11 . 1894. „Augsburger PostMung". Dienstag,, den 6. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas So Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler). Auf verwegener Mahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Als Doktor Volkmar es übernahm, in dem bevorstehenden Kriminalprozesse gegen Schönaich dessen Vertheidigung zu führen, hatte er sich nicht von seinem juristischen Ehrgeize leiten lassen, sondern die Person Sig- lindens stand dabei im Vordergründe; ihr Unglück rührte ihn, der flammende Eifer beseelte ihn, für das liebliche Kind, welches er als theuerstes Bild seiner Erinnerungen im Herzen getragen, seine ganze Kraft einzusetzen, und über dem Allem schwebte die Hoffnung, sich als Preis für die glückliche Lösung seiner Aufgabe ihre Hand zu gewinnen. Nun hatte er hören müssen, daß ein Anderer nicht nur um diesen Preis warb, sondern auch die Zusage desselben erhalten hatte. Mit rückhaltloser Offenheit hatte ihm dies Siglinde gestanden. Welch' unerschütterliches Vertrauen mußte sie in Volkmars Hochherzigkeit setzen, um trotz dieses Bekenntnisses sicher zu sein, daß sein Eifer für die Sache ihres Vaters nicht erkalten werde. In diesem Vertrauen sollte sich Siglinde nicht getäuscht sehen, sie sollte erkennen, wie rein und selbstlos er sie liebte, indem er mit Aufbietung seiner ganzen Energie an der übernommenen Aufgabe weiterarbeitete, ohne sich dadurch entmuthigen zu lassen, daß nur bittere Entsagung sein Lohn sein werde. Sein nächstes Augenmerk mußte darauf gerichtet sein, zu ermitteln, ob die äußere Erscheinung jenes Kunden, der sich unter verdächtigen Umständen von Anna Ritter ein Bouquet hatte binden lassen, mit dem Signalement Jmhoff's übereinstimmte, für welches ihm Herr von Harnisch in seiner eigenen Persönlichkeit gewisse Anhaltspunkte gegeben hatte. Er machte daher den Gärtnersleuten in der Rosen- straße abermals einen Besuch. Er fand Ritter allein- im Garten arbeitend; bald jedoch gesellte sich auch dessen Frau hinzu, denn sie hatte den Herrn, der sich bei seinem vorigen Besuch als ein hochschätzbarer Kunde eingeführt, von Weitem erkannt und begrüßte ihn mit so großer Zuvorkommenheit, als das ihr eigenthümliche frostige Wesen überhaupt zuließ. Volkmar machte wieder einige namhafte Einkäufe, während ihn das Ehepaar durch verschiedene Gewächshäuser begleitete, wobei nur von gleichgültigen Dingen gesprochen wurde. „A — propos," frug Volkmar, vor einer Gruppe Palmen stehend, „ist der „Engländer" noch nicht wiedergekommen, der sich die Fächerpalme hat bei Seite stellen lassen?" „Nein, der hat sich noch nicht wieder blicken lassen," antwortete Frau Ritter mit einem bitteren Zuge um den Mund. „Vielleicht erinnert er sich gelegentlich seines Einkaufs," bemerkte Volkmar. „Sollte er aber nicht wiederkommen, so nehme ich Ihnen die Palme ab." Es war dies die unverfänglichste Art, sich über Wiederkehr oder Wegbleiben des Engländers eine Kontrole zu verschaffen. „Wie sah er denn übrigens aus?" frug Volkmar unbefangen. „Wär er groß oder klein? Blond oder schwarz?" Absichtlich hatte er die Frage an den Gärtner gerichtet, denn wenn dieser versagte, so hatte er, wie er aus Erfahrung wußte, in dessen oppositionslustiger Frau eine gute Reserve. „Er war klein und rothhaarig," antwortete Ritter zerstreut, ins Leere starrend. „Ei! wo Du nur wieder ein Mal Deine Gedanken hast," lachte die Gärtnersfrau auf. „Da machst Du dem Geschmack Deiner Schwester ein schlechtes Kompliment, vor der nur hoch und schlank gewachsene Männer mit schwarzem Haar und Vollbart und mit dunklen, feurigen Augen Gnade finden." „Ach, ja!" gab, sich korrigirend, der Gärtner zu, „ich habe den Engländer mit dem Andern verwechselt, der den Lorbeerbaum einhandelte und ebenfalls noch wiederkommen soll." Hatte Volkmar auf seine Frage auch keine direkte Antwort erhalten, so durfte er doch mit Sicherheit annehmen, daß die von Frau Ritter entworfene Schilderung der Jdealgestalten ihrer Schwägerin dem Porträt des Engländers entsprach. Da die allgemeinen Kennzeichen mit Jmhoff's äußerer Erscheinung, für welche die Aehnlichkeit mit Harnisch maßgebend war, übereinstimmten, so fühlte Volkmar sich von der erhaltenen Auskunft befriedigt. „Ich bedaure, Ihr Fräulein Schwester nicht anwesend zu finden," wandte er sich, auf die oben Erwähnte zurückkommend, an den Gärtner. „Hoffentlich ist sie wohl und munter?" Er sagte dies in einem Ton, wie ihn nur die lebhafteste Theilnahme und das freundlichste