i« ^ 36. Donnerstag, den 3 . Mai 18942 Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag deS Literarischcn Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttler). KimmetfcrHrL. Und als sie ihm nachschaute», wie er in den Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißem Gewände, welche auch sprachen: »Ihr Männer «an Galiläa, was stehe! ihr da und schauet gen Himmel?' Apostelgeschichte I. 10, II. Mein Oelberg prangt im Feierglanze, Der Heiland führt zum Vater auf, Die Jünger steh'n im weiten Kranze Und schau'« zum Himmel hoch hinauf, Sie schauen nach dem theuern Meister, Der ihrem Aug' zu bald entschwand, Und liebend heben sich die Geister Zu Ihm empor in's stille Land. Wir dürfen selbst nun aufwärts schauen Aus diesem dunklen Erdenthal, Wenn unten Nebel Dich umgrauen. Glänzt oben noch ein milder Strahl. Seit unser Heiland heimgefahren. Sehnt sich die Seele zu Ihm hin Und mochte mit den Schwalbenschaaren In eine wärmere Heimath zieh'«. Die Erde will uns oft erdrücken. Die Welt um uns ist kalt und leer. Die Blumen, die uns heut entzücken. Schon morgen blühen sie nicht mehr. Da sucht das Herz nach bessern Gaben, Nach Palmen, welche immer blüh'n, Und kann sie hier mein Herz nicht haben, Soll's feuriger nach oben glüh'n. Die Jünger steh'n und schau'n gen Himmel, Thu' ihnen gleich, o Menschenherz, Ob einsam Du im Weltgewimmel, Ob Du der Nacht klagst Deinen Schmerz, Die Engel find herabgekommen, Als unser Herr zum Himmel fuhr, Noch heut bestren'n sie allen Frommen Mit Rosen ihre Erdenspur. Und war Dein Herz bislang gebunden An diesen irdisch eitlen Glast, Und hast Du Frieden nie gefunden, Weil Du Dich fühlst als fremder Gast: Dann steig' hinan zur OclbergZfcier Und schau' dem Heiland nach in's Licht, Bis auch durch Deine trüben Schleier Die Sonne des Erhöhten bricht. Adolph Müller. Tante Kanlra's Geheimniß. Original-Noman von E. von Linden. (Fortsetzung.) In der Stadt wurden die beiden Herren von neugierigen Bekannten umringt, da das blutige Ereigniß in dem bekannten Hohlwege bereits die Runde machte und allgemeines Entsetzen erregte. Das Gerücht, daß ein unheimlicher Mordgeselle die Gegend unsicher mache, war gewiß darnach angethan, alle Gemüther mit Angst und Schrecken zu erfüllen, zumal dasselbe jetzt durch einen Augenzeugen, welcher nur durch ein Wunder demselben Schicksal entgangen war, vollauf bestätigt wurde. Der Maler Reinhardt, welcher sich sogleich seines jungen Freundes bemächtigt hatte, war ganz außer sich über ven Tod des armen Warneck. „Sollte der Schuft, welcher ihm das Seine ausgeführt hat, ihm nun auch noch das Letzte, das Leben, genommen haben?" fragte er erregt. „Wer weiß," meinte Marbach, „doch bitte ich Sie, lieber Reinhardt, sich nicht weiter über diese Vermuthung äußern zu wollen, da dergleichen, um den Schuldigen sicher zu machen, nicht in aller Leute Mund sein muß. Ich gehe jetzt zum Gericht, um die Anzeige zu machen. Erwarten Sie mich, bitte, in Ihrer Wohnung, da ich so mancherlei mit Ihnen zu überlegen habe." Der Maler versprach es und Marbach ging erst zu dem ihm bekannten Polizei-Commissar Frenzel. „Ich stand auf dem Sprunge, nach Rotenhof hinauszufahren, mein lieber Marbach!" rief der Beamte ihm erfreut entgegen. „Hat das Gerücht von neuen Verbrechen gelogen?" „Leider nein, Herr Commissar!" versetzte Marbach düster, „die Geschichte ist schrecklich genug." Er erzählte mit kurzen Worten, was sich in jenem Hohlwege zugetragen. „Und das Kind ist ebenfalls todt?" „Mausetodt!" „Sagten Sie nicht, daß auch Ihnen eine Kugel zugedacht gewesen sei?" „Es schien so, da dieselbe mir dicht am Kopf vor- beipfiff. Nur der Umstand, daß ich im langsamen Fortschreiten begriffen war, rettete, wie ich glaube, mein Leben." „Weil der Schütze kein sicheres Ziel hatte, wie bei Ihrem Freunde," bemerkte der Beamte, „das ist erklärlich. Nehmen wir nun an, daß Herr Warneck jenem Schützen ein Hinderniß war, welches er um jeden Preis aus dem Wege räumen mußte, weßhalb aber schoß er auf Sie und, was noch unerklärlicher, auf das Kind?" „Letzteres hat er zufällig getroffen, wie auch der Kutscher behauptet," sagte Marbach, „die Kleine wollte also im Wagen bleiben, wo sie zwischen den weichen Polstern beinahe verschwand und wahrlich für ein Hündchen gehalten werden konnte, zumal aus der Ferne, wie es mich sogar in der Nähe schon täuschte. Warneck stand am Wagenschlage, mit dem Kinde plaudernd. Da hat es sich im selben Augenblick, als die Schüsse fielen, erhoben, wie der Kutscher mir vorhin in Edenheim selbst erzählte, und ist auch sofort getroffen worden, weil der Mörder mehrere Male hintereinander schoß. Was nun mich selber anbetrifft, Herr Commissar!" setzte er kopfschüttelnd hinzu, „so mag er vielleicht in mir den Freund seines Verfolgers gehaßt haben, wer kann's wissen!" „Allerdings, auch mag ihn eine plötzliche Mordlust gepackt haben. Wir haben also zunächst unser Augenmerk auf diesen Menschen zu richten, dessen Signalement uns der Erschossene ja so ziemlich genau hinterlassen hat. Das ist aber auch Alles und kann sehr leicht auf falsche Fährten führen. Schade, daß Sie den Burschen nicht kennen." „Ja, das bedaure ich tief, auch, daß mein Freund kein Bild von ihm besaß; wie er mir erzählte, war dieser Prien ein erklärter Feind der Photographie." „Sehr erklärlich," rief der Commissar lachend, „es ist für die Verbrecherwelt eine böse Erfindung und durch die Taschen-Apparate geradezu verhängnißvoll für dieselbe geworden. — Apropos, was sagt denn der Vater des Kindes zu diesem Unglück?" Marbach berichtete darüber. „Das ist allerdings ein recht fatales Ereigniß für Fräulein Holten," meinte der Beamte, „habe von ihrem früheren bräutlichen Verhältniß zu Steindorf gehört und denke mir, daß dieser schreckliche Fall die beiden Leutchen wohl wieder zusammen führen könnte, da die junge Dame ihm doch immerhin eine Genugthuung oder vielmehr einen Ersatz schuldig wäre; meinen Sie nicht, Herr Marbach?" „Ich kann darüber keine Meinung