Unterhaltungsblatt zur „Augsburger Poſtʒeitung“. №. 1. Dienſtag, den 2. Januar1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas & Grabberr in Augsburg (Vorbesiꜩer Dr. Max Huttler). Neues Jahr. Singet, ſingt ein neues Lied, Singet es dem Herrn, Sein das Jahr, das von uns ſchied, Reihend Stern an Stern! Neues Licht und neuer Strahl Glänʒt am ʒeitenthor, Huld und Gnaden ohne ʒahl Quellen'raus hervor. Stimmet wie ʒu Engel Sang Hoch und hehr den Muth! Vor der ʒukunſt ſteht nicht bang, Der ſie lenkt, iſt gut! Gottes Reich, der Seinen Glück, Steht uns noch bevor, Blicket ʒweifelnd nicht ʒurück, Hoffend ſtrebt empor! — Auf verwegener Bahn. Kriminalnovelle von Guſtav Höcker. — [Nachdruck verboten] Es war am 21. Auguſt Abends gegen 10 Uhr. Kein Mondſtrahl ſtahl ſich hinter deu bewölkten Himmel hervor. Um ſo glänʒender hoben ſich in der Dunkelheit ʒu beiden Seiten des breiten Stromes, welcher die Hauptſtadt in ʒwei Hälften theilt, die langen geraden Feuerlinien unʒähliger Gaslaternen ab. Ueber die Waſſerfläche drang ein heiſerer, unheimlicher Ton. Er war einem Hilfeſchrei ähnlich, noch beſſer ließ er ſich mit dem nervenʒerreißenden Geräuſch vergleichen, welches durch das Rücken eines größeren Möbels verurſacht wird, nur daß man ſich hier den Schall vertauſendfacht denken mußte. Der Ton wurde durch die Dampfpfeife eines Kellendampfers hervorgebracht, welcher eine lange Reihe ʒillen oder Frachtkähne ſtromaufwärts ſchleppte, und es war das gewöhnliche Signal für andere Fahrʒeuge, den Weg freiʒuhalten. Der Dampfer bedurfte ʒu feiner Vorwärtsbewegung weder der Schraube noch der Schaufelräder. Eine endloſe eiſerne Kette, welche auf dem Grunde des Stromes lag, lief über das Schiff hinweg, und indem ſie ſich um ʒwei auf dem Deck angebrachte Walʒen oder Trommeln wickelte, die von der Maſchine gedreht wurden, ʒog ſich daran das Fahrʒeug mit ſeinem langen Gefolge vorwärts. Vorn und hinten Schiffsraum hinaus, der vordere nahm die Kette auf, ragte je ein mit Rollen verſehener Ausleger über den der hintere gab ſie, nachdem ſie um die Trommeln ge⸗ laufen war, dem Strome wieder ʒurück. Plötʒlich ließ der Mann, welcher in der Nähe des vorderen Auslegers ſtand, einen Ruf ertönen, ergriff eine der langen Hakenſtangen und ſchob ſie mit haſtigen Bewegungen nach dem Waſſer hinab. Der Kapitän auf der Brücke glaubte, irgend ein kleines, unvorſichtiges Fahrʒeug ſei in Gefahr, von dem Dampfer überrannt ʒu werden. Mit einem Fluche gab er durch das Sprach⸗ dohr das ʒeichen ʒum Stoppen in den Maſchinenraum hinab. Das Raſſeln der Maſchine, das dumpfe Rollen der Kette ſchwieg. Die Vermuthung des Kapitäns be⸗ ſtätigte ſich jedoch nicht. Der Mann am Ausleger hatte m Scheine der Signallaterne, der auf dem Waſſer ʒitterte, bemerkt, wie mit der Kette ein dunkler Gegenftand emporkam, und darin einen menſchlichen Körper erkannt. Nur mit Hilfe einiger Schiffsleute, die ebenfalls mit Hakenſtangen ʒugriffen, konnte der unheimliche Fund von der Kette befreit und an Bord geʒogen werden Es war der Leichnam einer Frau, der noch nicht lange, vielleicht kaum eine Stunde, in dem Wellengrabe gelegen haben mochte, und wer weiß, wo und wann er demſelben entriſſen worden wäre, hätte ſich nicht das ungewöhnlich lange ſtarke Haar in die Glieder der Kette verwickelt Wäre der Dampfer nur eine Sekunde ſpäter ʒum Stillſtand gekommen, ſo würde die Reibung der Kelle an der Rolle des Auslegers die Strähne des Haares wie Spinnweben ʒerriſſen und dem Strome ſeine Beute ʒurückgegeben haben. Auf Befehl des Kapitäns beſtiegen ſofort ʒwei ſeiner Leute das Boot, um auf der nächſten Poliʒeiſtation von dem Funde Anʒeige ʒu machen. Die Mannſchaft hatte ſich anfangs um die Leiche gedrängt, da ihr aber der Anblick Ertrunkener nichts Ungewohntes war, ſo war ihre Neugier bald befriedigt, und unbeachtet lag der dunkle, regungsloſe Körper ʒwiſchen Theertonnen und ʒuſammengerollten Ankertauen auf dem Vorderdeck. Als aber nach einer halben Stunde ein Kommiſſar mit mehreren Schutʒleuten an Bord erſchien, war Jeder begierig ʒu hören, wie die allwiſſende Poliʒei ſich ʒu dem Falle ſtellen werde, und dicht ſchaarte ſich Alles bis ʒum letʒten Schiffsjungen hinab wieder um den graufigen Fund, der mit raſch herbeigeholten Laternen von allen Seiten beleuchtet wurde. — 2 — Die Todte war ſehr einfach gekleidet, doch ließen mancherlei Merkmale erkennen, daß ſie den reicheren Ständen angehörte. Ihr aufgelöſt um die Schultern hängendes, langes, ſtarkes Haar ʒeigte noch nicht den Silberſchein des Alters, aber die Ʒüge und Runʒeln des Geſichts wieſen ſie hart an den Ausgang der Fünfʒig. „Aus Liebesgram iſt die ſchwerlich ins Waſſer geſprungen,“ bemerkte ein älterer Matroſe, der mit großer Seelenruhe ſeinen Stummel rauchte. Seine Genoſſen lachten roh. „Geſprungen?“ nahm der Kommiſſar das Wort auf, der eben das Licht der Laterne auf den Hals der Leiche hatte fallen laſſen und mit großer Aufmerkſamkeit hinſaß, „die Frau iſt weder ins Waſſer geſprungen, noch iſt ſie überhaupt ertrunken.