12. Ireilag, den 9. Februar L894ä Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg (Vorbegtzer vr. Max Huttlcr). Auf verwegener ISahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Etwa acht Tage nach diesem Besuche SIglindens hatte diese sich von Volkmar verabschiedet und die Reise nach London angetreten, um ihre kleine Nichte abzuholen. Herr von Harnisch war wiederholt dagewesen, ohne den viel beschäftigten Advokaten zu Hause zu treffen, doch stellte sich, als dieser ihn deshalb endlich in feinem Hotel aufsuchte, heraus, daß er nichts Besonderes auf dem Herzen hatte, sondern nur ungeduldig war, zu erfahren, ob Volkmar auf Grund des ihm an die Hand gegebenen Materials schon Resultate erzielt habe. Der Nechts- gelehrte, welcher, wie wir wissen, Niemanden in seine Karten blicken ließ, antwortete ausweichend und wies darauf hin, daß bis zur nächsten Schwurgerichtsperiode, wo der Proceß Schönaich zur Verhandlung kommen sollte, noch vollauf Zeit sei. Inzwischen ließ er sich keine Nummer des Generalanzeigers entgehen, denn so bald die bekannte Chiffre wieder darin erscheinen werde, wollte er einen entscheidenden Schritt thun. Es war in der Geheimcorrcspondenz eine auffallend lange Pause eingetreten und bereits begann dieselbe dem Advokaten peinlich zu werden, als endlich, kaum acht Tage nach Sig- lindens Abreise, das ersehnte Stichwort wieder vor Volkmar's suchendem Auge auftauchte. Der geheimnißvolle Avis, der sich an diese Losung schloß, lautete diesmal folgendermaßen: ' „Bin wieder zurück. Alles gut. — 2 Uhr, Kleist- Breitestraße." Also eine Abwesenheit war die Ursache der langen Pause gewesen; da zu vermuthen stand, daß die Parole „Lui^stt" beiden Interessenten als gegenseitiges Erkennungszeichen diente, so blieb die Frage offen, wer der anwesend gewesene Theil war, ob Anna oder ihr Galan. Doch dies war für den Augenblick von untergeordneter Bedeutung. Volkmar sandte einen seiner Schreiber in Siglinden's Wohnung und ließ deren Dienerin, Martha, die ihre Herrin nicht auf der Reise begleitet hatte, zu sich bitten. Das Mädchen kam gleichzeitig mit dem zurückkehrenden Boten. Sie wußte, daß Doktor Volkmar die Sache ihres unglücklichen Herrn führte, und dachte sich, daß sie irgend eine damit zusammenhängende wichtige Frage beantworten sollte. „Gewiß erinnern Sie sich noch des fremden Herrn," redete der Advokat sie an, „welcher an dem Tage, wo Herr Schönaich verhaftet wurde, diesen hat sprechen wollen, aber nicht mehr zu Hause antraf." Martha bejahte sehr bestimmt. „Glauben Sie, daß Sie ihn sogleich wiedererkennen würden, wenn Sie ihm auf der Straße begegneten?" „Ei, ganz sicher, Herr Justizrath," nickte Martha, „ja sogar unter tausend Anderen. Wenn ich mit Jemand nur ein einziges Mal gesprochen habe, weiß ich so genau, wie er aussieht, daß ich ihn malen könnte." „Um so besser," bemerkte der Advokat. „Nun geben Sie Acht, was ich Ihnen sagen werde. An der Ecke der Kleist- und Breitestraße befindet sich eine Haltestelle der Pferdccifenbahn. Dorthin begeben Sie sich heute Nachmittag Punkt 2 Uhr, aber keine Minute später. Um diese Zeit werden sich an dieser Ecke ein Herr und eine Dame treffen und wahrscheinlich den nächsten Pferdebahnwagen besteigen. Ueberzeugen Sie sich genau, ob der Herr jener Fremde ist, der ..." „An jenem Unglückstage zu Herrn Schönaich wollte," ergänzte das Mädchen verständnißvoll. „Ganz recht. Damit Sie Ihrer Sache auch sicher sind und Zeit haben, sich den Herrn ordentlich anzusehen, steigen Sie ebenfalls in den Wagen und fahren so weit mit, als Sie es für nöthig halten, um sich gründlich zu überzeugen." „Und die Dame, die mit dem Herrn zusammentreffen wird?" frug Martha, „ist sie groß oder klein?" „Die Dame," antwortete Volkmar, „ist in Ihrer Größe, schlank gewachsen, ohne mager zu sein, nicht mehr ganz jung, aber immerhin hübsch. Ihr Gesicht ist, was man pikant nennt." „Ich verstehe." „Sie hat große, feurige, schwarze Augen und ebenso dunkles Haar, welches sie auf der Stirne genau so trägt, wie Sie das Ihrige. Beobachten Sie das Paar während der Fahrt, lassen Sie sich aber ja nichts davon merken und zeigen Sie namentlich dem Herrn Ihr Gesicht so wenig wie möglich, denn es wäre fatal, wenn er Sie wiedererkennt. Also vorsichtig! hören Sie?" „Seien der Herr Justizrath nur ganz unbesorgt. Wir sind nicht aus Dummsdorf!" entgegnete das Mädchen mit der Keckheit, welche das Bewußtsein einer wichtigen Mission verleiht, und dabei schien, nach ihrem neckischen Mienenspiele zu schließen, plötzlich ein schlauer Einfall in ihr aufgeblitzt zu sein. 78 „Es versteht sich von selbst, daß Sie mit Niemand über die Sache sprechen, sondern das strengste Geheimniß bewahren," fügte der Advokat mit einem so durchbohrenden Blicke auf das Mädchen hinzu, daß dasselbe unwillkürlich einen Schritt zurücktrat und die Hand betheuernd auf's Herz legte. „Sobald Sie Ihren Auftrag ausgeführt haben, kommen Sie wieder zu mir, um mir darüber zu berichten." Nachdem Martha, ganz von der hohen Bedeutung ihrer Mission erfüllt, sich mit einem tiefen Knix empfohlen hatte, gab Volkmar seinen Schreibern Auftrag, ihm das Mädchen, sobald es sich wieder einfinden werde, sogleich zu melden. Um die Nachmittagsstunde, wo er Martha jeden Augenblick von ihrem Unternehmen zurückerwarten durfte, begann sich Volkmar's eine prickelnde Unruhe zu bemächtigen. Von den Lippen eines einfachen Dienstboten sollte er nun hören, ob feine Combinationen richtig waren, ob jener schattenhafte Doppelgänger, nämlich der „Engländer" Anna's und der fremde Besucher Schönaich's, hinter welchem sich nach Harnisch's Ueberzeugung Jmhoff verbarg, sich wirklich als eine und dieselbe Person ausweisen würde, und ob er sich nicht überhaupt durch ein Spiel des Zufalles hatte täuschen lassen, indem er das englische Wort im Generalanzeiger für Anna Nitter's anglisierten Namen hielt und dem Umstände, daß deren zweimalige Abwesenheit sich mit der Stunde des Stelldicheins