M „Nugsburger Postzeitung". 7. Dienstag, den 23. Januar 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Vorbesttzer Dr. Max Huttlcr). Auf Verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Siglinde glaubte zu beobachten, daß irgend ein plötzlicher Argwohn in Volkmar aufgestiegen sei, wagte aber keine Bemerkung zu machen. Es war ein längeres Schweigen eingetreten, welches der Rechtsgelehrte endlich unterbrach, indem er sagte: „Zunächst werde ich selbst ein wenig Untersuchungsrichter und Kriminalpolizei spielen. Diese Nachhilfe wird nöthig sein, denn das Gericht wird mit dem vorliegenden Thatbestände die Untersuchung als abgeschlossen betrachten und auf seinen Lorbeeren ausruhen. Zudem hat man bereits mit dem neuen Morde alle Hände voll zu thun." „Ein neuer Mord?" frug Siglinde, wobei ihr die vorhin vernommenen Reden der Schreiber wieder einfielen. „Davon weiß ich noch nichts." Doktor Volkmar reichte ihr eine auf dem Pulte liegende Zeitung und deutete mit dem Finger auf die betreffende Notiz. Wie Siglinde daraus erfuhr, war gestern früh sechs Uhr in dem sogenannten Kastanien- wäldchen, welches unweit eines öffentlichen Conzert- gartens lag, der vollständig entkleidete Leichnam eines Mannes aufgefunden worden. Der Tod war, genau wie bei der kurz vorher begangenen Mordthat, durch Erwürgung von fremder Hand erfolgt, die ihr Opfer hinterrücks angegriffen hatte, und mochte, wie die ge- richtsärztliche Untersuchung festgestellt hatte, etwa sieben bis acht Stunden vor der Auffindung eingetreten sein. Wer der Ermordete sei, hatte man bis jetzt noch nicht ermitteln können, da sich nirgends eine Spur von einem der Kleidungsstücke, die er getragen, vorfand. Das einzige Kennzeichen war eine kürzlich erst geheilte Wunde auf dem oberen Theile des rechten Schulterblattes, welche von einem heftigen Schlage mit einem kantigen, wahrscheinlich hölzernen Instrumente herzurühren schien. Kopfschüttelnd und unter einem tiefen Seufzer gab Siglinde das Zeitungsblatt zurück. „Die genaue Uebereinstimmung der Todcsart in diesem wie in dem vorhergegangenen Falle könnte auffallend erscheinen," bemerkte der Anwalt. „Ließe sich daraus schließen, daß der Mörder jenes unbekannten Mannes auch Ihre Tante erwürgt habe, so wäre dies ein günstiges Moment für Ihren Vater, welcher um die Zeit, wo dieser zweite Mord begangen wurde, bereits verhaftet war. Doch glaube ich an keinen Zusammenhang ; der zweite Thäter hat dem ersten nur in der Wahl des Mittels nachgeahmt, so etwas kommt oft vor, ein Verbrechen hat immer etwas Ansteckendes. Im Uebrigen, Fräulein Siglinde — Fräulein Schönaich," verbesserte er sich . . . „Nennen Sie mich getrost beim Vornamen," bat das junge Mädchen, „wenn ich Ihnen damit eine besondere Gunst erwiese, so besäßen gerade Sie ein altes Anrecht darauf." „Ich danke Ihnen, Fräulein Siglinde," erwiederte er erfreut. „Ich wollte sagen, daß die Sache Ihres Vaters von heute an die meinige ist. Was das Gericht als Jndicien auffaßt und durch die schwarze Brille ansieht, das habe ich mich gewöhnt, zunächst für. das Zusammentreffen unglücklicher Zufälle zu nehmen und durch die Loupe zu betrachten. Schon oft bin ich dadurch zu vorher ungeahnten Resultaten gelangt und nicht selten kam es vor, daß statt des Untersuchungsgefangenen ein ganz Anderer auf der Anklagebank Platz nahm. Für Eines verbürge ich mich im voraus: an Ihrem Vater soll kein Justizmord verübt werden. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort!" Siglinde hatte sich während seiner Rede erhoben, ergriff die Hand, die sich ihr mannhaft entgegenstreckte, und verabschiedete sich mit dankerfülltem Herzen. Oft genug hatten die vier Wände dieses Arbeitszimmers ihren Bewohner in tiefen Gedanken versunken gesehen, aber als Träumender sahen sie ihn heute zum ersten Male. Jawohl, der schneidige Jurist träumte: Er versetzte sich um ein Jahr zurück, wo er auf einer Reise im Hochgebirge an einem nebeligen Abende einer Gesellschaft von Herren und Damen begegnet war, die sich in großer Bestürzung befanden. Sie hatte soeben die Entdeckung gemacht, daß eines der Ihrigen, eine junge Dame, fehle. Volkmar kannte Niemand unter den Ausflüglern, die sich in einer der Pensionen des im Theile liegenden Städtchens wohl auch nur zufällig aus verschiedenen Gegenden Deutschlands zusammengefunden hatten, doch wurde fein mit überlegener Geistesgegenwart gegebener Rath dankbar angenommen und ohne Verzug ausgeführt. Während einer der Herren mit den ermüdeten Damen den Nachhauseweg fortsetzte, kehrten die übrigen wieder um. Einer blieb auf dem Hauptwege, die andern schlugen nach und nach die von demselben sich abzweigenden Nebenpfade ein und jeder rief 38 von Zeit zu Zeit mit lauter Stimme den Namen der Vermißten. Bald tönten nach verschiedensten Richtungen hin die Rufe: „Siglinde!" Auch Volkmar befand sich unter den Suchenden. Wohl eine Stunde lang hatte er, immer höher und höher steigend, und durch geisterhaft ihn umwallende Nebelwände schreitend, vergebens seine Rufe ertönen lassen, als er eine schwache Antwort vernahm. Mit doppelter Eile bewegte er sich vorwärts und näher und näher kam die Stimme seinem von Zeit zu Zeit wiederholten Rufe: „Siglinde!" bis er einer dunkeln Gestalt ansichtig wurde, die auf einem am Wege liegenden Felsstück saß. Es war die Vermißte. Volkmar erklärte mit wenigen Worten sein Erscheinen an diesem Orte und Siglinde erzählte ihm, wie sie plötzlich einen werthvollen Schmuck vermißt und sich, um diesen zu suchen, von der übrigen Gesellschaft getrennt habe. Während sie zurückging, war sie in Folge des zunehmenden Nebels von dem mehrfach durchkreuzten Hauptpfade abgeirrt, und bei dem Versuche, die Wand des Hohlweges zu erklettern, um sich zu orientieren, habe sie sich den Fuß verrenkt. Wohl war in einiger Entfernung ein schwacher Lichtschein bemerkbar geworden, welcher die Nähe einer menschlichen Wohnung ankündigte, aber ihr Hilferuf verhallte ungehört, mit Mühe nur hatte sie sich bis zu der Stelle geschleppt, wo ihr der fremde Netter erschienen war; weiterzugehen machte der schmerzende Fuß unmöglich. Trotz ihrer anfänglichen Einwendung mußte sie das Anerbieten Volkmars, sie bis zu dem vermutheten Hause zu tragen, dessen Richtung sie sich genau gemerkt hatte, annehmen. Er hob sie auf seine kräftigen Arme, hüllte sie in seinen Ueberzieher und erreichte mit seiner süßen Bürde, dem aus dem Pebel auftauchenden Lichte folgend, bald ein kleines Bauerngehöft, das sich den späten Wanderern gastfreundlich öffnete. Was der schmelzende Wohllaut der Stimme und die schlanken Formen der Gestalt in der Dunkelheit nur ahnen ließen, das fand Volkmar noch weit übertroffen, als das hell lodernde Herdfeuer Sigkindens jugendfrisches schönes Antlitz beleuchtete, sich in ihren großen blauen Engelsaugen spiegelte und das wunderbare Gold ihres Haares beschien. Volkmar machte es seinem durchfrorenen Schützling auf einem alten Lehnstuhle in der Nähe des wärmenden Feuers bequem; die Bäuerin mußte Leinwandzeug Herbeibringen, welches Volkmar in schmale Streifen riß, um Siglindens Fuß kunstgerecht zu verbinden. Sie sträubte sich zwar anfangs, aber er redete ihr so ernst und energisch zu und traf dabei seine Vorbereitungen mit einer Sicherheit, daß sie ihn für einen Arzt hielt und ihm endlich den kleinen alabasterweißen Fuß mit dem starkgeschwollenen Knöchel willig überlieferte. So legte er dem kranken Gliede nach allen Regeln der Chirurgie den Verband an; er hatte sich diese Fertigkeit im Feldzuge 1870 erworben, welchen er, damals eben angehender Student, als freiwilliger Krankenpfleger mitmachte. Während Siglinde einen von der Bäuerin rasch bereiteten Kaffee zu sich nahm, spannte der Bauer sein Wägelchen ein. In schützende Decken gehüllt, legte die Gerettete an Volkmar's Seite die Fahrt nach dem Städtchen zurück und freudig wurde sie im Pensionshause begrüßt, nachdem von den jungen Männern, die sich an ihrer Aufsuchung betheiligt hatten, einer nach dem andern unverrichteter Sache zurückgekehrt war. Siglinde war von Glückwünschenden so umdrängt und namentlich von der um ihre Gesundheit besorgten Familie, welcher sie sich von Hause aus für diese Sommerreise angeschlossen hatte, so in Anspruch genommen, daß Volkmar sich überflüssig vorkam. Er wollte den Schein vermeiden, als sei ihm darum zu thun, nun auch den allgemeinen Dank der Gesellschaft einzuheimsen, nachdem unterwegs bereits das junge Mädchen ihrer Dankbarkeit in rührenden Worten Ausdruck gegeben hatte. So stahl er sich unbemerkt davon, er hatte ohnehin mit einem Freunde auf morgen in einem andern Theile des Gebirges brieflich ein Rendezvous verabredet, und benutzte noch den letzten Eisenbahnzug zur Weiterfahrt. Je rascher ihn derselbe von dem Schauplatze seines heutigen Erlebnisses entführte, desto mehr bereute er, sich von der Nähe des schönen Mädchens freiwillig verbannt zu haben. Er glaubte sie, während er sich dem Haibschlummer überließ, noch immer durch den Nebel zu tragen und hatte fortwährend das Gefühl, als hielte ihr Arm seinen Nacken umschlungen, als spüre er den süßen Druck ihrer weichen, schmiegsamen Glieder. Wer und woher sie war, wußte er ebensowenig, wie sie dieß von ihm wußte; beide waren unter Umständen zusammengetroffen, die sich für eine ceremonielle gegenseitige Vorstellung nicht eigneten, und beim traulichen Geplauder in der Bauernhütte und während der Heimfahrt hatten sie vergessen, das Versäumte nachzuholen. Am anderen Tage erschien dem Nechtsge- lehrten das Erlebte wie ein Traum, bald aber gestaltete es sich zu einem festen Punkt seiner Erinnerung, es wurde sein Lieblingsgedanke, und die Frage, ob ihn das Leben wohl wieder mit der goldhaarigen, liebreizenden Siglinde zusammenführen werde, beschäftigte ihn mehr, als er sich selbst gestehen mochte. Ein Mal sah er sie im Theater, freudig überrascht erwiederte sie seinen Gruß von weitem, aber beim Hinausgehen aus dem überfüllten Hause gelang es ihm nicht, sie unter der drängenden Menge zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie in der gleichen Stadt wohnte, war mit dieser flüchtigen Begegnung allerdings gegeben, aber die Frage, wer sie war, hatte erst heute eine ebenso unerwartete als betrübende Lösung gefunden. Ihr Besuch hatte in Volkmar ein Gefühl zurückgelassen, als dürfe er sie nun nie wieder verlieren. Würde er, wenn es ihm nicht gelang, ihren Vater von