“ Erwartungsvolles Schweigen folgte dieſer überraſchenden Eröffnung und die ʒu hinterſt Stehenden machten lange Hälſe. „Dieſe Frau war ſchon todt, ehe nur eine Welle ſie naß machte,“ fuhr der Kommiſſar fort, „man hat ſie ʒuerſt von hinten erwürgt und dann ins Waſſer geworfen. Ich kenne dieſes ʒeichen,“ fügte er hinʒu, indem er auf eine kreisförmige, blutunterlaufene Furche in der Mitte des Halſes deutete,„man nennt es die Strangulationsmarke.“ Daß man es mit keinem Selbſtmorde oder Unfalle, ſondern mit dem ſcheußlichen Verbrechen eines Dritten ʒu thun habe, brachte eine allgemeine Bewegung hervor. Die Männer drängten ſich näher heran, um die Spur des Verbrechens ſelbſt ʒu ſehen, und wichen dann um ſo weiter ʒurück, als möchten ſie mit der Sache nichts mehr ʒu thun haben. Das Wort„Raubmord“ wurde hier und da laut, aber der Kommiſſar ſchüttelte ungläubig den Kopf; er hatte in der einʒigen Taſche des Kleides unter dem durchweichten weißen Schnupftuche, das mit einem R. geʒeichnet war, ein ſehr niedliches Damenportemonnaie gefunden, welches ʒur Aufbewahrung einer größeren Summe als der darin enthaltenen wenigen Markſtücke und einiger Nickelmünʒen abſolut nicht geeignet war; auch trug die Ermordete mehrere, offenbar ſehr werthvolle Ringe an den Fingern und um den Nacken eine ſchwergoldene Kette, die ſich ʒwiſchen den Bruſtknöpfen des Kleides verlor. An den Enden der Kette, die der Poliʒeikommiſſar vollends hervorʒog, war ein ʒiemlich großes, goldenes Medaillon befeſtigt. Das Vorhandenſein aller dieſer Gegenſtände bot keinen Anhalt, daß es ſich um einen Raubmord handeln könne. „Kennt vielleicht Jemand ʒufällig die Frau?“ wandte ſich der Kommiſſar an ſeine Unterbeamten. Nein, Niemand erinnerte ſich, ſie vorher unter den Hunderttauſenden dieſer Stadt geſehen ʒu haben. „Iſt Ihnen auch Niemand bekannt, der dieſem Herrn ähnlich ſieht?“ frug der Kommiſſar und ließ das Medaillon, welches er der Leiche abgenommen und geöffnet hatte, die Runde machen. Es war der photographiſche Porträtkopf eines Offiʒiers, der in den vierʒiger Jahren ſtehen mochte und Majorsepauletten trug. Ein dicker Poliʒeiwachtmeiſter betrachtete das Bild mit beſonderem Intereſſe, bald brachte er es dicht ans Auge, bald hielt er es weit davon ab, wobei er mit der anderen Hand fortwährend die Spiꜩen ſeines gewaltigen grauen Schnurrbartes drehte. „Will mich hängen laſſen, wenn ich den Mann nicht bekannt habe,“ unterbrauch er endlich die erwartungsvolle Stille. Er war Compagnie-Chef in dem Bataillon, bei dem ſch ſtand, mag ſo an etwa ʒwanʒig Jährchen her ſen. Später wurde er mit dem ganʒen Regiment von hier ins Reichsland hinverſetʒt. War ein Hitʒkopf! Da hat ihn etwa vor ein Dutʒend Jahren der Teufel wieder einmal hierher geführt, auf Urlaub, glaub' ich, und da gabs irgend einen böſen Handel mit einem Andern, ein Piſtolenduell, wobei er erſchoſſen wurde. Je länger ich das Bild anſehe, deſto gewiſſer wird mir's, daß er's iſt; aber auf ſeinen Namen kann ich mich nicht mehr beſinnen.“ Der Poliʒeikommiſſar hatte am Fundorte der Leiche nichts mehr ʒu thun, als ein Protokoll aufʒunehmen, welches er vom Kapitän des Dampfers und den bei der Auffiſchung ʒunächſt betheiligten Leuten unterʒeichnen ließ. Dann wurde der Körper ins Boot gebracht und mit den Poliʒeibeamten ans Ufer gerudert, wo bereits ʒwei Träger mit einem Korbe warteten, um die unheimliche Laſt nach der Leichenſchauhalle ʒu tragen, begleitet von einer neugierigen, unterwegs fortwährend anſchwellenden Menge. Inʒwiſchen nahm an Bord des Dampfers die Kette mit dumpfem Geräuſch ihre Arbeit wieder auf, die Eiſenglieder, woran noch Strähne des langen Frauenhaares hingen, rollten über die Trommeln hinweg, um ſich hinter dem Schiffe an derſelben Stelle, wo ſie den Fund emporgebracht hatten, wieder in die Tiefe ʒu verſenken, und der Dampfer ʒog mit ſeinem durch die Nacht ſprühenden Funkenſchwarm wieder ſeine Bahn dahin. (Fortsetʒung folgt.) Die neue Kreis⸗ undStadt⸗Bibliothek in Augsburg. (Hieʒu die Bilder auf Seite 4 und 5 nach Photographien von Hof-Photograph Fritʒ Höfle in Augsburg.) Vor ein paar Wochen wurde die neue Augsburger Kreis⸗ und Stadtbibliothek ihrer Beſtimmung übergeben. Einige Mittheilungen über die bisherige Geſchichte derſelben und über den jeꜩigen Neubau, welche wir der „Belletriſtiſchen Beilage ʒur Augsb. Abendʒtg.