deckte, allzu großes Gewicht beigelegt hatte. Seine Unruhe nahm derart überhand, daß er keine Aufmerksamkeit mehr für seine Arbeit hatte, sondern oft aufstand, um einige Schritte durch's Zimmer zu machen oder an's Fenster zu treten und an die Scheiben zu trommeln. Da sah er plötzlich draußen eine Droschke vorfahren; neben dem Kutscher auf dem Bock befand sich einNeise- korb, aus dem Innern stieg eine Dame, in welcher er, so rasch und schemenhaft auch ihre Gestalt vor seinem Blicke aufgetaucht und wieder verschwunden war, dennoch Siglinde zu erkennen glaubte. Die Droschke wartete; offenbar kam Siglinde unmittelbar von der Reise und wollte auf dem Wege vom Bahnhöfe nach ihrer Wohnung bet Volkmar vorsprechen. Er ging ihr entgegen, und kaum hatte er die Thür des Vorzimmers geöffnet, als er Siglinde in bestaubter Neisekleidung vor sich sah. Herzlich von ihm Willkommnet, trat sie in das Sprechzimmer. In ihren Mienen drückte sich große Niedergeschlagenheit aus. „Sie kommen, wie es scheint, allein zurück? Ohne das Kind Ihrer Schwester?" frug Volkmar. „Ist der Kleinen etwas zugestoßen?" „Sie ist spurlos verschwunden!" war Siglindens überraschende Antwort. „Verschwunden?!" wiederholte der Rechtsgelehrte erstaunt und betroffen. „Wann ist das geschehen?" „Drei Tage vor meiner Ankunft in London," antwortete Siglinde. „Hat Frau Webster, welcher das Kind anvertraut war, auf Sie den Eindruck einer rechtlichen Person gemacht?" erkundigte sich Volkmar. „In jeder Hinsicht. Ich fand sie noch ganz unter dem Eindrucke des Schreckens und der Bestürzung." „In welchen Beziehungen stand sie zu Ihrer Schwester? War ihr Jenny durch Jmhoff oder durch Ihre Frau Schwester übergeben worden?" „Frau Webster hatte in der Zeitung annoncirt, daß sie ein Kind in Pflege zu nehmen wünsche. Darauf hin meldete sich meine Schwester und vertraute ihr Jenny an. Bei diesem Besuche befand sie sich in Begleitung Jmhoff's. Als sie dann noch einmal kam, um von ihrem Töchterchen Abschied zu nehmen, befand sie sich allein. Bei dieser Gelegenheit trug sie Frau Webster auf, ihr etwaige briefliche Mittheilungen über das Kind vorläufig postlagernd zu machen." „Und auf welche Weise verschwand Jenny ?" forschte der Rechtsgelehrte weiter. „Frau Webster ist eine Witwe, die in ziemlich dürftigen Verhältnissen, zum Theil von Ztmmervermiethcn lebt," erzählte Siglinde. „Eines der Zimmer stand gerade leer und in Folge der an der Hausthüre angehefteten Vermiethungsanzeige fand sich eine Dame ein, miethete ein Zimmer und bezog es noch an demselben Tage. Die Dame war sehr anständig gekleidet und von freundlichem, einnehmendem Wesen; sie zahlte eine halbe Monatsmiethe voraus, daher Frau Webster sich darüber, daß sie kein Gepäck mit sich führte, sondern dasselbe erst erwartete, nicht beunruhigte. Vom ersten Augenblicke an schien die neue Mietherin großes Wohlgefallen an Jenny gefunden zu haben, sie liebkoste das Kind, brachte ihm von ihrem Ausgange kleine Geschenks mit, behielt es stundenlang auf ihrem Zimmer, um mit ihm zu plaudern, und hatte sich schnell auch die Zuneigung des Kindes erworben. Am zweiten Tage bat sie sich von Frau Webster die Erlaubniß aus, Jenny in eine nahegelegene Konditorei zu führen. Frau Webster fand darin nichts Unrechtes, kleidete Jenny an und blickte wohlgefällig dem fröhlich an der Hand der Dame hüpfenden Kinde nach, bis sie Beide in die Konditorei treten sah . . . Die Dame ist mit Jenny nicht wieder zurückgekehrt. In der Konditorei haben sich Beide eine Viertelstunde aufgehalten, und man hat nur noch gesehen, daß die Dame beim Verlassen des Lokals draußen ein vorüberfahrendes Cab anrief, dasselbe mit der Kleinen bestieg und rasch davonfuhr." „Alle polizeilichen Recherchen sind bis jetzt erfolglos geblieben," fuhr Siglinde fort. „Man sagte auf dem Polizeioffice, daß mein längeres Verweilen überflüssig sei, und gab mir die Zusicherung, mich sofort telegraphisch zu benachrichtigen, sobald sich nur eine Spur des Kindes oder seiner Entführerin finden würde." „Haben Sie sich das Aeußere der Dame beschreiben lassen?" frug Volkmar. „Frau Webster hielt sie für eine Ausländerin, da sie das Englische mit fremdem Accent sprach," antwortete Siglinde. „Von Gestalt war sie —" An der Thür des Sprechzimmers wurde ein Klopfen hörbar; ein Schreiber streckte seinen Kopf herein. „Wenn es Ihnen gefällig wäre, Herr Doktor," sagte er. Martha war also zurückgekehrt. Volkmar fühlte sich wie zwischen zwei Kreuzfeuern. Siglinde merkte ihm an, daß er sich in großer Unruhe befand, und ersuchte ihn, sich durch ihre Anwesenheit von seinen Geschäften nicht abhalten zu lassen. Mit der Bitte, ihn auf einige Augenblicke zu entschuldigen, begab er sich ins Bureau. Aber die Erwartete sah er nicht. Eine elegant gekleidete Dame saß da, das Antlitz unter dem hochfeinen Sommerhütchen dicht verschleiert. Sie erhob sich und ging auf ihn zu. „Nicht wahr," redete sie ihn an, „der Herr Justizrath kennen mich selbst nicht wieder?" 79 Dabei schob sie den Schleier zurück und überrascht blickte Volkmar in das lächelnde Gesicht Martha's. „Um mich unkenntlich zu machen," fügte sie hinzu, „habe ich Schleier und Kleider aus der Garderobe meines gnädigen Fräuleins entlehnt." „Nun, und was haben Sie mir zu berichten?" frug er leise und führte sie bei Seite. „Die Dame haben mir der Herr Justizrath so genau beschrieben, daß ich sie sogleich erkannte," begann Martha flüsternd. „Gekleidet war sie in —" „Die Kleidung interessirt mich nicht," entgegnete ungeduldig der Advokat. „Der Herr, welcher bei ihr war, ist die Hauptsache." „Der Herr war nicht jener Fremde." „Wie? Nicht jener Fremde, den Sie in Abwesenheit Ihrer Herrschaft empfingen?" „Nein, er war es nicht," wiederholte Martha und schüttelte mit einem über alle Zweifel erhabenen Lächeln den Kopf. „Dann haben Sie sich geirrt, Kind!" behauptete Volkmar, der an seine furchtbare Selbsttäuschung noch immer nicht glauben wollte. „Nein, Herr Justizrath, ich habe mich