^L13. 1894 . „Augsburger Post;ritung". Dimstag, den 13. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler). Auf verwegener Mahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Ein paar Tage nach den zuletzt geschilderten Vorgängen finden wir Siglinde und Herrn von Harnisch im Sprechzimmer des Advokaten. Die Einladung zu dieser Verhandlung und noch mehr der Gegenstand, welcher besprochen werden sollte, hatte Beide überrascht. Volkmar hatte nämlich einen Ehevertrag entworfen, welcher ihre beiderseitigen Rechte regeln sollte. Er fühle die Verpflichtung, hatte er der erstaunten Siglinde Tags zuvor eröffnet, ihre Zukunft und ihre Million für den Fall ihrer Verheirathung mit Herrn von Harnisch schon jetzt sicher zu stellen oder doch wenigstens eine vorläufige Einigung darüber zu erzielen. Herr von Harnisch besitze ihr bindendes Versprechen, ihn durch ihre Hand belohnen zu wollen, wenn er im Stande sei, zur Freisprechung ihres Vaters beizutragen. Es sei kaum noch zweifelhaft, daß die von ihm produzirten und scharfsinnig combinir- ten Verdachtsmomente gegen Jmhoff dem Prozesse eine Wendung geben würden, die ihn den beneidenswerthen Preis gewinnen lassen werde. So lange er diesen aber noch nicht gepflückt habe, werde er bescheiden sein. Man müsse dies benutzen. Namentlich handle es sich darum, für die Zukunft Jenny's zu sorgen, da doch die Möglichkeit immerhin nicht ausgeschlossen sei, daß das Kind eines Tages wieder zum Vorschein kommen werde. Harnisch habe sich bereit erklärt, das Kind zu adoptiren, und man müsse ihn, ehe diese warme Herzenswallung sich vielleicht wieder abkühle, rasch beim Worte nehmen und Siglin- dens Nichte unter den Schutz des Ehevertrags stellen. Namentlich diese letztere Rücksicht war es, durch die Siglinde sich bestimmen ließ, auf Volkmar's Verlangen einzugehen, gegen welches sie sich anfangs gesträubt hatte. Eine solche Verhandlung, wie die bevorstehende, widerstrebte ihrem Zartgefühl, und so lange das Schicksal ihres Vaters noch ungewiß war, hätte sie sich diesen peinlichen Akt gern erspart. Aber auch ihr Herz fühlte sich von dem Ansinnen Volkmar's verwundet. Nur mit heimlichem Grauen dachte sie daran, daß die Befreiung ihres Vaters sie an einen Mann kette, den sie nicht liebte und an dessen Seite sie nie glücklich werden konnte. Dem gegenüber that es ihr weh, daß Volkmar, der Gegenstand ihres schmerzlichen Verzichts, es so eilig hatte, dieser traurigen Fessel eine gesetzmäßige Form zu geben, und daß er ihr diese Nothwendigkeit in so kaltblütiger geschäftsmäßiger Weise vorstellte, als hätte sie ihm niemals mit einem Worte verrathen, was er ihrem Herzen war. Indessen — sie fügte sich seinem Rathe, auf den sie ein unerschütterliches Vertrauen setzte; vielleicht auch leiteten ihn noch tiefere Beweggründe, die er ihr verschwieg, denn es war ihrem weiblichen Scharfblicke nicht entgangen, daß in seinem Wesen plötzlich etwas Geheimnißvolles, Näthselhaftes lag. Auch Herrn von Harnisch war die Einladung des Advokaten überraschend gekommen, aber seine Ueberrasch- ung war eine angenehme, denn diese Vorsorge deutete auf einen seinen Hoffnungen günstigen Ausgang des Prozesses hin, über den sich Volkmar sonst nur mit großer Reserve äußerte. So hatte er sich denn in dem angenehmen Vorgefühle, welches der in der Ferne winkende Besitz der schönen Erbin von einer Million hervorruft, mit Siglinde zu der Verhandlung zusammengefunden, und die letztere verlief zu seiner vollen Zufriedenheit; sogar auf seinen Vorschlag, den künftigen Wohnort in Amerika zu wählen, war Siglinde, auf Volkmar's Zureden, eingegangen; sie glaubte dem Letzteren selbst einen Gefallen zu erweisen, wenn sie sich in eine so weite Ferne zurückzog und damit seinem Gesichtskreise auf Nimmerwiedersehen entrückt wurde, denn sonst würde er dem Wunsche Harnisch's eher Widerstand entgegengesetzt haben, anstatt ihn zu befürworten. Vielleicht ahnte Volkmar, was in Siglinde vorging, als sie sich mit einem Blicke, in welchem etwas wie eine leise, vorwurfsvolle Anklage lag, von ihm verabschiedete, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern. Sicher ahnte dagegen aber Herr v. Harnisch' nicht, daß ! der Rechtsgelehrte, dem er beim Gehen so warm die ! Hand schüttelte, ihn schon seit mehreren Tagen durch zwei ebenso wachsame als schlaue Privatdetektivs beobachten ließ, die ihm, wenn er die Stadt verlassen hätte, bis an's Ende der Welt gefolgt wären. . . . Frauen haben ein aufmerksames Auge für die Außenseite der Dinge. Siglinde kannte jeden Winkel, jedes Stück Möbel in Volkmar's' Sprechzimmer. Umsomehr war ihr heute eine