haben, Herr Commissar!" versetzte der junge Gutsbesitzer kalt, „hat auch weiter kein Interesse für mich. Sie werden also die weiteren gerichtlichen Schritte unternehmen?" „Unbedingt, bitte, über unsere Vermuthung strenges Schweigen zu bewahren. Ich werde morgen früh mit den betreffenden Herren zu Ihnen kommen." Marbach ging. Durch die trübe Stimmung, welche ihn vollständig beherrschte, brach der Zorn sich gewaltsam Bahn. Waren die Menschen denn allesammt geborene Ehestifter? — Selbst dieser kaltberechnende Polizeimensch? — Was ging es sie an, ob dieser widerwärtige Steindorf einen Ersatz für sein erschossenes Kind verlangen durfte! — War denn Armgard Holten daran schuld? Und sie — sollte sie wirklich um dieses Kind nur trauern, weil es das seine war? Dann freilich — ja dann — Der junge Mann trat unwillkürlich stärker auf, als ob er etwas zertreten wollte. Bah, was ging's denn ihn selber an, ob Armgard jenen Steindorf hei- rathete oder irgend einen anderen? Eine Nöthe schoß ihm in die Stirn, und er beschleunigte seinen Schritt, um die albernen Gedanken los zu werden, welche ihm im Hinblick auf den gemordeten Freund wahrhaft verbrecherisch erschienen. Nach kurzer Zeit saß er in der Wohnung des alten Malers, der theilnehmend seiner Erzählung lauschte. „Sind mir das aber Pfingsttage gewesen," rief Reinhardt, sich mit beiden Händen durch das graue Haar fahrend. „Erst die liebe alte Freundin verloren, da die Arme so gut wie todt ist, — und nun dieses Verbrechen hinterdrein. Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle thäte?" „Nun?" „Ich telegraphirte nach Chicago, — Sie haben doch dort Bekannte?" „Ich war ja bei meinem Freunde Warneck und habe dort allerdings mehrere Familien kennen gelernt. Weiß auch, daß eine derselben dort noch existirt, was man in Amerika nicht immer voraussetzen kann." „Gut, telegraphiren Sie dorthin um einen sogenannten Detectiv, der Ihren Mr. Prien — heißt er nicht so? — ja? — gut, der diesen Schuft genau gekannt hat." — „Diese Idee ist nicht so übel," sagte Marbach nachdenklich, „wer weiß aber, wo unser Bursche steckt, wenn der Detectiv eintrifft." „Freilich, es kostet auch einen Berg Geld," meinte Reinhardt kleinlaut, „sehe nicht ein, was es Ihrem todten Freunde nützen kann, wenn Sie Ihr Geld wegwerfen." „O, das sollte mich wahrlich nicht daran hindern, alter Freund! — Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß mein armer Warneck ungerächt modern, die schwere Schuld ungesühnt bleiben sollte. Aber — allein will ich's ausführen, die Polizei soll von diesem Plane nichts erfahren. Hand darauf, daß es unter uns bleibt." Sie schüttelten sich die Hände und besprachen sich noch lange über das Für und Wider jenes Planes, bis Marbach endlich aufbrach, von dem Maler begleitet, der ihm das Versprechen gab, gleich am nächsten Morgen die verschiedenen Wege für die beiden Begräbnisse für ihn zu besorgen. „Alle Wetter, da hab' ich ja auch noch die Geschichte mit jenem Herrn Steindorf vergessen," sagte Marbach, stehen bleibend. „Es ist so spät geworden." „Was ist's denn mit dem edlen Amerikaner?" „Na, der Vater muß doch von dem Tode seines Kindes unterrichtet werden, und kein Mensch weiß,- wo er zu finden ist. Da müssen wir den Edlen nur durch die Polizei oder ein Inserat suchen lassen." Reinhardt schwieg eine Weile. „Bringen Sie in kurzen Worten das ganze Ereigniß zu Papier mit dem Namen der Kleinen und dem Vermerk dabei, daß der Vater derselben augenblicklich verreist sei und man leider seinen Aufenthaltsort nicht kenne. Dies senden wir an die gelesenste Zeitung der — ja, wissen Sie denn auch nicht einmal, in welcher Stadt er sich befinden soll?" 271 „In der Residenz, wir werden es natürlich dorthin senden. Ein solcher Bericht wird jedenfalls ihm vor Augen oder Gehör kommen und besser wirken als ein Inserat." Sie traten in den Gasthof, wo Marbach sofort den Bericht abfaßte und mit der betreffenden ZeitungsAdresse versah. Reinhardt empfahl sich sodann, um denselben in einen Briefkasten zu werfen. Der junge Gutsbesitzer nahm noch ein Abendessen zu sich und fuhr nach Hause. Die Nacht war herrlich. Im durchsichtig klaren Aether schwamm die vollleuchtende Mondscheibe, alles athmete heiligen Frieden, von berauschendem Blüthenduft durchhaucht. Marbach fuhr langsam dahin, den Zauber dieser Nacht still empfindend. Eine Wehmuth, welche wie körperlicher Schmerz sein Herz zermarterte, erfüllte ihn in nie gekannter Weise. War's der Schmerz um den Freund? -- Er stöhnte laut und wünschte sich Sturm und Unwetter herbei, um das ungewohnte Gefühl abzuschütteln im Kampf mit den Elementen. Nur nicht diese träumerische Nacht, diesen stillen Zauber, der ihm fortwährend ein Bild vorgaukelte, das dem Leben angehörte und nichts mit dem todten Freund zu schaffen hatte. — Er trieb die Pferde zu rascherem Lauf, und fort ging's wie ein Ungewitter. Da zog er plötzlich die Zügel an, die Thiere standen wie aus Erz, — sie hielten vor dem Park von Edenheim. Geisterhaft wob das Mondlicht seine silbernen Fäden durch die regungslosen Blätter und Blüthen der Bäume, stahl sich über die schattigen Wege und Gänge und tauchte das Herrenhaus in ein leuchtendes Meer, aus welchem die Fenster wie Krystalle blitzten und funkelten. Marbach blickte unverwandt hinüber, unter jenem Dache lag ein todtes Kind, das mit den erstarrten Fingern eine Kette für die Herrin des Hauses schmiedete. Jetzt öffnete sich dort drüben eine Thür, sein geschärftes Auge sah Alles so deutlich, eine dunkle Gestalt trat in den Garten und schritt eilig über die mond- erhellten Kieswege. Marbach zuckte so heftig zusammen, daß die Pferde anzogen, ein Ruck seiner Faust hielt sie wieder fest. Er blickte wieder nach der Gestalt, welche sich jetzt unter den Bäumen verlor. Nein, er hatte sich nicht getäuscht, es war Armgard Holten, welche hier einsam wie eine Nachtwandlerin durch ihren Garten irrte. Der Lauschende glaubte ihr angstvolles Aufstöhnen, ihre schweren Seufzex zu