HL15. 1894. „Augsburgrr Postzeitung". Dienstag, den 20. Februar Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Lerlag des Literarischen Instituts vou Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Map Huttler). Auf verwegener Wahn. Kriminalnovelle von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Volkmar trat an sein Schreibpult: „Herr Jmhoff", sagte er mit scharfer Betonung dieses Namens — Siglinde, der die Situation noch immer nicht klar war, blickte entsetzt um sich, als glaubte sie, der eben Genannte sei, unbemerkt von ihr, eingetreten. Als sie aber das Auge des Advokaten fest und unverwandt auf Herrn von Harnisch gerichtet sah, als sie erkannte, daß nur ihm und keinem Andern die Anrede gelten könne, stieß sie einen Schrei aus und flüchtete sich, wie vor einem Gespenst, an Volkmar's Seite. „Herr Jmhoff," nahm dieser die unterbrochene Rede wieder auf: „Ihr Spiel ist ausl Das letzte Stichwort Ihrer vortrefflich gespielten Rolle hat Ihr eigenes Kind gesprochen, und wie dies manchem anderen Schauspieler vor dem Falle des Vorhanges passirt, müssen Sie die Schlußszene den Statisten überlassen." Er drückte an den auf seinem Pulte angebrachten Knopf eines elektrischen Glockenzuges und aus dem anderen Bureau antwortete sofort der schrille Ton der Klingel. Jmhoff war, einem Marmorbilde gleich, starr und regungslos auf derselben Stelle stehen geblieben. Jetzt sah er sich mit den Blicken einer wilden Bestie nach einem Gegenstände um, womit er den Advokaten, der ihn so schlau umgarnt hatte, zerschmettern konnte. Einen Stuhl ergreifend und denselben hoch in den Händen schwingend, stürzte er auf Volkmar zu. Mit blitzartiger Entschlossenheit sprang Siglinde dazwischen und stellte sich vor den Advokaten, ihn mit ihrem Körper schützend. In demselben Augenblicke sah aber auch Jmhoff in Volkmar's über Siglindens Kopf erhobener Hand einen Revolver blitzen, und wie gelähmt von dem Anblick der Waffe, deren sechsfache Mündung gegen seine Stirn gerichtet war, ließ er den Stuhl zu Boden fallen. Zugleich waren die beiden Männer eingetreten, die Siglinde schon bei ihrer Ankunft hatte im Vorzimmer sitzen sehen. Es waren zwei geheime Criminalpolizisten, und während sie über den entlarvten Verbrecher herfielen, um ihn zu fesseln, drängte Volkmar Siglinde sanft hinaus und geleitete sie in seine Wohnräume. Als er unmittelbar darauf in sein Sprechzimmer zurückkehrte, war dasselbe leer. Auf der Straße draußen ließ sich ein scharfer Pfiff Vernehmen, welcher eine bereits in der Nähe haltende Droschke herbeirief. Volkmar hörte, wie seine Schreiber im vorderen Bureau die Fenster aufrissen, um den Gefangenen von seinen beiden handfesten Begleitern in den Wagen drängen zu sehen, wie der letztere dann davon rollte, wie die Fenster sich wieder schlössen und wie die Schreiber den Vorgang murmelnd unter sich besprachen. Nach einer Weile trat Siglindens Gestalt hinter der Portiere hervor. Sie sah noch bleich und verstört aus von der aufregenden Szene, die sie erlebt hatte, und während sie nür durch ein stummes Kopfschütteln auszudrücken vermochte, wie unbegreiflich ihr Alles erschien, verweilte ihr großes, erstauntes Auge fragend auf Volkmar's Antlitz wie auf einer räthselhaften Sphinx. Der Anwalt führte sie nach einem Sessel, und nachdem er ihr gegenüber selbst Platz genommen, begann er: „Fräulein Siglinde, ich habe Ihnen viel verschwiegen, um die Unruhe Ihres Gemüthes, das zwischen Furcht und Hoffnung schwebte, nicht noch zu vermehren. Sie mußten den Eindruck gewinnen, als ob ich mich in der Angelegenheit Ihres Vaters unthätig verhalte und den Schwerpunkt meiner Aufgabe in meine rhetorischen Künste vor dem Schwurgerichtshofe zu verlegen gedenke. Aber vom ersten Tage an, wo ich die Sache Ihres Vaters zur meinigen machte, griff ich handelnd ein, und von diesem Tage an hatte ich auch schon Geheimnisse vor Ihnen. Mit diesen soll es nun zwischen uns zu Ende sein, und Alles, was ich weiß, dürfen auch Sie setzt erfahren." Volkmar erzählte nun seiner lautlos lauschenden Zuhörerin, wie er seine Forschungen in der Nitter'schen Gärtnerei begonnen, wie sein Verdacht sich gleich auf den Käufer der Blumenbouquets gelenkt, wie er in demselben nach Harnisch's überraschenden Aufschlüssen Jmhoff vermuthet habe, aber im weiteren Verlaufe seiner Ermittelungen zu dem unerwarteten Resultat gelangt sei, daß Anna's verdächtiger Courmacher Harnisch selbst war. Dann gestand er, wie die Siglinden so peinliche Verhandlung über den Ehevertrag nur ein Experiment gewesen sei, um Anna Ritter der Unterhandlung