Veränderung aufgefallen. Das Zimmer besaß zwei Thüren: die eine bildete den Ausgang nach dem großen Bureau, in welchem die Schreiber saßen, die andere führte in entgegengesetzter Richtung nach Volkmar's Wohnräumen. Es war Siglindcn nicht 86 entgangen, daß diese letztere Thür heute entfernt und durch ! eine bis zum Fußboden Herabreichende geschlossene Portiere ersetzt war. Da der Advokat seine beiden Klienten wahrend der Verhandlung so plazirt hatte, daß Beide der verhangenen Thür den Rücken zuwenden mußten, so blieb es von diesen unbemerkt, daß die Portiere sich zuweilen bewegte, ja, daß in der Mitte, wo sie sich theilte, dann und wann ein Paar Augen zum Vorschein kamen und wieder verschwanden. Als Siglinde und Harnisch sich entfernt hatten, ging Volkmar auf die Portiere zu, schob sie zurück und blieb auf der Schwelle stehen. Das Zimmer war ein kleiner, mit ziemlicher Eleganz ausgestatteter Salon. Auf einem Fauteuil saß eine weibliche Gestalt, den Ellbogen auf ein danebenstehendes Marmortischchen und die Stirn in die Hand gestützt. Ihre Lippen waren zusammengepreßt, ihre Augen starrten mit wildem Ausdruck vor sich hin; ihr Antlitz brannte in dunkler Gluth, unter welcher in mühsam verhaltenem Zorne daS Blut kochte. Dieses regungslose düstere Bild stand in grellem Kontrast zu der heiteren Umgebung, denn ein grünender und blühender Hain kostbarer Blattpflanzen, die theils auf Blumentischen standen, theils terrassenförmig aufsteigende Gruppen bildeten, füllte fast den ganzen kleinen Raum aus. Obwohl die finster Brütende diesen Ort vorher noch nie betreten-hatte, so sah sie sich hier doch unter lauter alten Bekannten: alle diese lieblichen Kinder Flora's stammten aus Ritters Gewächshäusern, wo der Rechtsgclehrte sie bei seinen verschiedenen Besuchen selbst ausgewählt hatte, und der fremde Gast, der sich hier in so heimischer Umgebung wiederfand, war Niemand anders, als — Anna Ritter. Sie hatte sich in Folge einer schriftlichen Ladung des ihr nur dem Namen nach bekannten Advokaten, der ihr in einer Erbschaftsangelcgenheit eine wichtige Mittheilung zu machen habe, pünktlich um die festgesetzte Stunde eingefunden, und maßlos war ihr Erstaunen gewesen, als sie in dem berühmten Nechtsgelehrten jenen Gartenbesucher wieder erkannte, dessen zudringliche Neugier ihr einst eine so peinliche Stunde bereitet, und dem sie erst vor einigen Tagen durch die kühle Aufnahme seines Grußes zu erkennen gegeben hatte, wie wenig sie ihm das vergessen konnte. Der Einladung eines Advokaten folgt Niemand gern, die Verheißung einer Erbschaft aber ist ein unwiderstehliches Anziehungsmittel und dieser List hatte sich Volkmar bedient, um sicher zu sein, daß Anna nicht versäumen werde, sich um die bestimmte Zeit bei ihm einzufinden. Er hatte sich hierin auch nicht verrechnet und klärte sie sofort über die Täuschung auf, die er sich mit ihr erlaubt hatte. Es sei dies nur geschehen, um ihr über eine noch viel schlimmere Täuschung, deren sich ein Unwürdiger an ihren zartesten Gefühlen, an ihrem vertrauenden Herzen schuldig gemacht habe, die Augen zu öffnen. Sie habe sich durch die gefälligen Manieren, durck die blendende Außenseite und wohl auch durch die Liebesschwüre eines Mannes bestechen lassen, der ihrer nur als Mittel für seine selbstsüchtigen Zwecke bedurft habe und sie fallen lassen werde, sobald er sein Ziel erreicht habe. Dieses Ziel sei eine Heirath mit einer jungen Dame, welcher ein großes Vermögen in Aussicht stehe. Noch in dieser Stunde werde sich Anna von der Wahrheit dieser Behauptungen überzeugen, — was sie aber auch als unsichtbare Ohrenzeugin hören möge, wie schwer es ihr auch werden möge, den Allsbruch ihrer empörten Gefühle zurückzudrängen, so solle sie sich doch ja zu keinen Unvorsichtigkeiten hinreißen lassen, sondern sich ganz ruhig verhalten, denn noch sei es nicht an der Zeit, jenem falschen Mann die Maske vom Gesicht zu reißen. Anna war anfangs sehr verschnupft darüber, daß der Rechtsanwalt sie unter einem falschen Vorwand zu sich gelockt hatte; bei der Erwähnung ihres Liebesverhältnisses zeigte sie sich sehr beleidigt; die Hindeutung, daß sie betrogen und hintergangen sei, nahm sie mit einem überlegenen, ungläubigen Lächeln aus; die Eröffnung aber, daß sie noch in dieser Stunde von der Treulosigkeit ihres Liebhabers überführt werden sollte, wandelte ihren Trotz in Bestürzung um und in sehr herabgestimmtem Tone versprach sie dem Rechtsgelehrten, seiner Anweisung genau nachzukommen. Sie hielt Wort und verrieth sich durch keinen Laut, während sie hinter der Portiere den Verhandlungen lauschte. Wenn sie