^L30. Areitag, den 13. April 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS „Ach, Monsieur, die Hilfe, um welche ich bitten möchte, steht ganz in Eurer Gnaden Macht." — „Da sind Wir doch begierig, diese Bitte zu vernehmen", sagte lachend Daquin. — „Ich möchte Monsieur bitten, zu erwirken, daß ich Sr. Majestät unserem großen Könige zur Ader lassen darf." — Erschreckend prallte Daquin zurück und stotterte: „Herr, sind Sie verrückt?! Oder — oder sind Sie gar das unglückliche Werkzeug einer meuchlerischen Verschwörung?" — Erbleichend vor Schrecken rief Tartö: „Um Gotteswillen! was denken Euer Gnaden?! Ich bin die unschuldigste Kreatur von der Welt! Ich bin, das darf ich wohl ohne Selbstüberhebung sagen, der geschickteste Aderlasser von Paris. Wenn ich nun Sr. Majestät zur Ader lassen dürfte, dann, Monsieur — dann wäre mir geholfen." „Ich verstehe l Der Plan ist tief und hoch angelegt, aber — tollkühn! Und dann — selbst wenn der König einen Aderlaß nöthig hätte, so wäre ja dafür sein Leibchirurg Msgr. Maröchal da." „Q Monsieur vermögen mit Ihrem bekannten großen Geiste und mächtigen Einfluß auf Seine Majestät die fraglichen Hindernisse leicht zu beseitigen. Auch appellire ich an Euer Gnaden edles, großmüthiges Herz. Es ist ja bekannt, daß Monsieur ein so Mildreicher Wohlthäter der Armen ist. Da habe ich nun zur Gewährung meiner Bitte ein kleines Opfer für die Armen — fünfzehn- tausend Livres — mitgebracht, die ich Monsieur zur freien Verfügung stellen möchte." — „Das ist Alles schön und gut. Es ist wahr; man appellirt nicht leicht vergebens an mein Herz; es ist zu weich. Ich möchte gerne allen Menschen helfen; allein in Ihrem Falle, mein Lieber, sehe ich nicht ein, wie mir das möglich werden könnte. Zwei Hindernisse, wie bereits angedeutet, stehen im Wege: die volle Gesundheit des Königs und eventuell der Leibchirurg." Daquin schreitet nachsinnend durch's Zimmer. Tartö: „Monsieur! könnten Sie bei Seiner Majestät, etwa nicht einen prophylaktischen Aderlaß" — „Parbleul" siel Daquin ins Wort, „das ist ein genialer Einfall." Nach einigen! Nachdenken fuhr Daquin fort: „Meister Tartö, nun haben Wir es; das heißt — in tlis8i; ob Wir das Problem auch in xraxi zu lösen vermögen werden, ist wohl noch fraglich. Indeß Wir werden es sofort versuchen." „Zweifle nicht am Gelingen, Monsieur." „Nun muß ich den Frühbesuch beim Könige abstatten. Wo sind Sie abgestiegen?" „„Im Cafö le Noy."" „Halten Sie sich zur Stelle." Man trennte sich, wohl zufrieden auf beiden Seiten. * vr. Daquin erschien zum „pstit lovsr" (kleiner Frühbesuch) bei König Ludwig XIV., welcher seinen ersten Leibarzt Zutraulich mit den Worten begrüßte: „Guten Morgen, mein lieber Daquin! — Was soll das? Sie sehen ja aus wie ein Leichenbitter! Woher diese traurige Miene? Kommen Sie vielleicht von meinem armen Herrn von Reims?" „„Das nicht, Majestät; aber ich habe erfahren, daß es sehr schlimm mit dem liebenswürdigen Herrn Prälaten steht. Es ist für den Arzt sehr schmerzlich, wenn er bedenkt, daß Herr von Reims von diesem gefährlichen Schlaganfall verschont geblieben wäre, wenn man ihm prophylaktisch zur Ader gelassen hätte."" „Meinen Sie?" „„Ganz gewiß, Majestät."" „Sagen Sie mir doch, Daquin, welches sind die Ursachen eines Schlaganfalles?" — „„Sire! Diese sind zahlreich, da es verschiedene Arten von Apoplexie gibt. Da haben wir einen Schleimschlag; der verläuft in der 227 Regel tödtlich; — den Blutschlag, von welchem Mon- seigneur de Reims betroffen. Er hatte zu viel des zähen und dicken Blutes."" König Ludwig hält dem Leibarzte den rechten Vorderarm hin: „Wie finden Sie meinen Puls?" — Daquin, denselben befühlend: „„Sire, der Puls ist etwas erregt."" „Nun, das mag nichts zu bedeuten haben", erwiderte König Ludwig. Da traten Hofcavaliere ein, und Daquin