^L4. 1894 - „Nugsburger PostMung". Ireklag, den 12. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Du bist mein braves, großherziges, edeldenkendes Kind!" sagte Schönaich tief bewegt. „In Deinem Alter hat man Ideale und selbst der Besitz einer Million kann keinen Ersatz bieten für die Freiheit der Herzenswahl, aber ich wußte im voraus, daß Du zur Rettung Deines Vaters selbst dieses größte aller Opfer willig dargebracht hättest." Schönaich hatte sich erhoben und drückte seine Tochter zärtlich an seine Brust. „Beiläufig gesagt, ist der junge Harnisch einer schweren Gefahr entgangen," erinnerte er sich plötzlich, indem er in seiner Tasche suchte und die neueste Zeitung zum Vorschein brachte. „Der Dampfer, mit dem er England verließ, ist zwischen Dover und Calais mit einem anderen zusammengestoßen und versunken. Viele Menschen haben dabei ihr Leben eingebüßt. Die Katastrophe hat am 12. ds. Mts. stattgefunden und heute bringt die Zeitung die amtliche Liste der Geretteten." Bet diesen Worten reichte er der Tochter das Blatt hin und deutete auf den betreffenden Artikel. Neugierig überflog Siglinde den ausführlichen Bericht über den Unglücksfall; er schloß mit der namentlichen Aufführung derjenigen Passagiere, welche dem Tode glücklich entgangen waren, und unter diesen laS sie auch den Namen Jesko von Harnisch aus New-Iork. Es geschah zufällig, daß sie einen Blick auf den nächstfolgenden Artikel der Zeitung warf, doch wurde ihr Auge sogleich durch einen gesperrt gedruckten Namen gefesselt; in fieberischer Hast glitt es über die Zeilen, während das Blatt in ihrer Hand heftiger und heftiger zitterte; aus dem ganzen Inhalt vermochte sie nur eine einzige, furchtbare Thatsache klar zu erfassen, alles Andere, was noch daran und darum war, taumelte an ihrem Geiste wie irre, durcheinander geworfene Bilder vorüber. Bleich und entsetzt in den Stuhl zurücksinkend und die Hand, welche das Zeitnngsblatt hielt, wie gelähmt herabfallen lassend, rief sie: „Hast Du das gelesen, Vater?" „Was?" frug dieser, über den aufgeregten Zustand seiner Tochter ebenso beunruhigt wie erstaunt. „Den Artikel, der unter der Ucberschrift „Lokalsachen" unmittelbar hinter der Dampferkatastrophe folgt?" Schönaich schüttelte den Kopf. „Ich lese den lokalen Theil der Zeitung nicht," entgegnete er, nähertretend. „O, mein Gott!" brachte Siglinde gepreßt hervor, während sie sich aufrichtete und die Zeitung wieder vor's Auge hielt. „Höre mir zu, Vater I" Langsam, um das vorhin Unverstandene jetzt nachzuholen, las sie nun Folgendes vor: „Der weibliche Leichnam, welcher vorgestern Abend mit den deutlich erkennbaren Spuren vorhergegangener Ermordung von einem Kettendampfer aufgefischt wurde, ist als derjenige der in der Noscnstraße wohnenden ver- wittweten Rentiere Nollenstein rekognoscirt worden." „Barmherziger Himmel!" rief Schönaich. „Und vorgestern Abend? Vorgestern? Das ist nicht möglich!" „So steht es hier, und der Bericht trügt das heutige Datum. „Lies weiter, Kind, lies weiter!" Siglinde fuhr fort: „Das der Ermordeten zugehörige Haus wird außer ihr nur noch von dem Kunst- und Handelsgäriner Ritter, der das Gartengrundstück von ihr gepachtet hat, seiner Ehefrau und seiner Schwester bewohnt. Abends kurz vor 10 Uhr, fast um dieselbe