nicht geirrt, denn es war Herr von Harnisch." „Unmöglich I" rief Volkmar, wie von einem elektrischen Schlage getroffen. „Der Begleiter der Dame, die Sie mir beschrieben haben, war Herr von Harnisch, den ich sehr genau kenne," wiederholte Martha, jedes ihrer geflüsterten Worte betonend. „Wissen Sie genau, daß er zu der Dame gehörte und nicht etwa zufällig mit ihr in denselben Pferdeeisenbahnwagen gestiegen ist?" „Wenn die Beiden nicht miteinander einverstanden waren, Herr Justizrath, so will ich mir den Kopf abschlagen lassen! Sie sprachen während der Fahrt nicht viel zusammen, aber man merkte leicht, daß sie sich viel zu sagen hatten. Herr von Harnisch richtete dann und wann eine Frage an seine Begleiterin, worauf diese meist nur durch ein Nicken oder Schütteln mit dem Kopfe antwortete, und dann sah er sie mit einem so gespannten Blicke an, als wollte er das Uebrige aus ihrer Miene sangen. Ganz gewiß hatte ihm die Dame etwas Wichtiges zu erzählen, wovon sie ihm unterwegs nur zu naschen gab." „Haben Sie von dem kargen Gespräch dann und wann ein Wort verstanden?" „Nein, denn es war nicht deutsch, was sie sprachen. Vor einem Kaffeegarten, weil draußen in der Vorstadt, stiegen beide aus, und ich sah sie hineingehen. Ich fuhr noch ein Stück weiter und kehrte dann mit dem nächsten Wagen zurück." „Sind Sie gewiß, daß Herr von Harnisch Sie nicht erkannt hat?" „Erkannt hat er mich auf keinen Fall, denn erstens war der Wagen zu sehr besetzt, als daß er mich besonders beachtet hätte, und zweitens schützte mich meine Verkleidung und der doppelt zusammengelegte Schleier vor dem Erkennen." „Ich danke Ihnen vorläufig," sagte Volkmar. „Uebri- gens ist die Besitzerin dieser Verkleidung von ihrer Reise zurückgekehrt." Das Mädchen wurde feuerroth und warf einen angstvollen Blick auf die Kleidung, die sie unrechtmäßig trug. „Du meine Güte," stammelte sie, „wie werde ich nur in die Wohnung kommen, ohne daß mich das gnädige Fräulein sieht!" „Dazu haben Sie noch Zeit, denn Ihre Herrin befindet sich eben noch in meinem Sprechzimmer," versetzte der Advokat. „Eilen Sie also, ihr zuvorzukommen; verrathen Sie ihr aber um Gotteswillen keine Silbe von Ihrem heutigen Abenteuer auf der Pferdeeisenbahn!" Hören Sie?" „O Herr Justizrath!" betheuerte Martha mit gefalteten Händen und wie um Gnade flehend, „ich werde stumm sein wie ein Grab!" Der Boden brannte ihr unter den Füßen, und so eilig, als die Höflichkeit es gestattete, verabschiedete sie sich. Das diensteifrige Mädchen hatte sich mit ihrer wohlgemeinten Maskerade selbst eine Falle gestellt, die den Advokaten mehr als die feierlichsten Schwüre ihrer Schweigsamkeit gegen ihre Herrin versicherte und ihm ein augenblickliches Lächeln abnöthigte. Dann kehrte er zu seiner Besucherin zurück, ohne auch nur durch eine Miene zu verraihen, was in ihm vorging und von welchem überraschend neuen Gesichtspunkte er die Dinge, die Siglinden so nahe angingen, in den wenigen Minuten feiner Abwesenheit betrachten gelernt hatte. „Verzeihen Sie diese Störung, Fräulein Siglinde", sagte er, ihr gegenüber ruhig wieder Platz nehmend. „Wir waren unterbrochen worden, als Sie mir eben die Persönlichkeit jener Fremden, die mit Ihrer kleinen Nichte verschwand, näher bezeichnen wollten. Sie war nach ihrer Aussprache des Englischen zu schließen eine Ausländerin; von Gestalt —" „Von Gestalt war sie etwas kleiner als ich," nahm Siglinde ihre Rede wieder auf, „der Wuchs schlank, dabei aber voll; sie war über die erste Jugendblüthe hinaus, hatte aber jene frauenhaften interessanten Züge, die man bei Mädchen in den höheren Zwanzigern oft antrifft und welche durch ein dunkles, glühendes Auge noch gehoben wurden. Das sehr reiche schwarze Haar trug sie vorn in Stirnlocken." ' Unwillkürlich hatte Volkmar diese Personalbeschreibung mit einem zustimmenden Kopfnicken begleitet, denn dieselbe wies Zug für Zug auf Anna Ritter hin, deren Signalement er selbst erst heute Siglindens Dienerin gegeben. Er hätte Siglinden, als sie ihn bekümmert verließ, durch die trostreiche Zusicherung aufrichten können, daß er ihrer kleinen Nichte bereits auf der Spur sei und sie in nicht ferner Zeit in ihre Arme zu legen hoffe, er hätte ihr noch vieles Andere sagen können, was ihr höchstes Erstaunen erregt haben würde, — er hätte ihr auch sagen können, wie ein einziges Wort Martha's, ein einziger Name, den sie ausgesprochen, ihm ein unerhörtes Jntriguenspiel, ein teuflisches Truggewcbc enthüllt hatte, daß ihm selbst davon noch schwindelte, — er hätte durch wenig Worte sie mit Staunen und Schauder, mit Hoffnung und Freude erfüllen können, aber er wollte und durfte sie nicht mit erdrückenden Geheimnissen belasten, die sie genöthigt hätten, bei einer etwaigen Begegnung mit Herrn von Harnisch sich in ihrem Benehmen einen Zwang aufzuerlegen, der diesem geriebensten aller Gauner gewiß aufgefallen wäre. . . . Nach Siglindens Entfernung schritt Volkmar eine geraume Weile in seinem Zimmer auf und ab, bald mit räschen, heftigen Schritten, bald langsam, bald stehen blet- 60 bend. Dann öffnete er eine Zigarrenkiste, entnahm derselben eine Havannah, zündete sie an und blickte, mit dem Rücken gegen sein Pult gelehnt und die Beine über einander gekreuzt, sinnend den bläulichen Nanchwölkchen nach, welche sein Mund in die Lust hauchte. Als das Aroma der Cigarre in das anstoßende Bureau drang, schnupperten die Schreiber und blickten einander bedeutungsvoll an. Einer nach dem anderen schlich sich an die Thür, um durch das Schlüsselloch hindurch den rauchenden Nechtsanwalt an seinem Pulte lehnen zu sehen. Für gewöhnlich gönnte er sich während der Geschäftszeit den Genuß einer Cigarre nicht; wenn es aber geschah und der Duft des aromatischen Krautes sich in die Nasen der Schreiber einschmeichelte, so wußten diese schon, daß ein verwickelter Fall die Gedanken ihres Herrn beschäftigte und daß er auf einen „Coup" sann, der Denjenigen, welchen er traf, sicher zerschmetterte. Gegen