zm „Augsburger Post;eitung". ^L29. Dienstag, den 10. April 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts vou Haas L Gradherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr). Tante Kaniia's Geheimnis;. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Hanna ging in's Haus, um den Kaffee zu besorgen, und nach wenigen Minuten saß Armgard ihr gegenüber auf der Veranda, ungeduldig der versprochenen Geschichte harrend. „Keinen Appetit, Kind, wahrscheinlich schlecht geschlafen," bemerkte Hanna kopfschüttelnd, „gebrauchen Sie mein Recept, — wäre noch schöner, der boshaften Welt urplötzlich ein solches verhärmtes und vergrämtes Gesicht zu zeigen." „Bah, Tante Hanna, ich habe mir selber schon ein anderes Recept verordnet," versetzte die junge Dame mit entschlossener Miene. „Ich werde mich heute noch verloben." „Ganz gut, Kind, — Sie haben ja über ein langes Register von Freiern zu verfügen. Steht Herr Julius Steindorf daraus?" „Nein —" „So ist der Glückliche schon bestimmt?" „Nein, Tante Hanna, scherzen Sie nicht, es ist mein heiliger Ernst," rief Armgard heftig. „Mit solchen wichtigen Dingen pflege ich nicht zu scherzen, Fräulein Armgard Holten! Ich habe schon mancher Braut zu ihrem Besten gerathen, schon manche vor lebenslangem Unheil bewahrt, da es kein größeres Unglück auf Erden gibt, als eine unpassende Ehe. Sie sind entschlossen, sich mit dem ersten besten Freier zu verloben, um das eigene rebellische Herz vor der Verbindung mit einem Unwürdigen zu bewahren. — Ist es nicht so?" Armgard preßte die feinen Lippen zusammen und nickte dann trotzig. Tante Hanna sah sie bekümmert an, ergriff ihre Hand und begann die Geschichte ihrer Freundin. „Sie hieß Johanna wie ich und war mit zwanzig Jahren ein recht leidlich hübsches und verständiges Mädchen, weil ihre Kindheit im Feuer der Trübsal geläutert worden war. Ihr Vater, ein Offizier, der die Befreiungskriege mitgemacht, war ein harter, jähzorniger Mann, ungerecht und grausam gegen seine engelsgute Frau und seine Kinder, die ihn fürchteten und vor ihm zitterten. Da er als Lebemann und eingefleischter Egoist nur an sich selbst und seine kostspieligen Genüsse dachte, so blieb von seiner Gage nur wenig für die Familie übrig, und die unglückliche Frau, welche vor ihrer Verheiratung bei der Fürstin am Hofe der kleinen Residenz, wo meine Geschichte spielt, gewesen und von der Durchlaucht stets bevorzugt worden war, erhielt heimlich in ihrer Noth lohnende Nähereien vom Schlosse, welche sie mit der ältesten Tochter Johanna ebenso heimlich anfertigen mußte, damit der gestrenge Gemahl von dieser Erniedrigung nicht die leiseste Ahnung erhalte. So verging die Kindheit meiner Freundin freudlos und sorgenvoll, als Vertraute ihrer armen Mutter zu früh schon des Lebens Nachtseiten kennen lernend. Da trat ein Mann in ihr Leben, der verhüngnißvoll für ihre ganze Zukunft werden sollte. Es war ein junger, bildhübscher Mann, der einzige Sohn eines mit Johanna's Vater befreundeten reichen Gutsbesitzers. Er sollte, weil er ein Wildfang war, seine Militärzeit abdienen, um Disciplin unter der strengen Fuchtel seines Vorgesetzten zu lernen. Seine Eltern hatten Johanna zu sich auf ihr schönes Gut eingeladen, wo sie zum ersten Male das Glück kennen lernte und sich die Zuneigung ihrer reichen Gastgeber gewann. Kurz und gut, woran das arme Mädchen in ihren kühnsten Träumen nicht gedacht, das sollte zur Wirklichkeit jetzt werden, die Eltern hatten ihren Karl für sie bestimmt und ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben. Ihre Mutter war bei der ganzen Geschichte weder zu Rathe gezogen noch um ihre Einwilligung gefragt worden, und doch war sie die Einzige, welche mit klarem Blick das kommende Unheil für ihr armes Kind in dieser Verbindung sah, da der Reichthum sie nicht verblendete, der Charakter des Bräutigams ihr aber keine Gewähr für das Glück ihrer Tochter zu geben vermochte. Johanna schwamm in einem Meer der Wonne, da Karl sich ohne Widerstreben die Braut gefallen ließ, weil er die Eltern gerade in jener Zeit nicht erzürnen durfte. Die Aermste hörte nicht auf die verstohlenen Warnungen der Mutter, ja, sie wurde in ihrem Innern sogar gehässig gegen sie, da sie glaubte, daß die Mutter ihr aus Eigennutz das Glück nicht gönne. Natürlich wurde sie von aller Welt beneidet und ihr auch hin und wieder eine spöttische Aeußerung des reichen Bräutigams hinterbracht, der die Hochzeit gern noch zehn Jahre weiter hinausgeschoben hätte. Als seine Militär-Zeit zu Ende war, setzte sein Vater den Hochzeitstag fest. Am Polterabend aber geschah etwas Schreckliches. Der Bräutigam war die letzten Tage schon sehr unruhig und 214 zerstreut gewesen, au diesem Abend jedoch so auffallend rücksichtslos gegen seine Braut, daß ers selbst