M 16. Irertaz, den 2. März Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler). Wohlthun trägt Zinsen. Nach dem Amerikanischen der Mary Ereil Hat), erzählt Lon Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) „Nun, Alex," sagte Martin und hob das Kind von seinem Knie herunter, als wir Thee getrunken hatten und am Kamin saßen, „geh, sage der Tante gute Nacht. Melde ihr, daß ich in einer Viertelstunde komme, um eine Partie Sechsundsechzig mit ihr beim Thee zn spielen und daß Aloisia uns etwas vorspielen wird. Erzähle nicht, daß wir hier schon Thee getrunken haben, sonst denkt sie, wir schätzen ihre Gesellschaft nicht. Bleibe bei ihr, bis Louis und ich kommen." Ein sonderbares Stillschweigen herrschte im Zimmer, nachdem das Kind weggegangen war. Martin saß im Lehustuhl, blickte mit halbgeschlossenen Augen in das Feuer und ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er auf meine Worte wartete, während einer langen Pause stand ich ganz still an den Kaminsims gelehnt. Dann ging ich unruhig durch das Zimmer. Er rief mich sogleich zurück. Froh wendete ich mich augenblicklich um, blieb hinter seinem Stuhle stehen und stützte mich leicht auf die Lehne desselben. „Martin," begann ich sehr leise, „bitte vergessen Sie, daß Sie meinen Wunsch bewilligt haben, und hören Sie zuerst, was es ist." Er sah sich nicht nach mir um, aber seine noch auf das Feuer gerichteten Augen waren voll stummer Liebe und Sehnsucht, und mit seiner rechten Hand bedeckte er meine Finger, welche auf seiner linken Schulter ruhten. „Martin, ich habe oft gesehen, wie sehr eS Ihnen widerstrebt, jemand nur einen Augenblick Schmerz zu bereiten, und wie Sie alles aufbieten möchten, um es zn verhindern, oder -im Leid zu trösten. Wenn Sie einen Schmerz, welchen ich verursacht habe, vermindern könnten, würden Sie dazu bereit sein?" Seine Finger umschlossen die meinen fester, aber er antwortete nicht. „Martin," fuhr ich mit stark erschütterter Stimme fort, „denken Sie, ich liebte Sie so zärtlich, wie ich es thue, und erführe plötzlich, daß Sie meine Liebe nicht begehren, daß Sie dieselbe nie geahnt, weil Sie seit langer Zeit eine andere ebenso treu und innig geliebt haben. Glauben Sie, daß ich dann weggehen wollen würde, um Ihr frohes Gesicht nicht mehr zu sehen, während in meinem Herzen der Jammer der Einsamkeit wäre? Daß ich ein neues Leben anfangen wollen würde, wo ich meinen grausamen Schmerz vielleicht durch beständige Arbeit lindern könnte? Gewiß, ich würde das wünschen, und Martin, vielleicht würden Sie ebenso denken, wenn Sie eine ungeahnte, unerwiderte Liebe gefunden hätten." „Ich kann es nicht sagen, meine Louis," antwortete er mit tiefem, unbewußtem Mitleide in seiner Stimme, „ich wage es nicht, mir solchen Schmerz vorzustellen." Mein Herz schlug schneller. Ich brauchte ihn nicht mehr zu fragen, weil ich in seinen Mienen las und seine Stimme hörte. „Martin," sagte ich — da er in das Feuer blickte, konnte er nicht sehen, wie die Nöthe in meine Wangen stieg — „die StockesehS verlangen zweitausend Pfund als Geschäftseinlage von dem neuen Theilhaber, welcher nach Valparaiso gehen soll. Zweitausend Pfund ist viel, nicht wahr?" „Nicht für solche Theilhaberschaft, meine Liebe." „Ist es nicht viel?" wiederholte ich traurig. „Ich wünsche, Norbert Wedderburn hätte zweitausend Pfund." „Warum?" rief Martin aufschreckend. „Will er dorthin ziehen?" „Ja." Das war alles, was ich sagen könnte, obgleich ich das folgende Stillschweigen zu brechen suchte. Erst nach einer langen Pause konnte ich reden. „In einem neuen Leben, Martin," begann ich endlich, „würde er vielleicht den alten Schmerz vergessen. In einer neuen Welt würde er ein anderes Glück suchen. Aber Sie wissen, daß er arm ist und das Geld nicht erlangen kann; er ist stolz und empfindsam, deshalb — deshalb wollte ich — Sie um Hilfe bitten." Endlich wendete Martin sich um und sah mir in das Gesicht; gleichzeitig zog er meine Hand an sich. „Wenn er diesen Schmerz zu tragen hat," flüstert: er voll tiefem Mitleid, „soll ihm keine Hilfe, welche ich geben kann, vorenthalten werden. Keine Gabe von mir kann zu groß sein, weil das Kleinod, welches er zu gewinnen suchte, mein ist. In meiner Dankbarkeit fühle ich, als ob er alles andere nehmen möge, weil er mir das läßt. Meine süße Aloisia, wie forschend Sie mich ansehen! Ich sprach ins blaue hinein, nicht wahr? Ja, ich muß soviel behalten, um daS Leben meines Weibchens angenehm machen zu können. Bei meinen Worten dachte ich nur an mich selbst, dachte, wie werthlos mein Vermögen im Vergleich zu dem von ihm ersehnten, mir geschenkten Gut. Schließen Sie die Augen, meine Theuerste! Wenn ich in ihre Tiefen blicke, die Liebe darin lese und mir darstelle, was mein Leben ohne diese Liebe sein würde, ist der Gedanke niederdrückender, als es die Armuth für mich sein könnte. Sie wissen, daß Ihre Bitte bewilligt ist; Sie müssen es gewußt haben, ehe Sie den Wunsch aussprachen; aber vertrauen Sie mir auch ferner. Alles soll geschehen, wie Sie es gethan haben würden. Er soll nur erfahren, daß die Stockeseys ihn ohne Vermögen für diese wichtige Stellung wählen. Er soll nie wissen, wie und von wem ihm geholfen wurde. Sagen Sie nur, daß Sie mir vertrauen." Als ich ihm mit einem geflüsterten Wort geantwortet hatte,, neigte er sich zu mir und küßte zärtlich meine Wangen. II. Wir waren an diesem Tage fünf Jahre verheirathet — fünf glückliche, wolkenlose Jahre; ich stand im Mor- gensonnenschein am offenen Fenster und wartete, daß Martin aus dem Park zum Frühstück komme. Ich fühlte, daß die Segnungen in diesen Jahren meiner Ehe mich zur demüthigen, tiefen Dankbarkeit bewegten. Wie schön mein Daheim war! Dieses große, prächtige Hans hatte ich als Gouvernante vor sechs Jahren mit scheuer Ehrfurcht betreten — es war mir unaussprechlich theuer geworden! „Mögen wir diesen Tag noch nach vielen Jahren glücklich miteinander verleben, Frauchen!" rief Martins Stimme, und er selbst sprang durch das Fenster herein. „Ich wünschte dir das bei Tagesanbruch, aber du schliefst und hörtest mich nicht. Nun erzähle mir den ganzen Gang deiner Gedanken, welche ich so plötzlich unterbrochen habe." „Ich horchte auf deine Schritte, Martin." „Mit bestem Erfolg. Und woran dachtest du?" Natürlich sagte ich es ihm. Es wäre mir unmöglich gewesen, seinem liebenden Herzen und