39 . 1894 . „Nugsburger PostMung". Divslag, den 15. Mai ssür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Berlag des ^iterariichen Initiluts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbeflyer vr. Mar Huttler). Pfingsten. Durch Garten und Wald ein Geheimniß geht, Was rauscht in den alten Bäumen? Die Amsel schlägt, der Südwind weht, Wie ist den grünenden Räumen? Der Sommer nahet mit Macht, mit Macht, Die Würzen duften und triefen, Die letzten Kinder sind heute erwacht, Daß sie zum Fest nicht verschliefen. Die Erde schauet in stillem Glück Auf all' dies Leben und Prangen, Du aber stehst noch schmollend zurück, Dein Eis ist noch nicht zergangen? Komm, Geist der Pfingsten, in solch' ein Herz, Laß es am Lichte erwärmen, Gieß Deinen Segen mild niederwärts. Hilf, Tröster, Vater der Armen. Adolph Mül cr. -- Tante Kanna's Geheimnis;. -Original-Roman von E. von Linden. (Aoriseyung.) Wochen waren seit diesem zweiten Ereigniß, das nicht allein die Stadt und Umgegend, sondern durch die Presse alle Welt in Aufregung und Verwunderung gesetzt hatte, vergangen, und noch war es nicht gelungen, dieses sowohl als die Mordschüsse im .Hohlwege aufzuklären, oder irgend eine Spur der Thäter zu entdecken. Wenigstens verlautete nicht das Geringste darüber in der Oeffentlichkeit. Während Warneck und die kleine- Lotta längst im Schooß der Erde ruhten, Ersterer nach Marbach's Willen im Park von Notenhof, Letztere auf dem Friedhof der Stadt, lagen die beiden im Gebirge Verwunderen noch immer zwischen Tod und Leben, da auch Reinhardts Zustand sich wider Erwarten sehr ernst und bedenklich gestaltet hatte. Marbach's linker Arm war abgenommen worden, während die Wunde am Hinterkopfe einen noch gefährlicheren Charakter angenommen hatte und seine Wiederherstellung geradezu in Frage stellte. Er lag noch imunr in Fieberphantasien und erging sich in wilden Drohungen und Anklagen gegen einen Feind dessen Namen er niemals aussprach. , „Ganz natürlich," sagte der Doctor, „die unheimlichen Ereignisse, welche sich ja förmlich aufeinander gehäuft haben, mischen sich doch in seine F-ieberträume und wälzen sich wirr und toll in seinem Gehirn umher. Wenn wir das Fieber nur erst gebannt Hütten." „Ja, das bringt ihn ganz herab," erwiderte der Heilgehülfe. „Es ist merkwürdig, daß er fortwährend von einem blutigen Jndianerschnitt phantasirt, darum dreht sich alles Ändere wie um ein Centrum." „Lieber Gott, das ist ja ganz erklärlich, wenn nur die vertrackte Wunde im Gesicht süße, so aber wälzt cr den Kopf umher und vereitelt jede Hoffnung. Es wird doch nöthig sein, ihn auf irgend eine Art festzuschnallen." „Habe auch darüber nachgedacht, Herr Doctor, — wie wär's zum Exempel mit einem Verbandschutz?" „Sie meinen eine Vorrichtung, welche das Verschieben desselben verhindert?" „Ganz recht —" „Ich will mit einem Bandagisten darüber reden," sagte der Doctor zustimmend. „Mit dem armen Herrn Reinhardt in Rotenhof habe ich immerhin leichtere Arbeit, da er fieberfrei ist, aber, seltsam genug, auch von einem blutigen Schnitt faselt. Reden kann er Gott sei Dank noch nicht, weil er den Mund nicht regen kann, das eine Auge geht auch wohl zum Teufel, aber Papier und Bleistift mußte ich ihm in die Hand geben, und da kritzelte er richtig tolles Zeug hin von einem blutigen Schnitt, woran man den Mörder erkennen könne, und dabei einen Namen, — Gott steh' mir bet — ich sollte diesen Zettel dem Criminal-Commissar Frenzel geben." „Wollen Sie denn das nicht, Herr Doctor?" fragte der Heilgehilfe erstaunt, „ich thät's doch, da es nicht schaden kann." Dem alten Arzt schien die ein wenig zudringliche Klugheit dieses Handlangers der Medicin nicht angenehm zu sein. Er zuckte spöttisch die Achseln und ging, um nach Rotenhof zu fahren, wo Reinhardt auf dem Schmerzenslager sich befand und sich ohnmächtig gegen sein Geschick aufzulehnen suchte. Doctor Peters fand ihn in heftiger Ungeduld seiner harrend. Die Schulterwunde verheilte gut, aber die 294 Brandwunden schienen don einer giftigen Substanz herzurühren und deßhalb der ärztlichen Kunst noch immer zu spotten. Der Kranke reichte dem Arzt sogleich einen Zettel entgegen, den dieser nahm und überflog. „Haben Sie's dem Kommissar gegeben, Doctor?" las er. „Ja, er wollte sich's überlegen," beantwortete dieser die Frage. Das rechte Auge des Malers, welches unter dem Verbände, der beinahe das ganze Gesicht