M „Augsburger Postzeitung". 26. Ireitag. den 30. März L8S4Z Wr die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Die Tochter des Hanfes. Erzählung von C. Borges. (Schluß.) Sechstes Capitel. Wochen waren vergangen. Ungewöhnlich früh war der Winter gewichen, und das frische, erste Grün des kommenden Frühlings sproßte lustig auf Wiesen und Feldern. Die Kinder waren genesen und standen jetzt nach langer, schwerer Krankheit am Fenster und sahen dem munteren Spiel der Sperlinge zu, die, von Barbara täglich gefüttert, schaarenweise sich eingefunden hatten. Frau v. Garkaus Herz strömte über von Glück und Dankbarkeit. Sie sah ihre kleinen Lieblinge sich täglich kräftigen, sogar Eveline, die früher so bleich und schwächlich gewesen war, schien nach der überstnndenen Krankheit gesund und stark zu werden, wie die Brüder. Noch mehr aber, — sie hatte die Liebe ihres Gatten gewonnen, der jetzt eifrig bemüht war, seine frühere Kälte durch verdoppelte Aufmerksamkeit zu sühnen. Die Freude der Kinder, als ihnen begreiflich gemacht wurde, daß Fräulein Morden nur ein angenommener Name, in Wirklichkeit aber die geliebte Gouvernante ihre Schwester Barbara sei, kannte keine Grenzen. Es däuchte ihnen fast so unglaublich, wie ein schönes Märchen aus ihrem Geschichtenbuche. Eveline wollte kaum von ihrer Seite weichen. Das Kind fühlte sich jetzt so froh und glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Sie war dem Grabe so nahe gewesen, daß jetzt, nachdem sie neu dem Leben und ihren Eltern wiedergeschenkt war, das Herz der Mutter mit derselben Liebe an der Tochter, wie an den Söhnen hing. Auch hatte Barbara in schonender Weise den Eltern angedeutet, wie tief das kleine Herz die Zurücksetzung gegen die Brüder gefühlt hatte. Barbara selbst war der Liebling der ganzen Familie. „Ihr verwöhnt mich alle ganz schrecklich," pflegte sie oft lächelnd zu bemerken, wenn sie sah, wie ein Jedes bemüht war, ihr einen Wunsch von den Augen abzulesen. Nur Tante Agnes war unzufrieden. Sie schrieb ihrer Nichte einen Klagebrief nach dem anderen und flehte inständig, zu ihr zurückzukommen, so daß Barbara ihr endlich einen längeren Besuch mit Eveline in Aussicht stellte. Von Oberst Dornburg wurde wenig gesprochen. Sein Brief lag noch unberührt und uneröffnet in Eve- ltne's Geschichtenbuch. Als die Kleinen außer Gefahr waren, hatte er in herzlichen Worten seiner Cousine seine Freude ausgedrückt. Dann hatte die kleine Eveline ihm die wunderbare Neuigkeit über Barbara mitgetheilt; er hatte dem Kinde geantwortet, gewiß nur, um ihm Freude zu machen, aber kein freundliches Wort, kein Gruß für Barbara war in seinen Zeilen zu finden. Frau von Garkau zweifelte nicht daran, daß Barbara den Brief gelesen und längst beantwortet habe, und schloß aus dem zurückhaltenden Wesen des Vetters, daß die Antwort zu seinen Ungunsten ausgefallen sein mußte, besonders, da er seinen Besuch auf dem Adlerhorst nicht wiederholte. Sie wagte jedoch nicht, offen mit der Stieftochter über den Vetter zu reden, sie ahnte auch nicht, wie sehr sich dieselbe nach Nachricht von ihm sehnte. Tadelte er sie, daß sie sich durch Betrug in das Haus ihres Vaters eingeschlichen hatte? Dieser Gedanke warf einen trüben Schatten in ihr glückliches Leben. So waren wieder Wochen vergangen. Da kam ganz unerwartet Graf Udo von Eckernstein. Er sehnte sich nach Veränderung, nach den heiteren, lustigen Kindern, sagte er, und wollte hier einige Zeit in diesem gastfreien Hause zubringen. Die Eltern merkten jedoch bald, daß Barbara allein der Anziehungspunkt war, die aber seine zahllosen Aufmerksamkeiten gar nicht zu beachten schien. Am selben Tage kam ein Brief von Onkel Arthur. Er wollte eine längere Urlaubsreife antreten und von seiner Cousine Abschied nehmen. „Das geht nicht an! Das dulden wir nicht! DaS ist zu arg!" riefen die Kinder im Chor. „Wasd Onkel Arthur will fort, ohne uns zu besuchen! Das ist unerhört!" Die Kinder wurden so aufgeregt, gaben in den lebhaftesten Ausdrücken ihre Entrüstung kund, daß der Vater, um sie zu beruhigen, den Vorschlag machte, dem Onkel eine Bittschrift zu schicken, die von Allen unterschrieben werden sollte. — Stürmischer Beifall lohnte diesen trefflichen Gedanken. „Jeder soll unterschreiben", jubelte Edmund, in die Hände klatschend. „Du, Mama und Barbara. Aber was sollen wir mit Alex machend Er kann seinen Namen noch nicht schreiben!" „Oh, damit werden wir schon fertig", entschied der Vater. Schnell wurde Mamas Briefmappe geholt, und 190 nach dem Dictat der Kleinen, die zahllose Gründe angaben, daß der Onkel unbedingt zu ihnen kommen müsse, schon um Eveltne wiederzusehen, deren Haar nach der Krankheit kurz abgeschnitten sei, wurde der Brief geschrieben. Eveline und Edmund unterschrieben zuerst, da nahm Alex die Feder und machte drei Kreuze, hinter denen die Mutter seinen Namen schrieb. Er hatte in seinem Eifer natürlich zu viel Tinte genommen, und große Flecke waren nicht vermieden. Dann unterzeichneten Vater und Mutter, zuletzt Barbara. Eveline ließ es sich nicht nehmen, selbst die Adresse zu schreiben, und eigenhändig warf sie den Brief in den Postbeutel. Jetzt mußte der Onkel kommen. In freudiger Erregung eilten sie am folgenden Morgen in das Frühstückszimmer und waren schmerzlich enttäuscht, zwischen den angekommenen Briefen nicht die erwartete Antwort zu finden. Sie wollten oder konnten es kaum begreifen, daß der Onkel erst selbst heute den Brief bekommen haben und daß die Antwort erst morgen kommen würde. Doch so lange sollte ihre Geduld nicht auf die Probe gestellt werden. „Ich komme heute Nachmittag!" so lautete ein Telegramm, welches bald darauf Jubel und Freude hervorrief. Nur Graf von Eckernstein schien