dieser arglosen Seele auffiel, wieviel mehr nicht den fremden Gästen, die sich schadenfroh anstießen, sowie den Eltern, die ihn unruhig und vorwurfsvoll anblickten. Nur der Vater der Braut, welcher dem Weine schon stark zugesprochen hatte, merkte nichts davon, während ihre Mutter vor Angst und Scham zu vergehen glaubte. Als ein Diener dem Bräutigam etwas zuflüsterte und dieser sich finster erhob, um den Saal — man saß just bei Tisch — zu verlassen, sah Johanna einen kleinen Brief auf seinem Stuhle liegen, den sie rasch und unbemerkt an sich nahm. Zum ersten Male seit ihrer Verlobung empfand sie Angst und Mißtrauen. Es gelang ihr, als die allgemeine Fröhlichkeit überhand genommen und man nicht sonderlich mehr auf sie achtete, sich ebenfalls unbemerkt zu entfernen, um den geöffneten Brief, der Karls Adresse trug, zu lesen, wozu sie schon jetzt ein volles Recht zu haben sich einbildete. Der Brief war von einer Frau, welche ihn an ein schriftlich gegebenes Eheversprechen erinnerte und eine Unterredung im Pavillon des Gartens von ihm verlangte. Johanna schrie nicht auf, sie machte keine Scene, doch ihr Herz krampfte sich zusammen, als ob sie sterben müsse. Dann schritt sie, sich und ihren Schmerz heldenhaft bemeisternd, in den einsamen Garten hinaus, hin nach jenem Pavillon, wo sie ihr Glück begraben sollte. Sie hörte, wie Karl sein Unglück bejammerte, eine ungeliebte Braut, die er hasse und verachte, heirathen zu müssen, wie er nur sie, die er Regina, seine Königin nannte, lieben, ihr aber nicht das Loos der Armuth bieten könne, weil seine Eltern ihn enterben würden. — Johanna hörte dies Alles mit an, ohne sich zu rühren, worauf sie geräuschlos in's Haus zurückkehrte und, Unwohlsein vorschützend, sich auf ihr Zimmer begab, wo sie eine Unterredung mit ihrer Mutter hatte. Dann schrieb sie einen Brief an ihren Schwiegervater, dem sie jenes Billet an Karl und ihren Ring beifügte. Nachdem sie alles wohl versiegelt und sich mit der Mutter Hilfe umgekleidet hatte, verließ sie bei Tagesanbruch, als Alles im Hause noch schlief, das Gut, um sich nach der eine halbe Stunde entfernten Eisenbahnstation zu begeben und mit dem ersten Zuge zu einer im Gebirge wohnenden Tante zu fahren. In dem Briefe beschwor sie Karls Vater, um'ihretwillen den Sohn glücklich zu machen und ihn von der Frau, die er mehr als sein Leben liebe, nicht zu trennen. Selbstverständlich gab es harte Kämpfe und schreckliche Scenen, Johanna's Vater wollte den leichtsinnigen Bräutigam umbringen, während der Gutsbesitzer dem Sohne die Wahl ließ zwischen Hochzeit und Enterbung. Das Ende vom Liede war, daß Johanna ihren Willen durchsetzte und Karl seine Geliebte heimführen durfte." Tante Hanna schwieg und schaute still vor sich hin. Ein wehmüthiges Lächeln irrte um ihren Mund, in den Augen aber glänzte es seltsam. „Ist Ihre Geschichte zu Ende, Tantchen?" fragte Armgard leise. „Noch nicht ganz, mein Kind," versetzte Hanna, sich rasch fassend, „die Geschichte enthält noch eine weise Lehre, da dieselbe bis hierher ein wenig der Ihrigen glich, meinen Sie nicht?" Armgard nickte. „Blieb Johanna auch unverheirathet?" „Sie that es, und zertrat damit frevelnd ein treues Herz, weil sie nur auf die glänzende Außenseite geschaut und das gleißende Bild vergänglicher Schönheit für das wahre Glück des Lebens hielt. Es war da nämlich ein Nachbarssohn, ein junger Kaufmann, welcher schon als Knabe mit Johanna gespielt und die Schritte des Kindes behütet, späterhin auch, wie sie erst nach vielen Jahren erfuhr, im Geheimen manche Sorge von ihrem Haupte gewandt hatte, ohne daß sie jemals eine Ahnung von dieser stillen, aufopfernden Liebe gehabt, — dieser junge Mann, welcher Lorenz hieß, war nicht hübsch, aber tüchtig in seinem Geschäft, sehr unterrichtet und gebildet und ein durch und durch ehrenhafter Charakter. Er hatte es niemals gewagt, dem Gegenstände seiner treuen Liebe seine Gefühle zu offenbaren, mochte auch wohl den stolzen Vater fürchten, genug, als er das blühende Geschäft seiner Eltern, welche rasch hintereinander starben, übernahm, hatte Johanna sich just verlobt und Lorenz verbarg sein Herzeleid vor der Welt, fest entschlossen, un- vermählt zu leben und zu sterben. Als sich die so viel beneidete Heirath mit dem reichen Gutsbesitzer nun aber zerschlug, erst nach und nach die Wahrheit der Geschichte ruchbar, die verlassene Braut aber allgemein verspottet wurde und schließlich mit einer vornehmen Dame als Gesellschafterin auf Reisen ging, da keimte auch die Hoffnung wieder in Lorenz auf. Er wartete seine Zeit ab, bis Johanna heimkehrte, um mit seiner Werbung vor sie hinzutreten. Lieber Himmel, da kam er schön an, Johanna gerieih ganz außer sich und meinte, daß es ihr ja nicht um eine Heirath zu thun sei, — wenn