bedeckte, unheimlich heroorlugte, starrte den Doctor an. Dann schrieb er wieder: „Ist Marbach todt? „Nein, aber schwer verwundet," antwortete der Arzt. „Er fiebert noch immer und phantasirt stark." Reinhardt seufzte tief. Er ließ sich ruhig verbinden und stöhnte nicht einmal dabei. Auch hier war ein Heilgehilfe anwesend, der die Pflege ganz allein leitete und besorgte. Der Maler schrieb alsdann einen Zettel mit der Frage, ob Fräulein Holten noch krank und Steindorf dort anwesend sei? „Sie ist wieder besser und ergeht sich bereits in freier Luft. Steindorf war während ihrer Krankheit dort anwesend, jetzt aber nicht mehr, ich und Mamsell Evers hielten ihn vom Krankenzimmer fern. Fräulein Armgard weiß noch nichts von dem neuen Attentat, doch kann ich grüßen." Der Maler nickte mühsam und schrieb auf's Neue: „Obwohl sie mich nicht recht leiden konnte, so möchte ich doch um ihren Besuch bitten." „Dazu ist sie noch nicht kräftig genug, mein alter Freund, wiü's aber bestellen. Ich fahre jetzt noch in Edenheim vor. Ueber Steindorf beunruhigen Sie sich nicht, der geht wahrscheinlich bald nach Amerika zurück." Dieser Trost schien indeß bei dem Kranken die beabsichtigte Wirkung nicht zu haben. Er rollte das eine Auge in wahrhaft erschreckender Weise und schrieb mit erregt zitternder Hand: „Schicken Sie mir um gottes- willen den Commissar Frenzel her. Ich muß eine Aussage machen. Wax er denn überhaupt noch nicht hier?" „Freilich, alter Freund, aber Sie waren doch ganz unfähig zu einer Aussage, was der Polier Schulze auch hinreichend schon besorgt hat." Reinhardt ballte vor Ungeduld die Hand und schrieb dann mit großen Buchstaben: „Schulze soll dem Commissar von der rothen Schnittnarbe erzählen." „Gut, gut, ich will Alles ausrichten," beruhigte ihn der Doctor, den diese fixe Idee des Kranken sehr bedenklich stimmte. Er ging, dem Gehülfen einen Wink gebend, ihm zu folgen. „Die fixe Idee des alten Herrn wurzelt in einer rothen Narbe," flüsterte er ihm draußen zu, „das Gehirn muß also doch gelitten haben." „Ja, der Sprengstoff muß unbedingt eine giftige Beimischung gehabt haben, — die Hülse ist ja gefunden worden." „Ich weiß, meine Herren Kollegen bezweifeln das Gift, und sie mögen recht haben, weil wir sonst sofort eine Blutvergiftung gehabt hätten. Mag aber sonst etwas dazwischen gewesen sein, was auf das Gehirn eingewirkt hat. Na, suchen Sie ihn nur zu beruhigen, das ist vorerst die Hauptsache." Auf dem Wege nach Edenheim wollte ihm die seltsame Uebereinstimmung der beiden Verwundeten in Betreff der rothen Scbnittnarbe gar nicht aus dem Sinne. Sollte diese Idee wirklich einen ernsten Hintergrund haben und er verpflichtet sein, dem Kriminal-Kommissar darüber zu berichten? Ja, wenn der Name Steindorf nicht so widersinnig hineingeflochten wäre, — hiermit würde er sich ja unsterblich lächerlich machen. Was gingen den Commissar die verrückten Phantasien seiner Kranken an? Er könnte es ihm ja immerhin als Kurio- sum mittheilen. Mit diesem Entschlüsse fuhr er vor die Freitreppe des Herrenhauses von Edenheim, wo ihm Mamsell Evers mit einem umwölkten Gesicht entgegentrat. „Nun, was giebt's?" fragte er, sie forschend anblickend. Die alte Wirthschaften« schluckte erst einige Male, als ob ihr etwas Ungehöriges im Halse stecke, und erwiderte dann leise: „Was soll's geben, Herr Doctor, — jedenfalls eine Hochzeit." Er sah sie erschreckt an. „Ist er wieder hier?" „Mit ihr im Garten, ich hab' von meinem Fenster aus genug gesehen. O, daß der wieder heimkehren mußte —" „Ja, und daß die Kleine unter ihrem Schutze todt- gcschossen wurde," brumm'e der Arzt, „dergleichen giebt bei Gefühlsmenschen den Ausschlag. Ihm konnte, so hart es klingen mag, nichts Besseres passiren, um Eden- heim zu bekommen, da die Frau ihm jedenfalls Nebensache ist. Wollen Sie mich auch einmal mit eigenen Augen aus Ihrem Fenster observiren lassen, Mamsell Evers?" „Gern, Herr Doctor, aber nehmen Sie sich in Acht, daß man Sie nicht bemerkt, er würde es mir bös ankreiden. Wenn er erst die Macht hat, wird auch meine Zeit hier um sein." Sie wischte sich mit der Küchenschürze die Augen und stieg eiligst vor ihm die Treppe hinauf. Doctor Peters folgte ebenso rasch, da ihn jene Nachricht merkwürdig erregt hatte. Ohne Aufsehen erreichten sie die Stube der Mamsell, welche im Seitengiebel des Herrenhauses lag und eine unbeschränkte Aussicht auf diese