HL4S. -» „Augsburger PostMungv. Ireitag, den 25. Mai 18SH Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarilchen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Der Commtssar erzählte jetzt vsn dem Blitzstrahl/ welcher das Haus der alten Tante Hanna eingeäschert, und dem seltsamen Befund dex Greisin, sowie ihrer Beraubung durch fremde Hand; von den tödtlichen Schüssen im Hohlwege, durch welche zwei Menschenleben vernichtet worden und ein drittes nur durch ein Wunder dem sicheren Tode entgangen war, und schloß mit dem ebenso unheimlichen Attentat oben im Gebirge, welches wiederum zwei Opfer gekostet habe, von welchen das eine wahrscheinlich dem Tode verfallen, das andere halbblind bleiben werde. „Ooääaml" rief der Amerikaner, sich erregt erhebend, „und der Hund sollte lebendig davon kommen? — Er ist hier im Ort gewesen und keiner weiß von ihm? — Den hätten wir drüben schon gepackt und gelyncht. — Gar keine Spur von ihm als diese Knöpfe? — Ich kalkulire, daß er den zweiten in der Westentasche getragen hat, weil Mr. Prien zu sehr Dandy war, um verschiedene Knöpfe zu nehmen. Gar keine andere Spur, Sir?" Dem Kommissar wurde in diesem Augenblick von einem Schutzmann ein Brief überreicht. Er riß das Couvert auf und überflog die mit Bleistift geschriebenen Zeilen. „Keine Antwort nöthig," sagte er, worauf sich der Schutzmann zurückzog. „Dies Briefchen kommt von meinem geschicktesten Detectiv," fuhr er rasch fort, „er ist auf der Suche nach Mr. Prien, und wenn einer, so findet er den Patron. — Haben Sie schon ein Unterkommen, Mr. Hilbrecht?" „Im Kronprinzen wohne ich." „Gut, ich erwarte bald Nachrichten von meinem Detectiv —" „Wo ist er?" fragte Hilbrecht ungestüm, „ich will hin zu ihm, ohne mich kann er nichts anfangen, weil er den olä ido^ nicht kennt." „Wo er ist, oder welche Reiseroute er eingeschlagen hat, kann ich Ihnen leider nicht sagen," erwiderte der Commtssar bedauernd. „Es ist auch besser, daß er allein seiner Spur folgt, da Sie von jenem Prien gesehen und erkannt werden könnten, was seine Ergreifung vielleicht ganz unmöglich machen würde. Besser, Sie halten sich hier ruhig im Hintergrund, Mr. Hilbrecht, bis mein Detectiv geschrieben hat." „Das wird mir verdammt schwer fallen," meinte der Amerikaner, „ich kann nicht faulenzen. Vielleicht ist der Schuft auch noch hier, und wenn ich ihm be- gegnen sollte —" „Dann halten Sie ihn fest, wie?" „Lzf ckovs, ich halt' ihn fest, er soll mir nicht entkommen." Der Kommissar betrachtete ihn nachdenklich. „Wollen Sie mich zu Mr. Marbach begleitend" fragte er plötzlich. „0 ^88, 8ir, mein Wagen, der mich hierhergefahren, hält noch vor der Thür." „Vortrefflich, dann kann's gleich losgehen." Er klingelte und gab dem eintretenden Schutzmanne einige Befehle, worauf sie das Gebäude verließen und der Wagen mit ihnen davonrollte. Der Kommissar ließ bei der Brandstätte halten, um Mr. Hilbrecht einige Erklärungen über den Fundort deS einen Manschettenknopfes zu geben, und zeigte ihm dann später, als sie durch den Hohlweg fuhren, die Stelle, wo Warneck und das kleine Mädchen erschossen worden waren. „Ja, zu schießen versteht er," sagte Hilbrecht, bewundernd nach der Höhe, von wo die Schüsse gefallen waren, hinaufschauend. „Trifft den Vogel im Fluge und hat, glaub' ich, noch nicht ein einziges Mal sein Ziel verfehlt." „Hat wohl den amerikanischen Krieg mitgemacht?" fragte der Kommissar. „0 no, war viel zu jung dazu, höchstens zehn Jahre drüben gewesen." „Kannten Sie seine Frau, Mr. Hilbrecht?" „O ^68, eine Lady vom Kopf bis zu den Füßen, — früher eine Schönheit gewesen, früh Ruine geworden, ihr Mann war ein Schurke gegen sie, verspielte Alles und hinterging sie. Er hat sie umgebracht durch Schlechtigkeit. Starb im letzten December, arme Frau!" „Der Kerl muß ein Unikum an Niederträchtigkeit sein," bemerkte der Kommissar, „dabei schlau und feingebildet, ein Apoll an Schönheit, ich bin wirklich recht begierig darauf, die Bekanntschaft dieses Mr. Prien zu machen." „Armer Mr. Warneck," brummte Hilbrecht, „war 818 ein so wackerer Mann, — und tapfer, sag' ich Ihnen, tapfer und umthig, ein Herz wie Gold. Gnade Gott, wenn mir sein Mörder zwischen die Finger geräth." „Sie dürfen ihm nicht ein Haar krümmen, Mr. Hilbrecht!" rief der Kommissar beinahe ängstlich, „der ist für etwas Besseres aufgespart." „Versteht sich, Sir! — aber halten werde ich ihn, und wenn ich mit ihm auf Leben und Tod kämpfen muß." „Dann sind Sie mein Mann! — Kutscher!" rief der Kommissar, „Sie können langsam weiter fahren und nach dem Försterhause einbiegen, wir machen den Weg über's Gebirge." Sie waren ausgestiegen, und der Wagen fuhr weiter, während sie jenen steilen Pfad bestiegen, um oben die interessanten Punkte in Augenschein zu nehmen. Als sie sich dem Platze der Explosion näherten, sah der Kommissar dort den Förster mit einer Dame stehen, in welcher er zn seiner Ueberraschung Fräulein Holten erkannte. Sie kannte ihn nicht, erwiderte jedoch freundlich seinen ehrerbietigen Gruß und horchte auf, als der Beamte dem ihm bekannten Förster den Amerikaner vorstellte. „Mr. Marbach hat an meinen Vater telegraphirt, welcher just krank liegt," sagte Hilbrecht. „Ich war heute Morgen schon in Rotenhof, wo man mir sagte, daß Mr. Marbach wohl sterben müsse und nichts weiter von sich wisse. So kam ich gar nicht her und ging zur Polizei, und nun wollen wir ihn doch mal sehen. Ich kenne Mr. Prien, ist ein großer Gentleman und noch größerer Schuft." Der Förster schüttelte verwundert den Kopf über die wunderliche Ausdrucksweise des Fremden, dessen Vater ein Deutscher, die Mutter aber Amerikanerin war, und der nun beide Sprachen oft durcheinander mengte, die