9. 1894 . „Augsburger Postzeitung". Dienstag, den 30. Januar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas volle Thatsache, daß die Tante auf ihrem Krankenlager sie ihrer Stimme beraubte: mit ihrem Rücktritt von der Bühne war der Stern erblichen, der bisher über dem Lpernunternehmen ihres Gemahls geleuchtet hatte, der schwache Besuch der Vorstellungen trug nicht mehr die Kosten ein und in kurzer Zeit war Jmhoff ein ruinirter Mann. Er versuchte sein Glück nun wieder als Schauspieler, aber wie er früher in diesem seinem ursprünglichen Berufe niemals Erfolg gehabt hatte, so sah er sich auch jetzt wieder in die ganze Misere zurückgeschleu- dert, welche an den kleinen Wanderbühnen Nordamerikas noch viel jämmerlicher ist, als hier in Deutschland. Seine Lage wurde immer tröst- und hoffnungsloser. An ihren Vater wollte sich Frau Jmhoff nicht wenden, lieber entschloß sie sich zu dem verzweifelten Schritte, ihre Tante um Hilfe anzugehen. Ihre Ehe verheimlichend, schrieb sie u»ter ihrem Mädchennamen, den sie auch als Sängerin beibehalten hatte, an Frau Rollenstein einen zerknirschten Brief, worin sie ihre Reue über ihr vergangenes Leben ausdrückte und sich zu jeder Buße bereit erklärte. Die Tante war nicht unerbittlich, sie stellte ihrer Nichte die Bedingung, Methodist!» zu werden, und lud sie ein, zu ihr zu kommen, damit sie sich von ihrer Buße und Besserung selbst überzeuge. Die Nichte sollte, wenn sie diese Probe bestand, bei der Tante eine Heimstätte finden und auch in deren Testamente bedacht werden. Dem Briefe Frau Rollenstcin's lag eine namhafte Geldunterstützug bei, von welcher zugleich die Reise nach Europa bestritten werden konnte ..." Das war ohne Zweifel der Besuch, dachte Volkmar, den die alte Dame erwartete und für welchen sie, wie die Frau Ritter hatte sagen hören, ein Zimmer in Bereitschaft setzte. Auch in diesem Punkte herrschte also, wie schon hinsichtlich der beiden Depeschen, volle Uebereinstimmung zwischen Harnisch's Mittheilungen und dem, was die Gärtncrsfrau sich hatte entschlüpfen lassen. Siglindens Betrachtungen waren anderer Art: sie erwog die Frage, ob dem überraschenden Zuvorkommen, welches die sonst so harte Tante gegen Erika bezeigte, nur das Bedürfniß zu Grunde lag, für den Abend ihres Lebens eine Pflegerin um sich zu haben, die in einem sklavischen Abhängigkeitsverhältnisse zu ihr stand, oder ob sie sich mehr von dem rachsüchtigen Wunsche leiten ließ, ihrem tiefgehaßten Schwager, dessen Unversöhnlich- keit gegen die verstoßene Tochter sie kannte, durch die Aufnahme derselben ein Aergerniß zu bereiten. Vielleicht traf Beides zu. Während dieser Gedankengänge seiner beiden Zuhörer fuhr Harnisch ununterbrochen fort: „Frau Jmhoff schwankte, was sie thun solle. Nahm sie das Anerbieten an, so war nur ihr geholfen, nicht aber ihrem Gatten, von welchem sie sich trennen mußte. Die Aussicht auf ein Erbtheil war wohl für Beide verlockend, lag aber in ungewisser Ferne. Dieser Unentschlossenheit wurde jedoch ein Ende gemacht, als bald nach jenem Briefe das Telegramm anlangte, worin die plötzlich erkrankte Tante mittheilte, sie fühle ihr Ende nahe, und Erika aufforderte, sofort abzureisen. Jetzt gab es kein Zaudern mehr, auch war keine Zeit zu verlieren. Die Möglichkeit, von der Tante etwas zu erben, war in unmittelbare Nähe gerückt; mit dem nächsten Dampfer reiste Frau Jmhoff ab, und ihr Gemahl begleitete sie, vielleicht aus Mißtrauen, daß die designirte Erbin, einmal durch das Weltmeer