1«7 „Nugsburger Postzritung". / 41 Diuslag, den 22. Mai 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck nnd Berlaa des Literarischen Inüilnls von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer vr. Max Huttlerl. Tante Kaniia's Heheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Wieder waren vierzehn Tage verflossen. Armgard Holten hatte sich von ihrem Nückfall erholt, mährend Leonhard Marbach sich noch immer unter dem Dache des Försterhanses befand, der Maler Reinhardt dagegen nach seiner Wohnung in der Stadt gebracht worden war. Letzterer war allerdings nach ärztlichem Ausspruch außer Gefahr, aber noch lange nicht hergestellt. Die Schulterwunde heilte gut, mit dem Gesicht aber stand es noch schlecht genug, da er große Schmerzen zu ertragen, nicht zu sprechen vermochte und außerdem die furchtbare Gewißheit hatte, das rechte Auge zu verlieren. Dieses entsetzliche Geschick erregte ihn bis zur Wuth, und er ruhte nicht, bis er es bei Doctor Peters durchgesetzt, mit dem Criminal-Commissar jetzt, wenn auch schriftlich, da ihm jedes Wort schreckliche Schmerzen verursachte, reden zu dürfen. „Der Doctor hielt mich für verrückt und hat mich mit seiner Weigerung, Sie zu mir zu bescheiden, auch halb dazu gemacht," schrieb Reinhardt, als der Kommissar neben ihm saß. „Lesen Sie dieß gefälligst." Er überreichte ihm einen zusammengefalteten Bogen, den der Beamte rasch entfaltete und überflog. „Sie haben dieß selber geschrieben, Herr Reinhardt?" Der Maler nickte. „Der zweite Manschettenknopf ist hiernach also auch gefunden worden," fuhr der Commissar, die Lectüre fortsetzend, überrascht auf, „und zwar an dem Aufstieg zur Berghohe. Und — was zum Henker haben Sie hier geschrieben?" Er sah den Maler erschreckt und mißtrauisch an. Hatte der Doctor recht gehabt mit seiner Behauptung, daß jenes abscheuliche Attentat sein logisches Denken verwirrt und ihn mit einer fixen Idee erfüllt haben müsse? — Reinhardt schrieb mit einer ungeduldigen Bewegung: „Ich habe die nackte Wahrheit erzählt, wenn Sie es nicht glauben, nehmen Sie den Polier Schulze darüber in's Verhör." Der Commissar nickte nachdenklich und faltete den Bogen zusammen. „Ich darf ihn doch behalten?" Natürlich durfte er das. „Haben Sie den zweiten Knopf?" „Der muß sich in Marbach's Taschen finden," schrieb der Maler. „Packen Sie den Halunken, Herr Commissar, — der M-mn mit dem rothen Strich hat auch uns beide, meinen Freund und mich, so zugerichtet. " „Wir packen ihn ganz bestimmt, lieber Herr Reinhardt!" beruhigte der Commissar den Aufgeregten. „Ich werde ihm einige Spürer auf die Ferse setzen." Er reichte ihm die Hand, wünschte ihm gute Besserung und schritt nach der Thür. „Apropos," wandte er sich hier gleichgültig zu dem Maler um, „hat der Doctor Ihnen von der Verlobung des Herrn Steindorf - mit Fräulein Holten zu Edenheim erzählt?" Reinhardt schüttelte den Kopf und schrieb etwas nieder, was er dem Beamten, der wieder zu ihm trat, hinreichte. Dieser las: „Die hatte er mit seinem todten Kinde schon an der Angel. Wohl bekomm's ihr! — Ich würde ihr'S gönnen, wenn er nicht zwischen Mund und Kinn zu interessant wäre. Wo ist denn Herr Julius? Bei ihr in Edenheim?" Der Commissar lachte. „D'as würde sich jetzt nicht mehr schicken," sagte er in einem humoristischen Tone, „Herr Julius ist auf Reisen gegangen. Wohin? das weiß kein Mensch, wir aber werden's herausspüren. Soll ich Ihren Freund Marbach grüßen? es geht bergab mit ihm, wie ich höre." „Jener macht Hochzeit, und er sollte sterben?" schrieb Reinhardt mit zitternder Hand, „das kann Gott nicht zulassen." „Nein, das hoffe ich auch; halten Sie sich nur ruhig, damit Sie wieder gesund werden. Der alten Hanna geht's auch schon besser. Sie wissen doch, daß sie operirt worden ist?" Der Maler nickte. „Hoffe viel von ihrem zurückkehrenden Erinnerungsvermögen," fuhr der Commissar fort, „es geht natürlich langsam damit, doch stellt sich schon, je weiter die Heilung fortschreitet, eine erfreuliche Zunahme des erwachenden Verständnisses ein, just wie bei ganz kleinen Kindern. Vielleicht rettet Doctor Peters auch Ihre Sehkraft, Herr Reinhardt!" Dieser schüttelte traurig lächelnd den Kopf, wenn man ein solches Verzerren der einen Gesichtshälfte ein 310 Lächeln nennen konnte, und der Kommissar empfahl sich. — Er kehrte eiligst anstatt nach dem Polizeigebäude nach seiner Wohnung zurück, wo er sofort nach einem Herrn Wolfius sandte, welcher auch nach wenigen Minuten erschien. Dieser Mann machte den Eindruck eines Handwerkers, sowohl in seiner Haltung und seinen Manieren, wie in der Kleidung; alles war