28. Areitag, den 6. April 1894, Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttlcr). Gante Kamia's Geheimniß. Original-Noman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Lieber Himmel", sprach Tante Hanna, als Reinhardt schwieg, „wann lernen Sie's doch einmal, sich kurz auszudrücken, alter Freund, der gute Gedanke in Ihrer Rede wird von dem Phrascn-Unkraut stets unbarmherzig erstickt. Stellen Sie mir lieber Ihren Begleiter vor." „Pardon, mich riß die Begeisterung hin", rief der Maler vergnügt, „der kalte Strahl hat mir äußerst wohlgethan. Also, mein junger Freund und entfernter Verwandter von unsern Urgroßmüttern väterlicherseits her, Herr Leonhard Marbach, Besitzer des Ritterguts Noten- hof —" „Ah, unterbrach Tante Hanna ihn rasch, „Sie haben Rotenhof gekauft, Herr Marbach?" „Ich habe es von meinem verstorbenen Onkel Drink geerbt, der es nach dem Tode des früheren Besitzers kaufte", versetzte der junge Mann. „Es ist ein schöner Besitz", bemerkte Tante Hanna, welche etwas widerstrebend dem voranschreitenden Maler folgte, der geradewegs auf die Veranda lossteuerte und sich's hier ohne Weiteres bequem machte. „Ein köstliches Stillleben", rief letzterer mit aufrichtiger Bewunderung, „ich möchte dasselbe malen, Tante Hanna, selbstverständlich mit Ihrer Person als Mittelpunkt." „Aber auch selbstverständlich nur mit meiner Erlaubniß, nicht wahr?" „Mit oder ohne, wäre mir gleich", erwiderte Reinhardt, „Sie haben es verdient, verewigt zu werden, »via stoiio nur für Ihre Freunde, und darin liegt doch keine Entweihung, wie?" Tante Hanna schwieg und griff nach ihrem Strickzeug, wobei ein verstohlener Blick besorgt die Glnsthür und das offene Fenster streifte. „Ja, Rotenhof ist ein schöner Besitz", nahm der junge Gutsbesitzer jetzt rasch das Wort, „ich bin meinem Onkel sehr dankbar für dieses Erbe und habe doch keine rechte Freude daran, seitdem ich erfahren, daß der einzige Sohn jener Familie, deren Stammgnt es seit Jahrhunderten gewesen, einst darauf verzichten und in die weite Welt wandern mußte. „Na, darüber brauchen doch Sie sich kein graues Haar wachsen zu lassen, Leonhard?" rief der Maler spöttisch lachend, „jener letzte Sprößling der Steindorf'- schen Familie hatte sein Schicksal verdient. Kennen Sie seine Geschichte?" „Nein, ich kenne dieselbe uicht —" „Ach, lassen wir diese alten Geschichten ruhen, Herr Reinhardt!" bat Tante Hanna erregt, „es ist längst Gras darüber gewachsen." „Das möchte ich nicht behaupten, kleine Tante", beharrte der Maler, „denn wie ich vorhin als neueste Neuigkeit vernommen, ist Julius Steindorf- als Wittwer mit einem kleinen Töchterchen aus Amerika heimgekehrt, wo er vier oder fünf Gräber von Frau und diversen Kindern zurückgelassen hat. Es soll ihm just nicht zum Besten ergangen sein, worüber ich mich gar nicht wundere, da beide Ehegatten in der Verschwendungssucht mustergiltig waren. Wissen Sie, Freund Marbach, daß dieser Julius Steindorf mit der einzigen Tochter des reichen Holten auf Edenheim von Kindesbeinen an verlobt war? Den Kuckuck auch, die Geschichte wäre nicht ohne gewesen, wenn diese beiden Rittergüter, deren Grenzen sozusagen in einander laufen, in einer Hand vereint worden wären." „Sie meinen doch die jetzige Besitzerin von Edenheim?" fragte Marbach in sichtlicher Erregung. „Dieselbe, Fräulein Armgard Holten, ein prächtiges Mädchen — Donnerwetter — Leonhard, das wäre eine Fran für Sie, da Sie doch jedenfalls heirathen müssen —" „Ich ersuche Sie, den Namen der jungen Dame nicht so frivol zu entweihen, Reinhardt!" rief Marbach, ihn zürnend anblickend, nehmen Sie meinetwegen mich zur Zielscheibe, nur nicht in Verbindung mit einer solchen hochgeachteten Persönlichkeit." „Ich danke Ihnen im Namen jener Dame", sprach Tante Hanna, ihm die Hand reichend, „meine aber, Freund Reinhardt", wandte sie sich an diesen, „daß Fräulein Holten sich überhaupt nicht als Nnterhaltungs- thcma eignen dürfte." „Der Henker hole mich, wenn ich jemals beabsichtigt hätte, Fräulein Armgard herabzuwürdigen, das hieße doch auch Wasser in ein Sieb schöpfen." Reinhardt fuhr sich bei diesen Worten mit beiden Händen durch sein Haar, daß es wie wildes Gestrüpp emporstarrie, und meinte dann, daß die sogenannten Gebildeten am Schicklichkettsgefühl krankten und kein wahres Wort mehr hören könnten. „Wissen Sie, Tante Hanna, daß ich die kleine Arm« gard damals, als der lange Bengel die Verlobung aufhob und sich mit ihrer koketten und allerdings ebenso schönen als blutarmen Cousine verheirathen wollte, förmlich bewundert habe? — Denken Sie, Leonhard, was die kleine Heldin, die vielleicht achtzehn Jahre zählte, that! Sie bettelte für die Verräth» bei den Eltern hüben und drüben, log ihnen vor, daß sie den Schlingel von Julius, der ein bildhübscher Junge war, nicht ausstehen und ihn folglich auch durchaus nicht heirathen könne, obgleich sie bis über beide Ohren in ihn verliebt war —" „Kein Wort weiter, Herr Reinhardt!" rief die kleine Tante, sich zornig erhebend. „Ach waS," fuhr der rücksichtslose Maler, sie ruhig auf ihxen Platz zurückziehend, eifrig fort, „ich will meine Geschichte doch zu Ende bringen, und was die Spatzen sich vor 10 Jahren auf den Dächern erzählten, das kaun auch wohl ein braver Mann, wie ihr Nachbar Marbach hier, anhören. „Aber keine Anzüglichkeiten," sprach der junge Mann ernst, „sonst verzichte ich auf das Ende Ihrer Geschichte, welches ich mir zusammenreimen kann. Was ich von Fräulein Holten, von ihrem Charakter, der mit weiblicher Milde männliche Energie und einen scharfen Verstand verbindet, bislang gehört, ist so bewunderungswürdig, daß ich es kaum wage, mich ihr äls Nachbar vorzustellen." „Unsinn," brummte Reinhardt, „sie bleibt bei all' ihren Vorzügen doch immer nur ein Frauenzimmer —" „DaS den Beweis geliefert, als Gutsbesitzerin einen Herrn und Meister ganz gut entbehren zu können," fiel Tante Hanna mit ungewöhnlicher Schärfe ein. Der Maler blickte