sie sich dazu entschließen könne, ständen ihr noch Andere zu Gebote und waS dergleichen Redereien mehr waren. — Lorenz zerdrückte eine Thräne Und ging. — Johanna aber fühlte sich durch diese Werbung so tief gedemüthigt, zumal ihr zu Ohren gekommen war, daß Karl sie bemitleide, weil sie seinetwegen ledig bleiben wolle, daß sie jetzt fest entschlossen war, den ersten Freier, der ihr eine respektable Stellung bieten könne, zu heirathen. Es war dies nicht so schwer, weil ihre ehemalige Gebieterin, welche gestorben war, ihr ein hübsches Kapital ausgesetzt hatte. Genug, die Freier, welche dieses Kapital im Auge hatten, blieben nicht aus, Johanna stand auf dem Sprunge, sich zu verloben, als ihr die Augen noch bei Zeiten geöffnet wurden. Und dieses wiederholte sich im Laufe der Jahre noch zweimal, bis das thörichte Mädchen endlich die alberne Empfindlichkeit abstreifte und das Kapital der Ehe mit einem kräftigen Punkte abschloß. Lvrenz hatte sein Geschäft verkauft und war verschollen. — Johanna aber mußte seiner immer wieder gedenken, die Erinnerung an ihn trübte oft ihren Frieden, sein Bild verdrängte den Schönheits-Cultus aus ihrem Herzen und hob den treuen, uneigennützigen Freund auf den Thron. Viele, viele Jahre vergingen, Karl und seine Gattin starben, der Sohn übernahm das Gut und in dem Enkel wiederholte sich die Geschichte des Großvaters, denn auch dieser wurde treulos gegen die ihm bestimmte Braut. Er wurde aber halb und halb dafür enterbt, worauf der Reichthum zerfiel, das Gut unter den Hammer kam und ein gewisser Lorenz aus Amerika zurückkehrte, um es für einen Spottpreis zu erstehen. Triumphierend setzte er seinen Fuß auf den stolzen Besitz, um sich und Johanna' zu rächen. Einmal nur sahen sich die beiden alten Leute wieder, — es war ein erschütterndes Wiedersehen, aber auch ein Abschied für's Leben, doch schieden sie versöhnt, wie zwei Freunde von 215 einander. — Er ist todt, sein Groß-Neffe ist sein Erbe geworden." Wieder schwieg Tante Hanna eine Weile und sagte dann leise: „Die Geschichte ist zu Ende, mein Kind! Lernen Sie daraus, daß es nichts Thörichteres gibt, als den Ersten, Besten heirathen zu wollen, um sich zu rächen, da eine solche Kette sicherlich der Galeerenstrafe gleichkommen würde, daß man sich aber auch nicht von der Außenseite blenden lassen, sondern den Charakter des Mannes prüfen und den glänzenden Flitter vom echten Golde unterscheiden soll. Es ist etwas Köstliches um die wahre Liebe, mein Kind, — die arme Johanna sah dies zu spät ein, aber sie wurde doch davor behütet, dem ersten besten Freier, den ihr bischen Geld anlockte, zum Opfer zu fallen." Armgard, welche schweigend zugehört, legte jetzt den Arm um sie und sagte leise: „Es war Ihre eigene Geschichte, Tante Hanna, — und Lorenz — Herr Brink von Notenhof." Hanna nickte wehmüthig. „Und er, der mich verließ," fuhr das junge Mädchen mit bebender Stimme fort, „ist der Enkel jenes Mannes, der auch Ihnen das Herz brach. — O, Tante Hanna, nun liebe ich Sie noch zärtlicher, da das gleiche Geschick uns vereint. Ich danke Ihnen für die Geschichte, Sie sollen mir dieselbe nicht vergebens erzählt haben." „Ich hoffe darauf, mein theures Kind! — Hoffe aber auch, daß Ihr eigener Stolz das schwache Herz besiegen und Ihnen den rechten Weg zeigen wird." Armgard nickte ihr ernst zu und blickte nachdenklich auf die dem Sonnenlicht sich erschließenden Rosen. „Dieser Herr Marbach, welcher gestern Abend mit dem Maler hier saß, war also der Großneffe Ihres Anbeters, Tante Hanna?" fragte sie nach einer Weile. „Ja, ganz recht, es ist der jetzige Besitzer von Rotenhof, Herrn Lorenz Brink's Groß-Neffe, ein recht ehrenwerther Charakter, wie mir scheint." >,Er trumpfte den unzarten Maler mit seinem Heirathsprojekt wenigstens recht derb ab," bemerkte Armgard. „Ihr Igel scheint sich auf seine Rücksichtslosigkeiten etwas einzubilden, Tante Hanna; es ist eine billige Kunst, sich auf Anderer Kosten gehen und seinem Spotte die Zügel schießen zu lassen." „O, er verträgt auch eine derbe Abfertigung und ist im innersten Herzen aufrichtig gut," vertheidigte Hanna den alten Freund. „Glauben Sie mir, daß Herr Marbach keinen besseren Freund und Rathgeber sich erwählen konnte. — Und nun, mein theures Kind, hoffe ich, daß Sie keine übereilte Handlung, welche Sie mit dem Preis Ihres ganzen Lebensglücks bezahlen müßten, begehen werden, sondern lieber unvermählt bleiben, als sich, einer kostbaren Waare gleich, zur Spekulation der Habsucht und Berechnung herabwürdigen lassen. Hier müssen Vernunft und weiblicher Stolz in ihre Rechte treten, um das rebellische Herz sowohl als die beleidigte Eitelkeit zum Schweigen zu bringen und zu besiegen." Hanna schwieg, während das junge Mädchen ihr die Hand drückte und in den braunen