der Blutschuld zu reinigen, wohl der Gesellschaft trotzen und die Tochter des Gebrandmarkten mit seinem Namen decken? Ja, das würde er! Würde aber das hoheits- volle Mädchen, die ihr grausames Geschick mit so viel Würde trug, je einwilligen, die Seinige zu werden, wenn jener entehrende Fleck auf ihrer Familie haften blieb? Nein, das würde sie nicht! War aber denn nicht dem scharfblickenden Juristen während des Gesprächs mit ihr plötzlich ein Strahl der Hoffnung, eine Art Offenbarung aufgegangen, daß ein Anderer der Mörder sein könnte? Allerdings hatte außer Schönaich noch eine ganz bestimmte Persönlichkeit ein gewichtiges Interesse an Frau Rollenstein's Tode haben müssen, und das war Siglindens designierter Bräutigam, jener Jeseo von Harnisch. Er war über das Weltmeer herübergekommen in der bestimmten Erwartung, die alte Frau nicht mehr am Leben zu finden und die Erbin ihrer Million zum Traualtar zu führen. Statt dessen fand er eine Wieder- genesene, die nur das Grab von ihrem Mammon zu trennen vermochte. Konnte ihn diese furchtbare Enttäuschung nicht zu einem verzweifelten Verbrechen hin- 39 reißen, für dessen Ausführung er sich die günstige Gelegenheit, der alten Dame an einem bestimmten Abende nach dem Methodistengottesdienste sicher zu begegnen, zu Nutze machte, nachdem jener Andere, dem man die That zuschrieb, vielleicht eben harmlos von ihr gegangen war? Daß der Heirathskandidat Schönaich's und seiner Tochter Jawort noch nicht hatte, war kein Grund, ihn vor einer so furchtbaren That zurückschrecken zu lassen, denn leicht konnte er nach seiner Ankunft die stadtkundige verzweifelte Finanzlage des Vaters erfahren und sich daraus den Schluß gebildet haben, daß unter solchen Umständen die Tochter sicher nach der Million und dem damit verbundenen Anhängsel greifen werde. Offenbar hatte er sich schon mehrere Tage hier in der Stadt aufgehalten, ehe er sich im Schönaich'scken Hause einfand. War er denn so wenig neugierig die Millioncnbraut von Angesicht zu Angesicht zu sehen? Oder war es ihm das Großherzog Ernst Kndmig von Hcstcn und seine Wort gegönnt habe, weiter nichts. Pfui über solche Schwäche! Pfui!" * * * Doktor Volkmar hatte seiner schönen Clientin versprochen, er werde, unabhängig von dem Gange der gerichtlichen Untersuchung, den Spuren des Verbrechens auf eigene Faust nachgehen, und er säumte nicht mit der Ausführung. War Sigliudens Vater unschuldig und ein Anderer der Mörder, so mußte bei diesem dieselbe genaue Kenntniß der Wohnung und Gepflogenheiten seines Opfers vorausgesetzt werden, wie bei Schön- aich. Daher lenkte der Rcchtsgelehrte am Nachmittag seine Schritte nach der Rosenstraße, um die Hausgenossen Frau Nollenstein's über deren Bekanntenkreis zu son- diren. Er verfuhr dabei mit großer Vorsicht. Als er, langsam dahinschlendernd, das Gartengrundstück erreichte und in demselben Leute beschäftigt sah, die ihn beob- tzvM H, MW ' - MWU Prinzessin Pikloria von Snrhscn-Totiurg-Golha. Wichtigste, zunächst das Hinderniß wegzuräumen, welches unerwartet zwischen die Braut und die Million getreten war? „Aber," fügte Volkmar dieser Reflexion hinzu, indem er plötzlich den Kops schüttelte und die Hand auf's Herz legte, „hat denn ein Mensch, der die Katastrophe eines Schiffsuntergangs durchmacht, nicht das Recht, Nerven zu besitzen und in Folge der ausgestandenen Angst und Aufregung in eine Krankheit zu verfallen, die ihn einige Tage in Calais zurückhält? Da bildete ich mir nun ein, daß der spitzfindige Jurist aus mir spräche, und am Ende ist es weiter nichts, als die Scheelsucht des mißvergnügten Liebhabers, welche mich die schmachvollsten Verdächtigungen auf jenen Herrn von Harnisch häufen läßt. Und warum? Weil das Mädchen, welches ich gern selbst besitzen möchte, in aufopfernder Kindesliebe für ihren Vater bereit war, jenen zu Heimchen. Es ist ganz gemeine Eifersucht, der ich da das achten konnten, gab er sich den Anschein, als führe ihn der Zufall hierher. Er studierte das bogenförmige Schild, auf welchem sich die „Kunst- und Handelsgürtncrei von Eduard Ritter" empfahl, las dann auch die Inschrift zweier Porzellanplatten, die links und rechts des Eingangs angebracht waren und die pomphaften Worte enthielten: „ImFlisli sxolmii Iisrs" und „I^i on parltz tran^a-is," trat endlich ein, die Pforte hinter sich bedächtig wieder schließend. Die Hände auf dem Rücken, schritt er langsam den breiten Weg dahin, wobei er von Zeit zu Zeit stehen blieb, um mit jenem Behagen, womit man sich einem Naturgenusse hingibt, links und rechts die langen Reihen blumiger Beete zu überblicken und mit erhobener Nase den Duft einzusaugen. So näherte er sich zwei Frauen, welche an einem Beete mit dem Ausstechen von Blumen beschäftigt waren, um sie in Töpfe zu setzen. Es war während der letzten Tage 40 in den Zeitungen so viel die Rede von der Gärtnerfamilie gewesen, welche im Gefolge der Mordaffaire ein gewisses öffentliches Interesse erregte, daß Volkmar in den beiden Frauen leicht Frau Ritter und ihre Schwägerin errieth. Er grüßte höflich und erkundigte sich nach verschiedenen Pflanzen, die er zu kaufen wünsche. „Ein prächtiges Grundstück!" bemerkte er dann, sich umblickend. „Ihr