sie sinnend an. „Ja," sagte er nach einer Weile, „sie ist eine Perle ihres Geschlechts, aber schade ist es doch." „Was ist schade?" fragte Hanna gereizt. „Daß sie sich nicht verheirathet hat, bevor Musje Steindorf zurückgekommen. Na, schießen Sie nur nicht so gereizt auf mich los, kleine Tante," setzte er laut lachend hinzu, „was ist Ihnen denn so urplötzlich in die Krone gefahren, als ob Sie mich zum Nachtessen verspeisen wollten? Weiß wohl, daß man Ihr Schooßkind nicht schief ansehen darf, aber ich mein' es ja doch so von Herzen gut mit ihr, und Sie wissen, wie die Welt urtheilt, der schlaue Julius Steindorf voran, dem das schöne Edenheim und die artigen Baarkapitalien der einst verschmähten Erbin gut zu statten kämen. Stecken Sie's ihr, Tantchen, wir sind ja unter uns, da ich für meinen Leonhard bürge. Der edle Herr Julius glaubt, daß sie ihm die Treue bewahrt und um seinetwillen nicht geheirathet hat." Drinnen wurde ein Geräusch hörbar, als ob ein Stuhl gerückt würde. „Spukt es bei Ihnen oder ist's die Lise?" fragte der Maler. „Lise ist verreist, es wird meine Mignon sein, — mein Kätzchen nämlich," wandte Hanna, die sehr bleich aussah, sich an Marbach. „Hat er solches ausgesprochen?" fragte der junge Mann, „und — ist er hier in der Stadt?" „Er ist hier und hat dergleichen angedeutet," versetzte Reinhardt, „schade, daß ich nicht dabei gewesen bin, um ihm die richtige Antwort darauf zu ertheilen. Er wird äirch M Ihnen wegen Rotenhof anbinden, mein Lieber! Soll bereits mit einem Rechtsanwalt in Verbindung getreten sein." „Nun?" richtete der junge Mann sich erstaunt empor, „will er meinen Besitz-Titel vielleicht angreifen? — Dann soll er mich gewappnet finden. Abtrotzen lass' ich mir nichts. Ich ersah allerdings aus den Papieren meines Onkels, daß er das Gut aus dem Concurse für einen Spottpreis erstanden, und wunderte mich, daß Herr Holten es nicht an sich gebracht." „Das hatte seine besonderen Gründe," nahm Tante Hanna jetzt das Wort, „Herr Julius Steindorf erhielt eine übermäßig hohe Summe ausbezahlt, weil sein Vater ihn nicht mehr sehen mochte, worauf die Mutter bald starb und alles in Verwirrung gerieth. Der alte Steindorf wurde tiefsinnig, unredliche Verwalter beuteten ihn aus und auf Herrn Holten wollte er nicht hören, weil er Fräulein Armgard die ganze Schuld beimaß. Er soll ihm sogar die Thür gezeigt haben. So war das Ende bald genug da, das abgewirthschaftete Gut kam unter den Hammer und Ihr Onkel erstand dasselbe für einen Spottpreis, weil ein Jeder sich gescheut haben soll, darauf zu bieten, als man sah, daß Herr Holten sich vollständig fern hielt." „Und der alte, unglückliche Herr Steindorf?" fragte Marbach leise. „Man fand ihn am Tage der Auktion todt in seinem Bette, am Schlagfluß gestorben, wie es hieß." Es wurde jetzt ganz still in dem kleinen Kreise. Die Sonne war längst untergegangen, hoch oben im blauen Aether erglänzte die Mondsichel, Blumen und Blüthen dufteten berauschend, und im nahen Gebüsch schlug eine Nachtigall. Mignon hatte sich auf den Schooß ihrer Herrin geflüchtet und schnurrte. Sie hob den zierlichen Kopf und schien etwas Jagdlust zu empfinden, denn ihre Augen phosphorescierten bedenklich. Doch war sie zu wohl erzogen, um nicht augenblicklich ihre Gelüste nach der kleinen Sängerin zu unterdrücken und weiter zu träumen. Plötzlich erhob sich der Maler, reichte der alten Freundin die Hand und bat leiser „Verzeihen Sie, wenn ich Sie geärgert habe, ich kann mich nicht mehr ändern. Gute Nacht!" Sie drückte ihm stumm die Hand, auch dem jungen Gutsbesitzer, der sich entschuldigen wollte, doch ruhig mit einem herzlichen „Gute Nacht" entlassen wurde. Als die Pforte sich hinter den Beiden geschlossen, schritt sie eiligst in's Haus. „Armgard!" rief sie leise und ängstlich, indem sie rasch eine Kerze anzündete. Dort saß sie, am offenen Fenster, von der Gardine halb verhüllt. „Schließen Sie Fenster und Gardinen, Tante," bat sie mit fester Stimme, die einen seltsam fremden kalten Klang hatte. Tante Hanna gehorchte zitternd, ihr war auf einmal so kalt geworden, daß sie zusammen- fröstelte. Armgard sah nach ihrer Uhr. „Es ist spät, schon nach neun Uhr, Conrad wartet mit dem Wagen auf mich, da ich in meinem Hause nicht übernachten, sondern noch nach Edenheim hinaus wollte. Aber, — was thut's, — mag er warten, er ist ja unter Dach und Fach." „Die alte Cathrin, welche für Lise die Arbeit übernommen hat und hier schläft, wird soeben gekommen 207 sein. Ich schicke sie in die Stadt, um Conrad Bescheid zu sagen." „Ich bitte darum, Tante Hanna, da ich noch ein Stündchen mit Ihnen plaudern möchte. Conrad mag sich um 10 Uhr hier einstellen." Hanna ging hinaus, während Armgard langsam im Zimmer umherschritt. Das sonst so blühende Antlitz war leichenblaß, um die festgeschlossenen Lippen lag ein herber Zug, der sie um ein paar Jahre älter erscheinen ließ, und aus den freundlichen braunen Augen blitzte es wie Menschenverachtung und Haß. Tante Hanna kehrte zurück. Sie ergriff Armgard'S Hände und zog sie sanft nach dem Sopha, wo sie sie in eine Ecke niederdrückte. Dann zündete sie die Lampe an und ließ sich an ihrer Seite nieder. „Sie haben Alles mit angehört, Kinds" „Ich mußte wohl, da mir jeder Ausweg verschlossen war," lautete die bittere Antwort. „O nein, Herzchen, die Nothwendigkeit lag gerade nicht vor, Sie konnten durch die Hofthür in meinObst- gärtchen gehen, da ich leider nur den einen Ein- und Ausgang habe. Aber natürlich blieben Sie hier, um sich von diesem Igel von Maler noch tiefer verwunden zu lassen. Was man nicht weiß, das —" „Ja, ja, Tantchen, ich blieb aus Neugierde, es ist ganz gut zu wissen, was Andere über uns denken und urtheilen, weil das die Demuth weckt. Die Lehren dieses stachlichen Igels waren schmerzhaft, aber doch gut. Es ist nur gar zu demüthigend, daß die Welt und dieser Mensch von mir glauben können, ich hätte um seinetwillen nicht geheirathet. — Das könnte