschehen!" „Gewiß nicht Herr Thangmar," sprach die Aebtissin ernst und richtete sich empor. „Wie aber kommt es, daß Herr Willegis unsern Herrn als Zuschauer einladet zu einer Amtshandlung, die Herrn Osdag selber obgelegen Hütte?" Frau Gerberga zuckte wehmüthig die Achseln. „Der Kaiserstochtcr Sophia wurde es eingeredet, daß der mächtigste Kirchcnfürst Deutschlands, der Erzbischof von Mainz, besser dazu geeignet sei, unser Frauen- klostcr, das hart an der Mainzer Grenze liegt, zu beschirmen, als es dem Herrn Bischof von Hildesheim gelänge. Darum wandte sie sich an den Herrn Erzbischof Willegis mit der Bitte, ihr den heiligen Schleier zu geben. Dieser, der Rechte auf das Stift zu haben glaubt, sagte bereitwillig zu, sie, sowie ihre Mitschwestern zu weihen. Wenn ich meine gewohnten Geisteskräfte hätte, oder wenn meine vielliebe Freundin und Stellvertreterin Noswitha wir nicht durch den Tod entrissen wäre, so hätten wir Frauen ein Wörtlein dreingeredet von der alten Gerechtsamkeit. Eine Kranke aber," sie schaute muthlos drein, „muß von den hohen Herrschaften gar manches geschehen lassen, was nicht nach ihrem Sinne ist." Da trat der kräftige Herr Thangmar ein klein wenig mit dem Fuße auf und sprach: „Wir werden allen Gewalten gegenüber unser gutes Recht festen Willens vertheidigen." Während dieser Versicherung war leise und bescheiden der Herr Bischof von Hildesheim eingetreten. Mit freundlicher Würde begrüßte er die Aebtissin; dann sagte er schlicht: „Als ich just eben im Gebete vor dem Allerheilig- sten kniete, kam mir der Gedanke, den bischöflichen Stuhl hinter die Rückseite des Altars stellen zu lassen, aus daß zunächst keiner den kirchlichen Vorrang unrechtmäßig behaupten könne. Das ist nach meiner Verordnung schon geschehen. Frau Gerberga, wie viele Bischöfe haben sich angekündigt, um dem feierlichen Acte der Einkleidung beizuwohnen?" Gerberga antwortete ehrerbietig: „Die Herren Rethar von Paderborn und Milo von Minden sind bereits zur Feier eingetroffen; Herrn Hildewald von Worms erwarten wir zugleich mit Herrn Willegis von Mainz. Der König Otto, die Kaiserin 682 Theophano und viele Fürsten mit zahlreichem Gefolge, sie alle dürften von nun ab jeden Augenblick zu begrüßen sein." Hierauf sprach drr Hildesheimer Decan trocken: „So laßt uns unsere Gemächer anweisen, auf daß wir den Reisestaub abschütteln und dem hohen Hofe würdevoll entgegentreten können." Diesem Wunsche gemäß geschah es. Herr Thangmar aber dachte nicht daran, sich geziemend aufzuputzen. Unruhig ging er in der hochgewölbten Stube hin und her. „Möchte nur wissen, ob mein vielgeliebter Schüler Bernward, den wir mit dem Hofe zu erwarten haben, sich auch in seinen Gesinnungen also geändert hat, daß er auf Seite des Erzbischofs steht." Auf dem Klosterhofe wurde es lebendig. „Der Lärm geht schon an," sagte er und trat an's Fenster. „Wahrhaftig, ein Reisezug von mehr denn hundert Personen nähert sich dem Stifte, und zugleich gehen in feierlichem Zuge die Nonnen langsam den Ankömmlingen zum Empfang entgegen," also berichtete er. Dann flog helle Freudenröthe über Thangmars Antlitz. Er neigte sich und winkte lebhaft grüßend mit der Hand nach dem Klosterhofe. „Bernward, o mein Bernward, Gott segne Deinen Einzug I" sprach er dabei fast unbewußt. „O, wie würdevoll und mannhaft ist die Erscheinung meines ehemaligen Schülers," fügte er glücklich hinzu. Das war das erste Wiedersehen. Im nächsten Augenblicke breitete Herr Thangmar wortlos die Arme aus. Lehrer und Schüler hielten sich umschlungen. „Laßt Euch willkommen heißenI" sprach Herr Osdag und trat hinzu. So saßen die drei alsbald in eifrigem Gespräch beisammen. Bernward war unbefangen: „Verzeihet," sagte er, „mir dünkt es kein Eingriff in die Hildesheimer Rechte, wenn der Mainzer Erzbischof ausnahmsweise der Kaiserstochter und den Jungfrauen, so zugleich mit ihr das Gelübde ablegen, den Schleier giebt." „Eine Ausnahme dürfen wir nicht gestatten, die- weilen sie allzuleicht zur Regel würde," gab Herr Osdag in ruhiger Bestimmtheit zurück. „Bedenket, Ganders- heim liegt hart an der Grenze, und die Mainzer haben lange schon geglaubt, Rechte auf das Stift zu haben." „„Glücklich, wer der Dinge geheimste Ursache erkannt hat,"" singt Virgilius. So steht die SacheI" rief Bernward erstaunt. „Werde allsogleich ein Wort mit der Herrin Theophano reden und auch mit Herrn Willegis," fügte er hinzu, als er den genannten Herrn just mit großem Gefolge in den Klosterhof einleiten sah. Er eilte hinweg. Herr Thangmar trat an's Fenster und murrte grollend: „Das Geleite des Erzbischofs ist wahrlich noch größer, als das des Kaisers. Was Bernward wohl bei dem Stolzen ausrichten mag?" Der junge Priester blieb lange aus. Endlich kam er. „Es ist schlecht Wetter bei Willegis. Er behauptet im Recht zu sein und will nicht nachgebe»," also berichtete er, fügte aber freudig hinzu: „Bei der Kaiserin habe ich erreicht, daß Ihr zugleich mit Willegis die Einkleidung der Herrin Sophia vornehmt, während für die übrigen Jungfrauen Ihr, Herr Osdag, alles allein besorgt. Durch Vermittlung der andern Bischöfe und durch seine eigenen flehentlichen Bitten erlangte Willegis, daß er am morgigen Tage die Hochmesse halten darf. Doch das hat keinerlei Einfluß auf Euere Gerechtsamkeit." „Ich danke Euch, Herr Bernward, für Euere Bemühung," also sprach der Hildesheimer Bischof; dann verstummte er nachdenklich. Er wußte, was er wollte. Thangmars ehemaliger Lieblingsschüler bemächtigte sich hierauf ganz des verehrten Lehrers. Arm in Arm sah man die Beiden allsogleich im Klosterhofe auf und nieder schreiten. In altgewohnter Weise redeten sie über gelehrte Gegenstände. Hierbei machte Herr Thangmar zu seiner uneigennützigen Freude die Wahrnehmung, daß sein Schüler an Geist und Wissen weit über ihn hinausgewachsen war. Im Umherwandeln geriethen die Herren auf eine Baustätte. „Das ist sie zukünftige Kirche, so Herr Othwin nach Deinem Plane aufzubauen bestimmt hat," erklärte Thangmar. „Laß sehen!" Bernward sprachs freudig und kletterte sogleich mitten zwischen den Bauleuten prüfend in dem begonnenen Werke umher. Hier lobte, dort tadelte er, da ordnete er an, ermunterte er, und zuletzt ergriff er in Hellem Schaffenseifer Hammer und Kelle und fügte Stein auf Stein. „Dem Gotteshause, welches so ganz nach meinem eigenen jugendlichen Entwurf aufgebaut wird, muß ich doch selber einige Steine einverleiben," rief der Kunstbeflissene lachend in schier kindlicher Freude seinem Lehrer zu. Thangmar nickte verständnißvoll und dachte: „In dem finden wir alles vereinigt, was einen Künstler zur Schöpfung großer Werke fähig macht. Herz und Verstand, Liebe und Begeisterung für die edleren Ziele der Menschheit treffen bei ihm harmonisch zusammen." Noch nie hatte das Stift Gandersheim so viel Macht und Hoheit, so viel Glanz und Pracht in seinen Mauern umschlossen, als am Tage, da die Kaiserstochter Sophia den Schleier empfangen sollte. Die festlich geschmückte Stiftskirche vermochte kaum die erlesene Versammlung zu fassen, welche hier erschienen war. Kopf an Kopf harrten die Edelen der Feier. Malerischen Eindruck machte es, daß zwischen den kostbaren verbrämten Gewändern der Edelleute und dem kunstvollen seidenen Ornate der hohen Geistlichkeit sich auch schimmernde Rüstungen zeigten. Prinz Philipp von Orleans. 683 Im Hintergründe auf erhöhter Tribüne, dem Chor der Schwestern gegenüber, erglänzte der Hofstaat der Kaiserin, ein farbenfrischer Kranz holder Frauen und Jungfrauen. Auf dem Throne unter dem goldenen Baldachin saßen der junge Kaiser und Theophano, die Kaiserin- Mutter. In deren Nähe hatten die Bischöfe von Paderborn, Minden und Worms ihre Plätze auf goldenen Sesseln eingenommen. Wider allen Brauch und in Gandersheim noch nie gesehen war, daß zwei Bischöfe mit hohenpriesterlichem Schmuck festlich bekleidet gleicherweise zu beiden Seiten des Altares saßen, der stattliche Herr Willegis von Mainz und der schlichte Herr Osdag von Hildesheim. Worüber alle staunten, war, daß es dem einfach bescheidenen Hildesheimer Bischof gelungen, seine Ander Prinzessin sodann an die Kaiserin und an die Vormünder richtete. Wie von gemeinsamem Willen bewegt, gaben alle ihm ihre Zustimmung. Betroffen schwieg Willegis. Mit derselben ruhigen Demuth wendete der Hildesheimer Kirchenfürst sich an Sophia mit den weihevollen Worten: „Siehe, meine Tochter, schaue auf, Jungfrau! Vergiß Dein Volk und das Haus Deines Vaters, und der König wird Deine Schönheit lieben; denn er ist der Herr, Dein Gott!" Dann fragte er: „Schwörst Du Unterwürfigkeit und Gehorsam dem Hildesheimer Bischofsstuhl?" Und das Wunderbare geschah: Voll Staunen vernahmen alle, wie die Kaisers- -.MW- lEZWWWW U-WW Photographie und Verlag von Franz^Hanfstaengl, München. Kannst du lesen? Nach dem Gemalte von Herm. Kaulbach. sprüche geltend zu machen, und daß selbigem gleiches Recht wie dem gewaltigen Mainzer Kirchenfürsten eingeräumt war. Herr Willegis feierte dann in großer bischöflicher Pracht das Pontificalamt. Aber als er den Segen spendete, und er zur Weihe Sophias schreiten wollte, geschah es, daß jener schlichte Mann, von dem Alle schon geglaubt hatten, er sei seiner bischöflichen Rechte auf Gandersheim verloren gegangen, der demüthige Herr Osdag. plötzlich emporgerichtet dastand, stark und frei, wie ihn noch keiner gesehen hatte; sein leuchtendes Auge, die Würde seiner Haltung, die Ueberlegenheit, die sich in jeder seiner Bewegungen ausdrückte, wirkten überwältigend. Mit steigender Theilnahme hörte die Versammlung, wie Herr Osdag in edler Einfachheit und Ruhe, jener Einfalt, welche in wahrer Größe ihren Ursprung hat, zuerst an den Kaiser die Frage stellte, ob er in die Einkleidung seiner Schwester willige, dieselbe Frage betreffs tochter mit Heller Stimme folgendes Gelöbniß ablegte: „Ich, Sophia, Tochter des Kaisers Otto, verspreche vor Gott und Seinen Heiligen und vor dieser feierlichen Versammlung Treue, gebührende Unterwerfung, Gehorsam und Ehrfurcht meiner Mutter der heiligen Kirche zu Hildesheim und Dir Herrn Osdag, dem Herrn und Bischöfe dieser Kirche, und Deinen Nachfolgern gemäß den Anordnungep der kirchlichen Satzungen, und wie es das unverletzliche Ansehen der römischen Päpste befiehlt." Herr Osdag hielt ihr das offene Evangelienbuch vor. Sie legte beide Hände darauf uud sprach feierlich: „So wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes!" Dem Willensstärken Wesen des schlichten Bischofs konnte selbst die Stolze nicht widerstehen. Nach Sophias Beispiel gelobten alle Jungfrauen, so den Schleier nehmen wollten, Beobachtung der Klosterregel und Gehorsam. 684 Das einfache Hildesheim hatte die Prüfung gut bestanden; denn Herr Osdag hatte seine Ansprüche muthig und pflichtgetreu zu wahren gewußt. Willegis war mißmuthig, daß er seine vermeitnlichen Rechte gekränkt sah. Er wollte aber als würdiger Priester an heiliger Stätte seinen Groll an sich halten und jeden Streit vermeiden. So konnte Herr Thangmar nach kurzer Verständigung mit dem Erzbtschofe voll heiliger Freude den Anwesenden verkünden, daß der Herr Erzbischof von Mainz kein Recht auf die Gandersheimer Kirche für sich in Anspruch nehme, es sei denn mit Bestimmung und Erlaubniß des Hildesheimer Stuhls. Herr Osdag segnete hierauf den Schleier Sophias, sehte sich nieder mit der Jnful geschmückt und breitete den zarten Stoff über das gesenkte Haupt und die Schultern der Kaiserstochter, wobei er die Worte sprach: „Nimm hin den heiligen Schleier und erkenne dadurch, daß Du entsagt hast der Welt und als eine Braut Dich wahrhaft und in Demuth und mit Zustimmung Deines ganzen Herzens Jesu Christo geweiht hast. Er bewahre Dich vor allem Bösen und führe Dich zum ewigen Leben." Frau Gerberga, welche das Amt hatte, die Jungfrauen ihrem Bischöfe vorzuführen, vermochte die'er Verpflichtung zu ihrem Schmerze nicht nachzukommen. Eine Lähmung bannte sie an ihren Thronsessel. Statt ihrer waltete eine würdige Vertreterin. Judith, ihre so geliebte Schülerin, die heiligmäßige Aebtissin von Ringelheim, war auf Gerbergas Wunsch in letzter Stunde eingetroffen und versah willig das Amt der geistigen Brautführerin. Je zwei und zwei knieten die zu weihenden Jungfrauen, von Bernwards edler Schwester Judith geführt, vor ihrem Bischöfe nieder und empfingen von seiner Hand ihre Schleier. Dann sangen sie lieblich die Worte der hl. Agnes: „Er hat ein Zeichen in mein Angesicht geschrieben, daß ich außer ihm keinen Bräutigam annehme!" Hierauf wurden sie von Judith an ihre Plätze zurückgeleitet. Herr Osdag begann allsogleich den sinnreichen biblischen Gesang: „Geliebte! Komme zu Deiner Vermählung. Der Winter ist vergangen, die Turteltaube girrt, die blühenden Rebstöcke duften lieblichen Wohlgeruch!" Dann wurden die Jungfrauea wieder in derselben Ordnung dem Bischöfe vorgestellt. Dieser steckte Jeder den geweihten Ring an den Finger und sprach feierlich die Worte: „Ich vermähle Dich Jesu Christo, dem Sohne des höchsten Vaters, welcher Dich unbefleckt bewahren möge! Empfange nun den Ring der Treue, das Wahrzeichen des heiligen Geistes, damit Du genannt werdest eine Braut Gottes. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes." Er segnete mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes. Alle sanken nieder und sangen freudig: „Ich bin Dem vermählt, in Dessen Dienst die Engel stehen. Dessen Herrlichkeit Sonne und Mond bewundern! Jesus Christus hat Sich mir mit diesem Ringe verlobt und mich wie Seine Braut mit einer Krone geschmückt." Seliger Friede, stille Verklärung ruhte auf den Gottgeweihten, strahlte wieder von deren jungfräulichen Zügen. Es war, als ob die Opferkerzen Heller leuchteten, als ob die Blüthen am Altare stärker dufteten. Sophia kniete tief andächtig mit heiliger Begeisterung vor des Altares Stufen. Was sie nach schweren Kämpfen in dieser Stunde gelobt, kam aus warmem, aufrichtigem Herzen. Ihre Lippen flüsterten Dankgebete. Nachdem alle nachfolgenden heiligen Ceremonien und Gebete vollzogen waren, wie es sich gebührte, und wie es der Kirche Vorschrift heischte, ertheilte Herr Osdag den gottgeweihten Jungfrauen und allen Anwesenden den Segen. Dann blieb der kaiserliche Hof sammt allen Gästen in größtem Frieden und in schönster Eintracht kurze Weile noch beim Imbiß im Fremdenhause des Klosters beisammen, worauf alle in ebensolchem Einverständniß auseinandergingen. Frau Gerberga dankte Gott ob der glücklichtn Wendung der Dinge. VII. Auf der Stammburg. Sei mir gegrüßt, Du Holde, Du aller Frauen Zier, Du Stern vom lichten Golde, Zu eigen bin ich Dir, Zu eigen und zu Solde Nur einz g Dir allein; Sei mir gegrüßt, Du Holde, Dir eignet all mein Sein. Jakobus Bälde. Weit über waldiges Hügelland schaute die Sommer- schenburg. Gar stattlich und wohlbefestigt thronte sie auf felsiger Höhe. Bau an Bau, pferdekopfgezierte Giebel, buntbemalte Erker, einen gewaltigen Thurm umfriedeten feste Mauern und Zinnen. Zu den Füßen der Burg auf «halber Höhe des Hügels lag der gleichfalls befestigte Freihof Sommerwerk, so alt wie die Burg selber, und tief unten schmiegte sich gar malerisch daran ein schutzbedürftig Dörflein, deß Name Sommerdorf war. Als Herr Tammo vor sechs Monden endlich zurückgekehrt war von seinen Kriegsfahrten, da hatte er sein Heimwesen verödet und unhold gefunden. In den Gemächern wob die Spinne ungestört ihr Netz, und in der Halle hausten Fledermäuse und Eulen. Auf sein Machtwort aber wurden die schlimmen Gäste vertrieben, ward emsig gemauert und gezimmert. Nun da alles vor dem Winter fertig geworden war und wieder heimathlich, wohlig und gastlich ausschaute, stand der Graf da und fragte: „Was nun? — Soll ich jagen, fischen, für die Heerden sorgen und friedlich die Scholle bebauen, oder soll ich auf's Neue zum Kriege ausziehen gegen die räuberischen Slaven?" Gerhard von Sommerwerk, der greise Burgvogt, schien die Gedanken des jungen Grafen zu errathen. „Tammo, ich weiß, worüber Du grübelst," also sprach der würdige Herr und trat näher. „Ich rathe Dir, wie es mein vielwerther Herr und Freund, Dein Vater, selber gethan hätte: Mein Sohn, gieb das theuere Erbe, das Deine Ahnen einst mit Blut vertheidigt haben, nicht preis. Bleibe hier bei Deinem Volke; das ist an die Scholle gebunden und sucht seinen Schutz bei Dir." (Fortsetzung folgt.) . .. WW '-'MF MW HWW MM ALMZ AMWM -^E^ZMtz-KW SME .^s-' Ä»Ä ULZ WM .'ÄÄ! MW W-KM E? WZU ODO 686 Das 150jährige Jubiläum -es kgl. bayer. 4. ChevaulegerHeginieuls „Lönig".') Uniform des kgl. bayrr. 4. Chevanleger-Uegiments (1894). Im Jahre 1742 hatte Kurfürst Karl Theodor aus > der Linie Pfalz-Neuburg die Erbschaft der gesammten kur- ! pfälzischen Lande angetreten. Der junge Fürst widmete sich mit Eifer der Reorganisation seines Heeres. Am 1. September 1744 erschien eine kurfürstliche Ordre, welche die Bildung eines Graf-Elliot-Regiments aus den Kara- biniers der Taxis-Reiter und Elliot - Dragoner und der oberrheinischen Kreis-Eskadron anordnete. Der diesjährige 1. September ist somit der 150. Geburtstag des nunmehrigen kgl. bayer. 4. Chevauleger-Regiments „König". Wir möchten schon seinen ersten Namen als eine glückliche Vorbedeutung seiner stolzen, kriegerischen Zukunft betrachten. Die Elliot de Mohrange waren ein normannisches Geschlecht, dessen Mitglieder, der Sitte des damaligen Adels folgend, sich verschiedenen Herren widmeten, und das wohl auch seinen berühmtesten Vertreter in Georg August, dem späteren Lord Heathfield, gefunden hat. Dieser *) Nachstellende Schilderung sammt den beigegebencn Bildern entnehmen wir einem in der trefflichen Wochenschrift „Das Bayer- , land" (Verlag von R. Oldenbonrg in München, Redaction H, Leher) erschienenen längeren Aufsätze „Z»m 150jährigen Jubiläum usw." von A. Element!, Die Redaction. hatte seine militärische Bildung an der französischen Ingenieurschule zu Laföre erhalten, nahm sodann englische Kriegsdienste, wohnte als Adjutant den Feldzügen in Deutschland 1740 — 1748 bei. Zum Adjutanten König Georgs II. ernannt, führte er in der englischen Armee die Chevaulegers ein, welche damals in keinem Heere fehlten. Er bildete das erste englische Chevauleger-Regi-ment im Jahre 1759. Er hat sich für immerdar einen Namen in der Weltgeschichte erobert durch seine unvergleichliche Vertheidigung der Festung Gibraltar, in welcher er drei Jahre lang der Uebermacht der vereinigten spanischen und französischen Armeen trotzte. Die Erhebung in den Peersstand Großbritanniens war die Belohnung, welche ihm sein neues Vaterland reichte. Ueber die damalige^Uni- formirung des Regiments findet man keinen genü- gendenAufschluß. Sie fügte sich eben an die damals herrschende allgemeine Type. Die ersten Garnisonen des Regiments waren im pfalz-neuburgifchen Gebiete, und erst 1785 tritt als erste größere Garnison Düsseldorf hervor. Es währte 12 Jahre, bis das Regiment zum ersten Wasfengange ausreiten sollte. Im 7jährigen Kriege nämlich waren seine Reiter an der Schlacht von Noßbach be- theiligt, kämpften bei Leipzig, in der Schlacht von Torgau, bei Meißen, Dippoltswalde, bei Strehlen und Wittenberg, 1761 bei Weida. Mit besonderer Auszeichnung werden die kriegerischen Leistungen hervorgehoben, welche das Regiment im Jahre 1762 in Sachsen verrichtete. Im Jahre 1777 starb Kurfürst Max Joseph III., und Karl Theodor, sein Erbe, vereinte nunmehr unter seinem Scepter nach vielhundertjähriger Trennung die Lande von Kurpfalz und Kurbayern. Bei der Verschmelzung der kurpfälzischen und kurbayerischen Armee wurden die Elliot-Reiter zu Kürassieren umgewandelt. Sie erhielten die Nummer und den Titel „zweites Kürassierregiment"; als solches nahmen sie im Jahre 1790 an dem Rcichsexecutionszug nach Lüttich theil, welcher gegen die Lütticher unternommen wurde, weil sie sich empört und den Fürstbischof Konstantin Franz vertrieben hatten. 687 Was den Titel „König" anbelangt, den das Regiment heute führt, ist zu bemerken: Karl Theodor hatte das Regiment schon im vierten Jahre seines Bestandes seinen Vettern von der Linie Birkenfeld-Zweibrücken, der heutigen königlichen Linie, verliehen. Pfalzgraf Friedrich Michael Karl August und Maximilian, Pfalzgraf Ludwig Karl August, der spätere König Ludwig I., waren nacheinander Inhaber des Regiments, und es war nur die naturgemäße Folge, daß ihm Kurfürst Max Joseph bei der Uebernahme der Regierung im Jahre 1799 seinen Gefechten vonWöskirch (5. Mai), Biberach (9. Mai) und Memmingen (10. Mai). Am 3. Dezember 1800 vernichtete Moreau in der Schlacht von Hohenlinden die vereinigte bayerisch-österreichische Armee. In der Schlacht von Hohenlinden selbst stand Dorth mit seinen Chevaulegers auf der rechten Seite der Straße, in der Nähe von Maitenbeth, um der gesammten, von Haag herbeireitenden österreichischen Kavallerie den Aufmarsch zu erleichtern, und wurde hierbei von einem Theil der französischen Division Richepanse und deren Geschützen Die Uniformen des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Uegimenls (1777—1783). eigenen Namen gab, ihm vom 2. Mai ab den Titel „Kur- fürst-Chevaulegers" verlieh, der im Jahre 1806, bei der Erhebung Bayerns zum Königreiche, in den Titel „Königs- Chevaulegers" umgewandelt und durch Armeebefehl vom 18. Oktober 1835 für immer bestätigt wurde. Die Reihe der großen, blutigen FeldzugSjahre beginnt für das Regiment mit dem Jahre 1800, in welchem es bereits unter der Führung des tapfern Wrede mit den Oesterreichern zog, um das Vordringen Moreau's zu hindern. Das Regiment kämpfte unter seinem Kommandeur, Oberstlieutenant v. Dorth, mit großer Bravour in den ^ angegriffen. Unerwartet stürzten nun die Chevaulegers gegen die Franzosen, drangen sogar in ihr Treffen und entführten ihnen zwei Kanonen und eine Haubitze. General Richepanse ließ nun ein Regiment Chasseurs gegen die Chevaulegers ansprengen, um sie zurückzuwerfen; doch dieser Angriff mißlang so gänzlich, daß die Franzosen nach bedeutendem Verluste davon ablassen mußten und sich nun ohne weiteren Zeitverlust links in die Waldungen, auf die darin festgedrängten Oesterreich« warfen. Beim Angriff auf die Batterie wurde Oberstlieutenant von Neffelrode-Hugenpoät schwer verwundet und stürzte vom Pferde. Er war bereits von feindlichen Reitern umringt, da sprengte der Gefreite Fleischmann mit mehreren Kameraden, darunter die Chevaulegers Pecht, Beck, Hoff- mann und Walldorf, herbei und stürmten auf die plündernden Chasseurs los; letztere nahmen den Angriff sogleich wahr, sprangen auf ihre Pferde und riefen höhnisch dem Oberstlieutenant zu: „Da kommen Eure Leute und wollen Euch holen, aber wir werden ihnen heimleuchten!" Dann ritten sie mit wildem Geschrei den anrückenden Chevaulegers entgegen. Um den Oberstlieutenant, der mit zerschlagenem Schenkel am Boden lag, entspann sich nun ein heftiger und hartnäckiger Kampf; endlich siegten die wackeren Chevaulegers, deren kräftige Säbelhiebe die Chasseurs zur Flucht zwangen. Noch während des Gefechtes hatte Fleischmann einigen Kameraden zugerufen: „Nun bringt den Oberstlieutenant den Unsrigen wieder, indeß wir andern den Feind aufhalten." Sogleich sprangen die Chevaulegers Walldorf und Beck vom Pferde, legten unter dem heftigsten Gewehrfeuer dem Chevauleger Pecht den verwundeten Oberlieutenant quer über den Sattelknopf und brachten ihn auf diese Weise gleichzeitig mit dem ebenfalls verwundeten Hoffmann nach einem Bauernhof zurück. Hier nun nahmen sie einen Schlitten, spannten sich mit ihren Fouragierstricken vor denselben, zogen so ihren Offizier über eine Stunde fort und befreiten ihn auf diese Weise vor der Gefahr einer nochmaligen Gefangenschaft. Solche Züge todesmuthiger Aufopferung der Soldaten für ihre Offiziere wiederholten sich beim Negimente in den Feldzügen, die nun folgten, zu often Malen. Die bayerischen Regimenter bewährten auch in dieser Schlacht ihre alte Tapferkeit, und unser Regiment hatte sogar das Glück, die einzigen Hiebei erbeuteten feindlichen Geschütze zu erobern. (Fortsetzung folgt.) -^-1-^-,—- Zu unseren Bildern. Prinz Philipp von Grienn». Der älteste Sohn des verstorbenen Prinzen Philipp von Orleans, Grafen von Paris, Prinz Philipp. Herzog von Orleans, geboren am 6. Februar 1869, welcher gleich nach dem Tode seines Vaters die orleanistische Partei zu reorgani- stren versuchte, hat bereits zweimal von sich reden gemacht: das erste Mal, als seine „Liebe für Frankreich" ihn das Verban- nungsdekret übertreten ließ und er sich in Paris bei der Militärbehörde meldete, um kategorisch seine Einstellung in die französische Armee als Rekrut zu fordern. Die jugendliche Unbesonnenheit wurde mit einigen Monaten leichter Festungshaft geahndet. Zum zweiten Mal brachte den jungen Prinzen seine Verehrung für die Opernsängerin Melba in den Mund der Leute. Man wird abwarten müssen, ob diese beiden Episoden aus dem Leben des Herzogs von Orleans nur in das Kapitel der Jugendthorheiten gehören, oder ob sich sein Charakter in der von ihnen angedeuteten Richtung Wetter entwickelt. Kannst du lesen? „Kannst du lesen?" frägt klein Lieschen seinen Spielgefährten, das Häslein, das sich gar zutraulich an die Kleine schmiegt. Die schönen Bilder in dem großen Buche haben das Kind schon oft entzückt; doch die schwarzen Buchstaben, welche Zeile für Zeile füllen, sind ihm noch ein Räthsel geblieben. Erst wenn Lieschen in die Schule geht, wird die Kleine auch diese Zeichen zu enträthseln vermögen. Ob Häschen lesen kann? Fast möchte man es glauben, so klug blickt das Thier auf die Schriftzeichen. Doch Lieschen meint es nicht ernst — Thiere können ja nicht denken — und es gilt bloß, mit dem Spielgefährten einen Scherz zu treiben. _ Halierfrldlrelben. Unter HaberfeldtrUben versteht man Une Art Vvlksjustiz, welche in Oberbayern, namentlich in der Gegend von Tegern- see, Miesbach, Tölz und Rosenheim, an solchen Personen ausgeübt wird, deren Vergeben und Laster dem Arm der Rechtspflege oft unerreichbar sind. Man will darin Reste der einst von Karl dem Großen in den Grafschaften eingesetzten Rügengerichte sehen. Das Verfahren ist gewöhnlich dieses: Wenn das mißliebige Individuum trotz wiederholter brieflicher Verwarnungen keine Besserung zeigt, sammeln sich Plötzlich, gewöhnlich in einer recht dunkeln Nacht, um das Gehöft des Missethäters hundert und mehr vermummte, geschwärzte, zum Theil bewaffnete Personen und rufen den Schuldigen an's Fenster oder unter die Thüre, die er aber bet Leibes- und Lebensstrafe nicht überschreien darf. Darauf werden „im Namen Kaiser Karls des Großen im Untersberg" die Treiber verlesen, und zwar unter fingirten Namen und Würden, wie: „Herr Landrichter von Tegernsee" rc., und antworten mit einem lauten „Hierl" Sodann tritt einer der Meister in die Mitte des Vierecks und verliest ein in Knit- telreimen abgefaßtes Register der Sünden des Delinquenten, wobei nach jeder Strophe die ganze Schaar ein von der schrecklichsten Katzenmusik begleitetes Geheul und Gelächter anstimmt. Ist die Verlesung zu Ende, erlöschen die Laternen und die Schaar verschwindet auf einen Pfiff des Anführers eben so schnell wieder, wie sie erschienen war. Die Haberfeldtreiber werden aus einer dem Orte ihrer Thätigkeit entfernten Gegend gewählt, um etwaigen Erkennungen vorzubeugen. Dem Schuldigen wird, außer daß er die Verlesung mit anhören muß, kein weiteres Leid angethan. Das Haberfeldtreiben ist trotz des energischen Einschreitens der Behörden — wir erinnern an das erst vor wenigen Wochen stattgehabte Treiben in Nicklasreuth — noch nicht völlig beseitigt. -- Allerlei. Der Gymnasialdirektor St. in N. besuchte täglich das dortige Hotel du Nord. Mit der ihm eigenen Konsequenz bestellte der alte Herr regelmäßig einen Schnitt Echtes und die Zeitung. Dann vertiefte er sich in die Tagesneuigkeiten und kümmerte sich herzlich wenig um seine Umgebung. N. ist Garnisonstadt, und längst hatten die in dem Hotel viel verkehrenden Jünger des Mars den Gelehrten zur Zielscheibe ihres Witzes und Spottes gemacht. Eines Tages, als der Direktor eben wieder das Gastzimmer betrat, rief ein Leutnant im Ueber- muth: „Kellner, einen Schnitt Echtes, die Zeitung und 'nen Zahnstocher — so ist der Philister fertig!" — Der Gelehrte legte ruhig seinen Mantel ab, setzte sich würdevoll an den Nachbartisch und rief mit sehr lauter und näselnder Stimme: „Kellner, eine Havanna, — eine Flasche Sekt — beides anschreiben, dann ist auch der Leutnant fertig!" Mißverständniß. Beamter: „Also Sie heißen Caroline Stoppelhuber — Ihr Alter?" — Bäuerin: „Ach Gott, der is schon lange todt!" -SWN-S- ZLilder-Uäthsel. EIS jM «Augsburger PostMung". 89. Zreitag, den 2. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag der Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler). Feievnbend.*) Geliebte Todte, euch hat sie geschlagen. Die Feierstunde, die unS alle ruft. Wir trugen euch zu Grabe unter Klagen Und pflanzten Immergrün um eure Gruft. Ihr aber lächelt jetzt auf uns hernieder, Die Stürme schweigen und der Kampf ist aus, Und euer Ohr umrauschen süße Lieder, Wir wallen fremde und ihr seid zu Haus. So oft ein neuer Hügel sich erhebet, Ein müder Pilger wieder Ruhe fand, Aus engen Fesseln ist er gern entschwebet Jn's unermeßlich weite Geisterland. Der Abendstern steht über'« Grabgefilde, Die Winde seufzen leis durch Baum und Strauch, Schlaft wohl, Geliebte, unter'm Kreuzesbilde, Wie lange noch, dann schlafe ich wohl auch. ---SS888SS-- Am Allerseelerrlag! -^— (Nachdruck »«rvolru.l Nicht zu fröhlichem Wandern fordern uns heute die verschiedenen Stimmen der Religion und Natur auf, sondern zu ernstem Gange, in das stille Gräberfeld, wo unsere „lieben Todten" ruhen. Es kann sich dieser Stimme Ruf nicht leicht Jemand erwehren, und mag er noch so sehr im Taumel der Welten- lust alle Mahnungen des Jenseits zu überrauschen suchen. Nichts hilft es; — die eine oder andere Geisterstimme, sei es, daß sie den Ton alter Anhänglichkeit und Liebe als Echo in dem Herzen wachrufe, sei es, daß der Mahn- und Nacheruf ungesühnter Schuld ihr innewohne, einer dieser Laute dringt an diesem Tage in eines jeden Sterblichen Seele, soweit die christliche Taufe ihm ihr unaus- löschbares Merkmal aufgedrückt hat. So ist es ein ganz eigenartiges Schauspiel, das man beim Betreten des Friedhofes einer großen Stadt beobachtet. Da wandern nicht nur hinaus diejenigen, welche *) Aus „Um Allerseelen. Trost und Mahnung von Ad. Müller, Stadtkaplan bei St. Ulrich und Afra, Verlag von Michael Seitz, Augsburg". sich den Glauben lebendig in der Brust bewahrt haben, sondern es gehen des gleichen Weges, gebeugten Hauptes, auch diejenigen, die sonst vor lauter gottloser Wissenschaft nicht hoch genug den Kopf zu tragen wissen. Wozu sollten sie Hinauspilgern zu den elenden, traurigen Resten der Leiber, wenn es wirklich wahr wäre, was ihre Wissenschaft lehrt, wenn dieser armselige Plunder, halb Staub, halb morsches Gebein, Alles wäre, was von dem einst so stolzen, durch glänzende Gaben des Verstandes ausgezeichneten Menschen übrig ist? Unbewußt getrieben und durch den Widerspruch mit der eigenen Lehre sich selbst verurtheilend, finden wir bei den Gräbern der auf ewig Entschlafenen die Jünger einer, sei es in der Lehre, sei es in der Praxis, gottlosen Geistesrichtung. Man sagt, daß am Sterbelager eines Nahestehenden und vorzüglich auf dem eigenen Todtenbette Manchem, der längst geglaubt hat, Gott als einen überwundenen Standpunkt betrachten zu können, wieder der Gedanke an ein Jenseits mit ewiger Vergeltung zum siegreichen Durchbruch gekommen sei. Nicht minder glauben wir, daß solch' ein Augenblick mahnender göttlicher Gnade für viele kommt, wenn sie die stumme Reihe der doch so stark beredten Grabhügel durchschreiten und allüberall das Kreuz erblicken, wie es nach unten deutet mit dem einen Ende, auf Tod und Vergänglichkeit, wie es aufwärts weist mit mahnendem Finger und wie es endlich beide Arme liebreich ausbreitet, um alle in seinem beseligenden Bereich der ewigen Liebe willkommen zu heißen. Wem es vergönnt wäre, in die Herzen aller dieser Kirchhofpilger einen Blick zu werfen, der würde gewiß mehr denn einmal Zeuge sein des inneren Kampfes, bei dem der Mensch gegen sich selbst und seine Leidenschaft anstrebt. Wohl dem, der den Funken der unversiegbaren göttlichen Liebe in sich zünden ließ, dem der gute Kampf gelang! Das Herz in ernsten andächtigen Gedanken gesammelt, so betritt der gläubige Christ die Stätte der Todten. Seine Hand legt bei dem Grabhügel nicht nur den blumen- geschmückten Kranz als äußeres Zeichen der das Grab überdauernden Liebe nieder, sein Herz naht sich den lieben Todten vor Allem mit dem unverwelkbaren Rosenkränze theilnahmvollen Gebetes. Die reine, geheiligte christliche Liebe ruft uns mit tausend Stimmen am Allerseelentage zum Friedhof. Es ist die treue anhängliche Liebe, welche uns die Er- — 690 — fnnerung an die Abgestorbenen nnauslöschbar macht; es ist die dankbare Liebe, welche mit dem Almosen des Gebetes jetzt manche Wohlthat vergelten will, die früher oft kaum erkannt oder deren Ausgleich bei Lebzeiten nicht möglich war; eS ist die edle christliche Liebe vor Allem, welche das strenge Gebot hat, den Bedrängten, die sich selbst nicht helfen können, beizustehen, die christliche Liebe, die zu beten gebietet selbst für die, welche im Leben feindselig unS begegnet sind. Eine Stätte der gnadenreichen göttlichen Liebe ist aber auch der Friedhof für uns, die wir den Schritt zu ihm lenken. Eine ganze Fülle heilsamer Gedanken stürmt auf unser Herz ein, von dem sich langsam die irdische Schale löst und das dadurch empfänglicher wird dem Sonnenstrahl, der ewiges Leben hervorruft. Hier, so im Angesichte des Todes gleichsam, da wird uns die erste und einzigeNothwendtgkeit klar, nicht nur auf das Zeitliche das Auge zu richten, sondern Sorge zu haben, daß die arme Seele nicht allein den Weg in'S Jenseits antritt, sonder» geleitet von dem Engel, der unsere erworbenen ewigen Schätze dem Herrn über Leben und Tod darbringt zum schwachen Entgelt für seine Herrlichkeiten. Wohin daS Auge schaut, grüßt uns dar erlösende Kreuz, verheißend, daß auch der schlimmsten Schuld durch den, der an ihm gehangen. Genüge gethan worden ist für Alle, welche es reumüthig umfassen. Hoffnungsvoll sodann zugleich ist dies geheiligte Zeichen für den, der mühsam den so dornenvollen Weg dcS Lebens wandelt, denn unter diesem Grabkreuz, da hört der Erden Kreuz und Leid auf, und so es mit Christo ist getragen, erblühen an den Erdendornen die kostbarsten Himmelsrosen. Es geht durch unsere Zeit allgemein ein gewiß berechtigtes Seufzen über schweres Leid der mannigfachsten Art. Möge der Weg zum Frtedhof alle stärken mit frohem, gottergebenem Glaubensmuth, der allein befähigt ist, den Frieden zu geben in diesen Tagen und einst die stille Grab es ruh, mit ewigem, seligem Frieden uns zu segnen! -.-Sr-A-es—- SermwrrrÄ von HilÄesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Gerhard, der freie Inhaber des Hofes Sommcrwerk, der nur aus Freundschaft für Tammos Eltern das Amt deS Burgvogtes übernommen hatte, durfte ein kühnes Wort sich schon erlauben; darum fügte er lächelnd hinzu: „Und im Namen Deiner edlen Frau Mutter bitte ich Dich, lieber Tammo, suche Dir eine sanfte, fromme Hausfrau, die Deines Herdes und Hofes fürsorglich waltet, und die Dich von Herzen lieb hat. Das wird Deiner rastlosen Seele Nutze geben und Deinen allzu kriegerischen Sinn friedlich gestalten. Du stehst jetzt im besten Mannesalter. Wann denkst Du an den Ehestand ?" Graf Tammo verzog zwar ob dieser Rede das Gesicht, als böte man ihm Wermuth dar; doch Herr Gerhard kannte seinen Liebling schon allzulange; er wußte, daß der Erbgraf verwundet sei, und zwar an schlimmer Stelle. — „Hier kann nur Eine helfen," so dachte er nicht ohne Grund. Herr Tammo schaute träumerisch in die Ferne. Auch er dachte an Eine voll Huld und Güte. Ja ein holdes Bild stand vor seiner Seele. Tief im Herzen hallte ihr Name wieder. Da horch — Hörnerklang, Hufschlags Was ist das? Da dringt fröhlich hervor aus der Waldesdämmerung ein farbenreicher Reiterzug mit flatternden Fähnlein, schimmernden Rüstungen und — wehenden Frauen- schleiern. Tammo beschattete das Auge mit der Hand und schaute schier verwundert dem rasch nahenden Zuge entgegen. „Alle guten Geister!" rief Herr Gerhard in halbem Entsetzen, „glaube gar, der Kaiser sammt seinem Gefolge beehrt die Sommerschenburg mit einem Besuche." Der Graf richtete sich straff empor. „Fürwahr. Hoch weht das kaiserliche Banner. Das sind die hohen Herrschaften. Jetzo heißt eS, Sorge treffen, daß die Gäste wohl bewirthet und wohl beherbergt werden." Sprach's und eilte in großer Erregung hinaus, um Anordnungen zu treffen. Gerhard folgte in gleicher Absicht. Auf sein Geheiß tummelte sich eilfertig das Ingesinde hin und her. Die Zugbrücke fiel, das Thor that sich auf vor den willkommenen Gästen. Die hielten fröhlich ihren Einzug. Das ward ein lebhaft Treiben auf dem lange so verödeten Burghof. Tammo nahte ehrerbietig dem weißen Zelter der Kaiserin, kniete nieder und hielt den Steigbügel. Die hohe Frau begrüßte den Grasen anmuthig lächelnd und sprach: „Solch ungerufene Gäste, solch einen Ueberfall habt Ihr gewißlich nicht erwartet." Der Graf hatte sich vorher auf eine geziemende Rede besonnen, doch da er anheben wollte, traf sein Blick eine goldblonde Begleiterin Thcophanos, das machte sein Herz erbeben, machte ihn stocken, und seine Rede wandelte sich in einen kurzen Spruch zum Willkommen um. Neues Leben zog in die so lang verlassene große Halle der Sommerschenburg. Neben den klirrenden Rüstungen rauschten seidene Frauengewänder, und der zierlich geschmückte Fuß der Hofleute schritt über die Bärenfelle, welche die Sleinfliesen der Halle bedeckten. Durch die Umsicht Herrn Gerhards war der schöne Raum gar eilig zum Empfang der hohen Gäste hergerichtet; eine rasch gedeckte Tafel lud zum Imbiß ein. Nachdem die Bruder Tammo und Bernward sich umarmt und freudige Grüße getauscht hatten, sprach der junge Kaiser lächelnd: „Unser getreuer Lehrmeister wollte uns verlassen; er heischte Urlaub, um den geliebten Bruder und die väterliche Burg wiederzusehen. Wir aber vermochten es nicht, uns von ihm zu trennen, und so gaben wir ihm allesammt das Geleite hierher. Da sind wir. Sehet zu, wie Ihr mit uns fertig werdet." Auch Tammo lächelte. „Einen bescheidenen Unterschlupf wird dieSommer- fchenburg den hohen Herrschaften sammt deren Gefolge schon bieten. Und sollte die Burg zur Herberge nicht ausreichen, so findet sich im Hofe Sommerwerk ein Unterkommen. Was die Verpflegung betrifft" — er lachte 6S1 freudig — „Nehziemer, Eberkenlen, Bärenlenden, Arrer- bahnbraten, für dergleichen sorgte mein Jagdgeschoß. Mein einziger Kummer, wie ich die Beute verwerthen könnte, ist anjetzo von mir genommen." Theophano, welche sich von dem Burgherrn zur Tafel hatte geleiten lassen, deutete auf Hildeswitha, so gegenüber saß: „Sehet, die junge Gräfin von OleZburg wollte mir von Gandersheim aus entfliehen nach Hildcseim zu ihrer Mutier. Ich aber hielt sie fest und bat sie, mit mir kurze Zeit an den Hof zurückzukehren. Es war mir gar so schwer, der holden Freundin meiner Sophia Lebewohl zu sagen in dem Augenblicke, da mein Kind den Schleier nahm. Das Loslösen muß allmälig geschehen." Tammo wandte das Auge nach der lieblichen Jungfrau. Es war ein langer Blick, der auf ihren sinnig b-wegten Zügen, auf dem blonden Köpfchen ruhen blieb. Er seufzte leise und nickte verstündnißvoll. Allzugut begriff er, daß die Kaiserin sich von dem anmurhigen Mägdelein schwer nur zu trennen vermochte. i Der Imbiß mundete den Gästen. Als sie sich ge- ^ uugsam gestärkt hatten, gebot die Kaiserin freundlich dem Burgherrn: „Zeiget uns Euer Anwesen." Der Aufforderung entsprach Tammo gerne. Zuerst geleitete er seine Gäste zur Burgkapclle, wo alle ein kurzes Gebet verrichteten. Nach solch andächtigem Be- ' gnlnen führte er die Fremden die Treppen auf und ab in woh'ausgestattete Säle und Gemächer, deren Bestimmung er bereitwillig erklärte. Allgemach aber verringerte sich seine Gefolgschaft. Die Hofleute suchten Bequemlichkeit, und wo einer ein anmulhig Platzlein fand, da blieb er zur Rast. Selbst der Kaiserin erschien das achteckige Frauenstüblein im Untergeschoß des Thurmes so behaglich, daß sie allbier zu ruhen beschloß. Der junge Kaiser, dem Bernward in diesem Raum das verdeckte Thürlein zu einem unterirdischen Gange gezeigt hatte, fand so viel Wohlgefallen an der seinen abenteuerlichen Sinn reizenden Wendeltreppe, daß er, ohne lange zu fragen, hinabstieg, um sich weiter umzuschauen; sein Lehrmeister mußte, wohl oder übel, ihm folgen. So geschah es, daß nur Tammo und Hildeswitha selbander ein traulich Gemach betraten, das mit sonder- ltcher Sorgfalt hergerichtet war. Decke und Wände des Gemaches waren mit Holz bekleidet, und die Sonnenstrahlen huschten freundlich über das alte braune Schnitzwerk und über die prächtigen buutgestickten Kiffen hin, welche die Truhen bedeckten. Der schönste Schmuck des eigenartigen Raumes aber war daS wilde Epheugeranke, welches von der äußeren Thurmmauer, an der es üppig emporkletterte, seinen Weg hier hinein gefunden hatte durch die säulengetheilten Nundbogenfenster, allwo es sich laubartig um die tiefen Nischen zog. An einem der umrankten Fenster stand auch ein Webstuhl, und an der Wand hing eine Laute, die war von blauem Band umschlungen. „Der Lieblingsaufenthalt meiner seligen Mutter!" erklärte Tammo bewegt. „Hier saß die milde Frau gar oft im Sommer und im Winter, ließ geschäftig die Spule tanzen und lugte dazwischen hinaus nach der heitern Fernsicht über Thäler und Hügel. Wenn die Dämmerung kam, so nahm sie die Laute und hob leise an mit ihrer vollen weichen Stimme schöne, meist gottselige Weisen zu singen." Auch Hildeswitha war bewegt, ihr dünkte es, als ob sie an geheiligter Stätte eingedrungen sei. Zaghaft bot sie dem Burgherrn die Haud: „Ebre den Manen jener Frau, die solche Söhne erzog! O, daß ich die Edle gekannt hätte!" so sprach sie leffe und innig. Des ritterlichen Mannes Auge leuchtete auf. Er umschloß die zarte Reckte der Jungfrau mit beiden Händen und sagte mit tiefer bebender Stimme: „Die Mutter hätte Euch willkommen geheißen, Hildeswitha," er beugle sich nieder und schaute der erglühenden Maid tief in die blauen, Augensterne, „mir ist, als ob der verklärte Geist der Mutter mir zuhaucve: „„Diese ist es, welche ich von Gott für Dick erbeten."" Hildeswitha, täuscht mich meine Einbildungskraft, oder seid Ihr, die ich liebe seit dem Augenblicke, da ich Euch in Quedlinburg sah, mir wirklich von Gott beichicdcn?" Ein wundersames Leuchten ging über der Jungfrau Antlitz. „Es muß wohl so sein, denn niemals hat ein Mann solchen Eindruck auf mich gemacht," sprach sie einfach. Er breitete die Arme aus. „Hildeswitha, willst Du mein sein?" Sie flüchtete an des Mannes Brust und nickte glückselig: „Ja!" Die Verlobten hielten sich umschlungen, als die kaiserlichen Herrschaften mit Bernward eintraten. „Hier sehet die zukünftige Herrin der Sommerichen» bürg I" rief der Graf mit Augen, die von Wonne strahlten. „Die Traute hat eingewilligt, meine Hausfrau zu werden, sie liebt mich, wie ich sie." Da war bei Allen große Freude ob des frohen Ereignisses; keiner wunderte sich, wie das so rasch gekommen. Es war so natürlich, daß diese Herzen sich gefunden hatten. „Ich selber werde Euch in der Pfalz zu Quedlinburg die Hochzeitsfeier rüsten," sagte die Kaiserin. „Ich entlasse Dich, wein liebes Kind, nicht eher aus dem Hofdienst, bis ich an Deinem Ehrentage Dich mit dem Brautkranze schmücken durfte. Nein — wende nichts ein. Deine vielliebe Mutter, Frau Frederunde, muß mir die Freude gestatten, sie muß selber als Gast zu dem Feste kommen." Es geschah alsdann nach dem Wunsche TheophanoS. Ehe der Winter seine weiße Decke über das Land gebreitet hatte, legte im Dom zu Quedlinburg der Hof- kaplan Bernward die Hände TammoS und HildeswithaS zum Lebensbunde in einander. Er sprach über die Worte des Apostels Paulus: „Die Ehe ist ein großes Geheimniß, ich sage aber in Christo und in der Kirche." Die Herzensfreude Bernwards an diesem Hochzeitstage war kaum geringer, als die des stattlichen Bräutigams und der wonnesamen, bräutlich mit Myrte geschmückten HildeSwitha. Das Hochzeitsgefolge war nicht klein, der ganze sächsische Adel hatte die Brautleute zum Traualtar geleitet. An der Hochzeitstafel aber, so in der Kaiserpfalz gar prunkvoll bereitet war, begann ein rechtes hohes Frohlocken, als der Bruder HildeswithaS, Graf Altmau von OleSburg, den Gästen kündete, daß er sich just eben mit der Jungfrau Hedwig von Stederburg zum Ehebund« versprochen habe. 692 Die Brautmutter, Frau Frederunde, war beglückt, daß ihres Sohnes Herz sich der ernstsinnigen Hedwig zugewendet hatte. Nachdem die Jungfrau, welcher Alt- mans erste schwärmerische Neigung geweiht war, Judith von Sommcrschenburg, des himmlischen Bräutigams Minne dessen irdischer Liebe vorgezogen, da hatte die würdige Frau Frederunde nicht ohne Grund befürchtet, der Stammherr auf Olesburg werde unvermählt bleiben. Um so größer war heute das Glück und die tief empfundene Freude ihres mütterlichen Herzens. „Mit Gott!" sprach sie und gab den Segen. Da erscholl der Jubel der frohen Hochzcitsgäste, und Pauken- und Trompetenschall verherrlichte lauter noch das Fest. VIII. Die Bischofsweihe. Einmüjhig ward er da erkoren Und ihm die Nachricht vorgelegt. Deß ward sein Herz gar tief bewegt Von Demutb und Bescheidenheit. Er sprach: „ES wär' mir bitter Leid, So all des ÄmteS schwere Bürde Mir Schwachem übertragen würde; Denn meiner Ohnmacht war es g'mig An dem. was ich biöheran trug." AuS Philipp des KaithLuscrs Marienleben. Während der Dauer von sieben Jahren hatte die Kaiserin Theophano das Reich mit Ruhm verwaltet und sich als eine Herrscherin von festem adeligen Charakter und großer Umsicht erwiesen. Ueberall, wo das Wohl des Reiches ihre Gegenwart erheischte, begab sie sich persönlich hin. In Italien zwang sie die Aufrührer zur Unterwerfung und brachte das kaiserliche Ansehen zur Geltung. Nach Deutschland zurückgekehrt, feierte sie im Jahre 991 noch einmal das Osterfest zu Quedlinburg in großem Glänze, umgeben von vielen deutschen und fremden Fürsten. Alsdann begab sich die thatkräftige Herrin nach Nymwegen zu einer neuen Neichs- versammlung. Hier ereilte sie der Tod in der Blüthe ihrer Jahre. Die Ncgentenlast war den zarten Schultern der edlen Frau zu schwer. Zu Köln in der Kirche Sankt Pantaleon wurde sie ihrem Wunsche gemäß beigesetzt. Nach Theophanos Tode schloß sich der frühverwaiste Otto noch inniger an seinen treuen Lehrmeister Bernward. Ihn zog er allein zu Rath, um zu prüfen, was andere durch Schmcichclworte ihm einreden wollten; denn bei seiner hohen Begabung durchschaute Otto die Verstellung der Hofleute, erkannte er die unbestechliche Ehrenhaftigkeit des väterlichen Freundes. Ja, Bernward mit seiner hohen Bildung, mit seinem für alles Edle und Schöne aufgeschlossenen Sinn war für den geistig regsamen Kaiser-Knaben der rechte Lehrer. Und dieser übertrug der sorglichen Leitung des geschützten Lehrmeisters die wichtigsten Staatsgeschäfte. So ordnete Otto durch seinen Lehrer und dieser durch seinen Kaiser die Angelegenheiten des ganzen deutschen Reiches. Trotz solcher Machtstellung durfte Bernward sich rühmen, keine Neider zu haben. Inmitten der Reichen und Hohen, der Armen und Niedrigen ging der besonnene Priester mit Ehrfurcht erweckender Bescheidenheit einher. Ueberall wußte er das rechte Maß zu finden, den Schüchternen liebreich zugänglich, den Uebermüthigcn achtunggebietend zu begegnen. Den Sinn seines Zöglings weckte er für das Große und Ideale. Der kaiserliche Knabe machte wunderbare Fortschritte in den Wissenschaften, und sein Geist wurde durch die freisinnige Weise des Unterrichtes früh zur Uebernahme aller Neichsgeschäfte gezeitigt, so daß man Otto bald „rnirusiilia mrmäi, das Wunder der Welt" nannte. Selbst in's Feld zum Kampf gegen die aufständischen Wenden und Slaven begleitete der waffenknndige Lehrmeister Bernward mehrmals den siegreichen Kaiserknaben. Das Weihnachtsfest des Jahres 992 feierte Otto und sein Hof in der Pfalz zu Mainz, in jener vornehmen und reichen Stadt, deren Erzbischof die Erb- Würde deS Neichs-Erzkanzlers bekleidete. Am majestätischen Nheinstrom erhob sich der Königshof nicht weit von der erzbischöflichen Burg. Vom Königshofe aus fiel der Blick auf den großartigen noch unvollendeten Dom, dessen Bau Willegis im Jahre 978 begonnen hatte. Mit regster Theilnahme verfolgten der so kunstgelehrte Bernward und sein begeisterter Schüler die Fortschritte dieses Werkes. Am Neujahrsmorgen 993 finden wir die Beiden in einem freundlichen Gemache der Königsburg in gelehrtem Zwiegespräch. Der dreizehnjährige Otto ist mit allen Gaben des Geistes und des Körpers reich ausgestattet; die Vorzüge des Vaters und der Mutter sind auf ihn übergegangen. Er ist von frischer, lebhafter Sinnesart und von schwungvoller Einbildungskraft, was seinem Lehrmeister nicht wenig zu schaffen macht. An ritterlichen Uebungen hat es dem Knaben nicht gefehlt, und in den Wendenkriegen wurde er an Kampf gewöhnt. Begreiflich ist es daher, daß der junge Kaiser seinem Lehrmeister schon kühne weltumgestaltende Pläne vorträgt. Ja, der dreizehnjährige Knabe phantasirt bereits von einem neuen großen Weltreich: Nach altrömischem und byzantinischem Vorbild sollen alle Völker des Nordens wie des Südens vereinigt werden. Bernward hört staunend zu und schüttelt lächelnd den Kopf. Aber noch ehe der Lehrmeister etwas ent- gegnet, wird des jugendlichen Kaisers Sinn abgelenkt durch einen Troß Gewappneter, der am jenseitigen Ufer des Rheins erscheint und rasch über die schon von den Römern errichtete Pfahlbrücke der Stadt zureitet. „Sehet doch nur, hohe geistliche Würdenträger in Violett gekleidet, von Gewappneten umgeben! Der Trupp begehrt Einlaß am Königshof. Was mag das bedeuten?" fragt Otto. Bernward schaute hinüber. „Das ist ja Thangmar, mein Lehrmeister, das ist ja die ganze Hildesheim'sche Domgeistlichkeit, das ist mein Bruder Tammo und der ganze vereinigte Hildesheim'sche Adel!" ruft er und eilt freudig hinunter. „Willkommen, Ihr Herren!" also ruft er in das Getümmel hinein. Welche Ucberraschung! Kein lautes Gegenrufen umher. Entblößten Hauptes in ehrfurchtsvollem Schweigen beugen alle huldigend die Knie vor dem jungen Priester, der mit unbeschreiblicher Würde und Anmuth soeben hervorgetreten ist. Aller Augen ruhen voll Liebe und Stolz auf der hohen vornehmen Gestalt mit den durchgeistigten Zügen, mit dem edlen Anstand in allen Bewegungen. Der weiß nicht, wie ihm geschieht, als nun sein Freund und Lehrer, der Decan Thangmar, gemessenen Schrittes vor ihn tritt, nochmals das Knie beugt und mit kräftiger, weithin schallender Stimme spricht: 693 „Heil und Gruß dem erwählten Bischof von Hildesheim l" Bernward steht ob dieses Grußes unbeweglich da, bleich und stumm. Er kann den Sinn nicht fassen. Da richtet Herr Thangmar sich stramm empor und erläutert: „Ja, mein erlauchter Herr, die Geistlichkeit, der Adel und das Volk unseres Sprengels haben in seltener Ein- müthigkeit Dich, mein Bernward, zum Nachfolger unseres dahingeschiedenen Oberhirten gewählt. Wir aber kommen, um Deine Einwilligung und die Zustimmung des kaiserlichen Herrn zu erbitten." Bernward wird bleicher, seine Augen schließen sich fast, ja seine Hand tastet, wie um dort Halt zu suchen, nach dem Pfeiler des Eingangs. Der thatkräftige Thangmar drängt: „Nimmst Du die kanonisch vollzogene, auf Dich gefallene Wahl als Oberhirt der Hildesheim'schen Kirche an?" Da fliegt mit einemmale helle Nöthe über des Gefragten ernstes Antlitz. Er richtet den Blick gen Himmel und spricht nach kurzem Gebet die Entscheidung: „Ich bin nicht würdig, das Hohepriesteramt zu übernehmen, doch in Eurem Ruf erkenne ich Gottes Stimme." Er breitet die Arme aus; „Nehmt mich hin, meine Treuen, wie ich bin, mit allen menschlichen Gebrechen. Ich gehöre zu Euch! Ja, ich fühle es, dem geistigen Hirtenamt, der Seelsorge für mein heimisches Sachsenvolk vermag ich besser vorzustehen, als des weltlichen Herrscherthums zu walten über das ganze weit verzweigte deutsche Reich, wie es der Kaiser wünscht. Keine andere Ruhmbegierde trage ich im Herzen, als die, meinem Schöpfer Seelen zu gewinnen. Wenn Otto mich entläßt, so folge ich Euch in die Heimath und übernehme dankbar das bischöfliche Hirtennmt." Die Begeisterung und der Jubel der Getreuen war beispiellos. Sie umringten stürmisch ihren zukünftigen Bischof. Die Freude der Abgesandten wurde freilich gar bald gedämpft, als sie den Schmerz und die Bestürzung des jungen Kaisers gewahrten. Der wollte seinen Treufreund, seinen heißgeliebten Lehrer und Nathgeber nimmer Missen; nein, er wollte ihm die höchsten weltlichen Ehren- stellen, wollte ihm Macht und Reichthum geben. Nicht gleich in den ersten Tagen und nicht ohne große Ueberredimgskunst gelang es den Hildesheimern endlich, den Kaiser Zum schweren Verzicht zu bewegen. Am nächsten Sonntage ertheilte Otto dem zum Bischöfe Gewühlten in Gegenwart des Hofes und vieler Fürsten die feierliche Bestätigung und übergab ihm den von der Hildesheimrr Gesandtschaft mitgebrachten Hirtenstab. Die kirchliche Weihe vollzog acht Tage später, am Sonntage, den 15. Januar 993, der Erzbischof Willegis feierlich in der Hauptkirche Sanct Martin zu Mainz. Zu diesem Feste kamen nicht allein die benachbarten Bischöfe, die Geistlichkeit und der Adel zusammen, auch das Volk strömte in hellen Schaaren nach dem Metropolitansitz, welcher der Schauplatz einer so glänzenden FeieOsein sollte. Dichte Mcnscheumassen füllten die mächtige, prachtvoll geschmückte Sanct Martinskirche. Sie harrten mit freudiger Ungeduld auf den Beginn der heiligen Handlung. Da ertönte volles Glockengeläute, und ehrerbietig machte die Menge der Procession festlich gekleideter Priester und Prälaten Platz, welche den hohen geistlichen Oberhirten, den Bischöfen von Mainz, Trier und Worms, voranschritten. Der Anblick der drei so würdevollen Kirchenfesten in reichen bischöflichen Gewändern mit der Jnful und dem Hirtenstab wirkte überwältigend. In deren Mitte schritt ernst und bleich mit demüthig gesenktem Haupte Bernward. Nach dem vor dem Hochaltare gemeinsam verrichteten Gebet bestieg Willegis den Thron. Zu seiner Rechten nahm der majestätische Erzbischof Egbert von Trier, zu seiner Linken der Bischof Hildewald von Worms den bereitgestellten Sessel ein. Die beiden Kirchenfesten assistirten dem Mainzer Oberhirten bei der Weihe, denn: „Es ziemt sich, daß der Bischof von allen Bischöfen der Provinz geweiht werde; im Falle aber dieses zu schwierig wäre wegen bestehender Hindernisse oder der Weite der Reise, so geschehe die Weihe wenigstens von drei Bischöfen," also befahl der vierte Canon des Kirchenraths von Nicäa. Bernward'in langem weißem Gewand, mit der Stola und dem Chormantel bekleidet, wurde vor den Erzbischof Willegis geführt. Er neigte sich in tiefer Ehrbezeigung. Auf einea Wink des Consecrators Willegis verlas der bischöfliche Notarius die apostolische Bestätignngsurkunde zur Weihe. Der Neugeweihte kniete nieder vor dem Erzbischof und gelobte feierlich mit lauter Stimme Ergebenheit und heilige Treue dem Nachfolger des heiligen Petrus, dem Oberhaupte der Kirche, und betheuerte, seiner Gemeinde ein wahrer apostolischer Bischof sein zu wollen. (Fortsetzung folgt.) - » -» Bilder aus Steieriuark, Kärnteu und dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. III. Der Predil-Paß. Tarvis bietet Gelegenheit zu einer Menge schöner Ausflüge. Einer der genußreichsten ist die Partie über den Predilpaß. Der frühe Morgen, in zartem, bläulichem Grau anbrechend und ständig gutes Weiter verheißend, trieb uns schon sehr bald aus den Federn; noch herrschte vollständige Ruhe im Hause. Als wir uns anschickten, dasselbe zu verlassen, fanden wir uns eingeschlossen; indeß Mühe und Schläue half uns den schweren Riegel b. festigen, und das Thor nach unserm Weggange mit Wucht wieder in's knarrende Schloß fallen lassend, kümmerte es uns wenig, welcher Bettpfosten erzitternd dabei den säumigen Schläfer weckte. Ein Bäckerknabe, frische, knisternde Brödchcn im hohen Tragkorbe, trat uns in den' Weg, und es wurde sofort etwas von seiner warmduftenden Bürde ihm abgekauft. Fröhlich ob des glücklichen Besitzes stärkender Brödchen, wanderten wir in den thaufrischen Morgen hinaus. Ein Gang voll hehren Genusses! — Die Reichs- straße dringt mitten in das Herz der Julischen Alpen und folgt dem r'auf der Schlitza, die als echtes Gebirgskind in ihrem gerölligen, vielfach mit großen Felstücken durchsetzten Bette cinherstürmt. Nach halbstündigem Marsch erreichen wir das einsame Dorf Fl itschl, dessen Häufer- gruppe in der Eigenart des slovenischen Baues, mit den dicken Mauern und den kleinen, durch starke Eisenstäbe gesicherten Fcnftcrchen, einen weltverlassenen Eindruck macht. Der schönste Blick ist zunächst dem Kirchlein auf das dunkle Thal mit seinem wilden Wasser, den weit »»«einander liegenden, ärmlichen Gehöften und dem düster- ernsten Hintergrund der sich erhebenden Felsgebirge. Die Romantik der Gegend steigert sich. Wild und zerklüftet schauen die zerrissenen Gipfel der steil aufstrebenden Berge in das enge Thal. Wir sind in Kalt- wasser, einem großen Bleipoäwerke mit freundlichen Wohngebäuden, am Zusammenfluß des Schlitz«- und Kaltwasscrbaches. — Die Straße steigt und gewäbrt zwischen tiefgrüncm Nadelholz freien Blick auf die Hochöfen und Bleiwerke in der Thalsohle. Zahlreiche Fuhrwerke, welche mit schwerer Ladung von Zink, Blei und Galmei den Betrieb der Pochwerke und Schmelzöfen vermitteln, beleben die stark bergan ziehende Straße. Ein einfaches Wirthshaus trägt über dem steinernen, romanisch geformten Thorbogen eine Einladung zur küblcn Rast vor dem ermüdenden Aufliege; die kunstlosen Verse — in drei Sprachen, deutsch, italienisch und slovenisch, abgefaßt — zeigen, wie enge diese drei Volksstämme sich hier berühren, oftmals ohne gegenseitig ihre Sprache zu verstehen. — Bist der Steigung erweitert sich das schluchtarkige Tbal, aber es n mmt nicht ab an Wildheit und Sterilität. Ein weites, weißes GrriMeld, unter welchem man das Wasser nur von Ferne rauschen hört, bedeckt als Raibler Gries den Thalbodm; dicke Rauchwolken, die schwer über der Häuscrgruppe lag rn, verkünden, daß wir uns Naibl, einem der größten Berg- und Schmelzwerke Kärnlens, nähern. Ohne die herrliche Bergumrahmung näher zu beschauen, treten wir, von Hunger und Durst nach zweistündigem Marsche getrieben, in das erste sich öffnende Wirths- häuSchen. Qualm und Dunst füllt die Stube; eine Menge zechender Arbeiter und verschiedenes Volk sitzt auf den Bänken; die Wirthsleute begriffen nach einem einzigen Blick auf uns, daß uns diese Gesellschaft nicht zusaote, und öffneten eine Thüre zu einem nebenanstchcnden Gemach; aber diese Atmosphäre von Wirths-, Wohn- und Schlafstube, dieses undefimrbare Chaos von Möbeln und herumliegenden Gegenständen, ungemachten Betten flößte noch weniger Vertrauen ein; dazu eine unheimliche, uwmicnartige Alte, die aus einem zerschlissenen Leinffttchl aufkrabbelte, und kein anderer Ausgang aus dem mit Eisenstäben an den Fcnsterchen verwahrten Nuim, als durch die lärmende Menge, von deren slovenisch klingendem Idiom man noch dazu nichts verstand. Neini lieber im frischen, kalten Morgen vor dem Hause, als in dieser Mäusefalle. Doch das Göscner Bier und der Wein schmeckten vorzüglich, und die Unheimlichkcit schwand mit dem leeren Magen. Von Naibl klimmen zwei Straßen zur Höhe deS Predilpasses hinan, die Sommer- und die Winter straße. Letztere führt an dir Ufer des Raibler See's und wird in der schlimmen Jahreszeit, solange Lawinengefahr herrscht, stets benutzt. Erstere, für den Sommer gebaut, führt rascher zur Höhe und gewährt einen wundervollen Blick auf das Raibler Thal, in dessen Bild voll Anmuth und Majestät man sich stundenlang in trunkener Vergessenheit versenken könnte. In der Tiefe der lichtgrüne, sonnen- durchleuchtete, grünumsponncne See mit seinem Jnselchcn, wo zwischen Föhrenschatten ein Nindcndach schimmert, — in mäßiger Ferne das rauchgeschwärzte Städtchen, das sich an den Königsberg lehnt, an dessen Flanke die schmalen Wege der Knappen und die Schlundlöcher der Einqangsstollen bis zur halben Bergesböhe binanzichen. Rund im Kranze, herrliche Contourcn im blauen Äeiher zeichnend, die großartigen Felsengeb rge: der Seckopf. die Caningnippe, die mächtige Wischberggruppe und das Kalt- wassergcbwqe, der Albcikopf, die Zinne des Königsbcrges, die vielzackigen Lahn- und Fünsspitzcn, der grüne Prcdil, theils wild zerrissen und von Geröllhaldcn durchzogen, theils von dunklem Wald und üppiger Alpenflora bedeckt. Wir sieben die mit Alpenrosen besäumte Predilstraße weiter. Eine Menge Arbeiter, meist Slovenen, begegnen unserm Weg. Sie geben zum Bergwerke liinob, wo »äst die ganze umliegende Bevölkerung als Knavpcn Beschäftigung findet. Jeder bringt in einem eigenartigen, gefällig geformten, hölzernen Gefäße die Milch zur Po'enta mit, der hauptsächlichsten Nabruug der armen Bergbewohner. Nun präsent!« sich die prächtige Mangartgruppe mit ihrem massigen Fclsenhaupt; entzückt ihrer weitem Entfaltung zustrebend, erreichen wir die Paßhöhe, eine Stunde von Raibl, ein prächtiger Uebcrgoug, der durch das Jsonzolhal den Verkehr mit Italien vermittelt. DaS kleine Wirthshaus am Predil mit seinen paar benachbarten ärml chen Häusern, bat trotz seiner Unansthii- lichkcit einen regen V rlehr von Fuhrwerken und Neisr- wagen aller Art. Einen hochinteressanten Back genießt man nach Süden von der Höhe aus in das grün um- wobene, von grauen Felieumassen durchzogene Tnal. — Wunderschön gruppstt sich der Mangart, der Jaluz. Die steil abfallende Straße verfolgend, kommen w r an das kleine Fort Predil. Warnungstafeln besagen, daß es jedem Fremven verboten ist, sich in der Nähe der Fortlfikation aufzuhalten oder gar eine Z ichmng davon zu entwerfen. Hart an der Straße, an die Fe,,ungs- mauer angeleimt, ist das schöne Denkmal: „Zur Erinnerung an den Heldentod des k. k. Jngcmcurbaiiptmamis Johann Herman v. He mans- dorf am 18. Mai 1809 und der mit ihm gefallenen Kampfgenossen. Kaiser Ferdinand I." eine Steinpyramide mit sterbendem Löwen aus Metallguß, dem Luzerner Löwendenkmal nachgebildet. An einer Slwßcnwindung, die weit in die Furche zwischen Man» gart und Jaluz cin'ch- eidct, kommen wir an die Cori- tenza, die, zwischen Geröll hervorbrechend, sich unter der Straße in einen tie'cn, von gerade aufstrebenden Felsen- mauern gebildeten Kessel in brausen!'em Falle stürzt und im tiefen Felsenbctt sich den Weg nach der bwühmten Flrtscher Klause bahnt. Bis zu einer Entfernung von zwei Stunden beherrscht hier das entzückte Auge tue Gegend. Die im Sonnenbrand weiß schimmernde Straße windet sich, den Einschnitten der Berge folgend, in großen Krümmungen zur Tiefe; an ihren Saum sind die langgestreckten Dörfer Ober-, Mittel- und Unterpreth mit ihrer kleinen Kirche malerisch gebettet; zu den schon genannten Bergkuppen treten die Confinspitzc, der prächtige Nombon. Aus dem satten Grün der Wiesen und Wälder leuchten die weißgrauen Fclsenhäuptcr und braunen Runsen, überspannt vom glänzenden Blau des südlich angehauchten Himmelszeltes; im tiefen Felsenrinnsal streckenweise verschwindend, perlt der eilige Bach. Nachdem wir im tiefen Schatten des Berge- wohlthuende Rast bei frischem Qneüwaffer und unsern mitgebrachten Speiseresten gepflogen, wanderten wir, um uoch länger des Anblickes 695 froh zu sein, bis Oberpreth; allein in Anbetracht der sengenden Hitze, die uns auf der stark ansteigenden Straße zu sehr bedrückt haben würde, entschlossen wir uns, um« zukehren. Im mäßigsten Tempo erreichten wir die Paßhöhe. Die dienstthuende Wache des Forts verfolgte lange vom sonncnbeschienenen Dach aus unsere Schritte, wahrscheinlich nur aus Mangel interessanterer Abwechslung in ihrem monotonen Dienste. Nach Raibl zurückgekehrt, suchten wir dieses Mal das beste Gasthaus auf, welches nichts zu wünschen übrig ließ und auch ein Touristenhaus zur Aufnahme von Alpenvereinsmitgliedern besitzt. Ein Netourwagen noch TarviS wurde freudigst begrüßt, da der Rückweg doch recht ermüdend geworden wäre. IV. Die Weißenfelser Seen und der VeldeS-See. Laibach. Die Kronprinz Rudolf-Bahn brachte uns zunächst an Station Ratschach. Das Thal von Ratschach ist einfach, aber mit schönem, weitem Blick auf die Berge: den Mangart, Ponca Delika, Duina, Fiinfspitzen und Kaltwassergebirge, den Luschariberg, den Brachnik, sowie auf die schluchtartige Einsenkung, in welcher die Ortschaft Wcißenfels mit ihren Gewerkschaften liegt. Ueber Wiesen wenden wir uns dem hohen Fichtenwalde zu; ein ziemlich steiniger, mäßig ansteigender Weg führt uns dem Seebach entlang, der sprudelnd, lichtblau in zahlreichen CaScaden zu Thale hüpft. Nach drei Viertelstunden stehen wir am ersten See und wenden uns, an dessen östlichem Ufer einen schattigen Weg verfolgend, dem Rudolfsfelsen zu, einem Felsenriff, das beide Seen trennt und den besten Ueberblick über den zweiten, kleineren See bietet — ein düsteres, einsames Wasserbecken von Fichten, Lärchen und dürftigen Alpcriwicsen umsäumt. Die Wände des Mangart mit dessen imposant geformten Felsenmassen, um den Scespiegcl ein kolossales Amphitheater bildend, senden riesige Geröllhalden an seine Ufer. Ein schwindelnder, gefährlicher Steg führt vom See aus auf die senkrecht emporstrebenden Gipfel. Der melancholische Ernst dieser Natur findet auch einen Widerhall in unserm Gemüthe, und gern wenden wir uns dem ersten, freundlicheren Seebilde zu. Unvergeßlich bleibt mir dort die Rast auf der kleinen Halbinsel, in der einfachen, rohgezimmerten, von Slovenen gut und billig bewirthschafteten Ncstaurationshalle; bei gemüthlicher, herzlicher Plauderei mit Neisegenosscn überließen wir uns ganz der scelenvollen Wirkung, die der Reiz des lieblichen, anziehenden Laudschastsbildes ausübte: der dunkelgrüne, leicht gekräuselte Seespiegel mit reizenden Fels- und Waldbädern in seinen Fluthen, darüber die herrliche Mangartgrnppr, deren wilde, steil zum zweiten See abfallende Geröll- und Schutthalden durch sanfte Waldunnanmung verdeckt sind, Ungern schieden wir von der trauten, vom Hauch einer erhabenen, jungfräulichen Natur beseelten Stelle, um zum nächsten Zuge wieder in Natschach einzutreffen. Die Fahrt geht weiter', vorüber an Krön au, an der Mündung des wilden Pisenza-Thales, und an Moistrana, dem Eingang des als großartig geschilderten Urata-Thales, mit prächtigem Blick auf den Triglav, den drcigipfcligcn Vergriffen Oberkrains. Bei Station Lees vertauschen wir das rauchige Bahncoups mit dem offenen, luftigen Postwagen, der uns westlich über die Save in einer halben Stunde nach VeldeS bringt, das als die Perle, das Paradies Oberkrains bezeichnet wird. In der That ein wunderliebliches See- bild: groß, tier, leise bewegt, in wunderbaren Tinten spielend, die wcchselvollen Usergelände im klarsten Spiegel» b-ld aufnehmend. Eine Kahnfahrt auf den krystallenen Fluthen bringt uns auf die reizende, kleine Jnel, einen mitten im See aufragenden bewaldeten Bcrgkegel; gekrönt durch die Wallfahrt Maria im See. Ein schattiger Weg, vorüber an einer Lourdeskapelle, die zu frommer Erinnerung an eine Prinzessin Windisch-Grätz, geb. Oct- tingen-Spielberg, erbaut ist, führt einerseits zur Kirche hinauf, während an der andern Seite unmittelbar aus dem See eine-breite, 98 Stufen hohe Steintrepve zum Kirchenplateau aufsteigt. Dieselbe zeigt uns in einer an der Mitte derselben seitwärts angebrachten Inschrift den Namen und die Widmung des Erbauers, nebst Jahreszahl. Die Kirche selbst besitzt einen reich vergoldeten Altar mit Marmormosaik; neben der Kirche ist der dicke, viereckige Thurm mit dem Wunschglöcklein, dessen Heller Silberklang die Erfüllung der mannigfachen Wünsche der armen Erdenkinder vom Himmel gewähren soll. Schade, daß ich im rechten Augenblicke mit der Legende nicht betraut war und erst später davon erfuhr, als die unregelmäßigen, hellen Glockenschläge, die bei unserer Rückfahrt über den See zitterten, mir auffielen. Mein Herz hätte wohl auch Ursache gefunden, das Wunderglöcklein zu erproben. Die Aussicht von der Höhe des lieblichen Eilandes ist fesselnd. Im Osten erhebt sich auf einer höchst malerisch gestalteten, 120 m hohen, senkrecht dem See entsteigenden Felswand das alte, aber wohlerbaltene, nun einem Wiener Bankier gehörige Schloß Veldes; lieblich bewaldete Ufer bergen den Ort mit der höher gelegenen Kirche; im Anschluß ein Kranz von Villen, eleganten Bade-EtablissementS und parkartigen Gärten — das Louisenbad, die Espla- nade Mallner rc. Darüber erhebt sich ruhig und ernst in mäßiger Ferne das kahle Gebirge, nordöstlich der prächtige Stou; in der westlichen Senkung zeigt sich der weiße Scheitel des felsengezackten Triglav; südlich bezeichnet ein jäher Absturz der Berg- und Hügelkette die Mündung des Wocheiner Thales. Unser kleiner Slovcne, der die Zeit im sonnen« beschienenen Kahn verschlief, brachte uns ungefährdet an seines Vaters Häuschen zurück, an dessen Außenseite ein uraltes, in Stein gemeißeltes Marie: bild eingefügt ist und dasselbe als das Heim einer alten Bildhauerfamilie kennzeichnet. Im Schatten hochgewötb'er Baumkronen verfolgen wir noch lange die den See umkreisende Straße, bis Hunger und Müdigkeit uns zurück in's Louisenbad führen. Die Abendsonne in ihrem verglimmenden Roth malt den Scheitel der Berge, Friede athmet der duftige See; stimmungsvoll erzittern fernhaltende Klänge einer Kur- musik, dazu das Geplätscher der am Kiel des Tschinagl (Kahn) sich brechenden Wellen. Selbst das rege, sajhio- nable Badeleben und das stillgeschäitige Treiben in der nahen, äußerst reinlichen und schmucken Musterküche des Hotels sind nicht im Stande, diese Poesie zu stören. Die Abendvost bringt uns wieder zurück nach Lees, wo wir bei stockfinsterer Nacht noch in das Dorf wandern, um im Touristenhause des sehr empsehlenswerthcn Gast- hofeS von Wucherer nach des Tages Mühen und Genuß gute Verpflegung, vortreffliche Weine und angenehme Ruhe zu finden. Leider nicht zu lange, da der erste Frühzug 696 zur Weiterreise nach dem Süden benutzt werden mußte. — Morgengrauen und dichter Nebel verhüllt die Landschaft und begünstigt eine kleine Huldigung, die wir dem zu früh entronnenen Gotte Morpheus nachzubringen hatten. Das mächtige Rauschen der Save dringt in unsere Träume, und wir bemerken, daß dieselbe eng gebettet zwischen den Karawanken und Julifchen Alpen neben der Bahn dahin- stürzt. Enge Thalspalten zwischen den Ausläufern der Tcrglougruppe gestatten prächtige Blicke auf den sie beherrschenden Berg. Wir kommen nach Krainburg, der frühern Herzogsstadt, die, bespült von zwei Flüssen, der Save und der sich in erstere ergießenden Kanter, auf freundlich bewachsenem Felsvorsprung, recht hübsch erscheint. Den Hintergrund deckt ein Kranz von Bergen, während südlich die sich öffnende weite Ebene freien Ausblick gestattet. — Das Wetter klärt sich; schon in Bisch oflack zeichnen sich, trotz der in der Tiefe liegenden Nebel, die Contourcn der Gebirge am reinen Morgenhimmel; bei Zwischen wässern sehen wir hell und freundlich die hohe Wallfahrtskirche am waldigen Smar- nagera (Smarrcnberg) über die weite Landschaft erglänzen. Die aufsteigende Sonne erdrückt das Nebelmcer; in reinstes Sonnengold getaucht, erscheint Feld und Flur und die zerstreuten Ortschaften und Kirchen, während Nosa- duft die starren Gebilde der Karawanken milde um- leuchtet. Wir sind in Laib ach, der lebhaften Hauptstadt Krams; weitläufig, in großartigem Maßstabe angelegt, gruppirt sie sich um den die Stadt hoch überragenden Schloßberg. Derselbe, ein langgestreckter Bergrücken mit hübschen Promenadewegen, trägt an seinem der Stadt zugewendeten, jäh abfallenden Ausläufer das ehemalige Schloß, nunmehr Staatsgesängniß. Eine breite, von hohen alten Bäumen beschattete Fahrstraße führt hinaus; gerne wird Touristen die Erlaubniß zum Eintritt bewilligt, und wir erfreuten uns hier der prächtigsten Fernsicht. Auf der weiten Fläche, nördlich das Laibacher Feld, südlich das Laibacher Moos genannt, lagern zarte Nebelschleier, vom Sonnenduft goldig durchwoben; gleich freundlichen Oasen entsteigen demselben die Ortschaften, die blinkenden Thürme, die noch weit Verfolgbare Trace der Eisenbahn; ein vielfach geschlungener Gürtel stets höher emporstrebender, oftmals durch weithin sichtbare Kirchen gezierter Bergspitzcn, überragt von den feinen Linien des Kosciutagcbirgcs und der Steiner Alpen mit dem Grin- touz, begrenzen den Horizont; märchenhaft, ein bleicher Geist, entsteigt in fernem Nordwest der mächtige Triglav dem Dunst-, Wald- und Hügclmecre. Belebend sind die hübschen Einblicke in die Straßen und Plätze der Stadt und in ihr buntes Getriebe, das heute durch Abhaltung eines Katholikentages, welcher 2—3000 Gläubige, großen- thcils slovenische Geistliche, vereinigte, noch erhöht wurde. Da wir schon um 6 Uhr angekommen und bis Mittag blieben, hatten wir Zeit genug, uns die vorzüglichsten Merkwürdigkeiten der Stadt anzusehen, unter denen der Valvasor-Platz mit der Statue des Vodnik, der Dom, ein Nundgewölbe mit hoher Lichtkuppel, die schattige Stern-Allee mit der colossalen, 2 m hohen Büste Nadetzkh's, aus Bronze auf einem Stein-Sockel, die Deutschordenskirche mit der Gedenktafel von Anasta- sius Grün besonders ausfielen; längs des Quai an der rauschenden Laibach reihen sich die zahlreichen, reinlichen Derkaufsstände mit reichhaltig und auserlesen angehäuften Dictualien aller Art. Durch die Lattermanns-Allce gingen wir noch nach Tivoli an das Nadetzky-HauS. Auf der breiten Schloßterrasse, umgeben von hübschen Garten- und Park-Anlagen, prangt die vergoldete Statue Radetzky's auf weißem Marmorsockel mit der Inschrift: „Soldaten, der Kampf wird kurz sein — Nochmal folgt Euerm greisen Führer zum Sieg — Armeebefehl vom 12. März 1849." Seitwärts liegt recht hübsch die für großen Besuch berechnete Restauration „Schweizerhaus"; ein herrlicher Park führt zur Höhe, zum Rosenbichl, mit weiter Aussicht, dem Schloßberge gegenüber. Nur slovenische Laute umtönen das Ohr, mit denen sich unsere Zunge umsonst abquält, wie: lekriria, — Apotheke, vrtuarija — Gärtnerei, tr§ kriseovinski — deutscher Platz, ^xäokovatslja. — BcfcncrZeuger, — N-chtraucherconpv rc. rc. Man konnte sich nur an gebildete Leute wenden, von denen man sicher war, deutsch verstanden zu werden, wenn man eine Auskunft wollte. Sehr liebenswürdige und zuvorkommende Winke ertheilte uns der Vorstand des dortigen Alpenvereines, Herr Or. Bock, besonders was die Besichtigung der Grottenwelt des Küstenlandes betrifft. Durch seinen eindringenden Rath aufgemuntert, versäumten wir nicht, die neu erschlossene Grotte von Otok, sowie die St. Kanzians-Höhlen bei Divaoa, trotz alles Schauerlichen, das uns von letzteren bekannt war, dem Besuche der Märchenwelt von Adelsberg hinzuzufügen. Noch am selben Nachmittage entführte uns die Bahn über die mächtigen Viaducte in doppelter Bogenstellung, die bei Franzdorf das Laibacher Moor überbrücken — 25 Bogen, 38 in hoch und 569 m lang — nach der Höhe des Gebirges; in großen Windungen mit schönen Rückblicken auf die Laibacher Gegend bis zum Grindouz, erreicht sie bei Planina-Nakek den Scheitel der Berge; hohe Fichtenbestände, mit breiten aus der Erde wachsenden Felsstücken vielfach durchsetzt, umsäumen die Bahnstraße; üppige Waldvegetation, von graublühcn- der, wilderClcmatis und andern Schlinggewächsen durch- wuchcrt, sichert dem Auge einen wohlthuenden Nuhepunkt. Wir sind in Adelsberg, unserm heutigen Reiseziel. (Fortsetzung folgt.) -—8-WWS-"-- Schachaufgabe. Schwarz. 