1894. AnteMtimB zm „Nugsburger Postzeitung". är37. Diustag, den 8. Mai Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des Literarischen Instituts vou Haas L Grabherrin Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Steindorf war nach Edenheim gefahren und von Armgard mit schmerzlicher Ueberraschung begrüßt worden. Nachdem er ihr in leisen, abgebrochenen Worten mitgetheilt, wie und wo er die schreckliche Nachricht empfangen, bat er, ihn zu seinem Kinde zu führen, was Armgard selber übernahm. Außer sich vor Schmerz beim Anblick der kleinen Leiche, stürzte der Bedauernswerthe an dem Lager derselben nieder und drückte sein von Thränen überström- tes Gesicht auf die erstarrten Händchen. Er sprach kein Wort, aber seine tiefe Verzweiflung drückte sich nur zu deutlich in der konvulsivischen Erschütterung aus, welche die kräftige Gestalt durchzuckte. Armgard empfand bei diesem jammervollen Anblick die innigste Theilnahme, welche sich in einem Thränen- strom kund gab. Wie hatte sie sich vor diesem Augenblick gefürchtet, wie gebangt vor den anklagenden Augen des unglücklichen Vaters, der sein Kind vertrauensvoll ihrem Schutze übergeben hatte. Und sie war doch ganz schuldlos an dem grausigen Ereignißl Als sie sich leise entfernen wollte, erhob sich Steindorf, sie mit einem flehenden Blick zurückhaltend. „Armgard!" sprach er leise, „darf ich hier an dieser für mich so heiligen Stelle, angesichts meines todten Kindes, eine Bitte an Sie richten?" Er streckte ihr die Hand entgegen, in welche sie, erbleichend näher tretend, zögernd und zitternd die ihrige legte. „Fürchten Sie nichts Ungehöriges," fuhr er mit gedämpfter Stimme bewegt fort, „dieser letzte Schlag hat mich beinahe tödtlich getroffen. Nur Ihre Verzeihung erflehe ich jetzt, Vergebung für den Schmerz jener Stunden, in denen ich einst das edelste Herz zertrat." „Ich vergab Ihnen längst," entgegnete Armgard mühsam. „Tausend Dank für dieses Wort, das mir Trost in meinem Leid gewährt. O, Armgard, Sie sind gerächt worden, hundertfältig gerächt, heute aber hat dieses letzte Kind meine Schuld gesühnt." Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und verhüllte dann wieder die Leiche mit zärtlicher Sorgfalt. Schweigend, im tiefsten Herzen erschüttert, begab sich die junge Gutsherrin mit ihrem Gast in's Wohnzimmer, wo er sich mit einer stummen Verbeugung von ihr verabschieden wollte. „Nein, so dürfen Sie nicht von mir gehen, Herr Steindorf, sprach sie hastig, „auch ich habe Ihre Vergebung nöthig, weil Sie Ihr Kind in meine Obhut gegeben —" „O, reden Sie nicht weiter, Fräulein Armgard," unterbrach er sie bittend, „halten Sie mich für so ungerecht, Ihnen auch nur die leiseste Schuld eines Unglücks aufzubürden, das außer jeder menschlichen Berechnung lag? Ich begreife überhaupt nicht, wie man zu der ungeheuerlichen Annahme eines Verbrechens gekommen ist." Er hatte sich bei diesen Worten auf eine einladende Handbewegung Armgard's hin in einen Sessel niedergelassen. „Ich dächte doch, daß diese Annahme sehr gerechtfertigt wäre," erwiderte sie, „denn welcher Mann könnte so gewissenlos sein, ohne irgend welche Veranlassung mehrere Schüsse nacheinander abzugeben, nachdem er durch Aufschrei sich vergewissert hätte, daß er Menschen getroffen? Ich bin überzeugt, daß der Unselige vier Mal geschossen hat, da drei Kugeln tödtlich getroffen, die eine aber, und zwar die erste, welche mir oder Herrn Marbach gegolten, an uns vorbeipfiff. Weßhnlb gab der Schütze die tödtlichen Kugeln auf den Wagen ab, wo Marbach's amerikanischer Frennd sich mit Ihrer kleinen Lotta unterhielt?" „O nein, nein!" rief Steindorf mit entsetztem Blick, „er wird sich das schuldlose Kind unmöglich zur Zielscheibe genommen haben." „Das glaubt man auch nicht, weil die Kleine von der großen, breitschulterigen Figur des Amerikaners ganz verdeckt war und sich erst im letzten Moment erhoben haben muß. Nein, ein Verbrechen kann leider nicht bezweifelt werden." „Und hat man keinen Verdacht, wer dieser Thäter sein kann?" „Ich glaube nicht, die Herren vom Gericht waren heute Mittag hier und fuhren dann