Seite des Gartens und auf den Park besaß. Doctor Peters setzte seine Brille auf und übersah, einen Schritt vom Fenster entfernt, das Terrain. Er schüttelte hohnvoll lächelnd den Kopf, blickte dann noch einmal hin und lachte laut auf. „Das ist ja der leibhaftige Marschall Vorwärts!" brummte er, „hätt's von der aber doch nicht gedacht. — Da kenne Einer die Weiber aus. — Was soll man dazu sagen, Mamsell Evers, alte Liebe scheint bei Euch Frauen nie einzurosten, und ob sie diesen nimmt oder einen Andern, bleibt sich am Ende gleich." „Nein, nein, Herr Doctor, das bleibt sich nicht gleich," schluchzte die Wirthschafterin, „ich kann ihr diese Schwäche nie vergeben. Dieser Mensch, der sie vor zehn Jahren dem Gespötte preisgab —" „Ach, Unsinn, sie hat die Heirath mit der Andern damals ja selbst bei den Alten durchgesetzt," fiel der Doctor ärgerlich ein. „Weil sie ein solch' Herze und grundgütiges Wesen ist. Ich weiß es besser, was sie gelitten hat über die 295 beiden falschen Geschöpfe. Und wenn ich's nun mit ansehen muß, wie sie blindlings in ihr Unglück hineinrennt und sich doch von diesem gleißnerischen Judas —" „Na, na, so schlimm wird er denn doch wohl nicht sein, obwohl ich keine Sympathie für ihn habe und meine Hochachtung für Fräulein Armgard Holten bedeutend schwindet." „Ach. liebster Doctor," sprach Mamsell Evers, „wenn Tante Hanna gesund und ihr zur Seite wäre, könnte es nicht geschehen. Sie würde ihm den Sieg' schon aus der Hand winden." „Ja, das ist ein Unglück, meine Liebe! Ich wollte dem Fräulein eigentlich mittheilen, daß unsere Hanna morgen am Kopf operirt werden soll. Unter diesen Umständen wird sie wenig Interesse augenblicklich dafür haben, also wollen wir es ihr verschweigen." „Gewiß, ich mag Tante Hanna's Namen nicht in Gegenwart dieses Menschen aussprechen," sprach die Mamsell, mit der geballten Hand gegen das Fenster drohend, „sie konnte ihn nickt ausstehen. — Aber, Herr Doctor, ist die Operation sehr gefährlich? — Wenn sie nun daran stirbt?" „Das müssen wir bei jeder anderen Operation auch ris- kiren, so ist sie auch nur lebendig todt. Na, Mamsell Evers, ich will die Rückkehr des erlauchten Paares lieber nicht abwarten, sondern gleich abfahren," setzte er spottend hinzu. „Gott befohlen, meine Beste." Er schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, während Mamsell Evers sich rasch die Augen wusch, um die Spur der Thränen zu tilgen. Es hatte sich in der That ein seltsames Verhältniß zwischen der jungen Gulsherrin und ihrem einstigen Verlobten gebildet, seitdem das schreckliche Ereignis; im Hohlwege vor ihren Augen sich zugetragen und sie sich in einem krankhaft gesteigerten Wahn die indirekte Schuld daran zugemessen hatte, mindestens in so fern es den Tod der kleinen Lotta bedarf. Während ihrer Krankheit war Steindorf sofort in Edenheim erschienen, was auch ein Jeder wegen des Begräbnisses seines Kindes für selbstverständlich hatte halten müssen. Daß der junge Herr indessen auch nach demselben auf dem Gute erschien und bei Kleinem anfing, den Gebieter herauszukehren, ja sich sogar in der Nähe einquartierte, um stets bei der Hand zu sein, die Interessen der erkrankten Gutsherrin wahrzunehmen, das erfüllte nicht nur den Verwalter und die Mamsell Evers, sondern alle Untergebenen des Gutes mit stillem Groll, obgleich es Niemand wagte, ihm offen entgegenzutreten. Wußte man es doch nicht genau, wie Fräulein Holten mit ihm stand, und ob er nicht im Geheimen schon mit ihr verlobt war. Wenn Mamsell Evers ihm trotzalledem häufig genug ihr unverhohlenes Erstaunen über seine Anwesenheit und seine unbefugte Einmischung kundgegeben hatte, so wußte sie sich doch im Innern sagen, daß dieser Mann unmöglich so auftreten könnte, wenn Fräulein Armgard ihm nicht in irgend einer Weise das Recht dazu gegeben hätte. Und doch irrte sie sich hierin, wie wir wissen; Steindorf handelte einzig nach einem bestimmten Plan und setzte in richtiger Erkenntniß des weiblichen Charakters mit voller Bestimmtheit den Schluß vovnrs, daß Armgard Holten ihn noch immer liebe und es nur eines kühnen Zugreifens von seiner Seite bedürfe, um sie die Seine zu nennen. Warum wäre sie denn sonst nach ihrem ersten Zusammentreffen am Rhein vor ihm geflohen? Sie kannte ihre Schwäche und schämte sich derselben. Steindorf folgte ihr deshalb auf dem Fuße, um das heiße Eisen sofort zu schmieden. Er war freilich