mißvergnügt. Er erblickte in dem jungen Offizier einen gefährlichen Rivalen, und da Barbara nur wenig Hoffnung in ihm erweckte, ihn zu neuen Huldigungen durchaus nicht er- muthigte, sah er dem neuen Besuche nur ungern entgegen. Oberst Dornburgs Entschluß, gar nicht mehr nach dem Adlerhorst zurückzukehren, wurde durch Barbaras Unterschrift vollständig umgestoßen; jetzt konnte er kaum die Zeit abwarten, bis er wieder in diesem fröhlichen Kreise, inmitten der jubelnden Kinderschaar war. Alle erwarteten ihn auf dem Bahnsteig. Die Kinder jauchzten vor Freude, zogen Barbara herbei, die er jetzt als ihre Schwester begrüßen sollte. Er streckte ihr die Hand entgegen. Doch das junge Mädchen legte nur schüchtern ihre zitternde Hand hinein, die sie gleich wieder entzog. Purpurgluth wechselte mit tiefer Blässe in ihrem Antlitz, und schweigsam hielt sie sich mit Eveline im Hintergrund. Der Oberst blickte vorwurfsvoll zu ihr hin, doch da sie stets vermied, ihn anzusehen, deutete er ihr scheues Benehmen falsch. „Graf Eckernstein! ich hätte fern bleiben sollen", dachte er bei sich selbst, und finster grollend setzte er seinen Weg nach dem Schlosse hin fort. Barbara fühlte sich tief unglücklich. Sie konnte kaum auf das fröhliche Geplauder ihres Schwesterchens hören; dachte sie doch nur an den schweigsamen Offizier, der jetzt keinen Blick mehr für sie hatte. War sie Schuld daran? Zürnte er ihr, daß sie sich unter fremdem Namen — durch Betrug also — in das Haus ihres Vaters gedrängt hatte? Nach dem Abendessen ging sie hinaus ins Freie. Sie wollte allein sein, um ihr aufgeregtes Herz zu beruhigen. Doch ach, da stand schon wieder der Graf an ihrer Seite, der sie wie ein Schatten verfolgte. Sie hörte kaum, was er sagte. Ihre Gedanken weilten ja nur bei ihm, der, wie sie fürchtete, durch ihre Schuld so ernst, schweigsam und traurig war. Da stand der Graf Plötzlich still; er erwartete augenscheinlich die Antwort auf eine Frage, die sie vollständig überhört hatte. „Ja! — nein!" antwortete sie verwirrt. Er erfaßte ihre Hand und drückte sie leidenschaftlich an seine Lippen. Sie entzog ihm dieselbe entrüstet. Verzeihen Sie, Herr Graf, ich beachtete Ihre Frage nicht!" sagte sie erbebend. „Ich hatte Sie gebeten, meine Gattin zu werden, Barbara", wiederholte er mit glühender Leidenschaft. „Oh! das thut mir leid — wirklich sehr leid. Aber es ist unmöglich! Ich — — liebe sie nicht — kann Sie nie lieben." Sie stieß die Worte mühsam, fast heiser hervor. „Ich will ja auch noch warten; — ich will geduldig ausharren, bis Sie gelernt haben, mich ein wenig zu lieben. Sehen Sie, Barbara, ich liebte sie schon lange, ehe ich Ihren wirklichen Namen kannte. Wäre die Krankheit der Kinder nicht so plötzlich hereingebrochen, so hätte ich Ihnen schon früher mein Herz ausgeschüttet. Glauben Sie nicht, daß ich jetzt um Ihre Hand bitte, weil ich weiß, daß Sie die Tochter des Freiherr« sind, nein, wären Sie noch die einfache Gouvernante, so würde ich es auch gethan haben." „Ich glaube es Ihnen, Herr Graf, aber — es kann nicht sein! Verzeihen Sie, wenn ich falsche Hoffnungen in Ihnen erweckte, — eS lag nicht in meiner Absicht!" " Sie erhob ihr bleiches, thränenfeuchtes Antlitz zu ihm empor, und diesem flehenden Blick konnte er nicht widerstehen. „Sie haben nichts gethan, um wich zu diesem Schritt zu ermuthigen", gestand er offen, „aber ich konnte die Hoffnung nicht so leicht aufgeben. Jetzt erst glaube ich Sie zu verstehen-Sie lieben einen Anderen! — Wer es auch sei, der Himmel segne Sie." Barbara antwortete nicht; eine verräterische Nöthe färbte plötzlich ihre bleichen Wangen. „Ich verlasse jetzt den Adlerhorst, um nie wieder zurückzukehren", fuhr der Graf mit erzwungener Ruhe fort, „leben Sie wohl — seien Sie glücklich", er ergriff ihre Hand, preßte sie noch einmal an seine Lippen, dann eilte er davon, ohne einen weiteren Blick auf sie zu werfen. Mittlerweile ging der Obersts in heftiger Erregung auf und ab. Endlich blieb er vor seiner Cousine stehen. „Nein, Eveline", stieß er mühsam hervor, „für mich ist keine Hoffnung mehr. Sie hat meinen Brief gar nicht einmal beantwortet. Du sagst mir, daß Du fest überzeugt bist, ihn ihr gegeben zu haben. Aber selbst, wenn Du Dich irrst, wenn er durch irgend einen Zufall, ohne daß Du Dich dessen erinnerst, verloren gegangen ist, so könnte ich doch jetzt mich ihr nicht mehr nähern, hast Du ihr nicht oft genug gesagt, daß ich nur eine reiche Gattin wählen müsse? Biete ich ihr jetzt Hand und Herz an, so könnte sie leicht denken, daß ich Deinen Rath befolge. Jedoch für mich ist sie verloren! Sieh dorthin, dort geht sie an der Seite des Grafen; ist er nicht allein in der Absicht gekommen, sie als Gattin heimzuführen?" Er deutete mit der Hand nach der Richtung, wo Barbara an der Seite des Grafen stand. „Er ist so stolz auf seine Ahnen; die reiche Tochter des Freiherr» von Garkau, die noch dazu nach dem Willen eines alten, excentrischen Onkels eine reiche Erbin ist, wird von seinen hochgräflichen Eltern gewiß mit 191 offenen Armen empfangen werden," fuhr er bitter fort. „Aber er ist ein guter ehrlicher Mensch; ich kenne ihn wie einen Bruder, und er wird sie glücklich machen. Ich hätte nicht hieher kommen sollen, aber ich folgte nicht der Stimme meines Herzens, die mich laut genug warnte. Hätte ich aber geahnt, den Grafen hier anzutreffen, so würde mich keine Macht der Welt dazu bewogen haben. — Na, Eveline, sieh nicht so traurig drein, ich werde auch diesen Schlag ertragen lernen, selbst wenn es lange währt, bis die tiefen Wunden heilen. Ich bleibe ein alter Junggeselle, der einsam und verzweifelt in fremden Landen sein Leben vertrauern will." Als Barbara gleich darauf ihrer Stiefmutter Gute Nacht