Eigenthum?" „Nein, wir sind nur Pächter," antwortete Frau Ritter. „Und wer ist der Besitzer?" Nur mit ärgerlichem Widerstreben sprach die Gärtnersfrau den Namen Rollenstein aus. „Ah, das ist ja wohl die Dame, die so schrecklich ermordet worden ist?" rief Volkmar scheinbar überrascht und warf einen Blick nach den Fenstern des Hauses empor. „Da hat es in diesen Tagen gewiß nicht an Neugierigen gefehlt," fuhr Volkmar fort, „die Sie mit Fragen über die Mordgeschichte belästigt haben?" „Ja, und wie es scheint, sind diese Belästigungen noch nicht zu Ende," nahm Anna ihrer Schwägerin mit einem feindseligen Blicke auf den Besucher die Antwort ab. Schlechter hätte sich Volkmar bei ihr gar nicht einführen können, als damit, daß er die Rede auf dieses Ereigniß brachte, an welchem die Schwägerin ihr alle Schuld beimaß; diese hatte ihr geradezu vorgeworfen, sie habe Frau Rollenstein auf dem Gewissen, weil sie dieselbe mit dem Mörder allein gelassen hatte. Daß sie (Frau Ritter) ihren ehrlichen Namen in Verbindung mit jener blutigen That in den Zeitungen lesen mußte, erschien ihr wie eine öffentliche Schande, wofür Anna natürlich ebenfalls von ihr verantwortlich gemacht wurde. Der Rechtsgelehrte that, als habe er die Malice überhört, denn einige der ausgegrabenen Topfpflanzen schienen plötzlich sein ganzes Interesse in Anspruch zu nehmen. „Das ist, was ich längst gesucht habe, setzen Sie mir alle sechs Stück bei Seite. — Wie ich am Thore draußen las," fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, „wird hier Englisch und Französisch gesprochen. Bei dem starken Fremdenverkehr in hiesiger Stadt ist das ein nicht zu unterschätzender Vortheil, worin es kaum einer Ihrer Konkurrenten Ihnen wird gleichthun können." Er hoffte, der Gärtnersfrau damit etwas Angenehmes gesagt zu haben. Diese aber nahm die Bemerkung mit einem verächtlichen Lächeln auf. „Wer ist denn dieser Sprachkundige? Gewiß Ihr Gemahl?" frug er, indem er sich nach der anderen Seite des Gartens umdrehte, wo Ritter mit einigen Gehilfen arbeitete. „Nein," sagte die Frau frostig und deutete nachlässig auf Anna, „hier meine Schwägerin besorgt das Parliren." „Ah! Sie, mein Fräulein?" wandte Volkmar sich mit einer respektvollen Neigung des Hauptes an das Mädchen. „Sprechen Sie diese beiden Sprachen perfekt?" „Wenn man sich längere Zeit in England und Frankreich aufgehalten hat, so versteht sich das von selbst!" erwiederte Anna hochmüthig. „Ja," setzte Frau Ritter hinzu, „freilich nur in dienender Stellung bei fremden Herrschaften, in London als Bonne, in Paris als Zofe." Für diese Erläuterung empfing sie von Anna einen bitterbösen Blick, den aber Volkmar nicht zu bemerken schien, denn seine ganze Aufmerksamkeit war wieder von einigen Topfpflanzen gefangen genommen, die er nach einander an seine Nase brachte. „Es wird vielmehr behauptet," sagte er mit einer leichten Wendung des Hauptes nach dem Hause, „der alte Schönaich sei unschuldig, die ihn genau kennen wollen, schwören darauf, daß er einer solchen That nicht fähig sei, und meinen, es könne auch ein Anderer, der im Hause der alten Dame genau Bescheid gewußt habe, das Verbrechen begangen haben." „Da wüßte ich wirklich Niemanden," versetzte Frau Ritter mit einem kurzen Auflachen. „Empfing denn die alte Dame keine Besuche?" frug Volkmar, immer noch an den Blumen riechend. „Stand sie mit gar Niemand im Verkehr?" Frau Ritter schüttelte entschieden den Kopf und sagte in abweisendem Tone: „Mit Niemandem, außer mit uns." „Aber zu Ihnen kommen doch sehr viele Leute," fuhr der Rechtsanwalt fort, „da könnte wohl einmal ein böser Mensch unter dem Vorwande, hier Einkäufe zu machen, Jemanden von Ihnen über Frau Rollenstein ausgeforscht haben. Es gibt Leute, die sich so schlau darauf verstehen, Einem ganz unter der Hand und nebenher Alles zu entlocken, was sie wissen wollen, daß man's selber gar nicht merkt." „Meinen Sie?" frug die Gärtnersfrau mit leisem Höhne. „Davon ist mir nichts bewußt." Mittlerweile hatte Ritter sich genähert, um den Kunden, den er mit seiner Frau unterhandeln sah, zu begrüßen. Volkmar zeigte ihm die Pflanzen, die er bereits gekauft hatte, erkundigte sich über die Behandlungsweise derselben und gab Andeutungen, daß seine Kauflust noch nicht befriedigt sei. „Wir sprachen eben über die bcdauernswcrthe alte Dame," bemerkte er wie beiläufig und mit einer kurzen Bewegung des Zeigefingers nach der verwaisten Wohnung hinauf, „wie es scheint, war sie menschenscheu, da sie sich von der Außenwelt so abgesperrt hielt. Gab es denn außer Ihnen wirklich gar keine Menschenseele, die sich um sie gekümmert hätte?" „Keine auf der weiten Gotteswelt," antwortete der Gärtner fast feierlich. „Niemand frug nach ihr und sie frug auch nach Niemandem." „Na, na!" versetzte Frau Ritter mit einer abwehrenden Handbewegung gegen ihren Mann, „das wäre doch zu viel behauptet. Einige Bekannte hat sie schon gehabt. Ließ sie nicht sogar ein Zimmer in Bereitschaft setzen für eine Dame, die sie von auswärts erwartete? Auch in Amerika muß sie Bekannte gehabt haben, denn als sie so schwer krank lag, hast Du selbst ihr zweimal zwei Depeschen, die nach New-Iork gingen, aufs Telegraphenamt besorgen müssen." „Nun ja," gab der Gärtner zu, „aber Amerika ist weit von hier!" (Fortsetzung folgt.) -- I*. Hieronymus Gratzmüller 0. 