27 . 1894 . ,Nein, Kind, weil ich weiß, daß nur ein zwingender Grund Sie dazu veranlassen konnte und daß Sie schon selber sprechen werden, wenn Sie es für nöthig halten." „Ich bin nur bis an den Rhein gekommen," fuhr Armgard leise fort, „wollte in Köln meine alte Freundin Adelheid von Roding, welche dort an einen Bankier verheirathet ist, besuchen und verlebte acht glückliche Tage in ihrem Hause, als plötzlich ein Mann mir begegnete, den ich niemals wieder zu sehen gehofft. — Bei einem Ausfluge in die Umgegend Kölns trat mir Julius Steindorf entgegen." „Großer Gott!" rief Hanna, erschreckt zusammenfahrend. „Erkannte er Sie? — War er allein?" „Ja, er erkannte mich auf der Stelle und besaß noch immer die alte studentische Unverfrorenheit früherer Jahre, indem er sich mir als Wittwer und Vater eines siebenjährigen Töchterchens vorstellte, den das Heimweh nach Deutschland zurückgeführt habe. Meine Freunde glaubten mir einen Gefallen zu erzeigen, als sie ihn einluden, sich unserer Gesellschaft anzuschließen." „Er nahm die Einladung an?" „Natürlich that er das und wich nicht von meiner Seite. Sein Löchterchen hatte er bei sich, ein bildschönes Kind, das Ebenbild der Mutter, welches bereits gut dressiert schien, da es sich wie eine Klette an mich hing. Als er von meinen Neiseplänen hörte, beredete er meine Freundin, mich zu begleiten und ihn zu unserm Reisemarschall zu ernennen. Da machte ich kurzen Prozeß, packte meinen Koffer und reiste nach Hause. That ich recht daran, Tante Hanna?" Diese blickte sie prüfend an und horchte dann erschreckt auf einige Stimmen, die sich dem Garten näherten. „Das scheint Herr Reinhardt zu sein, liebes Kind," wandte sie sich leise zu Armgard, „ich weiß, daß Sie nicht mit ihm sympathisieren —" „Mit dem rücksichtslosen Maler, — nein, Tante Hanna, — ihn möchte ich am wenigsten jetzt sehen." Sie ergriff bei diesen Worten ihren Sonnenschirm und verschwand durch die Glasthür, welche von der Veranda in'S Haus führte. Der Maler Reinhardt, ein Mann schon nahe den Sechzigern, war eine stadtbekannte Persönlichkeit, eine lange, etwas schlotterige Gestalt mit einem bedeutenden Kopfe, welchen ein Wald von grauen Haaren wild und verworren umwogte, ein berühmter Künstler, doch gefürchtet ob seiner grenzenlosen Rücksichtslosigkeit. Er gehörte Tante Hanna's Whtstklub an, verehrte die alte Jungfer sehr hoch und freute sich über ihre schlagfertigen Antworten, wie er überhaupt derbe Zurechtweisungen liebte. „Wenn ich's mir nicht gedacht!" schrie er ihr lachend entgegen, indem er einen jungen Mann trotz seines Protestes durch die Pforte schob, „da sitzt die Allerwcltstante in der göttlichen Ruhe ihres Tusculums und kneipt behaglich Natur. — Ist das nicht eine vollendete Sybarite, diese alte Jungfer von fünfundsiebenzig Jahren, die da einherschreitet mit ungebeugtem Rücken und klaren Augen wie eine zwanzigjährige Braut! Der Tausend ja, wer sich in solchen Düften und in solchem Sonnengold baden kann, soll wohl die ewige Jugend bewahren! — Was, Freund Leonhard? — Im Vertrauen gesagt," setzte er mit etwas gedämpfter Stimme und schlaublinzelnden Augen hinzu, „das Hauptrecept ihrer Jugendlichkeit besteht darin, daß meine kleine Freundin stets ihr Herz unter Verschluß gehalten und sich damit begnügt hat, für Andere den Brautkranz zu winden." Tante Hanna's freundliches Gesicht hatte sich bei den unzarten Neckereien des Malers um keinen Schatten verändert. Sie war den Herren entgegengegangen und