als unsichlbare Ohrenzeugin beiwohnen zu lassen und so ihr Verhältniß zu Harnisch aufzuklären. Volkmar berichtete, wie vollständig ihm Alles gelungen war, wie Anna sich nicht nur zu der Entführung Jenny's bekannt habe, sondern durch die ihr vorgelegten 102 Fragen Volkmar's bis zu jenen Enthüllungen fortgeschritten war, die es außer Zweifel stellten, daß alle bei der Ermordung Frau Rollenstein's in Betracht kommenden Umstände einen mindestens gleich schweren Verdacht gegen Harnisch begründeten, wie gegen Siglindens Vater. „Nur der nicht umzustoßende Alibibeweis, daß Harnisch zur Zeit der That in einem Kölner Hotel als Nachtgast geweilt hatte," fuhr Volkmar fort, „war ein Stein des Anstoßes. Da aber Anna Ritter ihn an demselben Abende in der Methodistenversammlung gesehen hatte, so konnte der Kölner Hotelgast natürlich Harnisch gar nicht gewesen sein. Wie er Ihnen selbst erzählte, hatte er sich nach seinem kalten Bade im Oanal Llanests ein Fieber zugezogen und sich in Calais in einem Hospitale einige Tage verpflegen lassen. Dort mußte ich Zuverlässiges über ihn erfahren können — und dorthin ging meine Reise, mit welcher ich zugleich den Zweck verknüpfte, bei meiner Rückkehr über Paris Jenny abzuholen. Es wurde mir in Calais nicht schwer, das Hospital zu ermitteln, wo am 12. August, dem Tage der Dampfer-Katastrophe, einer der Passagiere, welche durch die „Sirene" gerettet und nach Calais gebracht worden waren, Aufnahme gefunden hatte. Wirklich hatte dort Herr v. Harnisch acht Tage lang krank gelegen, aber nicht an einem Fieber. . . . Der Arzt, der ihn behandelte, und die Krankenwärterin, die ihn gepflegt hatte, erinnerten sich ihres Patienten noch sehr genau. Als er vom sinkenden Dampfer in's Boot sprang, war er mit der Schulter gegen den Rand desselben geschlagen und hatte sich am rechten Schulterblatt verletzt. Vielleicht wird es Ihnen noch im Gedächtniß sein, Fräulein Siglinde, daß der Leichnam jenes Unbekannten, den man im Kastanienwäldchen erwürgt fand, auf dem oberen Theile des rechten Schulterblattes eine erst kürzlich geheilte Wunde auswies, welche von einem hölzernen kantigen Instrumente herzurühren schien. Die Gerichtsärzte nahmen an, der Ermordete müsse kurz zuvor einen schweren Fall auf der Treppe gethan und sich beim Aufschlagen auf die Kante einer Stufe die Wunde am Schulterblatt zugezogen haben. Setzen wir nun statt eines Sturzes auf der Treppe jenen ungeschickten Sprung vom Schiffe, und statt der Stufenkante den Bord oder Rand des Bootes, so haben wir die allein richtige Erklärung für jene Wunde des Ermordeten, und das geheimnißvolle Dunkel, welches seine Persönlichkeit bis jetzt umgeben hat, lichtet sich mit einem Male! Dieser Mann war Herr von Harnisch — der wirkliche Herr v. Harnisch, und Derjenige, welchem wir diesen Namen bisher fälschlich beigelegt haben, heißt Jmhoff." „Großer Gott! Ermordet!" entfuhr es den Lippen der entsetzten Zuhörerin. „O, der Unglückliche, der Arme!" „Herr von Harnisch ist am 20. August aus dem Spital entlassen worden und wahrscheinlich über Köln, den geradesten Weg, hierher gereist. Es wird also seine Nichtigkeit haben, daß er in dem Kölner Hotel übernachtet hat, und eben so wahrscheinlich ist es, daß es, nach seiner Ankunft hier, einer seiner ersten Wege war, sich Ihnen und Ihrem Vater vorzustellen. Er traf Sie beide nicht mehr an — er und kein Anderer war der Fremde, mit dem Martha gesprochen hat. Er kam nicht wieder und konnte nicht wieder kommen, weil er am Abend desselben Tages erdrosselt wurde, und wer konnte der Mörder sein? Doch nur Derjenige, welcher' seinen Namen annahm und sich unter diesem bei Ihnen einführte. Und warum that er das? Offenbar besaß er Kenntniß von der Angelegenheit, die Herrn v. Harnisch nach Europa geführt hatte, denn es ist durchaus nichts Unwahrscheinliches, daß zwischen Beiden während der gemeinschaftlichen Seereise ein engerer Anschluß, ein vertraulicher Verkehr entstanden war. Wenn ich auch Jmhoff kaum zutraue, daß er sich über den Reisezweck seiner Frau ausgesprochen hat, so war Harnisch vielleicht um so weniger verschlossen. Im gelegentlichen Gespräch konnte er leicht den Namen unserer Stadt und den Namen Rollenstein haben fallen lassen. Das war genug, um Jmhoff's Interesse und Neugierde wachzurufen und seine ganze Kunst im Ausforschen Anderer in Bewegung zu setzen. So lernte er Harnisch's Beziehungen zu Frau Rollenstein kennen, so erfuhr er, daß die Schwester Erika's Anwartschaft auf das Erbe der Schwererkrankten besaß, wenn sie einwilligte, Harnisch's Gattin zu werden. Als er