den Geliebten in den Armen einer Anderen überrascht hätte und beide Küsse und Liebesschwüre hätte austauschen sehen, so würde ihr dies keinen überzeugenderen Beweis seines treulosen Verraths beizubringen vermocht haben, als es diese trockene Verhandlung über den Ehevertrag that. Diese ganze Verhandlung, die Siglinden so viel Herzeleid verursacht hatte, war weiter nichts, als eine von Volkmar geschickt in Scene gesetzte Comödie, und Anna war das dazu geladene Publikum. Volkmar rechnete auf die Leidenschaftlichkeit dieses verrathenen Mädchens, er wollte ihre Eifersucht, er wollte die ganze Gluth rache- dürstenden Hasses, dessen ein betrogenes Weib fähig ist, in ihr entfachen, um ihr die Zunge zu lösen und über den Mann, von dem sie sich verrathen sah, Alles zu erfahren, was sie über ihn sagen konnte. Daß sein Experiment gelungen war, erkannte er bei dem ersten Blick, als er hinter die Portiere trat und Anna in ihrer Vernichtung und so ganz ihrer stummen brütenden Wuth hingegeben wiederfand, daß sie sein Eintreten gar nicht bemerkte und erst bei seiner Anrede wie aus einem furchtbaren Traume emporsuhr. „Sie werden jetzt die Ueberzeugung gewonnen haben," sagte der Anwalt, „daß ein herz- und gewissenloser Betrüger sein Spiel mit Ihnen getrieben hat." „Wenn Sie ihn als solchen kennen, wie vermögen Sie es dann zu verantworten, Fräulein Schönaich zu einem Ehevertrage mit ihm die Hand zu bieten?" erwiderte Anna trotzig. „Hml vielleicht bezahlt er Sie dafür, daß Sie ihn von mir befreien. Vielleicht haben Sie mich mit seinem Wissen und Willen hier lauschen lassen und sind von ihm beauftragt, mit mir ein Arrangement zu treffen und mich abzufinden. Woher wüßten Sie sonst um mein Verhältniß mit ihm?" Volkmar ließ sich durch diese Anklage nicht aus seiner Ruhe bringen. Er fand es natürlich, daß die Bitterkeit, von welcher Anna's Gemüth übervoll war, sich zugleich auch gegen ihn entlud, der ihr diese schmachvolle Stunde bereitet hatte. „Woher ich Ihr Verhältniß mit ihm kenne?" frug er. „O, der Generalanzeiger ist ein gar plauderhafter Geselle. Für das englische Wort „LrnAstt" das deutsche Wort Ritter zu finden, ist keine allzu große Kunst. Und die Pferdebahnen sind ein beliebter Vereinigungspunkt für Liebende." 4 s > 87 Anna blickte den Sprecher erstaunt an. „Wenn Sie so allwissend sind," entgegnete sie nach kurzem Schweigen, „was könnte ich Ihnen dann noch zu sagen haben ?" „O, gar Vieles. Sie könnten mir z. B. von Ihrer kürzlichen Reise nach London erzählen." Anna schrak zusammen. „Können Sie mir sagen," fuhr Volkmar fort, „wohin Sie die kleine Jenny gebracht haben, nachdem Sie das Kind seiner Pflegerin, Frau Webster, entführten." „Ha! er hat mich doppelt verrathen!" rief Anna, deren Antlitz todtenbleich geworden war. „Er hat mich zu einer strafbaren Handlung verleitet, durch die ich in seine Hand gegeben bin!" „Ich will es Ihrer begreiflichen Aufregung zu Gute halten," sagte der Rechtsgelehrte, „daß Sie mich in dem Verdachte haben, im Einverständnisse mit einem ausgemachten Schurken und zugleich in dessen Interesse zu handeln. Ich verzeihe Ihnen diesen unwürdigenVorwurf. Sie befinden sich indessen auf einer ganz falschen Fährte. Blicken Sie um sich. Erkennen Sie diese schönen Gewächse, womit ich meinen Salon geziert habe? Ich kaufte sie nach und nach im Garten Ihres Bruders, und fast bei jedem neuen Einkaufe, den ich dort machte, erfuhr ich von Ihrer Schwägerin etwas Neues über Sie, woraus ich meine Schlüsse bildete. Sie sind durchaus nicht in der Hand jenes Mannes, der Ihnen Liebe geheuchelt hat. — Sie sind in meiner Hand und diese Hand soll Ihnen eine schützende Freundeshand sein, wenn Sie sie vertrauensvoll ergreifen." Er streckte ihr seine Hand entgegen. Sie blickte ihn ängstlich forschend an. Es lag eine so schöne männliche Offenheit in seinem Antlitz und so mitleidsvolle Theilnahme in seinem Blick. Sie fühlte sich so verrathen und verlassen, so hilflos und bedrängt, daß ihr zu Muthe war, als könnte sie nicht länger leben, wenn es keine Menschenseele gab, der sie noch Vertrauen schenken konnte. Sie nahm die Hand, die sich ihr entgegenstreckte, und brach in krampfhaftes Weinen aus. „Ich will Sie ein wenig allein lassen und dann wieder kommen," sagte Volkmar im Tone zarter Schonung. „Nein, bitte, bleiben Sie da," schluchzte Anna; „Ihre Gegenwart beruhigt mich." Er blieb und ließ Anna ausweinen. „Was kann ich thun?" frug sie, nachdem sie ihre Thränen getrocknet hatte. „Was verlangen Sie von mir?" „Ich habe weiter keinen Wunsck," erwiderte Volkmar, „als daß Sie mir alle meine Fragen der strengen Wahrheit