schlicht und einfach, aber höchst sauber an ihm. „Haben Sie eine Spur, Wolfius?" fragte der Kommissar halblaut. „Mr. Prien ist und bleibt eine mystische Person, Herr Kommissar," versetzte der Gefragte ebenso leise. „Möchte Sie wohl um einen unbestimmten Urlaub ersuchen." „Wollte es gerade vorschlagen, mein Lieber, und Ihnen mittheilen, daß der zweite Manschettenknopf des werthen Herrn in der Gegend des Thatortes gefunden ist. Er hat offenbar Unglück mit dem Verlieren oder muß lächerlich sorglos sein. Und nun noch eine überraschende Entdeckung, welche unser Polier Schulze gemacht hat." Wolfius horchte auf und runzelte die Stirn. „Schulze ist ein Schwätzer, man kann auf seine Aussagen nicht viel geben," sagte er achselzuckend. „Die Sache kommt mir allerdings auch ein wenig romantisch vor, sie betrifft nämlich den heimgekehrten Herrn Julius Stcindorf, welcher nach Schulze's Behauptung den bewußten rothen Strich besitzen soll." „Weiß denn der Schwätzer von der Bedeutung dieses Kennzeichens, Herr Kommissar?" „Gott bewahre, er hat doch die beiden Herren Marbach und Reinhardt oben im Gebirge getroffen, wobei er diesen Umstand gesprächsweise erwähnt haben soll. Da ich nun in der That ein wenig zweifelhaft darüber bin, ob die ganze Erzählung nicht vielleicht eine Hallucination des Malers ist, hervorgerufen durch das abscheuliche Attentat und dessen Folgen, so möchte ich Ihnen anheimgeben, den Polier selber mal vorsichtig darüber auszuforschen." „Das werde ich sogleich besorgen, Herr Kommissar," nahm Wolfius das Wort, „und Ihnen Bericht abstatten. Ich dürfte dann doch sofort abreisen?" „Ja, haben Sie Reisegeld? — Nehmen Sie lieber eine Summe für Extra-Ausgaben." Er öffnete seinen Schreibtisch und überreichte ihm einige Banknoten, welche Wolfius unbesehen in seine Brieftasche legte. „Sie sind über Ihre Reise-Route schon im Klaren?" fuhr der Kommissar fort. „Dann hätte ich den Müsse schon beim Kragen", versetzte der Detectiv achselzuckend. „Sie kennen mich, Herr Kommissar, und wissen, daß ich nicht unnölhig Geld ausgebe, hier aber —" „Schon gut, lieber Wolfius, Sie haben mein ganzes Vertrauen, unterrichten Sie mich von Zeit zu Zeit über Ihren Aufenthalt, es könnte sich hier etwas ereignen, was Ihre Weiterreise vielleicht unnöthig machen würde." „Soll prompt geschehen, Herr Kommissar!" Wolfius ging. Er sah sehr finster aus, als er die Straße wieder betrat, und murmelte eine Verwünschung in den Bart, welche den Polier betraf, der soeben vergnügt pfeifend um eine Ecke bog. „Sieh' da, Schulze, wenn man den Wolf nennt, kommt er gerannt. Komm', alter Freund, haben uns lange nicht gesehen, wollen ein Gläschen mit einander trinken." „Na, den Wolf könntest Du schon eher vorstellen, mein Junge," meinte der Polier, ihn verschmitzt anblinzelnd, „hast denn wirklich an mich gedacht?" „Versteht sich, bist doch beim Attentat im Gebirge ein Hauptheld gewesen?" „Ein schöner Held, der mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Habt Ihr denn noch immer keine Ahnung von dem Attentäter?" „Still," gebot der Detectiv mit einer so herrischen Geberde, daß Schulze erschreckt zurückfuhr. „Du bist ein unverbesserlicher Schwätzer, aber gnade Dir Gott, wenn Du jemals von mir sprichst." „Bist ja ein wahrer Wärwolf," grollte der Polier, „will mein Bier lieber allein trinken. Bin ein ehrlicher Kerl, dem die Polizei nichts anhaben kann. Gott befohlen, Herr Wolfius!" „Dummes Zeug, komm' mit, ich bin heut' verdammt schlechter Laune und muß mich ein halbes Stündchen unterhalten. Na, altes Haus, nimm's nicht übel." Wolfius hatte bei diesen Worten seinen Arm ergriffen und ihn halb gewaltsam fortgezogen. „Laß man, ich geh' schon freiwillig, hätt' bald wieder ein Verbrechen geschwatzt. Sage lieber gar nichts mehr in Deiner hohen Gegenwart." Sie gingen schweigenv durch die Straße. Wolfius ärgerte sich, einen großen Fehler begangen und den Freund sozusagen mundtodt gemacht zu haben. Er dachte darüber nach, ihn wieder vollständig zu versöhnen. „Herr Marbach wird wohl daraufgehen," begann er nach einer Weile, „thut mir leid um den armen, jungen Mann." Sckulze stieß einen grunzenden Ton aus. „Wir können auch einmal hier bet Nobbing einkehren," setzte Wolfius hinzu, „eine Flasche Wein mit einem kleinen Imbiß wirst Du nicht verschmähen, Alter, und da ich in einer Stunde abreise „Ach, Du willst reisen? — Na, denn man zu," sagte Schulze, seinen Groll bet der Aussicht auf den Wein vergessend, „wenn ich man fein genug für Rob- bing bin —" ..Unsinn, nur immer 'rein ins Vergnügen!" rief der Detectiv, „wir haben Moses und die Propheten in der Tasche, das