“ entnehmen, dürften nicht ohne Intereſſe ſein. Die Kreis⸗ und Stadtbibliothek ʒu Augsburg hat ein mehr als dreihundertjähriges Alter hinter ſich, indem ihre Gründung in das Jahr 1537 fällt. Sie birgt einen großen, werthvollen Bücherſchatʒ von mehr als 200,000 Bänden und beſteht großentheils aus den beſten Büchern der alten Kloſterbibliotheken, die der Rath der Stadt ʒur damaligen ʒeit aus den leerſtehenden Klöſtern, welche nach Einführung der Reformation von der katholiſchen Geiſtlichkeit und den Mönchen verlaſſen worden waren, ſammeln und ordnen und in dem von ſeinen bisherigen Bewohnern aufgegebenen Dominikaner⸗Kloſter aufſtellen ließ. Joh. Heinr. Held wurde der erſte Bibliothekar und erhielt aus der Stadtkaſſe jährlich 50 Goldgulden, um durch Anſchaffung neuer Bücher die Sammlung fortgeſetʒt ʒu bereichern. Schon nach wenigen Jahren ʒeigten ſich daher die Räumlichkeiten als ungenügend und es wurde für die„Liberey“ das Ballhaus bei St. Anna beſtimmt, welches Gebäude der Rath für Granvella, erſten Geheimen Rath des Kaiſers KarlV., Biſchof von Arras, auf ſeinen Wunſch in nächſter Nähe des ehemaligen Karmelitenkloſters und nunmehrigen St. Anna⸗Gymnaſiums, 1548, ʒum Ballſchlagen hatte herſtellen laſſen. Aus verſchiedenen Gründen verʒögerte ſich der beabſichtigte Umʒug, bis 1561 das ſchadhaft gewordene Ballhaus abgebrochen und auf - 3 - demſelhen Plaꜩe für die Bücherſammlung ein eigenes Haus in gleicher Größe gebaut wurde, Eine Inſchrift an der Südſeite des Gebäudes beſagt: Bibliothecam hanc S. P. Q. Augustanus bonarum artium studiis et doctorum hominum usui exstruxit MDLXII. 1568 wurde das neue Gebäude beʒogen. Die Bibliothek wurde von gelehrten Männern aus weiter Ferne ſo ſtark benüꜩt, daß der Rath ʒu ihrer Schonung 1617 die Anordnung treffen mußte, daß nur mit Wiſſen der BibliothekDeputirten ein Buch ausgefolgt werden dürfe, denn manches Werk war verloren gegangen. Einer hohen Anerkennung ihres Werthes erfreute ſich die Bibliothek durch Papſt Pius VI., welcher ſie am 4. Mai 1782 beſuchte und die ſeltenen Werke eingehend beſichtigte. Dieſer Beſuch iſt auf einer Marmortafel verewigt. Gelegentlich der Einverleibung der ehedem reichsunmittelbaren Stadt ʒur Krone Bayerns im Jahre 1806 kam ein Theil des Bücherſchatʒes, darunter wohl die werthvollſten Sachen, nach München, doch ſind immerhin noch ſeltene Werke und Handſchriften im Beſitʒ der Augsburger Bibliothek, um welche ſie manche andere große Bibliothek beneiden könnte, und die heute noch einen Anʒiehungspunkt für die wiſſenſchaftliche Welt bilden. Durch Ʒuſchüſſe aus Stadt⸗ und Kreismitteln wird für die Evidenthaltung der Bibliothek geſorgt, wenn auch nur in beſcheidenem Maße. Das Gebäude nun, in welchem ſich die Kreis⸗ und Stadtbibliothek ſeit mehr als 300 Jahren befand, wurde vor drei Jahren vom Staate angekauft, um es abbrechen ʒu laſſen und an ſeiner Stelle einen Erweiterungsbau für das proteſt. St. Anna⸗Gymnaſium ausʒuführen. In Folge deſſen machte ſich für die Stadtgemeinde die Nothwendigkeit geltend, für andere Bibliothekräume Sorge ʒu tragen. Dies ſollte in erſter Linie durch Adaptirung eines urſprünglich ʒu Kloſterʒwecken dienenden, ſpäter als Kaſerne(Kreuʒkaſerne) verwendeten Gebäudes, des ehemaligen ſogen. Prälatenbaues der Auguſtiner-Chorherren, geſchehen, welches Projekt auf ca. 180,000 Mark Koſten veranſchlagt war. Angeſichts dieſer bedeutenden Summe drängte ſich jedoch die Frage auf, ob es ſich denn wirklich lohne, ein altes Gebäude ʒu Bibliothekʒwecken ʒu adaptiren, da die ʒu adaptirenden Räume in Folge ihrer Höhe von ʒirka 3½ Meter, wollte man die mitunter ſehr gefährliche Benutʒung der Bücherleitern vermeiden, viel todten Raum aufwieſen. Es wurde deßhalb vom ſtädti— ſchen Baubureau ein Neubauprojekt ausgearbeitet, das einſchließlich der inneren Einrichtung einen Koſtenaufwand von 230,000 Mark erforderte. Aber auch dieſes Projekt erfuhr eine weitere Umarbeitung, da erſtens der Wunſch ausgeſprochen wurde, das Aeußere monumentaler ʒu geſtalten und auch dem Treppenhauſe eine reichere architektoniſche Ausſchmückung angedeihen ʒu laſſen, ʒweitens auf eine eventuelle ſpätere Unterbringung des ſtädtiſchen Archivs, das ſich gegenwärtig in einem gemietheten Gebäude befindet, Rückſicht ʒu nehmen. Leꜩterer Punkt führte auf eine Vergrößerung des Projektes, und ſo entſtand, nachdem der Verfaſſer des Projekts, Herr Baurath Steinhäuſſer mit dem Bibliothekar Herrn Dr. Rueß mehrere neuere Bibliotheken in Augenſchein genommen hatte, das ʒur Ausführung gelangte Projekt, wofür die ſtädtiſchen Kollegien 269,000 Mark genehmigten. Als Bauplatʒ für das neue Bibliothekgebäude wurde ein ſtädtiſches Grundſtück in der Schäʒlerſtraße gewählt, gegenüber dem Stadtpflegerangerſchulhauſe, in der Nähe des Juſtiʒpalaſtes und des prächtigen Stadttheaters. Die Längsaxe des Gebäudes geht von Süden nach Norden, die Hauptfront iſt gegen Oſten gerichtet. Sie ſteht ʒirka 12 Meter von der vorbeiführenden Straße ʒurück. Das Gebäude enthält ein hochgelegenes Kellergeſchoß, ein Erdgeſchoß und ʒwei Obergeſchoſſe. Im Kellergeſchoß, deſſen Fußboden ſich ʒirka 1 Meter unter dem äußeren Terrain befindet, ſind eine Hausmeiſter-Wohnung ſowie die Räume für die Heiʒung, außerdem Magaʒine für ʒeitungsdoubletten ꝛc. untergebracht, während das Erdgeſchoß, deſſen Fußboden in guter Manneshöhe über dem