nach Notenhof. Soviel ich ihren Worten entnehmen konnte, schienen sie die feste Ueberzeugung eines überlegten Verbrechens nicht insgesammt zu theilen, während die Leichenbesichtigung meines alten Hausarztes — Sie kennen Doctor Peters ja von früher — das Verbrechen, wie er mir sagte, gar nicht zweifelhaft läßt. Gott gebe, daß der Mörder bald entdeckt werde." „Das ist mir ziemlich gleichgültig," bemerkte Stein- dorf trübe, „da er mein todtes Kind nicht wieder lebendig machen kann. Und nun will ich Sie nicht länger stören, Fräulein Armgard," setzte er, sich erhebend, hinzu, „nur noch eine Frage: wie stcht's mit dem Begräbniß meiner Kleinen?" „Herr Marbach wird die Anordnung desselben auf meine Bitte bereits besorgt haben —" „Ich möchte diesem Herrn nicht gern etwas schulden," fiel Steindorf düster ein, „Sie werden das begreifen, meine Gnädige, obgleich nun nichts mehr daran zu ändern ist. Vergeben Sie mir den neuen Kummer, den meine Heimkehr Ihnen zugefügt," fuhr er nach einer Weile mit weicher, zum Herzen dringender Stimme fort, „es ist wohl Ihnen gegenüber mein Verhängniß. Mir war es drüben oft, als verfolge mich Ihr Fluch —" Armgard bebte zusammen und schüttelte heftig den Kopf. „Von mir dürfen Sie solche theatralische Anwandlungen nicht voraussetzen, Herr Steindorf I" sagte sie fast drohend. „Eher doch hätten Sie an den Gram und die Verlassenheit Ihrer alten Eltern denken sollen." „Ich wiegte mein Gewissen ein mit der trügerischen Hoffnung, daß Armgard Holten ihnen eine Tochter sein werde. Doch Verzeihung, wir Männer sind insgesammt Egoisten, welche ihre Fehler und ihre Schuld gar zu gern auf andere Schultern abladen. Ich werde nach dem Begräbniß eine Zeit lang mich draußen in der Welt zu beruhigen suchen. Darf ich von Ihnen als Freund scheiden, Armgard?" Sie reichte ihm die Hand und neigte wortlos den Kopf. „Sie wollen für immer scheiden?" fragte sie, ihm die Hand, welche er fest umschlungen hielt, hastig entziehend. „Darf ich denn wirklich wiederkommen?" Sie antwortete nicht, sah ihn auch nicht an. Schweigend wandte er sich nach einer Weile und verließ das Zimmer. Sie hörte ihn das Haus verlassen und nach seinem Kutscher rufen, doch rührte sie sich nicht von der Stelle. Eine plötzliche Lähmung schien sie ergriffen zu haben. Dann war's ihr, als befinde sie sich auf einem wogenden Meere und würde von den Wellen hin- und hergeworfcn, die furchtbaren Gemüthserschütterungen hatten diese starke Natur gebrochen. Als Mamsell Evers das Wohnzimmer betrat, um ihr Fräulein zu suchen, fand sie dasselbe bewußtlos am Boden. Das ganze Haus gerieth in Aufruhr. Ein Wagen fuhr im Galopp nach der Stadt, um den Doctor zu holen. — Als dieser erschien, lag Armgard im Fieber und phantasirte heftig. Er hatte eine Krankenpflegerin gleich mitgebracht und schüttelte bedenklich den Kopf. „Herr Steindorf war also hier," wiederholte er auf den Bericht der Mamsell. „Und gleich nachher kam dieser böse Anfall?" „Ja, Herr Doctor! — Ich trat gleich nachher, als er Weggefahren war, in's Wohnzimmer und fand das Fräulein ohnmächtig auf dem Fußboden liegen." Der alte Arzt blickte sie forschend an. Die Mamsell war schon bei Armgard's Eltern auf dem Gute und jener auch bei ihnen Hausarzt gewesen. Beide kannten sich also schon seit vielen Jahren, die jetzige Herrin seit ihrer Kindheit, sie waren somit auch mit ihrer Vergangenheit vertraut. „War er lange bei ihr?" fragte der Doctor. „Erst eine Weile bei dem todten Kinde und dann im Wohnzimmer. Was sie mit einander gesprochen haben, weiß ich natürlich nicht, aber gut hat's ihr nicht gethan." „Das weiß der Himmel," brummte der Arzt und blickte dann eine Weile stumm zum Fenster hinaus. „Es ist eine gottlose Geschichte, daß dieses Kind hier just sterben mußte," begann er von Neuem, „wenn Fräulein Holten wieder gesund ist, können wir noch was erleben, Mamsell Evers!" „Ja, das fürchte ich jetzt selber," seufzte die Wirth- schafterin, „wollte Gott, der Störenfried wäre mit seinem Kinde in Amerika geblieben." „Wünscht' ich selber, da nichts Gutes dabei herauskommen kann. Na, vorerst liegt sie fest