genügt." Nobbing war ein respektabler Weinkeller für Kaufleute, Studenten und den sonstigen mohlsituirten Mittelstand, wohin der Polier Schulze seinen Fuß nicht zu setzen gewagt hätte. So aber folgte er, wenn auch ziemlich schüchtern, seinem Freunde, dessen sicheres Auftreten er im Stillen bewunderte. Dieser fahrte ihn in ein kleines Separat-Cabinet und ließ so nobel auftischen, daß Schulze ganz gerührt wurde und ihm wiederholt die Hand drückte. Er stieß mit ihm an und wurde wieder gesprächig, worauf er sofoit von seinem Lieblingsthema, dem Attentat, erzählte. „War denn der Herr Steindorf nicht auch dabei?" fragte Wolfius, „ich meine doch, seinen Namen dabei gehört zu haben." „I bewahre, der war nicht zugegen, den hatte ich am Pfingstmorgen früh, so um viere, schon dort oben getroffen und den beiden Herren davon erzählt." 311 „Siehst Du, mein Junge, so entstehen Gerüchte aus halben Worten und Aeußerungen," sagte Wolfius lächelnd, „man erzählte mir, daß jener Steindorf ebenfalls von der Explosion getroffen und am Kinn verwundet worden sei. — Auf Dein Wohl!" setzte er hinzu, ihm sein Glas entgegenhaltend. Schulze stieß kräftig mit ihm an und leerte das seine mit einem verklärten Gesicht. Dann nickte er dem Freunde vergnügt zu. „Das ist spaßhaft, weißt Du, — diese Wunde am Kinn ist richtig, aber man blos ein Bischen alt, wcil's schon lange eine Narbe geworden ist." „Ach, was Du sagst, woher weift Du denn das, alter Schwede?" Schulze erzählte nun ziemlich umständlich, woher er diese Wissenschaft habe, und lachte dann unbändig darüber. „Na, es kann dem Herrn am Ende nicht ganz lieb sein, in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden," Unterwegs traf er den Landbricfträger. „Sie wissen wohl nicht, Herr Wolfius, ob Herr Marbach schon wieder in Rotenhof ist?" „Nein, mein Lieber, der liegt noch todkrank oben im Försterhause." „Aber Herr Reinhardt, Sie wissen wohl, der Maler?" „Der ist wieder in seiner Wohnung hier in der Stadt." „Daß Dich, nun haben sie mir die Briefe für ihn richtig wieder mitgegeben," knurrte der alte Briefträger, „es ist doch die Möglichkeit! Muß auch ein Pocket für ihn mitschleppen. Will man lieber gleich in die Post zurück." „Wollen Sie's mir anvertrauen? Ich muß gleich nach dem Bahnhöfe und komme am Hause des Malers vorbei." Der Briefträger griff in seine Umhängetasche und zog eiu Päckchen zusnmmengebündener Briefe hervor. -SS», Prinzessin Alix von Hrssen und Grosisiirst-Thronfolger Uirotat Alexandrowitsch von pusilnnd. bemerkte Wolfius nach einer Weile, „könnte die Sache auch verdunkeln. Sprich lieber nicht weiter darüber, Schulze, mit diesem Herrn Steindorf soll nicht zu spaßen sein." „O, ich will mich hüten, mein Junge, weiß wohl, daß mit solchen Herren nicht gut Kirschen essen ist." „Zumal er nächstens die Herrin von Edenheim heirathen und bei Marbach's Tode voraussichtlich auch wieder in den Besitz von Notenhof kommen wird. Es wäre unklug, einen solchen Mann zu beleidigen." „Gewiß, gewiß, null mir nicht den Mund damit verbrennen." Wolfins sah nach seiner Uhr. „Es wird jetzt leider Zeit für mich, muß noch erst nach Hause und dann im Sturmschritt nach dem Bahnhöfe." Er winkte dem Kellner, zahlte und verließ mit dem animirten Polier das Lokal, um sich auf der Straße sofort mit einem kräftigen Händedruck von ihm zu trennen. „Nee, das ist für Edenheim," brummte er, nachdenklich vor sich hinblickend, „will doch lieber selbst zu Herrn Reinhardt gehen," setzte er dann seufzend hinzu, „es ist mir freilich aus dem Kehr, aber doch immer noch näher als nach der Post. Nehmen Sie's nicht übel, Herr Wolfius, es köniu' mir eine Nase, und das eine gehörige, einbringen." „Haben ganz recht," sagte Wolfius beistimmend, „die Pflicht geht über Alles, mein lieber Herr Fischer." Er schritt eiligst weiter, während auch der Briefträger seinen Weg rasch fortsetzte. — Das Gesicht des Detectivs hatte sich merkwürdig erhellt. Er war ein findiger Kopf, aber auch seine Augen waren sehr scharf und findig, und diese hatten mit einem Blick eine sehr wichtige Entdeckung gemacht. Wolfius hatte den obersten Brief des Päckchens für Edenheim, welcher in eleganter Handschrift die Adresse des Frauleins Armgard Holten trug, aufmerksam betrachtet, absonderlich aber den scharf ausgeprägten Aufgabestempel der Poststation, welcher den 312 Namen einer kleinen hannoveeschen Stadt trug. Die Adresse dieses Briefes war durchweg mit lateinischen Buchstaben geschrieben und trug einen' fremdländischen Anstrich. Der schlaue Detcctiv zweifelte keinen Augenblick daran, wer diese Adresse geschrieben. Mit langen