8. L., StiftSprior und k. geistl. Rath in Augsburg, geboren am 19. Januar 1824 zu München, seit dem Jahre 1846 dem Benediktinerstift St. Stephan dahier angehörig, hat mit dem 19. ds. Mts. sein 70. Lebensjahr erreicht. Sechsunddreißig Jahre hindurch leitete er das „Institut für höhere Bildung" bei St. Stephan, im Volksmunde als das „adelige Institut" bekannt. Welche Summe von Mühe, Geduld und Opfersinn zu einer solchen Aufgabe gehört, weiß der zu würdigen, der das Wort „erziehen" schon praktisch kennen gelernt hat. Diese Thatsache allein schon würde ein ehrendes Gedenken seiner Thätigkeit an diesem bedeutsamen Lebens- Abschnitte rechtfertigen. Gratzmüller war jedoch auch auf einem anderen Gebiete hervorragend thätig und diese Thätigkeit hat seinen Namen bekannt gemacht weit über unsere vaterländischen Grenzen hinaus. In München hatte unser bayerischer Landsmann Gabelsberger seine Stenographie erfunden und eben sein großes Werk „Die deutsche Redezeichenkunst" herausgegeben, als Gratzmüller sich ihm zugesellte, zuerst als begeisterter Schüler, dann als treuer Helfer im Lehren, alsbald auch als persönlicher Freund. Den Werth der Stenographie vollauf erfassend, trat er sofort mit aller Energie, mit der ganzen Kraft eines reichen Geistes für die Verbreitung derselben ein. Die erste Frucht dieses Wirkens war Einführung derselben an der Studienanstalt St. Stephan dahier am 1. November 1848, zu einer Zeit, wo man anderwärts noch nicht an solches dachte. Die Eröffnung dieses Unterrichts geschah auf Veranlassung Gratz- müllers durch Gabelsberger selbst. Nahezu 40 Jahre wirkte Gratzmüller als erster staatlich geprüfter Lehrer der Stenographie an der erwähnten Anstalt in Augsburg. Als Gabelsberger im Jahre 1849 starb, war Gratzmüller berufen, ihm als Lehrer der Stenographie an der Universität München zu folgen, der Wille seines Abtes hielt ihn jedoch hier zurück. Das hinderte jedoch Gratzmüller nicht, sich in die ersten Reihen derer zu stellen, die das Werk Gabels- bergers fortzubauen sich gelobt. Er nahm an allen hervorragenden Versammlungen thätigen Antheil, und als im Jahre 1852 beschlossen wurde, einen Preis für ein einheitliches Lehrbuch der Stenographie Gabelsbergers auszusetzen, da war es Gratzmüller, der aus diesem Wettbewerb als Sieger hervorging. Sein Lehrbuch, unter dem Namen „Preisschrift" bekannt und 1853 zum erstenmal erschienen, hat feinen Namen hinausgetragen über der Heimath Grenzen, es ist — in mehr als 40 Auflagen bis jetzt erschienen — Tausenden der Führer zur Kenntniß der Stenographie geworden. Im Jahre 1856 gründete Gratzmüller den Gabelsberger - Stenographenverein Augsburg, der seit langem der weitaus größte aller Gabelsberger-Vereine ist und im Sinne und Geiste seines Gründers wirkt. Groß ist daher insbesondere die Freude der Angehörigen dieses Vereins, Herrn Prior Gratzmüller zum erreichten siebzigsten Lebensjahre gratuliren zu können. Gratzmüller gründete auch die stenographische Monatschrift dieses Vereins, die „Monatblätter", welche sich heute noch großer Beliebtheit erfreuen. Im Jahre 1870 ließ er eine Uebertragung von „Thomas a Kempis' Nachfolge Christi" erscheinen, welche wiederholte Auflage erlebte. Der 10. August 1890 fand Gratzmüller anläßlich der Enthüllung des Gabelsberger-Denk- mals zu München in Mitte der stenographischen Welt, denn um jene Zeit fand nicht nur der Allgemeine deutsche Stenographentag, sondern auch derJnter- nationale Stenographencongreß daselbst statt. Vor einer solchen internationalen Zuhörerschaft, darunter noch manch ehrwürdiges Haupt aus Gabelsbergers Zeit, hielt Gratzmüller am Morgen jenes Tages am Grabe Gabelsbergers eine tiefempfundene Gedächtnißrede, ausklingend in die Mahnung, fortan treu und unentwegt die Kunst zu pflegen. Die Rede und dieMahnung andiesem geweihten Orte fand Anklang und Wiederhabt bei allen Hörern. Wenn die Wichtigkeit der Erfindung Gabelsbergers für unser öffentliches Leben — insbesondere auch für die Publizistik — heute allgemein anerkannt werden muß, wenn sie als eine der besten geistigen Errungenschaften, als eine Helferin aller Wissenschaften erscheint, so muß Dank und Ehre den Männern gezollt werden, die uns dieses schöne Werk in seiner Einheit und Reinheit erhalten haben. — Im Jahre 1880 stiftete Gratzmüller eine Jahresmesse für Gabelsberger, welche alljährlich am 4. Januar in der Kapelle des Mutterhauses der barmherzigen Schwestern dahier abgehalten wird. So stand er in jeder Richtung in vorderster Reihe, wenn es galt, die von ihm vertretene und als gemeinnützig erkannte Sache zu fördern und deren Erfinder zu ehren, ausgehend von der Ueberzeugung, daß gründliche Kenntniß der Stenographie nicht lediglich ein ideales Gut, sondern ein sehr praktisch nützliches Gut ist, welches sehr Vielen schon zu besserem Fortkommen und zu einer sicheren Existenz verholfen. Slistsprior r. Hieronymus Gratzmüller 0. 