4 L e o L d' (- L LL- M Weiß. Weiß zieht an und setzt in 3 Zügen matt. --EZS-- UnttxMmigsßiütt „Augsburger Postzeitung". 9V. Dinstag, den 6. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). Bernward von Mdesherrrr. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Willegis hielt dem Erwählten das offene Evangelienbuch vor. Dieser legte seine Hände auf den Text und sprach: „So wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien Gottes I" Willegis sagte alsdann mit verständlicher Stimme: „Eine alte Satzung der heiligen Väter lehrt und befiehlt, daß derjenige, welcher zum bischöflichen Amt erwählt ist, zuvor auf das Gewissenhafteste, aber mit aller Liebe geprüft werde nach dem Ausspruche des Apostels: „Lege Niemand zu voreilig die Hände aufl" Mit diesen Worten leitete er die vorgeschriebenen neun Fragen über des Erkorenen Lebenswandel und die weiteren neun Fragen über dessen Glaubensbekenntniß ein. Nach bestandener Prüfung geleiteten die Bischöfe von Trier und Worms den Erwählten zu dem Con- secrator. Bernward beugte das Knie und küßte in Ehrfurcht des Erzbischofs Hand. Der legte hierauf die Jnful ab und begann das Staffelgebet. Der Erwählte wurde von den assistirenden Bischöfen nach dem Nebenaltare geführt, allwo er den Chormantel ablegte und wo ihm die bischöflichen Schuhe, die Sandalen, angezogen wurden mit den Worten des Propheten Jsaias: „Wie schön sind die Füße dessen, welcher den Frieden verkündet, vom Heile predigt und zu Sion sagt: Dein Gott wird herrschen." Hierauf empfing Bernward das Brustkreuz, wobei er selber die Worte des Apostels sprach: „Es sei ferne von mir, daß ich mich in etwas anderem rühme, als in dem Kreuze unseres Herrn Jesu Christi." Es wurden dem zu Weihenden dann die Tunika, die Dalmatika, das Meßgewand und der Manipel angethan. So geschmückt trat er in der Mitte der assistirenden Bischöfe zu seinem Altare, wo er die heilige Messe las bis zu der Sequenz, worauf er wieder zu dem auf dem Throne vor dem Hochaltar sitzenden Erzbischof geleitet wurde. Der sprach ein Segensgebet über ihn. Danach legte Bernward sich in Demuth zur Erde nieder, während Alle sich auf die Knie warfen und in heißem Flehen die Litanei von allen Heiligen anstimmten, auf daß den heiligen Aposteln ein würdiger Nachfolger gegeben werde. „Herr, wir bitten Dich, erhöre uns, segne, weihe, heilige Deinen Auserwählten I" Das war das Schlußwort, das einstimmige Herzensgebet, das innige Flehen, welches zum Himmel stieg. Nun erhoben sich Alle, und der Consecrator legte das Evangelienbuch offen auf Nacken und Schulter des vor ihm Knienden. Ein unbeschreiblich feierlicher und erhabener Augenblick war es, als in hoher, geheimnißvoller Bedeutung zu gleicher Zeit die drei Bischöfe mit beiden Händen das Haupt des zu Weihenden berührten und einstimmig sprachen: „Empfange den heiligen Geist l" Diese Händeauflegung sinnbildete den Schutz der allerheiligsten Dreifaltigkeit und vorzüglich die Gnaden- gaben des heiligen Geistes, so auf den Neugewählten in reichem Maße niederströmen sollten. Durch die Händeauflegung der Bischöfe wurde die heilige Weihe ertheilt. Nach vielen Gebeten und nach der allgemeinen feierlichen Anrufung des heiligen Geistes salbte der Erzbischof das Haupt und die Hände Bernwards mit heiligem Oele und Chrisma im Namen des dreicinigen Gottes, in Form eines Kreuzes. Dann überreichte er dem Knieenden den Hirtenstab und sagte: „Nimm hin den Stab des Hirtenamtes, damit Du bei Ahndungen der Fehler mit Liebe züchtigest, ohne Zürnen Urtheile fällst und durch Pflege der Tugenden die Gemüther der Zuhörer sänftigest und mit ruhigem Ernst Zucht und Strafe übest." Nach kurzem Gebet steckte er dem Geweihten den Bischofsring an den Finger mit den Worten: „Empfange den Ring, das Sinnbild der Treue, auf daß Du geschmückt mit dem unverfälschten Glauben die Braut Gottes, die heilige Kirche, unversehrt bewahrest." Nun erst nahm Willegis das Evangelienbuch von den Schultern Bernwards, überreichte es ihm geschlossen und sprach mit erhobener Stimme: „Nimm hin das Evangelium, ziehe aus und predige dem Dir anvertrauten Volke; denn Gott ist mächtig, daß Er in Dir Seine Gnade vermehre. Er, Der da lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit." Nachdem er das „Amen" gesprochen, umfing der Erzbischof den Neugeweihten zum heiligen FriedenSkuffe: „Der Friede sei mit Dir!" Bernward antwortete: „Und mit Deinem Geiste." Auch Egbert und Hildewald gaben ihm den Friedenskuß zur Versicherung wechselseitiger Liebe, Eintracht und Freundschaft, worin sie als Bischöfe der einen heiligen Kirche Gottes mit einander stehen und wirken wollten. Sodann feierte der ebengeweihte Bischof mit dem Erzbischof, der ihn geweiht, zusammen die heilige Messe. Ein rührendes Bild: Zwei Bischöfe an einem Altare, die wie zwei Bruder von einem Brode aßen, aus einem Kelche tranken! Nach vollbrachter Messe und nach feierlicher Segnung des Volkes nahm der Confecrator wieder seinen Thron ein. Der Neugeweihte kniete vcr ihm nieder, und Willegis setzte mit Beihilfe der assistirenden Bischöfe unter Segnungen, Gebeten und Gesängen die Mitra, „den Helm der Stärke und des Heils, den Kopfschmuck des Hohenpriesters", auf das Haupt des Knieenden. Mit gleicher Feierlichkeit wurden Bernward die bischöflichen Handschuhe angezogen, auf daß er seine geweihten Hände vor jeglicher Befleckung bewahre. Nachdem auch diese Ceremonie vollzogen war, erhob sich Willegis, faßte Bernward, den Bischof von Hildesheim, an seiner Rechten, Erzbischof Egbert nahm ihn an der Linken, so führten sie ihn auf den Bischofsthron, welchen der Con- secrator selber soeben verlassen hatte, ein Zeichen, daß er nun wirklich zum Oberhirten gesetzt sei und die oberste Leitung seiner Kirche anjetzo übernehme. — Willegis stimmte den Lobgesang an: „Dich Gott loben wir, Dich Herr bekennen wir!" Brausend fiel das Volk ein. Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Während des Tedeums wurde Reichskanzler. Bernward im ganzen hohenpriefter- lichenSchmuck mit Mitra und Stab von den assistirenden Bischöfen in Procession durch dieKirche geführt. Zum Schlüsse ertheilte er dem Volke den ersten feierlichen Segen als Bischof. Das war Bernwards Bischofsweihe. Das Ehrenmahl, welches der junge Kaiser seinem geliebten Lehrmeister prunkvoll und prächtig in der Königsburg hatte bereiten lassen, war für Otto selber kein Freudenmahl. Nur mit Mühe gelang es dem kaiserlichen Knaben, den Ausbruch seines Schmerzes zu bezwingen in Gegenwart der fremden Bischöfe, der Fürsten und des ganzen Hofstaats. Als er dann aber am Abende zum letzten Male mit dem väterlichen Freunde im trauten Gemach allein war, da brach Ottos gewaltsame Fassung zusammen, und seine Thränen flössen rückhaltlos. „Ohne Halt, ohne Stütze! Was beginne ich?" rief er verzweiflungsvoll. Auch Bernwards edles Antlitz wurde bleich. Er neigte sich in Liebe zu dem Knaben und flüsterte sanfte Bernhigungsworte, ja er legte seine Hände segnend auf das Haupt des Trauernden. „Mein Otto, Gott, der Allwissende, welcher mich von Dir trennt, daß ich meinem stammverwandten Volke ein treuer Hirt, ein Hoherpriester werde, läßt Dich nicht ohne Stütze. Hundertfachen Ersatz für meine schwache Kraft findest Du in dem frommen und weisen Prälaten Gerbert, dem gelehrten Leiter der Rheimser Domschule, so Du selber an Deine Seite gerufen hast. Gerbert, der ob seines Wissensschatzes von Abergläubischen sogar als Zauberer gepriesen wird, ist, das sage ich unbedenklich, der hervorragendste Geist unseres Jahrhunderts. Ihm schmiege Dich an, er wird Dich zum Guten lenken", also redete er auf Otto ein. Der feurige Knabe aber rief begeistert: „Als kostbares Vermächtniß nehme ich Gerbert zu meinem Lehrer an Eurer Stelle an. Der Prälat wird mir theuer sein, weil Ihr, mein Geliebter, ihn mir gleichsam als hohes Gut hinterlassen habt." „Mein Otto, ich werde immer an Dich denken, immer für Dich sorgen, immer zu Deinem Rath bereit sein, wenn Du es verlangst," erklärte Bernward innig. Der junge Kaiser aber warf sich in leidenschaftlichem Schmerz an des scheidenden Lehrers Brust: „Ja, Ihr sollt immer an mich denken, immer für mich beten, und damit Ihr das thut, so theile ich mit Euch — ja ich Selbstsüchtiger theile mit Euch das Beste, was ich habe." Der Kaiser löste eine an seiner Schnur getragene elfenbeinerne Kapsel von seinem Halse, öffnete dieselbe, und inmitten von Edelsteinen und köstlichen Perlen zeigte sich Bernwards Blicken ein schlichtes Kreuz. „Seht, das ist ein Stück vom wahren Kreuzesholze, daran unser Heiland sein Leben hingab. Meine Mutter Theophano brachte das Heiligthum von Palästina zu uns." Bernward sank auf die Knie und küßte in tiefster Ehrerbietung die Reliquie vom heiligen Kreuze. „0 orux uv6, sxes uniou! O, heiliges Kreuz, sei gegrüßt! Du meine Hoffnung, Du meine Stärke, Du meine Hilfe, sei gegrüßt! Mögest Du mir immer bleiben das Siegeszeichen wider den bösen Feind, die Quelle meines Trostes und meine Ruhe in Trübsalen! Ja, möge das heilige Kreuz mir sein der Stab meines Alters, die Zuflucht meines Lebens, die Waffe wider alle Feinde!" Mit rascher Hand trennte Otto einen Theil der heiligen Reliquie los, legte den Splitter auf eine goldene Schale und überreichte ihn dem Knieenden. Der rief feurig: „Mit solchem Gnadengeschenk willst Du mich, willst Du die Hildesheimer Kirche auszeichnen? O, habe tausendfachen Dank, mein Ottto! Nimm Dank auch im Namen meines Volkes! Ich werde dem kostbaren Schatz Allerseelen MsW MM W 700 mit allen Kräften meiner Kunst eine würdige Umhüllung schaffen." Otto sprach schwärmerisch: „Ich bin beglückt, wenn ich Euch eine Freude bereiten konnte. O, ich möchte die ganze Welt zu Euren Füßen legen!" Noch einmal zog der Bischof von Hildesheim den liebenswürdigen Knaben an sein Herz, noch einmal legte er ihm segnend die Hände auf, dann schied er. (Fortsetzung folgt.) -- Der Aöend-Segen. Eine Episode aus dem Leben des Bischofs f Pancratius von Dinkel. Pancratius, der Bischof, er hält nun lange Rast Im hohen Dom zu Augsburg als müder Gottesgast. Pancratius der Gute einst hielt er kurze Rast Auf einem Edelsitze als hochgeehrter Gast. Der Graf mit all' den Seinen im hohen Speisesaal Sie saßen mit dem Gaste lang nach dem Abendmahl. Da schlägt's vom nahen Thurme, die Gräfin winket sacht: „Nun ist es Zeit, ihr Kinder, sagt alle schön „Gut Nacht!"" In pünktlichem Gehorsam erheben sie sich leis Und nah'n die Hand zu küssen dem edlen Priestergreis. Nur eines steht noch zaudernd, das Jüngste, und es spricht« „Mama, den Abendsegen, den haben wir noch nicht." „Mein Kind, den Abendsegen vergaß ich heute fast, Den gibt uns heute allen gewiß der hohe Gast!?" Der Bischof nickt Gewährung, sie sinken auf das Knie, Und er erhebt die Rechte und segnet liebreich sie. Mit Dank sie sich erheben, das Jüngste aber spricht: „Das ist kein Abendsegen, so macht man ihn gar nicht." Verlegen steh'n die andern, der Bischof aber lacht: „So zeig' 'mal Deinem Bischof, wie man den Segen macht!" „Bring mir, Mama, ich bitte, geweihtes Wasser her!"' Die Gräfin thuet lächelnd nach kindlichem Begehr. Eintaucht die liebe Unschuld das Fingerlein ganz sacht, Worauf es dann dem Bischof drei Kreuzlein zögernd macht: „Im Namen Gott' des Vaters", so spricht es wohlbedacht, „Des Sohnes und des Geistes— so wird's bei uns gemacht!" Der Bischof spricht gerühret: „Herr, Gott, ich danke Dir Für diesen Abendsegen, er sei zum Zeichen mir. Für meinen Lebensabend sei er ein Zeichen hold; Hab' Dank, mein Kind, Dein Segen gilt mehr als schweres Gold!" Und steh, den Gott gesegnet durch eine Kindeshand, Gesegnet ist sein Name bis über'n Grabesrand. Pancratius, der Bischof, nun hält er lange Rast Im hohen Dom zu Augsburg als stiller Gottesgast. Doch sieht sein Auge nieder vom Himmel jede Nacht Und fragt Dich, Kind und Mutter: „Wie wird's bei Euch gemacht?!" Gerhauser M. -—1-^ -I—-- Goldkörner. Zwei Menschen, die einen Tag lang auf einander angewiesen sind, lernen sich besser kennen, als wenn sie sich Jahre lang in der Gesellschaft begegnen. Herbert. Wenn Jemand sich selbst tadelt, büte dich wobl ihm beizustimmen. Mann und Frau mögen sich zanken, sie ergreifen aber sofort Partei gegen Jeden, der sich hineinmischt. K. So hart ist kein Tyrann, Zu fordern von einem Mann, Was mancher aus freien Stücken Sich ladet auf seinen Rücken. I. Trojan. Den Esel kenn' ich an seinen Ohren, An seiner Zunge kenn' ich den Thoren. K. Man steht dem Alles nach, von dem man keine Besserung mehr erwartet. So macht es Gott auch oft mit dem Sünder — er sucht ihn nicht mehr heim. K. Das 150jahrige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Kegiments „König". Als im Jahre 1800 Bayern mit Frankreich sich verbunden hatte, war dem Regimente neuerdings Gelegenheit gegeben, diesmal im Kampfe gegen Oesterreich, seine Bravour zu beweisen. Von den besonders glänzenden Waffenthaten seien erwähnt: die Ueberrumpeluug der Stadt Jglau unter Major Graf Anton von Nechberg und Nothenlöwen, der Todesritt des Regiments am 25. Dez. 1805 gegen die österreichischen Ulanen bei Stecken, wobei Graf Nechberg mit Säbelwunden und Lanzenstichen bedeckt in die feindliche Gefangenschaft fiel, das Gefecht von Strehlen, 24. Dez. 1806 , in welchem Rittmeister v. Zandt die schwerbedrängte württembergische Reiterei herausriß. Ein keckes Bravourstück lieferte Rittmeister Kraus, indem er bei Kosel mit einem Häuflein von 60 Reitern ein Bataillon in der Stärke von 800 Mann überfiel, dasselbe zersprengte und ihm die beiden Kanonen abnahm. Leider fiel Hiebei der tapfere Oberlieutenant Wilhelm Freiherr v. Kleudgen. Gleiche Bravour zeigten unsere Chevaulegers in dem Treffen von Niederhandorf bei Glatz, wo sich Major v. Hertling den Max-Joseph- Orden erkämpfte. Im Feldzuge von 1809 war es dem Regimente leider nicht gegönnt, an den Ruhmestagen von Abens- berg, Eckmühl und Landshut theilzunehmen. Der Hauptmoment dieses Feldzuges gipfelte für das Regiment in dem Treffen von Staatz in Mähren am 9. Juli 1809, in welchem sein tapferer Oberst August v. Florett an der Spitze des Regiments den Heldentod starb. Er wurde von einem Pistolenschuß mitten in das Herz getroffen. Wohl war Friede zwischen Oesterreich, Frankreich und Bayern geschlossen, aber für das Heer gab es keine Ruhe; es galt, den grausamen Aufstand in Tirol niederzuwerfen, wobei das Regiment mit Auszeichnung bei Innsbruck und am Jselberge kämpfte. Erst am 15. Januar 1810 konnte es wieder in seine Friedensgarnison nach Augsburg zurückkehren. Am 17. März 1812 marschirte das Regiment unter dem Kommando des Grafen Seyssel d'Aix ab; der ruf- 701 fische Feldzug hatte begonnen. Der Marsch ging durch Sachsen und Schlesien nach Posen. Auf den litauischen Feldern hielt Napoleon I. Heerschau über seine bunten Völker. Unser Regiment, welches am 12. Juli in Wilna eingerückt war, sowie alle übrigen Abtheilungen der Division Preysing ernteten ob ihrer Strammheit und ihres trefflichen Aussehens hohes Lob von Napoleon. Diese Division, in Gemeinschaft mit der leichten Batterie Wied- mann, bildete laut der napoleonischen Schlachteintheilung viant und die Fourage mit Ausnahme des eisernen Bestandes zurücklassen und die Verpflegung direkt vom Hauptquartier stattfinden sollte. Alle Operationen der kaiserlichen Garde machte im Verlaufe des Feldzuges die Division Preysing mit, und erst in den Ausgangsstadien der Campagne wurden unsere Grünröcke mit dem Kavalleriecorps Montbrunns und dann späterhin mit dem Corps des Vicekönigs von Italien derart verschmolzen, daß es schwer hielt, die einzelnen Bewegungen dieser Elitetruppe gehörig MMMZ M«» SMM MWM M» GWN !lMW Die Uniformen des kgl. kaycr. 4. Thevaulegers-Uegimenls. (Aurfürst-Chevaulegers 1799.) den Flügel der kaiserlichen Garde. Graf Preysing hatte die Verständigung erhalten, daß seine Division und folglich auch unser Regiment von dem übrigen bayerischen Corps abgetrennt werden und nur einzig und allein von der kaiserlichen Garde abhängig sein solle. Diese Norm sollte für die Dauer des ganzen Feldzuges gelten. Man verlangte von diesem Corps, gleich den anderen Truppen, das Maximum leichter Beweglichkeit, und deßhalb war im Einverständnisse mit dem Generalstabschef Berthier die Verfügung getroffen worden, daß die Bayern ihren Pro- zu verfolgen. Jedenfalls haben sich die Königs-Chevau- legers wacker gehalten, selbst in den ungünstigsten Verhältnissen, und es waren nur wenige Offiziere, die sich nicht vor dem Feinde einige bayerische und französische Ehrenzeichen mit dem blanken Pallasch erkämpft haben. In der That hatten bei dem Einmarsch in Rußland, in steter Fühlung mit einem immer unfaßbaren, jeden Zusammenstoß meidenden Gegner, unsere Chevaulegers das denkbar Möglichste geleistet, und der ritterliche Vicekönig, Prinz Eugen, der Stiefsohn Napoleons, hatte dem Obersten Graf von Seyssel d'Aix sein Lob über unser Regiment in den ehrenden Satz zusammengefaßt: „Die Chevaulegers des Königs von Bayern kennen nichts, was für sie unmöglich wäre, es gibt keinen Lobspruch, den ick ihnen nicht zutheilen dürfte." Insbesondere waren es die Offiziere ten, wacker die erzürnten Wogen theilten und, obwohl abwärts getrieben, sich dennoch rasch jenseits des Ufers wieder sammelten, aufsaßen, die Säbel zogen und die verblüfften Russen in die tiefe Nacht ihrer Wälder jagten. Es hieße den Rahmen dieser Schilderung um ein Be- MB Es- LhlH.: unseres Regimentes, Westcrnach, Zandt, Besserer und Hertling, welche, ihrem edlen Obersten nacheifernd, gar manche wackere Neiterthat vollbrachten und selbst den Graubärten der alten Garde, den „6lroZnon8", die höchste Bewunderung abrangen, als sie sich in die Fluthen der in ihrem Felsenbette rasch dahinrauschenden Düna stürz- deutendes überschreiten, wollten wir all' der Reiterstückchen gedenken, die theils von unserem ganzen Regimente, theils von einzelnen Abtheilungen dieser Heldenschaar vollbracht wurden. (Fortsetzung solgt.) -S-8Ü8-4«- Clieuc» uleserrs Hier»i»irr»» 1» <1792—1799). 703 — 703 Durch Kabinetkordre. Von Adolph Müller. - (Nachdruck verboten.? Gerade vor 100 Jahren, am Morgen des 4. Nov. 1794, waren dw Bänke der akademischen Kirche in Dillingen ganz voll von Studenten und Hörern an der Universität. Das neue Schuljahr wurde durch einen feierlichen Anfangsgottesdienst eingeleitet. Aus allen Theilen des deutschen Vaterlandes waren die Jünglinge wieder herbeigeeilt, um für Wissenschaft und Tugend sich begeistern zu lassen. Nahe dem Hochaltare konnte man die bischöflichen und päpstlichen Alumnen bemerken im schwarzen Talare und mit weitfaltigem, von den Schultern herabhängendem Mantel. Im Schiffe der Kirche hatten sich die Studenten und Hörer versammelt, welche in der Stadt wohnten; darunter viele Söhne aus bekannten, hochadeligen Häusern. Vorne aber waren mehrere roth behangene Bänke noch leer; hier hatten der Rektor und die Professoren der Universität ihre Plätze. In früheren Zeiten sah die Universität selten so viele Studierende um ihre Katheder. Seit dem Jahre 1784 aber war deren Zahl mit jedem neuen Schulbeginns gewachsen, und namentlich der Zuzug von auswärts wurde immer größer. Im genannten Jahre berief der Churfürst von Trier und Bischof von Augsburg, Clemens Wen- zeslaus, den schon aus mehreren Schriften bekannten Professor Johann Michael Sailer nach Dillingen, und zwar (wie es im Anstellungsdecret hieß) als Lehrer der Pastoral- und Volks-Theologie und Ethik. Zugleich mußte er für alle Akademiker Religionsvorlesungen halten. Dieser nun wurde bald der Magnet, welcher die Studierenden aus Nah und Ferne anzog. SeineLehrmethode war eine neue und ungewohnte. Er trug in deutscher, gut gewählter Sprache seinen Gegenstand vor und verstand es, selbst voll innerer Wärme, auch die Herzen seiner Schiller zu begeistern. Gerne verweilte er auch außerhalb seines Hör- saalcs im Kreise derselben. Während sich aber Viele des Mannes freuten und seine Schriften mit Eifer lasen, sahen Manche, besonders die Lehrer bei St. Salvator in Augsburg, mit scheelen Augen nach Dillingen. Allerlei Verdächtigungen wurden laut, als wäre Sailer nicht mehr zu trauen. Sein Einfluß auf die Jugend, hieß es, könne die verderblichsten Folgen haben. Einige hielten ihn für einen verkappten Freimaurer oder, wie es damals hieß, Jlluminaten, andern kam dessen reger Verkehr mit seinen Schülern in der Schweiz, deren viele dort Pfarrer waren, höchst bedenklich vor. Die Schweiz galt damals als einSam- melort der französischen Republikaner. Sailer hörte zwar von den verschiedenen Ausstreuungen gegen ihn, aber er that ruhig seine Pflicht und begnügte sich mit dem Vertrauen, das Clemens Wenzeslaus, der Augsburger Bischof, in ihn setzte. Endlich aber war es seinen Gegnern und Feinden doch gelungen, dieses zu erschüttern. Ein Gewitter zog sich über Sailer zusammen, ehe er es ahnte. DaS erste Wetterleuchten zeigte sich schon im Jahre 1793. Es erschien plötzlich eine Commission in Dillingen, um gegen Sailer und seine Kollegen und Freunde Zimmer und Weber eine Untersuchung einzuleiten und nach „den hier herrschenden verderblichen Principien und Plänen, nach den f Verbindungen und Zusammenkünften der Professoren, nach i den schädlichen Maximen mit einigen Jlluminaten* zu > fragen. Noch einmal ging die Gefahr der Entlassung I Sailers glücklich vorüber. Aber im Jahre darauf traf ihn doch der Blitz aus der Wolke, die längst über seinem Haupte hing. Am 4. November 1794 begab sich Sailer, mit demDoc- tor-Ornat bekleidet, in das feierliche Hochamt zur Eröffnung des Schuljahres. Er stand noch auf der Stiege, welche von seiner Wohnung zur akademischen Kirche führte, da überreichte ihm der Professor der Logik, Joseph Wanner, sein Ent- laffungsdecret. Bedrängt vom Bankhause Obwexer in Augsburg, welches dem Churfürsten von Trier sonst keine Darlehen mehr zu geben erklärte, hatte dieser das Schreiben unterzeichnet. Das Wort „Entlassung' war darin vermieden. „Unter Vorbehalt der Allerhöchsten Gnade,* hieß es, „wird Professor Sailer seines Amtes enthoben, weil der akademische Fonds für so viele Professoren nicht mehr zureicht." Es läßt sich errathen, was hinter dem Bankhause gegen Sailer für Umtriebe spielten. * Sailer war erstaunt noch auf der Stiege stehen geblieben, da schmetterten aus der nahen Kirche die Trompeten, wirbelten die Pauken. Die Professoren der Universität haben die Kirche betreten und das Hochamt beginnt. Der entlassene Professor aber schrieb selbigen Tages noch in sein Tagebuch an sich selbst die schönen Worte: Ruhe sanfter noch im Vorsichimutterschoße *) Eingewiegt vom scharfen Neidgeblök, Blühe schöner noch, wie Gottes schönste Rose, Scharf bewacht vom spitzen Dorngeheck, Wurzle tiefer noch, wie in dem Sturmgedränge Sich die Ceder gräbt auf Libanon, Schwing' dich höher noch, aus heißer Leiden Menge Schwang sich Jesus auf zum höchsten Thron. F ^ 4 Hans Sachs. *) d. i. im Schoße der hl. Vorsehung. 704 In Dillingen verweilte Sailer nicht mehr länger. Ohne jegliche Exiftenzmittcl — als Dillinger Professor erhielt Sailer keine Pension — stand er znm zweiten Male in seinem Leben auf der Landstraße. Am Morgen des 6. November treffen wir ihn bei seinem bewährten Freunde, dem Hofprediger Winkelhofer in München. Als Sailer an dessen Thürschwelle erschien, fragte ihn Winkelhofer: „Was thust Du da?" — „Sie haben mich entlassen," antwortet Sailer. — „Nun, so komm'I" ruft jetzt der Freund, „und ruhe aus in meinen Armen. Meine Stube, mein Tisch, mein Bett, meine Habe, mein Herz, alles das Meine ist Dein." Sailer hat uns dieses Zwiegespräch selbst erzählt, und in überquellendem Gefühle setzte er hinzu: „Mensch, wer Du immer bist, thue recht und fürchte nichts, thue recht und hoffe auf den Herrn. Wenn es an einem Orte zwei Hände gibt, die Dir wehe thun, so bereitet Dir Dein Gott an einem andern hundert Hände, die Dir wohl thun, und diese hundert Hände alle in einem Freunde." Weil Sailer auch in München von einer ihm einmal aufsässigen Partei verfolgt und verdächtigt wurde, so mußte er diese Stadt bald verlassen. Dem Münchener päpstlichen Nuntius Zoglio ward er genannt „als ein zu Dillingen im Verdachte des Jlluminatismus Entlassener". Auch verbot man ihm, in den Kirchen Münchens zu predigen, und der Stantskanzler v. Härtling erklärte zuletzt: „Seine churfürstliche Durchlaucht wünschen, daß er München und ganz Bayern verlasse." Sailer ging. In dem ungefähr 7 Stunden von München entfernten Ebersberg kannte er den Pfleger Beck, einen ihm sehr gewogenen Beamten. Der nahm ihn auf und beherbergte den Edlen 5 Jahre. Die ländliche Stille und der Verkehr mit einfachen, redlichen und guten Menschen thaten ihm wohl, und die schmerzlichsten Wunden sind dort vernarbt. Der Churfürst Clemens Wenzeslaus hat später seine Kabinetsordre selbst bereut. Als er bei einem Pfarrer im Allgäu einmal einige Werke Sailer's bemerkte, sprach er mit gerührtem Herzen: „Diesem Manne ist groß Unrecht geschehen." — Der entlassene Professor wurde später einer der berühmtesten Lehrer an der Universität Landshut und ist im Jahre 1832 als Bischof von Regensburg gestorben. Zu unseren Bildern Fürst v. Hohenlohe, der neue Reichskanzler. Fürst Chlodwig Cail Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Prinz von Rattbor und Korvey, ist geboren am 31. März 1819 als Sohn des Fürsten Fran, Joseph und der Fürstin Konstanze, gebornen Prinzessin zu Hohenlohe-Langenburg. Er studirte in Göttingen, Heidelberg und Bonn die Rechte, trat 1842 als Auskulwtor in Ehrenbreitstein in den preußischen Staatsdienst, wurde dann Referendar in Potsdnn und über- nahm 1815 die Verwaltung der Standesherrschaft Sänllings- fürst. 1846 trat er in die bayerische Kammer der Reichsräthe und machte sich durch seine freisinnige, demokratische Richtung bemerkbar. 1849 ging er als Reichsgesandter nach London. Im Jahre 1866 übernahm er von dem Frhrn. v. d. Pfordten die bayerische Ministerpräsidentschaft. Er ergänzte das bayerische Ministerium im liberalen Sinne durch Berufung der Herren von Hörmann und Gresser, und diesen Berufungen folgte alsbald ein „Revirement" etlicher RegierungsprLsidentenstellen in demselben Sinne. Die innere und äußere Politik des Ministeriums Hohenlohe entsprach weder den religiösen noch den politischen Gefühlen des bayerischen Volkes. Die Wahlen des Jahres 1869 gaben jdiesen Gefühlen Ausdruck, und zwar so kräftig, daß Fürst Hohenlohe sammt den Herren v. Hörmann und Gresser zurücktreten mußte. Es ist bekannt, daß sich das Mißtrauensvotum der ReichSrathSkammer auf das G esamm t- ministerium erstreckte und daß sich an der Votirung desselben die Prinzen des königlichen Hauses, der jetzige König und der nunmehrige Prinz-Regent an der Spitze, aussprachen. Im Jahre 1871 wurde Fürst Hohenlohe im Wablkreis Forchheim in den Reichstag gewählt, wo er sich der Reichspartei, auch Botschafterpartei, anschloß. Fürst Hohenlohe war es, welcher damals im Reichstag den Antrag auf Austreibung der Jesuiten stellte, nachdem der altkatbolische Konventikel im Münchener Glaspalast auf Antrag des Herrn Mickelis eine dahin lautende Resolution gefaßt hatte. Bei der nächsten Wabl ließen die Forllheinnr den Fürsten fallen, Fürst Bismarck aber berief ihn in den Reichsdienst, in welchem er als Botschafter in PariS und seit 1885 als Statthalter in Elsaß-Lothringen wirkte. Allerseelen. Allerseelentag ist — das Fest der Todten I Die Lieben, die dort unter den Hügeln ruhen rings um das Kircklein, ihnen gellen beute unsere Gebetei Ihnen gelten die Kränze, aus Herbstesblumen gewunden, die ihre Gräber schmücken sollen. In Festgewinden wird der Friedhof prangen, einem weiten Garten gleich! Jung und Alt ziehen zum Kurble n auf luftiger Höhe, um die Gaben der Liebe den theueren Dahingeschiedenen darzubringen. Auch Du, lieber Leser, wirst Dein Allerseelen feiern, wirst jener gedenken, die Dir im Leben einst so nahe gestanden! Und wenn Du am Grab stehst und Deine Gedanken und Deine Liebe hinabsteigen zu jenen, die der Hügel deckt — denkst Du nicht: Hier kannst Du auch bald schlummern? Hans Kochs, dessen 400jäbriges Jubiläum am 5. November l. I. begangen wird, (der hervorragendste und fruchtbarste weltliche deutsche Dichter des 16. Jahrhunderts), ist 1494 am genannten Tage zu Nürnberg als Sohn eines Schneiders Jörg Sachs geboren. Er besuchte eine der Lateinschulen seiner Vaterstadt. Im Frühjahr 1509 trat er als Lehrling bei einem Schuhmacher ein, begab sich nach Vollendung seiner Lehrz-it auf eine fünfjährige Wanderschaft. die ihn über Regensburg. Passau, Wels nach Innsbruck führte. Bereits als Lehi ling in Nürnberg hatte sich Hans Sachs der Meisterstngerkunst gewidmet; er betrüb dieselbe auf seiner weiteren Wanderschaft mit Eifer, dichtete 1513 sein erstes „Bar" und fuhr ebensowohl fort, sich in den künstlichen Strophen und Tönen des Meistergesanges zu üben, wie vermuthlich schon zu dieser Zeit in freieren, volksthümlicheren Formen zu dichten. 1516 war er wieder nach Nürnberg zurückgekehrt. Im folgenden Jahre wurde er Meister seiner Zunft und verheiratete sich sodann. Neben den Eindrücken, die ihm die Wanderjahre und das reiche Leben Nürnbergs boten, wirkte auch eine ausgebreitete Lektüre auf seine Phantasie und seinen Gestaltungstrieb. Die bl. Schrift, theologische Traktate, die römischen und griechischen Schriftsteller usw. wurden gelesen und benutzt. 1560 starb seine Frau. Bereits nach anderthalb Jahren schloß der greise, aber noch rüstige Sachs eine zweite Ehe. Ueber die Zahl seiner dichterischen Schöpfungen führte Sachs ein eigenes Register. 1567 zählte er 4275 Meisterschulgedichte, 1700Erzählungen. Schwänkerc. und 208 dramatische Dichtungen. Hans Sachs starb am 19. Januar 1576. Innerhalb seiner Welt hat er Unübertreffliches geschaffen. Sind seine poetischen Erzählungen und Schwanke auf epischem, seine Fastnachtsspiele auf dramatischem Felde die Krone seiner Schövfunaen, so darf, was er im didaktischen Ge- dicht und im ernsten Drama geleistet hat, keineswegs gering angeschlagen werden. Naive Frische, Treuherzigkeit, lebendige Beweglichkeit und witzige Schalkhaftigkeit sprechen aus allen seinen Werken; viele seiner Schwanke und poetischen Erzählungen wirken nach 300 Jahren noch mit unverminderter Frische. Aei den Gräbern. Wohl gibt's ohn' bange Klagen Kein Herz und keinen Ort; Doch ach, wie „Grab" und „Sterben" So traurig klingt kein Wort. Allein es klingt auch keines So hell wie „Auferstehen", So schön wie „Ewiges Leben", So süß wie „Wiedersehen". RoUsr. --EZS-- ZL9L. Areitag, den 9. November Für die Redaction verantwortlich: Philipp Flick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). DermvrrrÄ rwrr ZiLdesheim. Erzählung aus dein zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) IX. Der Einzug in Hildesheim. Von allen Wegen müudci's Wie Büchlein in den Strom, Ihm das Gefolge schwellend. Und feierlich leuchtend blicket der HimmclSdom. Ew.ilie NingScis. Ein Gesalbter des Herrn, ein Gerüsteter zur geistlichen Wehr, so zog Bernward im Geleite gar mancher Getreuen seinem Stifte Hildesheim zu. Ein Theil der Hildesheimer Gesandtschaft, fürnchm- lich der Dccan Thangmar und der Graf Altman von Olesburg, war vorausgeeilt, sobald VernwardS Annahme des Bischofsstabes und des Kaisers Einwilligung erfolgt waren. Die Herren konnten die Zeit kaum abwarten, ehe sie dem Hildesheimer Stifte die frohe Botschaft überbrachten, und im ganzen Lande rüsteten sie darvb freudig zur Feier des Einzuges. Es war an einem sonnig klaren Wiutertage, als Bernward mit seiner stattlichen Gefolgschaft gen Gan- dersheim kam, so an der Grenze seines Sprengels lag. Welch ein Leben herrschte in dem sonst so stillen Grenzorte! Allhier holte Graf Altman von Olesburg mit dem ganzen Hildesheim'schen Adel den Bischof ein. Das wogte heran in allen Farben. Vorauf flatterte roth und gelb das Hildesheimer Banner mit dem Stists- wappen und dem Vischosshut darüber, gar stattlich zu schauen. Ueber das Glockengeläute der Klosterkirche hinweg klang lauter noch der festliche Schall von Trompeten und Pauken und das helle Jubclrufen der Menge. Alsbald hatten die adeligen Herren den Bischof wie mit einem Kranze umritten, und Graf Altman von Olesburg entbot herzensfreudig dem geweihten Sohne des Landes den ersten WMommengruß auf der Heimaiherde im Namen des Stiftes Hildesheim. Als nach der frohen Begrüßung sich der Festzng mit dem Bischof an der Spitze in Bewegung setzte, zeigte sich den Ankommenden ein gar freundliches Bild. Die Nonnen des Klosters Gandersheim mit ihren Zöglingen hatten sich vor dem Portale aufgestellt und winkten mit Schleiern und Tüchlein dem Oberhirten entgegen. „Inst dasselbe Bild, wie wir da vor fünfzehn Jahren erschauten, als wir unsern Herrn Othwin begleiteten", sprach Altman und fügte hinzu: „Die dazumal so stattliche Herrin Gerberga liegt heut siech in ihrem Lehnstuhl, und die Kaiserstochtcr Sophia, so die Stelle der verehrungswürdigsten Mntter vertritt, ist auf Reisen, um Verwaltungs-Angelcgenheiten des Klosters zu regeln." Bernward beschattete das Auge mit der Hand und spähte hinüber. „Da gewahre ich aber inmitten der Klosterfrauen eine hohe Gestalt, welche den Krummstab trägt; der Schleier verhüllt ihr Angesicht. Wer ist diese?" Altman's Stimme bebte in freudiger Bewegung, als er zur Antwort gab: „Deine fromme, edle Schwester Judith, die erlauchte Aebtissin von Ningelheim, ist auf den Ruf der Schwestern hierher geeilt, um an der Spitze des Konventes Dich, den Oberhirten, zu begrüßen. Dort erblickest Du auch Dein in Gandersheim zur lieblichen Jungfrau erblühtes Schwesterlein Thietburg. Die wonnesame Maid wird die Huldigung im Namen der Zöglinge Dir darbringen." Graf Tammo aber, der gleich hinter dem Bischöfe ritt, hob ein freudiges Rufen an: „Da ist ja auch weine liebe Hausfrau Hildeswitha! Ja wirklich, das ist die Holde! Und das sind meine beiden Kinderlein! O, die Lieben alle konnten nicht warten, sie mußten Dir hierher entgegeneilen." Das wurde ein freudiges, ein weihevolles Grüßen hinüber und herüber. Mit tiefer Bewegung, mit innig empfundenem Glück nahm der Bischof die vielen Liebcsbcweise entgegen. Ja, er konnte nicht umhin, der dringenden Einladung Judiths Folge zu leisten und im Kloster eine kurze Rast zu halten, auf das; auch Frau Gerberga den Segen des Oberhirten empfange. Seit Thangmars Freudcnkuude herrschte Heller Jubel und frohe Schaffenslust in der Bisthumshanplstadt Hildesheim. Alle wetteiferten, Bernward von Sommer- schenburg, dem Sohne des Landes, dem erwählten Bischöfe, einen würdigen Einzug zu bereiten. Auf allen Wegen strömten die Völker des Sprengels in dichten Schaaren nach der Hauptstadt, um den Bischof zu sehen, zu empfangen. — 706 '' Als vom Moritzberge herab der Ruf ertönte: „Er naht!" und als dann die Glocken deS Domes mit vollem feierlichem Geläute kündeten: „Er kommt im Namen des Herrn!" da schaute der Thnrmwüchter auf ein mächtiges Volksgetümmcl hinab, da erblickte er flatternde Wimpel, buntfarbige Teppiche, duftiges Tannengrün allenthalben, wie bei dem Einzüge eines Königs. Hil- desia hatte ein prangendes Festgewand angelegt. Bei dem Geläute der Glocken verließ der stattliche Zug der Domherren im priesterlichen Ornate unter Vor- tragung des Kreuzes das Münster. Sie führten die harrenden Gläubigen in Procession dem Bischöfe entgegen. Am Eingänge der Stadt erhob sich ein aus Tannen- bäumen errichteter, mit grünen Tannengewinden und mit farbigen Wimpeln geschmückter Triumphbogen. Hier erwartete der Domdccan Thangmar, umringt von der Geistlichkeit und einem Theil der Bürgerschaft, die herannahenden Oberhirtcn. Thangmar, der Vorsteher der Domschule, der ur- kräftige Sachse, hatte das Wort in seiner Gewalt, doch bet der großen überwältigenden Freude, seinen geliebten Schüler mit der Bischofswürde bekleidet in die Hauptstadt einziehen zu sehen, da stockte ihm die Nede vor Bewegung und Glück. Seine schöne, wohl ansgedachte Ansprache hatte er vergebens ersonnen. Er brachte nur wenige, feurig empfundene Herzensworte des Willkommens dem gottgesandten Oberhirten dar. Gerührt dankte der Oberhirte für den liebevollen Empfang und sprach, von Gottes Gnade gestärkt, wolle er mit Demuth und in Kraft seines Amtes walten und den Hirtenstab tragen und der treuen Anhänglichkeit Hildesheims würdig werden. Unter brausenden Jubelrufen des Volkes hielt der Bischof Bermvard seinen Einzug in die Stadt. Die Pfarrgcistlichkeit der Diöcese und die Domherren, alle im Festornate, schritten voraus. Der Bischof ritt auf schlohweißem Roß, und vier Grafen: Tammo von Som- merschenbnrg, Altmau von Olesburg, Lindolf von Gud- dingo und Jppo vom Harzgau, alle auf weißen Rossen, trugen den Baldachin über des Kirchenfesten Haupt. Die männlichen, edclgeformtcn Züge Bernwards waren starr vor innerer Ergriffenheit, sie hoben sich wie aus Marmor gemeißelt von dem reichen Bischofsgewande ab. An den Ansspruch des heiligen Angustinus dachte er: „Das Wort Bischof ist der Name einer Last, nicht einer Ehre." Er segnete die Schaaren, so entblößten Hauptes in ehrfurchtsvollem Schweigen vor ihm auf die Kniee sanken. Feierlich stille war es ringsumher. Man vernahm nur in der Ferne das volle Läuten der Kirchen- glocken. Die Adelsherren des Stiftes alle zu Pferde folgten dem Bischöfe; wahrlich ein erlesener Hofstaat! Und dahinter wogte ein weites, wachsendes Mcnschen- rueer. So nahm der Zug seinen Weg nach dem Mittelpunkte der Stadt, nach Sanct Mariens Dom. Auf dem Freihofe stiegen alle Berittenen vom Pferde. Die Domherren geleiteten ihren Bischof zum hohen Chöre. Vor dem Hochaltare wurde Bermvard das bischöfliche Festornat angelegt und die Jnful ihm auf'S Haupt gesetzt. Alsdann führte Thangmar, der Domdechant, mit seinen Assistenten den also würdig Geschmückten zu seinem vor den Stufen des Altars errichteten Bischofsthron. Thangmar überreichte ihm den Hirtenstab der Diöcese. Es traten nun alle anwesenden Priester je zwei und zwei hinzu; sie huldigten knieend dem nengewählten Oberhirten, sie küßten seinen Ring und erflehten seinen Segen. Nach diesem feierlich geschehenen Huldigungsacte kehrten sie mit dem Hochgefeierten zum Altare Zurück. Eiuem altehrwürdigen Brauche geniäß gab der Vorsteher des Domkapitels anjetzo dem neuen Bischöfe die iiipwanotlieoa, nruriana. „Unserer lieben Frauen Heilig- thum" in die Hände. Ein Wunder durch jenes Ncliquien- Eefäß hatte ja einst Ludwig den Frommen zur Erbauung des Mariendomcs und der Stadt Hildesheim veranlaßt. Bernward küßte das heilige Behältniß und hielt es vor sich, während die Gläubigen in mächtiger Begeisterung sangen: „Großer Gott, wir loben Dich!" Als das Tedeum verklungen war, sang ein Priesterchor die Antiphon: „Gestärkt werde Deine Hand und erhöht Deine Rechte. Gerechtigkeit und Gericht sei Deines Stuhles Schmuck und Rüstung! Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Gerste. Wie es war im Anfange, jetzt und in Ewigkeit, Amen." Thangmar aber sprach mit lauter Stimme: „Lasset uns beten! Gott, Du Hirt und Führer aller Gläubigen, sieh auf diesen Deinen Diener, den Du zum Vorsteher Deiner Kirche eingesetzt hast, gnädig herab; laß ihn seinen Untergebenen durch Lehre und Beispiel nützlich werden, damit er einstens mit der Hcerde, die Du ihm anvertraut hast, zum ewigen Leben eingehe, durch Christum unsern Herrn. Amen." Der Bischof trat mit der Jnful auf dem Haupte und dem Hirtenstab in der Hand vor die Mitte des Altars und wendete dann nach kurzem Gebet sich zu seinem Volke. Er schritt vor bis an die Stufen des Chors — eine ungemein majestätische, ehrfurchtgebietends Erscheinung. Es schien, als ob sein Angesicht leuchte, als ob sein ganzes Wesen hellen Schein ausstrahle. Mit klarer, voller Stimme hub er also an: „Ehrwürdige Brüder, Volk Gottes, mein Volk! Der Friede sei mit Euch! Im Namen des Herrn, der mich gesendet hat, rufe ich Euch zu: l?ax voloisannr! Der wahre, innere, ächte Seelensriede, den die Welt nicht geben kann, den allein Christus der Herr uns erworben und verliehen hat, der sei mit Euch! Im Namen Jesu, so seine von ihm gegründete Kirche als makellose Braut dem Felsenmanne Petrus angetraut hat, stehe ich in Eurer Mitte. Ich kam zu Euch, die Ihr mich gerufen habt, im Bewußtsein meiner Schwäche, aber auch im Vertrauen auf den Herrn, dessen Werkzeug ich bin und dessen Lehre ich Euch verkünden werde. Euch, meinem Volke, gehöre ich an, von heute bis zn meinem Tode. Die Hildesheimer Diöcese wurde mir bei meiner Weihe als Braut verlobt. Ich nehme die Braut an, welche mir vertraut wurde. An sie bin ich gefesselt für immerdar, gekettet durch Bande, welche stärker sind, als jedes irdische Band, durch die Fesseln der Liebe Gottes. Das Heiligthnm, welches ein deutscher Kaiser, der fromme Ludwig, einst Eurem ersten Bischöfe Gunthar in die Hand gab, um es seiner uengegründeten Hildesheim'- schen Kirche zu schenken, dasselbe Heiligthnm überreichten heute mir, dem zwölften Nachfolger Gunthars auf dem Hildesheimer Bischofsstuhl, geweihte Priesterhände. Dasselbe Heiligthnm wurde mir anvertraut, welches dem 707 heiligen Bischof Altfried, welches meinen großen Vorgängern, die ich von Angesicht kannte, den erhabenen Herren Othwin, Osdag und Gerdag, bei ihrer Thronbesteigung in die Hand gegeben wurde. Ich trete das Erbe an und nehme den kostbaren Schatz meiner Braut in Obhut. Als Gegengabe bringe ich, zu Enerer hohen Freude sei es verkündet, eine werthvolle Reliquie, welche Kaiser Otto uns schenkte, ein Stück vom wahren Kreuzcsholz unseres Herrn Jesu Christi. Dieser Theil vom Kreuze soll uns allen eine stete Mahnung sein, daß der Heiland uns nur durch sein Leiden den Himmel vermittelt hat, und daß eS für uns keinen andern Weg zur Seligkeit giebt, als den Weg des Kreuzes. Möge jede Stunde der Trübsal uns den Ruf entlocken: 0 erux avs gpas unreal O Kreuz, unsere einzige Hoffnung, sei gegrüßt'. In aller Demuth und gestärkt durch die Hoffnung auf Euer Gebet beginne ich mein Amt. Mein Bestreben sei, diese mir angetraute Diöcese, meine Braut, rein und makellos vor Gottes Thron zu führen, damit sie dort glücklich sei in alle Ewigkeit. Amen!" „Amen!" klang es wieder aus Aller Munde, klang es wieder von den hohen Wänden. Dann gab Bischof Bernward seinem auf die Knie gesunkenen Volke den ersten feierlichen Segen, indem er dreimal über dasselbe das heilige Krcuzzeichen machte. So war Bernward seiner Diöcese, die ihn als den Würdigsten berufen, in aller Form vermählt, so hatte er von seinem Bischofsstuhl Besitz genommen. Nicht Thangmar allein, der ihm so nahe stand, auch die andern Priester und das ganze Volk, sie alle ahnten und fühlten, daß mit Bernwards Einzug die Morgenröthe einer neuen, einer großen Zeit für Stadt und Stift Hildcshcim angebrochen sei. Ende des ersten Theiles. * II. Theil. I. In der Kaiserpfalz zu Aachen. Da saß cr, als ob er tickte, Angethan im völl'gcn Schmuck; In der rechten Hand deö Kaisers Lag daS Evcmgclienbuch. Nückert. Man schrieb das Jahr Eintausend nach Christi, unseres Herrn, Geburt. Die Welt war aufgeregt. Voll banger Erwartung harrten die Völker des bevorstehenden Untergangs der Dinge. Die Weissagung der Apokalypse bezog die Menschheit auf das baldige Weitende: „Wann vollendet sein werden die tausend Jahre, wird der Satan gelöst werden aus seinem Kerker; und cr wird ausgehen und verführen die Völker an den vier Enden der Erde, den Gog und den Magog, und wird sie versammeln zum Gefecht, deren Zahl ist wie der Sand am Meere." Also lautete die Prophezeiung dcS hl. Johannes. Sie wurde nachdrücklicher gemacht durch ausfallende Zeichen am Himmel und auf der Erde. Ein großer Komet stieg am Himmel empor: auch geschah es- daß zu derselben Zeit ein furchtbares Erdbeben durch ganz Europa ging. Eine Sonnenfinsternis; schreckte die Seelen, ein Nordlicht zag herauf und machte die Nacht zürn Tage. Das hatte auf die erregten Gemüther schreckhaften Eindruck gemacht, hatte die Einbildungskraft der Völker krankhaft gesteigert. Da war Keiner, der dem Verlauf des Jahres Eintausend mit Gleichgiltigkeit entgegensah. Auf dem deutschen Kaiserthron saß ein schwärmerischer Jüngling von zwanzig Jahren, ein phantastischer Träumer, jedoch erfüllt von dem Bewußtsein der hohen Aufgabe, die ihm zu Theil geworden war. In Ottos III. für alles Ideale glühender Seele stritten stolze Wcltherrschlust und ascetische Weltenlsagung um die Oberhand. Mit fünfzehn Jahren schon hatte er sclbstständig die volle Negieruugsgewalt übernommen. In Nom hatte Papst Gregor V. am Himmelfahrtstage 996 dem sechzehnjährigen Otto die Kaiserkrone auf's Haupt gesetzt. Ein Wendenanfstand an den Ufern der Elbe rief den ganz von den Eindrücken der alten Cäsarcnstadt, von den Erinnerungen an die alte Nömerherrlichkeit erfüllten Kaiser nach seinem Deutschland zurück, um den Räubern eine Niederlage beizubringen. > Bald aber zog Otto von Neuem mit großer Hceres- macht nach der ewigen Noma, nach dem Mittelpunkte des kirchlichen Reiches und der abendländischen Cultur. Nichts Geringeres als die Wiederherstellung des antiken Kaisertums in einer neuen Weltmonarchir erstrebte er. So wollte er das deutsche Kaiserthum auf den Gipfel der Vollendung führen. Das war sein weltliches Ziel. Als nun sein tiefblickender Lehrer Gerbert, der vormalige Erzbischaf von Navenna, am zweiten April 999 als Papst Sylvester II. den Stuhl Petri bestieg, da wetteiferte der junge Kaiser mit dcm Papste in der Wiederbelebung des christlichen Sinnes und in der Sorge um die Kirche, in deren Blüthe er, wie die Besten dc Karolinger, das Gedeihen der christlichen Reiche sah. Ja, die engste, werktätigste Verbindung der geistlichen und weltlichen Macht erstrebte er, damit das Reich GotteS auf Erden begründet und die Wünsche Aller zu dem einen hohen Ziel gelenkt würden. So nahm er seinen Herrschersitz in der alten Kaiserstadt, die, glorreicher als je, Gebieterin der Welt werden sollte. Doch mitten in den größten Erfolgen, auf der Höhe des Ansehens war er von dem Gefühle der Nichtigkeit aller irdischen Macht vor Gott auf daS lebhafteste erfüllt. Zu Ende des Christmonats 999 entschloß Otto sich die Alpen zu übersteigen und eine Wallfahrt zu unternehmen, um Trost und Halt zu suchen am Grabe seines Freundes, des mit der Martyrerkrone geschmückten heiligen Ndalbert in Gnesen. Hier begründete er als dauerndes Denkmal seiner Anwesenheit das Erzbisthum für Polen. Dann zog cr nach seiner deutschen Heimath. In Magdeburg feuerte er Palmensonntag und in Quedlinburg das Osterfest. Darauf fuhr er mit großem Ehrengelcitc aus allen deutschen Gauen über Mainz und Köln nach Aachen, der zweiten Hauptstadt des Reiches. Aachen war ihm wegen der Erinnerung an Karl den Großen der liebste Aufenthalt. Dort in dcm Palaste, in den glänzenden Hallen Karls hielt er Hos; dort feierte er das liebliche Pfingstfesi. - Während der drei Wochen seines Aufenthaltes gewahrte man in dcm bunten, heitern Leben, welches sich in der fränkischen Kaiscrstadt entfaltete, nichts von der ! düstern Stimmung jener Zeit. Bunt war das bewegte — 708 Treiben auf den Gassen. Alle Sprachen schwirrten durcheinander; denn aus aller Herren Ländern waren Völker hier zusammengekommen. Lustig und lebhaft ging es allerorten zu, und nicht am wenigsten laut war es am Abende des Pfingstsonntags, am neunzehnten des Wonnemonats, in der großen Säulenhalle der Kaiserpfalz, allwo Höflinge, Kämmerer, Domschüler, Pagen und KriegSleute am Bautet theilnehmen durften, während der Kaiser mit wenig Auserlesenen droben im hohen Saale beim Festmahle sah. Die fackclbelenchtete, säulendnrchtheilte Halle bot dem Auge ein buntphantastisches Bild dar. Verwandte Geister finden sich überall, das sah man an den lebhaft bewegten Gruppenbildungen. 11m das obere Ende einer langen Tafel schaarte sich eine Zahl von jungen Männern: langlockige Kunstjünger, blonde Sachscnsprossen, wie sie dem gelehrten, kunstsinnigen Bischof Bernward von Hildeshcim, so auf dringenden Wunsch des Kaisers mit hierher gekommen war, aus Wegen und Stegen zu folgen Pflegten, waffen- kundige Krieger aus allen Ländern, geschmeidige Höflinge italienischer Herkunft und fröhliche Rheinländer, die der Kunst hold waren. Sie alle lauschten aufmerksam dem begeisterten Vortrage eines schlanken Jünglings, dessen feingeschnittenes Antlitz von langen blonden Locken umrahmt war. Ein Aachener Patriciersohn, dessen gediegene Naths- herrnkette gar wunderlich zu seinem frischen jungen Gesichte stand, rief dem Redner halb bewundernd, halb eifersüchtig zu: „Wenn Ihr Hildcsheimer Herren nicht mit Worten prunkt und dem so ist, wie Ihr sagt, so wird die Kunstschule Eueres Bischofs an Ruf gar bald dem Eucrer berühmten Domschule gleichkommen und Euere Stadt die hervorragendste Kulturstätte Deutschlands werden." Ein Magdeburger Edclkuappe im Kriegskleide bestätigte eifrig: „Es wird so sein, wie Herr Heribert aus Hildcs- heim uns berichtet. Bischof Bernward leuchtet Allen voran durch Kenntnisse und Leistungen. Er ist selbst ausübender Künstler. Da ist fürwahr keine Kunst, so er nicht mit Geist und Geschick versucht. Bei meinem Aufenthalt in Hildeshcim sah ich ihn mit dem Schurzfell bekleidet, mit Hammer und Meißel in der Hand den Kunstjüngern Unterricht ertheilen. Ich sah ihn, wie er alle Werkstätten, die der Stcinmctze, der Bildhauer, der Erzgießer, der Goldschmiede durchwanderte, hier belehrte, dort Rath ertheilte, da ermnthigte und überall schöpferische Begeisterung weckte." Des blonden Heribert Augen leuchteten. Er sprach mit Bewegung: „Erkennet, Ihr Herren, daran, wie sehr unser bischöflicher Fürst für die Hebung seiner heimischen Kunstschule sorgt, daß er immer etwelche seiner Schüler mitnimmt auf Reisen an den Hof oder zu Reichstagen, auf daß Jedem in seinem Fache Gelegenheit werde zur möglichst vollkommenen Ausbildung. Dabei mahnet er immerdar, uns in allem zu üben, was in irgend einer Kunst als das Würdigste sich darbietet." „Mit Verlaub, Herr Heribert," also rief ein schwarzlockiger Mainzer, der im Neustem sich kaum von den dunkeläugigen gebrannten Römern unterschied, vorlaut dazwischen, „verrathet uns doch, welche dex ehrsamen Künste Ihr als Euer Fach anseht." ! Da schüttelte der ernste Sachse mit lustigem Lachen ! die blonden Mähnen zurück. „Darin geht's mir just, wie unserm gelehrten Meister. In rastlosem Eifer strebe ich nach der Kunst, edle Steine in Gold zu fassen, Metalle zu schmieden, Erz bildnerisch zu gießen. Ich möchte die Gesetze der Architektur gründlich kennen lernen, die Malerei mit Feinheit üben und mir die Bildhauerkunst zu eigen machen. Ja, in allem dem möchte ich es dem Meister nachthun; und das gelingt mir vielleicht später unter dem Einfluß seines herrlichen Geistes. In einem freilich wird Keiner ihn annähernd erreichen, in seiner tiefen Gelehrtheit und Bücherweisheit." Der Aachener Magistratsherr wiegte bedenklich den rothwangigen Kopf, er hatte ein Häkchen gefunden: „So wird Euer die Wissenschaften und Künste also pflegender und fördernder, ja sich ganz denen hingebender Landesherr nicht viel zum heute so nöthigen Schutze und zur Grenzvcrtheidignng seines Sprengels zu thun vermögen." „Oho, Herr Nathsherr, da habt Ihr gründlich fehlgeschossen!" rief in ehrlicher Entrüstung ein keck dreinschauender Kricgsmann mit spitz cmporgedrehtem Schnurr- bart. — „In mir seht Ihr Graf Bardo, der als Befehlshaber auf der Beste Mundburg in bischöflichen Diensten steht. Solche Beste hat der Gelehrte mit großem Geschick am Zusammenfluß der Ocker und der Aller erbaut und noch eine zweite, durch Gräben gesicherte, sehr feste Burg bei Wirinholt errichtet zum Schutz gegen die heidnischen Normannen und Slavcuvölker, so unsere Gauen verwüsteten. Auf die Kriegskunst versteht sich der Bischof so gut, wie auf die Bildnern und die Baukunst, und das Schwert weiß er ebenso geschickt zu führen, wie die Rohrfcder und den Malerpinsel. Den hättet Ihr sehen sollen, wie er an der Spitze seiner Mannen gegen die Feinde zog, selber befehligte und dabei drcinschlug, daß die Funken stoben. Nun haben wir Ruhe vor den nordischen Räubern." Der junge Mainzer Edclhcrr suchte au dem dunklen Flaum über seiner Lippe zu drehen und warf neckisch hin: „Bei so bcwandten weltmännischen Eigenschaften würde Euer hochgepricscner Kirchcnfürst auch lieber als Reichskanzler den Kaiser begleiten, als im Hildesheimer Lande Bischof sein." „Schweigt, Gelbschnabel! Ihr könnt's freilich nicht wissen, denn dazumal lagt Ihr noch fast in den Windeln. Als vor sieben Jahren die Hildesheimer Domgeistlichkeit und der Hildeshcimische Adel just nach Eurer Stadt kam, um dem hochverdienten Lehrmeister des Kaisers den Bischofsstuhl anzubieten, da hatte Herr Bernward schon dir Würde und das Amt eines Reichskanzlers inne. Der Kaiser versprach ihm weltliche Macht und Herrlichkeit ohne Maß und bat ihn unter Thränen, am Hofe zu bleiben. Der Priester aber verschmähte die weltlichen Ehren und folgte dem Rufe seines Volkes, worin er die Stimme Gottes erkannte." „Herr Graf, für einen Kriegsmann wißt Ihr erbaulich genug die Worte zu setzen," meinte her Aachener Nathsherr lächelnd, fügte aber ernst hinzu: „Wahrlich, es gelüstet mich nun, die nähere Bekanntschaft Eueres Bischofes zu machen. Er schaut just so erhaben und liebreich drein, wie der Apostel Johannes über dem Altare unserer Kirche." 709 Feurig rief Heribert: „Da sprecht Ihr wahr! Ein Jünger der Liede ist der Herrliche auch. Tag für Tag, sobald er Gott in Andachtscifer gedient hat, hört er die Klagen der Preßlüften und Bedrückten, schirmt er mit Klugheit und Nachdruck deren Rechte. Darauf sucht er die Hütten der Armen auf und giebt täglich über hundert Dürftigen Speise und Trank. Allen Unterthanen, so von Noth heimgesucht sind, verschafft er durch Geld und Unterstützungen Hilfe und Erleichterung. So versieht er in uneigennütziger Liebe das Hirtenamt seines Sprengels. Das hindert ihn nicht, als Fürst des Reiches eine Stütze des Kaisers und der deutschen Lande zu sein und besonders dem jungen Kaiser kraftvoll mit Rath und That zur Seite zu stehen." „Dem kaiserlichen Herrn thut guter Rath und Hilfe Noth", äußerte ein dunkellockiger Edelpage lombardischer Herkunft. „Herr Otto hat heute Großes im Sinn; denn angezogen vom Ueberirdischen, hat er, das weiß ich, drei Tage und drei Nächte lang gefastet und gewacht." Der Mainzer unterbrach ihn lachend: „Um heute nach der prachtvollen kirchlichen Feier auch weltlich mit um so größerem Prunk das Pfingstfest, die Herabkunft des heiligen Geistes zu feiern! Mir war ein Blick in den Fcstsaal vergönnt, da sah ich genug." Der lombardische Page ließ sich nicht beirren. „Mein kaiserlicher Herr hat sich durch dreitägiges Fasten zu Großem vorbereitet. Er hat, das weiß ich, Ernstwichtigcs vor." „Seht, seht," so raunte Heribert rasch dem Aachener Nathsherrn zu, der stattliche Ritter, welcher so selbstbewußt, mit edler Haltung die Halle durchschreitet, ist der kaiserliche Trnchfeß, Graf Tammo von Sommer- schenburg, der Bruder unseres Bischofs. Wen mag er hier unten suchen?" Des Kmistjüngers Frage wurde sogleich durch den Grafen selber beantwortet. „Lieber Heribert," also redete er den Jüngling an, „der Kaiser hat von Euerer Saugeskuust vernommen und will ein Lied von Such hören. Nehmt das Saiten- spiel und folget mir." Jung Heribert suchte schweigend seine Harfe und beeilte sich, der Weisung nachzukommen. (Fortsetzung folgt.) - -«—> - Bilder M!Z Stcr'ern-.ark, Körnten und dem KiisirnlMde Kram. Bon C. Mayer. (Fortsetzung.) V. Adclsbcrg und die Tropfstein-Höhlen. Adclsbcrg! ein Ruf, der viclrerhcißcnd unserm Ohr erklingt; eine neue Welt, mysteriös und märchenhaft, — die Resultate eines neuen Wissensgebietes — die Wunder des Erdiuncrn — die grotesken Höhlcn- bildungen des Karstes, — dies alles tritt mit diesem Rufe vor die Seele. Voll freudigen Ahnend ob eines noch nie gesehenen Naturschauspiels betreten wir den gcheimkiiß- reichen Boden; unsere Vorstellungen und Erwartungen sollten aber noch übertreffen werden. Die Adclsbcrger Tropfstein-Höhlen, schon im Mittelalter bekannt, sind zwar schon seit Anfang dieses Jahrhunderts, seit 1818, neu entdeckt und vielfach besucht und bewundert; die alpine Forschung indeß wendete sich seit noch kaum einem Jahrzehnt neuerdings diesen hochinteressanten Entdeckungsfahrten zu, brachte ihnen das regste Interesse mit Ueberwindung hoher Gefährlichkeit entgegen und lenkte die Aufmerksamkeit des touristischen Publikums, dem heute dieses Höhlengcöict durch ausgezeichnet sichere Weg-Aulagen zugänglich gemacht ist, auf diese einzig dastehende Eigenart des Karstgebirges hin. Adelsberg, so hochinteressant durch seine Grottenwelt, ist ein wohlgebauter, freundlicher Ort und fesselt durch seine landschaftlichen Reize; es verlohnt sich wohl, dort für ein paar Tage Absteigequartier zu nehmen. Im Gasthose „Zur ungarischen Krone" von Donat fanden wir aufmerksame, in jeder Hinsicht zufriedenstellende und cmpfchlenSwerthe Bedienung. Da fast jedes Jahr, wie jetzt schon seit Wochen, inanovrirende Truppen dort sind, fehlt cs dem Orte auch nicht an Lebhaftigkeit und Kurzweil mannigfacher Art. Ein Spaziergang auf den den Markt überragenden, 672 m hohen Schloßberg — Sovic — sollte mir den Blick über die Landschaft eröffnen. In steiler Seitengasse, zwischen ärmlichen Häusern, auf deren Thürpfosten blasse Kinder spielen, gelangt man zu einem schön angelegten, von Linden und Akazien beschatteten Promenade- weg, der bald einen prächtigen Ucbwblick gewährt. Ein üppig grünes Wicsengcsilde, von der Poik lieblich durchschlängelt, liegt ausgebreitet vor dem befriedigten Blick. An den dicht bewaldeten Bcrglegel schmiegt sich der freundliche Ort mit der doppelthürmigen Kirche und mehreren ansehnlichen Gebäuden; von ihm zieht die weiße Neichs- ftraße, von hohen Baumkronen umdunkelt, nach dem nahen Dorfe Otok, mit spitzem Kirchthnnne, freundlich an das unwirthliche Gestein des Karstes gebettet. Auf der Spitze des Soviü taucht altes Gemäuer aus hellen: Grün, die kleinen, aber malerischen Neste der einstigen festen Burg Adclsbcrg, die weite Gegend beherrschend und zu ungestört einsamer Rast ladend. In der Ferne haftet der Blick an den weichen Linien der Gebirgskette; im Süd- westen strahlt der NanoS, ein gewaltiger Bergrücken, im Sonnenschein. Der Weg wird zum schmalen Fußpfad; zwischen jungen Föhren- und Wachholdersträuchcrn leuchtet die glänzende Sonnendistcl im Verein mit einer dem Karste eigenen, hochgcstielten Distclart mit großen, intensiv blauen Sternen; Vogelbeeren glühen zwischen Hellem Birken- und Ataz-engnin; die Grille zirpt im hohen Grase, und dicht neben all dem falten Leben dieser üppigen Vegetation — die Ocde des Karstes, der dem von Laibach kommenden Reisenden hier zum ersten Male entgegentritt, — starr, umvirthbar, mit zahllosen unregelmäßig verstreuten Fclsblöckcu und Steinschliffcn zwischen dem grauen, kurzen Grasboden. Spicllcnte üben hier ihre Fcldruse und schmettern und trommeln lustig Signale inmitten der Skcinlrnmmcr; vom Wicsengrnnd herauf tönen Commandornse und Salvengcknattcr der Felddienstübungen. Trunken vom schönen Bilde in sommerabend- lichcr Stimmung kehrte ich von meinem Rnndgang zum Markte zurück. Der Grotten besuch ist vollkommen geregelt. Eine eigene Grottenverwaltnng ist in entgegenkommendster Weise bemüht, den Besuch der bcwnndcrnswcrthcn Tropsstcin- Höhlcn zn vermitteln. Täglich zu bestimmten Stunden, 710 meist nach Ankunft der Vormittagszüge, versammeln sich die Grottenbesucher auf dem geräumigen, kühl beschatteten Plateau über der Felshvhle, in welcher die Poik bei ihrem Eintritt in die Unterwelt verschwindet. Da wir mit dem Nachmiltagszuge von Laibach gekommen und noch gut an der Zeit waren, folgten wir dem vorerst eingeholten Rathe des Herrn Or. Bock, AlpeiivercinSvorstaudS der Scction Küstenland in Laibach, welchem wir dafür außerordentlich zu Dank verpflichtet sind, und besichtigten noch am selben Abend durch freundliche Vermittlung und in Gesellschaft des Grottenkassicrs Herrn Jnrza in AdelSb.rg die nahegelegene Otoker Grotte, den Besuch der größeren AdclSbergcr Höhlen auf nächsten Morgen »ersparend. Der angenehme, ungefähr ^ Stunden weite Gang zu diesen Höhlen, nächst dem Dorfe Großotok, ist wunderschön und interessant, dort, wo unter der erstarrten Natur eines felsübcrsäetcn Bergrückens die Thore zur Unterwelt sich öffnen. Eine Ahnung von dem Vorhandensein der OtoKr Grotte war in den Forschern durch den unterirdischen Laus der Poik in unzugängliche Abzweigungen des AdclSbergcr Höhlcngebictcs schon aufgedämmert; und groß war die Freude der ärmlichen Gemeinde von Großotok, als am 18. August 1889 der Eingang zu den auf ihrem Grunde liegenden Grotten vorn Tageslicht aus gesunden wurde. Ein Inwohner Großotoks, welcher aufmerksam das Terrain, hauptsächlich bei Ablauf von Regen- und Schncewasser, beobachtete, hatte den Eingang gesunden. Eingeweiht und eröffnet wurde dieser Grotten- complex am 12. März 1890, und es ist dieser strebsamen Gemeinde, die zur Erschließung der Grotten und Herstellung von angenehmen, sicheren Wegen rc. rc. ihre Opfer brachte, so recht von Herzen zu gönnen, daß durch vermehrten Frcmdcnbcsuch ihre Mittel zur Wciterforschung gehoben würden, was ja jedem einzelnen Besucher selbst zu Gute käme. Sie bieten ein entzückendes Cabinet von außerordentlichen Naturraritäkcn. Wunderbar schön in ihrer Jungfräulichkeit, zart, unangetastet, wie weißer Filigran erglänzend — genießt die Otoker Grotte den Vorzug der Reinheit und lir- sprünglichkeit dieser Natur-Erscheinungen. Welch eine Fülle von Pracht und Anmuth ist ausgegosscn in den herrlichen Gebilden vorn größtcnthcilS zartesten, durchsichtigsten Weiß bis in das tiefste Braun, vorn Blaßros» bis zur dunkeln Nostsarbe. Dome, labhrinlische Gänge, wundersam geformte Stalagmiten und Stalaktiten, durchsichtig sein wie Vorhänge. Draperien von dahinter gehaltener Fackel matt durchleuchte, reizend in ihrem vollständig iiitactcn Snnlcnbau — begeistern, bezairberri sie den ahnungslosen Beschauer. Wird einst, wie projectirt, der mitcrirdischc Zusammenhang zwischen der Adclsbcrgcr und Otolcr Grotte gefunden und hergestellt sein, so bin ich überzeugt, deß letztere, trotz der sie an imposanten Räumlichkeiten und Ausdehnung weit übertreffenden AdclSbwger Grotten, ein in Zartheit, Reinheit und Jungfräulichkeit prangendes Schmuck'ästlcin im ganzen Grottencomplexe bleiben wird. l?ro1ou8 angrriuous, Grottenolche heißen molch- artigc, blinde Thiere, dir sich in den dort befindlichen Wasserreservoirs hcrnmschlängclü. Merkwürdig, wie der Schöpfer solche ini Finstern der Erde entstehen und Nahrung finden läßt; sie sehen ganz weiß aus, bei Tageslicht durchsichtig rosa und sind in ihrer Gestaltung äußerst seltsam und interessant. Eine Stunde freudigen Bewnuderns war rasch entschwunden, und ungern trennten wir uns von dem krystallenen Märchentempcl. Es war inzwischen Nacht geworden; der Mond leuchtete feenhaft vorn dunkelblauen Firmament und erhellte die Spur für den vorsichtig tastenden Fuß. Aus den Zeltlagern längs des Poik- flusscs tönten die Gesänge der bivouakirenden Mannschaft. Eine gehobene Stimmung und freudiger Dank für unseren trefflichen Führer beseelte unsere Gespräche und begleitete uns zur nun nothwendigen Ruhe. Nach wohlgepflegter Rast begaben wir uns andern Morgens zur Besichtigung der Adelsbergcr Grotten. Eine Anzahl Personen, ich schätze 30—40, darunter viele Geistliche, vorn Laibachcr Katholikentag kommend, trafen sich auf dem eine gute Viertelstunde vom Markte entfernten Sammelplätze, 19 in über der Schlundhöhle des Poikflusscs. Alles harrt in fast ungeduldiger Aufregung der Eröffnung des eisernen Gitterportals, das den Eingang durch das gothische Naturfclsenthor abschließt; der herrliche Ausbau desselben, die geheimniß- volle Höhle, in die an der Thalsohle das dunkle Gewässer der Poik eindringt, reizt die Neugierde der Versammelten. Schon haben sich Händler ctablirt, die Photographien und Broschüren, glänzende Tropfsteine, zum Theil als Nadeln und Broschen gefaßt, jedoch ohne Aufdringlichkeit, feilbieten. Die Grottcnsührcr, die bereits durch die kleine eiserne Thüre nebenan eingetreten sind und die Vorbereitungen zur Erleuchtung der Grotten getroffen haben, fordern nun zum Eintritt auf. Nach kurzem Gang im erweiterten Höhlenranme befinden wir uns im großen Dom» 22m hoch und 48 m breit, einer weiten, hohen Halle. Elektrische Bogenlampen beleuchten mit magischem Effect die imposanten Wölbungen und zahlreichen Seitcngnllerien, ohne das Geheimniß der unzugänglichen Vertiefungen und Verzweigungen des hehren Raumes ganz zu lüften. Künstliche und Naturbrücken geleiten uns über den Höhlcnfluß, dessen dunkles Gewässer die zahlreichen Lampen widerspiegelt, die seinen Laus im unterirdischen Fclsenbctt erhellen, bis ewige Nacht in einem tunnekartigen Grottcngang ihn dem Blick entzieht. Wir steigen nun empor zur Kaiser Ferdinand- Grotte. Wie nuten eine Marmortafcl, so bezeichnet hier ein Monument den einstigen Kaiserbrsnch. Hier beginnt auch eine Nolleiscnbahn, die 1600 m in das Bcrgimrcre dringt und die wohlgcpslcgtcn Wege eine große Strecke begleitet. Bequemen oder nervösen Personen oder solchen, die schlecht zu Fuß sind, ist sie sehr zu empfehlen, während nur einigermaßen rüstige Fußgänger die Znrück- lcgung der Strecke aus den reinlichen, trockenen, wohl- gcsicherten Wegen vorziehen werden. Die Kaiser Ferdinand-Grotte, 13 m hoch und 148 m lang, besteht aus einer Reihe von Hallen. Hohe luftige Dome wechseln mit niederen Gangen, deren gothische Spitzbogcnwölbungcn durchaus mit formcnrcichen Stalaktiten decorirt sind. Eine Reihe absonderlicher und merkwürdiger Tropssteinbildnngcn sind mit Namen belegt, je nach Ähnlichkeiten in der Außenwelt, die sich dem Beschauer aufdrängen oder welche die Phantasie ausklügelt — wie das Grab, der kleine Calvaricnberg, die gothische Säule, der schiefe Thnrm von Pisa, die Mariensänle und ungezählte andere Gebilde. Die Herrlichkeit, die Mannigfaltigkeit, die Großartigkeit der Adelsbergcr Höhlcnränme und Trvpsstciiihänsungen, von den feinsten Bildungen bis zum massigen, hochaufstrcbendcn Snnlcnbau, zu schil- 711 dern und im Detail darzustellen, bedürfte es vieler Seiten. Jede auffallende Formation ist entsprechend beleuchtet, nnd wirken besonders solch feine Gebilde am schönsten, die durch eine dahinter angebrachte Lampe durchleuchtet sind und die zartesten Gewebe imitiren. Berühmt sind in dieser Hinsicht das Nordlicht, der Mondschein, die Wäschehänge nnd vor allem der Vorhang, ein prächtiges Stalaltitengcbilde, das an Merkwürdigkeit seines Gleichen vergeblich suchen wird: zartes, weißes Gewebe, den schönsten Faltenwurf imitirend, mit einer Bordüre oder Franse in Noth, Gelb und Braungrün — wirklich wunderbar und einzig! — Bcmcrleuswerth ist auch eine große, weite Grotte, der Tanzsaal, in welchem zu Pfingsten bei Orchester- klängen und großartiger Beleuchtung Ball gehalten wird,, der von 3—4000 Personen aus Nah und Fern srcquen- tirt wird. Wir treten nun in einen hochinteressanten Grottcngang, die Kaiser Franz Joseph- und Elisabeth-Grotte, deren imposantester Theil das Belvedere ist, ein erhöhtes Plateau, das auch ein Denkmal trägt zur Erinnerung an die Anwesenheit der kaiserlichen Majestäten Franz Joseph I. und Elisabeth. Von hier genießt man einen sehr esscctvollen Blick in verschiedene Höhlcnweilungen, theils beleuchtet, theils irr schwarzer Nacht gähnend, die 34 m in der Höhe, 203 m in der Breite und 195 m in der Länge sich ausdehnen sollen. Nun kommt noch die Maria Anna-Grotte, reich an schönen Formationen und Farbcnwcchsel, durch welche wir an den höchsten und interessantesten Pmüt gelangen, an den großen Calvaricnberg, ein Schaustück, wie die allgewaltige Natur in ungestörtem Walten von Jahrtausenden und Abertausenden kaum zum zweiten Male hervorgezaubert haben wird. Derselbe trägt eine Unzahl größerer und kleinerer der bizarrsten Stalagmiten, die gleich wallendem Äolk im Aufstieg zur Höhe des 40 irr hohen Steinberges erstarrt in den verschiedensten Grnppenbildnngen sich darstellen. In allen Farben schillern sie; kaum umfaßt der überraschte Blick die Menge der Herrlichkeit, und geblendet erklimmen auch wir auf Scrpcntinenpfaden die Höhe. Von da genießt man einen prächtigen Ueberblick über die märchenhaften, grotesken Gebilde, über den erhabenen Raum nnd die feenhafte Scenerie — ein herrliches Miltclstück in der durchwanderten Traumwelt, ein gewaltiges, großartiges Naturschauspiel. Auch beim ziemlich steilen Abstiege vorn Calvarimbcrg und beim Rückwege durch einen neuen Grottcngang begegnen wir noch vielen auffallend gebildeten Tropfsteinen, wie der zierliche Papagei, dann eine 10 m hohe prächtige Säule, der eine Säulcn-Allce folgt. — die über 4 m dicke umgestürzte Säule, welcher eine zweite 2 m dicke entwachsen ist, der obengeuannte berühmte Vorhang, die Cyprcsse rc. rc. Wir sind am Ende unserer Grottensahrt und befinden uns bereits in bekannten Hallen. Wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht entschwanden uns die paar Stunden unterirdischen Wandcrns, und unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke auf, es kann nur die Kenntniß der Alten von solchen Grottenräumen gewesen sein, der die Entstehung all der wunderbaren Erzählungen und Sagen aus der Vorzeit zu danken ist — Räume, deren unterirdische Feentempel und Brillantschlösser mit den wundersam verzauberten Menschen- und Thiergestalren der Phantasie reichen Spielraum zu märchenhaften Erfindungen bieten. Die Wirkung, welche der Grollen- besuch anf den Einzelnen übte, war eine sichtlich verschiedene, je nach Stimmung und Gcmülhsverfassung; um von uns beiden zu reden, konnte ich mich kaum trennen von all dem Außerordentlichen, Wundersamen; die Erste beim Eintritt, wurde ich beim AuStritt die Allerletzte der Nachzügler, und wich nicht eher, als bis der letzte der Führer die Lichter hinter mir verlöschte, — indeß mein Gefährte vorwärts stürmte, als peitschten ihn lebendig gewordene, gnomenhafte Gestalten; sein ganzes Fühlen war: „Außi möcht' i!" — auch eine Wirkung der grandiosen Erscheinungen, der ungewöhnlichen Lust und Umgebung, die den einen fesselt, den andern drückt. Um nun zur Chciraltcrisirung der Grotten von Otok, Adelsberg und der später, besuchten St. EanzianSgrotten bei Divaca zu gelangen, glaube ich sagen zu dürfen, daß die Otoker Grotte die Lieblichkeit, Zartheit, Jungfräulichkeit vertritt — ein Krhstallpalast, weiß angethan und mit Brillanten geschmückt, — die Adelsbergcr Grotte durch den Eindruck der Erhabenheit und Vielseitigkeit bannt; die St. Canziansgrotten aber, tragen die Gesetze des Ueberwülügenden, Schauerlichen an sich, und sie würden, wenn nicht die unleugbar sicheren Weg-Anlagen und Schutzvorrichtungen die Nähe des MenschengcistcS fühlbar machten, zuweilen ein grauenhaftes Entsetzen hervorrufen. Niemand aber wird es gereuen, die Wunder der Unterwelt im Karste beschaut zu haben, die ihm n'.ibcr- gcßliche Eindrücke sür'S Leben gewähren. VI. Die St. CanzianS-Grottcn an der Neka. Als Ausgangspunkt für den Besuch der St. CanzianS- Grottcn wird die Station Divaca gewählt. Der Weg von hier führt auf der Landstraße, dir von Feldern, Wiesen, kleinen Bäumen begrenzt ist, nach dem Dorfe Lesece. Sofort bemerken wir die rothe Markirnng des Weges seitens der AlpenvercinSfcction, die uns bis Matavun begleitet. Das frugale Mittagsmahl in Divaca theilten wir mit einem Marincbeamten aus Pola, einem geborenen Opfcrpfälzrr, und seiner kleinen dicken Frau, einer Slovcnin, die in gleicher Absicht wie wir hichcr gekommen waren nnd in deren Gesellschaft wir die Partie unternahmen. Lesece ist ein kleines Dorf; man geht an der freistehenden, von Bäumen beschatteten, niederen Kirche vorbei, dann kommt rechts noch ein Gehöft, hinter dem der Fußweg beginnt, und damit auch verändertes Terrain: wildes Brombeergestrüpp mit großen, überreifen, süßen Beeren zwischen dem überall hervortretenden Gestein des Karstes; rechts und links große Dolincn, deren Sohle mit Mais und Buchweizen bebaut ist. Nach einiger Zeit schmiegt sich der Weg rechts an größere Felspartien, während links ein jäh abfallender Abgrund sich öffnet, eine weite Doline, von schroffen Felswänden umgeben; über der gegenüberliegenden Wand sehen wir den schlanken Kirchthurm von St. Canzian und das die Kirche umgebende Dorf. Der Weg zieht sich nun leicht abwärts zwischen jungem Wald, und bald sehen wir über dem hellgrünen Laubwerk lustig ein paar roth-weiße Fähnlein flattern. Froh begrüßen wir nach ^ Stunden raschen Ganges das ersehnte Ziel. Wir stehen auf der Stefanien-Warte. Ueber eine Mauerbrüstnng gelehnt, sehen wir hinab in den 712 grausen Trichter; den Eingang in denselben, durch eine verschlossene Thüre, bezeichnen wieder ein paar bunt flatternde Fähnchen. Meinem ersten Ausruf des Erstaunens folgte bald der zweite: „Da gehe ich nicht hinunter" — als ich die schmalen Steige und Brücken bemerkte, die au den Felswänden klebten und von einem finster gähnenden Felscnthore zum andern führten. Doch sollte ich mich mit dieser Aeußerung in kürzester Zeit Lügen strafen. Das Dorf Matavnn war schnell erreicht; im Wirthshaus Gombac bekamen wir den Führer Jozs Cerkvcnik, der mit Fackel und Kerzen ausgerüstet uns geleiten sollte; alles überflüssige Gepäck wurde zurückgelassen, wie Schirme, Neisetäschchen, Plaids rc., denn in den Grotten ist es nicht kalt und herrscht fast durchweg eine gleichmäßige Temperatur; sogar die großen Damen- hüte, die an engen Wegstellen und beim Ausblick an die Dcckeuwölbungcn nur genirt hätten, wurden abgelegt. Als AlpenvcrcinsmitglicLcr hatten wir freien Eintritt; nur der Führer mußte ä, Person mit 10 kr. per Stunde entlohnt und die Beleuchtung eigens beschafft werden. Für die Zeitdauer, die wir verwendeten, berechneten sie eine halbe Fackel und 4 Lichter mit 1 fl. 20 kr. Gleich außerhalb dcS Gehöftes bei Gombac biegt der Weg um die Ecke und führt au die verschlossene Thüre, hinter welcher die Mysterien der Unterwelt uns erwarteten. Innerhalb derselben windet sich der Steig in einem kleinen Wäldchen mit prächtig duftenden Alpenveilchen abwärts und übersteigt die Kaute des Grates, welcher eine Natur-brücke zwischen der großen und der kleinen Dvliue bildet; Marinitsch-Warte und Lugeck bieten schöne Blicke in die Tiefe des Trichters, in welchem die Reka aus hohem Felsspalt in einem Wasserfall sich in ein kleines Sccbcckcn stürzt, um nach kurzem Laufe in einer gegenüberliegenden Höhle zu verschwinden. Ein schmales Felsband, über einen kleinen Vorsprung leitend, beide mit Geländern versehen, führt auf die Tomasini- brücke, welche einen sehr schönen Einblick in die Nicscn- thorklamm gewährt und deren steile Felswände verbindet. 