Schritten eilte er jetzt zu dem Kommissar, welcher nicht mehr daheim war, aber die Nachricht hinterlassen hatte, daß er im Polizei-Gebäude zu sprechen sei. Wolfius sah nach der Uhr, er hatte keine Minute mehr zu verlieren, da er noch seine Reiseiasche aus der eigenen Wohnung holen mußte. Er besann sich kurz, riß ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche und schrieb mit Bleistift darauf: „Habe keine Zeit mehr zur persönlichen Aussprache, bitte Schulze nicht mehr auszuforschen, ist geschehen, zweifelhaftes Resultat, will sehen, was daraus zu machen ist. — Gebe bald ausführliche Nachricht. W." Diesen Zettel steckte, er in ein kleines Couvert, von welchen er stets eine Anzahl bei sich führte, adressirte es und gab es dem Mädchen mit der dringenden Aufforderung, das Bricfchen sofort ihrem Herrn zu senden. Dann eilte er im Fluge davon, holte die Reisetasche und kam just in der letzten Minute auf dem Bahnhof an, wo der Zug bereits zur Abfahrt bereit stand und nach wenigen Minuten auch mit ihm davonbrauste. Mittlerweile war ein Herr am Polizeigebäude vor- gcfahren, welcher den Herrn Criminal-Commissar zu sprechen wünschte. Er wurde vorgelassen und stellte sich dem Kommissar als Wr. John Hilbrecht aus Chicago vor. „Ein gewisser Air. Marbach telegraphirte vor einigen Wochen an meinen Vater," fuhr der junge Amerikaner dann fort, „wir sollten ihm einen Detcctiv schicken, welcher den durchgebrannten Schuft, den William Prien, persönlich gekannt. Blein Vater war krank und ein Detcctiv nicht aufzutreiben, weil der einzige, der ihn kannte, just von einem Spitzbuben todtgeschossen war. llovs, ich hasse diesen Prien, Sir, er hat den ehrlichen Mr. Warneck um die Ecke gebracht; ^vail, sag' ich zu meinem Vater, ich gehe selbst hinüber, macht mir Spaß, dem Kerl den Strick zu drehen, und da bin ich, Sirl" Der Kommissar war über den ungenirten Mr. Aankce ebenso sehr überrascht als erfreut. Er schüttelte ihm die Hand und lobte seinen raschen Entschluß, der an lineigennützigkeit seinesgleichen suche. 8ir!" rief Mr. John, behaglich lachend, „nix dergleichen. Ich hasse den feinen Schuft mit der hübschen Fratze, weil er mir ein wunderhübsches Frauenzimmer weggeknpert hat, und er war verheirathet. — Lioäclarn, — meine Braut, Sirl" Er war bei den letzten Worten wieder ernst geworden und schlug erbost mit der Faust auf den Tisch. „Wo ist Mr. Prien?" setzte er dann hinzu. „Ja, wenn wir das wüßten, Mr. HilbrechtI" erwiderte der Kommissar achselzuckend. „Der Bursche ist im Grunde hier noch gar richt aufgetaucht, wenigstens nicht unter seinem rechten Namen." „Würde sich auch hüten, Sirl Aber woher muth- maßen Sie denn —" Der Kommissar schloß seinen Schreibtisch auf und nahm den Manschettcnknopf heraus. „Dieser Knopf ist gefunden worden," sprach der Kommissar, „Herr Warneck hat denselben für das Eigenthum jenes Mr. Prien erklärt." Hilbrecht nahm den Knopf und besah ihn aufmerksam von allen Seiten. „las," sagte er mit Bestimmtheit, „der Knopf gehört ihm. — Ich war auf dem Gut des Mr. Marbach, der im fremden Hause todkrank liegt, was bedeutet das Alles, Sir?" „Ich will Ihnen in aller Kürze mittheilen, Mr. Hilbrecht, was wir in der letzten Zeit, also genau seit dem Abend vor Pfingsten, an unheimlichen Ereignissen hier erlebt haben, ohne daß es uns möglich gewesen, dem Attentäter auf die Spur zu kommen. Daß die Schandthaten von einer und derselben Persönlichkeit verübt worden sind, steht für mich außer allem Zweifel, und zwar ist es dieser geheimnißvolle Mr. Prien, den Niemand hier in der Stadt oder Umgegend gesehen oder beherbergt haben will." (Fortsetzung folgt.) t-SM-t—-- Wie lange vermag der Mensch zu hungern?^ Diese interessante Frage ist durch das aufregende Ereigniß vom Lurloche wieder actuell geworden. Man hat schon viel über sie geschrieben und docirt, allein die Grenze, bis zu welcher ein Mensch den Hunger ertragen konnte, verrückte sich immer wieder, und an Stelle der äußersten Annahme traten noch Ueberbietungen. Welches Aufsehen war es seinerzeit, als Dr.Tanner die vierzigtägige Hungercur durchzumachen begann, und wie wurde die Wissenschaft davon beherrscht, als er sie zu Ende geführt hatte! Und doch überboten ihn im Jahre 1886 die beiden Italiener Stefano Merlatti und Signor Succi, die beiden berühmtesten Hungerleider der Gegenwart. Ersterer nahm fünfzig Tage hindurch keine Nahrung zu sich, Letzterer gab die Fastenzeit nach 41 Tagen auf, wiederholte jedoch das Experiment in London, wo er im Aquarium Westminster 52 Tage fasten wollte, die Probe jedoch nach 44tägiger Dauer wegen Entkräftung aufgeben