AnteWttimgsvlatt zm „Augsburger Postzeitung". 43 Dinstag, den 29. Mai 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas sl Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Map Huttler). k t Tante Kanna's Keheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Das ist wahr, Herr Doctor," erwiderte Armgard lebhaft, „dieses Ringen und Kämpfen war erschütternd anzusehen. Sie erinnerte sich eines Gesichts, und bevor sie die Erinnerung daran ganz erfaßt, wurde es wieder dunkel in ihr. Sollte es aber nicht dennoch nur eine Fieber-Vision sein? — Wie könnte ein Mensch in jener Nachtsich in ihrem Zimmer befunden haben? Vielleicht war's ein lebhafter Traum, welcher sich in ihrem Gehirn festgesetzt und jetzt erst wieder lebendig in ihr wird." „Möglich, mein Fräulein," sagte der Doctor, sie zerstreut anblickend, „eS sind eben jetzt nur Muthmaßungen, welche uns neue Räthsel des Geistes aufgeben. Apropos," setzte er rasch hinzu, „ist es wahr, daß Ihr Aufgebot bereits erfolgt ist, Fräulein Holten?" Sie blickte zu Boden und antwortete erst nach einer Weile: „Ist meine Verlobung oder mein Aufgebot etwa ein Verbrechen, Herr Doctor?" „Bitte um Verzeihung, mein Fräulein, so war's doch nicht gemeint," sprach der Doctor ernst, „mich wundert nur die Ueberstürzung, welche sonst Ihrem Charakter so fremd ist." „Nun, lieber Doctor, ich habe mich doch lange genug auf meine Verheirathung besonnen, — daß man mich in diesem Punkte schwerlich einer Ueberstürzung zeihen kann." Sie drückte ihm die Hand, machte einen vergeblichen Versuch zu lächeln und entfernte sich eiligst. Doctor Peters blickte ihr mit finster zusammengezogenen Brauen nach und stieß ein halblautes Wort hervor, das just nicht schmeichelhaft klang. In diesem Augenblick schritt der Polizeicommissar Frenzel rasch auf ihn zu, streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen und fragte beinahe athemlos: „War Fräulein Holten bei Tante Hanna?" „Ja, versuchte ein Experiment, das mich außerordentlich befriedigt hat." „Hab's mir gedacht. — Wissen Sie, ob sie gleich nach Hause fährt, Herr Doctor?" „Weiß nicht, ist immerhin möglich, was haben Sie denn, Herr Kommissar?" „Wir sind dem Verbrecher auf der Spur, ein unvorsichtiges Wort kann ihn warnen. Wenn Fräulein Holten ihrem Verlobten über diesen Krankenbesuch schreibt, dann wäre Tante Hanna's fortschreitende Genesung kein Geheimniß mehr, was wir doch im Interesse unserer Nachforschungen bislang treu bewahrt haben. — Man muß ihr klaren Wein einschenken und ihr die Zurückhaltung, selbst ihrem Verlobten gegenüber, zur strengsten Pflicht machen." „Ich verstehe, Herr Commissar," sprach der Doctor nachdenklich, „und Ihr Verdacht scheint auch guten Grund zu haben, wenigstens was Tante Hanna's Verletzung anbetrifft. Sie sprach bereits von einem bekannten Gesicht, das sie in jener Gewitternacht gesehen, und das etwas abgenommen, also irgend eine Mas- kirung beseitigt habe. Soll ich Fräulein Holten darüber aufklären?" „Ach, Sie wollen mir wirklich den Gefallen thun, Herr Doctor, und jetzt gleich zu ihr gehen? — Ich mochte Sie kaum darum bitten." „Ja, so etwas wittert man doch gleich heraus, mein Bester! — Sie sehen, ich bin schon mit Hut und Stock bewaffnet. — Kommen Sie nur; haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?" Sie schritten eiligst dahin und der Commissar bat ihn noch, sich so wegelängs bei ihr zu erkundigen, ob sie sich hier oder auswärts trauen lassen wolle. „Jnteressirt Sie das so besonders?" fragte der Doctor, stehen bleibend und ihn