mich noch heute zu einem verzweifelten Entschluß bringen." „Meine beste, einzige Armgardl" bat Hanna, den Arm um sie legend, „verachten Sie das Geschwätz der Welt, wie Sie es stets gethan. Mag der Elende doch kommen, für den Sie sicherlich nur Verachtung empfinden. — Oder," setzte sie erschreckt hinzu, als sie sah, wie das blasse Gesicht sich mit einer tiefen Gluth bedeckte, „sollte ich mich geirrt haben und Ihr Herz noch immer für ihn empfindend" Armgard legte den Kopf an ihre Schulter und brach in Thränen aus. „Verachten Sie mich, Tante Hanna," sprach sie endlich leise, mit Anstrengung, „ich habe in all' den Jahren nur zu oft an ihn gedacht und mein Gewissen im Hinblick auf seine armen Eltern mit dem Gedanken beruhigt, daß er glücklich geworden und daß ich die Begründerin feines Glücks gewesen. Ach, Tante, ich liebte ihn so sehr, der alte Igel hatte ganz recht gesehen mit seinen scharfen Maler-Augen. Als ich ihn in Köln wiedersah, schöner noch als früher, da fühlte ich die alte Liebe erwachen in ihrer ganzen Stärke, und der Gedanke, daß er frei sei, daß er noch mein jetzt werden könne, versetzte mich in einen Rausch des Entzückens. Dann kam ein jähes Erwachen, ich merkte die Absicht- lichkeit seiner Annäherung, hörte, ungesehen von ihm, wie er meine Freundin über meine Vermögens-Verhältnisse und mein einsames Leben ausforschte, sah den Triumph in seinen Augen und empfand mit Widerwillen das berechnete Entgegenkommen seines dressierten Kindes. Entsetzt entfloh ich, um soeben anzuhören, daß er mir auf dem Fuße gefolgt, daß der Elende sich mit meiner Schwäche brüstet, daß die Welt mein innerstes Geheimniß an's Tageslicht zerrt, um der Närrin zu spotten, welche als alterndes Mädchen noch auf Glück zu hoffen wagte, während der kluge Freier nur ihr Hab und Gut will, um sie als Ballast dann bei Seite zu werfen. Tante Hanna l wohin soll ich mich flüchten vor der Welt und der eigenen Scham?" Die Greisin blickte einen Augenblick sinnend vor sich hin, wobei eine tiefe Wehmuth um die blaffen Lippen zuckte. Dann streichelte sie die Wangen ihres Lieblings und versetzte in ihrer milden, ruhigen Weise: „Ich möchte Ihnen wohl die Geschichte einer Freundin erzählen, welche in der Jugendzeit Freud' und Leid mit mir theilte und sozusagen mein zweites Ich war. Doch ist es heute Abend zu spät geworden, weshalb ich Ihnen einen Vorschlag mache, meine liebe Armgard! Schicken Sie den Conrad wieder nach Hause und bleiben Sie diese Nacht bei mir. Morgen früh, wenn die Vögel erwachen und die Rosen ihre Kelchs öffnen, wenn die Pfingstsonne uns begrüßt, dann werden auch Sie ruhiger sein und die Geschichte meiner Freundin wie eine heilige Offenbarung in sich aufnehmen. Ja, schauen Sie mich nur verwundert an, die alte Tante Hanna trägt immer noch ein Stückchen Poesie in ihrem Herzen und kann sich mit dem nüchternen und oft recht widerwärtigen Realismus der heutigen Jugend, die für nichts weiter schwärmt, als Erwerb und Genuß, nun einmal nicht befreunden. „Ich bleibe hier, Tante Hanna, um die Geschichte Ihres zweiten Ichs zu hören," sprach Armgard gefaßt. „Wollen Sie dem Conrad Bescheid sagen?" „Er wird inzwischen gekommen sein, ich gehe schon, mein Kind." Hanna ging, um den Kutscher fortzuschicken, Garten und Haus zu verschließen und der alten Cathrin einige Anordnungen zu ertheilen, dann kehrte sie zu Armgard zurück. „Tante," sprach diese, „ich möchte die Geschichte jetzt gleich hören." „Nein, mein Kind, ich bin an ein regelmäßiges Leben gewöhnt und muß um 10 Uhr im Bett liegen. Das ist mein Recept. Die Ruhe des Herzens, das Gleichgewicht der Seele in jeder Lage des Lebens bewahren, weder Leidenschaft noch Unglück und Leid Herr über sich werden lassen, darin besteht das Geheimniß meines hohen Alters. — Und nun kommen Sie, mein Herzchen, daß ich Sie in Ihr Schlafkämmerlein führe." Arm in Arm begaben sie sich zur Ruhe, Tante Hanna plaudernd und scherzend, Armgard schweigend und nachdenklich. „Der jetzige Besitzer von Rotenhof scheint ein recht verständiger junger Mann zu sein," bemerkte Armgard, als Hanna ihr gute Nacht sagte. „So scheint es, wissen kann man es nicht, denn wer kennt die Männer aus!" „Freilich, zuerst schien ihm der Besitz Gewissensbisse zu verursachen," meinte Armgard spöttisch, „so daß man glauben mußte, er wolle denselben um jeden Preis los sein, bis der Maler ihm ein Licht aufgesteckt, wie er jetzt sein zartes Gewissen erleichtern könne, da bekannte er Farbe —" „Na ja, freiwillig oder gezwungen etwas thun, ist ein verschieden Ding, liebe Seele! Ich müßte den jungen Marbach verachten, wenn er sich in solch' ungerechtfertigter Weise aus feinem Eigenthum verdrängen 808 ließe. Das sieht dem kecken Herrn Julius Steindorf ganz ähnlich, sich so mir nichts dir nichts in das warme, väterliche Nest, das fremder Fleiß wieder aufgebaut, Hineinsetzen zu wollen. Gott sei Dank aber herrschen im Deutschen Reich keine amerikanischen Zustände." Sie küßte Armgard mit Mütterlicher Zärtlichkeit und begab sich in ihre Kammer, wo sie sich stilllächelnd entkleidete und zur Ruhe begab, während die junge Erbin ihr Licht auslöschte, die Gardine zurückschlug und das Fenster öffnete, um den berauschenden Duft der Frühlingsnacht einzuathmen und der Nachtigall zu lauschen. Als sie endlich ihr Lager aufsuchte, war ihr Gesicht von Thränen feucht und ihr Herz müde zum Sterben. Tante Hanna wanderte schon früh zwischen ihren Rosen umher, hier und da ein welkes Blatt entfernend oder ein schwaches Reis festbindend. Sie hatte nicht Nutzlos gewacht wie Armgard, sondern fest und ruhig geschlafen, weshalb die Augen klar in Gottes schöne Schöpfung hinausschanten und die kleine Gestalt kerzengerade in jugendlicher Rüstigkeit sich umherbewegte. Die Vöglein jubilierten zu Gottes Ehre, und nun erklang auch schon das erste Geläute hoch und hehr durch die stille Morgenluft. Da öffnete Armgard ihr Fenster und spähte unruhig hinaus. Sie sah bleich und