21 . 1894. „Augsburger Postzritung". Dienstag, den 13. März Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler). Die Tochter des Hauses. Erzählung von C. Borges. —^Nachdruck verboten.) Erstes Capitel. Hell leuchtete der Mond über der kleinen, von Wald und Bergen eng umschlossenen Gebtrgsstadt. Es war ein kalter, frostiger Winterabend, und ein scharfer Wind strich schneidend durch das stille Thal hin, den frisch gefallenen Schnee fußhoch aufthürmend. Auf den Dächern oder an den kahlen Zweigen der Bäume schimmerten die weißen Kiystalle, hin und wieder schwirrte eine Eule krächzend mit langsamem, schwerem Fluge durch die blätterlosen Gipfel. Doch so sehr draußen der Sturm auch heulte und tobte und mit wilder Gewalt die Bäume peitschte, so daß sie ächzend und stöhnend gegen die hell erleuchteten Fenster eines stattlichen Hauses schlugen, so merkte man in dem behaglich durchwärmten Gemache nichts von der schneidenden Kälte dieses rauhen, stürmischen Dezemberabends. Auf einem niederen Tabouret saß die Herrin des Hauses, die schon seit Jahren verwittwete Frau von Soden. Obgleich schon in der Mitte der Vierziger, war sie immerhin noch eine imposante, stattliche Erscheinung mit tiefblauen, seelenvollen Augen und blühendem Antlitz, in dem aber ein gewisser Zug auf nicht allzu große Charakterstärke schließen ließ. — Sie trug noch immer tiefe Trauer, denn obgleich ihr Gatte schon seit sechs Jahren durch den unerbittlichen Tod von ihr gerissen war, konnte sie sich doch nicht entschließen, die schwarze Kleidung abzulegen. Durch ihre feinen, weißen Finger flogen ruhelos die klirrenden Nadeln eines Strickzeuges; nur ab und zu, wenn der Wind so heftig die Fenster rüttelte, schaute sie auf, rückte dann wohl ihren Stuhl dem Feuer näher und fuhr emsig in ihrer Arbeit fort. Ihr gegenüber, in die weichen Polster eines bequemen Sessels gelehnt, saß sinnend und regungslos ein junges Mädchen. Ihre in einander gelegten Hände ruhten müßig im Sckwoße, die dunkelbraunen Augen blickten träumend ins Leere, und die sonst so rosig angehauchten Wangen waren auffallend bleich. Das üppige, kastanienbraune Haar schmiegte sich in schweren Flechten fest um das Haupt und bedeckte in kleinen Ringeln fast die Hälfte der Stirn, doch die fest aufeinander gepreßten, schmalen Lippen zeugten unverkennbar von großer Willenskraft. „Du bist heute so schweigsam und so unthätig, Barbara," begann endlich die ältere Dame. „Ja, Tantchen, ich weiß es — aber ich bin nicht wie Du; ich kann nicht arbeiten, wenn ich so viel zu denken habe." „Was ist Dir denn eigentlich? Hast Du Sorgen? Das scheint mir doch kaum möglich! Willst Du es mir denn nicht sagen und Dein Herz ausschütten? Schon seit einigen Tagen habe ich bemerkt, daß etwas auf Deiner Seele lastet — habe ich Recht?" „Es ist morgen mein Geburtstag, Tante Agnes." „Das weiß ich! Glaubst Du etwa, ich könnte das vergessen, mein Kind?" „O nein, Tantchen, Du nicht, — ich weiß, Du denkst viel an micb und bist immer so gut und freundlich gegen mich gewesen — aber die Anderen — werden sie wohl an mich denken?" „Deshalb machst Du Dir Sorge, mein Kind, kümmert es Dich, ob „die Andern" an Dich denken oder nicht?" fragte die Tante mit leisem Vorwurf. „Ja, aber noch mehr; — es kann und darf nicht länger so weiter gehen." „Was meinst Du? Ich verstehe Dich nicht." Ein leichter Schatten des Unmuths und der Furcht lagerte sich auf Frau von Südens wohlwollendem Antlitz. „Ich will's Dir sagen," versetzte Barbara, doch gleich hielt sie inne, setzte sich auf einen niederen Schemel zu Füßen der Tante und schaute sie mit ihren dunklen Augen flehend an. — Sie war gerade keine auffallende Schönheit, doch das fein geschnittene Gcsicht- chen war heute auffallend bleich und um die Mundwinkel zuckte es bedenklich. Und doch war Barbara von Garkau der Sonnenstrahl des Hauses, durch ihre gewinnende Freundlichkeit und Offenheit schon von Kindheit an der allgemeine Liebling. „Nun, Tantchen, heute will ich Dir sagen, was mir fast das Herz abdrückt," begann sie, ihr Haupt in die Hände der Tante bergend. „Es ist kaum anzunehmen, daß in dem ganzen weiten Weltall irgend ein Kind gefunden werden könnte, welches sich in einer so eigenthümlichen Stellung befindet, wie ich. — Ich habe einen Vater, eine Stiefmutter, eine Schwester und zwei kleine Brüder, und habe noch nie in meinem Leben irgend ein Glied meiner Angehörigen gesehen. — Du hast mir erzählt, daß mein Vater mich einst besucht hat, als ich kaum fünf Jahre zählte. Er wird gewiß 150 nur sehr kurze Zeit hier gewesen sein und keinen Eindruck auf mich gemacht haben, denn ich entsinne mich seiner gar nicht. Von meiner eigenen