äußeren Terrain liegt, die ſämmtlichen Verwaltungs⸗Räume und theilweiſe Bücherſammlungen enthält. Die beiden oberen Geſchoſſe ſind durch ʒwiſchenböden in vier Stockwerke getheilt und umfaſſen lediglich Büchermagaʒins⸗Räume. Tritt man durch das in der Mitte der Längsfront befindliche Portal in das Innere des Gebäudes, ſo hat man ʒunächſt die bis in das ʒweite Hauptgeſchoß führende dreiarmige Haupttreppe vor ſich. Links finden ſich die Verwaltungsräume, und ʒwar links diejenigen für die Bibliothek, während die rechtsſeitigen für die Archivverwaltung reſervirt ſind. Die Verwaltungsräume für die Bibliothek umfaſſen ʒunächſt ein unmittelbar neben dem Eingang gelegenes Dienerʒimmer, ſodann Katalogʒimmer, welches jeder Bibliotheklbeſucher betreten muß, ehe er in den Leſeſaal und in das Arbeitsʒimmer des Bibliothekars gelangt, und dn gewiſſermaßen ʒugleich das Kontrolʒimmer iſt. Der Leſeſaal befindet ſich gegen Oſten. Derſelbe hat eine Länge von 12,0 und eine Breite von 6,2 Meter und enthaͤlt drei ʒweiſeitige Leſetiſche, an denen ſich 24 Sitʒplätʒe für Leſende befinden. Die weitere Ausſtattung des Leſeʒimmers beſteht aus ʒwei Schränken für Lexikalien, Atlanten ꝛc., ſowie einem Tiſch für ʒeitungen, ʒeitſchriften u. dgl. Das Arbeitsʒimmer des Bibliothekars wie das Leſeʒimmer ʒeichnen ſich ſowohl durch gute Beleuchtung wie außerordentlich behagliche Einrichtung aus und es muß ein wahres Vergnügen ſein, darin ſchaffen und ſtudiren ʒu können, beſonders in dem gegen den v. Schnurbein'ſchen Park gelegenen Arbeitsʒimmer des Bibliothekars, Hiſtorienmaler Andreus Mayr †. in welches als einʒiges Weltgetöſe höchſtens im Sommer Finkenſchlag und Droſſelſang dringen dürfte. Unmittelbar an das ʒimmer des Bibliothekars ſtößt ein Büchermagaʒinsraum, der durch eine ʒwiſchendecke in ʒwei Ge— ſchoſſe getheilt iſt, die unter ſich durch eine gußeiſerne Wendeltreppe verbunden ſind. In der ſüdweſtlichen Ecke des Gebäudes liegt ʒwiſchen maſſiven Mauern eine bequem angelegte Nebentreppe, welche die Verbindung mit dem Kellergeſchoß, mit den ſämmtlichen Büchermagaʒinen und mit dem Dachraum vermittelt. Dieſe Nebentreppe hat ſich bereits beim Einräumen der Bücher als äußerſt praktiſch erwieſen, da die Haupttreppe hierbei noch nicht in Verwendung kommen konnte. Auch auf der anderen, nördlichen Seite des Gebäudes befindet ſich eine ſolche Nebentreppe und ein ʒweigeſchoſſiger Magaʒinsraum für Archivakten. Sonſt iſt bei den Verwaltungsräumen in dieſem Theil des Gebäudes eine etwas andere Eintheilung als bei der Bibliothekverwaltung getroffen. Gegen Weſten befindet ſich ein kleineres ʒimmer, das Solchen ʒum Arbeiten eingeräumt wird, die ſich Speʒialſtudien in der Bibliothek oder im Archiv widmen. Die Lage dieſes Tuskulums iſt noch weltvergeſſener, als die des Leſe- und Bibliothekarʒimmers, und es iſt mit ſeiner uralten bequemen Möblirung und den beiden aus dem Sternwartenthurm der alten Bibliothek ſtammenden Rieſengloben recht eigentlich ein Studirʒimmer. Der geräumige, 7,85 Meter lange und 7,00 Meter tiefe Saal daneben hat als Archivkanʒlei ʒu dienen, an welche gegen Oſten das Arbeitsʒimmer des Archivars ſtößt. Die anderen ʒwei gegen Oſten gelegenen ʒimmer ſind vorläufig für andere ʒwecke reſervirt. Die Eintheilung des Gebäudes für Bibliothek- und Archibʒwecke iſt überhaupt ſo gedacht, daß jede Verwaltung und jede Magaʒinirung vollſtändig für ſich getrennt beſtehen kann, und es iſt eine Theilung ſowohl in horiʒontaler als vertikaler Weiſe möglich.(Gegenwärtig iſt die horiʒontale Theilung durchgeführt, um eine ungleichmäßige Belaſtung der einen Gebäudehälfte gegenüber der andern ʒu vermeiden, und weil über die Unterbringung des Archivs noch keine Entſcheidung getroffen iſt.) Das Kellergeſchoß kann ſowohl vom Haupttreppenhauſe wie vom Hofraum aus und durch die beiden Nebentreppen betreten werden. Die hier befindliche Hausmeiſterwohnung umfaßt 3 ʒimmer, Vorplatʒ, Küche und ʒubehör. In den eigentlichen Bücherräumen, den beiden in je 2 ʒwiſchenſtockwerke getheilten Hauptgeſchoſſen, nimmt den Mitteltrakt eines jeden der letʒteren ein größerer Saal von 8,8 Meter Länge und 6,2 Meter Tiefe ein. Jeder Neue Kreis- und Stadt-Bibliothek Augsburg. — 5 — dieſer beiden Säle iſt durch Thüren mit den angrenʒenden Magaʒinsräumen verbunden und dient ʒur Aufnahme der werthvolleren Bibliothekſchäꜩe, der Incunabeln, Kupferſtiche ꝛc, die ʒum Theil in Schaukäſten ſichtbar gemacht ſind. Eine Gallerie in jedem Saale dient ſowohl ʒur Aufnahme von Büchergeſtellen, wie ʒur Verbindung der Ʒwiſchengeſchoſſe. Die Büchergeſtelle in den Magaʒinsräumen ſtehen in einer Axenentfernung von 2 Metern von einander, was für die ganʒe Anlage des Projektes maßgebend war. Die niedrigen Ʒwiſchengeſchoſſe wurden deshalb gewählt, um durch Anwendung niedriger Bücherrepoſitorien eine bequeme Handhabung der Einſtellung und Entnahme der Bücher unter Wegfall jeder Benutʒung