nun Ihre Tante ermordet hatte, ohne die gehofften Schätze gefunden zu haben, gerieth er auf den kühnen, aber ziemlich naheliegenden Gedanken, in der Rolle Harnisch's als Ihr Bewerber aufzutreten, und deshalb mußte dieser als Opfer fallen. Daß aber der Mann, auf welchen sich der ganze, schwerwiegende Verdacht des an Frau Rollenstein verübten Mordes wälzte, gerade Ihr Vater war, gestaltete sich für den Pseudo- Harnisch zu einem unheilvollen Verhängniß, da er Sie entschlossen fand, die Erbschaft abzulehnen. Als Sie aber für die Freisprechung Ihres Vaters Ihre Hand als Preis aussetzten und damit zugleick die Million der Erblasserin, da beschloß er, va, stangua zu spielen, um die Entlastung Ihres Vaters herbeizuführen, und denunzierte sich selbst als den Mörder." „O, dann ist ja Alles Lug und Trug!" rief Siglinde plötzlich von einem Gedanken erfaßt, „und man darf keinem seiner Worte glauben. Dann ist vielleicht auch meine Schwester Erika gar nicht ertrunken und weilt noch unter den Lebenden!" „Diese Hoffnung kann ich leider nicht theilen," erwiderte Volkmar ernst. „Gerade in diesem Punkte hat er ganz gewiß die volle Wahrheit gesagt. In seiner Selbstanklage, in der Angabe seines richtigen Namens Jmhoff, in der Klarlegung aller Verhältnisse, in denen seine und Ihrer Schwester Vergangenheit wurzelt, in 1 der Motivierung der Mordthat durch den Tod seiner Frau, — der ihm die letzte Aussicht aus Besserung seiner, jetzt nur um so verzweifelter gewordenen Lage raubte, — darin und in noch manchen anderen Umständen, die er als begünstigende Momente seiner That anführte, liegt eben die ganze Kühnheit seiner Berechnung, durch die Wahrheit Ihren Vater zu entlasten. Er durfte das schon wagen. War er doch als Jmhoff aus der Welt verschwunden und in das schützende Jncognito des Herrn von Harnisch geschlüpft! Mit großer Geistesgegenwart wußte er dessen verfehlten Besuch bei Ihnen zu benutzen, um diesen, mit dem er eine oberflächliche äußere Aehn- lichkeit besaß, als Jmhoff erscheinen zu lassen und dadurch die handgreifliche Individualität des Mörders auf die Bildfläche zu bringen. Mit dem Briefe an den Staatsanwalt wollte er dem Gange des Prozesses einen Drücker geben, wollte er einen materiellen Untergrund für die Zeugenaussagen gewinnen, die er bei der Gerichtsverhandlung in der Rolle Harnisch's vorbringen mußte, und mir eine wirksame Vertheidigungswaffe zu Gunsten Ihres Vaters in die Hand spielen. Dank dem 108 > Ergebnisse meiner Nachforschungen in Calais und den wuchtigen Argumenten, die sich daran gliedern, gelang es mir, Jmhoff's Verhaftung zu erwirken. Vorläufig steht er unter der Anklage, Herrn v. Harnisch ermordet zu haben, aber auch den Mord an Ihrer Tante wird er nicht abschütteln können. Kein Schwurgericht kann und wird Ihren Vater als Thäter verurtheilen, wenn es die Wahl hat zwischen einem in Ehren grau gewordenen, wenn auch in seinen kaufmännischen Unternehmungen zuletzt vom Glück verlassenen Manne — und einem Andern, der sich einen falschen Namenbeigelegt und den wirklichen Träger desselben meuchlings ermordet hat. Hoffen Sie nicht, Fräulein Siglinde, daß Ihre arme Schwester von den Todten auferstehen werde, aber hoffen Sie darauf, daß Ihr Vater, vollkommen gereinigt von der ihm aufgebürdeten Schuld, Ihnen wiedergegeben wird. Wenn ich Ihnen das sage, so dürfen Sie es ruhig glauben!" Er legte die Hand auf sein Herz, und das offene zuversichtliche Lächeln, womit erSiglinde anblickte, erfüllte diese mit einem beseligenden Muthe. „Und das Glück, meinen greisenVater wieder in meine Arme schließen zu dürfen, verdanke ich Ihnen," sagte sie mit den Thränen eines überwältigenden Dankbarkeitsgefühls in den schönen blauen Augen, „verdanke ich Ihrem geheimnißvollen Walten, Ihrem rastlosen Forschen und Wirken, Ihrer aufopfernden Regsamkeit. O, welcher Lohu wäre groß genug, um Ihnen das Alles zu vergelten?" „Siglinde!" rief Volkmar, rasch auf sie zutretend, „bei diesem Rechtsfalle hat auch mein Herz mitgearbeitet und an dieses trete ich meinen Anspruch auf den Lohn ab. Seien Sie selbst der Preis, der mein bescheidenes Werk über sein Verdienst hinaus krönt I Lassen Sie es, wenn Ihr Vater als freier Mann wieder zu Ihnen zurückkehrt, seine erste Handlung sein, daß er dem längst geschlossenen Bunde unserer Herzen seinen Segen gibt!" Zwischen Himmel und Erde. Eine sanfte Nöthe — für Volkmar das Morgenroth süßer Gewährung — bedeckte Siglindens Antlitz, über welches noch die schimmernden Thränen rannen, und ohne ein Wort zu sagen, sank sie an seine Brust. Wieder fühlte er nun die