Mutter weiß ich gar Nichts, denn Du willst mir ja nie von ihr erzählen. Du sagst mir, daß, wenn ich zwanzig Jahre alt bin, ich in Besitz eines bedeutenden Vermögens und eines prächtigen Landhauses gelangen werde. Morgen werde ich neunzehn Jahre alt, also im Verlauf eines Jahres bin ich eine reiche Erbin! — Was wird dann geschehen? Wird dann mein Vater kommen und mich in sein Haus aufnehmen? Sich, liebe Tante, Du bist sehr, sehr gut gegen mich gewesen; meine eigene Mutter hätte mich nicht liebevoller hegen und Pflegen, mich nicht sorgfältiger erziehen können, wie Du es so gewissenhaft gethan hast. Für all Deine Liebe bin ich Dir sehr dankbar, das weißt Du, nicht wahr? — und ich liebe Dich aufrichtig dafür," sie legte schmeichelnd ihren Arm um den Hals der Tante, „aber trotzdem hat mein Vater kein Recht, mich von sich fern zu halten, wie er es bisher gethan hat wenn er nicht einen Grund — einen triftigen, guten Grund hat, der sein schroffes Benehmen gegen mich entschuldigt," fügte sie mit bebender Stimme hinzu. „Aber Du weißt doch, mein Kind, daß Deine arme Mutter gerade an dem Tage starb, als Du geboren wurdest; und Dein Vater liebte sie so innig, daß er fürchtete, Dein Anblick würde ihn stets an seinen Verlust erinnern." „Oh, ja, das weiß ich, das hast Du mir oft gesagt Aber verzeihe mir, Tantchen, ich glaube es nicht. Als mein Vater vor ungefähr zwölf Jahren wieder hei- rathete, mußte er solche Gefühle beherrschen, sonst hätte er keine zweite Gattin erwählt." „Nun, er heirathete hauptsächlich deßhalb noch einmal, weil er für seinen Titel und seine Güter einen Sohn und Erben wünschte. Das Andenken an Deine Mutter ist damit aber nicht verloren gegangen." „Ja, aber warum denn vernachlässigt mich mein Vater so?" „Du solltest nicht so von Deinem Vater sprechen," ermähnte die Tante. „Von meinem Vater? Hat er wie ein Vater gegen mich gehandelt?" „Er hat stets hinreichend Geld für Deine Erziehung geschickt, das mußt Du anerkennen." „Geld? ja, das weiß ich. — Aber was ist Geld im Vergleich zu der väterlichen Liebe, die er mir schuldete? Bah! daran liegt mir nichts!" „Nun, warte ab, Barbara. Im nächsten Jahre, wenn Du 20 Jahre alt bist, wird er Dich besuchen, und wer weiß, vielleicht — —" „Nein, liebe Tante," unterbrach das junge Mädchen, „so lange warte ich nicht." „Was willst Du thun? Was hast Du vor?" fragte die Tante sichtlich erschreckt. „Bis jetzt weiß ich eS noch nicht; ich habe noch keinen festen Plan gefaßt. Aber ehe ich meinen Entschluß ausführen kann, muß ich die einfache Wahrheit wissen. Sieh nicht so erschreckt drein, liebe Tante, wenn Du sie mir nicht sagen willst, so schreibe ich noch heute an meinen Vater und frage ihn ganz offen. Aber es ist besser, Du gibst nach und sagst mir Alles, was Du weißt." Die arme Frau von Soden! Der gerechtfertigte Wunsch ihrer Nichte brachte sie in nicht geringe Verlegenheit, und hilfesuchend blickte sie bittend in das erregte Antlitz des jungen Mädchens. Sie hatte längst gefürchtet, daß dieser Augenblick kommen und Barbara auf Klarlegung der Verhältnisse dringen würde, und sich im Stillen gewundert, daß dieser gefürchtete Zeitpunkt bis jetzt hinausgeschoben war. In ihrer Charakterschwäche versuchte'sie auch heute mit einer Mittheilung zu zögern, die ihr geliebtes Kind schmerzlich berühren mußte. „Ein anderes Mal, Barbara," tröstete sie, „ich verspreche Dir, daß ich Dir bald alles sagen will, was ich weiß. Siehe, es ist bald Zeit zum Abendessen, — der Thee wird gleich hereingebracht werden." „Nein, Tante, ich warte nicht länger; ich kann nicht warten, ich habe einen ganz besonderen Grund. Du weißt auch, der Thee wird kaum in einer halben Stunde hereingebracht." Wie gewöhnlich, mußte auch heute die gute Tante dem stärkeren Willen der Nichte nachgeben, und nachdem sie einige Male schwer geseufzt hatte, begann sie: „Du hättest Deine Mutter kennen müssen, mein liebes Kind; doch Du hast ja keine Ahnung davon, wie sie aussah, und Du gleichst ihr durchaus nicht. Sie hatte Helles, lockiges Haar, rosig angehauchte Wangen, und ihre großen, blauen Augen lachten schelmisch und in froher Lebenslust. Ich werde nie den Abend vergessen, als ich sie zum ersten Male auf einem Balle traf, dessen Glanz- und Mittelpunkt sie bildete. Mein Bruder Gottfried — Dein Vater — sah sie, und wir wunderten uns gar nicht darüber, daß er nur für sie Auge und Ohr hatte; waren wir doch selbst von ihrer Schönheit und Anmuth begeistert. — Bald war das junge Paar verlobt, und wir waren Alle glücklich darüber. — Nora Settier — so hieß Deine Mutter — lebte mit einer Tante, einer Wittwe, in einer kleinen Villa, in einem ziemlich entlegenen