Sätze aber noch häufiger verdrehte. „Ich kenne Ihren Mr. Prien nicht," versetzte der Förster ruhig. „Nein, Herr Hilbrecht, er kennt den Gentleman nicht," nahm der Kommissar rasch das Wort, „lassen wir ihn bei Seite. Sie erlauben doch, Herr Förster, daß wir Herrn Marbach besuchen?" Dieser zuckte die Achseln und meinte, daß es heute wohl nicht gut für den Kranken sei, der sich übrigens ein klein wenig besser befinde, weil das Fieber bedeutend nachgelassen. „Das Fräulein hier hat schon mit ihm geredet, und ich fürchte, es hat ihm nicht gut gethan," setzte er hinzu. „Es ist nicht meine Schuld, Herr Förster!" sagte Armgard mit leicht geröthetem Antlitz. „Herr Marbach hatte dringend nach mir verlangt, und ich kam, obgleich ich mich nicht ganz wohl fühlte, weil Dr. Peters mich darum bat. Hätte ich gewußt, daß er das Verlangen jedenfalls nur in seiner Fieber-Phantasie gestellt und die seltsamsten Reden, wahrhaft tolle Bitten an mich richten würde, ich wäre sicherlich nicht gekommen. Der Arme erregt meine ganze Theilnahme, und ich würde es für sehr grausam halten, ihn ferner mit Unterredungen zu quälen." „Sie wissen doch, mein gnädiges Fräulein, daß ihn ein bübisches Attentat so schändlich zugerichtet hat?" fragte der Kommissar. „Ich habe es erst jetzt durch den Herrn Doctor Peters, der auch ihn und den Maler Reinhardt behandelt, erfahren." „Ja, es sind schlimme Dinge hier seit Pfingsten geschehen," fuhr der Kommissar fort, „bei denen sich unabweislich die Vermuthung aufdrängt, daß eine und dieselbe Hand sie verübt hat. Würden Sie es mir nicht als müßige Neugierde auslegen, meine Gnädige, wenn ich die Bitte wagte, mir einiges von jenen fieber- tollen Reden des Kranken mitzutheilen?" Armgard erröthete auf's Neue und versetzte dann zögernd: „Es schien sich Alles um eine rothe Narbe bei ihm zu drehen, welche ihn zu den tollsten Zumutungen an mich veranlaßte. Mir wurde himmelangst dabei." Der Kommissar verbeugte sich dankend, da er sich das Uebrige sehr wohl denken konnte. Jedenfalls hatte Marbach sie gebeten, ihren Verlobten zum Abschneiden seines Kinnbarts zu veranlassen, um sich von dem Vorhandensein einer rothen Narbe zn überzeugen. Eine Zumuthung allerdings, welche die junge Dame ebenso empören, als ihr die Gewißheit geben mußte, daß man sie zu einem phantasirenden Fieberkranken geführt habe. Er verabschiedete sich mit seinem Begleiter, der von jenem rothen Strich des Mr. Prien keine Ahnung zu haben schien, von Fräulein Holten und dem Förster, da er fester als je entschlossen war, den kranken Marbach zu besuchen. Im Försterhanse wurde ihnen der Bescheid, daß der Kranke sehr aufgeregt und der Doctor, welcher bei ihm sei, einen fremden Besuch sicherlich nicht wieder gestatten werde. „Gehen Sie hinein und melden Sie dem Herrn Doctor, daß der Kommissar Frenzel ihn zu sprechen wünsche." Man brachte ihm den Bescheid, in's Krankenzimmer einzutreten. „Da sind Sie endlich, Herr Kommissar!" rief Marbach ihm mit matter Stimme entgegen. „Ueberzeugen Sie sich, daß ich fieberfrei bin und ganz klar venke. Es wird mit mir wohl bald zu Ende sein, möchte aber vorher noch das Schrecklichste verhüten. Fräulein Holten hält mein Wort für tolle Fieberphantasien, Sie darf jedoch jenen Menschen nicht heirathen. Sie müssen dagegen einschreiten, Herr Kommissar, er ist der Mann mit dem rothen Strich." „Ich weiß es, Herr Marbach," beruhigte ihn der Kommissar, während der Doctor ihn achselzuckend anblickte. „Mein Ehrenwort darauf, daß wir ihn packen, den famosen Mr. Prien, wir kennen ihn jetzt, und zum Ueberfluß ist heute auch Noch Mr. Hilbrecht aus Chicago hier eingetroffen." Marbach wollte sich überrascht aufrichten, siel aber sofort kraftlos zurück. „Sieh, sieh," sagte Doctor Peters erstaunt, „wir wollen unsere Kraft messen, das ist ja kein schlechtes Zeichen." „Ist Mr. Hilbrecht Vater gekommen?" fragte Marbach leise. „Nein, der Sohn, ich hab' ihn mitgebracht, Sie kennen ihn doch, Herr Marbach, wollen Sie ihn sehen?" Der Kranke nickte, worauf der Kommissar hinausging und mit Mr. Hilbrecht zurückkehrte. „Olä bc>^, — Mr. Marbach, da bin ich selber, John Hilbrecht, meiner Mutter Sohn!" sagte der Amen- 319 kaner, die durchsichtig bleiche Hand des Kranken, welche auf der Decke lag, sanft erfassend. „Hab' mich auf das Telegramm hin nicht lang besonnen, den Schuft von Prien mit einzufangen." „Ich danke Ihnen, Mr. Hilbrecht," erwiderte Mar- bach mit einem matten Lächeln, „nun kann ich ruhig sterben, weil die Hochzeit nicht stattfinden wird." „Hm, hm," machte der Doctor besorgt, da er dies wiederum für eine Phantasie des Kranken hielt, und auch Mr. Hilbrecht zog ein sehr erstauntes Gesicht. „Ich weiß Alles durch Ihren Freund, den Herrn Reinhardt," sagte der Commissar, „Sie können sich auf uns verlassen, Herr Marbach." „Mein armer Reinhardt," flüsterte der Kranke, „wird er nicht bald gesund sein, Herr Doctor?" „Wir haben ihn bald herausgeflickt," beruhigte ihn der Arzt, „nur jetzt keine Aufregung mehr, meine Herren, ich kann sonst für nichts einstehen." Der Commissar schien in den Augen des Kranken Angst und Unruhe zu lesen; der unglückliche junge Mann erregte seine ganze Theilnahme. Er beugte sich zu ihm nieder und sagte leise: „Ich habe dem Mörder einen geschickten Jäger auf die Fährte gesetzt, da ich dem Polier Schulze glaube. Die Hochzeit wird nicht stattfinden, das kann ich Ihnen versprechen." Marbach lächelte matt und drückte ihm dankbar die Hand. „Nicht wahr, Mr. Hilbrecht, Sie bleiben hier, bis Sie den Vogel im Garn haben?" fragte er leise. „Versteht sich, Mr. Marbach, werden Sie nur bald gesund, damit Sie ihn selber darin zappeln sehen, in der Schlinge nämlich, worin ihm unweigerlich der Hals zugeschnürt wird. 6ioc>ä olä Ko/I" Er streichelte ihm mitleidig, wie einem kranken Kinde, die Hand und folgte dem Commissar, welcher die Thür bereits geöffnet hatte.