wünschte, flüsterte ihr diese in's Ohr: »Ist Alles abgemacht, mein Kind? Sollen wir Dich schon bald wieder verlieren, nachdem wir Dich erst seit so wenigen Wochen gefunden haben?" „Nein," versetzte Barbara und schlug verwirrt die Augen zu Boden, „nicht, wenn Du Deine Worte mit Graf Eckernstein in Beziehung bringst. Ich habe seinen Antrag abgelehnt." „Warum? er ist herzensgut und meint es aufrichtig!" „Mag sein, aber — — ich liebe ihn nicht." Dann eilte sie hinaus, verschloß die Thür ihres Zimmers und weinte bitterlich, als ob ihr das Herz brechen wollte. Am nächsten Morgen ging sie früh in den Park. Zu ihrem Erstaunen fand sie ihr Schwesterchen schon auf ihrem Lieblingsplätzchen, die eifrig in ihrem Märchenbuchs las. „Sieh, Barbara, was ich hier gefunden habe," rief die Kleine und hüpfte ihr entgegen. „Dieser Brief lag in meinem Buch; er ist für Dich!" Barbara nahm ihn; er war an „Fräulein Morden" gerichtet. Das war ja seine Handschrift! Da-wie Schuppen fiel es plötzlich von ihren Augen — sie gedachte des Briefes, den ihr die Stiefmutter vor Monaten an Evelines Krankenbett gereicht, den sie aber, da das Kind ihrer bedurfte, ungelesen in ein Buch gelegt, ihn dann vollständig vergessen hatte. Es waren nur wenige Zeilen: „Geliebte Barbara! Ich habe meine Cousine gebeten, Ihnen diese Zeilen zu geben; aber ehe ich abreise, muß ich Ihnen bekennen, wie sehr ich Sie liebe. Geliebte! mein ganzes Sein und Denken gehört Ihnen; machen Sie mich zum Glücklichsten aller Menschen und werden meine Gattin. — Antworten Sie mir; schreiben Sie mir nur wenige Zeilen, damit ich weiß, ob ich hoffen darf; wenn nicht — nun — so werden Sie mich nie wiedersehen. Gott segne Sie. Arthur Dornburg." Barbara hatte längst die Zeilen gelesen; — sie las sie wieder und wieder, bis Freudenthränen ihre Augen netzten, und sie nicht mehr sehen konnte» dann eilte sie davon, sie mußte allein sein, und hier drückte sie ihren kleinen Schatz an ihre Lippen. Jetzt verstand sie, warum Onkel Arthur „so langweilig geworden war und nicht mehr spielen wollte", wie die Kinder sich beklagten.- Es war ein heißer Nachmittag. Frau von Garkau schlug einen Spaziergang in ein nahes Wäldchen vor, und da die Wege dort nur sehr schmal waren, wußte sie es geschickt einzurichten, daß sie mit den Ktndem voranging und Arthur mit Barbara folgten. Vorher hatte sie ihm leise zugeflüstert: „Sie hat die Hand des Grafen ausgeschlagen, Arthur; also guten Muth, Du hast noch Hoffnung." Doch der Oberst hatte nur traurig sein Haupt geschüttelt; er gedachte des unbeantworteten Briefes. Aber dennoch schlug sein Herz laut und unruhig, als er jetzt nach langen Monaten allein an ihrer Seite ging. Sie erreichten eine kleine Anhöhe. Ein schmaler Fußsteig schlängelte sich den Abhang hinab, um unten zu einer Leinen Quelle zu führen, neben welcher eine Nasenbank freundlich zur Ruhe winkte. „Lassen Sie uns hinunter gehen", bat Barbara mit zitternder Stimme. „Ich bin müde, und dort können wir ausruhen." Er folgte ihr schweigend. Wie im Traume umfangen lauschte er auf die plätschernden, traumhaften Melodien der krystallenen Quelle; vor seinem seelischen Auge stand die liebliche Mädchengestalt die mit leuchtenden Augen und freudig gerötheten Wangen so munter mit den Kleinen im Schulzimmer gespielt hatte. Er erschrak, als eine kleine Hand jetzt leise seinen Arm berührte und Barbara leichenblaß ihre Augen bittend zu ihm erhob. „Herr Oberst," flüsterte sie, vor Erregung bebend, „erst heute habe ich diesen Brief gelesen." Sie reichte ihm den Brief. Erstaunt, verwirrt nahm er das Papier; er schien kaum den Sinn ihrer Worte zu verstehen, bis er es entfaltete und seine eigene Handschrift erkannte. Da leuchtete es wie Heller Sonnenschein in seinem Antlitz. Mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit blickte er auf das Mädchen herab, das an allen Gliedern bebend auf der Rasenbank saß. „Barbara!" rief er und erfaßte ihre beiden Hände, „was meinen Sie? was bedeuten Ihre Worte?" Mit zu Boden gerichtetem Blick wiederholte sie: „Ich las ihn erst heute. Meien Stiefmutter gab ihn mir, als die Kinder sehr krank waren. Ich ahnte nicht, wer ihn geschrieben hatte, legte ihn in ein Buch und-habe ihn vergessen. — Eveline fand ihn heute Morgen." Sie hatte leise gesprochen, aber der Oberst hatte jede Silbe verstanden. Jetzt wußte er, warum der Brief unbeantwortet geblieben war. „Und wenn Sie ihn gelesen hätten, welche Antwort hätten Sie mir gegeben?" „Barbara", fuhr er fort, als das junge Mädchen errathend schwieg. „Sage mir, Geliebte, ob ich für's Leben Dein treuer Beschützer sein.darf! Aber jetzt ist's ganz anders!-Damals warst Du nur eine arme Gouvernante, — — jetzt die Tochter des Freiherr» und eine reiche Erbin l — — Ich kenne meine Cousine zu genau, hat sie Dir nicht oft genug gesagt, daß ich nur eine reiche Gattin nehmen müsse? Hat sie nicht absichtlich die kleine Olga Rosen nach dem Adlerhorst kommen lassen? Du verstandest es dazumal, ich sah es Dir an den Augen an. Aber ich liebte Dich immer; sage mir, willst Du meine Gattin werden?" Sie ließ es ruhig geschehen, daß er ihre beiden Hände erfaßte und sie langsam an sich zog, bis ihr Köpfchen auf seinen Schultern ruhte. „Ich kann es kaum fassen; — ich bin so glücklich, daß-" Er ließ sie nicht ausreden. Jubelnd zog er sie 192 an seine Brust und erstickte ihre Worte Mit einem innigen Kusse. „Geliebte! noch vor einer Stunde hätte ich es für unmöglich gehalten, daß dieser Tag der glücklichste meines Lebens werden sollte! Ach! ich fühlte mich so namenlos unglücklich; mein Dasein fing an, mir unerträglich zu werden, und nur Dein Name unter dem Briefe der Kinder veranlaßte mich, hieher zu kommen. Als ich da aber den