fest'anblickend. „Mich interessirt Alles, Herr Doctor," erwiderte der Beamte lächelnd, auch die Trauung eines solchen begehrenswerthen Goldfisches, welcher dem schönen flatterhaften Julius so mühelos in's Netz gelaufen ist." „Ja, es ist haarsträubend," brummte der Doctor, hastig weiterstrebend, „aber ich sagte es gleich, daß sein Töchterchen ihm sehr gelegen verunglückt sei. Die Todte hat die Kette geschmiedet für die stolze, thörichte Armgard Holten." „Sie glauben also nicht an die Macht der alten Liebe?" „Larifari, — der wäre ein Mädchen von solchem Kaliber sicherlich nicht erlegen. Die Geschichte kommt mir ordentlich unheimlich vor; dieser Mensch muß ein Hexenmeister sein oder ihr einen Liebestram bereitet haben." „Und das behauptet eine ärztliche Autorität," sagte der Commissar belustigt. „Bah, mein bester Herr Doctor, wir Menschen haben alle eine schwache Seite, und die 326 Weiber durch die Bank zwei. — Fräulein Holten wird keine Ausnahme von dieser Regel machen, mag sie sonst auch ihre speciellen Tugenden besitzen. Daß der Tod des ihrem Schutze anvertrauten Kindes einen außerordentlichen Eindruck auf ihr Gemüth hervorgebracht, mag seine Richtigkeit haben, im Ganzen genommen aber wird die alte Liebe doch den Löwenantheil an dieser raschen Verlobung beanspruchen. — So, weiter will ich Sie lieber nicht begleiten, das Fräulein möchte Wunders glauben, was wir für Geheimnisse hätten, Herr Doctor." Er grüßte höflich und schlug eine andere Straße ein, während Doctor Peters sehr nachdenklich, da ihn das Benehmen des Kommissars stutzig machte, dem Markte zuschritt, wo sich Armgard Holten's stattliches Haus befand. Armgard's Wagen hielt bereits vor der Thür. Sie selber saß zur Heimfahrt fertig vor ihrem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt auf einen Brief niederstarrend, dessen Adresse ihre Handschrift trug und an den Verlobten gerichtet war. Noch hielt ihre Rechte die Feder, mit welcher sie jetzt mechanisch auf einem weißen Bogen kritzelte. Sie erröthete, als ihr Auge sich fester auf das Geschriebene heftete und einen Namen las, mit welchem sich ihre Gedanken in den letzten Tagen mehr als mit Julius Steindorf beschäftigt hatten. Der Name Leonhard Marbach stand auf dem Papier, unbewußt hatte ihre Hand denselben niedergeschrieben, weil sie das Bild des todkranken Mannes nicht aus der Seele los werden konnte. Fortwährend sah sie sein flehendes Auge auf sich gerichtet, hörte seine Bitte: „Heirathen Sie Ihren Verlobten nicht, bevor er Ihren Wunsch, den Kinnbart glatt wegrasiren zu lassen, erfüllt hat. Wenn Sie zwischen Mund und Kinn einen rothen Strich erblicken, dann sagen Sie es dem Criminal- Commissar Frenzel, und Sie sind vor dem Schrecklichsten bewahrt." Diese wahnsinnigen Worte hatte er noch zweimal mit schwindender Kraft, zuletzt mit kaum verstänvlicher Stimme an sie gerichtet, und sie hatte es ihm gelobt, um ihn zu beruhigen und aus der aufregenden Nähe des Fieberkranken zu kommen. Wie kam es nur, daß sie seitdem stets an den Unglücklichen hatte denken müssen, daß seine Fieberphantasie, denn für etwas anderes konnte sie jene Bitte nicht halten, fortwährend in ihr wiederhallte und alle anderen Gedanken zu verdrängen drohte? — War es vielleicht die Ueberzeugung, welche sich ihr an seinem Lager hatte aufdrängen müssen, daß er sie liebte und seine Träume und Phantasien sich stets mit ihr beschäftigten? Sie hätte am Ende kein Weib sein , müssen, um bei solcher Erkenntniß ganz gleichgültig zu : bleiben. - „Gott steh' mir bei, daß ich nicht auch