hören. Fürchtete sie sich vor dem Verhängniß oder vor dem eigenen Herzen, das sie mit ihrer gerühmten Willenskraft nicht zu bezwingen vermochte? „Schwachheit, dein Name ist Weib l" murmelte er, zähneknirschend die Peitsche über die Pferde schwingend, und fort stürmten diese auf's Neue, wie die Windsbraut, den leichten Wagen mit sich vorwärts reißend, als hätten sie sich's vorgenommen, denselben mit dem tollkühnen Führer in Atome zu zerschmettern. Wie er nach dieser tollen Fahrt doch endlich unversehrt nach Notenhof zurückgekommen, das wußte Marbach später nicht zu sagen. * -l- Am nächsten Morgen empfieng der junge Besitzer von Notenhof einen Brief aus der Residenz von einem befreundeten Anwalt, welcher ihm bei der Erbschasts- Regulirung vortreffliche Dienste geleistet hatte. Er bat ihn, behufs einer wichtigen Mittheilung unverzüglich zu ihm zu kommen, da er die Sache, worin der Sohn des früheren Herrn von Notenhof eine Rolle spiele, nicht brieflich abmachen könne. Marbach konnte beim Lesen dieses Briefes einen Ausruf der Ueberraschung nicht unterdrücken. Da konnte er den Gesuchten also mühelos finden, ihn zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht sehen. Ohne sich deßhalb lange zu besinnen, schrieb er einige Zeilen für Fräulein Holten, sowie eine Aufklärung für seinen Freund Reinhardt, erließ die nöthigen Befehle und Anordnungen für seinen Verwalter und reiste mit dem ersten Zuge nach der Residenz, wo ihn der Anwalt mit großer Befriedigung empfing. „Was gibt's? Was ist vorgefallen? Wo befindet sich Steindorf?" „Sie fragen sich ja außer Athem, liebster Freund," beruhigte ihn der Anwalt lächelnd. „Was es giebt?" fuhr der Anwalt fort, „wahrscheinlich einen Prozeß mit diesem Gentleman aus Amerika, — der aus Quecksilber zu bestehen scheint, da man ihn nur selten festhalten kann. Es wäre mir nämlich ganz unmöglich, Ihnen augenblicklich seine Adresse zu verrathen." „Das sieht ja fast so aus, als ob er Ursache hätte, häufig sein Quartier zu wechseln," bemerkte Marbach achselzuckend. „Ich habe mich also umsonst auf seine persönliche Bekanntschaft schon gefreut?" „O, es ist immerhin möglich, daß er heute noch hierher kommt. Aber komisch, nicht wahr, daß er just mich in dieser Sache als Anwalt erwählt. Er weiß es natürlich nicht, daß wir befreundet sind." „Also ein Erbschafts-Prozeß gegen mich," sagte Marbach trocken, „Sie werden denselben natürlich annehmen." „Unsinn, Mein Bester, fällt mir ja gar nicht ein!" rief der Anwalt eifrig, „bin und bleibe doch Ihr Vertreter, suche nur erst seine Pläne und Absichten zu erforschen." „Und Sie glauben, daß diese Erfolg haben können?" „O, dieser Steindorf ist schlau genug, sich selbst aus dem Spiele zu lassen, weil er nun einmal enterbt und mit seinem Anspruch von dem Vater ein- für allemal befriedigt worden ist, beziehungsweise sich zufrieden erklärt hat. Er besitzt jedoch eine Tochter, welche nicht enterbt —" „Aber todt ist," fiel Marbach ruhig ein. Der Anwalt sah ihn überrascht an. „So hat er mich also belogen, denn noch gestern Morgen behauptete er mir gegenüber, eine Tochter zu besitzen." „O, er hat Sie auch nicht belogen, da die Tochter erst gestern Nachmittag gestorben ist, was ihm leider, da er seine Adresse nicht hinterlassen, noch nicht hat mitgetheilt werden können. Ich hoffte deßhalb, von Ihnen diese Adresse zu erhalten." Der Anwalt schüttelte den Kopf. „Das wird ihn tief treffen," sagte er, „was hat der Kleinen denn gefehlt?" „Sie ist von unbekannter Hand erschossen worden." „Großer Gott — erzählen Sie mir das, lieber Marbach!" Dieser theilte ihm die unheimliche Katastrophe mit. „Das ist ja aber ein buchstäbliches Drama!" rief 272 der Anwalt, „und man hat wirklich keine Idee, wer das Verbrechen, denn ein solches wird's doch unzweifelhaft sein, begangen haben kann?" „Nicht die blasse Ahnung davon," erwiderte Mar- bach, der seinen Verdacht wohlweislich für sich behielt. „Das ist erstaunlich, — haben Sie die Criminal- Polizei benachrichtigt?" „Versteht sich, wird wohl nichts entdecken, ich werde Meinen armen Freund begraben und voraussichtlich den Verbrecher nie gestraft sehen. Vielleicht hat Herr Steindorf eine gute Spürnase, um den Mörder seines Kindes zu entdecken. Nun, lieber Doctor," setzte er hinzu, „ich will Sie nicht länger aufhalten, da der interessante Erb- fchafts-Prozeß jetzt hinfällig geworden ist. Ich hätte Weinen Gegner gern gesehen. — Also gestern Früh war er hier bei Ihnen?" „Ja, er kam lange vor der Sprechstunde, welche ich doch schon um neun Uhr angesetzt habe. Wunderte Mich darüber, da der junge Herr nichts zu versäumen hat. Wollte mit einigen Bekannten noch einen Ausflug machen, wie er mir zur Entschuldigung mittheilte. Hm, war mir immerhin ein interessanter Besuch, dieser Herr Steindorf l — Aber bleiben Sie doch heute noch hier, Marbach, vielleicht treffen wir ihn irgendwo in einem Kaffeehause. Sie kennen ihn nicht persönlich?" „Nein, habe ihn nie gesehen, er könnte unerkannt neben mir fitzen." „Ein stattlicher, bildschöner Kerl, das muff man ihm lassen," fuhr der Anwalt fort, „ein Gentleman vom Kopf bis zur Sohle, den Amerika sicherlich nicht verwildert hat, und dabei von starker Intelligenz. Also Sie bleiben, nicht wahr?" „Nein, es drängt mich unter den obwaltenden Umständen wieder heimzukommen, lieber Doctor! — Uebri- gcns ist gestern Abend schon ein Bericht an eine hiesige große Zeitung abgesandt worden, welche ihm sicherlich vor die Augen kommen wird, und wenn Sie ihn treffen —" „Werde ihm sofort Mittheilung machen, darauf verlassen Sie sich." Marbach ging fort. Ein bitteres Lächeln des Hohnes umspielte seine bärtigen Lippen bei dem Gedanken an jenen Prozeß, den ihm so zu sagen die kleine Lotta hätte anhängen sollen. — Der Tod halte in unheimlicher Weise einen Strich durch diesen Plan gemacht, welcher für ihn sicherlich nur Verdruß und Zeitverlust im Gefolge gehabt haben würde, da er an einen wirklichen Erfolg nicht zu glauben vermochte. Freilich Hütte er