übernächtig aus, die sonst so klaren Augen waren trübe und leicht ge- röthet. „Hm, das sieht nicht gut aus," dachte Tante Hanna bei ihrem Anblick, „sitzt der gottlose Bursche ihr wirklich so fest noch im Herzen? Das wäre böse, sehr böse!" „Ei, ei, seit wann sind wir eine Langschläferin geworden?" rief sie ihr zu, „wir haben nicht lange Zeit, mein Herzchen, da ich die Kirche nicht versäume." »Ich begleite Sie, Tantchen, bin in zwei Minuten bei Ihnen." (Fortsetzung folgt.) - - Präsident Schulze. Eisenbahn-Humoreske von Karl Zastrow. (Schluß.) Und in der That, als der Zug in den Bahnhof von Lundenburg einfuhr, da zeigte sich der Perron von einer dichtgedrängten Menschenmenge besetzt, und alle Hälse streckten sich und alle Augen bohrten sich in das Coupö, um den mächtigen Grundbesitzer und dreifachen Millionär aus Russisch-Polen zu sehen, der das kleine Städtchen mit seiner großmächtigen Gegenwart beehren wollte. Und als nun Seine Hochwohlgeboren mit ihrem Begleiter aus- und in den bereitstellenden Wagen stiegen, da erbrauste die Luft von tc^lsendstimmigem Jubelschall, und gleich einem Wetterschwarm wälzte die liebe Straßen- jugend sich hinterdrein, als der Wagen in schnellem Trabe der Stadt entgegenrollte. Schulze schüttelte den Kopf. Die Ovation war ihm selbst für einen russischen Großgrundbesitzer doch etwas zu stark. Dazu kam, daß er unter dem „Hoho — Schulze, Schulze, Schulze!" brüllenden Janhagel einige ganz verzwickt höhnisch grinsende Gesichter wahrgenommen hatte. Auch eine Kundgebung des Zweifels war an sein Ohr gedrungen: „DaS soll Schulze sein? Das glaub ich nimmer l" hatte es recht pessimistisch getönt. Fragend blickte er auf seinen Begleiter; allein der hatte, wie es dem heimkehrenden Stadtoberhaupte geziemt, die Amtsmiene aufgesteckt, saß im feierlichen Schweigen da und sah mit hoheitsvollem Ernst auf die gaffenden Unterthanen herab. Glücklicherweise hielt der Wagen jetzt vor dem Nathhause, in welchem der Bürgermeister wohl seine Dienstwohnung hatte. Ob das Diner wohl schon angerichtet war? Jedenfalls denn, „Steigen Sie aus und kommen Sie mit, Präsident!" raunte der Stadtvater, und dann gings eine Treppe hinauf und in ein großes Zimmer hinein, in welchem einige Beamte an grünbezogenen Pulten arbeiteten, während längs der Wände elegant gekleidete jüngere und ältere Personen beiderlei Geschlechts saßen. Und alle diese wildfremden Leute blickten starr und mit offenem Munde auf den eintretenden Präsidenten. Darauf ringsherum Kopfschütteln, Tuscheln und Schulterzucken, bis eine ehrwürdige Matrone sich von ihrem Sitze erhebt und entschlossenen Schrittes auf den ältesten der Bureauarbeiter mit den halblaut geflüsterten Worten zutritt: „Das ist er nicht." Worauf der in dieser Weise Belehrte schadenfroh in sich hinein schmunzelt und sich an den sichtlich verlegen werdenden Bürgermeister mit den Worten wendet: „Herr Commissär! Sie haben wieder mal einen tuuL xas g'macht. Er ist's nicht." «Nein, er ist's nicht! . . t Er ist's nicht! . . . Es ist nicht der Präsident!" schwirrt es von allen Seiten. „Nu — do is er's neht," schreit der zum Com- missär degradierte Bürgermeister ärgerlich. „Da ist es halt a Irrthum. Was kann i dafür? Wenn er sagt, er ist Präsident und schmeißt mit de Millions um sich, als wenn's hagelt, und heißt Schulze, da bringt man ihn mit. Und wenn er's neht ist, na, da ist er's neht! Hat mich 20 Gulden gekostet, der Spaß!" „Herr!" schreit jetzt unser Schulze, dessen Gesicht bei jeder Phase dieser interessanten Verhandlung an Länge zugenommen hat, „was soll ich von Ihnen denken? Was? Sie unterstehen sich, einen unserer hervorragendsten deutschen Verwaltungsbeamten für einen Hochstapler zu halten und mir nichts dir nichts in Ihre alte Vagabundenkanzlei zu ködern? Sie geben sich für den Bürgermeister von Lundenburg aus und wie's zum Klappen kommt, sind Sie ein alter Polizei-Pelikan, der in Steckbriefen macht? Ja wohl — Schulze! Schulze! Schulze! Hat sich was zu schulzen! Haben Sie nicht genug Schulzes in Ihrem Krähwinkel, daß Sie noch einen aus Westpreußen dazu annektieren wollen? Herr! Was meinen Sie, wenn ich eine Depesche an den deutschen Reichskanzler loslasse? Was meinen Sie, was geschieht -?« „Na, nun hören Sie auf!" unterbrach der ältere Beamte den Eiferer, während gleichzeitig ein Wachmann mit den Worten: „I bitt' schön, daß Sie sich entfernen, Herr Schulze! ich bitt' dringend darum, Herr Schulze!" herzutrat. „Hören's auf, und wenn's an guten Rath annehmen woll'n, dann verschwinden's fein säuberlich, eh' der Spectakel noch größer wird. Und wenn's der Präsident Schulze nicht sind, dann danken's Gott, daß Sie es nicht sind. Und mit der Depesch' an den Reichs- kanzler, das können's halten, wie's woll'n. An' Krieg mit Deutschland können wir um einen westpreußischen Schulze nicht anfangen. Hob de Ehre, Herr Schulze! wünsch' glückliche Reiset" — Und ehe Herr Schulze es sich versah, stand er außen vor'm Portal des Nathhauses, und da er im Grunde ein vernünftiger Mann war, so sagte er sich, daß es so am besten sei, und schlug sich mit sorgfältiger Vermeidung jedes Aufsehens nach dem Bahnhöfe. Der nächste Zug brachte ihn dann nach Wien, in dessen großstädtischem Wogenschwall er durch gelegentliches Forschen und Studieren der Tngesblätter auch die Lösung des Räthsels erhielt: Es lebte nämlich in Baden bei Wien ein etwas absonderlich gearteter Banquier, dessen Unternehmungen stets vom Glück begünstigt worden waren, weshalb ihm auch jene Weisheit fern geblieben war, die mehr oder weniger die Folge läuternder Schicksalsschläge ist. Sein Name war Schulze. Er hatte unter anderm auch eine Bank gegründet, die ihm Millionen eingebracht, später aber in Folge noch größerer Unternehmungen wieder eingegangen war. Schulze besaß an irdischen Gütern alles, was sich erreichen läßt. Nur eins fehlte ihm: ein Titel, ein hoher Orden, ein berühmter oder adeliger Name! Wie er es auch anstellen