ein eingefleischter Egoist, hatte aber seine kleine Lotta zärtlich geliebt, weßhalb der Schmerz um ihren grausamen Tod auch sicherlich ein aufrichtiger war. Aber da sie doch nun einmal nicht wieder in's Leben zurückzurufen war, so wollte er aus ihrem Tode auch für sich den größtmöglichen Vortheil ziehen undArm- gard's Seelenzustand so rasch als möglich zu verwerthen suchen. Er war ein Mann der That, der nicht lange zu erwägen und zu bedenken pflegte, und dem auch in dieser Sache der Zufall trefflich zu Hülse kam, indem derselbe die seinen Plänen wirklich gefährliche Tante Hanna, die Einzige, welche Einfluß auf Armgard Holten besaß, des Denkvermögens beraubt hatte. Von der bevorstehenden Operation derselben hatte er noch gar nichts vernommen, da Doctor Peters ihm soviel als möglich aus dem Wege ging und er auch meistens sich in Edenhcim, wo man ebenfalls nichts davon erfuhr, aufhielt. Als der alte Arzt heute aus dem Stubenfcnster der Mamsell Evers blickte, sah er Julius Stcindorf mit der Gulsherrin Arm in Arm langsam dem Parke, zuwandeln. Steindorf beugte sich zu ihr nieder und schien in eindringlichster Weise mit ihr zu reden. Armgard ging gesenkten Hauptes wie ein willenloses Opferlamm neben ihm, bis sie hinter den Bäumen des Parks verschwunden waren. Wie war es dem glatten Steindorf so rasch gelungen, ein solches Mädchen wie Armgard Holten trotz der ihn schwer anklagenden Vergangenheit auf's Neue für sich zu gewinnen? Seit einigen Tagen erst hatte sie das Krankenzimmer mit den Wohnrüumen wieder vertauscht und die Pflegerin entlassen, weil der Arzt sie für hinreichend Herzogin Max Einanncl ch. 296 genesen erklärte, um sich auf kurze Zeit der frischen und sonnigen Luft schon zu erfreuen. Jetzt ließ sich auch Stcindorf sogleich bei ihr anmelden, um ihr seine Glückwünsche zur Genesung nus- zuspcechen und sich auch zugleich wegen seiner Eigenmächtigkeit, mit welcher er in ihrem Namen die Zügel der Regierung ergriffen, zu entschuldigen. „Sie sind krank geworden, theure Armgard!" sagte er, „und ich'allein in meiner grenzenlosen Selbstsucht, welche Ihnen die arme kleine Lotta aufbürdete, trage die indirekte Schuld an dieser Krankheit. — Nein, reden Sie nichts dagegen, Sie sind die Selbstlosigkeit in Person, ich weiß es doch am besten, aber Gott hat mich hart gestraft, daß ich in meiner Verblendung heimkehre, ja, es sogar wagte, Ihnen gegenüber zu treten. Nun wohl, ich kann dafür keine Verzeihung verlangen, hätte auch meinen Entschluß, sogleich nach Lottas Begrübniß abzureisen und nach Amerika zurückzukehren, unbedingt ausgeführt, wenn nicht Ihre Erkrankung mir die heilige Pflicht auferlegt mindestens in dieser Zeit über Ihr Hab und Gut zu wachen. Und nun bin ich gekommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen, gnädiges Fräulein I" setzte er nach einer kleinen Pause mit gesenkter Stimme hinzu, „dem gütigen Gott dankend, daß er Ihr Leben behütet und mir zu der alten Schuld nicht eine neue, schwerere noch aufgebürdet hat." Herr Julius Steindorf war ein ganz vortrefflicher Comödiant, und wenn Doctor Peters eine Ahnung davon gehabt, hätte er sicherlich diese aufregende Scene für seine Ncconvalescentin um jeden Preis zu verhindern gesucht. — Von der Krankheit körperlich geschwächt, seelisch leidend und sich diesem verführerisch schönen Manne gegenüber durch den Tod seines einzigen Kindes schwer verpflichtet fühlend, mochte sie auch für Liebe halten, was im Grunde vielleicht nur Schwäche und ein krankhafter Wahn war. „Wohin gehen Sie?" fragte sie leise. „Nach Amerika zurück, vielleicht auch nach einem andern Welttheil, — ich bin ein Heimathloser auf Erden geworden, seitdem der Tod alle Familienbande hüben und drüben zerrissen hat." „Sie haben in Amerika Freunde und Bekannte." „Was man so nennt, — ja, — Fräulein Arm- gard! — Doch wird drüben mich Niemand vermissen, — keine Seele nach mir fragen, weil die Freundschaft sich nur so lange zu bewähren pflegt, als das materielle Interesse andauert, welches dieselbe geknüpft. Ich habe dort keine Liebe zurückgelassen, und was ich mit her- übernahm —" Er brach ab, beugte sich hastig über ihre Hand, welche er an seine Lippen zog, flüsterte kaum hörbar: „Leben Sie wohl und recht — recht glücklich!" und wollte sich rasch entfernen. „Nein!" rief sie fast leidenschaftlich, „gehen Sie so nicht von mir, Herr Steindorf I — Heimathlos und freudlos, sagten