Abend machte Volkmar einen Spaziergang nach dem bekannten Garten in der Nosenstraße. Er fand das Gärtnerpaar im Wohnzimmer, von den Mühen des Tages ausruhend. Sein Besuch galt der Fächer- palme, nach welcher der „Engländer" noch immer nicht gefragt hatte. Er kaufte sie und erkundigte sich im Laufe des Gesprächs wie gewöhnlich nach Fräulein Anna's Befinden. „Ich treffe es immer so unglücklich, daß sie nicht da ist," fügte er hinzu. „Heute hätte ich sie gern gefragt, warum sie vorigen Dienstag, als sie mir in der Stadt begegnete, so stolz an mir vorüberging, ohne meinen höflichen Gruß zu erwidern." „Vorigen Dienstag?" wiederholte Ritter. Da kann sie Ihnen unmöglich begegnet sein. Sie haben eine Andere für meine Schwester gehalten, denn am Dienstag war sie noch nicht von ihrer Reise zurück." „So? War Fräulein Anna verreist?" warf Volkmar hin. „Hihi!" ließ Frau Ritter ihr schadenfrohes, dem Advokaten stets verheißungsvoll klingendes Lachen vernehmen, welches.auf einen tückischen Hinterhalt deutete. Als fühle er sich aber davor heute sicher, warf der Gatte ihr einen geringschätzigen Seitenblick zu und fuhr ruhig fort: „Sie war, wie jedes Jahr um diese Zeit, zur Kirchweih bei meinem ältesten Bruder, der zehn Meilen von hier in einem Landstädtchen ein kleines Gut hat. Dort bleibt sie gewöhnlich eine bis zwei Wochen." Frau Ritter besaß die Fähigkeit, einen Aergcr über ihre Schwägerin lange mit sich herumzutragen, um ihn bei einer Gelegenheit Plötzlich zur Sprache zu bringen, wo es ihrem Manne am unangenehmsten war. So auch jetzt. „Ja, wer's nicht besser wüßte!" kicherte sie. „Deine Schwester wird sich diesmal wohl in vornehmerer Weise amüsirt haben, als bei Kirchweihkuchen. Ich traute der Sache nicht und schrieb an Deinen Bruder. Seine Antwort trage ich schon ein paar Tage lang mit mir in der Kleidertasche herum. Anna hat sich gar nicht bei ihm blicken lassen." Der Gärtner war wie vom Donner gerührt. Volkmar machte dem ehelichen Zwist ein vorläufiges Ende, indem er das Geld für die Fncherpalme auf den Tisch zählte und sich empfahl. Als er durch die Gitterpforte schritt, begegnete ihm eine elegant gekleidete Dame. Es war Anna, die jetzt erst von ihrem Rendezvous zurückkehrte. Volkmar zog artig grüßend seinen Hut. Sie dankte ihm mit einem verächtlichen Kopfnicken. Er wußte, daß sie ihn haßte, weil er einst Zeuge ihrer Demüthigung durch ihre hämische Schwägerin gewesen war und sogar die unmittelbare Veranlassung dazu gegeben hatte. Und dennoch bedurfte ex ihrer jetzt, dennoch gab es augenblichlich keine Person, die ihm so nöthig gewesen wäre, wie sie. Aber er hatte das Mittel, die Stolze zu zähmen, die ihm Feindselige sich willfährig zu machen, bereits gefunden, und ihre ungnädige Erwiderung seines zuvorkommenden Grußes entlockte seinen Lippen ein siegreiches Lächeln. * * * (Fortsetzung folgt.) --^- 1 - - Die Parität in der Reichsstadt Augsburg. (Schluß.) Die wichtigste Ursache war, daß der Argwohn unter den Bürgern, in Nachtheil versetzt zu werden, niemals verstummte. Die Schuld daran lag an den fast jährlich wiederkehrenden Wahlen für die Staatsämter und zur Besetzung der Stadtdienste. Diese bildeten das Tagesgespräch unter den Geschlechtern und den Kaufleuten in ihren Gesellschaftsstuben, wie unter den Meistern in den Zunfthäusern, und beschäftigten noch lebhafter die Gemüther der Familien, der Werkstätten und des offenen MarkteS. Aber Niemand fragte dabei nach der Tüchtigkeit und Brauchbarkeit der zu erkiesenden Männer, sondern die allgemeine Sorge drehte sich lediglich um die Prüfung, ob es keiner Partei an genügenden Mitgliedern zum Vorschlagen fehle. Bei dem durch die ganze Bürgerschaft gehenden Riß reichte keine Hand herüber oder hinüber, eine etwaige Lücke auszufüllen, das kirchliche Bekenntniß blieb allein ausschlaggebend, mochte dabei dem Staate gedient sein oder nicht. Ein solcher leidiger, Neid, Mißtrauen und andere niedere Leidenschaften erzeugender Zustand führte fortwährend daS große Wort auf den Bierbänken, das sich meist auf das Gebiet der Kirche selbst, deren Einrichtungen und ihre Diener verirrte, was blutige Streitigkeiten nach sich zog, daher der Rath wiederholt unter Androhung der Strafe des „Gewölbes" einschärfte: „deS ungeschicktenDisputierens, Schändens und Schmähens von Neligionssachen in den Wirthshäusern sich zu enthalten." Eine schlimmere Folge war jedoch, wenn auf der einen oder anderen Seite ein Vortheil winkte, daß aus schnödem Eigennutze nicht selten der Uebertritt zu der anderen Confession angestrebt wurde. Zwar hielt eine jede Kirche eigene „Aufpasser" und der Kurfürst von Bayern sowie das markgräfliche Oberamt Burgau besondere „Re- ligions-Agenten" mit der Aufgabe, das Verführen gemeiner Leute aus ihrem Lager in das andere zu verhindern, allein der Rath billigte diese dem westfälischen Frieden und dem Nürnberger Rezesse zuwiderlaufende Gewissensbeschränkung nicht. Er ermächtigte deßhalb einen evangelischen und einen katholischen Bürgermeister, dem sich meldenden Konvertiten einen „Schutzbrief" auszuhändigen, kraft dessen er vor allen Belästigungen sicher gestellt wurde. Dieses Verfahren erzeugte zahlreiche Conflicte, verbitterte die Familienglieder und machte in der Regel die amtirenden Herren zu Gegnern. Die vielen Uebel vermehrten sich dadurch um ein weiteres. 81 Nichts fand sich in der gespaltenen Stadt, geeignet, die Versöhnung anzubahnen und zu bewerkstelligen, denn das ganze öffentliche und bürgerliche Leben war so eingerichtet, daß eine gegenseitige Berührung als kein Bedürfniß empfunden wurde. Die Zünfte besaßen eine katholische und eine evangelische Herberge, und wollten die Meister und Gesellen in der freien Luft sich erholen, so wanderten sie entweder gegen den Lech, wo sie bei dem katholischen Stadtjäger einkehrten, oder sie besuchten den evangelischen Stadtjäger auf der Wertachseite; doch gab es auch ein neutrales Gebiet bei dem Paritätswirth in der unteren Stadt. Der biedere Bürger konnte in der Atmosphäre seiner Confession die Pfeife rauchen, indem 4 katholische und ebensoviele evangelische Kaffeehäuser ihn einluden; um die Leinwand oder den Wollenzeug nach seinem kirchlichen Bekenntnisse untrüglich kaufen zu können, waren in dem Weberhause evangelische und katholische Verkaufsgewölbe eingerichtet, und in der Metzg ging man nicht fehl, wenn man ein Nippenstück 0. oder einen Schlachtbraten ^1. 