von Leitern erʒielen ʒu können. Wie bei der geſammten übrigen Einrichtung, ſind auch beʒüglich der Repoſitorien die einfachſten und ʒweckmäßigſten Vorbilder genommen und dadurch die brauchbarſten Ergebniſſe erʒielt worden. Die eigenartige, aber höchſt einfache Lagerungsweiſe, Verſtellbarkeit der Bücherbretter, ermöglicht in der That eine ganʒ außerordentlich leichte Ein- und Umſtellung der Bücher, ohne daß ſelbſt bei ſchwer belaſteten Brettern ein Gehilfe nöthig wäre. Ʒur Anwendung gelangt iſt das patentirte Syſtem der Herren Stadtbauinſpektor Wolf und Stadtbibliothekar Dr. Ebrard in Frankfurt a. M. Treppenhaus der neuen Kreis- und Stadt-Bibliothek in Augsburg. — 6 — Dasſelbe geſtattet mit den einfachſten Mitteln, auf Grund des alten Ʒahnleiſtenſyſtems, aber in umgekehrter Anwedung, die leichteſte Verſtellbarkeit der Bücherbreltter, an welchen beſonders geformte ʒapfen befeſtigt ſind, die ſich in den Ʒahnleiſten leicht auf und ab bewegen laſſen. Der weitere Vortheil iſt aber der einer vermehrten Raumgewinnung. Im Ganʒen ſind in der neuen Bibliothek an Repoſitorienflächen(in der Anſicht) 1719 Quadratmeter vorhanden. Außexdem ſind die Kellermagaʒine belegt mit Doubletten, Ʒeitungen und dergl. Eine hübſche Einrichtung iſt ferner die Anbringung von ſpielend leicht ʒu handhabenden Klapptiſchchen an den Seitenwänden der Büchergeſtelle, auf welchen die Bücher behufs kurʒer Muſterung ihres Inhalts oder auch vor der Einordnung bei Umſtellungen ꝛc. niedergelegt werden können. Leer ſteht noch der Erdgeſchoßraum rechts(der für die Archivverwaltung in Ausſicht genommen iſt, vgl. oben), das geſammte ʒweite Hauptgeſchoß mit ʒwiſchenſtock und der Dachraum. Ueber bauliche Einʒelheiten möge folgendes bemerkt ſein. Den erſten Anforderungen an einen ſolchen Bau, nämlich möglichſte Feuerſicherheit, ausreichende Lichtʒufuhr ꝛc., wurde, ſoweit nur immer möglich, Rechnung getragen. Jedes der Hauptgeſchoſſe iſt in ſich durch maſſive Decken in Eiſenkonſtruktion mit Betongewölben abgeſchloſſen. In den Verwaltungsräumen ſind die Deckengewölbe durch Gypsdielen und Mörtelverkleidung verdeckt. Die geſammte Eiſenkonſtruktion iſt auf 3380 ʒentner im Gewicht veranſchlagt und wurde von der Maſchinenbauaktiengeſellſchaft Nürnberg als der Mindeſtfordernden geliefert und koſtete einſchließlich der Nebentreppenanlagen und der Saalgallerie 32,576 Mark. Dex Dachſtuhl iſt vollſtändig freitragend konſtruirt und der als Speicher vorgeſehene Dachraum deßhalb durch keine Stütʒen beengt. Das Dach iſt mit ʒinkblech nach dem Leiſtenſyſtem eingedeckt. ʒur Abhaltung der Feuchtigkeit von den Kellergeſchoßräumen wurden in den Fundamentmauern, die an ſich ſchon in ʒementbeton ausgeführt ſind, unter der Fußbodenhöhe Blei⸗Iſolirplatten eingelegt, außerdem wurde rings um das Gebäude ein Traufpflaſter aus Asphaltbelag hergeſtellt. Die Holʒfußböden in der Hausmeiſterwohnung beſtehen aus in Asphalt gelegten Buchenriemen, die übrigen Kellerräume haben des Lichtes wegen einen Bodenbelag von Solnhofer Platten. In den Verwaltungsräumen ſind die Fußböden aus eichenen Riemen gebildet(im Leſeſaal mit Linoleum belegt). Alle Büchermagaʒinsräume haben nach den Treppen ʒu feuexrſichere Thürabſchlüſſe. Außer den von Föhrenholʒ hergeſtellten Fenſtern in den Verwaltungsräumen beſtehen alle anderen Fenſter aus Schmiedeeiſen. Alle ſind mit großen Lüftungsflügeln verſehen, ſodaß im Verein mit den einʒelnen bis über das Dach reichenden Ventilationsſchächten eine ausreichende Ventilation aller Räume erreicht wird. Geheiʒt, und ʒwar durch Niederdruckdampfheiʒung, können vorläufig nur die Wohn- und Bureauräume werden, doch kann dieſe Heiʒung mit Leichtigkeit in allen anderen Räumlichkeiten eingeführt werden. Selbſtverſtändlich iſt auch Waſſerleitung vorhanden. Die Länge des Gebäudes beträgt etwas über 50 Meter, die überbaute Fläche 824 Quadratmeter, die Höhe von der Terrainoberfläche bis ʒur Hauptgeſimsoberkante 19,1 Meter. Für das Aeußere des Gebäudes gelangte der Putʒbau in Anwendung, weil derſelbe hier doch einmal landesüblich iſt und Hauſtein die Koſten ʒu ſehr erhöht hätte. Letʒteres Material, und ʒwar Granit, ſowie Pappenheimer Marmor, kam nur für einige Sockel, Geſimſe und Baluſtraden ʒur Anwendung. Im Uebrigen iſt das Gebäude im Barockſtil aufgeführt, ʒeigt im Aeußeren wie am Treppenhauſe einen monumentalen Charakter und macht durch ſeine Verhältniſſe wie die gewählte Architektur einen imponirenden Eindruck. Das Treppenhaus, das der Eintretende ſofort vor Augen hat, wirkt namentlich vortheilhaft durch die gewählte Säulenſtellung und die dasſelbe flankirenden, flott entworfenen Karyatidenpaare(von einem trefflichen Augsburger Künſtler, Herrn Böhe im). Dadurch, daß eine Einfriedung in der feſtgeſetʒten Vorgartenlinie vermieden iſt und lediglich der rückwärtige Hofraum durch ein Gitter abgeſchloſſen wurde, tritt die Façade noch mächtiger hervor. Vor derſelben wird ſpäter ein Blumenparterre hergeſtellt, ſeitlich aber ſollen die ſchon beſtehenden Anlagen in der Weiſe umgeſtaltet werden, daß ſie vorn ebenfalls flach und hinten dichter gehalten werden, was die Wirkung des mächtigen Baues ſicher nicht beeinträchtigen wird. So vereinigt ſich alles, um das neue Werk ʒu einem ebenſo äſthetiſch anſehnlichen und wirkungsvollen wie praktiſch brauchbaren ʒu ſtempeln, ſodaß die Kreishauptſtadt Augsburg auf dieſe ihre neueſte Errungenſchaft mit gerechtem Stolʒ hinweiſen darf. Andreas Mayr, Hiſtorienmaler von Unterthingau im Algäu. Eine Skiʒʒe ſeines Lebens und ſeiner Werke. (Hieʒu das Bild Seite 3.) Am 12. November 1893 ſtarb ʒu Unterthingau (Marktflecken imB.