seinen forschenden Augen etwas zu verbergen. „Meine geliebte Frau", sagte er zärtlich und in seinen Augen strahlte die Zufriedenheit, „dieser Gedanke beschäftigte mich heute früh; es ist ein natürlicher an meinem glücklichen Hochzeitstag. Manchmal denke ich, weil mein Glück viel größer ist, als ich es verdiene, kann es nicht andauern; aber heute habe ich gefühlt, daß dies nur eine undankbare Idee ist. Immer eifriger will ich danach streben, durch mein Glück und meinen Reichthum andere glücklich zn machen. Mit deiner lieben Hilfe wird mir das leicht. Wie lange wir die Macht dazu besitzen mögen, es wird stets eines unserer besten Werke sein, nicht wahr, Geliebte? Ah, die Frühstücksglocke! Warum find die Kleinen nicht zu sehen? Das ist eine Seltenheit." »Ja," sagte ich lachend bei dem Gedanken, wie schnell sie stets herbeiliefen, wenn „Papa" kam, „sie warten am Gartenthor auf dich, Martin. Dn mußt verstohlen über eine Mauer geklettert sein, weil du ihnen entgangen bist und mich hier überrascht hast." „Ich bin nicht im Park gewesen; ich war nur in der Haushälterwohnung und sprach mit Morris. Der arme Mensch! Seine ganzen Ersparnisse sind verloren, weil Lirlleys Bankhaus die Zahlungen eingestellt hat. Was fiir fürchterliche Zeiten das sind! Obgleich ich wünsche, jeder wäre nach seinen Verlusten so wohlgemuth wie Morris. Er wollte sein Lebenlang nur Haushälter sein, wenn er auch von seinen Zinsen hätte leben können. Deshalb sagte ich ihm, wann er bei uns bleiben will — was immer seine Absicht gewesen zu sein scheint — nud wieder zu sparen anfängt, so werden wir seine Ersparnisse jedes Jahr verdoppeln. Willigst du ein? Wie kannst du lachen, bei einer solch ernsten Frage? Als ob ich je etwas thue, ohne dich zurathe zu ziehen! Komm, mein Herzlieb, wir wollen zusammen die Kinder holen." In der Nähe des Gartenthores sahen wir die Kinder Alex, ein großer, lebhafter Junge von eilf Jahren, stand draußen auf der Landstraße und strengte seine Augen an, um den Papa in der Ferne zu entdecken. Eva und Käthe standen dicht am Thore, weil es ihnen verboten war, hinauszugehen; sie riefen Alex aufgeregt zu, er solle „Hurrah" schreien, wenn er den Papa sähe. „Mach doch schnell, daß du ihn siehst!" fügte Käth- chen hinzu, und ihre winzigen Füßchen tanzten unruhig auf dem Kieswege. In diesem Augenblick kam Papa von hinten leise zu ihr und hob sie auf seinem Arme empor. Darauf erschallte ein so herzliches Frenden- geschrei, daß mir die großen Thränen in die Augen traten und ich den Morgengrnß der Gürtnerfrau nicht erwidern konnte, als Martin ein paar freundliche Worte mit ihr sprach. „Aloisia," sagte Martin, welcher sich gewiß über mein Schweigen wunderte, Lauster meinen Hochzeitsgeschenken habe ich dir heute noch etwas zu Zeigen; aber wir wollen es lassen, bis diese kleine Gesellschaft weggehen wird. Es ist ein Brief, erräthst du von wem?" „Ich weiß es nicht, Martin; hat Herr Wedderbnrn zum zweitenmal an dich geschrieben?" . „Nein, meine Liebe," antwortete er, „aber dennoch habe ich einen Brief von Wedderbnrn in der Tasche. Stockesey schickte denselben mir zu Lesen. Die beiden alten Stockeseys hatten trübe Befürchtungen, aber sie kommen prächtig durch die ungünstigen Zeiten; hauptsächlich verdanken sie es dem Wedderbnrn, zn welchem sie unerschütterliches Vertrauen haben." „Er erzielt wunderbare Erfolge in ihren ausländischen Geschäftsverbindungen?" „Ja, wirklich wunderbare." „Und doch scheint sich ihr Geschäft nicht sehr zu erweitern, nicht wahr, Martin? Es kommt dem deinigeu nicht gleich." „Nein, wenigstens jetzt nicht. Die StockesehS sind keine kühnen Unternehmer, aber für sie steht nichts zu befürchten. Zwar sage ich immer, sie sollten wie ich mit den Banqnieren Graham Comp. in Verbindung treten, weil ich ein so festes Vertrauen auf dieses Bankhaus habe. Graham reiste heute nach London; deshalb halb werde ich früher als gewöhnlich nach Hause kommen; ich hätte sonst heute nachmittags eine wichtige Besprechung mit Graham gehabt." „Die Bankherrn scheinen gleich dir und den Stockeseys ohne Schwierigkeit durch dieses fürchterliche Jahr zu kommen." „Bis jetzt, Gott sei Dank! sind wir alle sicher durchgekommen; aber es ist ein fürchterliches Jahr, wie du sagst, meine Liebe. Gestern sprach ich einen alten Bekannten, welcher fünfunddreißigtausend Pfund besaß; er erhielt ein Telegramm aus seinem Geschäftshause 127 und kehrte gestern abends nach London zurück mit dem Bewußtsein, daß ihm kein Pfund gehöre." „O, Martin, wie jammervoll!" „Ja, weine Theuerste," sagte er, als wir in das Frühstückzimmer traten. Nach dem Frühstück las er mir Norberts Brief vor und dann war es Zeit für ihn zu gehen. „Lebt wohl, Kinder!" sagte er und mußte es wiederholen, als sie sich zum Abschiedskuß zu ihm drängten. „Kommt heute abends um sechs Uhr in das Speisezimmer herunter, denn wir werden den Hochzeitstag mit verschiedenen Spielen feiern. Sorge aufmerksam für die Kleinen, Alex, und für Mama. Lebe wohl, lieber Junge." Dann sagte Martin auch mir Lebewohl; und seitdem habe ich mich jahrelang erinnert, wie zärtlich er aussah, als er meinen Kopf an seine Schulter drückte, wie in alter Zeit, und flüsterte: „Geliebte, wenn nicht alle unsere Abende so vollkommen glücklich wären, möchte ich sagen, dieser soll der glücklichste von allen sein." (Fortsetzung folgt.) - l O »H» V - fi - - ' Der Traum.*) - kNachdruck verholen.; In jener Schaar unzählbarer Genien, die Jupiter für seine Menschen erschaffen hatte, um durch sie die kurze Zeit ihres mühseligen Lebens zu beglücken und zu vergnügen, war auch der dunkle Schlaf. „Was soll ich", sprach er, da er seine Gestalt ansah, „unter meinen glänzenden, gefälligen Brüdern? Welches traurige Ansehen habe ich im Chöre der Scherze, der Freuden und aller Gaukeleien Amors? Mag es sein, daß ich den Unglücklichen erwünscht bin, denen ich die Last ihrer Sorgen entnehme und sie mit milder Vergessenheit tränke. Mag es sein, daß ich dem Müden gefällig komme, den ich doch auch nur zu mühseliger, neuer Arbeit stärke. Aber denen, die nie ermüden, die von keiner Sorge des Elends wissen, denen ich immer nur den Kreis ihrer Freuden störe?" „Du irrst", sprach der Vater der Genien und Menschen, „in Deiner dunkeln Gestalt wirst Du aller Welt der liebste Genius werden. Denn glaubst Du nicht, daß auch Scherze und Freuden