Grafen Eckernstein an Deiner Seite sah-" „Sprich heute nicht von ihm, Arthur; ich bin heute zu glücklich! Der arme Graf, er hielt gestern um meine Hand an!" „Ich weiß es; Eveline hat es mir gesagt, und das war mir ein neuer Hoffnungsstrahl. Aber es thut Mir doch herzlich leid; er ist ein guter Mensch!" „Ja, aber-ich liebte ihn nicht." „Liebst Du denn mich? liebst Du mich ein ganz klein wenig? Sage es mir, Barbara, meine einzige Geliebte, laß mich die Worte hören, die ich so oft von Deinen Lippen geträumt habe. Es sind nur vier kleine Worte. Sage: „Arthur, ich liebe Dich!" Barbara that es. Wieder zog der Oberst sie fest an sich und küßte sie. Gerade in diesem Augenblick erschien oben auf der Anhöhe eine kleine Gestalt. Es war Edmund, der bei diesem unerwarteten Anblick» so schnell ihn seine Füße tragen konnten, zu seiner Mutter zurücklief. „Mama", rief er ihr entgegen, „Onkel Arthur und Barbara haben sich geküßt. Ich Habs es gesehen!" Die Mutter ließ ihr Buch fallen. „Es ist wahr, es ist wirklich wahr, Mama", dann fügte er schelmisch hinzu: „will Onkel Arthur Barbara heirathen?" „Was hattest Du dort oben auf der Anhöhe zu thun, Edmund? Hatte ich nicht gesagt, ihr Kiuder solltet hier bei mir bleiben!" sagte die Mutter in strengem Ton. „Will er sie wirklich heirathen, Mama? Bitte sage es mir", flehte Edmund. „Mein liebes Kind, wie kann ich das wissen, aber ich hoffe es. Wie sind denn solche Gedanken in Deinen Kopf gekommen?" „Gretchen hats mir gesagt", gestand der Knabe. „Kleiner Schelm", flüsterte die Mutter, dann befahl sie ihm, mit Alex und Eveline nach dem Schlosse zu gehen und sich von Gretchen zu Bette bringen zu lassen. „Erst muß ich es Evy und Alex erzählen", jubelte er und rannte fort. Als die Dämmerung eingetreten war, dachten die Liebenden endlich an die Heimkehr. Die Stiefmutter erwartete sie oben auf der Anhöhe. Aber ehe sie Worte fanden, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen, breitete Frau von Garkau ihre Arme aus, küßte das erröthende Mädchen und flüsterte ihm Glück- und Segenswünsche zu. „Nichts auf der ganzen Welt hätte mich glücklicher Machen können, als dieser Augenblick. Sagt mir nichts — ich weiß Alles! Wundert Ihr Euch darüber? Eure freudigen Gesichter sprechen deutlich genug. Aber Eins will ich Euch sagen: Wenn sich Liebende in einer Schlucht küssen, so sollten sie zuerst ihren Blick auf die Anhöhe werfen, um sich zu überzeugen, ob keine Zuschauer da sind!" Dann erzählte sie von der Entdeckung, die Edmund vor etwa einer halben Stunde gemacht hatte. Niemals hatte eine Verlobung größere Freude bereitet, als diese, besonders unter den Kindern, Onkel Arthur war wieder der heitere, lustige Spielkamerad von ehedem, der jetzt, zu jedem ausgelassenen Spiel bereit, sich munter mit den Kleinen herumtummelte. Der sonst so finstere Schloßherr war wie umgewandelt. Er freute sich, seine älteste Tochter mit einem Manne zu verbinden, dem er vertraute und den er hoch schätzte. Die Stiefmutter konnte nicht laut genug ihre Freude ausdrücken. Sie war glücklicher als wie je feit den Jahren ihrer Verheirathung. Ihr Gatte, der, seitdem Barbara bet ihm war, seiner ersten Gattin nur noch in stiller Wehmuth gedachte, überhäufte sie jetzt mit zahllosen Aufmerksamkeiten und bemühte sich, durch verdoppelte Liebe das Versäumte zu entschädigen. Nur die arme, gute Tante Agnes wollte sich nicht trösten lassen. Sie kam selbst nach dem Adlerhorst, um wenigstens ihre Nichte noch kurze Zeit zu haben. Doch allmählich wurde es ihr klar, daß früher oder später Barbara doch geheirathet haben würde, und eine Trennung somit nicht allzu fern gewesen war. Und Barbara? Täglich erkannte sie mehr und mehr, wie warm die Herzen für sie schlugen, deren Liebe sie vor wenigen Monaten erringen wollte. Ja noch mehr! ein anderes Herz, dessen Liebe das Glück ihres Lebens ausmachte, schlug so heiß und so innig für sie und belohnte sie reichlich für manche bittere Enttäuschung ihrer Jugendzeit. Präsident Schulze. Eisenbahn-Humoreske von Karl Zastrow. —^ lNachdru« verbotm.I „Nun adieu auf drei Wochen, Bureandunst und Actenschwall, Rücksprache mit übelgelaunten Decernenten und Zurechtweisungdn in dieser und jener Stilart! Jetzt heißt's Mensch sein und sich erinnern, daß die Natur auch für unsereinen da ist. Schade, daß es nur drei Wochen sind. Sechse hätten's auch gethan. Nun aber los! Du lieber Gott! Man hat sich's sauer genug verdient." Mit diesen Worten hatte der Eisenbahn-Secretär Schulze den Pferdebahnwagen bestiegen, der ihn nach dem Bahnhöfe bringen sollte. Er wollte zu seiner Erholung in die Tiroler Alpen reisen und dabei Dresden, Prag, Brunn und Wien mitnehmen, alles in drei Wochen. Als er auf dem Bahnhöfe eintraf, stand der. Zug schon bereit. Er winkte dem Schaffner zu, gab ihm eine Cigarre und sagte, indem er seinen Freifahrtschein vorwies: „Hier, Schaffner! Freifahrtschein. Coupieren Sie nur hier draußen gleich. Da drin vor dem hochgeneigten Publiko will ich das nicht." „Ja wohl! Ist auch recht so!" nickte der Fahr- beamte, indem er mit der Zange in das Papier kniff. Schulze stieg ein und unterzog zunächst seine Reisegefährten einer Musterung. Da war zunächst ein korpulenter Viehhändler, welcher mit seiner nicht minder stattlichen Ehehälfte nach Marienbad reiste, und ein blasser ungefähr 30 Jahre alter Herr mit einem dünnen blonden Schnurrbart und einer Schmißnarbe auf der Wange. 