Stadttheil, von den Zinsen des Capitals, welches ihr Gatte bei seinem Tode ihr ausgesetzt hatte. Gottfried war zu glücklich, um sich nach den Familienverhältnissen seiner Braut zu erkundigen und Niemand von uns schöpfte auch nur den geringsten Argwohn. Ich erinnerte mich zwar später, daß ich Nora einst bitterlich weinend fand; ein anderes Mal, als ich sie besuchte, hörte ich vor der Thür, wie sie schluchzend ausrief: „Ich kann es nicht länger ertragen — ich muß es ihm sagen", doch wußte ich nicht, was ihre Worte bedeuten konnten." „Endlich kam der Hochzeitstag. Nora sah in ihrem schweren, weißseidenen Kleide, mit Myrten und Schleier geschmückt, wirklich bezaubernd aus, obwohl ihre Augen vom Weinen roth umrandet waren. Gleich nach der Feier begaben sich die Neuvermählten auf eine längere Hochzeitsreise ins Ausland. — Ich habe Nora nicht wiedergesehen. — Da geschah das Unglaubliche. Frau Settler — Noras Tante — war plötzlich mit Hinterlassung einer bedeutenden Schuldenlast spurlos verschwunden. Allzu spät machte jetzt erst die Polizei die Entdeckung, daß die Entflohene mit einer gefährlichen Abenteurerin und Gaunerin identisch sei, auf die schon lange in verschiedenen Städten gefahndet, die aber bis jetzt noch immer den Händen der Gerechtigkeit glücklich entkommen war. In der abgelegenen Villa war eine Spielhölle errichtet, und Frau Settler verstand es, durch falsches Spiel bedeutende Summen denen abzunehmen, » « 15,1 die in ihre Netze verboten worden, « -h' gegangen waren. Nora war streng Gottfried von der schmachvollen Erwerbsquelle zu sprechen, und leider hatte sie nicht den pflichtmüßigen Muth, trotzdem zu reden." Barbara war aschfahl geworden. Regungslos hingen ihre Blicke an den Lippen ihrer Tante, und langsam rann Thräne auf Thräne über ihre bleichen Wangen hernieder. „Und mein Vater? — was sagte er, als er erfuhr, daß der Name meiner Mutter nicht fleckenlos sei?" hauchte Barbara. „Ich weiß es nicht; ich wagte nie, ihn darnach zu fragen. Er blieb mit seiner jungen Gattin im fernen Lande und kehrte nicht nach dem Adlerhorst, dem Stammsitz seiner Ahnen, zurück. Er lebte bald hier, bald dorr, und einst, als er sich kurze Zeit am Bodensee aufhielt, reiste meine Mutter hin, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Sie erzählte mir später, daß das junge Paar ein unglückliches, ruheloses Leben führe. Nora sehe bleich und krank aus und scheine vor ihrem Gatten sich in scheuer Furcht zurückzuziehen. Auch Dein Vater schien nicht froh und glücklich zu sein; er hatte seiner Gattin vergeben, aber das frühere Vertrauen konnte nicht wieder hergestellt werden, obgleich er sie innig liebte. „Wenige Monate später erfuhr ich, daßDu geboren warst und Deine arme Mutter ihr traurigesDasein beendet hatte. Darauf kam Dein Vater zu mir und brachte Dich mit der Wärterin. — Fast hätte ich ihn nicht wieder erkannt, so verändert sah er aus. Sorge und Gram, vielleicht auch Gewissensbisse hatten mit ehernem Griffel ihm tiefe Furchen durchs Antlitz gezogen, und zahlreiche Silberfäden durchzogen sein dunkles, gelocktes Haar. Anfänglich war er sehr schweigsam, dann aber schüttete er mir sein ganzes Herz aus. Er gestand mir, daß er durch sein liebloses Benehmen das sichtliche Hinwelken seiner Gattin verschuldet habe. Er hatte sie innig geliebt, sich aber nicht überwinden können, ihr diese Liebe zu zeigen, wiewohl er wußte, wie sehr sie sich nach einem einzigen, liebevollen Blick sehnte. Erst als sie im Sterben lag. hatte er ihr Alles verziehen, und in seinen Armen hauchte sie den letzten Athem aus. Er glaubte, der stolze Name der Freiherren von Garkau sei durch diese Verbindung in den Staub gezogen, und erst jahrelang nach dem Tode konnte er sich entschließen, nach dem Adlerhorst, seinem Stammschlosse, zurückzukehren!" Frau von Soden hielt inne. Liebkosend glitten ihre Finger über das Haupt des leise weinenden Mädchens, das noch immer still zu ihren Füßen saß. E „Mein Bruder konnte nicht den Anblick seines Kindes ertragen. Er glaubte, durch sein liebloses Benehmen den frühen Tod der Mutter verursacht zu haben, und ließ Dich fortan unter meiner Obhut. Ich war sehr glücklich darüber, denn mein Herz blutete noch um den Verlust meines eigenen, einzigen Kindes, und jetzt fand ich Ersatz. Dann reiste Dein Vater wieder in der Welt umher. Als Du fünf Jahre alt warst, kam er wieder, doch nur auf wenige Stunden. Wir kamen überein, daß Du hier bleiben solltest. AIs Du herangewachsen warst, bat ich ihn oft, entweder hierher zu kommen oder Dich nach dem Adlerhorst zu nehmen, aber dazu kann er sich nicht entschließen. Ich kenne wohl den Grund — er fürchtet, durch Dich