„Augsburger Postzeitung". ^L25 Dienstag, den 27. März 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Fri'ck in Augsburg. Track und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesrtzcr vr. Max Huttler). Astern. Jst's nicht Frühlingsahnen, Das uns leis umweht? Auf den sonnigen Planen Liebliches Grün ersteht. Durch die dämmernden Lande Gehet ein altes Lied, Und dem beengenden Bande Jeder Keim nun entflieht. Herz, Du wartest schon lange, Ob Dein Frühling auch naht Und aus Kummer und Dränge Dir erscheinet ein Pfad. Frühling will es nun werden, Ostern läuten sie ein, Soll's nur Dir auf der Erden, Dir nicht österlich sein? Heut' vom Erlösergrabe Wehet herüber ein Hauch; Glauben, Glauben nur habe, Und Du spürest ihn auch. Adolph Müller. -— Die Tochter des Hauses. Erzählung von C- Borges. (Fortsetzung.) Die Nachricht von der Erkrankung der Kinder verbreitete sich mit Blitzesschnelle im ganzen Schlosse und erfüllte jedes Gemüth mit Furcht und Schrecken. Oberst Dornburg und Graf von Eckernstein zogen es vor, unter diesen Umständen schleunigst abzureisen. Der Arzt konnte nur Barbaras Aussage bestätigen. Es unterlag keinem Zweifel, die Kinder hatten alle drei das Scharlachfieber, denn auch Edmund hatte es viel bequemer gefunden, im Bette zu liegen und sich bei seinen Kopfschmerzen hätscheln und pflegen zu lassen, als im einsamen Schulzimmer allein bei einem Märchenbuche zu sitzen. Eveline war sehr krank; für die beiden Knaben war noch kein Grund zur Besorgniß vorhanden. „Fräulein Morden, wollen Sie nicht lieber abreisen? Wir dürfen Sie hier der Gefahr der Ansteckung nicht aussetzen," hatte der Schloßherr in seiner ernsten Freundlichkeit der Gouvernante vorgeschlagen, und erstaunte über den energischen Ton, als sie entgegnete: „Nein, Herr v. Garkau. Um keinen Preis der Welt würde ich jetzt das Schloß verlassen!" Die Freifrau war nur mit Mühe zu bewegen, einen Augenblick von Alex' Bett zu weichen, um ihrem Vetter „Lebe wohl" zu sagen, der noch immer gehofft hatte, einen Blick von Barbara zu erhäschen — allein vergebens. „Liebe Eveline," sagte er theilnehmend, als er die bleichen Wangen und die tiefbeschatteten Augen seiner Cousine sah, „wenn Du Dich jetzt am ersten Tage schon so aufregst, so wirst Du die Pflege nicht lange aushalten und selbst krank werden!" „Oh nein!" versetzte sie mit bebenden Lippen, „Fräulein Morden sorgt für mich. Ich wüßte nicht, was wir jetzt ohne sie machen sollten, denn auf Gleichen kann ich mich in Krankheitsfällen nicht verlassen sie ist zu alt. Es thut mir so leid, daß Du so schnell fort willst, aber-" „Ich freue mich, daß ich weiß, Du und die Kinder seid in treuen, sicheren Händen," unterbrach er. „Eveline, ich muß gestehen, Du hast einen Edelstein in Deiner Gouvernante gefunden, — sie ist treu wie Gold. Wenn sie nur nicht auch krank wird. Ich weiß, daß sie das Scharlachfieber schon gehabt hat, und hoffe daher, daß sie gegen Ansteckung gesichert ist." Trotzdem ihre eigene Sorge alle Gedanken einnahm, bemerkte die Freifrau doch den leuchtenden Blick im Auge des Vetters, als er von der Erzieherin sprach. Er bemerkte das Erstaunen, zuckte lächelnd die Achseln und fuhr unbeirrt fort: „Ja, Eveline, trotz aller Deiner Warnungen ist mein Herz doch so thöricht gewesen, sich ganz sterblich zu verlieben. Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich ein offenes Auge hatte, und ich sage Dir, Niemand anders als Barbara Morden soll meine Gattin werden, oder — ich sterbe als alter, verbitterter Junggeselle. — Ich weiß, es würde heute ganz unnütz sein, darauf bestehen zu wollen, sie zu sehen und ihr meine Liebe offen auszusprechen, aber — —" „Sie würde um keinen Preis das Krankenzimmer 182 verlassen. Die arme Eveline fängt laut an zu weinen, wenn sie einen Augenblick von ihrem Bette weicht." „Ich weiß es; Gottfried hat es mir gesagt. — Du hältst mich gewiß für thöricht, Eveline, aber ich gestehe Dir, Fräulein Morden hat mich vom ersten Augenblick an unwiderstehlich angezogen. Ich — — aber nein, ich will Dich heute mit meinen Liebes-Nhapsodien nicht belästigen, dafür ist jetzt nicht die rechte Zeit. — Sage mir nur, daß Du mir nicht zürnst, Eveline. Wir sind ja immer gute Freunde gewesen — und die Kinder halten mich auch gern." Die Stimme des jungen Mannes zitterte, als er der drei Kleinen gedachte, die er zu so manchen tollen Spielen verleitet hatte, und