immerhin in die thatsächliche Verschleuderung seiner väterlichen Besitzung den Keil einsetzen können, was ihn — Marbach — allerdings schon der Ehre halber um eine anständige Summe gebracht haben würde, zu welcher er sich freiwillig gerne entschlossen hätte, während er bei einem Prozesse nur dem Nichterspruche gewichen wäre. Nun war diese Geschichte ohne sein Zuthun, wenn auch auf recht traurige Weise, beseitigt und Herr Steindorf für immer zur Ruhe verwiesen. Marbach mußte, während er nach dem Bahnhof zurückkehrte, um dort in der Restauration den nächsten Zug zu erwarten, fortwährend an Steindorf's ruheloses Umherschweifen denken. — Seltsame Gedanken und Jdeen-Verbindungen durchkreuzten dabei sein Gehirn, und plötzlich fragte er sich ! wieder, weßhalb der gcheimnißvolle Mörder denn eigent- ! lich auf ihn geschossen habe, weitn es wirklich der Räuber aus Chicago gewesen war. Er blieb stehen, als ob ein Blitzstrahl vor ihm niedergefahren sei, und eilte dann, von einem plötzlichen Entschlüsse beseelt, nach dem Haupttelegraphenamt, wo sich augenblicklich gottlob nur wenige Menschen befanden. Hier riß er ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche und schrieb ein Telegramm nieder, wozu er sich der englischen Sprache bediente. Als er dasselbe dem Beamten hinreichte und dieser den Vermerk „Antwort bezahlt" las, machte er ein erstauntes Gesicht. „Das kostet viel, mein Herr!" sagte er, „nach Chicago — hm, ein Kabeltelegramm —" „Thun Sie Ihre Pflicht!" herrschte ihn Marbach gebieterisch an, „wieviel kostet die Geschichte?" Der Beamte nannte einen hohen Betrag, sah dann noch einmal in seinen,' Tarifen nach — er schien ein Neuling zu sein — uud moderirte den Kostenpunkt, worauf Marbach bezahlte und seiner Wege ging. „Schien mir ein geldprotziger Amerikaner zu sein," bemerkte ein feingekleideter Herr, welcher die ganze Zeit über hinter Marbach gestanden hatte und jetzt an den Schalter trat. „Natürlich," murrte der Beamte, „und nun weiß man nicht einmal, wohin die Antwort geschickt werden soll." In diesem Augenblick kehrte Marbach zurück. „Senden Sie die Antwort an diese Adresse," sagte er kurz, ein Stück Papier hinüberreichend und sich rasch entfernend. Der Beamte warf einen Blick darauf und las halblaut: „Philipp Reinhardt in Moorkirch, kurze Straße Nr. 8, — hm, das kostet noch eine Nachzahlung." Der fremde Herr lächelte und gab dann ein Telegramm an Fräulein Armgard Holten in Edenheim bei Moorkirch auf. Er entfernte sich ebenfalls sehr rasch und folgte dem eiligst dahiuschreitenden Marbach, der sich nach dem nahen Bahnhof begab und sich im Wartezimmer eine Erfrischung bestellte. Jener fremde Herr betrat nun auch das Zimmer, erkundigte sich am Büffet nach den: nächsten Zuge und trank im Stehen einen Schoppen. Er fipirte dabei verstohlen den jungen Gutsbesitzer, der finster vor sich hin- starrte, als grolle er der ganzen Welt. In diesem Augenblicke trat wieder ein älterer Herr ein, der bei dem Anblicke Marbachs sofort auf ihn lossteuerte. „Grüß' Gott, Freund Marbach, auch ein wenig in der Residenz? Zum Donner noch einmal, was machen Sie da in Ihrer Gegend für Geschichten!" Der Angeredete fuhr aus seinem Grübeln empor und drückte dem ihm bekannten Gutsbesitzer die Hand. „Ja, es ist recht unheimlich bei uns geworden," erwiderte er düster. „Sie haben wohl gehört, daß ich persönlich bei der schrecklichen Geschichte bctheiligt bin." „Ihr Freund ist erschossen worden — „Von mörderischer Hand, während mir eine Kugel am Kopfe vorüberflog." Der elegante Fremde am Büffet war näher gekommen. „Na, ich denke mir, daß das Unheil auch von einem schlimmen Zufall, einem unvorsichtigen und ungeschickten Schützen herrühren kann," bemerkte der Landmann. 273 „Das müßte allerdings ein wahnsinniger Schütze gewesen sein!" rief Marbach achselzuckend, „der drei bis vier Schüsse dicht hintereinander in's Ungewisse hinein losbrennt und dabei zwei Menschenleben vernichtet." „Lieber Gott, ich hörte davon, also ist das kleine Mädchen ebenfalls todt?" „Mitten in die Stirn getroffen, diesen Schuß will ich allenfalls einem unglücklichen Zufall zuschreiben." Marbachs Augen fielen bei diesen Worten auf den Fremden, welcher der Unterhaltung gefolgt war und sich jetzt leichenblaß an einen Tisch lehnte. Das Wartezimmer hatte sich inzwischen gefüllt. Marbach erhob sich, um seine Fahrkarte zu losen. „Entschuldigen Sie, mein Herr!" Mit diesen Worten trat der elegante Herr ihm in den Weg. „Sie sprachen vorhin von einem Verbrechen oder Unglücksfall. Dürfte ich Sie um eine nähere Aufklärung desselben bitten?" Marbach gab dieselbe mit sichtlichem Widerstreben. Der Fremde hatte etwas Abstoßendes für ihn, obwohl er ein wirklich schöner Mann war. „Wem gehörte das Kind?" fragte letzterer mit bebender Stimme. „Einem gewissen Herrn Steindorf —" „Allmächtiger Gott, mein einziges Kind, meine Lotta — todt!" — Er ließ sich wankend auf einen Stuhl sinken und sah aus wie ein Sterbender. „Sie — Sie sind Herr Steindorf?" fragte Marbach athemloS. Jener nickte. „Bitte, mein Herr," sagte er leise, als viele Neugierige sich um sie ansammelten, „besorgen Sie mir eine Karte, ich muß um jeden Preis nach Edeuheim." Der unglückliche Mann trocknete sich die schweiß- bedeckte Stirn und bat um ein Glas Wasser, daS man ihm dienstbeflissen brachte, weil man ihn für krank hielt. — Marbach drängte sich rücksichtslos hinaus. Ihm war zu Muthe, als ob er soeben einen Faustschlag in's Gesicht erhalten, und sich noch dafür bedanken müsse. Er lachte ingrimmig auf und verhöhnte sich ob der Rolle, die ihm jetzt im Handumdrehen zugetheilt worden. — Für diesen Menschen, den er haßte wie nichts sonst in der Welt, mußte er jetzt Botendienste thun, ihn behandeln wie einen Kranken und zu ihr zurückbringen! — Das ging ihm doch über den Spaß, und, wie er meinte, auch über seine Kräfte. Aber es half nichts, er mußte jetzt ducken und sich in der Selbstverleugnung üben. Das war schwerer, als in Frankreich vor dem Feinde