Interesse an der genannten Person eingeben konnte, und hoffte da- durch die schcelsüchtige Schwägerin wieder zu kleinen gehässigen Indiskretionen zu reizen. „Danke der gütigen Nachfrage/' antwortete Ritter geschmeichelt. „Sie ist, Gott sei Dank, wohlauf. Hat gerade einige Geschäftsgänge in der Stadt zu besorgen." Frau Ritter lachte höhnisch. „Die Geschäftsgänge sind in der letzteren Zeit sehr häufig geworden," warf sie ein. „Seit sie die Ponyfransen trägt, hat sie allerlei in der Stadt zu thun und geht nur noch in ihrem besten Sonntagsstaate aus, nachdem sie sich vorher zehnmal im Spiegel besehen hat." „Ei, Du mein Himmel!" versetzte der Gärtner entschuldigend, „laß vem Mädchen doch ihre kleinen Eitelkeiten. Sie will sich ein Bischen sehen lassen." „Oder sich im Englischen vervollkommnen," verbesserte Frau Ritter boshaft. „Haha!" fügte Sophie mit gehobener Stimme hinzu, „Anna würde uns ganz gewiß sagen können, wohin wir die Fächcrpalmen zu schicken hätten!" Der Gärtner ward hochroth im Gesicht. „Schäme Dich, Sophie, meiner Schwester so etwas nachzusagen," verwies er der Frau mit zürnender Sanftmuth, „Anna wird sich nie herabwürdigen, die Wohnung eines Herrn zu betreten!" „Das will ich auch nicht gesagt haben," entgegnete Sophie spöttisch, „es gibt ja andere Orte, Promenaden, Kaffeegärten und dergleichen, wo man Herzensergieß- ungen austauschen kann " . r . Doktor Volkmar bezahlte seine Einkäufe, gab die frühere Adresse an, an welche sie abzuliefern waren, und schied mit dem Versprechen, bald wiederzukommen. Wenn der von Haß und Mißtrauen geschärfte weibliche Scharsblick der Gärtnersfrau nicht trog, so hatte sich also zwischen Anna und dem Engländer, der nun mit der Person Jmhoff's identisch erschien, ein Verhältniß angesponnen. Warum setzte er diese Tändelei fort? Gehörte er zu Jenen, die ohne Frauen nicht leben können, und war ihm Anna ein willkommenes Liebesabenteuer? Oder fürchtete er, mit ihr zu brechen, fürchtete er die Rache des feurigen Mädchens, welches ebenso leidenschaftlich hassen als lieben konnte? War sie in sein Verbrechen etwa eingeweiht? Nein, das glaubte Volkmar nicht. Sie war nur ein willenloses Werkzeug gewesen; der hübsche gewandte Mann hatte schnell und leicht das Herz der Heirathslustigen gewonnen und ihre Zunge entsiegelt, — das war Alles. Vielleicht wünschte er nur die über sie erlangte Macht zu benutzen, um sich an gefährlicher Stelle eine zuverlässige Freundin zu erhalten, durch welche er über die Vorgänge im Hause der Ermordeten fortdauernd unterrichtet blieb, und die ihn vielleicht vor drohender Gefahr warnen konnte, indem er sie geschickt auszuforschen verstand.- Bei alledem aber ließ sich schwer erklären, was den muthmaßlichen Mörder so lange in dieser Stadt festhalten konnte, die doch für ihn ein so heißer Boden war. Der Zweck seiner entsetzlichen That war verfehlt; er hatte bei seinem Opfer nicht die erhofften Schätze gefunden. Sann er etwa auf neue Verbrechen? Was hatte er nach vollbrachtem Morde bei Schönaich gewollt? Warum war er nicht wiedergekommen? Fürchtete er in diesem Hause Herrn von Harnisch zu begegnen? Doch all diese Fragen waren jetzt nur nebensächlicher Natur; zunächst kam es darauf an, die ungreifbare Schattengestalt Jmhoff's mit fester Hand zu fassen. Wie war ihm beizukommen, ohne daß die amtlichen Sicherheitsorgane in Bewegung gesetzt werden mußten, welche durch rücksichtsloses, rauhes Eingreifen leicht mehr verderben als nützen konnten? Nein, noch war er nicht reif für die Staatsanwaltschaft; ihn für diese zuzurichten, ihn als entscheidenden Trumpf in Schönaich's Prozesse ausspielen zu können, war Volkmar's Aufgabe. Wo der Mörder sich vielleicht am sichersten glaubte, sah Volkmar seine schwache Stelle: in Anna Ritter. Sie war die Schlinge, in der er gefangen werden mußte, und um die Wege hierzu zu ebnen, war es nöthig, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, ob das Liebesverhältniß wirklich bestand, welches Frau Ritter argwöhnte. Wenn Beide sich heimlich Rendezvous gaben, so mußten sie sich über Ort und Zeit verständigen. Das konnte durch Verabredung von einer Zusammenkunft zur andern geschehen; verfehlten sie sich aber einmal, so war der Kontakt zwischen ihnen aufgehoben, und für solche Fälle mußten sie über ein Verbindungsmittel verfügen, um den Faden wieder anzuknüpfen. Das war durch Briefe möglich, aber eine solche Korrespondenz wäre jedenfalls dem Argusauge Frau Ritters nicht entgangen. Wo