Augen desselben eine fast demüthige Zärtlichkeit glänzte. Nach der Kirche hatte Armgard Holten mit Tante Hanna gespeist und sie dann trotz aller Einreden mit nach ihrem Gute Edenheim, das zwei Stunden von dem Städtchen entfernt war, entführt, um Pfingsten bei ihr zu verleben. „Wie kann ich mein kleines Heim verlassen?" hatte Hanna geklagt, „Life ist fort, meine Rosen werden verwelken, Mignon wird umkommen —" „Ihr kleines Heim steht unter dem Schutze der ganzen Stadt," hatte Armgard entschieden, „es werden sich hundert Wächter für das Haus, zweihundert Hände zum Beziehen der Rosen finden, und was Mignon anbetrifft, so nehmen wir sie einfach mit." Nach dieser Entscheidung hatte Tante Hanna die Waffen strecken müssen, und fröhlich lachend kutschierten sie bald nach Mittag aus dem Städtchen in das wonnigste Pfingstwetter hinaus. Kerzengerade saß die Greisin neben ihrer jungen Freundin, welche nachlässig im Fond der eleganten Equipage lehnte und nicht müde wurde, von dem langen Schweif ihrer Verehrer zu plaudern, welchen sie nach der Kirche gezogen hatte. „Sie müssen die große Auswahl zugestehen, Tante Hanna!" bemerkte sie ganz ernsthaft, „die Herren wurden urplötzlich fromm, maßen sich aber doch zuweilen mit Blicken des Hasses und der Eifersucht." „Herr Julius Steindorf wird sich ärgern, diese günstige Gelegenheit versäumt zu haben," versetzte Hanna ruhig. „Ja, er hätte jedenfalls sein Töchterlein mir aufgebürdet," erwiderte Armgard nachdenklich, „hm, Tante, Sie können ruhig sein, zur Stiefmutter eines solchen Kindes tauge ich nicht, schon dieser Gedanke ist hinreichend, mich gegen jegliche Gefahr zu wappnen." Hanna blickte sie forschend an und freute sich im Stillen, die alte Armgard wieder zu finden. Sie wünschte ihr alles Glück der Erde, und deshalb jenen Steindorf in's Pfefferland oder nach Amerika zurück. Heiter angeregt kamen sie nach Edenheim, das in der That ein prächtiges Besitzthum war, wohl geeignet, Liebhaber in Schaaren herbeizuziehen. Die Herrin dieses stolzen Ritterguts wurde von ihren Leuten und allen Gutsangehörigen angebetet, obwohl sie Milde mit Strenge zu paaren und das Ganze am Schnürchen zu leiten verstand. Sie war heute so munter und gut gelaunt, daß es Allen auffiel und auch die Tante ein wenig stutzig machte. Sollte diese Fröhlichkeit nur eine Maske sein, um ihr Sand in die Augen zu streuen? Konnte die stolze, energische Armgard, deren scharfer Verstand und praktische Umsicht ihr die Anerkennung und Hochachtung der einsichtsvollsten Landwirthe erworben, im Punkte des Herzens so schwach sein, um einem unwürdigen Glücksritter zum Opfer zu fallen? Sollte der Ausspruch: „Schwachheit, dein Name ist Weib!" sich bei ihr, dieser männlich starken Seele, so verhängnißvoll erfüllen? Hanna seufzte leise und beschloß, sie aufmerksam zu beobachten, da ihr der Gedanke wie ein Alp auf die Seele gefallen war. „Nun gebe der Himmel seinen Segen, daß wir wenigstens heute allein bleiben," sagte Armgard, die Tante nach der Nosenlaube führend, wo die Haushälterin, Mamsell Evers, den Kaffee servierte. (Fortsetzung folgt.) 216 Wir bitten allerunterthänigst. Eure Majestät! Historische Anekdote. Es war im Jänner des Jahres 1833 an einem der Donnerstage, an denen Kaiser Franz der Erste vom frühen Morgen an öffentliche Audienz ertheilte. Fast dreihundert Menschen hatten sich eingefunden, die in Abtheilungen in den Audienzsaal eingelassen wurden. Die vorletzte Abtheilung war eben eingetreten, die letzte, aus dreißig Personen bestehend, wartete noch im Vorzimmer, in dem ein Trabant und der Thürhüter Wache hielten. Die Aengstlichen unter den Anwesenden blickten unverwandt nach der hohen Saalthür und bangten vor dem Augenblick, in dem sie sich auch vor ihnen aufthun würde. Sie hielten ihre Bittschriften krampfhaft fest und wagten kaum zu athmen. Andere waren ganz unbefangen, fühlten sich wohl und glücklich im Hause ihres Kaisers und freudig bewegt durch den Gedanken an seine Nähe. Sie verehrten, sie liebten ihn; den gütigen und gerechten Monarchen zu fürchten hatten sie keine Ursache. Wieder Andere, zuversichtlich und keck, gaben sich das Ansehen von Leuten, denen Nichts imponirt und die so gut wie daheim sind im Audienzsaale. Vielmals schon abschlägig beschieden, kamen sie immer wieder und brachten ihr Gesuch in neuer Fassung vor. Da war eine Mutter mit zwei Töchtern, da war ein ehemaliger Hoflakai, da waren einige „Bürgerwaisen", lauter Menschen, die nur sparsam hauszuhalten brauchten, um sorgenlos leben, nur zu arbeiten brauchten, um behaglich leben zu können. In einer Gruppe standen einige Beamte und Angehörige des Lehrkörpers beisammen. Graue oder kahle Herren mit verwitterten, kummervollen Gesichtern, in „wie neu" geputzten oder wirklich neuen Cravatten