die jetzt so jäh auf das Krankenlager geworfen waren. Die arme Mutter brach bei dieser sichtlichen Erregung in Thränen aus, doch Arthur schlang seinen Arm um sie und tröstete sie. „Beruhige Dich, Eveline, es wird noch Alles gut werden. Sieh hier, — willst Du Barbara dies Briefchen geben? Es mag lange währen, bis ich sie wiedersehe, und sie soll doch wenigstens wissen, daß ich sie liebe. Und nun, Gott schütze Euch Alle, Dich, Barbara und die Kinder I Behalte guten Muth, die Kleinen sind ja sonst immer gesund gewesen; sie werden hoffentlich auch diesen Feind überwinden. — Du zürnst mir doch nicht, nicht wahr? Gottfried hat mir versprochen, mich täglich zu benachrichtigen, wie es hier geht, dann sehen wir uns hoffentlich bald in glücklicheren Tagen wieder." Frau von Garkau trocknete ihre Thränen und versuchte zu lächeln. „Du bist thöricht, Arthur, wirklich ganz thöricht! Wie willst Du's denn anfangen, um mit einer Gattin standesgemäß zu leben? Ohne Vermögen, nur auf Deine Gage angewiesen, ist das kauoi denkbar. Aber zürnen kann ich Dir darum doch nicht! Ich sollte Dich freilich nicht in Deinem Vorhaben bestärken, aber dennoch verspreche ich Dir, das Briefchen richtig abzuliefern, obgleich ich dabei gegen mein Gefühl handle. Was würde aber geschehen, wenn sie Deine Hand verweigern sollte; ich würde es nicht ertragen können, wenn Du unglücklich würdest, — Graf Eckernstein —" „Ich weiß, was Du sagen willst, glaubst Du denn, ich sei blind gegen die Aufmerksamkeiten gewesen, die er ihr zollte? Er ist gewiß ein guter, ehrlicher Mensch, und kein Wort zu seinen Ungunsten soll über meine Lippen kommen, aber dennoch, ich kann ihn mir nicht als Bar- bara's Gatten denken! Sie ist nicht ein Mädchen, das sich durch Titel oder Rang blenden ließe. Der Himmel schütze sie. Wenn sie ihn aufrichtig liebt — nun — so möge sie glücklich mit ihm sein, selbst wenn mein kurzer Liebestraum auch elendiglich Schiffbruch darunter litt. Doch nun genug, leb' wohl, Eveline!" Oberst Dornburg hatte das Schloß verlassen. Noch einen langen schmerzlichen Blick warf er nach den dicht verhangenen Fenstern im oberen Stockwerk, hinter welchen er wußte, daß Barbara treue Krankenwacht hielt, dann trat er seufzend seine Rückreise an. Die Freifrau übergab sogleich, ihrem Versprechen gemäß, Barbara das Briefchen. Jedoch Eveline, die nur aus der Hand ihrer geliebten Erzieherin die Arznei nehmen wollte, nahm sie so sehr in Anspruch, daß sie, ohne es weiter zu beachten, und ohne die Aufschrift zu lesen, die Zeilen in Evelines Geschichtenbuch auf einem Seitentische legte. Verarme, enttäuschte Oberst! Täglich und stündlich wartete er auf Antwort und seine Unruhe wurde immer unerträglicher. Er konnte ja nicht ahnen, daß um die übergroße Sorge für die Kinder das Briefchen vollständig vergessen und noch ungelesen in Evelinens Geschichtenbuch lag! So vergingen Tage und Wochen in banger Angst und Sorge. Bleich, abgehärmt, aber thränenlos ging die geängstete Mutter von einem Liebling zum anderen. Sie selbst war keine gute Pflegerin, und bewundernd folgten ihre Blicke Barbara, die die kleinen Leidenden mit unermüdlicher Liebe hegte und pflegte. Täglich setzte sie größeres Vertrauen in die Gouvernante, die ihr jetzt eine treue Freundin geworden war, und befolgte sogar ihren Rath, sich Ruhe und Schlaf zu gönnen, wenn der Zustand der Kinder erträglich war. Barbara selbst schien mit übernatürlichen Kräften begabt zu sein. Es waren ja ihre eigenen lieben Geschwister, die sie pflegte, und dieser eine Gedanke verscheuchte alle Müdigkeit, machte jede Anstrengung leicht. Der Arzt hatte längst gerathen, eine erprobte Krankenwärterin aus der nahgelegenen Stadt kommen zu lassen, doch dieser Vorschlag war von Barbara energisch verworfen worden. — Dem Schloßherrn waren diese traurigen Wochen zum Segen geworden, denn jetzt erst, in den Tagen der Noth, brach die Liebe zur Gattin und zu den Kindern, die so lange in seinem Herzen geschlummert hatte, sich völlig Bahn. Gemeinsame Sorge, gemeinsames Gebet zur Erhaltung der Kinder hatten die Gatten fester vereint, als gemeinsames Glück es vermocht hatte. Barbara merkte es und sie freute sich. Ja, noch mehr, das Herz der Mutter schlug jetzt ebenso sehr in banger Sorge um ihr Töchterchen, sie liebte es mit derselben Innigkeit, wie die beiden Knaben. Endlich hatte das Fieber seinen Höhepunkt erreicht; für Eveline