mußte. Allerdings waren das Hungerkünstler. In diesem Worte liegt die Bedeutung ihrer Versuche. Sie fasteten unter vorher selbst bestimmten Umständen, unter Beobachtung einer gewissen körperlichen Diät, nach den Regeln eines gewissen Trainings. Anders aber steht der Fall, wenn man wider seinen Willen zum Hunger verurtheilt ist, wenn die Möglichkeit mangelt, Speise zu sich nehmen zu können, und wenn nicht alle Umstände vorhanden sind, die das Hungern zu einem Sport, sondern zu einer der traurigsten Nothwendigkeiten machen. Mit solchen Fällen hat sich denn auch die Wissenschaft viel ernster beschäftigt, als mit den Hungerkunststückchen, und einer unserer hervorragendsten Physiologen hat seine Beobachtungen bereits vor Jahren in einem interessanten Artikel niedergelegt. — Danach ergeben beglaubigte Fälle, in welchen beim Menschen der Erschöpfungstod durch das Fehlen jeglicher Nahrung herbeigeführt wurde, eine mittlere Hungerfrist von acht Tagen für den erwachsenen Menschen. Der mit seinen Söhnen im Thurm der Gualandi dem Hungertode preisgegebene Graf Ugolino Gherardesca, dessen entsetzliches Ende Dante in der „Oi- vina. ooruiusäia" behandelt, starb, nachdem er alle seine Söhne hatte hinsterben gesehen, in acht Tagen. Allein in vereinzelten Fällen sind beim Menschen viel längere Hungerperiodcn beobachtet worden. Im „Kours ci'^nutorvis rasäleulö" in Paris vom Jahre 313 1804 berichtet der berühmte Arzt Portal über die Ver- schüttung von Arbeitern in einem kalten, feuchten Steinbruch, aus welchem dieselben nach vierzehn Tagen noch lebend, mit kleinem, schwachem Puls und sehr gesunkener Körpertemperatur, herausgezogen und gerettet wurden. Einige besondere Momente sind aber auf die Dauer, während welcher der Mensch den Hunger ertragen kann, von größtem Einflüsse. Er kann viel länger ausgehalten werden, wenn nicht zugleich auch der Durst mitertragen werden muß, sondern Wasser für den Genuß vorhanden ist. Dann haben auch Körperruhe, der geistige und physische Zustand ein gewichtiges Wort mitzureden. In einerNummer des Hufeland'schen „Journals der praktischen Heilkunde" aus dem Jahre 1811 ist beglaubigt mitgetheilt, daß im März 1809 sieben Männer siebzehn Tage hindurch auf ein Sträfling, der alle Speisen zurückwies und bloß Wasser trank, erst nach 63 Tagen. Dieselben Beobachtungen haben Schmidt und Bischof gemacht, die auch große Erfahrungen über den Einfluß der körperlichen Ruhe beim Hungern machten. Mehr aber noch als die Körperruhe vermag, wie schon bemerkt, die abnorme physische oder geistige Beschaffenheit des Hungernden. Nach einer Mittheilung der „Ilistoirs da l'Uea- äöwie des 8oisnes8 1769" wurde ein pensionirter Offizier, der früher wegen seines edlen Charakters, seiner umfassenden Bildung und seines außerordentlich starken Gedächtnisses geschätzt und beliebt war, wegen einer geringfügigen Geistesstörung auf die Festung Saumur gebracht. Dem Commandanten schien der Zustand des Offiziers II II » «II , > 'S-^7, ikÄS'I MM Der Jungfernsprung zu Kandsberg. einer Eisscholle in der Ostsee umhertrieben und nichts als geschmolzenes Meerwasser zu sich nahmen, bis sie endlich von Inselbewohnern lebendig geborgen werden konnten. Daß der Hungertod durch Waffergenuß oft bedeutend hinausgeschoben werden könne, weist auch Haller nach, der in seinen „Elementen der Physiologie" eine ganze Reihe von Hungerfällen beim Menschen, bis zu 28tägiger Dauer reichend, mittheilt. Chossat erhärtete diese Thatsache durch Versuche an Kaninchen, und Tiedemann erzählt in seinem grundlegenden Werke „Physiologie des Menschen", daß er bei Melancholikern, welche keine Speisen, sondern nur Wasser, zu dem auch viele Irrsinnige bei Verweigerung der Aufnahme fester Nahrung greifen, genossen, eine mittlere Lebensdauer von 44*/g Tagen constatirt habe. Ja, zu Toulouse starb im Jahre 1831 so wenig gefährlich, daß er ihm gestattete, in der Stadt umherzugehen. Hiebei erfuhr er, daß ihn seine Familie vernachlässige. Das veranlaßte ihn, sofort nach seiner Heimath abzureisen, wo er aber festgenommen wurde, um wieder nach Saumur gebracht zu werden. Als man ihn nunmehr dort festhielt, verfiel er in Wahnsinn und verweigerte die Nahrungsaufnahme. Volle 16 Tage nahm der Offizier nicht die geringste feste Speise zu sich, doch am fünften Tage forderte er Branntwein. Man gab ihm Anisette, er verzehrte denselben in drei Tagen und verlangte darauf nochmals denselben Ligueur. Von der ihm nun zugemessenen Nation schüttete er in jedes Glas Wasser, das er trank, drei Tropfen und reichte damit bis zum 39. Tage aus, bis zu welchem er im Ganzen 58^/z große Kannen Wasser