schmiegsame Gestalt in seinen Armen, wie damals, als er sie durch Nacht und Nebel getragen hatte, — aber jetzt gehörte sie sein, er durfte sie liebend au sein stürmisch klopfendes Herz pressen und seinen Mund auf ihre Lippen drücken. * * * Die Schwurgerichtssession begann mit zwei sensationellen Kriminalfül- en, wie sie selbst in dieser großen Stadt lange nicht erlebt worden waren. Der innere Zusammenhang, in welchem beide zu einander standen, erhöhte noch das allgemeine Interesse. Der Leser erräth leicht, daß es sich um die Mord- prozesse Schönaich und Jmhoff handelt. Obgleich die Anklage gegen den Letzteren jüngeren Datums war, so gelangte sie doch zuerst zur Verhandlung, weil das Verbrechen, dessen Jmhoff angeklagt war — die Ermordung Harnisch's — die Voraussetzung für die wichtigsten Gesichtspunkte bildete, unter welchen dieMordaffaireNol- lenstein - Schönaich beurtheilt werden mußte. Nach Jmhoff's Verhaftung war das von ihm bewohnte Hotelzimmer sofort einer gerichtlichen Untersuchung unterzogen worden. Man hatte einen ledernen Handkoffer mit einer in denDeckel eingelassenenMessingplatte gefunden, auf welcher ein Ritterharnisch eingravirt war. In dem Koffer befanden sich eine Anzahl Schriftstücke, die sämmtlich Harnisch's Eigenthum gewesen waren, auf seinen Namen lautende Legitimationspapiere und verschiedene, seine New-Iorker Adresse tragende Briefe. (Schluß folgt.) 104 Das Tagebuch der Prinzessin Therese im Temsile. Skizze von E. Vely. Ein neues Buch. Es trägt auf dem Titelblatt das bourbonische Wappen, die Krone und den Königsmantel mit den goldenen Linien im blauen Felde — und es hat das Wort Dantes als Motto: „Du siehst, ich bin eine, die weint", an der Spitze. Was es enthält, sind die authentischen Aufzeichnungen der Tochter Ludwigs XVI. und Marie Antoinettens über die Gefangenschaft der Ihrigen im Tcmple „seit dem 10. August 1792 bis zum Tode ihres Bruders am 9. Juni 1795." Aus dem Nachlaß des Grafen von Chambord zu Frohsdorf ist dieses werthvolle Manuscript in den Besitz der Herzogin von Madrid, seiner Nichte, gekommen, die es der Oeffentlichkeit übergab. (Paris, Librairie Jelon.) DasOriginalmanuscript umfaßt 35 Seiten groben Papiers, der Umschlag besteht aus einem gleichen Blatt und trägt die Bezeichnung: „Näinoirs äorit par Naris-1tisr68s- Oüai'Ioitö äs Brunos 8Ur lg, ouptivits äs8 prine68 6b prin068368 868 PU1'6nt8." In der Orthographie jener Zeit und mit den Flüchiigkeitsfehlern, welche die junge Prinzessin gemacht, sind diese schlichten Aufzeichnungen wiedergegeben und bilden so eins der rührendsten und erschütterndsten Blätter der Geschichte jener Tage und der unglückseligen Menschen, welche für die Sünden einer Reihe von Vorgängern büßen mußten. „In den unregelmäßigen Zügen der Schrift glaubt man noch das Zittern der kalten, kleinen Hand und das beschleunigte Klopfen des Herzens zu sehen," sagt der Herausgeber. Die Enkelin Maria Theresia's war beinahe fünfzehn Jahre alt, als sie ihre Eltern aus dem Glanz der Königsschlösser von Versailles und der Tuilerien in den Temple, das finstere Gefängniß, begleitete. Diese alte Burg der Tempelritter war 1222 erbaut, diente eine Zeit lang als Schatzhaus der Könige von Frankreich und war später in den Besitz der Johanniter übergegangen. Mit hohen, finstern Thürmen, feuchtkalten Mauern, engen Gelassen war der Temple an sich ein unbehaglicher Aufenthalt — und lange Jahre mußte das heranblühende Mädchen darin zubringen, oft ohne Feuer und Licht, mit nackten Füßen unter dem zu kurz gewordenen Kleide; das Lager bestand aus einer Holzpritsche mit grobem Strohsack, und die von Spinnen verdunkelten Fenster ließen kaum den Tagesschein herein. Eindringlicher aber als jede äußere Schilderung sprechen die Aufzeichnungen selber — kaum eine Klage taucht zwischen den Zeilen auf und nie eine Verwünschung. Sie berichtet nur Thatsachen, kindlich unbehilflich oft sogar, aber darum um so tiefer zu Herzen gehend. Die jugendliche Schreiberin beginnt: „Der König, mein Vater, kam mit seiner Familie am Montag den 13. August um 7 Uhr abends im Temple an." Dieser Familienkreis bestand aus der Königin, der Prinzessin, für die als Rufname Therese galt, dem Prinzen Louis Charles und der Schwester des Königs, Prinzessin Elisabeth. Der kleine Dauphin war ein zarter Knabe mit großen, sanften Augen. Ein Bild von la Röche aus seiner Zeit stellt ihn unter einem Baldachin auf der Schloßterrasse von Versailles, mit Ordensstern, Band und Schärpe geschmückt, dar; neben ihm auf einem Tabouret auf liliengeschmücktem Kissen liegt der Degen, zu