ermüden?" „Aber auch Du", fuhr er fort, „sollst nicht ohne Vergnügungen sein, ja in ihnen oft das ganze Heer Deiner Brüder übertreffen." Mit diesen Worten reichte er ihm das silbergraue Horn anmuthiger Träume. „Aus ihm", sprach er, „schütte Deine Schlummerkörner aus, und die glückliche Welt sowohl als die unglückliche wird Dich über alle Deine Brüder wünschen und lieben. Die Hoffnungen, Scherze und Freuden, die in ihm (im Traume) liegen, sind von Deinen Schwestern, den Grazien, mit Zauberischer Hand von unsern seligsten Fluren gesammelt. Der ätherische Thau, der auf ihnen glänzet, wird einen jeden, den Du zu beglücken gedenkest, mit seinem Wunsche beglücken. Aus dem Chöre der blühendsten Scherze und Freuden wird man fröhlich in Deine Arme eilen, Dichter werden Dich besingen und in ihren Gesängen dem Zauber Deiner Kunst nachbuhlen, selbst die Unschuld wird Dich wünschen, und Du wirst auf ihren Augen hangen, ein süßer, beseligender Gott." *) Vortvag, gehalten im kath. kaufm. Verein „Lätitia" in Augsburg am 13. Febr. 1894 von Adolph Müller, Sladtkaplcm bei St. Ulrich. Die Klage des Schlafs verwandelte sich in triumphi- renden Dank und ihm ward die schönste der Grazien, die Traumgöttin Pasithca, vermählet. In dieser geistvollen, mythologischen Dichtung hat uns Herder ein annoch dunkles Gebiet mit der Strahlen- soune der Poesie beleuchtet, das Gebiet des Schlafes und des Traumes. Und nicht nur die Dichter haben seit grauen Tagen die hohe Traumgewalt besungen, jeder Mensch kann von Träumen erzählen, alle schauen neugierigen Auges hinein oder hinüber in die so fremde und doch so nahe gerückte Traumsphäre. Bis jetzt aber ist das Traumproblem noch nicht gelöst und dieses Seeleuräthsel nach jeder Seite hin entwirret; es wird auch nie geschehen. Wir vermögen ja nicht einmal das Leben uns zu erklären, das uns doch die tägliche Erfahrung überall zeigt, wir kommen in Verlegenheit, wenn wir nach dem Wesen der Seele gefragt werden, obwohl sie unser eigenstes Selbst bildet und das Princip unseres Denkens und Handelns ist. Odysseus sah die Schatten aus der Unterwelt an sich vorüber wandeln, mit sehnender Geberde streckte er die Hände nach dem Nebelbilde der ihm nahenden Mutter aus, aber das Schemen entschwand, er langte in leere Lust: so geht es uns mit den Bildern des Traumes. Wir vermögen sie nicht zu haschen und zu fangen, sie kommen und gehen, Kobolde, die uns necken, Genien, die uns beglücken; woher sie kommen und wohin sie wandern, darüber aber haben wohl viele Häupter nachgegrübelt. Die ärztliche Wissenschaft erklärt sich die Träume einfach und natürlich auf Grund ihrer Theorie vom Schlafe. Der Schlaf, sagt der Arzt, hat körperliche Ursachen. Das Gehirn arbeitet unablässig, und die in ihm wie Straßen zusammenlaufenden Nerven bringen stets dazu neue Stoffe. Aber allmählich wird das Gehirn müde, und auch die Nervenstraßen können nicht mehr oder nur mit Mühe Dienste leisten. Für das Gehirn kommt gegen Abend das Bedürfniß der Ruhe, es muß, ebenso wie die Nerven, seine Boten und Ordonnanzen,neue Ernährungsflüssigkeit in sich aufnehmen und eine Zeit lang gleichsam für sich selber sorgen. Die herabgesetzte Thätigkeit des Gehirns pflanzt sich auch über auf das Nervensystem. Die Empfindungsnerven werden schwächer, der Hebemuskel des obern Augenlides versagt seine Wirkung, Sinneseindrücke kommen immer weniger zur Beachtung, die Vorstellungen verringern sich, wir verfallen in jenen Zustand, den wir Schlaf nennen. DaS Selbstbewußtsein ist aufgehoben und das Gehirn für eine Zeit in tiefer, ihm und dem ganzen vom Gehirne beherrschten Organismus nothwendiger Nnhe. Dieser Zustand dauert ungefähr zwei Stunden und heißt Tiesschlaf. Haben aber die Nervenstraßen ihre nöthige Kraft und die für sie erforderliche Nahrung empfangen, so beginnen sie alsbald ihre Thätigkeit, d. h. sie leiten dem noch ruhenden Gehirne wieder die Empfindungen zu und vermitteln den Verkehr mit der Außenwelt; im Hauptquartiere aber, im Gehirne, ist fast alles noch im Schlummer, besonders der Chef des Quartiers, die Seele, ist bewußtlos. Die Nerven bringen jedoch unablässig Depeschen und Nachrichten, namentlich viele gegen Morgen, wenn die allgemeine Erfrischung der Nerven nahezu vollendet ist. Im bunten Wirrwarr geht es nun im Gehirne hin und her, die Seele vermag die zugeführteu Bilder noch nicht zu unterscheiden und einzuordnen, mit andern Worten: es entstehen die Träume. Sie währen so lange,., bis auch 128 das Gehirn wieder sich regt und der Seele als Organ zur Verfügung stehet. Die Seele erlangt hiedurch ihr Selbstbewußtsein, und die geordneteLebensthätigkeitbeginnet aufs Neue. In früheren Zeiten, als die ärztliche Wissenschaft auf ihrer heutigen Höhe noch nicht war, wurden die Träume auch von Aerzten, wie Hippokrates und Galenns, auf Gott zurückgeführt. Bei den alten griechischen Philosophen lassen sich besonders zwei Richtungen in der Erklärung der Traumbilder unterscheiden. Die älteren suchten die Ursache der Träume außer dem Träumenden. Sie kennen zwar nicht personificierte Träume, wie ihre Dichter, z. B. Homer, welcher sie als ein Geschlecht von Wesen bezeichnet, die in der Gegend von Sonnenuntergang ihren Platz haben, aber sie sahen sie doch als außerhalb des Träumers stehende Erscheinungen an. Bald jedoch ist auch schon bei den alten Philosophen das Bestreben bemerkbar, in der Erklärung des Traumes die eigene, schaffende Thätigkeit der Seele mit in Rechnung zu ziehen. Es mag davon besonders der Philosoph Aristoteles erwähnt werden, auf dessen Psychologie (Seelenlehre) vielfach die mittelalterliche Scholastik weiterbaute. Aristoteles sucht den Grund und die Entstehung der Träume in der Natur des menschlichen Geistes. Er leitet die Traumbilder her von den durch äußere Eindrücke oder auch durch die innere Herzthätigkeit im Schlafe fortgesetzten Bewegungen im Innern des Menschen. Auch die prophetische Kraft des Traumes suchte er natürlich zn erklären, ohne sich aller auch übernatürlichen Ursachen dafür zu entschlagen. Die Kirchenvater, welche des Traumes meist in der biblischen Auslegung erwähnen, lassen ihn vom Logos, von Gottes Hauch beeinflußt werden. Unter den neueren Philosophen wurde der Traum ganz verschieden aufgefaßt. Der Materialismus und Nationalismus, der den Geist und sein Leben zu einem Produkte der körperlichen Thätigkeit