- Tante Hanna saß in einem freundlichen Zimmer des Krankenhauses, wo sie selbstverständlich als Privatkranke behandelt wurde. Man hatte einen großen, bequemen Lehnstuhl an's offene Fenster gerückt, wo ihr noch immer etwas starrer Blick auf einen Garten fiel, dessen duftiger Blumenflor sie erfreuen und beleben sollte. Nach und nach kam in der That ein anderer Ausdruck in ihre Augen, halb überrascht und erstaunt, halb erfreut. Sie strich sich über die Stirn und lächelte still beglückt, waren die Blumen doch immer ihre Lieblinge gewesen, deren Pflege ihr besonders am Herzen gelegen. Und heute war sie zum ersten Male im Stande gewesen, das Bett zu verlassen, woran die hilflose Schwäche sie bislang gefesselt hielt. Die Greisin hatte allerdings schon vorher einige hoffnungsreiche Zeichen des erwachenden Bewußtseins für ihre Umgebung gehabt, weßhalb Doctor Peters auf den Anblick des blühenden Gartens sein besonderes Augenmerk richtete und, neben ihr stehend, sie unablässig beobachtete. „Ihre Rosen waren doch schöner noch als diese, Tante Hanna!" sagte er plötzlich, auf den Garten hin- ausdeutend. Sie wandte langsam den Kopf und sah ihn mit einem gespannten Ausdruck an. „Meine Rosen!" erwiderte sie, wieder hinaus- blickend, „ja, aber sie gehörten meiner Mutter." Sie war mit ihrer erwachten Erinnerung in der Kindheit, im Elternhause, aber es war immerhin schon ein Resultat, welches er langsam weiter führen mußte. — „Freilich," fuhr er ruhig fort, „Ihre Mutter hatte sehr schöne Rosen, aber die Ihrigen, Tante Hanna, waren weit prächtiger noch, schade, daß die Leute sie so schmählich niedergetreten haben, als der Blitz Ihre kleine Villa einäscherte." Wieder wandte sie ihm das Gesicht zu und sah ihn prüfend an. „Meine Rosen," wiederholte sie, sich über die Stirn streichend, „der Blitz — meine Mutter —" Sie brach ängstlich ab, die Gedanken verwirrten und peinigten sie offenbar. Er ließ sie jetzt in Ruhe und sah gespannt hinab in den Garten, durch dessen Pforte in diesem Augenblick eine Dame getreten war, welche langsam, den kleinen Strohhut in der Hand, durch einen der zierlich geharkten Wege wandelte. ES war Armgard Holten, welche auf des Doctors Bitte gekommen war, um zn erproben, ob der Anblick ihre? einstigen Lieblings nicht die Gegenwart bei ihr zu erwecken vermöge. Die Unglückliche blickte jetzt wieder mit unruhig umherirrenden Augen über den Garten hin. Die noch immer halbgefesselte Denkkraft rang mächtig nach Befreiung und trieb ihr den Angstschweiß auf die bleiche Stirne. Jetzt fiel ihr Blick auf die weibliche Gestalt, welche genau jenen hellen Anzug trug, den sie nach ihrer Heimkehr von der Rheinreise bei ihrem Pfingst- gruß getragen und in welchem Tante Hanna sie so gern hatte sehen mögen. Dem guten Doctor klopfte doch ein wenig das Herz, als er bemerkte, wie Tante Hanna's Augen sich immer starrer auf Armgard richteten, wie sie sich erheben wollte und seufzend zurücksank, dann die Hände nach ihr ausstreckte und sich immer weiter vorbog, bis sie plötzlich, als Armgard näher gekommen war und ebenfalls lächelnd die Hände zu ihr erhob, einen Schrei ausstieß und in Thränen ausbrach. Doctor Peters winkte jetzt eifrig, heraufzukommen, und Armgard flog in's Haus, die Treppe hinauf, um im nächsten Augenblick vor Tante Hanna zu knieen. „Dieses Experiment war gut," murmelte der Arzt, sich vergnügt die Hände reibend. „Die Thränen sind unbezahlbar." „Liebe, liebste Tante Hanna!" rief Armgard, sie mit beiden Armen umschlingend und mühsam ihre Thränen zurückdrängend, „wie freue ich mich, Sie wiederzusehen; nicht wahr, Sie haben Ihre Armgard nicht vergessen?" Sie sah bei diesen Worten mit zärtlicher Besorgniß und tiefer Erregung in das blasse Gesicht der Greisin und trocknete mit ihrem Tuch die Thränen von den welken Wangen. „Armgard, ein schöner Name," sagte Tante Hanna leise, sie unverwandt anblickend, „ich liebte einst diesen Namen. Bist Du Armgard? —" „Tante Hanna, besinnen Sie sich doch," mischte sich hier der Doctor ruhig ein, „Fräulein Armgard Holten auf Edenheim ist diese junge Dame, und wenn ich mich nicht irre, war sie stets Ihr besonderer Liebling." Ein freudiges Aufleuchten glitt über das Gesicht der Kranken. Sie lächelte sie an und strich ihr sanft über die Stirn. „Mein Liebling," sagte sie zärtlich, „ich weiß jetzt, daß Du es bist. — habe nur Geduld. eS ist mir oft 320 so dunkel hier in der Stirn," — sie deutete geheimnißvoll darauf — „und dann möchte ich etwas festhalten und kann eS doch nicht, das macht mir große Pein. Jetzt weiß ich aber, daß Du Armgard bist, es ist hier gerade hell." „Und nun kennen Sie auch mich, Tante Hanna," sprach der Arzt, sie fest anblickend. „Halten Sie Ihre Gedanken recht beieinander, dann wird's schon gehen, und Sie werden auch Ihren alten Doctor Peters wiedererkennen." „Ja, ja," erwiderte sie nach einer Pause, „ich kenne Doctor Peters, — aber meine Armgard doch noch besser. Ist dies mein Zimmer?" „Nein, Tantchen, Sie waren ja lange krank," sagte Armgard, den Doctor fragend anblickend. „Natürlich waren Sie krank, kleine Tante," nahm jener rasch das Wort, „haben Sie es ganz vergessen, daß der Blitz in Ihr Haus fuhr, dasselbe in Brand steckte und Sie sich bei dem Fall aus dem Bette den Kopf verletzten? Da haben wir Sie natürlich in ein fremdes Haus bringen müssen, und das hielt schwer, weil sich Hunderte um die gute Tante Hanna rissen." Sie hatte aufmerksam zugehört und eine immer ängstlichere Miene angenommen. Zuletzt sahen ihre Augen ganz starr