war die gefürchtete Krisis gekommen. Das Kind wälzte sich in wilden Fieberphantasien in ihren Kissen und erkannte nicht einmal ihre treue Pflegerin, die keinen Augenblick von ihrer Seite wich. Endlich, gegen Morgen, fiel sie in einen ruhigen Schlummer, und freudestrahlend erklärte der Doctor die Gefahr für überwunden. Das war ein Sonnenblick; Jedes athmete erleichtert auf. Doch ach, bald sollte die kurze Freude getrübt werden. Der Zustand der beiden Knaben wurde gegen Abend höchst bedenklich! Niemand wagte das Krankenzimmer zu verlassen, selbst der Arzt blieb, um mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht dem Tode seine Beute zu entreißen, der schon seine knöcherne Hand ausstreckte, um die zarten Knospen grausam zu knicken. Eveline schlief ruhig der Genesung entgegen; sie hatte keine Ahnung, daß ihre kleinen Bruder mit dem Tode kämpften. Der Schloßherr war vollständig gebrochen. Es war ihm unerträglich, allein in seinem Zimmer zu bleiben; regungslos stand er über Edmunds Bett gebeugt, jeden Augenblick den letzten Athemzug erwartend. Der Arzt und Barbara kämpften gemeinschaftlich, um dem Todesengel, der schon seine schwarzen Schwingen ausgebreitet hatte, Schritt für Schritt entgegen zu treten. Endlich konnte es der Vater hier nicht länger ertragen, 183 er verließ das Zimmer, doch an der Thür stand er still und winkte Barbara. „Kommen Sie zu mir, Fräulein Morden, und sagen Sie mir, wenn — —" Er konnte nicht weiter sprechen, doch Barbara verstand ihn und flüsterte ihm zu: „Ja!" Ein heißes, unwiderstehliches Verlangen wurde in ihrem Herzen rege, sich schon jetzt in seine Arme zu werfen und ihn zu trösten. Doch es war keine Zeit dazu; sie mußte zu ihren Brüdern zurück, die mit dem Tode kämpften. — Allein ging der bekümmerte Vater in sein Arbeitszimmer, um hier einsam die Todesnachricht zu erwarten. Es war bitter kalt; schon lange war das Feuer erloschen, aber er merkte es nicht. In tiefen Gedanken versunken saß er da und stützte sein sorgenschweres Haupt. Warum konnte er auch gerade jetzt in diesen Trauertagen den Gedanken an seine vernachlässigte Tochter nicht aus seinem Sinne bannen? Er gedachte an Nora, seine erste, heißgeliebte Gattin — an seine Lieblosigkeit, die ihn nicht vergeben und vergessen ließ. Er sah sie sterbend in seinen Armen, hörte das leise Wimmern des kleinen, hilflosen Wesens, welches sie ihm als Unterpfand ihrer Liebe gelassen hatte! Er schlug mit der Hand gegen die Stirn! — Dann stand ihm das Bild seines kleinen, sterbenden Edmund vor Augen. Er war ja der Sohn und Erbe, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte, der Sohn seiner Gattin, der er so wenig Liebe entgegen gebracht, aber deren treues Herz er erst jetzt erkannt hatte. Mit einem leisen Angstschrei fiel sein Haupt auf den Tisch. Mußte er die Hingabe seiner beiden Söhne nicht als gerechte Strafe für die Verbannung seiner ältesten Tochter hinnehmen? Er stöhnte laut. In diesen schmerzlichen Gedanken versunken, hörte er nicht den leisen Schritt auf der Treppe, hörte nicht das Klopfen an der Thür, erst als Barbara leise öffnete und jetzt vor ihm stand, blickte er auf. — Sein Blick war durch Thränen verschleiert, er sah nicht ihr freudig aufleuchtendes Antlitz; er wußte ja, daß sie ihm die Todesnachricht überbrachte. „Sagen Sie es mir nur, Fräulein Morden, ich kann's ertragen." „Aber das ist es ja nicht", rief sie mit vor Freude bebender Stimme, „sie sind besser — — sie sind beide besser. — Edmund wurde bald ruhiger, nachdem Sie fort waren; jetzt ist auch Alex außer Gefahr! Beide schlafen, und der Arzt hofft, daß sie bald genesen werden. Das war > zu viel. Die Freude nach diesem Schmerz war mehr, wie der erregte Vater ertragen konnte; er bedeckte sein Antlitz mit den Händen und weinte laut. Jetzt konnte auch Barbara nicht länger an sich halten, sie kniete an seiner Seite und schlang beide Arme um seinen Hals. „Vater! lieber Vater! weine nicht," flehte sie und versuchte seine Hände vom Gesicht zu entfernen. Er hörte die seltsamen Worte und blickte verwundert und erschreckt auf. War es denn nur eine Sinnestäuschung, ein Spiel seiner wild erregten Phantasie, die ihm in den letzten Stunden so lebhaft die Erinnerung an seine vernachlässigte älteste Tochter vorgegaukelt hatte? — Es war ja nur Fräulein Morden, die Erzieherin seiner Kinder, die an seiner Seite kniete. Hastig trocknete er