und Handschuhen, zu der feierlichen Gelegenheit Gott weiß mit wie schweren Opfern angeschafft. Ihre sorgfältig gebürsteten Fräcke waren fadenscheinig, altmodisch — wahre Legenden! Sie erzählten von längst verrauschten Jugendtagen, von glänzenden Doctor-Promotionen, bei denen unter ihrer linken Brusttasche ein hoffnungstrunkenes Männerherz geklopft hatte. Sie erzählten von einem Myrten- sträußlein, mit dem sie einst geschmückt, von Weihrauchwolken, von denen sie am Traualtäre umflogen und um- duftet worden waren. Auch zu Friedhöfen waren manche von ihnen hingetragen, waren angepreßt worden an arme, einfache Särge, in denen sie lag, die Jahrzehnte ihrer gepflegt hatte wie des Familienkleinods, kein Fleckchen, kein Makel- chen an ihnen geduldet. Eine andere Gruppe wurde von drei Personen gebildet, einem alten Militär in der grauen Pensionsuniform mit dem Campagnekreuze und dem russischen Wladimir- Orden auf der Brust, einer blaffen Frau in ärmlicher Kleidung und einem schönen sechsjährigen Knäblein. Mit glänzenden Augen blickte es zu dem Alten empor, hob sich auf die Spitzen der Füßchen, zupfte ihn am Aermel und ermüdete nicht, ihm seine Bewunderung auszudrücken: „Du bist aber heute schön, Großvater! Weil wir beim Kaiser sind, nicht wahr? Wenn der Kaiser Deine Orden sieht, der wird schauen!" Der Greis verbiß die Schmerzen, die seine gichtischen Beine ihm bei der geringsten Bewegung verursachten, beugte sich auf den Stock gestützt nieder und ermähnte das Kind zur Ruhe. Die junge Frau schien von Allem, was um sie her vorging, Nichts zu hören, noch zu sehen. Sie stand mit herabhängenden Armen und verschränkten Fingern regungslos, schmerz- und traumverloren, so recht wie Eine, die all' ihr Glück und allen Lebensmuth begraben hat. Ein paar alte Damen, das siebzigjährige Fräulein Thekla von Sorgenhausen und ihre um zehn Jahre jüngere Nichte Erwine, standen neben ihr und blickten oft wohlwollend auf sie und das Kind. Aber nur flüchtig, denn sie waren jetzt zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um Anderen dauerndes Interesse schenken zu können, sie bebten und bangten in eigener Angelegenheit. Beide waren sehr klein und hatten kleine, zarte Bewegungen und die feinsten Manieren, die man sich denken kann. Sie sahen so recht nach Persönchen aus, die nicht gewöhnt sind, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Keiner von ihnen gelang es, die Aufregung, in der sie sich befanden, zu verbergen, aber das Höhere von Aengstlich- keit leistete doch die Nichte. Ihre Zähne klapperten, sie zitterte zum Erbarmen und lehnte sich an die Tante, wie ein frierendes Vögelchen. Ihr chronisch geschwollenes Gesicht, ihre Nase überzog sich allmählich mit kreidiger Blässe, während die eingefallenen Wangen der wüthigen Tante immer dunkler flammten und glühten. „Die erste Audienz in unserem ganzen Leben, Tante," — „Die erste Audienz, Erwine," flüsterten die Damen und waren ganz erschrocken über die Kühnheit, mit der sie es gewagt hatten, ihre Stimmen hier an dieser Stelle, wenn auch noch so leise, zu erheben, um einander diese Mittheilung zu machen. Von nun an wurden sie auch wieder stumm, die alten Fräulein. Um ihnen anzusehen, daß sie das waren, brauchte man nicht eben ein großer Menschenkenner sein. Es sprach sich in ihrem ganzen Wesen und Gehaben aus. In dieser Weise unbeholfen und schüchtern ist nicht bald eine Frau. Und welche Unschuld blickte Einen aus den alten Gesichtern an! Unschuld, ja, macht Euch nur lustig. Die reinste Kinderunschuld kann hervorgucken aus den tiefen Falten eines Greisenangesichts, aus halb blind gewordenen Greisenaugen. Die Damen waren in Seide gekleidet, die Aeltere von ihnen in Schwarz, die Jüngere in ein hellfarbiges Soiräekleid, ein Garderobestück aus dem Nachlaß der seligen Mutter, die bessere Tage gekannt hatte, als ihre Tochter. Wer gesagt hätte, diese Kleider sind von Anno Eins, der wäre ein unverschämter Complimentenschneider gewesen. Nun ging eine Bewegung durch die ganze Gesellschaft. Die beiden Thüren des Audienzsaales waren zugleich geöffnet worden, die Entlassenen verließen, die Wartenden betraten ihn. Er war von mittlerer Größe, mit einem rothsammtenen Baldachin versehen. Französische Gobelins von größter Schönheit schmückten seine Wände. Der dienstthuende Kämmerer ordnete die Bittsteller in zwei Halbkreise. Die Damen v. Sorgenhausen, die in ihrer Bescheidenheit Jedem, der ihn haben wollte, den Vortritt gelassen hatten, kamen zu allerletzt zu stehen, und es war ihnen recht, ach — lieb sogar. So war ihnen Zeit gegönnt, sich zu fassen und bis zu einem gewissen Grade an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie sich in einem und demselben Raume mit Sr. Majestät ihrem Kaiser befanden. Er stand mit dem Rücken