Zeit, wo die Leiche aus dem Wasser gezogen wurde, hörten dieselben das Haus ausschließen und glaubten an dem hinkenden, von einem Krückstock unterstützten Gange des Ankömmlings, welcher sich die Treppe hinauf in die im ersten Stock belcgene Wohnung begab, Frau Nollenstein zu erkennen. Als sich dieselbe am andern Tags um die Stunde, wo sie einen Spaziergang durch den Garten zu machen pflegt, nicht zeigte, wollte Ritter nachsehen, ob der kürzlich erst von schwerer Krankheit erstandenen alten Dame vielleicht etwas fehle. Zu seincmEr- staunen fand er die von der Straße aus zu ihrer Wohnung führende Hausthür, die man doch am Abend vorher wieder hatte zuschließen hören, unverschlossen. Auch die Zimmerthür war offen, die Bewohnerin selbst in keinem der Zimmer zu sehen. Dennoch fand sich in einer Ecke ihr Stock, ohne den sie nicht zu gehen vermag, an einem anderen Orte stand die kleine Handlaterne, welche sie bei ihren Abendausgängen bei sich zu tragen pflegte und beim Betreten ihres Hauses anzündete, und an Sekretär und Kommoden steckten die Schlüssel, von denen sie sich nie trennte. Alle Schubkästen waren herausgezogen und offenbar durchwühlt, sämmtliche Möbelüberzüge und auch Bett und Matratzen aufgetrennt, überall herrschte eine Zerstörung, als wäre die ganze 26 Wohnung nach verborgenen Schätzen durchsucht worden. Als Ritter in größter Bestürzung zu seiner Familie zurückgekehrt, kam ihm seine Schwester schon mit der Zeitung entgegen, welche den Fund der weiblichen Wasserleiche meldete und deren AeußereS und Kleidung genau beschrieb. Namentlich führte die Erwähnung eines Medaillons au goldener Kette auf die Befürchtung, die Aufgefundene könne Frau Rollenstetn sein, was denn auch Ritter beim ersten Anblick der Todten in der Leichenschauhalle sofort bestätigt fand. Wie wir schon in der kurzen Notiz unseres gestrigen Blattes mittheilten, ist die unglückliche Frau von mörderischer Hand erwürgt und hierauf in den Fluß geworfen worden, in welchem sie vom Orte der That aus von den Wellen stromabwärts getrieben worden ist, bis sie von der Kette an den Haaren erfaßt und an Bord des Schleppdampfers gezogen wurde." „Nach Aussage des Gerichtsarztes," fuhr Siglinde im Lesen fort, „kann die Leiche kaum eine Stunde im Wasser gelegen haben. Offenbar hat ihr der Mörder Schlüssel, Handlaterne und Stock vorher abgenommen, um sich derselben zur Ausführung seines weiteren Planes zu bedienen, und bei seiner Ankunft im Hause seines Opfers dessen Gang geschickt nachgeahmt, um die Mitbewohner des Hauses zu täuschen. Wahrscheinlich war das Wiederschließen der Hausthür nur ein Scheinmanöver, um beim späteren Verlassen des Hauses, was wohl in den Strümpfen geschehen sein dürfte, jedes Geräusch zu vermeiden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Verbrecher mit den Gewohnheiten seines Opfers wie auch mit der Lokalität des Hauses genau vertraut gewesen ist. Ob man Vermuthungen über seine Persönlichkeit hat oder derselben schon auf der Spur ist, vermögen wir bei der vorsichtigen Zurückhaltung, welche die Kriminalpolizei über diesen geheimnißvollen Mord bewahrt, nicht zu sagen." Mit bebender Stimme und zuweilen innehaltend, hatte Siglinde den Bericht vorgelesen. Als sie zu Ende war, vermochte sie die Thränen