Sie nicht so? — Und das einzige Wesen, welches Sie liebte, durch meine Schuld — gemordet! Begreifen Sie, wie ich diesen Gedanken ertragen soll?" .Er kehrte zu ihr zurück, seltsam blaß und zitternd. „Sie sind ein Engel an Güte, Armgard!" sagte er halblaut, „fürchten Sie doch nicht, von mir verkannt zu werden oder einen ungerechten Vorwurf zu hören. Weßhalb diese Selbstquälerei? — Mag die Welt darüber urtheilen wie sie will, mein Herz spricht Sie frei von jeglicher Schuld, selbst von dem kleinsten indirektesten Versehen. O, mein Gott!" setzte er in aus- brechender Verzweiflung hinzu, „wie gern ich hier bliebe, kann ich nicht aussprcchen —" „Nun, dann bleiben Sie, mein Freund," fiel Armgard ein, „wer treibt Sie fort?" „Die Bosheit der Menschen man sagt bereits, daß ich Ihre Arglosigkeit ausbeute, meine Hand nach der rcicyen Erbin ausstrecke. — Das treibt mich fort. Und Sie dürfen mich nicht zurückhalten, Fräulein Armgard." Sie schwieg eine Weile, ihn unruhig anblickend. Jener Abend bei Tante Hanna, wo der Maler Reinhardt von ihm so Häßliches, sie tief Beschämendes berichtet, kam ihr in die Erinnerung zurück. Sollte der Maler, der ihr stets unsympathisch gewesen, die Wahrheit gesprochen oder ihn geflissentlich verleumdet haben? — Wer ihr darüber Aufklärung hätte geben können. Wie im Fluge jagten diese Gedanken durch ihr Gehirn, und seltsam — auch Tante Hanna's Liebes- und Leidensgeschichte tauchte in den Hauptmomenten dazwischen auf. „Worüber grübeln Sie so plötzlich?" fragte Steindorf, ihren unruhig-forschenden Blick bemerkend, endlich verwundert. Armgard schämte sich ihres Mißtrauens, zumal sie sich entsann, daß Reinhardt mit der Steindorf'schen Familie in früheren Jahren schon verfeindet gewesen war. War denn der arme Julius nicht damals noch so blutjung und zu der Verlobung mit ihr, der unschönen Erbin, von vornherein bestimmt gewesen? — Konnte er denn dafür, daß sein Herz ihrer schönen Cousine zuflog, und war es nicht die Schuld seiner Eltern ganz allein, daß der Arme jetzt heimathlos und verlassen war? — Armgard war also bereits so weit, seine Untreue und Falschheit zu entschuldigen und ihn als das Opfer väterlicher Despotie hinzustellen. „Ich grüble nach, weshalb die Menschen eine so große Lust zur Verleumdung besitzen," erwiderte sie deshalb traurig, „und kann es nicht begreifen, weßhalb ein Mann, der sich seiner lauteren Absichten bewußt ist, dieser Verleumdung weichen soll." „Das heißt mit andern Worten, daß ich derselben trotzen und Hierbleiben soll?" fragte Steindorf, sie fest anblickend. Sie senkte die Augen und wieder kam die Unruhe über sie, welche ihr einen physischen Schmerz in der Brust verursachte. Sie zitterte vor seinem Blick, wie das Vöglein vor dem bezaubernden Blick der Schlange, und hätte entfliehen mögen, um sich vor ihm zu schützen. Es war der innere Jnstinct der reinen Mädchenseele, welche, wie Gleichen, die Nähe des Mephisto, des unreinen Lügengeistes, ahnte. „Sie antworten mir nicht, Armgard?" fuhr Steindorf nach einer kleinen Pause leise fort, „wünschen Sie, daß ich gehe?" „Nein, bleiben Sie hier!" stieß sie fast gewaltsam hervor, sich fest aufrichtend, als wolle sie allen unheimlichen Empfindungen Trotz bieten. „Ich will der Welt zeigen, daß ich ihre Verleumdungen verachte und kein unlauterer Gedanke zwischen Ihnen und mir besteht. Sie dürfen nicht von hier fortgehen, mein Freund, bis Sie einen festen Plan für Ihre Zukunft gefaßt und — 297 Am Dache. Ihren Frieden, den Lotta mit in die Gruft genommen, wieder errungen haben." Steindorf küßte ihre Hände und gelobte treue Freundschaft. Sie sah seinen Triumphblick nicht und wiegte sich in dem Wahne, das; zwischen ihr und Julius Steindorf von nun an eine reine Freundschaft wie zwi- schenMännern bestehen könne. Der Schlaue ließ sie in dem „tollen" Wahn, wie er es imJnuern verächtlich nannte, er nährte denselben bis zur gelegenen Stunde, wenn das Korn reif zur Ernte war, wie er meinte. Das neue Attentat im Gebirge, dem Marbach und Reinhardt zum Opfer gefallen, erfuhr Armgard auf des Arztes Befehl noch immer nicht, sah sie doch noch keinen andern Be kannten bei sich als Steindorf, den neuen Herrn von Edenheim, wie die Gutsleute ihn heimlich mit stillem Groll und erklärlicher Furcht nannten. Heute nun, als DoctorPeters und Mamsell Evers das junge Paar im Garten belauscht hatten, schien das Korn für Herrn Julius