und sicher. Passen Sie mir auf, Mamsell Evers, daß kein Unberufener das Krankenzimmer betritt. Auch muß die Leiche in's Verwalterhaus hinüber gebracht werden, damit keine Störung, kein lautes Geräusch unsere Kranke erregt. Ich werde die Pflegerin selber noch einmal in- struiren." * * Die bezahlte Antwort des Kabel-Telegramms aus Chicago, welche an den Maler Reinhardt einlief, lautete: „Mr. Hilbrecht schwer krank, Sohn will versuchen, Auftrag auszuführen." - Der Maler hatte noch ein nettes Sümmchen nachzuzahlen und fluchte über den Einfall. Er fuhr trotz alledem mit der Antwort selber nach Notenhof hinaus. „Ja, das ist allerdings weggeworfenes Geld," meinte Marbach, „ich kenne den jungen Hilbrecht, er ist ein Stock-Amerikaner, für welchen jede Minute Geld bedeutet. Der rührt keinen Finger ohne Aussicht auf Verdienst. Ob ich selbst hinübergehe?" „Was gewinnen Sie dadurch, gar nichts," erwiderte Reinhardt, „ein Brief thäte just das Nämliche. Da jedoch kein Bild von dem Rüuberhauptmann existirt, so könnte einzig und allein ein geriebener Detectiv, der jenen Prien von Angesicht zu Angesicht kennt, hier nützen. Unsere Criminalpolizei wird sicherlich keine Nasenspitze von ihm entdecken. Wenn ich Ihnen deshalb rathen soll, mein lieber Marbach, und zwar als aufrichtiger Freund, dann überlassen Sie der Polizei alles Weitere und schließen Sie für Ihre Person mit diesem Telegramm die Acten." „Der Gedanke, dieses blutige Räthsel niemals lösen zu können, ist ein zu entsetzlicher für mich!" rief Marbach in stillem Grimm auf- und abschreitend. „Wissen Sie, daß jener Mensch, der sich William Prien nennt, ein ganz besonderes Kennzeichen besitzt?" setzte er plötzlich, vor dem Maler stehen bleibend, erregt hinzu. „Und das wäre?" „Einen blutigrothen Strich zwischen Kinn und Mund, den er durch einen blonden Bart versteckt." Marbach hielt inne und blickte wie erstarrt vor sich hin, als erhöbe sich vor seinem innern Blick ein Schreckbild. „Ein Muttermal vermuthlich," bemerkte Reinhardt. „Nein," fuhr Marbach fort, „der rothe Strich rührt von einem Jndiancrmesser her, dessen Scalpir- ungsversuch er sich widersetzt haben soll. So hat er - Z 7 Y - Photographie-Verlag der Photographischen Union m München. -KZWM M H MIM 8 MWN SHiMW -UM W?»; -MrS WM WdchWW MM GWM- ^MOM MAmM? !tzDA Nach der Taufe. Nach dem Gemälde von F. Schmid-Breitenbach. 280 nämlich meinem Freunde erzählt. Uebrigens habe ich Ihnen wohl noch gar nicht mitgetheilt, daß Mr. Prien ein auffällig schöner Mann von hoher, prächtiger Körpergestalt, ganz besonders kleinen Händen und Füßen, mit einem Wort ein germanisch-blonder Recke sein soll, dessen unglückliche Frau drüben im letzten Dezember gestorben ist. Von mehreren Kindern, welche ebenfalls gestorben sind, hat er ein einziges nur behalten, mein Freund wußte nicht, ob es ein Knabe oder Mädchen, da dasselbe in der Pension erzogen worden ist. Diese Personalbeschreibung paßt freilich auch auf Andere, zum Exempel, wie mir eben einfällt, auch auf diesen Herrn Steindorf." Marbach hatte den letzten Satz im gleichgültigsten Tone, ohne den Maler dabei anzusehen gesprochen. denkt denn auch daran?" versetzte Marbach, „aber Vieles würde dadurch in die rechte Beleuchtung kommen. Der Schuß zum Exempel, der mir galt, — er mußte unzweifelhaft durch Feindschaft gelenkt worden sein. Wir beide, mein Freund und ich, waren dem mörderischen Schützen zuviel in der Welt. Liegt in dieser Behauptung keine Logik?" „Freilich — freilich, aber hüten wir uns doch, einen solchen ungeheuerlichen Gedanken laut werden zu lassen, mein bester Marbach, der Tod des Kindes wäre sein bester Schild." „Er könnte sich ja leicht durch das Fehlen jenes Kennzeichens reinigen," meinte Marbach, den eine fieberhafte Unruhe zu erfüllen schien. „Bedenken Sie, Rein- WWU MW M« »WM WM AM W-SL WM Tanzende Derwische. Eine augenblickliche Stille trat ein, — als er sich wieder zu Reinhardt umwandte, sah er diesen mit erblaßtem Gesicht unbeweglich vor sich Hinstarren. Dann begegneten sich ihre Blicke mit einem festen Ausdruck. „Hat die Polizei eine solche Personalbeschreibung