von ihm getrennt, nicht wieder zu ihm zurückkehren möchte. Das war der Anlaß zu der Reise, während welcher ich Ihre Frau Schwester kennen lernte. Ganz zufällig traf ich mit ihr und ihrem Gemahl, nachdem wir uns in London getrennt hatten, auch auf dem „)1orninA-8ta,r" wieder zusammen, ver uns nach Calais bringen sollte." Diese Worte waren mit einem unheilverkündenden Ernst gesprochen. Wie von einer inneren Bewegung ergriffen, erhob sich Harnisch von seinem Stuhle und machte, die Arme über der Brust verschränkt und das Antlitz zur Erde gebeugt, einige Gänge durch das Zimmer. Kaum hatte Siglinde vernommen, daß ihre Schwester sich auf dem unglücklichen Dampfer befunden habe, den eine so schreckliche Katastrophe ereilte, als sich ihrer eine namenlose Angst bemächtigte. Ehe sie den Muth fand, sich über Erika's Schicksal durch eine entschlossene Frage Gewißheit zu verschaffen, suchte sie sich in die Erinnerung zu rufen, ob die Rettungsliste auch den Namen Jmhoff enthalten habe; aber vergebens strengte sie ihr Gedächtniß an. Der Name war ihr fremd gewesen und würde sich ihr, selbst wenn sie ihn gelesen hätte, ebensowenig eingeprägt haben, wie irgend ein anderer. Sie vermochte diese entsetzliche Ungewißheit nicht länger zu ertragen. „Herr von Harnisch!" sagte Siglinde mit bebender Stimme, indem sie aufstand und sich mit der Rechten auf die Lehne des Fauteuils stützte, „was ist aus meiner Schwester geworden? Schonen Sie mich nicht, sondern sagen Sie mir die Wahrheit! Oh, ich ahne das Schlimmste! Ich lese es in Ihrer Miene, — ich hatte schon vorhin den Eindruck, als trügen Sie sich mit einer für mich niederschmetternden Mittheilung. Reden Siel Bitte, reden Sie!" Doktor Volkmar, dem ebenfalls nichts Gutes ahnte, wollte auf Siglinde zueilen, um ihr Worte der Beruhigung und der Theilnahme zu sagen, aber er trat verstimmt wieder zurück, denn Harnisch kam ihm zuvor, indem er, sich schon als Siglindens natürlicher Beschützer und Tröster fühlend, ihre Hand ergriff. „Mein liebes Fräulein," sagte er in bittend beschwichtigendem Tone, „leider muß ich Sie auf eine Trauerkunde vorbereiten." Ein schmerzliches Stöhnen entwand sich Siglindens Brust. „Warum sagten Sie es mir nicht schon vorgestern?" „Ich fühlte nicht den Muth dazu, auch widerstrebte es meinem Gefühle, mich bei Ihnen als Hiobsbote einzuführen." „Meine arme Schwester ist ertrunken, — nicht wahr?" frug Siglinde zögernd und mit dem Weinen kämpfend. „Leider ist es so, wie Sie fürchten." „Wissen Sie es ganz sicher?" drang Siglinde in ihn, sich an einen Strohhalm von Hoffnung klammernd. „Könnte sie nicht gerettet sein, vielleicht noch mit Andern, die man ebenfalls ertrunken glaubt? O, bitte, erzählen Sie mir, wie das Schreckliche sich zutrug. Wohl las ich den Hergang in der Zeitung, aber ohne die Aufmerksamkeit, die ich dem traurigen Ereignisse geschenkt haben würde, wenn ich gewußt hätte, wie nahe mein Herz daran betheiligt war." „Die Katastrophe vollzog sich mit erschreckender Schnelligkeit," berichtete der Amerikaner in tiefem, gedämpftem Tone. „Es herrschte ein fast undurchdringlicher Nebel. Da ertönte ein gewaltiges Krachen. Unser Schiff war von dem französischen Dampfer „Sirene" gerade in der Mitte getroffen. Fünf Minuten nach dem Zusammenstoße sank es und zwar so rasch, daß die drei Boote der „Sirene" von den 160 Passagieren des „LlorninA-star"' nicht den vierten Theil zu retten vermochten. Zwar hatte unser Schiff auch drei Boote herabgelassen, aber ehe