reif zur Ern'e zu sein. Armgard machte zum ersten Male einen or- demlichen, Spa- ziergang im Garten, bei welchem der junge Herr natürlich den Begleiter abgab. Erbot ihr seinenArm an, den sie anfangs mit scheuer Befangenheit ablehnte, bis ihre Schwäche sie endlich dazu zwang. „Sehen Sie, theure Freundin, daß die Frau der Stütze doch bedarf?" scherzte Steindorf, ihren Arm durch den seinigen ziehend. Armgard fühlte, wie ihr bei dieser Berührung alles Blut gewaltsam zum Herzen drang. — War das wirklich die alte Liebe, welche unter der Asche der Vergangenheit heiß wieder aufloderte? (Forts, folgt.) Klausen in Tirol. Zu den zahlreichen hübschen Punkten, welche mit der Brennerbahn so bequem zu erreichen sind, gehört nicht in letzter Linie der Ort Klausen (525 Meter Meereshöhe). Noä hat ihn zwar in einer seiner Schriften ein finsteres Nest genannt, aber wir meinen, sehr mit Unrecht. Breite Straßen und Boulevards darf man dort freilich nicht suchen, so wenig als in vielen anderen stark besuchten Tiroler Orten, aber dafür hat man dort noch ein gutes Stück Originalität vor sich. " Hat man die in freundlicher Thalweitung gelegene Bischofs- f stadt Brixen passirt, so rücken die beiderseitigen Wände des Porphyrgebirges, durch das sich der wilde Eisack seinen Weg gebahnt, immer näher zusammen. Eine Wendung der Bahn und wir sehen hoch oben kühn auf einem Felsen thronend (686 Meter Meereshöhe) das Kloster Säben, das alte Sabione, einst der Bischofssitz, bevor er nach Brixen verlegt wurde. Zu Füßen dieser klösterlichen Hochwarte, in welcher seit einigen Jahren großartige Bauten ausgeführt werden, um den Nonnen einen gegen neugierige Blicke gesicherten Garten zu schaffen, — liegt, von einem hochragenden Nömerthurme slankirt und überaus malerisch das alte Klausen, dessen Situation es leicht ersichtlich macht, daß es einst sehr geeignet war, eine Thalsperre im Kriegsgetümmel zu bilden. Manch blutige Kämpfe haben sich in vergangenen Zeiten hier abgespielt, um diesen Schlüssel zum weiteren Vordringen nach Süd oder Nord in die Hände zu bekommen. Heute ist Klausen ein gar friedliches Städtchen, freilich auch nicht mehr so lebhaft als einst, wo noch nicht das Dampfroß Menschen und Güter im Fluge vorbei- führte. Dafür ist es ein trautes Plätzchen geworden für Solche, die in Ruhe die Natur und ihre Schönheit genießen und dabei auch für des Leibes Nothdurft gut gesorgt wissen wollen. Die reiche Ausbeute reizender Landschaftsmotive mag es wohl 299 -->s verursacht haben, daß Klausen auch von Malern, namentlich Münchnern, seit Jahren zahlreich besucht war. Ein Aufenthalt in Klausen ist zu jeder Jahreszeit empfehlens- werth. Der Eisack, welcher viel kaltes Gletscherwasser führt, trägt zur Kühlung des Thales beträchtlich bei, so daß selbst im Hochsommer die Temperatur eine relativ mäßige ist. Dazu wirkt an den Nachmittagen ein angenehmer Luftstrich (die Ora des Gardasees) erfrischend; gegen Norden ist das Thal durch Lagerung der Berge vor rauhen Winden geschützt. Der Winter ist meistens mild; in normalen Jahren ist die niedrigste Temperatur —8°k. Für Brustleivende dürfte Klausen im Vorfrühlung vielleicht ebenso günstige Bedingungen bieten, als das neuerdings vielbesuchte Bozen, in dem uns Heuer der entsetzliche Staub den Aufenthalt verleidet hat. Rings im Umkreise findet sich auf den Höhen eine große ^ Anzahl von reizenden Punkten, welche ^in 1—2 Stunden zu erreichen sind und die herrlichsten Ausblicke, namentlich auf die Dolomitgruppen des Gröd- ner Thales, Langkofel, Geißlerspitze, Schlern usw. bieten. Unter den höheren Aussichtswarten der Umgebung ist es besonders die Kassianspitze, deren Besteigung ohne Gefahr und Schwierigkeit mit Uebcrnachten im Unterkunftshause am Latzfonser Kreuz überaus lohnend ist. Freunden der Kunst bietet der von der Königin Anna von Spanien 1699 gestiftete Kirchenschatz mit seinen werthvollen Bildern und prächtigen Kirchengeräthen, das Schloß Velthurns des Fürsten Liechtenstein mit seinen wundervollen Nenaissance-Vertäfelungen usw. viel Interessantes. not 1du8t — möchten wir die ange- - " — nehmen Erinnerungen an Klausen nicht abschließen, ohne eines - - - - -eben so interessanten, als, um den Spruch eines lustigen Reisegenossen — --^ gebrauchen, „nahrhaften" und echt tirolerischen Gasthauses zu gedenken, das uns ebenso durch die Eigenthümlichkeit seines Baues überrascht, als durch