zog sich vor dem Könige verneigend zurück. Er begab sich, wie gewöhnlich, zu Frau von Montespan, der (bekannten) „Freundin" des Königs. Nach der üblichen Begrüßung sprach er hastig und gleichsam erregt: „Frau Marquise! ich komme soeben von Seiner Majestät-" Frau v. Montespan, inS Wort fallend: „Nov Oisul Sie erschrecken mich, Monsieur Daquin; der König ist doch nicht erkrankt?" „„Dies nicht; der König befindet sich nur zu wohl — das heißt augenblicklich."" „Ich verstehe Sie nicht, und Sie steigern meine Beängstigung." „„Ich muß Ihnen gestehen, daß der Schlaganfall, der den Herrn Prälaten de Reims getroffen, im Hinblick auf das körperliche Befinden Seiner Majestät mir einige Befürchtung verursacht. Der Puls des Königs hat mir heute nicht gefallen. Es ist etwas zu viel des Blutes vorhanden. Der König genießt zu viel Geflügel und Wildpret. Vorgestern haben Seine Majestät, nachdem Sie beim Souper dem Schwarzwild und dem Fasanen stark zugesprochen, noch drei Schnepfen verspeist."" „Was ist da zu thun?" „„Frau Marquise! Wenn man dem Herrn von Reims zur Ader gelassen hätte —"" „Ich verstehe, Daquin, der König muß zur Ader lassen." Bei diesen Worten trat eben König Ludwig bei Fr. v. Montespan ein — zum Morgenbesuche. Er hatte die letzten Worte vernommen und sprach: „Wie! ich muß zur Ader lassen? — Frau v. Montespan, ein Ludwig XIV. muß niemals!" — „„Majestät, es können Umstände eintreten, in denen auch ein König Ludwig handeln muß — nach fremdem Willen oder Wunsche, zumal, wenn er fein Volk liebt, wie Seine Majestät, und danach trachtet, ihm sein kostbares, unersetzliches Leben zu erhalten!"" „Ich begreife. Ihr sprächet vom Falle des Prälaten und meinem etwas erregten Pulse." „„So ist es, Majestät,"" sagte Daquin. — „Nun, ich habe mir die Sache auch überlegt, und um Sie zu beruhigen, will ich einen kleinen Aderlaß nehmen und zwar hier bei Ihnen und — sofort. Lassen Sie meinen Leibchirurgen Marechal kommen." — „„Sire, erlauben mir eine Meinung der Vorsicht auszusprechen. Herr Mars- chal ist unzweifelhaft der vorzüglichste Chirurg des Königreichs; allein er hat eine etwas schwere Hand, und da Euer Majestät nur einen sehr kleinen Aderlaß nöthig haben, so möchte ich bezweifeln, daß Herr Marschal in diesem Falle sicher zweckdienlich sei. Uebrigens befindet sich Herr Marschal eben bei Herrn de Reims. Es weilt aber jetzt der Chirurg Magister du Tarts aus Paris hier, der mit wunderbarer Kunst zur Ader läßt."" „Nun wohlan, so lasse man ihn kommen", sprach der König.-Es währte nicht lange und Meister du Tarts erschien und vollbrachte seine „große" That. Nachdem der „prophylaktische" Aderlaß geschehen, sagte Ludwig XIV. zu seinem Leibarzte Daquin: „Sie haben recht; Meister du Tarts läßt mit viel mehr Leichtigkeit zur Ader als Herr Marschal." — — — Einige Tage später las man auf einem prächtigen Schild in der Straße des Bourdonnais: „Meister du Tarts, Leibchirurg des Königs." Die „Namenreparatur war in ausgezeichneter Weise gelungen. DaS Geschichtchen aber könnte man auch betiteln: Was kann man doch nicht Alles fertig bringen, Wenn klug die Worte sind und — prächtig klinge«! — --S8WLS--- Der Kukuk steht beim Volke schon seit jeher nicht in besonderer Achtung. Heißt man doch Einen, den man nicht sehen mag: „Geh' zum Kukuk!" oder „Hol' dich der Kukuk!" Wenn der Spatz mit dem stechen Gassenbuben verglichen wird, so spielt der Kukuk die Rolle des heimathlosen Tagediebes. Er legt sein Ei nicht vor die Thüre eines andern Vogels» damit dieser sich des Eies erbarme, sondern er legt sein Ei direkt in daS Nest anderer Vogel, und sollte kein Platz mehr dafür darin sein, so wirst er ein oder zwei andere Nesteier hinaus. Das sieht den schlechten Dirnen ähnlich, welche ihre Kinder Anderen vor die Thüre setzen, um sich so der Last und