getrunken hatte. Am 39. Tage hörte er auch zu trinken auf und nahm nun ganze acht Tage hindurch absolut nichts zu sich. An diesem Tage trat zufällig ein junges Mädchen bei ihm ein Er sah, daß es ein Stück mit Käse belegtes Brod in der Hand trage, und dieses weckte seinen Appetit derart, daß er zu essen verlangte. Man gab ihm Suppe, etwas Reisschleim und allmälig wieder die gewöhnliche Kost. Er wurde heiterer, kam zu Sinnen, und man glaubte ihn bereits geheilt. Als er jedoch wieder zu normalen Kräften gelangt war, verfiel er auf's Neue in Wahnsinn und starb. Gewiß ein ganz außerordentlicher Fall, der die Widerstandsfähigkeit des Menschen gegen den Hunger illustrirt. Zum Schlüsse sei, abgesehen von der sensationellen Gruben- katastrophe von Przibram im Jahre 1892, bei welcher von den 70 Geretteten der größere Theil 9 bis 11 Tage lang ohne Licht und Nahrung begraben war, noch ein Fall erwähnt, der bedeutendstes Aufsehen erregte: die Ver- schüttung der drei Bergarbeiter Jacob Schatek, Franz Makrlik und Heinrich Horak, welche am 4. Juli 1892 in der Emeran-Zeche bei Bilin lebendig begraben wurden und erst nach 17 Tagen, nachdem man sie schon längst für todt gehalten, gerettet werden konnten. Man fand sie zusammengekauert, hilflos, zum Skelett abgemagert, aber noch athmend und lebend vor. Außer zwei Einkreuzer- semmeln hatten die Unglücklichen keine Nahrung bei sich gehabt. Vorn Hunger gepeinigt, verzehrten sie den Leibriemen Schateks, zwei lederne Tabaksbeutel und ein Pfeifenrohr, das sie in drei Stücke getheilt hatten. Nur Makrlik behielt seine Geistesgegenwart. Er allein holte zwei- bis viermal im Tag von einer 80 Meter entfernten Stelle für seine Kameraden und sich. Wasser, das den Hunger ein wenig milderte. Zuletzt mußte aber der Held alle seine Willenskraft aufbieten, um den Gang noch machen zu können. Trotzdem hätten die Leute ärztlicher Ansicht nach noch drei bis fünf Tage gelebt, ehe sie, wenn man nicht zu ihnen gelangt wäre, der Erschöpfung erlegen wären. Wunderbar sind die Kräfte der Natur. Sie hat den Organismus des Menschen, wenn es gilt, unabwendbarer Nothwendigkeit sich zu fügen, mit eiserner Zähigkeit und Widerstandskraft ausgerüstet und ihn zum Kampfe mit dem Schicksale befähigt. Angenehmer aber ist es jedenfalls, nicht aus eine solche Probe gestellt zu werden; es dürfte sich so Mancher dafür bedanken, zu wissen, wie viele Tage es ihm möglich gewesen, zu hungern. -—- Zu unseren Bildern. Prinzessin Atix von Hessen und Großfürst-Thronfolger Uirolai Alexandrowitfch von Rußland. Seit über fünf Jahren, seit jenem Tage, an welchem der Prinz das zwanzigste Lebensjahr überschritt und an welchem alter Gewohnheit zufolge die Verlobung der russischen Thronfolger prvklamirt wird, ist seine Verlobung in den Zeitungen aller Länder wie nickt minder in den politischen und gesell- sckastlichen Kreisen derselben immer und immer wieder der Gegenstand eingehender, langer Verhandlungen gewesen. Mit Dutzenden von Prinzessinnen, mit deutschen, griechischen, dänischen, montenegrinischen, orleanistischen, hat man ihn verlobt, immer neue Projekte tauchten auf, immer neue Namen wurden genannt, und hatte ein Leitartikel schreiber einmal- absolut keinen Stoff mehr für seine politischen „Entrefilets", so brachte er flugs irgend eine von ihm erdachte abermalige Verlobung des zukünftigen russischen Kaisers zur Sprache und knüpfte daran allerhand weise Erörterungen über die fernere Gestaltung der mit besonderer Vorliebe damit in Zusammenhang gebrachten „allgemeinen politischen Lage". Dieses Thema ist nun endgültig und glücklicherweise — wie vie'e Leser der Tageszeitungen sagen werden — abgethan: am 20. April hat in Koburg die feierliche Verlobung des Großfürsten Nicolai Alexandrowitfch mit der Prinzessin Alix von Hessen stattgefunden, eine deutsche Fürstin wird also dereinst aus dem Throne der Romanows sitzen und, wie wir hinzufügen können, eine eben so schöne wie liebenswürdige Fürstin. Prinzessin Alix — dem ersten Vornamen schließen sich noch Victoria Helena Luise Beatrix an — ist als jüngste Schwester des jetzt regierenden Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen am 6. Juni 1872 in Darmstadt geboren worden. Sie genoß seitens ihrer Eltern und namentlich seitens ihrer edlen Mutter Alice die sorgfältigste Erziehung, welche am Hofe der Königin Victoria von England, der Großmutter der Prinzessin, vollendet wurde. Der Großfürst-Thronfolger, am 18. Mai 1868 in Petersburg geboren, vollendete vorgestern sein 26. Lebensjahr; von seinen Eltern, die, wie man weiß, das innigste und glücklichste Familienleben