macht, muß natürlich auch den Traum lediglich auf diesem Boden stehend erklären. Während aber die modernen Philosophen, welche die eigene Vernunft als einzige Führerin in den Gebieten des Geistes anerkennen, dem Traume theils wenig wissenschaftliche Bedeutung bemessen, theils ihn nur wegen seiner weltgeschichtlichen Macht in der Vergangenheit und dem immerhin Näthsclhaften seiner Erscheinung besprechen, haben doch auch unter den Philosophen unserer Zeit manche dem Traum eine bedeutsame Stelle zuerkannt. Die Gläubigen unter ihnen, wie Schubert, Justinus Kerner, der in seinem Hause die Seherin von Prcvorst, eine Somnambule, lange beobachtete, und andere aus der romantischen Schule, setzten die Träume außerhalb der Reihe der natürlichen und an die allgemeinen Gesetze gebundenen Ereignisse. Nach Schubert, einem persönlich sehr frommen Manne, kehrt im Traumzustande des Menschen die wegen der Erbschnld gestörte Ordnung zurück. Der Zwiespalt in unserer Natur, den wir im wachen Zustande so oft wahrnehmen, das Weinen im innern Menschen, indeß der äußere Mensch sich allen Genüssen hingiebt, das Gefühl der Leere nach fröhlich durchschwärmten Stunden, eine unwiderstehliche Schwer- muth, Thränen ohne Ursache — dies alles ist einmal nach dem Tode ganz aufgehoben. Im Jenseits wird die Seele zu ewiger Liebe mit Gott vereinigt. Aber dem gottergebenen Gemüthe lösen sich die Fesseln der Seele, meint Schubert, oft noch während des jetzigen Daseins. Während des Traumes nämlich eröffnet sich der Seele Hohes und Niedriges, Vergangenheit und Zukunft in lieblicher Bildersprache, und sie blickt in eins reinere geistige Region. Das kommende ewige Einssein mit Gott werde dem Gemüthe schon hier angedeutet im magischen Dunkel der Träume. Du Prcl, der vornehmste Vertreter der heutigen Philosophie der Mystik und ein hoch wissenschaftlicher Mann, findet die Aufgabe der Philosophie darin, daß sie sich dem bisher noch nicht verwertheten Theile unseres Daseins zuwendet, dem Schlafznstande. Aus der Erforschung der im Traume, und besonders im künstlichen, gesteigerten Traume, im Somnambulismus, hervortretenden Erscheinungen solle man zur Einsicht kommen, daß nicht auf das Diesseits ein Jenseits folge, sondern Diesseits und Jenseits etwas Gleichzeitiges sind; die Seele habe zwei Seiten, eine Seite ist im wachen Leben sichtbar, die andere tauche auf im Schlafen, ähnlich wie die Sterne zu glänzen anfangen, wenn die Sonne untergeht, obschon sie auch schon am Tage den Himmel schmücken. Nach der Ansicht Du Prel's taucht also im Traume vor der Seele eine neue. über den wachen Sinnen liegende Welt auf; diese unterliegt nicht mehr den Beschränkungen von Raum und Zeit und vermag sogar in Verkehr mit andern Seelen zu treten; während die Seele im wachen Zustande sich des Gehirns als ihres Organes im Verkehr mit der Außenwelt bedienet, stellt sich ihr im Schlafzustande ein anderes Organ zur Verfügung, das Gangliengcflechte, welches die modernen Mysterio- sophen geradezu als Traumorgan bezeichnen. Die Ganglien sind ein im Unterleib nahe der Herzgrube verlaufendes Nervengeflechte und bilden das Organ des vegetativen Lebens, d. h. jener Lebensthätigkeit, die unabhängig von unserm Willen ist, wie Herzschlag, Verdauung, Stoffausscheidung. Mittels dieses Organes nun soll die träumende Seele sich mit der Außenwelt verbinden und daher rühre es, wenn von Somnambulen bisweilen gesagt ist, daß sie aus einem aus den Magen gelegten Buche gelesen haben. Gemeinsam allen medicinischen und philosophischen Traum-Erklärungen ist sicher Folgendes: Während das Tagleben ein Leben des Geistes ist und fortwährend nach der Außenwelt strebt und sich offenbart, ist das Nachtleben ein Leben des Leibes, des dunkel-sühlen- den und -ahnenden Gemüthes, ein in sich gekehrtes Leben, ein inneres Aufwachen der Seele. Es sammelt sich im Schlafe der ganze Lebensproceß nicht wie am Tage im Gehirne, sondern in der Brust und Bauchhöhle. Wenn wir diesen Umstand fest im Auge behalten, dann können wir uns auch die Traumbilder und ihre Ursachen im Folgenden leichter erklären. Es ist schon oft die Frage aufgeworfen worden, ob mit jedem Schlafe auch Träume verbunden sind. Die Einen bejahen sie und sagen, die wahrsten Träume hätten wir im tiefsten Schlafe, und wir könnten uns nur darum ihrer nicht mehr erinnern, weil wir nicht mit Bewußtsein geträumt haben. Andere verneinen jedoch die Frage, wenngleich sie zugeben, daß durch die Seele auch im Schlafe Vorstellungen gehen können, deren wir uns nur im Wachen nicht mehr erinnern. Wie der Schlaf, so hat auch der Traum seine Zeitabschnitte. Jene Träume, welche beim Einschlafen uns beschäftigen, sind noch die 129 sogenannten verworrenen Träume. Ein Theil unserer Lebensthätigkeit ist bereits lahmgelegt, die Augen schon halb geschlossen, die Zunge wird bald ihren Dienst versagen. In diesem Zustande entstehen nun in uns die ersten Traumgebilde. Aber die halbwache Vernunft hat immer noch die Kraft, sie zu controliren und in ihrer Lächerlichkeit zu begreifen. Die Zunge vermag wenigstens zu lallen, und wir geben auf gestellte Fragen jene drolligen Antworten, welche unsere Umgebung zu der Ansicht bringen: Er träumt schon. Ist jedoch tiefer Schlaf, Vollschlaf über uns gekommen, dann sind wir reizlos, wir hören und sehen nicht mehr. Die Träume verdichten sich zu festen Gebilden, und nahe tritt uns der Freund, der den Menschen durch's ganze Leben begleitet. „Aus dem Gesänge der Bögel," schreibt Albert Sterner in seinem Buche: „Das Leben des Traumes", „aus den buntschillernden Farben der Wiesengewächse, aus Sträuchern und Hecken, aus fröhlichem Jagen und Kameradengebalg webt dann der Traum dem Knaben seine köstlichen Freuden zur Nacht. Wenn aber der Knabe groß geworden, ein Jüngling stattlich und schön sich erhebt, Römer- und Griechen-Jdeale nacheifernd und bestaunend, eigene Lebenszukunst, duftige Auen sich malend: so nimmt auch dies der Traum in seine Pinsel auf, und schöner denn in Wirklichkeit zaubert er Freundschaft und blühende Sehnsucht in seinen Paradiesen vor. Mit gleicher Beharrlichkeit, wiewohl ernster geworden, folgt er dem Manne. Hier hat er nicht Spiele, nicht Blumen zu malen, hier malt er die Kämpfe. Bald führt er den Mann in bräunende Felsen, bald stellt er ihn mitten in Krieg und Kanonen und hilft ihm die Tapferkeit schüren in Muskel