erhalten?" fragte Reinhardt. „Allerdings, bis auf den rothen Strich. — Ich glaube, daß Herrn Steindorf ein zierlicher Schnurrbart auch sehr verjüngen würde." Der Maler erhob sich rasch und schüttelte sich, wie von einem plötzlichen Grauen ergriffen. „Nein, nein, das wäre zu gräßlich," sagte er, „denken Sie an das erschossene Kind!" „Ein furchtbarer Zufall, keine Absichtlichkeit, wer hardt, wenn es diesem unheimlichen Menschen glückte, Fräulein Holten zu heirathen." Der Maler sah ihn nachdenklich an. „Na, wir können's nicht hindern —" „Vielleicht doch," knirschte Marbach mit einem wahrhaft ingrimmigen Lächeln. „Irgend eine gute Freundin müßte Ortrud spielen und der leichtgläubigen Elsa von Brabant etwas Mißtrauen gegen ihren blondbärtigen Lohengrin in's Ohr träufeln. Zum Exempel, weßhalb er den häßlichen Kinnbart, der ihn ganz entschieden älter macht und sogar seiner Schönheit Eintrag thut, sich habe wachsen lassen? — Wenn Elsa darauf bestände, ihn ohne denselben zu sehen —" „Ja, wenn, mein Lieber!" rief Reinhardt, laut 281 lachend, „wenn Armgard Holten zu der Sorte dieser Elsa's gehörte! — Aber dergleichen ist bei ihr undenkbar, eine Ortrud fände bei ihr keinen fruchtbaren Boden. Uebrigens," setzte er sehr ernst hinzu, „ist Ihr Verdacht auch im Grunde so ungeheuerlich, daß derselbe, wie ich fürchte, Ihrer Abneigung gegen Steindorf zumeist wohl entspringt. Nehmen Sie sich in Acht, lieber Marbach, mit solchen Gedanken ist nicht zu scherzen." „Mögen recht haben, alter Freund," sagte der junge Mann mit einem kräftigen Händedruck, „ich fühle starke Abneigung gegen jenen Mann, das ist wahr, habe aber auch die Ueberzeugung, daß er mein Tod- Reinhardt legte dem Erregten die Hand auf die Schulter und sah ihm besorgt in die Augen. „Scheinen meiner Treu auch zu fiebern, lieber Junge!" sagte er theilnehmend, „die teuflische Geschichte bringt ja das solideste Gehirn aus Rand und Band. Nun lassen Sie sich mal etwas sagen, Marbach! — Wenn Armgard Holten so bodenlos charakterschwach sein sollte, diesen Steindorf zu heirathen, dann hat sie ihr Schicksal verdient, denn des Menschen Charakter ist sein Schicksal und umgekehrt. Was mich nun anbetrifft, so glaube ich nicht daran, sondern halte sie für ein con- scquentes Frauenzimmer, das wohl augenblicklich unter so aufregenden Umständen den Kopf verlieren kann, ihn Hrulcnde Derwische. MMMM V - AM« .»EN-'MÄÄ KMMBK MM NSW E» MM feind ist und mich herzlich gern aus dem Wege räumen möchte, falls er damit sein "väterliches Gut wieder gewinnen könnte. Wissen Sie^ es schon, daß Fräulein Holten plötzlich erkrankt ist?" „Nein, - das sagen Sie mir erst jetzt?" „Ich erfuhr es zufällig durch meinen Verwalter. Der Arzt fürchtet ein Nervenfieber, jetzt wird sich Steindorf wohl der Herrschaft dort bemächtigen. Nun, was kümmert's mich, vorerst wird die Hochzeit doch nicht stattfinden können, oder er müßie sich mit ihr auf dem Krankenbette trauen lassen, da sie ihm, wie alle Welt glaubt, eine derartige Genugthuung des todten Kindes halber nun einmal schuldig sein soll. Ist das auch Ihre Meinung, bester Freund?" aber auch zur rechten Stunde wiederfinden wird. Einstweilen ist sie unter der Obhut des Doctor Peters und der alten Mamsell Evers, und diese beiden werden den Patron wohl vonihremKrankenzimmer fern zuhaltenwiffen." Marbach's Gesicht hatte sich bei diesen Worten des Malers erhellt, er drückte ihm stumm die Hand und fragte nach einer Weile: „Wie mag es der alten Tante Hanna ergehen?" „Na, die Aerzte hoffen sie am Leben zu erhalten, wollen sie aber, wenn ihr Zustand es erlaubt, in's Krankenhaus bringen lassen, um sie genauer beobachten und vielleicht noch einer Operation unterziehen zu können Schade, daß sich das Gehirn der Alten verschoben ha ich glaube die Aerzte haben Lust, mal hineinzuschauen. 