führen, wurde er lange Zeit hindurch den Zerstreuungen der höfischen Welt ferngehalten und dann auf eine Reise um die Erde gesandt. Allen Verlobungsplänen, die sein Vater mit ihm hatte, ging der Großfürst aus dem Wege, allerdings war die Auswahl keine große, denn Kaiser Alexander III. wünschte nicht, daß die einstige russische Kaiserin eine andersgläubige Prinzessin sei und erst vor ihrer Vermählung zur griechisch-orthodoxen Kirche übertreten müsse, er wollte gleich eine im Schooße ter „rechtgläubigen" Kirche erzogene Prinzessin als Gemahlin für seinen Sohn haben. Deßhalb ließ er die drei Töchter des Fürsten von Montenegro nach Petersburg kommen und ihnen daselbst die sorgfältigste und kostspieligste Erziehung zu Theil werden; aber der Großfürst verzichtete auf die Montenegrinerinnen und machte es mit den griechischen und dänischen Prinzessinnen, die darauf in Vorschlag kamen, nicht anders, bis er jetzt endlich die richtige Lebensgefährtin gefunden hat. Der Jungfernsprung zu Kandsderg a. K. Im April 1633 kam General Torstenson vor die Thore der Stadt Landsberg und verlangte ihre Uebergabe. Ungeachtet die Bürger der Unterstützung kaiserlicher Truppen entbehrten, entschlossen sie sich dennoch zur Gegenwehr, bielten ein fünftägiges Feuer aus und brachten durck Ausfälle dem Feinde nicht unerheblichen Schaden bei. — Endlich, nachdem bereits Bresche geschossen und der Pulvervorrath der Stadt erschöpft war, entschloß sich die Stadt zur Uebergabe. Noch ehe aber die Kapitulationspunkte festgestellt waren, drangen die Schweden Nachts in die Stadt und erfüllten sie mit den Greueln des Mordes und der Plünderung. Bei dieser Gelegenheit war es, daß mehrere Frauen und Jungfrauen Landsbergs, deren Namen das pfarrliche Todtenbuch erhalten hat, sich vor den nacheilenden Feinden die Mauern hinabstürzten, um auf solche Weise der Entehrung zu entgehen. Noch heute wird die Stelle, an welcher sich die heldenmüthigen Frauen den Tod gegeben, vom Volke der „Jungfernsprung" geheißen. Die Namen der Frauen und Jungfrauen, welche bei der Plünderung der Stadt durch Torstenson getödtet wurden, und welche das pfarramtliche Todtenbuch aufführt, sind folgende: 1. Frau Ketzin, 2. Regina Kleinin, 3. Frau Dauscherin, 4. u. 5. Barbara Gremerin mit ihrer älteren Tochter, 6 u. 7. Maria Stadtpfeiferin mit ihrer Tochter, 8. Maria Auerin, 9 Maria Jägerin (virZo eastissima xroxter virKinitatem liorribiliter inactata), 10. u. 11. Maria Prcnzin mit ihrer Tochter, 12. Wittwe Katharina Schottin, 13. u. 14. zwei kleine Mädchen, 15. eine Austräglerin mit ihrer Tochter, 16. Stadtzieglerin Lother mit ihren Töchtern, 17. Maria Lengfeldnerin, 18. eine Frau Schmid, 19. Frau Pössenmeierin, 20. Anna Doltzin, 21. Corona Weierin, 22. Apollonia Ulrichin, 23. Justin« Weißin, 24. Margaretha Christeinerin, 25. Anna Fleischnitzin, 26. Anna Wiedemannin, 27. Marg. Wörlin, 28. Apollonia Jegerin, 29. Apollonia Gumposchin, 30. Euphrosina Gaiin, 31. Maria Weixin, 32. Von einer gewissen Stoffel ist gesagt, daß sie von den Schweden getödtet und in der Muttergotteskirche (Pfarrkirche) neben dem Muttergottesbilde zerstückelt worden sei. (Oesissa a. 8nsois in tsinplo L. N. V. juxta iinag'ius transssota.*) Der neueste Dacillus. Bacillenwuth ist selbst in die stille Klosterzelle gedrungen. Einer der hochw. Patres beschäftigt sich schon seit langer Zeit *) Allweiter Lib. XVIII §27 f. 289 sagt: »kusllasaliguas <1s alto xrasoixisntss (s manidus Iiostiuin) svassrs.« (Einige Mädchen, welche sich von der Höhe herabstürzten, sind dadurch den Händen der Feinde entronnen.) Der neueste DaelUus. Nach einem Originalgemälbe von S. Th. Nauecker. Photographie lin Verlage von Franz Hanfst a en gl, Kunstverlag, A. D. in Miinchen. W E Ks^k?- KWW UWE 7OV' NKW KO»tz VE' MN t 316 mit rmktoskvpischen Untersuchungen, ohne daß es ihm gelungen wäre, .ine neue Entdeckung zu machen. Er ist von seinem Mißgeschick wenig erbaut und wird in die höchste Aufregung versetzt, als ihm ein anderer Ordensmann mittheilt, er habe nun einen neuen Bacillus entdeckt und ihn regelrecht unter das Vergrößerungsglas gebracht. Ob der neueste Bacillus irgend ein kleines Thier oder ein minimaler Theil der Prise ist, die einer der zuschauenden Patres seinem Riechorgan zuführen will, ist auf dem Bilde leider nicht zu unterscheiden. Jedenfalls kann man sich an der sorgfältigen Ausführung der Details und an der vorzüglichen Zeichnung erfreuen, die Rauecker geliefert hat. - Allerlei. Ein socialistischer Mönch. Am 16. April haben die Trappisten auf dem Oelenberg bei Mülhausen im Elsaß einen ihrer Mitbrüder begraben, einen