und Arm. Und die Greise und Greisinnen liebt er gar sehr und folgt ihrem Winter muthig und unverzagt; denn je ärmer das Leben im Greise an Frische und Farbe sich gestaltet, desto reichlicher schmückt es der Traum mit der Erinnerung fröhlicher Bilder. Der Kindheit liebliche Spur, des Jünglings Sehnen und Lieben, des Mannes Geistes- und Vaterglück malt er dem Greise, und wie oft sieht sich die Matrone im Traum in der Schöne der Jugend, die lieblichen Locken goldig herabfallend, in den Locken den Brautkranz, und dann — wer wehrt es dem Traume! — iumitten der Gäste beim Tran-Altar die eigenen Söhne und Töchter als Zeugen der Hochzeit." (Fortsetzung folgt.) ---- Plauderei über Kunst uud Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Architektur und Plastik. Von Max Fürst. (Schluß.) Die Spätrenaissance gefiel sich besonders bei ihren Gebilden der Plastik darin, die Formen stark aufzubauschen und zu übertreiben. Das Uebertreiben einer Sache ist jedoch kein ausschließliches Neservatrecht der Spätrenaissauce. Mehr, als Bildhauer uud Architekten es je vermögen, belieben vor allem die Herren von der Feder nicht selten sehr stark zu übertreiben. Den Uebertreibungen, welche die Plastik der Renaissance sich zu Schulden kommen ließ, lieh wohl die damals herrschende Neigung, jede Idee, jeden abstrakten Begriff personificiren Zu wollen, gewissermaßen einigen Vorschub. Ueber die zahllosen Allegorien in der bildenden Kunst dürfte überhaupt ein eigenes Lexikon geschrieben werden, um den vielen Mißverständnissen, die da ermöglicht sind, einen Riegel zu schieben. Beim Beschauen solcher Figuren reicht gar häufig der Verstand der Verständigen ebensowenig wie die Einfalt eines kindlichen Gemüthes aus, um über Sinn und Bedeutung derselben in's Reine zu kommen. Wer kennt denn z. B., ohne zuvor eine Aufklärung erhalten zu haben, die allegorischen Gestalten auf dem Münzgebüude der bayerischen Hauptstadt? — Der witzige Moriz v. Schwind hatte ganz recht, als er bei Aufstellung jener rätselhaften Figuren meinte, ein einziges Dnkatenmännchen hätte genügt, um dem Volke das Münz- gebäude viel deutlicher und kenntlicher zu machen. — Bei den schönen vier Gestalten, welche über den alten Portalen unserer k. Residenz lagern, steht es doch wenigstens — freilich schwer sichtbar — lateinisch angeschrieben, daß man die vier Kardinaltugenden zu schauen die Ehre habe. Ohne das Gewahrwerden der inhaltsschweren Worte blieben die vier Damen wohl auch von den Meisten unerkannt. Hab' ich doch einmal einen schlichten, aber sehr klugen Mann aus der Provinz, dem ich die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt zu zeigen hatte, rathen lassen, was denn die vier allegorischen Frauen da ober den Portalen zu bedeuten haben. Nach einigem Schauen meinte der wackere Landsmann, es müßten wohl die vier Hauptstämme Bayerns sein. Das Steuerruder der Pru- dentia deutete er auf die Mainschifffahrt der Franken, den mächtigen Prügel in Händen der Fortitndo aber getrost als Attribut des bayerischen Stammes. Das letztere Symbol schien dem guten Manne ganz selbstverständlich, ihn hätte es nicht im mindesten genirt; aber das genirte ihn schließlich gewaltig, daß er bei seinem Rathen so gar weit fehlgeschossen habe. — Daß übrigens auch modern allegorische Schöpfungen nicht leichter zu verstehen sind, als die alten, kann man in nächster Nähe der erwähnten Nesidenzthore, an der neuen Mittelgruppe der Feldherrnhalle, gewahren. Was hier die Volksseele schon alles herausgefunden und nicht herausgefunden, wäre wohl der Betonung werth, aber rein des lieben Friedens wegen, den ja die eine Figur des besagten Denkmales vorstellen soll, unterlassen wir es, darüber zu reden. Haben wir doch einmal an einem Kloster- kirchenportal eine Figur gesehen, welche eine Goldmünze an die geschlossenen Lippen drückte. Diese Allegorie verstanden wir sofort dahin, daß das „Schweigen" hin und wieder als eine der werthvollsten Eigenschaften zu preisen sei. — Das üppigste Kind, welches die Renaissance erzeugt und großgezogen hat, ist, wie Jedermann weiß, das Rokoko. Wir kennen keine Stilform, welche den breiten Massen des Volkes so sympathisch und zusagend erscheint, wie diese. Ganz besonders darf solches auch im Hinblicke auf unser bayerisches Landvolk gesagt werden. Würde bei Erbauung von Dorfkirchen zunächst der Wille deS Volkes maßgebend sein, wir sind überzeugt, daß zumeist nur Rokoko-Kirchen erstünden. Das lichte, freundliche Wesen dieser Stilart, die leuchtendes Gold uud heitere Farben nie verschmäht, hat wie es scheint, gerade für den Landmann etwas Herz- erhebendes. Frage man doch einen Bauern, welche Kirche ihm in seiner Nachbarschaft am besten gefallet Hat er die Auswahl, er wird sicherlich den Preisspruch einem Renaissance- oder Nokokobau zuertheilen. Vielleicht 130 hat der Ueberschnß an vielen nicht gelungenen, modern- gothischen Landkirchen etwas unverschuldet, daß den enttäuschten Leuten die Bauweise des vorletzten und letzten Jahrhunderts in um so freundlicherem Lichte erscheinen will. Der kluge Laudmaun rächt sich daher auch oft durch sehr treffende Bemerkungen, wenn er mißlungenen Neuerungen gegenübersteht. So hat sich z. B. der Bauer im Chicmgau, um nur eines zu erwähnen, für allzu mager und dürftig gerathene neue gothische Altäre einen gar köstlichen technischen Ausdruck zurechtgelegt; er heißt dieselben e:nfach:Latten- oderStangen- Altärc. — Die abfällige Aeußerung läßt genugsam erkennen, daß auch für Pfahlbauten bei den heutigen Chiemsecanwohnern keine Sympathien mehr zu erwecken wären. Unser Bauer ist somit, wie man ihn doch vielfach als solchen zu verschreien Pflegt, kein Zopf, mit welchem Namen ja bekanntlich eine weitere Art von Architektur- uud Kuustform belegt worden ist. Der „Zopf" hat es bekanntlich übernommen, die bisher wenig berücksichtigten Nückfatzaden und Hinterfronten ebenfalls würdig zu schmücken; er hat dieses mit so hingebender, fast peinlicher Gewissenhaftigkeit gethan, daß die undankbare Menschheit ihn dafür mit dem Begriffe „Pedant" so enge verfocht, daß es wahrlich nicht leicht ist, heute die Beiden von einander zu unterscheiden. Das Zopfwesen hat mit dem schon erwähnten Byzantinischen Stil insoferne eine gewisse Verwandtschaft, als eben beide zu den lebens- zähesten Dingen auf Erden gehören. Früher — noch vor dem Jahre 