40 irr über dem tosenden Kessel stehend, beeilten wir uns unwillkürlich, die grausige überbrückte Kluft Zu passiren, nur schüchterne Blicke zur Tiefe sendend. Der nun wieder gewonnene sichere Weg führte nach kurzem Abstiege an die Oesfnung des Naturstolleus. Das ist ein Loch in der Felswand, durch Sprengung so hoch erweitert, daß man hindurch kommen kaun; obwohl es anfangs dunkel wird, ist es doch unnöthig, ein Licht zu entzünden, da sehr bald das jenseitige Tageslicht einbricht; stark abwärts geneigt, führt dieser 40m lange Felsentunnel auf die Oblasser Warte — ein kleines, vom Wasser ausgespültes Felsenplatcau, das uns einen Einblick gewährt in das grause Getriebe der Reka, in ihrem Toben und Sprudeln, und uns unvermittelt den Wasserfällen der Nicsciithorklamm gegenüberstellt. Unter dem niedern, vom Sprühregen und Sonnenschein schillernden Dcckengcwölbe hindurch sehen wir in die kleine Doline. (Fortsetzung folgt.) --- GoLöüöxrrex. Gill's Werk der Liebe lind Gottes Ehr', " Für Frauenhände ist nichts zu schwer. Neuier. — > »»-- Bischof H'ancratitts v. Zinket. Am 21. November 1858 war „zur hohen Feier der Consecration und Inthronisation S. Bischof!. Gnaden des hochw. H. Or. Pancratius Dinkel, Bischof von Augsburg" folgendes Gedicht in der damaligen Zeitschrift „Sion" (Nr. 139) abgedruckt: Wrunkvcll sind des Domes hcil'ge Hallen; r Alle Glocken hehren Jubel schallen — Nieder in des Tages Feier-Ruh'. Ohristenschaaren, fromme, seh' ich wallen, ILingsuin lächelt nur daö Wohlgefallen, Alles eilt dem hohen Dorne zu. Tausende durchbebt ein Hochentzücken; Fa, es spricht aus den verklärten Blicken: Visier ward ein Kleinod edel-groß! Ktolz Augusts! birg'S in Deinem Schooßl Nich, Pancraiius, hat Go!t aesandt- — Ibm ist klar der Menschen Werth bekannt; Nur die Demuth liebt er — sie, die wabre! ZLircheisiürst! Dich grüßet Kirch' und Schul'. LndloS Heil Dir! auf St. Ulrichs Stuhl — Laut wir flehen All': Auf viele Jahre! Viele Jahre hat Ihm der liebe Gott beschicken, nun ist Er von uns geschieden, und wir möchten jetzt sagen: VrunlloS sind dcS Domes heil'ge Hallen; Alle Glocken hehre Trauer schallen — Nieder in des Tages Feier-Ruh'. vhristenschaaren, fromme, sah ich wallen, Weich und Arm. doch Thränen fast bei Allen — Alles eilt dem hohen Dome zu! treues Hirtcnhcrz, nun ruh' in Frieden .Setzt, nach langem Kampf hicnieden! - VnS warst Du ein Kleinod edel-groß! 8tolz Augusts! birgst'S in Deinem Schooß! Vu, PaucratiuS, warst von Gott gesandt; Ihm ward Deiner Seele Werth bekannt! Nun bist Dn von unö hinweggenommeu! ZLatholikcn Augsburgs! Mög' uns wieder werten Win treuer Hirte seiner Heerden! Laßt beten uns: Ein FriedenSfürst mög' kommen! -- § ch K ch a rr f 8 K b e. Schwarz. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. .'WW M W MW) 5 EH Auflösung des Bildcr-Räthsels in Nr. 88: Aus Noth und Zwang, das hält nicht lang. -r ^L92. 1894 „Augsburger Post;eitung". Vivstag, den 13. November Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarü'chen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Mar Huttler). Hernwarü von Hildesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Breite, mit Teppichen belegte und mit Pflanzen geschmückte Marmorstufcn führten ihn zu dem kuppel- bekrönten achteckigen Prunksaal, wo der Kaiser und seine erlesenen Gäste den Sänger erwarteten. Karl dem Großen hatten bei der Errichtung des Palastes in seiner Lieblingsstadt Aachen die dazumal noch erhaltenen Kaiserpaläste in Rom als Vorbild gedient. Seine majestätischen Hallen vereinigten in sich alles, was dem Mächtigen an technischem Geschick, an Pracht des Materials und an Reichthum der Ausstattung zu Gebote stand. Otto III. nun gar, der für die Pracht der späten römischen Kaiserzeit schwärmte, hatte sich bestrebt, seinen Aufenthaltsort so glanzvoll wie möglich zu gestalten. Wer beschreibt die Pracht, den märchenhaften Reiz, so Heriberts fast geblendete Augen im Kuppelsaal erschauten! Kostbare babylonische Gewebe bedeckten in heiterer Farbengluth Wände und Fußboden. Marmorbilder hoben sich von den tiefen goldschimmernden Nischen der Wände ab. Von Säule zu Säule zogen sich silber- und goldglitzernde Gewinde hin über die halbmondförmige Tafel, so mit silbernem und goldenem Geräth von ausgezeichneter Schönheit bedeckt war. Diese Tafelrunde vereinigte neun Gäste, ganz nach Art der römischen Festmahle. Ottos jugendschöne Gestalt war mit großer Pracht in altrömische Gewandung gekleidet. Ueber sein faltiges Unterkleid von feinstem weißem Byssus mit breiter Goldborte fiel eine rosenfarbene Chlamys, eine silberschim- mernde, reich mit Edelsteinen und Perlen gezierte Tunika und eine goldene Toga, auf welcher mit Edelsteinen die drei Welttheile Asien, Afrika und Europa abgebildet waren, zum Zeichen, daß der Kaiser Herr des Erdkreises sei. „Der Kaiser aller Kaiser," wie er sich nannte, hatte seinen Sitz höher, als die Uebrigen, allein an halbkreisförmigem Tische, der sich jedoch der großen Tafelrunde anschloß, so daß die Bischöfe von Mainz und Hildesheim, Willegis und Bernward, zu seiner Rechten und zu seiner Linken saßen. Auf die blonden Locken hatte der junge Kaiser phantastisch einen Kranz frischer Rosen gelegt, und die Gäste mit Ausnahme der beiden Bischöfe, hatten's dem kaiserlichen Herrn nachgethan und nach Ottos Wunsch ihre fürstlichen und gräflichen Häupter mit Rosen geschmückt. Desgleichen hatten Alle duftige Rosenblätter in ihre mit goldenem Rheinwein gefüllten kostbaren Trinkschalen gestreut. Das war ein Bild, um es mit Stift und Pinsel zu verewigen. Heribert dachte an das Gastmahl des Lucull. Seine Künstleraugen leuchteten. Er hatte nie so Schönes und Strahlendes erschaut und konnte vor Bewunderung sich kaum fassen. Der Truchseß, Graf Tammo, mußte ihn durch ein Flüsterwort an das erinnern, wozu er gekommen war. Als er dann sich tief vor dem schönen Kniserjüng- ling neigte, redete dieser ihn freundlich an: „Herr Bernward von Hildesheim sagte wir, daß Ihr einen ergreifenden Sang vom jüngsten Tag, vom Weltgericht, vorzutragen wißt. Ich möchte die Dichtung hören." Heribert sah staunend um sich. Den Sang vom Weltende in diesem Festgelage, in dieser prunkvollen Umgebung? Der Kaiser verstand fein Befremden. „Ihr höret recht. Ich begehre hier im heitern Festsaal den ernsten Sang zu hören, der ein Zeugniß für die Stimmung unserer Zeit ist. Beginnt also." Eine Weile bedurfte Heribert der Sammlung. Dann griff er in die Saiten und begann mit starker, tönender Stimme: „Horch' auf, o Erde, höre, hört ihr großen Meere! Horch' auf, o Mensch! denn es gilt allen, Die unter der Sonne wallen. Es kommt, es naht der Tag des Zorns, des schweren, Der grause Tag. der bittre Tag, An dem der Himmel weicht, Die Sonn' wird roth, der Mond erbleicht; Der Tag wird Nacht, Zur Erde stürzt der Sterne Pracht. Elende weh! Elende weh! Was rennst Du, Mensch, den Freuden nach!" So erscholl der furchtbare Mahnruf erschütternd von seinen Lippen. Er weckte mächtigen Wiederhol! in den Herzen derer, die mit athemlosem Schweigen ihm lauschten. Da war kein Hörer, dessen Antlitz bei Hcri- berts großartigem Vortrug nicht bleicher geworden wäre. Wie Geisterhauch, wie ein Schatten aus dem Jenseits, ging es durch den Saal. Brannten die Wachskerzen plötzlich dunkler, oder wirkte der düstere Sang mit solcher Macht auf die Einbildung, daß alles in trübe Schatten verschwamm? — Es blieb still, wie in der Kirche, lange nachdem der Sänger geendet. Der Kaiser erhob sich. „Wir sind in der rechten Stimmung zu meinem Beginnen", sprach er ernst. „Heribert, ich danke Euch! Nehmt die Fackel und leuchtet uns voran. Ihr seid Steinmetz; es könnte in dieser Nacht noch Arbeit für Euch geben. Ihr Herren, so Ihr Muth habt, folget uns." Die Geladenen sahen einander betroffen an. Was mochte Otto im Schilde führen? Mehr als einer blieb schweigend zurück oder verlor sich unterwegs verstohlen in einem Seitengang der Vorhalle. Nach dem Dommünster, auf dessen Riesenformen der Mond sein bleiches Licht goß, mußte Heribert, der Weisung des Kaisers gemäß, mit seiner Fackel voran- schreiten. Dem Kaiser folgten nur mehr die Bischöfe Bern- ward und Willegis, sowie die Grafen Tammo von Sommerschenburg und Otto von Lomello. Auf Ottos leises Pochen wurde die eiserne Pforte geöffnet. „Ist alles bereit?" fragte der Kaiser gedämpft. „Ganz nachWunsch, kaiserlicher Herr!" lautete die im Flüstertöne gegebene Antwort. Alle traten ein und bekreuzten sich mit Weihwasser. TiefeNacht,Grabesstille herrschte an der heiligen Stätte. Heriberts Fackel beleuchtete hier und dort einen Pfeiler, einen Gewölbebogen mit flackerndem Licht. Da im Hintergründe aber warfen rothglühende Fackeln den zuckenden Schein auf einen Halbkreis ernster Männer, die, mit mächtigen Leder-Schurzfellen bekleidet , mit Grabscheiten und Hacken schweigend und regungslos wie Bildsäulen eine offene Gruft umstanden. Eine Grabplatte Mit verwischter Inschrift, gewaltige Quadersteine lagen weggewälzt zur Seite. Dorthin richtete der Kaiser seinen Schritt. Steinstufen wurden sichtbar. Schon setzte der hochgemuthe Jüngling mit raschem Entschluß seinen Fuß auf die Marmortreppe, da trat Bischof Bernward, sein ehemaliger Erzieher und innigster Vertrauter, vor und sprach die warnenden Worte: „Mein Otto, es ist gefährlich, die heilige Ruhe des Todes zu stören. Wer nach dem Schatten hascht, dem löscht er gar leicht das eigene Licht aus." Otto winkte abwehrend. „O laßt mich! Ich muß den großen Todten sehen, muß in des Geistesgewaltigen Gruft mir die rechte Weihe, Kraft und Muth zum Herrscherthum erflehen!" Zu Heribert gewandt, fügte er ungeduldig hinzu: „Habt Ihr das Herz, uns in die Gruft des größten deutschen Helden voranzuleuchten, so steigt hier hinab. Zagt Ihr, so gebt die Fackel her. Ich selber werde sie tragen." Kaiser Nikolaus II. von Rußland. Heribert aber begann unverzüglich, fast hastig niederzusteigen. Moderluft schlug ihm entgegen. Das hemmte seinen eiligen Schritt nicht. Er wußte ja, daß er in ein Grabgewölbe stieg. Nun war er, waren Alle unten. Marmorsäulen beleuchtete seine Fackel. Dort zwischen den Säulen gewahrte er einen mächtigen Thronhimmel, und auf dem Marmorthrone — es fuhr erschütternd ihm durch Mark und Bein- Auf dem Throne saß aufrecht in hehrer, gewaltiger Majestät, in der starren Majestät des Todes, umwallt von verblichenen Prachtgewändern, die irdische Hülle Kaiser Karls des Großen. Vor fast zwei Jahrhunderten schon hatte die Seele sich von dieser Hülle getrennt. Nieder aus die Knie zog es den Jüngling mit ergreifender Macht. „O Herr, sei meiner Seele gnädig I O großer Kaiser Karl, Verzeihung für den Einbruch in Deine geheiligte Ruhestätte!" rang es sich halb unbewußt aus seiner Brust hervor. Das flackernde Licht der seiner zitternden Hand fast entgleitenden Fackel beleuchtete grell den majestätischen Todten. Da saß Karl der Große, wie er lebte, auf dem Haupte die goldene Kaiserkrone, das Scepter in der knöchernen Hand, das Evangelienbuch aufdem Schooße. Sein weißer Bart wallte bis zu dem Buche nieder, langes weißes Haar umgab sein farbloses Antlitz. Es war, als ob er die todten Augen aufschlagen müsse, um mit einem Blick den Eindringlingen zu wehren. Welche Gefühle durchschauerten den jungen Otto bei diesem Anblick! Er sank in den Staub vor der im Tode mit so geheimnißvoller Majestät umgebenen irdischen Hülle seines Vorgängers. Zugleich mit ihm kniete sein Gefolge tief ergriffen und von Ehrfurcht überwältigt vor der hoheitsvollen Leiche nieder. Lange, lange lag der Kaiser zu Füßen des Todten weltentrückt in wortlosem Gebet für die Seelenruhe des längst Dahingegangenen, in heißem Flehen um die Kraft, ihm ähnlich zu werden. Mit begeistertem Ausdruck erhob er sich dann, trat ehrerbietig näher und legte seine Hände zu denen des Todten auf das Evangelienbuch: „Großer Karl, hier bei diesen heiligen Evangelien Gottes schwöre ich, daß ich, Dein würdiger Nachfolger, Dein Volk in Güte regieren und immer den Willen des Herrn nach Kräften erfüllen will. Möge die Erinnerung an Deine Größe mir steten Muth in trüben Stunden verleihen!" Mit Schaudern und Ergriffenheit sahen die Andern, wie der Jüngling eine Kette mit goldenem Kreuz vom Halse der Leiche nahm und sich selber umhing. Wehmüthige Ahnungen beschlichen unwillkürlich ihre Seelen. Otto sprach: 715 „Dieses Kreuz will ich tragen zum immerwährenden Gedächtniß an diese weihevolle Stunde und zur Erinnerung an das Leiden unseres Gottes, unter dessen schweres Kreuz ich mein eigenes leichtes Kreuz stellen will. „Großer Kaiser Karl, ich möchte würdig werden, dereinst an Deiner Seite zu ruhen." Mit einem letzten langen Blick nahm er Abschied von dem Todten und winkte schweigend den Andern, ihm zu folgen. Draußen stand Heribert noch betäubt von der Wucht der auf ihn hereingestürmten Empfindungen, als Kaiser Otto auf ihn zutrat: „Junger Schüler des vortrefflichsten Meisters, ich will der Hülle des großen Kaisers ein Ruhelager geben. Jünger Bernwards, getraut Ihr Euch in edler Arbeit einen Sarkophag zu vollenden, der geeignet wäre, des Kaisers Leichnam zu umschließen?" „Dazu fühle ich Kraft und Begeisterung in mir," versicherte Heribert in stolzem Glück. Eingangs. In diesem Raume haben früher Höhlenmenschen gehaust. Ein großer Haufen verschiedenartiger Thierknochen, zu welchen man auf ein paar Stufen hinansteigt, sorwc vor demselben eine Menge gesammelter Scherben von Thongefäßen und andern Gerathen, auch an der Wand Schichten von Aschenresten zeugen von den einstigen Bewohnern. Ob sie seinerzeit durch das eindringende Hocbwasser von der Außenwelt abgeschnitten wurden — ob sie in einer nach rückwärts gelegenen Seitenkammer der Grotte ihre Todten bestatteten — wer ann das sagen? Genug, man fand fünf vollständige menschliche Skelette, die im Museum von Trieft aufbewahrt werden. Während wir nun, soweit die Tageshelle es erlaubte, uns die Merkwürdigkeiten unweit des Eingangs der Höhle betrachteten, zündete der Führer die Fackel an, um un^ in die rückwärts gelegenen Räume der 600 in tiefen Grotte zu geleiten und deren verschiedene Theile, sowie die zahlreich von der Decke herabhängenden Stalaktiten zu beleuchten; ein großes Tropf- UM UD MAE Das Stammschloß der Sprach Otto: „So sei Euch der Auftrag dazu ertheilt. Auf die Hildesheimer Kunstschule setze ich Vertrauen." (Fortsetzung folgt.) -. Bilder aus Steiermark, Körnten und dem Küstenlande Krain. Von C. Mayer. (Fortsetzung.) Nun wieder durch den Stollen aufwärts und über die Tomasinibrücke zurück. Ein dem Felsen abgerungener Weg führt uns dstect an die Tominz-Grotte, die erste der großen Felsenhallen, die wir zu sehen bekamen. Unter dem Eingänge, 10 m hoch und 20 irr breit, hcUgt ein großer Stalaktit, von welchem das tropfenweis abfallende Wasser in einem schalenartigen Becken als Trinkwasser gesammelt wird, welches zu kosten ein angebrachter Becher auffordert. Der Brunnen ist zugleich eine Zierde des Domanosf in Moskau. steingebilde in der Mitte der sich nun in zwei Gänge theilenden Höhle hieß er den Löwen. Nachdem er uns noch das Ende des einen langen Ganges mit seinen Auswaschungen und Tropfsteinbildungen beleuchtet hatte, kehrten wir zum Eingang zurück. Staunen erregten die dort angebrachten Erinnerungszeichen an Wasserhöhen, nach welchen die Reka noch über den Eingang der Höhle hinweg die weite Doline 70 rn über dem Grund derselben in kaum glaublicher Höhe ausfüllte. Wir betreten den 80 m langen Plenkersteig. Derselbe ist in eine senkrechte Felswand unterhalb der Stefanien-Warte eingesprengt und zieht zuerst über Stufen, dann horizontal an der glatten Felswand hin; tief unten blinkt der See, gegenüber braust der Wafserfall unter der Tomasinibrücke. Während wir, vorsichtig uns an die Drahtseile haltend, dahinschreiten, erläutert uns der Führer die Veranlassung zu einer angebrachten Warnungstafel, nach welcher die zuständige Behörde das Baden im See untersagt, weil ein junger Mensch, des Führers eigener Sohn, der unvorsichtig badete, vor ein paar Jahren dort ertrunken ist. 716 Nun durch das kleine Pazzcwäldchen, in wel chem uns wieder Alpenveilchen erfreuten, in einigen Win« düngen aufwärts, und wir biegen in die 80 in lange, 30 na hohe und in ihrer Mitte 25 na breite Schmidl- Grotte ein. Reizend hübsch hängt von der Decke des Eingangs gleich einer Ampel, zwischen einer Spalte der Tropfsteine Wurzel fassend, ein üppig grünendes Schlinggewächs, Epkeu oder etwas ähnliches, von oben nach unten wachsend, herab, we ches mit dem von außen einlugenden Gesträuch und den heitern Sonnenstrahlen eine freundliche Decoration des grauen Gewölbes bildet. Nachdem wir die ganze Höhle durchschritten und den Tropfsteinschmuck bewundert hatten, biegen wir unter Fackelschein seitwärts ab. Dem erstaunten Auge öffnet sich eine hohe, nach oben ähnlich den gothischen Spitzbogen zulaufende Halle, der Rudolfs-Dom. An seinem Eingänge kommt die Reka breit und schwarz neben einem Abgrunde und unter einem Felsriegel hervor und dringt in die Tiefe des dunkeln, hohen Gewölbes. Ehe wir den hehren Raum betreten, geleitet uns der Führer noch seitwärts über diese Naturbrücke hinweg auf ein breiteres, ziemlich steil ansteigendes Felsenplateau, das Belvedere. Hier heißt er uns vor der Hand bleiben, indeß er auf ungebahntem, theilweise gefährlichem Pfade vorwä'ts eilt, das Innere der grausen Höhle zu erhellen. Ein beängstigendes Gefühl erfaßt die Sinne hier oben auf schauerlicher Warte! — Unter uns die schwarzgraue Fluth, flimmernd von Streifen bläulichen Lichtes — vor uns der gähnende Schlund der Felsenhöhle, die sich über unsern Häuptern mächtig und allmälig in Nacht versinkend aufbaut. Mit bangem Blick des im fernen Grottenraum entschwundenen Führers harrend, sehen wir ihn endlich viele Meter entfernt auftauchen. Ein schauerliches Bild: die dunkeln Umrisse des Mannes mit der schwingenden Fackel, an verschiedenen Stellen der Felsmauern roth aufglühende Lichter des abgestoßenen Brandes, im schwarzen Gewässer sich widerspiegelnd und gigantische Schatten, sowie magische Beleuchtungseffccte an den Grottenwöl- bungen weckend. Bezeichnender für das Ganze könnte nichts sein, als der Ausruf meines Mannes: „Nun werde ich zu Hause erzählen, ich war beim Teufel und habe seiner Großmutter Behausung gesehen!" Der Rudolfs-Dom ist 70 rn hoch, 130 ru lang und hat eine Breite von 50 ru und darüber. Obwohl uns die ganze Scenerie mit unheimlichem Grauen erfüllte und wir die Rückkehr des Führers ersehnten, waren wir doch erfreut, zu vernehmen, daß wir nun selbst in die Tiefen des überschauten Gewölbes eindringen sollten. Ein schmaler Steig, rechts und links vem Drahtseil begleitet, führte uns viele, in die Steilwand eingehauene Stufen empor, dann eine Zeit lang derselben entlang, von einem Balkensteg, der Teufelsbrücke, unterbrochen, welcher den einen Felsvorsprung mit dem anderen verbindet. Die Wölbung der Decke senkt sich, daß wir, um ihr auszuweichen, uns leise überneigen zu müssen veimeinen, steigt dann aber bald wieder auf 70 m empor, indeß unser Weg mittelst Stufen bis an das Ufer der Reka hinabführt. Wir haben die Cerberus-Grotte passirt; wieder aufwärts klimmend, blicken wir in die hohe Wölbung des sich anschließenden Svetina-Doms, in welch m die Reka im unterirdischen Flußthale, von Felscnufern begleitet und vom Felsendome überwölbt, in Nacht und Grauen dahinfließt. Wasserfällc, der Tiefe des finstern Schachtes zuströmend, entziehen dem Auge ihren Western Lauf. Kaum hätte es das phantastisch Schauerliche der Scene erhöht, wenn als einzig denkbare Staffage dieses unheimlichen Raumes auf den dunkeln Fluthen ein Kahn erschienen wäre mit schwarzen Gestalten, die mit lautlosen Ruderschlägen eine bleiche Seele in den finstern Hades überfüh-en — die Vergegenwärtigung des Styx, wie man ihn sich nicht besser ausmalen kann. Nun wurde auf einem seitwärts hinankletternden Pfade der Brunnen-Grotte ein Besuch abgestattet. Durch eine schön geformte Grotte mit einer Menge sich berührender Stalaktiten und Stalagmiten, die unseren Mitbesuchern laute Bewunderung abdrängten,*) gelangten wir in einen niederen, feuchten Gang, an dessen Ende eine kleine Grotte sich öffnet, in welcher die sogenannten Brunnen sich aufbauen. Alan denke sich eine Anzahl größerer und kleinerer schön geformter, muschelartiger Wasserbecken bis zu 1 m Tiefe, aneinander gereiht und gleich einer grotesken Schalenpyramide aufgethürmt, in so weichen Formen, daß ich einen Augenblick zögerte, daran hinaufzuklettern, aus Angst, die genagelten Bergschuhe könnten die zart erscheinenden Ränder der Schalen beschädigen — bis ich schnell die Ueberzeugung gewann, daß der feste Stein, von Jahrtausenden erzeugt, durch keine flüchtigen Fußtritte leidet. In den Becken, vom Facke schein erleuchtet, zeigte sich theilweise Wasser. Diese Brunnen-Grotte ist ein außerordentlich interessanter Theil der unterirdischen Nachtwanderung. Wie wir indessen auf labyrinthischen Pfaden von einer der vielen Grotten in die andere gelangten, einmal hoch oben, wo die Decke sich über unsern Häuptern zu wölben begann, später auf einem untern Wege nahe dem Wasser zurückkehrend — diese Jrrgänge und Windungen klar zu erkennen und genau auseinander zu halten, ist meinem Gedächtnisse, in Ermangelung eines Planes, nicht gelungen. Es waren zu viel der Eindrücke des Imposanten und Schauerlichen, man hatte zu viel mit Achtung auf die schmalen Wege und steilen Steintreppen zu thun; aufmerksamst suchte das Auge die dicke Finsterniß zu durchdringen, in der jedes sich den Schritt und die nächste Umgebung mittelst eines Kerzenlichtes in der Hand erhellte und bei den rothen Lichtblitzcn der Fackel die Gewölbebildungen und den Wasserlauf zu erhäschen trachtete. Der Gedanke, wie wir herauskämen, wenn Plötzlich die Lichter verlöschten oder dem Führer etwas zustoßen würde, bewirkte ein unheimliches Erbeben. Der Anblick der Tageshelle und der grünende Eingang der Schmidl-Grotte, die wir nun wieder erreichten, wurde erleichterten Herzens begrüßt. Nun zurück über den Plenkersteig, zum Eingang der Tominz Grotte, wo wir die durstigen Lippen mit Tstopf- steinwasser benetzten. Die Hauptgrotten der großen Doline waren besichtigt; nun sollten wir noch einige Merkwürdigkeiten der kleinen Doline zu Gesicht bekommen. Wir gingen über die Tomasini-Brücke, durch die Guttenberg-Halle in die Schröder-Grotte; von da über den Parendini- Sreig zur Radonetz-Naturwarte. Wir sind bereits in der kleinen Doline; zu unsern Häuptern sehen wir die Häuser des Dörfchens Bethanien den Felsrand begrenzen; ebenso wurden uns in schwindelnder Höhe ein paar andere Warten, ähnlich der Stefanien-Warte, gezeigt. Radonetz-Naturwarte ist eine etwas erweiterte *) Wir waren in dieser Beziehung durch den vorhergehenden Besuch der Adelsberger Grotten an diesen Anblick gewöhnt 717 Ausbuchtung des Steiges; gegen den Absturz des Trichters ist dieselbe von einem Felsen geschützt, in welchem man durch ein Loch tief unten das Wasser im Grunde der Doline fließen sieht. Wir kommen nun in die Brichta-Grotte, eine kleinere Höhle mit hübschen Verzweigungen und Tropfsteinen, 30 m über dem Ausfluß der Reka in die kleine Doline. Von ihr steigen wir hinab zur Concordia-Brücke, ein seit Kurzem fertiggestellter, ganz neuer Brettersteg, wenig über dem Wasser erhaben; jenseits ruht derselbe auf einem mächtigen Felsblock, der den Eingang in die Marinitsch-Höhle vermittelt. Schon seit einiger Zeit hörten wir Steinschläge, die von den Arbeitern herrühren, die eben noch damit umgehen, die Mariritsch-Höhle und die sich anreihenden Grotten dem Publikum zugänglich zu machen. Ueber dem Anfang des schmalen Steiges steht in großen Lettern: „Eröffnet 1892." Stolz und freudig betreten wir somit unter den ersten Besuchern den kühnen Steig. Derselbe, in dem Gewölbe auf- und abkletternd, ist in dessen Steilwand eingehalten, ein tüchtiges Stück Arbeit; obwohl derselbe noch rauh ist und die sonst überall vorhandenen Versicherungsanlagen, wie Drahtseile, aufgestellte Bodenbretter nach der Seite gegen den Abgrund, den die Neka ausfüllt, noch nicht vollständig fertig sind, ist der Pfad doch sehr sicher und gut gangbar. Anfangs zwar zögerte ich und wollte gleich unserm Gefährten aus Pola, dem die noch nicht beendeten Arbeiten Unbehagen einflößten, umkehren. Allein ein Zuruf meines Mannes und das gute Be spiel der behenden kleinen Frau, die trotz ihrer Dicke mehr sprang als ging, stählten meinen Muth, und tapfer vorwärts schreitend, war bald jede Furcht überwunden. Wir drangen bis zu der Stelle, von wo man durch eine aufwärts führende Kluft die Kirche von St. Canzian hoch oben im schmalen Felsspalt erblicken kann; ein Steig führt hinauf. Der Führer beleuchtete die herrliche, hochgewölbte Halle, sowie die daranstoßenden hohen, weiten und imposanten Grotten, und aufhorchend lauschten wir seinen Erzählungen. Er war bei der Erforschung dieser unterirdischen Räume selbstthätig zugegen; mit Begeisterung und Feuer schilderte er die Unglücksstunden, die Herr Marinitsch, als Vorkämpfer dieser Grottenerforschung, auf einem uns vom Führer bezeichneten Fclsstück mitten in Nacht und Wassergetöse zubringen mußte. Der Strick, an welchem Marinitsch's Kahn befestigt war, riß durch die Gewalt des Wasser los, und letzterer wurde über ein paar Wafferfälle hinweg gegen das breite Felsstück geschleudert, das seinem Insassen Rettung bot und auf welchem derselbe nach 12 Stunden bangen Harrens von den Mitarbeitern entdeckt und aus seiner gefährlichen Lage befreit wurde. So mächtig wirkte die Rückerinnerung in dem braven Manne, daß er, obwohl der deutschen Sprache ziemlich mächtig, derselben vergaß und unserer Gefährtin, der gebornen Slovcnin, in seiner Muttersprache mit Begeisterung die damalige Situation schilderte, die, selbst von Erstaunen und Grauen hingerissen, uns die lange Erzählung kurz gefaßt verdolmetschte. Jetzt, nach 3 Stunden steten Umherwanderns, waren wir mit der Grottenbesichtigung zu Ende und kletterten wieder in der großen Doline zu dem Ausgange empor. Der Himmel hatte sich indessen mit schweren Regenwolken umzogen, und kaum waren wir bei Gombac angelangt, prasselte der Regen schleußenartig hernieder. Wir aber, vollauf befriedigt und noch ganz begeistert von all den Wundern der Unterwelt, ruhten gerne ein Stündchen, plauderten von den hohen Genüssen des Tages und labten uns an dem lobenswerthen Imbiß und Ge'ränke. Jozö Cerkvenik wurde mit Vergnügen bei seiner Entlohnung das Zeugniß einer trefflichen und sorgsamen Führung ausgestellt; denn er machte fleißig auf alle beachtens- werthen Schönheiten aufmerksam, fortwährend zur Achtsamkeit auf gefährliche Stellen und zur Benützung der Sicherheitsvorrichtungen mahnend. Dann dictirte er noch auf meine Veranlassung bereitwilligst die einzelnen Namen aller Grotten, Warten und Wege, die wir besucht hotten und die außerdem wohl meinem Gedächtnisse entschwunden wären. Sehr anerkennenswerth sind die Bestrebungen der „Alpenvereinssection Küstenland", die sich außerordentlich darum verdient gemacht hat, durch sichere und bequeme Weganlagen und Anbringung von Drahtseilen an jeder allenfalls Gefahr bergenden Stelle auch ungeübten Steigern den Besuch der äußerst interessanten Grotten zu ermöglichen. Ich bringe ihr unsern Dank und den der ganzen touristischen Reisewclt für ihre opferwilligen Bestrebungen dadurch entgegen, daß ich durch Veröffentlichung unserer genußreichen Erlebnisse ihrem Wunsche entgegenkomme und die Aufmerksamkeit des Publikums darauf hinzulenken suche. Möchten nur alle Naturfreunde Weg und Zeit nicht scheuen, die unterirdischen Wunder des Karstes aufzusuchen; es wird sicher ein jeder hohen Genuß und Befricdiaung darin finden. Schon brach die Dämmerung herein; der Regen hatte aufgehört, und trotz des noch vollständig nassen Terrains suchten wir so schnell als möglich Divaca zu erreichen. Nach einem Stündchen blitzten uns die Lichter des Bahnhofes aus der Dunkelheit entgegen, und nachdem gleichzeitig mit uns die aus den Manövern heimkehrenden Truppen einparkirt waren und wir uns von unsern nach Pola zurückreisenden Gefährten herzlich verabschiedet hatten, entführte uns das Dampfroß diesen Tag noch via Laibach—Steinbrück bis Römerbad mit Station gleichen Namens, wo wir — ich todmüde, indeß sich mein Mann durch derartige Strapazen nicht leicht anfech'en ließ — mit nassen Kleidern morgens */z3 Uhr endlich Ruhe fanden. (Fortsetzung folgt.) — ---— Wandererlied. Wie ist es schön zu wandern Im lichten Sonnenschein, Da grüßen frei die Berge Jn's weite Land herein. Und filberklar die Flüsse Zieh'n sie das Thal entlang, Manch' Kirchlein winket freundlich Vom grünen BergeShang. Und ziehst du durch die Wälder, Wie fluihet da herein Durch Neste und Gezweige Der gold'ne Sonnenschein. Und streckst du müd' dich nieder Im schatt'gen Tann zur Ruh', Waldvögleins trauten Weisen Entzückt mutzt lauschen du. O Wand'rer, zieh' nur weiter, In Gottes Welt hinein, Latz einmal dir zu Muthe Recht wanderselig s in. lsriürun. - Das 150jährige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Negiments „König". Wir wollen uns damit begnügen, zu erinnern, daß allein in der kurzen Frist vom Juli bis Mitte August unser Regiment immer dabei war, wo es Blutarbeit zu verrichten gab, und daß die Königs-Chevaulegers immer den Russen auf den Fersen saßen, als sich diese von einem Vertheidigungsabschnitt nach dem anderen zogen und die Rochade von der Düna nach dem Dnjeper vollzogen ward. Schon bei dem ersten bedeutenden Engagement, dem von Witebsk, war unser Regiment, geführt von seinem wackeren General Graf Preysing, bei der Flußpassage. Noch bevor der Vicekönig von Italien sich anschickte, Brücken zu schlagen, hatten bereits die Königs-Chevau- leger das jenseitige Ufer erreicht. Schon Tags darauf gab es bei Masajedo ein Gefecht, wobei die Chevaulegers durch mörderisches Feuer stark gelichtet wurden. Und wieder zwei Tage später führten unsere Chevaulegers einen Handstreich gegen Wily, welcher Wintzin- gerode eine hübsche Portion seines Proviants und Muni- ttonsvorrathes kostete. Der August war schon fast zu Ende gegangen, als die napoleonische Jnvasionsarmee in die durch die Verhältnisse geschaffene Operationszone einrückte. Wie Schnee in der Sonne war bereits die gewaltige Masse von Streitern, die über den Riemen gezogen, zusammengeschmolzen, und obzwar erst eine kurze Frist seit Eröffnung des Feldzuges verstrichen war, zählte die Infanterie bloß 156,800, die Kavallerie gar nur 36,700 Mann. Es waren also ziemlich schwache Stände, mit welchen die Truppen und auch unsere bayerische Reiterei gegen die russischen Heersäulen anrückten, die immer zurückwichen und eine Taktik verriethen, aus welcher nicht unschwer die Absicht zu entnehmen war, den Gegner immer tiefer hinein in die unwirthliche Steppe zu locken. Solch einen Charakter trug auch das Reitergefecht bei Gjat, welches die Kavallerie-Division Preysing den Russen lieferte. Die Königs-Chevaulegers bildeten mit den Regimentern Leiningen, Bubenhofen und Kronprinz den Vortrab der Armee des Marschalls Fürsten Porüatowsky. Mit Entschlossenheit und richtiger Beurtheilung der taktischen Verhältnisse führte unser Oberst, unterstützt von den Majoren Zandt und Bieber, sowie Rittmeister Hertling, die nicht unschwierige Aufgabe durch, und seine Anstrengungen wurden mit Erfolg gekrönt. Außerdem zeichneten sich die Lieutenants v. Hell- brunner, Gullmann, Baron Eßbeck und Korporal Zipperer aus. Doch war das Engagement nur das Vorspiel des blutigen Tages von Polozk, welcher schier noch heute unvergessene Wunden unserem Heere geschlagen hat. Am 17. August hatte sich ein Detachement unseres Regimentes unter Oberstlieutenant Graf Fugger ausgezeichnet, ebenso Wachtmeister Hermann und der Korporal Neisser, der sich schon im vorjährigen Frühling bei Abensberg hervorgethan hatte. Schon am 21. August war das Regiment in Smolensk eingerückt, und von hier aus zogen die Regimenter der Division Preysing an die Ufer des Borodino. Am 7. September kam es zur berühmten Schlacht von Borodino oder an der Moskwa. Die bayerischen Chevaulegers standen unter dem Kommando des Vicekönigs von Neapel. Sie erwarben sich unsterblichen Ruhm bei der Vertheidigung von Borodino, welches von den Heuschreckenschwärmen der Kosaken so lange bedrängt wurde, bis jene endlich die Uebermacht überwältigte; aber selbst dann nur wichen sie schrittweise zurück, Zoll um Zoll vertheidigend und gleich wieder bereit, vorzubrechen, sobald ein halbwegs genügender Kräfte- ausgleich stattgefunden. Es war diese Schlacht wohl die blutigste des Jahrhunderts. Ueberall thürmten sich vor den durch die Tapferkeit unserer Regimenter gewonnenen Schanzen die Leichen- hügel auf. 30,000 Russen deckten das Leichenfeld, aber auch 40,000 Mann Todte und Verwundete hatten die Franzosen auf den Feldern von Borodino gelassen. Nicht weniger als 30 Generale hatte Napoleon in dieser Schlacht verloren. Nacht war's, als Kutusow zum Rückzüge blasen ließ, und als auf der blutgetränkten Wahlstatt die Sieger lagerten, hungernd, dürstend, frierend. Wieder vergingen fünf Tage, verbracht in langsamen Vormärschen, hin über das wellige und von der Moskwa durchflossene Terrain. Da ging's auf einmal, einem elektrischen Schlage gleich, durch die unübersehbaren Heersäulen, die sich in langgewundenen Linien und Krümmungen, einer Riesenschlange vergleichbar, vorwärts bewegten. Und immer größer wurde die Erregung; alles drängte nach vorn. Dort, wo von der Höhe der Sperlingsberge die Augen Ausblick finden, da pflanzte sich nun der Ruf fort: „Moskau, MoskauI" Wie ein Lauffeuer scholl er von Regiment zu Regiment, von Kolonne zu Kolonne. Vergessen schien alles Leid, vergessen all die zahllosen Strapazen und Entbehrungen, die sie bis dahin gelitten; denn reiche Winterquartiere schien ihnen die Stadt zu versprechen, welche, geschmückt ^ wie in Gold und Purpur, vor ihnen lag. Angesichts Moskau's wurde biwakirt. Unsere Königs-Chevaulegers lagerten auf der Nordwestseite des Dorfes Koszelschewa, wohin sie nach einem nicht unblutigen Kampfe mit den Kosaken gelangt waren. Der Brand von Moskau vernichtete die Hoffnung des Heeres. Nicht bloß die Quartiere waren vernichtet, auch alle aufgespeicherten Vorräthe, von welchen die Armee über Winter hätte zehren sollen, waren ein Raub der Flammen geworden, und das Gespenst der gräßlichen Hungersnoth hielt seinen Einzug im Lager der Franzosen. Dazu die entsetzliche Kälte des frühen Winters, die Unmöglichkeit, die Communication längs der dritthalbtausend Kilo- meter langen Operationslinie freizuhalten, dieses alles be- 1 wog Napoleon, den Rückzug aus Rußland anzutreten. Um die Riesenbrandstätte herum schwärmten gleich Heuschrecken die Kosaken, die wenige Tage vorher Reißaus genommen, und machten sich in der unangenehmsten Weise bemerkbar. So entschloß sich der Kaiser, da die Position von Moskau gänzlich unhaltbar geworden, die unglückliche Stadt zu verlassen und den Weg zurückzumessen, den er so stolz vor wenigen Monden dahingezogen war. Bei Malo-Jaroslawetz drohten die Russen unter Doktoroff dem Corps Eugens von Savoyen den Rückzug zu verlegen. Ohne Unterlaß ward um den Besitz dieses Ortes gekämpft; endlich verblieb er den Franzosen, aber es war ein Pyrrhussieg, den Napoleon erfochten. Am 3. November war man bis zu den Wäldern von Wiazma gelangt. Voran als äußerste Vorhut ritt die Brigade Preysings. Noch hatte die Täte nicht das Dorf Misau- dowo erreicht, als Kosakenschwürme den Train überfielen, ihn aber im Stiche ließen, als Oberst Graf Seyssel d'Aix mit den Königs-Chevaulegers den Russen zu Leibe ging. 719 Nun durchzog unser Regiment auf beschneiten Waldwegen den Forst von Misaudowo, als der Anmarsch zweier russischer Regimenter gemeldet wurde. Die Chcvaulegers Fall war. Nach der Schlacht bei Duchowszszina, wo sich unsere Chcvaulegers besonders auszeichneten, zählten sämmtliche vier Chevaulegers-Regimenter der Divistosi Preysing s>, FMW zögerten nicht, die zehnfach überlegenen russischen Dragoner anzugreifen, worauf der Feind langsam zurückwich, da er vermuthete, daß große, geschlossene Reiterabtheilungen dem Häuflein Königs-Chevaulegers folgten, was aber nicht der zusammen nur mehr zwanzig Berittene. Bereits in den ersten vier Wochen des Rückzuges lösten sich unsere Reiter- Regimenter eines nach dem andern auf, am Tage nach Beresina hatte auch das Königs-Chevaulegers-Regiment Die Uniformen des iiünigl. baycr. 4. Chevauteger-Ncgimenls (1804—1812) 720 aufgehört, zu existiren. Hügel von erstarrten Menschen, ganze Reihen von Thierkadavern bildeten die Marksteine dieser Heerstraße des Todes. Schritt für Schritt fechtend zog man sich zurück. Auf eigene Kraft war unser Regiment gestellt, denn „Leiningen- Chevaulegers" existirten bloß mehr auf dem Papier. Unser Regiment bildete die Arriöregarde, und von unseren Säbeln hing das Heil der anderen Tapferen ab; denn immer ärger wird das Drängen der Kosaken, Pulk auf Pulk, Sotnie um Sotnie braust heran, mordgierig die Pike einzubohren in die Leiber der Unseren. Da schmetterten in die Winterluft so hell, so sieges- freudig, wie einst in fröhlicheren, glücklicheren Tagen, die Trompeten der „Königs-Chevaulegers", und mit hochgeschwungenem Säbel in der Faust stürzt sich Graf von Seyssel d'Aix selbst an der Spitze seiner heldenhaften Grünröcke blindlings hinein in Tod und Verderben, in den vorgehaltenen Lanzenrechen, hinein in den dichtesten Schwärm der Russen, die in wilder Flucht auseinander- stieben und einen General sowie zahlreiche Offiziere in den Händen der Unseren lassen. Nie war ein Lob gerechter als das, welches der Vizekönig Italiens, Prinz Eugen, unseren Königs-Chevaulegers spendete; aber der Bluttag hatte die Schwingen gelähmt, erschöpft waren die Kräfte, total ausgepumpt bis zum letzten Rest von Odem waren Roß und Reiter. Zum letzten Male erscheint die Division Preysing unter dem so glorreich geführten Namen. Schon die folgende Nacht bringt die Auflösung, es gibt keine Feuerung mehr für die Biwaks, keine Handvoll Hafer für die Pferde, nicht eine Krume Brodes mehr — der Nest hieß Schweigen und Tod! (Schluß folgt.) --» - Zu unseren Bildern. Kaiser Nikolaus Aiexandrowitsch. Rußlands neuer Zar wurde am 18. Mai 1868 in Petersburg geboren. Im Hinblick aus seine dereinstige hohe Stellung erhielt de> selbe unter Oberleitung des General-Adjutanten Damelowitscb, eines hochgebildeten Mannes, eine eben so gründliche wie vielseitige Erziehung und wissenschaftliche Bildung. Die kaiserlichen Eltern legten einen beioiweren Werth darauf, daß ihr Sohn seinen Gesichtskreis durch größere Reisen in das Ausland erweitere. Zn diesem Zweck trat der Zarewitsch >m Jahre 1890 eine längere Reise nach dem Orient und nach Asien an, auf welcher er, wie bekannt, einst in Lebensgefahr gebieth. Es war im Frühjahr 1891, als Großfürst Nikolaus auf seiner Rückkehr von Batavia über Saigon sich nach Hongkong und sodann nach Japan begab. In das russische Heer trat der jetzige Kaiser mit 18 Jahren, und zwar der Tradition gemäß in das Preo- brascbenSkcsche Garde-Infanterieregiment, ein. Daran schlössen sich Dienstleistungen bei den anderen Waffen, in denen er den Grund zu einer soliden Kenntniß des Dienstbetriebes und der Ausbildung der Kavallerie und Artillerie legte. Bei seinen Wiederholten Besuchen am deutschen Kaiserhofe hat sich der Großfürst Nikolaus Aiexandrowitsch die Sympathien der Kreise erworben, mit denen er in nähere periönltche Berührung gekommen. Allgemein werden die Urbanität seines Wesens, die Feinheit seiner Umgangsformen im gesellschaftlichen Verkehr und die Unbefangenheit seiner Anschauungsweise gerühmt. Zu dem preuß. Heere steht derselbe dadurch in persönlicher Beziehung, daß er Chef des 1. Westfäl. Husarenregimcnts Nr. 8 ist, und daß er L I» »uits des Kaiser Acexander-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 geführt wird. Zar Nckoiaus II. ist im Begriff, einer Prinzessin aus einem deutschen Herrscherhause, welches seit Jahrzehnten durch Familienbandc mit der russischen Herrscherfamilie verknüpft ist, der Prinzessin Alix von Hessen (deren Bild wir in Nr. 41 h. I. des Unterhaliungsblattes brachten), die Hand zur Vermählung zu reichen. Möge auf dieser Verbindung der Segen deS Himmels in reichstem Maße ruhen! Nas Ktammschlotz der Nomanosf in Moskau, die Wiege der heutigen russischen Dynastie, stand Jahrhunderte lang vergessen auf der Warwarka in Moskau, bis es im Jahre 1856 aus Befehl des Kaisers Alexander II. restaurirt ward. Unser Bild stellt die Rückseite und Hauptfaxade des restaurirten Gebäudes dar. Man genießt von den Höher gelegenen Zimmern aus eine herrliche Aussicht über die Stadt. Im Erdgeschoß befinden sich Keller und Küche, darüber Waffen- und Vorraths- kümmern. In dem niedrigen Aufbau unter dem Dache wohnte die Bojarin mit den Kindern, die Zimmer find der Mode älterer Zeit entsprechend niedrig und haben wenig Licht. Unter der Regierung von Boris Godunoff (1589-1605) tritt zuerst die Familie der Romanoffs auf; der erste Zar aus dem Hause Romanoff ward 1613 erwählt. -—i-^-1—- Allerlei. Bayerische Drohung. Ein Bauer besteigt in angeheitertem Zustande den Dampfer auf dem Starn- berger See. Da er durch seine schwankenden Bewegungen allerlei Gegenstände und auch Personen anrempelt, so ruft ihm der Kapitän zu: „Jetzt setzen Sie sich nieder und verhalten sich ruhig, sonst werfe ich Sie sofort in den See!" — „So?" sagte der Bauer zornbebend, „baldst mir das nochmal sagst, sauf i die ganze Lachen aus, und nacha kannst mit Dei'm Schlitten auf'm Sand ham fahren!" Kasernhofblüthe. Unteroffizier szu einem recht mageren Rekrutenj: „Mensch, Sie sehen ja aus wie ein Abreißkalender am 31. Dezember!" - » s> -»- Goldkörner. Wer nichts zu verzapfen hat, hänge kein Schild aus. K. Viele Menschen sehen die Tugend mehr im Bereuen der Fehler, als im Vermeiden derselben. Christoph Lichtcnberg. Mikder-Iiäthsek. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 89: Weiß. Schwarz. 1. S. 84—85 K. 84—85 : (^ oder 8) 2. D. 66—85 : -st beliebig. 3. L. 84-05 resp. D. 85—05 Matt. L.. s. 06—85: 2. D. 66-87 K. 84-84 3 D 87-84 Matt. 8 . 1. 06-05 2. S. 85-86 : -i- K. 86 84 3. D 66 6t Matt. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 91: Weiß. Schwarz. 1. T. 64-65 -j- K. 85 65: 2. S. 88-87 K. 65—85 3. 62-64 Matt. --WRR-- HL 93. Ireiiag, den 16 . November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). DrrmvarÄ vou Mdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) II. DaS BernwardSkreuz. So lag nun schier vollendet.in jugendlichem Reiz. Vor seinem edlen Meister das graße gold'ne Kreuz. Das war ein stetig Wachsen und Gedeihen der guten Stadt Hildeshcim, seit vor sieben Jahren Herr Vcrnward den Bischofsstuhl eingenommen hatte. Der gelehrte Bischof Bernward war ein rechter Vater für seine Unterthanen: ebenso gut wie klug, ebenso gerecht wie mildthätig. Fromm, weise, kunstsinnig und kricgsgewnndt, also priesen ihn die Untergebenen. Was nun seine berühmte Kunstschule betraf, so er zuerst auf dem Domhofe unter dem bescheidenen Namen: Werkstätten zur Betreibung von edlen Künsten, errichtet hatte, so war durch Znströmung selbige allgemach so zahlreich an Schülern aus allen Ständen geworden, daß ein weiter Plan, ein vor Kurzem erst dem Urwalds abgezwungener Wiesenplan im Norden der Stadt, kaum genügte, um alle die Werkstätten zu umschließen, allwo Metalle zu unterschiedlichem Gebrauch verarbeitet wurden, wo Ziegel nach Bischof BernwardS eigener Erfindung zur Dachbedeckung gebräunt wurden, wo Jünglinge die Kunst der Malerei, der Bildnerei und des Hausbaues gründlich erlernten. Für Jeden gab es da Unterweisung, und zwar meistens durch Herrn Bernward selber. Dessen liebste Erholung war es, gleichermaßen als Missionär der Kunst die Werkstätten zu besuchen und das Wissen und Können der Jünger nach Möglichkeit zu vertiefen und auszudehnen. Dabei verfolgte er den bestimmten Zweck: Alles zum Dienste, zur Ehre und Verherrlichung unseres lieben Herrn und Gottes! Es war ihm eine große Freude, zu sehen, mit welcher Schaffenslust die jungen Künstler unter seiner gelehrten Leitung miteinander arbeiteten, einander halfen, einander ergänzten. Das war ein reges, ein frisch-fröhliches Künstlerwetteisern auf der weiten Wiese. „Fromm und froh I" so hieß der Wahlspruch der Bernwardsschüler. Eines Tages, das Sonnenlicht war falber, die Blätter gelber und röther geworden, die Schwalben wollten wegziehen, es war im Anfang des Herbstmonats Eintausend, da stand ein fahrender Schüler im kurzen Mäntelein mitten auf dem von Werkstätten umgebene Plan. Er hielt eine lange wohlklingende Rede zu Ehren der Kunst im allgemeinen, insbesondere aber zu Ehren der Kunst des heiligen Evangelisten Lnkas, nämlich der Malerei. Hier und dorten kamen die Kunstjünger aus den Hütten hervor und lauschten begierig des Fremden Worten, die Einen andächtig, die Andern lachend. „Feuergeist l" urtheilten Diese. „Windiger Schwärmer!" Jene. „Welch' schöner Kopf!" flüsterten die Jüngsten. Ihnen war der wohlgesetzten Rede Sinn nicht klar, aber deren feine Wendungen machten desto tiefern Eindruck auf sie. „Der ist wohl in Noth um ein Obdach," meinte Lndolf, ein erfahrener Erzgießer. „Er wird die Schlafstätte auch finden, so er eben- solch' guten Willen bezeigt, wie seine schönen Worts verrathen," sprach Bruno, der Steinmetz. Etliche der jungen Schüler aber umringten den Fremden, fragten „woher und wohin", und was er könne. Der fuhr mit fünf Fingern durch die üppigen schwarzen Locken und gab gern Bescheid, daß er Klans genannt sei, daß er vom großen Nheinstrom komme, allwo er die Malkunst erlernt habe und woselbst er vom Nahm der Hildesheimer Schule vernommen, und daß er hier zu bleiben gedenke, falls der bischöfliche Herr ihn aufnehme. „Dann mußt Du aber Dich unter die geschickten Hände Folkards begeben und Dein wirres Gelocke verschneiden und kürzen lassen, auf daß Du nicht mehr Canis, dem Schulpudel, gleichest," ermähnte ihn gar weise Dedi, der kleinste und wohlgescheiteltste der Schüler. Da trat ein hoher, ehrfurchtgebietender Priester auf den Plan. Der mochte wohl eine Weile unbemerkt zuhorchend im Hintergründe gestanden haben. Bei aller Schlichtheit hatte der Mann ein gewaltig zwingendes Wesen; und als er die Worte: „Gott zum Gruß!" sprach, da ließ der Fremdling sich auf ein Knie nieder, um den bischöflichen Segen zu erbitten. Auch ohne daß es ihm Einer gesagt, wußte er, daß der Bischof Bernward vor ihm stehe. „Was Du zu den Schülern gesprochen, habe ich vernommen," redete dieser ihn wohlwollend an. „Arbeit für einen Lernbegierigen haben wir immer. Komm mit mir und zeige mix, was Du kannst." Das that Klaus vom Nheine gar willig und nicht »hne Selbstgefühl. Lächelnd schaute Herr Bernward ihm zu, wie er die Kohle handhabte, und wie er gewandt seine Striche zog, lauschte er, wie Klaus wortreich in Begeisterung seine Kenntnisse über Malerei auskramte. «Das gefällt wir wohl. Du zeigst eine gewisse Scharfsinnigkeit. Wenn Du versprichst, fleißig und von gutem Wandel zu sein, wagst Du hier bleiben; auch sollst Du etwas bet uns lernen," sprach er freundlich. Klaus vom Rheine versicherte glücklich: „Ich werde wir alle Mühe geben, hoher Herr." Dem Bischöfe aber dünkte etliches befremdlich. „Warum, mein Sohn," so fragte er, „birgst Du die linke Hand fortwährend in den Falten Deines Mantels, anstatt Dich ihrer zur Beihilfe zu bedienen?" Da flog heiße Rothe über des Jünglings Antlitz. Er senkte den Kopf und entgegnete leise: „Weil ich die linke Hand und den linken Arm nicht mehr habe, seit ich in unserer — in einer Burg, allwo ich die Kapelle mit Begebenheiten aus der biblischen Geschichte ausmalen wollte, vom Gerüste fiel. Und da ich aufstand, war ich ein Krüppel. Hoffte, Ihr solltet mein Gebrechen nicht wahrnehmen." Tiefes Erbarmen, inniges Mitleid leuchtete aus den milden Augen Bernwards. „Laß Dich durch solches nicht kränken. „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt Erl" So wird Er Dein Unglück auch zum Besten lenken. Komm mit mir", ermunterte er und schlug den Weg zu einem großen Gebäude ein. Das war fester gefügt, als die übrigen, seine Schlote rauchten. Hier wurde Erz gegossen und Metall künstlerisch verarbeitet. In einem großen Saale waren Jünglinge beschäftigt, aus Kupfer und aus Silberplatten einen mächtigen Kronleuchter zusammenzusetzen. Ein breitschultriger Lehrmeister mit klugen braunen Augen gab genau Acht auf eines Jeden Arbeit, auf daß Alles nach dem Plane Herrn Bernwards vollendet werde. „Dieser ist Herr Dtethelm vom Hofe Sommerwerk, wein Landsmann, ehemals mein Jugendgespiele und heute meine rechte Hand in der Kunstschule", erklärte der Bischof mit Wärme. Dann wandte er sich an den Meister. „Diethelm, Du sagtest, daß Du einem begabten fahrenden Schüler wohl ein Kämmerlein, ein Obdach in Deinem gottesfürchtigen Hause geben wolltest, sintemalen die Zellen in der Domschule alle besetzt sind. Hier bringe ich Dir einen Jüngling; den glaube ich als von guter Zucht erkannt zu haben. Er heißt Klaus und versteht etwas von der Kunst des Malens, wenn auch just nicht soviel, wie er vermeint." Hierbei flog ein kaum bemerkliches Lächeln über des Bischofs Antlitz. „Willst Du ihn aufnehmen?" Nach einem langen forschenden Blick — Klaus nannte den Blick mark- und beindurchbohrend — äußerte Diethelm: „Er soll wohl gehalten werden unter meinem Dache und soll gleich zum Mittagsmahl mit mir in's Haus gehen." Die Angelegenheit war zur Zufriedenheit erledigt. Herr Bernward begab sich dann, bald lobend, bald belehrend, von einem der Schüler zum andern und schritt darauf in eine Zelle, so hart an den großen Saal grenzte. Hier waltete sein blonder Jünger Heribert, jener Lieblingsschüler, der am verständnißvollsten die Gedanken des Meisters erfaßte und ausführte, Es war dort ein rechtes Künstlerheim. Entwürfe und Modelle zu kirchlichen Geräthschaften und Zierathen in Zeichnungen und in Thon ausgeführt hingen und standen rings umher. „Mein hoher Herr, sehet, die Mischung ist gelungen," rief Heribert dem Eintretenden entgegen und zeigte ein Stück Edelmetall von Heller Farbe. Das Metall schimmerte schön golden und silbern. «Ja, die Zusammensetzung ist geglückt, wie ich es erhofft," sprach Bernward. „So wollen wir auch diesen Leuchter," er deutete auf ein bildnerisch schönes Thon- modell, „aus solcher von uns erfundenen Masse gießen. Hier an den Capitalen und am Fuße wollen wir die Inschrift anbringen: „„Bischof Bernward ließ diesen Leuchter im ersten Aufblühen der Kunst nicht aus Gold noch aus Silber, sondern aus dem Stoffe, wie Du siehst, durch seinen Schüler schmelzen."" Etwa so l" Und der Bischof begann die Inschrift tief in lateinischen Worten in das Thonmodcll zu ritzen. „Mein Herr und Meister, das wird am morgigen Tage schon ausgeführt und soll am Feste der Heiligen Kosmas und Damian gegossen werden", rief Heribert begeistert. Bernward lächelte ob des Eifers seines geliebten Schülers, der Großes zu vollbringen im Stande war. „Wollte, mein Heribert, Alles gelänge Dir so, wie just eben in Aachen der wahrhaft schöne Sarkophag Karls des Großen! Du hast mit dem herrlichen Stück in getriebener und gegossener Arbeit wahrlich dem Kaiser Otto, wie mir selber, hohe Freude bereitet." „Die Arbeit wäre mir nicht gelungen ohne Euch, mein Herr und Meister", sprach Heribert und schaute innig zu dem Kirchenfürsten auf. Wie bleich und durchgeistigt war doch dessen edleS Angesicht. Ja dunkle Schatten lagen unter den glänzend blauen Augen, und eine Leidensfalte zog sich an den Mundwinkeln hin. „Herr, es will mich bedknken, als ob Ihr Euere Kräfte mehr schonen solltet", wagte Heribert schüchtern und erröthend zu bemerken. „Ich weiß, daß Ihr die nächtliche Ruhe unterbrechet, um im Gebete Gott zu dienen, und daß Ihr schon beim ersten Hahnenschrei wiederum laut die Psalmen betet, bis Ihr alsdann mit den geistlichen Brüdern Euch in's Capitel begebet. Viellieber Herr, das hält Euer Körper nimmer aus." Ein stilles Lächeln zeigte sich auf des Bischofs milden Zügen. „Seit wann giebt der Lehrling seinem Meister Rathschläge?" fragte er. „Lieber Heribert, ich thue nicht mehr, als mein himmlischer Vater von mir begehrt. Damit sollst Du beschicken sein." Er wollte gehen. An der Thür aber wandte er sich noch einmal um und sprach freundlich: „Wenn die Sonne zur Rüste geht, und wenn Du Dein Tagewerk beschlossen hast, so komme auf meine Arbeitszelle. Dort werde ich mit Gottes Hilfe ein Kunstwerk vollendet haben, dessen Anblick Dir Freude machen soll.« — Heribert nickte glücklich. Die Erwartung sprach auS seinem jugendfrohcn hübschen Antlitz. Gegen Mittag desselbigen Tages sprach Meister Diethelm freundlich zu dem fremden Schüler Klaus: „Kowm mit in mein Haus zum Imbiß.* Der leistete der Mahnung gern Folge. Er hatte sich überall in den Werkstätten umgesehen und verspürte nun gesunden Appetit. Sie schlugen also miteinander ihren Weg ein. Der brachte sie alsbald vor ein stattlich Fachwerkhaus; über dessen Eingang war in Latein der Spruch zu lesen; «Gott gebe dieser Wohnung seinen Frieden." Aus dem Hause heraus tönten volle weiche Musikklänge. Meister DiethelmS Auge leuchtete auf. „Das ist meine Tochter Clothild. Sie weiß, daß ihr Saitenspiel mein Herz erfreut. Darum nimmt sie stetig die Harfe, wenn sie denkt, daß der Vater heimkehrt." Rasch trat er ein. „Grüß Euch Gott miteinander, Weib und Kind! Seht, hier bringe ich Euch einen Gast, einen Schüler der Malkunst, der soll von nun an bei uns wohnen und unsere Mahlzeiten mit uns theilen." Seine Hansfrau Gisela, eine ernste, züchtig eingehüllte Matrone, bot dem vom Ehcherrn mitgebrachten Fremdling die Hand. „Seid willkommen!" sprach sie. Die Jungfrau lehnte ihr Saitenspiel an die Wand, erhob sich und neigte sich sittig vor dem Fremden. Dabei zuckte der helle Blick ihrer großen blauen Augen einen Moment forschend über den neuen Hausgenossen hin. Sie hatte ein rosiges, ausdrucksvolles Angesicht. Die ganze Erscheinung des Mägdleins mahnte den jungen Maler an die erste der klugen Jungfrauen, deren Bild er heute im Dommünster gesehen hatte. „Die Thörichten auf diesem Bilde sind mir lieber", hatte er dabei zu seinem Führer gesagt. Wie dem auch war, Klaus vom Nheiue fühlte gar bald, daß er bei liebevollen Menschen friedsam geborgen sei. Clothild langte von einem SimS, das reich mit Krugen und Schüsseln besetzt war, noch einen Zinnteller und - einen Löffel herab und rückte einen Stuhl an den schweren Eicheutisch, worauf der fahrende Schüler mit wohligem Heimathsgefühl sich zu den Andern ansetzte. Frau Gisela fragte ihn theilnehmend nach seiner Fahrt, und wie es ihm in Hildeshcim gefalle. Er gab redselig Bescheid über Alles. Das war des fremden Schülers Eintritt in das HanS Diethelms. Der Tag ging allgemach vorüber.. Lang war er Heribert geworden. Um die Abendstunde da wanderte er schnellen Ganges hinüber zu dem Domfrieden nach der festen Bischofsburg. Die war mit den Gebäulich- keiten der Domschule, allwo auch Heribert seine Zelle hatte, verwachsen. Er trat, wie Bernward ihn geheißen, in dessen gewölbtes, säulengetragenes Gemach ein. Der Bischof saß mit schier verklärtem Ausdruck, doch mit gesenkten Wimpern an seinem Arbeitstisch, so vertieft, daß er Heriberts Kommen nicht vernahm. Ein zitternder Strahl der untergehenden Sonne fiel durch das Bogenfenster und übergoß das bleiche stille Antlitz mit rosigem Schimmer. Fast andächtig erbaute Heribert sich an dem friedvollen Bilde. Er blieb stehen, denn er scheute sich den Sinnenden zu stören. AIS er endlich doch lauten, hell- fröhlichen Gruß rief, da hörte der Bischof ihn nicht. Der Ueberangestrengte war nach des Tages Last und Mühen am Arbeitstische eingeschlummert. Vor ihm aber lag von seiner Meisterhand gebildet ein vollendetes Kunstwerk, ein großes, goldenes Kreuz. Selbiges hatte er gar herrlich mit kostbaren Steinen, Gemmen und Perlen geschmückt, so daß Heribert sich vor Bewunderung kaum zu fassen vermochte. Daneben lagen in goldener Schale drei schlichte braune Holzsplitter. O, Heribert kannte dieses braune Holz. Das war vom Kreuze des Herrn und Heilands. Kaiser Otto III. hatte es einst seinem geliebten Lehrmeister Bernward geschenkt, als dieser ihn verließ, um über die Hildesheimische Heerde den Hirtenstab zu führen. Zu Ehren des lebendig machenden Kreuzes hatte der Bischof schon eine Mannigfaltig ausgczierte glänzende Kapelle außerhalb der Stadt errichtet und den Theil des Krenzes- holzcs in einem kostbaren Behältniß dort beigesetzt. Doch das bisherige Gefäß genügte, so dünkte es Heribert, dem frommen Künstler nicht. Jbn verlangte es, mit seinen eigenen Händen ein Behältniß in Kreuzesform zu schaffen und mit allen Edelsteinen zu schmücken, die er jahrelang gesammelt hatte. Und das war ihm wunderbar gelungen. Mit namenlosem Entzücken, ja geblendet schaute Heribert auf das Kunstwerk, daS im Abendsonnenschein Flammen zu sprühen schien, und das bestimmt war, die heilige Reliquie zu umschließen. Da schlug Bernward die Augen auf. Verwundert richtete er den Blick auf Heribert. „Du hier?" sagte er leise. „Ach, wie ist mir doch? — Ich trachtete, die Reliquie in Kreuzform diesem Gerüste einzufügen. Allein der Span litt nur eine Zersplitterung in drei Theile; ein Splitter fehlte mir: und während ich bekümmert darüber nachsann, wie er zu beschaffen sei, übermannte mich — ich weiß nicht wie — der Schlaf. „Da hatte ich einen wunderschönen Traum: Es ward hell, ein Engel, sonnenlicht und klar, erschien mir und legte den fehlenden Theil in meine gefalteten Hände." So sprach er, noch in der Erinnerung verklärt, löste die Hände, und siehe da — der fehlende Splitter lag darin. „ES ist Wahrheit, kein Traum! — Mein Heribert, ich halte die Partikel in meiner Hand!" Er blickte zum Himmel, seine Augen füllten sich mit Thränen. „Dank Dir, o großer Gott!" rief Bernward außer sich in frommer, freudiger Begeisterung. Ohne Verzug faßte er alle vier Theilchen in dem verfertigten Kreuzgerüste also ein, daß selbige in Form eines Kreuzes durch den Edelkrystall in der Mitte, da wo die Kreuzesbalken sich schnitten, hervorschienen. Heribert stand tief in der Seele durchschauert von heiliger Ehrfurcht. Ihm fehlte der Ausdruck, seiner Bewegung Worte zu verleihen. Jetzt sank er auf die Kniee und küßte das Kreuz, so der Bischof ihm mit den Worten vorhielt: „Siehe da daS Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen." Noch waren die Beiden in andachtsvolles Beten versenkt zu ihm, der am Kreuzesholze sein Leben hingab, da erklang vom nahen Thurme des Domes das „Ave", die Engelsbotschaft — „Gegrüßt seist Du, Maria!" so wiederholten Beide den Gruß des Engels mit einer Inbrunst, wie nie zuvor im Leben. In diesem Augenblick erdröhnte der Schritt eines 724 Gewappneten. Gleich darauf stand der stattliche Bruder des Bischofs, Graf Tammo, im Thürbogen. An seiner Hand führte er sein blondes Töchterlein Hathumod, ein etwa elfjähriges Mägdlein. Der sonst so helle Blick des ritterlichen Herrn war umflort, und über seinem männlich schönen Antlitz lag ein Zug von Wehmuth. Der Bischof sah es. „Du bringst keine Freudenbotschaft, mein Tammo," sagte er. Der Eintretende senkte das Haupt. „Viellieber Bernward, ich bringe die letzten Grüße und den letzten Segen unserer Schwester Judith. Wir haben sie verloren. Die Aebtissin von Ningelheim ist sanft in dem Herrn entschlafen und schon zur Ruhe beigesetzt." Bernward schaute gen Himmel. „Also todt! Ich wußte es," flüsterte er. „Ihr opferwilliges Leben war wie das Glühen einer heiligen Opferflamme, die sich vor Gott verzehrt. Sie ist zu den Heiligen gegangen. Dort wag sie für unsere Seelen bitten, auf daß wir, wie sie, einst selig vollenden. Wir aber, Schüler des Gekreuzigten, wollen unsern Schmerz und unsere Trauer um die geliebte Schwester aufopfern am Fuße des Kreuzes, auf daß sie vereinigt werden mit dem Leiden des Heilandes." Der Bischof sank in brünstigem Gebete nieder vor dem Kreuzesholz. Auch die Anderen knieten betend hin. Als Bernward sich endlich erhob, heischte er von Tammo nähere Kunde über das Ableben der Schwester, von dem er erst erfuhr, da er längere Zeit durch kaiserliche Aufträge von Hildesheim abwesend war. „Vicllieber Heribert", so wandte er sich an diesen, führe mein BruderStöchterlein Hathumod in das Vor- gewölbe und zeige ihr das Meßgewand, welches meine Schwester Judith mir einst kunstvoll verfertigte; zeige auch dem Kinde den kanaischen Wasserkrug, so Kaiser Otto uns kürzlich geschenkt hat, sowie die heiligen Ge- räthe, die Kelche und Patenen, die wir vor Kurzem vollendeten." Als die Beiden gegangen waren, hub Tammo an: „Hathumod ist just in dem Alter, wie ehedem unsere Schwester Judith und wie mein holdes Weib Hildes- witha es waren, als sie den frommen Frauen zu Gan- dersheim zur Obhut anvertraut wurden. Dorthin aber wollte ich mein Kind nicht geben, sintemalen die Herrin Gerberga an's Krankenlager gefesselt ist, und die edlen Schwestern, so noch in der alten Zucht aufgezogen waren, durch den Tod abgelöset sind, und weil ich der stolzen Stellvertreterin Gerbergas, der Kaisersschwester Sophia, mein Kind nicht anvertrauen wollte. Reichlicher Erwägung gemäß wollte ich meine Hathumod unserer Schwester Judith im Kloster Ringelheim zum Unterricht in den Wissenschaften und Künsten übergeben. „Judith aber war, als wir nach Ningelheim kamen, der Auflösung nahe und sah der Vereinigung mit ihrem Himmlischen Bräutigam entgegen. Sie segnete Hathumod und sprach schier verklärt ihre Meinung aus, daß meine Hausfrau Hildeswitha das Kind alles lehren könne, was die Gandersheimer Frauen vermöchten. Mir war es vergönnt, für uns Alle ihren letzten Segen zu empfangen, ihr nach ihrem erbaulichen Heimgang die Augen zu schließen." Nach einer Pause fügte er hinzu: «Und so führe ichHathumod wieder mit mir nachHause." Der Bischof sprach ernst: „Du thust wohl daran. Ich sehe meines Bruders Tochter lieber in dem mütterlichen Unterricht Hildes- withas, als unter Obsorge Sophias. „Mir selber steht in Gandersheim ein schweres Kreuz bevor. Die von meinem theueren Vorgänger, Herrn Othwin, nach meinem eigenen jugendlichen Plane gebaute und nun vollendete Kirche soll endlich eingeweiht werden. Zu diesem Zwecke ladet nun Frau Gerberga mich ein, am nahen Feste Kreuzerhöhung dorthin zu kommen. In ihrem Schreiben verhehlt die Aebtissin nicht, daß Herr Willegis von Mainz die eigentliche Weihe vollziehen soll. Ihre Stellvertreterin, die junge Kaisersschwester Sophia, glaube erkannt zu haben, es sei besser, Gandersheim stehe unter dem Schutz des mächtigen Erzbistums Mainz, als unter Obhut des Stiftes Hildesheim. „So werde ich am anberaumten Tage mich nach Gandersheim verfügen, wo mich die Klosterfrauen wie einen Fremden behandeln und mir kein Zeichen der Liebe und Ehre erweisen, wie ehedem meinen Vorgängern. Dort werde ich die Gerechtsamen meiner Hildesheimischen Kirche vertheidigen und die Einweihung am Kreuzerhöhungstage selber zu vollziehen suchen." „Du wirst schweren Kämpfen entgegen gehen," meinte Tammo. „Dessen bin ich mir klar bewußt. Doch die Rechte unserer Kirche gehen mir höher als die eigene Ehre. Ich kann nicht anders handeln," versicherte Bernward. Während also die Brüder in ernster Zwiesprache beisammen saßen, ergötzte der Schüler Heribert sich an dem Kunstverständniß und an den lebhaften Fragen der jungen Hathumod. Er schloß dem Kinde die gebräunten Truhen und Schränke auf. Da fand das Mägdlein viel zu bewundern an kirchlichen Gewändern und an kostbaren Gerathen von Gold und Silber. Heribert aber erfreute sich an der Lieblichkeit des Kindes, dessen blonde Locken wie gesponnenes Gold schimmerten, und dessen blaue Augen vor Entzücken leuchteten. „Dürfte ich sie malen!" dachte er. „Welch eine holde heilige Agnes würde sie darstellen!" Als die erlauchten Brüder gar ernst und wehmüthig gestimmt aus des Bischofs Gemach kamen, da trug Heribert frisch und unverzagt sein Anliegen vor. Die Herren stutzten zuerst. Der Bischof aber fand den Gedanken nicht übel, und Heribert durfte Gewährung seiner Bitte hoffen. „Lieber Sohn," sprach Herr Bernward zu Heribert, lasse alle Glocken läuten und eile zu unserm Herrn Dom- decan Thangmar, bitte ihn, die Domherren sogleich zur Todtenvesper und zur Mette für meine Schwester, die Aebtissin von Ningelheim, zusammenzurufen. Lasse auch die Wachskerzen anzünden. In einer halben Stunde bin ich im Dom in Euerer Mitte." (Forts, f.) Goldkörner. Ein Herz, an stete Leiden schon gewöhnt, Bebt vor dem Tode nicht. Sieht in der Stunde seines letzten Scheiden» Nur eine sanfte Lind'rung langer Schmerzen. 725 — Bilder aus SLciermark, Kärnte» und dem Küsten lande Kram. Von C. Mayer. (Fortsetzung.) VII. Trieft und Umgebung. Zwischen der Besichtigung der Adelsberger und der St. Canziansgrotten bei Divaca schoben wir den Besuch von Trieft ein, und es war gut, um den eigenartigen Eindruck der beiden unter sich so verschiedenen Höhlen- gebiete auf sich ohne Ermüdung wirken lassen zu können. Die lebhafte, verkehrsreiche Stadt mit ihren zahllosen Villen, in Mitte üppigster, südlicher Vegetation, amphi- theatralisch am Berghange aufsteigend und in lieblichem Halbkranze an die tiefblaue, sonnenerglänzende Adria hingelagert, — überwölbt vom lachenden Himmel, bot eine heitere, Herz und Gemüth erfrischende Abwechslung zwischen der schauervollen Majestät und grausigen Abgeschlossenheit der allerdings auch anziehenden und fesselnden Schrecknisse der Finsterniß. Die Fahrt über den Karst, der letzten Barricade gegen das adriatische Meer, vermittelt die beiden Ertreme des in seiner Mannigfaltigkeit unerschöpflichen Naturspieles. Ein ödes Kalksteinplateau, — so weit das Auge reicht sterile Steinfelder, starre Felsklötze, Erdsprünge und Nisse über die weite Fläche gestreut. Die Dörfer, bleich und farblos, von grauen Steinen aufgeführt und mit solchen gedeckt, heben sich kaum von dem steinigen Boden ab, ebenso wenig als die spärliche Pflänz- chen abweidende Ziegenheerde mit dem Hirten in grauem Filz und Kleidung, eine ebenso traurige Erscheinung als würdige Staffage in dem merkwürdigen, monotonen Bilde. In rascher Vorüberfahrt taucht der Blick von Zeit zu Zeit in größere oder kleinere trichterartige Vertiefungen, Dolmen. Die Bora, diese Feindin der Vegetation, streift jede Ackerkrume von der Höhe und häuft dieselbe in diesen Erdlöchern, die, vom Winde geschützt, dem Anbau günstig sind; der Fleiß und die Nothwendigkeit, jedes bebaubare Fleckchen zu benützen, läßt am Grunde derselben Felder und Weingärten erstehen, in denen Mais und Buchweizen zur Ernährung der Bewohner und, durch die sengende Sonne gereift, die köstlichsten Weine erzielt werden. Nach Station Sessano senkt sich die Bahn in großem Bogen an Prosccco und Nabresino vorüber an das Meer. Bei letzterer Station öffnet sich mit einem Male eine überraschend prächtige Aussicht auf die tiefblaue, leise bewegte Adria mit ihren unzähligen, weiß schimmernden Segeln auf glänzender Fläche; ganz Trieft mit seinen weißen Häusern und grünen Kuppeln, dem hohen Leuchtthnrm und vorspringenden Molos, an welchen stattliche Lloyddampfer ankern, liegt ausgebreitet vor uns; zu unsern Füßen bricht sich Welle an Welle an der starren Felsenzunge, der Punta Grigano, die das reizende Schloß Miramare trägt. Weiterhin schweift das Auge über die Küste von Jstrien mit ihren Städten und Ortschaften und das sich im Hintergründe erhebende Gebirge. Wir verweilten, da es uns außerordentlich gut gefiel, einige Tage in Trieft, die meist regelmäßigen Straßen und weiten Plätze mit den imposanten, mit Balkönen, Steinbalustraden, Reliefs und allegorischen Figuren geschmückten Gebäuden, durchwandernd, — die in Marmor und Mosaik prangenden Kirchen, die mancherlei Sehenswürdigkeiten, sowie das rege Verkehrsleben bewundernd. Sehr angenehme und billige Privatunterkuuft fanden wir bei Silvo. Facchina im 2. Stocke der Trattoria ai due Gewellt auf der Piazetta del pozzo del mare. Der heißen italienischen Sonne ungewohnt, zogen wir bald vor, den Tag mit Meerfahrten und im Genuß der außerordentlich angenehmen Seebäder Zuzubringen. Mit Anbruch der Nacht beginnt das Leben Triest's. Eine unglaubliche Menge durchwogt die Straßen, schäkernd, singend, kaufend; es wird 2 Uhr, bis der Lärm und das Gesumse der Straße allmählig erstirbt. Die Hauptstraße, Corso, mit den hellerleuchteten Verkaufsläden vermittelt den Hauptverkehr zwischen den großen Plätzen und angrenzenden Straßen. Bespült vom Meere, umgeben von den Prachtbauten des Lloydpalastes und des Municipio, auf dessen Glockenthürmchen zwei Erzfiguren mit klingendem Hammer die Stundenschläge verkünden, — in der Beleuchtung der elektrischen Bogenlampen, deren ruhige Flamme sich dem milden Mond- und bläulichen Sternen- lichte anpaßt, gewährt die Piazza Grande einen magischen Anblick, der noch erhöht wurde durch die Veranstaltung einer Festlichkeit mit brillanter Beleuchtung; wir erlebten hier in Wahrheit eine italienische Nacht, von der unsere künstlichen Gesellschaftsarrangemcnts nur ein schwaches Abbild ahnen lassen. Vor den hellerleuchteten, zahlreichen Cafes sammelt sich die elegante Welt, eine Tasse Mocca oder Sorbetto schlürfend; auf dem angrenzenden Molo Sän Carlo drängt sich die Kühlung und Erfrischung suchende Menge, malerische Gruppen im hellen Mondstrahle oder im tiefen Schatten der dunkel emporragenden colossalen Lloydschiffe bildend. Sehr interessant sind: der Fischmarkt mit allen möglichen Meererzeugnissen und Seeungeheuern, der Gemüse- und Obstmarkt mit den köstlichen Südfrüchten, unter denen sich Berge grüner Wassermelonen mit dem leuchtend rothen saftigen Fleische prächtig ausnehmen, der Abendmarkt an der Piazza Grande, längs der Küste, zu welchem die Einwohner der benachbarten Uferorte auf Schiffen die Waaren beischleppen, ein Geschrei, Gedränge und Angepreise, daß einem Hören und Sehen vergeht. In einer Seitengasse finden sich vor den Häusern, auf der Erde ausgebreitet, alle möglichen Gegenstände von den feinsten Möbeln und Antiken bis zum schlechtesten Krame dem Verkaufe ausgestellt. Afrikaner, Türken und Griechen in interessanten Costümen, polnische Juden mit den langen Röcken und den weißen Seitenlocken schreiten durch die Menge; dazu die hübschen Triestinerinnen mit hoch aufgestecktem Haar und kleinen Löckchcn an den Schläfen, vom dunkelsten Teint bis zur zartesten weißen Hautfarbe, am Arme ihres Galans, der ihnen zärtlich in die glänzenden tief schwarzen oder feurig blauen Augensterne blickt. Die schneeweiße, fuchsienartige Tuberose ist die Modeblumc Triests, mit der sich Jung und Alt, Hoch und Nieder schmückt. — Durch die steilen, mit weißem Granit gepflasterten, im Sonnenbrand erglühenden Straßen der unregelmäßig gebauten Altstadt gelangt man hinauf zur Kathedrale S. Giusto und zu dem Castell, von wo man einen prächtigen Blick über Stadt und Meer genießt. In der Trattoria Bissaldi in der Poststraße am Canale Grande fanden wir trefflichen Landwein, Prosecco, Terrano vom Karst, sowie spezifisch italienisch bereitete Kost; sucht indeß ein guter Bayer trotz aller Feuerweine Abends ein Glas Bier, so findet er dasselbe unter andern Restaurants vortrefflich bei Dreher in der Nähe des Tergesteum. Der hübscheste Spaziergang, den wir unternahmen. 