an Nora erinnert zu werden, und schwach, wie er ist, schiebt er _gern diesen Augenblick so lange wie möglich hinaus. Du weißt, Barbara, Charakterschwäche ist ein Grundzug in der Garkau'- schen Familie, und ich weiß nicht, woher Du die starke Willenskraft hast; jedenfalls von Deiner Mutter." „Gleiche ich jetzt meiner Mutter,Tante Agnes?" fragte das junge Mädchen, nachdem es die Thränen getrocknet hatte. „Nein, mein Kind, durchaus nicht. Aber dennoch würde ich Dich sofort als Noras Kind wieder erkennen. Du hast dieselbe melodische, weiche Stimme, dasselbe heitere, silberhelle Lachen, welches uns Alle am ersten Abend so sehr entzückte. Nora war so lebensfroh und heiter, so ganz verschieden von uns, die wir auf dem Adlerhorst ein einsames, zurückgezogenes Leben geführt hatten." Tante Agnes schwieg. Barbara blickte starr vor sich nieder, ihr Antlitz war bleich und traurig. Endlich stand sie auf. „Ich danke Dir, Tante Agnes, und ich freue mich, daß ich jetzt Alles weiß. Von nun an betrachte ich das schroffe Benehmen meines Vaters gegen mich im anderen Lichte. Jetzt verstehe ich, warum er mich zeitlebens vernachlässigt hat, aber ich halte es doch nicht für rechtlich." Dann umarmte sie innig ihre Tante, küßte sie und verließ das Zimmer. — AIs sie. später ihren gewöhnlichen Platz am Theetisch wieder einnahm, war sie ruhig und gefaßt, und ihre Wangen zeigten wieder den früheren rosigen Schimmer. Nur noch einmal kam sie auf die erste Unterhaltung zurück, als sie fragte: „Noch eins ist mir unklar, liebe Tante. Woher kommt das Vermögen, welches ich im nächsten Jahr erlange' soll? Bis jetzt hatte ich geglaubt, es sei ein Erbth^ meiner Mutter; doch da es ein Irrthum ist, muß ich doch wissen, wem ich es zu danken habe." Ih'l reuzweg mit dem Loes Iiomo-(Pilatus-)Bogen. 152 „Ein alter, excentrischer Großonkel hat es Dir testamentarisch vermacht, Barbara. Ihm mißfiel die lange Abwesenheit Deines Vaters von seiner Heimath, noch mehr aber, daß er Dich nicht bei sich haben wollte. Um Dich einigermaßen schadlos zu halten, machte er sein Testament zu Deinen Gunsten." „Ah, so ist es. Ja, ich entsinne mich. Du hast es mir gewiß schon gesagt, aber ich dachte nicht mehr daran. — Mein Vater heirathete wieder vor zwölf Jahren, meine kleine Schwester Eveline ist jetzt elf Jahre alt," flüsterte sie dann im leisen Selbstgespräch, und wieder trat wider Willen eine Thräne in ihr großes, dunkles Auge. Als Barbara am nächsten Morgen das Frühstückszimmer betrat, fiel ihr erster Blick auf einen kleinen Seitentisch, der mit zahlreichen Briefen, mit kleineren und größeren Packeten bedeckt war. In der ungewissen Furcht und Hoffnung, ob „die Andern" — wie sie stets ihre Verwandten auf dem Adlerhorst zu nennen pflegte — sich ihres Geburtstages erinnert hätten, trat sie näher. Aber nein, ein einziger Blick hatte sie überzeugt, es war kein Brief mit der festen, steifen Handschrift des Vaters darunter. — Die wenigen Zeilen, die der Freiherr v. Garkau seinem ältesten Kinde ab und zu schrieb, waren stets so kühl gehalten, athmeten so wenig Liebe, daß Barbara oft darüber empört gewesen war und nur auf den strengen Befehl der Tante sich zu der Ueber- schrift: „Mein lieber Vater" oder zu der Unterschrift: „Deine Dich liebende Tochter" bequemte. Jetzt konnte sie ihrem Vater nicht mehr zürnen; sie fühlte nur Mitleid, inniges, tiefes Mitleid mit ihm. Sein alter, angeerbter Familienstolz war durch die Verbindung mit einer Frau, deren Name nicht fleckenlos war, gedemüthigt worden, und diese Frau war ihre eigene Mutter. Sie hatte in der Nacht nicht schlafen können, hatte sich unruhig in den weichen Kissen gewälzt und erst gegen Morgen emen kurzen Schlummer gefunden, der noch durch unruhige Träume gestört ward. Doch als sie jetzt die Briefe öffnete und von Nah und Fern so viele Beweise der Liebe und Freundschaft vorfand, erheiterte sich ihr trübes Auge und ihre Wangen färbten sich freudig. (Fortsetzung folgt.) --SL88WS- Lunchenschiilen. X Ein eigenartiges Schulinstitut findet sich in England: das der sogen. Lumpenschulen. Ueber Entstehung und Einrichtung derselben berichtet die „Rhein.