gemäß beantworten." „Ich will es," erklärte sie in betheuerndem Tone. „Fragen Siel" „Sie haben ein unverdorbenes Herz," begann der Giovanni palestrina. Anwalt von Neuem, „und da möchte ich denn zunächst wissen, wodurch Sie sich von jenem Manne bewegen lassen konnten, eine so bedenkliche Mission, wie die Entführung der kleinen Jenny, auf sich zu nehmen." „Alle Opfer, die ich diesem Manne brachte," antwortete Anna, „glaubte ich meinem künftigen Gatten zu bringen, denn er hat mir hoch und heilig die Ehe versprochen." „Er sei bereits verheirathet gewesen," fuhr Anna fort, „erzählte mir Herr von Harnisch, von seiner Frau aber, die ihm die Treue gebrochen, geschieden. Jenny sei Beider Kind, das an ihm mit der zärtlichsten Liebe hänge, durch die grausame Mutter ihm aber entrissen worden sei. Er wisse jedoch, wo sie dasselbe in London untergebracht habe und vor ihm verborgen halte. Wenn ich es übernehmen wollte, Jenny zu entführen, so würde ich ihre Seele retten, denn die Mutter würde das Mädchen zu einem lasterhaften Lebenswandel erziehen. So ließ ich mich also zu dem kühnen Unternehmen bewegen, denn ich glaubte ein gutes Werk zu thun. Der empfangenen Weisung folgend, brachte ich das Kind in Paris unter, was mir nicht schwer wurde, denn ich besitze dort von meinem früheren Pariser Aufenthalte her eine Bekannte, welche das Kind auf meine Bitte gern in Pflege nahm." „Und bei derselben befindet sich Jenny noch?" „Ja." „Haben Sie mit Ihrer Bekannten früher in Briefwechsel gestanden, so daß sie Ihre Handschrift kennt?" „Wir haben uns sehr häufig geschrieben," nickte Anna. „Würden Sie wohl ein paar Zeilen an Ihre Freundin niederschreiben, worin Sie dieselbe ersuchen, dem Ueberbringer des Briefes das Kind zu übergeben?" „Sehr gern," antwortete Anna, und zum Zeichen, daß sie auf der Stelle dazu bereit sei, begann sie ihre Handschuhe auszuziehen. Volkmar holte das nöthige Schreibmnterial herbei und Anna schrieb den Brief, den sie ihm dann nebst dem Couvert mit der genauen Adresse ihrer Freundin überreichte. Volkmar überlas beides und dankte. „Erfuhren Sie in London nicht von Frau Webster den Familiennamen Jenny's?" erkundigte er sich. „Nein; ich frug überhaupt nicht darnach, sondern nahm selbstverständlich an, daß sie Petersen heiße, wie ihr Vater, denn unter diesem Namen hat er sich bei mir eingeführt, während ich ihn heute „von Harnisch" nennen hörte." Volkmar hatte während des bisherigen Gespräches meist am Fenster gelehnt. Er ließ sich jetzt Anna gegenüber auf einem Fauteuil nieder und begann auf's Neue: „Die Vorgeschichte Ihrer Bekanntschaft mit ihm 4 - 88 - glaube ich bereits zu kennen, indem ich wohl annehmen darf, daß Ihre Frau Schwägerin sie damals ziemlich richtig erzählt hat: er kam, um ein Bouquet zu kaufen, und mährend Sie mit der Zusammenstellung desselben beschäftigt waren, wußte er sich Ihnen durch seine angenehmen Manieren liebenswürdig zu machen." Anna bejahte. „Auf welche Weise setzte er aber nun die mit Ihnen geknüpfte Bekanntschaft fort?" „Er erschien Tags darauf in der Abendandacht unserer Gemeinde, nahm neben mir Platz, da gerade ein solcher frei war, und bat um die Erlaubniß, mein Gesangbuch mitbenutzen zu dürfen, weil er keines hatte. Im Laufe des Abends gab er mir zu verstehen, daß er nur wegen mir gekommen sei und sich auch zur nächsten Andacht wieder ein- finden werde." „Begleitete er Sie nicht auf dem Nachhausewege?" „Nein, denn Frau Rollenstein ging mit mir; auch war der sonst nur wenig begangene Weg gerade sehr belebt, da eine in der Nähe ausgebrochene Feuersbrunst viele Menschen herbeigelockt hatte. Wie er versprochen, stellte er sich in der nüchstenAbend- Andacht wieder ein. Diesmal war neben mir kein Platz frei, doch konnten wir einander im Auge behalten, beim Hinausgehen hielt er sich in meiner Nähe; draußen war er mir plötzlich entschwunden. Der Abend war sehr dunkel; ih glaubte, er sei voraus und war ungeduldig, vorwärts zu kommen. Aber gerade heute ging Frau Rollenstein noch langsamer als sonst. Da holte uns Schön- aich ein, und während er mit Frau Nollenstein sprach, eilte ich voraus, in der Hoffnung, Petersen zu treffen. Ich fand ihn jedoch nicht und ging, von Zeit zu Zeit vergeblich auf Frau Rollcnstcin wartend, langsam nach Hause. In der Zwischenzeit geschah das Schreckliche. Frau Nollenstein wurde von Schönaich ermordet und ich werde mir Zeit meines Lebens zum Vorwurf machen, daß ich einer Liebeständelei wegen die alte Frau im Stiche ließ und sie in Folge Hand des Mörders überlieferte „Im Gegentheil! wünschen Sie sich Glück dazu- denn wenn Sie bei Frau Nollenstein