gegen eines der Fenster, von denen die Sage ging, sie seien so genau in die Nahmen gefaßt und von so eigenthümlicher Dichtigkeit, daß man in der Burg kein Wagen- 217 gerassel vernahm. Seine Haare schimmerten wie Schnee. Seine Gestalt war in den letzten Jahren immer hagerer, sein Gesicht immer schmäler geworden, aber die Augen hatten sich nicht verändert und ihren freundlichen und tiefen Blick, ihren milden Glanz und ihre sanfte blaue Farbe erhalten. Er trug die Uniform seines Tiroler- Jäger-Negiments, den grauen Frack mit grünen Aufschlägen, die engen Beinkleider und hohe Stiefel. Ein stattliches Ehepaar aus Graz, offen und ehrlich dreinschauende Leute, ein Müllermeister mit seiner Müllermeisterin, waren die Ersten, die er ansprach. Sie kamen um zu danken, sie hatten einen Prozeß gegen das Aerar gewonnen und schrieben diesen glücklichen Ausgang einzig und allein einem Machtspruch Seiner Majestät zu. „Da haben S' Unrecht," sagte der Kaiser. „G'wonnen hätten S' auf alle Fäll', nur langsamer gegangen wär's ohne meiner." „Geruhen Eure Majestät, mein unterthänigstes Gesuch nicht aus Allerhöchst Ihren Händen zu geben. Geruhen Eure Majestät, es bei sich zu behalten." Der Kaiser willfahrte diesem Wunsch und wurde nun von jedem der nachfolgenden Bittsteller angefleht: „Behalten Eure Majestät mein Bittgesuch bei sich, geben es nicht aus den Händen." lind der Kaiser erfüllte die Bitten Aller und muthete den Schößen seines Fracks eine Aufnahmsfähigkeit zu, die bis zu den äußersten Grenzen des Möglichen ging. (Schluß folgt.) --— Goldköruer. Unsere Ehre steigt, sowie unser Hochmuth sinkt; wo die Prahlerei aufhört, da fängt die wahre Würde an. Edward Aoung. . 1 ALM UUMW UM Ursderg. Westseite. Original-Ausnahme von Gustav Bader, Photograph in Krumbaih. sVervielsiiltigungsrcchtTvorbehalten.s Noch Einige hatten zu danken, dann Einer zu bitten: ein Küster, eine sonderbar verkrümmte Gestalt in weißer Weste und weißer Cravatte. Er war im Begriff, eine Liebesheirath zu schließen, und bat um eine Zulage für seine „eine Hofcharge bekleidende" Braut. „Was ist sie denn?" fragte der Kaiser etwas erstaunt. „Hofwäscherin, Majestät, in der Hofküche angestellt. Eine von den Personen, die mit Reinhaltung des Fußbodens der kaiserlich-königlichen Hofküche betraut sind. Eine Pragerin, eine schöne Person, Eure Majestät!" „Aha, und da haben S' schon den Bräutigamsstaat ang'legt. Meinetwegen hätten Sie nicht gebraucht solche Umständ' zu machen," versetzte der Kaiser, nahm die Bittschrift, die der kleine Bucklige ihm mit einer an- muthig gerundeten Armbewegung darbot, und wollte sie dem Kammerherrn reichen. Aber das Männlein rief: n r s b e r g. (Mit Bild.)' Blickt man von der Höhe von Thannhausen ins liebliche Mindelthal, so fällt das Auge auf einen mächtigen Thurm, der am Fuße des jenseitigen Bergrückens sich erhebt, an welchem sich die Straße nach Krumbach empor- windet. Der Thurm ragt aus einem stattlichen Bauwerke empor. Es ist Ursberg, das alte Prämonstratenser- oder Norbertiner-Reichskloster. Thurm und Bau sind die ehrwürdigen Ueberreste einer 700jährigen Geschichte. Könnten diese Steine reden — sie wüßten vieles zu erzählen von der Herrlichkeit des alten Neichsstiftes. Da sie es aber nicht können, so wollen wir es thun und den Lesern das Wichtigste aus der Geschichte Ursbergs mittheilen. Vor 800 Jahren herrschten über die waldbedeckte Gegend die mächtigen Grafen von Schwabeck. Werinher 218 von Schwabeck hatte auf dem Schloßberge (heute Michelsberg) von Ursberg eine Burg und nannte sich hiernach im Jahre 1042 auch in einer Urkunde „Werinher von Ursberg". Wenige Ansiedelungen unterbrachen damals die dichten Wälder, in welchen noch der Ur oder Auerochse hauste, welchem Ursberg offenbar seinen Namen verdankt. Mitten im Gebiet der Schwabecker war aber in Mitte des 11. Jahrhunderts ein anderes Edelgeschlecht emporgekommen, dessen Burg auf dem Berge sich erhob, auf dem heute das Dörfchen Burk liegt — die Grafen von Balzhausen. Schon zu Lebzeiten Werinhers von Schwabeck, der die Burg in Ursberg besaß, blühten die Grafen Conrad und Schwigger von Balzhausen. Und da Schwigger von Balzhausen Bertha, die einzige Tockiter des Grafen Adelgoz von Schwabeck, des Bruders des kinderlosen Werinher, im Jahre 1058 heirathete, so erbte er durch diese Heirath die ganze ^Grafschaft Schwabeck mit Ursberg seiner Reise nach Rom in diesem Jahre selbst nach Ursberg, nahm am 11. November in Gegenwart Werinhers und seiner jungfräulichen Schwestern Schwinhild und Gisela feierlich Besitz von Ursberg. Als ersten Propst seiner geistlichen Söhne, die in die neuen Klostermauern eingezogen waren, setzte er Ulrich ein. Unter seiner tüchtigen Leitung erfreute sich das neue Norbertiner-Kloster bald eines so guten Rufes, daß