- Westf. Schulzeitung": Der eigentliche Gründer dieser Schulen ist ein armer Schuhmacher John Pounds in Portsmouth, der die armen, auf die Bahn des Lasters gedrängten Kinder um sich vereinigte, sie nährte und unterrichtete. Nach ihm hat dann der bekannte Philanthrop Graf Shaftesbury diese Anstalten über ganz Europa ausgebreitet. Gegenüber den früheren Grundsätzen: „Man muß das Uebel mit der Wurzel ausreißen" unter der Regierung Georgs II. wurde noch ein Knabe von zwölf und ein Mädchen von elf Jahren zum Tode durch den Strang verurtheilt und hingerichtet — heißt es jetzt: „Verhinderung ist besser als Heilung." Eine, wenn auch kleine Anzahl der Kleinen wird durch diese Schulen dem Verderben entrissen. Ohne Schuhe, ohne Strümpfe und Mützen finden wir ganze Haufen solcher Kinder in den Straßen der Hauptstadt Englands: nach den Tönen einer Drehorgel arrangiren sie einen Ball, führen einen eigenartigen Tanz auf und erregen sowie auch durch die Grazie ihrer Bewegungen und die oft auftretende Schönheit ihrer Gesichtszüge die Aufmerksamkeit manchen Zuschauers. Im Winter, wenn es nichts zu stehlen und zu betteln gibt, suchen diese beklagenswerthen Wesen ihre Zuflucht in den Lodginghäusern, auch hier von Stehlen und Betteln ihr Dasein fristend. Hier in diesen Lodginghäusern, den Brutstätten des Lasters, werden die Kleinen von den sogen. Diebszüchtern gewerbsmäßig zum Stehlen ausgebildet. Sind die Kinder in den Diebeskünsten weit genug vorgeschritten, so beginnt das Handwerk auf der Straße, anfangs von ihren Lehrern noch überwacht; kein Wunder, daß alle edlen Gefühle erstickt sind. So werden diese Kleinen von der frühesten Jugend an auf die Bahn des Lasters gedrängt und planmäßig zum Verderben erzogen, wenn nicht ein barmherziger Konstabler diese Wesen der Lumpenschule zuführt. Die geeignetste Zeit hiezu ist der Winter in seinen kalten Tagen. Die nackten Füße der Kleinen sind roth geschwollen, mit Frostbeulen und Wunden bedeckt. Eine dünne abgetragene Jacke ist alles, was ihre Brust schützt, ein vor Hunger abgemagertes Gesicht lugt unter den wüsten, wirren Haaren hervor. Bald füllen sich die eingefallenen Backen; jeden Morgen oder Abend ein Bad und die kräftige Kost thun wunderbare Wirkung. Der Segen dieser aus milden Gaben unterhaltenen Schulen beruht darin, daß hier die Kinder nicht bloß unterrichtet, sondern auch gepflegt und genährt werden. Ein Lehrer dieser Schulen erklärte: „Unsere Grützensuppe hat eine wunderbare Wirkung auf die armen Kinder: ohne sie hätten wir unsere Schulen längst schließen müssen." In einer dieser Londoner Lumpenschulen wurden innerhalb der letzten zehn Jahre über 4000 Kinder unterrichtet und erzogen. Durch die Gründung dieser Schulen hat die Zahl der jugendlichen Verbrecher in England bedeutend abgenommen, auch der Prozentsatz der Todesfälle hat sich vermindert. Die meisten dieser Kinder haben weder Eltern, noch Geschwister, noch Freunde; sie wissen selbst nicht, welcher Konfession sie angehören. In diesen Schulen wird nun irgend ein Handwerk von den Kleinen gelernt; so werden sie später zu ehrlichen, broderwerbenden Arbeitern. Wohlthuend berührt es, wenn man hört, daß wohlhabende frühere Lumpenschüler bei ihren Festlichkeiten mit dankbarer Liebe die Wohlthäter preisen, welche sie ihrem Elend entrissen haben. Gewiß ein schönes und verdienstliches Werk, diese Kinder dem moralischen und physischen Elend zu entreißen; zu bedauern ist nur, daß, nach den obigen Mittheilungen zu schließen, die konfessionelle Erziehung der Kinder ganz außer Acht gelassen zu werden scheint. Hätten wir doch einen Dom Bosco auch für England! --sso-v-cs— Goldkörner. Um die Wahrheit ist es Großes, Großes ist es um die Liebe — Kinder sind sie gleichen Schoßes, Gleicher Wurzel edle Triebe .... Wenn's auch nicht geschrieben stände Bei St. Paulus schon, — es bliebe Doch Gesetzes Füll und Ende: Wahrheit wirken in der Liebe. Kreiten. - "L M«« WM 'M^ L'.'.w WWW KWU M» W» /^' >»i- A. Ludwig., Die kleine Großmama WW NWlLÄ KSM z. ^ ' NM >H!'!"W- .^ WW ÄKWA OH-KLß WWW W!ZZZW WW >'W"">X MZ> WE 154 Binswangen. (Hiezu die Bilder auf Seite 154 und 155 ) Eine Stunde westlich von Wertingen liegt am Anfang des Donauriedes in sumpfiger Umgebung, — worauf schon der Ortsname deutet, — das Dorf Binswangen (Berghalde zwischen binsenreichem sumpfigem Terrain). Die griechische Goldmünze und die zwei Regenbogenschüsselein, die man im Jahre 1822 auf den Feldern fand, stellen es außer Zweifel, daß schon die Römer auf dieser Stätte geweilt und später Ansiedler jener altgermanischen Völker sich hier seßhaft gemacht, deren Münzen die sogenannten Regenbogenschüsselein waren (Sueben, Gothen, Alamanen rc.). Binswangen lag im Bereiche der alten Markgrafschaft Burgau und war schon im eilften Jahrhundert eine Zugehörde der markgräflichen Schirmburg Weiden, welche Burgau'sche Dienstmänner, die Ritter vonWelden, zuLehen trugen. Als mit dem Tode des Ritters Ulrich v. Weiden die mark- gräflich Burgau'schen Lehengüter zu Binswangen, 2 Höfe und 4 Hofstätten oderSölden, an dieMarkgrafen Heim- sielen, belehnte imJahre 1275 Herzog Philipp vonKärnten, welcher sich unter Protest des rechtmäßigen Markgrafen