726 war über Boschetto und den Giardino Publico zur Villa Ferdinanden, Restauration Jäger. Den Gang lohnte ein herrlicher Fernblick von der Höhe über die ganze Landschaft — ein tief empfundenes Bild in eigenartiger Stimmung und Größe. Die warme italienische Sonne ruhte mit ihren letzten Strahlen auf der wcißglänzcnden Stadt, streifte die starren Formen der Berge, die sie mit dem Zauberhauch des Südens in Färbung und Pflanzenwelt überzogen hat; das Meer, in rosa, hellblau und blaßgrünen Tinten spielend, widerstrahlt aus der Ferne purpurne Gluth, in welche die untergehende Sonne taucht. Unsere beiden Hauptausflüge zu Wasser waren Miramare und Capo d'Jstria mit Jsola. Die Beschreibung von Miramare, des vielbesungenen Märchenschlosses am Felsenriffe mit seinem feinsinnig ausgeschmückten Interieur und dem herrlichen, in südlicher Vegetation prangenden, von Pinien und Cedern begrenzten Garten, kann ich umgehen, und füge nur an, daß der Zauber dieses Feenreiches, verbunden mit dem Andenken an den unglücklichen Kaiser Maximilian von Mexico, uns ganz gefangen nahm. Der Aufenthalt dortselbst wurde uns leider gekürzt, da ein heranziehendes schweres Gewitter die Rückfahrt zu gefährden drohte. Schon thürmten sich die Wetterwolken, der Wind pfiff von allen Seiten, das Schiff hatte Mühe, aus dem kleinen eleganten Hafen zu steuern, und kämpfte, auf- und niedersteigend und umschwärmt von dem unruhigen Geflatter der Seemöven, mit den hochgehenden, sich überschlagenden Wellen; doch die Fahrt ist kurz und bleibt in der Nähe der Küste, so daß ich mich, auch als Neuling auf dem Meere, nicht zu ängstigen brauchte. Andern Tags ging es nach Capo d'Jstria und Jsola. Während auf der Tour nach Miramare die Gesellschaft sich aus Vergnügungsreisenden Zusammensetzte, denen die Fahrt zu würzen und sich einiges Kleingeld zu verdienen Volkssänger die schwermüthigcn Weisen einiger vrrnMni nationali in Begleitung der Guitarre vortrugen, — war dieses Mal das Schiff aus allen Schichten der Bevölkerung dicht besetzt, größtentheils rückkehrende Fischer und Marklleute und andere Bewohner der Umgebung, die in Trieft ihre Geschäfte besorgt hatten, was einen interessanten Einblick in landesübliche Gewohnheiten und Verhältnisse gestattete. Vorüber an den großartigen Werften des Lloyd und dem Quarantänehafen, verläßt das Schiff bei Muggia den Golf von Trieft und steuert auf offenem Meere der istrischen Küste entlang. Capo d'Jstria mit seinem weißen Leuchtthurm und kleinen Hafen liegt auf vorspringender Insel, die mittelst eines Steindammes mit dem Festlands zusammenhängt. Den Berg krönt ein altes Castell, als Gefangenanstalt verwendet, von wo aus ein weiter Blick über das bläuliche, weiß schäumende Meer. Eine Wanderung durch das uralte, echt italienischen Typus tragende Städtchen führt uns durch eine enge steile Gasse auf den Hauptplatz, an das Municipale mit Freitreppe aus Stein und reich mit Römersteinen verziert. Ebensolche finden sich am Dom mit schönem gothischen Portal und alter Ornamentik. Der Historiker und Alterthumsforscher wird hier wie in Trieft viel Interessantes finden. Vorbei an einem Hause mit gothischen Fensterstöcken und Thürpfosten, an welchem mir besonders ein Thürklopfer aus kunstvoller Bronze- arbeit, Venus und Amoretten vorstellend, auffiel, kamen wir an den einzigen Süßwasserbrunnen des Städtchens, einen Ziehbrunnen mit alter Steinarbeit und von eisernem Gitter umgeben, um den sich die Mägde und Schönen des Ortes Wasser schöpfend drängten, und zur Kapelle mit dem oroos iuirLouIc>8s. Interessant ist auch die Salzgewinnung durch Verdampfen des Meerwaffers an der Sonne. Nun beschlossen wir, nach dem 1 bis I V, Stunden entfernten Jsola zu gehen. Als Transportmittel dorthin benützen die Leute den Esel; an beiden Seiten hochbepackte Körbe überragen den Reiter in deren Mitte. Ordentlich böse war ich auf meinen Mann, daß er zögerte, mir zu dieser Partie auch einen Esel zu spendiren; als ich aber sah, wie das Langohr einen des Reitens unkundigen Reisenden schon beim Aufsitzen kopfüber abwarf, so daß sich derselbe unter großem Gelächter und Gejohle der zahlreich versammelten Straßenjungen in Sand und Staub wälzte, zog ich mit meinem Begleiter schweigend und wohlgemuth meine Straße, gleichwohl von der Bevölkerung angestaunt, der eine Fußtour in der Mittagszeit unfaßlich schien. Uebrigens war es gar nicht so unerträglich heiß. Die Straße nach Jsola bleibt stets am Meeresufer, wo immer eine frische Brise weht und Kurzweil und Unterhaltung mancher Art sich bietet. Dort, wo an den uuwirthlichcn Fclsenhügcln die Sonneustrahlen sengend abprallen, drückten wir uns möglichst schnell vorüber, mit um so größerer Wonne an den Weinbergen mit süßer, reifer Tranbenlast, an den Feigen- und Olivenhainen entlang zu schreiten. Ein einsamer freundlicher Kirchhof zwischen Scmedclla und Jsola bot uns kurze Rast. — Jsola ist ein Fischerdorf mit engen Gassen, die weniger für Wagen als für Eselsverkehr berechnet sind; wo eins Thüre offen stand, fiel der Blick in ein gräuliches Interieur; unter den wenig Vertrauen erregenden Gasthäusern suchten wir jenes am kleinen Fischerhaseu, neben der Gendarmerie- station, auf, ließen uns aber dann Sardonr, die schnell aus einem der niedlichen Segelboote geholt und gebacken waren, sowie Nefosco aus versiegelten Flaschen ausgezeichnet schmecken; überreife Ficchi, eine Menge für ein paar Kreuzer erhältlich, dienten zum köstlichen Nachtisch. Das Etablissement am Strande, in welckem die Sardinenzubercitung uud der Versandt derselben großartig betrieben wird, ist bemcrkenswerth. Wohlgestärkt traten wir die Rückwanderung nach Capo d'Jstria an und erwarteten dort im hübschen Kaffeehause am Haupt- platz das Zeichen zur abendlichen Rückfahrt des Schiffes nach Trieft. Der nächste Morgen traf uns auf der Fahrt nach dem Norden, dieses Mal über Sän Andrea-Herpelje. Hinter dem Lloyd-Arsenal verläßt die Bahn das Meer, in zahlreichen Curven die Höhe des Karstplateaus erklimmend und schöne Rückblicke auf Stadt, Meer und Küste bietend. Die Weinberge und Olivenhaine, die lieblichen Ansiedlungen und grünumrankten Villen entfliehen mit der Aussicht auf das Meer; wir sehen uns wieder mitten in den Zerstörungen der Vorzeit, wo alles zum Weltbau überflüssige Material zusammengeworfen scheint — in der von Cyclopen besäeten, von großen Kalkfelsen überschütteten Steinfläche, zwischen welcher nur armseliges Gestrüpp am klaffenden Saum der Erdrisse zu existiren sich abmüht. Bei Station Borst vermitteln die Ruinen Sän Servolo, die grau und düster den geborstenen Felsentrümmern sich anpassen, den romantischen Eintritt ins Gebirge. Die Bahn macht große Krümmungen, durchbraust mehrere Tunnels, die Landschaft wechselt. Bei Doltna in Mitte reichen Obstsegens taucht ein letzter Blick in die blaue Bucht, während die einsame Kirche von Potage schon wieder Felsenberge krönt. Eine große Biegung zwischen Ort und Station Draga von Buchweizenfeldern getrennt, bringt uns zur höchsten Steigung der Bahn; dann durch viele Tunnels, an Kastanienwäldern vorüber, nach Station Herpelje. Eine eigenthümliche Beschuhung der Bewohner der benachbarten slovenischen Ortschaften fällt hier auf: die Opanken, einfache Ledersohlen mittelst Riemen am Fuße befestigt. Rodik ist ein hübscher Ort mit hohem Thurm am Fuße eines bewaldeten Bergkegcls. Hier zeigt sich, wie an manchen andern Stellen des Karstes, z. B. bei Adelsberg, die glückliche Aufforstung des Terrains, die hier ein Pfarrherr vor 30 Jahren trotz vieler Mühe mit Erfolg bewerkstelligte; wo indeß Bora herrscht, ist der Baumwuchs wie abgeschnitten. Wir kommen nun zur Station Divaca mit den oben beschriebenen St. Canzians-Höhlen und finden uns andern Tags in Nömerbad. (Schluß folgt.) --«-z-WU-«- Wichtige Berkehrsiverke. Von Fer. Neu Heck. - (Nachdruck verboten.; Eine mächtige, folgenreiche Errungenschaft unseres Jahrhunderts sind die neuen Verkehrs werke. Durch sie sind die geographischen Schranken gefallen, welche die Völker, ja, die Welttheile verschlossen. Was die einzelnen Völker in Urproduktion, Fabrikation und Gewerbe durch Intelligenz, Fleiß und Kunst zu Tage fördern, kann jetzt Gemeingut der Welt werden. Es handelt sich aber nicht bloß um die Verbreitung und Gewinnung nur materieller Güter, sondern auch — und nicht etwa nebensächlich — um die geistigen Güter, welche den materiellen erst die Weihe und ihren wahren Werth verleihen. In Schaffung von Verkehrsmitteln hat die neue Zeit eine erstaunliche Thatkraft und Opferwilligkeit entfaltet, und thut es noch; große Unternehmungen sind eben noch im Werke, namentlich im Bereiche der praktischen Kolonialpolitik, wie z. B. dem Bau von Eisenbahnen. Schon längere Zeit vollendete Vcrkehrswcrke bieten jetzt einen sehr interessanten Einblick in den durch sie in bedeutendem Maße geförderten internationalen Verkehr. Wir wollen z. B. heute in dieser Beziehung an den Suez-Kanal erinnern, und in Bezug aus das Eisenbahnwesen au die im Bau begriffene Bahn in Belgisch-Kongo (Wcstafrika). Den Suez-Kanal (Nordafrika) frequcntirtm im Jahre 1893 3341 Schiffe. Dieselben enthielten an Fahr- gütern ein Ge ammtgcwicht von 7,659,000 Tonnen. Eine Tonne enthält 40 Lasten — die Last — 25 Kilogramm, somit 1 Tonne 20 Neuccntner („Zvllcentner?").*) Der 7,659,000 Tonnengehalt entziffert also die respectable Summe von 153,180,000 Centner. — Von der Ge- fammtzohl der Schiffe gehören: England 2405 (!), Deutschland 272, Frankreich 190(1), Holland 178, Oesterreich- Ungarn 71, Italien 67, Norwegen 50, Türkei 34, Spanien 29, Rußland 24, Portugal 10, Aegyvtcn 5, Nordamerika 3, Belgien, Japan, Brasilien je 1. Die Frachttaxe der Durchfahrt ist für jede Tonne *) Man berechnete im Schiffswesen die Tonne mit 20 Cent- nern, weil dieses Gewicht der mit Meerwasser gestillten Tonne entspricht. D. V. Ladung (Nettogewicht) 10 Franken. — Pcrsonentoxe — ebensoviel — für 1 Passagier. Der Passagiere warm es 186,495. Die Länge des Kanals beträgt 160 1cm; die größte Breite an der Sohle 22 w, am Wasserspiegel 58—100 m; die Tiefe 7—9 m. — Die mittlere Zeitdauer der Durchfahrt währt 20 Stunden 44 Minuten. Durch den Suezkanal und die Dampfmaschine ist der Weg nach Ostindien und dem fernsten Ostasien iu fabelhafter Weise abgekürzt. Einst brauchten wir, um nach Ostindien, China, Japan zu gelangen, ein Jahr, bei großen Hindernissen an zwei Jahre; heute genügen 28—32 Tage und nach dem südlichsten Theile Japans 39—42 Tage. — Einen besonderen Gewinn zieht daraus das erhabene Misfionswerk zur christlichen Civilisation. In sehr rühmlicher Weise verbindet Belgien in seiner Kolonialpolitik im Kongostaat eben das christliche Civili- sationswerk mit seinen materiellen Zwecken — voran der hochherzige König Leopold. Was unter seiner Aegide der kleine Staat Belgien im Kongoland schon geleistet, ist wirklich erstaunlich; und eben ist es an einem ungcmein schwierigen und kostspieligen Werke — am Bau einer Eisenbahn für die nicht schiffbare Strecke des Unterkongo. Der Kongo ist der Laufweite nach der vicrtgrößte Niesen- strom der Erde; seiner Wassermenge nach aber der dritte. Die Rangfolge ist: 1. der Amazonenflnß in Südamerika, 2. der Aang-tsc-kiang in China, 3. der Nil in Nord- asrika, 4. der Kongo; in der Wasserfülle kommt der Kongo vor dem Nil. Dieser hat eine Länge von 5600 km, der Kongo von 4900 km; der Nil mündet in der Secunde 8500 obm in daS Meer (Mittelländisches); der Kongo dagegen (in's Atlantische Meer) in der Secunde 54,000 obiQ (I); das beträgt in einer Stunde 200 Milliarden Liter. Der Kongo erreicht eine Tiefe von 100 m, im Mündungsgebiet 300—400 m, "^) und an manchen Stellen dehnt er sich aus zu einer Secbrcite. Die mächtige Wasserfülle des Kongo bildet sich durch seine großen Nebenflüffe, von denen mehrere selbst Niesen- ströme sind. Der Laus des Kongo stellt einen kolossalen Halbkreis dar, dessen Becken — etwa in der Mitte des belgischen Kongostaatcs, von Norden nach Süden — eine Tiefe von 120 geographischen Meilen (240 Stunden) und dessen Breite unten im Süden 160—195 geographisch- Meilen hat. — Im Osten — tief im Süden entspringend, von mehreren Seen gespeist — fließt er in einer dreigliedrigen Vogenlinie nach Westen. Die erste oder östliche Linie steigt in nördlicher Richtung, etwas nach Westen geneigt, bis zu den Stanley-Fällen. Oberhalb derselben wird der Kongo schiffbar — für größere Fahrzeuge. Nun biegt der Laus zuerst in streng nördlicher Richtung, dann fast in gerader nach Westen ab: das ist die nördliche Bogeulinie, in welche von Norden und Nordosten kommend mehrere große Flüsse münden, darunter der vielgenannte Aruwimi. Diese nördliche Linie hat eine Länge von 7 Breitegraden; bei ihren Biegungen dürfen wir aber ein Zumaß geben, so daß sich etwa 113 geographische Meilen ergeben. Am 18. Grad östlicher Länge und unterm 2. Grad nördlicher Breite biegt der Laus jäh nach Süden ab: das ist die **) Der Kongo übertrifft die Wasserstelle des Mississippi, der 24,000 oben mündet, um das Doppelte. Der Slmazoncn- fluß aller mündet in einer Stunde an 800 Millionen ebm, wahrend beim Kongo die Zahl auf nur 200 Millionen ebw steigt. 728 westliche Linie — und die Hanptlinie. Im Unterlaufe dehnt sich der Strom immer weiter nach Westen, so daß er unterm 13. Länger,rade und 6. Grad südlicher Breite mündet. Durch diese weite Ausdehnung erkält diese Vogenlinie eine Länge von ca. 145 geographischen Meilen. In diese Westtinie münden die bedemendstcn schiffbaren Flüsse: auf der Westseite der Ubanghi und Buloko — beide 1000 Icur weit schiffbar. Auf der östlichen Seite münden: der Kassai-Sankuru (von denen der Kassai weit von Süden, der Sankuru weit von Osten herkommt), bietet eine Wasserstraße von 30001cm (!); der Tschuapa mit dem Matumbasee und der Jkelemba mit 7451cm, der Lulongo mit 600 Irrn; der Kongo selbst hat eine schiffbare Länge von 16001cm; zusammen eine Wasserstraße von 10,000 1cm. Das ist ein rcspectabler Wasserweg; nur möchte man wünschen, daß die ganze Westlinie schiffbar wäre. Das ist jedoch leider nicht der Fall. Der ganze Unterlauf, ausgenommen eine kleine Strecke vor der Mündung, ist wegen mächtiger Wasser- schnellen und Wasserfälle bis hinauf zum Stanley-Pool (Pool zn deutsch See) nicht schiffbar; also bis zum Mittellauf der Westlinie. Darum hat es Belgien unternommen, an dieser Strecke eine Eisenbahn zu bauen. Der felsige Grund und das ungünstige Terrain überhaupt und hiezu noch ein höchst ungesundes Klima gestalten diesenBau zu einem der schwierigsten und kostspieligsten seiner Art. Er wurde im Jahre 1890 in Angriff genommen. Mit säst übermenschlicher Anstrengung konnte man in nun bereits vier Jahren erst eine Strecke von 401cm fertig stellen, und in vier Jahren hoffte man mit der ganzen Strecke, die 435 km mißt, fertig zu werden! Ein Haupthinderniß ist der Arbeitermangel. Aber auch den Kostenvoranschlag überstieg bisher die Ausgabe. Die Gesammt-Summe wurde auf 25 Millionen Franken geschätzt; die jährliche Verausgabung auf 1,2 Millionen. Diese letztere Summe ist jedoch jährlich auf 2,8 Millionen gestiegen! Wahrhaftig, dieses Unternehmen erfordert einen herzwarmen Patriotismus und einen hohen Grad von Muth! — Die Einnahmen des belgischen Kongostaates aus den Erträgnissen desselben betragen nur 14/z Million Franken; dazu kommt noch die Staatssubvention von 1,600,000 Franken und bedeutende Zulagen aus der Privatkasse des Königs. Die jährliche Ausgabe dagegen beträgt 5,400,000 Franken (nach dem officiellen Jahresbericht von 1894). Gewiß, diese große Opferwilligkcit Belgiens verdient alle Anerkennung, wie auch ein Kongo- Missionär in den „Kathol. Missionen" Nr. 10 betont, und im Hinblick daraus, daß dieser Staat auch für die Kongo-Mission so Hochverdienstliches leistet, dabei die Hoffnung ausspricht, der wir wohl Alle beistimmen: „daß Belgiens hochherzige Förderung des Missions- werles auch seinen materiellen Bestrebungen den Segen von Oben zuwenden wird". ALLsNZeL» Zur Geschichte der Kartoffel. Die französische Nckerbangesellschaft hat von den Herren Vilmorin und Heuzo eine umfangreiche und gründliche Darstellung der Herkunft und Verbreitung der Kartoffel erhalten. Wir entnehmen daraus nach dem „Temps" die nachfolgenden Angaben: Die Kartoffel wächst wild in Peru und Chile, sowie auf den benachbarten Inseln. Gebaut wurde sie nachweislich in den westlichen Küstenländern Südamerikas lange vor der Ankunft der Spanier. Die ersten Geschichtschreiber des Landes erwähnen der Kartoffel als eines allgemein üblichen Nahrungsmittels der Peruaner; es gab weiße, gelbe und rothe Sorten. Zarate Acosta, ein castillianischer Schriftsteller, der 1514 Schatzmeister in Peru war, hat sie zu dieser Zeit beschrieben. Die Spanier brachten die Kartoffel in ihre Heimath, und von da wanderte sie nach Italien, wo sie gegen Ende des 16. Jahrhunderts unter dem Namen tarrrtuM (Erdtrüffeln, daher der Name „Kartoffel") ziemlich bekannt war. John Hawkins brachte sie 1586 von Santa Fs nach Irland. Charles de l'Escluse (Clusius), Professor der Akademie von Leyden, erhielt 1588 zwei Kartoffeln, die der päpstliche Legat einem seiner Freunde geschenkt hatte; er beschrieb sie in seiner Geschichte seltener Pflanzen, wobei er bemerkte, in Italien sei die Kartoffel so verbreitet, daß man sie den Schweinen gebe. Nach London wurde sie direkt aus Virginicn durch den Admiral Drake gebracht, der sie zuerst in die englischen Kolonien Nordamerikas eingeführt hatte; sie wurde aber nicht beachtet. Erst 1628, als sie zum zweiten Male, diesmal durch Walter Raleigh, nach England gebracht wurde, begann ihr Anbau auf den britischen Inseln sich zu verbreiten. Nach Humboldt geschah der Anbau im Großen seit 1634 in Lancashire, seit 1717 in Sachsen, seit 1728 in Schottland, seit 1733 in Preußen; nach der großen Hungersnoth von 1771 verbreitete sie sich über ganz Deutschland; in Frankreich wurde sie 1592 durch Gas- pard Bauhins eingeführt; sie verbreitete sich rasch in der Freigrafschaft, in den Vogesen und in Burgund. Bald aber wurde sie verfolgt und verboten, namentlich von den Parlamenten. Das Parlament (Oberster Gerichtshof) von Besangon fällte folgendes Urtheil: „In Anbetracht, daß die sogenannten Erdäpfel eine schädliche Frucht sind und ihr Genuß den Aussatz hervorrufen kann, verbieten wir hiermit ihren Anbau in unserem Lande bei schwerer Strafe." In Lothringen wurde die Kartoffel 1719 dem Zehnten unterworfen, in andern Gegenden war sie davon befreit. Von 1761 an that Duhamel viel für ihre Verbreitung. Turgot ließ sich von der medicinischen Fakultät von Paris ein Gutachten geben, das die Kartoffel für ein höchst nützliches und gesundes Nahrungsmittel erklärte. Auch er that viel für deren Verbreitung. Ebenso die Geistlichkeit. Der Bischof Varral von Castres theilte den Pfarrern seiner Diözese Kartoffeln aus und lehrte sie den Anbau. Von 1778 an bewirkte dann Parmen- tier, daß die Kartoffel in ganz Frankreich angebaut wurde und auch in die entlegensten Thäler drang. -- Engel Liaö Eis Abel Zelot Amen Au Stern Akrostichon. Aus jedein der nebenstehenden Wörter ist durch Versetzung eines Buchstabens ein neues Wort zu bilden. Die hinzugefügten Buchstaben ergeben in anderer Reihenfolge den Titelhelden einer allen Knaben bekannten Erzählung. Auslösung des Vilder-Näthscls in Nr. 92: Stiergefechte. AntkMltimg zsr „Augsburger PostMung". 94. Dinstag, den 20. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >ür Grabherr in Augsburg Weber. ^ In der weitläufigen Dom-Bücherei sah es am Früh- . morgen deS vierzehnten Tages im Herbstmonate gar be- j haglich aus. Ein großes Feuer loderte im Kamin, und Kienfackeln beleuchteten die mächtigen in Schweinsleder gebundenen Folianten, so zwischen den Säulen auf hohen Gestellen sich aneinander reihten. j Drinnen waltete ruhig und umsichtig Herr Ekkehard. ^ Der war ein Sachsensproß aus dem nahen Harsum. Er hatte einstmals mit Bischof Bernward zugleich zu Thang- mars Füßen gesessen, so damals Vorsteher der Domschule und heute Domdecan war. Herr Ekkehard aber war inzwischen Bischof von Schleswig geworden. Die Wenden jedoch hatten ihn von seinem Bischofssitz vertrieben. Da hatte alsdann der Flüchtling offene Arme gefunden in Hildesheim bei seinem Mitschüler, dem Bischof, und bei seinem Lehrmeister, dem Decan. Nach besten Kräften waltete er hier und dorten und nahm insbesondere sich mit Liebe und Geschick der Dom-Bücherei an. „Unser heiliger Bischof Altfried möge Euch droben , den Dienst gedenken, den Ihr seinem Stift mit dem ^ Ordnen der Wissenschaften leistet," sprach eine tiefe Stimme vom Eingang her, und die kraftvolle Gestalt Herrn Thangmars erschien auf der Schwelle. Selbiger trat näher und erzählte nicht ohne Ingrimm: j „Vernehmt nur, der Mainzer Erzbischof sendet eben ein Pergament mit der Botschaft, daß er aus eigener Machtvollkommenheit die Kirchweihe zu Gandersheim auf das Matthäusfest verlegt habe, und daß unser bischöflicher Herr ihm ungesäumt an besagtem Tage entgegenkommen solle." „Wäre es möglich?" rief Ekkehard erregt. „Es ist so," bestätigte Thangmar und fügte hinzu: „Der Mainzer Bote aber ist schon mit einem Schreiben unseres Herrn auf dem Heimweg, worin Herr Bernward der Wahrheit gemäß dem Erzbischof meldet, er sei durch kaiserliche Aufträge in Anspruch genommen, mit wichtigen Dingen beschäftigt und könne nicht, wie befohlen, am Matthäustage ihm entgegenkommen. Und so reisen . wir heute nach Gandersheim, die Einweihung zu vollziehen, wie die Aebtissin Gerberga ursprünglich bestimmt hat." „Recht sol" sprach Ekkehard. „Und Gottes Segen geleite Euch!" „Dank für den guten Wunsch I Eine leichte Sache ist es nicht, die uns bevorsteht. Gehabt Euch wohl!" sagte Herr Thangmar und ging mit entschiedenen Schritten von dannen. Das war am Feste Kreuzeserhöhung. , Sechs Wochen später finden wir den fremden Schüler Klaus vom Rhein gar traulich im Hause Diethelms. Auf der Kunstschule arbeitet der Strebsame tagsüber mit Feuereifer und Geschick; seine Kräfte wuchsen. Die schöne Rast aber, die ihm sein Beruf des Abends freiließ, durfte er nutzen zu herzerquickendem Thun. Manch lehrreich Gespräch mit seinem Gastherrn Diethelm konnt, er führen, manch traulich Stündlein mit Frau Gisela und Jungfrau Clothild verplaudern. So saßen sie stets beschaulich des Abends beisammen, sahen dem Sonnenuntergang zu, hörten die letzten Lieder der Amsel. Dann nahm Clothild ihr Saitenspiel und stimmte fromme Weisen an, zuerst den englischen Gruß. Sie schaute fromm gegen den Abendhimmel und sang mit ihrer tiefen Altstimme: „Gegrüßt seist Du, Maria!" und die Andern fielen ein in ihren Gruß, und das Aveglöckchen des Marien- domes läutete sein Amen. Bei diesem frommen Lied ließ Clothild es nicht bewenden, und Herr Klaus, der manchen neuen Sang und manche alte Mär, wie das Waltharilied und den Sang von Hildebrand und Hadubrand zu singen wußte und selber Ton und Weise dazu finden konnte, gab der Jungfrau an, wie sie das Saitenspiel handhaben mußte, um das, was er singen und sagen wollte, so wie es ihm um's Herz war, nach seinen Gedanken zu begleiten. Er fand eine verständige Freundin, eine Geistesgenosstn. Und die Musik redete von Herz zu Herzen. Zuweilen auch sang Klaus ohne Begleitung im Sprechtone: „Uns ist in alten Mären Wunders viel gesagt von ruhmes- werthen Helden, von großer Kühnheit, von Freuden und von Festen, von Weinen und von Klagen — von kühner Recken Streiten möget ihr nun Wunder hören sagen." Dann lauschten Alle athemlos der Nibelungen Noth, bis der Sänger geendet. Herr Klaus vom Rheine war wohlig zufrieden. Die Zeit verstrich ihm gleichmäßig ruhig und arbeit- bringend. Dankbar gab er sich Mühe, alles nach den Wünschen feiner Gastleute zu machen. So war in Meister Diethelms stillen Haushalt seit der Einkehr des rheinischen Gastes ein neuer froher Geist gezogen; nicht laute Lustigkeit, die paßte in das Haus ebensowenig, wie in die Kirche, aber vollkommenere stille Freude an den Künsten und verdoppelte Fröhlichkeit der Herzen im gegenseitigen Ermuntern zum Guten und Edeln. Das Aussprechen mit einander, die Wechselreden über Kunst gaben neuen Stoff zu ernstem Nachdenken, zu fruchtbarem Schaffen. Herrn Klaus schien es auch eine rechte Freude, zu sehen, wie wirthlich und gewandt die anmuthige Clo- thilde alles zu ordnen wußte. Ein schlimmerer Punkt aber war der: Wenn auch der Maler Klaus sehr wortreich vow rheinischen Leben zu berichten wußte, so wurde er redekarg, wenn er von sich selber, von seiner Vergangenheit, von seinen Verwandten erzählen sollte. Er sprach nur gerne von dem, was er heute zu schaffen vorhatte und zu leisten vermochte. Aber das Unausgesprochene war ein Hemmniß im unbefangenen Verkehr. Das fühlten Alle. Gegen Ende des Weinmonats, der freilich seinem Namen im nordischen Hildesheim gar wenig Ehre machte, saßen sie wie jeden Abend traulich in Meister Diethelms Wohnstube beisammen. Draußen gingen die Herbststürme, und drinnen sprühte das Kaminfeuer. Um das warme, hellaufsprühende schaarte sich die Familie. Es war ein gar freundliches Bild. Wie ist doch die Welt so schön, so reich, wenn Freunde sich aneinander schließen! Was der belebende Sonnenstrahl der Erde, das ist die herzliche Freundschaft 731 dem Menschen. So wenig reicht aus, um glücklich zu sein. Nur der ist arm, der im großen Welttreiben auf dem Erdenrund kein friedsam Plätzchen gefunden hat, um sich niederzusetzen. Sie sangen vierstimmig zur Clothildens Spiel die wunderliebliche Melodie: „Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart." Das Lied gab ihnen ein Vorgefühl vom nicht allzufernen Christfest. Und die vier glücklichen Menschen dachten an der Engel Sang: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen, die guten Willens sind." Sie hatten nur den einen Wunsch: „Daß es lange so bleibe!" „Hier ist es gut sein," sprach Heribert, der unver° merkt in das nicht verschlossene Haus eingetreten war. Freudig hießen Alle den späten Gast willkommen. Kunstschätze Italiens, Roms sehen und kennen zu lernen, das war mehr, als Klaus jemals erhofft und erträumt hatte. Er war außer sich vor stolz-demüthtger Glückseligkeit. Sein Gastherr Diethelm trat vor, bot ihm die Hand und sprach freudig: ^ „So nimm meinen Segenswunsch, Du beglücktes Menschenkind! Unser heiliger Altfried behüte und schirme Dich auf der Reise." „Dank Euch für den guten Wunsch," sagte Klaus. Da kam quch die milde Hausfrau auf ihn zu, Wehmuth im Blicke. k „Ich habe niemals einen Sohn gehabt," also sprach > Frau Gisela. „Doch heute ist es mir, lieber Klaus, als ob ich einen Sohn in die weite Welt entlassen sollte. Mein Segen geleite Dich!" MM WAW AM '.PUU Die Dosen der heil. Ttisadelh. Der strahlte vor Glück und platzte sogleich mit seiner Botschaft hervor: „Lieber Klaus, ich soll Dir vermelden. Du darfst gleich mir unsern bischöflichen Herrn nach Wälschland, nach Rom begleiten. Schnüre Dein Bündel. In wenig Tagen reiten wir." Die Wirkung dieser Worte war außerordentlich. Fassungslos starrte Klaus den Freudenboten an: er vermochte kaum zu glauben, daß ihm solches Heil widerfahren solle. Dann plötzlich aber sprang er in wahrem Taumel auf, warf sich jubelnd an des Freundes Brust und umhalste ihn stürmisch. Ja, er Hütte die ganze Welt umarmen, alle Menschen glücklich sehen mögen. Erlesen zu sein, unter des gelehrten Bischofs Führung, unter der Leitung Herrn Bernwards, den er schwärmerisch verehrte, wie keinen anderen Menschen, die Klaus vom Nheine dankte herzlich und schaute sich um nach der stillen Clothild. Die war bleich und stumm geworden wie ein Marmorbild, und ebenso unbewegt. Er schritt auf sie zu und beugte sich zu ihr nieder. „Habt Ihr allein keinen Segensspruch, keinen Wunsch für mich?" fragte er bewegt. Die Maid schaute traurig empor, und Klaus sah ihre großen blauen Augen in Thränen. „Mir geht's wie der Mutter," sprach sie einfach. „Ich habe keinen Bruder gehabt, und doch habe ich die Empfindung, als ob ein Bruder mir in das Wälschland zöge. O möge der liebe Gott Euch beschützen!" Klaus aber hatte kein Verständniß für ihre gefühlvolle Trauer. „Das wird er, Jungfrau Clothild; ganz gewiß wird 732 der liebe Herrgott das, denn er hat mich berufen," sagte er freudig und zuversichtlich. Heribert stand beiseite, wischte verhohlen mit der Hand über die Augen und dachte: „Wohl dem, der ein solches Heimathhaus gefun- ^ den hat!" ! Meister Dieihelm entriß ihn seiner Betrachtung. „Heribert, Ihr wart dazumal mit unserm Herrn nach Gandersheim geritten, erzählt, wie war's mit der Unbild, so ihm daselbst geschah." Der Aufforderung entsprach Heribert nicht ungern. Es wurmte ihn noch grimmig, wenn er an das Erleb- niß dachte. j „Das war folgendermaßen: Wir kamen des Mor- > gens früh nach Gandersheim und fanden dort statt feier- > lichen Empfanges und rechtmäßiger Ehrenbezeigungen vor der Kirchcnthüre eine erkleckliche Menschenmenge, so bereit war, mit Stangen und Waffen auf unseren hochwürdigen Herrn einzudringen, falls er sich herausnehmen würde, die Einweihung der Kirche zu vollziehen. Dazu war er doch auf altes Recht hin von der Aebtissin Ger- berga berufen. „Das Stift gehört zu Mainz, wir haben eine neue Grenze gefunden I schrie der Anführer und schwang seinen rostigen Spieß. Unser Herr aber ließ sich nicht beirren. Trotz der Schmähungen, trotz der Unbilden von allen Seiten trat er ein, hielt er — es war ergreifend — das feierliche Hochamt. „Viel treues Volk war bei der Kunde von der Ankunft seines Bischofs wie zu einem Feste zusammengekommen, und ein Fest war es auch. „Die Schwestern aber hatten ihren Sinn auf Mainz gestellt und zeigten sich entrüstet. Als Herr Bischof Bernward sie, wie gebräuchlich, zur Opfergabe ermähnte, warfen einige die Gaben mit Zorn unserem Herrn vor dio Füße. Der aber, durch einen so unerhörten Aufruhr auf's Tiefste bewegt, brach in Thränen aus, nicht weil er sich selber, sondern weil er Gott beleidigt sah. Er kehrte indessen zum Altare zurück und vollendete mit großer Inbrunst die heilige Messe. Dann wandte er sich zum Gandersheimischen Volk mit väterlicher Anrede, tröstete dasselbe und segnete es. Darauf kehrte er, von selbigem ehrenvoll auf den Weg geleitet, dorthin zurück, woher er gekommen war." „Welche Demuth und welche Mäßigung des hohen Herrn!" rief Diethelm aus. „Wer möchte glauben, daß ein Mann von so hoher geistlicher Würde, von solch' edelem Geschlecht und von so vielen Dienstmannen umgeben, den Kränkungen lieber mit Geduld, als mit Gewalt begegnen wollte!" Er fuhr mit der Hand über die Stirn. „Ja, ja, ich weiß, der gestrenge Herr Willegis glaubt ein Recht auf Gandersheim zu haben, wenn schon unser gelehrter Herr Thangmar durch Pergamente nachgewiesen hat, daß das Kloster immer zum Stifte Hildesheim gehörte. Meines Erachtens liegt die Sache so: „Der Sachsenherzog Liudolf baute das Kloster zuerst auf dem rechten Ufer der Gande, auf Hildesheimi- schem Gebiet, und unser heiliger Bischof Altfried weihte es ein. Etliche Jahre später baute Liudolf nun auf dem linken Ufer der Gande, so zu Mainz gerechnet ward. Und weil das ganze Gebiet dem Liudolf gehörte, verblieb alles bei Hildesheim und wurde auch später immer ! zum Hildeshcimer Stift gerechnet. Die Mainzer achte- ! ten nicht darauf, der Landstrich war ihnen zu entlegen. Heute, da das Gandersheimer Stift mächtig geworden ist und der Sophia viel daran liegt, daß das Kloster unter die Obsorge von Mainz komme, da wollen sie Ansprüche geltend machen und finden Leute, die bezeugen, daß es ursprünglich auf Mainzer Gebiet erbaut sei. Wir aber sind im Besitz. Die Mainzer hätten vermeintliche Rechte vor zwei und einem halben Jahrhundert geltend machen sollen. Unser bischöflicher Herr muß als Landesfürst seine Ansprüche vertreten." „Das thut er", versicherte Heribert. „Wie gings denn zu am Matthäustage?" forschte Diethelm. Heribert lächelte. „Das berichtete mir unser Herr Thangmar Ich selber war nicht dabei. Herr Willegis stellte sich in der Absicht, die Kirche zu weihen, am Tage vor Matthäi ein mit den Bischöfen Rethar von Paderborn und Be- rengar von Werden, auch mit dem Herzog Bernhard und großer Gefolgschaft. Statt unseres Herrn aber trat ihm entgegen Herr Bischof Ekkehard von ^Schleswig mit unserm Herrn Thangmar und den Angesehensten des Hildcsheimer Capitels. Ekkehard vertheidigte mit großer Festigkeit und mit kräftigem Nachdruck die Ansprüche und Rechte Hildesheims. Er setzte es also mannhaft durch, daß Herr Willegis von der Kirchweihe abstand. Darauf gingen Alle in Zwiespalt auseinander. Das Zerwürfniß bekümmert unsern Herrn Bernward ungemein." „Das glaube ich," sprach Diethelm. „So ist dieser unselige Streit auch die Ursache, daß unser Herr zur Wiederherstellung des Friedens nach Rom zu dem Oberhaupte der Christenheit und zu dem deutschen Kaiser pilgert." Heribert schüttelte den Kopf. „Darin geht Ihr zu weit, Meister Diethelm. Unser Herr brennt schon seit Monden vor Verlangen, dem Rufe des Kaisers zu folgen und den hohen Jüngling, den er zum Guten erzogen hat, daselbst in seiner ganzen Würde zu sehen. Er liebt den jungen Otto wie den eigenen Sohn. Wahrscheinlich wird er beim Wiedersehen den Gandersheimer Streit nicht vergessen und eine Schlichtung der Sache herbeiführen. Doch ist diese ärgerliche Angelegenheit keineswegs die Veranlassung zur Fahrt nach Rom. Die Liebe zu seinem kaiserlichen Zögling allein bestimmt unsern Herrn zur weiten Reise, so ihm mitten im kalten Winter schlecht zusagt. Freilich auch seine große Liebe für die Kunstbestrebungen unserer Zeit treiben ihn an zu einer Wanderung nach Rom, dem Mittelpunkt aller geistigen Bildung. Und mit ihm ziehen auch wir fort in's Weite," vollendete Heribert freudig. „Sankt Altfried behüte und schirme Euch alle!" sagte Diethelm. „Wir wollen für Euch beten. Fahret wohl!" Sie schüttelten sich die Hände. (Fortsetzung folgt.) -- Goldkörner. And're Natur wird Uebung; was jung du einst in den Künsten Hast gelernt, wird nie rauben das Aller hinweg. Owen. 733 Das 150jährige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-Kegiments „König". (Schluß.) Eisige Nordwinde sausten über die unwirthltchen Steppen, immer tiefer sinkt die Quecksilbersäule des Thermometers, das Blut erstarrt in den Adern, aber weiter, weiter gegen den Westen, wo die Rettung winkt, ziehen auf der Brücke, und mit gezogenem Degen hüten Mar- schälle von Frankreich den Zugang zu der schmalen Holzbahn, die hinüber nach dem rettenden Ufer führt. Immer furchtbarer ist das Drängen, denn schon !l AM die Trümmer, die so traurigen Neste der noch vor kurzem so herrlichen Reitertruppe. Am 27. November war es, da erreichten die traurigen Trümmer der vor kurzem noch so herrlichen und stolzen Regimenter die Unglücksbrücke die über den Unglücksstrom führt. Grauenhaft ist das Gewühl vor und fährt die russische Artillerie auf, und ihre Feuerschlünde schleudern von nahen Höhen Tod und Verderben in den in qualvoller Enge eingeengten Knäuel von Menschenleibern. General Graf Preysing bittet, ja er fleht, es möge ihm vergönnt sein, seine Chevaulegers, die sich für den Imperator geopfert, die Pferde am Zügel führend, 731 die Brücke passiren zu lassen. Es wurde ihm gewährt, aber nur wenige Unglücksgefährten sind ihm geblieben, darunter Major Bieber und Rittmeister Fuchs von den Königs-Chevaulegers. Weiter geht nun der Zug der Handvoll Bayern, die sich sogar in dem Schnee verirren und gezwungen sind, den Uebergang auf der Eisdecke eines Teiches zu versuchen. Wie gewöhnlich, ritt der Major v. Bieber unseres Regimentes an der Spitze seiner Schicksalsgenossen, während der General Preysing den kleinen Zug beschloß. Da berstet mit markerschüterndem Krachen die Eisdecke, und der General, sowie einige Chevaulegers brechen ein und kämpfen mit den Fluthen einen furchtbaren Kampf auf Tod und Leben, bis es dem Geueralstäbler F-lotow im Verein mit dem Rittmeister Fuchs von den Köuigs-Che- vaulegers gelingt, die Unglücklichen unter unsäglichen Schwierigkeiten und unter persönlicher Gefahr zu retten. Zwar hatten in Poloczk die bayerischen Truppen Verstärkung erhalten, die aus der Heimath nachgesandt worden war, aber trotzdem war es nur möglich, aus je zwei Chevaulegers-Regimentern je eine Eskadron zu formiren, und zwar bildeten die Königs-Chevaulegers mit Leiningen zusammen die 3. Eskadron des kombinirten Regiments, welches unter Kommando des Majors Baron Hertling unseres Regimentes stand und bei der Musterung am 2. Jänner 1813 zu Poloczk 9 Offiziere und 355 Pferde musterte. Von unserem Regimente war nichts geblieben, als sein leuchtender Name, vernichtet war die Heldenschaar. In der Stärke von 521 Mann war das Regiment ausgelitten; nur 39 kehrten im Laufe des Frühlings all- mälig wieder nach Augsburg zurück. Die Fortdauer des Krieges gestattete keine Trauer. Die letzten Kräfte des Landes mußten aufgeboten werden, um eine neue Armee an Stelle des untergegangenen Heeres zu stellen, und schon am 20. März 1813 zog eine neu formirte Eskadron nach Bamberg, um sich dort mit den Eskadronen anderer Regimenter zu einem Regimente zu verbinden, welches nach Sachsen dirigirt und dem Befehle des Marschalls Oudinot unterstellt wurde. Das Regiment kämpfte mit großer Bravour bei Bautzen, Luppenau, Wittenberg und Jüterbogk, allerdings mit blutigen Verlusten. Nach dem Vertrage von Ried, schied es aus der Verbindung mit den Franzosen und kehrte in die Heimath zurück. Auch Bayern hatte sich der Erhebung Europa's gegen den korsischen Unterdrücker angeschlossen. Im Januar des Jahres 1814 zog unser Regiment über die Vogesen, um in das Herz Frankreichs einzudringen, wo ihm kurz darauf Gelegenheit geboten werden sollte, seiner Geschichte einen der stolzesten Nuhmestage, den Tag der Schlacht von Brienne, einzuverleiben. Auch in den Schlachten von Bar sur Aube, in dem Reitergefecht von Malmaison, in der Schlacht von Ars sur Aube empfanden die Franzosen die scharfen Säbel der Vierer, und es war eine wohlverdiente Auszeichnung, daß das Regiment an dem Einmarsch der Verbündeten in Paris, 1. April 1814, sich betheiligen durfte. Hierauf bildete es kurze Zeit einen Theil der Garnison von Aney und kehrte am 23. Juni wieder in seine liebe Garnison Augsburg zurück. Die Rückkehr Napoleons von Elba rief die Welt neuerdings unter Waffen. Auch das 4. Regiment zog abermals über den Rhein; das Schicksal dieses Feldzuges wurde jedoch im Norden, in Belgien, auf dem Schlachtfelde von Waterloo entschieden, und die Theilnahme des Regimentes an den Kämpfen beschränkte sich auf einige unbedeutende Engagements. Am 10. Dezember kehrte das Regiment wieder nach Augsburg zurück. AIS im Jahre 1832 dem bayerischen Königssohne Otto, der den Thron von Griechenland bestiegen hatte, ein bayerisches Trup- pencorps zur Verfügung gestellt wurde, gab auch oas 4. Chevaulegers-Regiment hierzu eine Eskadron ab, welche am 3. Februar 1833 in Nauplia landete. Sie verblieb ein Jahr in Griechenland, ohne irgendwelche nennenswerte Thätigkeit auszuüben, und kehrte im November wieder zurück, um allerdings bei der Rückreise den Schrecken eines furchtbaren Seesturmes kennen zu lernen. Als frohes Ereigniß in der Geschichte des Regiments ist der Eintritt Sr. K. Hoheit des Herzogs Ludwig zu verzeichnen. Se. K. Hoheit stand von 1863—1864 als Oberst an der Spitze des Regiments. Es waren nun lange Friedensjahre, bis im Jahre 1866 jener unselige Krieg entzündet wurde, welcher leider die Söhne deutscher Bruderstämme im blutigen Kriege gegen einander führte. Das Regiment zeichnete sich hier besonders in der Schlacht von Kissingen aus, wobei sich Rittmeister Frhr. v. Egloff- stein den Max-Joseph-Orden erkämpfte. Bei der brillanten Attaque der bayerischen Kavallerie in der Schlacht von Hettstädt ward dem Regiment leider nur die Aufgabe der Reserve zugewiesen. Am 8. September rückte es wieder in seine Garnison Augsburg ein. 1870 zog das Regiment zum dritten Male über den Rhein, Frankreichs Feldern zu I In dem großen Feldzuge finden wir nur ganz wenige Schlachten, in welchen die Reiterei mit jener Bedeutung eintritt, die ihr ehemals zukam; z. B. in dem Todesritt der Brigade Bredow; in dem großen Kürassierangriff von Reichshofen; im Todesritt der Division Marguerite bei Sedan. Unser Regiment war der zweiten Division als Divisionsregiment beigegeben , verließ am 30. Juli seine Garnison und überschritt den Rhein bei Germersheim. Es war dem Regiment nicht gegönnt, an den Schlachten von Weißenburg und Wörth theilzunehmen. Als Avantgarde der zweiten Division war der Dienst ein äußerst anstrengender, insbesondere bei der großen Abschweifung gegen die belgische Grenze, als es galt, Fühlung mit den Franzosen zu gewinnen, welche unter Mac Mahon von Norden her den in Metz eingeschlossenen Bazaine entsetzen wollten. Am 30. August stieß das Regiment bei Beaumont auf feindliche Biwaks und kam hierbei zum ersten Male in's Feuer. Das Regiment attakirte eine Mitrailleusenbatterie, welche sich jedoch noch zeitig retten konnte. An der Schlacht von Sedan nahm das Regiment keinen aktiven Antheil und wurde sodann zur Bewachung der französischen Gefangenen kommandirt. Am 22. September traf das Regiment vor Paris ein, wurde aber sehr bald an die Loire gesendet und kämpfte dort unter von der Tann mit großer Auszeichnung in den Schlachten von Beaugency und Bazoches les Hautes. Nach den Kämpfen von Orleans wurde es wieder nach Paris zurückbeordert, wo es bis zum 30. Januar 1871 blieb. Hier ward dem Regiment das schauerlich-schöne Schauspiel gegeben, den Brand von Paris und die Vernichtung der Kommune durch die Ver- sailler als unmittelbare Zuschauer zu beobachten. Dem Friedensvertrage gemäß blieb ein ansehnlicher Theil deutscher Truppen auf französischem Boden zurück, bis zur völligen Zahlung der Kriegskontribution. Auch das 4. Chevaulegers-Regiment gehörte zu den Occupations- W 736 Truppen und garnisonirte zwei Jahre lang in Sedan. Erst am 4. August 1873 kehrte es wieder in seine Garnison Augsburg zurück, in welcher es bis jetzt seit dem Jahre 1808 verweilt. Die Geschichte des tapferen Regimentes ist somit erzählt; es wären nur einige kleine Einzelheiten nachzutragen, welche aber in den Rahmen einer größeren Regimentsgeschichte gehören, welche, wie wir vernehmen, soeben abgefaßt wird. Wir haben die Uniformstypen in Zeichnungen vorgeführt; sie sind keine Phantasiebilder, sondern bis in's kleinste Detail genau und gewissenhaft nach dem vorhandenen Aktenmateriale gefertigt. Die erste Vignette zeigt das Regiment in seiner gegenwärtigen Ausrüstung. Als zweites Bild folgt das Regiment in der Uniform, in welcher es im siebenjährigen Kriege kämpfte. Im dritten Bilde hat die äußere Erscheinung vollständig gewechselt: der Reiter zieht im Typus der Rumford'schen Uniforms-Ver- änderung einher. Dennoch finden wir auf dem vierten Bilde abermals das Kaskett verschwunden, das Regiment „Churfürst-Chevaulegers" erscheint noch einmal mit feder- buschgeschmückten Hüten. An dieses Bild reiht sich die Uniform des Regimentes zur Zeit der napoleonischen Kriege, und unser Auge weilt vor allem befremdet auf den riesengroßen Helmen. Das Uniformirungsbild von 1870 schließt die Reihe unserer bildlichen Darstellungen. Das Regiment wird im Frühjahr in festlicher Weise die Feier seines 150jährigen Jubiläums begehen. Der Ehrentag ist wohl verdient. Das Regiment ist nicht nur der Uniform nach eines der schmucksten und schönsten des deutschen Heeres; seine Kriegsgeschichte steht, wie wir soeben vernommen haben, der Geschichte jedes anderen Regimentes würdig zur Seite. --- Zu unseren Bildern. Die Rosen der hl. Elisabeth. Am 19. November feiert die katholische Kirche das Fest der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Thüringen. Die heilige Dienerin Gottes verwandte nach dem Tode ihres Gemahls, der 1227 auf einem Kreuzige in Otranto starb, alle ihre Einkünfte auf die Pflege der Armen und Kranken, für die sie in Marburg ein Hwpital stiftete; was sie selbst brauchte, erwarb sie sich durch ihrer Hände Arbeit. Sie starb am 19. November 123t. Wie die Legende schon von Wundern bei ihren Lebzeiten erzählte, so sollen einst, als ihr Gemahl den Korb, in dem sie den Eisenacher Armen Lebensmittel zutrug, öffnete, diese sich in Rosen verwandelt haben. Johann Tscrklaes, Graf von Tilly. Unter den berühmten Heerführern des dreißigjährigen Krieges glänzt Tilly als ein Stern erster Größe; nickt nur durck die Scklackten, die er gewann, sondern durch die Lauterkeit seines Charakters, die Reinheit seiner Sitten und das stete Bestreben, in diesem furchtbaren Verwüstungskriege strenge Manneszucht zu erhalten und so menschlich zu sein, als nur immer möglich; freilich scheiterten fline darauf gerichteten Bemühungen allzu bäustg an der Rohheit der damaligen Kriegsgebräuche, welche zu ändern er außer Stande war, nicht selten auch am bösen Willen seiner Untergebenen. Einem freiherrlichen Geschlechte in Brabant entsprossen, holte er sich auf dem Scklacht- felde bei Stadtlohn im Müniterschen, woselbst er den Herzog von Braunsckweig auf's Haupt schlug, den Grafentitel. Seine bekannteste That ist die Eroberung von Magdeburg, die seinem Namen Jahrhunderte hindurch das Schandmal eines Mordbrenners aufdrückte, bis erst in verhältnißmäßig neuer Zeit eine unbefangenere Geschichtsforschung zu Tage krackte, daß der Brand von Magdeburg nicht das Werk seiner Hände, sondern das der fanatisirten Bürger selbst war, und daß er mit Aufbietung aller verfügbaren Mittel dem Feuer Einhalt zu gebieten suchte. — Wie Tilly auf dem Schlachtfelde gelebt, so, kann man auch wohl sagen, starb er auf demselben. Im Alter von 73 Jahren vertheidigte er am 5. April 1632 bei Rain den Ueber- gang über den Lech, und es wurde ihm dabei durch eine Fal- conetkugel der reckte Oberschenkel zerschmettert. Tilly wurde zunächst aus der Schußlinie gebracht, und hier wurde ihm die erste Hilfe zu Theil. Das ist der Augenblick, den unsere Abbildung darstellt. Man führte ihn dann nach Jngolstadt, und dort starb er am 20. April in Folge seiner Wunde. Heute steht sein Bild rein und unbefleckt von dem Schmutze da, welcher sein Andenken länger als zwei Jahrhunderte hindurch getrübt hat. --S-X88SS- Allerlei. Hereingefallen. Herr sim Cigarrenladenj: „Führen Sie die Sorte Formoso?" — Händler: „Gewiß, mein Herr." — Herr: „Ist sie empfehlenswerth?" — Händler: „Außerordentlich! Namentlich die letzte Sendung ist ausgezeichnet." — Herr: „Danke! Sie schrieben mir aber, sie sei ganz schlecht ausgefallen. Ich freue mich, daß Sie jetzt anderer Meinung sind. Ich bin nämlich der Fabrikant. Guten Morgen!" * Kann stimmen. Im Vorsaal des Palais Bourbon in Paris begegnen sich zwei Abgeordnete; der Eine stellt dem Anderen einen Bekannten vor: „Erlauben Sie, lieber Kollege, daß ich Ihnen einen Herrn vorstelle, der die meisten Dummheiten der Welt in seinem Leben geschrieben hat." — „Sie sind wohl Journalist?" fragt der Andere. — „Nein, Kammerstenographl" * Schwere Wahl. Der Michel trägt in der rechten Rocktasche sein Frühstück, weich gekochte Eier, und seinen Rauchtabak. Unterwegs merkt er, daß der Tabakbeutel zerrissen und die Eier zerdrückt sind. „Soll ich jetzt," überlegt er, den Mischmasch betrübt betrachtend, „die G'schicht' essen oder rauchen?" X KindlicheFrage. Lehrerin sin der Naturgeschichts- stundej: „. . . . Der Maulwurf frißt täglich so viel als er wiegt . . . ." — Dorchen: „Fräulein, woher weiß denn aber der Maulwurf, wieviel er wiegt?" * Aus eigener Erfahrung. Professor: „Können Sie mir aus der Klasse der Kaltblütler noch eine andere Gattung nennen, welche eine solche staunenswerthe Vermehrungsfähigkeit besitzt?" — Kandidat: „Die Gläubiger!" -- Ailder-Fläthsek. HZ 95. „Augsburger PostMung". Ireitag, den 23. November 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Dermvarü von Mdesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) In der Nacht, die jenem Abende folgte, trug sich's zu, daß Clothild sich weinend an Frau Giselas Brust warf mit dem Rufe: „O Mutter, Mutter, wie soll ich's ertragen?" Frau Gisela aber verstand nicht gleich, was das blonde Töchterlein wollte. Dann aber durchzuckte und schüttelte es sie wie ein Frost. „Du armes Kind!" sprach sie traurig. „Wie kannst Du Dein Herz an einen Krüppel hängen?" Clothild lächelte in unsäglichem Leid. „Für mich ist er der Schönste, Herrlichste, den die Welt trägt. Mutter, ich liebe seine Seele." Thränen erstickten ihre Stimme. Frau Gisela wurde milder. „So sei stark und verwinde die Trennung. Er kehrt ja wieder," suchte sie zu trösten. Clothild sprang auf. „Du hast recht, er kehrt wieder. Aber," sie rang die Hände, „er geht in's Wälschland, Mutter; und die Frauen sind dort so schön und voller Tücken." „Bete, mein Kind, bete, daß die Engel ihn geleiten," sprach die Mutter. Als dann am zweiten Tage des Windmonats Herr Bernward aufbrach und in großer Gefolgschaft das Münster verließ zum herzlichen Leid des Domcapitels und des Volkes, und als Alle ihm eine Strecke Weges gen Süden das Geleite gaben, da vermochte Clothild, dem Scheine nach gefaßt, Herrn Klaus vom Nheine ein freundliches „Gott behütet" mit auf den Weg zu geben. Der Bruder des Bischofs, Tammo von Sommer- schenburg, ritt an der Spitze des Zuges, der Domdecan, Herr Thangmar, an der Seite des Bischofs. Graf Bardo von der Mundburg, so Bischof BernwardS Schwester Thietburg angetraut war, Graf Altmann von Olesburg und viele Edle des Sachsenlandes mit ihren Kriegsknechten folgten. IV. In der ewigen Stadt. Das Jahr Eintausend, von den Menschen mit Furcht und Bangen durchlebt, war vorüber. Die Welt bestand noch, die Völker athmeten auf. Am vierten Tage des Wintcrmonats Eintausend und eins näherte sich Bischof Bernward mit seinen Begleitern der ewigen Noma. Von Gottes Gnade geführet, waren sie hoch zu Roß unter vielen Abenteuern und Schwierigkeien über den Brenner und durch das Thal von Trient gezogen und kamen so, daß Alles nach Wunsch ging, zu der Hauptstadt der Christenheit. In zart röthlichem Dust verschwamm die weite Cam- pagna und die weichen Linien des schönen Albaner- Gebirges ; schärfer aber hoben sich vom Abendpurpur ab die kriegerischen Mauern und Thürme, die glänzenden Kuppeln und Zinnen der befestigten uralten Kaiserstadt. Wie schlug Allen das Herz in freudiger Rührung beim ersehnten Anblick der heiligen Noma! Bald ritten sie über die Tiberbrücke und dann durch ein festes bethürmtes Thor in die ewige Stadt hinein. Säulenhallen, Marmorgebilde von Pracht und Schönheit umgaben sie. Majestätisch stieg vor ihren bewundernden Blicken die Niesenbasilika auf, zu deren Errichtung Kaiser Constantin einst selber den ersten Spatenstich gethan hatte. Ihr Dach strahlte in goldenem Schimmer. „Sehet die Ruhestätte des heiligen Apostelfürsten Petrus!" sprach der Bischof. Sein mildes Auge leuchtete in begeistertem Glänze. „Wir wollen eintreten und an dieser erhabenen Stätte uns Kraft und Muth zu allem Guten erflehen." Sie stiegen von den Rossen. Noch aber hatten sie die Vorhalle des Gotteshauses nicht erreicht, siehe, da nahte gar eilig ein prachtvoller Zug. Der jugendschöne Mann, so an der Spitze des Zuges auf goldenem Prunkwagen selber das Viergespann der weißen Rosse lenkte, war in altrömische Gewandung, in eine sternenbesäete Tunika und eine purpurfarbene mit goldenen Adlern, mit Edelsteinen und Perlen gezierte Toga gekleidet. Sein mit goldenem Stirnreif geschmücktes blondes Lockenhaar flatterte bei der Schnelle, mit der er fuhr, im Winde. „Mein Otto!" rief Bernward freudig. Der Kaiser, er war's, sprang vom Wagen, umarmte stürmisch den geliebten Freund und Lehrer und rief mit Freudenthränen: „Willkommen, o tausendmal willkommen in Rom, mein theurer Vater! Ich brannte vor Verlangen, Euch wiederzusehen, und mußte Euch aus meinem Palaste entgegeneilen, sobald ich die Nähe Euerer Ankunft erfuhr. Mein Vater, wie glücklich bin ich!" 738 Der Bischof erwiderte die stürmische Zärtlichkeit des jungen Kaisers mit ruhiger inniger Herzensfreude. „Heil Bischof Bernward!" riefen die erkorenen Begleiter Otto's zum Gruße. Bernward neigte sich dankend. Die Sachsenhelden aber, so sich um ihn schaarten, riefen nun, fast beschämt, daß sie es versäumt, ihr „Heil dem Kaiser Otto!" „Mein Vater, ich sah es, Ihr wolltet den Eintritt in die ewige Stadt mit einer Andacht am Grabe des ersten Bischofs von Nom in Sanct Peters Dom feierlich begehen. Folget Eurem Herzen, ich begleite Euch," sprach Otto, der vor Glück sich kaum zn fassen vermochte. Gemeinsam stiegen sie die Stufen zum säulenum- grenzten, mit rauschendem Springbrunnen geschmückten Vorhofe empor. Weihevolle Stimmung empfing sie allsogleich beim Eintritt in das wunderbare Gotteshaus, zu dessen Ausstattung Päpste, Kaiser und Könige in Freigebigkeit ge- wetteifert hatten, und welches Denksteine fast aller wichtigen Ereignisse aus dem Leben der Kirche und aus der Weltgeschichte hatte. Vier mächtige Säulenreihen theilten das Langhaus in fünf Schiffe. Ja sechsundneunzig Säulen trugen die flache Decke. Sie alle waren aus kostbaren Steinen geschnitten und waren aus altrömi- schen Göttertempeln zum Schmucke der Grabkirche Petri herbeigeschafft. Mosaikbilder und Fresken überkleideten die hohen Oberwände deS Mittelschiffes, so durch rund- bogige Fenster durchbrochen wurden. Am oberen Ende der riesenhaften Basilika führte ein Triumphbogen, von zwei mächtigen Säulen gestützt, in das Heiligste des Tempels ein. Allhier über dem Grabe des Apostels erhob sich auf sieben Stufen der Hauptaltar; er war ganz mit Goldblech bekleidet. Ein Baldachin aus reinem Silber und Gold wölbte sich darüber hin. Die Wände rings umher strahlten im Schmuck leuchtender Mosaik, und eine Inschrift verkündete: „Dir, dessen Hand im Triumphe die Welt zu den Sternen emporhob, Hat den erhabenen Tempel geweiht Constantinus der Sieger." Ein Strahl der Abendsonne verklärte das gold- schimmernde Kreuz über dem Grabe des am Kreuze gestorbenen Apostelfürsten. Ein heiliger Glanz füllte die heilige Stille. Tief ergriffen, überwältigt von ihren Empfindungen sanken Alle auf die Knie, küßten alle die Stufen des Grabaltars. O, mit welcher Inbrunst beteten sie an dieser Ruhestätte l Der Erste, welcher sich der weihevollen Andacht entriß, war Bischof Bernward. Er wußte, daß er den kaiserlichen Gastherrn nicht harren lassen durfte. In der That, der feurige junge Kaiser konnte die Zeit kaum erwarten, bis er dem geliebten Gast den Ehrenplatz auf seinem Prunkwagen anbieten, bis er Bernward in die auf das sorgfältigste für ihn hergerichtete Gastwohnung in einem der herrlichen Kaiser- paläste geleiten durfte. Es war rührend, wie der Kaiser für den Unterhalt des theuren Freundes und dessen Begleitung gesorgt hatte. Mit Zartsinn hatte er sogar die Speisen, von denen er wußte, daß der Bischof sie daheim genoß, herbeischaffen, hatte er als gütiger Wirth die deutschen Getränke Meth und Bier zu der Ankunft des geliebten Gastes bereiten lassen und ihn mit glänzendem Tafelgeschirr und Wachslichtern für den Tisch versorgt. Lange, lange, bis tief in die Nacht saßen Otto und Bernward an diesem ersten Abend in vertraulicher Zwiesprache beisammen, und Bernward that einen tiefen Blick in das Herz seines Lieblings. „Q, mein Vater, begreift Ihr nicht, schon nachdem Ihr aus der Ferne auf allen Höhen die alte Herrlichkeit erschaut, begreift Ihr nicht, daß ich im ewigen Nom nach Thaten ringen muß! Hier sehen mich die Tempel, das Kolosseum, das Capital, die Triumphbogen vorwurfsvoll an, sie drängen und erheben mich. Die Geister der Märtyrer, der Helden, der alten Cäsaren gehen mir nach und fragen: Wer bist Du, was hast Du bis heute gewirkt? — Mir ist es nicht genug, mit Verwunderung um die Zeugen der alten Thaten herumzuschleichen. Nehmt hier mein festes Wort und schließt es in Eure Brust: Meine Thaten sollen mächtig wirken, daß mein weites Land blühe, mein Heer triumphire und die Macht des heiligen römischen Reiches deutscher Nation ausgebreitet werde, auf daß ich ruhmvoll in dieser Welt leben, ruhmvoller aus den Banden dieses Fleisches mich zum Himmel aufschwingen und im höchsten Ruhme einst jenseits mit dem Herrn herrschen könne!" Der Kaiser hatte in Begeisterung mit erhöhter Stimme gesprochen. Bernward aber wiegte ernst das Haupt. „Mein Otto", so sprach er bedächtig, „vertraue Dich nicht sorglos Deinen schwärmerischen Gedanken und Vorstellungen von irdischer Größe an. Du möchtest von der schwindelnden Höhe, auf die sie Dich verlocken, jählings hinabstürzen und Alles verlieren, weil Du zu viel begehrst." Auf diese Worte hin bemächtigte sich des leichtbeweglichen, zartbesaiteten kaiserlichen Jünglings ein tiefes Gefühl von der Eitelkeit aller weltlichen Macht. Just so überschwänglich, wie er eben seine irdische Hoheit aufgefaßt hatte, ergriff Otto auch rückhaltlos den Gedanken, der Welt zu entfliehen. Bischof Bernward hatte wahrlich Mühe, den Kaiser wieder zum Bewußtsein seines Werthesund seiner Pflichten als Herrscher emporzuheben. So trennte Otto sich spät in der Nacht von dem väterlichen Freunde mit den Worten: „Auf Wiedersehen in der Morgenfrühe auf dem Aventinl" Nach der ersten in Nom durchlebten Nacht folgte Bernward der Einladung in die Kaiserburg. Er stieg mit wenigen Begleitern unter hohen Pinien zwischen dunklem Lorbeer, weißblühenden Myrten- und Orangen- büschen den aventinischen Hügel hinan. Da dehnte sich zu seinen Füßen aus die wunderbare Siebenhügelstadt mit ihren Tempeln, Palästen und Säulenhallen, mit ihren holden Gärten, dunklen Lorbeerhainen und rauschenden Springbrunnen. Von Hang zu Hang zog sie sich in reizvoller Pracht. Wer zählte ihre Thürme und Kuppeln! Gerade gegenüber erheben sich auf dem Palatin kühn und stolz die mächtigen uralten Kaiserzinnen. Die ewige Stadt war vom Glanz italischen Aethers übergössen, und die Schatten der Vergangenheit schwebten vor Bernwards Geist darüber hin. Weiter schweifte sein Blick durch die stille Campagna. Dort funkelte in vielfachen Windungen, einer gelben Riesenschlange gleich, der Tiber. Goldenes Licht floß von den Höhen von Tuskulum und von Tivoli in die weite grünende Ebene. „Das ist groß," sprach Bernward aufathmend; sein Auge schimmerte in feuchtem Glänze. 739 Welche Überraschung wurde dem Demüthigen zu Theil, als er gleich darauf den Pforten der Kaiserburg nahte! Da trat an der Seite des Kaisers ihm der Mann entgegen, vor dem der christliche Erdkreis sich neigte, dessen Haupt die dreifache Krone schmückte, Papst Sylvester II. Der eilte auf ihn zu, umarmte und küßte ihn. Der Statthalter Christi war eine hohe schlanke Gestalt mit scharfen geistreichen Zügen und Hellem durchdringendem Adlerblick. Er verrieth schon in seiner äußern Erscheinung den Träger großer Eigenschaften. Barg seine hohe bleiche Stirn doch weltgestaltende Pläne: Nom sollte die Hauptstadt der Welt werden, das ganze Abendland mit Ausschwung des geistigen Lebens und der gesummten Cultur unter kirchlicher Oberhoheit stehen und die Kraft des geeinigten Europas gegen den Islam sich richten. Ja, Sylvester II. rief zuerst die Christenheit zur Befreiung Jerusalems aus den Händen der Ungläubigen auf und regte den Gedanken eines Kreuzzuges an. Bischof Bernward, diesem Nachfolger Petri so geistesverwandt, hatte denselben einst als Prälaten Gerbert gekannt und hochgeschätzt, ja ihn als den hervorragendsten Geist des Jahrhunderts dem jungen Otto zum Lehrer anempfohlen. Heute stand der Bescheidene erglühend in Demuth ob der unverhofften Ehre vor dem Oberhaupte der Christenheit. Der Papst Sylvester aber verfuhr mit ihm wie mit dem vertrautesten Freunde. Von Papst und Kaiser ehrenvoll geleitet, hielt Bernward von Hildesheim seinen Einzug in die kaiserliche Burg auf dem Aventin. Dieser Prunkpalast mit seiner mächtigen Ausdehnung und seiner zauberischen Pracht hätte dem Schönheitsfreunde Bernward ungeteilte freudige Bewunderung abgerungen, wenn sein Geist nicht so ganz von den Angelegenheiten deS Reiches und denen seines eigenen Sprengels erfüllt gewesen wäre. Briefe aller Bischöfe Deutschlands trug er mit sich. So besprachen die drei hervorragenden Geister in zündender Unterredung alle Zustände und Bedürfnisse des Reiches. Ueber die Unordnung in Gandersheim hatte Bischof Bernward nicht nöthig, die Einzelheiten auseinanderzusetzen, das Gerücht war ihm vorausgeeilt. So gab er auf Fragen nur kurz und bündig dem Papste und dem Kaiser Aufklärung. Die beiden hohen Herren beschlossen, in nächster Zeit über die Streitsache eine Synode in Rom zu halten. Sie versicherten alles zu thun, um die Hildcs- heimer Rechte auf Gandersheim zu schirmen. Der Kaiser duldete nicht, daß der geliebte Bischof Bernward wieder in seine erste Gastwohnung zurückkehre. Er ließ ihn nicht mehr von seiner Seite und gab ihm neben seinen eigenen Gemächern im Palaste das glänzendste Unterkommen. Das ward eine Zeit voll anregendsten Wechselverkehrs; das waren Stunden und Tage gemeinschaftlichen Nachdenkens, gemeinsamen Strebens. Bald in der Wohnung des Kaisers, bald in den Gemächern Bernwards tauschten sie ihre Gedanken aus, besprachen sie die Angelegenheiten des Reiches. Otto war glücklich, bei dem väterlichen Freunde Rath und Belehrung für alles zu finden, was noch unklar in seiner Seele lag. Wie manchmal weilten sie mit einander in den schattigen Laubgängen des Aventin, zu ihren Füßen den Schauplatz, auf dem sich das retch bewegte Leben der alten Völker abgespielt hatte, mit den gewaltigen Ucber- resten geschwundener Größe. Und neben den mächtigen Trümmern aus der heidnischen Zeit erhoben sich die hehren Tempel, welche die Christenheit über den Gräbern der Märtyrer errichtet hatte. An Stelle der alten römischen Weltherrschaft regierte eine neue christliche Geistesherrschaft. Aber Otto wurde nicht müde, seinem Lehrer in schwärmerischer Begeisterung von seiner Aufgabe zu sprechen, wie er auch das Weltkaiscrihum in Nom erneuern wolle. — „Lieber Sohn, die Römer von heute sind wanke! müthig und charakterlos: ich fürchte, daß Du Dein phantastisches Gebäude auf schwankendem Grunde errichtest," warnte Bernward. Der Kaiser neigte schwermüthtg das Haupt. Er wußte selber allzu gut, daß seine Macht in Italien aus thönernen Füßen stand. Hatten doch unlängst die Tibur- tiner im nahen Tivoli seinen Freund, den Herzog Matho- liuus, den er als Statthalter dorthin gesetzt, erschlagen. Und gerade in diesen Tagen, die ihm durch die Anwesenheit Bernwards trostreich wurden, hielt er durch seine Soldaten jene aufrührerische Stadt belagert und enge eingeschlossen. Trotzdem er zahlreiche Bclagerungswerk- zcuge in Bereitschaft hatte setzen und Gräben von ungeheuerer Größe ziehen lassen, um den Bürgern das Wasser abzuleiten, wollte die so heftig bedrängte Stadt sich nicht ergeben. Die sächsischen Ritter, so als Begleiter des Bischofs gekommen waren, wie Tammo von Sommerschenburg, Altmann von Olesburg, Bardo von der Mundburg, hatten sich auf die erste Kunde von der Belagerung den kaiserlichen Mannen vor Tivoli zugesellt. Die jungen Kunstschüler aber waren auf Bernwards Wunsch in seiner Nähe geblieben. Sie sollten, gleich ihm, der in der Blüthe seiner künstlerischen Schaffensfreudigkeit stand, sollten unter seiner Leitung die classischen Meisterwerke Roms kennen lernen, auf daß sie zu neuem Wirken angeregt würden. Die beiden Jünglinge Heribert und Klaus waren namentlich zum Entzücken des letzteren in den nahen Palast des Grafen Otto von Lomello untergebracht worden. „Hier ist's wirthlicher, als auf unseren ranheu deutschen Burgen. So fühlt Unsereiner sich endlich in standesgemäßer Umgebung, scherzte Klaus übermüthig. Er schaute sich zufrieden in der von schlanken Marmorsäulen getragenen, von edlen Bildsäulen belebten Halle um, so den jungen Deutschen zum Aufenthalt dienen sollte." Als Klans vorn Nheine dann aber bei der gemeinsamen Mittagstafel im Palaste Lomello der erlauchten Tochter des Grafen, der schwarzäugigen Julia, gegenüber saß, da gab es für ihn mehr zu bewundern als Marmorbilder und kalte Steine. Die stille Jungfrau Cloihild hatte nicht mit Unrecht in dem feurigen Sohne des Rheiulandes ein leicht entzündbares Herz geahnt. An freundlichen Blicken aus den dunklen Augen ließ die römische Grafentochter es wahrlich nicht fehlen. Der schöne schwarzlockige Künstler aus der Fremde erregte ihre Theilnahme in hohem Maße. Klaus war nicht unempfindlich für solcheAusmerksamkeit. 740 Wie eS kam, daß Julia und Klans einige Stunden später gemeinsam in dem von Myrthen und Lorbeer umgebenen Garten lustwandelten, das wußte Keiner von Beiden zu sagen. Am Abende aber, als Heribert und Klaus ihr Lager aufsuchten, sprach Letzterer: „Ich habe sie gefunden, die mir von Anfang an bestimmt war. Ich habe Julia gefunden, von der ich seit meinem Knabenalter träumte." Heribert erwiderte nichts. Er schlief einen festen gesunden Schlaf und träumte nicht. Als aber Klaus in seiner Herzensfreude ihn aufrüttelte, um den Freund mit dem ihm widerfahrenen Glück bekannt zu machen, da schüttelte der Erwachende unmuthig den Kopf. „Wie kannst Du, ein einfacher Kunstschüler, Dich um die Hand einer römischen Grafentochter bewerben!" Klaus lachte leise: „Nun, was den Grafentitel und den Grafenrang betrifft, so kann ich" — es schien ihm plötzlich etwas in die Kehle gekommen zu sein, er räusperte sich und schwieg. Nach einer Weile begann er wieder: „Glaubst Du nicht auch, liebster Heribert. daß meine Künstlergabe eine Grafenkrone aufwiegt? Die Maid, welche mein wird, soll um meiner selbst willen und nicht um meines Ranges halber mich lieben." „Ja", sagte Heribert und schlief wiederum ein. Wenige Tage später standen die Schüler mit ihrem Meister vor dem Portale der St. Sabinakirche auf dem Aventtn. Bewundernd erschauten sie hier ein Meisterwerk altchristlicher Plastik. In hoher Schönheit der Formen und in feinem Geschmack zeigten die aus Cy- pressenholz geschnitzten Sculpturen der Thüre wunderbar vollendete Darstellungen aus dem alten und neuen Testamente, erstere als Vorbilder der Thatsachen des neuen Testamentes. Der Bischof konnte sich von dem Anblicke nicht trennen. „So oft mein Gang mich zur Stadt führt, weile ich ergriffen vor diesem tief durchdachten Kunstwerk. O Heribert, wir wollen das Weltdrama der Sünde und der Erlösung in Erz darstellen. Wir wollen eine eherne Bußpredigt auf den Thüren unserer Domvorhalle schaffen!" rief er begeistert aus. In ernstem Nachdenken ging er weiter. Sie schritten in der langgestreckten Thalsenkung hin durch die Ruinen des Circus Maximus, bewunderten die Prachtvollen Kaiserburgeu auf dem Palatin und schauten hier vom Hügel mit Künstleraugen nieder auf die Prachtstadt mit ihren Tempeln und Säulenhallen, mit ihren Gärten und Seen. In diesem heitern Nnndbilde fesselte ein Riesenbau von düsterer Majestät ihre Blicke. Zu ihren Füßen lag das Flavische Amphitheater, das Kolosseum. Seine mächtige Mauerkrone umschloß fast unversehrt den heiligen vom Mürtyrerblut getränkten Boden. Eine Zanbergewalt zog sie an. Unter dem Triumphbogen des ersten christlichen Kaisers Konstantin hindurch gelangten sie dorthin. Mit heiligen Schauern betraten sie die stille, von den unermeßlichen immer kühner geschweiften Bogen des gewaltigen Mauerringes umgürtete Arena. Ueberwältigt von ihren Gefühlen sanken sie nieder, küßten sie die geweihte Erde. Das heilige Heer glaubensstarker Männer und begeisterter Frauen, welche von hoher Liebe entflammt im heißen Kampfe hier die Palme errungen, wurde lebendig und schwebte in seliger Verklärung vor ihrem Geiste. Der lebhaft empfindende Heribert rief außer sich in Beschämung: „Mein hoher Herr, hier rede« die Geister der Heiligen, der Märtyrer zu mir und fragen eindringlich: WaS hast Du bisher gethan auf dieser Erde? Was bist Du vor Gott?" Der Bischof lächelte mild: „Mein Sohn, diese Frage, so Du Dir selber stellest gilt viel vor Gott. Ich weiß, Du hast Kräfte zu Manchem und bist Dir deren auch bewußt. Nun gibt es edele Naturen, die sind halb zum thätigen, halb zum idealen Streben ausgerüstet — auch unser Kaiser empfindet wie Du — Und ich weiß, Ihr fühlt alles Schöne und Große gewaltig und wollt es aus Euch wieder erschaffen, aber es gelingt Euch nicht so, wie Euer brennender Ehrgeiz es verlangt. Darum macht Euch zunächst alles Große, welches Ihr seht, entzückt, weil Ihr eS nachzuschaffen gedenkt, dann aber traurig, weil Ihr es doch nicht vermögt. Lernet Euern Ehrgeiz beschränken und wollet weiter nichts sein, als ein Werkzeug in Gottes Hand. So werdet Ihr auf Erden schon so glücklich werden, wie es hienieden möglich ist." Sie erstiegen den Berg des Capitols mit seinen Palästen und Tempeln und sahen nieder auf die nahen mit Bildwerken und Säulen geschmückten Foren. Besonders fesselte die sinnigen Hildesheimer das Forum Trojans, von halbzerfallenen Prachtbauten umgeben, das einst nicht mit Unrecht ein Wunder an Schönheit genannt wurde. In dessen Mitte erhob sich noch die Triumphsäule, welche im Jahre Einhundertunddreizehn von den Römern dem siegreichen Kaiser geweiht wurde. Ein um den Säulenschaft sich schlingendes Spiralband aus Marmor schilderte in fortlaufenden Hochbildern die siegreichen Feldzüge und Großthaten des Kaisers. Lange und aufmerksam beschauten die Hildesheimer Künstler diese eigenthümliche Schöpfung, deren Bildersprache in Marmor den Ruhm eines großen Cäsaren verewigte. Der Bischof stand sinnend da. Jetzt leuchtete sein Auge auf; freudig rief er: „Meine Söhne, wir wollen in unserm Vaterlande, wo noch vor Kurzem Götzenbilder auf Marmorsäulen verehrt wurden, dem höchsten Sieger der Welt, dem Erlöser, eine Triumphsäule aus Erz errichten. Gleichwie diese Säule mit figurenreichen Bildern aus den Kriegszügen eines heidnischen Kaisers umwunden ist. so wollen wir den Schaft unserer Säule mit einer Reihe von Bildern aus den Wunderthaten des Königs Christus zieren und auf ihrer Höhe das siegreiche Zeichen der Erlösung, das Kreuz, aufpflanzen." „Fürwahr, ein herrlicher Gedanke: „Sehet das Kreuz des Herrn! Fliehet, feindliche Mächte! Christus siegt, Christus herrscht!"" rief Heribert feurig. Zögernd nur trennten sie sich von der Ehrensäule, die eine classische Form für den Ausdruck von Bischof Bernwards erhabenen christlichen Gedanken geboten hatte. (Fortsetzung folgt.) -»-«i » > » »< I- -r > - Goldköruer. Ein Charakter ist ein Felsen, an dem gestrandete Schiffer landen und anstürmende scheitern. Jean Paul. Wer durch Thränen die Welt betrachtet, findet sie bewetnenS« werth. 