seinen Füßen ein Globus, Fahne und Trommel. Die „Madame Noyale", Marie Therese Charlotte, zeigt große Aehnlichkeit mit einem Jugendbilde ihrer schönen Mutter, der österreichischen Kaiserstochter, die mandelförmig geschnittenen großen Augen, die gebogene Nase, den kleinen Mund, reiches, gelocktes Haar. In ihren Denkwürdigkeiten fährt sie fort: „Den folgenden Tag verbrachten wir alle zusammen. Mein Vater lehrte meinen Bruder Geographie, meine Mutter nahm Geschichte mit ihm durch und ließ ihn Verse lernen, meine Tante lehrte ihn rechnen. Mein Vater hatte glücklicherweise eine Bibliothek gefunden, die ihn beschäftigte, meine Mutter stickte. Die Gemeindebeamten waren sehr zudringlich und hatten wenig Respect vor meinem Vater; es war immer einer da, der ihn beobachtete." Eine kleine Anzahl von Getreuen, welche die Königsfamilie begleitet hatten, darunter die Prinzessin Lamballe und Herren und Damen des Hofstaats, wurden durch einen Erlaß der Gcmeindebehörde zum Verlassen des Temple gezwungen. Ludwig XVI. bewohnte zuerst ein oberes Thurmgemach, die Königin mit dem siebenjährigen Dauphin ein darunter gelegenes, die Schwester Ludwigs, Madame Elisabeth, und die kleine Prinzessin waren durch einen Nebenraum, in welchem sich ein Gemeindcbeamter und eine Schildwache b.fanden, von einander getrennt. Die erste Zeit im Temple war aber für die Gefangenen noch immer die beste, nach und nach wurde ihnen jede Freiheit des Verkehrs mit einander beschränkt, jedes Zerstreuungsmittel und der Genuß der frischen Luft verboten. Am erstauntesten ist die kleine Prinzessin, die in der erstickenden Luft der Etiquette aufgewachsen, über die Art, wie man mit ihnen umgeht: „Mein Vater wurde nicht mehr als König behandelt. Man hatte keinen Respect vor ihm; nannte ihn nicht mehr Tire oder Majestät, sondern Monsieur oder Louis. Die Beamten saßen immer in seinem Zimmer und hatten ihre Hüte auf. Sie nahmen meinem Vater seinen Degen und durchsuchten seine Taschen.... Der Garten war stets voller Arbeiter, die meinen Vater oft beschimpften; einer war darunter, der sich rühmte, meiner Mutter mit seinen Werkzeugen den Kopf abschlagen zu wollen Päthion sdamals Bürgermeister von Parisj ließ ihn verhaften." In der Nacht des 3. September hatte Marie Antoinette vor den sie erschreckenden Klängen des Generalmarsches nicht geschlafen, der Tag brachte noch größeres Entsetzen: „Um 3 Uhr hörten wir schreckliches Geschrei. Mein Vater ging vom Tisch und spielte Triktrak mit meiner Mutter. Der Polizist benahm sich gut und schloß Thür und Fenster und zog die Vorhänge vor. Dann kamen mehrere Gemeindebeamte und Officiere von der Garde; die letzteren wollten, daß sich mein Vater am Fenster zeige, die ersteren widersetzten sich. Mein Vater fragte, was vorginge, und ein junger Officier antwortete: „Na, Monsieur, weil sie es wissen wollen — man will Ihnen den Kopf der Frau von Lamballe zeigen." Meine Mutter erstarrte vor Schreck, die Gemeindebeamten schalten den Officier, aber mein Vater entschuldigte ihn mit seiner gewöhnlichen Güte, indem er sagte, es wäre sein Fehler und nicht der des Officiers, der ihm nur geantwortet hätte. Der Lärm dauerte bis 5 Uhr. Wir erfuhren später, daß das Volk die Thüren hatte erbrechen wollen und daß die Gemeindebeamten es daran verhinderten, indem sie eine dreifarbige Schärpe hinaushängten und 105 sechs von den Mördern erlaubten, den Kopf der Frau von Lamballe um den Thurm zu tragen; den Körper, den sie herumschleifen wollten, hatten sie an der Pforte liegen lassen müssen." Auch ein paar menschliche Züge verzeichnet die junge Gefangene: „Wir hatten zwei Polizisten, welche die Leiden meines Vaters zu lindern suchten, Mitgefühl zeigten und ihm Hoffnung machten. Ich glaube, sie sind todt. Es war auch eine Schildwache da, die des Abends mit meiner lauf der Gefangenen wird alsdann genau beschrieben: „Mein Vater stand um sieben Uhr auf, betete bis acht, hierauf kleidete er sich mit meinem Bruder bis um neun Uhr an, dann kamen sie zu meiner Mutter zum Frühstück. Nach dem Frühstück ging mein Vater mit meinem Bruder hinunter und gab ihm bis elf Uhr Stunden, dann spielte mein Bruder bis Mittag, worauf wir alle spazieren gingen, gleichviel, welches Wetter es war, weil die Wache, die um diese Zeit aufzog, meinen Vater sehen wollte, um sich zu vergewissern, daß er im Temple war. AM WWW UM Vorbereitung zur Vorstellung. Tante eine Unterhaltung durch das Schlüsselloch führte. Dieser Unglückliche weinte die ganze Zeit, die er im Temple war. Ich weiß nicht, was aus, ihm geworden ist. Möge ihn der Himmel