seine Thränen und schaute in das bleiche Gefichtchen, das sich so fest an ihn schmiegte. „Habe ich Sie erschreckt; — war ich zu erregt, Fräulein Morden? Verzeihen Sie mir, aber die Nachricht kam so unerwartet." Seine Stimme zitterte; nur mühsam konnte er die Worte hervorbringen. „Sie sind so gut gegen uns Alle gewesen", fuhr er dann tief bewegt fort. „Ich weiß nicht, was wir in dieser schrecklichen Zeit ohne Sie hätten anfangen sollen!" „Gut — gut?" wiederholte Barbara leidenschaftlich. „Oh, mein Vater! verstehst Du mich denn noch nicht? ich bin Barbara — Deine älteste Tochter Barbara!" „Barbara?!" stammelte er und wurde leichenblaß. „Ja, ich bin Barbara! Sieh, hier ist ein Brief, den ich heute von Tante Agnes bekommen habe, und hier sind die Briefe, die Du mir früher geschrieben hast!" Er nahm sie mechanisch in seine zitternden Hände, doch er konnte sie nicht halten, — sie fielen zur Erde. Er zweifelte nicht, sein eigenes Herz sprach laut und deutlich; er schloß sie in seine Arme und schaute lange und innig in die dunkeln, freudestrahlenden Augen. »Ah, jetzt verstehe ich es auch endlich", murmelte er dann, als er sie wieder und wieder geküßt hatte. „Es war die bekannte Stimme — die leichten, zierlichen Bewegungen — ganz wie Deine arme Mutter! Aber Du siehst ihr sonst gar nicht gleich, und dennoch fand ich einen Zug in Dir, der mich mit unwiderstehlicher Gewalt anzog. Mein Kind, ich bin Dir kein guter Vater gewesen — ich habe nicht verdient, was Du an uns gethan hast. Vergib mir, Barbara." Statt aller Antwort hielt Barbara ihren Vater innig umschlungen, ihr Haupt sank auf seine Schulter, und Freudenthrünen netzten ihre Wangen. „Vater — lieber Vater — ich habe Dir nichts zu vergeben", schluchzte sie. „Tante Agnes hat mir alles von meiner Mutter erzählt, und ich — — ich wollte nur sühnen, was sie Dir gethan hat." „Wie edel, wie hochherzig, nachdem ich Dich so vernachlässigt habe. Aber in Zukunft soll es anders werden. Er wollte sie nicht mehr aus seinen Armen loslassen und drückte sie leidenschaftlich an sich. „Nun erzähle mir, wie Du hierher kamst, Barbara", bat er, als er sich beruhigt hatte. „Was wußtest Du von unserer erkrankten Gouvernante?" Barbara erzählte Alles. „Ich fürchte, Tante Agnes ließ Dich nicht gern hieher kommen," meinte er, als sie geendet hatte. „Vor einigen Tagen bekam ich einen Brief von ihr, der mir so gereizt schien, daß ich die Ursache nicht erklären konnte. Aber jetzt verstehe ich ihn." „Die gute, liebe Tante! Ja, sie sah es sehr ungern und wollte mir den Plan absolut ausreden. — Aber," fügte sie mit schelmischem Lächeln hinzu, „ich habe immer meinen Willen durchgesetzt — sie hat mich ein wenig verwöhnt." „Dein Wille hat jetzt glänzend über mich und über uns Alle gesiegt! Was würden wir ohne Dich angefangen haben, Barbara? Du hast meiner Frau, meinen Kindern wie ein guter Engel treulich zur Seite gestanden!" 184 „Vater, sind sie nicht meine Geschwister? Oh, wenn Du gewußt hättest, wie sehr ich mich nach Euch gesehnt Habei Und — meine Stiefmutter ist immer gütig gegen mich gewesen, ich liebe sie, und sie liebt mich auch. Willst Du ihr sagen, wer ich bin? Vielleicht wird sie mir zürnen, daß ich mich unter falschem Namen hier eingeschlichen habe. Aber ich bin ja Dein Kind, und sie liebt Dich; um Deinetwillen wird sie mir nicht zürnen." „Eveline l Ja, sie liebt mich; in Zukunft will ich ihre Liebe zu verdienen suchen — und Deine auch", fügte er seufzend hinzu. * * * Der Morgen dämmerte, als Barbara das Arbeitszimmer ihres Vaters verließ. Sie eilte in das Kinderzimmer. Alle drei Kinder schliefen ruhig und athmeten gleichmäßig; selbst Gleichen, die Wache halten wollte, war sanft eingeschlummert. Ihr Herz strömte über vor Freude und Dank; in ihrem Zimmer war es ihr zu eng, sie eilte in den weiten schneebedeckten Garten und beruhigte ihr aufgeregtes Gemüth in der frischen, kalten Morgenluft. Die Thür des Wohnzimmers stand offen; sie hörte ihren Vater mit der Stiefmutter reden; wie würde sie seine Enthüllungen aufnehmen? Sie hatte unter falschem Namen sich Einlaß erzwungen, und das war Betrug, so harmlos er auch an und für sich war, aber würde die Stiefmutter ihn vergeben? Ihr Herz klopfte, als nach wenigen Minuten ihr Vater ihren Namen rief, und schüchtern und mit bleichem Antlitz betrat sie das Gemach. Die Stiefmutter stand mit ausgebreiteten Armen und drückte