282 „Das wäre ja barbarisch bei dem hohen Alter der Greisin!" rief Marbach entsetzt, eine Trepanation jedenfalls gleichbedeutend mit dem Tod!" Reinhardt zuckte die Achseln. „Ist die Unglückliche denn nicht lebendig todt? Würde sie selber, wenn sie Von ihrem Zustande eine Ahnung haben könnte, nicht selber auf eine solche Operation drängen? Ich halte diesen allerletzten Versuch sogar für geboten. Und nun kommen Sie, junger Mann, ich habe die größte Lust, einen Spaziergang durch Ihre Felder in Ihrer Gesellschaft zu machen und) mir bei dieser Gelegenheit auch die Mordstätte anzusehen." Sie hatten bereits ein gutes Frühstück zu sich genommen und verließen das Herrenhaus. „Wollen wir nicht lieber reiten?" fragte Marbach, „es ist ein tüchtiges Ende bis nach der Schlucht." „Nein, ich bin ein schlechter Reiter, aber ein famoser Fußgänger, und der Weg thut Ihnen augenblicklich auch gewiß gut." „Meinetwegen," sagte Marbach, und beide schritten nun tüchtig aus. Das Wetter war köstlich, die Sonne stand hoch am blauen Firmament. Alles grünte, blühte und duftete ringsum in der Natur. Nach einer Stunde schon hatten sie auf geradem Wege den Hohlweg erreicht. Sie standen an der Krümmung, wo das blutige Drama so schnell und überraschend sich abgespielt. „Hier also war's?" fragte Reinhardt. „Ja, hier ging ich mit Fräulein Holten, dort stand der Wagen, vor welchem mein Freund mit dem Kinde plauderte, gerade vor'm Schuß, wie Sie zugeben müssen." Er deutete dabei nach der waldigen Höhe hinauf. „Dieser Hohlweg ist aber auch für solche Ueber- fälle wie geschaffen," meinte der Maler, „so ein Schin- derhannes, der ein sicheres Auge und eine feste Hand besitzt, findet dort oben ein prächtiges Versteck und kann ungehindert wegknallen, was ihm beliebt. Zum Henker, das erweckt doch ein verdammt gruseliges Gefühl in einem, wenn man hier urplötzlich so unversehens weggeputzt würde." „Das wird sich heute nicht wiederholen," bemerkte Marbach bestimmt. „Und weßhalb nicht? — Kann es nicht auch einer jener unheimlichen Gesellen gethan haben, die zu Zeiten j eine unbezwingliche Mordlust in sich spüren, welche sie um jeden Preis befriedigen müssen? Die menschliche Gesellschaft birgt viele unheimliche und räthselhafte Elemente in sich —" „Gewiß, alter Freund!" fiel Marbach ungeduldig ein, „man würde sich zu Tode entsetzen, wenn die Masken plötzlich gelüstet würden. Trotzalledem aber fühle auch ich plötzlich eine unwiderstehliche Lust in mir, einmal wieder jene Höhen zu besteigen. Sie begleiten wich doch?" Reinhardt blickte ihn unzufrieden von der Seite an, da er nicht die mindeste Lust zu dieser Besteigung hatte. Doch meinte er unwirsch, daß er sich zu der Strapaze verstehen wolle. „Wenn der neue Schinderhannes mich dort oben todtschießt," setzte er desperat hinzu, „vermache ich mein Geld dem Herrn Steindorf." Marbach lachte gezwungen und schritt rasch voran, bis sie an die Schlucht gelangten, von wo ein schmaler, ziemlich steiler Pfad hinaufführte. „Den sogenannten Diebsweg sollen wir hinan?" rief der Maler erschrocken, „nein, mein Sohn, dann folge ich nicht." „Bah, das sieht nur von unten so aus, — sind Sie denselben niemals gewandelt?" „In meiner Jugend, als ich noch wie eine Gemse kletterte, jetzt aber — na, — versuchen wir's noch mal, es kann nicht mehr als den Hals kosten." Schweigend schritten Beide bergan, Marbach mit festem Fuß in der Mitte des steilen Pfades, während Reinhardt sich klüglich zwischen den Büschen und Sträuchern, welche ihm den nöthigen Anhalt gaben, Hinaufwand. Sie hatten beinahe die Höhe schon erreicht, als der Maler ein „Halloh!" ausstieß. „Nun?" fragte Marbach, stehen bleibend, „was giebt's denn?" „Etwas Blankes — Goldenes, — sehen Sie nur, ein hübsches Ding, das ein Tourist verloren hat, ein Manschettenknopf." Marbach griff so hastig darnach, daß er einige Schritte zurückrutschte und sich an einem Busch festhalten mußte. „Da haben wir die Gewißheit," sagte er triumphirend, „kommen Sie rasch, bester Freund, daß wir die Höhe und damit den sicheren Boden erreichen, dann sollen Sie Weiteres hören." Sie stiegen jetzt schweigend hinauf und standen endlich auf einer breiten Felsplatte, welche sie nach beiden Seiten hin in Wald und Gestrüpp verlor. (Fortsetzung folgt.) GotdkSrner. Zu des Verstandes und Witzes Umgehung Ist nichts geschickter als Augenverdrehung. Bodenstedt. — Buxheim. (Hiezu das