nicht länger zurückzuhalten, denn so sehr auch das Andenken der hartherzigen alten Frau getrübt war, so war es doch Siglindens Tante, der todten Mutter Schwester, die ein so schreckliches Ende hatte finden müssen. Schönaich stand bleich und mit gerungenen Händen da. Sein Blick war wie geistesabwesend. „Vorgestern Abend!" murmelte er unter fortwährendem Kopfschütteln, als könne er es nicht begreifen, — „vorgestern Abend!" Plötzlich erinnerte sich Siglinde wieder der verzweifelten Lage ihres Vaters, die sie auf einen Augenblick vergessen hatte, des Testaments und des jungen Harnisch. Ihre eigenen Worte, mit denen sie vorhin dem Vater ihre kindliche Opferwilligkeit betheuert hatte, und die nun doch zur Wahrheit werden, die in ihrer ganzen ernsten Tragweite erprobt werden sollten, kamen ihr wieder ins Gedächtniß. Sie preßte krampfhaft beide Hände an's Herz, als wollte sie dessen ungestümes Klopsen zum Schweigen bringen; sie nahm Abschied von einem lieben Bilde, das sie darin bewahrte, und ein schöner Traum, der ihre Seele ausgefüllt, sank dahin vor dem eisernen Gebote der Pflicht. „Vater!" rief sie, ihr Antlitz an seiner Brust bergend, „nun nimm mich beim Worte! Du bist gerettet!" . . . Dennoch reiste Schönaich mit seiner Tochter um die Mittagsstunde nach dem Gute Nottenbach ab, da die neue Lage der Dinge die Schritte seiner Gläubiger vorläufig doch nicht aufzuhalten vermochte. * * * (Fortsetzung folgt.) - >-«, » > - . - In nUerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberger. (Fortsetzung.) II. Wir hatten das Paradies verlassen und schritten still selbander. Mein Vetterlein schmiegte sich wie ein frommes Lämmchen an meine Seite. Er hatte mittlerweile den vielen Thau von seinen Augäpfeln gewischt und mit der Hand die sträubenden Haarbesen wieder auf die Stirne gestrichen. Das Hutbändchen befestigte ich so gut es ging an der Wandung des kostbaren Strohs, und den Spalt am Rande der Scheibe drückte ich thunlichst zusammen. Halbwegs konnte sich der Schloßprinz wieder sehen lassen. Ich gab ihm dann einige heilsame Lehren und sie schienen mit andächtigem Ohr entgegengenommen zu werden. „Du kennst, mein lieber Vetter," sagte ich zu ihm, „das schöne Lied: „Der Wiederhast — im Eichen- thal — hallt's nach so lang, — so lang". Und was hallt es lang? Die freudigen Worte, die lieben, die in den Eichenwald hineingesungen werden, und wie meinst Du, wenn unfreundliche, unliebe Worte hineiNgerufen würden, daß die Antwort hieße?" — „Grob", erwiderte Karl; „ebenso grob als man selber ist — o, das haben wir oft zu Hanse in unserem Forst getrieben." „Also siehst Du, bist Du freundlich, sind's auch die Andern, bist Du aber rauh, grob, wirst Du in der Welt ohne Kniffe und Schläge nicht durchkommen." „O," meinte Karl, „— o — zum Lachen, wär' nur die Mama und die Gouvernante dagewesen." „Warum?" „O, die ungezogenen Buben — eine wahre Freud' hätt's sein müssen — wären ordentlich hergerupft worden. Ha, ha, wie zogen die bösen Nachbarsbuben die Beine hinauf, wenn sie von Mama und der Gouvernante an den Schmalzfedern weidlich hergerissen wurden." Demzufolge war ich ein Prediger in der Wüste, meine Salbung fiel auf steriles Land. Wir kamen nach Brunnthal. Ich hatte hier ohnedies im Kurhaus zu thun. Ein