1848 — meinte man, daß der Zopfstil ganz besonders für die Ausschmückung von Burcauräumcn sich eigne, da aber diese in der Regel äußerst kahl und frostig aussehen und eingerichtet scheinen, so ist es doch wohl mehr der Empirestil, der in den Amtslokalen seinen Einfluß behauptet und geltend macht. Dieser höfische Empirestil, meist kreideweiß wie ein unbeschriebenes Blatt, mit seinen lichtglasirten Oefen und hell lackirten Thüren, lebte mehrere Jahre in morganatischer Ehe mit der sogenannten Bieder maierzeit, mit welcher ja auch unsere Herren Großvater noch enge verwandtschaftliche Beziehungen unterhalten haben. Was nun die jüngste Zeit in Architektur und Plastik alles geleistet, was sie zum Bauen alles sich dienstbar macht, sehen wir ja Tag für Tag. Manches Haus besteht bald mehr aus Eisen als aus Stein, und sollten solche Häuser je drohen, auseinanderzufalten, so braucht man, um gründlich zu helfen, ganz einfach nur einige Magnete in den Spcicherräumen anbringen, und das Gebäude wird sich auf der Höhe der Zeit erhalten, wie weiland Freiherr von Münchhausen mittelst seines Zopfes selbst aus dem Sumpfe sich gezogen hat. — Für erwähnenswerth halten wir hier noch die Merkwürdigkeit, daß man in Amerika bereits schon ein kleines Haus theilwcise aus Aluminium hergestellt hat. Die klugen Leute dort haben somit thatsächlich die Quintessenz aus dem Lehm, aus dem man sonst Ziegel zum Bau der Häuser brannte, zu ziehen gewußt. — Gefährlich sind gegenwärtig zunächst nur wehr die Glashäuser. „Die darin sitzen", heißt es, „sollen nicht mit Steinen werfen", was den Herren von der Kunstgenossenschaft, die in München den Glaspalast inne haben, zur ganz besonderen Berücksichtigung empfohlen sein dürfte. — Zu den billigsten Gebäuden gehören die Luftschlösser, die von unternehmungslustigen Leuten besonders in der Gegenwart wieder viel gebaut werden; allerdings ist durch den Bau derselben auch schon Mancher zu Grunde gegangen. Im Allgemeinen hatte man früher nur in der Jugend an Herstellung derselben das meiste Interesse; ich Zweifle jedoch nicht, daß z. B. in St. Petersburg auch ältere und hochgestellte Leute eine kindische Freude hätten, wenn zunächst einmal die Dardauellen-Schlösser als Lustschlösser erklärt werden würden. Wenn wir in der gesummten Baukunst nun etwas näher auf Details sehen, so ist es zunächst außerordentlich merkwürdig, zu gewahren, wie auch die Architektur dem Systeme gewisser Naturforscher Rechnung trügt und die schlagendsten Beweise für eine embryonische Entwicklung zu höher gestaltetem kraftvollen Leben zu erbringen vermag. Es ist geradezu unbegreiflich, wie jene Gelehrten, welche den Ausbau der Descendenzlehre besorgten, die mächtige Unterstützung, die die Architektur ihren Theorien darbietet, bisher so völlig ignorieren konnten. Wir wissen doch, daß unter den Ornamenttheilen des frühen jonischen Stiles ganz besonders der Eierstab eine ansehnliche Rolls spielt. In der mittelalterlich romanischen Periode ist der Fortschritt bereits stark fühlbar, da hier schon das Schuppen-Ornament, das denn doch die Saurier voraussetzt, zur Verwendung gelangt. Zu einer charakteristischen Bezeichnung, die derselben Periode angehört, zählt auch der technische Ausdruck Gräte. Von den vielen Krabben der gothischen Stilform, die fast zahllos an allen Fialen und Wimbergen sich festgesetzt haben, will ich nicht näher reden. Hinzuweisen habe ich dafür besonders auf das vielbenützte Fischblasen-Ornament, das zumeist in den schlanken Fenstern bis zu den Netzgswölben hinaufreicht und Ichthyologen und Architekten in gleicher Weise interessieren dürfte. Auch die sogenannten Nasen fallen in diese Stilperiode; allerdings ist es hier nicht nothwendig, ausschließlich an eine gewisse Gattung der Weißfische zn denken, denn es gibt auch im ideellen Sinne kleine und große Nasen, die, ohne baß man einen Conflikt mit dem katholischen Kirchcngebote zn fürchten braucht, auch in der Fastenzeit neben und mit Fleischspeisen genossen werden dürfen, — wenn sie von oben kommen, sogar genossen werden müssen. Wer weiters die sogenannten Wasser- oder Dachspeier der gothischen Periode durchmustert, wird gar nicht lange brauchen, um die unzweifel- haftenBrüdcrund Schwestern desUrvogels(Li'LliMvxtsr^L) herauszufinden. Die spätere Gothik zeigt bereits einen riesigen Fortschritt, indem sie in einzelnen technischen Ausdrücken schon der vorhandenen Säugethiere gedenkt und u. A. den „Eselsrückeu", zur allgemeinen Kenntniß bringt. Ein noch imposanteres Wort kennt dann am Schlüsse der Stilartcn die Spätrcnaissance, die ja die sogenannten Ochsenaugenfenster sehen läßt und somit die respektablen Vertreter eines Geschlechtes bekundet, die, wenn richtig gemästet, in den Cnliurländern der alten und neuen Welt der denkbar größten Entwicklung sich zu erfreuen vermögen. Aehnlich wie die fossile und nicht fossile Fauna in der Architektur eine bedeutende Rolle spielt, so thut dieses nicht minder auch die Flora. Auch hier kann ein scharfsehendes Auge den glcichanfsteigenden Entwicklungsgang leicht wahrnehmen. Von der Verwendung der Lotos- und Wasserpflanzen bei den Aegyptern, der Palmetten bei den Griechen, der Pinicnzapfcn bei den Römern, des fetten Kleeblattes bei den Gothikcru, bis zur förmlichen Ausleerung eines vollständigenHerbarinms in der üPpigenNenais- 131 fance ließe sich gar Vieles erzählen. — Zu betonen, daß die Architektur außerdem mit dem Mineralreiche die aller- inttmsten Beziehungen unterhält, ist wohl nicht mehr nöthig, es hieße dieses wahrlich „offene Thüren einrennen". Der Architektur kann man, ohne rühm- und lobrediger Sucht geziehen zu werden, sorglos und mit bestem Gewissen in's momuuentale Stammbuch schreiben: „lo saxalo-inuntur." Zu den elegantesten steinernen Gliedern hervorragender Bauten gehören bekanntlich die Säulen. Daß es aber nicht absolut nöthig ist, die Säulen immer nur in Beziehung zu einem Bau zu denken, beweist uns die antike römische Trajanssäule eben so gilt wie unsere alten einheimischen Stundensäulen an den Staatsstraßen. — Man liebte es zu allen Zeiten, große geschichtliche Personen im Bildnisse auf hohe Postamente oder mächtige Ehrensäulen zu stellen; die genannte Trajanssäule ist ja ein sichtlicher Beleg hiefür. Merkwürdiger als dieses ist es, daß sehr bescheidene und überaus demüthige Leute schon auf den