derartige Hindernisse obwalten, sind Bestellungen in öffentlichen Blättern, unter verstohlenen Chiffren mas- kirt, ein beliebtes und einfaches Auskunftsmittel. Vielleicht traf dies auch hier zu. Volkmar erinnerte sich, in der Hand des Gärtners, als er denselben begrüßte, den „Generalanzeiger" gesehen zu haben, das in keinem Hause fehlende Hauptannoncenblatt der Stadt, die Börse des Klatsches, der Vcrcinigungspunkt aller Privatinter- essen, welche durch Druckerschwärze sich dem Auge zu Präsentiren trachteten, das nach ihnen suchte. Auch Volkmar hielt dieses Blatt, bekam es aber selten zu Gesicht, da es meist nur unter seinem Bureaupersonal zirkulirte. Heute ließ er es sich sofort geben, um die beliebte, den Annoncentheil beschließende Rubrik zu studiren, in welcher sich allerlei delikate persönliche Verhältnisse wieder- spiegelten. Da warnte ein Mann vor seiner Frau, die auf seinen Namen Schulden machte. — Der „wohlbekannte Herr," welcher einen neuen Hut an sich genommen und dafür seine eigene schäbige Kopfbedeckung zurückgelassen hatte, wurde zum sofortigen Umtausch aufgefordert, widrigenfalls man seinen Namen der Oeffent- lichkeit zu übergeben drohte. Frau X. nahm die Beleidigung znrück, die sie gegen Herrn I. ausgesprochen hatte. — Dem dicken August brachten seine Freunde zu seinem heutigen Geburtstage ein donnerndes Hoch, daß die ganze Schloßstraße wackelte. — „Ein Brief liegt postlagernd bereit unter der angegebenen Adresse," verständigte „Amanda E . . ." einen unbenannten, sehnsüchtig harrenden Verehrer. Eine Einladung zu einem Stelldichein befand sich heute aber nicht unter diesen interessanten Inseraten. Während das zuletzt gelesene derselben: „Ein Brief liegt postlagernd bereit," dem Rechtsgelehrten fortwährend noch wie eine Melodie, die man trotz ihrer Abgeschmacktheit nicht los werden kann, in den Ohren summte, begab er sich auf den Weg nach dem nahen Hauptpostamte, um ein wichtiges Schreiben aufzugeben, dessen Besorgung er aus besonderen Gründen keinem seiner Leute vertrauen wollte. Als er in den weiten, von einem geschäftigen Publikum belebten Hallen an dem großen Schalterfenster 71 vorüberkam, welches eine Überschrift als Ausgabestelle für postlagernde Briefe bezeichnete, mußte er unwillkürlich daran denken, daß auch Amanda's Brief hier bereit liege. Aber das Lächeln, welches diesen müßigen Gedanken begleitet hatte, verschwand plötzlich und sinnend blieb er vor dem Schalter stehen. Wie es häufig zu geschehen pflegt, daß ein unbedeutender äußerer Anlaß wie mit einem Zauberschlage eine Jdeenverkettung hervorruft, auf welche das tiefste logische Nachdenken nicht führen würde, so hatte Amanda's Brief und der Schalter für postlagernd anlangende Sendungen plötzlich auf einen verwandten Gedanken geleitet. Er frug sich, ob nicht Jmhoff oder seine Frau in New-Aork Freunde oder Bekannte zurückgelassen haben sollten, die ihnen aus irgend einem Anlaß schreiben könnten. Wenn Beide für diesen Fall Vorsorge getroffen hatten, so konnten sie sich die Mittheilungen ihrer Correspondenzen nur postlagernd bestellt haben, denn Jmhoff für seine Person wäre nicht in der Lage gewesen, sich Briefe unter ihrem Fraueunamen in die Wohnung ihrer Tante bringen zu lassen, da sie derselben ihre Heirath verschwiegen hatte, Ein solcher Brief, gleichviel, ob an Jmhoff oder an seine Frau gerichtet, konnte Beziehungen erschließen, die demNechtsgelehrten vielleicht wichtiges Material lieferten. Obwohl er zweifelte, daß Jmhoff, wenn er postlagernde Correspondenzen zu erwarten hatte, dieselben noch nicht abgeholt haben sollte, trat er dennoch an den Schalter heran und frug, ob vielleicht Briefe für Herrn oder Frau Jmhoff da seien. Der Beamte griff in eines der nach dem Alphabet geordneten Fächer, nahm einen Stoß Briefe heraus und ließ dieselben mit gewandtem Fingergriff Revue passiren, warf dabei zwei bei Seite und reichte diese, nachdem er die übrigen wieder in das Fach zurückgelegt hatte, dem Nechtsgelehrten mit den Worten dar: „An Frau Erika Jmhoff." Volkmar betrachtete die Briefe. Die Adresse beider zeigte die gleiche Handschrift, der Poststempel war London und beinahe drei Wochen alt, der eine Brief war nur einen Tag später als der andere aufgegeben worden. Jmhoff selbst hatte also keine Briefe zu erwarten und wußte wohl auch nicht um die Correspondenz seiner Frau, sonst würde er längst schon nachgefragt haben, und bei dieser Gelegenheit würden ihm auch die beiden Briefe an die