0. begehrte und sich an die Verkäuferin mit oder ohne Haube wandte, denn ein protestantisches Mädchen trug niemals die bayerische d. h. katholische Ntegelhaube. Die gleiche Sorgfalt der Väter der Stadt für strenge Beachtung der Parität zeigte sich auch bei den Sicherheitsorganen. Genau nach der Religion halbirt waren die Stadtgardisten unter dem Befehle eines katholischen und eines evangelischen Lieutenants und in diesem Verhältnisse bezogen sie die Wachen, damit ein unter dem Thore angehaltener Vagant oder ein betrunkener Nachtschwärmer stets von einem Soldaten seiner Confession auf die Polizeistation transportirt werden konnte. Und empfindliche Buße ereilte den Trabanten, welcher einen nicht seiner Kirche angehörenden Bürger auf das Nathhaus vorlud. Endlich wurden die Verstorbenen nicht vergessen, indem man sie in kirchlich getrennten Friedhöfen zur letzten Ruhe bettete. In Zweifelsfällcn entschied über den Ort des Begräbnisses die Religion des jeweiligen Bürgermeisters. Ein Senatsdekret vom 26. Februar 1750 bestimmte nämlich: „Die todten Körper aufgefundener unbekannter Personen sind in demjenigen Gottesacker zu bestatten, welcher Kirche der Bürgermeister angehört, dem die Anzeige gemacht worden war." Diese und alle ähnlichen Vorgänge und Einrichtungen stellten sich dem Bürger als den naturgemäßen Ausfluß eines durch Gesetz sanktionirten Prinzips dar, worin er so wenig etwas Außerordentliches fand, daß er sogar solche Vorfälle und Zustünde vertheidigte, die den Sar- kasmus eines in die Denkweise der Bevölkerung nicht Eingeweihten reizen mußten. Als der katholische Nachfolger des gestorbenen evangelischen Handwerkdieners auf dem Webcrhaus in der Amtsstube ein Weihbrunnkesfelcin aufhing, zeigte der Dc- putatus H.. 6. dem Rathe „den aasura in kxpooausto xrrklioo parrtaetioo xlaris in anciitum als große Unruhe erzeugende Neuerung" 1758 an und seine confes- sionsverwandten Mitbürger belobten den Mann ob solchen Eifers. Bei dem beklagenswerthen Webertumult 1766 gegen den evangelischen Fabrikanten Schüle führte dessen Anwalt als großes Gravamen auf, daß „der Paritätsverfassung s ätametro zuwider" ein katholischer Weber die ostindtschen Cottons nach ihrer Qualität begutachtet hatte, worauf der Rath die bürgermeisteramtliche Anordnung außer Wirksamkeit setzte und eine vepulatio utriusgns reli§ioni3 zur Prüfung der ausländischen Waare ernannte. Das Musikorchester in den evangelischen Kirchen verwendete bei den Aufführungen alle Instrumente mit Ausnahme der Violine, weil der helle Ton der Violinquinte, also die L-Saite, einen katholischen Klang hatte. Geräuschlos und zur Zufriedenheit der Einwohnerschaft kam bei der Bäckerzunft die weltliche ParitaS zum Durchbruch. Die katholischen Mitglieder bauten vor dem Wertachbruckerthor die Stallungcn für ihre Schweine und die evangelischen Meister beherbergten ihre Borstenthiere außerhalb des Jakoberthors, und Niemand nahm daran ein Aergerniß, daß die Thüren mit 0. und H. 6. bezeichnet waren. Schließlich sei noch eine Scene erwähnt, vor welcher merkwürdiger Weise der Vorhang erst sich niederließ, als schon 10 Jahre lang die Karitas in xolitiois der Vergessenheit anheimgefallen war. In der paritätischen St. Jakobspfründe wurde die gemeinschaftliche Wohnstube mit Kerzen erleuchtet, woraus ein die idyllische Ruhe der Pfründner schwer schädigendes Zerwürfniß erwuchs. Die Insassen durften nämlich die Lichterstumpen unter sich vertheilen zur Verwendung in ihren Kammern, und dieses erzeugte den bedauerlichen Hader, welche Stumpen als evangelische und welche als katholische anzusehen seien, eine Streitfrage, welche in Güte die Verwaltung nicht zum Austrag zu bringen vermochte. Die Stiftungspfleger entschieden deßhalb am 4. Oktober 1816 durch förmlichen Beschluß: „um den bisherigen Zänkereien wegen der sog. katholischen und evangelischen Stumpen ein Ende zu machen, soll künftig keine Kerze, sondern paritätisch untheilbares Oel gebrannt werden." Mittlerweile hatten die Bürger insgesammt das Friedensfest in dem Bewußtsein begangen, daß nur sie miteinander die Gemeinde Augsburg bilden. --»-i V i - - Wie mau alt und wie alt man wird! Ein Kapitel über das Alter von Klara Reichn er. (Nachdruck Verbote».) „Unser Leben währet 70, wenn's hoch kommt, sind's 80 l" — Vom „Alter" zu reden, ist eigentlich jawohl ein verbotener Gegenstand? — Alt werden — ü 1g. kontiern-! — Aber alt sein, — altern gar? — Lorrour! — Schwamm drüber! — Speciell das schönere, aber schwächere Geschlecht soll — man sagt es — die liebenswürdige Schwäche haben, zuweilen in Collision mit dem eisernen Bestand des Taufscheins zu gerathen, — allerdings um so verzeihlicher, als weibliche Anmuth bekanntlich keinen Kalender besitzt. — Manche historische oder historisch gewordene Frau hat den Nnuenzeichen der Zeit zu trotzen, ihrer eigenen Jahrgänge zu spotten gewußt, so manche Künstlerin des Lebens und der Bühne scheint die ewige Jugend in Pacht, scheint ein giltig bleibendes Schönheits-Abonne- ment genommen zu haben! — Von der in Bezug auf unverwüstliche Körper- und Geistesreize sprichwörtlich gewordenen französischen Aspasia: Ninon de Lenclos, geboren 1616 zu Paris, erzählt man, daß sie im Groß- und Urgroßmutter-Alter noch Männern, die ihre Enkel 82 sein konnten, den Kopf verdrehte, und Josephine Bona- parie, Napoleons I. erste Gemahlin, soll — über fünfzig — kurz vor ihrem Tode so bezaubernd jung gewesen sein, resp. ausgesehen haben, daß sie der schöne Czar Alexander von Rußland entzückt „eine zweite