alten Mann von 78 Jahren, einfach und arm, wie es die strenge Regel vorschreibt, und doch hat der Mann mehr für seine Mitmenschen gethan, als Mancher, der in der Welt glänzt und Titel und Orden trägt. Von dem Manne nur ein paar Zeilen. In der Welt hieß er Alois von Bostel und stammte aus vornehmer westfälischer Familie, die zu Bocholt ansässig war, wo Alois 1816 geboren wurde. Zum Glanz und Reichthum der Familie kam eine glänzende Begabung; dem Jüngling stand in der That die Welt offen, kein nothwendiges Mittel fehlte, um jede Stellung mit Erfolg anzustreben. Da ging Alois von Bostel in's Seminar und wurde katholischer Geistlicher. Der junge Priester war der Schwestcrfohn des Kardinals von Diepenbrock, Fürstbischofs von Breslau. Diepenbrock war ein ganz ausgezeichneter Bischof, und, was nicht jedem Bischof zu Theil wird, er besaß in hohem Grade das Ohr seines Königs, Friedrich Wilhelms IV. von Preußen. Es wäre dem jungen Bostel ein leichtes gewesen, in der Diöcese des Onkels geistliche Carriäre zu machen. Er ließ aber den Onkel in Breslau und blieb in der Heimathsdiöcese Münster einfacher Pastorationsgeistlicher, wie andere auch. Diepenbrock starb. Pfarrer Alois von Bostel war bereits 42 Jahre alt geworden. Da verließ er Welt und Heimath. Auf dem Oelenberg trat er im Jahre 1858 in den strengsten aller Orden, um alles abzulegen, was an weltliche Ehre und irdischen Besitz erinnert, und die eigene edle Person in Buße und Schweigen zu begraben. Bald sollte indeß der neue Name des Ordensmannes, Fulgentius, bekannter werden, als der des westfälischen Edelmannes Alois von Bostel. Ill Fulgentius — der „Leuchtende" würde es auf deutsch heißen — wurde „Beichtvater der Fremden", d. h. der Geistlichen und Laien männlichen Geschlechtes, welche das Kloster Oelenberg besuchten. Wer selbst dort war, weiß, daß kein Tag vergeht, ohne daß „Fremde" kommen; neben Hunderten von Geistlichen Männer aus allen Lebensstellungen : Jünglinge in Bernfszweifeln, junge Männer, die nach der Zeit des Sturmes und Dranges wieder ihren Frieden mit Golt machen wollen, auch Geheimkatholiken aus der vornehmeren Gesellschaft und Beamtenwelt, die daheim nicht beichten mögen. Für sie alle war der Fulgentius ein überaus milder, freundlicher und dabei eifriger Berather und Seelsorger, und wer einmal dagewesen, kam immer wieder, so daß der gute Pater täglich von dem kleinen Oratorium aus stundenlang daran arbeitete, Gott zu versöhnen und der Welt den Frieden zu geben. Auch brieflich war er in letzterem Sinne vielfach thätig, und Hunderte, die ihren Beruf gefunden, ihren Seelenfrieden wiedererlangt, von Lebensüberdruß und Verzweiflung geheilt, zu ihrer Pflicht und damit zu ihrem Lebensglück wiedergekommen, mußten, nach der Ursache so günstiger Fügung gefragt, den Namen des ?. Fulgentius nennen. Mit Recht schreibt das „MülhauserVolksblatt": „k. Fulgentius wird nicht so bald vergessen werden, besonders nicht von jenen unzähligen Seelen (nota. staiis, es sind ausschließlich „Männerseelen", da Frauen im Kloster keinen Zutritt haben), die er im Beichtstuhl von Oelenberg so wunderbar zu trösten und zu einem tugendhaften Leben anzuleiten gewußt hat." Jetzt ruht der edle Greis auf dem Trappistenfriedhof zu Oelenberg, ohne Sarg der Mutter Erde übergeben, wie es die Regel vorschreibt, im glatt geebneten Grab. Nur ein Holzkreuzchen, nicht 20 Pfennig werth, weist die Stätte, wo der westfälische Edelmann seinen Lebensweg vollendet, in freiwilliger Armuth und langer Buße für sich selbst, in unermüdlichem Wohlthun und Sorgen für die höchsten Anliegen seiner Neben- menschen. * - Eine hübsche Stilblüthe zeitigte einer der höchsten geistlichen Würdenträger in Berlin bei Gelegenheit der Konferenz der Jungfrauenvereinsvorstände. Bei einer an den Gang der Jünger nach Emmaus anschließenden Nutzbetrachtung kam er zu dem Schluß: „Wer einen Spaziergang in's Grüne ohne Gott macht, läuft in's Blaue." Polizeiverordnung. Mit anbrechender Dunkelheit hat fortan jedes Fuhrwerk eine Laterne zu brennen. Die Dunkelheit tritt ein, wenn die Straßenlaternen angezündet werden. —«-8Ü84—-- Schachaufgabe. Schwarz. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. (Wir bitten, bei dieser Aufgabe nicht gleich ein Versehen des Setzers zu vermuthen, wenn auch dem geübten Löser die Lösung eigenartige Schwierigkeiten bereitet. Weiß verbirgt durch ein sehr feines Scheinmauöver die von ihm befolgte Idee!) Auflösung des Arithmogryphs in Nr. 38: Leopard, Opal, Perle, Oel, Adele, Leo, Alce, Paar. Auslösung des Bilder-Räthsels in Nr. 39: Frauen kann man überreden, nie überzeugen. .- --