⸗A. Oberdorf) ein Mann, in deſſen Hinſcheiden Kunſt und Kirche einen großen Verluſt erlitten. In Andreas Mayr, Hiſtorienmaler, ſchied ein eben ſo edler, treuer, kindlich frommer Sohn der Kirche wie echt chriſtlicher, tüchtiger Jünger der heiligen Kunſt aus dieſem Leben. Ein Sonntag war's, der Tag des Herrn, dem er ſo treu und freudig gedient, das Schutʒfeſt Mariens, deren Bild er ſo oft, ſo gern, ſo lieblich mit Stift und Pinſel dargeſtellt, da er in ſeinem trauten Heim, von deſſen Wand eines ſeiner lieblichen Bilder: „Maria mit dem Jeſuskinde“ den Wanderer grüßt, im Atelier, dem Raume ſeines langjährigen, fleißigen, frommen, ſchönen Schaffens, das Bild eines wie im Tode verklärten Künſtlers und Dulders, als eigenthümlich ſchöne Leiche lag. Geboren am 30. November 1820, am Tage des heil. Andreas, ʒu Unterthingau im ſchönen Algäu, der Heimath ſo vieler Künſtler und Denker, wo die nahe großartige Bergwelt der Alpen den Menſchen leichter und ſchneller als ſonſtwo über das Niveau des Gewöhnlichen erhebt, als Sohn des Ʒimmermeiſters Franʒ X. Mayr, wetteiferte Andreas bald mit ſeinem älteren Bruder Ulrich an Kunſtſinn und Kunſtfertigkeit. Während jedoch letʒterer Vorliebe für plaſtiſche Bildwerke ʒeigte— er fertigte unter Anderm für die heimathliche Pfarrkirche herrliche Apoſtelſtatuen— neigte ſich Andreas der edlen Malkunſt ʒu. Schon als Knabe von ʒehn Jahren ʒeichnete und malte er Porträts. Einmal hatte der damalige Herr Lehrer an der großen Schultafel ſelbſt Gelegenheit, die Porträtähnlichkeit einer Kopfʒeichnung ʒu bewundern, und doch war das nur eine leicht und ſchnell hingeworfene Skiʒʒe des kleinen Andreas. Nach Entlaſſung aus der Volksſchule ſeines Heimathortes übergab ihn ſein Vater, der — das Talent ſeines Sohnes erkannte, im 14. Lebensjahre dem Hiſtorienmaler Lochbühler in Wertach ʒur Vorbildung für ſeinen Künſtlerberuf. Der reichbegabte, eifrige Schüler machte ſehr raſche Fortſchritte in der edlen Malkunſt und malte bis ʒum Jahre 1839 in Kempten und Kaufbeuren Porträts, ʒugleich ʒur Uebung der erlernten Kunſt wie ʒur Beſchaffung der nöthigen Geldmittel, um die Akademie beʒiehen ʒu können. Im Jahre 1845 ſah er dieſen ſeinen ſehnlichſten Wunſch verwirklicht. Die Akademie ʒu München ſtand damals unter der Leitung des Profeſſors Schlotthauer.— Heß, Ʒimmermann, Schraudolph, Cornelius, Eberhard blühten damals an der jungen, von König Ludwig I. Auguſtus, dem erhabenen Kunſtmäcen, errichteten k. Akademie für bildende Künſte als Meiſter. Kaulbach, Fiſcher, Claudi, Kaſpar, ſowie der noch nicht ſo lange verſtorbene letʒte dieſer Kunſtgenoſſen aus dem Algäu: Bentele, waren Mitſchüler unſeres Künſtlers. Im Jahre 1846 ſchon wurde der ſtrebſame Jünger der Kunſt Andreas Mayr durch Profeſſor Heß, deſſen beſonderer Gunſt und Werthſchätʒung er ſich erfreute, dem Profeſſor Schraudolph empfohlen, dem damals von König Ludwig I. die Ausſchmückung des Domes ʒu Speyer mit Freskogemälden übertragen wurde. Da nur die beſten Kräfte der Akademie für dieſes wahrhaft königliche Werk Verwendung fanden, ſo iſt dieſe Empfehlung allein wohl genügend, des jungen Künſtlers Talent und akademiſche Bildung, nicht minder ſeinen liebenswürdigen Charakter ʒu beweiſen. Im Jahre 1847 wurde A. Mayr bereits mit der ſelbſtändigen Ausführung des erſten großen Hauptbildes im Speyrer Dome: „Der Tod Mariens“, betraut. Der junge Künſtler ʒeigte ſich ſeiner Aufgabe vollauf gewachſen und rechtfertigte glänʒend das in ſeine Kraft geſetʒte Vertrauen ſeines Meiſters. Ein ʒweites Hauptbild: „Der Einʒug des hl. Bernardus in Speyer“, im linken Seitenchore desſelben Domes gelang ihm gleichfalls vortrefflich. Das dritte Hauptbild war: „Die Enthauptung des hl. Papſtes Stephanus“ im rechten Seitenchor. Im Langhauſe des Speyrer Domes ſind ſeine Hauptbilder: „Die Geburt Chriſti“, eines der ſchönſten Gemälde des Domes. „Die hl. Familie“. „Die Flucht nach Aegypten“. „Die Opferung Mariens.“ „Die Weisſagung des Propheten Iſaias an König Achaʒ.“ „Noah's Dankopfer.