wahnsinnig werde," flüsterte sie, den Bogen mit Marbach's Namen in den Schreibtisch werfend und diesen verschließend, „aber gleichviel," setzte sie mit entschlossener Miene hinzu, „möge er es seltsam von mir finden, ich werde ihn dennoch darum ersuchen, jenen Bartschmuck am Kinn zu entfernen, weil derselbe mir häßlich erscheint. So will ich die Bitte des Unglücklichen erfüllen und mein gegebenes Wort halten." Die Frau ihres Hausverwalters erschien, um ihr zu melden, daß der Wagen schon eine ganze Weile auf das Fräulein warte. Sie hatte diesen bequemen Posten einem alten verheiratheten Dienerpaar, das bereits ihren Eltern lange Jahre treu gedient, nicht nur als eine Belohnung, sondern als pflichtschuldige Versorgung-verliehen. — „Ich komme schon, liebe Lorenz," sagte Armgard, sich müde erhebend. „Fräulein sind doch noch recht schwach," meinte die alte Frau bekümmert, „sollten lieber ein Gläschen Wein trinken." „Ha, es ist wahr, ich fühle mich zuweilen sterbens- müde, als ob ich wieder krank würde. Eine Luftveränderung wird mir gut thun, ich denke, später eine Zeit lang im Süden zu bleiben. Doctor Peters —" „Ja, der ist damit einverstanden," tönte die Stimme des Genannten von der offenen Thür her. „Ich traf keine lebende Seele, um mich anzumelden, meine Gnädigste, und mußte Sie deshalb nolans volanZ überfallen." Die alte Frau Lorenz verließ das Zimmer, und Doctor Peters trat näher. „Ich muß Sie nämlich noch einmal sprechen, liebes Fräulein," fuhr er rasch fort, „und befürchtete schon, zu spät zu kommen. Sieh, da liegt ein Brief an Ihren Verlobten ja bereit zur Abfahrt," setzte er, auf den Schreibtisch deutend, ungenirt hinzu. „Haben Sie in demselben etwas von Tante Hanna geschrieben?" „Nein," erwiderte Armgard befremdet. „Na, das freut mich, weil ich die Bitte vergaß, keinem Menschen, wer immer es auch sei, von der voraussichtlichen Genesung der alten Dame nur das Geringste mitzutheilen." Armgard schüttelte verwundert den Kopf. „Das begreife ich nicht, Herr Doctor! -- Sie thun ja, als ob es sich hier ebenfalls um ein Verbrechen handele." „So ist es auch, meine Gnädige," versetzte der Doctor sehr ernst, „um meiner Bitte Nachdruck zu geben, muß ich mich wohl dazu bequemen, Ihnen ein Geheimniß anzuvertrauen, dessen strengste Bewahrung ich Ihnen zur Pflicht mache." Er erzählte jetzt von dem bis zur Gewißheit gesteigerten Verdacht eines Verbrechens, das in der Gewitternacht gegen das Leben und Eigenthum der Greisin begangen worden, und daß durch mehrere Fundstücke, sowie durch Verkettung unheimlicher Umstände sich der überzeugende Beweis ergeben, daß auch dieses Verbrechen durch dieselbe Person verübt sein müsse, welche die tödtlichen Schüsse im Hohlwege und das Attentat oben in den Bergen auf dem Gewissen habe, daß dieß Alles aber als strenges Geheimniß bewahrt werden müsse, besonders auch die erhoffte Wiederherstellung der alten Tante Hanna, welche unstreitig den Verbrecher in jener Nacht gesehen habe." „Ach, darauf deuteten am Ende ihre sonderbaren Reden hin," fiel Armgard, welche mit starrem Entsetzen zugehört hatte, überrascht ein. „Wissen Sie, Herr Doctor, sie sprach doch von einem Jemand, den sie gesehen, der etwas abgenommen —" „Natürlich irgend eine Maskirung, da er sich unbeachtet wähnte," ergänzte der Doctor. „Ja, ja, aber, — sagte sie nicht auch, daß sie ihn erkannt habe?" „Allerdings, doch haben wir das wohl auf Rechnung der Gedanken-Lücken zu setzen. Ich sehe keine Möglichkeit für diese Behauptung. Lassen wir das jetzt, Ein Kabelrunk. Nach einem