8. L 42 Die ganze Gabelsberger'sche Schule wird daher am 19. Januar ds. Js. ihres Altmeisters Gratzmüller ehrend gedenken und alle, welche inner- und außerhalb der stenographischen Kreise stehen und den auch persönlich äußerst liebenswürdigen Herrn Prior kennen lernten, von besten Wünschen für ihn erfüllt sein. Schon im voraus wurde diesem Geburtsfeste von Allerhöchster Stelle die Weihe gegeben, indem Se. Kgl. Hoheit der Prinz-Negent ihn durch Verleihung des Titels und Ranges eines königl. geistl. Rathes auszeichnete, ein Beleg dafür, daß Allerhöchsten Ortes das stille, aber fruchtbare Wirken Gratzmüllers anerkannt ist. Wir freuen uns darob aufrichtigst, insbesondere auch darüber, daß wir Herrn Prior Gratzmüller so lange in unserer Mitte haben, daß er ein Angehöriger unserer Stadt ist (man verzeihe uns diesen Ausbruch unseres Lokalpatriotismus), und daß hier durch seine Thätigkeit so viel für Verbreitung einer guten Sache geschehen ist. Möge Herrn Prior und kgl. geistl. Rath Gratzmüller noch ein langer, ungetrübter Lebensabend beschicken sein! —SÄWkS- * Höchstädt. (Schluß.) (Hiezu das Bild Seite 43) Die alte Stadt Höchstädt bildete eine eigene Pfarrei und hatte eine der HI. Jungfrau Maria geweihte Pfarrkirche, deren Patronatrecht das Kloster Reichenau bis zum Jahre 1356 besaß. Mit dem Kirchensatz, den das ehrwürdige Bodensee-Kloster besaß, war der Großzehnt im Pfarrsprengel Höchstädt verbunden. All dies verkaufte das Kloster im genannten Jahre um 300 Pfd. Heller an den reichen Ulmer Bürger Heinrich v. Roth, dessen Familie nun auf die Pfarrei präsentirte. Ein Glied dieser Ulmer Patrizier-Familie, Johannes v. Roth, war im Jahre 1358 Pfarrer in Höchstädt und bezog als Einkommen 12 Malter Korn, den kleinen Zehnt und Opfer- gefälle. Im nämlichen Jahre noch aber stiftete Heinrich v. Roth und sein Sohn, der Pfarrer Johannes v. Roth, in der St. Nikolaus-Kapelle, die nahe bei der Pfarrkirche in der Altstadt stand, eine Frühmesse mit der Auflage, daß der Pfarrer einen „Gesellpriester" (Kaplan) zu sich in Kost nehmen, dafür aber statt der 12 Malter Roggen den großen Zehnt der Pfarrei beziehen solle. So blieb es bis 1451. Da stiftete der Pfarrer in der Altstadt, Peter Schaflitzel, und die Kirchenpfleger mit zwei Höfen in Deisenhofen in der St. Nikolaus- Kapelle ein Benefizium, dessen Inhaber wöchentlich wenigstens fünfmal „Morgens sobald man die Thore anschließe" in der Kapelle, an Sonn- und Feiertagen aber in der Pfarrkirche unter dem Amt die hl. Messe lesen und dem Pfarrer und „seinem Gesellen" in geistlichen Sachen „behalfen sein" mußte. Cardinalbischof Peter bestätigte diese Stiftung anno 1452. In alter Zeit reichte die Pfarrei Steinheim bis an den Westrand der alten Stadt Höchstädt. Ueber diesen Rand hinaus bildete sich vom 13. Jahrhundert an eine neue Ansiedelung, die sich rasch entwickelte. So entstand eine Neustadt Höchstädt, auch Neu-Höchstädt genannt. In dieser Neustadt bestand schon im Jahre 1382 eine eigene Pfarrkirche, deren Patronat dem Kloster Reichenbach in der Oberpfalz zustand, weil die Neustadt im Pfarrsprengel Steinheim entstanden war, das zu jenem Kloster gehörte. Dieses Kloster besetzte die Pfarrei der Neustadt sogar eine Zeit lang mit seinen Conven- tualen. Einer derselben, Kunrat der Ratzenberger, war im Jahre 1384 Pfarrer zu Höchstädt. Die Neustadt hatte schon im 14. Jahrhundert die Altstadt an Bedeutung weit überflügelt, so daß diese als offene Vorstadt erschien. Die Neustadt war mit Mauern umgeben und enthielt den Haupttheil der Bevölkerung. Dafür zeugt, daß allein in der Zeit von 1372 bis 1452 in der Neustadt acht Benefizien meist von den Bürgern gestiftet wurden. Ueber sämmtliche Benefizien hatte der Rath das Ernennungs- und Kloster Reichenbach das Präsentationsrecht. Auch die Pfarrei der Neustadt brachte der Rath bald an sich und erwarb im Jahre 1544 auch das Patronatrecht über die Pfarrei der Altstadt sammt dem Benefizium St. Nikolaus. Im Jahre 1542 zwang Pfalzgraf Otto Heinrich sein ganzes Land Pfalz-Neuburg, also auch die Stadt Höchstädt, protestantisch zu werden. Der nun lutherisch gewordene Magistrat ging nun übel mit den geistlichen Pfründen, Stiftungen und Kirchengütern um. Die Pfarrei der Altstadt wurde aufgehoben und mit jener der Neustadt vereinigt. Alle Benefizien und ihre Güter zog der Magistrat ein, verkaufte dieselben und verwendete sie zu weltlichen Zwecken oder zum Spital, das im Jahre 1387 von einigen wohlthätigen Bürgern und dem Herzog Friedrich von Teck gestiftet worden. Im Jahre 1557 wurde sogar die Pfarrkirche der Altstadt und die Nikolauskapelle abgebrochen. Als im Jahre 1614 Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm sein Land wieder zur katholischen Kirche zurückführte, stieß er gerade in Höchstädt auf den heftigsten Widerstand, weil die Anhänger des Lutherthums in der alten Pfalz- gräfin-Mutter, einer unbiegsamen, eifrigen Protestantin, die im Schloß zu Höchstädt ihren Wittwensitz hatte, festen Rückhalt hatten. Acht Jahre lang scheiterten alle Bemühungen des eifrigen katholischen Pfalzgrafen, für den katholischen Cultus wenigstens die Spitalkirche zu bekommen, an der lutherischen Zähigkeit und Ausdauer seiner „gnädigsten geliebten Frau Mutter." Als er im Jahre 1624 dem Rath befahl, die Spitalkirche für die katholische Religionsübung einzuräumen, befahl die Pfalzgräfin