Einfall gekommen sind, sich bei Lebzeiten selbst auf Säulen zu stellen, wie frühchristliche ägyptische Legenden uns zu erzählen wissen. Das Umstürzen berühmter Säulen haben hinwieder heilige und auch unhcilige Personen schon mehrmals sich angelegen sein lassen. Innerhalb des weiten Zeitraumes, in dem Karl der Große die Irwin- und der Pariser Maler Conrbet die Vendome-Säule umwarf, ist schon so manche Säule, auf der sich gefeierte Größen für immer sicher gestellt glaubten, zu traurigem Falls gekommen. Wenn man im Alterthum verdiente Personen ganz besonders auszeichnen wollte, so begnügte man sich mit einer Säule nicht allein, sondern errichtete gleich einen ganzen Triumphbogen. Diese waren denn meistens mit weitansholeuden pompösen Inschriften Versehen. Daher mag es kommen, daß später auch andere öffentliche Gebäude, galten sie nun heiligen oder profanen Zwecken, meist monumentale In- und Aufschriften über ihren Portalen erhielten. Dieselben sind meistens sehr feierlicher, ja hochernstcr Natur. So eine bleibende Inschrift zu machen, ist keine leichte Sache, und Philologen und Historiker zerbrechen sich gar oft die Köpfe, bis sie etwas Geeignetes gefunden haben. Als es einmal in einer größeren Stadt um eine passende monumentale Aufschrift über dem Thore eiues Standesamtes (Abtheilung für Tranungs- sachen) sich handelte, da meinte ein verheirathetcr Professor, der riesig für Dante schwärmte, nichts Besseres vorschlagen zn können, als die gewaltigen, vielsagenden Worte: „Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren." Wenn wir nun noch kurz auf einzelne wichtige bauliche Werke näher eingehen, so erlaubt es die gemessene Zeit nur mit dem Höchsten, mit den Thürmen, uns zu befassen. In den Kindcrjahren — ich weiß nicht, ob eS Anderen auch so gegangen — haben mich vor allen Bauten die Thürme am meisten inicressirt. Als ich als Knabe zum ersten Male nach München kam, war es einer meiner ersten Wünsche, den chinesischen Thurm im englischen Garten zu sehen. Der Anblick desselben war — nebenbei bemerkt — eine der ersten Enttäuschungen, die ich in meinem Leben erlebte. Eine anS München gebürtige Dienstmagd, die wir daheim hatten, hatte mir nämlich ein Stück ihrer Sympathie für besagten Thurm, unter dem ja zeitweilig Militärmusik spielt, beigebracht. Daß die Begeisterung unserer Dienerin eigentlich nicht dem alten Holzban galt, konnte ich als unerfahrener Knabe ja nicht erwägen; damals wußte ich ebensowenig das geheimnißvolle Sprich» Wort „es sind Schindeln am Dache" zu deuten. — Wo» her der Wind weht, konnte im alten Griechenland übrigens schon jeder Junge wissen, wenn anders der in Athen sich befindende achteckige „Thurm der Winde" als Urahne aller meteorologischen Bcobachtnngsstationen betrachtet werden darf. Daß man mit Thurmbanten nicht immer Glück hatte, sagt nnS schon die Geschichte von Babel. Selbst das schaffensfreudige Mittelalter ist bei seinen Thurmbanten meistens stecken geblieben, wir dürfen daher annehmen, daß der Ausdruck „thurmhohe Freundschaft", den ein berühmter Staatsmann einmal gebraucht hat, schon vor etlichen Jahrhunderten mit gemischten Gefühlen ans- gcnvmMLN worden wäre. Der erwähnte Staatsmann hat sich übrigens in umsichtigster Weise um die höchst werthvolle Einrichtung eines der wichtigsten Thürme Deutschlands, des Juliusthurmes in Spandau, bekanntlich sehr verdient gemacht. Die schlanksten Thürme, die es gibt, besitzt, wie Jedermann weiß, der Orient. Man heißt dieselben Minarets. Wenn heute noch an unserem Türkengraben oder Lilicn- berg, wie es einstmals der Fall war, Türken wohnen würden, der Thurm der neuen St. Aunakirche am Lehel würde von denselben wohl niemals für ein Minaret gehalten werden. Gleich vielen Thürmen haben auch viele Thurm- baumeister kein rechtes Glück gehabt. Als in München der bei der St. Michaelskirchs im Jahre 1590 begonnene Thurm alsbald sich senkte und dröhnend zusammenstürzte, hatte sein Architekt, Wolfgaug Müller, auf Herzog Wilhelm des Frommen Geheiß die Ehre, 6 Tage bei Wasser und Brod im Falkeuthmme brummen zu dürfen. — Daß auch der Thurmbaumeister Eiffcl in Paris eingesperrt worden, ist bekannt, allerdings war daran nicht sein Eisenthurm schuld, sondern ein gewisser amerikanischer Kanal, dessen Schleusen nicht einmal geöffnet zu werden brauchten, um im eleganten Paris dennoch eine Menge von Unrath hiu- wegzuspüleu. — Recht schlimm ist es seiner Zeit auch in Nom dem berühmten Bildhauer und Architekten Bernini ergangen, als er auf die Farads des antiken Pantheon zwei kleine Thürme setzte, welche zunächst der findige Volksmund, dann aber auch die gestrenge Kunstgeschichte mit dem nichts weniger als schmeichelhaften Namen „die Eselsohren des Bernini" belegte. Den unglücklichsten, ich darf wohl sagen, den dümmsten Thurmbanmeister aller Zeiten hat übrigens in unseren Tagen der bekannte Lichter Ibsen in seinem Schauspiel „Baumeister Solucß" erfunden: einen Mann nämlich, der auf Geheiß seiner verrückten Geliebten von der Höhe seines Bauwerkes zu deren Füßen sich niederwirft, um auö sehr naheliegenden Gründen dort liegen zu bleiben. Wenn wir eben einiger Thiirmbaumeistcr Mißgeschicke erwähnt haben, so wollen wir nicht verhehlen, daß auch andere Baumeister, die nicht Thürme bauten, hin und wieder ungeschicktes, seltsames Zeug gemacht haben. Wer heute Karlsruhe besucht, wird staunen, alle die dortigen Kirchen in hellenischen oder antik-römischen Formen, den Bahnhof und das Hoftheater aber im romanischen Baustile aufgeführt zu sehen. — Es ist dieses doch wirklich „klassisch"! — In Bayern wollte man vor etwa 40 Jahren bekanntlich einen neuen Baustil erfinden. Erster Erfolg war, daß ein Laie sehr selten die Bestimmung eines solch' neuen Gebäudes zu erkennen vermochte. Hat — 132 doch thatsächlich einmal ein Fremder, als er Abends in der Münchener Maximiliansstraße spazieren ging, das kgl. Regicrungsgebüude mit seinen erhellten hohen Fenstern, welche die Etagendurchzüge leicht erkennen lassen, für eine Spinufabrik gehalten und sich — bis die nöthige Aufklärung kam — höchlichst gewundert, solch' ein industrielles Etablissement an dieser Straße zu treffen. Um nun nicht verdächtigt zu werden, immer nur zu nörgeln, wollen wir gerne der Freude Ausdruck geben, wenn ein Gebäude, sei es alt oder jung, eine ganz besondere Anerkennung verdient und auch