193 „Die Billets, meine Herrschaften!" trat der Schaffner an das Coups. Während die Reisegefährten ihre Fahrkarten überreichten, schnarrte Schulze im Tone eines Großmoguls aus der Ecke: „Vereinskarte Nummer 450!" Der Schaffner legte die Rechte an die Mütze und verneigte sich ungefähr in der Weise, wie ein Lieutenant seinen Bataillons-Commandeur grüßt. Als die Billets coupiert waren, sagte er devot: „Wollen der Herr Präsident nicht ein Coups erster Klasse? Es sind einige leer." „Danke, danke, Schaffner," lehnte Schulze ab, „ich sitze schon gut." Der Schaffner schloß die Thür. Schulze überflog verstohlen die Gesichter seiner Coupsgenossen und hatte die Genugthuung, einen „respectartigen Anstrich" wahrzunehmen. Er brannte sich eine Cigarre an, und behaglich den Ningelwolken nachblickend, stellte er philosophische Betrachtungen über das Reiseleben an, in Folge deren er zu dem Schluß gelangte, daß es nichts Schöneres gebe, denn als Präsident zu reisen, ohne es zu sein und ohne Fahrgeld dafür ausgeben zu müssen. Der Musensohn mit der Narbe auf der Wange blinzelte einigemale zu dem „Herrn Präsidenten", dem er sich ebenbürtig fühlen mochte, hinüber. Er hätte wohl gern ein Gespräch angeknüpft, mochte sich aber nicht recht trauen. Schulze war von stattlicher Figur. Seine scharfen dunklen Augen, der schwarze, von einigen Silberfäden durchzogene Vollbart verliehen ihm Würde und Höhe genug, um die Vertraulichkeit fern zu halten. Auf Station Dobrilugk, wo der Zug einen längeren Aufenthalt hat, stieg der Narbige aus und nahm den Schaffner bei Seite: „Sagen Sie mal, Schaffner, wer ist der Herr mit dem schwarzen Vollbart, den Sie vorhin Herr Präsident titulierten?" „Der? Ei, das ist ja der Präsident der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn, Geheimer Ober-Negierungs- rath Schulze!" — „A — a — a — ah?" — „Ja — a — a! Bedeutender Mann! Reist im Auftrage Seiner Excellenz zur Ministerial-Beamten- Conferenz nach — nach — nach Wien, glaub' ich." Das feine Gehör Schulze's hatte ihm kein Wort dieses Gespräches verloren gehen lassen. Er lachte stillvergnügt vor sich hin: „Prachtkerl, dieser Schaffner! Da steht man wieder mal recht deutlich, daß so ein alter Soldat, den das Leben geschult hat, doch die gediegenste Auffassung unserer bahnamtlichen Verhältnisse besitzt. Schade, daß ich nicht in der That Präsident bin. Würde den Mann sofort zum Zugführer ernennen. Thut nichts, spielen kann ich den Präsidenten schon. Hei! das soll ein Spaß werden!" — „Schönes Reisewetter, Herr Präsident!" hörte er sich in diesem Augenblick angeredet. Es war der blasse Herr mit der Narbe. „Ja wohl. Das Wetter läßt nichts zu wünschen übrig," bestätigte er. „Gestatten der Herr Präsident, daß ich mich vorstelle? Mein Name ist Müller, Assessor Müller, auch Verwaltungsbeamter." „Sehr verbunden. Geheime Ober-Regierungsrath Schulze aus Marienburg." „Der Herr Geheimer Ober-Regiemngsrath reisen in dienstlicher Mission?" „Allerdings. Sehr wichtige Angelegenheit. Aber tiefes politisches Geheimniß." „I, was Sie sagen? Nun, ich habe dieses Alles von vornherein vermuthet." „Und Sie, Herr Assessor, reisen zu Ihrem Vergnügen?" „Nicht ganz. Ich will allerdings in Dresden und Umgegend mich einige Tage aufhalten, reise aber im Grunde genommen meinem neuen Wirkungskreise entgegen . . . Eisenbahn-Directionsbezirk F . . ." Ueber das Antlitz des Pseudo-Präsidenten glitt ein Zug von Unbehagen. Aber er faßte sich bald. So ein junger Eisenbahn-Novize, der frisch von der Hochschule kommt, hat noch keine Idee vom Eisenbahnwesen. Man kann ihm ein prachtvolles Bärenfell umhängen. Er erwiderte also ohne jede Spur von Betroffenheit: „Nah! verstehe. Jura und Cameralia studiert- Staatsexamen mit Glanz absolviert und nun als Hilfsarbeiter zur Eisenbahn-Direction F . . . Gratuliere von Herzen. Kommen da in sehr angenehme Verhältnisse." Der Herr Assessor war dem Herrn Präsidenten für seinen Glückwunsch sehr dankbar. Als er dann aber das Gespräch auf die schöne goldene Studienzeit brachte und von Colleg und Mensur sprach, schwieg unser Präsident aus naheliegenden Gründen mäuschenstill, gab auch durch seine würdevolle Haltung zu verstehen, daß er über das Leben und Treiben eines flotten Bruder Studio ziemlich erhaben sei. So traf man endlich in der sächsischen Hauptstadt ein, wo man sich trennte. Der Herr Präsident ließ sich jedoch das Versprechen geben, daß der Herr Assessor ihn bei einem etwaigen Bereisen der west- preußischen Bahnen in Marienburg besuchen werde. Im Stillen wünschte er jedoch den Reisegefährten zu allen Teufeln. Freund Müller hatte ihm zuletzt gar nicht mehr recht zusagen wollen mit seinem überlegenen Lächeln und dem gelegentlich hervortretenden ironischen Gesichtsausdruck. Im Verkehr mit den gemüthlichen Dresdnern hatte unser Schulze leichtes Spiel. Sie glaubten es ihm, wenn er sich bei Helbigs als Präsident Schulze vorstellte oder sich als solcher in das Logis-Fremdenbuch einschrieb. Je mehr er sich übrigens in die Präsidenten- rolle einlebte, desto besser glückte alles, und als er auf dem böhmischen Bahnhöfe in gewohnter Weise seine Karte zum Coupieren übergab und dabei dem Schaffner zuraunte: „Ich bin also auf alle Fälle der Präsident Schulze von der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn," da zwinkerte der freundliche Sachse ihm verständniß- innig zu und sagte bewundernd: „Sie sain ä Mords- kärl!" , Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken. Auf der Grenzstation war nach erfolgter Vidierung der Fahrkarte der „Mordskärl" bereits so frech geworden, daß er freundlich herablassend den Zugführer zu sich heranwinkte und ihm vertraulich eröffnete, wie er, der Präsident der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn, Schulze mit Namen, in geheimer eisenbahnpolitischer Misston gen Wien dampfe, und es sich empfehle, das Fahr- beamtenpersonal hiervon in geeigneter Weise zu verständigen, damit die in solchen Fällen üblichen Dehors nicht 194 ganz außer Acht gelassen würden, Vereinskarte