diese noch bestiegen werden konnten, kenterte das eine derselben, während die beiden andern so schnell abtrieben, daß sie von Niemand erreicht werden konnten. Was nicht von der „Sirene" aufgenommen wurde, ist ertrunken, darüber herrscht leider nicht der mindeste Zweifel, denn stundenlang noch wurde die Wasserfläche ringsumher abgesucht, jedoch ohne Erfolg. Wir waren im Ganzen 31 Gerettete und wurden nach Calais gebracht. Aber Ihre Frau Schwester, nach welcher zu forschen mein Erstes war, befand sich nicht darunter." MGUK Auf dem Naubzuge MU UM ZWM WN In stillen Thränen ergoß sich Siglindens Schmerz. > Hatte die Ungleichartigkeit des Alters und der 1 Charakteranlagen auch stets eine Scheidewand zwischen ; den beiden Schwestern gebildet, war Siglinde auch noch ein Kind gewesen, als Erika das elterliche Haus verließ, so hatte sie doch nie aufgehört, die Entfernte, Verschollene als ihre Schwester zu lieben und ihrer wehmüthig zu gedenken. Die nie erloschene Hoffnung, sie dennoch einst als Wiedergefundene in ihre Arme zu schließen, war mit der Kunde von ihrem Tode für immer dahin; das unnatürliche Ende, das Erika gesunden, die harten Schicksalsprüfungen, welche ihre letzten Lebensjahre verdüstert hatten, drückten den Stachel des Schmerzes nur um so tiefer in Siglindens Herz. Sie ließ sich von Harnisch, der ihr die letzte Kunde von der Verstorbenen gebracht, während der letzten Stunden ihres Lebens mit ihr verkehrt hatte, genau beschreiben, wie Erika ausgesehen, wie ihre Stimme geklungen, welche Kleidung sie getragen hatte, um sich das Bild fest einzuprägen und es wie eine heilige Reliquie in ihrer Erinnerung zu bewahren. ! Ein langes tiefes Schweigen war eingetreten. Weder Volkmar noch Harnisch hätten gewagt, dasselbe zu unterbrechen. Als Siglinde ihre Fassung wiederfand, ward sie sich erst bewußt, daß während der ganzen Zeit Harnisch ihre Hand in der seinigen gehalten hatte. Sie erkannte sehr wohl, daß dieser sich ein Recht herausgenommen hatte, welches Volkmar zwang, bei Seite zu stehen und Trost und Zuspruch dem scheinbar Bevorzugten zu überlassen. Sie erschrak, und einen Blick auf den Anwalt werfend, entzog sie dem Amerikaner rasch die Hand. ^ (Fortsetzung folgt.) Der berühmte Z . . . Es war im Jahre 1875, als ich mich mit meinem Roman „Unglückliche Liebe" um einen Preis der Akademie bewarb. Aber was nützt es, lieber Leser, Dir diesen Titel zu nennen. Er ist Dir ohne Zweifel unbekannt, denn die große Mehrzahl der Exemplare desselben ruht ungestört auf den Regalen der Buchhandlung, und das Werk hat auch nicht den geringsten Preis gewonnen. „Sie sind gar zu moralisch", sagte mir der Verleger, der das Buch übrigens auf meine Kosten hatte drucken lassen. Ironie des Schicksals! Der Areopag der Vierzig verwarf mein Buch, weil einige Szenen darin zu „gewagt" seien. Wer soll daraus klug werden! Und dieser doppelte Mißerfolg hatte nicht einmal die gute Wirkung, mich von weiteren Produktionen abzuschrecken, obgleich ich es meiner „Unglücklichen Liebe" verdanke, mich einmal in meinem Leben lächerlich gemacht zu haben. Ich will hoffen, daß es das einzige Mal war. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Ich war jung, denn ich zählte nicht viel mehr als zwanzig Jahre, und unerfahren, denn nachdem ich die Naivetät gehabt, einen Roman auf meine Kosten drucken zu lassen, hinterlegte ich drei Exemplare desselben bei dem Sekretär der Akademie, ohne irgend welche Schritte zu seiner Empfehlung zu thun, nur im Vertrauen auf seinen inneren Werth. Eine alte Tante, der ich meine ehrgeizigen Pläne mittheilte, sagte mir: „Mein lieber Neffe, ich kenne einen Akademiker, den berühmten Z . . . Schicke ihm einen Band Deines Romans mit einer Widmung. Ich werde mit ihm von Dir sprechen,' denn ich treffe > ihn wenigstens einmal in der Woche in der Welt, in 1 der man dintrt." Am folgenden Morgen befand sich mein Band in den Händen des berühmten Z . . . Jetzt ist er todt, aber wie man sehen wird, ist er nicht an der Lektüre meines Romans gestorben. Der 'Sommer verging, und ich reiste nach Burgund ab. Ich sehnte mich nach Landluft, nach den Meinigen und nach „Ersparnissen." Das Druckenlassen meines Werkes hatte meine Kasse erschöpft In unsern Zeiten sind es nicht mehr die Schriftsteller, welche die Verleger ruiniren. Oh, dieser „Selbstverlag"! Diese Erfindung ist fataler für den Geldbeutel, als die Roulette. Im Coupö der Eisenbahn ward mir eine der süßesten Freuden zu Theil, die mir die Literatur bescheert hat. Leider war sie nur von kurzer Dauer, aber was thut's. Bis auf diesen Tag kann ich nicht ohne Bewegung an diese unschuldige und — flüchtige Jugenderinnerung denken. , Wir waren drei im Coups: erstens ich; dann ein Mann von etwa sechzig Jahren, klein von Wuchs, roth von Angesicht, kahlköpfig und — sonderbar in seinem Alter — nickt dekorirt. Er mochte Verstand besitzen, jedenfalls verbarg er ihn unter einem schwerfälligen Aeußern. Seine Kleidung verrieth wenig Rücksicht auf die Forderungen der Mode. Die junge Dame, welche ihn begleitete, ohne Zweifel seine Tochter, schien mir eine vornehme Persönlichkeit, denn sie trug jeidene Strümpfe. Ich habe seitdem, auf meine Kosten, gelernt, daß man auf seidene Strümpfe kein Gewicht legen darf; aber diese Geschichte trug sich zu vor zwölf Jahren, und ich war damals jung. Uebrigens, wenn die Unbekannte Holzschuhe angehabt, nur ein Auge und einen Buckel gehabt hätte, es wäre mir in dem Augenblicke gleichgiltig gewesen. Denn nicht auf ihr weilten meine freudestrahlenden Blicke, sondern auf dem Buche, das sie las; ein Buch in einem lachsfarbenen Umschlage, den ich auf einen Kilometer Entfernung erkannt Hütte. Gerechter Himmel! Es war mein Buch! Jedermann kann die Druckerpresse ins Stöhnest bringen. Wer macht sich heutzutage nicht das vorzügliche Vergnügen, seinen Namen in einem Ladenfenster zwischen Octave Feuillet und Balzac prangen zu sehen? Aber sich lesen sehen! Welche Wonne! Kleopatra selbst hat trotz aller Raffinirtheit im Genießen die Art des Genusses nicht entdeckt, und ich bedaure sie deshalb, denn ich habe diese Seligkeit einmal in meinem Leben genossen; ja, leider nur einmal! „Also du", dachte ich, „du liebes, gesegnetes Wesen, du hast mein Buch gekauft! Es sind meine Gedanken, die du denkst, meine Empfindungen, die du empfindest, meine Worte, die deine rosigen, hübschen Lippen in leise Bewegung setzen." Aber ach, was mußte ich erblicken? Diese rosigen Lippen öffneten sich allerdings, aber — um zu gähnen! Gewiß ist sie, der Abreise wegen, sehr früh aufgestanden, suchte ich mir einzureden. Ihre Augen schlössen sich, das zarte Kinn sank auf ihre Brust, die fein behandschuhten Hände ließen mein Buch los, und es sank — auf den Teppich. Nun, es ist doch keine Schande, einem hübschen Mäochen zu Füßen zu fallen, besonders zu solchen Füßchen in seidenen Strümpfen. Sie regte sich nicht. Ihr Schlaf war gesund, prima 59 Sorte, ausdauernd. Vielleicht war das eine Familien- eigenthümlichkeit, denn