mochte, er war und blieb Schulze! Und wenn er sich auch von jener Bank her, der er als Begründer vorgestanden, Präsident nannte, und auch seine Bekannten ihm zu Gefallen ihn „Herr Präsident" titulierten, — es war doch nichts Reelles, öffentlich Anerkanntes, worauf er und die Seinen hätten stolz sein können. Er versuchte es mit der Kunst, indem er unter die Schauspieler ging, allein um Hauptrollen zu erhalten, blieb ihm nur übrig, Di- rector zu werden, ein Theater zu pachten und den mitwirkenden Künstlern dopppelte Gage zu zahlen. Nachdem er sodann der staunenden Welt einen Franz Moor hingelegt, wie er in diesen Breiten noch nie gesehen worden, und jämmerlich ausgezischt worden war, suchte er anf anderen Gebieten zu brillieren, fiel jedoch aus einer Extravaganz in die andere, ungeheuere Summen verschwendend, ohne etwas anderes zu ernten, als den Fluch der Lächerlichkeit. Nachdem er jedoch auf die kühne Idee verfallen war, sich eine stattliche Majors- Uniform anmessen zu lassen und als wohlbestallter Stabsofficier durch die Straßen von Wien zu wandeln, sah man ein, daß etwas geschehen müsse. Und so wurde er unter Curatel gestellt und mit etwas größerer Sorgfalt überwacht, als ihm lieb war. Denn als der Schlaumeier die wohlgemeinte Absicht merkte, wurde er verstimmt, und ehe man sich's versah, war er mit einer halben Million Taschengeld verschwunden. Nun reiste er als Graf und Rittergutsbesitzer in der Provinz umher, seinen Verfolgern ein Schnippchen schlagend und wegen seiner großartigen Zechen in allen Gasthäusern gern gesehen. Niemand dachte daran, ihn zu verrathen. Sein letzter Geniestreich hatte ihn zu einer volkstümlichen Persönlichkeit gestempelt. Seine Angehörigen hatten eine Belohnung von 1000 Gulden demjenigen ausgesetzt, der „Präsident Schulze" auf gute Manier wieder einliefern würde. Dieser Preis hatte alle Detectives und Gendarmen auf die Beine gebracht, und daß Irrthümer wie der hier geschilderte vorkommen mußten, war natürlich. Der Pseudo-Bürgermeister glaubte seiner Sache ziemlich sicher zu sein. Auf sein Telegramm: „Präsident Schulze unterwegs," hatten sich sämmtliche Mitglieder der Familie Schulze eingefunven, und das stereotype „Dös is er net" mag ihm noch anf lange Zeit die Laune verdorben haben. Unser resoluter Eisenbahnsekretär reiste über Salzburg nach Innsbruck weiter, allein der Genuß der schönen Gebirgsnatnr hatte einen etwas bitteren Geschmack für ihn erhalten. Wenn so ein alter eingefleischter Bureaukrat einmal alle Miseren vergessend, in die Ferne hin- ausdampft, und es passiert ihm dort etwas Unangenehmes, so hat er stets das drückende Gefühl, daß die Wolken, welche sich über seinem Haupte zusammengethürmt haben, möglicherweise ihren Flug in die Heimath nehmen und sich dort als Gewitterschauer entladen könnten- Und seine heimliche Ahnung sollte ihn nicht betrogen haben. Als er nach glücklich erfolgter Heimkehr pünktlich zur festgesetzten Stunde sich bei dem Nessortchef zum Dienstantritt meldete, begann dieser nach Erledigung der ersten Formalitäten: „Sie wissen wohl schon, Herr Schulze, daß wir einen neuen Dezernenten haben? Negierungsrath Müller aus Frankfurt, noch jung an Jahren, aber feiner Mann, hat auch die Personalien" — Schulze lauscht betroffen. „Negierungsrath Müller? Teufel! Wenn das nur nicht" — „Der Herr Negierungsrath scheint bereits einen Vorgang von Ihnen an der Strippe zu haben. Sie finden auf Ihrem Pulte einen Zettel, wonach Sie sogleich nach Ihrer Rückkehr sich bei ihm zur Rücksprache ein- finden sollen. Gehen Sie nur gleich zu ihm." Schulzen sinkt das Herz in die Hosen. „Teufel! wenn das nur nicht der verflixte Assessor mit der Narbe ist, der immer so entsetzlich gehohnlächelt hat. Assessor nannte er sich zwar. Aber was will das sagen? Auf der Rückkehr von Dresden kriegt er den Titel „Negierungsrath" und die Versetzungsordre nach hier, denn das Unglück schreitet heuzutage schnell." Eine Minute später steht Schulze vor dem Ne« igiernngsrath Müller und sieht mit Angst und Schrecken sene Befürchtung bestätigt. Sein Reisegefährte von damals steht ihm heute als sein Vorgesetzter gegenüber. „Wer sind Sie?" tönt es trocken von den Lippen des Herrn Regierungsrathes. „Gott sei Dank!" athmet Schulze auf, „er erkennt mich nicht wieder," und laut und im xesolutcn Tone erwidert er: „Schulze, Herr Asseff—, Herr Regiernngs- rath! mein Name ist Schulze!" „So? Na — hören Sie mal, Schulze, Sie haben da eine Idee gehabt und zwar eine ziemlich leichtsinnige. Na . . Sie werden ja wissen, was ich meine, und mir deshalb die erforderliche Auskunft geben können. Also die Sache ist die: Eine unserer bedeutenderen Nachbarbahnen fragt wegen eines gewissen Schulze, der an dem und dem Tage mit dem so und so dielten Zuge von Bodenbach in der Richtung nach Vrünn gefahren, sich für einen Bahndirector aus Westpreußen ausgegeben und unter dieser Firma das Beamtenpersonal in ungebührlicher Weise gehänselt hat. Es wird im Grunde nicht schlimm gewesen sein, aber die Kerle haben sich bei ihren Vorgesetzten beschwert und die Geschichte an die große Glocke gehängt, und da oben sieht so etwas immer bedenklicher aus als unten. Was meinen Sie, 210 — Schulze, was man nun der Verwaltung mit gutem Gewissen antworten könnte?" „Herr Regierungsrathl" erwiderte der Bahnsekretär, dem selbstverständlich nicht wohl zu Muthe war, „ich — ich kenne den Schwerenöther, der solche Geschichtchen macht. Ich fuhr mit ihm eine Strecke. Er ist der Präsident Schulze aus Baden bei Wien." Müller schwieg, still vor sich lächelnd, eine halbe Minute. Dann sagte er: „Na — es ist gnt, Schulze. Es fehlt Ihnen wenigstens nicht an Geistesgegenwart! Aber nun Scherz bei Seite! Eins muß ich Ihnen sagen, nämlich, daß Sie nach Ostpreußen versetzt werben, woselbst Sie Ihre Carriere ungehindert bis zum Präsidenten machen können. Und zwar müssen Sie schon in drei Tagen an Ort und Stelle sein. Nach Gumbinnen kommen Sie. Verstanden?" Schulze