die Gründer des Klosters Noggenburg, die Grafen Conrad, Berchtold und Siegfried von Marstetten, im Jahre 1126 Ursberger Mönche für ihre Stiftung verlangten und Bischof Otto von Freising die neugegründetcn Klöster Neustift und Schäftlarn gleichfalls den Mönchen von Ursberg übergab. Ermuntert durch dieses rasche Aufblühen des Klosters Ursberg, stifteten Werinher's Schwestern Schwinhild auf dem Burgberge von Balzhausen (zu Burk) ein Frauenkloster nach der Regelndes hl. Norbert und Gisela ein Frauenkloster Der zerstörte Liebesbrief. Nach einem Gemälde von M. Stocks. MWZL M'.1 MM und nannte sich nach dem Tode seines kinderlosen Bruders Conrad fortan Graf von Schwabeck und Balzhausen. Schwiggers Sohn Adelgoz hatte drei gottesfürchtige Kinder, Werinher, Schwinhild und Gisela. Sie lebten auf ihrer Hauptburg auf dem hohen Berge von Burk bei Balzhausen am Anfang des 12. Jahrhunderts — in jener großen Zeit, in welcher die Begeisterung für die Kreuzzüge im deutschen Adel einen hochherzigen Sinn und Eifer für christliche Cultur entflammt hatte, der sich am liebsten in der Stiftung von Klöstern bethätigte. Von diesem hochherzigen Geiste, diesem frommen Opfersinn waren auch die drei edlen Geschwister auf der Grafenburg von Balzhausen beseelt. Graf Werinher errichtete im Jahre 1119 am Fuße des Schloßberges zu Ursberg ein Kloster, das er dem neugestifteten Orden des damals lebenden hl. Norbert im Jahre 1125 übergab und den hl. Aposteln Petrus und Johannes weihte. Der hl. Norbert kam auf zu Edelstetten nach der Regel des heiligen Augustinus. Bischof Hermann von Augsburg bestätigte das Nor- bertiner- (auch Prämonstratenser-Moster Ursberg im Jahre 1130 und zeichnete es mit vielen Privilegien aus. Viele reiche Adelige der Umgebung vermachten dem Kloster der frommen Mönche ansehnliche Güter und stifteten in ihrer Kirche Jahrtage, so daß die Bestätigungs-Bulle des Papstes Jnnocenz III. vom Jahre 1209 bereits eine stattliche Reihe von Gütern im Mindel-, Günz- und Kammel- Thale dem Kloster Verbriefen konnte. Werinher, der Stifter, freute sich des Aufblühens und hohen Ansehens seines Klosters nicht lange. Er starb im Jahre 1135 eines seligen Todes und wurde in der Stiftskirche zu Ursberg begraben. Nach seinem Tode begannen allerlei Drangsale das neue Kloster heimzusuchen. Im Jahre 1142 brannte es vollständig ab. Als mit dem Tode des letzten Grafen von Schwabeck und Balzhausen, des Schirmvogtes Adelgoz, im Jahre 1162 dieses mächtige Geschlecht erlosch, verlor Ursberg seine beste Slützc. Die sich jetzt seine Schützer nannten — sie waren oft seine ärgsten Bedränger. Nach dem Aussterben jener Grafen zogen die Kaiser die Grafschaft Schwabcck und Balzhausen an sich und gaben dem Kloster Urs- bcrg oft gewalt- thäüge Ritter als Schutz- und Schirwvögte, welche das Kloster hart bedrängten und brandschatzten. Der schlimmste dieser Vögle war Ritter Berchtold von Riffen, dem KaiserPhilippdie „Klostervogtei" von Ursberg um 200 Mark verpfändet hatte. Dieser wilde Degen waltete feiner Schutz- Vogtei schlecht. Er behandelte das Kloster und seine Güter wie sein Eigenthum und übte eine so unertrüglicheTy- rannei, daß die Mönche nur mit Hilfe desPapstcs seiner los wurden. Sie kauften sich den seltsamen „Schutzvogt" mit schwerem Geld vom Hals. — Im Jahre 1224, zwei Jahr chevor der berühmte «Conrad von -Lichtenau, der die Ursbcrger Chronik schrieb, Prior wurde, brannte das Kloster zum zwei- 220 tenmal ab. Tüchtige Vorstände brachten es bald wieder empor, bis es ein Verschwender, der Prior Ulrich Sekler, in der Mitte des 15. Jahrhunderts an den Rand des Abgrundes brachte. Kein schwäbisches Reichskloster ist im Laufe der Jahrhunderte von so vielen Drangsalen heimgesucht worden, wie Ursberg. Hatte es sich von einem Schlage erholt, so warf es ein anderes Unglück wieder darnieder. Seine Glanzperiode feierte das Reichsstift unter dem tüchtigen Abt Wilhelm Sartor aus Thannhausen, welcher von 1407 bis 1447 regierte. Er stand bei Papst und Kaiser in hohem Ansehen. — Auf dem Concil zu Constanz erhielt er vom Papst Martin die Pontification, d. h. das Recht, Jnful und Stab zu tragen. Den Kaiser Sigismund begleitete er einmal nach Italien, ein andermal nach Böhmen zum Krieg gegen die Hussiten, gegen welche er sehr häufig gepredigt haben soll. Die lange Abwesenheit des Abtes gefiel den Klosterherren nicht. Sie wählten im Jahre 1436, wahrscheinlich gegen den Willen des Abtes Wilhelm, den Balthasar von Seebach zu ihrem Abt. Ursberg hatte also von 1436—1447 zwei Aebte, den fast immer abwesenden Wilhelm und den Eindringling Balthasar. Als Wilhelm 1447 starb, wurde Balthasar ein rechtmäßiger Abt, starb aber schon nach zwei Jahren, 1449. Ihm folgte Abt Jodoc Seitz aus dem Kloster Roggenburg. Die Wahl eines Auswärtigen