belohnt haben für seine treue Anhänglichkeit an seinen König." Im Oktober nahm man den Gefangenen Federn, Tinte, Papier und Bleistifte; nur der Königin und der Prinzessin Therese war es gelungen, einiges davon zu verbergen. Mitten in der Nacht fanden oft Durchsuchungen der Räume, ja der Betten statt. Der Tages- Nach einem Gemälde von S. Dahl. Der Spaziergang dauerte zwei Stunden, dann aßen wir. Nach dem Essen spielten mein Vater und meine Mutter zusammen Triktrak oder Piket. Um vier Uhr nahm meine Mutter meinen Bruder mit sich, weil mein Vater gewöhnlich schlief. Um sechs Uhr kam mein Bruder wieder herunter, mein Vater ließ ihn lernen und spielen bis zum Abendbrod. Um neun Uhr, nach dem Nachtessen, kleidete meine Mutter meinen Bruder pünktlich aus und brachte ihn zu Bett. Wir gingen dann hinauf, mein Vater legte sich nicht vor elf Uhr nieder. Meine Mutter führte fast 106 das gleiche Leben, sie stickte viel. Meine Tante betete oft im Lauf des Tages, sagte die vorgeschriebenen täglichen Uebungen her, las viel in Erbauungsbüchern und gab sich langen geistlichen Betrachtungen hin. Sie hielt wie mein Vater die bestimmten kirchlichen Festtage. Am Tage Allerheiligen kam der Convent zum ersten Male, um meinen Vater zu sehen. Die Mitglieder fragten ihn, ob er keine Klage zu führen habe. Er sagte nein, er sei zufrieden, wenn er mit seiner Familie sein könne. Einen Tag später kam Drouai (Drouet) noch einmal allein und fragte, ob wir nichts zu klagen hätten, meine Mutter sagte nein." Dies stolze Nein behielt Marie Antoinette während der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft — nur als ihr Knabe heftig am Fieber erkrankte, kam ihr der Hilferuf und die Bitte um ärztliche Pflege über die Lippen. Am 11. Dezember beunruhigte der Trommelklang und die Ankunft der Garde die Bewohner des Temple wieder — König Ludwig wurde zum Verhör vor den Convent geholt. Seine Familie wußte nicht, wohin er geführt wurde, und hörte erst um 11 Uhr, als er zurückkam, was vorgegangen war; die arme Gattin durfte ihn aber nicht sehen. „Wir erfuhren von dem über meinen Vater verhängten Todesurtheil Sonntag den 20. (Januar) durch die Ausrufer. Um sieben Uhr abends benachrichtigte man uns, daß uns ein Decret des Convents erlaube, zu meinem Vater hinunterzugehen. Wir eilten zu ihm und fanden ihn sehr verändert; er weinte über unsern Schmerz, aber nicht um seinen Tod. Er erzählte meiner Mutter von seinem Proceß und entschuldigte die Schurken, die ihn tödten ließen. Meinem Bruder gab er fromme Vorschriften und befahl ihm, denen zu verzeihen, die seinen Tod veranlaßten. Er gab meinem Bruder und mir seinen Segen. Meine Mutter wünschte dringend, daß wir die Nacht mit meinem Vater zubrächten; er verweigerte es, weil er der Ruhe bedürfe. Meine Mutter bat dringend, wenigstens am folgenden Morgen wieder kommen zu dürfen, mein Vater gestand es ihr zu; aber als wir fortgegangen waren, verlangte er von den Garden, daß wir nicht wieder herunterkämen, weil ihm das zu viel Schmerz bereite. Er war dann mit seinem Beichtvater zusammen, legte sich um Mitternacht nieder, schlief bis vier Uhr und wurde durch die Trommeln geweckt." Der Trommelschlag spielte eine grausame Rolle beim Leben und Sterben des unglücklichen Königspaares. Um sechs Uhr wurde aus der Wohnung der Frauen ein Gebetbuch zur letzten Messe geholt. „Wir hatten immer noch die Hoffnung hinunter zu dürfen, bis das Freudengeschrei der erregten Bevölkerung uns davon Zeugniß gab, daß das Verbrechen begangen war." Die Wittwe des Hingerichteten Königs stieg nicht mehr in den Garten hinunter, weil sie an der Thür des Verstorbenen vorbei mußte, fortan schöpften die Gefangenen Luft auf der Höhe des Thurmes. Einige Monate später kam der Befehl, Marie Antoinette von dem Sohne zu trennen. „Mein Bruder stieß ein lautes Geschrei aus und warf sich in die Arme meiner Mutter; er bat, daß er nicht von ihr getrennt würde. Meine Mutter war empört über den grausamen Befehl und wollte meinen Bruder nicht hergeben, sie vertheidigte das Bett, in dem er lag, gegen die Beamten. Eine Stunde verging mit Reden, Beleidigungen, Drohungen der Polizisten, mit Widerstand und Thränen von uns allen. Endlich willigte meine Mutter ein, ihren Sohn herzugeben. Wir ließen ihn aufstehen, und nachdem er angezogen war, gab ihn meine Mutter in die Hände der Wächter, ihn mit ihren Thränen badend, als hätte sie vorher gewußt, daß sie ihn in Zukunft nicht wiedersehen würde. Der arme Kleine umarmte uns alle zärtlich und ging weinend mit den Leuten davon." Zum Wächter für das unglücklichste