Ninon" hieß. — Auch die liebreizende Gräfin Potacka, deren Porträt noch jetzt eine Zierde in der Bilder-Gallerie historischer Schönheiten bildet, konnte im Matronenalter von 60 Jahren getrost mit den jüngsten Beautös concurriren, wofür die beste Quittung die unabgekühlte Bewunderung ihrer zahlreichen Verehrer war. Mag man also immerhin mit dem weisen Salomo von gewissen Jahren sagen: „sie gefallen mir nicht, da sich krümmen die Starken und die Gesichter finster werden, da alle Lust vergeht und Alles eitel ist!" — so hat es doch zu allen Zeiten Beispiele von Exempeln schon gegeben, daß die schöne Sage vom „Jungbrunn" trotzdem kein leerer Wahn und das Herz an keinen Taufschein gebunden ist! — Aus diesem einleuchtenden Grunde soll auch König Georg III. von England (1760—1620) auf seine Frage, gestellt an eine hochbetagte Hospitalin: „wann denn eigentlich die Frauen aufhören zu lieben?" die prompte Erwiderung erhalten haben: „Ja, da müssen Ew. Majestät eine Aeltere fragen I" Und der gleichen Maxime folgte so manche andere Lebens-Veteranin, so mancher altehrwürdige Veteran!— Der Herzog von Richelieu vermählte sich zum dritten Male im 84. Blüthenjahre seines Erdenwallens, nachdem lange vor ihm ein Tiroler Baron Barravicino de Capellis, der 1270 mit 104 Jahren starb, bereits bewiesen, daß Alter nicht vor Thorheit schützt, das heißt gleichfalls im 84. Jahre sogar seine vierte bessere Hälfte sich erkor, während der venetianische Konsul in Smyrna, Franz Gongo, es bis zu 112 Jahren und 5 Frauen brachte und bet seinem 1702 erfolgten Tode nicht weniger als — 49 Kinder hinterlassen haben soll! — Im Jahre 1733 entschlossen in Norwegen von sieben noch ledigen Hundertjährigen drei Paare sich, Pool kesium in den heiligen Ehestand zu treten. — Im gleichen, dem vorigen Jahrhundert erwählte die Polin Margarethe Krusiowna mit 94 Sommern als dritten Gatten sich den um elf Jahre ältern Kaspar Haykolt und beglückte ihn 14 Jahre noch durch ihre Gegenwart, da sie mit 108 Jahren 1763 das Zeitliche segnete. — In unserem eigenen Säculum aber heirathete 1843 zu Luzern der Schweizer Violinist Piu eine „erst" 62jährige Wittib, als hoffnungsvoller Wittwer, der 25 Enkel und — 106 Jahre schon besaß, und in Moskau soll zu ungefähr derselben Zeit eine Russin von 168 Jahren gelebt haben, welche die Courage hatte, in ihrem 122. Lebensjahre noch den fünften Mann zu nehmen. — Daß jedoch diese und andere Beispiele verspäteter Heirathscaudidaten keineswegs nur Zeiten angehören, die vergangen sind, hat jüngst in la Kalla Italic,, ein „junges" Ehepaar bewiesen, als nämlich zu Proforte der Gutsbesitzer Rubianco, ein rüstiger Greis von 90 Jahren, eine 86jährige Signorina heimführte. — Man sieht: „Die Liebe altert nicht, — nein, nein! Ist und bleibt Sonnenschein!" — Nicht nur Schönheit und Liebe indessen, sondern auch Geist und Kraft schlugen gar häufig dem grämlichen Alter ein Schnippchen! Dieses kalt acLowpli haben nicht allein die biblischen Methusalems bewiesen! — Der weise weiße Nestor des klassischen Alterthums lebt eigentlich ja heute noch als sprichwörtliche Nedefigur; — dem unsterblichen Tragödien-Dichter der Antike: Sophokles, blieb die Muse bis in sein jugendliches Alter hold und treu, und zwei andere alte Griechen, der ernsthafte wie der lachende Philosoph: Pythagoras und Demokrit, wurden alt und grau bei ihrem probaten VerjüngungsMittel: außen Oel und innen Honig. — Der hl. Hieronymus, der große Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, wurde alt und blieb jung bei einsiedlerischer Ascese und der gewiß nicht lucullischen Ernährung von Wasser, Brod und Salat, und der gelehrte englische Mönch des Mittelalters: Baco oder Bacon, erreichte nicht weil, sondern obgleich man ihn „Oootor mirakilig" hieß, sein hohes Alter bei wissenschaftlichen Studien und physikalischen Experimenten. — Der „Zwölfnnzen-Mann" aber, der edle Venetianer und Mäßigkeits-Apostel Ludovico Coruaro (geb. 1466), brachte es fertig, fast 100 Jahre zu werden, durch die exemplarische Hungerkur von 12 Unzen pro Tag, hauptsächlich aus „Panatella" — venetianischer Semmelsuppe — bestehend, nachdem er als 40jähriger Prasser und Schlemmer für so incurabel schon gegolten, daß man keine Unze mehr für sein Leben gegeben hätte, während er noch heute im Gedächtniß aller Fastenkünstler, sowie in der alten Bilder-Gallerie des Palazzo Pitti lebt, verewigt als Neunzigjähriger von seinem berühmten Zeitgenossen und Mers-Concurrentm, dem damals 80jährigen Tizian, der gleichfalls bis auf Hundert kam. Auch die Neuzeit besitzt ihre menschlichen Antiquitäten, die nicht veralteten, das heißt nicht nur ein hohes, sondern — was mehr sagen will — ein glückliches Alter erreichten. — Selbst große Denker, Staatsund Schlachtcnlenker, wie: Newton, Franklin, Alexander von Humboldt, Fürst Metternich, Lord Palmerston, Wellington, Moltke, Kaiser Wilhelm und viele Andere, nahmen tapfer den Kampf mit dem größten und ge- fürchtetsten aller Menschen - Eroberer auf, und blieben Sieger in demselben. Mehr aber noch will es bedeuten, wenn sogar jene Kämpfer um's Dasein dem Alter Concessionen abringen, denen eS geht wie der — Nachtlampe: „criüa inLörvienäo ccmsumor" — ich verzehre, indem ich Andern diene, — die Jünger Aescnlaps! — In England starb 1658 mit 80 Jahren der berühmte Anatomie-Professor vr. William Harvey, als wahrer Jüngling gegen seine 18 Landsleute und Collegen spätem Datums, die — nach dem Jahresbericht des chirurgischen Kollegiums von 1845 — damals zusammen die hübsche Summe von 1714 Jahren repräsentirten, was durchschnittlich 951/z pro ineäioo betrug. — In Wahrheit zählte der Senior dieses ärztlichen Patriarchen-Konsortiums: John Volger, eigentlich für sich allein 111 Jahre, der nachfolgende Alters-Präses, I. Corridge, 108, und der Dritte im Bunde der Aeltesten, William Pearry, netto 100 Jahre. — Auch der sogenannte „Krüuterdoctor" Morris Thurston zu Exeter starb 1844 in seinem 108. Jahre — als berühmter