wieder vor sich, so daß der Doctor sich erschreckt zu ihr niederbeugte, da er fürchtete, sie in den alten Zustand versinken zu sehen." „Der Blitz," murmelte sie plötzlich, „ich sah ihn ganz deutlich — halt — er trug — er nahm etwas ab, ich sah sein Gesicht — nun wird's wieder dunkel, ich kannte ihn, — ach, mein Kopf schmerzt so schrecklich, — ich seh' ihn jetzt nicht mehr, nur noch den Blitzstrahl." Die Greisin stöhnte tief und schloß die Augen. Armgard blickte den Doctor an, der ganz bleich und erregt aussah. „Sie hat noch Fieber," flüsterte sie traurig. „Nein, nein, nur still, lassen wir sie jetzt ruhen, sie wird einschlafen." Wirklich hörten sie es bald an ihren regelmäßigen Athemzügen, daß sie schlummerte. — Sie gingen beide geräuschlos zurück, während die Wärterin wieder ihren gewohnten Platz bei der Kranken einnahm. Schweigend schritt der Doctor neben Armgard, um sie hinauszubegleiten. „Glauben Sie wirklich an eine volle Genesung der Armen, lieber Doctor?" fragte sie, ihm Zum Abschied die Hand reichend. „Ganz bestimmt, mein Fräulein!" erwiderte er, ihre Hand fest in der seinen haltend, „Sie haben sich doch selber davon überzeugt, wie die Erinnerung in ihr erwachte. Haben Sie aber auch darauf geachtet, wie die Erinnerung an jene Gewitternacht in ihr Bewußtsein zurückkehrte?" „O gewiß, es war ja, als ob sie an eine Erscheinung erinnert worden wäre." „Allerdings, aber an eine ihr bekannte Erscheinung, welche irgend eine Verkleidung an sich gehabt. — Ich hoffe, daß sich dieses Räthsel bald lösen wird, da die Arme jetzt nur noch mit der Verdunkelung ihrer Denk- kraft zu kämpfen hat, das Licht bereits mit sichtlicher Angst festzuhalten sucht." (Fortsetzung folgt.) -'-«W8-S-- „Alt-Anltverflen" auf -er AntwerMer Ausstellung. U Antwerpen, 15. Mai. Im wohlthuenden Gegensatze zu dem in den verschiedenen „orientalischen Vierteln" der Ausstellung sich breit machenden wirklichen und moralischen Schmutze umfängt den Besucher von Alt-Antwerpen sofort der Eindruck niederländischer Sauberkeit, Gediegenheit und Gemüthlichkeit. Wer in Begleitung von Frau und Kind die Ausstellung besucht, der darf unter keinen Umständen das arabische, algerische, tunesische oder marokkanische Viertel besichtigen; aber auch wer als Mann allein zur Ausstellung kommt, der wird gut daran thun, wenn er den ganzen orientalischen Kram von Anfang an „links liegen läßt" und dafür desto mehr Zeit auf den Besuch von Alt-Antwerpen verwendet. Wer diesen Rath befolgt, der wird nichts verlieren und sehr viel gewinnen. Man macht sich gar keinen Begriff von der ungeheuren Anziehungskraft, welche dieses Alt-Antwerpen auf Jedermann ausübt, der ein Auge für künstlerische Schönheit, Geschmack und Verständniß für historische Ueberlieferung und Sinn für echte, unverfälschte Gemüthlichkeit besitzt. Einer von unseren Bekannten war zu viertägigem Besuch der Ausstellung aus Deutschland nach Antwerpen gekommen. Als wir ihn am Abende des vierten Tages trafen und ihn fragten, was er Alles gesehen, rief er aus: „Ich bin in der ganzen Zeit nicht aus Alt-Antwerpen herausgekommen, und wenn ich noch acht Tage hier bleiben könnte, so würde ich sie auch noch auf Alt-Antwerpen verwenden!" Was ist denn eigentlich dieses Alt-Ant- werpen? hören wir da erstaunt den einen und anderen Leser fragen. Wir wollen versuchen, diese sehr natürliche und naheliegende Frage so kurz und treffend als möglich zu beantworten: Alt-Antwerpen ist die von dem Baumeister Frans Van Kuyck entworfene und unter seiner Oberleitung ausgeführte getreue Nachbildung eines Ant- werpeuer Stadtviertels aus dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Nicht eine Nachbildung ,,sn miniaturs", wie man sie schon öfters gesehen hat, sondern in natürlicher Größe, mit wirklichen, bewohnbaren Häusern, mehreren Straßen und Gassen, einem großen Nathhausplatze und einigen hundert Einwohnern in der Tracht des 16. Jahrhunderts. Der Leser wird höchlichst erstaunt sein, wenn wir ihm mittheilen, daß dieses ganze Stadtviertel innerhalb weniger Monate mit einem Kosten- aufwande von nur 300,000 Frcs. erbaut wurde. Wer das nicht weiß und zum ersten Male durch die wunderbar gelungene Nachbildung des im Jahre 1515 erbauten Kipdorpthores Alt-Antwerpen betritt, der wird sicher glauben, sich in einer wirklichen, durch irgend ein Zauberwerk unverändert erhalten gebliebenen, mittelalterlichen Stadt zu befinden. Das Mauerwerk der Häuser sieht aus, als habe es schon seit hundert Jahren den Unbilden der nordischen Witterung Trotz geboten, die äußeren Holzverkleidungen scheinen von jahrzehntelangem Wechsel von Sonnenschein und Regen ihre Wetterbraune Farbe erhalten zu haben, Thüren, Fenstergitter, Hausschilder und innere Einrichtung der Häuser passen bis in die kleinsten Einzelheiten zum Ganzen. Erst wenn man mit dem Stock gegen das alte Gemäuer klopft, merkt man an dem hohlen Tone, daß es nicht echt, sondern aus Stoff, einer besonderen Art von HartgypS, hergestellt ist. Die Täuschung wurde aber eine so vollkommene, weil man durch Ab- k k - 321 güsse von wirklichem, altem Gemäuer Formen herstellte, aus denen die zu den Bauten verwendeten Blöcke gegossen wurden; auch die an den Bauwerken zur Verwendung gekommene Bildhauerarbeit wurde auf gleiche Weise hergestellt, und durch geschickte Uebermalung wußte man den Anschein hohen Alters hervorzubringen. Wenn man zum Kipdorperthor hereinkommt, dann führt geradeaus eine Straße zum Rathhausplatz, während sich links eine engere, überaus malerische Gasse zur alten Börse hinzieht. Zum Rathhausplatz gehend, kommen wir am Hospiz vorbei, welches durch den Begijnhof von der Kirche getrennt ist, einem Meisterwerke altgothischer