sie fest an sich. „Also Du bist wirklich Barbara?" rief sie ihr jubelnd entgegen, „Gott segne Dich, mein Kind, und lohne Dir alles Gute, was Du an uns gethan hast! Oh, wenn ich noch daran denke, mit welchem Vorurtheil ich anfänglich Deine Ankunft hier befürchtete! Vergib mir, Barbara, ich wußte nicht, was wir mit Dir gewinnen würden I Oh I wie werden sich die Kinder freuen, wenn sie hören, daß ihre geliebte Gouvernante jetzt ihre Schwester ist!" „Zürnst Du mir auch nicht, daß ich Euch betrogen habe?" fragte Barbara schüchtern. „Ich sollte Dir zürnen? Dir, die Du in dieser schweren Zeit so viel für uns gethan hast, und noch dazu jetzt, da Gott der Herr mir meine Kinder wieder geschenkt hat? Nein, Barbara, ich zürne Dir nicht!" Und innig umarmten sich die beiden Damen, während der Vater, von Dank und Freude erfüllt, tief bewegt seine Augen gen Himmel schlug. (Schluß folgt.) --S-W8NS- Don Bosco in England. p Angeregt durch einen interessanten Artikel über die sogenannten Lumpenschulen in London (Unterhaltungsblatt Nr. 21), der mit dem Ausruf schließt: „Hätten wir doch auch einen Don Bosco für England!" erlaube ich mir die Notiz: Er ist ja schon dort eingebürgert. Seine Salesianer wirken seit mehreren Jahren sin London, und am 13. Oktober 1893 haben sie in der Vorstadt Battcrsea, dem Ort ihrer ersten Niederlassung, ein herrliches Fest gefeiert. Wo einst, am linken Ufer der Themse, der Garten des Sir Thomas Morus sich befand, da erhebt sich heute eine stattliche Herz-Jesu-Kirche. Zweitausend, meist arme Katholiken bilden die Gemeinde; sie haben schwere Tage gekannt und mußten, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen, große Opfer bringen. Einige Jahre vor der Niederlassung der Salesianer hatte eine fromme Dame der Vorstadt B. das Geschenk einer Nothkirche gemacht, die aber im vorigen Jahre abgetragen werden mußte. Dieselbe Dame wird es wohl auch gewesen sein, welcher London später die Salesianer verdankte. Sie kam nämlich mit seltener Ausdauer immer und immer wieder zu Don Bosco mit dem Ansuchen, er möge sein Institut auch nach England verpflanzen. Trotz der riesigen Zunahme seiner geistlichen Familie konnte er die Bitte nicht gewähren, da von zu vielen Seiten das gleiche Ansinnen an ihn gestellt wurde. Sie ließ aber nicht nach und fragte ihn eines Tages, ob er denn unter keiner Bedingung ihr Hoffnung gebe, und er, vielleicht in der Meinung, sich hiemit Ruhe zu verschaffen, erwiderte: „Nur des heiligen Vaters Wunsch oder Befehl könnte mich bestimmen." Sofort machte sich die Dame auf den Weg nach Rom, wo sie bald das ersehnte Ziel erreichte. Binnen Kurzem ließen sich mehrere Salesianer unter sehr bescheidenen Verhältnissen in London nieder. Man konnte, da die Gesellschaft Mitglieder aus aller Herren Ländern ausweist, eine Wahl treffen unter Italienern, Jrländern und Engländern, um den dortigen Katholiken gerecht zu werden. Gar rasch faßte die Anstalt Wurzel und entfaltete sich in erfreulichster Weise. Der beste Beweis hiefür ist die neue Kirche, deren Einweihung Veranlassung gab zu großen, herrlichen Kundgebungen katholischen Lebens. Ueber 8 Tage dauerten die Feste, Predigten, Conferenzen u. s. w. unter der Theilnahme eines zahlreichen Publikums, das von nah und fern herbeigekommen war, Arme und Reiche, Vornehme und Geringe, Katholiken und Protestanten, einheimische und auswärtige geistliche Würdenträger. Von der Gesellschaft der Sale- siancr hatte sich vor Allem Don Michael Rua, der würdige Nachfolger des Don Bosco, eingefunden, und außer ihm mehrere Obere von verschiedenen italienischen und französischen Häusern, zur besondern Freude überdies der Vorstand der patagonischen Mission, Bischof Don Cagliero. Von englischen Prälaten nennen wir Msgr. Butt, Bischof von Southwark, in dessen Diözese die Salesianer gehören, und Se. Eminenz Cardinal Vaughan, Erzbischof von Westminster. Die Consecration nahm auf Wunsch des leidenden Msgr. Butt Bischof Cagliero vor. Es muß die ganze Feier eine wahrhaft erhebende gewesen sein; doch ginge es zu weit, sie hier mit ihren Einzelheiten zu bringen; zum Schluß nur noch den Wunsch: Die Engländer haben ihren Don Bosco; wird die Reihe nicht an uns kommen? Goldkörnrr. Wer weiß, was rechte Hand, was linke sei, Dem stehet auch die Wahl des Guten stet. Tadle nie was Gott gemacht, Ew'ge Weisheit hat's erdacht, Ew'ge Allmacht bracht's Herfür, Ew'ge