“ Außer dieſen größeren Werken ʒieren noch mehrere einʒelne Figuren die bilderreichen Wände des farbenprächtigen Domes, in dem alſo allein acht große Gemälde von unſeres Künſtlers Hand ſeinen Ruhm verkünden, an einer der denkwürdigſten Stätten des deutſchen Reiches der Nachwelt überliefern. Bis ʒum Jahre 1853 malte Andreas Mayr im Speyrer Kaiſerdom, als der einʒige Hiſtorienmaler außer Schraudolph, der von Anfang bis ʒu Ende bei der ebenſo ehrenvollen als ſchwierigen und langwierigen Arbeit ausharrte, hochgeachtet und geliebt von ſeinem Meiſter. Von Speyer ʒurückgekehrt, wartete ſeiner neue Anerkennung ſeiner künſtleriſchen Vervollkommnung, neuer ehrenvoller Auftrag, der den Ruf unſeres ſchwäbiſchen Landsmannes über die Grenʒen des deutſchen Vaterlandes hinaus— nach England, trug. In München wurde ihm nämlich von Herrn Profeſſor Heß, Direktor der kgl. Glasmalerei, unter Leitung des Herrn Inſpektors Ainmüller Entwurf und ʒeichnung von ſechs Cartons für Glasgemälde in die St. Pauls⸗ Kirche ʒu Cambridge in England übertragen. In denPinſel in herrlicher Geſtaltung und Farbengebung dar: „Abrahams Opfer.“ „Die Bußpredigt des Johannes in der Wüſte.“ „Petrus, Johannes und der Lahmgeborene an der Tempelpforte ʒu Jeruſalem.“ „Paulus vor König Agrippa.“ „Stephanus und Laurentius.“ Nach Vollendung dieſer Arbeit malte er ein Freskobild „Die Krönung Mariä“ und „Die vier Evangeliſten“ in ſeiner Heimathkirche ʒu Unterthingau. Dort baute er ſich im Jahre 1862 ein Atelier und ließ ſich bleibend nieder, allein der heiligen Kunſt im Dienſte Gottes und der Kirche lebend. Ferner lieferte ſeine kunſtfertige Hand ein Altarbild: „St. Georg“ in die Kirche ʒu Bodelsberg, ein Hochaltarbild: „St. Blaſius“ in die Kirche ʒu Vorderburg, ein Seitenaltarbild: „St. Sebaſtian“ und ein Chorbild: „Die Kreuʒigung des heil. Andreas“ nach Frankenried, „Die Kreuʒigung Chriſti“ in die proteſtantiſche Kirche ʒu Memmingen, drei Altarbilder und ein Freskobild in den Chor ʒu Benningen, ʒwei Faſtenbilder nach Buchenberg, drei Altarbilder nach Oberbechingen, drei Altarbilder(Hochaltarbild: „Der hl. Dominikus empfängt aus den Händen Mariens den hl. Roſenkranʒ“, SeitenAltarbilder: „St. Antonius“ und „Der Engliſche Gruß“), drei Faſtenbilder ſowie einen Kreuʒweg in die Pfarrkirche ʒu Unterthingau, ein Freskobild in den Chor ʒu Hohenfurch, drei Altar⸗ und drei Oberbilder in die Kirche ʒu Bertoldshofen, drei Altarbilder nach Burk, drei Altarbilder und ʒwei weitere: „St. Wendelinus“ und„St. Aloyſius“, in die Kirche ʒu Oberbeuren, ʒwei Seitenaltarbilder in die Curatie-Kirche ʒu Hochgreuth, Pfarrei Betʒigau, bei Kempten („Mariä Heimſuchung“ und „St. Wendelinus?“). Dieſe letʒteren ʒwei Gemälde, ſowie jene ʒu Unterthingau, die Hauptaltarbilder in den Kapellen der Filialen Schweinlang und Weſtenried, Pfarrei Unterthingau („Tod des heil. Joſeph“ und „Der heil. Antonius empfängt das Jeſuskind aus den Händen Mariens“) ſind dem Schreiber dieſer ʒeilen aus eigener Anſchauung bekannt, die anderen meiſt nur nach Skiʒʒen. Da der uneigennüꜩige, freigebige Künſtler die oft ſehr ſchön, ähnlich fertigen Kunſtwerken ausgeführten, gemalten Skiʒʒen regelmäßig den Beſtellern der Originalgemälde ſchenkte, ſind dieſe Skiʒʒen leider ſelten ʒu ſehen. Beſonders erbauend und feſſelnd wirkt auf ein frommes Gemüth die Darſtellung der allerſeligſten Jungfrau und Gottesmutter Maria, wie ſie der kindlich fromme, reine Sinn, die kunſtfertige, feine Hand des echt chriſtlichen Malers in dem Bilde „Mariä Heimſuchung“ in Hochgreuth und in einem kleineren Bilde „Maria mit dem Jeſuskinde“(im Beſiꜩ der ehem. Haushälterin Frl. Johanna Obexweiler), wie auch ſonſt oft geſchaffen. Mag auch manch kritiſches Auge die Madonnen unſeres Künſtlers etwas ʒu kindlich, ʒu jugendlich finden, ʒum Nachtheil gereicht dieſer kindlich-jungfräuliche, ungemein holdſelige, oft wahrhaft himmliſche, heilige Ausdruck in dem Antliꜩ der Gottesmutter gewiß weder ihrem Bilde noch dem Beſchauer. Wollte der Künſtler, wie von ihm ſelbſt erklärt, durch die jugendliche Form, den kindlichen Geſichtsausdruck kindlich unſchuldige jungfräuliche Reinheit ausdrücken, ſo kann man kaum leugnen, daß ihm dies meiſt ausgeʒeichnet gelungen, iſt. Gewiß regt manche Madonna eines Raphael und anderer Künſtler mit berühmten Namen weniger ʒur Andacht, weniger ʒur Ehrfurcht und Achtung vor der jungfräulichen Würde der Gottesmutter an, als jene des Andreas Mayr. Ja, der Schreiber dieſer Zeilen ſelbſt hat ſchon über eines der beſten und berühmteſten Werke eines Correggio beʒüglich ſeiner Madonna in dem vom natürlichen, ſinnlichen und rünſtleriſch⸗ techniſchen Geſichtspunkte aus prachtvollen Bilde „Die heilige Nacht“ ein ſo bedenkliches Urtheil aus Volksmund gehört(yox populi, vox Dei!), daß er ohne Bedenken ein ſonſt noch ſo beſcheidenes Bild des edlen, chriſtlichen Algäuer Künſtlers für eine Kirche vorʒiehen und das andere in eine Gemäldegallerie verweiſen würde. Iſt doch ſo manches ſog. Heiligenbild für Künſtleraugen an Genuß, für fromme und reine Augen ſelbſt in Kirchen ein Aergerniß. Das Hauptaltarbild