aller Kinder wurde der berüchtigte Schuster Simon gemacht. „Mein Bruder stieg alle Tage auf den Thurm und die einzige Freude meiner Mutter war, ihn von weitem durch ein kleines Fenster vorübergehen zu sehen; sie blieb ganze Stunden an demselben, um den Augenblick zu erspähen, da sie ihr geliebtes Kind sehen konnte . . . Simon mißhandelte meinen Bruder sehr, weil er über die Trennung von uns weinte; das eingeschüchterte Kind wagte keine Thräne mehr zu vergießen." Ein dem Buche beigefügtes Bild zeigt Marie An' toinette zu jener Zeit, Trauer um den Gatten tragend- Die schönen Züge sind von Schmerz Versteint, medusen- haft. Es ist nach einer Gouache von Kucharski wiedergegeben. Am 2. August 2 Uhr morgens brachte man Marie Antoinette den Befehl zur Abführung nach der Conciergerie; auch ihr sollte nun der Proceß gemacht werden. „Meine Mutter hörte den Befehl ohne Bcwegung; meine Tante und ich baten, daß wir meiner Mutter folgen dürften, aber weil der Erlaß nichts darüber enthielt, verweigerte man es. Bleine Mutter packte ihre Sachen, die Polizisten verließen sie nicht, sie war gezwungen, sich vor ihnen anzukleiden .... Sie ließen ihr nur ein Taschentuch und ein Flacon, weil sie fürchteten, daß ihr schlecht würde. Meine Mutter wurde abgeführt, nachdem sie mich umarmt und mir befohlen hatte, Muth zu haben und Sorge für die Gesundheit meiner Tante zu tragen. Ich antwortete meiner Mutter nichts, überzeugt, daß ich sie zum letzten Male sah. Beim Hinausgehen stieß meine Mutter mit dem Kopf an das Gitter, das sie nicht für so niedrig gehalten." Das stolze Haupt, das in Jugendlust mit Blumen und Juwelen geschmückt war und das später eine Krone getragen! Am 16. Oktober 1793 wurde Marie Antoinette hingerichtet, zu den im Temple Gebliebenen drang keine Kunde davon. „Meine Tante und ich wußten nichts von dem Tode meiner Mutter. Und in dem unseligen Zweifel über ihr Schicksal bin ich anderthalb Jahr geblieben, dann erst vernahm ich das Unglück und den Tod meiner tugendhaften, erlauchten Mutter. Zuweilen bekamen wir Nachrichten von den Polizisten über meinen Bruder. Simon ließ ihn unter den Fenstern singen, damit er von den Wächtern gehört wurde, und veranlaßte ihn, schreckliche Verwünschungen gegen Gott, seine Familie und die Aristokraten auszustoßen." Der Winter verging ruhig, heißt es dann weiter in dieser einfachsten und rührendsten aller Leidensgeschichten, wir hatten viele Nachforschungsbesuche, aber man gab uns Holz. Dann aber hatte man den Schuster Simon zum Gemeindebeamten befördert und der arme Waisenknabe blieb ohne jede Gesellschaft im Temple zurück. Die Schwester ist erbittert über diese Grausamkeit: „Unerhörte Barbarei, ein Kind von acht Jahren allein in seinem Zimmer hinter Schloß und Riegel zu lassen, 107 ' ohne ein anderes Hilfsmittel als einen mangelhaften I war, denn er selber hatte nicht die Kraft dazu; Wanzen Glockenzug, den er niemals zog, weil er lieber entbehrte, I und Flöhe bedeckten seine Wäsche und ihn. Das Fenster MWD K« «M LWZ KS a-- . «M als etwas von seinen Peinigern zu verlangen. Er hatte wurde nie geöffnet, und man konnte es in seinem Zimmer ein Bett, das seit sechs Monaten nicht gemacht worden vor verdorbenerLuft nicht aushalten. Simon war von Natur 108 auS unsauber und träge, sonst würde er mehr Sorgfalt für seine eigene Person gehabt haben. Zuweilen gab man ihm kein Licht, dann verging der Unglückliche fast vor Angst, aber er verlangte nichts." (Schluß folgt.) --SLN8-S- Zu unseren Bildern. Zwischen Himmel und Erde. Hoch über der Menschen Wohnungen waltet der Thürmer seines AmteS. Dort waltet auch des Thürmers Töchterlein — Margaretha — ein Mädchen schlichten Sinnes und mildthätigen Herzens. Die Vöglein, die um den Tburm flattern, sie kennen sie alle, denn sie ist ihre Freundin! Alltäglich steigt sie empor zum Glockenstuhle, wo die mächtige Glocke hängt und bringt den Thieren labenden Trank. Da kommen sie hereingeflogen durch den weiten Fensterbogen, um aus der vollen Schale zu nippen. Zwischen Himmel und Erde auch, nicht bloß unten, wo sonst die Menschen wohnen, schlägt den Seglern der Lüfte ein fühlendes Herz in Margarethe, des Thürmers Töchterlein. Vorbereitung zur Vorstellung. Im Dorfe gibt's heute große Vorstellung. Der gelb und blau angestrichene „Zigeunerwagen", wie ihn die Schuljugend nannte, hatte ein Hunde- und Affentheater mitgebracht! Auf 4 Uhr hatte der alte Zigeuner, als er Mittags trommelnd das Dorf durchzog, die große Vorstellung anberaumt. Wir sehen den Mann eben, wie er beschäftigt ist, seine vierfüßigen Künstler für den Beginn