AnteWltung zur „Augsburger Post;eitung". 35. Dinstag, den 1. Mai 1894. Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas r. Franz Hitzr. Der Doctor blickte ihn ganz entsetzt an und meinte nach einer Weile: „Das wäre ja in unserer Stadt und Umgegend ein recht herrliches Leben alsdann. — Zum Henker noch einmal, ich danke dafür, so unversehens einige Kugeln hinterrücks in den Pelz zu bekommen. Es sieht freilich ganz darnach aus, obgleich ich nicht recht begreife, was der Mord hier für einen Zweck gehabt. Bei unserer Tante Hanna war's doch ein regelrechter Raubmord, — aber hier —" Er schüttelte den Kopf und reichte dem jungen Gutsbesitzer, der kein Wort darauf erwiderte und nur die Achseln zuckte, die Hand zum Abschied. „Ich fahre Sie selber zurück nach der Stadt, Herr Doctor!" sagte Marbach, „ich werde dem Gericht gleich oie nöthige Anzeige machen." „Ja, das ist allerdings nothwendig, — wo wollen Sie Ihren Freund begraben lassen?" „Er soll hier auf meinem Grund und Boden schlafen, — will den armen Kerl wenigstens in meiner Nähe behalten. — Ob Fräulein Holten wohl dem Vater der Kleinen die nöthige Mittheilung zukommen lassen kann?" setzte er etwas zögernd hinzu. „Ja, hab' mit ihr darüber schon gesprochen," erwiderte der Arzt achsel- zuckend, „ist eine vertrackte Geschichte, da der Herr Steindorf seine Adresse nicht hinterlassen hat. Er wollte ja nach der Residenz, wie Fräulein Hollen glaubt, aber ihn dort aufzufinden, wird nicht gut möglich sein." „Es müßte dann vielleicht die dortige Polizei benachrichtigt oder ein darauf bezüglicher Aufruf an verschiedene große Zeitungen gesandt werden." „ Das läßt sich hören, Herr Marbach!" rief der Doctor, „können, wenn Sie wollen, in Edenheim vorfahren und Fräulein Holten diesenVorschlag machen. Eine recht fatale Geschichte für die Arme, welche ganz und gar aus ihrem gewohnten Geleise dadurch gekommen ist." Der Wagen war mittlerweile vorgefahren und die beiden Herren fuhren davon. Armgard Holten war mit Allem einverstanden. Sie dankte dem jungen Nachbar und bat ihn, das Weitere zu veranlassen, auch das Nöthige für das Be- gräbniß der Kleinen zu besorgen. Das sonst so ernste, in allen Dingen ruhige, junge Mädchen, welches selbst bei Tante Hanna's Schicksal ihre Fassung bewahrt hatte, konnte jenen traurigen Auftrag kaum hervorbringen und kämpfte sichtlich mit seinen Thränen. Marbach schwang sich plötzlich auf den Wagen, und fuhr so jäh und rasch davon, daß der alte Arzt, welcher sich noch nicht niedergelassen, mit einem leisen Fluch zurücksank und sich erschreckt festhielt. „Was haben Sie denn nur so plötzlich, Herr Marbach?" schrie er unwillig, „wollen die Pferde durchgehen?" „Es schien eben, als ob sie Lust dazu hätten," erwiderte der junge Mann, sich verlegen umwendend. „Entschuldigen Sie, Herr Doctor, thut mir aufrichtig leid, daß Sie davon alterirt worden sind." „Ei was, ich Hütte nur einfach hinabstürzen uno 264 dcn Hals brechen können," brummte der Alte, sich den Hut gerade rückend. „Mich dauert die kleine Holten, fürchte wirklich, daß sie ernstlich krank davon wird. Was der vertrackte Steindorf hier in der Heimath zu suchen hat? — Hätte drüben bleiben können, dann wäre das Alles nicht passirt." Marbach sah ihn überrascht an und blickte dann nachdenklich in die Ferne. „Merkwürdig," sagte er endlich, „daß Fräulein Holten sich viel mehr aus dem allerdings sehr traurigen Ende dieses fremden Kindes zu machen scheint, als aus dem schrecklichen Schicksal der ihr doch so sehr befreundeten Tante Hanna." „Na, das ist immerhin aus verschiedenen Gründen erklärlich, junger Herr!" versetzte der-Doctor, ihn forschend anblickend. „Zuerst ist Tante Hanna sehr alt und dieses Kind natürlich sehr jung, zwei krasse Gegensätze, welche zu Gunsten der Kleinen bedeutend in die Waage fallen. Sodann, und das denke ich mir als die Hauptursache, war das Kind ihrem Schutze anvertraut, während Tante Hanna selbstständig zurück in ihr Verderben rannte. Eine solche Schutzbefohlene ist immerhin eine Gewisfenssache und tritt dann zum Ueberfluß noch der Umstand hinzu, daß es just das einzige Kind einer alten, vielleicht noch immer nicht ganz eingerosteten Liebe ist —" Bei diesen Worten des alten Arztes gab Marbach den Pferden einen so heftigen Schlag, daß sie sich bäumten und dann im Galopp fortstürmten. Er vermochte die feurigen Thiere kaum zu bändigen und mußte seine ganze Kraft aufbieten, um die Herrschaft wieder zu erlangen. Der Doctor saß ganz ruhig. Er lächelte still vor sich hin und rauchte unbekümmert seine Cigarre. Als