ausgezeichnete Küche und Keller bei billigen Preisen imponirt hat. Es ist das Gasthaus zum „Weißen Lamm" des Hrn. Gg. Kantioler, ein sehr altes Haus mit einem großen Flötz im Parterre, von wo eine etwas dunkle Stiege in die Gasilocale des ersten Stockes führt. Die Stiege mündet auf einen sehr geräumigen Vorplatz, an den sich ohne Abschluß ein alter Saal mit einer Galerie aus Stein anschließt, ein in feiner Art einziger Typus der alttirolerischen Halle. Das Ganze wirkt, wenn man's zum ersten Male sieht, geradezu frappant. Daneben liegt die sehr geräumige Gaststube, in welcher uns sofort eine Anzahl in Kreide trefflich ausgeführter Portraits in die Augen fallen. Goethe und Simrock haben auf ihrer Reise nach Italien in diesem gastlichen Hause gewohnt, was mit Jahrzahl und Jahrtag unter ihren Portraits vermerkt ist. Daneben findet sich das Bild Steubs, des begeisterten Schildercrs Tyrols, Defreggers u. A. Zwei Gärten an und in der Nähe des Hauses gewähren schattigen Aufenthalt und jenseits des Eisacks, gar lieblich von einem Nadel- und Kastanienwald umsäumt, liegt, 10 Minuten vom Städtchen entfernt, das auch zum „Weißen Lamm" gehörige Landhaus „die Gamp" mit Fremdenwohnungen und schattigen Spaziergängen. Item: dem Schreiber dieses und seinen Begleitern hat es in Klausen sehr wohl gefallen. Mit Bildern des interessanten alten Saales im „Weißen Lamm" und des malerischen Ortes, die wir dieser Skizze beifügen, hoffen wir unsere Leser zu erfreuen. LUISE Zu unseren Ällder». Herzogin Max Emanuri -j-. Am letzten Sonntag wurde Albs durch die Nachricht vom Ableben I. k. H. der Herzogin Amalie, der Gemahlin des vor Jahresfrist verstorbenen Herzogs Max Emanuei in Bayern, überrascht. Kaum 2 Tage vor dem Ableben drang die erste Kunde von einer ernsten Erkrankung der hohen Frau in die Oeffentltchkeit. Eine ganze Reihe von Leiden, die dem Körper der hohen Entschlafenen in den letzten Tagen anhaftete, hat das rasche, tragische Ableben bewirkt. Zu einem länger bestehenden Herzleiden gesellte sich eine Halsentzündung, ein akuter Darmkatarrh und die Ansänge einer eiterigen Bauchfellentzündung. Die verstorbene Herzogin war geboren am 23. Oktober 1848 als das vierte Kind des 188i verstorbenen Prinz-n August von Sachsen-Coburg-Cohary, und vermählte sich am 20. September 1875 zu Ebenthal mit weiland Herzog Max Emanuel; seit 12. Juni 1893 ist sie Wittwe. Am Hache. Hinter dem Garten neben dem Hause schlangelt sich ein Bächlein durch den Wiesengrund; Schilfrohr und Gesträuch wächst an seinem Rande und Wasserblumen mit breiten Blättern und gelben Blüthen wiegen sich auf seiner Oberfläche. Mit klein Lischen ist heute die Schwester dorthin gekommen, um Wasser 300 zu bolen. Eine Schaar junger Entlein tummelt sich eben im Bache herum, und es ist eine Freude, dem Nahrung suchenden Völkchen zuzusehen. Lischen hat von Mütterlein ein Stück Butterbrod erha ten und auch die Lvierchen sollen davon ihren Theil bekommen. Eine Hand voll Brocken, von der Schwester Hand in s Wasser geworfen — wie sie da herbeigeschwommen kommen, die Entlein, und gierig nach der Beute schnappen! LiSchcn's Butterbrod schmeckt aber auch so gut, und Mütterlein wird gewiß nicht zürnen, wenn Lischen der flaumbedeckten, noch kaum gefiederten Schaar von seiner Gabe etwas zu Gute kommen läßt. -S-SSLLS- Ueber deu Flug des Menschen hielt Professor Dr. Müllenhof im wissenschaftlichen Theater der Urania .zu Berlin einen interessanten Vortrag, dem wir nach dem „Reichsanzeiger" Folgendes entnehmen: Zunächst sprach der Vortragende über das schon seit den ältesten Zeiten erkennbare Streben der Menschen, den Flug der Vogel nachzuahmen, und lieferte durch Abbildungen, die bis in das dritte Jahrtausend vor Christi Geburt zurückreichten, den Beweis, daß diesen Bestrebungen von jeher das größte Interesse entgegengebracht worden ist. Längere Zeit verweilte der Redner bei den in Bild und Wort genauer dargestellten bcachtcnswerthen Versuchen Leonardo da Vincis, des großen Gelehrten, der wissenschaftlich'ernstlich bemüht war, Vas Problem zu lösen, und über 100 sich auf den Flug der Vögcl beziehende und eben so viele Flugapparate darstellende Zeichnungen hinterlassen hat, die zum Theil eine auffallende Aehnlichkeit mit den modernen Bildern erkennen lassen. Mit der Absicht, als Flügel nicht nur die Arme gelten zu lassen, sondern auch die Beine zu ihrer Unterstützung mit zu