trat ab und am nächsten Tage seine Strafversetzung an, und Urlaub gab eS für ihn hinfort auch nicht mehr. Wenn im Sommer die Kollegen südwärts zogen, dann saß er an ihren Pulten und erledigte ihre Arbeiten. Er war ein gemaßrcgelter Beamter geworden, weil er Andere gemaßregelt hatte! Und die Moral von der Geschieht'? „Wenn Du als Subalterner bist Auf Urlaub eine kurze Frist: Dann spiel' den Präsidenten nicht." -—- Steine und Bücher. Von Don Josaphet. Nachdruck vom Verfasser verboten!) I. Seit dem Anfange aller Dinge bis zum fünfzehnten Jahrhundert des christlichen Zeitraumes einschließlich ist die Baukunst das große Buch der Menschheit, der Hauptausdruck des Menschen in den verschiedenen Zuständen seiner Entwicklung, sei es als Kraft, sei es als Einsicht. Nachdem das Gedächtniß der ersten Geschlechter sich überladen fühlte, nachdem von Geschlecht zn Geschlecht die Tradition so schwerfällig und verwirrt wurde, daß das nackte und flüchtige Wort sie nicht mehr getreu überliefern konnte, schrieb man die Geschichte in den mütterlichen Boden der Erde auf die sichtbarste, dauerhafteste und natürlichste Weise: man besiegelte jede Tradition durch ein Monument. Die ersten Monumente waren einzelne Felsstücke, „welche das Eisen nicht berührt hatte", wie Moses sagt. Solche Monumente der Urzeit waren der Altar, welchen Noe errichtete, als er aus der Arche trat (1. B. Mos. VIII. 20), der nicht zu Ende geführte Colossalbau des Thurmes in Babel (1. B. Mos. XI. 3.4), die Altäre, welche Abram in Sichem und Bethel dem Herrn erbaute (1. B. Mos. XII. 7. 8), der Altar Jsaacs in Bersabes (ibickoni XXVI. 25), der Denkstein Jacobs in Luza oder Bethel (ibiäöm XXVIII. 18) und viele andere, welche die hl. Schrift erwähnt. Die Architektur begann wie jede Schrift. Sie war zuerst Alphabet. Man pflanzte einen Stein aufrecht in die Erde, das war ein Buchstabe, und jeder Buchstabe war ein Hieroglyph, und auf jedem Hieroglyphen ruhte eine Gruppe Ideen, wie das Kapital auf einer Säule. So machten es die ersten Geschlechter, überall, zu gleicher Zeit, auf dem ganzen Erdkreise. Den aufgerichteten Stein findet man auf den Inseln der Südsee, wie an den Gestaden des Mississippi, bet den alten Celten, wie bei den Helden Homer's: es ist die ursprüngliche Univerfal- sprache der Menschheit, nur kommt diese Sprache nicht über das erste Stammeln hinaus. Daher tragen diese primitivsten Werke der Urzeit mehr das Gepräge allgemeiner Natur-nothwendigkeit, als den Stempel geistig bewußten Schaffens. Später machte man Worte. Man baute Stein auf Stein, man verband diese Silben von Granit untereinander, das Wort versuchte einige Verbindungen. Ein Wort, ein deutliches Wort, war jener Steinhaufen, welchen Jacob und Laban in Galaad errichteten und „Hügel des Vertrages", „Steinhaufen des Bundes und Zeugnisses" nannten (1. B. Bios. XXXI. 46. 47), ein unvergeßliches kühn gesprochenes Wort waren jene zwölf Colossalsteine, die Josua aus dem Bette des hl. Jordan nehmen und in Galga! aufstellen ließ zum ewigen Angedenken an Israels wunderbaren Uebergang und Einzug in das gelobte Land Palästina (B. Jos. IV. 20). Das war im Jahre 2553 nach Erschaffung der Welt und 1452 Jahre vor Christus. Dann schritt die Menschheit fort im Lause der Zeiten auf der Bahn der Entwicklung, schärfer traten die Unterschieds der Einzelnen hervor, reicher ward die Fülle mannigfach besonderer Charaktere. Der Tumulus (künstlich aufgeworfener Hügel) der Lydier, Phönizier, der Galgal der Hebräer, der Dolmen (tischartiger Steiubau) und Kromlech der Celten (Steinkreise) sind uns heute noch verständliche Worte dieser verschwundenen Nationen. Ein erhabener Eindruck bemächtigt sich beim Anschauen dieser Steinsilben des Gemüthes; ein geheimnißvoller Schauer durchweht den Geist des Menschen, der diese uralte Steinschrift bewundert: er vernimmt das Echo längst vergangener Jahrtausende, welches hier an sein Ohr nnchtönt. Endlich schrieb die Menschheit Bücher. Die Traditionen hatten Symbole erzeugt, unter denen sie verschwanden, wie der Stamm des Baumes unter seinen Blättern. Alle diese Symbole, welchen die Menschen Glauben schenkten, häuften sich an, vermehrten, verwickelten sich mehr und mehr. Die ersten primitivsten Monumente hatten nicht mehr Raum genug, sie alle zu fassen. Kaum drückten diese Denkmäler noch die ursprüngliche Tradition aus, gleich ihnen einfach, nackt und erst der Erde entwachsen. Das Symbol fühlte das Bedürfniß, sich aus dem Gebäude bemerklich zu machen. Jetzt entwickelte sich die Architektur mit dem menschlichen Gedanken: sie wurde ein tausendköpfiger und tausend- armiger Riese. Während Dädalus — die Kraft — maß, und Orpheus — die Einsicht — saug, sah man den Pfeiler, welcher ein Buchstabe, den Bogen, der eine Silbe, die Pyramide, welche ein Wort ist, durch das doppelte Gesetz der Poesie und Geometrie in Bewegung gesetzt, sich ordnen, zusammenfügen, tief in der Erde wurzeln, hoch in die Wolken steigen, bis endlich die große Epoche anbrach, in welcher jene wunderbaren Bücher geschrieben wurden, die zugleich wunderbare Gebäude sind: der 1130 Fuß lange Chensn-Tempel von Karnak, das geheiligte Palladium des alten Acgypterreiches, das siebenstufige marmor- schimmernde Grab des großen Eroberers Cyrus im gesegneten Murghab-Thale Persiens, die kraus phantastische, durch verschwenderische Fülle plastischen Schmuckes hervorragende Kailasa-Grotte zu Ellora in Indien, der Boro Budor-Tempel, welcher sich in sechs Stockwerken bis zu 116 Fuß Höhe terrassenförmig auf der Insel Java erhebt, endlich Salomos unvergleichlicher Tempel auf dem Berge Moria in Jerusalem. Die Uridee, das Wort, war nicht bloß im Innern aller dieser Gebäude, sondern auch in ihrer äußeren Form. Salomos Tempel war nicht bloß der Einband des heiligen Buches, sondern daS heilige Buch selbst. Kein Wunder, daß die Juden später den letzten Blutstropfen in und für den Tempel wie für ihr Gesetzbuch verspritzten! Aber