Baukunst, in deren Innern! sich u. A. ein herrlicher, holzgeschnitzter Altar und eine äußerst werthvolle Orgel befinden; Gottesdienst darf in der Kirche nicht abgehalten werden. Der Chor der Kirche, an dessen Außenseite nach damaliger Sitte ein Kalvarienberg angemalt ist, grenzt an den Rathhausplatz, zu dessen hervorragendsten Gebäulichkeiten das alte Rathhaus, ein von vier Eckthürmchen überragter, schloßartiger Bau, ferner das mit verschwenderischer Pracht gebaute und eingerichtete Schöffenhaus, die alte Schwimmhalle und das Theater mit seiner nach dem Platze hin offenen Bühne gehören. Die übrigen Gebäude sind Patrizier- und Bürgerhäuser, alle genau nach alten Plänen oder Gemälden wiederaufgebaut. In den Erdgeschossen der Häuser von Alt-Antwerpen befinden sich Lüden, Werkstätten, Wirthschaften u. s. w., während die Stockwerke an reiche Ant- werpener Familien verbiethet sind. In den Wirthschaften trinkt man aus wunderlich geformten Thonkrügen ein nach mittelalterlicher Art gebrautes Bier, auch kann man daselbst viel sonderbar zubereitete Speisen und Wurstwaaren essen, die dem Gaste auf riesigen Zinnschüsseln vorgesetzt werden. So streng ist die historische Treue durchgeführt, daß man in keiner einzigen Wirthschaft Streichhölzchen findet, sondern überall auf den Tischen brennende Wachskerzen zum Anzünden der Thonpfeifen. Auf dem großen Theater werden zweimal wöchentlich und in dem unter der Schranne befindlichen Marionettentheater täglich Vorstellungen gegeben. Großartige Costümfeste, Turniere, Einzüge von Nhetorikerkammern u. s. w. werden mehrmals im Lauf des Sommers mit besonderem Prunk in Alt-Antwerpen abgehalten werden. Für Ihre Augsburger Leser mag es von Interesse sein, daß die Laternen, Ampeln u. s. w., welche zur Beleuchtung dienen, in zahlreichen alterthümlichen zeitgenössischen Typen von der Firma F. X. Küster er in Augsburg auf Bestellung des Comites geliefert worden sind. * - Vom Hose Nafiolcon's III. Paris, 20. Mai. Der „Figaro" theilt heute einige Briefe mit, die Octave Feuillet im Jahre 1862 an seine Frau geschrieben. Der Verfasser des „Lloimienr äs Larnors" stand bekanntlich in hoher Gunst bei Napoleon HI. und bei der Kaiserin Eugenie. Er gehörte zum vertrauten Freundeskreise des kaiserlichen Paares. Die vom „Figaro" veröffentlichten Briefe schildern das intime Leben des kaiserlichen Hofes, wie es der Dichter beim Verweilen in den Tuilerien und in Fontainebleau mitgemacht. Die Schilderung ist im liebenswürdigen Plaudertone gehalten; die blutigen Nebel der Geschichte zerstreuen sich auf einen Augenblick vor den Worten des charmanten Erzählers, und man blickt in ein höfisches Idyll voll Heiterkeit und Anmuth. Die Publikation des „Figaro" hängt möglicherweise auch mit dem neuen Napoleon-Kultus zusammen; die geheimnißvollen Regisseure desselben wollen vielleicht, nachdem so viel von dem großen Ohm die Rede gewesen, nunmehr auch den Neffen in einer sympathischen Beleuchtung zeigen. Immerhin wird man mit Interesse ein Bruchstück aus dieser Korrespondenz lesen. Zwei der Briefe erzählen von Ausflügen, die unter der Führung der Kaiserin nach den Felsen im Walde von Fontainebleau unternommen wurden. Bei der ersten Expedition war es sehr lustig zugegangen, doch hatte es keine besonderen Abenteuer gegeben. „Freilich", so schreibt Feuillet, „hatte dieser erste Ausflug einige verstauchte und vertretene Füße zur Folge, über die man sich zwar nicht zu beklagen wagte, die aber allgemein den Wunsch nach Vertagung jedes analogen Festes hervorriefen. Die Kaiserin aber wurde von ihren Nichten gequält, sie solle doch eine abermalige Expedition veranlassen, und das that sie denn auch eines Tages. Es hatte den ganzen Morgen geregnet, und als man in die Wagen stieg, sah der Himmel furchtbar bedrohlich aus. Aber was thut das? Ihre kaiserliche Majestät schreckt vor nichts zurück. Sie wirft sogar einen tragischen Blick auf Diejenigen, welche aussehen, als bedauerten sie, daß die Wagen nicht geschlossen seien. Man fährt ab. Ich saß auf der ersten Bank des zweiten Wagens, neben den Damen Nebel und Le Breton. Auch war der italienische Botschafter Nigra mit von der Partie, und für den Abend wurden der englische Botschafter und der Minister des Auswärtigen, Lord Stanley zum Diner erwartet, dessen Beginn auf ein Viertel vor Sieben angesetzt war. Der Himmel wurde immer schwärzer, und nachdem die Spazierfahrt bereits länger als eine Stunde gedauert hatte, begannen wir uns mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß die Kaiserin, die in eine Unterhaltung mit Nigra vertieft war, die Felsen vergessen habe, um so mehr, als die zu einer Kletterpartie nöthige Zeit uns zu mangeln schien. Während wir uns so unsern Illusionen hingeben, beginnt der Regen in Strömen niederzuziehen. Wir spannen unsere großen Regenschirme auf und befinden uns da drunter recht gemüthlich. Bald hält der Wagen der Kaiserin unter einem dichtbelaubten Baume still, um einen Schutz vor dem Regen zu suchen. Die Kaiserin ruft zu uns hinüber: „Glauben Sie, daß das noch lange dauern wird?" Man schüttelt bedenklich den Kopf, um anzudeuten, daß die Situation wenig Aussicht auf Besserung gewähre. Madame Le Breton zieht ihre Uhr und bemerkt schüchtern: „Ich möchte Ihrer Majestät zu bedenken geben, daß es fünf Uhr ist, daß wir eine Stunde gebraucht haben, um hierherzukommen, und daß das Diner für dreiviertel auf Sieben angesetzt ist." Worauf die Kaiserin unverzüglich aus dem Wagen steigt: „Wir haben also keine Zeit zu verlieren, setzen wir uns in Marsch." Und man setzt sich in Marsch nach den Felsen hin und schaut die arme Madame Le Breton an, welche die Katastrophe nur beschleunigt hat. „Es gießt. Die