Naturheil-Arzt, der noch zwei Monate vor seinem Ende wacker drauf los kurirte. — Ein französischer renommirter Medicus: Dr. Grandison (gestorben 1846), hielt es bis zu 92 Jahren hier auf Erden aus, obgleich seine Hauptspecialitüt das menschliche Nerven- System war. — Selbst deutschen Aerzten passirt es zuweilen, ausnahmsweise hoch die steile Jakobsleiter des Alters zu erklimmen! — „Der alte Heim", eine der populärsten Persönlichkeiten von Alt-Berlin, der neben seiner honorirten Praxis noch jährlich 3—4000 Menschen gratis behandelte, gelangte trotzdem nahe an die Neunzig, 63 der Medicinalrath Hagen zu Königsberg i. Pr. aber feierte am hl. Weihnachtsabend 1849 seinen 100. Geburtstag, ohne an's Sterben zu denken. Werfen wir nun die wichtige Frage auf: wie und durch welche Mittel oder Geheimmittel man sich wohl am besten conservirt, so sind bis heutigen Tags darüber leider die Gelehrten nicht recht einig, ausgenommen, daß Gelehrsamkeit selbst das beste Medicament sein soll für die Kunst: alt zu werden. Ein Blick in's Conservations-, xaräon! — Conversations-Lexicon beweist allerdings die erfreuliche Thatsache, daß Denken und Dichten jung zu erhalten scheint; im Uebrigcn gilt Mäßigkeit als die erste Alterspflicht! Lrooooli, 2ooooIi 6 ^esta, arrläa!" („Hoheit, Kohl, Holzpantoffeln und etwas auf dem Kopfe!") gab ein lOOjähriger Mann aus dem Volke, ein Italiener- greis, dem Großherzog Leopold von Toscana zur Antwort, als dieser ihn nach dem Geheimniß seiner unver- welklichen Jugendfrische fragte. — Der französische Schriftsteller Fontenelle dagegen, der 1757 fast lOOjährig starb, soll durch seine alljährliche sommerliche Erdbeerkur verjüngt sich haben, während der Gras von St.-Germain, gest. 1759, es gar — nach seiner eigenen Behauptung wenigstens — bis auf 350 Jahre gebracht haben will, mit Hilfe seines sogen. „Lebensverläugerungs-Thees l" — Die einfachste Conserve für Jugendfrische dürfte aber wohl unstreitig jener spanische Kaufmann erfunden haben, der 1847 zu Madrid mit 103 Jahren und der kühnen Behauptung sein Leben beschloß: „er verdanke seine Elasticität und Munterkeit allein dem glücklichen Umstände, daß er seit 86 Jahren täglich 4 Stunden — die Zeitungen gelesen hätte!" — l?rol>aturu osb! — Auch die Schicksalsfrage: „wo denn eigentlich die meisten und seltensten Altersfrüchte condensirt werden?" ist schon häufig ventilirt worden. — Im Allgemeinen gelten die kältern, nördlicher gelegenen Gegenden Europa's, besonders Großbritannien, Skandinavien, Rußland, als die wohlwollendsten Gönner und Freunde hohen Menschen - Alters. — So soll in Rußland, authentischministerieller Statistik zufolge, z. B. der Jahrgang 1840 mit 479 Glücklichen von 105 Jahren und darüber gesegnet gewesen sein, — darunter zwei AlterS-Veteranen von 145 Jahren. — Auch in Schweden können Leute von 100—120 Jahren keinen Anspruch darauf erheben, besondere Raritäten vorzustellen, in Norwegen aber sollen 100jährige Männer vorkommen, deren Piedcstal noch so beneidenswerth gelenkig ist, daß sie sogar ein Tänzchen wagen dürfen. — Aehnliches erzählt man von der irischen Gräfin Desmond, die nach dem 100. Geburtstag noch am Tanze sich betheiligte und um ihrem heitern, unternehmungslustigen Temperamente ihr „verfrühtes" Ende zuzuschreiben hatte, indem sie anno 1609 mit 145 Jahren vom — Apfelbaume stürzte, dessen Früchte sie eigenhändig brechen wollte! Trotzdem produciren auch heiße, südliche Gegenden zuweilen seltene Altersblüthcn. — Brasilien z. B. zeitigt Hundertjährige und darüber, und im Lande der Chinesen, dem Eldorado des Alters, wo man den Jubilaren Ehrenpforten errichtet und eigene Gesetze zur Ehrung derselben besitzt, ergab eine Alterszählung, die der Beherrscher aller Zöpfe im himmlischen Reiche der Mitte 1784 or- donnirte, das schöne Resultat von 192 Menschen, die 5 Generationen er- und überlebt hatten. — Wer aber gern besonders alt werden oder besondere Methusalems bewundern will, der muß nach Berber in Perfien seine Schritte lenken, wo dauerhaft-ausdauernde Erdenpilger von 100 Jahren gar nichts zu bedeuten haben, Zwei- hundertjährige aber gar nicht einmal eine Kuriosität sei» sollen. — Auch der heitere Himmel Griechenlands war von jeher bekannt und renommirt dafür, so Manchem ein paar Dutzend Jährchen über den gewöhnlichen Etat noch zuzugeben, — ebenso fern im Süd das schöne Spanien, wo die heiße Sonne manchen Neunzig- oder Hundertjährigen mit den schattigen Kastanien um die Wette reift und von kühnen alten Jünglingen erzählt wird, die mit 80 Jahren noch gar grimme Bärenjäger sind, ohne daß man befürchten müßte: diese „Jagdgeschichte" binde einem einen Bären auf! — Natürlich will die „§ranäs vation" um keinen Preis zurückstehen, sondern behauptet, daß selbst gegenwärtig Frankreich noch durch über 200 Hundertjährige — 145 Frauen und 64 Männer — excellire, folglich sogar dem gesegneten Jahrgang 1886 „über" sei, allwo der amtliche AuSweis nur 191 geliefert habe. Allerdings dürfte ein großes Fragezeichen hier sehr am Platze sein, denn in Wahrheit schrumpften diese 191 von 1886 bei etwas näherer Betrachtung auf 80 dazumal zusammen, worunter über die Hälfte — die „bessere Hälfte" war. — Jedenfalls ein Unicum in oen Annalen der Geschichte, daß sich Frauen — „älter" machen. — Sehen wir uns schließlich mit berechtigter Wißbegier nach dem historischen „Alters-Präsidenten" christlicher Zeitrechnung um, dessen Personalien der Mit- und Nachwelt überliefert wurden, so ist wohl als der Nestor aller Nestoren der Amerikaner G. T. Rowley zu betrachten, der zu Anfang der fünfziger Jahre mit seinen 187 Lenzen noch fröhlich und vom Tod vergessen in diesem Jammerthals weilte, als Sieger über seine beide« früheren „Concurrenten", den Schotten Kentigern und den Ungarn Petracz Ezarten, die „nur" 185 Jahre alt wurden. Ein höheres Resultat wird auch der „Congreß der Greise", der voriges Jahr im Trocadero zu Paris tagte, trotz Prämien und Preisen kaum ergeben haben! --- Brm Schlangen lind wilden Thieren am Congo Md in Indien. . 