der Filialkapelle ʒu Schweinlang, Pfarrei Unterthingau, war eines der leꜩten Werke unſeres Kunſtlers. Auge und Hand des Malers waren nicht mehr ſo ſicher als in beſſeren Tagen. Den „Tod des heil. Joſeph“ ſtellt das ſchöne Bild dar. Schreiber dieſes Berichtes war Zeuge, mit welch ängſtlicher Sorgfalt, welch peinlicher Gewiſſenhaftigkeit, welch ſteter Unʒufriedenheit mit dem eigenen Können und Schaffen, welch edler Uneigennüꜩigkeit der gute, beſcheidene Andreas Mayr an dieſem wie an anderen Gemälden arbeitete und verbeſſerte und vervollkommnete, ſo lange er ſie nur auf der Slaffelei in ſeinem Atelier ʒurückbehalten konnte. Man mußie ihm oft die Bilder faſt mit Gewalt entführen. Freilich ging wohl auch ſtets ein Stück ſeines eigenen Selbſt mit den Bildern fort; dieſe frommen, von tiefer, edler Frömmigkeit durchgeiſtigten, ʒur Frömmigkeit erbauenden Gemälde begreift man nur in ihrem vollen Werthe aus dem in ſie verwobenen kindlich⸗frommen, reinen Charakter des Künſtlers ſelbſt. Wer ihn arbeiten ſah im Atelier, wer ihn beten ſah in der Kirche, wer ihn gar als Dulder kennen lernte auf dem Krankenlager, der mußte ihn lieb gewinnen, mußte ihn achten, ja bewundern. Der in geſunden Tagen eben ſo fröhliche als fromme, ſo beſcheidene, heitere, freundliche, kurʒ durch und durch liebens⸗ und achtungswürdige Künſtler wurde während ʒweier Jahre noch ſchwer auf ſeinen echten, reinen Goldgehalt geprüft. Wiederholte Schlaganfälle raubten ihm die Sprache und den freien Gebrauch der ſonſt ſo ſchaffensfreudigen Glieder, ſchwächten endlich auch das Gedächtniß. Schwermüthig mochte wohl und ſchmerʒlich ſo manchesmal ſein umflorter Blick von ſeinem Krankenlager an der Stätte ſeines früheren vieljährigen freudigen, fleißigen, künſtleriſchen Schaffens, in ſeinem Atelier, auf den ſkiʒʒenbedeckten Wänden ruhen, die ihn an ſchönere, beſſere, lang vergangene Zeiten mahnten. Doch wie als Künſtler, war er auch als chriſtlicher Dulder wahrhaft groß, wirklich bewundernswerth in ſeiner kindlichen, gottergebenen, ſeltenen Frömmigkeit. Wohl entbehrte er nicht treuer, fürſorgender, liebevoller Pflege, obwohl er wie ſein guter, im Jahre 1885 ihm vorangegangener ehem. Mitſchüler, Freund und Nachbar von Obergünʒburg, Johannes Kaſpar, unverehelicht geblieben war, um ſeine ganʒe reine Liebe der chriſtlichen, heiligen Kunſt ʒu weihen; doch mochte er in ſeiner langen, bangen Leidensʒeit, ʒur ſchmerʒlichſten Unthätigkeit verurtheilt, oft nach jenem Troſte ſeufʒen, den Johannes Kaſpar während 10jährigen Leidens doch genoß nach dem Tode ſeiner Schweſter und ſo ſchön beſchrieb in den Worten: „Nun ſtehe ich allein da; doch nein! Meine erſte Liebe, die ſchon früh erkorene Braut, die Himmelstochter, die heilige Kunſt, ſie iſt mir treu geblieben. Sie iſt es, die mich in meiner Einſamkeit unterhält, Kurʒweil ſchafft, mich tröſtet, mich das leibliche Elend vergeſſen läßt oder es doch weniger fühlbar macht; die ein ſchon faſt erſtorbenes Gebein wieder belebt. Sie tritt immer mit neuen Reiʒen geſchmückt vor die Augen meiner Seele und feſſelt mich hienieden noch durch den Anblick in ihrer unverwelklichen Schöne. Mit ihr lebe und ſterbe ich.“*) Doch, konnte den edlen Dulder künſtleriſches Schaffen neuer Werke ʒur Ehre Gottes und ʒum Frommen ſeiner Geſchöpfe wie ʒur Freude der Freunde der Kunſt wie des Künſtlers nicht mehr tröſten, der Gedanke an das bereits Geſchaffene und deſſen Segen mußte ihn bei aller Beſcheidenheit bei jedem Blick ſeiner mattgewordenen Augen auf ſeines Ateliers und Krankenʒimmers Wände erfreuen. Als der Zeichner dieſes beſcheidenen Lebensbildes am Lager des Dulders einſt ſpät Abends ſtand, da kamen ihm beim Anblick des leidenden Künſtlers unwillkürlich die ſinnigen, frommen Verſe der ehrwürdigen Dienerin Gottes M. Crescentia von Kaufbeuren in den Sinn: Ich muß es bekennen, Gott hobelt mich ſehr, Er ſchneidet und ſticht mich, doch fällt's mir nicht ſchwer. Wilift wiſſen, warum denn?Ich, halte dafür, Golt ſchniꜩe ſo gern einen Engel aus mir. Die Verſe lagen ihrem Sinne und Geiſte nach auch in den gottergebenen Zügen dieſes Dulderbildes ausgeprägt. Andreas Mayr machte ſeinem hl. Patron in der Liebe ʒum Kreuʒe Ehre. Ein Jahr darauf ſtand der Berichterſtatter wieder Nachts in jenem Atelier — am Sarge des Verblichenen. Als die Decke weggehoben ward — da ʒeigte ſich das Antlitʒ der Leiche ſo vergeiſtigt, ſo eigenthümlich ſchön — es war der vierte Tag nach dem Tode — ſo anʒiehend, ſo eines chriſtlichen, frommen Künſtlers im Tode noch würdig, daß der göttliche Zweck des Leidens an dieſem herrlichen edlen Ebenbilde Gottes erfüllt ſchien. Have pia anima candida! Leitershofen, am Vorabend von St. Andreas. L. Boſch, Pfarrer, ehem. Benefiʒiat in Unterthingau. *) S. Geſchichte der Pfarrei Obergünʒburg von Fr. X. Gutbrod. Kempten. Joſ. Köſel.(Johannes Kaspar.) Schachaufgabe Schwarʒ Weiß. Weiß ʒieht an und ſetʒt in 2 Zügen matt