stehen, wie er's gethan. So löste er denn zwei Fahrkarten zweiter Classe und sorgte für den schönen Steindorf, der in der That ganz gebrochen zu sein schien. Er hatte sich in die entgegengesetzte Ecke des Coupö's gedrückt, um nicht gezwungen zu sein, dem Verhaßten in das schöne, falsche Antlitz zu sehen, oder gar mit ihm sprechen zu müssen. Doch schien diesem an einer Unterhaltung auch durchaus nichts gelegen zu sein. Steindorf blickte beharrlich aus dem anderen Fenster, sein Gesicht war blaß, es erschien im Profil, wie Marbach bei einem flüchtigen Hinblick bemerken wollte, sogar stark gealtert. Der blonde Bart, welcher Mund und Kinn bedeckte, schien in einer fortwährend nervös zuckenden Bewegung zu sein. — Vielleicht kämpfte der Mann mit aufsteigenden Thränen, mit dem Schmerz um sein so grausam hingemordetes Kind. Eine mildere Regung schlich sich bei diesen Gedanken in Marbach's Brust, er fühlte sich sogar versucht, einige Worte des Trostes an ihn zu richten. Da richtete sich jener plötzlich mit einem jähen Ruck empor und blickte seinen Gegner feindselig an. Sie hatten das Coups jetzt ganz allein inne, da die wenigen Mitreisenden bei der vorigen Station ansge- stiegen waren. „Mein Kind ist doch noch nicht beerdigt?" fragte Steindorf kurz und schroff. „Nein," versetzte Marbach in demselben Tone, „ich sagte Ihnen ja, daß sich das Unglück erst gestern ereignet habe." „Sie haben guten Grund, dieses Unglück zu preisen, mein Herr!" Marbach blickte seinen Gegner fest an. „Wollen Sie die Güte haben, sich deutlicher auszudrücken?" sagte er ruhig. „Nun, ich sah Sie zufällig das Haus eines Rechts« anwaltes betreten, der für mich einen Prozeß führen sollte. Er wird Sie jedenfalls davon unterrichtet haben." „Und wenn es wirklich so wäre, was weiter, mein Herr?" „Nichts weiter, als daß der Tod meines Töchter- chens Ihnen sehr zu Gute kommt." Marbach zwang sich zur Ruhe, unterdrückte die heftige Antwort und wandte sich mit einem verächtlichen Achselzucken dem Fenster zu. Steiudorf ballte die Hände und machte eine Bewegung, als ob er sich auf ihn stürzen wolle. „Es wird mir vielleicht nicht wieder die Gelegenheit geboten, mit Ihnen ohne Zeugen zu reden," fuhr er dann mit heiserer Stimme fort, „wissen Sie, daß es unvorsichtig von Ihnen war, mit Ihrem Todfeinde ein Conpö zu theilen?" Marbach wandte sich langsam um und maß ihn mit einem ruhigen Blick. „Haben Sie vielleicht die Absicht, mich zu morden?" fragte er, spöttisch lächelnd. „Ich wüßte sonst nicht, welchen Sinn ich Ihren Worten beilegen könnte." Steindorf's Gesicht war fahl geworden. „Hüten Sie sich vor mir," zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, „mein Kind ist leider todt, aber noch lebe ich, den Sie beraubt und —" „Halt!" donnerte Marbach, sich hoch aufrichtend, „kein Wort weiter, ich würde jede Beleidigung mit der Waffe in der Hand rächen. Halten Sie sich in Ihren Besitzrechten gekränkt, dann will ich Ihnen vor Gericht Rede stehen. Mein Großohcim hat Ihr väterliches Gut rechtmäßig erworben. Wo bleibt Ihr vermeintliches Recht?" „Natürlich," lachte Steindoxf hshnvoll auf. „Sie haben das herrliche Besitzthum leicht erworben. Ihr Großohcim soll meine Familie gehaßt haben und nahm deßhalb mein Erbe für einen Beitelbrocken an sich. — Aber Raub bleibt es dennoch, mein werther Herr, und ich habe mindestens bei meiner Heimkehr die Genugthuung gehabt, daß die redlich denkenden Freunde ebenso darüber urtheilen. Fragen Sie Ihre Nachbarin, die Besitzerin von Edeuheim, ob sie anders denkt. Nun," setzte er, Marbach's Erblassen mit stillem Triumph be- 274 -- Merkend, seufzend hinzu, »mir kann es jetzt gleichgültig sein, weil ich doch einzig nur das Recht meiner armen kleinen Lotta vertreten wollte und konnte. Verzeihen Sie meine Heftigkeit, der grausame Schlag hat mich so verstört, daß ich in der That nicht ganz zurechnungsfähig mich fühle." Er lehnte sich bet diesen letzten, mit sinkender Stimme gesprochenen Worten wie erschöpft zurück und schloß die Augen, während Marbach ihn erstaunt betrachtete und sich dann finster lächelnd wieder dem Fenster zuwandte. Es war in der That das letzte Alleinsein gewesen, da bei der nächsten Station wieder neue Passagiere einstiegen. Als sie ihr Reiseziel erreicht hatten, trennten sie sich von einander mit kurzem, schweigendem Gruß. * * (Fortsetzung folgt.) ---S2WWS-"- Zur Weltausstellung in Antwerpen. Von Dr. Joseph Schiesl. (Fortsetzung.) Mit den angenehmsten Eindrücken verlassen wir das Land der Wallonen, welche schon der Florentiner Luigi Guicciardini (ch 1589) in seiner Oosorixtio totiuo LolAri als ir>§6niogj,8k>.Anoes otaä gniävig anäsnäurn xrowxtl bezeichnet, und beeilen uns, in das Centrum Belgiens, in das kornreiche Brabant, zu gelangen. Wir passiren das geschichtlich denkwürdige Landen, bekannt durch Philipp von Landen (ch 640), den Majordomus des Königs Dagobert I. von Austrasien, und durchqueren hernach die Ebene von Neerwinden, auf welcher die Franzosen unter dem Marschall von Luxemburg 1693 die Engländer unter dem König Wilhelm III. von Oranien besiegten, hundert Jahre später aber unter ihrem General Dumouriez selbst den Oesterreichern unterlagen. Nach zweistündiger Fahrt erreichen wir Löwen, eine Stadt von nahezu 40,000 Einwohnern, welche aber leider von ihrem alten Glänze als ehemalige Hauptstadt des Herzogthums Brabant wenig mehr gerettet hat. Ein Gang durch die Nue de la Station führt uns direct in den Mittelpunkt der Stadt, zur Grande Place, auf welcher sich das Rathhaus in verschwenderisch reichem, spätgothischem Stile erhebt. Sein Erbauer war der berühmte Matthäus de Layens, »Maurermeister der Stadt und des Weichbildes", wie er genannt wird. Das Gebäude erhebt sich in drei glänzend ornamenttrten Stockwerken, welche ein hohes mit Maßwerkbrüstung verziertes Dach abschließt. Oben steigen 6 schlanke, achteckige Thürmchen empor, welche ein neuerer Kunstkritiker wegen der Zierlichkeit und Feinheit der Ausführung als Muster plastischer Filigran-Arbeit bezeichnet. Dem Rathhaus gegenüber ist die mächtige, fünfschisfige St. Peterskirche, im 15. Jahrhundert erbaut, welche auf den Beschauer einen monumentalen Eindruck ausübt. Bemerkenswerth sind besonders das große, aus Holz geschnitzte Hauptportal und einige schöne Gemälde aus der Schule des Hans Memling (1430 bis 1495), welche sich durch gute Zeichnung und klare Farbentönung auszeichnen. Auch der Chor-Umgang mit dem Kapellenkranz, sowie die im nördlichen Querschiffe aufgestellte Orgel verdienen Beachtung. Südlich von der Peterskirche liegt die Universität, welcher Löwen neben den großen Wirkereien seine Berühmtheit im Mittelalter verdankt. 