Heinrich den Titel eines Markgrafen wahrscheinlich angemaßt hatte, seinenNotarRudolf und dessen Frau Jrmengard mit den markgräflichen Gütern in Binswangen. DenStreit zwischenPhi- lipp von Körnten und Heinrich von Burgau entschieden die kaiserlichen Neichsvögte zu Augsburg im Jahre 1289 zu Gunsten des ersteren, und da mittlerweile der Notar Rudolf Stadtschreiber in Augsburg geworden war, ließ sich Markgraf Heinrich zum Vergleich herbei und bestätigte als „rechter Herr" von Binswangen dem Stadtschreiber Rudolf und seiner Frau den Lehenbesitz der 2 Höfe und 4 Sölden von Binswangen. (Lluntia S. 45 und 46.) Nach Rudolf's Tod kamen die Burgau'schen Lehengüter in Binswangen anno 1304 durch Kauf an's Domkapitel, was die nunmehrigen Inhaber der Markgrafschaft, die Herzoge von Oesterreich, bestätigten. Kaiser Ludwig IV. erklärte diese Lehengüter im Jahre 1331 als volles Eigenthum des Domkapitels mit der Auflage eines Jahrtags für Herzog Ludwig den Aelteren. Das Domkapitel hatte in Binswangen auch den Großzehnt (wahrscheinlich mit dem Kauf von 1304) erworben und brachte bald noch zwei andere Güter in Binswangen in seinen Besitz, so daß es hier im Jahre 1492 bereits 8 Feuerstätten hatte. Selbstverständlich besaßen außer dem Domkapitel noch andere Herren Güter in Binswangen als Burgau'sche Lehen So besaß Kloster Weihenberg im 12. Jahrhundert 1 Hof in Binswangen, wozu im Jahre 1297 noch eine Sölde und eine Wiese durch Schenkung des Ulrich v. Ellerbach kam und im Jahre 1358 ein Hofgut dem Kloster von Ulrich Bannwolf zugestiftet wurde. Das Geschlecht dieser Bannwolfe besaß viele Güter in Binswangen. Vom Ende des 13. Jahrhunderts an saßen die Bannwolfe in Binswangen und gaben ohne Zweifel der Burg an der Berghalde ihre Entstehung. Einige Güter im Dorf gehörten zur Burg Zusamegg. Der Hauptbesitz jedoch bestand im „Kirchensatz, Vogtei, Dorfrecht, Ehehaften, 3 Höfe, Holzmarken und 2 bayer. lehenbare Hqlbhöfe"; er blieb bis zum Jahre 1300 bei der Markgrafschaft. In diesem Jahre aber verkaufte Markgraf Heinrich V. von Burgau diese Güter an die Edlen Heinrich und Conrad von Ramschwag. Ihr Nachkomme Hans von Ramschwag erbte im Jahre 1329 die Burg Kem- nath, welche von seiner Schwestertochter Guta dem Burkhart vonEller- bach, Pfandinhaber der Markgrafschaft Burgau angeheirathet wurde. Dieser übertrug nun die Burgau'sche Oberlehensherrlichkeit über Binswangen auf die Beste Kemnath (bei Kaufbeuren), welche bald durch Heirath an die Edlen von Benzenau kam. Kraft ihrer oberherrlichen Rechte hatte Anna von Ellerbach im Jahre 1376 mit den Gütern in Binswangen die reichen Augsburger Bürger Heinrich und Conrad Bitschlin belehnt, von welchen es bald an die Patrizier Fendtkam. J.J.1412 verkauften Florian und Anton „die Fenden" ihre Lehengüter in Binswangen um 800 fl. rhn. an den edlen Bürger Hartmann Langen mantel in Augsburg. Die v. Benzenau ertheilten kraft ihrer oberlehensherrlichen Rechte dem Langenmantel die Belehnung. Fortan hatten die Langenmantel den Hauptantheil an Binswangen mit Kirchensatz, Vogtei und Dorfrecht als niedere Obrigkeit 158 Jahre lang, während das Obereigenthumsrecht den Herren von Benzenau zustand. Im Jahre 1422 besaßen die von Langenmantel in Binswangen 14 Feuerstellen. Im Jahre 1551 verkauften die von Benzenau das Schloß Kemnath mit dem Obereigenthumsrecht über Binswangen um 40,000 fl. an das Stift Kempten, und 19 Jahre später - anno 1570 — verkaufte auch Anna v. Langenmantel ihre Güter in Binswangen mit Gericht, Vogtei, Kirchenlehen und Burgstall um 10,725 fl. an den Augsburgischen Feldhauptmann L. Schertlin, welchen das Stift Kempten damit belehnte. ->«»» u Stratze in Dinsrvangrn mit Pfarrkirche. Original-Aufnahme von G. Bader, Photograph in Krumbach. fVervielsältigungSrecht vorbehalten.f 7 ^^ Als im Jahre 1635 Conrad Schertlin ohne männliche Erben starb, zog Stift Kempten das Lehen Bins- wangen als Heimgefallen ganz an sich. Dagegen prote- stirte aber Hans Christoph von Knöringen und forderte als Gemahl einer Tochter Albrechts v. Schertlin den Lehenbesitz von Binswangen. Die Burgau'schen Beamten halfen ihm und vertrieben die Kempten'schen Beamten, aus Binswangen. Nach langem Streit verglich man sich und Stift Kempten übergab den Edlen von Knöringen Binswangen als ein Kempten'sches „Mannslehen". Im Jahre 1769 nach dem Tode Alexander Johann Jakobs von Knöringen fiel das Lehen Binswangen an dasStift Kempten heim, das nun ohne Widerspruch davon Besitz ergriff und einen Obervogt nach Binswangen setzte. Sieben Jahre früher erschoß der lüderliche Bruder Alexanders von Knöringen,der fünfund- dreißigjährige Junker Johann von Knöringen, auf dem