Regenschirme bleiben in den Wagen zurück, und die Kletterei beginnt über die triefenden Felsen, das hohe Gras und das vom Regen durchtränkte Gebüsch.' In wenigen Minuten haben die Anzüge und die Kleider kein menschliches Aussehen mehr. Die Hüte sind in Dachtraufen verwandelt, an den Schuhen klebt der Schlamm, die Handschuhe werden zu Marmelade 322 aufgeweicht. Man klettert immer weiter. Der italienische Botschafter geht ernst hinterdrein mit seinem schönen schwarzen Hut, den der Regen mit feuchtem Glanz überzieht. Trotz des Gusses ist es drückend heiß, der Schweiß tropft von unserer Stirne um die Wette mit den Gewässern des Himmels. Ich schwimme in meinen Schuhen, und während ich der schönen Kaiserin die Hand zur Stütze reiche, bin ich ein wenig versucht, sie nicht so schön wie gewöhnlich zu finden. In einem unbeschreiblichen Zustand kommen wir nach dreiviertelstündiger Felsen- besteigung zu den Wagen zurück. Man dreht die Kissen um, die sich in Waschbecken verwandelt haben, man hüllt sich, dampfend vor Nässe und Schweiß, in die dicken Winterüberzieher, und man kehrt gegen sieben Uhr in's Palais zurück, um sich in große Toilette zu werfen zu Ehren der Engländer. Ich habe einige Zeit dazu ge- Das kleinkalibrige Gewehr, seine Schießleistnngen und der kugelsichere Dowe'sche Panzer. I. Das kleinkalibrige Gewehr. Die vor Kurzem vor höheren Offizieren in Berlin stattgehabten Schicßproben mit dem deutschen Militärgewehr gegen den kugelsicheren Dowe'schen Panzer lenken die Aufmerksamkeit insofern auf die Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit des modernen kleinkalibrigen Gewehres, als die Frage entsteht, in welchem Grade eine Benutzung des Dowe'schen Panzers gegen die Wirkungen der modernen Feuerwaffen schützen kann, und ob die Einführung desselben in die Armee angezeigt erscheint. Um hierüber zu einem Urtheil zu gelangen, ist sowohl eine genaue Kenntniß des Gewehrs und seiner ballistischen Leistungen, was Treffsicherheit, Schußweite und Durchschlagskraft anlangt, als auch eine Kenntniß des Dowe'schen Panzers in Bezug auf seine Leistungsfähigkeit in erster Linie erforderlich. Diesem Zwecke sollen die nachstehenden, durch Zeichnungen erläuterten Ausführungen dienen. !! i!» ! i !! !! -_ »bis! braucht, weiß der Himmel, und es war nicht leicht, aus den Kleidern herauszukommen, die fest am Körper klebten, sowie aus den zusammengeschrumpften Schuhen. Ich habe mich vom Kopf bis zu den Füßen abgerieben, als wenn ich aus einer Douche käme, und dann bin ich in die erleuchteten Salons hinabgestiegen. Bald nach mir ist die Kaiserin angekommen, lächelnd und blendend schön, mit Schleppe und Diamanten. Sie saß bei Tische zwischen Lord Stanley, der ein stämmiger blonder Mylord ist, und dem Botschafter Lord Lyons und schien beide Herren durch ihre Liebenswürdigkeit hoch zu entzücken." -- Goldköruer. Der allein besitzt die Musen, Der sie trägt im warmen Busen, Dem Wandalen sind sie Stein. Schiller. » I > , « l ^ - Das kleinkalibrige Gewehr, mit welchem die deutsche Armee bewaffnet ist (M. 88), ist bekanntlich ein Mehrlader mit einem Kaliber von 7,9 nun. Eine Abbildung des geöffneten Schloßtheils finden unsere Leser oben rechts in beistehender Zeichnung, zu deren Erläuterung in dem Lande der allgemeinen Wehrpflicht kaum etwas hinzuzufügen ist. Die Kammer ist geöffnet und zurückgezogen, der in den Kasten eingesetzte, fünf Metallpatronen enthaltende Patronenrahmen, aus welchem durch einen von unten drückenden Hebel die Patronen nach oben gehoben werden, so daß die oberste Patrone vor die Hintere Lauföffnung zu liegen kommt und nur durch Vorschieben der Kammer einfach in den Lauf geführt werden kann, ist deutlich erkennbar. Einen solchen Patronenrahmen in beinahe natürlicher Größe findet der Leser ganz links auf der Zeichnung, und rechts daneben eine scharfe Patrone im Längendurchschnitt. DaS 31,6 wm lange und 8 mm starke Geschoß hat bekanntlich einen Stahlmantel, der die Führung in den Zügen übernimmt und dem 14'/, Ar schweren Geschoß seine Gestalt sichert; der Kern ist aus gepreßtem Hartblei. Mit seinem Hinteren Theil ist das Geschoß in die verengerte metallene Patronenhülse gepreßt, die in ihrem langen weiteren Theil mit 2^/« Ar rauchfchwachem 323 » nitrirten Gewchrblättchenpulver gefüllt ist und am Boden mit einem von außen aufgesetzten Zündhütchen versehen, das durch das Vorschnellen des Schlagstiftcs entzündet wird und die Pulverladung zur Explosion bringt. Das Pulver verleiht dem Geschoß eine Anfangsgeschwindigkeit von 620 m in der ersten Sekunde. Infolge dieser äußerst hohen Geschwindigkeit, die durch den kleinen Querschnitt (8 nun) des verhältnismäßig schweren Geschosses begünstigt wird, hat die Flugbahn desselben eine so sehr gestreckte flache Bogengestalt, daß beim Liegendschießen selbst auf 500 m Entfernung sie in ihren höchsten Punkten sich nicht über Manneshöhe über den Erdboden erhebt. Die Skizze im unteren Theile der Zeichnung, bei welcher selbstverständlich Länge und Höhe nicht in demselben Maßstabe gehalten sein konnte, veranschaulicht deutlich den sog. „bestrichenen Raum", der für das deutsche Militärgewehr sich beim Schießen gegen einzeln stehende Infanteristen auf 500 m, gegen Reiter auf 600 m erstreckt. Das französische Gewehr wie namentlich das vorige deutsche Militärgewehr (M. 1871/84) werden bedeutend übertreffen. (Siehe die Skizze.) Die Erhebung des Geschosses über die Visirlinie beim Schuß auf 500 m beträgt nämlich beim neuen Gewehr auf 100 m nur 80 om, auf 200 m nur 140, auf 300 m nur 150, auf 400 m nur 110, auf 450 m nur 60 ew. Die Gesammtschußweite, auf welche nian durch das Gewehr (natür- Den Geschossen des neuen kleinkalibrigen