nicht allein die Form der Gebäude, sondern auch ihre Lage gab denjenigen Gedanken kund, den sie darstellen sollten. Je nachdem das darzustellende Symbol heiter oder ernst war, krönte Griechenland seine Berge mit einem harmonisch in's Auge fallenden Tempel, zum Beispiel in Agrigent, Pästum, Olympia, Athen und Halikarnaß, grub Indien die seinigen tief in die Erde ein und meißelte unter dem Boden jene gigantischen, ungestalteten, geheimnißvollen Pagoden. So war die Architektur die große Schrift des menschlichen Geschlechtes — seit dem ältesten Obelisken Altägyptens bis zum Peiersdome der ewigen Roma; und nicht bloß jedes religiöse Symbol, sondern jeder menschliche Gedanke hat in diesem unermeßlichen Buche sein Blatt und sein Denkmal erhalten. In der ersten Periode des Mittelalters erstand auf den Ruinen der griechischen und römischen Baukunst jene erhaben vornehme, edle und einfache römische Architektur, unvertilgbares Emblem des reinen Christusglaubens, unverwischbare Hieroglyphe der christlichen Einheit. Der Hauptgedanke jener Zeit ist in dem römischen Stil verzeichnet. Man fühlt darin überall die unbegrenzte Gewalt, die Einheit, das Unergründliche, das Unbedingte. Jetzt kommt die Zeit der Kreuzzüge: ein neuer Abschnitt in der Geschichte. Europa's Angesicht hat sich geändert, mit ihm der Anblick der Architektur. Zugleich mit der Civilisation hat sie das Blatt gewendet, und der Geist der Zeit findet sie bereit, unter seiner Eingebung zu schreiben. Sie hat aus den heiligen Kriegen das Bogengewölbe mitgebracht, wahrend die Hieroglyphe die Kathedralen verläßt, um die Burgen des Adels mit prangenden Wappen auszumalen. Die Kirchen selbst fallen dem Künstler anheim, und dieser baut sie nach seiner Weise. Um das Mysterium, um die Mythe ist es jetzt geschehen; Laune und Phantasie richten ihr Reich auf. Der Altar und der Raum des Gotteshauses gehört und bleibt dem Priester, die vier Mauern dem Künstler, dem Architekten. Das Buch der Baukunst gehört nicht mehr dem Priesterthum als ausschließlicher Besitz, nicht mehr der Alles dominirenden Religion, sondern der Einbildungskraft, der Poesie. Daher die reißenden und unzählbaren Umwandlungen jener nur wenige Jahrhunderte alten Baukunst, die um so auffallender sind nach der einer totalen Stockung ähnlichen Unbeweglichkeit der römischen Architektur, welche 6- bis 700 Jahre zählt. Die Kunst schreitet mit Riesenschritten einher: jedes vorübergehende Geschlecht beschreibt ein Blatt des neuen Buches. Der menschliche Gedanke sprach sich in jener als finster verrufenen Epoche am unbefangensten aus in jenen Büchern, welche man Gebäude nannte. Daher jene unermeßliche Anzahl von Kathedralen in Europa, so groß, daß man es kaum glauben kann, selbst wenn man sie gezählt hat. Alle materiellen, alle intellcctuellen Kräfte der staatlichen Gesellschaft kehrten sich dem nämlichen Punkte zu: der Architektur. Wer damals mit einem poetischen Geiste geboren war, wurde Architekt. Die Architekten waren die Meister des großen Werkes; alle anderen Künste gehorchten und dienten der Baukunst. Der Architekt, der Dichter, der Meister vereinigte in seiner Person die Bildhauerei, die ihm seine Fanden meißelte, die Maleret, welche ihm seine Gläser und Fenster färbte, die Musik, die seine Glocken läutete und seinen Orgeln den Wind einhauchte. Selbst die arme, eigentlich sogenannte Poesie mußte sich, um doch auch etwas zu bedeuten, unter die Architektur in poetischer und prosaischer Form einreihen und ihre Denksprüche in Stein ausharren lassen. Aus allen jenen Steinbüchern des Mittelalters wird uns Kindern des leichtsinnigen, leichtlebigen neunzehnten Jahrhunderts zu unserer tiefen Beschämung eines hauptsächlich klar: die tiefe Religiosität jener, die fade Glaubens- lostgkeit unserer Tage. Die herrlichen Niesenbücher, welche man Wiener, Ulmer, Straßburger Münster, Dome zu Köln, Mailand, Paris nennt, scheinen schon durch ihre Größe auf „den Ersten und Letzten", das „Alpha und Omega" des Weltalls — auf den unendlichen, allmächtigen Gott hindeuten zu sollen. Nie bauten Griechen und Römer so erhabene Tempel, weil sie keine so edle Vorstellung von ihren Göttern hatten und haben konnten, ebenso wie das heidnische Philosophenthum nie so ein erhabenes, göttliches Buch geschrieben hat, wie die Bibel eines ist, weil sie das Alpha und Omega der Erde, die irdische Weisheit zu besitzen sich rühmten, aber von jenem nichts wußten, welcher der erste Architekt, der Weltenschasfer war und ist und mit seinem ewigen Finger Alles in das Niesenbuch des Lebens verzeichnet. Sehr schön feiert der Dichter Eduard v. Schenk die mittelalterliche Baukunst: „Von allen Künsten aber ward die größte Am größten auch gepflegt: Architektur. Der Geist, der jedes Strebens Bande löste, Wetteifert hier mit bauender Natur. Schuf aus gebau'nen Felsen neue Berge, Worin sich wölbt des Kreuzes Signatur» Wo neben die Paläste steh'n wie Zwerge. So sah ich ringsum wundervolle Dome Der Erd' entsteigen, wie aus einem Stamm; Sie werden fcststeh'n in der Zeiten Strome, In dem so manch G bände wird zu Schlamm, Erhab'ncr, als Aeghptrus Pyramiden, Sind sie Altäre für das GotteSlamm Und athmen GotteSmacht und Gottessrieden." II. Bis auf Gutenberg also war die Architektur die Hauptschrift, die allgemeine Schrift. Dieses steinerne Buch beginnt im fernen Morgenlande, zieht sich durch die griechische Welt hin, und das Mittelalter hat sein letztes Blatt geschrieben. Bis zum 15. Jahrhundert war die Baukunst das Hauptbuch der Menschheit. In diesem Zeiträume erschien kein irgend merkwürdiger Gedanke, der sich nicht zum Gebäude erhob; jede volksthümliche Idee hatte, wie jedes religiöse Gesetz, ihre Monumente; daS menschliche Geschlecht dachte nichts Wichtiges, was es nicht in Stein geschrieben Hütte, nachdem der Allmächtige selbst seine Gebote auf steinerne Tafeln mit seinem Finger eingeritzet. Wenn wir fragen, warum, so lautet die Antwort: weil