Bild Seite 283 ) ^Nachdruck verboten ) Eine Stunde westlich von Memmingen liegt am Nordende eines kräftigen Tannenwaldes, der „Hart" genannt, da wo die Memminger Ebene zum Jllerthal abfällt, das Pfarrdorf Buxheim, dem die noch erhaltenen Klostergebäude der alten ehrwürdigen Karthause ein stattliches Aussehen geben. Buxheim ist die Heimstätte an der gekrümmten, gebogenen Nach*), war schon in der Karolinger'schen Kaiscrzeit eine Zugehörde des Bisthums Augsburg und gehörte zur alten Mark Heimertingen. Nach den Hunnenstürmen siedelten sich hier von Augsburg aus Kanoniker an. Es entstand ein Chorherren- oder Canonikatstist, dessen Vorsteher den Titel Probst führte und vorn Augs- burger Domkapitel ernannt wurde. Die gemeinsam lebenden Mitglieder versahen die Pfarrei Buxheim und die Nachbarschaft, und genossen die Kirchengüter und den Zehnten als bischöfliches Lehen. Herr v. Raiser meint, der Schirmvogt der bischöfl. Kirche Augsburg, Herzog Wels VI., der sich viel in Memmingen aufhielt, habe zum Schutze des Canonikatstiftes Buxheim und der bischöfl. Güter in der Umgebung, da wo jetzt das Dörfchen Westerhart steht, die Burg Alt- *) Bekanntlich führt eine Menge kleiner Flüsse des schwäbischen Oberlandes den Namen Ach oder Nach. Das Wort — entstanden aus dem altdeutschen „Aha" — Flüßchen, bedeutet und bezeichnet stets einen kleinen Flutz. 283 Hahn gebaut, die noch im 16. Jahrhundert in Urkunden vorkommt, aber wahrscheinlich schon in den vielen Kämpfen und Fehden Weiss zerstört wurde. Im Jahre 1217 lebte Probst Albert von Buxheim, Anno 1266 Siegfried v. Donnersberg als Probst von Buxheim. Um dieselbe Zeit — im 13. Jahrhundert besaßen aber auch die Grafen von Württemberg Gröningen Güter in Buxheim. (Baumann, Geschichte des Allgäu S. 423). Nach Braun (Hist.-top. Beschreibung S. 553) waren am Ende des 14. Jahrhunderts die Herren von Jsenburg Inhaber der Gerichtsbarkeit von Buxheim. Der größte Theil der Ortsgüter war aber ohne Zweifel im Besitz des Canonikatstiftes, wel- chemBischofBurkhard im Jahre 1398 die Pfarrei Buxheim einverleibte. Bald darauf, Anno 1402, übergab der letzte Propst von Buxheim, Heinrich v. Ellenbach mit Einwilligung des Bischofs und desDom- kapitels die Propstei Buxheim mit allen Gütern an die Karthäuser von Christgarten (im Ries). Der damalige Prior Johann von Christgarten übernahm nach der Uebergabsurkunde vom22.Januar1402 die Propstei Buxheim mit allen Gebäuden undZugehör,diePfar- rei, das Dorf Buxheim undAlthain (das heutige Westerhart) mit allen Gütern und Rechten. Die Propstei wurde nun in einKart- Häuser-Kloster umgewandelt. Um das Kloster von allem Einfluß der Laien zu befreien, löste Prior Johann die Gerichtsbarkeit der Herren von Jsenburg über Buxheim mit Geld ab. Der Rath von Memmingen übernahm den „Schutz" des neuen Klosters „zur Ehre der Magd Christi als Hausmutter des Gotteshauses zu Buxheim", wie es in der Urkunde heißt. Als aber 120 Jahre später die Memminger „Schutzvögte" zwinglianisch wurden, ging das Schutzrecht über Buxheim an Oesterreich über. Das Kloster mußte fortan an die kaiserliche Landvogtei in Schwaben 5 fl. Schutz- und Schirmgeld entrichten. Die Karthäuser richteten nun die alten Propstei- Gebäude nach den Anforderungen ihrer Ordensregel ein. Sie wohnten in abgesonderten Zellen, d. i. kleinen Häuschen, welche an die inneren Umfassungsmauern im Gevierte angebaut waren, wie man sie heute in Buxheim, namentlich an der Südseite des Klosters noch sieht. Die Pfarrei Buxheim mußte das Kloster mit einem Weltgeistlichen besetzen. Im Jahre 1478 war Conrad Huetter Pfarrer von Buxheim. Die ununterbrochene Reihe der Pfarrer von Buxheim beginnt nach unseren Quellen erst mit der'Neige des 16. Jahrhunderts. Nach Math. Jelin's Tod im Jahre 1591 erhielt Joh. Baumeister (1591—1617) die Pfarrei. Ihm folgten Jakob Größer (1617—1620) und Hieronymus Meßner (1620—1639). Unter Pfarrer Meß- ner kamen die Drangsale des Schwedenkrieges. Im Pestjahre 1635 starben so viele Leute, daß ein Gottesacker vor dem Dorfe angelegt werden mußte. Nach demKrieg blieb dieser Gottesacker wieder „öde" und