Plage der Erziehung zu entziehen. Der kleine Kukuk ist viel größer und gefräßiger als die Nest- vögel, und doch, welche Sorgfalt verwenden seine Zieheltern auf ihn, den Eindringling, gegen dessen Einquartierung sie sich im Anfang mit dem Aufgebot aller Kraft wehrten! Diese scheinbar liederliche Kukukseigenschaft erscheint in ganz anderem Lichte, wenn man die tiefsinnige und treffende Erklärung des Jesuiten und bekannten Naturforschers ?. Wasmann in den „Stimmen aus Maria-Laach" liest. Sie verdient es, zu allgemeiner Kenntniß des Volkes gebracht zu werden. Hören wir die Lösung des Räthsels des Kukukseies: „Forschen wir nun nach der tieferen Ursache, wetz- halb der Kukuk durch seinen Instinkt zum Schmarotzer- leben vermflagt ist. Altum (ein berühmter Kenner unserer Vogelwelt, ein geistlicher Professor an einer westfälischen Forstschule) hat schon vor vielen Jahren in vortrefflicher Weise auf das Gesetz aufmerksam gemacht, das dem Brut- parasitismus des Kukuks zu Grunde liegt. (Altum, Der Vogel u. s. Leben, 5. Aufl., S. 180 ff.) Der Beruf des Kukuks ist es, ein Vertilger der haarigen Raupen zu sein, die wegen ihrer Brennhaare von anderen Vögeln entweder gar nicht oder nur ausnahmsweise gefressen werden. Der Kukuk verzehrt dieses Ungeziefer mit außerordentlichem Appetit und ohne Nachtheile für seine Gesundheit. Die behaarten Raupen des Prozessionsspinners und des Kiefernspinners, der Nonne, des Weidenspin- ners und des Schwammspinners zeigen aber die auffallende Erscheinung, daß sie in manchen Jahren stellenweise in ungeheuren Massen erscheinen; dann kommt ein verheerender Raupenfraß, wie ihn die Nonne wiederum in den letzten Jahren verursacht hat. Es sind gleichsam Polizeistationen, die auf das haarige Raupengefindel ein wachsames Auge haben und es unter normalen Verhältnissen auch in den gebührenden Schranken zu halten vermögen. Tritt aber irgendwo eine Massenvermehrung jener Raupen ein, dann genügt die Polizei nicht mehr, es müssen Truppen verschiedener Waffengattungen mobil gemacht und an die bedrohten Punkte gesandt werden. Eine dieser Truppen sind die Schaaren der Kukuke, die sich nach den Naupenherden zusammenziehen und dort wochenlang verweilen müssen, um etwas Ergiebiges auszurichten. Die „Raupenmonate", in denen der Raupenfraß stattfindet, sind aber gerade zugleich die Brutmonate der Vögel. 228 Wäre der Kukuk gleich anderen Bügeln an die Wiege seiner Jungen gefesselt, so könnte er dem Aufgebote zur Landcsvertheidigung nicht Folge leisten, er müßte zu Hause bleiben und für seine Familie sorgen. Wie kann er aber vom Nestbau, vom Brüt- und Fütterungsgeschäfte entbunden werden, ohne daß sein Geschlecht ausstirbt? Nur dadurch, daß er seine Eier fremden Vögeln in Pflege gibt, daß er ein Schmarotzer wird." Wir können also das Räthsel des Kuknkseies nicht lösen, ohne an die Weisheit deS göttlichen Schöpfers zu glauben. Darum schließt auch k. WaSmann seine interes- sante Artikelserie über den Kukuk mit Recht mit folgenden Worten: „Je tiefer wir eindringen in die Geheimnisse, mögen sie nun in der Vogelwelt oder Jnsektenwelt, in einem Ameisenhaufen oder im tiefen Meeresgrunde sich abspielen, desto klarer erkennen wir, daß die Weisheit und Allmacht des Schöpfers durch die Ergebnisse der modernen Naturforschung verherrlicht wird." Allerlei. Von russischen Postverhältnissen plaudert die „Now. Wremja": Das Postwesen im Innern des Reiches steckt ja bekanntlich noch in den Kinderschuhen, was sowohl auf die riesigen-Entfernungen als auf die Spärlichkeit der Eisenbahnverbindungen zurückzuführen ist. Es gibt daher bei uns Städte, die geographisch kaum 400 Werst von einander entfernt sind, postalisch jedoch weiter als Kiew und unser liebes Toulon. Von einem solche Städte- paare können wir absonderliche Dinge berichten. Einer