letztere ausgehändigt worden sein. Volkmar fühlte sich nicht berufen, die Briefe an sich zu nehmen, aber als die nächste Verwandte der verstorbenen 'Adressatin besaß Siglinde Anspruch darauf. Er gab sie dem Postbeamten zurück mit dem Bemerken, daß er vorläufig nur habe nachfragen wollen und daß die Dame, welche das Recht zur Erhebung der Briefe habe, selbst kommen werde. Adolf K'Arronge. In sein Bureau zurückgekehrt, unterrichtete er durch einige Zeilen Siglinde sogleich von seinem Funde auf dem Postamte und bat sie, die beiden Briefe persönlich abzuholen und ihm von deren Inhalte, falls derselbe für die schwebende Frage von Bedeutung sei, Mittheilung zu machen. Em Tag nach dem andern verging jedoch, ohne daß Siglinde auch nur ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, und so nahm er an, daß die Briefe ohne Wichtigkeit gewesen seien. Inzwischen studirte Volkmar jeden Morgen den „Generalanzeiger", wobei ihm eines Tages in der bewußten Rubrik folgende Zeilen in die Augen fielen: „LrnAdt. — Gestern vergeblich gewartet! — 6 Uhr Kleist-Breitestraße." war ein englisches Wort und hieß zu deutsch „Ritter." Das war sehr vorsichtig, aber für einen argwöhnischen Advokaten, wie Volkmar, verdächtig genug, denn er bezog das maskirende Wort sogleich auf Anna Ritter. Kleist-Breite- straße war eine Ecke, an welcher sich, wie Volkmar sich erinnerte, eine Haltestelle der Pferdeeisenbahn befand. Da als Zeit der Zusammenkunft schlechthin nur diesechste Stunde angegeben war, so ließ sich annehmen, daß diese Bezeichnung für den Tag galt, an dem der Generalanzeiger erschien, im vorliegenden Falle also für den heutigen. Befand sich Volkmar auf der richtigen Fährte, hatte er wirklich die vermuthete Geheimcorrespon- denz entdeckt, so war die größte Vorsicht geboten, um in den Beiden keinen Argwohn zu erwecken. Daher hielt er es auch nicht für gerathen, in der Expedition des Blattes nach dem Aufgeber des Inserats Erkundigungen einzuziehen, von denen er sich ohnehin keinen Erfolg versprach, da zu derartigen diskreten Geschäften doch in den meisten Fällen sogenannte Dienstmänner als Mittelspersonen verwendet zu werden pflegen. Ebenso gewagt schien es ihm, sich persönlich an dem Orte des Stelldicheins blicken zu lassen, denn leicht konnte ihn Anna wiedererkennen, und war er ihr bis jetzt auch als harmlos, vielleicht als ein neugieriger Schwätzer erschienen, so konnte sie doch leicht auf den mißtrauischen Gedanken kommen, daß diese Begegnung kein Zufall sei, und ihm war alsdann das Spiel verdorben. Volkmar griff daher zu einem anderen Auskunftsmittel. Er begab sich zwischen der sechsten und siebenten Stunde in die Gärtnerei, und wie er vorausgesehen hatte, erfuhr er auf sein Befragen nach Anna, daß diese nicht zu Hause sei. ! Diese Abwesenheit um dieselbe Zeit, welche im Jn- j serate als Stunde des Rendezvous angegeben war, konnte ! sozusagen als Probe gelten, daß Volkmar's Rechnung 72 stimmte, und daß er Anna's Jucognito unter der Firma „ivmAlit" wirklich entdeckt hatte. War hierüber -noch ein Zweifel zulässig, so wurde dieser gelöst, als einige Tage später der Generalanzeiger unter derselben Chiffre abermals eine Bestellung zu einer Zusammenkunft brachte und Bolkmar sich auch diesmal von Anna's Abwesenheit um die bestimmte Stunde bei ihren Verwandten persönlich überzeugte. „Xnixlrt" — Dringend! — 4 Uhr. — Königs- Platz-Johannesstraße," hatte dieser Avis gelautet und Volkmar hatte sich auf dem Rückwege von der Gärtnerei vergewissert, daß auch diese Straßenecke, wie die vorige, ein Hauptplatz der Pferdeeisenbahn war, woraus sich schließen ließ, daß Beide vom Orte des Zusammentreffens aus gemeinsam Excursionen machten, um sich an einem geeigneten Ziele derselben, wo sie ungestört waren, gegenseitig auszusprechen. Bald, nachdem Volkmar von diesem Gange zurückgekehrt war, erschien Siglinde bei ihm. Seit er ihr jene Zeilen wegen der beiden postlagernden Briefe geschrieben, waren fast vierzehn Tage vergangen. Er erschrak über ihren Anblick. „Was ist Ihnen, Fräulein Siglinde?" frug er- betroffen. „Sie sehen bleich und angegriffen aus!" „Ich war krank," gab sie zur Antwort, „der Arzt § befürchtete ein Nervenfieber, aber Dank meiner kräftigen Natur ging diese Gefahr vorüber." „Ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen zu Ihrer Wiedergenesung," sagte Volkmar mit warmer Theilnahme. „Ein Wunder ist es nicht, daß so harte Lebensprüfungen, wie sie Schlag auf Schlag das Schicksal