auswärtiger Freund ersuchte mich, ihm den Prospekt zu besorgen. Denselben wollte ich nun im Bureau abholen. Ich hieß Karl an der Schwelle zum Haupteingang des Kurgebäudes warten. Als ich bei einem der Bediensteten mein Anliegen vorbrachte, führte mich dieser sogleich zur Besitzerin des Bades, zur Frau Hofrath. Die Dame bat mich, Platz zu nehmen. Freundlichst setzte sie mir Alles und Jedes auseinander: HauS- und Kurgebrauch, Tisch- und Zimmertaxe, Bedienung und Entlohnung. Mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit führte sie mich dann durch die hallenden Corridore ihrer Anstalt, und ich muß gestehen, waS ich hier sah, war jegliches so komfortable, so praktisch, so säuberlich, daß man förmlich — Gott verzeih' mir den Frevel — sich den schönsten Gelenkrheumatismus wünschen könnte. Die Frau Hofrath wollte sogar, nur damit ich eine kleine Idee von Temperaturerwärmung erhielte, eine heiße Metallader anzapfen, ich aber — in mir 27 arbeitete eS ohnedies schon, meines harrenden Prinzen gedenkend, siedend heiß — lehnte die Freundlichkeit dankend ab. Wir schritten wieder zurück zum Empfangssalon. Gerade stand ich im Begriff, mich zu empfehlen, da schlug auf einmal Spektakel, Rumor, Tumult an unser Ohr. Was ist das zu unseren Füßen ? Was weinen die Kinder, was raisonniren Damen und Herren? Wir eilen zum Fenster, von wo aus der ganze Nestaurationsgarten übersehen werden konnte. Der Lärm wuchs. Die Kaffeegäste fuhren vom Sessel auf und am Ufer des durch den Garten laufenden Büchleins entsteht ein Knäuel von jungen und alten, großen und kleinen Menschen, der unentwirrbar scheint. Mitten d'rin, gewissermaßen die Spule, steht ein Bube, von einer dienenden Nymphe krampfhaft gehalten. Die Spule will entgleiten. „Sonst Nichts mehr", ruft die Vergewaltigerin, „zahlen, tpem gehörst Du, zahlen!" Und wie ein Echo — man weiß ja, daß das Wort „Zahlen" eines der wirkungsvollsten im deutschen Sprachbuch ist — scholl eS durch Busch und Baum, von den Bänken und Tischen, bald wie im lachenden Jux, bald wie im donnernden Ernst: „Zahlen! Zahlen!" Von der Musikanten-Bühne herab schmetterte schon zum wiederholten Male das Piston und erdröhnte der Aufruf: „Der Eigenthümer des Knaben möge sich doch endlich gefälligst melden." Ein gewisses unabtreibbares Gefühl sagte mir: „DaS ist Karl!" — Um des Himmels willen, was hat der Teufelsjunge schon wieder angestellt. Ich bog mich über die Brüstung des Fensters. „Ein ungezogener Bengel", bemerkte die Frau Hofrath mir gegenüber, „ein eigensinniger. Er gibt absolut keine Antwort. Er meint wohl, auf diese Weise kommt er mit der Zeche durch. Jemandem im Garten muß das Früchtchen doch gehören." „Am Ende ist der Knabe taubstumm," warf ich Mitleidig ein. „Möglich, aber kaum wahrscheinlich. Doch da werden wir bald Gewißheit haben." Die Frau neigte sich nun weit über das Fensterbrett, unter der Nische stand Johann, ihm befahl sie, den Knaben herauszubringen. Johann war eine musculöse Gestalt, sein Ami das eines Badedicners. Er hatte schon größere Lasten gefaßt, als die des klebrigen Buben, obschon sich dieser wie ein Aal bald nach oben, bald nach unten schlangelte. In den nächsten Minuten schon ließ er sein zappelndes Fischlein auf das Parqnet seiner Herrin nieder. Hintendrein