741 Bilder aus Steiermark, Körnten nnd dem Küstenlande Kram. Von C. Mayer. (Schluß.) VIII. Römerbad—Graz—Prebichl. Nömerbad, in dem wir an diesem angestrengtesten Tag unserer Tour Erquickung und Ruhe fanden —wir hatten an einem Tage die Bahnfahrt von Trieft bis hierher gemacht mit Einschluß des mehrstündigen Besuches von Divaca und den St. Canzians-Höhlen —, verdient in mancher Beziehung Beachtung. Die stattlichen Gebäude der Kuranstalt heben sich von ihrem Hintergründe, dem reich bewaldeten, vielzackigen Senoschegg, malerisch ab; rechts auf der Höhe, einem Ausläufer des Berges Cosiza, sehen wir das reizende Dorf St. Margarethen mit dem spitzen Thurm über dem niedlichen Kirchlein; die rauschende Sann mit ihren Windungen und Stromschnellen belebt das Bild. Die Slovenen deS Sannthales, wohlgebildet, schlank, mitunter schwächlicher Gestalt, sind fast durchgehends blond und von blasser Gesichtsfarbe. Gegen geringes Entgelt, in Form eines Brückenzolls, ist eS Jedem gestattet, im Curgarten und unter dem schattigen Laubdache des Parkes auf den reinlichen Kieswegen sich zu ergehen; südliche Vegetation — echte Kastanien, Manna, Esche, Maulbeerbaum — findet sich zwischen dem einheimischen Baumwuchs; reicher Ozongehalt würzt die balsamische Luft. — Das vielbesuchte Bad, dessen Thermen fchon den Römern bekannt waren, erfreute sich schon damals großer Berühmtheit, wie alte Denksteine aus jener Zeit bekunden. Dankerfüllte Worte auf denselben, wie: „den hohen Nymphen gewidmet 0 Ladinus Vsranus" — „den erhabenen Nymphen geheiligt Natino §initus" — „das Gelübde ist gelöst freudigen Herzens Oajng Voxonius", verewigen in schlichter Einfachheit die große Heilkraft des Bades. Römischen Ursprungs ist auch die Grundlage des großen, marmorausgclegten Badebassins, dessen hellblaue dampfende F-luth in reichem Strahl aus Löwenrachen fließt, und in dem sich die Heilung suchenden Gäste zu gewissen Stunden einfinden; eben so hübsch und gut ist bei Schwerkranken für Separatbäder gesorgt. Doch die Zeit drängte nun, und rasch legten wir die Fahrt durch das poesieumwobene Steirerland zurück, das Heim eines frisch-fröhlichen, liederreichen Völkchens, und lachend wie deren Angesicht ist auch ihr Ländchen, unmuthig in frischen Farben erblühend. Ob unser Auge die großartige Alpennatur mit ihrer in allen Reizen prangenden Pflanzenwelt streift, ob es in fruchtbare Ebenen, blumenreiche Thäler und weinumgürtete Gelände taucht, ob es die gewerkschaftsreichen Städte und Ortschaften umfaßt oder zu den Malerisch gelegenen Burgfesten und Schlössern hinangleitet, allüberall Freude und Fröhlichkeit, Gedeihen und Wachsthum. Wir erreichen Graz, die reizende, Villen- und park- umkränzte Hauptstadt, deren Häuserreihen, überragt vom stattlichen Schloßberg mit seinem Uhr- und Glockenthurm, zu beiden Seiten der Mur sich freundlich gruppiren. Die nähere Beschreibung von Graz umgehe ich, sie als hinlänglich bekannt voraussetzend, und erwähne nur, daß Niemand versäumen soll, auf schattigem Wege hinauszuwollen zum bewaldeten Plateau des Schloßberges, um die wundervolle und berühmte Aussicht zu genießen über die lebensvolle Stadt und die liebliche Umgebung, welche duftig umlagert ist von üppigen, leuchtenden Villen und mit blinkenden Kirchlein geschmückten Hügeln. Unter den Sehenswürdigkeiten ist als Unicum das LandeszeughaiE hervorzuheben, in welchem eine äußerst interessante und reichhaltige Sammlung aller denkbaren Waffen und Vertheidigungsmittel vorhergehender Jahrhunderte zu sehen ist — von der kostbaren, edelsteinverzierten und elfen- beinausgelegten Wehr der Turnierritter und Jagd- liebhaber bis zum plump und schwer gearbeiteten Rüstzeug der Landsknechte und Söldner. Der Juristentag war wegen der in Hamburg aus- gebrochenen Choleraepidemie abgesagt, was wir in Laibach einer Zeitung entnahmen; allein voraussetzend, es möchte mehreren Juristentagbesuchern gleich uns ergangen sein und dieselben ihre Neisedispositionen schon getroffen und zum Theil ausgeführt haben, verfügten wir uns in den als Versammlungslokal bestimmten Saal des Hotel Adler; es war allerdings nur ein kleines Häufchen der Männer des Rechts und der Wissenschaft, die sich dort zusammenfanden, aber desto vergnügter war die größtenteils auserlesene kleine Schaar. ^ Noch sei auf der Heimfahrt einer kurzen Strecke, als einer Perle des steirischen Landes, Erwähnung gethan. St. Peter - Freyenstein, wunderhübsch auf hohem Felsen thronend, an dessen Fuß das hübsche Dorf mit dem schäumenden Wehr des Baches — in der Ferne von Neuschnee bedeckte Häupter, leitet die romantische Bahnfahrt ein. Sie geleitet uns vorüber an Trafoiach mit dem Schlößchen auf der Höhe und dem Blick über grüne Matten nach dem prächtigen Hintergrund der Thäler, — vorüber an Fridauwerk mit dem dicken, rauchenden Hochofen, dem Vorwerke der größten österreichischen Eisen-Industrie. In steter Steigung erreicht die Bahn das rauchgeschwärzte Vordernberg, dessen Bewohner fast durchweg in den Eisenwerken beschäftigt sind oder der Knappschaft des Erzbergeö angehören; wir befinden uns gleichzeitig am Fuße des massigen Gebirgs- stockes, dessen nacktes Gerippe im Glänze spärlicher Abend- sonnenstrahlen vielgestaltig gegen Himmel ragt; der grüne Polsterberg, der Hochthurm, der dunkelgefärbte Neichen- stein, die bleichen Kalkzinnen der Gries-, der Vordern- berger-, der Leoner- und Frauenmauern entfalten nach und nach das herrlichste Bergpanorama, dessen Hoch- gebirgsnatur noch erhöht wird durch den in den letzten Tagen stark gefallenen Neuschnee. Hier beginnt die hochinteressante Bergbahn, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges im steirischen Lande, in gleichem Maße hervorragend durch die Gestaltung der Landschaft, die sie durchzieht, wie durch ihre technische Anlage, indem hier das Abt'sche System — Adhäsions- und Zahnradbahn — wie wir belehrt wurden, eine eigenartige Anpassung an die örtlichen Verhältnisse erfahren hat. Wir bestiegen den bequemen Wagen, dessen Construction, reich an Glasfenstern, die Aussicht in keiner Weise behindert. Ueber Viaducte, tiefe Einschnitte und hohe Anschüttungen keucht der Zug den Prebichl hinan; an jeder Faltung und Biegung der starken Steige gewinnt man neue Einblicke in reizende Waldlichtungen und moosweiche Bergwiesen mit wunder- netter Vertheilung der Häuser um die eingefriedete Kirche, sowie auf die in nächste Nähe sich senkenden, herrlichen Bergspitzen. An der Straße, kaum hundert Schritte von Station Prebichl, umfängt uns die neuerbaute gast- und touristenfreundliche Alpenherberge „Zum Reichenstein" von Heinrich Spitäler, ein sowohl durch zuvorkommende Ausnahme und Bedienung als durch die allen Ansprüchen genügende Bewirthnng sehr zu empfehlendes Gasthaus. Im Schweizerstil erbaut, mit bequem und elegant eingerichteten Zimmern, geräumigem Glaspavillon und Veranda, ist es zu längerm Aufenthalte in der reinen, würzigen und gesunden Bergluft, als auch zu Touren auf die nahen, aussichtsreichen Gipfel und eventuell zur Ausübung edlen Waidwerks äußerst günstig gelegen. Wir vertieften uns in die Einsamkeit der nahen Tannen, wo grüne Waldesnacht das grelle Licht des Sonnenhimmels dämpft, wo das Summen des Blätterrauschens und Quellengemurmels in melancholischem Ton die Friedenssehnsucht, das ungestillte Nuheverlangen im Sinnen und Sehnen des Menschen besänftigt und in holde Träume wiegt. Der Besuch des nahen, 1543 rn hohen Erzbergcs mittelst Förderbahn auf offenen Hunden und die Besichtigung des frei zu Tage liegenden Betriebes desselben ist wohl eine einzig dastehende, höchst lohnende Partie, die wir am nächsten Morgen zu unternehmen vorhatten, die leider aber durch abermalige Ungunst der Witterung vereitelt wurde. Keinen letzten Scheidegruß sendeten uns beim Erwachen die verhüllten Felshäupter; dichte, tief- dunkle Wolkengehänge senkten in langen düsterblauen Streifen ihren Inhalt auf das Tiefland. An der 1227 m hoch gelegenen Station Prebichl zeigte das Thermometer Null Grad; bedenklich blickten Gast und Gastgeber in das Unwetter; letzterer in der Hoffnung, es möge der kurze, wonnige Sommer mit seinen frisch gesunden Lüftchen und Harzduft doch jetzt noch nicht dem hier oben fast drei Vierteljahre dauernden Winter mit den Stürmen, bet welchen man sich kaum zu halten vermag, und der bis zu 6 m tiefen Schneeschicht weichen müssen. Ungern schieden wir mit dem ersten thalabwärts gehenden Zug von der tränten, zierlichen Herberge und den biedern treuherzigen Wirthen. ^ Trug die jenseitige Bergfahrt mehr den Charakter einer sanften Idylle, so war die Thalfahrt gegen Eisenerz im Gegensatz zu ersterer wilder, das Gebirge unnahbarer. In langgeschwungenen Serpentinen klettert die Bahn die schotterdurchfurchten Felslehnen hinab — Gräben und Bäche überbrückend, Bergrücken durchbohrend, jede halbweg günstige Stelle dem schwierigen Terrain abringend und von zahlreichen Futter- und Stützmauern begleitet. Der Regen läßt nach; durch die von einzelnen Sounenblitzen getheilten Nebelschleier erscheint die Landschaft, in engem Rahmen gedrängt, in stets wechselnder Beleuchtung und Färbung; bet Station Erzberg bewundern wir das volle Bild des Erzbcrges und das rege Treiben an den mächtigen Abbau-Etagert. In hohem, brausendem Falle, von der Bahn überbrückt, stürzt sich der Erzbach in die Tiefe und verschlingt in seinen braunen Fluthen eine Anzahl weiß-blau schäumender Quellen und Bäche. Die Wände rücken etwas auseinander, Platz lassend für die langen Holzgebäude — die Ausladehallen für das Erz. Ein großer Felsblock an der Thalsohle in Mitte grüner Matten trägt ein Kirchlein und weiset zum Eingang von Ort Eisenerz, wo wir in Gesellschaft von gleichfalls aus Graz kommenden Juristen die anderthalb Stunden bis zum Zugwechsel bei gutem Imbiß und in eifrigem Austausch der jüngsten Erlebnisse und Wahrnehmungen verbrachten. Der fertig gestellte Zug führt uns weiter; wir kommen vorüber an Leopoldstein, dem Schlosse des Prinzen Arnulph von Bayern, mit feudalen Thürmen und Mauereinfassung in herrlich romantischer Lage, und gelangen an ungeheure Felsenmauern und hochabstürzende schwarze Steilwände, an den großartigen Bergkesscl bei Hieflau, dem merkwürdigen Eingänge in das berühmte Eesänse. Der Erzbach, inzwischen zum reißenden jungen Bergstrom gewachsen, stürzt über ein hohes Wehr und vermählt bald darauf seine dunkeln Wasser den grünen Wellen der Enns. Dieser, die aus den vielzackigen, zerrissenen und zerklüfteten Felsenmaffen hervorbricht, eilt das Dampfroß auf schmaler, vielfach dem Felsen abgerungener Spur entgegen. Dichte Wolkenballen hatten sich abermals zusammengezogen, nur hie und da den Schleier lüftend über den finstern, von Schneestreifen durchfurchten Wänden; der Wind peitschte die zahllosen Stromschnellen der sich überstürzenden, brausenden Enns; nadelscharfe Schneeflocken begannen in dichter Fülle hernieder zu wirbeln. Wir passirten das großartige Niesenthor, das aus dem nackten Geklüft der Steinmassen des Gesäuses in die breiten, grünen Auen des von stattlichen Thürmen überragten Klosters Admont führt. Doch auch hier, obwohl daS Schneegestöber mit dem Austritt aus dem Gesäuse sich verlor, hatte der rauhe Winter sich neben den Reichthum des Sommers gebettet: Schnee auf den grünen Fluren, auf den rothglühenden Vogelbeer-Alleen, auf den auf- gethürmten Kornmandcln, die der Laudmann gesenkten Hauptes und thrünenumflorten Blickes erschaute; Schnee über den gesegneten Gefilden von Schladming, Nadstadt und Eben, Schnee bis hinan zu den aus Nebclgardincn blinkenden Tauernspitzen. Dumpfe Trauer über den plötzlich eingetretenen Frost hatte sich auf Gemüth und Angesicht der Bevölkerung gelegt, — hoffentlich nur von kurzer Dauer, wie die Eintagsfliege; hoffentlich küßt der nächste Tag in sonniger Wärme die Spuren des Winter- kindes hinweg. * * Herbst war's geworden, als wir in Salzburg anlangten, und der Kontrast zwischen der Einwirkung der höhern Berg- und wärmern Thalluft fast unvermittelt und scharf; schon entführt der Wind das zarte Gewebe der Wolfsspinne. Doch wonnig schöne Herbsttage sind's, die auf Berg und Flur liegen; prangen Baum und Strauch auch nicht mehr im satten Grün, so berührt der bräunliche Bronzeton, der auf ihnen lagert, nicht minder angenehm; — keine sengenden Sonnenstrahlen, sondern sanfte Wärme, die den Aufenthalt im Freien gar wonnig macht, durchstießt die Glieder; Freude und Wehmuth umfloren den Blick; sehnsüchtiges Verlangen schwellt das Herz, die Natur, die man nie auskosten kann, in der kurzen, vom Urlaub übrig gebliebenen Zeit noch zu genießen, und so erfreuten wir uns denn so lange als möglich der schönen, reizvollen alten Bischofs- und Herzogsstadt und traten so manchen kleinen Streifzug an den Ufern der Salzach an. — Es liegt etwas wunderbar Kräftigendes in schönen Herbsttagen; man fühlt sich mit erhöhtem Lebensmuthe begabt, wie zur Zeit deS knospenden Frühlings, — und berührt auch der Herbst der Jahre unsern Scheitel — dies Gefühl, es zieht in unsere Herzen ein, unbekümmert um den Wechsel der Monde, um Sturm oder Windstille, um glühenden Sonnenbrand oder eisige Winterstarre, wie es des Lebens Wechselfülle streut. Ob auch von Tag zu Tag mehr der gelben Blätter zu Boden rascheln, ob der Wind den lieblichen 743 Kindern Flora's die Blüthenkrone zerstäubt, — im Herzen blüht der Abglanz des Lenzes mit allen Wonnen ungeschmälert fort, und ihm, der mir diese Lebensfreudigkeit, diese Leidvergessenheit im reinen, erhabenen Naturgenusse bis dahin erhalten hals, ihm gilt mein Schlußgedanke: „Ich danke Dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben; Ich war wohl klug, als ich Dich fand. Doch ich fand nicht, — Gott hat Dich mir gegeben, ,, So segnet keine andere Hand!" Nasch fliegen die wechselvollcn Bilder des Chiem- gau's, die Thürme der Hauptstadt, die fruchtreichen Landstriche der Hollertau an unserm gesättigten Auge vorüber; wir kehren wieder zurück an den Strand der blauen Donau, zum altgewohnten, längst vertraut und lieb gewordenen Berufsleben. — ^ - — Hochzeiten am Zirreuhose einst und jetzt. Die allrussischen Hochzeitsgebräuche, die bei Hose herrschten, wenn der russische Zar eine Tochter, einen Sohn öder eine nahe Anverwandte verheirathete, nahmen unter Peter dem Großen ein ganz anderes Gepräge an. Die Hochzeitsfeier Anna Joanuownas mit dem Herzog von Kurland war die erste, bei der diese Abweichung von den alten Formen zur Geltung kam. Diese Feier bestand in einer ganzen Reihe der glänzendsten Festlichkeiten zu Wasser und zu Lande. Eine große Menge Pulver wurde dabei verbraucht, denn nach jedem Toaste erdröhnten Kanonenschüsse. Einige Tage vor der Hochzeit ward das Ereigniß auf die feierlichste Art dem ganzen Lande kundgethan. Und am Hose selbst hatte man wochenlang nach jeder Richtung hin die großartigsten Vorbereitungen getroffen. Am Hochzeitstage begab sich um 10 Uhr Morgens der Herrscher persönlich als Obermarschall der Hochzeit, welchen Titel er sich selbst beigelegt hatte, zur Brautmutter, der Zarin Praskowja. So suchte der große Reformator verschiedene Titel und Abzeichen, die er den Sitten und Gebräuchen westeuropäischer Staaten entlehnte, auch hierbei einzuführen. Den Zaren begleiteten die vornehmsten Magnaten des Landes, und die ganze Gesellschaft fuhr in Schaluppen zum Hause der Braut, voran ein MufikkorpZ, das fast nur aus deutschen Musikern bestand. Im mittleren Boote saß Peter in einem purpurnen Rock, mit einem silbernen Porteepe und mit dem Orden deS heiligen Andreas. Er trug keinen Hut, sondern nur eine Perrücke und in der Hand einen großen Marschallsstab, der in einem Quast aus bunten, mit Gold und Silber verzierten Bändern endete. Unter den Hochrufen der zuschauenden Volksmassen setzte sich der Zug in Bewegung. Im Hause der Zarin erwartete man bereits den kaiserl. Marschall. Alle Hofdamen trugen Kostüme nach westeuropäischer Mode. Nach verschiedenen Be- grüßungszercmonien begaben sich alle Anwesenden in einem großen Zuge zu den Schaluppen, worin sie nach einer festgesetzten Ordnung Platz nahmen, und erwarteten so die Ankunft des Bräutigams und seines Gefolges. Als dieselbe erfolgte, setzte sich die ganze Flottille nach dem Hause des Fürsten Mentschikow auf Wassili Ostrow in Bewegung, was nach einem feierlichen Zeremoniell vor sich ging, ebenso wie das Heraussteigen aus den Schaluppen. Die Braut trug ein weißes Sammetklcid mit Goldbesatz und einen langen Mantel aus rothem Sammet mit Hermelinbesatz, auf dem Kopfe eine reiche Königskrone. Der Bräutigam hatte einen weißen golddurch- wirkten Rock an. An der Einfahrt des Hauses Mentschikow war eine Ehrenwache vorn Preobraschenskischen Regiment aufgestellt, die die Ankommenden militärisch begrüßte. Nachdem alle ins Haus getreten waren, ordnete sich der Zug nach Vorschrift und begab sich in die Feldkirche des Fürsten Mentschikow, die in einem Saale seines Hauses errichtet war. Die Trauung vollzog der Archi« mandrit Feodosst JanowSki. Er erklärte dem Bräutigam in lateinischer Sprache die Bedeutung der Feier und sprach den Segen über das Brautpaar unter Fortlassung der sonst bei Personen der kaiserl. Familie üblichen Gebräuche. Gleich nach der Trauung begab sich die ganze Gesellschaft zur Tafel, die in zwei aneinander stoßenden Sälen gedeckt war. Ueber den Häuptern der Neuvermählten hingen während des Essens Lorbeerkränze. Die Damen saßen von den Herren getrennt, und das ganze Essen leitete der kaiserliche Hochzeitsmarschall. Als letzterer endlich die Tafel aufhob, begann der Ball, der erst um 3 Uhr Morgens sein Ende erreichte. Bis zur Thür des Schlafgemachs wurden die Neuvermählten vom Zaren selbst und von der Zarin Praskowja geleitet. Am nächsten Tage fand wieder ein feierliches Essen statt, dem Abends ein Ball folgte. Während des Essens riß der Herrscher eigenhändig den Kranz herunter, der über dem Haupte des Bräutigams hing, und das Gleiche mußte der Herzog thun mit dem Kranze seiner Braut. Letzterer war aber so befestigt, daß es ihm nur mit Hilfe eines Messers gelang. Dieses Essen verging nicht ohne Ueberraschnngen. U. A. erhoben sich auf den zwei Haupttischen ungeheure Torten; als daS Mahl zu Ende und das Geschirr abgeräumt war, zerschnitt der Kaiser die Torten und zum allgemeinen Erstaunen und Entzücken sprangen heraus zwei geputzte Zwerginnen, die auf Befehl des Kaisers ein Menuett tanzten. Ein etwas anderes Bild stellt die Hochzcitsfeier dar, die die Kaiserin Elisabeth Pctrowna für ihren Thronfolger Peter Feodorowitsch und Katharina Alesejewua (die spätere Katharina II.) veranstaltete. Bei derselben wurden vor allem die kirchlichen Gebräuche aufs Strengste innegehalten. Eine Woche vor der Hochzeit mußten Braut und Bräutigam fasten und dann daS heil. Abendmahl in der Kasanskischen 'Kathedrale einnehmen. Am Vorabend zur Hochzeit siedelte das Brautpaar in geschlossenem Wagen von dem Sommerpalais ins Winterpalais über. Nach ihrer Ankunft erhielt die Braut Befehl, sofort ein Bad Zu nehmen und allein in ihrem Zimmer zu Abend zu speisen. Der zukünftige Herrscher mußte ein gleiches thun. Für die Nacht wurden eine große Anzahl von Wachen aufgeboten, die jegliches Geräusch von der Umgebung des Palastes fern zu halten hatten. Am Morgen stellte man dann militärische Wachen vom Palaste bis zur Kasanskischen Kathedrale auf, zwischen denen sich der Hochzeitszug bewegte. An der Spitze ritten Gardisten und ein Musikkorps. Dahinter folgte eine endlose Reihe von Wagen, die nach Würden und Aemtern der Insassen geordnet waren. Es waren 21 Hof- und eine Menge Privatwagen. Haiducken, Schnellläufer, Mohren, Pagen und Husaren umringten dieselben, und das Ganze bot einen in Rußland noch nie gesehenen Anblick. Der kaiserl. Wagen mit dem Brautpaar war mit 8 Pferden bespannt. Vor ihnen fuhren der Oberzeremonienmeister und der Oberhofmarschall mit ihren Stäben in offenen Wagen, die von berittenen Hofbeamten in großer Anzahl umgeben waren. — 744 Der geschlossene Wagen, in der» die Kaiserin fuhr, soll ein wahres Kunstwerk gewesen sein. In der Kirche nahm die Kaiserin unter einem Baldachin aus golddurchwirktem Sammet Platz. Rechts davon, ein wenig mehr zurück, befand sich eine Erhöhung für das Brautpaar. Als die Hochzeitsgesellschaft in der Kirche Platz genommen hatte, wurde ein feierlicher Mittagsgottesdienst gehalten. Nach Beendigung desselben näherte sich der Erzbischof der Kaiserin, um den Befehl zum Beginn der Traufeier entgegen zu nehmen. Die Herrscherin verließ ihren Thronsesscl, nahm den Bräutigam und die Braut am Arm, führte sie zu der Erhöhung vor dem Altar und stellte sich selbst zur rechten Seite des Bräutigams auf. Darauf trat aus dem Raum hinter dem Altar der Erzbischof Simon mit zwei Bischöfen, die während der Verlesung des Evangeliums goldene Kronen über die Häupter des Brautpaars halten muhten. Dem Erzbischof wurden die Trauringe übergeben, und dieser überreichte sie der Kaiserin. Letztere steckte dem Brautpaar die Ringe an und segnete es. Nach dieser Trauung fanden 10 Tage lang Bälle, Maskeraden, Feierlichkeiten und Volksbelustigungen in reicher Abwechslung statt. Interessant ist es, mit diesen Hochzeiten diejenige der Großfürstin Lenia Alexandrowna mit dem Großfürsten Alexander Michailowitsch, die am 25. Juli dieses Jahres stattfand, zu vergleichen. Es war am Montag um acht Uhr, als in Petersburg und Peterhof Kanonenschüsse erdröhnten, die den Hochzeitstag der kaiserl. Hoheiten ankündigten. Gegen ^3 Uhr begann die Auffahrt am Peterhof'schen Palast, wo die Hochzeitsfeier vor sich gehen sollte. Die Paradezimmer dieses Palastes befinden sich im 2. Stockwerk, und der Eingang dazu ist im mittleren Theile gelegen. Die große, massive Eichenholztreppe war reich mit den prächtigsten Pflanzen bestellt, und der ganze Vorraum glich einem Tropengarten. Die Wachposten waren aus den Palastgrenadieren gewählt und die Leibgarden vom berittenen Grenadierregiment. Als die ganze Gesellschaft beisammen und die Mitglieder der kaiserl. Familie erschienen waren, brachte der Zeremonienmeister des Hofes die Trauringe zum Altar. Darauf erhielten Staatsdamen den Befehl, sich nach dem sogenannten „goldenen Empfangszimmer" zu begeben zur Schmückuug der Braut. Dieses Zimmer, dessen Wände mit golddurchwirktem Stoff bekleidet sind, war für diesen Zweck schon geordnet. Auf einem mit golddurchwirkter Seide bedeckten Tisch stand der große, historische, in goldenem Nahmen befindliche Toilettenspiegel Anna Joannownas, vor dem alle Bräute der russischen Großfürsten zur Hochzeit geschmückt werden. Die Großfürstin Xenia war mit einem hermelinbesetzten Mantel und einer kleinen Brillantkrone geschmückt. Der Eintritt der kais. Familie in die Kirche erfolgte aus dem sog. „Himbeersalon" (der an den „goldenen" stößt und in dem das Brautpaar vorher mit einem Heiligenbilde gesegnet worden war) durch eine aus rothem Luch errichtete zeltartige Pforte. Zur einen Seite standen die Hofdamen, alle in russischem Ssarafan (ein langes Ueberkleid ohne Aermel) und mit golddurchwirkten, sammtnen Hofschleppen. Die Frauen unter ihnen trugen den Kokoschnik (russischen National- kopfputz) mit kostbaren Edelsteinen, die Jungfrauen sammtne Hofbinden. Auf der anderen Seite bildeten Spalier die höchsten Hof- und Würdenträger, Senatoren und Staatssekretäre in ihren glänzenden Uniformen. Die höchsten Militärchargen und das Gefolge begaben sich nach der Kirche durch das Parketzimmer, in den Petrowskischen, den weißen und den ersten chinesischen Saal, in welch' letzterem die Stabs- und Oberofstziere sich ihnen anschlössen. Darauf schritten sie durch den Porträtsaal, wo die Stadtoberhäupter und Vertreter der Kaufmannschaft sie erwarteten, um ihnen zu folgen. Im Standart-, im Kavallerie- und im blauen Saal befanden sich die hoffähigen Damen, sämmtlich in russischen Trachten. Der Metropolit Paladin, gefolgt von den Mitgliedern des heiligen Synods und der ganzen Hofgeistlichkeit, trat aus dem Raume hinter dem Altar heraus, schritt dem Kaiserpaar entgegen und empfing sie am Eingang der Kirche mit Kreuz und Weihwasser. Als die Hochzeitsgäste sich in der Kirche versammelt hatten, führte der Zar, Alexander III., das Brautpaar auf eine mit himbeerfarbenem Sammt bedeckte Erhöhung. Die Trauung vollzog der Hofoberpriester Janüischew mit anderen Geistlichen. Nach einem Wechselgesange brachten zwei Hofpriester in Bischofsmützen auf goldenen Schalen die Trauringe, die der Oberpriester dem Brautpaar dreimal ansteckte. Daraus traten die Brautmarschälle, der Großfürst-Thronfolger Nikolaus und die übrigen Großfürsten heran, um während der Trauung die Kronen über die Häupter des jungen Paares zu halten. Nach Beendigung der Feier begab sich der Zug in derselben Ordnung zurück. Um 6 Uhr fand daS Paradeessen statt, um 9 Uhr begann ein Konzert im Petrowski'schen Saale, und gegen 11 Uhr reisten die Neuvermählten ab. -I-v-i—- Rösselsprung. nach giebt sals trau ^ es dem er doch die schick le in wohl her und schlä ne dir jähr stürm gram je son ben es gen auch ben re nach re wohl lacht de und > sten in gar gen freu blüht giebt ^ tröst ^ die dem gen ^wch! I schön ^ schau ge dir Auflösung des Akrostichons in Nr. SS: Reis, Ostern, Bengel, Jlias, Nabel, Sau, Ozelot, Namen.' Nobiusou. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 94: Zeit HM alle Wundm. AnteWItimg IM „Augsburger Postzeitung". 96 . Dinstag, den 27. November 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas derselben war fast allen Bahnbediensteten bekannt. Als nun die Pfeife die Ankunft des Görlitzer Zuges um so und so viel Zeit früher schon von Weitem meldete, »er« Ein Unglücksjahr. Herr fseinem Freund er-> zählendj: „Ach, ich kann mich auf das Frühjahr im Jahre 1868 genau erinnern; am 7. Mai war ein großes Hagelwetter, am 9. Mai ein Brand in unserer Stadt, und am 13. Mai hab' ich geheirathet!" — „Na, da war ja Unglück auf Unglück!" * Un verbessert ch. Fräulein: „Sie wollen nicht heirathen, Herr Doctor — da mißachten Sie wohl daS Weib?" — „Im Gegentheil: allen möglichen Respect hab' ich davor!" Anagrcunm-Ghasel. 1 3 3 4 sei dir gebracht, Hat Weg und Last dich matt gemalt. 2 3 4 1 stieß Bruderhand Dereinstens in des Todes Nacht. 4 13 2 dient' als Exil Einst einem Mann von stolzer Macht, 2 1 3 4 ein kirchlich Kleid, Ein Bauin, geschmückt mit Silberpracht. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 96: Weiß. Schwarz. 1. S. §2-81 beliebig. 2. D. oder S. setzt Matt. zm „Augsburger Postzeitung". 98 . Dinstag, den 4. Dezember 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas e. einem schrecklichen ^Rheumatismus gequält wird . . . nein ... in Wahrheit, meine Herren, Sie spielen mit meines Güte, ... ich werde die Thüre nicht öffnen." Und alle zugleich riefen: „O bester Ruys! o lieber Ruysl geh', laß Dich erweichen! — Komm, ein Packet Cigarren gegen den Schlüssel! Komm, meine schöne Meerschaumpfeife gegen den Schlüssel!" Und dann vernahm man nur mehr den einzigen Ruf: „Den Schlüssel! Den Schlüssel! Den Schlüssel!" Während Ruys sich, in die Enge getrieben, dieOhren verstopfte, bemerkten dieZöglinge den Bart eines Schlüssels aus des Dieners Tasche hervor- lugen; sie entwendeten ihn und öffneten die Thüre des Ateliers; dies war so schnell geschehen, daß Ruys noch den Riegel knarren hörte, als die Hälfte der Zöglinge schon eingetreten war. „Meine werthen Herren," sagte dann der arme Diener, der Reihe nach bald auf den einen, bald auf den anderen blickend, „aus Mitleid mit mir achten Sie hier jedes Ding, betrachten Sie, aber berühren Sie nichts, .... Heim, Sie versprechen mir es, nicht wahr?" Aber keiner antwortete; der eine besah ein Gemälde, der andere einen Entwurf, wieder ein anderer prüfte die noch frischen Farben auf der Palette; mehrere standen grup- pirt vor einer Staffelei und bewunderten ein angefangenes Bild, das die heilige Magda- lena und die heilige Jungfrau, am Fuße des Kreuzes stehend, vorstellte. Während dieser Betrachtung herrschte die feierlichste Stille. Die jungen Leute so ruhig, so ernst sehend, hörte Ruys zu sprechen auf; er wandte sich gegen die Thüre, um hinauszugehen, als plötzlich ein Gedanke ihn seine Schritte zurücklenken ließ und er sich einem der jungen Leute näherte, dessen Gesichtszüge das Feuer der Jugend und des Genies zugleich ausdrückten. „Herr van Dyck," sagte er ihm in's Ohr, „ich baue auf Sie, Sie sind der rechtschaffenste der fleißigste, der Schule, haben Sie ein Auge auf diese jungen Ueber- müthigen, versprechen Sie mir das?" Und nachdem van Dyck mit freundlichem Lächeln das Jawort gegeben hatte, entschloß sich der alte Diener, — 7b(> zu gehen. Für einige Augenblicke war die Aufführung, welche sie pflogen, thatsächlich eine musterhafte: vertieft in das, was sie sahen, nur an die Kunst denkend, die sie pflegten, besprachen sie sich ruhig miteinander, sei es über die Farbentöne oder die Darstellungsweise. „Welch' grober Meister ist Rubens!" sagte der eine. „Und eine so glänzende Laufbahn!" fügte ein anderer hinzu. „Wißt Ihr, meine Freunde," versetzte ein dritter, „daß es selten ist, sich den Künstler in dem großen Herrn und den großen Herrn in dem Künstler auf einmal vorzustellen, wie es bei Rubens der Fall ist?" „Mein Vater," sagte van Dyck, „erzählte mir einmal, daß, als Rubens Gesandter in Wien war, bei Tisch des Fürsten Kaunitz, Ministers des österreichischen Reiches, ein Herr, die Gemälde Rubens' rühmen hörend, zu seinem Tischnachbarn sagte: „Dieser Rubens ist also ein Gesandter, dem es gefällt, Malereien zu machen?" Casa- wo sie sich befanden, und ohne Rücksicht auf die vorhandenen Meisterwerke warfen sie mit dem Ball aufeinander, rannten hin und wieder, balgten einander ab, umschlangen sich gegenseitig mit den Armen und rangen; kurz, keiner konnte sagen, wie es kam, daß Diepenbecke, von einem angestoßen — man wußte nicht, von welchem —, plötzlich stolperte und fiel — gegen was? gegen die Staffelei Rubens'! Die Staffelei stürzte um, die Leinwand mit, und Diepenbecke kam seiner ganzen Länge nach auf die Leinwand zu liegen. Er stand wieder auf, ein Schrei des Entsetzens entschlüpfte Aller Lippen; die schöne Magdalena war am Arme verwischt, und die Muttergottes hatte die Wange und das Kinn nicht mehr. Eine Stille der Bestürzung war an Stelle der lärmenden Fröhlichkeit der Zöglinge getreten. „O meine Freunde, was haben wir gethan!" riefen sie, indem einer den andern mit Schrecken ansah. I)> . N»ux. nova antwortete: „Excellenz täuschen sich, Rubens ist ein Maler, dem es gefällt, Gesandter zu sein." Während dieses Gespräches entfernte sich Richard von der Gruppe und bemerkte in einem Winkel einen elastischen Ball, der ohne Zweifel von einem von ihnen am Abende vorher vergessen worden war; er hob ihn auf, und ohne an etwas anderes zu denken, als Bewegungen mit seinen Armen zu machen, welche die Arbeit am Morgen schlaff gemacht hatte, schleuderte er den Ball in die Luft, indem er ihn geschickt wieder auffing, je nachdem er fiel. Einmal fiel er zu Boden. „Du bist ungeschickt!" rief derjenige, dem er zu Füßen gefallen war, indem er den Ball aufhob und ihn auf Richard warf, der jedoch dem Wurfe auswich, den Ball ergriff und wieder antwortete. Das Spiel kam in Gang. Jeder wollte daran theilnehmen, und vornehmlich Diepenbecke, der hierbei eine ungewöhnliche Fertigkeit entfaltete. Schließlich kam es so weit, daß sie vergaßen, ve. Krhring. UM WWW M» „Wir sind verloren," sagte Richard. „Ohne Zweifel jagt uns der Meister morgen Alle aus der Schule." „Das wird sicher geschehen," sagte ein Anderer; „ich werde indessen auf die Kündigung nicht warten, ich gehe im voraus." „Und ich auch!" fügte ein Weiterer hinzu. „Und wohin gehen die Herren," fragte van Dyck, „einen zweiten Meister wie Rubens zu finden? Nein, es gibt keine Wahl, wir müssen uns gänzlich seinem Zorn aussetzen, wir müssen bleiben." „Zumal er so weichherzig ist," sagte Diepenbecke. „Er ist nicht von großer Sanftmuth," warf ein Anderer ein. „Mich macht sein Blick allein zittern," sagte Richard. „Und der Klang seiner Stimme, wenn sie zorniger als gewöhnlich, erstarrt mich," bemerkte van Dyck traurig. „Mein Gott, waS thun, was thun?" sagten Alle mit bestürzter Miene. „Stellt jedes Ding an seinen Platz," sprach Richard, „und wir begeben uns, ohne etwas zu sagen, fort." 767 „Pfui doch!" rief van Dyck; „dadurch würden wir den armen Ruys beschuldigen, er würde vielleicht davongejagt werden, und wir hätten uns die Verschuldung des Unglückes eines Greises vorzuwerfen." „Aber was thun wir dann?" fragte Dieperbecke mit trostloser Stimme. „Erwarten wir unser Schicksal und tragen wir es, denn wir haben es verdient," antwortete van Dyck. „Meine Freunde, ein Vorschlag!" rief der Jüngere der Gesellschaft. „Wir haben das Uebel verursacht, wir müssen es auch wieder gut machen: Einer von uns setze sich an's Werk und arbeite; ich wage es, wenn ihr wollt." „Du, Cohen?" sagte sein Nachbar mit Ueber- raschung; „Du kannst ja kaum einen Pinsel halten, mein armer Bursche." „Der gute Wille wird das Uebrige machen,James," antwortete Cohen. „Wie wenn der gute Wille das Talent vertreten könnte!" versetzte Diepenbecke. — „Dennoch ist der Vorschlag Cohen's nicht zu verwerfen. Einer von uns, und zwar der Tüchtigste, soll sich an'sWerk machen und die Verbesserung vornehmen." „Und wer ist der Tüchtigste?" fragten sich Alle, einander betrachtend. Einstimmig nannten Alle Antonio van Dyck. „Ich?" sagte van Dyck, erstaunt über die Aufgabe, die ihm seine Kameraden auferlegten. „Ja Dul" wiederholten sie Alle; „Du bist der Tüchtigste. Du hast drei Stunden vor Dir; Muth, Freund, rette unsl" Bestürzt ergriff van Dyck mit der einen zitternden Hand die Palette, welche man ihm reichte, setzte sich vor das Gemälde, wühlte die entsprechenden Pinsel, und in dem Augenblick, ein so schönes Werk zu berühren, hielt er noch inne. „Welche Vermessenheit I" sprach er, das Auge zweifelnd auf seine Kameraden geheftet, die ihn umstanden. „Vorwärts, vorwärts, van DyckI" erwiderten sie ihm, indem sie ihn mit den Händen stießen; „alle unsere Hoffnung ist in Dir, Du allein kannst den Schaden wieder gut machen, vorwärts also!" Mit klopfendem Herzen gab endlich van Dyck den dringenden Wünschen seiner Freunde nach. Nach zwei Stunden fieberhafter Arbeit, wo Geist und Herz gleich angestrengt schafften, war das Werk vollendet, und van Dyck erhob sich schweißtriefend von seinem Stuhle. — Eine der größten Schwierigkeiten war besiegt; aber morgen, was wird Rubens sagen, wenn er den Betrug bemerkt? Daß keiner der Zöglinge in dieser Nacht die Süßigkeit des Schlafes kostete, ist wohl leicht denkbar. „Ack, ich bin ganz zufrieden mit Euch," sagte Ruys zu dem Zöglinge, welcher ihm den Schlüssel überreichte; „seit ungefähr zwei Stunden befand ich mich im Nebenzimmer des Ateliers und ich habe von Euch so wenig gehört, als wenn Ihr nicht dort gewesen wäret; das ist musterhaft, Ihr seid brav wie die kleinen Heiligen von Gyps." Keiner lachte über den naiven Ausdruck des alten Dieners, Jeder begab sich sorgenvoll von bannen. Dieselbe trübe Miene war ihnen auch am folgenden Tage eigen, als sie sich an die Arbeit machten. Der Eintritt Rubens' in die Schule machte einen angstvollen Eindruck, aber das Antlitz des Meisters war sonnig. „Er weiß noch nichts," sagte Einer leise zum Andern, und sie beruhigten sich für den Augenblick. Rubens ging von Staffelei zu Staffelei, indem er den Einen ermunterte, dem Andern einen Rath gab, einem Dritten einen Vorwurf machte. Plötzlich richtete er sich an seine sämmtlichen Zöglinge. „Meine Herren," sagte er, „ich will Ihnen mein Gemälde zeigen, ein Kirchen- gemälde, welches ich sür die Kapelle eines Kardinals mache; folgen Sie mir." Ein Schauer durchlief die Adern eines jeden Zöglings, dessen ungeachtet erhoben sie sich und folgten stillschweigend ihrem Meister. (Schluß folgt.) -- Zu unseren Bildern. Graf Hart»,a,in von Fugger, Regierungspräsident der Oberpfalz und von Regensburg. Unsere Leser empfangen beute das Bildniß des neu ernannten Regierungspräsidenten der Oberpfalz und von Real nsburg, Grasen Hartmann von Fugger-Kircbberg-Weißenhorn. Er wurde geboren am 29. Juni t829 zu Schloß Oberkirchberg an der Jller als sechster Sohn des Reichsraihs Grafen Fr. Fugger und dessen Gemahlin Johanna, geb. Freiin v. Freyberg. Graf Hartmann wurde in der kal. Pagerie zu München erzogen und oblag seinen juristischen Studien an den Universitäten von Berlin und München. Er erh elt seine erste Staatsanstellung Reisensbnrg. Original-Ausnahme van Gustav Baader, Photograph in Krumbach. tDervielsältigungörechl vorbehalten.) WM-r. MMS AM 768 für Kusel in der Pfalz und wurde bereits am 21. Juli 1858 zum Regierungsassesfor befördert. Von 1862 bis 1868 wirkte er als Bezirksamtmann in Neuburg a D., um von diesem Jahre ab als Regierunasrath und dann als Direktor abwechselnd in den Kretsregierungen der Rhcinpfalz und Oberbayerns seine Dienste dem Staate zu widmen. Graf Fugger war lange Zeit in hervorragender Weise parlamentarisch thätig. Schon als Bezirksamtmann verirat er den Wahlkreis Donauwörth im Landtage, und bis 1881 finden wir den Grafen Fugger als hervorragendes Mitglied der Rechten in der bayerischen Abgeordnetenkammer; dem deutschen Reichstage von 1877 bis 1881 gehörte er als Zentrumsmitglted an. Bet den Neuwablen von 1881 zog er sich von der parlamentarischen Arena zurück. In den letzten Jahren hatte er vielfach an Stelle des wegen Krankheit oft beurlaubten Freiherrn v.Pfeufer die Prästdialgefchäfte zu führen. Aas Denkmal König Ludwigs II. in Murnau. In Murnau, am Fuße der Berge, ließ die Liebe der bayerischen Obeiländer zu König Ludwig II., dem „ihrigen", ein würdig-s Denkmal erstehen. Die Anregung zur Errichtung eines solchen gab Postdalier Bay rlacher dortselbst. Durch freie Lievesspenden kam das am 26. August 1894 unter dem Zu- drang von mehr als 10,000 Festtbeilnehmern in dem oberbayeri- fchen Markt Murnau freilich enthüllte Monument zu Stande. Josef Hautmann, d-r jahrzehntelang den heivorragendsten Antheil an der plastischen Ausgestaltung der königlichen Entwüife hatte, ist der Stöpfer der Kolossalbüste aus weißem Marmor, die sich in lebensvoller Aehnlichkeit von dem Hintergrund aus natürl-chem Fels abhebt. Sie ruht auf einem gleichfalls marmornen Sockel, der das bayerische Wappen trägt, nebst den einfachen Worten, mit denen die „getreuen Landeskinder ihrem unvergeßlichen Ludwig" dies bescheidene, aber nicht unwürdige Denkmal widmen. Das neue Drichstagsgebäu-e. Am 5. Dezember wird der Reichstag wieder zusammentreten und zwar diesmal in einem neuen, prachtvollen Palast. Ueber ein Dezenium waren Tausende von Händen unausgesetzt thätig an der Ausführung des Riesenbaues, der bestimmt ist, d>r Volksvertretung des Deutschen Reiches, dem Reichstage, ein würdiges Heim zu bieten. Endlich ist das Prachtgebäude zur Vollendung gediehen und wenn die deutschen Volksboten sich wieder in der Hauptstadt des Reiches vereinigen, werd n sie unter festlichem Gepränge ihren Einzug in den neuen Parla- mentskälen halten und weiter berathen über des Volkes Wobl und Wehe —möge ihre Thätigkeit im neuen Hause dem Reiche zu stetem Segen gereichen. Bereits im Jahre 1873 ließ der Reichstag 24 Millionen Mark aus der französischen Kriegsentschädigung nebst den anwachsenden Zinsen für die Errichtung eines großartigen deutschen Pailamentsgebäudes bereit stellen. Kleichzezng wurde eine Konkurrenz für einen entsprechenden Plan eröffnet, aus Welcher nach schwieriger Entscheidung der Baumeister Paul Wallst, von Geburl ein Rheinländer, als Sieger hervorging. Ihm wurde auch die Bauleitung, sowie die künstlerische Ueber- wachung anvei traut. Der Bau gestaltet sich in seiner Hauptgrundrißlage als ein großes Rechteck, besten Miitelpunckt naturgemäß das Herz des ganzen Haufes der ringsum von weiten Gangen umgebene Sitzungssaal ist. Ueber ibm erhebt sich die Kupvel von Glas zwischen goldschrmmernden Rippen, darüber die gleichfalls go>d- glänzende Laterne, ein von Säulen umstellter Bau und über der Laterne als Abschluß des Ganzen, die goldene Kaiserkrone. Die Hauptfi ont, die >30 Meter lang ist, entwickelt sich palastartig in scharfer Betonung der inneren räumlichen Theilung auch nach außen hin. Die Mitte dieser Fa^ade nimmt die kräftig vertretende Säulenhalle ein, deren Kapitale über Mannshöhe haben. In dem breit gelagerten Feld des mächtigen Glbels treten Skulpturen hervor, die ihre Steigerung bis zur Kuppel hin in den massigen Ecklösungen und ,n der BegaS'schen Germaniagruppe finden. Charakteristisch wirken jedoch die thurmartigen Eckbauten mit offenen Galerien und figurengeschmückter Balustrade. An äußerem Schmuck ist der neue Retchstagsbau überhaupt außerordentlich reich, aber die Maße des Gebäudes so gewaltig, daß die bildnerischen Zierden nirgends als überladen erscheinen. Ein hoher Sockel in schwerer Fügung schließt das Gebäude nach unten ab. In Mitten aller vier Seiten sind die Eingänge angeordnet und zwar ist der, welcher auf unserer Abbildung ersichtlich ist, der mehr repräsentative Eingang, welcher wohl nur bei besonderen Anlässen benutzt wird. Den gewöhnlichen Eingang für Abgeordnete und Publikum bildet das Südportal. Reckts und links vom Mittelbau sind die Erfrstchungs- und Lesesäle der Abaeordneien. An der Ostfront siegen nach Süden die Räume für den Bundesratb, nach Norden die für das Reichstagspräsidmm. Die nördliche Eingangshalle ist als Durchfahrt gestaltet; von hier aus gelangt man über den ersten Hof und eine weitere Durchfahrt unter dem Sitzungssaal bis in den Südhof. Im Untergeschoß befinden sich Post, Telegraphie, Heizung und eine Anzahl anderer Diensträume nebst den Garderoben und einigen Hallen, die den Abgeordneten für Besuchsempfänge rescrvirt bleiben. Die neue Dehandlung der Diphtherie. Professor Beh ring in Halle hielt kürzlich in einer Versammlung der Naturforscher und Aerzte in Wien einen Vortrag über sein neues Heilverfahren zur Heilung der Diphtherie. Behring injicirt Pferden, welche zu keinem anderen Zwecke ge- b'aucht werden dürfen, steigende Mengen von Dipbtheriegift. Wenn dieselben eine bestimmte Menge Toxin ohne ReaktionsErscheinungen vertragen, wird denselben durch Aderlaß Blut entnommen und aus diesem mit Antitoxin beladenen Blute das Serum, das ist die nach der Gerinnung des Blutes übrig bleibende Flüssigkeit gewonnen, welche sodann keimfrei gemacht wird und nun für den Gebrauch reif ist. Die Heilwirkung des auf diese Weise dargestellten Antitoxins ist unzweifelhaft und in letzter Zeit durch zahlreiche Fälle nachgewiesen. Sehr günstige Resultate sind besonders auch vonvr-Roux in Paris bekannt geworden. Profissor Behring äußerte sich, daß von hundert Kindern, welche innerhalb 48 Stunden nach der Erkrankung mir dem Mittel behandelt werden, keine fünf sterben werden. Reisensburg, Dorf in Schwaben, Bez.-Amts Günzburg, mit circa 640 Seelen, mit einem dem Frhrn. v. Riedheim gehörigen Schlosse. Die Beste Reisensburg wird das erste Mal in der Mitte des 10. Jahrhunderts genannt. Bcrchthold nämlich, Sohn des bayerischen Pfalzgrafen Arnulf, hatte sich dem Aufruhre der bayerischen Lu-tpcldinger gegen König Otto I. angeschlossen; zur Strafe biefür wurde er aus Bayern verwiesen und in die schwäbische Beste Reisensburg verbannt, welche damals den Schyren gehörte. Im Javre 1295 erscheint die Herrschaft Reisensburg als Besttzkhum des Markgrafen von Burgau. Das Geschlecht der Reisensburger erscheint damals nicht mehr in dieser Gegend; aber noch im Jahre 1315 wird unter den Adeligen ein Rudolf von Reisensburg als Z-uge für Kloster Zimmern genannt. Als um das Jahr 1300 die Markgraifchaft Burgau vom Hause Habsburg erworben wurde, fielen auch Schloß und Herrschaft Reisensburg an die neuen Landesherren. Im November 1452 gingen die Herrschaften Günzburg und Reisens- burq mit vielen andern Gütern aus der Hand des Hans von Knöringen, damals Landvogt zu Burgau, in den Pfandbesitz deS reichen Ritters Hans von Stain auf Ronsberg über. 1457 machte Erzherzog Albrecht demselben Hans v. Stain Reisensburg nebst Zugebör um den Preis von 4000 fl. zu einem Lehen. Damit war Reisensburg von Günzburg getrennt und mit seinen Zugehörden zu einer eigenen burgauischen Lehensherrschaft gemacht. Die vonStain blieben im Lehensgenusse von Reisensburg, kamen aber in ihren Vermögensverbältnissen immer mehr zurück. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts steckte die Familie so tief in Schulden, daß Kaiser Rudolf II. befahl, es solle die ganze Herrschaft unter Sequester gestellt werden. Im Jahre 1760 gelangte durch Erbrecht Karl von Ehb zu Neu-Dettelsau in den Besitz von Reisensburg. Der letzte Besitzer von R-isensburg aus der Familie der Fieiberren von Eyb, Friedrich Karl, starb um das Jabr 1852. Reisensburg wurde nun verkauft, und zwar an den Freiheirn Maximilian v. Riedbeim zu Harthausen, dessen Nachkomm n sich heute noch im Besitze des Schlosses befinden. An dem Schlosse eihebt sich der alte Burgihmm, wohl jenes oastrnm, aus welchem der verbannte Schyre Bercbrbold von Bayern im Jahre 955 zu den Ungarn nach Augsburg eilt-, um seinen Verratb an Kaiser Otto auszuüben. Die jetzigen Sckloßgebäude wurden in späterer Zeit um den Thurm angeführt, Reisensburg hat eine dem hl. Papste und Märtyrer Sixtus geweihte Kirche; dieselbe wird schon im Jahre 1162 erwähnt. Das alte Kirchlein wurde 1767 abgebrochen und im folgenden Jahre die gegenwärtige Kirche gebaut. --— 99 . Ireitag, den 7. Dezember 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler). HermvarL rsorr Hildesheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Fortsetzung.) Die Domglocken läuteten. Herr Klans im Feiertags- kleide schritt rasch durch den Garten und erspähte die Maid, wie sie leise zu den Blümlein sprach. Gefesselt von dem wunderlieblichen Bilde blieb er stehen. Dann aber nahte er mit schnellem Entschluß. „Jungfrau Klothild, schenkt mir das Sträußlein, zu dem Ihr so freundlich niederschaut," bat er, und seine tiefe Stimme bebte. Sie blickte zu ihm auf, und er empfand nicht zum ersten Male, welch schöne Innigkeit aus ihren blauen Augen sprach. „Das Sträußlein war für Euch bestimmt," sagte sie einfach und heftete die Frühlingsblüthen an sein Gewand. Währenddessen schaute er zu ihr nieder, blickte er thr tief und tiefer in die blauen Augen und auch auf die rothen Lippen, die ihm holder als die duftigsten Blumen erschienen. Und er selber wußte nicht, wie es geschah — er drückte einen Kuß auf die weichen Lippen der Jungfrau und flehte: „Sei mein, sei mein. Du Herzliebe, wonnesame Maid." Sie schmiegte sich an die Brust des heißgeliebten Mannes, und alle Seligkeit der Liebe leuchtete aus ihren Augen, als sie die beiden Wörtlein sprach: „Ja Dein!" Wie war mit einem Male die Welt so schön geworden! Der kleine, dem Lenz entgcgenknospende Garten dünkte den beiden glücklichen Menschen ein Paradies. Sie hörten kein Glockenläuten mehr und hatten den Einzug des Kaisers vergessen unter zärtlichen Liebesworten. Inzwischen schritten die Hildesheimer in feierlicher Procession dem nahenden Kaiser entgegen. Voran trug ein Kirchendiener das hochragende Kreuz und ein Herold die Fahne mit dem HildesHeimischen Wappen. Dann folgten die Bürger der Stadt, die Dom- und Kunstschiller in Festkleidern; diesen schlössen sich die würdigen Domherren an in reichgestickten Prachtgewändern — ein ehr- furchtgebietender Anblick. Dahinter wogte auf hohen Rossen der ganze Adel des Stiftes in allen Farben mit wallendem Federschmuck und glänzender Rüstung, gar stattlich zu schauen. Nicht weit vor dem Hagenthore hielt der Zug. Hier erhob sich die von einem Baldachin aus Gold und Purpur überragte Ehrenpforte. Darunter stand ein kaum dem Kindesalter entwachsenes Jungfräulein. Ueber ihr flimmerndes Kleid von blendend weißer Seide fiel wie ein goldener Schleier ihr sonniges blondes Lockenhaar. Zarte Nöthe lag auf dem blüthenhasten Weiß des lieblichen Kindergesichtes. Ein Widerschein des blauen Himmels leuchtete aus den großen Augen. So stand Hathumod von Sommerschenburg da, um im Namen der Stadt den Kaiser zu begrüßen. „Ist sie nicht ein verkörperter Sonnenstrahl?" flüsterte jung Heribert entzückt seinem Nachbarn Dedi zu. Der Kunstschüler nickte nur und schaute in stummer Bewunderung nach dem jungen Edelfräulein Hathumod. Schmetternde Trompetenklänge ertönten. Brausender unbegrenzter Jubel ward laut; denn schon zeigte sich der Herrscher des Deutschen Reiches in seiner glänzenden Umgebung von Fürsten und Edelleuten. Kaiser Heinrich II., eine jugendkräftige Gestalt voll Würde und ungesuchter Hoheit, fern von jeder Spur eitler Selbstgefälligkeit, ließ den klugen Blick mit frohem Staunen über das durch Mauern und Zinnen zur Festung verwandelte Hildesheim schweifen. „Welch' günstige Umgestaltung hat die geliebte Stadt erfahren, seit ich vor mehr denn zwanzig Jahren als Domschüler hier weilte," äußerte er zu dem wackeren Edelmann an seiner Seite, zu dem rheinischen Grafen Hans von der Jsenburg. Sein Auge glitt dann freundlich über die ihm zujubelnde, vieltausendköpfige Menge des Volkes und blieb schier bewundernd auf der künstlerisch schön erbauten Ehrenpforte haften. Die liebliche Jungfrau Hathumod trat alsbald in kindlicher Unbefangenheit vor, neigte sich tief vor dem hohen Herrn und sprach mit Heller, klangvoller Stimme eine Begrüßung in classischem Latein. Es war eine Heldendichtung der edlen Roswitha, worin die Thaten des sächsischen Kaisergeschlechtes, der Vorfahren Heinrichs, vom Urahnen Heinrich I. an verherrlicht wurden. Was Roswitha vor ihrem Heimgänge nicht vollendete, das hatte deren Schülerin, das hatte jung Hathumods kluge Mutter, Frau Hildeswitha, ergänzt und vornehmlich den Schluß gar schön auf den guten und treuen Kaiser Heinrich II. abgerundet. Der Kaiser war tief bewegt. In so sinniger gemüth- voller Weise war ihm noch kein Empfang zu Theil ge- 770 worden. Er beugte sich nieder und drückte einen Kuß auf die reine Stirn der Maid. Dann sprach er mit weithin schallender Stimme begeistert seinen Dank aus. Huldigend umritten die Herren vom Hildeshcimischen Adel den Kaiser. Darauf bewegte der Festzug sich unter Trompetenschall in die innere Stadt, dem Dommünster zu. Der fromme Kaiser hatte in seinem Schreiben gebeten, daß man ihn zunächst an diese heilige Stätte leiten möge, auf daß er sogleich beim Einzug in den ehrwürdigen Ort seine Andacht in Sanct Mariens Dom verrichten dürfe. Vor dem Portale harrte ehrfurchtgebietend, mit allen Abzeichen bischöflicher Würde geschmückt, der hohe Fürst des Stiftes, Bischof Bernward, um seinen Kaiser zu emvfangen. Bei diesem Anblick stieg Kaiser Heinrich vom Pferde und beugte sich demüthig vor dem Bischof, um seinen Segen zu erbitten. Tiefe Rührung, warme Liebe spiegelten sich in den cdelgeformten Zügen Bernwards wieder, als er den ehemaligen Mitschüler in Hildesheim als Kaiser einziehen sah. Er segnete Heinrich und sein Gefolge mit dem Zeichen des Kreuzes; dann breitete ex stumm die Arme aus, und Kaiser Heinrich, von gleichen Gefühlen beseelt, sank, von Bewegung übermannt, wortlos an des Treuen Brust. Alsdann richtete Bernward sich auf und hielt eine herzliche Begrüßungsrede an den Kaiser. Während der Kirchenfürst sprach, hafteten Heinrichs Augen mit steigender Bewunderung auf den erzgegossenen Flügelthüren,*) so die Vorhalle von dem Innern des Domes trennten. Sinnreiche Darstellungen aus dem alten und neuen Testamente in hocherhabener Arbeit schmückten selbige. Kaum hatte Bischof Bernward seine feierliche Anrede beendet und der Kaiser geziemend seinen Dank ausgesprochen, da rief Herr Heinrich lebhaft und deutete auf die ehernen Thorflügcl: „Welch' großartige Schöpfung! Sie entstammt offenbar Eurem Geiste und ist aus Eurer Kunstschule hervorgegangen." Bernward sprach ernst: „Den Plan zu dieser plastischen Bußpredigt faßte ich in Nom vor den Thüren von Sancta Sabina. Ich wollte das Drama von Eden und Golgatha in einer Reihe bildlich ausgeführter Gedanken meinen armen Büßern vorführen, so in der Vorhalle harren müssen und an der Feier des heiligen Meßopfers noch nicht wieder theilnehmen dürfen. Durch die Bilder von der Sünde und von der Erlösung sollen die Harrenden erschüttert, aber auch wieder getröstet werden." Er hatte nicht nöthig, dem fromm-gelehrten Kaiser den tiefen Gedankeninhalt der Bilder, den Sinn und Zusammenhang eingehend zu erklären. Heinrich verstand ohne Worte die Gedanken des großen Meisters. „Fürwahr, da habt Ihr eine Bußpredigt für ewige Veiten in Erz gegossen. Zu späten Geschlechtern noch wird Euere Mahnung vernehmlich reden," sprach er bewegt. „Sehet dort die Meister, die mich in der Ausführung unterstützten, ja mit gewandter Kunstfertigkeit mir dieselbe nur ermöglichten," erklärte Bernward und deutete auf Diethelm und Heribert. Er winkte den Künstlern, nahe zu kommen. *) Wahrscheinlich fällt die Vollendung der Thürflügel erst in das Jahr 10 5. Den vielleicht begangenen Anachronismus wollte man der dichterischen Freiheit zu gute halten. Der Kaiser reichte den beiden, so sich tief verneigten, die Hand. — „Ich danke Euch!" sprach er. So traten sie wohl vorbereitet zur Andacht in das erhabene Domwünster ein. Der Kaiser staunte aufs Neue: Wand- und Deckengemälde in prächtiger und doch zart empfundener Ausführung zierten das Gotteshaus. Wie ernst und einfach hatte Herr Heinrich aus seinem Knabenalter her das Münster in Erinnerung! Vor dem der Himmelskönigin geweihten Hochaltare kniete er mit seiner ganzen Gefolgschaft und mit allen Theilnehmern des Festzuges nieder. Nach inbrünstigem Gebet erhob Bischof Bernward die goldstrahlende Monstranz und ertheilte den göttlichen Segen mit dem Allerheiligsten. Das war der Empfang, worauf nach also verrichteter Andacht die hohen Gäste Bernwards sich in die Bischofsburg begaben. Während sie beim Mahle saßen, sprach der Kaiser: „An den Gemälden des hohen Domes, so mir ausnehmend gefallen haben, will ich, ehe denn ich andere Stätten besuche, mich nochmals erbauen. Wer ist der Meister?" Es antwortete der Bischof: „Mein junger Schüler, Klaus vom Rhein genannt, Ihr sollt ihn sehen, und er mag selber Euch bei Eurer genauen Besichtigung seine Gemälde erklären. Befremdlich war's mir fast, den lebhaften, begeisterten Jüngling nicht beim Festzug zu erblicken." Er ertheilte einem Diener die Weisung, den Kunstschüler Klaus unverzüglich hierher zu entbieten. „Erlaubet," sprach Meister Diethelm rasch — als Hildesheimischer Rathsherr saß auch er an der Kaiscrtafel — „erlaubet, daß ich selber gehe; ich möchte sehen, was es in meinem Haufe gebe. Ich sorge, daß absonderliches dort vorgefallen sei, sintemalen ich weder Klaus, noch Jemanden von den Meinen gesehen habe." Er ging. „Herr Graf, Ihr schaut ja so nachdenklich drein, als ob Ihr ein verzweifelt Problema lösen müßtet," also wendete Kaiser Heinrich sich lächelnd an den derben Degen, den Ritter von der Jsenburg, so mit ihm gekommen war und an seiner Seite saß. „Weiß Zott, gnädigster Herr, nachdenklich bin ich worden. Hab', meiner Treu, heute einen andern Begriff von Kunst gekriegt. Alle Achtung vor der Kunst, so ich hier gesehen, vor der Kunst, so im Dienste Gottes steht und vor allem dessen Verherrlichung bezweckt!" „Gut!" sprach der Kaiser. „Doch warum sagt Ihr das wehmüthig und mit sichtlicher Kümmerniß auf Eurer Stirn?" „Weil die Erkenntniß mir nichts mehr frommt, hoher Herr, und weil ich meinen einzigen Sohn und Erben, der durchaus ein Farbenklexer werden wollte und keinen Sinn für ritterliche Waffenübungen bezeigte, zornig verstieß, auf daß er meinem Namen keine Schande mache. Ja, wenn der Bube solches hätte malen können, wie wir es hier im Münster sahen!" „Das glaube ich wohl, Herr Graf; dann hättet Ihr Euch mit seiner Kunstliebe ausgesöhnt, wenn er als Meister zur Welt gekommen wäre", meinte der Kaiser und fügte sehr ernst hinzu: „Aber schlimm war's von Euch, Jsenburger, daß Ihr den einzigen Sohn verstießet, der doch kein anderes Unrecht that, als daß er dem inneren Dränge folgte und sich ganz der Kunst hingab, statt das Kriegshandwerk zu erlernen". 771 Der tapfere Ritter, der sonst niemals um's Wort verlegen war und ein Mundwerk hatte, just so scharf, wie sein weithin gefürchtetes Schlachtschwert, schwieg traurig und schaute vor sich nieder. Das dauerte beträchtliche Weile, ehe Meister Diethelm wiederkehrte. Als er endlich erschien, leuchtete sein gutes Antlitz vor Glück. «Der Grund des Ausbleibens war ein freudiger," berichtete er. «Der junge Künstler Klaus hat sich, währenddem wir den Kaiserlichen Herrn einholten, mit meiner Tochter Klothild zur Ehe versprochen, und ich mußte meinen Segen dazu geben. Nietn zukünftiger Tochter- mann wird alsogleich hier sein," schloß er bewegt. Alle wünschten ihm von Herzen Glück. Es wurde aber spät; der Kaiser hatte eben die Tafel aufgehoben, als freudigen Gemüthes zwar, doch schüchtern und bescheiden der Künstler eintrat. Sowie der Bischof ihn erblickte, ging er auf ihn zu und führte den Zaghaften vor den Kaiser mit den Worten: «Hier ist der Schöpfer unserer Domgemälde." Heinrich blickte wohlwollend auf den Jüngling, der mit gesenkten Lidern vor ihm stand. „Junger Freund," also redete er ihn an, „Euere Schöpfungen haben unsern vollen Beifall, wir möchten selbige nochmals eingehend beschauen. Wollt Ihr unser Eeleitsmann sein?" «Mit tausend Freuden, hoher Herr," sprach Klaus leise mit verklärtem Angesicht und schlug voll die dunklen Augen zum Kaiser auf. Dabei traf sein Blick auf den Grafen von der Jsenburg, so neben Heinrich stand. Jäh erbleichte er und wich zurück. Der tapfere Ritter hatte währenddessen schon wiederholt die Augen gerieben und erkleckliche Zeichen maßlosen Staunens und unterdrückter Freude wahrnehmen lassen. Jetzt platzte er los: „Bei der Lanze des Herrn und beim heiligen Erzengel Michael! Klaus, mein Junge, das bist Du ja! Brauchst nicht zurückzuweichen, wie vor einem Schreckgespenst. Komm an mein Herz, Bursche, Alles ist vergeben!" Mit derber Hand griff er nach dem jungen Künstler und preßte ihn derart stürmisch an seine Brust» daß dem fast der Athem verging. „Hätte, weiß Gott, heute nicht an solche Freude gedacht l" Er ließ den Gefangenen los und fuhr heftig mit der Hand über die Augen. «Ist mir wahrhaftig schon eine Fliege ins Auge gekommen!" Und dann flüsterte er, freilich so laut, daß es Alle hören konnten: „Junge, verzeih Deinem alten Vater, daß er Dich damals so rauh in die Welt hinausstieß, als Du Deinen Arm bei Ausübung der Dir verbotenen Farbenklexerei verloren hattest und zum Ritter untauglich wurdest; es war freilich abscheulich von Dir. — Junge, sprich ein Wort, verzeihest Du?" Da umschlang Klaus innig den Hals des Ritters und lehnte sein Haupt an dessen Brust. „Mein Vater, wie glücklich wacht Ihr mich," sagte er. „Wie wird die Mutter sich freuen! Sie weinte sich fast die Augen aus", rief der Graf von der Jsenburg und konnte vor Freude sich kaum fassen. Mit Rührung waren alle Zeugen des unerwarteten Auftritts. Dem machte Graf Hans von der Jsenburg selber ein Ende, indem er rief: «Gnädigster Herr, laßt uns nicht länger zögern, vorwärts zum Dom zu schreiten. Auch ich möchte bedachtsam die Malereien meines Sprossen anschauen und sie von ihm selber gedeihlich erklären hören." Es geschah, wie er bat. Klaus, der wohlverständ- licherweise nicht ganz bei der Sache war, wußte dennoch den dankbaren Zuhörern seine Schöpfungen in anziehender Rede zu erklären, so daß alle erbaut waren. Am Ausgange des Domes bat Herr Hans vov der Jsenburg: „Kaiserlicher Herr, entlaßt uns auf kurze Zeit. Außer meinem wiedergewonnenen Sohne soll ich hier ja eine Tochter finden." Die Bitte war leicht begreiflich, und Herr Heinrich gewährte sie lächelnd. Der Kaiser schritt alsdann mit Bernward über den Dowhof. Da stand vor der Werkstatt, aus der es hervorgegangen war, ein prächtiges Kunstwerk und erregte Heinrichs Bewunderung. Es war eine vom Bilde des göttlichen Siegers, von Christus am Kreuze, gekrönte metallene Triumphsäule. Ihr Schaft war achtmal von einem Bande mit kunstvollen Reliefs umwunden. Die Bilder stellten den geistigen Kriegs- und Siegeszug Christi dar. Der Kaiser rief aus: „Da habt Ihr fürwahr eine eherne Predigt geschaffen, die den Gläubigen sagt, daß der Weg deS Kreuzes der einzige Weg zum geistigen Siege ist. Das ist wahrlich eine Triumphsäule des Gottmenschen l" Bernward erklärte: «Ich habe diese Säule dazu bestimmt, ein anderes Werk zieren zu helfen, ein Werk, das ich vor Kurzem erst begonnen habe, das ich aber, wenn Gott mir ein langes Leben giebt, zu seiner Ehre vollenden werde. Kommt, daß ich Euch dorthin geleite." Sie schritten fürbaß. «Wir gehen jetzt einen Weg, den ich Tag für Tag mehrmals zurücklege", sprach Bernward und leitete den Kaiser auf einen umbuschten Hügel. Hier gewahrte dieser einen Bauplatz vom mächtigem Umfang und Grundmauern von gewaltiger Dicke. „Vor zwei Jahren legte ich hier den ersten Stein zu einem Gotteshause, das sich in nicht allzu ferner Zeit mit großer Pracht zu Ehren des heiligen Erzengels Michael erheben soll." Bernward sprach's und zog ein Pergament hervor. „Sehet, so habe ich den Plan zu einer dreischiffigen Basilika entworfen. Den Grundriß in doppelter Kreuzform, im Osten, gleichwie im Westen ein Chorabschluß, so daß die Krcuzarme sich im Osten und Westen je vor dem Chöre an das Langhaus anlegen. Ich habe dem Bau zu Ehren der neun Chöre der Engel neun Quadrate im Grundriß gegeben; im Ausbau sollen zu Ehren der heiligen Apostel zwölf Säulen die Decke tragen." „Hieran erkenne ich meinen geübten, geistreichen Mathematiker wieder, wie ich ihn schon auf der Dom- schule bewunderte," rief Heinrich aus. Bernward fuhr fort: „Neben dieser Basilika, deren Aeußeres ich durch sechs Thürme majestätisch gestalten will, werde ich den Söhnen des heiligen Benedictus eine Heimstätte erbauen. Damit soll auch nach meinem Tode auf lange Zeit hinaus mein Hildesheim ein sicherer Zufluchtsort der Künste und Wissenschaften und eine Pflanzschule apostolisch gesinnter Männer bleiben." „Ich bewundere Euere Umsicht und Euere väterliche > Fürsorge," sprach Heinrich. Von des Bischofs väterlicher Sorge für seinen Sprengel sollte der Kaiser noch mehr erfahren. Gar manche verdrießliche Angelegenheit des Stiftes und der Unterthanen trug Bernward Herrn Heinrich vor. Dieser versprach Abhilfe zu schaffen, wo er könne, die Stadt Hildeshrim zu ehren, und zumal alles zu thun, um Hildesheims Rechte auf Gandersheim zu schirmen. So waren sie in eifriger Zwiesprache weiter geschritten. Da deutete Bernward auf ein stattlich Wohngebäude: „Glaubt mir, daß dieses Haus die glücklichsten Menschen in Hildesheim umschließt," sagte er lächelnd. „So ist eS Meister Dtethelms Heim," rief der Kaiser rasch. „Laßt uns eintreten." Das war in der That eine Glückseligkeit schier ohne Maß und ohne Grenzen in dem kleinen Familienkreis l Der Ritter von der Jsenburg saß in der Mitte seiner Kinder und hielt deren Hände so fest wie in einem Schraubstock, und die Eltern Kloihilds labten sich mit glückstrahlenden Augen an dem Bild. „Nein, Kinder, ich lasse Euch nicht hier zurück," rief Graf Hans so laut, daß es im Hausflur vernehmlich war. „Ihr geht mit auf die Jsenburg. Da bringe ich meiner Hausfrau gleich eine Tochter mit dem verlorenen Sohn. Die wird Augen machen! Und Du, Klaus, bleibst als mein Erbe auf der Burg. Habe längst gewünscht, daß einer da sei, der nach dem Rechten schaut, wenn ich mit dem Kaiserlichen Herrn auf Reisen gehe oder ins Feld ziehe. Malen kannst Du ja auch auf der Burg." „Hoffe, Graf Hans, Ihr überlaßt uns den Sohn auch einige Zeit, auf daß er unsern Dom, den wir in Bamberg zu errichten gedenken, so schön ausmale, wie den Hildesheimer," so mischte sich Plötzlich der Kaiser in die Rede und trat mit Bernward vollends ein. Der Jsenburger ließ sich nicht verblüffen. „Darüber können wir ja später noch reden," gab er zur Antwort. Kaiser Heinrich reichte der tief erröthenden, vor Glück und Ehre ganz verwirrten Klothild die Hand. „Unsern Glückwunsch, Jungfrau Braut! Euern Verlobten haben wir als tüchtigen Künstler kennen gelernt." Und zu Diethelm, der kaum wußte, wie ihm geschah, wendete er sich lachend mit den Worten: „Sorget für einen guten Trunk, Meister. Wir wollen auf das Wohl Eueres Hauses und auf das der Jsenburger die Pocale aneinander klingen lassen." (Fortsetzung folgt.) --—S-NA-S-- Reiseerlebnisse auf einer Tour durch Deutschland, Ku-eemburg, Frankreich, Delgien, England und Holland. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt", so sagt ein Volkslied. Von diesem Gedanken geleitet, läßt sich Schreiber dieser Zeilen es nicht nehmen, alljährlich zur Zeit, „wenn die Schwalben heimwärts ziehen", Gottes schöne Welt zu besichtigen, von der Meinung getragen, es sei auch eine Art Gottesverehrung, die Werke Gottes sich anzuschauen; dem gläubigen Reisenden stärkt jede neue Reise den Gottesglauben und das Gottvertrauen. Nachdem das Jahr 1893 mir das herrliche Italien und Nom (ILEgiger Aufenthalt) zum zweiten Male gezeigt, beschloß ich Heuer einmal Frankreich, Belgien, England und Holland, Länder, die ich früher, mit Ausnahme Englands, kurz berührt hatte, genauer anzuschauen. Also wurde im Vertrauen auf Gott, in Begleitung von 3 Studenten, bestimmt für ein Missionshaus in Belgien, die Reise angetreten, die uns aus dem grünen Steigerwalde über Würzburg, Aschaffenburg und Frankfurt nach dem schönen Wiesbaden brachte. In Wiesbaden wurde die in Restauration begriffene kath. Pfarrkirche, die eine Zeit lang ungerechter Weise der Handvoll Altkatholiken überwiesen war, besichtigt nebst dem herrlichen Kurgarten; das Museum der Alterthümer ist sehenswerth. Von Wiesbaden brachte uns die Eisenbahn bis Nüdesheim. Nach Besichtigung des National- denkmals auf dem Niederwalde wurde nach Bingen übergesetzt und daselbst im Gasthaus zum „goldenen Pflug" Nachtherberge genommen. Daß dem guten Rheinweine zugesprochen wurde, versteht sich von selbst; Bingen ist der äußerste Punkt vom Großherzogthum Hessen; den Besuch der Nochuskopelle sollte Niemand versäumen. Den Weg von Bingen bis Koblenz macht man, da diese Strecke die schönste des Rheines ist, am lüften mit einem Rheindampfer; ich habe schon viele schöne Gegenden aus Gottes weiter Erde gesehen, mußte aber gestehen, keine gleicht der herrlichen Weingegend. Koblenz gegenüber liegt Ehrenbreitstein; diese Stadt besitzt ein Missionshaus der Pallottiner-Missionäre (pia Looistas Llissiouuw), Vorstand ist Herr P. Walter, ein geborener Würzburger; auch in Limburg a. d. 8. befindet sich eine Ar.stalt derselben Missionare; junge Leute, die Beruf zum Missionsleben haben, finden in beiden Anstalten gerne Aufnahme als Studenten und Laien- brüder; Vorstand in Limburg ist Herr P. M. Kugelmann. Schreiber dieser Zeilen ist gerne bereit, über die genannten Anstalten, sowie über alle Missions- und klösterliche Anstalten, die in gegenwärtiger Beschreibung erwähnt werden, Auskunft zu ertheilen. Möchten auch in Bayern bald ähnliche Missionsanstalten entstehen! Zur Zeit bestehen in Bayern nur 2 ähnliche Anstalten, nämlich in St. Ottilien bei Türkenfeld (Benediktiner- Missions-Gesellschaft für Deutsch-Ost-Asrika) und in Gars (Klosterschule der Nedemptoristen), und dazu eine Privat- anstalt des hochw. Hrn. Joh. E. Wickel in München (Vorbildung für die apostolische Lehrgesellschaft in Bonn). Das herrliche Moselthal hinab über Kochem (Koche- mer Tunnel 4226 na lang) gelangten wir zum altehrwürdigen Trier; neben den Hauptsehenswürdigkeiten TrierS wurde die Anstalt der barmherzigen Brüder besichtigt; junge, gesunde Leute, die Beruf zur Krankenpflege haben, finden daselbst bereitwilligst Aufnahme, auch wenn sie kein Vermögen haben; in Trier (Barbara-Ufer) befindet sich auch seit einigen Monaten eine Niederlassung der „weißen Vater", Missionäre für Nord- und Mittel-Afrika; unter den Zöglingen befinden sich einige Bayern; Vorstand ist der hochw. S. Pfeffer- mann. Daselbst verkosteten wir den trefflichen Wein von Maison Carröe, einer Pflanzung des hochseligen Kardinals Laviqerie. Der nächste Punkt unserer Reise war Luxemburg, wo z. Z. eine hübsche Landesausstellung abgehalten wird. Da bei uns in Bayern die Fraucnklöster so stark besetzt sind, daß Candidatinnen kaum Aufnahme finden können, bemerkt man, daß in Luxemburg im Kloster der barm- herzigen Schwestern brave gesunde Jungfrauen Aufnahme finden; Anfrage ist zu stellen an Hochw. Hrn. Domkapitular Schmitt daselbst. Bon Luxemburg aus begaben wir uns nach Arlon (Belgien). Arlon hat eine große Erziehungsanstalt der Jesuiten, sowie eine Anstalt der Maristcnschulbrüder „mindern Bruder Marias"; die Pension für die Ausbildung beträgt nur 400 Frs. — 320 Mk., und sind Nachfragen zu richten „an den Bruder Sigisbert, Direktor des Noviziates Arlon — Belgien." Bon Arlon aus erreicht man leicht Mariathal, Anstalt „der weißen Bäter" sowie Clairfontaine, eine große Anstalt der Vater vom hl. Herzen Jesu zur Ausbildung von Weltpriestern für Süd-Amerika, ferner Differt mit einer über 160 Zöglinge zählenden Missionsanstalt der Maristen, darunter viele Bayern. Im benachbarten Longwy (Frankreich) — Festung, 1870 von den Deutschen eingenommen — wurde ein kurzer Besuch abgestattet und hiebe! die auch sonst in Frankreich gemachte Wahrnehmung wiederum bemerkt, daß die „kiusoiens" sehr verhaßt, die „Lavurois" aber ganz gut in Frankreich angesehen sind. Von Longwy ging es über Arlon nach Brüssel; »ie Eisenbahn fährt über Ham-sur-Lesse, bekannt durch seine herrlichen Grotten, die es zu einer „fränkischen Schweiz" gestalten, Poix, Samt Hubert mit herrlicher Kirche, die die Reliquien des hl. Hubertus, Patrons der Jäger, birgt, dem in einem Walde nahe bei Brüssel ein Hirsch mit einem Kreuze zwischen dem Geweih erschien und so seine Bekehrung veranlaßte. Der zweitägige Aufenthalt in Brüssel gefiel außerordentlich; Brüssel hat bezüglich der Großartigkeit der Anlage viele Aehnlichkeit mit Paris; mein guter Führer durch Brüssel ist Woerl's „Brüssel", wie überhaupt Woerl's Neisebücher und Städtesührer, L 50 Pf., die trefflichsten Dienste leisten. Von Brüssel weg führte der Weg nach Loewen mit freier katholischer Universität und dem großartigen „6o1!s- Arum ^.mörioauum", wo begabte Jünglinge auf Kosten der amerikanischen Bischöfe zu Priestern herangebildet werden; unter den derzeitigen Zöglingen befinden sich auch einige Bayern. Von da aus wurde Antwerpen besticht und der großartigen Weltausstellung zwei Tage gewidmet; in Antwerpen befindet sich eine Anstalt der „Missionäre vom hl. Herzen IM", bekannt durch die sogenannten „Monat- hefte"; brave Knaben aus Deutschland finden Aufnahme im Missionshaus? des genannten Ordens in Freilassing bei Salzburg. Wenn man auf der Weltausstellung die Vertreter der verschiedensten heidnischen Nationen in allen Gesichtsfarben antrifft, so sieht man ein, daß es ganz gerechtfertigt ist, wenn die ganze civilisirte Welt ihre Aufmerksamkeit dem Missionswesen zuwendet. Von Antwerpen aus wurde mit dem sog. „Harwich- Boote" ein Ausflug nach England unternommen und London besucht, woselbst 2 Tage Aufenthalt genommen wurde; die sechsmillionenstadt mit ihrem regen Geschäfts- lcben, der großartigen Centrale, der „City", dem Tdwer, Morus usw. ihr Leben Hingaben für den katholischen Glauben, woselbst sich auch der Kronschatz befindet, der großen Paülskirche, der neuen London-Brücke, der unterirdischen Eisenbahn, dem großartigen britischen Museum und anderen Sehenswürdigkeiten bietet bei einem Besuche von nur zwei Tagen Stoff genug zur Beschäftigung. — Das katholische Leben in London entw ckelt sich in der erfreulichsten Weise. Die verschiedenen klösterlichen Genossenschaften wirken in recht segensvoller Weise; für die Seelsorge der Italiener wirken in London und Höflings die Pallottiner, an letzterem Orten auch ein Bayer, Namens k. Stefan Weber aus Böttigheim, ein Zögling des Berichterstatters. Der hochw. Hr. Dr. Verres, Vertrauensmann des St. Raphaelsvereins, wohnhaft Whitechapel, Union Street, nimmt sich eines jeden Deutschen liebevoll an; übrigens sei an dieser Stelle jedem, der nach Amerika auswandern will, der St. Naphaelsverein dringendst empfohlen; die Redaktion des Kilians-Blattes gibt gerne hierüber Auskunft. Deutschen sei empfohlen: „Private Hotel C. Merrit, 14 Upper Woburn Place, London 0." Nach sehr angenehmer Seefahrt wurde Antwerpen wiederum erreicht, der Nest der Ausstellung besichtigt und der Weg nach Rotterdam angetreten. Bei der Besichtigung von Rotterdam leisteten, wie in Antwerpen, Herr Plog und Herr Zöller, Vertrauensmänner des St. Raphaelsvereins, die trefflichsten Dienste, ebenso in Amsterdam Herr Huf und dessen liebenswürdiger Neffe Leo. Nicht genug kann der Eifer der holländischen Katho- liken beim Besuch des Gottesdienstes und in Ausschmückung und Neubauung ihrer Kirchen anerkannt werden; mögen auch die Jansenisten, deren Gottesdienst ganz dem katholischen ähnlich ist, wie wir bei einem Hochamte bemerkten, recht bald sich mit der katholischen Kirche wieder vereinigen; wie wir erfuhren, befindet sich z. Z. einer der 2 janse- nistischen Pfarrer Rotterdams in Rom. Bezüglich Rotterdams, Haags, des Seebads Schcven- ingen, Amsterdams und Utrechts, das wir ferner noch besichtigten, geben die betreffenden Woerl'schen Städtesührer die beste Auskunft. Bezüglich Englands sei noch nachgeholt, daß sich in der Nähe von London, in Mill-Hill, eine große Missionsanstalt der von Sr. Eminenz dem hochwürdigsten Herrn Kardinal Baughan von Wcstminster gegründeten St. Josephs-Genossenschaft befindet; die vierte Anstalt dieser Genossenschaft wurde in jüngster Zeit in Brixen (Tirol) gegründet, und sei hiemit jungen Leuten, die Beruf zum Missionsleben haben oder die in der Erreichung ihrer Absicht, Priester zu werden, durch irgend welche Hindernisse in ihrem Vaterlande abgehalten sind, bestens empfohlen. Auch die Missionäre vom hl. Geiste, die sogenannten „schwarzen Vater", wirken in England sehr segensreich; das Mutterhaus derselben befindet sich in Paris, rue äs Lomonä. Auf der Rückreise wurde von Venlo aus dem Missionshause Steyl, woselbst mein Freund, der hochw. Herr apostol. Provikar k. Schäfer von Deutsch Togo (West-Afrika), sich zur Wiederherstellung seiner Gesundheit befindet, ein Besuch abgestattet; eine große Anzahl Bayern befinden sich daselbst, Studenten und Laienbrüder; es wurden daselbst eben Exercitien für die Priester der Diözesen Münster und Köln abgehalten. Die Exercitien hielt der hochw. Hr. Jesuitenpater Hucklenbroich aus Exaetcn in Holland, dem Noviziate des Jesuitenordens in Holland. Dieser gänzlich erblindete Herr dürfte allen Thcilnehmern an den Exercitien in Fulda, Sept. 93, bekannt sein. Ueber Venlo, München-Gladbach und Düsseldorf wurde der Karthause Hain bei Nieder-Rad ein Besuch abgestattet. Zwei hochw. Püttes des Karmeliterklosters Würzburg traten im vorigen Jahre in Hain ein, auch finden Studenten, die Neigung zu diesem strengen Orden haben, gerne Aufnahme; einen mächtigen Eindruck macht der Nachtchor der Karthäu'er-Mönche von Nachts 12 bis 2 Uhr. Ich habe am andern Tage der Vesper im Kölner Dome beigewohnt, aber die Mette der Kalthäuser» Mönche entschieden erhebender gefunden. In Köln existiert auch eine Niederlassung der „Alexianer - Krankenbrüder" mit großartigem Spitale; berusssreudige, gesunde junge Leute finden daselbst, wie im gleichen Kloster in Aachen, gerne Aufnahme. Von Köln gings über Bonn, Koblenz, Mainz wieder in die Heimath zurück. Mögen vorstehende Z-ilen dazu beitragen, die genannten klösterlichen und Missionsanstalten in geneigte Erinnerung zu bringen! Gewünschte unentgeltliche Auskunft ertheilt der Berichterstatter durch Vermittlung der Redaktion des „Kilians-Blattes" in Würzburg. -—SSMVk-- Aus dem Leben Antonio's van Dyck. Wiedererzählt von O. Landsmann. (Schluß.) In dem Atelier Rubens angekommen, ging dieser gerade auf das Gemälde der Magdalena zu, und das Werk mit dem Finger bezeichnend, welches er gemacht zu haben glaubte, rief er: „Da ist nichts daran, das mir weniger gelungen wäre! Nun wohl, besehen Sie es!