unbenützt. Die Mauer zerfiel, wurde aber im Jahre 1694 unter PfarrerJohannFranz Christa (1667 bis 1700) wieder aufgebaut und der Gottesacker aufs Neue eingeweiht. Als der Pfarrer Anno 1639 mitten im Schwedenkrieg gestorben war, wurde die Pfarrei durch dieKart- häuser k. Basilius Huber und dann 1>. Joseph Maria Schem- mel versehen. Im Jahre 1661 erhielt der Weltpriester Gg. Deffner die Pfarrei, „kündigte" sie aber schon 1662, worauf Gg.Preisinger'(1665) und Franz Christa folgten. Unter Pfarrer Simon Hölzle (1700 bis 1740) wurde im Jahre 1726 die alte Pfarrkirche abgebrochen und neu erbaut. Nach Pfarrer Hölzle's Tod-verwalteten J.Schillinger (1740—1754), Georg Anton Vogt (1754—1771) und Michael Fech (1771 —1805) das Pfarramt. Im Todesjahr des Pfarrers Fech Anno 1805 wurde das Karthäuser-Kloster aufgehoben und Buxheim mit Westerhart dem Grafen von Ostheim zugetheilt, der im nämlichen Jahre den Gallus Bader (1805—1820) und Anno 1820 den Anton Benedikt Frik (1820—1844) als Pfarrer präsentirte. Nach dem kinderlosen Tode des Grafen von Ostheim erhielt dessen Erbe im Jahre 1830 Graf Friedrich von Waldbott-Bassenheim Dorf und Kloster Buxheim sammt seiner Klosterbibliothek und dem präch- Kuxhelm: Schloß und Kloster. Original-Aufnahme von Gustav Bader. Photograph in Krumbach. ^Vervielfältigungsrecht vorbehalten,) 284 igen einzigartigen Kirchen-Chorgestühle, das in allen einzelnen Theilen ein wahres Meisterstück der Kunstfertigkeit in der Holzschnitzerei und Bildhauerarbeit ist. In den 70 Jahren waren alle diese reichen Kunstschätze, die ein beredtes Zeugniß für die Kunstsinnigkeit und den Kunstfleiß der Karthäusermönche sind, noch erhalten; seitdem soll Vieles „unter den Hammer" gekommen und ins Ausland gewandert sein. Noch steht das zum gräflichen Schloß umgewandelte Klostergebäude mit mehreren Karthäuserzellen. An Stelle der Stillen Karthäuser ist der Lärm und das geschäftige Treiben des vollen Lebens eingezogen, aber es ist, als ob das ernste und düstere Gebäude mit seinen mönchischen nun modernisirten Zellengebäuden an dem modernen Aufputz keinen Gefallen fände Und melancholisch seiner frommernsten Vergangenheit gedenke. Nach Aufhebung des Bassenheim'schen Herrschaftsgerichts im Jahre 1848 wurde Buxheim dem kgl. Landgerichte Memmingen zugetheilt. Heute zählt die Pfarrei ca. 580 Seelen. -- Zu unseren Bildern Nach der Taufe. Der junge Weltbürger ist soeben in die Zahl der Christen aufgenommen worden. Das Tauswasser ist über seinen Scheitel geflossen und der Taufpathe hat für ihn das Glaubensbekenntniß abgelegt und ist jetzt neugierig, die Gesichtszüge des Täuflings eingehender besehen zu können. Dies ist um so leichter, als die Trägerin des Kindes sich nach Lüftung des Schleiers eben über das Wohlbefinden des kleinen Weltbürgers vergewissert. Die ganze Darstellung ist lebenswahr und bis in's Detail naturgetreu. Besonders ist auch der Altar und dessen figürlicher Theil mit größter Sorgfalt von dem berühmten Maler behandelt, der das Gemälde geschaffen, nach welchem unser Bild gezeichnet ist. Der Künstler hat sich mit diesem Werke neuen Lorbeer errungen. _ Tanzende und heulende Derwische. Derwische heißen bekanntlich die muhamedanischen Mönche. Im Allgemeinen wohnen sie vereinigt in Klöstern; einige sind auch verheiralhet und dürfen dann außer dem Kloster wohnen, müssen aber wöchentlich einige Nächte im Kloster schlafen. Sie fasten, kasteien sich, üben strenge Gebräuche, führen gewisse religiöse Tänze auf, deren Hauptschwierigkeit in einem oft stundenlangen, meist aber 5—7 Minuten anhaltenden Drehen genau auf einer Stelle, erst mit auf der Brust gekreuzten, dann über den Kopf gehobenen Armen, wobei ihr weiter, gelöster Rock einen Kreis um sie bildet, besteht, worauf sie besinnungslos niederfallen. Es sind das die tanzenden Derwische. Aehnltches gilt von den heulenden Derwischen, nur daß diese die Sache noch viel toller treiben. Die Derwische sind durch das ganze türkische Reich verbreitet und stehen beim Volk in hohem Ansehen. -»—i——- Allerlei. Ein merkwürdiges Wasserthier. Der Pater de Breest von der Gesellschaft