kam die Amazone, kollernd vor Wuth, ihrer Stimme kaum mächtig. Endlich erfuhren wir, was der Bösewicht angestellt. Er hat die kleinen Mädchen, die im Büchlein ihre blecheruen Kühne schwimmen ließen, in's Wasser stoßen wollen, und .... „Nein, 's ist kein Wort wahr, sie lügt", heulte der Verbrecher, „hab' ... nur ... so — so ... gethan, als wenn ... war nur ein ... „Spassetchen" ergänzte die Hofräthin, und mir sich zuwendend, äußerte sie: „Sehen Sie, mein Hcxr, er ist nicht stumm. Ich war bescheiden in der Fensternische zurückgeblieben, meine Gründe bestimmten mich dazu. „Nein," entgegnete ich, auf die gottesjämmerliche Gestalt das Auge werfend, „er ist nicht stumm." O ich wußte das im Moment, als ihn der Badeherkules hereinbrachte, es war ja leibhaftig mein Freund, mein Vetter, mein Gesellschafter, der Schloßprtnz. Allein kaum vernahm Karl meine Stimme, die, obwohl im rauhen Baß erschollen, für ihn die hellste Engelsstimme war, stürzte er auf mich, umklammerte meine Knie, drückte, preßte meine Hände, küßte sie und schaute so mitleideinflößenden, so zerknirschten Blickes, einen ganzen Park von Barmherzigkeit herausfordernd, auf zu mir. Lächerlich, und ich ärgerte mich darob, diese Nührscene stimmte mich um, machte mich weich, ich griff hinab und kam mir im Moment wirklich wie der biblische Vater vor, der seinen verlorenen Sohn zu sich verzeihend emporzog und an's entgegenschlagende Herz drückte. Langsam erhob sich der Reumüthige, jedoch meine beiden Hände gab er nicht los, krampfhafter hielt er sie und scheu und wirr ließ er die flimmernden Stern- lein seiner Augen bald auf zu mir schillern, bald zum Kaffeefrüulein, das vor Freude hochbusig aufathmend — denn sie hatte in meiner Person die Verkörperung ihres quittmachcnden Guthabens erblickt — ihm knapp an der Ferse stand. „Nein, nein," flüsterte das kleine arme Sünderchen, „nein, Du laßt mich nicht einsperren, und die da — die — die will mich einsperren lassen, und unten der dicke grobe Mann will mich auch einsperren lassen — in's tiefste Loch — wo — so hat er gesagt — wo Hund' und Katzen sich gute Nacht geben und einen langsam die Ratten auffressen, wenn nicht Alles bis auf den letzten Pfennig bezahlt wird." Demnach war also die Neue vor der Furcht der Strafe, leine selbstthätige, sondern eine Reue zweiter Klaffe; mich machte das verschnupft, indeß mehr noch das Wort: „wenn nicht Alles bezahlt wird." Wer sollte zahlen — natürlich ich, — warum ließ ich das Kind — würde sicher die Frau Base im Regreß- falle gesagt haben — so ganz ohne Aufsicht. Ich hätte das snkant tsrrtdls in der Mitte vor Zorn abbrechen können, doch „tapfer ist der Löwenfieger, doch tapfrer, wer sich selbst bezwäng", ich simulirte eine klassische Ruhe, beschwichtigte Karl und lächelnd sagte ich zu der in trutziger Ungeduld und kopfschüttelnd dastehenden Gläubigen«: „Fräulein, belästigen wir Ihre Herrin nicht länger, lassen Sie das unsere Sache sein, ich meine, Ihre Rechnung werden wir auch noch erschwingen können." Sodann verabschiedete ich mich von der Frau Hofrath in verbindlichster Form, um Entschuldigung ob dieser unliebsamen Scene bittend. Die ihrerseits erhob lächelnd und bedeutsam, wie drohend, den kleinen Finger, als wollte sie sagen: „Du bist ein schwaches