dem Rath auf's Bestimmteste, nicht das Geringste einzugehen. Ihrem Sohne, dem Pfalzgrafen, drohte sie, lieber Höchstädt zu verlassen, als die katholische Religion in der Spitalkirche zu dulden. Diesmal gab jedoch der Pfalzgraf nicht mehr nach. Er bat den Bischof, einen katholischen Priester auf Sonntag nach dem Dreifaltigkeitsfest nach Höchstädt zu senden, welcher die Einführung der katholischen Religion in der Spitalkapelle vornahm. Am 23. Juni kam der Stadtpfarrer Sixtus Bischer von Dillingen, hielt in der Spitalkirche den katholischen Gottesdienst und führte den Priester Georg Pistorius als ersten katholischen Pfarrer nach dem Lutherthum in Höchstädt ein. Am nämlichen Tage ließ der Pfalzgraf durch seinen Kanzler seiner Frau Mutter, der Herzogin Anna, die Versicherung geben, daß, so lange sie lebe, in der Pfarrkirche und in der Hofkapelle die lutherische Religionsübung unangefochten bleibe und Niemand zur katholischen Neligionsübung gezwungen werde. So hielt es der Pfalzgraf bis zum Tode seiner Mutter. Als sie aber anno 1632 gestorben war, ließ er die Prädikanten aus Höchstädt schaffen, die Pfarrkirche dem katholischen Cultus zurückgeben und verlangte im 43 Jahre 1634, daß Rath und Bürgerschaft wieder katholisch werden. Die wollten nichts davon wissen. In der Hoffnung, daß die kaiserliche Macht, welche eben die Donau heraufzog, eine schwere Niederlage erleiden werde, gebrauchten sie allerlei Ausflüchte. „Das Spiel ist noch nicht aus", sagten vorlaute Rathsglieder. Nach dem glänzenden Siege der Kaiserlichen bei Nördlingen mußte sich auch der „steiflutherische" Rath zur Umkehr bequemen, aber nur langsam und schwer vollzog sich die Rückkehr Höchstädts zur Kirche. Erst als um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein neues Geschlecht an Stelle des alten getreten war, war die Rückkehr zur Kirche auch innerlich vollzogen. * In Folge der Aufhebung der alten Benefizien war nach Wiederherstellung der katholischen Religion der Priestermangel sehr fühlbar; darum stiftete der Rath im Jahre 1720 das Benefizium St. Veit, dessen Inhaber In allerliebster Gesellschaft. Eine Humoreske von Element Kleeberg er. (Fortsetzung.) VI. Langsam zu den Lüften hinauf, die Rosenheimer Straße empor, fuhr ein Nachfolger des roß- und fahr- kundigen Ajax. Ich stürze auf ihn zu, reiße den Schlag seiner Kalesche auf und befehle: „Ostbahnhof und retour Central- Staatsbahnhof, aber rafcy." Die Ueberrumpelung ging so rapid schnell, daß der Epigone kaum Zeit hatte, den Kragen zu drehen und seinen Gast zu sehen. Er ließ also seinen Bucephalus halten und erschien am Wagenschlag. „Ja, was ist's," fuhr ich ihn unwillig an, „habt Ihr mich nicht verstanden? Halten auch noch." 's. H » - 52.2 Schloß tzöchftädl. Original-Ausnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. sBervielsaltigungSrecht vorbehalten.; den Stadtpfarrer im Beichtsitzen, Predigen rc. unterstützen sollte. Im Mittelalter entstand in der alten Stadt ein Frauenkloster, genannt die „Klause", das später die Regel des hl. Augustin annahm. In der Reformation wurde dieses Kloster aufgehoben und seine Güter eingezogen. Auch ein Kapuzincr-Hospitium war im Jahre 1740 auf der Höhe der Stadt erstanden, erlag aber schon nach 62 Jahren der Säcularisation. Sonst fühlte Höchstüdt im Jahre 1803 wenig von den revolutionären Wirkungen und Umgestaltungen der Säcularisation, da ihr die Reformation zum Säcularisiren nichts mehr übrig gelassen hatte und Stadt und Amt Höchstüdt schon seit 535 Jahren dem bayerischen Scepter unterworfen waren. (Aus „Bisthum Augsburg III. 660—680 von Dr. v. Steichele.) -»S-SW-S,- „So hitzig," antwortete der Roßlenker, „geht's g'rad' net, und damit Sie's gleich wissen, können S' gleich wieder aussteigen auch, ich bin schon bestellt. Muß 'n Passagier abholen, der kommt mit 'n Blitzzug." Bei dem Wort „Blitzzug" blitzte es mir durch's Gehirn. — Treff' ich den Jungen, will ich — und im Coupä wird mir der Gesellschafter nicht durchbrennen können — mit dieser Expreßgelegenheit nach Hause. „Brav, mein Lieber," antwortete ich, die wohlklingendsten Register meines Stimmkastens aufziehend, „brav, das lob' ich mir, und wenn ich wieder einmal für eine Tagesrundfahrt einen Kutscher brauch', keinen andern als Euch würd' ich engagiren, brav, da ist ein Verlaß. Ich will aussteigen, gleich aussteigen, wenn Ihr so wollt, doch da Euer Thierchen ohnedieß zum Ostbahnhof trabt, könnte es mit Eurer Erlaubniß — ich bin ja ein ganz schmaler Mensch — mich mitnehmen." 