verdroß einige Conventherren. Ulrich Sekler, ein hochmüthiger Mann, der selbst nach der Abtwürde strebte, verhetzte sie soweit, daß sie den tüchtigen Abt Jodoc für abgesetzt erklärten. Als sich die Mehrheit nicht um diese „Absetzung" kümmerte, rächte sich Ulrich Sekler dadurch, daß er es 1458 dahin brachte, daß Kaiser Friedrich die Schutzvogtei über Ursberg von der Stadt Ulm auf den Ritter Bero von Rechberg, einen verschwenderischen und gewaltthätigen Mann, um 5000 fl. übertrug. Sekler machte nun dem guten Abte Jodoc das Leben so sauer, daß er freiwillig abdankte und nach Augsburg ging, wo er 1461 Weihbischof wurde. Nun riß Ulrich Sekler mit Hilfe des neuen Schutzvogtes Bero von Rechberg die Abtwürde an sich, die er 10 Jahre lang, 1459—1469, entwürdigte. Was seine trefflichen Vorgänger erworben und geschaffen, verschleuderte dieser leichtsinnige Verschwender. Um seiner Bauwuth, Prachtliebe und Genußlust zu fröhnen, verkaufte er eine Menge Güter um wahre Spottpreise und brachte so das Stift an den Rand des Verderbens. Der Schutzvogt Bero von Rechberg kam häufig von seinem Schloß Neuburg a. d. K. mit zahlreichem Anhang ins Kloster herüber und zechte mehrere Tage, so lang, bis das ganze Kloster ausgefressen war. Endlich erhörte man die Klagen und Bitten der 10 Jahre lang tyrannisirten Klosterherren. Abt Sekler wurde 1469 abgesetzt und ihm die Pfarrei Langenhaslach angewiesen, wo er 1472 plötzlich starb. (Schluß folgt.) -»—i—V-I—»- Zu unseren Bildern Der zerstörte Ktebeslirief. Was die Katzen nicht mitunter Unheil anstiften können! Das gnädige Fräulein hat heute in einem zärtlichen Liebes- briefchen ihren Gefühlen Ausdruck verliehen. Im schönen Monat Mai, wo alle Knospen springen, da ist auch in ihrem Herzen die Liebe aufgegangen! Schwarz auf Weiß soll es der Geliebte ersehen, daß sie „Sein Auf ewig" ist. Dort auf dem Tische liegt die erst frischgeschriebene Urkunde über die Gefühle eines liebenden Mädchenherzes. Da kommen die beiden Kätzlein, scherzen und balgen sich herum, daß es eine Lust ist. Was scheren sich die Losen auch um so ein Tintenfaß. Klapp's isl's geschehen, das Tintenfaß umgeworfen und die Bescheerung ist da! In schwarzen Büchlein gießt sich die Tinte über das Liebesbriefchen I Das mag nun eine schöne Geschichte werden, ihr bösen Mizzi, wann Fräulein Tini hinter euren losen Streich kömmt! Zum Zahnarzt. Der Steffelbauer hat Zahnweh'. Lange schon wurde er von den fürchterlichsten Schmerzen geplagt! doch Alle Mittel, die ihm sein Nachbar, der Schmid, der in diesen Dingen etwas bewandert ist, angerathen, haben nichts geholfen. Selbst die alte Hühnerliesel, die schon vielen Leuten den Zahnschmerz durch „Sympathie" vertrieben, konnte beim Steffelbauer nichts ausrichten. Das vermaledeite Zahnweh wurde im Gegentheil immer ärger, so, daß es der Steffelbauer schließlich nicht mehr aushalten konnte. So entschloß er sich denn zum äußersten Mittel, einen Gang zum Zahnarzt zu machen, um des Plagegeistes ein für alle Mal ledig zu werden. Dr. Meyer versteht sich auf sein Fack wie Keiner, und so ist also zu hoffen, daß auch der Steffelbauer, der soeben im Begriffe ist, feine Ankunft durch einen kräftigen Zug an der Glocke zur Wohnung des Arztes anzumelden, von dem leidigen Uebel des Zahnschmerzes befreit wird. — Allerlei. Eine Familie von Geizhälsen. Der Urgroßvater Koloman Rüst ola hatte sich durch den Handel mit Sardinen und Südfrüchten ein hübsches Vermögen erworben, das immer mehr anwuchs, weil sich der Mann kaum das Nöthigste für seinen Lebensunterhalt gönnte und bis an sein Ende in einer dunklen Kammer in der Westbahnstraße logirte. Der Großvater Robert Rustola setzte den Handel mit nicht so lucrativem Resultate fort, vermehrte jedoch das Vermögen beträchtlich durch seinen Geiz, denn er ging in Lumpen daher und soll sich nicht gescheut haben, milde Gaben anzunehmen. Der Vater Anton Rustola besaß in Wien drei Häuser, domicilirte in Graz, wo er mit monatlichen 75 fl. sein Auslangen für sich, seine Frau und seinen Sohn Franz fand, dem er nahezu 200,000 fl. hinterließ. Ueber die Lebensweise des Sohnes, sobald er zu Vermögen gelangte, ist Nichts bekannt geworden. In Folge schlechter Ernährung in seinen Kinderjahren war Franz Rustola von schwächlicher Constitution und starb schon im 28. Lebensjahre. Das Vermögen ging an einen Verwandten, einen Peter Rustola, über, welcher übrigens der geizigen ! Familie alle Ehre machte. Er starb vor einigen Wochen I in Görz in der Wohnung eines Schuhmachers, der seinen Aftermiether in recht dürftigen Verhältnissen wähnte und ihm eine Dachkammer billigst überlassen hatte. Nun ist diese Familie der Geizhälse ausgestorben, und es werden Erben für das ungefähr auf 300,000 fl. angewachsene Vermögen gesucht. Nitder-Käthser.