Papachen." Ich merkte, eine gewisse Verlegenheit beengte ihr Wesen, denn sie konnte unmöglich vergessen haben, daß der Bengl und das Früchtchen gerade keine besondere Decoration für mein „Söhnchen" war. Mit der Hebe war ich bald fertig. Dank äs lrruit xonr uns tasss sacke! Sie hatte nämlich auf einer großen Platte eben sechs Tassen mit Kuchen servieren wollen, Karl kam ihr in dem Moment, als ein Herr ihn wegen seiner Splisset- chen ein bischen anzureden wünschte, rückwärts Zwischen die Füße. Platte, Tassen, Kuchen, Kaffee, Milch, Zucker natürlich purzelte auf den Asphalt nieder. Nun, Porzellan ist nicht von Eisen und der Kuchen nicht aus Stein, auch Milch und Kaffee nicht compakt genug, einen solchen Salto aushalten zu können, — daher gab es eine Rechnung — und mit der Bezahlung war die Sache friedlich beglichen. 28 III. Ich verließ die Hallen Aeskulaps, wohlweislich nicht durch das große Eingangsthor, sondern wir drückten uns durch ein hinteres Seitenthürchen, denn das Publicum, das die erste Scene des Einacters gesehen, schien sich darauf zu steifen, auch den Schluß zu genießen, so dicht stand es auf dem Chamotteparquet vor den Fenstern der vordern Front. Jedoch kaum hatte ich die Wasserheil- Anstalt mit meinem Liebling, in der wir eine ebenso unfreiwillige als kostbare Douche genommen, im Rücken, so gtng's auch schon in schärfster Tonart über Karl her. „Karl," sagte ich, „Du bist ein ganz heilloser Mensch, mit Dir kann man kaum einige Augenblicke gehen, ohne nicht in das peinlichste Malheur zu gerathen, ich werde Deiner Mutter energisch in das Gewissen reden, Du mußt anders werden, in der Stadt kann man keine so ungezügelten Buben brauchen. Du bleibst nun bei mir, gehst mir nicht mehr von der Seite. Ich werde trachten, Dich sobald wie möglich nach Hause zu bringen. Von der Jsarbrücke werden wir bis zum Bahnhof fahren, und von da weg weißt Du ohnedieß nach Hause." — „Juche! Fahren! Das ist g'scheidt, ja vom Bahnhof weiß ich ganz gut heim, — fahren! Juche!" — das war die einzige Erwiderung. Statt Zerknirschung ein Juhschrei. Der Mensch schien, wenn eine gute Wirkung zu erhoffen sein sollte, unaufschiebbar handgreiflich behandelt werden zu müssen, woran eS zweifelsohne lieb Mama und gut Gouvernante bis jetzt ermangeln ließen. Wir stiegen langsam den Bogenhauser Steig empor, kamen an der Damenburg des Mnximiliansstifts v rbei und schwenkten in die Anlagen ein. Der linde Abend hatte eine ungewöhnliche Menge von Passanten auf die schönen Höhen gelockt. Es war auch prächtig. Der weiße und rothe Dorn blühte, die Dolden waren aufgesprungen und sandten ihren süßen Hauch durch die Lüste, in saftigstem Grün breiteten sich die Wiesen aus und kunterbunt webten die Maien- blümlein ihr liebliches Dessin hinein. Die Wässerlein quollen lustig aus dem Gestein und aus dem feuchten Hange und ringelten sich in den kieselhcllen Bettchen, kindlich plaudernd und plätschernd, noch einige übermüthige Cadenzen wagend, hinab in den Alpenstrom. Die Schmetterlinge, die wie im Kreisel einander nachtanzten, dachten noch lange nicht daran, ihren Cotillon aufzugeben, noch weniger aber war das beschwingte Orchester, das durch die überzweigtcn hohlen Gassen strich, und aus dem dieser oder jener Solist auf wiegendem Ast seine