Gottesacker zu Binswangen den Obervogt Molitor in Folge eines Wortwechsels im Wirthshause. DerMör- der floh dann in die Schweiz und blieb verschollen. Neben der Ortsherrschaft Stift Kempten und dem Domkapitel'- schen Besitz hatten im Jahre 1492 auch das Kloster St. Katharina inBinswangen Feuerstätten, am Ende des vorigen Jahrhunderts das Sternkloster in Augsburg 1 Sölde, St. Georg 1 Sölde, das Hochstift einen Bauernhof und die Vicarier zu St. Moriz in Augsburg 3 Feuerstätten und 4 Güter. Die Güter vesKlosters Weihenberg wurden bei Aufhebung desselbenimJahre1448 dem Dillinger Spital zugetheilt. Früher hatte auch das Kloster Kaisersheim einen Hof in Binswangen. G Multergollcs-Kapellc bei Dinswangen. Origtnal-AufnahMk vonG.Baader, Photograph in Krumbach. lBervietfältigungsr-cht vorbehalten.! bühl" (wo eine Linde stand) an die Burgau'schen Beamten ausliefern. Die niedere Gerichtsbarkeit stand der Ortsherrschaft zu und wurde vom Obervogt mit einem Dorfgericht, bestehend aus 12 Männern, ausgeübt. Diesen Zuständen machte im Jahre 1803 die Säcularisation ein Ende und steckte die 7 geistlichen Herrschaften von Binswangen in den großen bayerischen Sack. Am Ende des vorigen Jahrhunderts zählte Binswangen 900 Einwohner, darunter 327 Juden; im Jahre 1829 aber 617 Christen und 359 Juden. Wann die Juden sich hier angesiedelt, darüber weiß auch Pfarrer Walter in seiner Chronik keinen Aufschluß zu geben. Zum erstenmale wird ihrer in den Akten imJahre 1650 erwähnt. Im Jahre 1672 hatten sie 12 Häuser inne und vermehrten sich nun so stark, daß sie im Jahre 1683 schon 22 Häuser besaßen und Pfarrer Sutor eine Beschwerdeschrift wegen Ueber- handnahme der Judenschaft ans Ordinariat richtete. Die dem hl. Nikolaus geweihte Pfarrkirche wurde im Jahre 1739 vom Domkapitel als Großzehntherr vollständig neu gebaut, aber erst am 4. Juni 1780 vom Weihbischof v. Un- gelter eingeweiht. — Heute zählt die Pfarrei Binswangen ca. 880 Seelen. Am nordöstlichen Ende des Pfarrdorfes Binswangen liegt mitten im Gottesacker eine der seligsten Jungfrau Maria geweihte größere Kapelle. Dieselbe fällt besondersauf durch ihre außergewöhnliche Bauart. Sie ist in Form eines Kreuzes, in dessen Mitte sich eine Rotunda erhebt, gebaut, hat zwei Thürmchen und gereicht, von hohen Linden umgeben, dem Orte und der Gegend zur Zierde. Sämmtliche Unterthanen in Binswangen waren steuerbar zur freien Reichsritterschaft des Kantons Donau und hatten ihre Steuer nach Ulm einzuliefern. Das Zollhaus im Dorf war Burgauisch und auch die „Male- fiz-Gerechtigkeit", wie man die oberste Strafgewalt geschmackvoll nannte, gehörte zu Burgau. Die Knörin- gen'schen und Kempten'schen Beamten im Orte durften zwar einen Verbrecher greifen und einkerkern, aber nach 3 Tagen mußten sie ihn auf dem sogenannten „Linden- Von der ehemals Knöringischen Ortsherrschaft zu ihrer Begräbnißstätte erbaut, finden sich in derselben verschiedene Grabdenkmäler mit zum Theil in lateinischer, zum Theil in deutscher Sprache gefertigten Inschriften und Wappen verschiedener Adelsfamilien aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Ehedem wurde jeden Abend durch die Kuppel bis an die oberste Laterne hinauf ein Licht gezogen, damit es den etwa im weiten Donauried Verirrten den rechten Weg weise. 156 Im Jahre 1808 wäre sie bald der Säcularisation zum Opfer gefallen. Von dem schonungslos vorgehenden Administrator für entbehrlich erklärt, wurde sie auf Abbruch versteigert. Die Ortseinwohner, welche von jeher mit Liebe an diesem Kirchlein hingen, kauften dasselbe vom Fiskus um 349 Gulden, und so blieb es erhalten und ist, seit mehr als 200 Jahren Sitz der Skapulier- Bruderschaft, noch heute eine Stätte des Gebetes, besonders der Privatandacht und der Verehrung der seligsten Jungfrau Maria. -—«-8X8-«—- Die reichste Frau der Welt. Wer da glaubt, daß die reichste Frau der Welt, Mrs. Hetty Green, in einem stolzen Palaste wohnt, Equipagen und Dienerschaft hat, der irrt. Hetty Green, die Besitzerin eines Vermögens von 60 Millionen Dollars, wohnt in einem „Boarding-House", einem ganz gewöhnlichen Logir- und Kosthause in der Stadt Brooklyn, der Schwesterstadt von Newyork, und zwar in der Pierre- pont-Street Nr. 89, und zahlt sieben Dollars wöchentlich für Kost und Wohnung. Sie ist geizig über alle Maßen und dies ist auch der Grund, warum sie sich von ihrem Gatten trennte, der ein tonangebender Club- man in Newyork ist. Sie kleidet sich derart bescheiden, daß man glaubt, eine ärmliche Frau vor sich zu haben, und da flickt sie so lange an ihren Kleidern herum, als es eben geht, nur um die Anschaffung neuer Toilettegegenstände zu ersparen. Was sie an