zuckte nur lächelnd die Schultern, den verlegenen Gruß des hübschen jungen Mannes, der seiner Kleidung nach offenbar ein Landwirth war, artig erwidernd. (Fortsetzung solgt.) - Kief. Von Don Josaphet. ^ ^Nachdruck verboten^ Bei jedem Volke findet man je nach Anlage und Neigung gewisse Wörter, die so verbreitet sind und denen der Volksgebrauch eine solche mannigfaltige Bedeutung und Vielseitigkeit des Begriffs beigelegt hat, daß man gewissermaßen daraus einen Schluß auf den Charakter der Nation ziehen kann. Das „Araiiäiosö" des Spaniers beansprucht denselben ausschließlichen Platz, den der napoli- tanische Lazzaroni dem „lar nisnta" einräumt. In Frankreich kehren die Ausdrücke „Ehre, Vergnügen, Mode, Geist, guter Geschmack" in jedem Gespräch wieder, — das französische Volk ist eben leichtlebig, huldigt dem Tagesgeschmack und der Mode, hat aber unbestreitbar „ösprit" und eine gewisse persönliche Tapferkeit. In Italien, wo die Kunst alles durchdrungen hat, hören wir die Schlagwörte'r „Erhabenheit, Empfindung, Formenschönheit" ; das magische Wort des handeltreibenden und praktischen Engländers ist „ooralortastls" und „nützlich". Nützlich — das ist die Quintessenz jeder politischen Beredsamkeit, nützlich — das Endresultat ihrer Philosophie seit Jeremias Bentham's Zeit (ff 1832, Begründer des 199 Militarismus), nützlich — das letzte Wort und die Moral ihrer Regierung. Was nun die Anhänger des Islams anbetrifft, so begeisterte sie in ihren Kämpfen zur kühnsten Todesverachtung? Es war die Aussicht auf das sehr materielle Paradies, das der Prophet ihnen in den glühendsten !-- ; i-- ! MB iDWWW DSU Äü ! LL'^i Musik im Kloster. ist seit den Tagen ihrer Herrschaft bis zu den jetzigen. Farben geschildert hatte. Und um schon hier auf der Zeiten des Verfalls der Materialismus oder besser der Erde einen Vorgeschmack dieses sehr wenig idealen Auf- Sensualismus ihre herrschende Leidenschaft gewesen. Mas ! enthalts 'zu 'genießen, bevölkerten sie die Harems mit 200 reizenden Odalisken und schleppten die armen Besiegten in die traurigste Sclaverei, verdammten sie zum mühseligsten Leben, während sie selbst in üppigster Ruhe die Früchte dieser Blühen und Qualen genossen. Aus dieser übertriebenen Werthschätzung der irdischen Glückseligkeit erklärt sich leicht der Umstand, daß bei den Anhängern des Propheten mit dem Wort „Natur" derselbe erhabene Begriff verbunden ist, wie mit dem Worte „Geist" bei den christlichen Völkern und besonders der deutschen Nation, der „Nation der Denker", welche weniger der irdischen, als der Sonne der Intelligenz huldigt. Wie die Perser und Araber, so sind auch die Türken Sensualistcn, aber rhr Sensualismus ist ruhig, indolent, träge. Der Araber reitet zehn Meilen weit, wenn ein Vergnügen ihn lockt; der Türke, ein ebenso großer Verehrer der Freude, wird nie dem Vergnügen nachjagen, er läßt es an sich herankommen, er verlangt, daß es ihn aufsucht. Wenn diese Forderung ihn auch theuer zu stehen kommt, so fühlt er sich reichlich dadurch belohnt, daß er seine Trägheit und seinen Stolz, den er für Würde hält, befriedigt hat. Man wird nie finden, daß ein Türke tanzt, singt oder ein Instrument spielt, er würde sich in seinen eigenen Augen dadurch herabwürdigen; aber seine Leidenschaft ist es, Andere tanzen und singen zu sehen: nach seiner Meinung ermüdet das nicht und bietet denselben Reiz. — Nur im Kriege scheut der Türke keine Anstrengung, keine Ermüdung; bei dem Worte „Kampf" schießen die sonst