der Production in das passende „künstlerische Costüm" zu stecken. Mit der Garderobe ist es freilich nicht weit her; aber die Pudel sehen dock, in diese bunten Fetzen gekleidet, reckt drollig aus. Die beiden sich zankenden Affen scheinen den alten dort auf der Bank, die zum Theil bereits in großer Toilette, viel Spaß zu machen. Auch die jungen Hündchen in der Kiste haben daran ihre Freude und gucken neugierig herüber. Der Zigeuner aber macht ein gar griesgrämiges Gesicht und wird am Er0e noch mit dem Stocke kommen! Dildrr aus Palästina. Das nördliche Ufer des Todten Meeres. Das nördliche Ufer des Todten Meeres ist mit Gestrüpp und Buschwerk bewachsen; man bemerkt nur wenige Böge! in demselben. Das höhere Ufergelände besteht aus nackten, kahlen, in seltsamen Formen zerrissenen mergeligen Erdwänden, die häufig so unterwaschen sind, daß man sie wegen des drohenden Einsturzes nicht betreten darf und in deren Mergel man oft Salzkrusten und Schwefelknollen findet. Der nördliche Theil des Seebettes, welches man sich als eine von dem See ausgefüllte Erdspalte denken muß, zeigt die größten Tiefen (bis zu 399 Meter). —iWU—- Allerlei. Eine reizende Satire auf die von uns seiner Zeit erwähnte „Ochsenmaulsalatfabrikantentochter", d. h. auf die Titelsucht mancher Sterblichen, geht der „Straß- bürger Post" von einem hervorragenden, bis in die ältesten Urkunden hinaufreichenden „Genealogieforscherssohne" in Folgendem zu: Straßburg i. E., zur Zeit der sauren Gurken. Um die berühmte ,!OchsenmauIfabrikanten- tochter", welche jetzt durch Ihre Spalten spukt, ein für alle Male zur Ruhe kommen zu lassen, gestatte ich mir, Ihnen und allen, die es interessirt, einiges aus den Familienverhältnissen der jungen Dame zur geneigten Kenntniß zu bringen. Eulalia — so ist ihr Name — ist seit kurzem mit einem „umklappbaren Krankenstuhlagenten" verlobt. Letzterer stammt aus der selbstver- - stündlich überaus glücklichen Ehe zwischen einer „Kinderwagenfabrikantenwittwe mit klemmsicheren Verdeckgelenken" und einem „elektrischen Glühlampen-Depositeur mit pa- tentirter Ausschaltungsvorrichtung." Eulalias Schwester, on Beruf „Luftschifferin mit Fallschirmabsturz", ist verehelicht mit einem „feuer- und lebensgefährlichen Versicherungsbeamten von vierteljährlicher Prämienzahlung." Die Verlobungsfeier Eulalias beehrten natürlich mit ihrer Anwesenheit ihre dicke Busenfreundin, die „lebensgroße Prortraitmalerin in Oel," und ihre beiden Onkel, der „ärztlich vielgeprüfte Schwedische Heilgymnastiker" aus Kyritz und „der garantirt wasserdichte Tuchfabrikant" aus Luckenwalde, auch fehlte nicht des Letzteren Tochter, die „Gattin eines über dem Meeresspiegel 1000 Meter hohen Schwarzwaldhoteliers," mit ihrem Schwager, dem „anerkannt leistungsfähigeu Vertreter einer geruchlosen Zimmerklosetfabrik." — Soviel für heute! Sollte jedoch jemand den Ochsenmaulsalat noch weiter gesponnen wünschen, so steht gern zu Diensten Euer Gnaden ganz ergebener „Virrisus." (Das Heirathsalter groß erMänner.) Shakespeare heirathete Anna Hathaway, als er 18 Jahre alt war. Friedrich der Große führte die Prinzessin Elisabeth von Braunschweig mit 21 Jahren zum Altar. Wilhelm von Humboldt führte im 24. Jahre Karoline von Dach- röden heim. Mozart und Walter Scott waren 25 Jahre alt; Ersterer heirathete die reizende Konstanze Weber, Letzterer reichte Fräulein Charlotte Margarethe Carpenter die Hand. Dante ging seine zweite Ehe mit der Floren- tinerin Gemma Donati in seinem 26. Jahre ein. In dem gleichen Alter heirathete Johann Heinrich Voß seines Freundes Schwester Ernestine Boie. Napoleon und Byron zählten 27 Jahre, als Ersterer die schöne Wittwe Josephine Beauharnais, Letzterer die reiche Erbin Anna Elisabeth Milbank heimführte. Der schwedische Naturforscher Linus heirathete im 27. Lebensjahre; Herder war 29 Jahre, Robert Burns 30 Jahre alt. Schiller verehelichte sich mit Charlotte von Lengefeld in seinem 31. Jahre, Wie- land in seinem 32. Jahre; Milton, der Dichter des „Verlorenen Paradieses," begann seine unglückliche Ehe im 35. Jahre; Bürger führte seine geliebte und heiß- ersehnte Molly im 36. Jahre heim. Lessing heirathete mit 37 Jahren, Luther mit 42 und Buffon mit 55 Jahren. Goethe ehelichte mit 57 Jahren Christiane Vul- pius. Klopstock endlich ging, nachdem er seine so frühzeitig verstorbene Meta 33 Jahre betrauert hatte, im 67. Jahre seine zweite Ehe mit der verwittweten Johanna von Windheim ein. -—r«»!—- Zzitder-Wätysel. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 14: Weiß. Schwarz. D. H2 - 07! (Schwarz beliebig.) I