Originalgemälde von^.P. Felgentreff Photographie im Verlage von Franz Hansstaengl, Kunstverlag, A. 8., in München. - 328 - und versprechen Sie mir, damit der Verbrecher nicht gewarnt werde, Tante Hanna's Genesung als Geheimniß zu bewahren." „Das verspreche ich Ihnen, lieber Doctor, keine Menschenseele, wer immer es auch sei und wie nahe mir dieselbe stehe, soll etwas darüber durch mich erfahren." „Ich danke Ihnen, mein Fräulein! Es muß uns doch Alles daran liegen, den Buben, der so viel Unheil angerichtet, unschädlich zu machen, da sich Niemand vor seiner Tücke sicher fühlen kann. Und wenn Herr Stein- dorf auch wohl der Mann ist, ein Geheimniß zu bewahren, ja, wenn ihn der Tod seines Kindes vielleicht doppelt antreiben müßte, den Ruchlosen zu entdecken, so halte ich es doch für besser, daß die Sache unter uns bleibt." „Sie haben ganz recht," sagte Armgard, „er braucht es nicht zu erfahren, da Tante Hanna ihm überhaupt nicht sympathisch ist." „Dann will ich mich empfehlen, da Ihr Wagen nun lange genug gewartet hat, liebes Fräulein." „Oder vielmehr mein Kutscher und die armen Pferde," bemerkte Armgard, wehmüthig lächelnd. „Gott mit Ihnen, Herr Doctor! Fahren Sie denn heute nicht in's Forsthaus zu Ihrem Kranken?" „Ich fahre gegen Abend hinaus. Der arme Kerl macht mir große Sorge, ja, er thut mir in der Seele leid, und ich könnte den ruchlosen Banditen hängen sehen, der so kaltblütig mit Menschenleben gespielt." „Haben Sie wirklich gar keine Hoffnung mehr, Herr Doctor?" „Na, so lange das Leben noch pulsirt, muß auch der Arzt hoffen. Könnte ich ihm nur die innere Ruhe geben, aber er quält sich fortwährend mit fixen Ideen, welche sich um einen rothen Strich und — verzeihen Sie, Fräulein Armgard — um Ihre Hochzeit drehen. Seltsam genug zermarterte sich der alte Reinhardt auch mit dem vertrackten rothen Strich, den er jetzt, Gott sei Dank, zu vergessen haben scheint." „Er ist wieder besser?" „Hm, genesen noch nicht, aber doch mit vollen Segeln auf der Fahrt zur Genesung. Er ist sehr entstellt, doch haben wir, was ich nicht zu hoffen wagte, seine Augen gerettet. Wird immerhin noch wochenlang an den Folgen der Verletzungen leiden müssen. Ich muß ihm stets von Ihnen und Ihrer Verlobung erzählen. Gestern fragte er mich, wann Ihre Hochzeit sein werde, er wolle sich die Trauung ansehen." Armgard war sehr blaß geworden, sie erinnerte sich jenes Pfingst-Abends und seiner Erzählung bei Tante Hanna. „Grüßen Sie Herrn Reinhardt von mir," sprach sie etwas gepreßt, „versichern Sie ihn meiner aufrichtigsten Theilnahme und theilen Sie ihm mit, daß meine Hochzeit sofort dem Aufgebot folgen, aber nicht hier, sondern der Trauer halber in aller Stille auswärts stattfinden werde. Der Ort sei noch nicht fest bestimmt." „Und weßhalb denn auswärts?" fragte Doctor Peters erstaunt. „Steindorf wünscht es," versetzte sie, seinem Blicke ausweichend, „und mir selber ist es, aufrichtig gestanden, auch am liebsten, da ich es nur zu gut weiß, wie hart ich von der Welt verurtheilt werde." „Sie meinen von der kleinen Welt unseres Städtchens," sagte der Doctor, sie nachdenklich anblickend, „das wird Ihren Verlobten doch nicht weiter beirren oder geniren können. Ich glaube, mein Fräulein, daß die Welt Ihre Beweggründe sehr falsch beurtheilt." „Und Sie haben recht, lieber Doctor!" rief Armgard mit einer ungewöhnlichen Heftigkeit, „o, Sie wissen nicht, wie dankbar ich Ihnen für diesen Glauben bin." Sie drückte seine Hand, ergriff hastig ihren Sonnenschirm und wollte gehen. Der Doctor hielt sie