1317 als Zunfthaus und Waarendepot der Webergilde erbaut, wurde das Gebäude 1679 der Universität überlassen und legt noch heutzutage, trotzdem es im Innern durch Einbauten nicht glücklich verändert wurde, ein schönes Zeugniß für den Geschmack und den Reichthum seiner Gründer ab. Jahrhunderte lang galt die Universität, welche Herzog Johann IV. von Brabant im Jahre 1426 gegründet hatte, als die erste in Europa. Nach chronistischen Angaben soll zur Zeit des Justus Lipsius (-st 1606) die Zahl der Studenten über 6000 betragen haben. Auch heutzutage nimmt die Universität keinen unbedeutenden Rang unter den Hochschulen des Landes ein, zumal sie jetzt unter der Leitung der Jesuiten einen wirksamen Gegenpol gegen die Freimaurer-Universität in Brüssel bildet. Nicht weit davon entfernt ist das Zunfthaus der Brauer (rnaison ciss brassours) und die St. Gertrudenkirche, welche sich rühmen kann, außer einigen hübschen Neliefbildern das schönste Chorgcstühle Belgiens zu besitzen. Sonst bietet diese stille Stadt, welche nur mehr der Schatten ihrer früheren Größe ist, nichts besonders Sehenswerthes mehr, weßwegen wir weitereilen und den freundlichen Leser bitten, uns nach Brüssel zu begleiten. Wer Brüssel zum ersten Male in einer schönen Sommernacht betritt, auf den wird eS einen eigenthümlichen Zauber ausüben. Die Straßen alle festlich beleuchtet von tausend und abertausend Flammen, belebt von einer wogenden Menge, für welche es keine Nacht zu geben scheint; die Läden geöffnet mit allen ihren Luxuswaaren, die auch dem raffinirtesten Geschmacke Rechnung tragen; die Cafes besetzt bis mitten in die Fahrstraße hinein — man werkt, daß man in keiner deutschen — fast möchte ich sagen — in einer französischen Stadt sich befindet. Brüssel liegt zum Theile auf einer Anhöhe, zum Theile in einer Ebene und besteht aus der höher gelegenen, durch das Quartier Leopold erweiterten oberen und aus der unteren Stadt, welch letztere von mehreren überwölbten Armen der Senne und einigen Kanälen durchschnitten wird. Während die obere Stadt fast ausschließlich von der feineren Welt, der Geld-, Geburts- und Kunst-Aristokratie, bevölkert wird, concentrirt sich das Erwerbsleben in dem unteren Theile, dessen Festungswälle in den letzten Jahrzehnten schönen und schattenreichen Boulevards weichen mußten. Die Einwohnerzahl hat sich seit den letzten zwanzig Jahren bedeutend vermehrt, so daß Brüssel einschließlich der Vorstädte Schaerbeek, Jxelles, Anderlecht, Lacken u. f. w. nahezu eine halbe Million erreicht, wenn nicht überschreitet. Die Wanderung in die Stadt dürfte den Nordbahnhof als den zweckmäßigsten Ausgangspunkt haben, denn einerseits hat man dabei die ganze Stadt vor sich, anderseits nehmen hier die Hauptstraßen (Boulevard du Jardin Botanique mit seinem Anschluß an die Nue Royale und Boulevard du Nord mit der Fortsetzung im Boulevard Anspach) ihren Anfang. Gleich östlich oom Nordbahnhof, der von Coppens im Renaissancestil erbaut wurde, befindet sich das große städtische Spital, l'Hopital de St.-Jean, das für 400 Kranke Raum bietet und in Bezug auf seine innere Einrichtung mit jedem Krankenhause anderer Weltstädte in Wettstreit treten kann. Ihm gegenüber ziehen sich die Hügel des botanischen Gartens hin, dessen gewaltige Treibhäuser den Besuch eines jeden Blumenfreundes verdienen. Besondere Erwähnung verdient das große Palmenhaus, sowie die das Hauptbassin umgebende Herr- 275 liche Bosquetgärtnerei. Ein Viaduct führt in die breite und lange Rue Royale, in welcher sich das administrative und diplomatische Leben des Staates vollzieht. Schon von ferne ist die das Häusermeer weit überragende Congreßsäule sichtbar, welche zur Erinnerung an die Bestätigung der Verfassung und die Erwählung des Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg zum Könige der Belgier im Jahre 1831 errichtet wurde. Es ist eine 45 Meter hohe dorische Säule, oben gekrönt durch eine 4 Meter hohe Statue des Regenten. An ihrem Sockel sind die Namen der 237 Mitglieder des Congresses, sowie der provisorischen Regierung von 1830 auf Marmorplatten angebracht. Von der oberen Gallerie, zu welcher im Inneren eine bequeme Treppe hinaufführt, bietet sich ein überraschender Blick über die Stadt. Nicht weit davon entfernt liegt das Palais de la Nation, ein massiger, ursprünglich für den Rath von Brabant bestimmter Bau aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts, in welchem von 1817 bis 1830 die niederländischen Generalstaaten ihre Sitzungen hielten, während es seit dieser Zeit der Volksvertretung als Parlamentshaus eingeräumt ist. Eine Meisterschöpfung in seiner Art ist der große städtische Park, in dessen schattigen Alleen einst die Herzoge von Brabant lustwandelten. Mit seinen Marmorfontänen und Steinbalustraden, seinen Bassins und Statuetten, unter welchen einige hohen künstlerischen Werth beanspruchen, erinnert er entfernt an den Luxem- bourg-Garten in Paris. Wie dieser, so ist auch er an Sommertagen der Sammelpunkt der eleganten Welt, welche unter den Klängen einer Militärmusik und dem Plätschern der Springbrunnen sich hier ihr Rendezvous gibt. Ein großer Steinbau, Vauxhall genannt, bietet an Regentagen Zuflucht und enthält einen prächtigen Concertsaal, in welchem die königl. Theaterkapelle öfters classische Musikaufführungen