geblieben wären, so wären Sie unfehlbar als erstes Opfer des Mörders gefallen," erklärte Volkmar, welcher dem eben vernommenen Berichte mit der schärfsten Aufmerksamkeit gefolgt war. Anna erwiderte nichts. Sie war bei Volkmar's Worten, die ihr die eigene Gefahr, an welche sie nie gedacht, so plötzlich vor Augen führten, zusammengebebt und bleich geworden. Uerstotzen. Nach dein.' Gemäli dessen gewissermaßen der Eine große, fast feierliche Pause trat ein, die Anna nicht zu unterbrechen wagte, denn sie sah den Rechtsgelehrten in tiefes Sinnen verloren, worüber er ihre Gegenwart gänzlich vergessen zu haben schien. Endlich frug er: „Wann und wo trafen Sie nachher mit Petersen wieder zusammen?" 89 „Etwa vier Tage später. Es war eine rein zufällige Begegnung. Ich befand mich auf dem Wege zur städtischen Sparkasse, wo ich Geld stehen hatte und Zinsen in Empfang nehmen wollte. Da trafen wir auf der Straße zusammen. Er begleitete mich zur Sparbank, wartete unten auf mich und lud mich dann zu einem !»! )emc Gemälde von Dieff.enbacher. Spaziergange ein. Auf diesem Wege erklärte er mir seine Liebe und wir besprachen uns über die Orte, wo wir uns treffen wollten, verabredeten für unvorhergesehene oder dringende Fälle auch die Chiffre einer Korrespondenz im Generalanzeiger." „Gab er Ihnen keine Adresse an," frug Volkmar, „unter welcher Sie ihm hätten auch schreiben können?" — „Nein," antwortete Anna mit einem bitteren Lächeln. „O, mein Gottl ich vertraute ihm blindlings! Er hatte mir ja feierlich versprochen, mich binnen Kurzem zu heirathen. Mein Vertrauen ging noch weiter. Er befand sich in Geldverlegenheit, da er sein in Amerika angelegtes Kapital augenblicklich nicht flüssig machen könne. Ich besaß ein kleines Vermögen; theils stammte es aus einer Erbschaft von meiner verstorbenen Großtante, theils waren es die zurückgelegten Ersparnisse aus meiner früherenConditionszeit im Auslande. Das habe ich ihm nach und nach fast gänzlich geopfert und auch die Reise nach London und Paris habe ich davon bestricken." „Aha!" machteVolkmar. „Die Sparbank also war das Motiv zur Fortsetzung dieses Verhältnisses gewesen." Zugleich aber mußte er staunen, welche Macht ein Mann, dem ein bestechendes Aeußere, gewandte, einnehmende Manieren und ein hoher Grad von Keckheit zur Seite stehen, über ein weibliches Herz zu gewinnen vermag, und wie dieses verstandesrcife Mädchen, welches bei Jenny's Entführung doch so große Klugheit bewiesen hatte, von der Liebe so vollständig mit Blindheit geschlagen werden konnte, daß sie einem Schurken, der ihr nicht einmal sagte, wo er wohnte, so unbegrenztes Vertrauen schenkte! „Sie werden an dem Bösewicht,derSieso schändlich hinter's Licht geführt hat, eine furcht- bareGenuglhuung erleben," sagte der Rechtsgelehrte, „das kann ich Ihnen mit großer Sicherheit prophezeien. Sie wissen gar nicht, von welcher schwerwiegenden Bedeutung die Mittheilungen sind, die Sie mir soeben gemacht haben. Lassen Sie mich indessen noch einmal auf Ihr erstes Bekanntwerden mit Petersen zurückkommen. Was sprach er mit Ihnen, als Sie ihm das Bouquet zurecht machten? Er lenkte das Gespräch auf Frau Rollenstein, die ja auch selbst im Garten erschien; nicht wahr?" ,Ja/ antwortete Anna unbefangen. (Fortsetzung folgt.) 9 « Der „Funkeusonntag" — auch Totensonntag. Von I. G. Fußenecker. --—- ^Nachdruck verboten.; „Das ist mir eine frembte Mär', Von wannen knmmt dieselbe' her?" (Alte Frankenchronik.) Zu den uralten, merkwürdigen festlichen Gebräuchen im Volksleben gehört auch der Funken- oderTodten- sonntag: „äis8 ckoeorura", er wird in manchen Ländern auch „Brandsonntag", „Brandfest" genannt („Oonaiinsa. brrrnckonuin"), in Frankreich „1s jour cls8 brLnäon8" u. s. w. Der Gebrauch dieses „Festes" besteht darin, daß am ersten Sonntag in der hl. Fastenzeit, an „Jnvocavit", oder am vierten Sonntag, „Lätare", vor den Dörfern, in Gebirgslündern auf den Bergen ein mächtiges Feuer angezündet wird, wozu man nicht selten eine ganze Klafter Holz verwendet, wie z. B. im oberen Algäu, in Vorarlberg, in der Schweiz u. s. w. Das An den Funkensonntag knüpft sich manch heiteres, aber auch sehr trauriges Geschichtchen und — nicht wenig Aberglauben. Letzteres ist jedoch heutzutage weniger der Fall. Man hat die religiöse Bedeutung dieser festlichen Volkssitte verloren und damit schwand auch der Aberglaube, wenn auch nicht gänzlich und überall. „Von wannen kommt nun die fremde Mär" und was ist ihr Begehr — ihre alte Bedeutung? Die Antwort ist nicht so leicht; die Schriften und Werke, die dergleichen Fragen beantworten, haben mein altes Wissen um kein Jota bereichert. So muß ich mich denn an meine alte Mappe halten, da finde ich Einschlägiges — einst slavischen Chroniken entnommen; daraus ergibt sich Folgendes. Die alten heidnischen Slaven begannen das Jahr um jene Zeit, in welcher bei der späteren christlichen Zeitrechnung der Sonntag Lätare eintrat, also Anfang März. Nun aber begannen diese Heiden ihr Neujahr nicht . 