zurück. „Lassen Sie Kutscher und Pferde noch einige Minuten warten, mein theures Fräulein," sagte er bewegt. „Ich war seit vielen Jahren nicht blos der Arzt, sondern auch der Freund Ihrer Eltern, welche mir ein freies Wort nicht übel nahmen. So erlauben Sie mir das auch heute. — Ich bin ein alter Mann und darf Ihnen sagen, daß Sie einer Nachtwandlerin gleichen, welche mit geschlossenen Augen an einem Abgrund dahin wandelt. Als Freund und Arzt warne ich Sie vor dem jähen Sturz, der Sie unrettbar zerschmettern wird. In Ucberhastung wie eine Fieberkranke schließen Sie den wichtigsten Bund Ihres Lebens, worauf Sie zehn Jahre sich besonnen haben." „Ist dieser Zeitraum noch nicht lang genug gewesen?" unterbrach Armgard ihn schwerathmend. „O, ich denke, es haben sich ehrenwerthe Männer genug um Sie beworbeu, denen Sie Ihre kostbare Freiheit nicht opfern wollten. Nun gut, ich habe kein Urtheil darüber, möchte aber als Freund Ihre Hand ergreifen und mit mahnendem Zuruf Ihr rechtzeitiges Erwachen bewerkstelligen." „Und ich danke Ihnen für den Glauben an mich, an meine besonderen Beweggründe," sagte Armgard, ihm mit einem schmerzlichen Blick ihre Hand entziehend. „Nun, den Dank beanspruche ich auch noch!" rief der Doctor achselzuckend, „was kann denn das weiter für Ihr Glück bedeuten, wenn ich auch den festen Glauben hege, daß Sie nur einzig um eines Wahnes willen sich verlobt haben. Ja, ja, ich wiederhole es, um eines unseligen Wahnes willen, mein armes Kind, wollen Sie sich selber für's ganze Leben elend machen. Denn ist es nicht ein Wahn, daß Sie, wenn auch nur indirekt, den Tod jenes Kindes verschuldet haben? War es etwa eine Leichtfertigkeit, mit der im Grunde ganz gesunden Kleinen eine Spazierfahrt zu machen? Wollten Sie dieselbe irgend einer Gefahr leichtsinnig damit aussetzen? — Konnten nicht auch Sie von dem Mordgeschoß getroffen werden? — Wo in aller Welt liegt auch nur der geringste Grund vor, sich selbst deßhalb als Sühnopfer darzubringen?" „Er hatte das Kind meinem Schutze anvertraut, und ich erzwäng die Fahrt sozusagen von meiner alten Evers," versetzte Armgard mit versagender Stimme, „mußte ich dem vereinsamten Manne nicht einen Ersatz für den großen Verlust bieten?" „Ja, Fräulein Armgard, die Sache ist auch soweit in der Ordnung, wenn Sie den vereinsamten Mann lieben. — Ist das aber nicht ^r Fall, — und ich wenigstens glaube dies sehr fest, da^n konnten Sie mit ihm Ihr Hab und Gut theilen, was immerhin das kleinste Sühnopfer Ihrerseits gewesen wäre, während Sie jetzt Ihr ganzes Glück drangeben, um diesen — Herrn, der seinen Vortheil unv Ihre augenblickliche Schwäche sehr rasch zu benutzen verstanden, zu entschädigen. — Nun, mein Kind!" setzte er, sie liebevoll an- «e- t- < - 329 blickend, mit bewegter Stimme hinzu, „verzeihen Sie dem alten, rücksichtslosen Manne, der es Ihren seligen Eltern schuldig zu sein glaubt, Sie nicht ungewarnt vor dem letzten verhängnißvollen Schritt zu lassen." „Es ist zu spät," sprach Armgard, „aber ich danke Ihnen trotz alledem, mein väterlicher Freund." „Nein, noch nicht zu spät," beharrte der Dootor, ihre Hände ergreifend, „noch warten Standesamt und Altar des letzten bindenden Wortes. Machen Sie sich frei, liebe Armgard, versuchen Sie es, Ihr Verlöbniß, das nur einzig unter dem Druck jenes Ereignisses geschlossen worden, zu lösen. Wollen Sie mir die Vollmacht dazu geben?" Armgard schwankte sichtlich, sie rang mit sich selber, mit ihrem Stolz, ihrem Gefühl für den Verlobten, das doch nur im Mitleid gipfelte. „Wir