veranstaltet. Leider war auch der Park schon Schauplatz blutiger Kämpfe. Bei dem Aufstande im Jahre 1830 bot er den Insurgenten unter der Führung des späteren Ministerpräsidenten Rogier einen festen Stützpunkt, von dem aus sie den niederländischen Truppen unter dem Prinzen Friedrich energischen Widerstand entgegensetzten. Auch im vorigen Jahre, als die Wogen der Revolution bis an die Residenz schlugen und der König zu seinem Schutze „nach berühmten Mustern" Kanonen vor seinem Palais auffahren ließ, bildete der Park ein vielumstrittcnes Object zwischen den Aufständischen und den regierungstreuen Truppen. Für gewöhnlich befindet sich der königliche Hof nicht in Brüssel, sondern in dem nahegelegenen Laeken, das nach dem Brande, dem vor einigen Jahren ein großer Theil des Schlosses zum Opfer gefallen, wieder neu und herrlich erstanden ist. In unmittelbarer Nähe des Parks und der Residenz befindet sich auch die größte Kunstgallerie Brüssels, die sogenanute Ecole des Beaux Arts. Vier Mächtige korinthische Säulen zieren den Eingang des antik gehaltenen Gebäudes, über welchem sich die allegorischen Figuren der Musik, Architektur, Sculptur und Malerei erheben. Während das Erdgeschoß, das die ganze Höhe des Gebäudes einnimmt, die Vildhauerarbeiten enthält, ist der obere Stock für die Gemäldegallerie bestimmt. Allerdings vermochte die Skulptur in den Niederlanden nicht zu hervorragender Bedeutung zu gelangen oder zu jener Höhe emporzusteigen, zu welcher sich die Malerei am Ausgange des Mittelalters emporgeschwungen hat. Doch finden sich allenthalben gute Werke, denen originelle Auffassung und feine Empfindung nicht abzusprechen ist. Zu dem Besten, das die Ecole an plastischen Werken besitzt, gehört Bour-i's „gefesselter Prometheus", Geefs' „gefallener Engel", die beiden Marmorbüsten Kessel's, Christus und die Jungfrau Maria darstellend, und einige kleinere Genrestücke, wie Scpers' „junger Neapolitaner, auf der Nauglia spielend," u. a. Viel höher ist die Bedeutung Belgiens auf dem Gebiete der Malerei; hier haben die niederländischen Schulen dcS 15. und 17. Jahrhunderts einen Ruf sich erworben, der weit die geographischen Grenzen ihres Vaterlandes überschreitet und nicht geringer ist, als der Ruf der Malerei in Deutschland zu den besten Zeiten eines Dürer, Holbeiv u. s. w. Nur wenige Länder können in dieser Hinsicht den Niederlanden gleichberechtigt an die Seite treten, kein Land aber, mit Ausnahme Italiens, das hier die erste Stelle einnimmt, hat sie überflügelt. Wie der schon genannte Guicciardini berichtet, gab es bereits am Ende des 14. Jahrhunderts in den größeren Städten geschlossene Malergilden, welche nicht blos mit Bücher- und Glasmalerei, sondern auch mit Tafelmalerei sich befaßten. Die eigentliche Blüthe des Kunstlebens begann aber erst um die Wende des 15. Jahrhunderts, als die beide» Brüder Hubert und Jan van Eyck (ersterer 1366—1426, letzterer 1386 — 1440) der Malerei ihrer Zeit eine Höhe der Vollendung anwiesen, welche auf Jahrhunderte nachhielt und neue Bahnen der Entwickelung eröffnete. In diesen beiden Meistern, welchen auch das Verdienst gebührt, die Technik der Oelmalerei gefördert zu haben, brach sich zum ersten Male das Streben nach freierer, naturgemäßer Darstellung durch, weswegen ihre Figuren mit vollendeter Feinheit und Kraft des Colorits zugleich Naturwahrheit und dramatische Belebtheit verbinden. Wer der größere der Beiden gewesen ist, läßt sich aus ihren Werken schwer entscheiden, doch besitzen wir das Zeugniß des einen Bruders, der, sei es aus Bescheidenheit, sei es aus Ueberzeugung, sein Urtheil auf einem Altarbilde der St. Bavo-Kirche in Gent mit den Worten ausspricht: Huiosrtus — major guo nemo rexsrtus. Diesem Künstler-Brüderpaar folgte ihr berühmter Schüler Hans Memling (1430—1495), der „Lyriker der Malerei", der den Höhepunkt der Eyck'schen Schule bezeichnet. Klare Färbung, richtige Zeichnung und scharfe Naturbeobachtung sind die Vorzüge, welche seine Bilder auszeichnen. Unter den späteren Künstlern der altflandrischen Schule, Dierick Bouts, Lucas van Leiden, Gerard David u. s. w., beginnt sich schon allmählig der Einfluß der italienischen Renaissance geltend zu machen, welcher gänzlich die Maler des 16. Jahrhunderts sich nicht entziehen konnten. Es wiegt das Streben nach classischen Formen vor, die Originalität und natürliche Ungezwungenheit, die auf den Bildern der ersten Kunstperiode sich zeigte, verschwindet und macht einer nur auf äußeren Prunk berechneten Technik Platz. Die bekanntesten Künstler dieser Zeit sind Bernhard van Orley (1488—1542), Franz FloriS (eigentlich Frans de Vriendt, 1520—1570) und die Familie Brueghel in ihren drei Vertretern, dem Vater Peter Brueghel (1520—1669), genannt Bauernbrueghel wegen seiner Vorliebe für Bauernscenen, und den Söhnen Peter (1564—1637) und Jan (1568—1625), von denen ersterer wegen seiner Specialität, immer schauerliche und schreckhafte Sujets zu wählen, den Namen Höllenbrueghel, letzterer wegen seiner beliebten Darstellung von Sammtkleidern den Namen Sammtbrneghel erhielt. 276 Gegen diese Richtung, welche sich in einer überströmenden Fülle von Einzelheiten ohne Rücksicht auf die Harmonie des Ganzen verlor, erhob sich um die Wende des 17. Jahrhunderts eine Opposition, welche der niederländischen Kunst neue Kraft und frisches Leben einhauchte. Der 80jührige Kampf der Holländer gegen die spanische Tyrannei war vorbei, sie hatten ihre politische Freiheit sich erkämpft und wie auf nationalem, so auch auf künstlerischem Gebiete neue Bahnen gefunden. Hatte sich bis dahin die Musische und holländische Malerei in gleichen Geleisen bewegt, so trat am Beginne des so fruchtbaren 17. Jahrhunderts die Trennung ein in die südliche spanische Schule mit ihrem Hauptvertreter Rubens und in die holländische mit Nembrandt. Die gleichmäßige Betonung des Colorits blieb zwar stets beiden Richtungen gemeinsam, stofflich aber gehen sie weit auseinander. Die flandrische Schule, deren