unserer Freunde wohnt in Kiew und hat einen beständigen Geschäftsverkehr mit einigen Personen, die in der Nähe von Rowno, Gouvernement Wolhynien, sechs Werst von der Station Rowno, leben. Der Postverkehr mit diesen Geschäftsfreunden ist, wie unser Freund schreibt, nur durch eingeschriebene Sendungen möglich; alle ordinären Briefschaften gehen einfach auf dem Wege zwischen diesen beiden Punkten spurlos verloren — das ist schon seit Jahren hier zu Lande so der Brauch. Unser Freund beendet seine Korrespondenz gewöhnlich um 5 Uhr Nachmittags, um welche Stunde das Hauptpostamt in Kiew bereits geschlossen ist. Er gibt daher die Sendung in dem Haupt- Telegraphenamt auf. Dieses pflegt alle eingeschriebenen Briefschaften zweimal täglich, um 12 und um 4 Uhr Nachmittags, auf daS Haupt-Postamt zu senden, obgleich diese Stunden durchaus nicht der Abgangszeit der Postzüge entsprechen. Vielleicht wirkt die Erledigung vor dem Frühstück und Mittag förderlich auf die Verdauung der Telegraphenbeamten. Wenn nun also unser Freund seinen Korrespondenten in Rowno einen eingeschriebenen Brief zuschickt, so nimmt dieses Ereigniß folgenden Verlauf: Am Montag um 5 Uhr Nachmittags schickt er die Briefschaften ins Telegraphenamt; am Dienstag um 12 Uhr Mittags werden sie dem Hauptpostamt übersandt, am Mittwoch um 9 Uhr Morgens gehen sie mit dem Postzuge der Süd-West-Bahn nach Rowno ab, wo sie um 12 Uhr Nachts eintreffen. Am Donnerstag findet in Rowno die Sonderung der Briefschaften statt, die angesichts des spärlichen Beamtenpersonals nicht früber vorgenommen werden kann. Am Freitag um 1 Uhr Nachmittags wird aus der Stadt Rowno die Anweisung des Postamtes der 6 Werst entfernten Gemeindeverwaltung des Dorfes Rowno zugesandt, und am Sonnabend 5 Uhr Nachmittags befindet sich die Nachricht, daß ein Brief für ihn angekommen sei, glücklich in den Händen des Adressaten. Am Sonntag findet im Postamts keine Ausgabe von Briefschaften statt, der Adressat wartet also bis zum Montag und begiebt sich dann nach Rowno, um gegen Vorzeigung der Anweisung den Brief in Empfang zu nehmen. Die Entfernung zwischen Kiew und Rowno beträgt 366 Werst (389 Kilometer). In der Zeit, die der Brief braucht, um von Kiew nach Rowno zu kommen, kann der Absender ganz bequem von Kiew nach Toulon reisen, dort auf dem Platze vor dem „Hotel de Ville" einige Male „Vivs 1a Iftmueo" schreien und dann gemüthlich heimkehren; wollte er aber zu Haufe eine Antwort aus Rowno vorfinden, so könnte er noch einen Abstecher nach Paris machen und sich dort in Muße Alles genau ansehen. -- Goldene Zukunft. O Deutschland, du Land der Dichter und Denker, Was birgst du mitunter für heillose Stänker! Da sind es die Herr'n Sozialdemokratin, Die wissen am besten, wo saftige Braten; Du brauchst nur zu lauschen d-m öden Geschrei Wie köstlich das Leben im Zukunftsstaat sei. Doch „Michel", der dumme, der kaun's nicht begreifen, Was längst von den Dächern die Spatzen schon Pfeifen, Daß Rettung allein nur möglich noch sei In den offenen Armen der rolhen Partei. D'rein kannst, wie ein Kindlein, ein müdes, dich schmiegen' Und daß du wohl schlummerst, so wird man dich wiegen. Zu bald aber wirst aus dem Schlaf du erwachen, Die klugen Genossen den „Gimpel" verlachen, Das „unnütze" Denken, das Manchen verdorben, Das können die Herren ja selber besorgen. Sie wollen nur Arbeit der kräftigen Hände, Und kannst du nicht weiter, so warte aus'S Ende. Doch hör'! Auf den Himmel darfst nimmer du hoffen, Denn der sieht, nach Heine, den — Spatzen nur offen. K ö n i g s z », g. a u i r a Q SS <: u u b I S k 2 m s s t 1 V 0 i s l s r a ll a s Auslösung des Logogrpphs in Nr. 28: Wieland. Wien. Wein. L ed. Newa. Indien. Lawine. Wand. Wind. Linde. Auflösung des Bilder-Nätbsels in Nr. 29: Nach der Arbeit das Vergnügen.