Gewehres gegenüber gewähren auf 100 m Entfernung Deckung nur noch Erdwälle von mindestens 75—100 om Stärke, Baumstämme über 80 om, Eisenplatten über 10 mm Dicke und Backstcinmaucrn von über l'/z Stein Stärke. Bei mehrfachem Aufircffcn der kleinen Gewcbrgeschosse auf dieselbe Stelle gewähren aber auch mittelstarke Mauern keinen Schutz mehr, da sie dann doch durchschlagen werden. Ja, es ist vorgekommen, daß man mittelstarke freistehende Mauern durch Gcwchrsalvcnfeucr niedergelegt hat. So beschoß kürzlich in Zwickau auf eine Entfernung von 300 m eine Abtheilung von 12 Scbützcn eine 2 Tage vorher massiv aufgeführte Mauer in Höhe von 2'/^ m und etwa 41 em Stärke. Nach der neunten Salve war das Ziel zerstört, daß es für eine Truppcnabtheilung kein Schutz und kein Hinderniß mehr gewesen wäre. In unserer bcisteheudcn Zeichnung ist die Wirkung der Durchschlagskraft der Geschosse gegen Holz und Eisen zeichnerisch dargestellt, wobei zu beachten ist, daß die das Durchschießen von Holz verdeutlichende Skizze des Raumes wegen nur in '/« natür- i chcr Größe ausgeführt werden konnte, während (bis auf die Ansichtszcichuung des Dowe'schen Panzers) die anderen Skizzen in voller natürlicher Größe gehalten sind. Der von dem Schneidermeister Dowe (früher in Mannheim, jetzt in Berlin bezw. mit seinem Panzer auf einer Tournee SLSM»W!WWVS«M!« L /7Z -t lich drwch Zufallstreffer) noch einen Menschen zu tödten vermag, beträgt 4000 m (4 km), also über eine halbe deutsche Meile! Bei der bedeutenden Fluggeschwindigkeit des Geschosses, seinem kleinen Querschnitt und im Verhältniß hierzu großen Gewicht ist selbstverständlich die Durchschlagskraft desselben auf alle praktisch überhaupt in Betracht kommenden Entfernungen eine bedeutende. Hieraus folgt weiter, daß die Erfindung eines Schutzmittels gegen die Geschosse, wie ein solches in dem gegenwärtig öffentlich vorgeführten und von den maßgebendsten militärischen Autoritäten durch mehrfache Beschießung geprüften Dowe'schen Panzer jetzt geschaffen sein soll, unter Umständen von hoher militärischer Bedeutung ist, sowohl was die Kriegsausrüstung der Armeen, als auch die Gestaltung der zukünftigen Schlachten anbetrifft. II. Der Dowe'schc Panzer. In den über die öffentlichen Vorführungen des Dowe'schen Panzers berichtenden Zeitungsreferatcn ist die absolute Kugelsicherheit des Panzers als zwar überraschendes, aber durch die Thatsachen erwiesenes Ergebniß dargestellt Worden. Schreiber dieses hat den ÄeschießungSproben, denen der Panzer in öffentlicher wie in Separatvorstellung vor höheren Officieren mehrfach unterworfen worden ist, wiederholt persönlich, auch in separater Vorstellung, beigewohnt und darf sich als Fachmann (Officier) wohl ein Urtheil erlauben. Zur Begründung muß zunächst auf die Durchschlagskraft der kleinkalibrigen Geschosse eingegangen werden. nach Hamburg, sowie London, Petersburg und weiter begriffen) erfundene kugelsichere Panzer ist nun vor Kurzem in Gegenwart von höheren Officieren durch Unterofficiere mit den mitgebrachten echten Patronen aus einem Militärgewehr auf kürzeste Distanz (15 Schritt) beschossen worden und hat sich in seiner als kugelsicher bezeichneten Fläche thatsächlich als rindn rchschießbar erwiesen. Schreiber dieses hat Versuchen Wiederholt (auch in Separatvorstellung) beigewohnt, jede Möglichkeit eines Betruges, der etwa durch untergeschobene falsche Patronen, verkleinerte Pulvcrladung derselben u. s. w. hätte versucht werden können, war durch die beobachteten Vorsichtsmaßregeln (versiegelte Patroncn-Pakcte aus amtlicher Werk- stätte, Laden des Gewehres und Beaufsichtigung desselben durch active Officiere u. s. w.) vollkommen ausgeschlossen, so daß an der Kugclsicherheil der betreffenden Panzerfläche nicht mehr zu zweifeln ist. Der sogenannte „Panzer" stellt sich nun, wie ihn die Skizze unten rechts in unserer Zeichnung in Vorderansicht wicdcrgicbt, als ein dunkelblaues, tuchübcrzogenes, auf der Innenseite weiß- gefüttertes Bruststück dar, das bei den Versuchen vermittels eines Bandes um Hals und Achsel umgcbängt wurde. Die von Dowe als kugelsicher bezeichnete und allein beschossene Fläche von ungefähr 25 om Breite und 30 om Höhe ist in unserer Skizze punktirt dargestellt. Die Dicke des „Panzers" ist in diesem mittleren Theile etwa 6 om. Hinten fühlt sich derselbe härter an als vorn und läßt eine viereckige Form des gchcimnißvollen Panzerstücks erkennen. Auf der Vorderseite ist 924 er auf etwa 3—4 em Tiefe gepolstert, so baß man von vorn mit den Fingern in die Schußlöcher des Oberzeugs und der Polsterung hineingreifen, die Art deS als Geheimniß des Erfinders gehüteten Panzerstücks nicht durch Fühlen erkennen kann. Die Polsterung besteht aus Tuch- und Sackleincnüberzug, Leder und Werg, ihre Zusammensetzung ist nach Angabe des Erfinders vollkommen belanglos, da sie nur dem Zweck der Geheimhaltung der Erfindung dient. Einen Querschnitt durch den Panzer findet der Leser unten links auf der Zeichnung in natürlicher Größe. Um nun zu einem Urtheil über den Werth der Panzerung zu gelangen, ist Folgendes zu beachten: Kugelsicher dem modernen klcinkalibrigen Gewehrgcschoß gegenüber ist nur das erwähnte kleinere mittlere Stück der Panzerfläche. Bei allen Beschießungen des Panzers hat sich dieselbe nur auf diesen Theil erstreckt, und bei den öffentlichen Vorführungen wird von der sicheren Hand des Kunstschützen-Kapitäns Martin Frank nur daö rothe Aß einer stets vor die Mitte des kugelsicheren Theiles gehaltenen Karte getroffen. Bei einem Gesaimntgewicht des Apparats von etwa 8 Pfund weiß man nicht genau, welches Nettogewicht auf das Panzerstück entfällt, man kann also kaum genaue zahlenmäßig