0. Was die Europäer und besonders unsere Missionäre von den Reptilien und wildem Gethier in tropischen Ländern alles auszustehen haben, darüber wurde in diesem Blatte schon berichtet (namentlich in „Die afrikanischen Plagen"). Welche Gefahren überhaupt diese Bestien für den Menschen haben, dafür wollen wir im Nachstehenden zwei neue interessante Belege bringen. I. Eine angenehme Gesellschaft. Nach den doppelt heißen Tagcsmühen hatte ?. Garmyn, Missionär auf der Station „Berghe Samt Marie" (belg. Congogcbiet) sich zur Ruhe begeben. Er schlief allein in einer Kammer. Plötzlich stieß er den Angstruf aus: „Hier sind Schlangen!"-Eine angenehme Gesellschaft. Seine Brüder, in einem anderen Schlasgemach, hörten den Angstruf, und man entgegnete ihm: „Bah, das sind Enten, die eine Nachtpromenade machen." — „Was, Enten? Ich werde doch das Schnattern der Enten vom Zischen einer Schlange unterscheiden können!" — „Nun, dann ist es das Huhn." — „Ich sage Ihnen, das ist eine Schlange!" — „Gut, dann stehen Sie auf und zünden eine Kerze an — und sehen 'mal nach." — „Sie haben gut reden; wenn ich nun aus Versehen auf das Thier trete? Kommen Sie und leuchten Sie durch das Fenster herein." Das geschah, k. Garmyn entfernte alsdann sein Mosquito-Netz vom Gesicht und sah in allen Winkeln nach dem Eindringling sich um, aber er entdeckte nichts. Endlich wagte er es, die Thüre zu öffnen, und nun begann ein allgemeines Suchen. „Horcht, ich höre sie," rief Einer, und alle hörten nun das charakteristische Zischen der Schlange. Alles Suchen war jedoch vergebens. Die Jagd wurde aufgegeben und k. Garmyn nahm ein Nachtlager auf einem Halbsopha im Eßzimmer. Am folgenden Morgen begab sich Garmyn auf die Antilopenjagd. Da kam k. Ballus in eine an das Schlafgemach k. Garmyn'S anstoßende Kammer und sah, auf dem Stroh träge ausgestreckt, eine arms dicke, schwarze — giftige Schlange, die offenbar eine gute Mahlzeit verdaute. Eilig holte der Pater eine Flinte und erschoß den Unhold; dabei ging der Körper fast in zwei Theile, und k. Baltus sah mit Staunen gelbes Blut aus der Schußöffnung fließen. „Welch' eine seltsame Naturerscheinung!" Auf den Schuß hin war ein Negerknabe hcrbei- gesprungen, und dieser schleppte die todte Schlange in's Freie. Als er von dem „gelben" Blut der Schlange hörte, lachte er schalkhaft über die „seltsame Naturerscheinung" und erklärte: „Ei, Pater, das ist nicht Blut; der Schlingel hat Eier gefressen!" (und der Schuß hatte ein Ei zerquetscht) „sieh' nur!" Mit diesen Worten packte er die Schlange beim Schwanz, fuhr mit der Hand über den Leib hin und zerdrückte acht Eier, die noch unversehrt im Bauche des Thieres lagen. Nicht weit von der Schlange lag ein todtes Huhn, vom Schlangenbiß getödtet, während es über seinen Gern brütete. Ganz glücklich über den Fang, zog der Negcrjunge der Schlange die Haut ab, um das Fleisch, das die Neger sehr lieben, zu kochen. Diese Schlange gehörte zu den gefährlichen — schwarzen. — Die Schlangen sind in diesem Misssons- gebiete sehr häufig. So stieß man bei dem Bau des Schwesternhauses auf eine Boa, die vier Meter lang war. Sie wurde erlegt und ihre Haut für das Museum in Scheut aufbewahrt. Das war nun noch ein harmloser Vorfall; ganz anders, schrecklich ist der folgende Beleg. II. Die Opfer der Schlangen und wilden Thiere in Indien. Im britischen Vorderindien wurden, laut amtlichen Jahresberichtes, im Jahre 1892 — in einem Jahre also — nicht weniger als 19,025 Menschen und 81,000 Stück Vieh von Schlangen getödtet. Im Jahre 1891 waren ihnen 21,389 Menschen zum Opfer gefallen. Und von den wilden Thieren wurden im Jahre 1892 auch 2963 Menschen zerrissen. Die Regierung läßt eS ihrerseits nicht an Bemühungen fehlen, diese furchtbare Landesplage auszurotten. So wurden in demselben Jahre 85,000 Schlangen getödtet und als Prämien dafür 9700 Rupien bezahlt. ——— - A L L e r k e i. DieBrautwerber des Landvolkes inMasnren, die namentlich im Herbste nach der Ernte mit Aufträgen oft überhäuft sind, erfreuen sich größter Volksthümlichkeit. Ihre Geschäfte pflegen sie an den Sonntagen zu erledigen. Sie erscheinen im höchsten Staat, suchen sich im Garten einen Kohlkopf und steigen zu Pferde, um das Haus auszusuchen, in welchem ihr Werbetalcnt entfaltet werden soll. Unterwegs läßt der Freiwerber den Kohlkopf von seinem Pferde anfressen und betritt nun erst das Haus der ihm von dem Liebhaber bezeichneten Schönen, wo sein Erscheinen meist freudiges Erstaunen hervorruft. Bald nach der Begrüßung knüpft er ein Gespräch an, um in dessen Verlaufe auf den angefressenen Kohlkopf mit den Worten hinzuweisen: „Es ist eine Ziege in unserem Garten gewesen und hat diesen Kohlkopf angefressen, nun habe ich sie gespürt bis hierher und will sie jetzt sehen." — Sobald diese Worte gesprochen sind, lächeln Alle: wissen sie doch, um was es sich handelt. Die bewußte Dorfschöne verschwindet plötzlich, wirft sich in Gala und wird dann wieder herbeigeholt. Die Scherze über den beschädigten Kohlkopf werden jetzt wieder aufgewärmt. Nimmt sie dann den ihr überreichten Kohlkopf entgegen, so ist die Werbung als angenommen zu betrachten und die Hochzeit wird alsbald bestimmt. Während des Aktes der Trauung muß dann die Braut ihrem Ehcliebsten auf den Fuß treten und beim Knieen auf seinem Rock sich niederlassen, auch wohl beim Zusammenlegen der Hände ihre Hände nach oben bringen, dann hat sie während der Ehe das Regiment, welches sonst dem Bräutigam, wenn er ihren Versuchen zuvorzukommen weiß, unfehlbar anheimfällt. --L-LiWS-- Schachaufgabe. Von Konrad Bayer (Olmütz). Schwarz. 3M Weiß zieht an und setzt in 4 Zügen matt. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 11 Weiß. 1. T. 82 87 ; L. T. -44-84 3. S. 82-64 4. S. 04-86 resp. 83 Matt oder 1. . . . . . r l l . 2. L. 87-85: 3. S. 85-67 ch 4. S. 82-84 Matt. Schwarz. L. 84-87 : L. oder S. 84 beliebig. L. 84-85 S. 03-85 : 5k. 86—87