über Sie verhängt hat, endlich selbst die festeste Gesundheit erschüttern." „Als ich Ihre freundlichen Zeilen erhielt, war ich bereits bettlägerig," erzählte Siglinde. „Erst gestern war es mir gestattet, wieder auszugehen. Mein erster Gang war nach dem Postamte, wo ich die beiden Briefe an meine Schwester erhob." „Nun, und ist der Inhalt von Wichtigkeit?" frug der Advokat gespannt. „Für die Sache meines Vaters wohl kaum, für mich persönlich aber um so mehr. Ich nahm an, daß die Ehe meiner Schwester kinderlos geblieben sei; aus diesen Briefen geht aber hervor, daß ein dreijähriges Töchterchen vorhanden ist, welches die Eltern mit nach Europa gebracht und, da es ihnen hier begreiflicher Weise im Wege gewesen wäre, in London bei einer Dame in Pension gegeben haben. Von dieser Dame, die sich Frau Webster nennt, sind die beiden Briefe. In dem ersten, der von dem gleichen Tage datirt, wo meine arme Schwester ertrank, schreibt Frau Webster, daß das Kind in der vergangenen Nacht erkrankt sei, und daß der Arzt befürchte, es könne sich Diphtheritis einstellen. In dem zweiten Briefe, der am Tage darauf geschrieben wurde, theilt Frau Webster mit, es sei bei Jenny — so heißt das Kind — unerwartet eine wesentliche Besserung eingetreten, welche baldige Genesung hoffen lasse. Wenn sich das Befinden der Kleinen nicht verschlimmert, werde kein weiterer Brief folgen. Da seitdem mehrere Wochen vergangen sind und nur diese beiden Briefe da waren, so darf ich um die Gesundheit meiner kleinen, mutterlosen Nichte wohl unbesorgt sein. Der Gatte meiner Schwester — nur mit Widerstreben nenne ich ihn so — scheint keine Kenntniß davon gehabt zu haben, daß Erika für unvorhergesehene Fälle Frau Webster vorsorglich eine vorläufige Adresse zurückließ, sonst würde er doch schon längst selbst auf der Post nachgefragt haben. „Der Meinung bin ich ebenfalls," nickte Volkmar, „was mir aber am meisten auffällt, ist, daß Herr von Harnisch des Kindes mit keiner Silbe Erwähnung gethan hat. Unmöglich kann ihm doch während der langen Seereise und bei seinem vertrauten Verkehr mit Ihrer Frau Schwester entgangen sein, daß sie ein Töchterchen bei sich hatte." „Das war auch mir räthselhaft," entgegnete Siglinde, „und deßhalb schickte ich gestern, nachdem ich von dem Inhalte der Briefe Kenntniß genommen, mein Mädchen sogleich nach seinem Hotel und ließ ihn um seinen baldigen Besuch bitten. Er kam noch an demselben Vormittage." „Sie sprachen ihn also bereits darüber?" frug der Rechtsgelehrte aufmerksam. „Nun, und wie erklärte er jenen seltsamen Widerspruch?" „Allerdings habe er um das Kind gewußt, gestand er mir. Er ist im Ungewissen gewesen, ob das Kind sich auch mit auf dem „NominA-star« befunden, habe dies aber als selbstverständlich angenommen, und da er es mit der Mutter ertrunken glaubte, habe er dasselbe lieber gar nicht erwähnt, um meinen Schmerz nicht zu vermehren." „Auch nach meinem Gefühle war dies das einzig Nichtige, was er unter den obwaltenden Verhältnissen thun konnte," sagte Volkmar mit zustimmendem Kopfnicken. „Es ist mein fester Entschluß," fuhr Siglinde fort, „das Töchterchen meiner Schwester als das theuerste Andenken an die arme Unglückliche zu mir zu nehmen. In längstens acht Tagen hoffe ich wieder so weit gekräftigt zu sein, um die Reise nach London wagen zu können und das kleine unschuldige Wesen abzuholen." „Weiß Herr von Harnisch um Ihre Absicht?" frug Volkmar. „Ich habe ihm kein Hehl daraus gemacht," antwortete Siglinde; „sollte es zwischen ihm und mir zum Eheschluß kommen, sagte ich ihm, so werde er sich neben der Million meiner Tante auch die ihm vielleicht weniger angenehme Mitgift eines fremden Kindes gefallen lassen müssen." „Und wie nahm er diese Eröffnung auf?" „Er erklärte sich mit Freuden bereit, Jenny an Kindesstatt zu adoptiren ..." (Fortsetzung folgt.) -»—j—v-i—- Scheidensgkocke. Klagend schallt die Scheidensglocke In mein stilles, kleines Zimmer, Sagt mir, daß ein Herz verlassen Gottes schöne Welt für immer. War's ein Herz, das schmerzbeladen Gerne heim zum Frieden ging, Oder war's ein Herz, das ängstlich An des Lebens Gütern hing? Beiden wünsch' ich jene Ruhe, Die auf Erden niemals ist, Die nur wohnt in Himmelsauen, Wo uns Gottes Antlitz grüßt. Max Malber. - ^ s^WMF ^ W W T KGi Ä H" : xX MM ^ ^ MML ^ - Schwarz und Weitz. Nach dcm Gemälde von E. Jeanmatre. 