7^7 ^1-. X D a^s Grab Feuer wird Abends nach dem Gebetläuten angezündet. In früheren Zeiten wurde bei diesem Feuer gebetet für die „armen Seelen". Charakteristisch sind: die brennenden Funkenringe und die eßbaren Funkenringe dieses „Brandfcstes". Es handelt sich nämlich darum, nicht nur hohe Flammen zu gewinnen, sondern besonders ein möglichst starkes Funken sprühen. Das Letztere wird nun einestheils dadurch erzielt, daß man die brennenden Fackeln heftig schwingt, anderntheils dadurch, daß man einen brennenden Holzreif, den „Funkenring", im Kreis herum schleudert. An manchen Orten ist damit noch ein Mittel verbunden, nämlich das Funkenschlagen; man schlägt nämlich gewaltig in's Feuer, in den brennenden Holzstoß hinein und peitscht so die Funken heraus. Der eßbare Funkenring, das ist eine Art großer mürber Brezeln, welche am Funkenfeste die Mädchen ihrem Bräutigam oder „lieben Bekannten" spendiren müssen. In den Familien gibt es „Funken kücheln" oder „Funkenkrapfen", wie es in der Nheinpfalz heißt, wo der Funkensonntag auch noch heimisch ist. Ma riens. etwa nur „mit Saus und Schmaus und eitel Lustbarkeit", sondern mit einem Act frommer, tiefernster Pietät, nämlich mit einer Todtenfeier; sie weihten den ersten Tag des Jahres der Erinnerung an ihre Verstorbenen. An diesem Tage zog die Gemeinde in Prozession unter Voraustragung einer Statue, welche ihren „Gott des Todes", Llororva, benannt (der Name erinnert an das lntein. inor8 — Tod), darstellte, singend und betend und mit brennenden „blumengeschmückten" Fackeln (wie heute noch im nördlichen und östlichen Frankreich am „Brandsonntag") hinaus vor die Ortschaft, zur Stätte, wo die Leichen ihrer Verstorbenen verbrannt wurden — und ein großes Feuer aufloderte. Das Feuer war den alten Heidenvölkern ein mystischer und heiliger Gegenstand. Und schon bei dem ersten Menschengeschlecht gab es ein „Brandopfer" (Kain und Abel). Und Gott (ckM — Jehova) erschien dem Moses im brennenden Dornbusch. Auch diese Heiden trachteten, recht hohe Flammen und ein reiches Funkensprühen zu erzielen. Hier wurde ebenfalls gesungen, gebetet und dann geopfert. 91 Konnten die auflodernden Flammen nicht die Flamme der Liebe symbolisiren, welche die Lebenden ihren Todten entgegenbrachten; nicht das mächtige, goldene Erstrahlen des Feuers das glückselige Befinden der verstorbenen „Reinen" (Seligen) andeuten?! Und das Funkensprühen, das gleichsam gewaltsam hervorbricht, nicht den Trauerschmerz sym- bolisiren, der sich aus der Seele Tiefe emporringt, Stoßseufzern gleich, und Bittgebete mit Opfergaben darbringt?! Es wurden Früchte und Getränke geopfert. Dieses Todtenfest der Heiden hatte unzweifelhaft einen doppelten Charakter: es galt nämlich sowohl denjenigen Verstorbenen, welche als „Reine" — Selige — an einem Wonneort (Paradies, Himmel) sich befinden, als denjenigen, welche als Büßende noch an einem „Reinigungsorte" — Purgatorium, Fegfeuer — weilten. So war dieses Todtenfest gleichsam eine Vereinigung jener Feste, — wenn der Vergleich gestattet ist, die wir an „Allerheiligen" und „Allerseelen" feiern. Es ist mehr als nur merkwürdig, daß die uralten „Ein; Richter, der da Alles steht und aufschreibt, Der hält Gericht im tiefen Echoe) der Erde." „Der Sünder („Böse?") büßt, der Uebelthäter leidet, So lange als besteht ein Gott, der richtet." Unter dem Büßen des noch mit Sünden — mit „Bösem" Behafteten ist wohl der Reinigungsort zu verstehen und unter dem Leiden des Uebelthäters das „immerwährende" — ewige Leiden im Tartarus — gleich der Hölle. Bei unsern heidnischen Vorfahren, den Germanen, die aus dem alten Parsenlande oder aus Indien (Hindureich) stammten, hieß der Todtenrichter, Sprecher in Todtenheim — „Nonäon" — liiunä. Von ihm heißt es in der Edda — der „Bibel" der heidnischen Germanen: Er sei der Gin-König (Gin-Geister), Todtenfürst, welcher die „Erlösungszahl" des Ausgangs berechnet, und daß "Ifiunä einst kommen („wiederkommen!") werde — von dannen — wo er aufschreibt — im Weltalter- schluß („I gchänr röfi") u. s. w. Die alten Heidenvölker glaubten auch an ein „Glüh- 4 ^ Ms?