der algerischen Weißen Väter hat, wie wir der „Kreuzzeitung" entnehmen, an den Bischof Livinhac einen Brief geschrieben, worin er ein merkwürdiges Wasserthier des Tanganyika beschreibt, das viele Ähnlichkeit hat mit dem von Sckwein- furth in seinem Buche „Im Herzen von Afrika" geschilderten Lepidosiren. Der Missionar de Breest schreibt: Eines Tages, als die Frauen mit dem Einernten von Reis beschäftigt waren, hörte man den Schreckensschrei: „Nguema, Nguema" (Krokodil), und alle flohen mit größter Eile dahin. Das vermeintliche Krokodil war aber ein anderes fremdartiges Thier, halb Reptil, halb Fisch, das mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles unsere Sammel- körbe übersprungen hatte. Das merkwürdige Geschöpf bleibt stundenlang unbeweglich unter dem Wasser liegen; wenn es aber in seiner Ruhe gestört wird, schwingt es sich mit Hilfe seines Schwanzes mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Höhe. Seine Sprünge haben, soweit ich es feststellen konnte, eine Weite von 15—20 Schritten, dann bleibt es wieder still liegen; verfolgt, macht es immer von neuem solche mächtige Sprünge. Seine Sinne scheinen nicht recht ausgebildet zu sein, wenn man in Betracht zieht, wie leicht man an es herankommen kann. Eines Tages war ich nur noch 50 Centimeter von einem dieser großen Reptile entfernt; ich rief einem Kinde zu,, es solle mir eine Lanze holen. Als das Kind nach etwa zwanzig Minuten damit zurückkam, war das häßliche Geschöpf schon im Reisfelde verschwunden. Doch war es mir gelungen, in den Besitz von zwei Exemplaren zu gelangen, welche die Kinder mit einer Hacke mitten in einer Pfütze erschlagen hatten; das Weibchen maß 1,10 Meter, das Männchen nur 93 Centimeter in der Länge; wie bei den Fischen ist der Körper mit Schuppen bedeckt, doch sind diese mit einer klebrigen Schicht überzogen; man entdeckte daher die Schuppen erst beim Zerlegen. Das Thier hat weder Flossen wie die Fische, noch Patten wie die Reptile, an Stelle der Patten finden sich zwei Paar Anhängsel, wie Rattenschwänze, verkümmert und langgedehnt, die vorderen waren 24, die Hinteren 19 Centimeter lang. Bei dem männlichen Thiere sind diese Auswüchse nach innen mit einer Art kurzer, fetter Flosse versehen. Gleich den Reptilien hat das Geschöpf Lungen, obwohl es beinahe niemals aus dem Wasser geht, auch kann es sich der Auswüchse nicht zur Fortbewegung bedienen. Außerdem hat es, wie die Fische, Kiemen mit vier Ausläufern. Eine dicke Flosse am Ende des Rückgrates umgibt den Schwanz und preßt ihn buchstäblich zusammen, indem sie sich nach unten wendet. Der Rachen, der von mittlerer Größe ist, hat zwei Reihen einer knochigen Masse, welche die Stelle der Zähne vertritt. Nach den Angaben der Eingeborenen kann das Thier mit einem Biß einen Finger, ja eine ganze Hand abbeißen; es scheint indessen nur ein Pflanzenfresser zu sein; denn ich fand in seinem großen Magen mit zwei Abtheilungen eine beträchtliche Menge von Reis- stengeln, die noch mit ihren Aehren versehen waren, wonach es scheint, daß es seine Nahrung ungekaut verschluckt. Das Thier, das die hiesigen Eingeborenen Sembe oder Sompe nennen, ist ein Gegenstand des Schreckens für sie, sie haben einen instinctiven Widerwillen dagegen; um keinen Preis würden sie es anrühren, auch nicht mit einer Fingerspitze. Dagegen waren einige Wabembe sehr zufrieden, von dem Fleische des Thieres einige Stücke ihrer mageren Suppe hinzufügen zu können, sie erklärten, es schmecke vorzüglich. Die Eier, welche ich zu beiden Seiten des Rückens aufgehängt fand, befanden sich in einer Art langen klebrigen Beutels und waren von außerordentlicher Menge. Die Kinder haben mir mehrere Tausend Larven gezeigt, die denen der Pythone ähnlich sind, und versicherten, es seien kleine Sembe. Was ihre Angaben zu bestätigen scheint, ist der Umstand, daß der Sembe, dem ich mich so sehr nähern konnte, von mehreren Hundert solcher virosiorosirvö, wie sie sie nennen, umgeben war. Der Sembe legt sich einige Fuß tief in den Schlamm, dort liegt er, bis die Regenzeit ihn aus seinem schlafartigen Zustande erweckt. --KMN-