44 Ich machte wirklich Miene aufzustehen, der Brave jedoch gestattete es nicht: „ein gutes Wort findet guten Ort, — und eine gute Cigarre ist eine beliebte Waare — und extra noch eine Mark in die Tatze — da nicht gefällig sein, wär' nicht am Platze." Die Peitsche knallte, der Gaul zog aus. Lustig trabten die Hufe und alsbald standen wir vor dem immer noch vergebens auf seine Zukunft harrenden Bahnhof der Ostmetropolis. Der Telamonier sprang von seinem Bock und öffnete, sein attisches Profil nun in der freundlichsten Fayade gebend, den Wagenschlag. „Bald wieder die Ehr', gnä Herr," mit diesem klassischen Reim entließ er mich aus seinem Gehäuse. Natürlich war mein Erstes, schnurstracks auf den Tramwagen loszuschreiten. Gerne gab mir der Kondukteur Auskunft. Ein Bübchen, ja wohl, mit einem defekten Matrosenhut sei mitgefahren, und hinter einem Herrn, „ich hab' geglaubt, es wär'der Vater," — hätte er den Weg über den Orleansplatz eingeschlagen. „So, recht schön," antwortete ich, verbindlichst dankend. Ich ließ meinem Unmuth die Zügel nicht schießen, denn statt des: „so, recht schön," wär' mir die Zunge mit einem ganz anderen Herzenserguß durchge- brannt. Ich wollte mich bemeistern, kühl werden. Es ist einmal so im Leben, wenn man in der Tinte sitzt, kommt es auf eine größere oder kleinere Alizarin-Tonne nicht mehr an. Regen einen im ersten Momente Lappalien oft ungebührlich auf, sind wir ernsten, wirklichen Schicksalsschlägen gegenüber, denen mit festem Auge in die düstere Tafel gesehen werden muß, standhafter, ruhiger, kälter. Ich nahm mir vor, ein Philosoph zu sein nach dem Horaz'schen Recept: „Nil nämiraii", ein Stoiker ü tu Cato, nur mit besserer Konsequenz, denn was soll's, wenn dieser sich doch wegen ein bischen Meinungsabweichungen, so er mit seinem ehemaligen Freund Cäsar hatte, das Herz durchbohrte? Mit gefrorenem Blut und eisiger Ruhe, nonchalant bis zum Exceß, wollte ich die neuen Dinge heranrücken lassen. Ich bummelte dem Orleansplatz zu, die Arme auf dem Rücken verschränkt, so ein Gefühl himmlischer Wurstigkeit wandelte mich an, ich lächelte über mich, über meinen Aerger, über meine Lage, ich fand sie sogar amüsant, über die Alltagsleisten hinaus, piquant. Find' ich den Burschen, recht, — find' ich ihn nicht, auch recht. Ich thue meine Schuldigkeit und damit basta. Um meiner frohmüthigen Visage noch einen behaglicheren Ton geben zu wollen, steckte ich ihr eine „Braun", nämlich so heißt die renommirte Firma meines Leiblieferanten, Reichenbachstraße Nr. 36, in's Zahngehege. Ich hatte kein Streichhölzchen — was macht's — ich rauche kalt. So schlenderte ich gemüthlich, schwankenden Gangs, wie ein eben von seiner langen Kamerunfahrt an's Land gestiegener Bootsmann, hinab den Seitenweg. Bald sah ich einen Herrn, quer über der Straße, der gerade die Asche von seinem Schnuller abstreifte. Auf diesen ging ich zu, bat um Feuer, doch im Moment, als ich meiner „Sansibar" das Köpfchen abbeißen wollte, schob sich von rückwärts ein Aermel herein, an dem Aermel befand sich eine gestreckte Hand, und diese Hand griff nach meiner Afrikanertn, und klapps ist sie auch schon enthauptet. — „Entschuldige —und abbeißen auch noch, wie vandalisch," mit dieser Rüge überreichte, seine Guillotine einsteckend, ein alter Spezi mir die Enthauptete wieder. Ich zündete an und empfahl mich dankend bei dem Feuerspender. Mein Spezi aber war ganz frappirt, mich einmal in seiner Zone zu sehen. Er hatte nämlich, seitdem er a. D. war, sich hinter der maximilianischen Akropolis niedergelassen, währenddem mein Himmelsstrich über dem Scheitel der Bavaria niederging. Ostend und Westend, wie soll man da zusammenkommen? (Schluß folgr.) -—«-v-r—- Winter. Hat man Dir nicht erzählet Dereinst von einer Maid, Die sich einem Ritter vermählet, Der sie vom Zauber befreit? Auf einem hohen Schlosse Im Schlaf die Jungfrau lag, Mit Pferden, Hund und Trosse Schlief sie viel Jahr und Tag. Da kam ein edler Recke, Der brach sich offene Bahn, Und sprach am Dornverstecke Als wüthiger Freier an. Hei! welch ein Helles Klingen, Die Schläfer sind erwacht, Heil welch ein tolles Springen, Im Schloß wird Hochzeit gemacht. Die Jungfrau ist die Erde, Sie ruht im Flockenkleid, Und harrt mit stummer Geberde Des Ritters, der sie freit. Es ragen die Tannen dunkel, Sie halten ihr treue Wacht, Auf ihrem Haupt als Gesunkel Glitzert der Sonne Pracht. Es sausen darüber die Winde, Sie fahren ihr lustig in's Haar, Sie reißen dem schlummernden Kinde Am silbernen Brauttalar. Und klingt in den frostigen Räumen Der Schlitten Schellengeklirr, Dann muß sie spinnen und träumen In bunter Bilder Gewirr. Dornröschen, warte nur, balde Naht Dein Befreier, Dein Held, Sein Weckruf erschallet im Walde, Hallt wieder vom Berg und im Feld. Dann gehet ein Jubiliren Weit durch das einsame Land, Muß alles sich schmücken und zieren Mit Schleifen und Federn und Band. Wer nahm doch die schneeige Decke, Wer brachte das bräutliche Kleid? Der Frühling kam wieder, der Recke, Und hat um die Erde gefreit. Adolph Müller. -«Wies- Großhcrzog Ernst Ludwig von Hessen und dessen Kraut. (Zu unserem Bild Seite 39.) Das jüngste Brautpaar aus fürstlichem Geblüte sind der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und Prinzessin Victoria von Sachsen-Coburg-Gotha, die sich am 9. Januar in Gotha verlobten. Großherzog Ernst Ludwig ist zu Darmstadt am 25. November 1868 geboren und seinem Vater in der Regierung am 13. März 1892 gefolgt. Prinzessin Victoria ist auf Malta am 25. November 1876 geboren; der Vater der Braut, Herzog Alfred von Sachsen-Coburg-Gotha, und die Mutter des Bräutigams, Prinzessin Alice von Großbritannien, waren Geschwister; das neue Braulpaar ist also Cousin und Cousine. Die ält-ste Schwester der Braut, Prinzessin Maria, hat sich bekanntlich im vorigen Jahre mit dem Prinzen Ferdinand von Rumänien ver- hcirathet.