auch ohne jedesmaliges Ansagen respectirt würde u. s. w. Der Zugführer schüttelte zwar ganz still für sich den Kopf — nichtsdestoweniger ging alles vortrefflich. Der Herr Präsident hatte ein Coups für sich ganz allein. Niemand störte ihn und als er einmal ausstieg, anscheinend, um sich durch einen Trunk zu stärken, wartete der Zug geduldig eine halbe Minute über die vorgeschriebene Zeit und fuhr erst weiter, als der Herr Präsident mit der Hand abwinkte, zum Zeichen, daß er hier die Tour unterbreche. Es war ein Hauptspaß, und Schulze kam aus dem Kichern nicht mehr heraus. Er befand sich in Brünn, und als ihm beim Verlassen des Bahnhofes ein alter Invalide, von der imponierenden Majestät seiner Gesichtszüge hingerissen, eine militärische Ehrenbezeigung erweist, kommt ihm ein glorioser Gedanke: „Wer weiß, welchem alten ^pensionierten General ich ähnlich sehe! Werde mal den Spielberg in Augenschein nehmen und mich dieserhalb mit dem Commandanten in Verbindung setzen. Das Zeug dazu hat man ja." Gedacht, gethan. Schulze steigt hinauf, läßt sich gebührendermaßen anmelden und stellt sich mit der ganzen Würde seines Standes vor. Die Aufnahme läßt nichts zu wünschen übrig. Der maßgebende Offizier, welcher ihn für einen ehemaligen Garde-Major hält, zeigt ihm bereitwillig alles Sehenswerthe und findet an dem alten Degen, der mit so tiefem Verständniß über Exercier- Reglement und Strategie zu schwatzen weiß, so großes Wohlgefallen, daß er ihn zum Diner einladet und ein paar Flaschen Vöslauer opfert. In höchst animierter Stimmung kehrt Schulze Mittags in der 12. Stunde nach dem Bahnhöfe zurück und steigt in den nach Wien bestimmten Zug. Als der Schaffner billetheischend zum Coupä hereinguckt, sagt Schulze in sehr pikiertem Tone: „Ich muß mich sehr wundern, daß ungeachtet meiner wiederholten Vorstellungen die Fahrbeamten über meine Person noch immer im Unklaren sind. Zum letzten Mal also: Präsident Schulze von der Marienburg-Mlawkaer Eisenbahn! verstanden?" Der verblüffte Schaffner wirft die Thüre ins Schloß und verschwindet. Ein alter, ehrwürdig aussehender Herr reicht dem hohen Mitpassagier seine goldene Dose und sagt: „Der Herr Präsident werden sich noch über manches Andere bei uns wundern. Oesterreich ist eben nicht Nord-Deutschland." Man unterhält sich, bis auf der nächsten Station während des Haltens des Zuges der Schaffner den Kopf zum Coupsfenster hereinsteckt mit den Worten: „Herr Präsident! Wollen's net so gut sein und a mal aussteigen?" „Aussteigen? Was fällt Ihnen denn ein? Was soll ich denn draußen?" „Herr Präsident sollen nur über etwas Auskunft geben!" „Dummheit! Wer etwas von mir will, kann hereinkommen!" Als aber der Schaffner sich mit einem sarkastischen „Schön, Herr Präsident!" zurückziehen will, schickt er sich schleunigst zum Verlassen des Coups's an, wobei er anstandshalber im donnernden Tone rüst: „Ich werde Veranlassung nehmen, bei Ihrem Ministerium wegen dieses Zeichens mangelnder Intelligenz vorstellig zu werden. Ich bin auf allen Bahnen des Deutschen Vereins gefahren, aber wie man hier die Oberbeamten behandelt, das übersteigt alle Begriffe!" „Na, machen's ka G'schichten, Herr Präsident,* versetzt der Stationsvorsteher ganz unverfroren, „zeigen'S Ihr Koart und dann fahren's, wohin's Gott verlangt. Was sein muß, muß sein. Darin kann unser Ministerium auch nichts ändern." Schulze sah es ein. Er winkte also den inzwischen herbeigeeilten Zugführer bei Seite und hielt ihm seinen Freifahrtschein derartig unter die Nase, daß sein Subaltern- Titel nicht gerade auf den ersten Blick zu sehen war. Der Zug-Präsident aber wollte überhaupt nichts weiter sehen. Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Rechten und rief unwirsch: „Na, was wollen's denn mit dem Papier auf uns'rer Bahn? Das Hot für uns überhaupt nichts zu bedeuten!" — „Was? nichts zu bedeuten? Ist der Schein nicht richtig?" „Das ist eine Karte von der Oesterreichischen Staats- bahn." „Was? Ich bin doch in Brünn nicht etwa in einen falschen Zug eingestiegen? Nach Wien 11 Uhr 50 Minuten!" „Na, wenn Sie Präsident von der Marienburg- Mlawkaer Eisenbahn sind, dann müssen Sie doch wissen, daß 11 Uhr 50 Minuten zwei Züge von Brünn nach Wien gehen, einer mit der Staatsbahn und einer mit der Nordbahn. Für die Staatsbahn haben Sie den Schein, und mit der Nordbahn sind Sie gefahren." „Wollen's zahlen?" fragt der Stationsvorstehr naiv, „kommen's mit. Sie können's später reklamieren." „Zahlen müssen's!" entscheidet der Zugführer, «und dann können Sie auf Ihren Posten nach Brünn zurückfahren und mit der Staatsbahn reisen." Während der Stationschef ihn an den Billetschalter weist, fährt der Zug mit den lachenden Reisegefährten, welche Alles mit angehört haben, davon. Nun saß Schulze fest an der kleinen Haltestelle und blickte wehmüthig zu den dicken Rauchwolken empor, die aus einem in nicht allzu großer Ferne gelegenen Ofen einer Ziegelbrennerei hervorschossen. Diese und einige Bahnbaracken, welche sich um das Herrenhaus gruppierten, schienen in Verbindung mit dem ebenso unscheinbaren Stationshäuschen das einzige Leben inmitten dieser Einöde von Kartoffel- und Runkelrüben- feldern. Der Stationschef steht, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, auf dem Perron und spricht mit einem Beamten in dunkelgrüner Uniform, welcher von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den mißmuthig Auf- und Abwandelnden wirft. „Scheint so ein Stück Feldpolizist zu sein, was man bei uns zu Hause Gendarm nennt," denkt Schulze und wirft einen zerschmetternden Blick auf den Grünen. Da hört er, wie dieser halblaut sagt: „I glaub', 's ist doch der Präsident." Und damit lüftet er unterwürfig den Hut und fährt