-- Thal Josaphat. Völker schon an ein Jenseits — und an Belohnung und Bestrafung und Reinigung in einer andern Welt glaubten. So wissen wir z. B., um nur an Eines zu erinnern, aus den religiösen Schriften der Aegypter (als den ältesten — uns bekannten Schriften aller Völker), daß diese Heiden an ein Todtenreich mit einem Todtenrichter Rad am ent — glaubten. „Nadament sieht Alles und schreibt alle guten und bösen Thaten der Sterblichen auf", heißt es. Aus diesem Radament wurde bei den Hellenen — oder Griechen — der Todtenrichter Amenthes. Als die Griechen mit den Aegyptiern in enge Verbindung kamen, nahmen sie auch ihre religiösen Anschauungen auf. Sie gestalteten sie allerdings nach ihrer eigenthümlichen — individuellen Weise; dennoch aber erscheint im Griechischen Manches aus der ägyptischen Glaubenslehre fast wortwörtlich. So heißt es z. B. in Bezug auf den Todtenrichter bei dem griechischen, dramatischen Dichter Aischylos (Aeschylos): Wasser", an einen Feuer strom, der Phlegaton, Acheron und Marstrom benannt; durch diesen Feuerstrom, der auch einen Feuerwasserfall hat, müssen die Seelen der Verstorbenen, als durch ihr Purgatorium — Fegfeuer. Unwillkürlich wird man da erinnert an die Stelle im ersten Briefe des Apostels Paulus an die Corinther — Kp. III, 13: „Jedermanns Werk wird offenbar werden, denn der Tag des Herrn wird es zeigen, weil es im Feuer enthüllt wird; und Jedermanns Werk, wie es sei, wird das Feuer erproben." Das sind keine „Märchen" oder „Erdichtungen", wie die „Weisen der Aufklärung" und oberflächliche Mythologen spöttisch glauben machen wollen. Aus der Mythologie — der heidnischen Religionslehre, so märchenhaft und mißgestaltet sie auch immerhin sein mag, blitzen immer noch die, wenn auch gebrochenen, Strahlen — unverwüstliche Wahrheiten einer einstmal bestandenen, allgemeinen Urreligion hervor. Klar ausgeprägt und auf wirklich erstaunliche Weise an die christliche Lehre erinnernd ist der Glaube an Jenseits, an Himmel (Elyfium) Neinigungsort und Hölle (Tartarus) in den Schriften Platon' s. Davon — nur Weniges. „Das, was einem jeden Menschen schon auf Erden für das vollbrachte Gute oder Böse zutheil wurde, ist an Größe und Zahl nichts im Vergleich mit dem, was jeden von beiden nach dem Tode erwartet. (!)" Bezüglich des Neinigungsortes heißt es: „Die Strafe der Genugthuung im Neinigungsorte besteht hauptsächlich darin, daß der Einzelne für das Unrecht, das er jemals verübt hat, — und gegen wie Viele er es übte, der Reihe nach Buße thut — und zwar zehnmal (!) für jedes einzelne Unrecht." So — Platon*). Ich bemerke zur Zehnzahl, daß dieselbe nach den ältesten Neligionslehren schon zur Zeit Abrahams zu den mystischen Todtenzahlcn gehörte und Zehn die Lösung (Buße) der Schuld bedeutete. Aus dieser Zehnt stammt auch unser deutscher Zehent — Lösc- pflicht (die seit 1848 „abgelöst"). So befremdet es uns also nicht, wenn auch die heidnischen Slaven einen ähnlichen religiösen Glauben und demgemäß ihr Todtenfest hatten. Die Slaven werden allerdings, als sie Christen geworden, ihren alten Tag noch beibehalten haben, und so fiel ihr Todtenfest aus den Sonntag Lätare. Wir Christen haben es am Allerseelentag, und der Funkensonntag kann bei uns nimmer die Bedeutung eines Todtenfestes haben. — Eigenthümlich ist es, daß an einzelnen Orten nur — und namentlich bei den Calvinern in der Schweiz — das Funkenfest an Lätare stattfindet, während es an den meisten andern Orten am Sonntage Invocavit abgehalten wird. Als ein Gedächtnißtag für die Verstorbenen, bezw. für die armen Seelen, eignete sich nach unserer Meinung die kirchliche Lection — Psalm 91—15 — besser, wo der Psalmist den „Herrn" sagen läßt: „Er ruft zu mir und ich erhöre ihn, ich steh' ihm bei in der Trübsal rc." Zum Schluß will ich noch bemerken, daß über den Funkensonntag auch die Meinung existirt: mit dem Feuer und Funkenschlagen habe man den „Blitz des Donar" (des germanischen Heidengottes Thor) symbolisiren wollen, welcher „den Winter besiegt." Das kann allerdings bei einzelnen Stämmen, namentlich in nördlichen Ländern, der Fall gewesen sein. Indeß scheint mir diese Meinung nur von denjenigen vertreten zu sein, welche — ganz irriger Weise — in der ganzen Mythologie und den alten Religionen nichts Weiteres als nur eine „Naturvergötterung" gelten lassen wollen — und die Spreu von dem Weizen nicht zu scheiden vermögen. Bevor man zu einer Naturvergötterung gelangen konnte, mußte man doch einen Begriff von Gott, von einem übersinnlichen allmächtigen Wesen haben, dessen Macht und Kraft die Natur mit ihren verschiedenen Kräften erzeugt — geschaffen. Beharren wir also bei unserer Anschauung, so wie in religiöser Beziehung überhaupt, so im Besondern in Hinsicht auf