Hauptsitz das katholische Brabant war, neigte sich zur historischen Malerei hin, welche sie hauptsächlich im Dienste der Kirche verwerthete, die holländische Schule aber inaugurirte die Periode der sogenannten Genremalerei. Während erstere sowohl in der Wahl der Gegenstände, wie in der Art der idealen Auffassung und Darstellung mehr an italienische Muster sich anlehnte, ging letztere nicht unbeeinflußt von der politischen Entwicklung des Landes ihre eigenen Bahnen und stellte als das Haupterforderniß der Malerei natürliche Wahrheit und Treue hin, welche überall, und sei es auch auf Kosten des ästhetischen Geschmackes, festgehalten werden müsse. Der bedeutendste und fruchtbarste Vertreter der Musischen Schule war Peter Paul Rubens (1577—1640), wohl einer der größten Künstler der Weltgeschichte. Seine Bilder — man zählt deren gegen 1000 — sind bisweilen von ganz colossalen Dimensionen. Die große Nubensgallerie im Louvre in Paris enthält 21 Colossalgemälde von feiner Hand. Wenn wir auch annehmen, daß bei einem großen Theile seiner Bilder auch nur die Gedanken und die Gruppirung, sowie die ersten Striche von seiner Hand sind, das Uebrige aber Werk seiner «Ahüler, so ist doch die Schaffenskraft des Meisters als Ane fast übermenschliche zu betrachten. In seinen Bildern herrschen vielfach italienische Anklänge vor; so erinnert seine Kreuzabnahme im Dome zu Antwerpen an Daniel von Volterra, seine Taufe Christi an Michelangelo, seine Communion des hl. Franziskus an Carracci. Die älteren Gemälde, in welchen sich Rubens noch weise Mäßigung aufzuerlegen wußte, werden im Allgemeinen als seine besseren betrachtet, so z. B. seine „Dreieinigkeit" und „die heilige Familie mit dem Papagei" im Museum zu Antwerpen, während in seinen späteren zu sehr das Streben, durch äußeren Glanz zu bestechen, hervortritt. Auch streift er in der Darstellung von gewaltigen Gestalten, heftig bewegten Menschen u. f. w. oft an das Realistische. Sein bester Schüler war Anton van Dyck (1599—1641), dessen Talent sich hauptsächlich in der Porträtmalerei zeigte. Im Gegensatz hiezu verlegte sich der nicht minder bedeutende David Tcniers „der Bambocciadenmaler" (1610—1690) auf die Darstellungen aus dem gemeinen Leben. Kirmessen, Bauernscenen, Soldatenstücke voll von Leben waren seine Lieblingsgegenstände. Ein feines Cabinetstück dieser Art ist die in der oben genannten öools befindliche „große Kirmeß". Einem Meteore gleich leuchtete in der niederländischen Schule die Gestalt Nembrandts auf (1609—1669). Wenn auch seine Richtung durchwegs realistisch ist, versteht er es doch, durch Hervorhebung des Geistigen und Gemütvollen, sowie durch feine Abwägung der Farben mächtig zu ergreifen. Während die Musische Schule ihr Hauptaugenmerk auf die Jdealisirung und richtige Verteilung der Gestalten richtete, finden wir bei Nembrandt auch in den „Massengemälden" keine feststehende Gruppirung; ihm galt es vor allem durch Beleuchtnngseffecte, die sich vom Helldunkel oft bis in's Unklare verlieren, den Beschauer zu fesseln. Seine Sujets sind die verschiedensten. Neben vielen sog. Regenten- oder Bürgermeisterstücken finden wir Landschaften, biblische Scenen, Portraits, auch viele „Stillleben"; überall aber herrschen reiche Farbenpoeste und ein wunderbares Wechselspiel der Beleuchtung. Seine zahlreichen Schüler entlehnten vielfach vom Meister nur die äußere Technik der Farben, ohne zugleich seinen Geist zu haben oder auch nur entfernt zu erreichen. Zwar findet sich immer noch manches Gute, doch bezeichnet diese Periode bereits die Däcadence der niederländischen Malerei. Die Schulen des 18. Jahrhunderts bewegen sich im Jdeen- kreise ihrer Vorgänger, sie gleichen aber nach dem Urtheil eines modernen Aesthetikers „einer Symphonie, in welcher sich noch ab und zu hübsche Melodiecn zeigen, aber ohne innere Klarheit und Harmonie". In der neueren holländischen Malerei, welche lange Zeit dem französischen Klassizismus huldigte, tritt die historische Malerei fast ganz zurück; ihr eigentliches Gebiet ist neben der Darstellung von Landschafts- und Marinestücken das Genre, wobei das sog. „Freilicht" ausgedehnte Verwendung findet. (F.f.) An Arphons Maria Aatisöonne.*) Zur Erinnerung an seine wunderbare Bekehrung und zum Decennium seines Todes in St. Johann bei Jerusalem am 6. Mai 1884. „15t soiont, yuia proxlivt» kuorit in mollio soruiv." .Und sie sollen wissen, daß ein Prophet ist in ihrer Mitte.- Ezcchiel, 2, S. Des Glaubens bar und in die Wett verloren Und für die Wahrheit Lästerung im Mnnde, So gehst Du weg aus Deiner Freunde Runde, Nnr bleibst Du Jude, wie Du stets geschworen. Doch sieb, Dir schlägt die Auferstehnngsstunde! Aus Millionen bist nnr Du erkoren, Und, einen Sanlus, hat Dich neugeboren Der Unbefleckten unsagbare Kunde! In's Knie gesunken weinst Du Freudenthränen, Auch Deines Volks Bekehrung ist Dein Sehne», Doch taub ist es beim Rufe des Propheten! Ein Christenherz wird immerdar entzücken Was Du geschaut in jenen Augenblicken, Ihm geben Kraft im Glauben, Dulden, Beten! Traunstein. H. Wnsnrr, Benef. *) Am nächsten 6. Mai wirken es zehn Jahre, daß der am 20. Januar 1842 in der Pfarrkirche Laut' Lnärea, «teils §ratts in Rom durch ein Wunder vom Judenthum plötzlich zum katholischen Glauben bekehrte Alphons Maria Natisbonne als heiligmäßiger Priester zu St. Johann bei Jerusalem aus diescin Leben geschieden ist. Der hochbegnadigte Mann muß jedem Katholiken denkwürdig und theuer bleiben. Nicht Wenige werden sich schon gestärkt haben im Glauben durch Erwägung des an ihm geschehenen Wunders, das, nach allen Seiten hin durchdacht, jedem Versuche einer Erklärung aus natürlichen Ursachen hartnäckig widersteht. Das fünfzigjährige Jubiläum seiner wunderbaren Bekehrung wurde zwar in Nom mit der gleichzeitigen Krönung des Erscheinungsbildes durch das Vatikanische Kapitel am 17. Januar 1892 feierlich begangen, ist aber diesseits der Alpen, wenigstens bei uns in Deutschland, so ziemlich unbeachtet geblieben.