halb geschlossenen Augen feurige Blitze, der Zorn treibt das Blut rascher durch die Adern, sein Ungestüm erinnert an den edlen Wüstenkönig. Da indessen die Kunst des Mordens an sich eine Arbeit ist und das Kriegshandwerk sich immer mehr ausbildet und vervollkommnet, so wird er trotz seiner Wuth einem geschickt manövrirenden Feinde nicht lange Widerstand leisten. Hat Allah ihm das Leben erhalten, so fällt er in sein altes Phlegma zurück und vergißt die erlittene Enttäuschung bei den Freuden des Harems; griechische Tänzer, walachische Musikanten, böhmische Sänger, arabische Märchenerzähler, jüdische Taschenspieler und kosmopolitische Magier bieten Alles auf, die finstere Miene des Gebieters zu erheitern, seinen Lippen ein Lächeln zu entlocken. Es gibt in der türkischen Sprache einen Ausdruck, der diese Passivität, diesen indolenten, zur Betrachtung neigenden Charakter vortrefflich wiedergibt, auf das genaueste bezeichnet, es ist das Wort Kisf. Es ist unmöglich, dasselbe zu übersetzen, da sein Sinn ebenso unbestimmbar ist, wie der Geist, den es bezeichnet. Seine Bedeutung ist aber gleichsam unerschöpflich, denn dieses eine Wort entspricht Allem, was wir durch die Wörter „Gesundheit, Vergnügen, Ruhe, Glück, Erholung, Gemüthlichkeit, Phlegma, Zerstreuung, Laune" auszudrücken pflegen. Die Türken sagen: „Wie steht's mit dem Kisf?" wie wir fragen: „Wie steht's mit der Gesundheit?" — „Bist Du im Kisf?" hat denselben Sinn, wie bei uns die Frage: „Bist Du guter Laune?" — Kisf ist die Seele der türkischen Sprache I Besuchst Du einen vornehmen Türken zur Zeit der Siesta, so geben die Diener mit vielsagender Miene die Auskunft, daß Du warten mußt, denn der Effcndi hält sein Kisf. Dieselbe Antwort wird Dir zu Theil, wenn der Herr, mit dem Du geschäftlich sprechen willst, im Harem mit seinen Kindern spielt oder sich in seinem Kiosk damit unterhält, durch ein Fernrohr die Schiffe zu beobachten, welche den Bosporus passiven. Und hättest Du ihm auch die wichtigste Sache mitzutheilen, es wäre unmöglich den Effendi zu stören, denn „er hält sein Kies!" Nur eins ist im Stande, das Kisf des Türken zu unterbrechen, und das ist die Stimme des Muezzin, der vom Minaret die Stunde des Gebetes ausruft. Mit stillem Behagen das Nargileh rauchen, eine Landpartie machen, ein Diner im Grünen improvisiren, ^aoui-t (saure Milch) essen, eine schöne Aussicht betrachten, das azurne Blau des Himmels und das unendliche Meer bewundern, nachdenklich mit den Händen auf dem Rücken spazieren gehen, gnädig zu den Worten lächeln, die den Lippen eines Erzählers entschlüpfen, auf dem Lager ruhend den graziösen Bewegungen einer Tänzerin mit den Augen folgen, sich im Kalk von den Wogen schaukeln lassen — Alles das nennt man in der Türkei „Kisf". Der Sultan huldigt dem Kisf in seinem zauberischen Palaste an den unvergleichlichen Ufern des Bosporus, und das geheimnißvolle Schweigen, das rings in der Nähe des kaiserlichen Kiosk herrscht, kündigt den Vorübergehenden an, daß der Sultan sich von seinen Regierungssorgen erholt. Als gute und getreue Unterthanen ver- i neigen sie sich und flehen Allah an, das Kisf ihres j Gebieters zu schützen, damit er nicht auf die Idee komme, das ihrige zu stören. Wie in Paris das Vergnügen jeden Gedanken beherrscht, so in Constantinopel das Kisf; aber die Freuden der Türken sind ebenso passiv, indolent, gemessen, wie die der Franzosen geräuschvoll, thätig und ermüdend. Während die Letzter» den Philosophenspruch „idls