sind schon aufgeboten," sagte sie endlich, „und — er liebt mich —" „Sind Sie davon so fest überzeugt, Fräulein Armgard? Möchten Sie diese Liebe nicht mal auf die Probe stellen?" „Sie martern mich, Herr Doctor!" „Nein, mein Kind, ich wünsche Sie zu heilen, da Sie krank, tief seelenlcidend sind. Mit sich selbst und der eigenen Kraft im Zwiespalt, aus dem Frieden Ihres Innern gewaltsam geschleudert, verzweifeln Sie an dem eigenen Charakter, dessen harmonische Abgeschlossenheit Ihnen den festen Halt im Leben gab, welchen wir Alle stets bewundert. Raffen Sie sich auf, Fräulein Holten, denn ich sage Ihnen, daß Sie an Ihrer Selbstachtung einbüßen, wenn Sie diesen Mann heirathen. Ernennen Sie mich zu Ihrem Vormund," setzte der Doctor dringend hinzu, „Sie bedürfen eines solchen in deni Zustand hilfloser Schwäche, worin Sie sich seit jener Katastrophe befinden. Er soll Ihnen mindestens Zeit lassen zur Selbstprüfung, zum ruhigen Nachdenken, weil ich es schmählich von ihm finde, als Mann von Ehre sowohl wie als trauernder Vater, der soeben erst sein einziges Kind begraben, mit solch' ungestümer, ja der Sitte und dem Anstand hohnsprechender Hast auf eine Heirath mit Ihnen zu dringen." „O, mein Gott, wie recht haben Sie," stöhnte Armgard, in einen Sessel sinkend und beide Hände vor's Gesicht pressend. Dann richtete sie sich entschlossen auf, ihre Augen leuchteten fieberhaft, sie war leichenblaß bis auf die Lippen. „Ich wollte Sie schon bitten, mein Trauzeuge zu sein, Herr Doctor!" sprach sie mit unnatürlich hart- klingender Stimme, „konnte es aber bis zur Stunde nicht über die Lippen bringen. — Jetzt bitte ich um Ihren Beistand als Vormund, da ich mich ihm gegenüber willenlos fühle." „So»ist's gut, Kind, — er wird mich als Vormund nicht anerkennen, aber das schadet nichts, wenn Sie mir nur, da Sie mündig sind, die genügende Vollmacht zum Handeln geben. — Bitte, mein Kind, geben Sie mir das schriftlich, — seine Adresse lese ich hier —" „Sie können das Couvert mitnehmen, Herr Doctor, da der Brief nach unserer Unterredung keine Bedeutung mehr hat," sprach Armgard, sich mit einer sonderbaren Ruhe vor ihrem Schreibtisch niederlassend, den sie ausschloß, um einen Bogen Papier und ihr Siegel herauszunehmen. Der alte Doctor beobachtete mit wachsendem Erstaunen, wie sie mit fester Hand die Vollmacht schrieb, dann ein Wachslicht anzündete und ihr Siegel im feinsten rothen Lack sehr sorgsam neben ihren Namen setzte, (zortsetzunz sotgi.) . — —^KX8!I— Zeugnisse der Geschichte für die Wahrheit der heiligen Schrift. (Hiezu die Bilder auf Seite 330 und 331.) lNachd.uck verboten.I Durch die Encyclica: „krovittentissimuZ Osus" vom 18. November 1893 hat Papst Leo XIII. der Bibliologie eine neue, das ganze Leben und Wirken der katholischen Geistlichkeit beeinflussende Stellung angewiesen. Wie das Brevier, sei auch die heilige Schrift der stete Begleiter jedes Klerikers, der als Seelsorger nach dem Willen des heiligen Vaters an Stelle natürlicher Beredsamkeit nur die Worte der Bibel, welche „der Ausfluß der göttlichen Offenbarung" ist, im Munde führen und als Theologe die heilige Schrift, „diese mächtige Stütze des wahren Fortschrittes und der Wissenschaft", als den Gegenstand seines Hanptstudiums betrachten soll. Diese neue, von unserem glorreichen Papst angeordnete Aera des Bibelstudiums fordert aber, daß alle, die sich demselben widmen, und das ist ja der gesammte Klerus der über den Erdkreis verbreiteten katholischen Kirche, die dazu nothwendigen Hülfsmittel ergreifen und benützen. Und