74 Gebrtmaschinen der Tibeter. (Hiezu die Bilder auf Seite 74 und 75 ) Im Süden des großen Hochlandes von Hinteraßen, zwischen dem Himalayagebiet, dem Küen-lün und dem chinesischen Alpenlande liegt Tibet. Die auf etwa sechs Millionen Seelen zu schätzende Bevölkerung dieses 30,654 Quadratmeilen umfassenden Gebietes setzt sich aus den Tibetern und verschiedenen andern mongolischen Völkern, aus Türken, Kirgisen, Mohammedanern, Chinesen und Jndiern zusammen. Der eigentliche Tibeter bekennt sich zu einer Abart der buddhistischen Glaubenslehre, zu dem Lamaismus. Lama, d. h. einer, der keinen über sich hat, ist der stolze Titel, den sich die Priester und namentlich die Klosteräbte der Tibeter, Mongolen und Kalmücken beigelegt haben, dessen vollgültige Anerkennung die zahllehnen, der allein die guten Götter gnädig zu stimmen, die bösen Geister zu versöhnen und zu bändigen, Krankheit und Siechthum zu bannen, die Zukunft vorauszusehen und zu gestalten versteht. Der Lama kennt seine Leute; er hängt seinen Gewaltthätigkeiten und Ausschweifungen das Mäntelchen der Heiligkeit um und ist sicher, seinen Tribut unangefochten erheben zu können. Opfer und Gebet sind der Weg zur Gnade der Götter und Geister, in der Hand der Priester liegt die Ueber- mittlung. Der wackere Lama hat das Gelübde abgelegt, nur von Almosen zu leben, und es wird ihm Niemand nachreden können, daß er dieses Gelöbniß nicht treulich erfülle. Er sammelt gewissenhaft sein Almosen an Geist, an Körper und an Gut; daß die frommen Gläubigen ihn mit ihren Gaben überladen, ist fürwahr nicht seincSchuld. MW 4 «^ Gcbelmaschinen der Tibeter: losen Vertreter des geistlichen Standes eifersüchtig überwachen. Der Lama ist der alleinige Inhaber und Lehrer der Weisheit, in seinen Glaubenssätzen liegt der Grund aller Wissenschaft. Mit der buddhistischen Heiligenlehre hat der Lamaismus die Verehrung zahlreicher Götter und Geister guter und schlimmer Art verbunden und damit seinen Priestern, den Vermittlern zwischen den übersinnlichen Wesen und dem Menschen, eine Macht verliehen, deren Einfluß sich kein Gläubiger zu entziehen vermag. Mit fanatischem Eifer verfolgt der Lama jeden Abtrünnigen, durch geschickte Gaukeleien weiß er die Gläubigen anzufeuern und zu blinder Verehrung hinzureißen. Der Tibeter, dessen Hauptcharakterzüge kriechende Unterwürfigkeit gegen den Mächtigen und rohe Gewaltthätigkeit gegen den Schwachen bilden, ist nicht der Mann dazu, sich wider den aufzu- Tempelvorhalle mit Gebetcylindern. ! Neben den Opfern und Almosen nimmt das Gebet die wichtigste Stelle ein. Es übt eine mächtige Wirkung, eine geradezu magische Gewalt auf die Gottheiten aus, vorausgesetzt, daß es in richtiger Form dargebracht wird. Ja, die richtige Form! wer hilft da aus der Noth? Wer anders als der gelehrte Lama, der sein ganzes Leben dem Dienste der Götter geweiht, der den Geschmack der Geister erforscht hat. Will man sich nicht der Gefahr aussetzen, statt Segen Fluch herabzubeten, was bei der Empfindlichkeit der Gottheiten durch einen kleinen Verstoß gegen das Ceremoniell geschehen kann, so muß man sich unter den bewährten Beistand des erfahrenen Lama begeben. Thut mon dieß, so kann der erwünschte Erfolg nicht ausbleiben, vorausgesetzt daß derselbe nicht durch eigene Unachtsamkeit verscherzt wird. Der Lama ist keinesfalls an einem etwaigen Mißerfolg schuld, denn sein Rath ent- 75 springt der direkten Eingebung der Götter, mit welchen er fortgesetzt in innigstem Rapport steht. Diesen Rapport unterhält er durch ununterbrochenes Beten. Da nun aber diese Gegenleistung für die Gnade und die Gewogenheit der Ueber- und Unterirdischen vom Standpunkt der Bequemlichkeit aus betrachtet — und der heilige Lama ist durchaus nicht abgeneigt, die Berechtigung dieses Standpunkts anzuerkennen — trotz gewohnheitsmäßiger Ausübung ein mühseliges Stück Arbeit bleibt, so ist der weise Priester auf ein äußerst sinnreiches Aushilfsmittel verfallen, auf die Gebetmaschinen. Der Gottheit, so sagt der erleuchtete Lama, kommt es im Grunde genommen nur darauf an, daß man ihr durch Darbringung der vorschriftsmäßigen Gebetsformel seine Verehrung erweist. Ob sich nun diese Verehrung durchBewegung derLip- pen oder durch einen mechanischen Ersatz dieser Bewegung dokumen- tirt,ist denUnsterblichen einerlei. Ja, die Göttlichen werden diesen Ersatz sogar mit ganz besonderem Wohlgefallen begrüßen, da ein Mechanismus in der kor- rektenWiederholung des Gebets unstreitig um ein Bedeutendes mehr zu leisten vermag als ein Paar Meuschenlip- pen. Die Gläubigen lauschen andachtsvoll der