den Funken- — oder Todtensonntag. *) Denjenigen, die Näheres hierüber erfahren möchten, empfehle ich das nur 15 Blätter umfassende, aber für die Sache vortreffliche und in seiner Art einzig dastehende Schriftchen: „Was sagt Platon vom Jenseits". Des Philosophen Lehre von den „Letzten Dingen." Aus Citaten Platonischer Schriften in deutscher Uebersetzung zusammengestellt von Dr. Joseph Murr. Innsbruck 1891, im Verlag der Veretns- buchhandlung. D. V. -- Zu unseren Bildern. palestrina. Am 2. Februar l. Js. waren es 300 Jahre, daß der große Meister der Kirchenmusik, Palestrina, zu Grabe getragen wurde. Des Künstlers wirklicher Name heißt Giovanni Pierluigi. In Palestrina, dem crten Präneste, vier Stunden von Rom, war seine Wiege gestanden. Um 1524 hat er dort das Licht der Welt erblickt. Früh zeigte sich die schöne Stimme und das musikalische Talent des Knaben, was seine armen Eltern bestimmte, ihn für die Musik ausbilden zu lassen. So kam der junge Giovanni in die Sängerschule, die einst Papst Julius II. gestiftet hatte, und unter die Leitung des Claudius Goudimel. 1551 wurde Palestrina selbst Lehrer an der Kapelle Giulia, erst Sangmeister der Knaben, dann Kapellmeister zu St. Peter im Vatikan, um einige Jahre später aus eine Berufung Julius III. diese Stelle mit der eines Sängers der päpstlichen Kapelle zu vertauschen. Papst Paul IV. entließ, streng aus die Beschlüsse Conzils von Trient haltend, die verheiratheten Sänger. Dies traf auch Palestrina, der sich, als er Kapellmeister geworden war, vermählt hatte. Eine ergreifende Komposition für die Passionswoche „Jmproperia" lenkte aller Blicke auf den Tonmeister, dem indessen die Stelle eines Kapellmeisters ani Lateran zugefallen war. Nach den Beschlüssen des Conzils von Trient sollte eine vollständige Reform der Kirchenmusik durchgeführt werden. Palestrina bekam den Auftrag, in einer Probemesse eine neue, zur Andacht stimmende Musik nach den Absichten des Conzils zu setzen und er that es. Er schuf den neuen weihevollen Kirchenstil in seiner Llissa xaxas Naroolli, der dritten der drei Probemessen, die er einr-ichte. Pius IV., Paul's IV. Nachfolger, verglich, als er am Fronleichnamsfeste 1565 zum ersten Male das Werk hörte, die Klänge desselben mit den Tönen, die Johannes in der Offenbarung im himmlischen Jerusalem vernommen. Palestrina wurde nun Kapellmeister an S. Maria Maggiore, 1565 Tonsetzer der päpstlichen Kapelle, 1571 wieder „Kapellmeister an St. Peter im Vatikan." Als solcher componirte er noch Psalmen, dann die berühmten 29 Motetten aus dem Hohen Liede. Palestrina ist der Schöpfer des katholischen Kirchenstils in d>r Musik. In seinen 13 Bänden Messen hat er die heilige Tonkunst, wie sie im Dienste des Cultus der katholischen Kirche steht, festgelegt. Nerstosien. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu und wem sie just passieret, bricht' sie das Herz entzwei. Auch die Osterhofbauernnanni hat das nun an sich erfahren müssen. In mächtig aufloderndem Zorn jagt der alte, geldstolze Bauer sein einziges Kind von Haus und Hof, blos weil die Liebe desselben auf einen zwar treuen und braven, aber armen Burschen gefallen ist. Das begütigende Zureden der Mutter hilft nichts, der starre Eisenkopf des Bauers duldet keinen Widerspruch, und solange der Vater lebt, darf das Kind den Fuß nicht mehr auf den heimathlichen Boden setzen. Dilder aus Palästina. Grab Mariens. — Wenn man von Jerusalem aus den Garten Gethsemane und den Oelberg besucht und den steilen Pfad zur Thalsohle hinunter gestiegen ist, hat man den Weg nach der nahen Kirche mit dem Mariengrab, wohin der Legende zufolge die Apostel den Leichnam der Maria trugen und bestatteten, und wo die Gottesmutter bis zu ihrer Himmelfahrt ruhte. Von der Kirche ragt nur die Vorballe aus dem Boden. Eine große Marmortr.ppe führt innerhalb des Portals in die Tiefe. Am Fuße der 47 Treppenstufen ist die eigentliche Kirche. In dem längern Arm des Kirchenschiffs, das am Boden und an den Wänden meist noch den gewachsenen Fels zeigt, steht der Sarg Mariä, allein anstatt des Felsengrabs, welches früher hier zu sehen gewesen sein soll, ist das Grab nur ein hoher Sarkophag in einer kleinen viereckigen Kapelle, welche an diejenige in der Grabeskirche erinnert. ThalJosaPhat. — Das Thal Kidron oder Josaphat beginnt nördlich von Jerusalem, verläuft etwa eine starke halbe Wegstunde gegen Osten, biegt dann scharf gegen Süden ab und fließt am Fuße des Morta zwischen diesem und dem Oelberge hin. Die Abhänge des Thales sind heutzutage mit Schutt bedeckt, allein noch immer stell genug, um das Ersteigen zu erschweren.