zutreffende Schlüsse auf die Schwere größerer, einzelne Körpertheile oder gar den ganzen Körper eines Soldaten schützender Panzerungen ziehen. Das eine steht jedoch von vornherein fest, daß eine Panzerung in ähnlichem Umfange wie der Kürassierharuisch ausgeschlossen ist, da der Mann, Reiter sowohl wie Infanterist, zu sehr belastet würde. Aus der Deformirung der vom Verfasser persönlich untersuchten Geschoßsplitter, die dem Polster der Panzerung entnommen worden, sowie aus der Häufigkeit der Beschießung des Panzers auf ein und denselben Punkt, geht hervor, daß der Panzer eine jeden Eindruck vermeidende gleichsam stablitz arte Masse sein muß. Der Geschoßmantel zersplitterte in längliche, vielfach verbogene Streifen, das Blei deformirte sich und erreichte durch den Anprall ersichtlich in kleinerem Umfange Schmelztemperatur, die Stauchung der Geschosse war bedeutend. Die Vermuthung, daß es sich bei dem Panzer um eine federnde Widerstandskraft handle, ist danach abzuweisen. Alle Versuche, durch Federkraft, durch dicke, aus Spiralen von bestem Klavierdraht hergestellte Panzerung, dem kleinkalibrigen Geschoß den Durchgang zu wehren, sind thatsächlich fehlgeschlagen, wie Verfasser an durchschossenenPanzerungs- proben dieser Art gesehen hat. Die Härte und Starrheit der geheimnißvollen (?) Panzer- masse läßt bei ihrem Gewicht also als praktisch brauchbar vielleicht eine Verwendung zu kleinen Schutzschilden zu. Können diese so leicht hergestellt werden, daß sie mit dem Tornister des Mannes verbunden werden, so könnten sie als jederzeit i'm Gelände aufstellbare Deckung und Gewehrauflage beim Liegendschießen dienen. Größere Körperthcile zu bekleiden, erscheint ausgeschlossen. Vielleicht blüht dem Panzermittel eine Zukunft im Festungskriege an Stelle von Faschinen, Sandsäcken, Schanzkörben u. dgl. Ferner zu flüchsigcr Feldbefestigung, an Bord von Schiffen zum Schutz der Mann'chaften auf Deck und in den Marsen der Gefechtsmasten und an ähnlichen Orten. Im Fcldkriege aber dürfte sie, wenn überhaupt, nur in oben angedeuteter Meise verwendbar sein, und da die Herstellung ausreichender Deckungen viel Zeit in Anspruch nimmt, wird die Vertheidigung naturgemäß den größten Nutzen aus solchen Feldbefestigungen ziehen; doch auch wo beim Angriff das Schanzzeug wcrthvolle Dienste zur Festhaltung und Verstärkung gewonnener Abschnitte leisten kann, möchte der Panzer verwendbar sein, denn nach Anficht unseres Exercierreglcmcnts dürfte das heutige Jmanteriegefecht Stunden überdauern. Angesichts der oben erörterten Beschaffenheit des Dowe- schen Panzers ist jedoch die Frage berechtigt, ob seine Schutzwirkungen nicht eben so gut durch einfache Benutzung von kleinen Nickelstahl-Panzerschilden, die um nichts schwerer, steifer oder unhandlicher als der geheimnißvolle kugelsichere Panzer des Mannheimer Schneidermeisters sein brauchen, erreicht werden können. Verfasser möchte dies glauben, und vielleicht stehen die entscheidenden militärischen Autoritäten dieser Auffassung nicht fern, wie aus der Zurückhaltung derselben nach dem geschehenen Probeschicßen hervorgeht. ---SW8WS-"- Himmelsschau im Monat Juni. —X. Merkur L ist in der zweiten Hälfte des Monates am weitesten östlich von der Sonne entfernt und als Abendstern dicht über dem westlichen Horizont für das unbewaffnete Auge sichtbar. Er geht 1 Std. 45 M. nach der Sonne unter. Venus § geht als Morgenstern etwa 2 Stunden vor der Sonne auf. Mars in den Fischen wird allmälig Heller und geht auf zwischen 1 U. 21 M. und 11 U. 58 M. nachts. Saturn H, noch der hellste Planet, steht nördlich von der Spika und geht anfangs um 2 U., zuletzt um 12 U. nachts aus. In der Nähe des Mondes befinden sich am 4. Merkur, am 12. Saturn, am 26. Mars, am 30. Venus. Zum Kyzährigen Kriester-Iuöikänm dis Hochlvürdige», Hochverehrten Herrn Pfarrers n. bisch, geistl. Rates in Minil-lkieim am 21. Mai 1894. Schon zweiundneunzig Lenze sah'st Du zreh'n Auf Deinem hochbeglückten Erdenpfade; Dich beugten nicht des Lebens Sorg' und Müh'n; Gott schützte Dieb mit seiner Huld und Gnade. D'rum sei der erste Dank dem Herrn gebracht, Des Vateraug' Dich stets so treu bewacht. Und beute, da in Deinem Pr'esterlauf Der Jahre sechzig Dir so schön verflossen, Da schauen Tausende zum Himmel auf, Die Deines Wrltens geist'gc Frucht genossen, Und fei'rlich steigt aus frommer Beter Chor Ein heißes Fleh'n für Dich zu Gott empor. Wer zählt die edlen Körner jener Saat, Die Du gestreut in's weiche Herz der Jugend? Wer zählt die Mützen, die in Wort und That Geopfert Tu zur Pflanzung wahrer Tugend? Es steht geschrieben dorr am Himmelszelt, Was Du erstrebt, gewirkt in dieser Welt. Und all die Tausende, die Du befreit Von schwerer Sündenlast, die sie bedrücket, Die Du gestärkt zum Heißen Lebensstreit Mit Himmclsbrot, das alle reich beglücket: Sie reichen Lieb- und Dankesblüten dar Voll Jubel Dir am festlichen Altar. Sich, hochverehrter, edler Jubelgreis! Wir alle, arm und reich und hoch und nieder, Steh'n heut' vor Dir voll Lob und Preis, Und dort im Himmel tönen Freudenlieder Von sel'gen Geistern, die durch Dein Bemüh'» Als Himmelsblumen dort so herrlich blüh'n. Was sollen wir zum Jubelfeste weih'n, DaS würdig wäre, Dich getreu zu ehren? Nur Segenswünsche, kräftig, fromm und rein» Kann unsre warme Liebe Dir bescheren, Nur Dankesperlen in Dein Silberhaar Bringt unser Herz voll tiefer Rührung dar. So träufle denn hernieder aus den Höh'n Des Gnadentaues kräft'ger, reicher Segen, Daß lang wir noch Dein edles Walten seh'n Und neue Kraft Dir blüh' auf Deinen Wegen, Bis einst Dein Geist an Gottes ew'gem Thron' Genießet Deines Wirkens reichsten Lohn! Leonhard Seivokd>i pc»s BrzirlshauMhrer. ^ > <>-