ein solches prächtiges, in seiner Art unübertreffliches Enchiridion ist die im Verlag Friedrich Pfeilstücker in Berlin erschienene Illustrierte Bibel, aus welcher die sämmtlichen diesem Artikel bei- gegebenen Illustrationen entnommen sind, nach der Ueber- setzung Dr. I. Fr. von Allioli's. Außer 45 Lichtdruckbildern nach Schöpfungen großer Meister enthält sie über tausend authentische Abbildungen von Landschaften, Orten, Pflanzen, Thieren, Alterthümern, Münzen, Hieroglyphen und Keilinschriften, sowie Pläne, Karten und Grundrisse, welche nach den besten Quellen in muster- giltiger Weise hergestellt worden sind. In den letzten hundert Jahren ist der Boden des heiligen Landes und der übrigen biblischen Länder der Gegenstand vieler Forschungen und Untersuchungen seitens verschiedener Nationen gewesen. Die Ergebnisse dieser Forschungen sind nicht nur für den Archäologen von Fach und den Gebildeten überhaupt, sondern auch für jeden Christen von größtem Interesse, denn wirkungsvoller als mündliche und schriftliche Ueberlieferungen bezeugen diese in Stein und Erz gemeißelten Denkmäler einer uralten Vergangenheit die Wahrheit biblischer Berichte. Die Resultate dieser wissenschaftlichen Arbeiten sind in der Pfeil- stücker'schen heiligen Schrift mit erstaunlichem Fleiß 'und größter Gewissenhaftigkeit zusammengetragen und dem Leser durch die Illustration veranschaulicht. Wir erwähnen noch, daß die Bilder der Stätten, wo der göttliche Welterlöser lebte, nach im heiligen Lande aufgenommenen Photographien angefertigt wurden. Da fesselt zum Beispiel das Auge des Theologen eine Abbildung: „Mumie und Statue Ramses' II., des „Pharao der Bedrückung"." — Diese Mumie wurde von Professor Brugsch im Jahre 1881 in der Nähe der uralten Königsstadt Theben ausgegraben. Sie war in der geräumigen Familiengruft der Ammonischen Priester- / 330 könige untergebracht. Heute befindet sie sich im ägyptischen Museum von Bulak-Kairo. Von den zahlreichen Abbildungen der Jnschriften- Funde fesselt ihn besonders die Siegessäule Mesa's, die Mesa über seinen Abfall von Ahab, über die Streifzüge und Städte-Eroberungen, die er dem Abfall folgen ließ, über das Herannahen des israelitischen Königs, ferner, wie dieser dann eine Stadt nördlich von Dibon begründet MMW -SÄ -> WMAN MM WMs MMM ° MAMW ^ M ° .W jjiilüiiniilt KAM WM 7." WW ILM Mumie und Stalue Uamses' II. im Jahre 1868 bei Dibon gefunden wurde. Dieser Denkstein ist aus schwarzem Basalt gearbeitet und gilt als eines der wichtigsten auf altägyptischem Boden gefundenen Denkmäler. In moabitischer Sprache mit altsemitischen Buchstaben berichtet die Inschrift des Königs habe und (so sagt der König) „durch die Hand des Gottes Kamos von seinem Angesicht vertrieben worden" sei. Auch berichtet der Stein von gleichzeitiger Besiegung der Edo- miter. Wenn er liest, wie die Juden Frohndienste leisten 331 -Ä s O > mußten beim Bau der großen Pyramiden, dieser über- wälligenden Symbole irdischer Gewalt und Kraft, so empfindet er den Wunsch, einiges über die Art des Pyra- midenbaues und die Beschaffenheit des Materials zu erfahren. Auch diesem Wunsche kommt die Illustrierte heilige Schrift entgegen. Da sieht er einen egyptischen Ziegelstein mit oem Stempel Namses' II., über dessen Mumie wir oben geschrieben haben. Dieser Stein befindet sich im ägyptischen Museum zu Berlin; er ist aus Nilschlamm und Stroh geformt und stammt aus der Zeit des Aufenthaltes der Juden in Aegypten. Wenn er das Grabmal des Cyrus betrachtet, wie es noch heute zu Parsargada