der Vater schlief schon lange, ganz ohne die „Unglückliche Liebe" gelesen zu haben. Dieser Gedanke war sehr beruhigend. Ach, meine Freude war von kurzer Dauer gewesen! Sie hatte das Buch nicht gekauft, denn auf der ersten Seite fand ich diese Zeilen von meiner eigenen Hand geschrieben: „Dem Herrn Z . . ., Mitglied der Akademie von Frankreich. „Erlauben Sie, hochverehrter Meister, einem Unbekannten, Ihnen seine Huldigung durch die Zusendung dieses bescheidenen Buches darzubringen, als Zeichen seiner ehrerbietigen Bewunderung Ihres hohen Talents." Aber wie! Welche Freude! Dieser apoplektische, nachlässig gekleidete Schläfer war der berühmte Z . . .! Er hatte mein Werk seiner Beachtung gewürdigt, da er es auf die Reise mitgenommen hatte. Er hatte seinem Kinde erlaubt, vielleicht gar gerathen, es zu lesen. Nun brauchte ich nur dieses glückliche Zusammentreffen auszunutzen. Noch sechs Stunden lang würde ich die Gesellschaft des berühmten Mannes genießen. Das war mehr als genug, um mir seine Gunst zu sichern, welche, nach der Ansicht meiner Tante, die der 39 Andern nach sich ziehen würde. Und es war mir ja auch nicht verboten, vermittelst seiner Tochter auf ihn einzuwirken. Das hieß, auf einem Umwege an sein Ziel gelangen, aber auf welch einem niedlichen Umwege. Man denke sich eine reizende, recht muthwillig aussehende Brünette, mit blitzenden Augen und kirsch- rothen Lippen und einem Wüchse, der jeden Maler begeistern würde. Aber in diesem Augenblicke galt es nicht, sich zu verlieben, sondern an mein Buch zu denken. Das Uebrige würde sich später dann schon finden. Armes Buch! Bis jetzt war es noch nicht einmal aufgeschnitten, und wenn es so weiter ging, hatte es wenig Aussicht, aufgeschnitten zu werden. Da ich nichts Besseres zu thun hatte, zog ich mein Messer aus der Tasche und machte mich an die Arbeit. Das Knistern des Papiers weckte meine Nachbarin auf, die etwas erstaunt schien über meine Beschäftigung. — „Mein Herr..." begann sie, die Hand nach ihrem Eigenthum ausstreckend. „Mademoiselle," antwortete ich, „erlauben Sie mir, Ihnen eine Arbeit zu ersparen. Ich werde in fünf Minuten fertig sein." Sie dankte mir mit einem Lächeln. Welche reizenden Zähnchen I Was konnte die Akademie mir Aehnliches bieten? Ich sah, daß sie mich mit Wohlgefallen betrachtete. Der Augenblick, den Angriff zu beginnen, war gekommen. Ich machte ein so schelmisches Gesicht, wie ich nur konnte, und sagte: „Uebrigens habe ich ein gutes Recht dazu." „Ein gutes Recht," wiederholte sie, mich mit ihren großen Augen anblickend, und ein niedliches Grübchen erschien auf ihrem Gesichtchen. „Jawohl! Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen. Ich bin der bescheidene und unbekannte Verfasser dieses Buches." Sie nahm das Buch und las neugierig das plebejische Pseudonym auf dem Deckel. Sorgloses Kind! Sie hatte angefangen, meine „Unglückliche Liebe" zu lesen, ohne sich zu kümmern, wer sie geschrieben hatte. Ich konnte sogar bemerken, daß der banale Name „ Pierre Lejeune" ihr Interesse für mich abkühlte. Mit etwas verächtlichem Tonfalle sagte sie: „Also Sie sind ein Schriftsteller?" „Ich habe diese Ehre, mein gnädiges Fräulein, denn ich zweifle nicht daran, daß das in Ihren Augen für eine Ehre gilt. Sie kennen gewiß die meisten litterarischen Größen unserer Zeit?" „Ja, einige von ihnen besuchen uns, aber meistens nur die Alten." „Der Papa bewacht sein Töchterchen sorgfältig," dachte ich, und sagte: „Sie lesen gewiß sehr viel?" „Oh ja, sehr viel, im Sommer, auf dem Lande. Im Winter habe ich keine Zeit dazu." Ich drückte durch eine Geste aus, daß ich das sehr natürlich fände. In ihrem Alter, bei ihrer Schönheit machte sie selbstverständlich sehr viele Gesellschaften mit. Dann fragte ich, der mir am Herzen liegenden Hauptsache eingedenk: „Glauben Sie, daß Ihr Herr Vater mir die Ehre erweisen würde, diesen bescheidenen Versuch anzusehen? Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie wichtig mir sein Urtheil wäre, denn ..." „Das ist nicht mein Vater, sondern mein Onkel. Sie kennen ihn?" „Seinen Ruf, gewiß. Welch ein Talent!" Sie nickte zustimmend. Dann sagte sie leise: „Zum Unglück fängt er an, altersschwach zu werden; seine Arbeit ist sehr angreifend. Die Saison in diesem Jahre war sehr ermüdend; mehrere große Diners jede Woche. Die Uikolaikirche zu Hamburg. MV 60 Unter uns gesagt, ich finde, daß man von meinem alten Onkel zu viel verlangt." „Ja, das ist einmal das Schicksal der großen Männer. Aber jetzt wird er sich erholen. Sie gehen doch wohl aufs Land?" „Glauben Sie, daß das Leben im Schloß eine Erholung ist? In Burgund hören die Diners nicht auf." „Wie, Sie reisen auch nach Burgund?" „Ja, nach Chambrive." „Zu der Herzogin? Werden Sie lange da bleiben?" „Den ganzen Herbst. Kennen Sie Chambrive?" „Ich habe früher dieses herrliche Schloß besucht. Was würden Sie wohl sagen, gnädiges Fräulein, wenn Sie mich eines Tages dort ankommen sähen?" Sie schien erstaunt und betrachtete mich mit prüfenden Blicken, als wolle sie ergründen, ob ich im Ernst gesprochen. (Schluß folgt.) -S-iSMS—- Zu unseren Bildern. Das Jüngste. Der Storch war in's Haus gekommen und hatte den Kinderchen ein allerliebstes kleines Brüderlein gebracht. Jetzt ruht es in der Wiege, in sanfte, weiche Kissen gebettet und schläft. Die Mutter hat für kurze Zeit das Zimmer verlassen und diese Gelegenheit benützen die Kinder, das Brüderchen einmal fti sehen. Leise kommen sie heran; Mariechen hebt das Tuch, das schützend über des jungen Weltbürgers Köpfchen ausgebreitet ist. Da liegt es nun, das herzige Wesen, einem schlummernden Engel gleich. Neugierig betrachten die Kinder das schlafende Brüderchen und heimliche stille Freude glänzt aus ihren Augen. Auf dem Daukzuge. Reineke ist ein gar arger Dieb und Räuber. Das sagt uns schon die Strophe des bekannten Liedes: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen I" Aber nicht bloß auf Gänse und Hühner und sonstiges Geflügel hat es Meister Reineke abgesehen, er verachtet auch so ein Häslein nickt. Abend ist's geworden und Lampe hat sich im Schnee soeben ein Nachtlager zurechtgerichtet. Das Häs- lein ahnt nicht, daß der Feind in der Nähe. Leise kommt er über die Schneedecke herübergeschlichen, Fuchs der Schlaue, Listige; schon hat sein Auge das Opfer erspäht. Ob sein Raubzug auch von Erfolg begleitet sein wird? Die Mkolaikirche zu Hamburg in ihrem jetzigen Zustande. Dem großen Stadtbrande in Hamburg, der vom 5. bis 8. Mai 1842 einen großen Theil der Stadt in Asche legte, ist auch die alte Nikolaikirche zum Opfer gefallen. Während schon in den angrenzenden Straßen ein unabsehbares Feuermeer Tod und Verderben brachte, wurde in der Kirche noch Gottesdienst gehalten. Um 12 Uhr Mittags am ersten schrecklichen Tage war der Gottesdienst beendet, um 1 Uhr begannen einzelne Flammen am Thurme emporzuzüngeln und in wenigen Stunden lagen Thurm und Kirche in Asche. Ihre damalige Gestalt hatte sie seit 1658, und