Liebe gab es Dir. K. 4 > 185 Auferstehung. Der Winter ging vorüber, und es ziehet Wie Gottes Engel auf der Lüfte Schwingen Der Frühling ein; es geht wie selig Singen Durch die Natur, und Alles sprießt und blühet. Als wie ein Lied zu Gottes Lob und Preise Zieht's in die Brust, zieht's durch der Erde Weiten Und nun ein Klang, ein Helles Glockenläuten Von Dorf und Stadt durchhallt die Luft im Kreise Und: Ostern ist! so bringt es frohe Kunde Der Menschenbrust; es geht von Mund zu Munde Der Freudenruf; er hallt von Land zu Landen Ja, Ostern ist's. Im holden Frühlmgsweben Bricht aus dem Grabe selbst ein neues Leben. Die Gruft ist leer: Der Herr ist auferstanden! GWD 186 Die fünf Finger. OO Wer erinnerte sich nicht aus seiner Kinderzeit des Märleins von den fünf Fingern? Nicht jeder aber wird dabei des Geheimnisses gedenken, daß dieses Kindermärchen das letzte Ueberbleibsel ist eines alten Glaubens, der in den indischen Gesetzbüchern nicht minder wie in den germanischen sich vernehmen läßt und die Vorstellung bildet, daß jeder Finger einer anderen Gottheit heilig ist. Das deutsche Recht gab jedem Finger eine besondere Beziehung zur Gottheit und dementsprechend ein verschiedenes Wergeid. Nach dem Alemanennrecht büßte derjenige, welcher seinem Gegner den Daumen abhieb, gleich viel wie der, welcher den kleinen Finger beschädigte, nämlich mit 12 Schillingen, ähnlich wie im genannten Märchen diese beiden Finger in der Werthschätzung sich gleichstehen; wer den Zeigefinger abhieb, wurde mit 10, wer den Mittelfinger: mit 6, wer den Ringfinger: mit 8 Schillingen bestraft. Der Daumen war der besondere Liebling der Gottheit. Den Raum zwischen ihm und dem Zeigefinger nannte man die Wotansspanne, Wotan war der Gott des Glückes und des Glücksspieles. Daher „hält man Einem", dem man das Spielglück zuwenden will, den „Daumen", und der Aberglaube will, daß man für den gleichen Erfolg sich den Daumen eines gehenkten Diebes verschaffe. Gewaltthat heißt: „Einem den Daumen auf's Auge setzen." Als der Schuster von Lauingen sich zum Zweikampf mit einem Niesen stellen sollte, gelobte er es damit, daß er statt des Handschlages den Daumen aus seiner Hand hergab und nach dem siegreichen Kampfe für seine Vaterstadt das Recht erbat, mit rothem Wachse siegeln zu dürfen. Auch im Hexenwesen spielt der Daumen eine Rolle. Betrügerische Wirthe und Krämer müssen nach ihrem Tode umgehen und ihren Daumen aus- schreien; er heißt deshalb „Kaufleutefinger", das damit gezählte Geld „Daumenkraut." Des Daumens Nachbar wird in einem Rechte der „Schußfinger", der „Bogenspanner" genannt, der die Pfeile von des Bogens Sehne schnellt. Er ist der weisende, Zeigefinger. Seine zahlreichen Spottnamen erinnern an seine sinnliche Naschhaftigkeit; er erscheint auch als der Dieb in allen Spielsprüchen. Der Mittelfinger hat seiner Länge und Größe wegen die meisten Namen; er gilt als Schnapp- hahn, der alles vorwegnimmt, als ein überall sich einmengender Hauskobold. Er heißt nur der „helle Finger", gegenüber dem goldhellen Ringfinger und dem alles in Gold verwandelnden Daumen. Höchst bedeutungsvoll ist der Goldfinger. Den Ring trägt der Mensch an dem vierten Finger, der heißt der „Herzfinger", sagt Geiler von Kaisersberg, und ein Zeitgenosse von ihm: „Und wird der Brautring an den vierten Finger gesteckt, von welchem die Adern zum Herzen gehen, anzuzeigen, daß die Lieb' soll herzlich sein." Altnordisch wird er „Brautfinger", „Goldenringer", „Goldinger" genannt, nicht bloß weil er den Ring trägt, sondern weil er der Freudebringer ist. Er ist nicht minder der Arzneikundige; schon Plinius heißt ihn ,,«U§itu8 insätons"; er legt im Märchen den Daumen in's Bett, deckt ihn zu, thut ihm Zucker in den Brei und gibt ihm die Krankensuppe. Er erprobt auch die Reinheit beim Gottesurtheil der Feuerprobe, daher: „Sich die Finger verbrennen." Der kleine Finger, der „in das Ohr grübelt", ist ein Ohrenbläser und Angeber; wie er bei Gericht alles angibt, so bringt er im Hause allen Geschwistern ihre Unart aus, und der Vater behauptet dann: der kleine Finger habe ihm alles gesagt. Ehedem hatte er ein heiliges Amt; man malte und ölte Runen auf seinen Nagel und las die Zukunft daraus, und noch Geiler von Kaisersberg eiferte gegen das Beschreiben und Beschauen der Fingernägel: „Wie geht's zu mit den Wahrsagern, die wahrsagen und gestohlen Gut durch Gesicht