Botschaft des heiligen Mannes. Die Lehre muß den Göttern wohlgefällig sein, da sie dem Munde des Gerechten gestatten, sie zu verkünden. Gut! Der Lama geht ans Werk. Er schnitzt die Gebetsformel: Ow, muui packms! chum! (Das Kleinod im Lotus, Amen!) in Holzblöcke ein und druckt dasselbe mittels dieser „Holzschnitte" und rother Farbe unzähligemal auf lange Papierstreifen ab. Diese wickelt er sodann um eine enge Röhre und überzieht, wenn der Wickel die genügende Stärke erreicht hat, denselben mit einer Hülle von Leder, Holz oder Metall. Nun wird noch eine Achse mit hölzernem Griff in die ! Röhre gesteckt, ein kleines Gewicht an den Cylinder gehängt und die Maschine, von den Tibetern Gesetzesoder Religionsrad (1«osto8irllor) genannt, ist zum Gebrauche fertig. Der Beter hat nur den Gebetcylinder durch eine leichte Handbewegung in Drehung zu erhalten, um den geehrten Gottheiten die wohlgefällige Formel myriadenmal vorzubeten, denn jede Umdrehung der Walze befördert den ganzen in derselben aufgespeicherten Gebetsvorrath an deren geschätzte Adresse. Es ist bei dieser frommen Verrichtung nur auf zwei Dinge zu Gebelmaschinen der Tibeler: Gcbetmühle. achten: erstens darf die Drehung nur von rechts nach links erfolgen und zweitens muß solange gedreht werden, bis die angeflehte Gottheit befriedigt ist. Die entgegengesetzte Umdrehung würde den Segen in Fluch verwandeln, das zu frühzeitige Einstellen des Gebets hätte den Zorn der Götter, die Nichterfüllung der Wünsche des Beters zur Folge. Der letztere hat nun allerdings keine Kontrolle dafür, ob er den Göttern Genüge gethan, bevor ihn der Erfolg dafür belehrt, der kluge Lama jedoch und sein vortrefflichis Instrument sind für alle Fälle gegen den Vorwurf des Betrugs und der Untaug- lichkeit gesichert. Diese einfachste Art der Gebetmaschinen erfreut sich im Lande Tibet großer Beliebtheit und allgemeiner Verbreitung. Jeder gläubige Lamait führt wo er steht und geht das fromme Werkzeug mit sich und sorgt so seinestheils dafür, daß es den Göttern nicht an der schuldigen Verehrung und den braven Priestern nie am nöthigen Absatz fehlt. Besonders vorsichtige Leute ziehen den eben beschriebenen einfachen die doppelten Bet- maschinen vor, die aus zwei Cylindern bestehen, von welchen der kleinere mitGebetzetteln für die guten,der größere mit solchen für die bösen Geister angefüllt sind. „Dem Teufel muß man zwei Lichter anzünden", das Sprichwort steht auch bei den Tibetern in Achtung, wie man sieht. Außer diesenTaschen- exemplaren trifft man in den Tempeln der Lamaiten eine Menge größerer Gebetcyliuder von halber Mannshöhe bis zu 3 Meter Höhe an. Sie stehen mit ihren Achsensenkrechtzwischen zwei Querbalken und werden entweder direkt mit der Hand oder vermittelst einer Kurbel mit Transmission in Bewegung gesetzt. Diese Maschinen zeigen theils dieselbe Einrichtung wie die kleinen, theils sind sie so konstruirt, daß zwei in einiger Entfernung von einander angebrachte Walzen durch einen langen Papierstreifen verbunden sind, der sich beim Drehen von der einen Rolle auf die andere aufwickelt. Häufig sind an diesen großen Cylindern kurze Stäbchen angebracht, welche bei jeder Umdrehung an kleine Glocken anschlagen und so die Aufmerksamkeit der Götter in äußerst zweckmäßiger Weise auf den frommen Beter lenken. So raffinirt und leistungsfähig diese Maschinerien zur massenhaften Verrichtung des Gebets durch Handbetrieb sind, der Tibeter hat sich nicht mit ihnen begnügt. Wenn 76 es ihm seine Mittel erlauben, setzt er seine Gebetcylinder mit einem Wind- oder Wasserrade in Verbindung und läßt durch dieses sinnreiche Mühlwerk den Verkehr mit den Göttern in der bequemsten und ausgiebigsten Weise besorgen. In beschaulicher Ruhe sieht der Glückliche auf das Werk der willig frohnenden Naturkräfte, die da den Weizen seiner irdischen und himmlischen Seligkeit mahlen und ihn in den friedlichen Schlummer des Gerechten klappern. Um den Gläubigen noch weitere Gelegenheit zu geben, seine Andacht zu verrichten, sind an den Straßen hohe Säulen aufgestellt, an welchen kleine, mit der Gebetsformel beschriebene Räder angebracht sind. Außer diesen Säulen findet man, meist in der Nähe von Quellen und kleineren Kapellen, riesige Stangen, welche an ihrer Spitze breite Papierlampions und darunter lange schmale Flaggen aus weißem mit der Gebetsformel bemaltem Baumwollstoff tragen, die fortwährend vom Winde bewegt Tag und Nacht für das Wohl der braven Tibeter beten. .