laut mit freundlichem Grinsen fort: „Der Herr Präsident haben Unglück gehabt? Nu — hier gibt's nichts. Wenn Herr Präsident aber in's Dorf hinabgehen — es ist eine halbe Stunde — ich geh' auch hin, — da ist ein gutes Wirthshaus, und da treffen Sie auch Gesellschaft; den Herr Bürgermeister von Lundenburg, der zur Jagd hier ist. Das ist ein gar fideles Haus. Da werden Sie Freude haben!" Der Stationschef rieth auch zum Besuch des Wirthshauses. Etwas Besseres gäb's hier herum nicht, n. f. w. Schulze sah ein, daß er in seiner gegenwärtigen Lage nichts Besseres thun könne, als den wohlgemeinten Rath zu befolgen, und so saß er denn bald in der verräucherten Gaststube des Dorfwirthshauses und ließ dem biederen Feldpolizisten ein Wachholderschnäpslein nach dem anderen einschenken. Der also Tractierte ließ eS sich schmecken, warf mit der Anrede „Herr Präsident!" wacker um sich, und entfernte sich nur hin und wieder auf ein Biertelstündchen, um nach dem Herrn Bürgermeister auszuschauen. Endlich traf dieser, ein gutwüthig blickender alter Herr, mit kurzgeschorenem schlohweißem Haar und Bart, ein, reichte Schulze beide Hände und freute sich sehr, einen so „hochberühmten Präsidenten von auswärts" kennen zu lernen. Er erzählte von seinen heutigen Jagderlebnissen und kramte dabei ein so prächtiges Jägerlatein aus, daß Schulze wahrhaft gerührt wurde. In der That stimmte die treuherzige Einfalt der beiden Oesterreicher ihn ganz behaglich, und er hatte nur noch das einzige Bestreben, diesen biederen Leuten gegenüber den Präsidenten noch einmal recht gründlich herauszubeißen, ehe er ihn für immer ablegte. Und das that er nun auch. Schier ins Ungeheuerliche gingen die Aufschneidereien, welche er den begeisternd zuhörenden Zechgenossen zumuthete. Nunmehr war er nicht allein ein hochgestellter westpreuhischer Eisenbahndirektor, sondern er besaß auch ausgedehnte Güterkomplcxe von mehreren Tausend Morgen Land in Nussisch-Polen, und außerdem eine Glashütte, in welcher über 500 Arbeiter beschäftigt würden. Eine ihm ausschließlich gehörige Zweigbahn, über 100 Werst lang, führe nach den veschiedenen, unter seiner Gerichtsbarkeit stehenden Ortschaften und verinteressiere sich hundertfach. Seine Revenüen beltefen sich auf anderthalb Millionen jährlich u. f. w. Schulze amüsierte sich hierbei vortrefflich, und das Beste war, daß die Präsidentenrolle ihn außer dem Bischen Wachholderschnaps nichts kostete. Denn die drei Flaschen Sekt, welche er behufs besserer Begründung seiner Mittheilungen vorfahren lassen wollte, waren auf zwei Meilen im Umkreise nicht zu haben, und den einzigen Wein, der zu haben war, lieferte der Bürgermeister, welcher nicht zugeben wollte, daß der russische Grundbesitz über den österreichischen triumphiere. Man trank, spielte Billard und unterhielt sich vortrefflich bis tief in die Nacht hinein. Es wurde beschlossen, daß man, mit Ausnahme des Wachmannes, „im Krug" übernachten und morgen mit dem ersten Zug weiter fahren wolle. Der Wirth gab seine beiden Staatszimmer her, und Schulze erfreute sich trotz der Aufregungen dieses Tages einer ungestörten Nachtruhe. Als er dann in der Früh Arm in Arm mit dem stadtväter- lichen Freunde nach dem Bahnhöfe schritt, sah er mit heimlichem Entzücken, wie sein Ruf als bewährter west- preußischer Eisenbahnpräsident über Nacht wieder ins Gleichgewicht gekommen war. Der Zug hielt. Stationschef und Zugführer begrüßten die Ankömmlinge mit der äußersten Höflichkeit. Der Schaffner stand mit abgezogener Mütze neben einem Coups erster Klasse, in welches der „Herr Präsident" mit vielen Bücklingen hin- eingeprotzt wurde; dann nahm der Bürgermeister neben ihm Platz und fort ging es dem freundlichen Lundenburg entgegen, wo man gemeinsam dinieren und sodann Ausflüge in die Umgebung unternehmen wollte. Die Wahrheit zu gestehen, war unser lustiger Eisen- bahnsecretär hiermit nicht ganz einverstanden. Er wäre am liebsten direct nach Wien gefahren, da er mit seiner Zeit haushalten mußte und noch gar viel auf der Tour, die er sich vorgenommen, abzuthun war. Allein er mochte sich dem freundschaftlichen Wohlwollen nicht entziehen, mit dem der Herr Bürgermeister, der doch nun einmal Gefallen an ihm gefunden hatte, ihn umgab, zumal der brave Stadtvater hatte durchblicken lassen, daß die Lundenburger von ihrer Ankunft unterrichtet seien und jedenfalls für einen würdigen Empfang Sorge getragen hätten. Guten Leuten mit bescheidener Selbstsucht ihre Freude zuverderben, dazu war Schulze nicht der Mann. (Schluß folgt.) -"-SSHk-W-.. - Allerlei. Ein selb sterl ebtes Beispiel von Lynchjustiz erzählt der amerikanische Jurist Chittenden in seinen vor kurzem veröffentlichten Lebenserinnerungen. Bald nach Eröffnung der Pacisicbahn erfuhr Chittenden auf der Fahrt nach Sän Francisco, daß ein von seine» Verfolgern eingeholter Mörder sich im Zuge befände und in Evanston, dem Ort seines letzten Mordes, der Lynchjustiz übergeben werden sollte. Es war am Nachmittag, als der Zug in den Bahnhof von Evanston einlief, zwischen zwei Reihen kräftiger Männer. Sobald der Zug hielt, stiegen sechs von ihnen in den Wagen ein, in welchem sich der Mörder befand, und rissen ihn mit solcher Gewalt heraus, daß er den Sitz, an welchem er mit Ketten befestigt war, mit sich schleppte. Als er hiervon befreit war, warf man die Schlinge eines Lasso lose um seinen Hals, während das Ende eng um seine Brust und feine Arme geschlungen wurde. Inzwischen hatte ein Wachtposten von der Lokomotive Besitz ergriffen und den Reisenden wurde angekündigt, daß der Zug seine Fahrt nicht eher fortsetzen würde, als bis dem Mörder Gerechtigkeit geschehen sei. So folgten denn die Reisenden diesem und feinen „Richtern" nach einem