verwenden, und mit Verwandlung des Flügclschlags in eine drehende Bewegung der Flügel ging er schon damals weil über die bloße gedankenlose Nachahmung der Natur hinaus. Wenn seine Fliegcversnche auch erfolglos blieben, so sind sie doch geeignet, noch heute unsere beifällige Bewunderung zu erregen wegen der Folgerichtigkeit seiner Anschauungen, die hauptsächlich nur deßhalb keinen Erfolg habe» konnten, weil er auf die Beobachtung des Vogclflugs mit bloßem Auge angewiesen war und diese Beobachtungen stets unzuverlässig und unvollständig sein mußten. Immerhin muß er als der erste Erfinder des Fallschirms bezeichnet werden, der hundert Jahre nach seinem Tode, im Jahre 1617, in Italien zum zweiten Mal und 1784 durch Leuormant zum dritten Mal erfunden wurde und erst in diesem Jahrhundert durch die sinnreiche Erfindung eines Engländers in Form eines umgekehrten Regenschirms mit einer für die Einweichung der Luft am oberen Ende angebrachten Oesfnung eine das unbequeme Pendeln vermeidende Gestalt bekommen hat. Eine vollkommenere Beobachtung des Vogelflugs wurde durch zwei in neuerer Zeit in Anwendung gebrachte Methoden, die chro- uographische und die photographische, erzielt. Marey ließ einen Bussard und eine Taube mit einem von ihnen getragenen Apparat fliegen, der so construirt war, daß in Punkten sich alle Bewegungen und Flügelschläge des Vogels markirtcn. Diese Methode wurde vervollständigt durch die Photographie, die seil der Erfindung der Trockenplatten im Jahre 1871 durch einen englischen Arzt auch zur Darstellung der schnellsten Bewegungen eines fliegenden oder laufenden Thieres gebracht werden konnte und durch Ottomar Anschütz bekanntlich ihre größte Vervollkommnung erfuhr, die es Bkarey ermöglichte, eine von ihm als synoptisches Tableau bezeichnete Darstellung anzufertigen, wobei durch gleichzeitiges Photographircn von drei Seiten es gelungen ^ ist, den Flug der Möue und anderer Vögel in seiner ganzen Technik auf das Genaueste bildlich zu fixircn. An nach diesen Bildern aus Wachs gearbeiteten und in den Schnell- schcr von Anschütz gebrachten Modellen hat man erkannt, daß man bis dahin sich über die Technik des Fliegcns nach den Beobachtungen mit dem bloßen Auge ganz falsche Vorstellungen gemacht hatte. In der zweiten Abtheilung seines Vortrags erklärte der Redner die nun gewonnenen Resultate. Eingehend wurden die Hauptgesetze des Fluges klar- gelcgt, die Größe der Flügelflächen und ihr Verhältniß zur Größe und zum Gewicht der Thiere, die Aehnlichkeit der Flugthiere unter einander, ihr Verhalten zum Winde und die Größe des Kraftaufwandes beim Fluge von Thieren verschiedener Größe besprochen. Endlich wurde zum Schluß die von Otto Lilienthal zuerst in einem Garten aus der Höhe von —1 Meter, dann in Steglitz von einem 10 Meter hohen Thurm und jetzt in den 20—30 Meter hohen und sehr wohl dazu geeigneten Rhinowcr Bergen bei Neustadt a. D. angestellten Fliegcversnche geschildert. Unter Gefahren mancherlei Art ist es dem Forscher, der Zeichnung, Construction und Fliegevcrsuche in höchst praktischer Weise stets mit einander zu vereinigen sucht, nach und nach gelungen, Strecken von 250—300 Meter in freiem Fluge zurückzulegen. -»—- Allerlei. In der sozialistischen „Maizeitung" singt ein Dichter „das Freiheitslied, das echte, soziale" in folgenden Tönen: „Auf daß es euch den harten Kampf ve schöne: Prolet n, singt's — ob man euch fürder hetze, Ob man euch drangsalirt durch Hungcrlöhne, An euren Knochen Spieß und Säbel wetze." Ist das nicht ein bischen viel? * An das „Messer ohne Griff mit fehlender Klinge" erinnert folgende Meldung des „W. T. B." aus Mantua vom 1. d. M : „Heute wurde in dem Eingangsthor des hiesigen Casino's eine Bombe gefunden. Dieselbe hatte weder eine Lunte, noch enthielt sie, wie die Untersuchung später ergab, einen Explosivstoff." Wenn's hilft. Eine Dame kommt eiligen Schrittes zu einem Arzt. „Herr Doctor, mein Mann hat sich erkältet. Nasch etwas gegen das Reißen, es muß ein rheumatischer Anfall sein." —' „So, so," meint der Arzt und verschreibt etwas; dann sagt er: „Nasch in die Apotheke und rasch einreihen! Hilft es, so kommen Sie schleunigst und sagen es mir; ich leide selbst am Reißen." -X- Annehmlichkeit. Hauswirthin sdie ein Zimmer vermiethen willsj: „Und daß ich's nicht vergesse, mein Herr, kein Klavier ist im ganzen Haus!" --S--8SS-S-.- ZSikder-Hlätyser. vr-—» "