« Aber mit einem Male änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes — er stutzte und trat näher an die Leinwand, dann aber stand er plötzlich zornbebend unter den entsetzten Schülern. Dieser Augenblick war schrecklich; man hätte jedem der jungen Leute zur Ader lassen können, ohne daß ein Tropfen Blut geflossen wäre. „Wer hat es gewagt, unerlaubt in mein Atelier zu dringen?" Keiner wagte eine Antwort. „Ihr macht mir mit Eurem Schweigen die Galle kochen . . . Antwort! Wer von Euch hat sich erlaubt, mein Gemälde zu beschädigen und dann zu verbessern? Nun, keiner spricht ein Wort? . . . Warum nennt der Schuldige sich nicht? . . . Was fürchtet er? . . . Daß ich ihm grolle? ... Ich werde ihn vielmehr umarmen, denn was er da gemacht hat, das ist erhaben, ich er» kläre ihn von heute an als meinen Nachfolger, er wird unser Aller Meister werden, das sage ich, der ich Rubens heiße! Wohlan sein Name?" „Van Dyck!" riefen alle Schüler, indem sie auseinander traten, um Antonio freien Platz zu machen. „Van Dyck!" wiederholte Rubens, indem er seinen Schüler bei der Hand ergriff. „Bravo, mein junger Freund! So wahr Gott lebt, Du kannst mich heute verlassen — ich habe Dich nichts mehr zu lehren . . . nichts . . . nichts mehr. Du mußt nach Italien reisen, mußt dort die großen Meister studiren, in Rom, in Florenz, in Venedig. Ich habe Dir nur mehr einen Rath zu ertheilen, und das wird der letzte sein . . . Es gibt Leute, welche sich einbilden, daß das Porträt den Pinsel deS Künstlers entehre. Das ist unwahr, ein wohlgelungenes Porträt hat sein Verdienst und dieses Verdienst wird daS Deine sein. Ich erkläre Dich schon jetzt als den Meister deS Porträts. . ." Als der alte Nuys Alle so zufrieden aus dem Atelier des Meisters gehen und den Meister selbst sich vertraulich auf die Schulter van Dyck'S stützen sah, sagte er für sich: „Meine Mahnungen von gestern haben Wirkung gehabt; der Patron macht ihnen Komplimente über ihre Artigkeit. . . Die guten jungen Leute! Ich werde ihnen niemals wieder den Schlüssel verweigern . . , gewiß nicht!" Van Dyck zählte damals siebzehn Jahre und ward geboren im Jahre 1599. Sein Vater, ein Glasmaler, gab ihm den ersten Unterricht im Zeichnen und verbrachte ihn dann zu dem bekannten Meister Heinrich van Palen, der ihn infolge der großen Fortschritte, die er machte, in die Schule Rubens' schickte. Bevor van Dyck Rubens verließ, um sich nach Italien zu begeben, wollte er ihm seine Dankbarkeit beweisen und verfertigte deßhalb drei historische Gemälde, die er ihm schenkte. Rubens schmückte damit die besten Gemächer seiner Wohnung, und es freute ihn, sie als die schönsten Stücke seiner Sammlung bezeichnen zu können. Obschon würdig, zu den größten Malern gezählt zu werden, ließ van Dyck keineswegs den Gedanken fallen, die großen Koloristen in Venedig zu studiren und die Werke Tizian's und Paul Veronese's zu kopiren; er arbeitete auch in Rom und Genua, worauf er wieder in sein Vaterland zurückkehrte, wo er durch ein großes Gemälde, den heiligen Augustin in Extase vorstellend, Bewunderung erregte. Dieselben Erfolge begleiteten ihn in England, wohin ihn Karl I., ein fürstlicher Freund der Kunst, berufen hatte. Mit Aufträgen überhäuft, sah er sich wider seinen Willen genöthigt, sich auf das Porträt zu beschränken; er erhielt Alles, was er wollte. Indessen bereicherte er sich nicht, denn er hielt offene Tafel, hatte eine zahlreiche Dienerschaft und öffnete seine Börse seinen Freunden und denen, welche sich für solche ausgaben; auch hatte er eine eigene Kapelle, welche ihm Tafelmusik machte. Er heirathete die Tochter eines Lords, aber sie brachte ihm keine andere Mitgift in's Haus, als eine hohe Abkunft und eine große Schönheit. Karl I. sagte einmal zu ihm, er wünsche ihm alles Gute, aber es wäre besser, der Künstler in ihm vergäße etwas, die Rolle des Prinzen zu spielen. Van Dyck gab ihm Recht und versprach ihm, sich zu bemühen, seinen weisen Rath zu befolgen Aber van Dyck vergaß diesen Rath und setzte sein verschwenderisches Leben nach wie vor fort. Wenige Jahre später starb er an der Schwindsucht, und zwar im Jahre 1641, im Silier von 43 Jahren. Seine Wittwe rettete eine beträchtliche Summe aus den Trümmern seiner Habe. ---SNWS"- Zaren-Hochzeiten. I» Altrußland waren, so entnehmen wir einer Schilderung der „Neuen Freien Presse", die Zaren-Hoch- zeiten von prunkvollen Feierlichkeiten. Ceremonien und seltsamen Gebräuchen begleitet. Die Wahl der Braut traf der Zar selbst aus einer großen Anzahl von Mädchen, die zu diesem Zwecke aus den Städten und Dörfern in das Zarenschloß zu Moskau versammelt wurden. Eine derartige Brautwahl für den Zar beruhte auf einem byzantinischen Brauche, den die russischen Zaren im 16. und 17. Jahrhundert nachahmten. Abgesandte dcs ZarS bereisten alle Städte des Reiches, wo sie sämmtliche Mäd» 775 — chen besichtigen mußten. Die auf den Gütern ihrer Vater lebenden Mädchen mußten in die benachbarte Stadt gebracht werden, um sich dort der Besichtigung durch die Zarendiener, die Okoljnitschi und Djaken, zu unterziehen. Nach der Besichtigung trug man die Namen der ersten Schönheiten einer jeden Gegend in ein Buch ein und ertheilte ihnen den Befehl, zu einem festgesetzten Zeitpunkte in Moskau einzutreffen. Dort wurden die Gewählten einer neuen Besichtigung durch die dem Zar am nächsten stehenden Personen unterzogen; die Auserkorenen aus der Zahl der Gewählten wurden dann dem kaiserlichen Bräutigam vorgeführt, der „nach vielen Proben", wie die Chronik besagt, eine Braut für sich aussuchte. Besonders zahlreich waren die angekommenen Bräute unter Iwan dem Grausamen. Bei der Wahl der dritten Frau für diesen Zar waren in der Alexander-Sloboda, dem damaligen Wohnsitze Iwans, mehr als zweitausend Mädchen, versammelt. Jedes Mädchen wurde ihm vorgeführt; anfangs wählte er vierundzwanzig Mädchen, später redu- cirte er diese Zahl auf zwölf, endlich hielt er um die Hand der Marfa Sabakina, Tochter eines Kaufmannes aus Nowgorod, an. Die in Moskau versammelten Zaren- Lräute wurden in einem großen, kasernenartigen Hause untergebracht; in einem jeden Zimmer standen zwölf Letten und ein Thron. Der Zar, in Begleitung eines Greises, erschien in jedem Gemach und bestieg den Thron; jedes Mädchen im Festgewande trat an die Stufen des Thrones und kniete nieder. Der Zar besichtigte sie genau; jene, dieser anserkor'en, erhielt von ihm einen Ring und ein goldgesticktes, mit Perlen besetztes Sacktuch. Dem Zar Alexei Michailowitsch wurden zweihundert Mädchen vorgeführt, von denen er anfangs nur sechs wählte. Nach der getroffenen Wahl wurden sämmtliche versammelten Mädchen reich beschenkt und entlassen. Die gewählte Zaren- Braut wurde unter feierlichem Zeremoniell in die Gemächer der Zaritza im Zarenschlosse geführt, wo ihre Erhebung zur Zarenwürde stattfand. Unter feierlichen Gebeten der Geistlichkeit setzte man hier auf ihr Haupt die kaiserliche Mädchenkrone, legte ihr den Namen Zarewna bei und gab ihr einen neuen Taufnamen. Hierauf legten die Hofchargen den Eid der Treue für die neue Zarin ab. — Die Brautwahl am Zarenhofe in Alt-Rußland entfesselte jedoch unter den höfischen Parteien fast immer die niedrigsten Leidenschaften, und selten verging eine Zaren-Hochzeit ohne beunruhigende Ereignisse am Hofe. Die dritte Gattin Iwan des Grausamen, Marfa Soba- kina, starb zwei Wochen nach ihrer Vermählung eines qualvollen Todes; noch als Braut wurde sie mit vergifteten Getränken von ihren Gegnern am Hofe bewirthet, so daß sie zur Zeit ihrer Vermählung bereits dem Tode verfallen war. Aus dem siebzehnten Jahrhundert ist die erschütternde Geschichte der ersten Braut des Zars Michail Feodorowilsch, Maria Chlopowa, bekannt. Die zur Zarenwürde bereits erhobene Zarenbraut lebte in den Gemächern im Kaiserschlosse; plötzlich erkrankte sie unter merkwürdigen Symptomen. Der Zar befahl den Aerzten, seine Braut zu retten. Der Gegner der Zarenbraut, der Höfling Saltykow, meldete jedoch seinem Herrscher, daß die Aerzte die Krankheit der Braut für unheilbar hielten. Der einberufene KirLenrath enthob den Zar seines Eheversprechens und Maria Chlopowa wurde ihrer Würde entkleidet und nach Tobolsk in Sibirien verschickt. Der Zar erfuhr aber später, daß die Krankheit seiner Braut durch schädliche Getränke hervorgerufen worden war, die ihr Saltykow reichte. Die entkrönte Zarewna wurde aus der Verbau« nung zurückgerufen und Saltykow entlassen. Aber auch die erste Gattin dieses Zars, Fürstin Dolgorukaja, starb am Tage ihrer Hochzeit eines plötzlichen Todes. Ein ebensolches Schicksal ereilte die erste Braut des Zars Alexet Michailowitsch. Aus den zur Brautschau versammelten zweihundert Mädchen wählte er die berühmte Schönheit Jenfimija Wsewoloschskaja. Der Allmächtige am Zarenhofe, Bojar Morosow, wollte aber den Zar mit der Tochter seines Freundes MiloslawSkij verheirathen. Er gab deßhalb den Kammermädchen der erwählten Braut den Befehl, die Haarflechten der Zarewna möglichst fest um den Kopf zu schnüren. Sie thaten dies noch übereifrig, und als Wsewoloschskaja in den Zarenkleidern und mit der Zareukrone vor ihrem Bräutigam erschienen war, fiel sie in der Nähe des Thrones in Ohnmacht. Morosow bezeichnete diesen Ohnmachtsanfall als Epilepsie; die Zarenbraut, ihr Vater sammt Familie wurden in Folge dieser Beschuldigung nach Tjumen verbannt. Die zweite Heirath dieses Zars wurde deßhalb in aller Stille gefeiert. Die Zarenbraut, Natalja Kirrilowna, wurde zur frühen Morgenstunde aus dem Elternhause unter starker Militär-Bedeckung geholt, in das Kaiserschloß gebracht und direct zum Traualtar geführt. Die zweite Heirath oder die „frohe Freude", wie die Altrussen sie nennen, des Czars Michail Feodorowitsch fand mit allen in Alt-Nußland üblichen Ceremonien statt. Michail Feodorowitsch und seine künftige Gattin, Jrwdokija Strjeschnewa, legten am Hochzeitstage prunkvolle Kleider an. Der Zar trug emen goldgestickten Sammetpelz und einen ebensolchen Zobelpelz, dessen Ränder umgeschlagen waren, eine Mütze aus kostbarem Pelz und einen auS Gold geschmiedeten Gurt. Der Zar verließ zuerst seine Gemächer und begab sich in die Goldkammer; die kaiserliche Braut wurde hierauf durch einen Herold geholt. Sie begab sich in Begleitung vieler Bojarinnen zu ihrem Bräutigam; den Zug eröffneten Schnelläufer, die Kerzen, Laternen und Brodschnitte trugen. Die Kerzen waren sehr massiv: beim Bräutigam hatte jede Kerze ein Gewicht von drei Pud, bei der Braut von zwei Pud. Die Kerzen waren mit Silberreifen, mit Sammt- und Atlastäschchen behängt und wurden vor der Braut getragen. Die Brodschnitte waren ebenfalls von colossalem Umfange; sie wurden auf Stöcken getragen, die mit kostbarem Stoffe überzogen waren. Auf den Brodschnitten lagen Goldmünzen verschiedenen Werthes. Dem Kerzenträger folgte ein Kranzelherr, der eine fächerförmige Schüssel aus Silber trug, in welcher Hopfen, Zobel- und Eichhornpelz, goldgestickte Sacktücher, Ducatcn und andere Münzen lagen. Dem Schnsselträger folgte nun die kaiserliche Braut im Schleier, gefolgt von zwei sogenannten Ehestisterinnen. Hinter der Braut gingen die Bojarinnen; zwei von ihnen trugen je eine Schüssel; auf einer lag der Kopsputz für verheirathete Frauen (Kika), auf der andern reichgestickte Handtücher, die zum Verschenken bestimmt waren. Den Zug schloß ein Geistlicher, der Weihwasser trug und den für die Zarenbraut bestimmten Sitz besprengte. Auf diesem Sitze lagen vierzig Zobelfelle; welche beim Herannahen der Braut weggeräumt wurden. In der Nähe der Kaiser- Braut nahm der angesehenste Bojarin im Reiche Platz; nachdem die Braut ihren Sitz erreicht hatte, sendete der Bojarin einen Herold an den Zar mit folgender Ansprache: „Herr, Zar und Großfürst aller Neußen! Der Bojarin läßt dir sagen: erbitte Gottes Gnade und gehe, deine 776 Sciche zu verrichten; es ist schon die höchste Zeit." Der Zar verließ seinen Sitz, nahm den Segen des Metropoliten entgegen und begab sich mit Gefolge in das alte Zarenschlotz. Den Zug eröffneten zwei Priester, die massive Kreuze trugen; ihnen folgte die gesummte Geistlichkeit der Kremlstadt, die den Weg mit Weihwasser besprengte. Der Zar ging, gestützt von einem General, langsamen Schrittes; ihm folgten die Hof- und Militär- Würdenträger. Als der Zar das Gemach betrat, wo die Braut sich befand, hob ein Diener den neben ihr sitzenden Bojarin auf, und der Bräutigam ließ sich auf diesen Sitz nieder. Die Anwesenden nahmen ihre Plätze ein, und das „Voxhochzeitsmahl" wurde servirt. Während die Gäste aßen, wurde die Braut frisirt. Zwischen der Braut und dem Bräutigam wurde eine Art Vorhang gehalten, um sie vor ihm zu verbergen. Die Brautwerberin nahm der Braut den Schleier und den Kranz ab, eine Bojarina hielt die Schüssel mit dem Kopfputze für verheirathete Frauen. Die Brautwerberin tauchte den Kamm in Meth ein und kämmte der Braut das Haar auseinander, um es nachher zu einem einfachen Knoten zusammenzudrehen. Hierauf legte man der Braut eine Perrücke an und bedeckte sie mit einem Vorhänge. Sodann trat der Schüssel- träger mit dem Hopfen vor; die Brautwerberin beschüttete Braut und Bräutigam mit Hopfen und fächelte ihnen mit den Zobelpelzen Luft zu. Zur selben Zeit näherte sich dem Brautpaare eine Bojarin in einem Pelze und drückte den Wunsch aus, Gott möge den künftigen Ehegatten so viel Kinder beschecren, als Haare in dem Pelze sind. Hierauf wurden die Handtücher, Sacktücher und Münzen an die Gäste vertheilt. Nachher verließen alle Anwesenden das Gemach, um den Zug zur Kirche zu formiren. Die Sitze des Zars und der Zarewna wurden mit vierzig j Zobelfellen bedeckt, das Tischtuch zusammengerollt, versiegelt und dem Hofmeister übergeben. Der Weg bis zur Kirche war mit Teppichen belegt, und zwanzig Bojarenkinder hielten Wache, um Niemanden den Weg überschreiten zu lassen. Von dem Kirchenthore bis zum Trau- Altar waren Seidenstoffe ausgebreitet, der Raum um den Altar selbst war mit Zobel belegt. Auf einem asiatischen ! Pferde aus der Kabardei ritt der Zar zur Trauung; ein Kutscher schritt voran, zwei Bojaren seitwärts, ihnen folgten sämmtliche Anwesenden im Zarenschlosse. Die Braut folgte dem Zar im Schlitten, der mit goldgesticktem Atlas gepolstert war. In der Kathedrale nahm der Zar rechts vom Altar Platz, die Braut links. Die Trauung vollzog der Metropolit, begleitet von einem Sängerchor. Nach der Trauung ließ sich das neuvermählte Zarenpaar auf eine Kirchenbank nieder, um einer Predigt des Metropoliten zuzuhören. Hierauf nahm das Paar die Glückwünsche der Chargen und des Volkes entgegen und kehrte alsbald in das alte Kaiserschloß zurück. Nach einem kurzen Frühstück trat der Zar eine Rundreise durch sämmtliche Kirchen und Klöster Moskaus an, welche bis Abends währte, und erst nach seiner Rückkehr wurde das große Hochzeitsmahl servirt. Es wurden mehr als 50 Speisegattungen aufgetragen, die mit eingemachten Hühnern ihren Abschluß fanden. Zwei Hühner wurden von einem Kranzelherrn in das Brautgemach getragen und der Bettmeisterin zur Aufbewahrung übergeben. Nach dieser Ceremonie begaben sich der Zar und die Zarin in das Schlafgemach. Sämmtliche anwesenden Gäste begleiteten sie bis in die inneren Gemächer. Im Schlafgemache wurde das Zarenpaar neuerdings mit Hopfen beschüttet und mit einem der Hühner gespeist. Das Ehebett bestand aus neunnnddreißig Korngarben, mit Teppichen und Leintüchern bedeckt. Die Polster auf dem Bette waren zusammengenäht; hinter ihnen standen zwei mit Roggen gefüllte Fässer und in jedem derselben steckte eine brennende Wachskerze. Eine Marderdecke und ein Zobelpelz lagen am Fußende des Bettes. Das Schlafgemach selbst war von berittenen Kriegern bewacht, um, wie die Chronik bemerkt, die Neuvermählten vor Hexerei zu schützen. Nachdem das Zarenpaar allein war, mußte die Braut dem Bräutigam die Stiefel ausziehen; in einem der Stiefel lag eine kleine Knute, mit welcher der Zar seine Gattin dreimal berührte um dadurch seine Macht über sie zu documentiren. Am folgenden Tage wurde das Zarenpaar mit dem übriggebliebenen Huhn, mit Grütze und mit Kwas gespeist; die Neuvermählten nahmen diese Speisen zu sich, während sie noch im Bette lagen. Hierauf begaben sie sich in's Bad, wo Musik spielte und ein Kirchenchor sang. Diese letzte Ceremonie wurde vom Zar Alexei Michailo- witsch aufgehoben; er befahl, statt der Musik im Kaiserschlosse Kirchenlieder vorzutragen. Die letzte Zarenhochzeit mit allrussischen Ceremonien war auf Befehl der Negentin Sophia jene des Zars Iwan Alexejewitsch mit Praskowja Saliykowa. Am Vorabende der Vermählung fand beim Zar ein Bankett für die Bojaren, Bojarinnen und für die Anverwandten der künftigen Zarin statt. Zar Iwan und Praskowja saßen an einem Extratische. Der Beichtvater des Zars ertheilte dem Brautpaare den Segen und befahl ihnen, Küsse mit einander zu tauschen. Die Anwesenden brachten ihnen hieraus ihre Glückwünsche dar und verließen das Gemach. Am Frühmorgen des folgenden Tages besuchte der Zar sämmtliche Kirchen seiner Residenz, wohnte einigen Gottesdiensten bei, ließ am Grabe seiner Eltern eine Seelenmesse abhalten und nahm den Segen des Patriarchen entgegen. Die Hochzeit selbst fand unter allen oben geschilderten Ceremonien statt. Am Tage nach der Hochzeit wurden großartige Festgelage veranstaltet, Scheiterhaufen angezündet und dem Volke verschiedene Getränke verabreicht. Bis zum Beginne des 18. Jahrhunderts wählten sich die Zaren Ehegefährtinnen aus der Mitte ihrer Unterthanen. Dieser Brauch bot jedoch für den Staat viele Unzukömmlichkeiten. Denn mit der neuen Zarin gelangten ihre zahlreichen Anverwandten zur Macht, die um den Zar ein Netz von Intriguen spannten. Peter der Große schaffte diesen Brauch ab, indem er für seinen Sohn, den Zarewitsch Alexet, eine ausländische Prinzessin, Sophie Charlotte von Braunschweig, zur Frau wählte. Die Hochzeitsfeierlichkeiten unter diesem Zar trugen nicht mehr den Charakter des moskowitischen Rußland. Die Abfahrt des Zarewitsch Alexei und seiner Braut Sophie in die Kirche vollzog sich nicht unter den früheren Ceremonien; ebenso wurden die Errichtung der Ehebette aus Korngarben und die Beschüttung mit Hopfen abgeschafft. ---SL8NS--- Delphischer Spruch. Immerdar hastdu's; bekommst du's, dich ärgert'«; mit anderem Kopfe Wildpret, Lustart und Gefäß ist'«, und mit dtr auch verwandt. Auflösung des Anagramm-Ghasels in Nr. 97: Labe, Abel- Elba, Albe. Ivtt 1.8L4. „Nugsburger Postzeitung". Dinstag, den 11. Dezember Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer Dr. Mar Huttlcr). Hernward von Hildesheim. Erzählung auS dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. l,Fortir»ung.) VII. Heriberts Werbung. Herr, der Du alles wohlgemacht, Ich will nichts, was nicht Du willst schenken, Du machst es nicht, w'e wir's gedacht; Du wachst es besser, als wir de ken. Fr. Nückert. Es war im Spätherbst, wenige Tage vor dem Feste des heiligen Martinas. Man schrieb Eintausend und sieben nach der Geburt des Herrn. Auf der Domfreiheit zu Hildesheim führte ein Knappe einen schön gezäumten, mit bunt gewirkter Decke behangenen Streithengst vor. Der Ritter, so selbigen zu besteigen sich anschickte, glitzerte im Waffenrock von Silberstoff, er war gar stattlich anzuschauen. Unter seinem blinkenden Helm quollen blonde Locken hervor, sein edles Angesicht sprach von Muth und Geist. „Grüß Gott, Herr Heribert!" so rief der Bischof Ekkehard von Schleswig dem Ritter zu und kam eilends über den Domhof herbei: „Euer Anblick belehrll mich zu meiner Freude, daß auch unser gnädiger Landesherr, Bischof Bernward, wieder vom kaiserlichen Kriegszug aus Flandern heimgekehrt ist. Wann kamt Ihr?" „Gestern Abend spät," sagte der Ritter. „Und wollt schon wieder weg?" fragte Ekkehard. „Nur bis zur Sommerschenburg," gab Heribert zur Antwort, und sein jugendschönes Antlitz strahlte vor Freude. „Ich soll dem edlen Grafen Tammo vermelden, daß sein Bruder, unser bischöflicher Herr, glücklich heimgekehrt sei." Er schwang sich in den Sattel. Mit Wohlgefallen schaute Herr Ekkehard ihn an. „Was, Ihr tragt die goldenen Sporen? Glück zu, Herr RitterI" Und in aufrichtiger Freude reichte der Bischof dem jungen Herrn die Rechte. „Wo habt Ihr Euch die verdient?" fügte er die Frage hinzu. Heribert erröthete. „Das war von Gent. 's ist nicht der Rede werth, was ich that; doch der Kaiser meinte, ich habe mich tapfer benommen, er schlug mich zum Ritter." Herr Ekkehard dagegen meinte: „Wenn des Kaisers Schwert Eucre Schulter berührte, so habt Jhr's verdient, denn Herr Heinrich thu nichts ohne Ueberlegung. Doch sprecht, des Kaisers Feldzug ist längst beendet, der Empörer Balduin von Flandern wurde ja schon im Erntemonat unterworfen — warum kehrte Bischof Bernward nicht zugleich mit den Vasallen und Kriegsmannen zurück, so er dem Kaiser zugeführt hatte? Wo blieb er so lange, und wo weiltet Ihr mit ihm?" Heribert zog die Schultern hoch und lachte. „Dort kommt Herr Thangmar aus dem Dom; der war dabei, er wird's Euch besser erklären, als ich das könnte." Sprach's, grüßte mit gesenkter Lanze und sprengte von dannen. Ekkehard schaute schier verblüfft dem schmucken Reiter nach. „Uebermüthiger!" rief er halb lachend hinter ihm her. Mit freudigem Gruß: „Willkommen in der Hei- math!" wandte er alsdann sich Herrn Thangmar zu. Das war ein frohes Umarmen nach langer Zeit. „Hätte wahrlich nicht gedacht, daß ich Euch erst heute wiedersehen sollte, als wir gemeinsam am Feste der Erscheinung des Herrn in Gandersheim die Einweihung der Kirche feierten!" rief Ekkehard, und seine Augen leuchteten beim Gedenken der Feier. „Ein herrliches glanzvolles Fest, ein Siegesfest für unsern Herrn Bernward war's, da er endlich erreichte, was er so lange vergeblich erstrebt hatte!" Auch der Domdecan versenkte sich gar gerne in die ihm besonders liebe Erinnerung, sein Antlitz strahlte. Er ergriff Ekkehards Arm. „Kommt, Herr Bischof, wir wollen in dieser schönen Morgenfrühe ein wenig auf und nieder wandeln. Die Sache, über die wir noch nicht mit einander reden konnten, ist zu schön, als daß wir nicht in der Erinnerung daran uns gemeinsam erfreuen sollten." Herr Ekkehard willfahrte gerne. Thangmar berichtete lebhaft: „Ich war dazumal mit unserm Bischöflichen Herrn zugegen, als unser verehrungswürdiger Kaiser mit vielen Fürsten und Bischöfen zu Pölde das Weihnachtsfest feierte." Begeistert fuhr er f„rt: „Wohin dieser von Gott begnadete Herrscher sein Angesicht wendet, da versöhnt er die Zwieträchtigen. Herr Heinrich hat eine ungewohnte Gabe der Rede, so die widerstrebendsten Gemüther gewinnt. Auch Herr Willegis vermochte dem sanften und eindringlichen Zureden des 778 Kaisers endlich nicht mehr zu widerstehen und unterwarf die Sache Gandersheims dessen Urtheil. Herr Heinrich aber verlegte die so oft vereitelte Weihe der Ganders- heimischen Kirche auf die Vigilie vor der Erscheinung Tiefathmend sprach Bischof Ekkehard: „Das war ein großer Augenblick, als nach geschehener Einweihung durch Herrn Bernward der Kaiser mit dem Erzbischof Willegis und den zwölf Bischöfen, wozu ich selber gehörte, zum Volke Hinausschritt und feierlich die Worte sprach: „Meine Geliebten, den langen Streit heute beizulegen haben wir für angemessen gehalten. Ich erkenne an und weiß, daß die Kirche und die umliegenden Ortschaften immer den Hildesheimischen Bischöfen zugehört und von ihnen sonder Widerspruch besessen wurden." Thangmar neigte zustimmend das Haupt und erklärte: „Ich gestehe, es gehört mehr Selbstverleugnung dazu, als ich mir zutraue, und ich bewundere Herrn Willegis, daß er alsdann in Gegenwart aller Bischöfe und Fürsten vor dem Volke freimüthig bekannte, er habe geirrt und entsage feierlich allen Ansprüchen auf das Stift Gandersheim. Es ist mir so frisch in der Erinnerung, als ob es gestern geschehen sei, als der Stattliche sprach: „Theuerster Bruder und Mitbischof, ich entsage dem Rechte auf diese Kirche und übergebe Dir diesen Hirtenstab, den ich in der Hand habe, vor Christus, unserm königlichen Herrn, zur Bewahrheitung, daß weder ich, noch einer meiner Nachfolger irgend Anspruch oder Rückforderungsrecht in dieser Sache haben könne." Herr Ekkehard bestätigte: „Der Streit ist schöner und friedlicher geschlichtet worden aks irgend einer es ahnen konnte. Vor dem Erzbischofe Willegis, der sich unserm Herrn Bernward gegenüber ehrenvoll und liebevoll benimmt, hege ich die größte Hochachtung. Gott segne ihnl" „Dazu sage ich Amen!" fügte Herr Thangmar hinzu. Seine Augen glänzten in freudiger Rührung: „Herr Ekkehard, als ich unsern erlauchten Kaiser in seiner Majestät inmitten der zwölf Bischöfe da stehen sah, als ich mir sagte, dieser fromme und gerechte Herrscher des Deutschen Reiches und vier dieser hohen kirchlichen Würdenträger: Herr Bernward von Hildesheim, Herr Ekkehard von Schleswig, Herr Benno von Oldenburg, Herr Meinwerk von Paderborn, diese ausgezeichneten Männer alle sind aus unserer Hildesheimer Domschule hervorgegangen, da schwoll mir das Herz in freudigem Stolz, in innigem Dank gegen Gott." Bischof Ekkehard sprach warm: „Nächst Gott danken mir Euch, die wir als Schüler zu Eueren Füßen gesessen haben, daß wir zum Guten erzogen und in den Wissenschaften gebildet wurden." Die Frage aber, so ihm von Heribert nicht beantwortet war, hatte er nicht vergessen: „Wo blieb unser Herr, wo bliebt Ihr solange nach dem glücklich beendeten Feldzuge?" forschte er nun. Thangmar zögerte eine Weile mit der Antwort. Dann entgegnete er bedächtig: "Ich darf Euch wohl sagen, da Herr Bernward glücklich heimgekehrt ist, er verheimlichte den Seinigen das Vorhaben aus Furcht, er möge ihre Thränen nicht ertragen können. — Nach den Gebeinen des heiligen Martinus zu Tours unternahm Herr Bernward mit uns, seinen Begleitern, eine Wallfahrt, so er lange schon gelobt hatte. Zu Parts blieben wir einige Tage beim Grabe des hl. Dionysius. Wir besuchten die heiligen Orte, und mein Bischof opferte sich mit großer Zerknirschung des Herzens ganz dem Herrn. Von da ritten wir nach Tours. Wir hatten auf dem Wege uns von Seiten des Frankenkönigs Robert vielfacher Aufmerksamkeit zu erfreuen. In der Stadt Tours verblieben wir eine Woche. Es war rührend zu sehen, wie unser Herr vor seinem treuen Schutzheiligen täglich viele Thränen für seine und der Seinen Sünden vergoß. König Robert und die Bischöfe ehrten ihn durch die kostbaren Reliquien von des heiligen Martinus Körper, obgleich es sonst schon für etwas Großes erachtet wurde, das kleinste Stückchen von der Kleidung des heiligen Bekenners zu erlangen. „Unter den Segnungen Aller traten wir die Rückreise an. Wir verweilten wiederum einige Tage zu Paris, allwo Herr Bernward streng den gewohnten Uebungen des Gebetes oblag. Hier empfing er abermals von dem König Robert und den Bischöfen heilige Pfänder von Sanct Dionys und seinen Genossen. Dann setzten wir, von Segenswünschen begleitet, unsere Reise fort in die deutsche Heimath. In Aachen endlich machten wir Rast. Dortselbst erwartete der Kaiser sehnlichst unsere Heere; er empfing uns auf das liebevollste. „Hier am Grabe seines so früh dahingeschiedenen Otto betete Bischof Bernward lange und inbrünstig für dessen Seelenruhe. „Kaiser Heinrich wünschte, daß unser Herr ihn nach Frankfurt begleite, wohin er eine Synode beschieden hatte, weil er nämlich mit dem Plane umging, in seiner Stadt Bamberg einen neuen Bischofssitz zu errichten. „Obgleich Herr Bernward selber, wie wir Alle, eine schnelle Heimkehr wünschte, so weigerte er sich nicht, durch unverzüglichen Gehorsam den Kaiser zu ehren. Wir fuhren nach Frankfurt, und Herr Bernward gab allda gleich den übrigen Bischöfen seine Zustimmung zur Errichtung des neuen Bisthums. „Nun endlich heimgekehrt, liegt uns nichts weiteres ob, als die mitgebrachten Reliquien an einem Orte beizusetzen, wo sie würdig verehrt werden können," also schloß Herr Thangmar seinen Bericht. Inzwischen war Heribert freudigen Gemüthes nach der Sommerschenburg geritten und war dortselbst mit großer Herzlichkeit vom stattlichen Herrn Tammo und seiner immer noch unmuthigen Hausfrau Hildeswitha aufgenommen worden. Graf Tammo hatte selber den kaiserlichen Feldzug gegen Balduin von Flandern mitgemacht, ja sich darin ausgezeichnet. Er war der einzige der heimkehrenden Hildesheimer, so von der frommen Wallfahrt des Bischofes Kenntniß hatte. Wie frohbewegt lauschte er anjetzo der Reiseschilderung Hcriberts von den Abenteuern und den Gefahren, sowie von den frommen Freuden und Tröstungen. „Sieh', Hildeswitha", sprach er wohlgelaunt, als Heribert geendet, „sieh', dieser junge Hildesheimer Künstler, der nach dem Vorbilde meines geistvollen Bruders alle Künste, sogar die Kriegskunst betreibt, rettete unserm Kaiser, der sich bei Gent allzuweit vorgewagt hatte, durch Umsicht und Tapferkeit das Leben. Dafür aber schlug Herr Heinrich ihn, wie es sich geziemte, zum Ritter." Frau Hildeswitha streckte Heribert die Hand entgegen: „Meinen Glückwunsch, Herr Ritter!" 779 Dieser dankte und berichtete strahlend: „In Aachen belehnte Kaiser Heinrich mich mit der Bullenburg und schenkte mir zehn Hufen Landes dazu." Graf Tammo nickte befriedigt: „Das heißt kaiserlich gedankt! Wollte, ich könnte Euch meinen Dank ebenso geziemend darthun, meinen Dank dafür, daß Ihr freiwillig mit uns Hildesheimern in den Kampf zogt, und daß Ihr meinen theueren Bruder auf seiner gefahrvollen Wallfahrt begleitetet, liebster Heribert." Da leuchtete hell des jungen Ritters Auge auf: „Dank, Graf Tammo, habe ich keinen von Euch zu begehren. Doch, gnädiger Herr, — ich komme zu Euch als Bittsteller, Ja, ich flehe Euch an um das Beste und Theuerste, was Ihr habt: Gebt mir Euere Herzliebe Hathumod zum Weibe. — Als einfacher Künstler . hätte ich diese Gunst nimmer von Euch zu heischen gewagt. ! Um Hathumod zu erwerben, die ich liebe, seit ich sie als > holdes Kind zum ersten Male sah, zog ich in den Kampf, aus dem ich als Ritter zurückkehre." Tammo sah bewegt auf den Bittsteller. „Heribert, ich hätte Euch mein Kind gegeben, auch wenn Ihr nur ein einfacher Künstler ohne Namen und ohne Rang geblieben, so Hathumod Euch zugethan wäre", entgeg- nete er und fügte hinzu: „Es geht ein ernster Zug durch unsere Zeit. Die einzige Tochter meines treuen Freundes und Schwagers, des Grafen Altmann vonOles- burg, die ehedem so lebenslustige Frederunde, hat sich in Folge eines Traumgesichts entschlossen, der Welt zu entsagen und ein Kloster auf der mütterlichen Burg Steterburg zu begründen. Auch meine Hathnmod schaut keinen Ritter an und weist alle Bewerber zurück. Ich sorge, daß sie dem Beispiele ihrer jungen Schwester Rothgardis folgen will, so vor Kurzem den Schleier im Konvent zu Gandersheim genommen hat. Doch mein Kind spricht sich nicht aus. Fragt Hathumod selber. Will sie Euch, so nehmt sie mit Gott. Sie weilt droben auf dem Thurmstüblein, dem Lwblings-Aufenhalt meiner seligen Mutter. Dort- selbst übt sie sich emsig in der Malerei, welche Kunst, seit Ihr sie darin unterrichtet habt, ihre Lieblings-Be- schäfligung geworden ist." Heribert folgte der Weisung. Beklommen stieg er die Wendeltreppe hinan. Bangen Herzens pochte er an die Pforte des Thurmstübleins. Als ihm keine Aufforderung zum Eintreten ward, öffnete er leise die Thüre. Da saß Hathumod auf erhöhtem Sitz am Fensterlein; ihr Goldhaar schimmerte in der Sonne. Wie andere Edelfräulein den Stickrahmen, so hatte sie die Staffelei vor sich. In diesem Augenblick aber ruhten Pinsel und Palette; ihre großen, blauen Augen, so blau wie der Himmel selber, schweiften sehnsüchtig hinaus in die Ferne. Heriberts Kommen hatte sie überhört. Er schaute die Wonnesame eine Weile an. Dann sprach er mit bebender Stimme: „Gott zum Gruß, Jungfrau Hathumod!" Da sprang sie auf und that einen Freudenschrei: „Heribert, liebster Heribert! Gott sei gelobt, daß Ihr wieder da seid! Wie habe ich für Euch gebetet," so rief die Holde in der Freude des Wiedersehens und eilte ihm entgegen. Er legte den Arm um die Jungfrau und sah ihr tief in die blauen Augensterne: „Ihr habt für mich gebetet?" Sie nickte freudig: „Immer, immer!" Da zog er sie fest an sein Herz, was sie auch geschehen ließ, und fragte kühn: „Seid Ihr mir gut? Wollt Ihr meine liebe Hausfrau werden?" Sie schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte: „Ach Liebster, wenn der Vater es nur erlaubt." „Er hat schon Ja gesagt!" rief Heribert außer sich vor Glück und drückte einen Kuß auf ihre rothen Lippen. Graf Tammo und Frau Hildes- witha waren freudig überrascht, als die Glückstrahlenden vor sie hintraten, um ihren elterlichen Segen baten und ihnen gestanden, wie lange sie einander schon heimlich geliebt. Der Segen ward den Kindern nicht vorenthalten. VIII. Bernwards Heimgang. Ihn hat nun als den Seinen Der Herr dem L-io entrück:. Und während wir hier weinen, Ist er so hoch beglückt. Er trägt die Lebenskrone Und hebt die Palm' empor Und singt vor Gottes Throne Ein Lied im höhern Chor. Spitta. Die schönste und bedeutendste Schöpfung Bischof Bernwards, die herrliche,SanctMichael geweihte drei- schiffige Basilika, stand vollendet da in eigenartiger Schönheit. — Auf einem Hügel erbaut, bob sie ihr sechsthürmiges Haupt majestätisch empor. Das Innere dieses Tempels drückte große und tiefsinnige Gedanken aus. Seine mit Bildwerken geschmückte Decke, Wände und Getäfel, sowie die prachtvoll errichteten Altäre, alles ordnete sich dem großartigen Gedanken unter, der den Erbauer beseelt hatte. Von dem Hochaltare herab strahlte das von Bernward eigenhändig geformte Kreuz mit der kostbaren Reliquie. Nachdem Maurer, Steinmetzen, Maler, Erzgießer, ja Kunstbefliffene jeglicher Art unter Bernwards Leitung während einundzwanzig Jahren an der Vollendung des herrlichen Baues ihre Kräfte geübt und bethätigt hatten, wurde die Kirche zur Ehre d^s Erlösers, seiner erhabenen Mutter und des heilbringenden Kreuzes eingeweiht, sie wurde unter den besonderen Schutz des heiligen Erzengels Michael und aller himmlischen Heerschaaren gestellt. Das geschah am Feste des heiligen Michael im Eintausend und zwei und zwanzigsten Jahre nach der Menschwerdung Uegirrungspriistdriit Dr. v. Aiegter. 780 Christi, im dreißigsten der bischöflichen Amtsführung BernwardS. Herr Bernward selber weihte die Kirche in Gegenwart des Cardinals Friedrich, als apostolischen Gesandten, sowie der Erzbischöfe von Mainz, Magdeburg und Bremen, der Bischöfe von Meißen, Schleswig, Oldenburg, Padcr- born, Halberstadt, Naumburg Merseburg und Werden, desgleichen von siebenundsechzig Prälaten und Aebten, sowie einer großen Volksmenge aus verschiedenen Gegenden. Neben diesem schönsten Bau des großen Bernward erhob sich das neuerrichtete Kloster, den Söhnen des heiligen Bencdictus aufgebaut. Nach vollbrachier Kirch- weihe setzte der Bischof den Abt Goderam und dessen geistliche Brüder in den Besitz des neuen Klosters ein und begab sich sodann all seiner Habe zu Gunsten dieser Stiftung. Nach erlangter Zustimmung seines geliebten Bruders, des Grafen Tammo, bestätigte er feierlich sein Vermächt- niß durch eine Stiflungsurkunde, wonach die dem Kloster St. Michael geschenkten Güter in nicht weniger bestanden, als in „Vierhundertsechsundsechzig Hufen Landes, zehn Zehnten und zehn Mühlen, neunzehn Landgütern, dreizehn Kirchen und einigen Gütern in und um Hildesheim belegen," überhaupt in allem, was er nach Erbrecht besaß oder durch Kauf erworben hatte, mit Ausnahme dessen, was er dem Altare der heiligen Maria im Dome an goldenen Kronen, Kelchen, Leuchtern, Gewändern und anderen kirchlichen Zierathen übertragen hatte. Gegen Schluß der Urkunde hieß es: „Da aber die Grundlage des neuen Werkes gelegt war und schon die einzelnen Räumlichkeiten hervortraten, da wurde ich, damit nicht etwa durch mein Umherschweifen in der Fremde das angefangene Werk verschoben würde — Ruhm sei Dir, Christus I — vom Fieber ergriffen und war siech fünf Jahre lang. Weil aber nichts auf Erden ohne Ursache geschieht, glaube und vertraue ich zum Herrn, daß er mich züchtigte, aber dem Tode mich nicht übergab, auf daß nicht durch meine Abwesenheit die Erfüllung meiner Hoffnung verzögert werde." Die schweren Körperleiden nahm der fromme Bischof voll Dank als ein Zeichen der göttlichen Güte, als ein willkommenes Läuterungsmittel an. Er wußte ja, daß Gott denjenigen züchtiget, welchen er liebet. So waren unter Leiden und Mühen die letzten Jahre Bernwards dahingeflossen. Als er erkannte, daß sein Lebensende nahe, so verlangte er, der all seine Habe hingegeben hatte, dem Heilande noch mehr zu gleichen in Armuth und Entsagung. Darum wollte er sein bischöfliches Gewand mit dem demüthigen Ordens- kleide des heiligen Bcnedictus vertauschen. Zwischen der Kapelle des heiligen Kr.uzes und der großen Klosterkirche St. Michael hatte Bernward zu Ehren des heiligen Martinus, dessen Grab er ja zu Tours besucht und von dessen Reliquien er einen Arm erhalten hatte, eine Kapelle errichtet. Am Feste des heiligen Martinus ließ er selbige durch Herrn Bischof Ekkehard von Schleswig einweihen, da er selber sich zu schwach fühlte. Nach geschehener Weihe ließ er sich in die seinem erwählten Schutzpatron zu Ehren errichtete Kapelle geleiten. Allhier nahm er im Beisein aller Mönche und in Gegenwart seines Bruders Tammo und des Bischofs Ekkehard aus den Händen des Abtes Goderam das Ordenskleid des heiligen Bcnedictus. Nicht lange trug er das Kleid der Weltentsagung. Er wurde von Gott berufen, den Lohn seiner Werke zu empfangen. ES war an einem trüben Morgen des Windmonats am neunten Tage nach Herrn Bernwards Aufnahme in das Kloster St. Michael, da trat der junge Domschüler Benno in die weltferne Zelle seines verehrten Großoheims ein. Er that das allmorgendlich vor dem Besuch der Schule. Benno war der älteste Sproß Heriberts und Hathumods von der Bullenburg. Wie ehedem Heribert der Lieblingsschüler des Bischofs gewesen war. so hegte Bernward nun für dessen Sohn die innigste Neigung. Seit fünf Jahren war Benno der Trost und die Freude des Greises, dem er alle Wünsche an den Augen ablas, ja von dem er schier unzertrennlich war. Als heute der Knabe dem Bischof seinen Morgengruß bot, da erschrak er. Eine große Veränderung war mit dem geliebten Oheim vorgegangen: wie durchsichtiges Wachs erschienen dessen durchgeistigte Züge, ein stiller verklärender Friede lag darüber ausgegossen. „Mein Benno, wenn Du mir den letzten Dienst erweisen willst," also hub der Bischof nach dem Gegen- gruß an, „so eile und entbiete Deinen Großvater, meinen geliebten Tammo, hierher; ich weiß, er weilt in Hildesheim. Rufe auch meine geistigen Brüder, die Söhne des heiligen Benedictus, auf meine Zelle und bringe Deine eigenen liebsten Freunde, die Edelknaben Udo von Hammerstein, Bruno von Jsenburg und Hermann von der Mundburg, zu mir. Ich fühle den nahen Tod und will vor meinem Ende noch zu Allen reden." Von tiefem Schmerz erschüttert, willfahrte Benno allsogleich, und gar bald umstanden die Gerufenen den Lehnstuhl des Scheidenden. Mit schwacher Stimme redete Bernward sie also an: „Meine liebsten Brüder! Die Zeit ist gekommen, da meine Glieder der Erde sollen befohlen werden. Ich fühle es. Mein Leichnam beginnt schon zu erkalten. „„Gib Rechnung von Deinem Haushalt; denn Du wirst hinfüro nicht mehr haushalten können!"" spricht der Herr zu mir. So befehle ich Euch dem Kaiser Heinrich an, meinem gnädigsten Herrn. Diesen gebe ich Euch zum Obersten. Er wird für Euch sorgen nicht minder, als ob ich persönlich zugegen wäre. „Meine Brüder! Liebet Gott den Herrn! Seid demjenigen dankbar, der Euch von den Eitelkeiten der Welt gezogen hat. Ihr wisset nicht, wie lange Euer Leben dauert. Selbst das Lieblichste unter der Sonne muß der Vergänglichkeit unterliegen. Ich habe reiche Tage besessen, aber wozu sind sie mir nützlich gewesen? Jetzt muß ich alles verlassen. Ich war Staub, und Staub muß ich wieder werden. Da freue ich mich, daß ich meine Güter nicht unnützlich verschwendet habe, sondern sie durch die Hände der Armen zu den ewigen Schätzen überbringen ließ. Auch ich habe große Gebäude und Steinwerke aufgerichtet, um die guten und gläubigen Christen im göttlichen Dienste zu bestärken, nicht aber, um eitele Ehre zu erwerben. Gott, der das Innere meines Herzens einsieht, ist mein Zeuge. Die heilige Schrift erklärt: „„Wann ihr alles gethan habet, was Euch befohlen ist, alsdann rufet, wir sind unnütze Knechte!" " Und dies wird zu den Auserwählten gesagt. Wo sollen denn die Trägen, die Unnützen bleiben? — Darum, liebe Brüder, dienet Gott dem Herrn in Furcht; denn die Gottesfurcht giebt viel Stärke. Wahrlich, Brüder, kein Mensch weiß, ob er der Liebe oder des Hasses-" 781 Des Bischofs Stimme war leiser geworden; er vollendete den begonnenen Satz nicht, sondern sank von Schwäche übermannt mit geschlossenen Lidern rückwärts in den Lehnstuhl. Große Bewegung überkam die geistlichen Brüder. Da schlug Bernward die Augen auf und sprach mühsam: „Liebe Brüder, ich will Euch nicht verlassen. Wenn ich schon meinem Leibe nach von Euch geschieden bin, so werde ich dem Geiste nach stets bei Euch sein." WW WW W8 S8 ! n lI^lA»IIss,!I!W!M!!' WE M WW Ein Duett. Nach dem Gemälde von O. Seitz. ! > ! > l ? Sie vermeinten, ihr Vater würde in diesem Augenblick verscheiden. Abt Goderam kniete vor Bernward nieder und rief fassungslos in herbem Seelenschmerz: „O lieber Vater, warum willst Du uns so bald verlassen?" Der junge Benno aber, welcher vor allen Andern wahrnahm, welche große Veränderung mit dem geliebten Großoheim vorgegangen war, fing bitterlich zu weinen an, und die anderen Edelknaben folgten sogleich seinem Beispiel. rL Da richtete Bernward sich empor, faltete die Hände und betete: „Diesen Kindern gib, o allmächtiger Gott, Deine Gnade, daß sie in Deiner Liebe gestärket werden und zu dem Lichte gelangen, welches ewig ist. Gib ihnen, o Herr, die Kraft, daß sie dermals mit Weisheit und Bescheidenheit ihre Unterthanen im Frieden regieren mögen. Gib ihnen Deinen Geist, also zu leben, daß sie das ewige Reich erlangen." Benno lag fassungslos vor Schmerz auf den Knieen und barg schluchzend sein Gesicht in beiden Händen. MitAnstrengung tasteteBern- ward nach dem Weinenden, löste ihm sanft die Hände und ermähnte ihn: „Du siehst, mein Sohn, daß wir nur durch das Feuer der Trübsal zu Gott gelangen, dero- wegen nimm meine Ermahnung an und beherzige meine letzten Worte. Fliehe und verachte diese Welt wie eine ansteckende und giftige Seuche. Halte Dich allein zu Gott. Damit Du aber dieses leichter ausführen mögest, und damit Dein noch weiches Alter, dem die Laster leicht EinGraf A. Uamagata, Generaloberst. W- ! drücke machen, durch Anderer Bosheit nicht verdorben werde, so weiche nimmer von der Seite dieses Deines Lehrmeisters." Er deutete auf Herrn Wiger, den daneben- stehenden Lehrer der Domschule, und fuhr fort: „Wenn Du mich liebst, so bezeige selbigem, als Deinem Vater, in allen Stücken Gehorsam." Dann ergriff er auch Herrn Wigcrs Hand: „Lieber Freund, Euerer Sorge empfehle ich dringlich das Seelenheil meines Benno." Diese Mahnung ging Beiden tief zu Herzen. Ja, auf Benno machten die Worte des Scheidenden solch nachhaltigen Eindruck, daß er — es sei hier eingeschaltet und vor- bemerkt — später im Kloster St. Michael sich dem geistlichen Leben widmete und seiner Tugenden halber von den Bene- dictinern zum Abt erwählet wurde. Kaiser Heinrich IV. berief ihn alsdann an das Col- legiatstift zu Goslar als Propst, worauf nach einiger Zeit ihm die Bischofs-Mitra zu Meißen aufgesetzt wurde, die er vierzig Jahre lang mit großem Ruhm der Heiligkeit trug. Biscbof Bernward hatte schon in Benno's zarter Jugend die herrlichen Eigenschaften erkannt , welche in dem Knaben schlummerten, und dessen künftige Größe und Heiligkeit mit prophetischem Blicke vorausgesehen. Nach der an den geliebten Knaben mit väterliche Liebe gerichteten Ermahnung wendete er sich noch einmal zu den anwesenden Mönchen Graf H. Ito, Ministerpräsident. von St. Michael, um ihnen in bewegten Worten seine letzten Wünsche vorzutragen. (Schluß folgt.) -^i-^-i-— Goldkörner. Verschwendete Zeit ist Dasein, gebrauchte Zeit ist Leben. Vou"g. -—»- Mulla Kilo, Kaiser von Japan. 783 Der Meßner von Thannstein. Eine obcrpfälzrsche Sage von Adolf Häutzling. .. Eine bedeutende Rolle in den Volkssagen spielt das doppelte Gesicht. Legenden und Erzählungen verschiedenster Art, aber immer düster und schaurig, wissen hiervon zu berichten. Es sei an dieser Stelle nicht unbemerkt, daß auch in den schottischen Sagen das Loppelgesicht eine große Rolle spielt. Im bayerischen Sagenschatze finden wir es bei vielen oberpfälzischen Erzählungen. Als Beispiel hiervon sei die Sage vom Meßner zu Thannstein berichtet. In Thannstein waltete im letzten Jahrhunderte schon lange Zeit seines frommen, stillen Amtes ein alter Meßner. Mit der Pünktlichkeit einer Uhr erschien er jeden Tag zu seinem Dienste, der damit begann, daß er morgens um 4 Uhr den englischen Gruß zu läuten hatte. Es war an einem Herbstmorgen, als noch fast das Dunkel der Nacht diese Stunde umhüllte, da ihn die Gewohnheit des Dienstes und die Zeiger der Uhr mahnten, daß sein Amt beginne. Rasch war er angekleidet, sprang durch die frostige Morgenluft über den Kirchhof hinüber zum Thurme, öffnete dessen > knarrendes Schloß und wollte eben den Strick ^ der Glocke ergreifen, um sie zum Gebete zu . rühren, als er plötzlich zurückfuhr vor Schrecken, fast wie Lots Weib zur Säule gewandelt. Seinen Augen bot sich ein Bild, welches dem unerschrockensten Manne den Schlag des Herzens gehemmt hätte. Er selbst, wie er leibte und lebte, stand am Glockenseile; er hatte sein zweites Ich erblickt; die räthselhafte Gestalt blieb sprachlos und ohne Bewegung. Weniger Zeit, als hier die Erzählung beansprucht, vermochte der Meßner auf das grause Bild zu blicken, gesträubten Haares, todtenblassen Antlitzes floh er von dannen; diesen Morgen wurde in Thannstein nicht geläutet. Eisiger Fieberfrost schüttelte die Glieder des Mannes, sein Gehirn war fast dem Wahnsinne nahe über das Entsetzliche, was er gesehen hatte. Die sorgende Hausfrau brachte ihn zu Bette, und ihrem gutmülhigen Zuspruch gelang es, bis gegen Nachmittag seinen Schrecken zu zerstreuen, ihm überhaupt den Glauben an die Erscheinung auszureden, die am Ende nichts als ein übertriebenes Gebilde seiner Schlaftrunkenheit und Furchtsamkeit gewesen sei. Die mächtigste Bundesgenossin des Trostes ist es, daß der Mensch den guten Versprechungen und Behauptungen tausendmal eher Gehör schenkt, als einer Aeußerung der Besorgniß, und als es gegen Abend ging, war unser Meßner wieder guter Dinge und schalt sich selbst einen furchtsamen Hasen. Trotz der späten Herbstzeit hatten sich im Laufe des Nachmittags die finsteren Wolken eines Gewitters geballt, das nun dräuend heraufzog. Der ferne Donner rückte immer näher und erinnerte den pflichtgetreuen Mann, daß es seine Pflicht sei, den Wettersegen zu läuten. Hastigen Schrittes eilte er zum Kirchthurme hinüber, diesmal fand sich in der Glockenkam- mer kein zweites Bild. Rasch greift er nach dem Seile, um zum Gebete zu läuten, doch in dem Augenblicke, da der erste Glockenschlag ertönt, zuckt aus der Wolke ein Blitzstrahl hernieder, > dringt in das Dach der Kirche, schlägt in die ! Glocke und springt von da auf den unglücklichen Meßner herab, der entseelt zu Boden sinkt. So hatte das Räthsel des Doppelgesichts vom Morgen schon am Abend seine Lösung gefunden. (A. d. Wochenschr. „D. Bayerld.") Zu unseren Bildern. Kc. TxceUrn; Ncgierungsprklldcnl v. Ziegler. Se. Excellenz Regierungspräsident von Ober daher n und Staatsrath Dr. Friedrich v. Ziegler, dessen Bildnch wir beute nach einer Phctographie aus oem Atelier des Herrn A. Brockesch, Hofphotozraph. Schindlers Nachfolger in Regensburg, bringen, steht aus früherer Zeit noch, nicht allein in München, sondern in ganz Oberbaycrn, in bestem Andenken. Im Jahre 1871 wurde Herr v. Ziegler Staatsanwaltssubstitur m Augsburg, wo er sich im Jabre 1872 verehelichte. Zu Beginn desselben Jahres wurde er neben Herrn v. Eisenhart von König Ludwig 1l. in das Kabinet berufen. Dort errang er sich das Vertrauen Sr. Majestät in solchem Mähe, daß er nach dem Rücktritte des Herrn v. Eisenhart im Jahre 1876 zum wirklichen Kabinetschef befördert wurde. Im Jahre 1879 legte er dieses unter den damaligen Verhältnissen besonders schwierige Amt zum Erstenmale nieder, um nach einer nochmaligen Berufung zu der hohen Ver- 784 trauensstellunq eines Kabine'sckefs 18^3 definitiv aus dem Kabinet auszuscheiden. Er wurde nach einem längeren Urlaub Ministerialrath im Kultusministerium und Staatsrath im ordentlichen Dienst. Seine Berufung als Präsident der Regierung der Oberpfalz erfolgte am 14. Oktober 1888. Ein Duell. Der alte Bursche in dem eigenthümlichen Costüm auf unserm Bilde hat jedenfalls auch schon gewußt, daß die Musik auf erregte Gemüther mitunter besänftigend wirkt. Baby im Wickelkissen ist ein boshafter Schlmgel, ein wahrhafter Schreihals. Auch heute spielt er wieder das unartige Kind und schreit aus vollem Halse. Da wußte nun der Alte sich nicht mehr zu helfen und griff nach dem Instrumente, um dim Kindlein Eins vorzuspielen. Baby aber läßt sich nicht beschwichtigen und schreit fest d'rauf los. Da auch der Alte nicht auftört zu dudeln, so gibt es ein ganz hübsches Duett — nur gut, daß wir es nicht anhören müssen. Der Kaiser von Japan und seine Deralher. Die seltenen Waffenerfolge der Japaner in Korea und vor Port Arthur sind das Resultat der langjährigen Vorbereitungen, welche Japan getroffen, um für den Kriegsfall gerüstet zu sein und seine Interessen in nachhal'.igiter Weise mit den Waffen in der Hand vertreten zu können. Der dermalige Mikado Mutso Hito hat europäische Offiziere nach Japan berufen, um sich eine kriegstüchtige und wohlgeschulte Armee zu schaffen. Die Japaner waren gelehrige Schüler und haben ihre Lehrer alsvald an Wissen und Können fast erreicht. Insbesondere gilt das von dem Moltke Japans, dem Generaloberst Mnragata, der den Feldzugsplan entworfen und auch in der Detailarbeit sich als Meister gezeigt hat, indem er bei Pjöng-Jana die ganze chinesische Armee gefangen nahm. Dem Ministerpräsidenten Grafen Jto fällt nun die Aufgabe zu, die Vortheile der Japaner auf dem Schlachtsilde politisch und wnthschaftlich zu verwerthen und zu sichern. Von seiner Geschicklichkert wird es abhängen, ob der Angriff auf China für die Japaner lohnend war oder nicht. -—- Allerlei. Laufende Stiegen. Bisher sind die Menschen über die Stiegen hinausgelaufen oder gestiegen; die Amerikaner machen es sich aber bereits bequemer, sie können stehen bleiben und kommen doch auf einen höher gelegenen Absatz, weil sich die Stiege selbst bewegt. U. a. ist diese neue Art von Personenaufzügen, die sich hauptsächlich für mäßige Förderhöhen und für sehr regen, unausgesetzten Verkehr eignet, bei dem Bahnhöfe Curtland Street der Pennsylvania-Eisenbahn in New-Iork zur Aufstellung ge- kdmmen. Diese Stiege hat wie die gewöhnlichen beiderseits Wangen; zwischen diesen sind aber keine Stufen, sondern ist eine endlose, geneigte, biegsame Ebene angebracht, die durch je eine am unteren und oberen Ende der Wangen in diesen gelagerte Welle bewegt wird. Die Wellen tragen je zwei oder mehr Kettenscheiben, über die endlose Gelenkketten laufen, auf denen die geneigte Ebene befestigt ist. Die geneigte endlose Ebene besteht — ähnlich wie die bekannten hölzernen aufrollbaren Tischunterlagen für Suppenschüsseln und so weiter im kleinen — aus lauter schmalen Riemen, die hier aus Eisen mit Hohlräumen gemacht sind, in die Gummi eingelegt ist, so daß die Personen nicht abgleiten. Die Antritte unten und oben schließen dicht an die endlose Ebene an, so daß kein Zwischenraum zu übersteigen ist. Um auf eine höhere Plattform gehoben zu werden, hat man nur auf diese bewegte Ebene zu treten und stehen zu bleiben, um so mühelos oben anzukommen und weiter gehen zu können. Um einen ganz sicheren Stand zu haben, ist auch das Stiegengeländer eine endlose Kette mit Handleisten, die sich mit der gleichen Geschwindigkeit bewegt wie die Fußebene; an diesem Geländer kann man sich also halten. Die geeignete Geschwindigkeit dieser laufenden Stiege soll 70 Fuß in der Minute sein. Angetrieben kann sie natürlich durch eine beliebige Kraftmaschine werden. U Woher stammt der Name Canada? Der Ursprung des Namens Canada dürfte wohl manchen unserer Leser interesstren. Die Spanier besuchten dieses Land, bevor die Franzosen dasselbe betraten, und machten eingehende Suche nach Gold und Silber. Als sie jedoch nichts fanden, sagten sie oft zu einander: „neu nucka." („da ist nichts"). Die Indianer, welche sie neugierig beobachteten, lernten diesen Satz und seine Bedeutung auswendig. Später kamen die Franzosen in's Land, und die Indianer, welche von ihrer Gesellschaft nichts wissen wollten und gleich der Meinung waren, daß auch diese gleichen Zweckes wie die Spanier gekommen seien, riefen ihnen diese spanischen Worte „aas, nuckn" sofort zu. Die Franzosen, welche ebensowenig von dem Spanisch kannten, als die Indianer, glaubten, daß diese sich fortwährend wiederholenden Töne der Name des Landes seien, und so heißt dieses Land seit dieser Zeit Canada. Eine Weltreise auf dem Zweirad. Zwei Amerikaner, Steven Lingard und W. Hanley, wollen die Reise um die Welt auf dem Zweirade machen, obwohl die Sache ziemlich gefährlich ist. Von dem Radfahrer Lenz, der vor Monaten abgefahren ist, um denselben Plan auszuführen, hat man in letzter Zeit nichts mehr gehört, und man nimmt an, daß er irgendwo verunglückt ist. Lingard und Hanley haben um 10,000 Dollars gewettet, daß sie zur Reise um die Erde nur 40 Wochen brauchen werden. Hier ihr Neiseplan: Nach Durchquerung der Vereinigten Staaten wollen sie mit dem Dampfschiffe nach Zjokohama und von dort quer durch Japan mit ihrem Rade nach Nagasaki fahren; dann geht's über Shanghai nach Hongkong, von dort nach Kalkutta und Bombay. Dann wollen sie Egypten, Arabien und Griechenland durchqueren, Brindist berühren, nach der Schweiz, nach Deutschland und Frankreich fahren, über die Meerenge von Calais nach Liverpool reisen und sich hier nach New-Pork einschiffen. * DieHauptsache. Händler (der eben in den Laden tritt, wie seine Tochter von einem Kunden geküßt wirdj: „Ella, was hat der Herr gekauft?" » t- V - ZLilder-Hläthsel. A «V> Auslö'ung des Delphischen Spruchs in Nr. 99: Nase, Hase, Gase, Vase, Base. 101 . Ireitag, den 14. Dezember 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Ueltev Zlngo. Nach dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunn. lNachdruck verbeten.) 1. Kapitel. Chprian Hays Hetrath war gewiß eine romantische, obschon in ruhiger Weise. Wenigstens war dieselbe mit ungewöhnlichen Vorfällen verknüpft, weßhalb sie den Hauptpersonen romantisch vorkam, was auch die Zuschauer denken mochten. Die Letzteren sahen nur, daß ein vierzigjähriger Hagestolz mit an den Schläfen ergrauendem Haar eine Frau nahm, welche weder in der ersten Jugend war, noch eL zu sein schien. Hierin lag die Romantik. Schon zwölf Jahre vor ihrer Verheiratung hatten sich die hübsche Margarethe Grimthorpe und Chprian Hay in einander verliebt. Er war ein schöner junger Mann, in dem reichen Kauf- mannshause seines Onkels beschäftigt; sie war ein reizendes zwanzigjähriges Mädchen, so wohlerzogen und einnehmend, daß es wenig in Betracht kam, sie sei nur die Tochter eines Knabenschuldirectors und besitze nichts als ihr liebliches Gesicht. Der junge Hay würde bald für sie beide genug haben. Gleichen galt unbestritten als die Schönste in ihrem Kreise. Sie waren ein prächtiges Paar. Von allen Seiten kamen Glückwünsche, und die Leute sagten, die Hochzeit werde bald stattfinden. Aber als alle Leute den Verstand des jungen Hay und^Gretchens Schönheit priesen, vergaßen sie zwei bedeutende Steine des Anstoßes aus dem scheinbar ebenen Wege zum ehelichen Glück. Man sagt, Eifersucht sei ein verhängnißvolles Zeichen wahrer Liebe, und Chprian Hay war eifersüchtig. Gleichen hatte eine stolze, leicht erregbare Gemüthsart; manche nannten sie zu unabhängig. Drei Monate nach der Verlobung ereignete sich Folgendes: In einer Gesellschaft machte ein von Reisen zurückgekehrter junger Seeoffizier der reizenden Braut in auffallender Weise den Hof, so daß Chprian Hay diese Aufmerksamkeiten für einen Eingriff in seine Rechte ansah. Ex sagte ihr das, als er sie am nächsten Tage besuchte, und ihr Blick voll kühner Schelmerei bei seinen Vorwürfen goß Oel in das Feuer seines Zornes. Aufgeregt sprach er die unglücklichen Worte aus: „Sie treiben gefallsüchtig ein abscheulich loses Spiel mit dem Manne. Margarethe, bedenken Sie in Zukunft, daß ich so etwas nicht erlaube." Der schalkhafte Blick entwich aus Gretchens braunen Augen. Ihre rosigen Wangen — sie hatte damals sehr schöne Farben — erbleichten, und das Grübchen neben ihrem linken Mundwinkel verschwand blitzschnell. Sie richtete ihre schlanke Gestalt stolz auf bei den Worten: „Chprian, ich lasse mich von keinem Manne beschuldigen, ein loses Spiel zu treiben. Und ich sage Ihnen, daß Sie in Bezug auf meine Handlungsweise nichts zu erlauben oder zu verbieten haben." Darauf antwortete er ruhig: „Es scheint mir, Fräulein Grimthorpe, Ihre Selbstachtung, ohne die Achtung vor meiner Wenigkeit zu erwähnen, hätte Sie veranlassen sollen, den Bengel gestern Abend in anständigen Schranken zu halten, anstatt ihn zu ermuthigen." Sie entgegnete tieserröthend: „Erinnern Sie sich gefälligst, Herr Hay, daß „der Vengel" mein Vetter und Jugendgespiele ist. Ich kann nicht dulden, daß beleidigend von ihm gesprochen wird." Er fragte wüthend: „Erwarten Sie vielleicht, daß ich Ihr Vergnügen über seine Aufmerksamkeiten theile?" Sie sagte spöttisch: „Ich sehe wirklich nicht ein, warum Sie das nicht thun sollen." „Soll ich neben ihm herlaufen? Soll ich ihn wie einen Pudel um Sie herumtanzen lassen?" „Ein gutes Einvernehmen wäre für uns alle angenehm." „O, sehr angenehm! Ganz reizend! Entzückend! Jedoch ist es mir nicht angenehm, Margarethe! Ich kann solche Anmaßung nicht ertragen. Wenn unser Bündniß nicht gestört werden soll, so müssen Sie mir versprechen, daß Sie jedes Zusammenkommen mit diesem Manne in Zukunft vermeiden. Wollen Sie es versprechen?" „Nein", sagte sie entschieden, „ich will nicht, denn" — sie athmete zitternd tief auf — „auch ich kann solche Anmaßung nicht ertragen." „Es scheint keine Aussicht auf unser Einverstänbniß da zu sein, Fräulein Grimthorpe, also wäre es vielleicht besser, daß wir uns trennen." „O, viel besser, Herr Hay! Es ist Zeit für mich, zur Vesperandacht zu gehen" (dieser hübsche Streit fand am Sonntag statt), „also ich wünsche Ihnen guten Abend," schloß sie mit einer anmnthigen Verneigung. Er verbeugte sich so höflich, als ob der Zorn nicht in ihm koche; dann ging er aus dem Hause und mit hochgetrageuem Kopf die Straße hinunter. Sie beobachtete ihn am Fenster verstohlen und mit Thränen 786 kämpfend. Er suchte seinen Zorn an jenem Abend im Grog zu ertränken (seine erste und letzte Ausschreitung dieser Art) und bekam schrecklichen Katzenjammer. Als sie sah, daß er nicht zurückkehrte, eilte sie weg — jedoch nicht in die Kirche, sondern in ihre Schlafstube; dort verbarg sie ihr Gesicht in die Kopfkissen und schluchzte wie ein Kind; dann lag sie stundenlang nachdenkend, ob sie morgen zuerst an ihn schreiben müsse oder er an sie. Er ging am nächsten Morgen sehr elend, aber unbeugsam in das Comptoir. Dort fand er seinen Onkel entrüstet über Nachrichten aus Ceylon, wo der Geschäftsagent Unterschlagungen gemacht hatte. Ein Vertrauensmann der Firma mußte die Angelegenheiten des Zweiggeschäftes ordnen und deshalb nach Indien geschickt werden. Noch rasend eifersüchtig bot Cyprian sich zu der Reise an. Niemand bedürfte seiner in England, wenigstens sie nicht; die übrige Welt zählte nicht mit. Gretchen lieble ihn nicht und würde ihn vergessen. Nach zwölf Stunden trat er die Reise an, gerade als Margarethe sich durch das lange Warten auf sein Klopfen an der Thüre schwach fühlte, ihren Stolz aufgab und über den besten und schnellsten Ausgleich nachdachte. Jedoch sollte das arme Mädchen keine Gelegenheit dazu haben und noch mehr Unglück erfahren. Bevor es allgemein bekannt geworden war, daß Margarethe Grimthorpe ihren Bräutigam verloren hatte, verbreitete sich die Trauernachricht, daß sie ihren Vater verloren hatte. Mit dem Ableben des Schuldirectors hörte das Einkommen auf. Jedem seiner Kinder blieben nur fünf Pfund zehn Schillinge jährlich. Die einzige Zuflucht, welche Margarethe aus der Bettelarmuth sah, war das Heim einer alten kränklichen Verwandten. Die Letztere beeilte sich zu erklären, daß sie von einer bei ihrem Tode aufhörenden Rente lebe, weßhalb die Tochter des Direc- tors Grimthorpe weder Luxus noch ein Vermächtntß erwarten dürfe, wenn sie ihre Pflegerin und Gesellschafterin werden wolle. Es war ein herber Wechsel, aber sie konnte wenigstens ihren Unterhalt verdienen. So wurde das Jugendleben des Mädchens in dem Landstädtchen, wo die alte kranke Dame wohnte, begraben. Die Rosen ihrer Wangen verschwanden mit der Zeit; sie vergoß viele Thränen in vielem Kummer; Cyprian hatte sie vergessen oder sie nie geliebt! Zwölf lange Jahre verlebte sie arbeitsam, ruhig, freudenlos. Dann — Ein Herr stand eines Abends an der Thüre eines Gesellschaftssaales, in welchem getanzt wurde. Er betrachtete den Wechsel der Kleidermoden, seit er England vor langer Zeit verlassen hatte. Sie gefielen ihm gar nicht. Hals und Arme der Mädchen waren jetzt mehr entblößt als früher, und ihr Benehmen zeigte sich keineswegs verfeinert. Er sagte das zu seiner Wirthin, als sie zu ihm kam und ihm einen Vorwurf machte, weil er den Walzer nicht tanzte. „Man kann mit den jungen Damen keine Unterhaltung führen," murrte er weiter, „sie scheinen heutzutage nur geziert lächeln oder kichern zu können." „Kommen Sie," sagte seine Freundin, „ich will Sie einer Tame aus einer andern Schule vorstellen. Sie ist in der Schule des Unglücks gewesen, könnte man sagen," erzählte die Dame, als sie durch das Zimmer gingen, „sie hat Mißgeschick erlebt und ein trübes Leben geführt bei der Pflege einer gebrechlichen alten Verwandten, deren Tod sie kürzlich von diesem Mühseligen Werke befreite. Erst nach langer Ueberredung bewegte ich sie, heute Abend zu uns zu kommen; ich bin dem Mädchen herzlich gut und möchte sie gern erheitern. Sie wird weder albern lächeln, noch kichern, dafür bürge ich Ihnen. Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Hay vorzustellen — Fräulein Grimthorpe." Eine noch sehr anmuthige Gestalt wendete sich zu ihm. Ein ihm wohlbekanntes Gesicht mit der schönen goldbraunen Flechtenkrone erhob sich überrascht fragend. Waren es die Lichter im Saal, oder was schien die Beiden zu blenden? Nur eine Secunde sahen sie einander in die Augen, aber in dem einen Blick lasen sie, daß sie Beide wahr geliebt und nicht vergessen hatten. Fünf Minuten in einer halbverhangenen Fensternische genügten zur Erklärung für die Beiden; Margarethe hörte, daß Cyprian ihr einmal, ein Jahr nach ihrer Abreise, geschrieben und den Brief mit „unbekannt" auf der Adresse zurückbekommen hatte. Sie erzählten einander, daß sie in einer beständig trüben Stimmung, einsam und elend gewesen waren und niemals eine andere Herzensneigung empfunden hatten. Gretchens rosige Farbe kehrte in ihr bleiches Gesicht zurück, ihre Augen waren sanfter, strahlender, zärtlicher als je. Sehr einfach gekleidet, mit ein paar Rosen an ihrem schönen weißen Hals, erschien sie dem gereiften Liebenden unvergleichlich gegen jede andere Dame im Saal. Obschon sie sich thöricht und sündhaft zornig getrennt hatten, war die Freude der Wiedervereinigung so innig, daß sie fast volle Genugthuung bot. Ehe er sie aus der Fensternische führte, hörte er mit großer Befriedigung, daß sie jetzt alleinstehend und wieder heimathlos sei. „Also hindert uns nichts, miteinander glücklich zu sein, so schnell wir können," sagte er. Hier hatte er vollkommen Recht, der Hochzeitstag wurde sogleich bestimmt. Nach drei Wochen feierten sie im Hause derselben älteren Freundin ihre Vermählung. Den Honigmonat brachten sie an den Schweizer Seen zu und fühlten sich dort stündlich verjüngt. Sie versprachen einander daheim in dem Berghause, welches Gretchens Vater in der Londoner Vorstadt bewohnt hatte, stets glücklich zu sein. Anfänglich schien sich ihr Versprechen schön zu erfüllen. Jedoch nach einjähriger Ehe wurden ihre friedlichen Tage bedroht. Es war so sehr seltsam l (Fortsetzung folgt.) -»-IWI-—-— DermwrrrH von MÄSLheim. Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. (Schluß.) Bernward begann: „Liebe Brüder, ich habe noch eine Bitte. Behänget und bedecket meinen todten Leichnam nicht nach dem Weltbrauch mit kostbaren Gewändern, sondern mit Asche und einem härenen Bußkleide, auf daß meine Seele nicht um ein hochmüthigeS, unverdient prächtiges Begräbniß im Jenseits gepeinigt werde. Wenn^Jhr meinen Wünschen nachkommen werdet, so verhoffe ich, in Anbetracht einer demüthigen Bestattung bei dem Herrn Barmherzigkeit zu finden. Auch soll mein Volk hier auf der Welt durch mein Beispiel nicht zur Hoffart und zur Wollust, sondern zur Bescheidenheit und zur Entsagung veranlasset werden." Als er dies gesagt hatte, machte er eine kraftlose Anstrengung, sich zu erheben. Ein Lächeln glitt über seine abgezehrten Züge: „Ich sehe, es geht nicht mehr aus eigener Kraft. Meine Auflösung steht bevor. So bitte ich Euch, mich nach der Kapelle meines erlesenen Schutzpatrons, des hl. Martinus, zu geleiten." Mit freudigem Ausdruck richtete er die Augen gen Himmel. „Welch heilige Stunde verbrachte ich einst an seinem Grabe! Ja, die frommen Vorsätze, so ich zu Tours im Hause des Gottesstreiters faßte, sind bestimmend gewesen für den Nest meines Lebens. Meinem Schutzheiligen Martinus verdanke ich Ermuthigung und Kraft in den irdischen Kämpfen. Führt mich vor den ihm geweihten Altar. Es ist angemessen, daß ich allda das Ende meines Lebens erwarte, wo ich zuvor das Kleid der Weltentsagung, das Ordenskleid, empfangen habe." In stummer Ergriffenheit schickten die Mönchs sich an, den Todmatten emporzuheben.. Da wichen die Umstehenden ehrerbietig zur Seite, denn die fromme Schwester Nothgardis, des Bischofs Nichte, des Grafen Tammo Tochter, trat leise in die Zelle. Still kniete die Klosterfrau nieder. Ihre Lippen berührten den Saum von Bernwards Gewand. Dann hob sie die thränenerfüllten Augen zu ihm empor und sprach: „Mein Oheim, im Kloster Gandcrsheim wurde uns die Kunde, wie eS um Euch stehe. Unsere Aebtissin Sophia sendet mich hierher. Sie fleht reuig um Verzeihung für all den Kummer, für all die Unbilden, so Ihr durch sie erfahren habt, und bittet durch mich um Eueren Segen, um den Segen des rechtmäßigen Oberhirten für uns Alle." Ein Aufleuchten ging über des Bischofs Züge. „So wird mir vor meinem Ende noch eine große Freude zu Theil," sprach er. „Mein Kind, sage Deiner Aebtissin, daß ich ihr längst Verzeihung gewährte; denn ich weiß, sie handelte als Herrin in guter Absicht; sie wollte ihr Kloster uuter einen mächtigeren Schutzherrn stellen. Ich freilich mußte gegen sie die Rechte Hildcs- heims wahren. — Es segne der allmächtige Gott Dich, mein liebes Kind, die Aebtissin Sophia und alle Angehörigen des Stiftes Gandersheiml" Mühsam machte der Bischof das Zeichen des Kreuzes über die Knieende. Dann bat er mit fast verlöschender Stimme: „Und nun zu Sanct Martinus!" Still trugen die Benedictiner ihn hinüber. Mit Hilfe seines Bruders Tammo und des Bischofs Ekkehard legte er sich vor dem Altare zur Erde nieder und verrichtete ein brünstiges Gebet. Währenddessen hatte der Sacristan die Kerzen angezündet und der Abt Goderam alles vorbereitet, um dem Sterbenden die heilige Wegzehrung zu reichen. Mit brennendem Verlangen empfing Bernward zum letzten Male auf Erden seinen Heiland in Brodsgestalt. Er hob seine Hände empor und sprach mit lauter Stimme: „O, wie große Freuden haben die Heiligen Gottes im Himmel!" Darauf sah er voll Rührung die weinenden Brüder an und betete also: „Heiliger Erzengel Michael, der Du ein Heerführer der himmlischen Geister und der aufgelösten Seelen bist, ich bitte Dich demüthigst aus dem Grunde meines Herzens, Du wollest uns mit den heiligen Engeln gnädig besuchen und diesen Ort erleuchten, in welchem wir jetzt mit Andacht beten." Sobald er das gesprochen,, entstand ein heftiger Sturmwind und ein großes Getöse. Allen, so zugegen waren, kam Furcht und Bangen an. Der Sterbende aber tröstete die Umstehenden mit gebrochener Stimme: „Liebe Brüder, fürchtet Euch nicht. Ich bin der. jenige, der hier gerufen wird. Sehet Ihr nicht, wie die heiligen Engel zu uns hereinkommen, mich abzuholend" Dann kehrte er nochmals seine matter werdenden Augen gen Himmel und rief: «Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist!" Mit diesen Worten sank der bis zum letzten Augenblicke Willenskräftige sterbend in die Arme seines Bruders Tammo zurück. Das geschah am zwanzigsten Tag des Windmonats im Eintausend zwei und zwanzigsten Jahr nach der Gebuxt des Erlösers der Welt. Es war aber zur selben Stunde, da trat in Köln der neugeweihte Erzbischof, Herr Pilgrim, vor den Hochaltar, um seine erste heilige Messe als Bischof feierlich zu begehen. Aber zu aller Staunen celebrirte er dieselbe wider jeglichen Brauch für die Abgestorbenen, und in dem Memento nannte er Bernwards Namen. Die Domherren befragten nach vollbrachter Feier den Erzbischof befremdet, was das zu bedeuten habe. Der aber sprach mit ernster Ruhe: „Ich konnte nicht anders. Hört zu: Als armer Schüler stand ich einst vor der Bischofsburg zu Htldes- heim. Ich hielt um eine Beisteuer an. Ein Diener meldete das dem Herrn Bernward. Dieser befahl allsogleich, man möge den draußen stehenden Bischof hereinführen. Da kam eine Zahl von Dienern zu mir herausgelaufen, die kehrten aber geschwind wieder um bei dem Anblick, so ich ihnen bot. Es wäre draußen Niemand vorhanden außer einem armen Schüler, berichteten sie ihrem Herrn. Da antwortete Herr Bernward: „Selbiger ist der Bischof, den Ihr zu mir führen solltet." Er erhob sich sogleich von der Mittagstafel, ging mir entgegen und empfing mich mit einer Ehrerbietung, daß ich schamroth wurde. Er setzte mich mit Dringlichkeit sogar oben an die Tafel 'und bewies mir vor allen übrigen Gästen eine vorzügliche Höflichkeit. Beschämt und wider meinen Willen mußte ich diese Ehrenbezeigung annehmen. Herr Bernward aber sagte mir nach geendigter Tafel die Erzbischofswürde zu Köln voraus. Er bat auch demüthig, ich möchte in der ersten hl. Messe, so ich als Bischof dortselbst lesen werde, seiner eingedenk sein. Die Zusage gab ich heilig und theuer, und Herr Bernward entließ mich mit seinem Segen und vielen Geschenken. Da nun eingetroffen ist, was der fromme erleuchtete Mann mir vorhersagte^ so habe ich heute, der Zusage eingedenk, meine erste heilige Messe als Bischof für ihn gelesen. Als ich an die Stufe des Altars trat, ward mir auf wunderbare Weise kund, der Bischof Bernward sei soeben verschieden, er weile nicht mehr unter den Lebenden. Da mußte ich die erste heil. Messe für einen Abgestorbenen halten. Nun ist Euch der Grund meines befremdlichen Thuns klar." Pilgrim that auch dem Volke das wunderbare Er- eigniß kund und schickte eilends Boten nach Hildesheim, um seine Theilnahme und seine Trauer zu vermelden. In Hildesheim hatte der Abt Goderam alle, so beim gottseligen Heimgang des edlen Bischofs zugegen waren, in die Gruft von St. Michael geführt. Da erblickten sie vor dem Altare der hl. Maria eine offene ausgemauerte Grube und davor einen Sarkophag aus Stein gemeißelt. Goderam wies ernst darauf hin und sprach also: „Sehet das Grab, welches der zu Gott Gegangene sich selber hergerichtet hat! Als die schweren Leiden ihm 788 das Nahen seiner Auflösung kündeten, da ergriff der Willenskräfttge nochmals Hammer und Meißel. Er schuf mit eigenen Händen diesen Sarkophag, auch meißelte er kunstvoll seinen Grabstein. Das geschah freilich in seiner Werkstätte. Außer Herrn Thangmar und mir hatte Keiner Kenntniß davon." Mit Rührung umstanden Alle den Sarkophag. In dessen Tiefe lasen sie am Kopfende die lateinischen Worte: „Bernward, Bischof, Knecht der Knechte Christi." Der Sargdeckel aber, der daneben lehnte, war im Innern mit dem Lamm-Gottes-Bilde und mit einem einfachen Kreuze geschmückt. Auf der Oberfläche, so mit neun Engelsköpfen und vierzehn Rauchwolken geziert war, hatte Bernward die Worte eingegraben: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und ich werde am jüngsten Tage auferstehen und wieder mit meiner Haut umgeben werden und in meinem Fleische meinen Gott schauen." Schweigend, denn er konnte nicht reden vor innerer Ergriffenheit, deutete der Abt zur Seite. Da lehnte auch vollendet und ausgemeißelt die Deckplatte des Grabes. Auf dieser Platte sahen sie einen Baum, dessen Stamm in ein einfaches, aber sinnig und schön gearbeitetes Kreuz überging. Die vier Enden des Kreuzes waren verziert mit den Zeichen der vier Evangelisten. Da, wo die Balken sich schnitten, erblickten sie daS Lamm Gottes, geschmückt mit dem Zeichen des Kreuzes. Die Fläche aber über und neben dem Kreuze war ausgefüllt mit einer lateinischen Inschrift, in der die ganze Einfachheit, die Demuth und der Adel von Bernward's Gesinnung sich aussprach. Sie lautete in deutscher Sprache: „Bernward's Körper war ick dereinst; jetzt bin ich umschlossen Hier vom Dunkel der Gruft. Asche nur bin ich und Staub. Ach, des erhabenen Amtes hab' ich nicht würdig gewaltet I Herr, laß in Frieden mich ruh'nl Betet das Amen für mich." „Das ist die künftige Grabstätte eines Heiligen," sprach Goderam mit bebender Stimme. Der greise Thangmar trat vor und rief: „Was ist lobenswürdiger, als diese Erniedrigung des frommen Bischofs! Je tiefer er sich in Demuth herab- drückt, um so höher glänzt er als Leuchte der Kirche. Ich bin der Ansicht, daß wir trotz seiner Bitte um demüthige Bestattung die Leichenfeier unseres gottgeliebten Herrn nach kirchlichem Brauche würdig und erhaben gestalten, denn sein hohes Verdienst erscheint uns leuchtender als der Tag, obgleich er selber sich in seiner Herzensdemuth ganz anders beurtheilt hat." Thangmars Meinung stimmten Alle bei. Und so wurde des heiligen Bischofs Leiche mit großem Gepränge und mit unsäglicher Andacht der Gläubigen in der von ihm selber erbauten Gruft dem Schooße der Erde übergeben. Das ganze Bisthum war durch diesen Hin- tritt in tiefe Trauer versetzt. Die Hildesheimische Kirche wurde zur Wittwe, die Stadt beweinte den Verlust ihres Erbauers, das Vaterland seinen Vertheidiger und weisen Lenker, besonders aber beklagten die Armen, Wittwen und Waisen den Verlust ihres theuren Vaters. Hohe und Niedrige, Reiche und Arme wurden durch den Heimgang dessen schmerzlich betrübet, der Allen Alles gewesen war. Klagen und Weinen, untröstlicher Schmerz um den Hingeschiedenen wurde laut. Die Gruft der Michaelskirche, worin man ihn gebettet, wurde nimmer leer von Weinenden und Trauernden. Da schritt eines Tages der noch immer stattliche Herr Thangmar durch die Reihen der Wehklagenden. Einen mitfühlenden Blick warf er auf die schmerzlich Trauernden, dann redete er sie an: „Geliebte, wir wollen uns nicht unvernünftig betrüben nach der Weise derjenigen, so ohne Hoffnung sind. Wenn wir trauern müssen, den Tröster auf Erden verloren zu haben, so wollen wir uns freuen, einen Helfer im Himmel zu besitzen. Versicherte unser Herr Bernward doch selber vor seinem Ende, daß er dem Geiste nach stets bei uns sein werde. An dieser heiligen Stätte umwehet uns sein Geist. Neben der mit dem wunderbaren Rosenstrauch ausgezeichneten Gruft des Dommünsters wollte uns der gütige Gott einen zweiten Gnadenort geben in dieser Gruft, die den heiligen Leib unseres Herrn Bernward umschließt." Noch sprach er, da brachten die Domschüler eine Tafel mit gemeißelter lateinischer Inschrift und befestigten selbige an der Säule zur rechten Seite des Grabmals. Benno hatte die Worte verfaßt, sie lauteten: „Siehe, die Gruft, sie umschließt das Gebein Bernwardens, deS Bischofs, Jenes erhabenen Mannes, der uns ein Wunder erschien, Der wie ein leuchtender Stern in der Heimath Krone geglänzt hat, Würdig erfunden von Gott, hoch von den Menschen geliebt; Denn stets ist er der Kirche der trefflichste Bischof gewesen, Lohn' es Emanuel ihm, lohn' es ihm Michaels Huld! Endlich am zwanzigsten Tag in dem elften der Monate tauscht' er Für dies irdische Sein glücklich den Himmel sich ein." Diese Worte Bennos mögen das Lebensbild unseres großen Bernward vollenden. Ende! Die letzten Ellen Dich. Erzählung frei nach dem Französischen. Von Otto LandSmann (Nachdruck »erboten.) I. Durch eine ununterbrochene Arbeit von einem halben Jahrhundert war es dem alten Tuchhändler Kornelius Splenger aus der Schlossergasse in Straßburg gelungen, sich das runde Sümmchen von einer viertel Million zusammenzuscharren. Eines schönen Tages nun saß er, die Hände über seinem Schmerbauch gekreuzt, hinter seinem Zahltisch, und indem er einen tiefen Seufzer inneren Behagens ausstieß, sprach er nach zehn langen Minuten inneren Jubels: „Endlich, endlich bin ich am Ziele meines Strebens angekommen! Freilich ist es nicht ohne Mühe gegangen, aber schon mein seliger Großvater mit seiner bewährten Menschen- und Sachkenntniß hat gesagt: „„In diesem Jammerthale kommt man zu nichts ohne viel Müh' und Plage."" Ich habe also eigentlich nur meine Pflicht gethan." Nach diesen Worten, die er mit halblauter Stimme in die Morgenstille des Kaufladens gesprochen, stand er auf, trat hinter seinem Arbeitstisch hervor, und sich der Ladenthüre nähernd, verschloß er dieselbe mit einem kräftigen Ruck. „So, jetzt ist's gar," sagte er, indem er sich vergnügt die Hände rieb und das linke Auge zudrückte, — was bei ihm stets der Ausdruck höchster Zu- 789 friedenheit war, — „jetzt ist's gar und ich verkaufe auch nicht eine Elle Tuch mehr, selbst wenn der Herr Bürgermeister käme, würde ich ihm versetzen, sich anderswo hinzuwenden, denn das Kaufhaus Kornelius Splenger existirt jetzt nur noch in der Erinnerung der alten Straß- bürger Bürger." Und in der Mitte des noch mit ganzen Bergen von Tuchballen angefüllten Ladens stehen bleibend, stellte er tiefe Betrachtungen an über seine fünfzigjährige Arbeit, die jetzt ein bloßes Umdrehen des Schlüssels zum Abschluß brachte. Noch sah er im Geiste seinen Großvater Martin mit dem gutmüthigen Gesichte, der weißen Perücke und der großen, messingenen Brille hinter dem Pulte sitzen, während er sich selbst sah, wie er als kleiner Junge lustig durch den Laden hüpfte und ihm sein Vater Anton und seine treffliche Mutter mit wohlgefälligen Blicken lächelnd nachsahen. Angesichts dieser langen, während eines halben Jahrhunderts mit Ehre und Ehrlichkeit erfüllten Pflicht sagte er sich im Gefühle gerechten Stolzes: „Nein, Kornelius, Du hast Dich so edler Vorfahren nicht unwerth gemacht, das ist schön, und Du Alter kannst Dich nun getrost der Ruhe hingeben." II. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sich die Glasthüre des Hinterladens öffnete und ein ungeheurer Strauß von Feldblumen zum Vorschein kam, den ihm eine unsichtbare Hand darbot. Er war so groß, dieser Strauß, daß es Kornelius nie gelungen wäre, herauszufinden, wer die räthselhafte Person sei, welche diese Blumen seinen Blicken entzogen, wenn nicht plötzlich ein schelmisches Lachen den Schleier des Geheimnisses gelüftet hätte. Im selben Augenblick tauchte auch ein blonder Lockenkopf hinter dem Strauße auf, während sich zwei Arme zärtlich um den Hals des alten Kaufmanns schlangen und eine helle Stimme ihm sagte: „Ich wünsche Dir alles erdenkliche Gute zu Deinem Namenstag, Papa, denn heute ist Kornelius." Es war seine Tochter Margarctha Splenger, die einzige Erbin des Herrn Kornelius, welche sich so plötzlich in die Arme des Vaters geworfen, höchlich erfreut über die angenehme Ucberraschnng, die sie dem braven Manne bereitet hatte. Und hinter ihr, halb versteckt von der Thüre, bemerkte Kornelius seine alte Haushälterin Katharina, die schon seit fünfnndfünfzig Jahren im Dienste bei Splenger stand, unter Vater und Sohn, und deren runzeliges Angesicht, eingerahmt von silberweißem Haar, im Glänze innerer Zufriedenheit erstrahlte. „Wie," rief Kornelius, „heute soll mein Namenstag sein? Wo bin ich denn mit meinen Gedanken, daß ich ein so wichtiges Datum vergessen konnte?" Indem er dann wonnigen Gefühles in vollen Zügen den süßen Duft der Blumen, in denen seine Nase völlig verschwand, einathmete, sprach er zu sich selbst: „Das fängt schön an, Kornelius, das sängt schön an, wenn Du jetzt schon, gleich am ersten Tage, Dinge von solcher Bedeutung vergessen kannst." Die alte Katharina war indessen in den Laden getreten und darauf entsann sich Kornelius plötzlich, daß er noch nie verfehlte, ihr bei solcher Gelegenheit für ihre guten Wünsche, welche dem Herzen entsprangen, zu danken, indem er sie da ganz einfach in seine Arme schloß und küßte. . . Während sie weinte wie ein Kind und ihrem Herrn noch den Wunsch ausdrückte, ihm noch wenigstens zwanzig Jahre zum Namenstag gratulieren zu können, gingen alle drei in den Hinterladen. Kornelius hatte heute einen doppelten Grund, sich großmüthig zu zeigen. Darum holte er auch aus dem finstersten Kellerwinkel eine Flasche „Staubigen" aus dem Jahre 45, „Kitterle" genannt. Und die drei feierten angemessen den Namenstag und zugleich den ersten Tag des Rücktrittes des alten Tuchhändlers, der mit Kennermiene und in kleinen Zügen den süßen Nektar schlürfte. III. Plötzlich ließen sich im Hausgnnge Tritte hören, und eine Hand rüttelte heftig die Ladenthüre, welche Kornelius für immer geschlossen hatte. „Donner und Doria, das fehlte gerade noch!" brummte der alte Tuchhändler; „wenn es Käufer sind, wie ich vermuthe, können sie unverrichteter Dinge wieder gehen, dafür garantire ich." Als der Besucher, der augenscheinlich nicht mit all- zugroßer Geduld gewappnet war, festgestellt hatte, daß die Thüre fest verschlossen sei, begann er mit beiden Fäusten an der Thür zu trommeln, was Kornelius noch vollends um seine gute Laune brachte. „Nur ein klein wenig Geduld," brummte er, indem er den Laden durchschritt, „man kommt, meine Herren, nur eine Minute wenigstens, zum Athemholenl" Eine Drehung des Schlüssels, diesmal in der entgegengesetzten Richtung, die Thüre öffnete sich und Kornelius befand sich einem jungen Manne von etwa zwanzig Jahren und elegantem Aeußeren gegenüber, denselben sofort als Ludwig von Huntheim, den Sohn des Bürgermeisters, erkennend. . . „Guten Morgen, Herr Splenger," redete ihn der Besucher an, indem er seinen Hut lüftete und sich tief verneigte. „Sie feiern heute wohl Namenstag, weil Ihr Laden jetzt um zehn Uhr noch nicht offen ist." Kornelius, den diese plötzliche Erscheinung etwas aus der Fassung gebracht hatte, um so mehr noch, als auch der alte „Kitterle" nicht dazu angethan war, ihm den Kopf zu klären, stockte und wußte nicht, was er thun sollte. Hatte er nicht bei Stein und Bein geschworen, daß er auch nicht eine Elle wehr verkaufen wollte, selbst nicht einmal dem Bürgermeister? Endlich, nach einigen Augenblicken schneller Ueber- legung, siegte doch der Kaufmann in ihm, Dank dem unumstößlichen Vernunftschluß, daß eine Viertelmillion zwar ein sehr respektables Sümmchen sei, daß aber fünfzig oder hundert Thaler mehr noch besser ist. „Bitte, bemühen Sie sich herein, mein Herr, ich stehe ganz zu Ihre» Diensten," sprach er unter einem Bückling, dem es an der gebührlichen Eleganz nicht mangelte. Wirklich verkaufte Kornelius Splenger trotz seines Schwures an den Sohn des Bürgermeisters von Straßburg fünfzehn Ellen Tuch von kastanienbrauner Farbe im Preise von neun Thaler pro Elle zu einem Rock mit langen Flügeln, nach der neuesten Pariser Mode, und zu einem großen Mantel, wie man sie damals trug. „Es ist einerlei," meinte Kornelius, nachdem er das Tuch auSgemessen, „doch ich glaube, daß ich nichts- destoweniger wohl daran thue, mich von den Geschäften zurückzuziehen, ich bin kaum mit dem Ausmcsscn der verdammten fünfzehn Ellen fertig geworden. . ." Der alte „Kitterle" war dem guten Alten in den Kopf gestiegen. . . IV. Zwei Tage später saß KorneliuZ Morgens zehn Uhr in dem kleinen Speisezimmer in der Schlossergasse und rauchte gemüthlich seine Pfeife, als mit einem Male die alte Katharina wie ein Sturmwind hereinstürmte. Ihre Haube saß auf dem Ohr, ihr Blick war verstört. „Jesus, Maria und Josef," stöhnte sie, „was für ein Unglück I Was hab' ich in der Stadt Neues erfahren — mit unserem guten Rufe ist's ausl" Sie sank auf einen Stuhl nieder und begann laut aufzujammern, dabei ihre dürren Fäuste ballend und nach allen Richtungen hin drohend. „Elendes Halunkenpack," rief sie, „das haben wir nun für unsere ehrliche Arbeit während so langer Zeit, in der wir Niemand um einen Pfennig betrogen. Das Sprichwort „Zu gut ist ein Stück der Liederlichkeit" hat recht, und wenn wir noch einmal anzufangen hätten, müßte die Sache aus einer anderen Tonart gehen." „Aber was gibt es denn eigentlich, Katharinas" unterbrach sie Kornelins mit der ihm eigenen Gemüthsruhe. „Was ist denn das für eine schlimme Neuigkeit, die Ihr in der Stadt aufgefischt habt?" Die alte Magd erhob sich, ihre Augen blitzten, und die Fäuste nach hinten gerichtet, rief sie: „Aber, Herr Kornelius, wissen Sie denn noch nicht, daß in der ganzen Stadt Straßburg seit gestern das Gerücht geht, Kornelius Splenger, der alte Tuchhändler in der Schlossergasse, ist ein Dieb, ein Betrüger, der den Kerker und die Galeeren verdient? Und von dem allem wissen Sie noch nichts s . . . Nun gut, morgen pfeifen es die Spatzen auf dem Dache, und überall wird man davon sprechen." Bei dieser unerwarteten Enthüllung wurde Kornelius bleich wie ein Todter und stammelte: „Was sagtJhr mir da? Hab' ich recht verstanden, Katharina? Schnell, heraus mit der Sprache!" Jetzt begann Katharina zu erzählen, Thomas, der Schneider des Herrn von Huntheim, habe gestern Abend beim Messen des Tuches gefunden, daß es nicht fünfzehn, sondern nur elf Ellen waren und da das Packet nirgends geöffnet worden sei, so könne kein Anderer als dieser Schelm von Kornelius aus der Schloffergasse den Betrug begangen haben. Das gab nun dem Schneider Thomas, der dem biederen Tuchhändler schon lange nicht mehr grün war, weil er ihm keine höhere Provision gewähren wollte, Gelegenheit, sein Müthchen zu kühlen, indem er allen, die es wissen wollten, wiederholte, daß Kornelius Splenger dieses Spiel schon seit fünfundzwanzig Jahren treibe und es so nicht schwer sei, ein Vermögen von einer Viertelmillion zusammenzuraffen. Und von Neuem begann die alte Katharina zu lamentieren und gegen den lumpigen Schneider zu wettern, dem sie am liebsten gleich den Hals umgedreht hätte wegen seiner grenzenlosen Frechheit, ihren ehrenwerthen Herrn so bodenlos zu verleumden. V. Das Kinn in die Hand gestützt, stand Kornelius da, versunken in ein Gewühl von ernsten und tiefen I Gedanken, und von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelnd wie ein Mann, der vergebens die Lösung eines schwierigen Problems sucht. „Ich, Kornelius Splenger, der Sohn und Enkel der rechtschaffensten Kaufmannsfamilie der Stadt, deren guter Ruf sich bis hinüber zum Schwarzwald verbreitet hatte, ich soll meine Ehre verloren haben! . . . Nein, das ist nicht möglich, man hält mich zum Besten, und sicher haben sie mir einen bösen Streich spielen wollen." Während er so mit sich selbst sprach, ging er mit kleinen Schritten hin und her, hielt aber zuweilen inne wie um besser nachdenken zu können. „Wenn Du indeß Dich doch geirrt hättest, Kornelius?" setzte er sein Selbstgespräch fort. „Möglich wäre es ja gewesen, denn die Sehkraft läßt nach, und mit dem Gedächtniß ist es auch nicht weit her." Plötzlich schlug sich der alte Tuchhändler vor die Stirn, die ängstliche Beklommenheit war gewichen, neuer Muth belebte sein Herz und mit einem kräftigen Faust- schlag auf den Tisch rief er: „Gott sei Dank, jetzt bin ich mir klar in der Sache." Weiter kam er nicht, denn die Thüre öffnete sich, und herein trat Katharina in höchster Aufregung, weil die Nachbarin Walter, diese Gans und Winkelbäckerin, gesagt habe, der Schneider Thomas hätte nicht so ganz unrecht gehabt. . . Und hinter ihr kam mit rothgeweinten Augen Fräulein Margaretha und setzte sich schluchzend in eine Ecke. Was Kornelius anbetrifft, der jetzt ruhiger war als vordem, so nahm er Hut und Mantel vom Haken, kleidete sich langsam an und ging ohne eine Wort zu sagen fort, die beiden Frauen in ihrem Erstaunen zurücklassend. VI. Er blieb lange aus, und während seiner ganzen Abwesenheit hörte das Jammern im Hinterlader: in der Schloffergasse nicht auf. „Ehre und Ruf verloren! Mein Gott, womit haben wir solche Schmach verdient, was haben wir denn gethan?" klagte Fräulein Margaretha mit von Thränen erstickter Stimme. „Das wird die Gesundheit meines Vaters untergraben und meine Zukunft vernichten, denn wer wird mich jetzt noch ansehen mögen? Man wird die Augen von mir abwenden, wenn man mir begegnet, mit den Fingern auf mich deuten und hinter mir flüstern: „Das ist die Tochter des Betrügers Splenger aus der Schloffergasse."" Da öffnet sich die Thür, und herein tritt Kornelius, ein triumphirendes Lächeln auf den Lippen und gefolgt von einer in einen kastanienbraunen Mantel gehüllten Person, deren Gesichtszüge jedoch in Folge der eintretenden Dunkelheit nicht mehr zu erkennen waren. „Hinweg mit den Thränen und den Lamentationen!" rief Kornelius, ohne lange Umstände zu machen. „Hier stelle ich Euch den Herrn von Huntheim vor, der aus keinem geringeren Grunde kommt, als dem, um die Hand Margaretha's anzuhalten. Er wird sich zu den Glücklichsten der Männer zählen, wenn er Erhörung findet." Und während Kornelius seiner zitternden Tochter den unerwarteten Freier entgegenführte, sagte er zu Katharina, die stumm und starr vor Staunen war: „So, meine gute Katharina, und nicht anders ordnet KorneliusSplenger verwickelte Geschichten. Die vier Ellen Tuch, welche fehlten, sind auf Rechnung 791 des eilten „Kitterle" gesetzt worden, und da Herr von Huntheim die Güte hatte, dem Schneider Thomas eine derbe Abfertigung zu ertheilen, glaubte ich, den liebenswürdigen Herrn angemessen belohnen zu müssen." Und sich an seine Tochter wendend, die ihre Thränen schon getrocknet hatte, schloß er lachend: „Uebrigens, meine Kinder, habe ich schon längst gemerkt, daß eins dem anderen gern in's Auge sah, und die vier Ellen Tuch sind gerade zu gelegener Zeit auf der Bildfläche erschienen, um die Schlichtung einer Angelegenheit zu beschleunigen, welche zwei sich liebende Herzen betrifft." Nach diesen Worten hatte Kornelins noch einmal die Kühnheit, eine Flasche „Kitterle" aus dem Jahre 45 aus dem Keller zu holen. . . Allerdings hatte er nicht mehr fünfzehn Ellen Tuch auszumessen, es hatten die anderen zu viele Glückliche gemacht, als daß er nochmal versucht hatte, feine Viertelmillion zu vermehren. ---SS8Ü88S»- Unsere Pflanzenwelt im Winter. Sonnenwende des Winters, ersehnte Zeit, Ringsum Berge und Hügel so tief verschneit, Reifschauer an allen Wegen; ES knistert der Schnee» cö klirret das Eis, — Wie machst du das Herz doch pochen so heiß Dem weidenden Venz entgegen. Unter den Füßen knistert der Schnee, und die geschäftigen Menschen eilen hastiger als sonst durch die nebelerfüllten Straßen. Auf den sangverlassenen Fluren leuchtet des Winters Decke, und die Blumenpracht des Sommers ist den eherner Gesetzen der Weltordnung erlegen. Nur wenige Spätherbstblüthen vermochten eine längere Spanne Zeit den Launen unseres Klimas zu widerstehen. Die Günstlinge der Menschen aus der Pflanzenwelt sind in dieser Zeit auf warme, lauschige Orte angewiesen, wohin des Winters eisiger Hauch nicht dringen kann. Hier an Feusterbrettchen, nahe dem Eise und Schnee, und in Blumentischen, geküßt vorn matten Sonnenstrahl, entfalten sichanch zur Winterszeit Hyacinthen, Cyklamen, Camellien, Alpenrosen und Veilchen, indeß draußen Todesschauer die Natur durchzittern. Und doch spielen auch im Winter seit uralten Zeiten bis auf die Gegenwart Blumen und Bäume eine bedeutende Rolle im Leben unseres Volkes. Es waren zur Zeit des Götterthums namentlich die Tage um die Sonnenwende, welche mit dem spärlichen Pflanzenleben in mannigfacher Beziehung standen. Die Germanen feierten bekanntlich in den letzten, lichtarmen Dezembertagen, wo sie mit frommer Scheu das oberste Götterpaar erwarteten, das Julfest zu Ehren der wiederkehrenden Sonne und allmählig erwachenden Mutter Erde. Hiebei versammelten sich im tannengeschmückten Stammhause alle Familienangehörigen zu Schmaus und frohem Liederklang. In England wurde noch in späteren Zeiten alljährlich um die Wintersonnenwende ein großer Baumstumpf, der Juelblock, auf dem Herde angezündet, um den sich die ganze Familie in heiterer Stimmung schaarte, solange die „Wihinächte" währten. Die meisten Pflanzen, denen sich das Interesse unserer heidnischen Vorfahren zuwandte, wurden zu abergläubischen Gebräuchen verwendet, von denen sich jetzt noch da und dort Spuren zeigen. Gewöhnlich holte man schon am Barbaratage (4. Dez.) in vielen Orten Zweige von Kirschbäumen, um sie zuhaust in das Wasser zu stecken und das Entfalten von Blättern und Blüthen zu erwarten. Ließ das nicht lange auf sich warten, so bedeutete es ein fruchtbares Jahr. In der Thomasnacht wurden die Zwetschgeu- bäume geschüttelt, damit sie reichlich Früchte bringen sollten. Die Rauchnächte, nämlich die Nacht vor dem Thomastage und die drei Nächte vor Weihnachten, Neujahr und Dreikönig, waren voll Schauder und Geheimniß. Die Tage sind noch nicht so ferne, daß manches Groß- mütterchen den lauschenden Enkeln von all dem Geisterspuk erzählte, der in diesen Nächten los sein sollte. Es wäre wirklich ein Wunder, wenn man in dieser geheimnißvollen Zeit gewisse Kräuter vergessen Hütte, die sonst als heilkräftig und bedeutsam galten. In den Nauchnächten wurden in der That auch neunerlei Kräuter benützt, mit Wachholder und Weihrauch gewürzt und in Betten und Viehtröge gelegt. Man ließ sie mitunter auch in eine Gluthpfanne werfen, womit das ganze HauS durchräuchert wurde, um böse Geister, Druden und Hexen abzuhalten, Thiere und Früchte dagegen kräftig zu schützen. Das schönste Fest in winterlicher, trüber Zeit ist seit Einführung des Christenthums das Weihnachsfest geworden. Die außerordentliche Heiligkeit desselben mußte sich selbstverständlich nach frommem Glauben auch auf die Pflanzenwelt erstrecken. So soll sich in manchen Gegenden in der Christnacht eine Rose, herrlich duftend und weithin leuchtend, mitten im Schnee entfaltet haben; in anderen erschlossen Safran, Silken und Nelken ihre Kelche. Von hoher Bedeutung war namentlich die Rose von Jericho, unsere „Auferstehungsblume", die ebenfalls in der heiligsten Nacht des Jahres erblühte und köstlichen Wohlgeruch verbreitete, während sie sonst dürr und todt erschien. Unter den Bäumen ist es in erster Linie die Tanne, dieser altdeutsche Nadelbaum, zu dem sich das sinnige deutsche Gemüth von jeher gezogen fühlte. Tanuenreisig schmückte das Haus zum festlichen Empfange der Götter und Gäste, und das Brausen und Sausen in ihrem Gezweige war den Germanen der vieltausendstimmige Gesang der Geister in Wodans Heere. Unter allen deutschen Sitten jedoch, die mit dem Tannenbaume zusammenhängen, ist die lieblichste die Schmückung desselben und das Anzünden darauf befestigter Kerzen am Weihnachtsabende. Dieselbe entstand ungefähr im 13. Jahrhundert und verbreitete sich nach und nach in allen deutschen Ländern, während es ihr nicht gelang, bei anderen Volksstämmen sich einzubürgern. Kein Fest auf dem weiten Erdenrund vermag die kleine Welt mehr zu beglücken, als die fröhliche, selige Weihnachtszeit mit ihrem gabenbehangenen Tannenbaume. Der Gnadenstrahl von oben, der sich in die Herzen aller senkt, die eines guten Willens sind, läßt auch großen Menschen Herzeleid und Wintcrgram vergessen, sie wieder in die sorglos wonnige, längst entschwundene Kinderzeit versetzend. — Besonders merkwürdig ist, daß in der Mitternachtsstunde der Christnacht, wie man glaubte, Apfelbäume blühen und Früchte tragen. In der Hofbibliothek zu Wien befindet sich ein Schreiben des Bischofs von Bamberg aus dem Jahre 1426, in dem von zwei Apfelbänmen gesprochen wird, die in der Weihnacht Blüthen und Früchte trugen. Ein gewisser Andr. von Weitra be- 792 stätigte die Sache und beschreibt genau die Farbe dieser Achsel, die er selbst in der Hand gehabt haben will. Ein ähnlicher Apfelbaum soll in Tribur am Nheine und in einem Würzburger Garten gestanden sein. In der Christnacht wurden auch nasse Strohbünder um die Apfelbänme gebunden, um sie fruchtbar zu machen, und es mag das wohl manchmal auch gelungen sein, wenn diese Bänder den Reif abhielten, der die zarten Knospen zerstörte. Aehnliches geschah in der Nenjahrs- nacht, und in der Altmark wurde vor dem Aufgehen der Neujahrssonne geschossen, um ein recht gesegnetes Jahr zu erzielen. In der Umgebung von Hildesheim soll es heute noch Sitte sein, daß die Knechte in der Sylvesternacht um die Obstbäume tanzen und sie zu reichem Ertrage auffordern. — Pflanzen, die auch zur Winterszeit im Freien blühen und grünen, obwohl „ringsum Berge und Hügel so tief verschneit," besitzen wir in unseren heimathlichen Gauen nicht gar viele. Wo der Sturm ein Plätzchen freiweht und die Mittagssonnenstrahlen die schwarze Krume schwach erwärmen, erscheint vielleicht der weiße Blüthenstern der Nießwurz—unsere„Schneerose," „Weihnachtsrose" oder „Christblume." Diese zeitlose, „schöne, stille" Blume, über deren Blättern der Tannenbaum seine traumdurch- wobenen Aeste wiegt, ist die „Wendewurz" der Germanen, mit deren Safte die Gallier ihre Spieße und Speere bestrichen, um das Fleisch des erlegten Wildes mürbe zu machen. Vorn Tannenbaume abgesehen, ziehen den Blick des Naturfreundes noch die Stechpalme, die Mistel, Epheu, Sinngrün und der Lsbensbaum mit seinem rostfarbigen Winterkleids auf sich. j DieStechpalme, deren glänzende Blattfüllc die reifenden Früchte schmückt, findet sich bei uns nicht häufig, ! während sie im nördlichen Deutschland sich oft zu einem Hag ! vereinigt. In England werden zur Weihnachtszeit Läden und Thüren mit den glänzend grünen Blättern und ! scharlachrothen Beeren geschmückt. Das sonderbare Pflanzengebilde, das in grünen Büscheln auf den kahlen Bäumen prangt, die heilige Mistel, nimmt schon in der nordischen Mythologie eine hervorragende Stelle ein. Sie war jenes Reis, mit dem der falsche Loki den Lichtgott Baldur tödtete. Den keltischen Völkern war sie das Symbol der wiedererwachenden erloschenen Sonnenkraft und genoß eine ganz außergewöhnliche Verehrung, da man sie vom Himmel auf die Bäume gefallen wähnte. Sie fehlte auch nicht bei dem germanischen Julfest unter dem grünen Schmuck der Räume. Ihre Zweige gaben das Vorbild zur goldenen Zauber- oder Wünschelruthe, die in späteren Sagen auftritt und meist von der Haselstaude geschnitten wurde. Die Mistel hat das ganze Mittelalter hindurch sich die Achtung bewahrt und wird wahrscheinlich heutzutage noch in österreichischen Gegenden in die Wiesen und Getreidefelder gesteckt und um die Obstbäume gebunden, um sie vor Raupenfraß und Hagelschlag zu bewahren. Epheu und Sinngrün, ihrer winterlichen Ausdauer wegen Sinnbilder des ewigen Lebens, wurden früher vielfach zu Kränzen gewunden und zur Erforschung der Zukunft benützt. Die ersten Christen betteten ihre lieben Todten auf Epheuranken, um anzudeuten, daß sie zur Ewigkeit eingegangen. Im Mittelalter hielt man Epheublätter für wunderkräftig. Noch heute ist dieser liebe Hausgenosse aus der grünen Welt, „der verschönernde Rost der Jahrhunderte," ein Sinnbild treuer Anhänglichkeit, weil er die Bäume umrankt, bis sie verdorren oder von der Hand des Menschen fallen. Das Sinngrün war vorzüglich den Jungfrauen geweiht, und diese zierten sich damit, wenn es zum Tanze ging. Im Oberbergischen und Hannoverschen wanden die Mädchen im Winter an bestimmten Tagen zweierlei Kränze, die einen aus Epheu und Sinngrün, die anderen aus Stroh. Dort trugen sie dieselben singend bei düsterem Fackelscheine zu einer Quelle, näherten sich ihnen rückwärts und suchten einen zu erhäschen. Hier legten sie die Kränze mit einer Hand voll Erde in ein Gefäß mit Wasser, tanzten dreimal mit verbundenen Augen herum und griffen dann nach einem Kranze. Mit dem grünen erfaßten sie ihr Glück — den Brautkranz, den Tod mit dem andern aus Stroh. — Diese wenigen Gewächse, deren zähes Leben, Sturm und Wetter, Eis und Schnee nicht zerstört, abgerechnet, schlummert in dieser Zeit das ganze Pflanzenleben, wohl verwahrt in Wurzeln, Samen, Keimen und Knospen. An milden Wintertagen entdecken wir zuweilen vielleicht auch noch andere vereinzelt blühende Kinder Floras, Maßliebchen, Sternmieren, Ehrenpreis, Taubnessel, Hirtentäschel, Hungerblümchen, meist lästiges, jämmerlich zerzaustes Unkraut, das nicht verdirbt. In der Regel erwacht aber unser Pflanzenleben erst mit den zurückkehrenden Sängern, wenn der Osterruf in alle Tiefen und Schluchten dringt und der lachende Frühlingshimmel Glanz und Wärme zur Erde strahlt. Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 100: Halte Maß in allen Dingen. --HZWS-- jM „Nugsburger Postzeitung". 102 Dinstag, den 18. Dezember 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttlcr). Netter Dingo. Nach dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Cyprian Hays Rückkehr nach England war durch seinen Besitzantritt der vortrefflichen Geschäftsfirma in der Londoner Altstadt verursacht worden. Er hatte ein reichliches Einkommen, deshalb fehlte seiner Wohnung in der Vorstadt keine Behaglichkeit oder Pracht, welche für Geld zu beschaffen war. Alles, was das Herz der Frau Margarethe nur begehren konnte, wurde ihr von ihrem Gatten mit Freuden gewährt. Die langen Jahre der Armuth hatten ihren Schönheitssinn unterdrückt, derselbe erwachte jetzt wieder, und ihr gütiger Mann war stolz, ihn zu befriedigen. Ein begeisterter Besucher nannte ihren Gesellschaftssaal „poesievoll"; denn er enthielt nickt die nach einem Katalog bestellten Möbel, sondern jeder einzelne Gegenstand war von ihr mit Bedacht gewählt, von den weichen dunklen Sommerpolstcrn bis zu den kleinsten Zierathen an den Wänden. Ihr kleines Boudoir war noch theurer ausgestattet, weil Herr Hat) darauf bestand, sie mit jeder Kostbarkeit zu umgeben, welche sie zufällig bewunderte. Die ihr bewilligten Summen für die Kleidung, für Vergnügungen und wohlthätige Zwecke erschienen ihr unbegrenzt gegen früher, wo ihr manchmal ein Schilling gefehlt hatte. Blieb ihr ein Wunsch unbefriedigt, so geschah es nicht durch die Schuld ihres ergebenen Gatten. Gewiß hätte sie sich ganz glücklich fühlen müssen. Jedoch wie eine listige Schlange ihren Weg in's Paradies fand, drang auch ein böser Kobold in dieses reizende Daheim! Der Augenblick seiner ver- hängnißvollen Ankunft war schwer festzustellen. Wochenlang schien er ungewiß die Luft zu durchdringen, anstatt eine bestimmte Gestalt anzunehmen. Aber sein Einfluß war hier und da und überall. Ganz unerwartet machte er sich immer geltend. Zum Beispiel — Keine Frau in den weiten Vorstädten von ganz London war anfänglich pünktlicher als Margarethe im Warten auf die Rückkehr ihres Herrn und Gemahls mit dem Nachmittagszuge. Stets begrüßte sie ihn froh, und er fand alles bereit, wie es sein sollte, bis jetzt eine Aenderung eintrat. Anstatt ihm am Bogenfenster wartend entgegen zu sehen, kam sie erst eilig aus ihrem kleinen Heiligthum, wenn sie seinen Drücker in der Hausthüre hörte. Ein paar Mal kam sie sogar nicht, bis Herr Hay laut nach ihr rief. Dann eilte sie verwirrt und erröthend zu ihm. Das war seltsam! Einmal war er leise in das Haus gekommen — kein Gesicht war an diesem Tage am Fenster — und hatte deutlich die Stimme seiner Frau laut sprechend in ihrem Zimmer gehört. Er fand die Thüre desselben von innen verriegelt. Ehe sie auf sein Klopfen öffnete, hätte er beschwören können, daß er die nach dem Garten führende Glasthüre schließen hörte. Das war noch seltsamer! Scherzend fragte er sie, ob sie eine Unterredung mit Geistern gehalten habe; sie neigte ihren schöngeformten Kopf, welchen er stets stolz betrachtete, über die Orchidee in seinem Knopfloch — er brachte ihr immer eine Blume im Knopfloch mit, und sie trug dieselbe beim Abcndbrod; dann antwortete sie, daß sie „nur — nur laut gelesen habe." Natürlich war sein Gretchen ganz wahrheitsliebend, aber — es klang sonderbar! Dann wurde sie zerstreut. Während der zu Hause zugebrachten Stunden sah Cyprian Hay gern, daß seine Frau sich und ihre Gedanken nur ihm widmete. Jetzt schien sie oft an etwas anderes oder — verwünschter Argwohn! — an jemand anders zu denken. Sie saß träumend da, wenn er ihr Neuigkeiten erzählte. Sie gab verkehrte Antworten auf seine Fragen und manchmal gar keine. Das war ärgerlich! „Auf mein Wort, Margarethe!" rief er eines Abends und warf unwillig die Zeitung hin, nachdem er ihr den begeisterten Bericht über eine neue Oper vorgelesen und sie ihn darauf träumerisch angesehen und langsam erwidert hatte: „Es ist eine unangenehme Lage" — „Auf mein Wort, Margarethe! Ich möchte wissen, wo Deine Gedanken weilen! Ich glaube, Du bist meiner überdrüssig!" Aber es that ihm leid, so barsch gesprochen zu haben, als seine Frau mit Schmerz in ihrem Blick an seine Seite kam, sich dumm nannte und sagte, sie habe etwas Kopfweh. „Seiner überdrüssig! Wie konnte er so grausam sein! Er war ja ihr alles!" Das war befriedigend, und für etwa vierzehn Tage verschwand das Element des Unbehagens auf den niedrigsten Grad. Dann stieg es wieder höher. Herr Hay hatte Billete für eines der letzten gulen Concerte der Saison besorgt. Er wünschte seine Frau sollte ihn um drei Uhr am Bahnhof in der Stadt treffen; anstatt sich darüber zu freuen, machte Margarethe Ein- 794 1 i- ! i ^ r! Wendungen mit der sonderbaren Miene der Verwirrung oder Furcht, welche er in letzter Zeit oft an ihr bemerkt hatte. »Ich — ich fürchte, mein Lieber," stotterte sie, „ich werde nicht kommen können; ich habe keine Zeit." „Was?" rief Cyprian Hay halb lachend, halb ärgerlich. „So viel ich weiß, hast Du auf der Welt Gottes nichts zu thun, als das Essen anzuordnen und Dir die Zeit angenehm zu vertreiben. Ich sollte meinen, diese Pflichten lassen Dir Muße genug, um in das Concert zu kommen." „Natürlich möchte ich gern," sagte Frau Hay hastig, „und wenn ich es vorher gewußt hätte, konnte ich — ich meine — nun ja, da Du so freundlich die Billcte besorgt hast, muß ich kommen; aber jetzt Adieu, lieber Cyprian! Halte mich nicht auf! Ich bin beschäftigt." Beschäftigt! Womit denn? wunderte er sich. Das verständige und sehr gewandte Stubenmädchen ging durch den Hausflur, als er Hut und Handschuhe nahm. Er hatte vier gut bezahlte Dienstboten; dieselben sollten der Hausherrin nicht so viel zu thun lassen. „Ich hoffe, Walpurga," sagte er, „Du überlässest meiner Frau keine Arbeit, bei welcher sie sich während meiner Abwesenheit ermüdet." „O nein, gewiß nicht, Herr Hay," antwortete Walpurga, „ich besorge alles, was Madame befiehlt. Sie braucht gar nicht nachzusehen, sobald ich weiß, daß etwas zu thun ist." Wunderlich! Das stimmte nicht mit den Worten seiner Frau überein. Der Widerspruch in den beiden Angaben quälte Herrn Hay den ganzen Morgen in seinem Comptoir; derselbe quälte ihn auch Nachmittags im Concert, obgleich sein Gleichen zur rechten Zeit und in heiterer Laune ihm zusammentraf und mit sich über die Mustkaufführungfreute. Jedoch während des folgenden ganzen Abends war sie die liebenswürdigste Hausfrau; ihr Mann dachte, alles, was sie sage oder thue, müsse richtig sein, und seine Unruhe wurde eingeschläfert. Nach einigen Tagen wurde er heftig aufgeschreckt. Margarethens Kopfschmerzen waren wieder zurückgekehrt oder aus einem anderen Grunde sah sie eines Abends sehr angegriffen aus. Cyprian konnte nicht schlafen, weil er über ihre Blässe nachdachte." „Ich glaube, meine Liebe," sagte er am nächsten Morgen, einem schönen Septembertage, „Du gehst nicht genug aus, während ich in der Stadt beschäftigt bin. Du siehst aus, als sei Dir mehr Bewegung in der Luft nöthig. Hast Du gestern einen Spaziergang gemacht?" „Ja, Cyprian, danke. Darf ich Dir noch Kaffee eingießen?" „Nur eine halbe Tasse. Ich meine einen weiten Spaziergang. Sage mir, wohin Du gestern gegangen bist?" „Zu einer — ich besuchte — ich machte einen ganz hübschen langen Ausgang." „Ah, aber wohin?" „So weit, als ich gehen wollte, Cyprian," antwortete sie mit wirklicher oder angenommener Schalkhaftigkeit, „also frage mich nicht mehr. Sieh, es ist gleich neun." Mochte es neun sein, Herr Hay hatte keine Lust, mit seiner gewöhnlichen raschen Pünktlichkeit nach der Bahnstation zu gehen. Warum konnte seine Frau ihm nicht einfach sagen, wo sie gewesen war? „Also willst Du es mir nicht erzählen?" fragte er, mit umwölkter Stirn aufstehend. „Cyprian, Du quälst mich," sagte sie ebenfalls aufstehend. „Ach, du meine Güte!" Sie fuhr mit der Hand über ihr Gesicht. „Ich glaube, ich bekomme Neuralgie." „Ich will Dir einen Vorschlag machen," sagte ihr Mann, von plötzlicher Reue ergriffen. „Du brauchst Luftveränderung. Packe heute unsern Koffer, wir werden morgen eine Vergnügungsreise nach Paris machen und werden dort am Donnerstag meinen Geburtstag feiern. Willst Du?" „O, bitte, nein," antwortete sie schnell, „ich möchte viel lieber zu Hause bleiben, ich muß zu Hause sein. Später kannst Du den Ausflug machen, wenn Du es wünschest." „Mein Gleichen, nur um Deinetwillen wünsche ich die Reise." „Dann erwähne es nicht mehr," sagte sie bittend, „es ist mir durchaus nicht nöthig. Warum" — sie spielte unruhig mit einer Gloxenia in der Vase auf dem Frühstückstische — „warum bleibst Du diesen Herbst nicht zu Hause und richtest das kleine Rauchzimmer oben oder sonst etwas mit dem Gelde ein?" „Herzchen, weil ich das Zimmer nicht entbehren kann. Jede Stube ist gut genug für die werthlosen Andenken, welche ich aus Indien mitgebracht. Meine Pläne in Betreff einer geschmackvollen Einrichtung können warten, bis ich Dich wieder frisch und rosig sehe. Deßhalb entschließe Dich wegen Paris." „Nein, Cyprian, ich will nickt," enigegnete sie bestimmt, „und jetzt mußt Du wirklich zum Bahnhof gehen." Es war etwas Ungewöhnliches — ein Schmollen? — in ihrer Stimme. Bis jetzt hatte er ihre Gemüthsart immer vollkommen harmonisch gefunden. Herr Hay redete Walpurga wieder im Hausflur an. „Denke daran, die Leihbibliothekbücher heute Vormittag zu wechseln. Meine Frau könnte sich langweilen, wenn sie keine neue Lektüre hat." „Ich werde die Bücher wechseln, Herr," antwortete Walpurga mit halbunterdrücktem Lächeln, „aber ich glaube nicht, daß Madame sich langweilt." „Das freut mich. Aber," sagte er vertraulich, „natürlich ist sie einsam, während ich in der Stadt bin." „O nein, Herr, nicht immer," antwortete sie, indem sie ihm die Handschuhe reichte, „es kommen viele Besuche her." „Ja, gewiß, an den Montagen; aber ich meinte die anderen Tage." „An den anderen Tagen sind auch oft Leute hier. Gestern kamen viele, die Frau Holland zum Gabelfrühstück, und" — sie reichte ihm den Stock — „Nachmittags war ein Herr hier!" „Nachmittags war ein Herr hier!" Cyprian Hay war jetzt zum Ausgang gerüstet und hatte den Fuß bereits auf die Schwelle gesetzt. Die Ehre verbot ihm, noch länger zu bleiben, um die Mittheilung des Stubenmädchens zu ergründen. Frau Holland, eine nahe Nachbarin, kam oft, das wußte er. Es war nicht ungewöhnlich, daß Margarethe sie zum Essen einlud. Die andern Leute, welche dagewesen waren, konnten Schneiderinnen, Putzmacherinnen und dergleichen sein; aber „Nachmittags war ein Herr da!" Wer war > > I 795 es? Warum hatte Margarethe ihn nicht genannt? Warum hatte Walpurga so sicher behauptet, daß Madame sich nicht langweile? Ja, warum? Herr Hat) verließ sein Haus so gänzlich mit diesen Fragen beschäftigt, daß er wirklich einen falschen Weg einschlug. Plötzlich stand er vor dem Posthause, anstatt vor der Bahnhofstation, und obgleich er sein Versehen in aller Eile wieder gut machte, hatte er das Vergnügen, gerade eine Minute nach der Abfahrt des Zuges zu kommen. Es war ärgerlich für einen pünktlichen Mann, jedoch es lag ein Schadenersatz darin. Jetzt konnte er noch eine halbe Stunde zu Hause zubringen. Er konnte Margarethen gegenüber den gestrigen Nachmittag erwähnen. Wahrscheinlich hatte sie ihren Besucher vergessen, sie würde ihn aber bei der geringsten Andeutung nennen. Fröhlich ging er nach dem Berghause zurück, trat durch ein Scitenpförtchen in den Garten und unbemerkt in das mit Glas verdeckte Gewächshaus. Er glaubte, seine Frau bringe die Vormittage meistens bei ihren Blumen zu. Sie war jedoch jetzt nicht da, deßhalb setzte er sich dicht neben die Thür des Gesellschaftssaales, um auf sie zu warten. Unterdessen wollen wir zu Frau Margarethe und ihren Beschäftigungen zurückkehren. Als Cyprian Hay an diesem Morgen das Haus verließ, wendete sie sich unwillkürlich zu dem Spiegel über dem Marmor- Kaminsims, blickte aufmerksam hinein und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Alles um deinetwillen, du elende Frau," sagte sie im Selbstgespräch, ja alles um deinetwillen; o, ich schäme mich!" Darauf trat eine Pause ein; einem flüchtigen Lächeln folgte ein Seufzer. „Der arme Mann! Er wollte mich gerade am Donnerstag von hier entfernt haben. Es ist fast, als hätte er Verdacht; aber es kann ja nicht sein. Ich möchte wissen, was er sagen wird. Ich glaube, er wird nicht zornig werden; er ist jetzt immer so ruhig. Aber ich glaube, er wird es bedauern — ich fürchte fast, er wird es schon bedauern. Ach du unvorsichtiges Geschöpf, du siehst ganz verrätherisch und aufgeregt aus. Wenn du dich nicht zusammennimmst, so wirst du nicht Selbstbeherrschung genug haben, um dein Geheimniß zu bewahren. O Cyprian, du ahnst nicht, was geschehen wirdi" Sie wusch sich das Gesicht mit Lau äs OvIoAus. „Wie wünsche ich, daß Fanny Holland kommt! Ich möchte wissen, ob sie den Brief bringt, welcher meine Kelten löst? O, Margarethe, wie kannst du sagen, deine Ketten! Da kommt Walpurga, ich muß ihr sagen, daß ich heute für Niemand zu sprechen bin, ausgenommen" — Sie eilte aus dem Zimmer. Fünf Minuten später kam Frau Holland aus dem gegenüberliegenden Hause zu ihr. Die beiden Frauen traten in den Gesellschaftssaal und begannen ein lebhaftes Gespräch, als Herr Hay gerade seine Frau suchte. „Unangenehm!" murmelte er außerhalb des Gesichtskreises, aber nicht außerhalb der Hörweite, „jetzt wird diese kleine Frau meine Margarethe eine Stunde mit ihren Kinderstubenberichten aufhalten. Ich will sie nicht stören; am besten bleibe ich noch zehn Minuten hier und gehe ruhig weg, wie ich gekommen bin. Gleichen scheint sehr erfreut über ihren Besuch. Natürlich langweilt sich mein Gleichen ohne mich. Das mußte ich trotz Walpurgas Reden! Hm! Was? Wovon reden sie?" „O, Fanny, ich glaubte, ich würde Cyprian heute Morgen gar nicht los werden. Denke Dir, der Alte setzte es sich in den Kopf, diese Woche mit mir in Paris zu sein, morgen sollten wir abfahren." „Morgen?" wiederholte Frau Holland, „da mußt Du ja Deine letzten Vorbereitungen treffen." („Vorbereitungen? Wozu?" dachte Herr Hay sehr verwirrt.) « „Gewiß, und ich bin so unruhig bei allen." „Unsinn, meine Liebe. Wenn Du Dich krank wachst, wird alles verdorben. Du darfst am Donnerstag keine Neuralgie haben." („Am Donnerstag?" schaltete der Horcher schweigend ein. „Sie schlug es rundweg ab, am Donnerstag in Frankreich zu sein, gab aber keinen Grund an. Was bedeutet das?") „Nein, wenn ich es abwenden kann, Fanny. Glücklicherweise ist jetzt fast alles bereit, und mit diesem" — ein schwaches Geräusch deutete das Bewegen eines Papiers an — „kann ich morgen alles klar machen, und Cyprian soll keinen einzigen Schilling zu zahlen übrig behalten." („Cyprian — keinen einzigen Schilling übrig behalten! Unbegreiflich!") „Also denkst Du," fragte Frau Holland, indem sie anscheinend etwas betrachtete, „er hat Dir genug geschickt?" („Er?") „Genug? O, er ist höchst freigebig gewesen. Ich sagte ibm das gestern bei seinem kurzen Besuch —" („O, Frau, o, ol") „Es ist übrigens genug, obgleich die Kosten größer sind, als ich erwartete. Ich mußte Schweigegeld geben. Wenn mein Mann es entdeckt und verhindert hätte, so wäre ich" — sie stampfte mit dem Fuße — „wild geworden." „Du böse Frau," sagte Frau Holland, „wir sind die besten Freundinnen, und ich habe mich verpflichtet, Dir beizustehen, aber ich weiß eigentlich nicht, ob ich Dein Thun billige. Es ist gefährlich. Mein Mann würde wüthen, wenn er entdeckte, daß ich zu solchen Streichen geneigt wäre. Vielleicht ist es gut, daß meine Kinder mich fesseln und ich nicht versuchen kann, Deinem Beispiele zu folgen." Giovanni Kaltista dr Kosst UM I WW ^MÄM '<4EV KN »MMW AM K-^-M K ^WMI k-M>M-.-^ >^P S/kE WI^ÄW MSN MK-LL MM LLWM MK WKM Mp4 MSI MM Nach dem Gemälde von S. Seymour-Thomas 8 W WZL WU? WM S!E 1 WEM KNÄ LMM ÄtzMM tWL Mr 798 („Streiche! Ihr Mann würde wüthen," murmelte der unglückliche Horcher erglühend.) „Ja, wenn er es entdeckte," sagte Frau Hay bedeutsam, „aber bei meinen Veranstaltungen wird der gute Mann nichts entdecken. Schließlich will ich ihm Alles eingestehen, und ich weiß, ich kann meinen armen alten Cyprian um den kleinen Finger wickeln. Du kennst ihn nicht so genau, wie ich." („Vielleicht kennst Du ihn doch nicht genau," dachte der so sorglos Erwähnte zähneknirschend.) „Nun, das überlasse ich Dir," antwortete Frau Holland. „Ich kann nur sagen, daß Du eine kluge Frau bist, Gleichen, weil Du ihn so lange in Unwissenheit hieltest. Offen gestanden, ich möchte gern alles über diese Liebesangelegenheit hören. Wie lange hast Du darüber gebrütet?" „Seit vielen Jahren. Immer seit Vetter Dago so unerwartet auf sein Schiff berufen wurde, gerade als er schon damals heirathen wollte. —" Cyprian mich in dieser Woche dorthin nehmen wollte! Bei diesem zufälligen Zusammentreffen sprang ich auf." (Jemand anders sprang ebenfalls auf.) „Es schien der beste Ort zu diesem Zweck. Du weißt, der liebe Dago entwirft jeden Plan mit der vollkommensten Rücksicht. Endlich erklärt sich ja das gute Recht. Niemand wird zuletzt entsetzt sein. Habe ich Dir seinen letzten Brief schon gezeigt?" „Nein, meine Liebe. Wir wurden neulich unterbrochen, als Du anfingst. Lies ihn mir jetzt vor." „Ich kann ihn auswendig, obgleich Dir das lächerlich klingen wird. Er lautet: „Geliebte!" —" (Cyprian Hay ballte die Fäustel) „Das Herannahen unserer Freude wirkt blendend. Möge das Gelübde, welches ich jetzt niederschreibe, Dein zagendes Herz beruhigen. Niemals bei allem, was heilig ist, sollst Du bereuen, daß Du das fürchterliche Hinderniß, welches uns trennt, überspringst." („Mich!" stöhnte Cyprian.) Tdetstellen. Originlll.Aufnahine von Gusto» Baober, Photograph in Krumbach. sV-rvietfältigungSrecht vorbehalten s („Vetter Dago!" Der Mann, welcher Margarethe den Hos gemacht und den Streit des jungen Brautpaares verursacht hatte! Herrn Hay wurde eiskalt.) „Ich hielt es immer für ein hartes Geschick. Ich habe Dir erzählt, wie schwer mir damals um das Herz war. Damals konnte ich das Ende seiner und meiner Leiden nicht voraussehen. Ich habe die trüben Erfahrungen des armen Dagobert niemals vergessen." „So scheint es," antwortete die Freundin bedeutsam. „Aber weißt Du, ich wünsche, Du hättest ihn dafür besser belohnen können, als durch seine Entführung der Geliebten." („Lieber Gott!" Der arme Ehemann fuhr mit der Hand in einen Blumentopf und riß das Farnkraut mit den Wurzeln aus der Erde.") „Ach, ich wünsche, ich hätte es thun können. Ich überlegte hin und her, bis mein Kopf ganz verwirrt war. Wegen der verwickelten Verhältnisse mußte ich mich fügen. Paris ist nicht weit — wie sonderbar, daß „Am Donnerstag erwartet Dich Abends auf dem Dampfboot Dein ewig treuer Dago." („Ihr ewig treuer Dago! Gerechter Himmel!") „Das klingt ernst, nicht wahr? fragte Margarethe. „Gewiß. Bei solch' einem leidenschaftlichen Liebhaber war die Entführung wohl die einzige Möglichkeit. Das Ende krönt alles; und obgleich ich den Herrn noch nicht getroffen habe, — seine Uniform ist blau und gold, nicht wahr? — hege ich die innigsten Wünsche für Vetter Dagos Glück." („Verworfenes Weib! Schlange! Falsche Seele! Dein Mann soll Deine Handlungen erfahren!" dachte Hay, indem er wüthend durch die geraniumbedeckte Scheibe starrte.) „Ich danke Dir tausendmal, Fanny, für Deine treue Hilfe. Ohne Deine freundliche Vermittelung härte ich die Briefe nicht unbemerkt erhalten können. Die 799 Geldanweisung, welche Du mir jetzt gebracht hast, ist das Ende Deiner guten Dienste und meiner Verheimlichung. Juchhei Ich wollte, es wäre vorüber. Ich bin dabei so aufgeregt, wie ein junges Mädchen." „Thörichtes Gretchen," spottete die lebhaftere Dame „man muß keine Nerven haben, wenn man sich zu solchem kühnen Wagniß einschifft. Komm jetzt, zeige mir, was Du zu der großen Enthüllung bereit hast." Leise rauschten die Kleider. Man hörte das Oeffnen und Schließen der Thüre. Die Verbündeten waren verschwunden. (Schluß folgt.) - Edelstetten. Edelstetten, Pfarrdorf im Thale des Haselbaches, 7 Kilometer von Krumbach in Schwaben gelegen, mit drei Sölden zu Wattenweiler und schenkte sie ihrem Gotteshause zu einem ewigen Lichte vor Sl. Leonhard's Altar. Was des Klosters Güterbesitz in jener Zeit betrifft, so fehlen hierüber die Urkunden. Graf Ulrich von Wirtem- berg soll 1276 vier Morgen Weinland zu Mettingen bei Eßlingen, Graf Berchthold von Wirtemberg ein Fischwasser zu Waldstetten an Oetlinstetten geschenkt haben. Die Aebtissin Anna von Weißingen kaufte 1431 von Burkhart von Knöringen das Burgstall und Gut Kirn- berg bei Balzhausen, Agnes von Schwenkungen erwarb 1480 den Flecken Tiefenried bei Kirchheim. Oetlinstetten wurde zum Bereiche der Markgrafschaft Burgau, wenigstens nach ihrer späteren Ausdehnung, gezogen. Die Vogtei über das Stift beanspruchten und übten die Besitzer der Markgrafschaft. Am 20. Dezember 1460 löste die Aebtissin Anna von Weißingen die Schirm- j s Cdclllellrn. kKloster und Kirche.) Original-Aufnahme van Gustav Baader, Photograph in Krumbach. fBervielfültigungsrecht vorbehalten.) einem fürstl. Esterhazh'schen Schlosse und dem vormaligen Damenstiftsgebüude, war ursprünglich ein Kloster, Oetlin- i stetten genannt. Die Tradition nennt eine Gräfin Gisela ! aus dem Grafenhause von Schwabekk und Balzhausen als j Stifterin des Klosters und setzt die Stiftung in das Jahr ! 1126. Die Nonnen von Oetlinstetten waren höchst wahr- ^ scheinlich reguläre Chorfrauen nach der Regel des heil. > Augustin. Historisch sicher ist, daß wenigstens schon im ! 12. Jahrhundert hier ein Nonnenkloster bestand. 1153 j oder 1154 wurde Mechthildis, Tochter des Grafen Berch- ! thold II. von Andechs und Diessen, aus dem Kloster ! Diessen als Aebtissin nach Oetlinstetten berufen. Mech- thildts wird als Selige verehrt. Die Kirche zu Edelstetten besitzt von den Reliquien der Seligen eine Armröhre, welche im Jahre 1780 von Diessen, woselbst Mechthildis gestorben und beigesetzt worden, dahin abgegeben wurde. Aebtissin Guta von Gerenberg kaufte am 22. Juni 1355 vogtei für 2200 Gulden ein und zog sie an ihr Kloster. Dieses wählte nun seine Schirmvögte oder Procuratoren selbst und stellte sie auf. In der Zeit des Ueberganges Vom 15. in das 16. Jahrhundert ging mit dem Kloster Oetlinstetten eine wesentliche Aenderung vor, nämlich die Umwandlung desselben in ein freiweltliches adeliges Damenstift. Der Zeitpunkt dieses Vorganges läßt sich nicht genau bestimmen. Das Damenstift Edelstetten blieb zwar eine kirchliche Corporation und behielt geistliche Formen bei; es stand unter der Jurisdiction und Visitation des Diözesan-Bischofs. Die Damen trugen gleichgeformte geistliche Kleidung, doch ohne Nonnenschleier, und beteten die Tagzeiten; aber sie hatten keine Ordensregel zu befolgen und legten kein Gelübde ab, sondern verpflichteten sich nur auf die Beobachtung von Statuten, nach welchen sie verbunden waren, Keuschheit zu halten und der Aebtissin, so lange sie im 800 Stifte blieben, Gehorsam zu leisten. Sie konnten zu jeder Zeit austreten und heirathen. Das freiweltliche Damen- stift Edelstetten hatte htenach den Charakter einer Ver- sorgnngsanstalt für Töchter adeliger Familien. Auch das Damenstift stand unter der Regierung einer Aebstssin, welche von den Kapitularfräulein gewählt, vom Bischöfe confirmirt und vom Weihbischof oder vom Abte von Urs- berg eingesegnet wurde. Im Schwedenkriege wurde das Stift von den Schweden derart verheert und verwüstet, daß die Aebtissin Anna von Werdenstein, welche sich in die Schweiz geflüchtet, nach ihrer Rückkehr weder Nahrung noch Wohnung für sich und die Ihrigen mehr vorfand. Sie mußten zehn Jahre lang theils in einem Häuslein neben dem Stifte, theils im Pfarrhause wohnen. Da ein Pfarrer nicht mehr anwesend war, kam ein Prämonstratenser von Ursberg, welcher in der St. Michaelskapelle auf dem Berge den Gottesdienst hielt, denn die Pfarrkirche war verwüstet. Allmälig gelang ihr aber der Aufbau der zerstörten und zerfallenen Gebäude, wie die Wiederherstellung geordneter Zustände im Innern. Katharina Franziska von Wester- nach, Seniorin des Stiftes, ließ das baufällige Stifts - Gebäude abbrechen und arbeitete an der Neuherstellung desselben, welche sie indeß nicht mehr erlebte. Karolina von Westernach vollendete den Bau, wie er heute noch vor Augen steht; sie ist auch die Erbauerin der Stiftsund Pfarrkirche sammt Thurm zu Edelstetten, welche 1709 vollendet dastand. 1802 folgte die Aufhebung des Stiftes, welches an den Fürsten von Ligne als Reichsgrafschaft Edelstetten kam. Die Aebtissin erhielt eine jährliche Pension von 2000 Gulden, jede Dame 800 Gulden. Als Zeitpunkt, bis zu welchem die Fräulein das Stift zu verlassen hätten, wurde der 8. September 1803 bestimmt. In den Monaten August und September verließen die Damen das Stift und wählten beliebig ihren Aufenthaltsort. 1804 kam die Reichsgrafschaft Edelstetten durch Kauf an den Fürsten Nikolaus von Esterhazy. Das fürstliche Haus Esterhazy von Galantha ist noch heute im Besitze der Damenstifts- güter von Edelstetten. --- u u unseren Bildern. Giovanni Katlista dc Uolsi. der hervorragendste christliche Archäolog?, ist vor einigen Wachen gestorben. Der Gelehrte stand in allen wiffenscbafilichen Kreisen im denkbar höchsten Ansehen. V^r 2 ffz Jahren feierte der bescheidene Mann sein 70. Wiegenfest, und d e hervorragendsten Kreise bekundeten ihre Hochachtung vor dem Forscher de Rossi dadurch, daß ihm eine große goldene Denkmünze überreicht wurde, de Rossi hat die Erschließung der Katakomben, insbesondere jene des hl. Calixtus, in die Wege geleitet und bethätigt und mit dieser Arbeit die wesentlichsten Merkmale für die christliche Lehre und das hl. Meßopfer in den ersten Jahrhunderten des Christenthums gefunden. Die Funde in den Katakomben bilden eine unwiderlegliche Bestätigung dafür, daß die kaiholische Kirche die Lehre Christi und die Tradition unverfälscht bewahrt hat, > daß die Lehre der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert die ! gleiche ist, wie in den ersten Jahrhunderten. Papst Pius IX. ^ hat denn auch den Forschungen de Rossis das größte Interesse ! entgegengebracht und sie auf jede Weise zu fördern gesucht. Die ^ Hauptwerke des nunmehr Verlebten sind: „Das unterirdische, christliche Rom/ von welchem bisher 3 Bände erschienen sind, und „Christliche Inschriften", gleichfalls in 3 Bänden erschienen. Die Gelehrtenwelt hat von dem Ableben ins Forschers mit großem Bedauern Kenntniß genommen. Ein unschuldiges Opfer. Eine ergreifende Szene aus dem deutsch-französischen Krieg ! ist es, die der Künstler auf unserm Bilde darstellt. Was hat das junge Menschenleben in die Schaar der mildthätigen Schwestern geführt, hinaus in die Gräuel der Schlachten? Gewiß nur aufrichtige, wahre Nächstenliebe, befolgend das Wort des Herrn: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbstl" In Ausübung des Samariterdienstes hat die Schwester die tödtliche Kugel erhalten, die freilich nicht ihr gegolten! Nicht schlägt das Herz mehr, und zwischen den Schauern des Krieges senkt sich das milde Licht des Friedens auf das Antlitz eines Geschöpfes, in dessen Seele nur die Liebe zu Gott und den Mitmenschen war. -«i8»cs- Allerlei. Goldminen in Europa. Die Entdeckung der reichen Goldfelder in Amerika, in Australien und in Südafrika haben es fast vergessen lassen, daß es auch dem europäischen Continent nicht an dem gelben Metall fehlt. An den verschiedensten Stellen in Europa werden Golderze gefunden, aber da sich das Interesse in den letzten Decentsten hauptsächlich den außereuropäischen Goldfeldern zuwandte, so hat man die Exploitation der europäischen Goldminen vernachlässigt. Erst in den jüngsten Jahren hat sich die Aufmerksamkeit der kapitalistischen Kreise wieder mehr den letzteren zugewandt, und namentlich sind es englische Kapitalisten gewesen, welche die Ausschließung von Goldbergwerken in Europa förderten. So existiren in Siebenbürgen mehrere englische und deutsche Goldminen-Gesellschaften, die bisher ziemlich günstige Resultate erzielt haben. Außer in Oesterreich- Ungarn gibt es aber auch in der Schweiz und in Italien weite Strecken, in denen Golderze gefunden werden. Eine englische Gesellschaft exploitirt in Italien unter Anderem das Goldbergwerk in Pestarena, das noch reiche Schätze birgt. Eine schweizerische Gesellschaft, die „Looiöls suisss äe8 Nin68 ä'or äs l'lisivstis" hatte sich zum Zwecke der Ausbeutung der Minen von Gondo (Valais) gebildet, erzielte aber keinen Erfolg, was indeß nicht auf die Unergiebigkeit dieser Mine, sondern auf die schlechte Verwaltung, sowie auf die ungenügenden technischen Einrichtungen zurückzuführen ist. Die schweizerische Gesellschaft, die im Begriff war ihre Arbeiten einzustellen, hat nunmehr ihr Bcsitzthum auf eine französische Gesellschaft übertragen, die sich unter dem Namen „Looists anon^ins 8ui88s äs8 Ninss ä'or äs donäo" gebildet hat und die die für einen rationellen Betrieb des Bergwerks erforderlichen Mittel besitzt. An der Spitze dieser Gesellschaft steht Herr Sally-Silz in Paris. 4K28SLS-.- Arilder-Wätysel. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 10t: Weiß. Schwärn 1. 64 65 -s- K. 36-65 : 2 D. 37-36 st- K. 65—35 : 3 T. 41-45 st- K. 35-4.5 : 4. D. 36-05 Mast. -EZS-- HL 103 Augsburger Postzeitung^. Ireitag, den 21. Dezember L894. " ' ??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Aruck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Netter Dago. Ngch dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunv. (Schluß.) 8. Kapitel. Cyprian Hay stand schwankend auf. Er fühlte eine starre Kälte. Die Rosen, die Lilien, die Ranken am Glasdach, die Schlingpflanzen auf dem Fußboden vermengten sich alle zu einer farblosen Masse. Er schien die Sehkraft verloren zu haben. Wollte Gott, er hätte soeben kein Gehör gehabt! Selbst nicht wissend wie, wahrscheinlich gewohnheitsmäßig, kam er aus der Orangerie, ohne eine Scheibe zu zerbrechen. In der frischen Luft besserte sich das krankhafte Schwindelgefühl. Er suchte seine Fassung wieder zu gewinnen. Sehr langsam ging er nach dem Bahnhof zurück Ein Bahnwärter griff grüßend an die Mütze, öffnete einen Wagen erster Classe und fragte: „Herr Hay befinden sich heute hoffentlich wohl?" „Sehr schönes Wetter," antwortete Herr Hay, stolperte in eine Ecke, ohne zu wissen, was er gesagt hatte, und saß dort, wie betäubt, bis der Zug an seinem Ziel hielt und er noch in träumerischer, mechanischer Weise sein Comptoir erreichte. „Ich bin für Niemand zu sprechen," sagte er zu seinem Hauptbuchhalter, „nehmen Sie Briefe und Aufträge an, als wenn ich abwesend wäre. Ich — ich habe Kopfschmerzen." Dann schloß er sich in sein Privatzimmer ein, stützte die Ellbogen auf die Lederdecke deS Tisches, seinen schmerzenden Kopf in die zitternde Hände und wollte nachdenken. Während der unglücklichsten Stunden seines Lebens ordnete er die Thatsachen, welche ihn elend machten. Er erkannte sie in logischer — nein, in verdammender Reihenfolge. Seine Frau hatte diesen Menschen vor Jahren geliebt — diesen Kapitän Dagobert Greaves, den entfernten Verwandten oder „Vetter Dago", wie sie ihn jetzt nannte. DaS Zartgefühl hatte ihn verhindert, den Namen dieses Mannes vor Margarethe zu erwähnen, seitdem sie mit ihm vereinigt war. O Himmel! Wie zeigte sie sich des Zartgefühls würdig! Zunächst sah er, daß sie mit diesem Vetter Dago durch Vermittelung der schändlichen Frau Holland im Briefwechsel stand. Was er in ihrem Gespräch nicht gehört hatte, konnte er leicht ergänzen. Der Mann war vielleicht aus dem Auslande zurückgekehrt und mit ihr, der verheiratheten Frau, zusammen gekommen. Die alte Liebe flammte wieder auf. Die Tollheit war die Folge! Zunächst kam der Schurke in sein, Cyprian Hays, eigenes Hans. Sogar das Stubenmädchen wußte es und lachte verstohlen über ihren Herrn! Vorbereitungen zur Flucht aus dem Hause, welches er, der arme Thor, für ein Paradies gehalten hatte, waren in seiner Abwesenheit stündlich gemacht worden. Das schnöde Geld, das Mittel zu dieser Flucht, hatte seine Frau fast in seiner Gegenwart erhalten. Der Brief voll Entzücken über den abscheulichen Plan war vor seinen eigenen Ohren wiederholt worden. Sein Gleichen, seines Lebens Glück, sein Weib ersehnte den Donnerstag, die Stunde, wo — o, ergriff ihn der Wahnsinn? — hatte er gelegentlich zu viel getrunken? oder war dies ein Alpdrücken? — wo sie ihm für immer entfliehen konnte! Der unglückliche Mann glaubte wahnsinnig zu werden, als diese Ereignisse sich vor ihm aufreihten; gleichzeitig erinnerte er sich an Geringfügigkeiten, welche fast unmerklich waren, aber im Zusammenhang eine schreckliche Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtung gaben. Margarethe hatte in der letzten Zeit nicht am Fenster auf ihn gewartet. O nein, sie hatte andere Beschäftigung gehabt. Sie hatte seine freundliche Begrüßung nicht immer freundlich erwiedert. Aus welchem Grunde? O er konnte den grausamen Gedanken nicht ertragen! Weil sie ihre Falschheit fühlte! Cyprian Hay war ganz unfähig zum ruhigen, leidenschaftlosen Nachdenken. Seine schwache Seite hatte in den letzten glücklichen Monaten geschlummert, aber sich jetzt trotzig aufgerichtet und neu belebt. Margarethens Geduld, Treue, zarte Hingabe und langgehegte Liebe, ihre schönen Eigenschaften und Tugenden, für welche er sich vor kurzem mit Leib und Seele verbürgt hätte, fielen vergeblich zu ihren Gunsten in die Waagschale. Seine wüthende Eifersucht überwog alles, und der erprobte Werth seiner Frau galt nichts mehr. Fast sinnverwirrt und ganz elend ließ Cyprian Hay den Vor- und Nachmittag vergehen. Um vier Uhr fragte der Hauptbuchhalter durch das Sprachrohr nach seinen Befehlen. „Schließen Sie wie gewöhnlich, lautete die Antwort, „und sagen Sie gefälligst der Frau Cook, daß ich heute hier übernachten werde." Frau Cook war die Haushälterin des Geschäftshauses. Eine Schlafstube hatte er während der wenigen Wochen, welche er nach seiner Heimkehr als Junggeselle 802 verlebt, zuweilen benutzt, und sie stand für ihn bereit, obgleich er sie seit seiner Verheiratung nie bewohnt hatte. Jetzt wollte er wieder einmal hier bleiben. Er konnte nicht nach dem Berghause zurückkehren. Er durfte sich selbst noch nicht trauen. Frau Coor klopfte an die Thüre, um zu hören, was er zu essen wünsche. „Nichts," antwortete er kurz. Dann fiel ihm ein, daß nicht alle Welt sein Leid zu wissen brauche. „Irgend etwas!" rief er, und während dieses „etwas" bereitet wurde, trat die Dämmerung ein. Im Halbdunkel ging er schwerfällig die Treppe hinunter, nach dem Telegraphenamt und schickte seiner Frau folgende Nachricht: „Geschäftlich heute Abend hier aufgehalten." Mit wankendem Schritt kam er zurück auf die fast leere Straße — wie sonderbar sah sie aus ohne das Gedränge des Tages, wie hohl klang der Ruf der Zeitungsjungen, welche an der Ecke den neuesten Mordbericht ansschrieen. Er aß die ihm vorgesetzten Speisen, ohne zu wissen was er genoß, und ging hinauf in das düstere, häßliche Zimmer — wie ganz anders war im Berghause die große angenehme Schlafstube mit den geschmackvollen Draperien» schönen Spiegeln, zierlichen Toilettengeräthen und mit Margarethe! Ein Spiegel wor hier genug, fast zu viel. Er betrachtete sein Gesicht und wunderte sich nicht, daß Frau Cook ihn erschrocken angestarrt, als sie ihm das Essen gebracht hatte. Er sah elender aus, wie bet dem drohenden Schiffbruch der „Java" auf seiner Heimreise. Ach, jetzt wünschte er im tiefsten Herzen, er wäre damals beim Schtffbruch umgekommen! Er hätte lieber sein Leben verloren, als seine Margarethe auf solche Art verlieren zu müssen! Vor Erschöpfung schlief der arme Mann ein, aber während der ganzen Nacht ging „Dago", „Vetter Dag", „Hauptmann Dago" durch seine Träume. Zwanzigmal wachte er auf, indem er den verhaßten Namen ausrief: „Dago, Dago!" Ungestärkt stand er auf, frühstückte mechanisch und zwang sich, seine Briefe durchzusehen und Anordnungen für seine Comptoiristen aufzuschreiben, aber überall schwebte ihm in großen Buchstaben „Dago" vor; nichts konnte der: Namen auslöschen. Er bekam ein Briefchen von seiner Frau — ein kleines duftiges, cremefarbenes Couvert lag zwischen dem Stoß Geschäftsbriefe. Sie redete ihn „Theuerster Cyprian!" an und schrieb, sein Telegramm habe sie erschreckt, und wenn er morgen — also heute Abend — nicht pünktlich zu Hanse sei, so werde sie zu ihm kommen. Sie sehne sich sehr nach ihm. „Um mich das letzte Mal zu sehen!" stöhnte der unglückliche Mann, zerknitterte das parsümirte Blättchen und warf eS entrüstet weg. „Gut, sie soll mich haben." ' Den ganzen trüben Tag hindurch bereitete er sich auf seine Rede und Handlungsweise bet dem Zusammenkommen mit ihr vor; er wollte sich aussprechen, ihr Vorwürfe machen und — Gott steh' ihm bei — von ihr scheiden! Das war sein Vorsatz. Die kleinen Kobolde, die Zeitungsjungen schrieen den Schlnßbericht eines Scheidungsprozesses aus, als er um fünf Uhr zum Bahnhof ging. Sein Herzeleid, sein Name sollte nir in solcher Weise kundgemacht werden. Er wollte ihr sagen, sie möge gehen, glücklich sein und nie wiederkehren. Er würde zurückbleiben, und — sein Herz würde brechen. An diese Möglichkeit glaubte er trotz seiner vierzig Jahre. Beim Anbruch der Dämmerung des milden September- abends erreichte er sein Haus. Oben waren einige Fenster erleuchtet. Unten brannte keine Lampe. An dem vorderen Bogenfenster sah er, ja, wirklich, das Gesicht, welches seine Schritte zu beschleunigen Pflegte. Daß Margarethe so verschmitzt war! Ach, ach! Sie nickte mit anscheinender Freude, als er die Thürstufen heraufkam. Er wendete den Kopf zur Seiee und that, als sähe er es nicht. Walpurga öffnete lächelnd die Hausthüre. Es war ihm, als könne er sie niederschlagen. Seine Selbstbeherrschung verschwand plötzlich. „Wer ist heute hier gewesen?" fragte er barsch. „Heute, Herr? Hier gewesen?" stammelte sie erschrocken über die heftige Frage. „Ja, heute, Herr? Hier gewesen?" So ganz hatte er den Kopf verloren, daß er dem Dienstmädchen nachahmte. Er war jetzt auf der Spur der pflichtvergessenen Handlungen und konnte ebenso gut an dem einen als an dem anderen Ende beginnen. „Antworte mir ohne ränkevolle Ausreden!" „Herr Hay," sagte Walpurga tief beleidigt, „Niemand ist hier gewesen; wenigstens," sie zögerte, „keine erwähnenswerthe Person." „Nein, keine erwähnenswerthe Person," wiederholte der Hausherr bitter. Er konnte das wohl glauben. „Sage Deiner Herrin, daß ich sie sprechen will." „Ja, Herr Hay, Madame wartet im Gesellschaftssaal auf Sie." Es war ihm unerträglich, daß der Bruch im Salon, welchen er ihr zu Liebe so schön eingerichtet hatte, stattfinden sollte. „Ich will sie in meinem Zimmer sprechen," sagte er kurz und ging die ersten Stufen der Treppe hinauf zu dem selten benutzten Zimmer, welches dem Namen nach „des Herrn Arbeitsstube" hieß. Walpurga wechselte jäh die Farbe. Behend schlüpfte sie an ihm vorüber und eilte voraus. „Nein, bitte, Herr Hay. Ihre Arbeitsstube ist — unsauber," augenscheinlich erfand sie eine Ausflucht. „Ich habe gestern und heute nicht abgestaubt. Wollen Sie nicht in Ma- dame's Cabinet gehen?" „Nein, das will ich nicht," entgegnete Herr Hay. „Ich verlange, daß meine Frau hierher kommt." Langsamer erreichte er den Treppenflur, schob einen neuangebrachten Vorhang bei Seite und wollte die Thüre öffnen. Sie war verschlossen! Er wendete sich mit dem Tone des höchsten Zornes zu dem Dienstmädchen. „Was bedeutet das?" fragte eine Stimme, nämlich Frau Hay, welche heraufgeeilt kam. „Warum kommst Du nicht zum Thee, mein Lieber? O, Walpurga" — sie hielt inne — „mein Mann ist doch nicht —" „Nein, Madame," antwortete das Mädchen flüsternd, „er wollte hineingehen, aber ich schloß zu und habe den Schlüssel in der Tasche." „Gieb ihn mir augenblicklich!" sagte der Hausherr gebieterisch. „Nein, Walpurga, gieb ihn mir," unterbrach ihn seine Frau eifrig mit ausgestreckter Hand; „laufe hinunter und wache die Butterbrode zurecht," Als- das Mädchen verschwand, fuhr sie fort: „Lieber Cyprian, Du mußt etwas genießen. Wie müde und angegriffen Du aussiehst!" Und sie umarmte ihn zärtlich. Er hatte diesen Willkomm früher seinen „Taglohn" genannt. Auf dem Treppenflur war eine Wandnische mit einem gepolsterten Sitz. Trotz aller Willenskraft konnte 803 Cyprian sich nicht länger aufrecht halten; er setzte sich plötzlich, räusperte sich und sagte mit sehr leiser Stimme: „Margarethe, ich bedarf keiner Speise und keiner — Liebkosung. Komm her. Du sollst mir einige Fragen beantworten." Sie kam dicht zu ihm und sah etwas ängstlich aus. „Wie lange," flüsterte er, „wie lange dauert es schon mit — mit dem Better Dago?" „Ach!" Sie stieß einen unterdrückten Schrei aus. Er fuhr fort: „Ich muß sogleich alles erfahren. Sage es mir. Ich bestehe darauf." „Cyprian" — sie senkte den Kopf, die Nöthe stieg bis auf ihre Stirn — „ich bin schrecklich betrübt, daß Du es entdeckt hast. Ich sehe, daß Du zürnst. Aber, bitte," sie schmiegte sich an ihn und kniete sogar an seiner Seite nieder, „bitte, tadle mich nicht so streng, bis Du alles weißt." „Alles!" wiederholte er bitter. „Was bleibt mir noch zu erfahren übrig? Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, daß meine Frau ihren Better Dago nie vergessen hat, daß die Gedanken an ihn ihren Kopf monatelang beschäftigten; daß sie mich, den armen Betrogenen, um ihren kleinen Finger wickeln kann; daß der Liebhaber ihr glühende Briefe schreibt. Ich Thor soll endlich ihr Geständniß erfahren — der Geliebte will sie nach Paris entführen. Sage mir" — seine Stimme klang jammervoll — „bleibt mir noch mehr zu erfahren übrig? O Margarethe! Margarethe!" Während er sprach, war seine Frau immer weiter von ihm zurückgewichen. Verwirrung, schmerzliches Erstaunen malte sich in ihren Zügen. Sie konnte nicht sprechen, als er schwieg. Sie versuchte es mit über der Brust gefalteten Händen, aber die Stimme versagte ihr. Er sprach wieder zu ihr. „Vielleicht erfahre ich noch mehr. Vielleicht muß ich jetzt darauf bestehen, den — den Vetter Dago zu sprechen, welchen. Du dort verborgen hast," er zeigte mit verzweifelnder Geberde nach seiner Stube. „Ist er dort?" „Ja—a," ächzte sie schwach. Er wußte es, aber es gab ihm einen neuen Dolchstich. Er sprach in abgebrochenen Sätzen: „Dann will ich sie aufgeben — da ich ihr nichts mehr bin — mein Kleinod — soll dem Mann gehören, den sie vorzieht — dem Manne," fuhr er mit einem wahnsinnigen Versuch zu lachen fort, „in der blau und goldenen Uniform, wie Deine schamlose Freundin Frau Holland gestern sagte." „Gestern!" „Ja. weil ich den Zug verfehlte, kam ich zurück, wartete im Gewächshause und hörte dort die Untreue, wegen welcher ich den Tag meiner Geburt verwünschte!" Margarethe Hay sprang empor, schloß die Stuben- thüre auf und sperrte sie weit auf. „Cyprian!" rief sie in wildem Tone, wie sie nicht anders konnte, „sieh' her, sieh', was ich vor Dir verborgen habe!" Er stand auf, ging langsam hinein und schaute sich um. Kein Offizier, kein Mann war dort, dennoch blieb er bei dem Anblick überrascht stehen. Er fand die einfache Stube in ein herrliches Herrenzimmer verwandelt: autike geschnitzte Eichenmöbel — der kostspielige Wunsch, dessen Erfüllung er sich versagt, bis Gretchens Verlangen ln jeder Beziehung befriedigt sein würde; seine Lieblingsbücher ; dieses Tisch aus der Zeit Jakobs I. hatte er bet einem jüdischen Antiquitätenhändler das ganze Jahr begehrlich betrachtet; die in seiner Junggefellenzeit ge sammelten Sachen, Meerschanmpfeifen, Singhalesen-Götzen, Theebrelter und dergleichen, waren auf Eckstündern hübsch geordnet; der Kaminsims war ein zweihundert Jahre altes Prachtstück, und über demselben hing das Bild der Frau, welche die Veränderung geschaffen. Sie selbst stand vor ihm mit thrünenüberströmtem Gesicht und doch freudestrahlend, als sie sagte: „O, Cyprian, daß Du an mir zweifeln konntest! Wie hart bin ich gestraft, weil ich ein einziges Geheimniß vor Dir hatte! Durch meine Schuld wurde das Mißverständniß hervorgerufen; deshalb will ich Dir verzeihen, lieber Mann. Vielleicht war es unrecht von mir, daß ich eine kleine Dankesschuld an Dich abtragen wollte. Ich wünschte so sehr, Dir etwas zu schenken, da Du mich immer mit schönen Gaben überhäuftest. Ich selbst besaß kein Geld; deßhalb schrieb ich — ein Buch, einen Noman; ich nannte ihn „Vetter Dago", weil Ereignisse aus Dagoberts Greaves' Jugendleben mir den Stoff lieferten; obgleich ich Dago seit dem Tode meines Vaters nicht mehr gesehen habe und nur weiß, daß er verheirathet ist und sieben Kinder hat. Außer der Fanny Holland sagte ich Niemand etwas von meinem Werke. Gestern erzählte ich ihr das Ende. Ich habe ihr das Manuskript bruchstückweise vorgelesen, einmal überraschtest Du uns, und sie eilte durch die Gartenthüre, aus Furcht, Du würdest sie ausfragen. Ihr Bruder ist der Verlagsbuchhändler Lightou, wie Du weißt. Er wollte das Buch in Verlag nehmen und verlangte, daß ich das Manuskript möglichst rasch beenden sollte. Es gelang mir, und Herr Lighton brachte mir am Montag Nachmittag die ersten Exemplare. Gestern schickte er mir durch Fanny das Honorar. Ach, Cyprian, ich arbeitete einzig und allein, um dieses Zimmer für Dich auszustatten. Es ist ein Geburtstagsgeschenk, trautester Mann. Ich hatte viele Mühe, die Sachen unbemerkt herschaffen zu lassen und sie vor Dir verborgen zu halten. Es war mein Herzenswunsch, Dich morgen damit zu beschenken; deßhalb wollte ich nicht nach Paris reisen. O Mann, wie konntest Du nur so schlecht von mir denken?" Er konnte ihr darauf keine Antwort geben. Sie sah durch Thränen lächelnd zu ihm auf; er drückte sie mit tiefer Reue an sein Herz und war froh, seine weinenden Augen in ihrem Haar zu verbergen. Nachdem sie sich beruhigt hatten, lasen sie den „Vetter Dago" zusammen, und Cyprian war sehr stolz auf das geistreiche Werk seiner Frau. ES hatte großen Erfolg, wurde aber durch ein Geschenk des Himmels ganz verdunkelt. Ein Jahr nach diesem Ereignisse erschien im Berghause ein kleiner lebendiger Dago — sein Vater wollte ihm diesen Namen geben, um sich vor toller Eifersucht zu warnen, sagte er. Dieses entzückende neue Familienglied nimmt so sehr die Zeit seiner zärtlichen, klugen Mutter in Anspruch, daß sie voraussichtlich keinen dreibändigen Roman mehr schreiben kann, obgleich daS bewundernde Publikum ihn freudig begrüßen würde. Ende. -»SKWSS-- Goldkösner. Wer auf die Welt konimt, baut ein neues Haus, Er geht und läßt es einem zweiten; Der wird sich's anders zubereiten. Und Niemand baut eö aus. -—SS-XttS-«-- Die Münchener Geiseln in schwedischer Gefangenschaft. Von I. M. Förster. An der Wand der Epistelseite der Wallfahrtskirche zu Namersdorf bei München befindet sich ein Bild, welches eines der wichtigsten Kapitel der Stadtgcmeinde zum Gegenstände hat: die „Münchener Schwedengeiseln", und welches an eine der trübsten Zeiten erinnert, welche unsere liebe Vaterstadt je durchgemacht hat. Wir sehen im Vordergründe 40 Männer auf der Erde knien, welche dankerfüllten Herzens den Blick nach Oben richten, wo über einer perspektivischen Ansicht der Stadt, vor welcher sich ein Heerlager dehnt, die Himmelskönigin mit dem Jesukinde thront, neben welchen rechts und links Engelgestalten schweben, welche Tafeln mit Namen halten. Unterhalb des BildeS befindet sich eine lateinische Inschrift, welche zu deutsch lautet: „Sieh an, o Mutter der Barmherzigkeit, der Welt Hoffnung, Beschützerin der Unschuldigen, aller Betrübten Nothhelferin, Deine verpflichteten Diener und Pflegekinder! Vierzig Geiseln fallen Dir zu Füßen, die aus Erbarmniß des leidigen Unterganges, so Gustav Adolf, der Schweden König, der kurfürstlichen Hauptstadt München anno 1632 angedroht, sich für das Vaterland aufgeopfert, die liebe Freiheit in die Schanz geschlagen, in das Elend hinausgezogen und drei ganze Jahre weniger 2 Monate als arme Gefangene darin versaßen; haben zu Augsburg, Donauwörth und Nördlingen, gleich als in einen Nothstall eingepfercht, unzählbare Drangsale ausgestanden, der dreifachen Ruthe Gottes: Pest, Kriegsund Hungersnoth stets unterworfen; sind trotzdem über Alles durch Deinen Schutz und Schirm hinweggekommen. Du hast sie im Gefängniß und eisernen Banden gestärkt, im Hunger gespeist, in äußerster Gefahr ihre Hoffnung, in Verschmachtnng ihre Beständigkeit aufgemuntert, in Abwesenheit menschlicher Hilfe ihnen Deine Hand geboten und die Schooß Deiner Barmherzigkeit geöffnet. Schreiben es also nach Gott einzig Dir zu, daß sie dem Tod entronnen und aus der ganzen Schaar nur vier verloren. Daß sie leben und athmen und des Vaterlandes wieder ansichtig wurden, ist eine offenbare Gnade von Dir. Ach, erhalte sie bet so unverhofftem Wohlstände, laß sie vor aller Welt aufstehen und bezeugen, daß in Deinen Diensten und Gnaden Niemand verloren sei. Die Münchener Geiseln, jetzt Marianische Gnadcnkinder 1635." Beredter als ganze Bände spricht diese kurze Inschrift von dem Elende, das der „Befreier Deutschlands" — als welcher sich Gustav Adolf in seinem nach seiner Landung auf Usedom im Jahre 1630 erlassenen Manifeste ankündigte — über Deutschland brachte-ein Elend, das auch in dem bekannten Volksltede mit den Worten zum Ausdrucke gelangt: Der Schweb' ist 'kommen, Hat 'S Blei auS den Fenpcrn g'nommen, Hat Kugeln drauS 'gössen, Vater und Mutter erschossen. Im April 1632 stand Gustav Adolf an den Grenzen Bayerns. Donauwörth war bereits erobert, da machte ihm Tilly den Lechübergang bei Nain streitig, wurde jedoch am 15. April tödtlich verwundet und rieth dem Kurfürsten Maximilian I., wenigstens Regeusburg unter allen Umständen zu halten, wodurch das Land, von allen Truppen entblößt, dem Feinde offen stand, der sich zunächst nach Augsburg wandte, das ihm nicht nur den Eid der Treue leistete, sondern in aller Unterwürfigkeit auf einer Denkmünze den alten Namen H.u§ri8ta, in 6ustava umänderte. Von Augsburg aus betrieb Gustav Adolf sodann die Eroberung Bayerns in recht gründlicher Weise: am 10. Mai 1632 zog er in Landshut ein, dem er eine Brand- schatzung von 100,000 Thalern auferlegte und welches, da diese Summe nicht ganz aufgebracht werden konnte, für den Rest 6 Geiseln stellen mußte. Bereits am 12. Mai zog er von der rasch ausgesogenen Stadt wieder ab und wandte sich nach Freising, daS 30,000 fl. Brand- schatzung erlegen mußte, was aber den Feind nicht hinderte, außerdem noch allen vorhandenen Wein — an 4000 Eimer (über 2700 Hektoliter) — alles Bier, sowie etliche Tausend Schüssel Getreide mitzunehmen und nebenbei die fürstbischöfliche Residenz zu plündern, sowie die in bayerischem Gebiete gelegenen hochstiftlichen Besitzungen heimzusuchen. In Freising war es auch, wo auf Ersuchen des Kurfürsten der am Münchener Hof accreditirte französische Gesandte Saint Etienne bei Gustav Adolf erschien, ihn im Auftrage des Kurfürsten um Schonung Münchens zu bitten. Allein der Schwedenkönig war von einem zu tiefen Hasse gegen Maximilian erfüllt, stand zu sehr unter dem Einflüsse des in seinem Gefolge befindlichen Ex-Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, des bekannten „böhmischen Winterkönigs" — der getreu bei ihm ausharrte, obwohl ihm der Schwedenkönig die Pfalz nicht zurückgegeben, sondern für seine zu erwartende Wahl zum Kaiser als „Kammcrgut" rcservirt hatte — als daß er den Vorschlägen des Gesandten ein geneigtes Ohr geschenkt hätte; ja er polterte wider denselben, daß ihm die Münchener nicht einmal eine Unterwerfungs-Depu- tation entgegengeschickt hatten, die er doch schon in Moosburg erwartet habe; man scheine einen Anschlag gegen ihn zu planen, wofür er die Stadt büßen lassen werde. St. Etienne schickte hierauf unverzüglich eine Estafette an seinen Geschäftsträger in München, de Bering- han, mit dem Auftrage, eine Deputation des Rathes nach Freistng zu veranlassen, welche auch, bestehend aus dem kurfürstlichen Rathe Büttner, den beiden Bürgermeistern Ligsalz und Barth und dem Rathsmitgltede Paul Partorfer, am 15. Mai vor dem Könige erschien, der sie hart anfuhr, so däß die Deputirten ihn schließlich auf den Knien um Schonung der Stadt baten. Gustav Adolf sagte ihnen auch in der That Schonung der Stadt vor Brand und Plünderung, Sicherung des Privateigenthums und der Personen, sowie Achtung der Religion und politischen Verfassung zu — stellte aber auch gleichzeitig die Erhebung einer Brandschatzung in Aussicht, deren Höhe erst nach seiner Ankunft in München festgestellt werden sollte. Bereits am 16. Mai erschien die Vorhut des schwedischen Heeres vor München, welches der Ankunft des Gros der Armee mit umso größerem Schrecken entgegensah, als der Feind mehrere benachbarte Dörfer niederbrannte, aus denen das Jammergeschrei der Besitzer bis in die Stadt drang. Dem Kommandeur der Vorhut mußte noch in der Nacht vor das Neuhauserthor hinaus Wein und Brod geliefert werden. Am 17. Mai endlich, am Montag in der Kreuzwoche, näherte sich Gustav Adolf mit seinem Heer über 605 i Jsmanning, Bogenhausen und Ha-dhansen, welche Ortschaften dabei in Flammen aufgingen, der Stadt und sandte, da er wahrscheinlich einen Hinterhalt oder Angriff befürchtete, zunächst eine Abtheilung in die Stadt, welche die hauptsächlichsten Gebäude besetzte. Alsdann hielt er, am Gasteig von dem Rathe empfangen, der hiebet kniefällig die Schlüssel der Stadtthore übergab, mit dem ehemaligen Kurfürsten von der Pfalz, des: Pfalzgrafen August von Neuburg, den Herzigen Bernhard und Wilhelm von Weimar, dem Herzog von Holstein, seiner berittenen Leibgarde und dem Hooronischen Infanterie-Regiment — die übrige Armee narschirte um. die Stadt und bezog vor dem Schwabmger Thore (der Gegend zwischen Brienner- und Leopoldstraße) ein Lager, das in der Folge vor das Neuharser Thor verlvgt wurde — durch das Jsarthor, das Thal, den Markt (jetzt Maricn- platz), die Wein- und obere Schwabingcrgass» seinen Einzug in die Stadt, nahm mit seinen fürstlichen Begleitern Quartier in der Residenz, während Gener al Horn den Albertini'schen Palast bezog, andere Generale in Privatquartier kamen und das genannte Neg'.ment auf dem Markte bivouakirte. — Scfort nach dem Einzüge besetzten schwedische Trupper die Stadtthore und hielten „also starke Wacht, daß Nemand ohne, schwedischen Paß- zettel aus- oder eingelassen wurde. Die bewaffnete Bürgerschaft, welche vorher Wache gehalten, mußte auf Befehl des Königs nicht nur ihre Waffen, sondern auch „ein „Schizenröckhel" aus das Nathhaus abliefern. Jedes Kloster erhielt eine Sicherheitswache von 4 Mann, welche jedoch so übertriebene Forderungen in Betreff ihrer Verpflegung stellten, daß dia Klagen der also „Beschützten" tagtäglich einliefen. DaS städtische Zeughaus erhielt eine Wache von 15 Mann. Am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt, am 19. Mai, wurde die gesammte Geistlichkeit in das Jesuitenkolleginm, die Bürger aber auf den Anger berufen und ihnen allda mitgetheilt, daß „ihr khinigliche Maystätt für Mordt, Prandt und Blinderung 3 mal hunderttausend Rcichs- daler bcgere." Nach dem Grundsätze: „gern sagt der Bauer, wenn er muß," gab die Bürgerschaft ihre Zustimmung zu der Forderung, kam aber alsbald zu der Einsicht, daß — namentlich in Anbetracht des Umstandcs, daß die Vermöglicheren aus ihr, auf die Nachricht daß in Bayern ein Einbruch der Schweden drohe, bereits im April Leib, Hab und Gut nach Oesterreich in Sicherheit gebracht hatten, wofür man sie bei Austheilung der Kontribution höher belegte und sogar mit Sperrung ihrer Gewerbe bedrohte — „sie nit also vermöglich war, doch hat jeder nach seinem vermögen geben, hat mancher seinen lang zusammengesammelt schaz hersürgesucht, es seind auch von denen khirchen bei 200 khölch, von denen bürgern silberne weibcrgnrtl, silberne, wol güldene Becher und Pokal neben gelt in des Burgermaisters Haus zugetragen worden, ist nichtsdestoweniger die Bürgerschaft nach diesem geben noch offt ermähnt und der statt starkh getrohet worden, wo nit die begörte summa erlögt werde, daß ebenmäßig dieser Statt wie Magdenbnrg ergehen solle, hat derohalben off ein Bürger 3 oder 4 mal noch gelt zugetragen, also das ihnen öffentlich an dem Anger von ihrer Obrigkheit ist angezaigt worden, daß st alsoviel auf die Bürgerschaft nit vertrauet haten, so haben auch nach langen bitten sogar die armen Wittiben, khnecht und Hauß Magd Gellt gebracht, damit man nur des feindes los würd."') Wenig bekannt ist auch, daß der Stadt trotz der Versicherung Gustav Adolf's Brandlegung drohte: Die Feinde ließen nämlich alles Holz von der Lände nach der Stadt bringen und im Zwinger aufrichten; es wurde mit Pulver und Stroh vermengt, und Kriegsknechte mit brennenden Lunten erwarteten den Befehl zum Anzünden.^) Auch was von der vielgerühmten schwedischen Manens- zucht geschrieben wird, dürfte, soweit München in Betracht kommt, nicht allzu wörtlich zu nehmen sein. Ist ja schon der Umstand charakteristisch, daß Gustav Adolf für seine „Glaubenskümpfer" auf dem Markte zwei Galgen zur Warnung errichten ließ, was aber nicht viel geholfen zu haben scheint, denn „zwei tapfere schwedische Soldaten griffen in des Bicrbräuers Moser Behausung den leithenambt von Wolfratshausen nächtlicherweile in seiner Kammer an und nahmen ihm seine Kleider," ein „Regiments Drummelschlager" setzte dem Lebzelter Pfringer in der Dienersgasse den Degen an das Herz, damit er sich mit etlichen Neichsthalern ran- zionire; am 21. Mai zog ein anderer Soldat im Thal einen Jungen aus?) Zwar wissen wir, daß mehrere einzelne Soldaten wegen unrichtiger Begriffe vom Eigenthum mit dem Tode bestraft wurden, wie z. B. das Stadtkammer-Memorial eines enthaupteten und vier gehenkter Soldaten erwähnt — allein was die Einzelnen büßen mußten, das übte der große Haufe der Feinde ungestört aus, — König Gustav Adolf an der Spitze, unter dessen Augen die Residenz nicht geschont, sondern geplündert wurde: die prachtvoll ausgeschmückten Gemächer wurden verwüstet, die kostbaren (Gobelin-) Tapeten von den Wänden gerissen, die Möbel zerschlagen, die Bilder und werthvollen Gegenstände weggenommen, worüber Kurfürst Maximilian I. in verschiedenen Briefen aus dem Jahre 1633 bittere Klage führte. In der Residenzkapelle wurde das Pflaster aufgerissen, um nach Schätzen zu graben, bei welcher Gelegenheit Gewaltthätigkeiten vorfielen und ein Mann erschlagen wurde. Wäre es möglich gewesen, so hätte Gustav Adolf sogar die ganze Residenz nach Stockholm versetzt.') Das Zeughaus — in welchem der Schwedenkönig auf die ver- rätherische Mittheilung eines seinerzeit entlassenen Hofbediensteten hin 140 Geschütze, von denen eines mit 30,000 Dukaten „geladen" war, wie er spöttisch sagte, „die Auferstehung feiern ließ," — sowie die nahegelegenen Lustschlösser, so namentlich Schleißheim, wurden trotz schriftlicher und lebendiger Lalva Zunräia,, vielleicht sogar von der letzteren selbst, geplündert. Das nämliche widerfuhr noch so manchem anderen oder Privatgcbäude, dessen, was gerade keine Plünderung zu nennen war, im Grunde aber doch auf das Gleiche hinausging, z. B. daß die Feinde das Holz an der Lände, das Salz in den Städeln und Anderes, was der Bürgerschaft gehörte, sich von dieser freiwillig gezwungen wieder „abkaufen" ließen, nicht zu erwähnen. Es war eben in den Augen der schwedischen Soldaten nichts zu gering, was sie, um Geld daraus zu ') Aus dcr Chronik eines unbekannten Franziskaners in Westcnricdcr's Beiträgen VII, 307. -) Obcrbaver. Archiv IV, 17. °) Aus der erwähnten Franziskanerchronik in Westen- rieder'S Beiträgen VII. 31-t r. «I Qbcrbaver. Archiv X, 17. r 80S machen, nicht ihrer „Aufmerksamkeit" gewürdigt hätten. So heißt es in den magistratischen Rechnungen einmal: „Demnach in dem Schwedischen Ueberfalle allhin des Feinds Soldaten Alles was Sie vmb die Statt angetroffen, außgeblindert vnd davongetragen vnd dahero auch bei gemainer Statt Zimmerstädten viel eifern Werk hin- weckh genommen, welches Sie hernach hin vnd wider ver- chaufft. Vnd weilen der Martin Dirth Hammerschmid am zimbliche Porzion von denen Soldaten erhandelt, als hat mans Ihm wieder gelöst, wie ers bekhommen, als: 750 Wallernögl, 24 Pikhl, 170 Deichenpixen, 12 Wagen- khötten, 2 Sagen, 1 mössinger Stampf zu 96 Pfund, etliche Gaisfüs, Schanfl v. a. m., item ein kupfern Kössl, so in des Lendhüters Thurn herausgenommen worden, item ain Glockhen, ain Tischl, 4 bar eiserne Pänder, 1 eiserne Hebdazen, aine Stange zum Schleifstein, 4 bar Wafferstift vnd mehrerer." ^) So war also in der That nicht einmal der Nagel an der Wand vor den Schweden sicher! Und wie die Truppen in der Stadt, hausten auch jene vor ihr im Lager. So berichtet der mehrerwähnte Franziskaner, daß die Soldaten aus ihrem Lager vor dem Neuhauserthore unter Tags allerlei Sachen zum Verkauf in die Stadt brachten: zahlreiche Rinder, viele Pferde, noch mehr Schweine, Weiberschleier, allerlei Leinwand, Flachs und Garn, Hollhäfen, Kupfer- und Zinngeschirr, gestohlene Kelche und anderes dergleichen Kirchensach, Weibergürtel, Röcke, Mäntel, Pelze, Betten, Schmalz und Butter — Alles zu wahren Spottpreisen, denn „damals war aine Zeit, daß ain Rind ainen Gulden, ebensovil ain Pfund Schmalz gestanden hat". Ueber Gustav Adolfs persönliche Aufführung sprechen sich die überlieferten Berichte nicht ungünstig aus. Wenn er auf der einen Seite auch hart und streng in seinen Forderungen war, so besaß er auf der anderen doch wieder so viel Klugheit, dasjenige, wovon er wußte, daß eS die Münchener vor Allem hoch in Ehren gehalten wissen wollten, die Ausübung der katholischen Religion, unangetastet zu lassen. Man schlug es nicht gering an, daß der Schwedenkönig die Gotteshäuser der Stadt besuchte, ja sogar dem Himmelfahrtsfeste in der (damaligen) Stifts- (jetzt Dom-) Kirche zu U. L. Frau anwohnte. Im Alten Hof ließ er einmal öffentliche Fechtfchule halten, bei der die Münchener mit den Schweden ihre Geschicklichkeit versuchten und die schwedischen Generale zur größeren Aneiferung Goldstücke als Preise auswarfen. — Zu öfteren Malen, wenn er durch die Stadt ritt und das Volk neugierig um ihn drängte, warf er Geld unter die Menge, die ihm dann, gedankenlos wie immer, zujubelte, vielleicht ohne zu erwägen, daß das von demselben Gelde sei, um das er sie selbst kurz zuvor ge- brandschatzt hatte. Mit der Brandschatzung sah es nämlich höchst bedenklich aus. Schon ihr Betrag war ein außerordentlich hoher, denn bei dem Umstände, daß man für einen Thaler baar um 10 kr. Werthes erhielt und Baargeld sehr rar war, darf man die begehrte Summe wohl auf 10,000,000 Mk. heutiger Währung veranschlagen, wobei noch der weitere Umstand zu berücksichtigen ist, daß München damals höchstens 20,000 Einwohner hatte. Man strengte zur Aufbringung der Brandschatzung die äußersten Kräfte an, ging von Haus zu Haus, von °) Obcrbayer. Archiv IV. 68-89. Wohnung zu Wohnung und suchte an Geld und an verarbeitetem Silber und Gold so viel zu erholen, als man vermochte, und in wenigen Tagen war doch an baarem Gelde die Summe von 104,340 st. und an Geschmeide aller Art bei 40,500 fl. beisammen. Allein selbst diese Summe konnte nicht in ihrem vollen Betrage zur Ranzion verwendet werden, vielmehr mußten hievon auch noch den schwedischen Generalen „Geschenke" im Anschlage von ca. 50,000 fl. gemacht werden, und so groß die Summe in Anbetracht der damaligen Verhältnisse war, war sie doch eigentlich unbedeutend. Man suchte nun anderwärts ein Anlehen aufzunehmen und schickte deshalb eine aus Hofbeamten und Deputirten der Stadt bestehende Commission nach Augsburg, allein alle Mühe zur Erhaltung eines Darlehens war vergeblich, ungeachtet man selbst einen offenen Creditbrief von dem Landesherrn hatte. Die kurfürstlichen Räthe, der Magistrat und die Bürgerschaft stellten dem Schwedenkönig diese Lage auch in einem Bericht vom 3. Juni ausführlich dar und eröffneten ihm, daß alle Kräfte bereits völlig erschöpft seien, so zwar, daß, wie sie sagten „sie mit Wahrheitsgrund behaupten dürfen, daß leider in gar vielen Häusern nit ein einziger Heller, wohl auch nit ein Bissen Brod mehr zu finden sei, daß also bey allhiesiger Stadt anderes nit übrig, als daß nach und nach die unschuldigen Bürger vor Hunger verschmachten und sterben müßten." Das einzige noch übrige Mittel bestände darin, jene Bürger, welche bei Annäherung der Schweden sich entfernt hätten, wieder zur Stadt zu bringen, welche dann wohl in kurzer Zeit 60,000 bis 100,000 Thaler (ü nominell 1 fl. 30 kr.) erlegen könnten. Allein darauf ließ Gustav Adolf °) sich nicht ein, sondern verlangte bis zur fälligen Abtragung der Ranzion die Stellung von 44 Personen sowohl geistlichen als weltlichen Standes, welche mit der Armee wegzuführen seien. Blutenden Herzens kam die Stadt diesem Befehle nach und erwählte 44 solche Personen, von denen mit Rücksicht darauf, daß zwei weltliche krank waren, nur folgende 42 als Geiseln fortgeführt wurden: Geistlicher lnton Mandt, vr. tbso!., CanonicnS und Stistspfarrer bei U. L. Frau. Neorg Bauer, regukirter Chorherr vom Kloster JnderSdorf. Zeorgb GttstE ) Eistercienser vom Kloster Fürstenfeld. Wann Lang Joachim Gorthard Andreas Brmmer Christes Clezlin Christes Widmann Adam Schiffer! Benedict Hagn Vincenz Getzler chberat Härter Fulgenz Kirchinaicr ßaul Albl Kaspar Mair Franz SigN) Jesuiten. j 17. April IS34, Augustiner. Franziskaner. ») Derselbe hatte vom 26. Mai bis 2. Juni einen Abstecher nach Augsburg gemacht, von zvo er auf dir Nachricht, daß im Lager wegen feiner Abwesenheit eine Revolte ausgebrochen sei, zurückkehrte, jedoch nicht mehr in der Residenz — wohl ein Beweis für ihre Verwüstung — sondern beim Wirth Freihammer am Markte (jetzt Maricnplatz Nr. 5) Quartier nahm. ») Franz Sigl schrieb eine „Geschichte der Münch'ner Geiseln in schwedischer Gefangenschaft", welcher wir die oben folgenden Daten entnehmen. k. BlasiuS Rechpacher, apostasirt 4. Mai 1634. Kapuziner. Claudius Keller Eusebius Sahner Geminian Ronpeck Wbilibert Mein! D. Weltliche: Wolfgang Jakob Pronner von Prandthause» deS inneren Raths, Paul Parstorser 1 Johann Rapp I Harlmann Reibt! ^ des äußeren Raths u. Handelsmänner. Martin Volpichler") I Georg Perhawmer ^ Albrecht Jndersdorfer, Gallgeber. Johann GeierSberger, Gastgeber. Georg Egetter, Lebzelter. Mathias Btcher, Rotbgerber. Georg Voith, Barettmachcr. Melchior Cammerlohcr, Lebzelter. Jobann Jakob Kock'. Krämer. Johann Amdorfer, Eisenbändler, ^ 20. November 163t. Georg Starnberger, Bierbrauer. Jobann Haber, Rotbgerber» -j- 3. Mai 1633. Jobann Stöbrrl, Eisenfaltor, f 17. November 1634 ">). Ludwig Rentier» Methschenk. Michael Neutter, Lebzelter. Wilhelm Mayer, Handelsmann. Am 7. Juni Morgens *^8 Uhr fanden sich die Geiseln auftragsmäßig im Jesuiten-Colleginm zusammen, wo ihrer sechs bespannte Wägen harrten, ein; zwei Stunden später ging es unter Escorte von zwei Compagnien Dragoner fort. „Was es," schreibt Pater Franz Sigl, „dabei für nasse Augen und schwere Herzen, sowohl von Jungen als Alten, bis wir zu München durch die Stadt sein hinauskommen, abgeben, das wird ein jeder gering Verständiger, so nit selbst gesehen, leicht zu Gemüth führen können; denn manches Weib beweinte ihren Mann, der unbewußter Weise gählig ist aufgezuckt und bei Androhung höchster Gefahr weggeschickt worden." Bei der Fahrt durch das Lager der Schweden, welche von hier nach Nürnberg aufbrachen, bot sich den Geiseln der traurigste Anblick: „wie viel wir da der todten Pferde und anderes Vieh und Unrath gesehen, wäre unzählbarlich zu sagen. Auch ging hinter und vor uns der Rauch von den angezündeten Schlössern und Dörfern stark auf. Je weiter wir aber kommen, je mehr schon ganz verbrannte Häuser und Dörfer müssen wir sehen. Nit eine einzige haushebige Person, außer der armen Leute und verlassenen Kinder, die den Kutschen zuliefen und um Gottes Willen das liebe Almosen bettelten, wurden getroffen." Als sie Nachts zwischen 6—7 Uhr nach Mering kamen, wurden sie im dortigen Schlosse einguartiert, bekamen jedoch weder Essen und Trinken, noch Lagerstatt; als sie dann andern Morgens die Fahrt nach Augsburg fortsetzten, „hatten die todten Pferde und Kühe noch kein Ende, doch die Dörfer waren nit so übel verbrennt". — Um 9 Uhr Vormittags kamen sie zu Augsburg bei der Lechbrücke an, mußten aber wegen Mangels an jeglicher Vorbereitung bis Nachmittags 3 Uhr warten, was die Augsburger zur Begrüßung der Geiseln mit den Worten: „Schelme, Diebe, Mausköpfe, Galgenvogel, auf den Scheiterhaufen und Galgen mit ihnen!" an die Brücke führte. Volp'chler wurde 7. Juni 1633 als einer der Dcpu- tirtcn der Geiseln nach München geschickt, kehrte aber, wortbrüchig, nicht mehr in die Gefangenschaft zurück, wodurch er natürlich nur das Schicksal seiner bisherigen LeidenSgenossen erschwerte. Die sämmtlichen hi-r angeführten Todesfälle ereigneten sich während der 2 Jahre 9 Monate 26 Tage währende» Gefangenschaft der Geiseln. In Augsburg endlich eingefahren, wurden die Geiseln zunächst in ein Wirthshaus einlogirt, doch durften die Geistlichen am 9. sich in Klöster zurückziehen, was aber nur bis zum 14. währte, an welchem Tage sie in die bischöfliche Pfalz überführt wurden, von wo man sämmtliche Geiseln aus München, Freising, Landshut u. s. w., 64 an der Zahl, in das sogenannte Tanzhaus über-, am 21. aber wieder in die Pfalz zurückführte, was der süße Pöbel aber nicht vorübergehen lassen konnte, ohne die armen Gefangenen „anzukrähen". Das Hängen, Köpfen und der Scheiterhaufen lag ihnen noch immer im Maul. Am 21. Juni endlich thaten die Geiseln ein Gelübde, „daß, wofern Gott ihnen durch die Mütterliche Fürbitte U. L. F. wieder glücklich nach München helfen werde, sie ihrzu Ehren entweder in Thalkirchen oderNamcrS- dorf einen löblichen Gottesdienst mit Predigt und Prozession halten wollten, so allda alle geistlichen Geiseln ihre allerheiligsten Meßopfer neben der weltlichen Herren guter Andacht müßten aufopfern; auch eine ewige Lobtafel als einer Mutter und Patronin dieser unserer Münchener Geiselschaft sollte aufgerichtet und in ernanntes Gotteshaus gemacht werden, welche Tafel dann gleich und ehe wir heimkommen, bei dem Kistler und Maler angesriemt und ins Werk gericht worden ist? Die armen wackeren Männer waren aber auch deS Trostes von oben um so bedürftiger, als ihre Leiden nun erst recht eigentlich begannen. Da ihre wenige Tage nach ihrer Ankunft in Augsburg von da nach München geschickte Deputation resultatlos heimkehrte, wurden sie von ihren Wächtern stark bedroht, und selbst die am 2. August erfolgte Ankunft von 68,000 Thalern Brand- fäiatzung vermochte wenig an ihrem Geschicke zu ändern, trotzdem sie sich die Mittel vom Mund abdarbten, ihren Peinigern Geschenke zu machen. Dafür wurden sie dann von jenen mit steten Drohungen theils für ihre Person, theils für München rc. trakttrt, in üble Löcher gesteckt und nach dem Tode Gustav Adolfs bei Lützen gar dahin bedroht, daß „man sie, wenn das Geld nit bald anlange, unter die Regimenter austheilen und die Obersten mit ihrer Person bezahlt machen werde." Ja der Oberst Walfteiner stellte ihnen sogar Vergiftung in Aussicht. Ein Jahr dauerten die Verhandlungen bereits, da wmden die armen Geiseln, welche nur mit Mühe ihre Knebelung hintertrieben, am 16. Juni 1633 nach Donau- wörth abgeführt, für einige Zeit mit den gemeinsten Verbrechern zusammengesperrt und am 25. Juni — und zwar die Hälfte, 17 Geistliche und 4 Weltliche, in Ketten — nach Nördlingen weiter transportirt, wo sie am 27. ankamen und vom Stadtfähnrich mit der Frage empfangen wurden, „ob man denn die ehrliche Reichsstadt Nördlingen zu einem Schergenhaus machen wolle und ob man anderswo keine Henkersknechte hätte, sondern die dortigen Bürger an ihnen zu Henkern werden müßten 2" Zum Glück dauerte ihr Aufenthalt in Nördlingen, wo ihr Logement aus einer Stube und vier Kammern bestand, doch bloß bis 27. August, an welchem Tage ihr — wenigstens etwas rücksichtsvollerer — Rücktransport nach Augsburg begann, wo sie am 28. Aug. ankamen. Da sich inzwischen die strategische Lage der in Bayern und an dessen Grenzen stehenden schwedischen Trupperr- theile bedeutend verschlimmert hatte, zog der in Braunau weilende Kurfürst die Unterhandlungen so lange hin, bis die'Belagerung von Augsburg dahin gediehe« war, daß daselbst historisch verbürgte Fälle von Menschenfresser: vorkamen, worauf endlich die Geiseln nach unsäglichen Leiden — worunter der Hunger keine geringe Rolle spielte — am 1. April 1635 ledig gesprochen wurden. Sie traten am 2. April die Reise in ihre Vaterstadt an, in welcher sie Tags darauf ankamen. Hier war ihr erster Schritt zur Stiftskirche U. L. Frau, um der Himmelskönigin für die Erhaltung des Lebens und die Rettung aus so vielen Fährlichkeiten und Drangsalen zu danken. Aus dem jährlichen Bittgänge nach Ramersdorf aber, wo die am 21. Juni 1632 gelobte Tafel aufgehängt wurde, entstand durch die Bemühungen des damaligen Spitalpfarrers zu hl. Geist, Michael. Hermann, das „Ramersdorfer Verbündniß zi/heilig Geist", welches seine Gottesdienste theils zu Ramersdorf, theils in der hl. Geistpfarrkirche hat und gerade in diesen Tagen so recht zum Beitritte einladet, damit wieder, wie einst in früheren, besseren Tagen, jährlich wenigstens eine Prozession wallen kann zu dem Gnadenbilde der heil. Maria in Ramersdorf. ALLsrLei. Wer in den Münchener Bahnhof einfährt, ist überrascht durch die große Anzahl von Bierwagen, welche zum Einrangiren in die Güierzüge auf den freien Geleisen stehen. Nach einer Zusammenstellung der „Neuest. Nachr." beträgt die Zahl der in Bayern befindlichen, zum Theil den Brauereien selbst, theils der bayerischen Staatsbahn gehörigen Biertransportwagen jetzt 1190. Hievon besitzen Münchner Brauereien 765, nach diesen kommt die zweitgrößte Exportstation Kulmbach mit 157 Bierwagen, dann Nürnberg mit 106, Erlangen mit 47, Würzburg mit 27, Bamberg mit 18, Fürth mit 12, Augsburg mit 11, Planegg mit 9, Weihenstephan mit 8 Bierwagen. Außerdem exportiren noch die Orte Kitz- ingen, Aibling, Ansbach, Aschaffenburg, Aschau, Markt- leuthen, Breitengüßbach, Münchberg, Negensburg, Reuth, Nosenheim, Spalt, Staltach, Tutzing, Straubing und Zirndorf, jedoch nur in geringerem Maße; die Ictztbe- nannten 16 Orte besitzen zusammen 30 Bierwagen. Man erkennt aus dieser Zusammenstellung, wie das Münchener Bier unter allen bayerischen Bieren hervorragt. Nach allen Großstädten Europas versenden die hiesigen Brauereien ihre Erzeugnisse, insbesondere ist das Münchener Bier in Berlin, ebenso in Paris, Hamburg, Bremen, Danzig, Königsberg, Frankfurt, Brüssel, Marseille, Lyon, Nancy, Mailand, Genf, Rom, Florenz, Venedig, Turin, Luzern, Zürich, Bern, Basel, Straßburg, Köln, Dresden, Leipzig, Mannheim, Mainz, Amsterdam und Rotterdam, in allen kleineren norddeutschen und sächsischen Städten, in Galizien, Serbien, Rumänien, Rußland, Polen und auch in Wien und sonstigen durch gutes Bier selbst ausgezeichneten Städten zu finden, natürlich auch in allen Städten Bayerns. Den größten Export hat die Münchener Spatenbranerei; dieselbe benutzt zur Verfrachtung ihr« Bieres 145 Bierspezialwageu mit je 300 Centner Tragkraft; nach dieser Großbrauerei kommt die Löwenbrauerei mit 121, hierauf die Firma Pschorr mit 87, dann Leisi- bräu mit ebenfalls 87, das Bürgerliche Brauhaus mit 66, Augustiner mit 64, Hackerbräu mit 52, Münchner Kindlbräu mit 34, Schmederer mit 25, k. Hofbräuhaus mit 17 Wagen; die übrigen kleineren Brauereibetriebe, wie Bergbräu, St. Anna, Eber!, Petuel, Mathäfer, Tho- maß, Union, Kc4osseum besitzen zusammen 67 Bierwagen. Man kann hieraus ungefähr entnehmen, welche großartige Entwickelung die Biercrzeugung und der Export in München und den übrigen bayerischen Städten und Orten erfahren hat, welche Menge Geldes hiermit verdient wird, wie viele Arbeiter und Beamte hierbei beschäftigt sind, welche Menge von Gerste und Hopfen, aber auch von theueren Maschinen erforderlich ist, und welchen Nutzen hiervon der bayerische Staat und das Deutsche Reich durch Frachten und Steuern hat. Die Bierwagen haben sämmtlich gleiche Construction, sind weiß angestrichen und tragen in blauer und schwarzer Farbe die Namen der einzelnen Bter- brauereifirmen. Im Zusammenhange mit der Bierversendung steht der immer steigende großartige Verbrauch von natürlichem und künstlichem Eis. Mehr als 20 Centner Eis sind im Sommer durchschnittlick, nach der Angabe der „M. Neuest. Nachr.", für jeden Waggon erforderlich. Täglich gehen direkte Bier-Extrazügevon München nach Berlin und an den Rhein mit durchschnittlich 30 bis 40 Waggons; Hunderte von beladenen Bierwagen werden mit den beschleunigten sogenannten Verbandszügen nach der Schweiz, nach Italien, Frankreich usw. täglich befördert. In 30 Stunden läuft jetzt der Bierwagen in geschlossenem Extrabierzug nach Berlin, wahrlich ein großer Vortheil bei strenger Kälte oder großer Hitze. Um das Bier noch weiter vor den Einwirkungen des Frostes zu schützen, wurden in neuerer Zeit sehr viele Bierwagen für Dampfheizung eingerichtet, auch Versuche mit Gasheizung mit gutem Erfolge gemacht. Auch besitzen schon ziemlich viele Bierexportwagen die Einrichtung für die Westinghouse- und Charpenterbremse, so daß sie auch mit Postzügen Beförderung finden können. --- Himmelöschau im Monat Januar. Ek —Merkur wird gegen Ende Abcndstern, geht jedoch schon um 6 Uhr unter. Venus K obwohl fast voll erleuchtet ist als Abendstern kaum mehr sichtbar. Mars F rechtläufig im Widder ist bei eintretender Dunkelheit schon hoch in SO. zu finden; er steht anfangs bis 2 U. 30 M., zuletzt bis 1 U. 45 M. früh am Himmel; sein Licht wird wegen zunehmender Entfernung von der Erde und Sonne immer schwächer. Jupiter H bewegt sich gegen die Ordnung der Zeichen und tritt schon nach Aufhören der Dämmerung abds. im Stiere hervor. Er ist sehr hell, hat seinen höchsten Stand nachts 11 U. und ist die ganze Nacht über dem Horizont. - Saturn H, am Fuße der Jungfrau, erscheint anfangs 2 U. 30 M., zuletzt 12 U. 30 M. nachts am östl. Horizont. Am 2. und 3. erscheinen Sternschnuppen mit dem Ausgangspunkte im Herkules. In der Nähe des Mondes befinden sich am 5. MarS, am 9. Jupiter, am 18. Saturn. Am 7. findet eine Bedeckung zahlreicher Sterne in den Plejaden durch den Mond statt, besonders von 6 U. bis 8 U. abds. Vom 14. bis 26. läßt sich das Zodiakallicht im W von 6 U. bis 8 U. beobachten. - iv4. L8V4. „Auasburger Postzeilung". Dinstag, ven 25. Dezember Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Drillt und Verlag des Literarilcheu Instituts von Haas k. Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Map Huttler). Erwartung. Weihnachtszeit, Weihnachtsbaum, Fest der Kleinen, der Großen Traum, Kommet, kommt doch balde! Stille, ganz stille, noch dunkelt das Zimmer, Bald aber leuchtet ein Glanz und ein Schimmer, Daß die Augen übergeh'n. Selber in unser trauriges Dunkel Dringet ein Strahl dann vom Weihnachtsgefunkel, Und das Herz fühlt himmlisches Weh'n. Weihnachtsbaum, den nie wir geschaut, Bist wie ein Freund uns bekannt und vertraut. Hört ihr der Tanne heimliches Beben? Waldcsdüfte die Räume durchschweben, Hände, betastet, was Liebe gebaut! O du fröhliche, selige Zeit, Weckest die Liebe, linderst das Leid. Ach wir ahnen, was nimmer wir sehen. Weihnachtszeit, Weihnachtsbaum, Fest der Kleinen, der Großen Traum! Stündlein, mußt hurtiger gehen! (A. d. Melodram „Weihnachtsabend unter Blinden", ged. v. Adolph Müller, comp. v. Hitzelberge.) - ---S-88MS-- Aes atterr Toni Weihnachts-Aeschichte. Nacherzählt von Jos. Elm. Grunau. (Nachdruck verboten.) Wer der alte Toni war? Im Gebiet des Laubahnthales, driunen im Tirolerland, brauchte man nicht lange Umfrage nach ihm zu halten, die Kinder auf der Landstraße, welche das enge Thal durchzieht, konnten den Fragesteller zu dem Försterhüuschen weisen, das etwas den Berg hinauf den Eingang zu dem mit aller Romantik umgebenen Herrenschloß Steinkron bewachte. In dem schmucken, kleinen Gebäude, wo Toni West- holter regierte, konnte es einem schon gefallen, denn alles machte den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit, die von sorgsamer Pflege wohlthuend unterstützt wurde. Vorn im Wohnzimmer, wo ein kleiner Erker nach dem zum Schlosse führenden Hauptweg ausgebaut war, stand der bequeme Lehnstuhl des alten Toni, den er stets innehatte, wenn er daheim war. Von dort aus hatte er das große, kunstvoll geschmiedete Gitterthor und die Hauptwege, welche in den rings das Schloß umgebenden Forst führten, vor Augen. Besonders am Abend, wenn es keine Amtspflicht mehr gab, verließ er das liebgewonnene Plätzchen kaum, sondern erzählte von dem etwas erhöhten Sitze aus gern seiner Familie und den vielen Freunden aus dem naheliegenden Dorfe Steinort von seinen Erlebnissen, zumal von der schönen Kaiserstadt Wien, wohin ihn vor Jahren der alte Freiherr zur Begleitung seines Sohnes Bruno geschickt hatte. Schon damals war er, der seit Kindesbeinen im Dienste der Familie Steinkron gestanden, in gereiftercn Jahren, eine ehrliche, verständige Haut, wenn ihr auch vielleicht der großstädtische Schliff abging. Heute, wo wir bei dem guten Toni Einkehr halten, haben sein Haar schon die silbernen Ehrenfüden durchzogen, und neben seiner im gleichen Alter stehenden Gattin Gertrud ist schon ein schmuckes Dirnderl, die Nest, ihm aufgeblüht, mit der Mutter in edlem Wettstreit, dem Vater das Leben nach Möglichkeit angenehm zu gestalten. Vor einem Jahr stark, in den Herbstferien, war ich auf meinen Wanderfahrten zum ersten Mal zu diesem reizenden Lhälchen gekommen und fand in dem Försterhause, obwohl ein Fremdling, gastliche Aufnahme. Manche herrliche Partie, wahre Gotteswunder der Natur, hatte mein Stift dem Skizzenbuche einverleiben können. Doch das schönste Bildchen malte ich mir in's Herz hinein, und das war die schwarzlockige Rest, des Försters munteres Töchterlein, das mir nicht aus dem Sinne mehr wollte, auch als ich längst von ihr Abschied genommen. Ach, es war ein schwerer Abschied für uns beide, und dem immer fröhlichen Försterstöchterlein standen ein paar glitzernde Diamantperlen in den schönen großen Augen, als sie mir sagte: „Gelt, Franz, Du schreibst und kommst wieder?" „Ja, Rest, ich schreib' und komm' wieder, und ein Ringlein bring' ich mit/' Nun war ich wiedergekommen kurz vor der heiligen Weihnacht, nachdem ich meine Studien an der Maler- Akademie beendet und an der Schwelle des praktischen Lebens stand. Im Föisterhause traf ich Alles zum Besten; der alte Toni empfing mich mit offenen Armen und seine gute Frau Gertrud nicht minder — und die Resi? 810 O, um den Hals wär' sie mir am liebsten gefallen, wenn nicht Vater und Mutter dabei gewesen wären, aber auch so sagten mir die leuchtenden Augensterne und der warme Druck der Hand, daß ihr kleines Herzchen in Liebe und Treue unverändert für ihren Franz schlug. Was der frohe Willkomm versprochen, die folgenden glücklichen Tage haben es treulich gehalten. * * Der heilige Abend war gekommen mit all' seinem beseligenden Zauber, mit der hoffnungsfrohen Erwartung, was wohl für neue Rosen der Engel der Liebe an dem Dornenstrauche des Lebens erblühen lassen werde. Seit mehreren Tagen waren die Schneeflocken in lustigem Durcheinander zur Erde niedergefallen, gleich als ob sie den Weg bereiten wollten für den gabenschweren Schlitten des lieben Christkindleins. Um die scharfen Felskanten hatte sich ein reicher Hermelin gewunden, von leuchtender Seide umsponnen ragten an den Bergen empor die Nadelhölzer, die kleinen in einen völligen Mantel eingehüllt, die großen mit schweren weißen Rosen überfüllt. Und in all den feenhaften Winterzauber entsandte der Mond seine zitternden Strahlen und ließen die lieben kleinenSternlein ihr glitzerndes, funkelndes Demantgeschmeide wiederspiegeln. Auf Steinkron herrschte noch die alte patriarchalische Sitte der Christbescheerung, die sich nicht allein auf die freiherrliche Familie und deren Dienerschaft beschränkte, sondern das ganze Dorf Steinort zu Gast lud in den großen Saal, wo nach einem kleinen Imbiß die Lichter an dem mächtigen Tanncnbaum angezündet wurden. Gab's da einen Jubel, als die liebe Jugend auf ein gegebenes Zeichen an die langen Gabentische heran- stürmte; von jeder Familie durfte ein Kind an dieser keineswegs fruchtlosen Jagd nach dem Glück theilnehmen, und jedes fand seinen Theil, entsprechend seinen Verhältnissen. Mitten unter der Kinderschaar schwebte neben dem sie unterstützenden ehrwürdigen Pfarrherrn wie ein ordnender Engel die schöne Freifrau Lucie von Steinkron einher und schöpfte aus den dankbaren Augen der reichlich Beschenkten den süßen Lohn ihrer arbeitsamen Mildthätigkeit. In eine Fensternische zurückgelehnt, stand der Schloßherr Bruno und verfolgte mit einem stolzen, glücklichen Blick seine geschäftige Gemahlin, und mochte bei sich wohl denken: wie schön ist's, so viele glückliche Menschen unter seinem Dache beherbergen zu dürfen. Langsam brannten am Christbaum die Lichter hernieder, noch einmal stimmte die frohe Menge eines der herzergreifenden innigen Weihnachtslieder an, dann schied Jeder, glücklichen Frieden im Herzen, von der Stätte solch christlicher Gastlichkeit, einen heißen Segenswunsch für die gute Herrschaft von Steinkron auf den Lippen. Mich trieb's am heiligen Abend noch nicht so schnell aus dem Bereiche des Schlosses; der alte Toni lud noch mehrere seiner Bekannten auf ein Stündchen zu einem Glase Punsch ein, das die saubere Rest mit gewinnendem Lächeln kredenzte. „Aber Vater, Toni, wo habt denn Ihr Euer Geschenk gelassen; ganz leer wird Euch der Herr, der so große Stücke auf Euch hält, doch nicht haben ausgehen lassen?" Das Gesicht des Alten, der seinen Thron in dem kleinen erhöhten Erkerchen wieder eingenommen hatte, verzog sich zu einem freundlichen Schmunzeln, er hatte offenbar nur auf diese Anregung gewartet, denn alsbald zog er aus der weiten Seitentasche seines Rockes eine kleine Schachtel und sagte dann mit anscheinend gleichgiltiger Stimme: „Es werden halt wieder einige Nüsse sein, der gnädige Herr weiß, daß ich sie liebe." Die schmucke Rest lächelte verschmitzt zu mir herüber, und ich verstand, daß es mit den Nüssen doch eine besondere Bewandtniß haben müsse. „Nun, Toni, mir scheint, für^Eure alten Zähne seien Nüsse keine rechte Arbeit mehr, laßt sehen, das Christkind hat Euch gewiß einen besseren Kern hineingelegt." „Glaub's schon, schaut her, Ihr Neugierigen." Krack, krack, leicht platzten die Schalen auseinander, und in die vor ihm aufgehaltene Schürze der Nest rollte aus jeder Nuß ein blinkender Golddukaten hervor, welche das flinke Mädchen mit lautem Juchhei auffing und der Mutter klingend in den Schooß warf. Der gutmüthige Alte lachte aus vollem Halse und schob vor Freude das kleine Sammtkäppchen auf dem Kopfe hin und her, während wir Zuschauer verwundert dreinschauten. „Ja, das sind die Nüsse vom lieben Christkind, ich kenne sie schon manches Jährlein, denn immer kommen sie wieder auf's Neue und rufen dem alten Toni eine Geschichte in's Gedächtniß zurück, bei der auch er so eine kleine Rolle mitgespielt hat." „Erzählen, Vater Toni, erzählen," klangs von den Lippen aller Freunde zugleich. „Nun ja denn, komm, Nest, noch einen guten kleinen Punsch, damit die Zunge bester die ungewohnte Arbeit deS Erzählens verrichten kann." Der alte Toni erzählte: „In Wien war's, wohin mich der selige Freiherr damals mit unserm gnädigen Herrn beordert hatte, damit er dort in der feinen Gesellschaft das Leben kennen lerne und an der Hochschule studire. Nun, ich hab' immer so meine eigenen Gedanken gehabt' und so dacht' ich auch damals, daß bei den feinen, jungen Herrchens wenig Gutes zu lernen sei. Ja, wenn dort unser gnädiger Herr in Allem ein eifriger Student gewesen wäre, der alte Toni hätte es nicht bis zum Schluß ausgehalten und süß' heute nicht als Förster auf Steinkron. Gott Dank, hielt der Freiherr etwas auf der guten alten Freifrau Wort, das sie ihm auf die Reise mitgegeben und oft in Briefen eindringlich wiederholt hatte. So ging's fchon eine Zeit lang recht gut, wenn auch mancher tolle Streich, der nun einmal zur Jugend gehört, mit in den Kauf genommen wurde. Der alte Toni wußte schon nachher die Sache wieder ins Reine zu bringen. Im Frühjahr waren wir nach der Kaiserstadt gekommen, und nun schrieben wir schon Dezember, ohne daß die schlechte Wiener Luft den Herrn besonders angekränkelt hätte. Da zog mit einem Mal ein neuer Cirkus, mit allem Raffinement ausgestattet, die Aufmerksamkeit der lebe- lustigen Welt auf sich. Selbstredend mußten unsere jungen Cavaliere hin, und zwar vorne hin in die ersten Plätze. Vor Allem war's da eine-junge Kunstreiterin, eine kecke, herausfordernde Schönheit, die die Augen auf sich zog. Allabendlich flogen ihr von der jungen Welt die prächtigsten Bouquets und Kränze zu, aber gleichgültig schien 81l sie all die Spenden der Verehrer entgegenzunehmen, nur ^ irgend einem Geschenk und einem duftenden Bricfchen an den Blumen meines Herrn zeigte sie besonderes Wohl- j den Weg zu der Reiterin antreten. Zuweilen, wenn mir gefallen, obwohl sie bei Weitem nicht die schönsten waren. ^ so ein Auftrag zu Theil wurde, wagte ich wohl einen Dafür allerdings war, nun, ihr wißt's ja alle nock, vorwurfsvollen Blick dem Freiherrn zuzuwerfen, aber Freiherr Bruno bei weitem der stattlichste junge Mensch, ^ dann klopfte er mir lächelnd auf die Schulter und sagte: der im Land zu finden. Anfangs schlug's bei dem ! „Geh', Toni, das kennst Du nicht." Bet dem Dämchen Weihnacht: Steige nieder, Nacht der Wonnen, Freudenvolle Weihenacht! Die dereinst der Welt den Frieden, Den Erlöser uns gebracht. Sei gegrüßt, Geheimnißreiche I Die du gießest Licht und Lust Aus des HimmelsGnadenbronnen Sanft in jedes Menschen Brust! Holde Engel, steigt hernieder Vom gestirnten Himmelszelt, Frieden bringet, Segen wieder Uns'rer kampfdurchtobten Welt. Flammet licht, ihr trauten Kerzen, Denn ein Friedensfest bist Du, Heil'geNacht! Auch meinemHerzen Spende süße Himmelsruh'. Ja, an Heilands Krippe kniecnd Sei die Bitte dargebracht: „Gib o Herr, daß ich einst fei're Mit den Engeln Weihenacht!" Herrn nicht sonderlich an, aber die schöne Reiterin ließ nicht ab mit ihren glühenden Blicken. Was Wunder, daß es endlich auch einmal Feuer fing bei einem frohen, die Welt noch nicht kennenden, jungen Manne? Erst begann ein leichtfertiges Necken und Scherzen, wie es so das fahrende Volk liebt und zu seinem Vortheil meisterhaft auszunützen weiß. Manchmal mußte ich nun mit gabs allerdings immer ein gutes Trinkgeld; ein halber Gulden und auch wohl ein Gulden war gerade keine Seltenheit, aber mir war's immer, als ob mir das Geld in der Hand brannte, und ich suchte mir bald eine arme Frau, wo ich es los wurde, obwohl ich's selbst schon gut hätte verwenden können. Die Liebelei wurde immer schlimmer, unser Herr 812 schien ganz in dem Cirkusfräulein aufzugehen, und selbst die Spöttereien seiner weniger begünstigten Freunde brachten ihn nicht zur Besinnung. Die Dame selbst blieb die alte herausfordernde Kokette, von tieferer Neigung war keine Spur vorhanden, und wer als Unbe- theiligter die Sache ansah, mußte den Eindruck gewinnen, daß die Reiterin ihren Anbeter einfach geschickt an der Nase herumführte. Aber die Liebe macht blind, sagt's Sprichwort, und so war's mit dem Freiherrn Bruno; er sah nicht die Wirklichkeit, sondern nur die vor ihm hingaukelnde Fata Morgana, die sich seine erhitzte Phantasie vorwalte. Es kam die Weihnachtszeit und der heilige Abend. Der reichlich gefallene Schnee war in den verkehrreicheu Straßen der alten Kaiserstadt Wien zu einer schmutzigen Masse umgewandelt worden. „Toni," rief mich gegen 6 Uhr Abends der junge Herr in sein Studirzimmer, wo allerdings mehr der Kurzweil als des Studiums gepflogen wurde. „Toni, hier bring' diese Schachtel zu Fräulein Elwire, spute Dich, es setzt gewiß ein gutes Trinkgeld für Dich ab." „Ach, Herr, das Trinkgeld wollt' ich gern missen, wenn wir beide daheim in Steinkron die heilige Weihnacht feiern könnten." „Geh', alter Junge, wirst Doch kein Heimweh haben, doch mache v^ran, vielleicht bringts Christkind uns beiden etwas aus der Heimath, ich glaube, der Postmann war eben hier, doch lauf' nun." Zum Laufen war's mir nun gar nicht zu Muth an dem schönen Abend, wo alles mich hier an Steinkron gemahnte, und da Alles, was hier vorging, so ganz anders war als dort. Langsam das kleine Packet- chen unter dem Arm, den Sinn voll mißmuthiger und wehmüthiger Gedanken, schlenderte ich meinen Weg dahin, der ein ziemliches Ende betrug. Die Reise führte mich auch über den großen Weihnachtsmarkt. War's da ein frvhes Leben und Treiben. Auf allen Gesichtern konnte man die Vorahnung der kommenden Freude lesen. Arm und Reich drängten sich durch die erleuchteten Verkaufsstände, suchend, was wohl den Liebsten Freude bereiten könnte und dem Geldbeutel dabei angepaßt sei. Junges Volk durchwogte die Reihen und ließ sehnsuchtsvoll den Blick an all' den schönen buntbemalten Gegenständen haften; und wie mag das kleine Herzchen geklopft haben bei der Hoffnung, ob am Morgen auch das Christkind an all die Dinge gedacht habe, die man ihm sorgsam zu Papier gebracht und mit der Adresse „an das liebe Christkind im Himmel" hübsch couvertirt in den Briefkasten geworfen hatte! Gott, mir wurd's auch grad' wie einem Kinde zu Muthe, und überall mußte ich stehen bleiben und das bunte Tausenderlei anstaunen, das sich den Augen bot. Die trüben Bilder, mit denen ich vom Hause wegging, waren bald entschwunden und damit auch freilich die Mahnung des jungen Herrn zur Eile. Ueberall stockte der Fuß, nnd schon war eine geraume Zeit seit meinem Weggang verstrichen. Der Schlag der Thurmuhr von St. Stephan, die schon 8 Uhr verkündete, weckte mich aus all' den schönen Träumereien und gemahnte der Pflicht. Eilig winde ich mich durch das immer dichter werdende Gedränge. Endlich bin ich dort, wo die kleinen Buden stehen, aus dem ärgsten Menschenknäuel heraus und kann den> Schritt etwas eiliger nehmen. Aber, o weh, da renn' ich gerade wieder einen etwas im Wege stehenden Korb an, und so lang er gewachsen, fliegt euer Toni gottlob nicht in den schmutzigen Schnee, aber einer guten Hökerin in den Kram, wo's zum Glück nichts zu zerbrechen gab. Schlimmer als mir selbst erging's dem sorglich unter dem Arm bewahrten Packetchen. In weitem Bogen fiel's zur Erde. Auf der luftigen Reise löste sich das Umschlagpapier, und bei der unzarten Berührung mit der schmutzgepolstertcn Erde sprang der Deckel auf und davon mit ihm der Inhalt, eine Anzahl vergoldeter Nüsse. Die Besitzerin des Krams hatte mit meinem Ungeschick Mitleid, trotz der seltsamen und unliebsamen Begegnung, die ich mit ihren aufgestapelten Schätzen gemacht hatte. Mit Hilfe ihrer Laterne gelang es, die Schätze zu sammeln, aber in welcher Verfassung! Von den Nüssen war der Glanz weg, und daS gelbbraune Unterröckchen schaute stellenweise ganz unverschämt heraus. War mein Erstaunen über das seltsame Geschenk meines Herrn schon groß, so war es doch für mich gleich ausgemacht, daß ich so schadhafte Nüsse nicht ans Ziel bringen dürfe. Die gute Hökerin half mir mit einem Vorschlage indessen bald über die Schmerzen hinweg, indem sie sich erbot, gegen ein kleines Entgelt mir die beschmutzten Nüsse gegen tadellos vergoldete einzutauschen. Nun hatte es keine Noth mehr, denn das zierliche Schächtelchen war glücklicher Weise auf das Einwickelpapier gefallen. Froh, so leichten Kaufs aus der Geschichte herauszukommen, trabte ich nun, um ferneren Abenteuern zu entgehen, dem Bestimmungsorte zu, wo meine Botschaft schnell bestellt war, denn das Fräulein war ausgegangen. Auch zu Hause fand ich den jungen Herrn nicht mehr und entging so einem weiteren Examen über meine Sendung und konnte mich ungetheilt den Genüssen hingeben, welche der heilige Christ von Steinkron für mich herübergebracht hatte. (Schluß folgt.) Ein Weihnachtsabend unter den Palmen Algiers. Erinnerung eines Veteranen des XIX. französischen Armeecorps. Von Theodor Habicher. (Nachdruck verboten ) Es war während des letzten Araber-Aufstandes des Jnsurgentenführers Bou-Amema, hart an der marokkanischen Oase Figig, die auch schon der kühne deutsche Forscher Gerhard Rohlfs, zur Zeit in Nüngsdorf bei Godesberg lebend, im Jahre 1862 auf einer Forschungsreise gleichfalls besuchte. — Die dritte Compagnie des dritten Bataillons vom ersten Fremdenregiment marschirte in glühender Sonnenhitze dem großen Atlasgebirge zu. Heute noch mußte sie dasselbe erreichen. Es galt mit äußerster Vorsicht vorzugehen, denn die Araber, die jeden Weg und Steg, jede Klippe und Höhle kannten, hielten gewiß die unzugänglichsten und gefährlichsten Stellen besetzt. Die in Sidi Bel Abbes stationirte Compagnie war, etwa zweihundert Mann stark, abmarschirt, während etwa dreihundert Mann, die den Strapazen wohl kaum gewachsen waren, in Sidi Bel Abbes zurückblicken. Aber V X ^ ^ >!«^<7»0 ' - , ^ -.x^- W M M .K LF^M-KÄ ^ !^MMl § or eine Krippe führt uns Heut' Deine Mutterhand, Wo einstens Gott der Menschheit In Liebe sich verband. kamen fromme Hirten Auf eines Engels Wort, Die Könige aus Osten Sie knieten opfernd dort. Jahrhundert um Jahrhundert Schickt seine Söhne her — Der Strom der Völker fluthet Und fluthet immer mehr! Ein Tropfen dieses Stromes, Der zu der Grotte lenkt, Möcht' ich der Mutter danken, Die uns den Sohn geschenkt. 814 auch diese kleine Zahl war bis nach A'in-Sefra bei Tiout im Süden der 1,000,000 Einwohner zählenden Provinz Oran auf nur hundert Mann zusammengeschmolzen. Und nun marschirte man schon seit zwei Tagen, ohne einen Tropfen Wasser. Was nutzten die Lebensmittel, die man bei sich führte, wenn man nicht kochen konnte. Alles war zusammengetrocknet und ausgedörrt. Doch das Essen war das Wenigste. Niemand dachte daran, Niemand hatte Hunger. Durst, brennender Durst, das war der Dämon, der Alle quälte. Schon um 4 Uhr war man von der letzten Haltestelle aufgebrochen, um womöglich noch vor der größten Sonnenhitze das rettende Gebirge zu erreichen. „Halteplatz mit Holz ohne Wasser," lautete auf der Karte die Bezeichnung des letzten Bivouaks. Das Vorletzte war ebenso gewesen, und dabei hatte man am vorletzten Tage zwei Tagemärsche von je fünfunddreißig Kilometer gemacht, um so schnell wie möglich die wasserarme Gegend zu verlassen und in das Gebirge zu gelangen. Und nun marschirte man schon seit vier Stunden. Müde und matt schleppten sich die Soldaten dahin, mit dem hohen Tornister auf dem Rücken, der in der Hitze doppelt fühlbar war. So weit man sehen konnte, nichts als Himmel und Sand und Sand und Himmel. Die Sonne war erst seit zwei Stunden aufgegangen und stand schon hoch am Himmel; sie sandte sengend ihre Strahlen hernieder. Der Himmel hatte eine aschgraue Farbe, und die Luft zitterte förmlich in wellenförmigen Bewegungen, während der glühend heiße feine Staub durch alle Kleider bis auf die Haut drang und ein entsetzlich prickelndes Gefühl verursachte. Es war kaum noch möglich, vorwärts zu kommen. Und gerade jetzt, jetzt galt es wachsam zu sein, denn die Araber kannten nur zu gut die gefahrvollen Märsche. Endlich war das Gebirge erreicht, und entschlossen marschirte man vorwärts. Aber glaubte man Schatten oder doch wenigstens etwas Kühle zu finden, so hatte man sich arg getäuscht. Der Sand und Staub wurde durch das fortwährende Steigen und Bergabgehen nur um so heftiger aufgewirbelt: nicht nur die Sonne brannte von oben und der Sand von unten, nein, auch die Berge glichen riesigen Neflectoren, von denen die Sonnenstrahlen mit aller Macht zurückgeworfen wurden. Wie im Gluthofen marschirten die Soldaten vorwärts, fast erstickt von dem aufgewirbelten Staub, der die Kehle austrocknete und halb verbrannte. Man marschirte wohl bald wieder zwei Stunden in den Bergen. Es galt mit äußerster Vorsicht vorzugehen, denn jeden Augenblick war ein Ueberfall der Araber zu befürchten. Die Berge wurden immer gefahrdrohender, die Klippen immer gefährlicher. Es wird Halt gemacht. „Gott sei Dank!" murmelten die bärtigen Krieger. „Gott sei Dank! Dschenien-Bu-Rezk, die so lang ersehnte Quelle ist erreicht, und nun in's Bivouak!" Munter ging der Vortrab zurück auf das Hauptcorps; nach kurzer Zeit war das Soldaten-Quarticr im Freien aufgeschlagen; die Gewehr-Pyramiden wurden zusammengesetzt, und aus den Kochlöchern, die in Eile angelegt wurden, zog der qualmende Rauch gegen Himmel. Wachen zogen auf, um die ruhenden Kameraden gegen einen Ueberfall der räuberischen Tuarcgs während der Nacht zu beschirmen. Nach eingenommener karger Mahlzeit suchten sich die Mannschaften unter den Palmen ein schattiges Plätzchen, um die müden Glieder auszuruhen; andere hingegen reinigten das staubige Gewehr. „Hollah, deutscher Bruder, warum so traurig?" sagte bei dieser Beschäftigung ein alter Legionär mit wetterhartem, kühnem Gesicht, dem man an seinen rauhen Kehltönen sofort den Schweizer anhörte, zu einem jungen Mann, der neben ihm stand und mechanisch sein Gewehr nachsah. „Hast Recht, schon 18 Tage unterwegs und noch keine Patrone verschossen! Doch, Bruderherz, vertreib' Dir die Grillen." . Mit diesen Worten holte er aus seinem Brodbeutel eine ziemlich umfangreiche Absinthflasche heraus, that einen herzhaften Zug und bot sie seinem Kameraden an; dieser nippte kaum und gab das Getränk mit kurzem Dank zurück. — „Was ist Dir denn?" fuhr er fort, indem er seinen Waffengefährten etwas aufmerksamer ansah; „bist doch sonst kein Kopfhänger. Wenn Du etwa das Fieber kriegen willst, dann geh' zum Pflasterschmierer und laß Dir Pillen geben, die der Schitan (T .... l), aber kein ehrlicher Legionär verschlucken mag. Oder hast Du vielleicht einen Brief bekommen, und ist Dir daheim die Braut untreu geworden? Laß sie laufen, das Weibsbild, kriegst sie doch nicht mehr zu sehen Der Kuckuck mag alle Leute holen, die das unnütze Geschreibsel, die Briefe fabriciren; ich hab' mein Lebtag noch keinen erhalten; das Geld sollte mir leid thun, das ich dem Postillon zu verdienen gebe. Allerdings schreiben kann ich nicht viel, und mit dem Lesen geht es auch verdammt holprig. Pah! bist noch ein junger Bursche und hast mehr von den Schreibereien gelernt, wie ich; alle Tage kann Dir das Glück blühen, kannst noch General werden! Deine Gesundheit!" Wieder holte er die Flasche hervor und reichte sie dem Kameraden, der kaum auf diese Worte gelauscht hatte, die Flasche aber dennoch, um den gutmüthigen Schweizer nicht zu verletzen, mit trübem Lächeln ansetzte. „Weißt', Junge," nahm dieser nach einer Pause das Gespräch wieder auf, „weißt', häng' Dich nur nicht an ein Frauenzimmer. Das macht Dir den Kopf schwer und das Herz traurig, und nachher hast Du keine Courage, wenn's gilt. Ich hab' manch braven Burschen gekannt, der es weit hätte bringen können, aber da war oft ein Schürzenband schuld, daß er nicht vorwärts konnte. Verlaß Dich drauf, es ist so, wie ich Dir sage!" „Sprich nicht davon, Schweizer, das verstehst Du nicht; übrigens ist das auch nicht der Grund meiner Traurigkeit, wenn ich überhaupt traurig bin." „Was? das versteh' ich nicht?" fragte der Alte, „Du meinst wohl, weil ich jetzt ein Gesicht habe, wie eine alte Patrontasche, daß man keinem Mädel gefallen hat. Ich war früher ein so schmuckes junges Kerlchen, gerad' wie Du mit Deinem Milchgesicht, und des Großbauern Liesel lächelte mir so freundlich zu, als ich noch Holzknecht war in unseren Bergen. Es sind freilich an die zwanzig Jahre her, und ich hab' in der Zeit ein großes Stück unseres Herrgotts schöner Welt gesehen. Ich habe zwölf Jahre den Holländern in Indien gedient und manches Abenteuer bestanden, das einen tödtlichen Ausgang zu nehmen versprach; und mehrere Jahre diene ich schon der QäAion Ltran^äre hier in Algier und habe meine Orden wahrhaftig nicht in Unehren verdient, aber noch heute thut mir das Herz weh, wenn ich an des Großbauern Liefet denket Ja, Freund," sagte er, und über sein gefurchtes sehniges Gesicht zog ein Schatten bitteren Schmerzes, „ja, Freund, es war ein herziges, liebes Ding, das kleine L'esel. Was soll ich Dir viel erzählen? Es war dieselbe traurige Geschichte, wie sie nicht allein in unsern Thälern passirt. Der Großbauer war der reichste Mann in der ganzen Runde, und ich besaß nichts als meine Axt und meinen starken Arm. Und als ich des Sonntags nach der Kirche auf den Hof ging, um um mein Liesel anzuhalten, da jagte er mich mit Hohnlachen hinaus, und ich ging blutenden Herzens von bannen. Für kein Geld wäre ich in mein Dorf zurückgekehrt, ich dacht' bei mir, machst's wie dein Vater selig, der ist auch hinausgezogen und hat dem großen Kaiser gedient und ist als Stelzfuß zurückgekehrt und hat nachher geheirathet. Trink' noch einmal, Bruder; ich werde mein Dorf wohl nimmer sehen, und das Liesel hat mich längst vergessen. Sag' aber nicht, daß ich nichts davon verstehe; ich hab' mein Weh' mit mir herumgetragen viele Jahre lang, und oft wenn die Kugeln gepfiffen haben, hab' ich an mein Liesel gedacht, ja heute noch. Doch, was geht's Dich an? Legionäre, die sich für einen Sou täglich todtschießen lassen, haben kein Herz im Leib!" Der alte Söldner tegte die Arme auf die Mündung seines Gewehres, stützte sein Kinn darauf und schaute wehmüthigen Blickes in die Ferne. Doch gleich darauf richtete er sich auf, als schäme er sich der Regung und sagte scherzend zu seinem jungen Geführten: „Jst's nicht so, Kamerad, uns drückt der Schuh an derselben Stelle?" „Es ist möglich," sagte dieser verlegen, „aber es ist doch etwas Anderes, was mich gerade heute niederdrückt. Sage, Alter, seit wie lange hast Du kein Weihnachten gefeiert?" „Weihnachten?" entgegnete der Schweizer rauh. „Weihnachten? Was kümmert's mich? Es ist lange her, daß ich mich um solche Sachen bekümmert habe. Ich glaube auch nicht, daß unser Herrgott nicht lange mit einem alten Soldaten rechten wird, ob er die Festtage, die die gelehrten Herren in den Kalender gesetzt haben, richtig gehalten hat, und wenn er's thut, nun, unsereiner hat es nicht besser gesehen und gelernt." Er wischte sich über die Augen, in denen ein ver- rätherischer Glanz schimmerte, und meinte dann: „Ja, wenn's denn wirklich so ist, daß sie heute daheim in meinem Dörfchen die Tannenbäume anzünden, dann hätte ich auch eine Bitte an das Christkind: ich wollte, daß unser Herrgott mir ein selig Ende geben möcht', eine Kugel gerad' in das Herz hinein, damit es frei würde von allem Schmerz und aller Qual, ja — dann wär's ruhig da drinnen!" Mächtig schlug er mit der flachen Hand sich vor die Brust und wandte sich ab, als fürchtete er, zu viel gesagt zu haben. Es wurde immer später. Die Legionäre trugen Holz zusammen für das große Feuer, damit man nachts gegen die Anfälle wilder Thiere geschützt sei. Die Nacht war kühl, und aus den Sümpfen stieg der feuchte, fieberbringende Nebel. Der Schein des Feuers erleuchtete einen ziemlich weiten Umkreis und gab der buntbewegten Scenerie ein wildes, seltsames Aussehen. Mehrere Soldaten hatten Trommeln in den Lichtschein gerückt und spielten mit ihren schmierigen, fetten Karten; andere lagen und saßen in allen Stellungen um die Spieler und machten nach jeder Partie ihre Bemerkungen. Alles leidenschaftliche, abenteuerliche Gesichter, denen man es ansah, daß sie mehr Schlachten mitgemacht, als Frankenstücke in den Taschen hatten. Nicht umsonst ist diese Legion das tapferste Regiment Frankreichs. Nicht umsonst hat sie sich in fast allen Theilen der Welt: bei Magenta und Sebastopol, in Algier und Mexiko, Tunesien und Tonkin blutige Lorbeeren errungen. Nicht umsonst besitzt sie die höchsten Auszeichnungen, die meisten Orden und Ehrenzeichen, wie sie kein zweites Regiment in Frankreich auszuweisen vermag. Sagte doch einst General Negricr bei einer Gelegenheit in Tonkin: „Gebt mir ein französisches Regiment Infanterie, so wage ich mich nicht zwei Meilen vor die Stadt; gebt mir aber eine Compagnie der Legion, so mache ich die Tour durch ganz Tonkin." Der junge Deutsche saß auf einem Baumstamm in der Nähe des Feuers und schaute trüben, finsteren Blicks in die Flammen. An seiner Seite lag der alte Schweizer; er hatte den Kopf auf den Ellbogen gestützt und rauchte schweigend aus seinem kurzen Thonstummel. Beide waren in tiefe Träumereien versunken, beide schienen ähnlichen Gedanken nachzuhängen. Der Alte dachte an seine Liesel, und grimmig ballte er die nervige Faust, als er an den hohnlachenden Großbauer dachte, der seiner Armuth gespottet und sein treues Herz voll Liebe verlacht hatte. Ueber des jungen Fremdenlegionärs Gesicht zog wehmüthig der Schatten eines still verzehrenden Schmerzes, einer so tiefen unheilbaren Schwermuth, die nur der Tod zu erlösen im Stande ist. Ja, jetzt um diese Stunde läuteten zu Hause die Glocken in dem nahen Städtchen, jetzt zog die Schaar der Andächtigen nach dem Kirchlein, wo der greise Priester ihnen verkündete, daß heut' der Gnadentag der ganzen Menschheit sei, an dem vor so viel hundert Jahren in jener Herberge zu Bethlehem die Gottheck zu dem armen Menschengeschlechte herabgestiegen sei, um es zu erlösen. Und er dachte an sein Mütterchen, wie sie gebückt und schneeweiß geworden war vor Aerger und Gram, in ihrer Ecke saß hinter dem großen Pfeiler, und wie sie jetzt das schwere Gebetbuch mit dem Messingschloß wohl kaum noch in ihren zitternden Fingern halten konnte, und daß ihre trüben Augen, vom Weinen und Nachtwachen geröthet, die großen Buchstaben nicht mehr erkannten. Da wurde ihm so weh um's Herz, mit so gewaltiger Bitterkeit übermannte ihn das Gefühl, daß er laut aufschluchzte, sein Gesicht in die Hände verbarg und seinen Thränen freien Lauf ließ. Erschreckt fuhr er auf und sah um sich, ob einer seiner rohen Kameraden vielleicht ihn bemerkt hätte; doch nur der Schweizer beobachtete ihn ernsten, traurigen Blicks. »Ja, ja, junger Bursche," tröstete er in seiner rauhen Soldatenart, „es thut weh, ich glaub' Dir's, aber halt' nur aus! Wenn Du noch drei- oder viermal an Deinen Lichterglanz zu Hause gedacht haben wirst, dann brennt's nicht mehr so, wenigstens nicht so schlimm." Der junge Mann schüttelte heftig mit dem Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung. Hier waren auch die bestgemeinten Trostworte nicht angebracht. Er verfiel wieder in seine Träumereien. Jetzt heulte gewiß zu Hause der schaife Nord-Ost 816 und klapperte mit den Straßenlaternen und den alten rostigen Wetterfahnen, der tiefe Schnee knirschte unter den Tritten, und Alles drängte und eilte in den Straßen, um die letzten Vorbereitungen für den festlichen Abend zu treffen. In den Häusern herrschte überall wichtige Geheimthuerei; die Kinder waren alle in ein Zimmer gesperrt und harrten voll Ungeduld des erlösenden Augenblicks, die großen beschwichtigten die kleinen und hörten ihnen noch einmal die Weihnachtsgebete ab. Auch für ihn hatte es einst solche Zeit gegeben, auch seine Mutter hatte gesorgt und geschafft für ihn, und sie war glücklich und reich belohnt, wenn in seinem wilden Knabenauge eine Thräne der Freude und Ueberraschung blitzte. Wie schön war's im kleinen traulichen Stübchen der Mutter, wenn eS im Glanz der Kerzen und der goldenen Aepfel erstrahlte, und es ward ihm, als umwehte ihn der süß berauschende Waldesduft des Tannenbaums aus der Heimath, als sagte sie zu ihm mit ihrer sanften Stimme: „Das Alles ist Dein!" Ob sie heute wohl seiner gedachte? Ein Schauer überlief ihn kalt. Mochte der Unglückliche wohl ahnen, daß man sie bereits hinausgetragen an den stillen Ort, der Niemanden zurückgibt, und daß sie nun unter der starren eisigen Decke an der Seite des Mannes ruhte, der ihn einst auf seinen Knieen geschaukelt und ihn seine einzige Freude und seinen Stolz genannt hatte? Und als sein Mütterchen auf dem Sterbebette lag, da war Niemand, der ihr die müden matt- geweinten Augen hätte zudrücken können, und schon glaubte die alte Frau, allein und von aller Welt verlassen sterben zu müssen, da kam eine hohe edle Frauengestalt und warf sich schluchzend über das Bert, weinte lange und krampfhaft und konnte nur das eine Wort aussprechen: „Verzeihung!" Da legte das alte Mütterchen die kalte erstarrende Rechte wie segnend auf das weiche blonde Haar der Büßenden; ihr brechender Blick suchte den Himmel, mechanisch bewegten sich ihre Lippen; sie hatte vor dem Tode das große Unrecht verziehen. Als man dann den Sarg hinaustrug, da folgte ihm ein hohes blondes Mädchen im einfachen Trauerweide, und die Altersgenossen wiesen mit Fingern auf sie und sagten: „Da geht sie, die des Lehrers Fritz in's Unglück getrieben, der es nicht gefiel im kleinen Städtchen bei uns; sie mußte in die Residenz, und dort wurde sie leichtsinnig!" So war es in der That. Sie waren Nachbarsleute, der junge Soldat in Algier und das schöne blonde Mädchen hier hinter dem Sarge. Schon von Jugend auf waren sie für einander bestimmt gewesen, und sie liebten einander so treulich, bis der Verführer die elternlose Waise verlockte, in die große Stadt zu kommen und zum Theater überzugehen. Was half da alles Bitten und Rathen und Flehen? Sie ging, verblendet von dem Flitterglanz — und dann kam die alte Geschichte, die ewig neu bleibt. Sie fuhr in stolzer Equipage und trug seidene Kleider. Als die Kunde davon nach dem Städtchen drang, machte sich Fritz nach der Residenz auf, um sich Gewißheit zu verschaffen. Und als er vor dem hohen Hause stand, das sie jetzt bewohnte, und sie mit einem fremden Herrn die breite Marmortreppe herabkam und ihn, der sich bescheiden in eine Ecke drückte, mit kaltem, fremdem Blick musterte, als kenne sie ihn nicht, da ging er weg mit seinem bleichen Antlitz, und er ging soweit wie ihn seine Füße trugen, immer weiter in fremde Länder, — es hörte Niemand mehr etwas von ihm. — Der Herbst kam, die Blätter fielen von den Bäumen. Da fing das blonde Mädchen an zu hüsteln, ganz trocken und leicht. Sie hatte keine Schmerzen, und immer noch hoffte sie, er werde einst wiederkehren und ihr verzeihen, wie die Mutter ihr verziehen hatte. Als der Frühling kam und mit warmem Sonnenstrahl die Veilchen und die Rosenknospen hervorlockte, da trug auch sie zwei Rosen auf den Wangen, still und ohne Klagen, aber sie wurde blässer und blässer. Noch immer hoffte sie, er werde wiederkehren, und sie träumte von fernen Zeiten und von einer schönen Zukunft. Die Blätter fielen wieder von den Bäumen, da trug man auch sie hinaus im engen Sarge, und die Leute steckten die Köpfe zusammen und sagten diesmal: „Sie hat's gebüßt!" Ahnte das Alles der junge Soldat? Immer wilder tobte der Schmerz in seinem Innern, immer banger bemächtigte sich der Zweifel seines Herzens. Lebte sein Mütterchen noch, und gedachte sie seiner? Er hatte nie geschrieben, nie ein Lebenszeichen von sich gegeben, sie mochte denken, er wäre todt, immer noch besser, als daß sie wußte, daß er in Algier Soldat und täglich von tausend Gefahren umgeben sei, daß sie täglich und stündlich sich um ihn ängstigte. Was machte die treulose Braut? War sie tiefer gesunken oder auf den Pfad der Tugend zurückgekehrt? Es war gleichgiltig. War sie doch für ihn auf ewig verloren! — und doch, doch! — warum mußte er immer wieder an sie denken, warum schloß er sie wider seinen Willen Abends in sein Gebet ein? Es wurde später und später, das große Feuer glimmte nur noch. Die Spieler hatten sich längst zur Ruhe begeben, man hörte nur noch die regelmäßigen Schritte der Schildwachen und den Ruf der Ablösung. Die Beiden saßen noch immer am Feuer und schauten in die glühenden Kohlen, sie waren der Außenwelt entrückt, tief in Gedanken versunken. (Schluß folgt.) -—«-«Nr-»-— Allerlei. Jnstitutsfrüchte. Backfisch: Weißt Du, Großmama, wie man ein Ei verspeist? Man nimmt ein Ei, perforirt dasselbe auf der Aversseite, bringt in der korre- spondirenden Basis eine Oeffnung an, setzt das Ei an die Lippen, inhalirt mit ganzer Kraft den Athem, und das Ei ist seines ganzen Inhaltes entleert. — Großmutter: Nein, was es jetzt doch für merkwürdige Erfindungen gibt, früher hat man zwei Löcher hineingemacht und das Ei ausgelutscht. „Auf dem Rittergut Neuhaus bei Delitzsch" — so steht in Nr. 29 des „Pferdefreunds" zu lesen — „besichtigte bei Herrn Amtmann Schirmer Herr Oberlandstallmeister Graf Lehndorff am 6. Oktober zehn Hengste und kief davon mehrere für die Landgestüte." Falsch! Es heißt nicht „kief" sondern „kuf". * Auch ein Glück. A.: „Ich weiß mir gar keinen Rath mehr, so schrecklich viele Ratten habe ich, fressen mir alles auf." — B.: „Sie Glücklicher!" — A.: „Was sagen Sie?" — B.: „Bei mir verhungert sogar das Ungeziefer." Auflösung des Bilder-Räthstls in Nr. 102: Spanische Wand. - 1 » 4 - HL1V5. Ireitaz, den 28 . Dezember 18S4. k?ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischen ZnstitutS von HaaS L Grabherr in Augsburg > > > —