Platz, der von einem hohe» Gehege umgeben und zum Rtchtplatz ausersehen war. In der Mitte stand ein Baum, über dessen niedrigste» Zweig zwei an einander befestigte Lassos geworfen wurden. Der Mörder mußte sich auf einen Stuhl setzen, die Schlinge schwebte über seinem Haupte. Mit den Reisenden und dem Zugpersonal wohnten im ganzen etwa dreihundert Personen diesem Volksgerichte bei. Dann trat ein Bewohner von Evanston vor und richtete an den Verbrecher, der ein Mexikaner war, in einer längeren Ansprache, in der die Reihe seiner Schandthaten aufgezählt wurde, die Frage, ob er noch irgend etwas zu sagen habe. Um der über ihm schwebenden Lassoschlinge zu entgehen, bot der Mexikaner seinen Richtern zuerst 6000, dann 10000 Pesos an und schließlich 10000 Dollars. Es war Alles umsonst. Indem Derjenige, welcher die Ansprache an ihn gehalten hatte, auf einen in weiter Ferne heran- rollenden Zug zeigte, sagte er: „Siehst Du jenen Zng? Wenn Du noch eine Botschaft zurücklassen oder an Gott 186 ein Gebet richten willst, beeile Dich. Denn wenn jener Zug zur Einfahrt in den Bahnhof pfeift, ist Dein letzter Augenblick gekommen." Es war, wie der amerikanische Jurist schreibt, eine überaus eindrucksvolle Szene. Im Hintergrund der weiten Ebene die hohen Berge und über alles ausgebreitet der friedliche Glanz der Abendsonne. Auf ein Zeichen des Führers ergriffen dann viele Hände das freie Ende des Lasso. „Leute," sagte nun jener, „man soll nicht von uns sagen können, daß wir diesem Verbrecher keine Möglichkeit ließen, ein besserer Mensch zu werden. Wir kennen seine Vergangenheit. Ueberall streckte er seine Hand nach fremdem Eigenthum aus. Niemals hat er einen Dollar verdient, niemals etwas bezahlt. Keine Indianerin war vor ihm sicher, niemand, von dem er wußte, daß er Geld besaß. Wir wissen, daß er zwanzig feige Mordthaten begangen hat. Wenn sich hier jedoch in der-Menge auch nur eine einzige Person befindet, die bezeugen kann, daß dieser Ramon jemals eine gute Handlung vollbrachte, oder die auch nur der Meinung ist, daß er in Zukunft einer solchen fähig sein könnte, so möge sie sprechen. Dem Verbrecher soll dann wenigstens eine Frist bewilligt werden." Ringsum Schweigen. „Wir haben noch eine andere Regel," fuhr der Sprecher dann fort. „Wenn von zwanzig der Anwesenden ein einziger eine Aufschiebung der Urtheilsvollstreckung befürworten sollte, so muß dieselbe aufgeschoben werden. Diejenigen, welche dafür sind, wögen die rechte Hand emporheben. Auch die Reisenden und das Zugpersonal sind dazu berechtigt." — „Aber keine Hand erhob sich," schreibt Chittenden. „Ich hielt es freilich für meine Pflicht, für das Gesetz einzutreten, aber es war mir, als ob ein Hundertpfund-Gewicht meinen Arm niederhielte. Und immer näher brauste der Zug heran. Wir hielten unseren Athem an — da ertönte der Pfiff der Lokomotive. Dann ein kurzer Kampf des Mörders, und nach wenigen Minuten war Alles vorbei." — „Freunde," sagte der Sprecher, indem er sich an die Reisenden wandte, „ihr habt gesehen, wie wir diesen Mann gerichtet haben. Wir, die wir an diesem Ort leben, müssen unser Eigenthum und unser Leben vertheidigen und bitten euch um keine Gunst. Wir lieben ein solches Geschäft nicht, aber es ist unvermeidlich. Wir bitten euch jedoch, nichts von dem, was ihr soeben erlebt habt, den Zeitungen zu melden. Sie würden uns einen Schwärm Berichterstatter auf den Hals schicken, die schlimmer sind, als Mordindianer. Einige von ihnen würden Ramon, den Pferdedieb und Mörder, zu einem Märtyrer stempeln." Das Lynchgericht hatte im ganzen eine Stunde gedauert, und erst als es beendet war, konnte der Zug der Pacific-Bahn seine Fahrt nach dem Westen fortsetzen. * Scharfrichter zu Doktoren befördert. Ein schwäbischer Chronist erzählt folgende Geschichte, die lebhaft an die Zeiten des römischen Cäsarenthums erinnert. Im Jahre 1680 ereignete es sich, daß Kaiser Ferdinand von Nürtingen aus nach Stuttgart geritten kam, gerade zur selben Zeit, als zwei Missethäter zum Tode geführt wurden. Am „Käse" sah der Kaiser Ferdinand der Hinrichtung zu, an der sogenannten Hauptstatt, nämlich vor dem Hauptstätter Thor, wo das Enthaupten anfangs zu ebener Erde vorgenommen wurde, bis man 1581 hierzu eine anderthalb Fuß hohe, kreisrunde Mauer, deren innerer Raum mit Erde ausgefüllt war, errichtete, die einem Laib „Käse" in der That nicht unähnlich war und deßhalb im Volksmund diese Benennung — auf Schwäbisch „Käs" — erhielt. In Stuttgart versahen damals vier Brüder, Markus, Jakob, Andreas und Johann Bickel das Scharfrichteramt. Die beiden ältesten Bruder Bickel, nun, Markus und Jakob, hatten bei dieser Gelegenheit ihr Amt mit solchem Austande, solcher Kunstfertigkeit und „Accurateste", auch „sonder Plagh für den armten Sünder verricht", daß der enthusiasmirte Kaiser ihnen die Doktorwürde verlieh, wodurch sie berechtigt wurden, als Aerzte zu praktiziren und allerlei äußere Leibesschäden zu heilen nach ihrem „bestlichen Wissen." Von da an schrieben sich die beiden Bickel Doktoren. Sie werden wohl die einzigen Scharfrichter unter der Sonne gewesen sein, welche je diesen Titel führen durften, obgleich, — wie der Chronist meint — die Nachrichter am ehesten dieses Ehrendiplom verdienten, weil ihre Heilkuren zum sichersten Resultat führen. Boshaft. Dichterling: „Denken Sie sich mein Entsetzen! Ich komm' gestern Abend nach Hause, und da ist mein kleiner Junge von drei Jahren gerade damit beschäftigt, meine Gedichte in kleine Stücke zu schneiden!" — Kritiker: „Nicht möglich!.... Kann denn der Kleine schon lesen!" - - — Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 2. Zuge matt. Auflösung des Quadraträthsels in Nr. 25: L 0 S 8 0 L L L S L H 8 8 8 X L ,