findet. In diesem Sinne hat wohl noch nie ein Bau eigenartigeres Lob und eine so tugendfördernde Bestimmung zugewiesen erhalten, als Münchens altes Sendlingerthor, das der scl. Mayer v. Mayerfels bekanntlich einmal in einer Magistrats- fitznng als das „Schamtuch" der Sendlingerstraße bezeichnete, um durch solches Prädikat die Wegnahme des besagten Thores unmöglich zu machen. Eigenthümlich erscheint diese Bezeichnung immerhin, da doch das Sendlingerthor gerade jene Straße deckt, in der die meisten Bekleidungskünstler ihre Waaren feil halten und die Trot- toirs nicht selten mit Herren- und Kuaben-Anzügen förmlich garnirt erscheinen. Wenn man diesen Ueberschnß menschlicher Hüllen einerseits und v. Mayerfels' Bezeichnung des Sendlingerthores anderseits betrachtet, fühlte man sich bald versucht, den bekannten Grafen Oerindur um freundliche Erklärung dieses Zwiespalts zu ersuchen. Einer stark entwickelten Bildersprache haben die Werke der Architektur und Plastik häufig schon Stoss geboten. Ich erinnere nur an die morgenländische Poesie, die gefeierten Personen nicht selten schon Gebäudenamen in ehrender Weise beigelegt hat. Unsere prosaische Zeit huldigt dieser Sitte weniger, doch kann man hie und da von einem „eckigen" Menschen, dann und wann auch von einem „gemüthlichen" oder „fidelen Haus" reden hören, ohne bei letzterem an ein wirkliches Manergefüge denken zu dürfen. Unangenehm ist es, wenn ein Mensch sehr „parterre" wird, aber eine prächtige Eigenschaft, besonders für Hausfrauen, ist es, „häuslich" zu sein. Aehnlich wie im Alterthume werden manche Kunstwerke auch bei uns heute noch besungen. Man denke nur an den vor etlichen Jahren hier thätigen „Spottvogel im Glaspalast". Die Künstler haben aber an diesen Liedern nicht immer so viel Freude, wie sie seiner Zeit der gefeierte Bildhauer Alexander Papenhoven hatte, als auf eine von ihm gemeißelte Venus der Dichter Kleist den etwas überschwünglichen, holperigen Vers machte: Sieh' Papenhovcnö Meisterstück, der schönen Venus in'S Gesicht! Sieh' an den Mund des Mannorbilds! Man sieht die Stimm' und hört sie nicht! Eine gesehene, aber nicht gehörte Stimme hatte wohl auch das am häufigsten besungene plastische Gebilde Griechenlands, Myron's berühmte „Kuh", über die nicht weniger als 36 Epigramme gemacht worden sind. Die meisten derselben gehörten jedoch gleich der Kuh zn den Wiederkäuern. Nach einer der erhaltenen Mittheilungen war das gehörnte Thier mit strotzendem Euter dargestellt. Ob Myron in seinem Werke das Idol Jener zeigen wollte, die nach der Meinung Schillers in Kunst und Wissenschaft nur die tüchtige Kuh ersehen, welche sie mit Butter versorgt, darüber schweigt die Geschichte. Ob, da wir gerade beim wirklichen oder vermeintlichen Nutzvieh angelangt sind, der „farnesische Stier" auch jemals entsprechendes Dichterlob gefunden hat, weiß man eben so wenig; ganz sicher ist nur das eine, daß zu allen Zeiten, öffentlich und heimlich, die meisten Anbeter und Verehrer das bekannte „goldene Kalb" gefunden hat. Von berühmten Thiergebilden des Alterthums ist hier noch das hölzerne Pferd zu erwähnen, welches den neugierigen Trojanern bekanntlich sehr unangenehm geworden ist. Die Nace dieses Holzpferdcs hat sich im Laufe der Jahre so degenerirt, daß dieselbe heute nur mehr in den Kinderstuben Dienste leisten kann. — Pferde, welche ob des Zmücklegens einer ganz außerordentlichen Distanz genannt zu werden verdienen, sind die vier ehernen Rosse des Lysippus an der Fagade der Markuskirche in Venedig; dieselben sind nämlich von Chios über Nom nach Kon- stantinopcl, dann nach Venedig, unter Napoleon 1. nach Paris und schließlich, ohne Schaden genommen zu haben, wieder nach Venedig zurückgekommen. Ein antikes Roß, das zwar uicht so weit herumgekommen, dafür aber auf seinem Standorte gar Vielerlei erlebt und gesehen hat, ist jenes, welches Kaiser Mure Aurel auf dem Capitolsplatz der ewigen Noma reitet. Wäre es nicht aus Erz, gar oft hätte es Gelegenheit zum Schenwerden gehabt, besonders in den Tagen des X. Jahrhunderts, in denen, wie Grc- gorovins zu erzählen weiß, der römische Pöbel es mehrmals liebte, mißliebige Personen einfach an dem Hals des Pferdes aufzuknüpfen und hängen zu lassen. Daß das erwähnte antike Denkmal heute noch vorhanden ist, dankt man dem mittelalterlichen Irrthume, der dargestellte Reiter sei Kaiser Konstantin. Die Römer haben ja bekanntlich für ihre alten Denkmale nicht immer die nöthige Hochschätzung an den Tag gelegt; was nicht zerstört werden konnte, hatte meist die seltsamsten Wandlungen zu erdulden. Eine der merkwürdigsten Metamorphosen, die je ein Bau erlebt, erlitt wohl Kaiser Hadrians Grabmal, indem es zn einer mittelalterlichen Festung geworden ist. Viel häufiger ist es, daß Festungen zu Grabmälern werden; die Franzosen z. B. glauben nun einmal fest und steif, daß Metz, wenn auch nicht für die Knochen, so doch für die Ehre des Generals Bazaine zum Grabmal geworden sei. Daß heidnische Tempel in christliche Kirchen, Kirchen in Profangcbäude, Burgen in Klöster, Klöster in Kasernen, fürstliche Lustschlösser sogar in Gefängnisse umgewandelt worden sind, davon weiß man ja in allen Ländern zu erzählen. Seltsam ist es freilich, wenn, wie es hie und da vorkömmt, noch alte Denksteine über den Portalen an der früheren Bestimmung des Gebäudes festhalten, wie dieses z. B. an einer Strafanstalt an der Salzach bislang der Fall war, wo dem unfreiwillig Eintretenden in Marmorschrift der herzliche Wunsch entgegenleuchtete, innerhalb dieser Mauern (die ursprünglich den Salzburger Landesherren als Lustschloß dienten) doch Freude und Erholung in reichlichster Fülle zu finden. — — Das letzterwähnte Vorkommniß legt mir dem beunruhigenden Gedanken nahe, ob nicht auch zwischen dem, was ich in der Ueberschrift meines Vortrages angekündigt, und dem, was ich geboten habe, ein ähnlich fatales Miß- verhältniß obwaltet. Es dürfte daher Zeit zum Schlüsse sein, auf daß nicht die Augenlider meiner verehrten Zuhörer etwa Anschluß an die Eigenschaften des „Senkbleies" suchen. Ueberdies möchte ich, da ich heute nun einmal als Werkmann, als Maurer, mich gerirt habe, auch darin den letzteren gleichen, daß ich das Stunden- zeichen zum Arbeitsschluß nicht übersehe,- was ja — seit Bestehen der Welt — ächten Maurern und Zimmerlcnten uoch niemals passirt sein soll.