wiederum bringen? Sie machen Gesichte auf ein Nagel, salben den mit Oel und muß eine Jungfrau, ein Kind, das lauter ist und rein und unverfleckt, sein, und das muß in den Nagel sehen und sagen, was es in dem Nagel sieht." Aus diesem festen Glauben an die Geheimkraft der fünf Finger läßt sich der deutsche Gerichtsbrauch des sogen. Kesselfanges begreifen. Wir heute nehmen die Phrase „sich die Finger verbrennen" als uneigentlich und mildern sie noch durch die neuere: „die gebratenen Kastanien aus dem Feuer holen." Allein das Alterthum machte vollen Ernst und erprobte die Schuld und Unschuld, indem es verlangte daß der Bezichtigte, um seine Reinheit zu bewähren, die grünen Loossteine aus dem siedenden Kessel heraushole. -—I-M,-—- Allerlei. Mit den „kleinen Pariser Gewerben" beschäftigt sich ein neu erschienenes Buch von Guy Tomel, „sh,6 i>L8 än pavs Uria-isisn" betitelt. Die Darstellung geht aus von der „Vier-Sous-Herberge" in der Rue Saint-Denis, unweit der Seine. Sie zeigt sich äußerlich als ein altes Haus, das sich in nichts von seinen Nachbarn unterscheidet, inwendig aber zeichnet sie sich durch eine ungewöhnliche Bauart aus. Das Gebäude reicht mit mehreren festgcmauertcn Kellerstockwcrken tief in den Boden hinein; ebenso viele Stockwerke erheben sich über der Erde, nur durch enge Wendeltreppen mit einander verbunden. Oben und unten, im Schooße der Erde und unter dem Dache, wimmelt es hier zwischen Mitternacht und 6 Uhr Morgens von Leuten jeden Alters und jeden Standes, die obdachlos sind und für 4 Sous das Recht erwerben, auf dem Boden gelagert, längs der Tische und auf den Bänken Nachtruhe zu halten. Sie bekommen obendrein einen Teller warme Suppe, für weitere 10 Centimes einen zweiten, für 15 Centimes Brod und Käse, für 20 Centimes ein Glas Wein. Regelmäßige Gäste der „MaisonFradin" sind die „Bagotiers", deren Zahl sich in Paris auf über tausend beläuft. Diese Leute haben ihren Standplatz an den Bahnhöfen und verkehrsreichen Plätzen, ihr Geschäft ist es, den Fahr- gästen der Droschken die Koffer ins Haus zu tragen. Häufig stehen sie mit den Kutschern im Einvernehmen, welche ihnen mit der Peitsche ein Signal geben, ob der Bestimmungsort der Reisenden weit oder nahe gelegen ist. Uebersteigt die Entfernung 2 Kilometer nicht, so läuft der Bagotier der Droschke nach. Man rechnet auf sechs oder acht Fälle einen einzigen, wo der Reisende die Dienste des Bagotiers annimmt und durchschnittlich einen Franken zahlt. — Die Pariser armen Teufel haben im Kampf ums Dasein noch viel sonderbarere Erwerbszweige ausgeklügelt. Da ist z. B. die Rattenfängerei mit abgerichteten Hunden in den unterirdischen Stadtgräben, besonders in der Nähe der Seine. Zur Zeit der Belagerung von Paris war der Absatz an Ratten ziemlich bedeutend, und der Preis für fette Exemplare § ^MWWÄWED^ MWM MMl WSL ^MWW WME '-DMWWM - -L.EM MWMMM M 'AiMWÄ-'M »MZ K/HW^^N L «L ^ r-MI!M8k«AW> WÄM-^ ' ^ -K MWM 8^5^e "' WMW ß'DGM iMMMO WMLM -ZWMMMlEW ^ -M L-s. ^«UMW WM»lUNZ! Abend. Wand'rer folgt im Abendlichte Rubesam der Sonne Lauf, Da, im hehren Ferngesichte, Steigt die Heimath vor ihm auf, Wie er einstmals sie verlassen, Als er noch ein Jüngling kaum, Wie ihm, ohne zu verblassen, Oft ihr Bild erscheint im Traum. Martin Greif. 188 stieg bis auf drei und vier Franken. Heute hat der Eifer der Rattenfänger etwas nachgelassen, da sich für dieses Gericht nicht mehr genug Liebhaber finden. Ferner verdienen die Schutzengel (^n§e-6Äräi6N8) besondere Erwähnung. Sie halten sich in gewissen Kneipen auf, die besonders von Gewohnheitstrinkern besucht werden. Ihr Beruf besteht darin, die Betrunkenen unter ihren Schutz zu nehmen und nach Hause zu bringen. Das Amt ist schwieriger, als man glaubt; denn es gilt, den Besinnungslosen nötigenfalls auf die Schultern zu nehmen und zu Hause ins Bett zu schaffen. Zu den erforderlichen Eigenschaften eines guten „Schutzengels" gehören in erster Linie körperliche Stärke, Nüchternheit, Charakterfestigkeit und Ehrlichkeit. Der „Auge-Gardien", der sein Geschäft versteht, darf nicht gestatten, daß sein Schutzbefohlener mit einem Passanten Streit anfängt oder Hand an sich selbst legt, darf auch seine Freigebigkeit nicht mißbrauchen, um so mehr, als man ihn am nächsten Tage des Diebstahls beschuldigen würde. Kurz, er ist für das Wohl und Wehe seines Klienten verantwortlich, bis dieser in Morpheus' Armen liegt. Dafür