ihr Thurm zeigte die ansehnliche Höhe von 400 Fuß und war von dem massiven Mauerwerk an ganz mit Kupfer gedeckt. In seiner Laterne hing ein schönes, holländisches Glockenspiel, welches moraens um 6 und mittags um 1 Uhr eine halbe Stunde lang Chorälc spielte. Am fraglichen Tage begann der Thurm sich selbst sein Schwanenlied zu singen. Sein herrliches Glockenspiel, man weiß nicht, ob durch die Hitze oder eine andere Kraft in Bewegung gesetzt, begann zu tönen, doch nicht einer seiner gewohnten Choräle, sondern eine Melodie voll wilden Schmerzes, voll herzzerreißenden Webes erklang über die brennende Stadt hinweg. Schon um 3 Uhr nachmittags hatte das Feuer den ganzen Thurm ergriffen, gegen 5 Uhr wankte die Spitze und wenige Minuten darauf stürzte sie, zum Theil die Häuser der Geistlichen zertrümmernd, zum Theil in das Innere der Kirche sich senkend. Die Kirche brannte vollständig nieder, erstand aber wieder in der neuen Gestalt, in welcher sie sich auf unserem Bilde präsenttrt. Allerlei. George Eliiot. Als ein Opfer der Influenza verschied am Weihnachtsabend 1893 in England ein Mann, der wie wenige von sich rühmen konnte, daß er alles, was er errungen, seiner eigenen Thatkraft verdanke, ein sslk-waäs man im vollsten und besten Sinne des Worts, Sir George Elliot, der ehemalige Kohlen- träger, der sich bis zum Bergwerkbesitzer und Baronet aufgeschwungen. Am 18. Juni 1815, dem Tage der Schlacht von Belle-Alliance, als Sohn eines armen Kohlen- arbeiters in Durham geboren, begann er seine Lebensthätigkeit frühzeitig in dem väterlichen Berufe. Von Stufe zu Stufe es durch Fleiß und geistige Regsamkeit so weit bringend, wie die Verhältnisse es gestatteten, versäumte er es dabei mcht, sich Kenntnisse der mannigfachsten Art anzueignen. Des strebsamen jungen Bergmannes nahm sich ein Ingenieur, Spopwish, an, der ihn auf seinem Bureau und bei Vermessungsarbeiten beschäftigte. Gleichwohl kehrte Elliot im Jahre 1830 zu seinem früheren Berufe zurück, in dem er jetzt in rascher Folge zum Vormann und Obersteiger aufstieg. Im Jahre 1840 war bereits der intelligente Obersteiger mit Hilfe befreundeter Kapitalisten Grubenbesitzer geworden, und jetzt häufte sich Erfolg bei ihm auf Erfolg. Der glückliche Unternehmer legte im Jahre 1851 die Stelle des Obersteigers nieder und trat als technischer Direktor an die Spitze der ausgedehnten Kohlenwerke des Marquis von Londonderry, im Jahre 1863 kaufte er das Bergwerk, in dem er 35 Jahre zuvor seine Thätigkeit als armer Häuer begonnen, und im Jahre 1874 wurde er zum Baronet ernannt. Bekannt ist seine Theilnahme an der Legung des ersten transatlantischen Kabels, ebenso seine schriftstellerische Thätigkeit, die er unter anderem durch die sensationelle Schrift „Wie lange reicht unser Kohlenvorrath?" bethätigte. Politisch gehörte Elliot zu der Torypartei, die er mehrfach im Parlamente vertrat. Himmelsschau im Monat Februar. —X. Merkur L ist gegen Ende des Monates als Abendstern gut sichtbar in WSW. Venus ? verläßt anfangs nach 7 Uhr abds. den Horizont im S. und wird gegen Ende Morgenstern. Am 7. steht er in der Nähe des Mondes. Mars im Skorpion und Schützen geht zwischen 5 U. und 4 U. morgs. auf und befindet sich am 1. in der Nähe des Mondes. Jupiter im Stier erreicht-bereits 6 U. abds. die höchste Höhe und geht zwischen 3 U. und 1 U. früh unter. Am 13. ist er nahe beim Mond. Saturn geht auf zwischen 11 U. 54 M. und 10 U. 2 M. nachts und kommt am 24. in die Nähe des Mondes. Nikder-Näthsel.