beweglichem Gut hat, das trägt sie in dem schwarzen Sack herum, der sie nie verläßt. Das ist ein Gebetbuch, ein Batistsacktuch und ein Lorgnon. Sie ißt in der Küche und will nur die einfachsten Mahlzeiten. Sie ist überaus fromm und von den hundert Kirchen Brooklyns besucht sie jeden Tag eine andere. Sie ist derart mißtrauisch, daß sie mit keinem Menschen verkehrt, denn sie glaubt, alle Leute, die sich ihr nähern, thun dies nur um ihres Geldes willen. Sie hat einen Sohn, der mit der Tochter eines Millionärs verheirathet ist, und ihre Schwiegertochter macht den größten Aufwand, den man sich nur denken kann. „Die Zeiten sind zu hart," sagt Hetty Green, wenn man sie über ihre Lebensweise zur Rede stellt, „und ich muß für meine Verwandten sparen!" In Brooklyn kennt die Frau mit dem schwarzen Sack jedes Kind, aber kein Mensch hatte eine Ahnung, daß die bescheidene Spazier- gängerin und Mietherin in einem der einfachsten Boarding- häuser die Besitzerin von 60 Millionen ist. Erst der „World", die bedeutendste Zeitung Newyorks, enthüllte das Geheimniß und eines Tages wurde Newyork von der Nachricht überrascht, wer eigentlich die schlichte Hetty Green aus Brooklyn sei. Frau Green ist gegenwärtig 58 Jahre alt und ihr Vermögen stammt von ihrem Vater Robinson, der sich in Neu-England angesiedelt hat und dessen Ländereien kolossalen Werth erhielten. Ihre ganze Verwandtschaft ist so reich und in jeder Familie findet sich ein so geiziges, rigoroses Subject, wie es Frau Hetty Green ist. Auch eine Tochter besitzt die Frau, Sylvia mit Namen, die von einem einzigen Verwandten 5 Millionen geerbt hat! Nur mit vieler Mühe veranlaßte man das Mädchen, das gleich fromm ist, wie die Mutter, in die Gesellschaft zu gehen, doch nur ein einziges Mal erschien sie daselbst, um sich sofort voll Abscheu von der Frivolität der Großen abzuwenden. Frau Green führt ein Buch, in dem jeder Cent verzeichnet ist, und als sie noch mit ihren Verwandten lebte, verlangte sie, daß jedes einzelne Familien- mitglied gleichfalls Buch führen müsse. Als einst das Ausgabenbuch ihres Sohnes um 10 Cents nicht stimmte, drohte sie, ihn zu enterben. In Verwahrung der Bank, in der sich ihr Vermögen befindet, liegt auch der Schmuck Hetty Green's, ein nach unzähligen Millionen zu be- werthender Schatz — alter Schmuck aller Art, welcher der Frau durch Erbschaft zufiel. Das Zimmer, das sie in dem Boarding-House, einem der schmutzigsten der Gegend, bewohnt, ist ein Loch von der Ausdehnung von neun englischen Quadratfuß, so eng, daß sie dort nicht essen kann und in die Küche gehen muß, um ihre Mahlzeit einzunehmen. In der Küche wäscht sie auch ihre Wäsche und hängt sie zum Trocknen über dem Waschtische aus, zu welchem Zwecke sie sich mehrere Stricke darüber anbringen ließ. Der Geiz der Frau grenzt an Wahnsinn und ist vielleicht Wahnsinn, der sich vererbt zu haben scheint, denn ihre Tochter Sylvia faselt gleichfalls stets davon, daß sie einst arm im Asyle werde sterben müssen und daher zu größter Sparsamkeit gezwungen sei. ->»- -t- »-- Zu unseren Bildern Dildrr au» Palästina. Kreuzweg mit demHooo llomo-Bogen. Unweit des Aufstieges zur türkischen Kaserne beginnt die Via äotoroea, der Schmerzensweg, auf welchem der Heiland das Kreuz bis nach Golgatha getragen haben soll. An der Kreuzung der zum Herodesthore führenden Gasse befindet sich das Kloster der lateinischen Zionsschwestern. Hier schwingt sich ein Thorbogen über die Straße, den man den Leos bomo-Bogen oder Bogen des Pilatus nennt, wo letzterer Jesum der Menge gezeigt und ausgerufen haben soll: „Lvos bomo l Sehet, welch ein Mensch!" Daneben ist ein einfaches Kirchlein in den Felsen eingehauen. Die kleine Großmama. Lischen spielt heute Großmama. Dort im hohen Lehnstuhle pflegt sie immer zu sitzen, die gute Frau, um beim Schälchen Kaffee den Neuigkeiten zu lauschen, die Großpapa ihr vorliest. Lischen hat Großmütterchens Kleid angelegt, das weiße Häubchen auf den Kopf gesetzt, den Zwicker auf das Naschen geklemmt und sieht nun schier so aus, wie Großmama selbst. Auch das Strickzeug darf nicht fehlen und für einen Fußschemel sorgt soeben Brüderchen. Nun ist die Großmama fertig und Lischen weiß sich in ihre Stelle gut zu finden. Arithmogryph. Mein 1—7 merk, das Ganze Ist eine allbekannte Pflanze. 1 2 3 4 5 ist sehr schlau, 7 6 5 liegt auf der Au', Doch nur bei Winters Sturmgebraus; 7 6 dient dir oft zum Schmaus. 5 3 4 2 4, noch zum Schluß, Bekleidet öfters deinen Fuß. Auflösung des Königszuges in Nr. 20: Die Weisheit gleicht der schönen Spröden, Man muß ihr täglich Weihrauch streu'n, Ihr früh sein ganzes Leben weih'n, Um ihrer Liebe werth zu sein. (Götter.) -