erhält der „Schutzengel" am nächsten Tage ein „Trinkgeld", zum Mindesten zehn Sous; Gewohnheitssäufer haben ein Abonnement, das zum voraus bezahlt wird. — Geht man an den Seine-Quais spazieren, so sieht man auf dem Flusse häufig Kähne mit kleinen Kajüten, die als Inschrift das Wort „Tvndeur" tragen. Man wird bald gewahr, daß die Besitzer der schwimmenden Kasten Hundescheerer sind, welche sich der großen und kleinen Köter mit geschickter Hand annehmen. Es werden da die Haare nach allen Regeln der Kunst gestutzt, die Thiere werden gebadet und gewaschen, mit oder ohne Anwendung von Insektenpulver. Das Verfahren kostet 3 bis 6 Franken, ein geschickter Hundefriseur verdient durchschnittlich zehn Franken den Tag. * Eine heitere Operation. Ein Chirurg in einem bekannten Pariser Hospital hatte kürzlich einen jedenfalls einzig in seiner Art dastehenden Fall zu behandeln. Ein Bauer war zu ihm gekommen mit der bestimmten Versicherung, er habe eine Schlange im Leibe; es sei schon einige Monate her, daß er sie, als sie noch ganz klein war, aus Versehen verschluckt habe. Heftiger Durst habe ihn damals veranlaßt, von dem Wasser eines Waldbachs zu trinken, und hierbei sei die Schlange mit in den Mund gelangt und auch sofort verschluckt worden. Seit der Zeit habe er keine ruhige Stunde mehr, er spüre ordentlich, wie das Thier von Tag zu Tag größer werde, bald sitze die Schlange in der Speise-Röhre, bald unten im Darm und kein Arzt habe ihm bis jetzt helfen können. Gutwillig ginge die Schlange nicht heraus — nun wohl, so wolle er sich denn einer Operation unterwerfen, möge daraus werden, was wolle. Der Chirurg, ein kluger Kopf, hatte sich bald davon überzeugt, daß alles nur auf Einbildung beruhe, er sah aber auch ein, daß der eingebildete Kranke bisher von seinen Aerzten thatsächlich falsch behandelt worden sei, insofern nämlich, als dieselben sich erlaubt hatten, den Bauern eines Besseren belehren zu wollen. Unser Chirurg ging also auf alles ein, die Operation wurde vorbereitet, der Kranke ausgestreckt von den Gehilfen festgehalten und ihm befohlen, ganz ruhig dazuliegen. Der Chirurg führte nun einen langen, ganz oberflächlichen Schnitt in der Magengegend aus, der die Haut nur ritzte, aber durch etwas Lammblut, welches der Chirurg in einem verborgen gehaltenen Schwämmchen bereitgehalten hatte, das Aussehen eines tiefen Schnittes erhielt. Gleichzeitig langte der Chirurg eine Schlange aus dem Aermel hervor und rief aus: „Gottlob, die Sache ist gut abgelaufen, hier ist der Störenfried." Man reichte die Schlange dem Bauern, nachdem man seine Wunde wohl verbunden hatte, und natürlich war derselbe hocherfreut und dankte dem Retter aus der Noth aufs herzlichste. Seine gute Laune und seine Gesundheit schienen auf dem besten Wege zu sein, in den Zustand vor seiner Krankheit zurückzukehren, als sich plötzlich eine düstere Melancholie des Armen bemächtigte. Eines Tages erschien er abermals bei dem Chirurgen: „Ach, mein Herr, mein Herr —," stöhnte er. — „Nun, was giebt's, mein Lieber?" fragte der Chirurg. „Um Gottes Willen — denken Sie, die Schlange, wenn sie Junge gehabt hätte!" — Einen Augenblick war der Arzt betroffen. Dann aber entgegnete er ruhig: „Aber ich bitte Sie, sie war ja männlichen Geschlechts!" Und der Kranke ward und blieb gesund von dieser Stunde an. Auch eine Wette. „Wetten Sie, meine Herren," sagte ein Janker an der Gasthoftafel, „daß ich Ihnen etwas zeigen kann, was niemals vorher gesehen wurde und keine lebende Kreatur jemals wieder sehen wird?" Die Wetten wurden gesetzt. Der Jankee nahm eine Nuß von der Fruchtschüssel, knackte sie auf und faßte den Kern zwischen Daumen und Zeigefinger. „Nun," rief er, „ich denke, Niemand von Ihnen hat diesen Kern vorher gesehen und ich denke" — dabei aß er den Kern auf — „Niemand wird ihn wiedersehen! Bitte, laden Sie ab!" ««« 4 —-- Ouadralriithset. In die Felder obenstebenden Quadrates sind die Buchstaben ^^^8888Ll888008.8.8. derart einzutragen, daß die Wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend bedeuten: 1. ein Gewand, 2. arabischer Name, 3. kirchliches Straf- mittel, 4. weiblicher Vorname. Lösung der Schachaufgabe in Nr. 23: Weiß. Scbwan. 1. S. 85 64 K. 84 85 2. S 04-86 s K. 85-04 >4-- l O oder K. 84-83 2 S. 04-82 -s beliebig 3. L. 04—83 matt 1. oder 05-84 2. D. 118-81 beliebig 3. S. 04 82 matt 1. oder 84-83 2. L. 04 85 (83) usw.