-Ss-A-8-e-- Zu unseren Bildern. Adolf L'Arronge kennt wohl jeder Theaterbesucher. „Mein Leopold", „Hasemann's Töchter", „Doctor Klaus" rc. find Repertoirestücke aller guten Bübnen. Und doch war L'Arronge ursprünglich nicht zum Dramatiker bestimmt. Sein Vater war der Theaterdirektor und Schauspieler E. Th. L'Arronge in Hamburg. Derselbe schickte seinen am 8. März 1838 geborenen Sohn auf das Leipziger Konservatorium, und Adolf war so glücklich, alsbald als Theater- Capellmeister in Köln, Königsberg, Würzburg, Stuttgart u'w. sein Können verwerthen zu dürfen. 1866 übernahm er die Direktion der Kroll'schen Oper in Berlin und schrieb hier seine erste Posse „Das große Loos". L'Arronge leitete auch eine Zeit lang die „Berliner Gerichtszeitung", zog dann nachmals nach Breslau und lebt seit 1878 in Berlin. Von seinen zahlreichen Theaterstücken ist das Volksstück „Mein Leopold" das bekannteste. Schwarz und Weiß. Der schwarze Geselle auf unserm Bilde, der junge Kaminfeger, ist doch ein recht übermüthiger Bursche. Der Konditor- lehrling mit der frischgebackenen Torte scheint ihm just zu gelegener Zeit in die Quere gekommen zu sein! Was thut der Spaßvogel nicht? Schnell fährt er mit dem rußigen Finger in das süße Gebäckwerk; der propre Junge mit dem Milchgesicht ist darob nicht wenig erbost; fast möchte er dem Bösewicht Eins versetzen! Wie der „Kameruner" lachen kann, während der „Weiße" schier Thränen vergießen will ob der erlittenen Unbill. - Allerlei. Ueber die Behandlung der Seekrankheit giebt die soeben zur Ausgabe gelangte Sanitätsordnung für die deutsche Kriegsmarine folgende Vorschriften: „In den meisten Fällen wird die Seekrankheit allmählich durch Gewöhnung überwunden, bei schwächlicher Körperanlage und bei vorhandenen Organleiden des Magens können jedoch durch schwere Verdauungsstörungen und das heftige unstillbare Erbrechen bedenkliche Zustände herbeigeführt werden. Zur Vorbeugung empfiehlt sich der anhaltende Aufenthalt auf Oberdeck, besonders mitschiffs, und die fortgesetzte Thätigkeit in frischer Luft unter Anspannung der Willenskraft, auch der Genuß von kleinen Mengen leicht verdaulicher Nahrungsmittel und von Alkohol ist trotz des bestehenden Widerwillens zweckmäßig. In schweren Fällen ist die Rückenlage am besten in der Hängematte und bei geschlossenen Augen dienlich, bis größere Gewöhnung oder mäßigere Bewegung des Schiffes eingetreten ist. Gegen das anhaltende heftige Erbrechen erweisen sich Eis, geeiste Getränke (Selterswasser mit Kognak) und narkotische Mittel als zweckdienlich." * Gladstone ist stets stolz auf seine rein schottische Abstammung gewesen. Aber selbst seinen eifrigsten Verehrern war es neu, daß der greise Staatsmann von niemand Geringerem abstammt, als von dem von Macbeth ermordeten schottischen König Duncan. Die Kunde kommt von dem schottischen Städtchen Dingwall, dem Geburtsort der Mutter Gladstones, das den Premier zum Ehrenbürger ernannt hat. Gladstone stammt nämlich nur mütterlicherseits von Duncan. Die Hochlandfamilie Robertson — die Gladstone's waren eine Unterlandfamilie — ist eigentlich der Clan Donachie und dieser stammt von Duncan, durch den Sohn des letzten keltischen Earls von Atholl. Der Dingwaller Genealoge sagt sogar, daß Gladstone nicht nur von der älteren Linie der schottischen Monarchen, sondern von den berühmtesten und mächtigsten alten keltischen Fürsten, den Lords von Kintail und Eilean Douan, seine Herkunft ableiten könne. * Die Kaiserin von China hat eine lang andauernde Krankheit überstanden, dabei wurde sie von nicht weniger als 423 Aerzten behandelt, welche, wie das Pekinger Amtsblatt berichtet; mit reichen Geschenken bedacht wurden. Diese Krankheit der Kaiserin rief bei den Alt-Chinesen Aussprüche des blödesten Aberglaubens hervor. Sie behaupteten nämlich: „Die lange Dauer der Krankheit Ihrer Majestät der Kaiserin habe die Eisenbahn verschuldet, deren „Rauch und Lärm die Götter höchst unangenehm berühre." Diesem Aberglauben trat nun ein Regierungs-Erlaß entgegen, darinnen wohl dem Buddha Wisch nu für die Genesung der Kaiserin gedankt, zugleich aber auch ausgesprochen ist, — „daß die Fortschritte der Wissenschaft dem Wohle des Reiches keineswegs zum Schaden gereichen." --«-v-cs- Schachaufgabe. Von I. Plachutta. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 4. Zuge matt. Auflösung des Bilder-Rätbsels in Nr. 9: » Folterkammer. Auflösung des Logvgryphs in Nr. 10: Ast, Mast, Last, Last, Rast, Hast, Gast. -—-i-888-i—--