die Pferde wieder ruhig forttrabten, sagte er: „Das scheinen empfindliche Schwerenöther zu sein, müssen die Peitsche bei ihnen schonen, wie mich dünkt." „Ja, sie wissen genau, wenn sie ungerecht bestraft werden," bekannte Marbach lächelnd, „und das war in der That vorhin der Fall." Wieder lächelte der Doctor eigenthümlich vor sich hin, er wußte ja, weßhalb es geschehen. (Fortsetzung wtgl.) --ssWSes- Goldkörner. Ein heit'rer Geist, ein froher Sinn — Sie sind der Menschheit beste Gabe. — Und wird die Weisheit früh du Gutsverwalterin, So reicht der Verrath bis zum Grabe. G. C. Ps.ffel. -- Luftspiegelungen. Von M. Dursch-Nebenan. (Nachdruck verboten.) Ein blauer Sommerhimmel wölbt sich über Siziliens lieblichen Gestaden. Die Luft ist rein und unbewegt, und des Meeres Wogen dehnen sich spiegelglatt. Da zeigt sich dem Wanderer auf Neggios Höhen ein wundersames Bild. Wie durch Zaubermacht hervorgerufen, erscheinen über der Fläche des Wassers prachtvolle Marmorschlösser mit Balkönen und Fenstern, mit üppigen Gärten und schäumenden Springbrunnen, hohe Thürme schweben über der Fluth, Kirchen und Prozessionen, Soldaten in blitzenden Waffen, Rosse und Reiter. Sie ziehen vorüber, still und lautlos, und an ihre Stelle treten Wiesen und Triften mit weidenden Heerden; verfallene Paläste mit Säulen und Bogen, Cedernhaine und dunkle Fichtenwälder. Auch sie ziehen stU in der Ferne vorbei, und neue Bilder entzücken das Auge durch ihren Märchenzauber, durch ihre lebensvolle Farbenpracht. Aber tiefer und tiefer senkt sich die Sonne, und mit einemmale verschwinden die Wunderdinge, wie von unsichtbarer Hand hinweggehoben. Diese herrliche Erscheinung ist bekanntlich eine Folge der Strahlenbrechung, vermöge deren wir ja auch das Bild der aufgehenden Gestirne erblicken, wenn sie noch nicht einmal den Himmelsrand berühren. Diese Abspiegelung ferner Gegenden in der Luft tritt besonders ein, wenn sich über großen Flächen des Landes oder des Meeres eine außerordentlich ruhige Luftschichte befindet, so daß die nach Sonnenaufgang erwärmten und daher verdünnten unteren Luftschichten nur sehr allmälig mit den oberen dichteren sich mischen. Man kann diese Erscheinungen namentlich in Aegypten und Ungarn, sowie über den Sandwüsten Persicns und der Tatarei beobachten. Ueber dem Meere werden zuweilen doppelte oder mehrfache Bilder von Schiffen in weiter Ferne abgespiegelt, und zwar zu einer Zeit, wo sich die Fahrzeuge wegen der Krümmung der Erde noch außer Sicht befinden. Hierin haben all die mannigfachen Sagen von Gespenster- und Todtenschiffen, hat die Märe vom „Fliegenden Holländer" ihren Ursprung; hierauf gründete sich auch die so wunderbar scheinende Ankündigung kommender Fahrzeuge durch bekannte Leuchtthurmwärter, die nichts weiter als das Ergebniß täglicher Beobachtung war. Häufig gewahrt man auch die Bilder ferner, in Folge der Erdkrümmung unter dem Gesichtskreise liegender Seestädte so nahe und deutlich in der Luft abgespiegelt, daß man selbst Flaggen und einzelne Fischerboote zu unterscheiden vermag. Prächtige Erscheinungen haben auch Luftschiffer beobachtet, wenn sie in jenen einsamen Räumen segelten, die keines Adlers Fittig mehr durchrauscht. Nicht selten sahen sie über sich das Meer, über dem sie schwebten, abgebildet — das Meer mit all seinen Schiffen und Barken, deren Masten freilich nach unten, deren Kiele nach oben gerichtet waren. Oder sie erblickten, wenn ihnen gegenüber plötzlich die Sonne hervortrat, auf den Wolken das genaue Bild ihres Ballons, umschlossen von einem prachtvollen Bande verschiedenfarbig leuchtender Kreise. Solche Erscheinungen der Strahlenbrechung zeigen sich übrigens auch auf hohen Gebirgen; so im bekannten Brockengespenste oder in der Abspiegelung von Bergsteigern und ihren Gerüthen. Von einer merkwürdigen Lufterscheinung berichtet der Engländer Clarke. An einem herrlichen Abende des Sommers 1743 bemerkten Spaziergänger in der Nähe Souther- fells flüchtig dahinjagende Rosse, verfolgt von einem Mann und einem Hunde. Die Gestalten eilten mit überraschender Schnelligkeit den steilen Berg hinauf, bis sie oben plötzlich verschwanden. Am andern Morgen bestiegen die Zuschauer die Anhöhe, fest überzeugt, im Abgrunde die zerschmetterten Körper zu finden, aber wie erstaunten sie, als sie weder die geringste Spur von Menschen und Pferden, noch auch im Grase den leisesten Eindruck eines Hufes wahrzunehmen vermochten. Luftspiegelungen waren auch den früheren Zeiten nicht unbekannt. MM4 ^MM WMM ^?-> < B^E-Z !»A WZGÄsÄ'W MME M?;: "MWZ ^ ' MK '