Arie sang, bei der letzten Programm- Nummer angekommen. O welch frische Lust auf Baum und Pfad, wie durchdrängt sie frohmüthig Jung und Alt, und unwillkürlich mahnt es uns zum Danke, nicht allein gegen den himmlischen Schöpfer, der diese an- muthende Idylle so herrlich gedeihen ließ, sondern auch gegen den irdischen, den unvergeßlichen König Max, der sie geschaffen. Es versteht sich von selbst, daß die Anlagen zumeist dem Schutze des Publicums anvertraut sind, die Lustwandelnden behüten sie, und wehe dem, der sich erdreisten wollte, auch nur ein Zweiglein zu brechen. Ich blieb mit Karl in der Nähe eines kleinen Gehölzes stehen. Von hier aus ging der Blick frei gegen die im Südosten sich verlierende Bergkette. Sie starrte theilwetse noch in Schnee und Eis, nur einige Borwände hatten ihr blaudnftendes Gewand angethan. Ich machte meinen jungen Freund auf dieses entzückend schöne Bild aufmerksam, benannte ihm die Häupter und versprach, wenn er recht brav und sittig werde, seiner Mama und mir Freuds mache, eine Hochtour hinauf. Um die Umrisse besser zu unterscheiden, holte ich meinen Feldstecher hervor, und während ich noch versunken in dem niemals sattgesehenen Bilde schwelgte, kommt aus den Bosquets gesprungen, freudig einen mächtigen Zweig schwingend, — Karl. „Da schau, Onkel," rief er, „da schau, den, da schau, den bring' ich der Mama." „Karl, in drei Teufels Namen," fuhr ich den Schrecklichen, jedoch mehr in zischendem, als lautem Tone, an, „auf der Stelle den Ast weg, her zu mir, — gutwillig, sag' ich, nun, wird's was?" Doch Karl folgte nicht, er lief ungefähr zwanzig Schritte vor meinen Füßen dahin, den über und über im rothen Schmucke blühenden Schleh wie eine Siegestrophäe emporhalteud. „Ein gut gezogenes Kind," diese und andere Glossen mußte ich von Leuten, die hinter mir ihre Promenade machten, als Dessert zu meinem Zorn hinabschlucken. Da marschirte ein Gendarm auf mich zu. „Gehört der Junge Ihnen?" fragte er. „Für den Augenblick leider." „Nun, so darf ich um Ihren Namen bitten. Sie wissen, nach Paragraph —" „Ich weiß, ich weiß, aber ich bitte" — es umklammerte uns ein immer größer werdender Menschenring — „ich bitte, machen Sie kein Aufsehen, ich werde mich morgen bei der königlichen Polizcidircction stellen." Ich wollte dem strammen Hüter des Gesetzes meine Karte geben, leider fand ich sie nicht. Einer aus der Ansammlung, der. mich, ich weiß nicht woher, kannte, leistete für meine Person Bürgschaft, und da der grüne Waffcnmann aus mir unbekannten Gründen dieselbe annahm, war die Sache hiemit abgethan, sonst hätte ich am Ende noch in einer weiteren allerliebsten Gesellschaft durch die menschenstrotzenden Alleen zum Tempel der heiligen Hermandad wallen müssen. (Fortsetzung folgt.) --- Logogryph. Eins ragt himmelan und weist Wie da schafft des Menschen Geist. Füg' als Zwei ein Zeichen d'ran, Jetzt beim Mahl siehst Du den Mann. Einen Kopf nun für Eins, Zwei, Jetzt, ihr Händler, kommt herbei. Seht, die Eins ist gut besucht, Eurer wartet gold'ne Frucht. Markt und Straßen, welck Gewühl! Lust und Gold ist Aller Ziel. Und die Zwei, ein Jeder kennt Sie als nützlich Instrument. Auslösung des Homonyms in Nr. 2: Thor. Auslösung des Bildcr-NciMels in Nr. 3: Gute Lehren kann Niemand entbehren.