jeder Gedanke, sei er religiös oder philosophisch, sich verewigen will; weil die Idee, welche ei» Geschlecht in Bewegung gesetzt hat, auch noch auf fernere 212 Geschlechter wirken und ihre Spur in der Geschichte zurücklassen will. Welche gebrechliche Unsterblichkeit ist aber ein Blatt Papier, ein Mannscript! Ein weit festeres und dauerhafteres Buch ist ein Gebäude. DaS geschriebene Wort zu vernichten, bedarf es bloß einer Fackel und eines fanatischen Muselmannes. Die in der ganzen Welt berühmte Bibliothek zu Alexandria, welche auf deS Chalifen Omar berüchtigten Ausspruch hin: „entweder stände in diesen Büchern, was auch der Koran enthielte, und dann wären sie überflüssig — oder es stände etwas anderes in ihnen, und dann wären sie gottlos, auf jeden Fall also seien sie zu vertilgen,- in den öffentlichen Bädern monatelang als Heiz-Material dienen mußte, bezeugt traurigerweise dieses Axiom. Um das in Stein gebaute Wort zu vertilgen, bedarf eS einer Umwälzung, und einer großen, des Staates oder der Natur. Die Barbaren sind über das Colosseum weggeschickten, die Sintfluth hat vielleicht die Pyramiden überspült, der stets dräuende Vesuv, zu dessen Füßen ich dies schreibe, konnte trotz aller Kraftäußerung Pompeji nicht gänzlich vernichten, der Zahn der Zeit, der Fanatismus der Araber und Drusen, ja selbst alles bewegende Erdbeben, wie jenes vom Jahre 1759, waren nicht im Stande, Baalbek mit seinen Ruinen und Tempeln (es gibt daselbst Quadersteine von 19 m Länge, 4m Dicke und 4 m Höhet!) vom Erdboden total hinwegzufegen. Im 15. Jahrhundert ändert sich Alles. Der menschliche Geist entdeckt ein Mittel, sich nicht nur dauerhafter als die Architektur, sondern auch einfacher und leichter zu verewigen. Die Architektur wird von ihrem tausendjährigen Throne herabgestürzt; auf Orpheus' steinerne Buchstaben folgen Gutenbergs bleierne Lettern: „der Buchstabe tödtet den Stein." Die Erfindung der Buchdruckerkunst ist das größte Ereigniß in der Geschichte; sie ist ein neuer Mund der Menschheit, ein neues Kleid des menschlichen Gedankens. Unter der gedruckten Form ist der menschliche Gedanke unscrgLnglicher als je; er hat Flügel, keine Macht ist im Stande, ihn zu greifen, zu vernichten. Zur Zeit der Architektur wachte er sich zum Berge und setzte sich mächtig fest au einem Orte und in einem Jahrhunderte. Jetzt ist er ein Vogel mit tausendfältigem Gefieder, welcher nach allen Winden fliegt, alle Theile der Lust und des Raumes zumal einnimmt. Der menschliche Gedanke stand fest auf festem Grunde und in dauerhaften Massen, die Buch- drnskerkuLst aber hat ihn erst unsterblich gemacht. Ein Gebäude, miesestes auch immer sei, kann man niederreißen, auf welche Weise aber wollte man die Ubiquität, dsS UrberMvorhaudensein, vernichten? Wenn man erwägt, daß diese Art des Ausdruckes »richt unr die dauerhafteste, sondern auch die einfachste, dir bki-MMste, die praktikabelste ist, daß sie keinen großen Trsß mit sich führt und keines schwerfälligen Rüstzeuges beümrf; wenn «an bedenkt, daß der Gedanke, der sich dr Stein ansspricht, fünf bis sechs andere Künste, einen Werg von Steinen, einen Wald von Holz, Tonnen von GsM», eine Legion Arbeiter in Bewegung setzen muß, wo- MWN der Gedanke, der sich zum Buche macht, nur etwas MMe wwd Druckerschwärze bedarf, so wird man sich nicht «ehr WNWern, daß die menschliche Einsicht von der Archi- tlÄLsr Wr Bnchdrnckerklmst übergegangen ist. Lw 18, Lühchnndert geht das ehrwürdige Reich der Baukunst zu Ende. Von dem Augenblicke an, wo sie nichts weiter mehr ist, als eine Kunst, wie jede andere, wo sie nicht mehr die Hanptkunst, die souveräne Kunst ist, hat sie nicht mehr die Gewalt und Kraft, die andern Künste in ihrem Dienste zurückzuhalten. Sie machen sich frei, brechen das Joch der Architektur, gehen ihre eigenen Wege. Jede von ihnen gewinnt bei dieser Trennung — Vereinzelung macht groß. Die Meißelei wird Bildhauerkunst, das Bilderwesen wird Malerei, der Kanon wird Musik; oder mit andern Worten: ein Weitenreich, das beim Tode seines Alexander zerfällt und dessen Provinzen sich zu Königreichen erheben. Daher Michelangelo, Raphael, Palestrina. diese glänzenden Gestirne am leuchtenden Himmel des 16. Jahrhunderts. Nachdem die Sonne des Mittelalters untergegangen, das gothische Genie am Horizont der Kunst für immer erloschen ist, verschwindet allmälig die Architektur mit ihr. Das gedruckte Buch zernagt, unterfrißt, stürzt das Gebäude. Die Architektur wird hinfällig, farblos, ärmlich, kleinlich, nichtig; aller Schwung, alle Originalität, alles Leben, alle Einsicht ist verschwunden. Auf sich selbst beschränkt, von den anderen Künsten verlassen, weil der menschliche Gedanke sie aufgegeben hat, sammelt sie die Handwerker um sich, weil sie keine Künstler mehr finden kann. Und während die Baukunst so kläglich sinkt, steigt und erhebt sich die Buchdrucker-kunst. Das Kapital an Kräften, das sonst der menschliche Gedanke an Gebäude verwendete, gibt er jetzt für Bücher aus. Die Gelehrten bauen sich Monumente aus Schriften, wie früher die Herrscher aus Quadern; diese Denkmäler mehren sich von Tag zu Tag — die Buchdruckerkunst, die Presse, die Feder regiert an Stelle der Architektur, der Baukunst, des Meißels — die Sonne der Literatur herrschet auf Erderr. Wie lange? — Logogryph. Als Dichter ist in jedem Land Mein 1 bis 7 wohlbekannt. 1 2 3 6 ist eine Stadt, Die selten ihresgleichen hat. Und nimmst du 1, 3, 2 und 6, Wird d'raus ein herrliches Gewächs, 4 2 3 7 schafft Genuß, 6 3 1 5 ein stolzer Fluß, 2 6 7 2 3 6 bekannt Als Märchen- und als Wunderland. Im Thal erklinget Wchgeschrei, Stürzt 4 5 1 2 6 und 3. — 1 5 6 7 an jedem Haus, 1 2 6 7 kommt mit Gebraus, 4 2 6 7 3 kannst du seh'n Im Wald und Garten duftend steh'n. Auslösung der Schachaufgabe in Nr. 26: Weiß. Schwarz. 1. L. 23-63 beliebig. 2. T. 63-23, L. 28-67, V6 matt. Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 27: Mensch ärgere dich nicht. —«RZS--