steht, so taucht die Zeit der alten Perserkönige vor seinem Geiste auf, und wenn er die Opferstätte des Elias auf dem Karmel im Bilde dargestellt sieht, wie sie heute noch vorhanden ist, oder die Ueberreste der salomonischen Tempelmauern, aufge- ' tt» <' .1 > FA .dk . - ^ i Siegessäule des Königs Mesa. nommen nach einer Photographie, erblickt, so belebt sich seine Phantasie mit Gestalten und Bildern aus der Zeit, der sein Studium gilt, und sie begleiten ihn wie treue, unentbehrliche Freunde auf seinen oft beschwerlichen Wanderungen durch archäologische und hagiographische Gebiete. Das beste Lob, welches man zugleich als schönste Empfehlung der Fr. Pfeilstücker'schen Bibel zollen kann, Altägyptischer Ziegelstein. liegt in der Mittheilung, daß Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. dem rührigen Verleger mittels Schreibens seine huldvollste Anerkennung ausgesprochen und zugleich eine goldene Denkmünze übersenden ließ. Diese „Illustrierte Bibel" ist aber auch für das katholische Volk ein wahrer Hausschatz, indem sie allen streng kirchlichen Anforderungen und Bedingungen, unter denen ein katholischer Laie eine Ausgabe der heiligen Schrift benutzen darf, vollständig entspricht. Sie bringt 1. den ganzen, vollständigen Bibeltext Grabmal des Cyrus. nach der vorn heiligen Stuhle in Nom approbierten und von zahlreichen Bischöfen auf das entschiedenste empfohlenen Uebersetzung von Or. Joseph Franz von Allioli, welche nach der Vulgata angefertigt ist. 2. Sie ist mit den kirchlich geforderten und kirchlich approbierten Anmerkungen der Volksausgabe von Allioli versehen. 3. Sie hat die Gutheißung und Approbation des hochwürdigsten Herrn Fürstbischofs von Breslau, in dessen Sprengel Berlin liegt; zudem ist ihre Herstellung stetig durch die von dem genannten hochwürdigsten Bischof bestimmten Geistlichen und Gelehrten überwacht worden. Daraus folgt, daß nach dieser Seite hin die Pfeilstücker'sche Bibel jede Empfehlung verdient. So kann man ohne Uebertreibung behaupten, daß sich diese Bilderbibel nicht allein als ein willkommenes Hilfsbuch, als archäologisches Vademecum für den hochwürdigen katholischen Klerus vortrefflich eignet, sondern daß sie auch in allen katholischen Häusern Aufnahme finden und wie ein werthvolles Familiengut gehalten werden wird! Die Pfeilstücker'sche Ausgabe der heiligen Schrift ist, wie noch erwähnt werden muß, die einzige, die nach den Gesichtspunkten, welche die päpstliche En- cyklika aufstellt, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen dem gläubigen Bibelleser durch Illustration vor Augen führt. In richtiger Würdigung der Bedeutung dieser Bilder sind dieselben bis jetzt schon zu Bibelausgaben in französischer, spanischer, holländischer, dänischer, schwedischer, finnischer und polnischer Sprache benutzt worden; ja, das kleine und arme Volk der Slowenen, dessen gesammte Litteratur kaum 10 Bücher zählt, wird bald die Bibel in seiner Sprache mit den Pfeilstücker'schen Bildern sein eigen nennen können. Es giebt wohl kein passenderes und schöneres Geschenk für Hochzeit, Jubiläum und Weihnachten, als diese „Illustrierte heilige Schrift"! Der Verleger Friedrich Pfeilstücker in Berlin ist gern bereit, Jedem, der sich für die geschilderte Ausgabe der heiligen Schrift interessiert — und welcher Katholik wird das nicht thun — einen ausführlichen illustrierten Prospekt über das Werk kostenfrei zu übersenden. Die Preise sind folgende: 1) Die ganze heilige Schrift: gebunden in Halbleder mit Broncever- goldung und Rothschnitt 30 Mk., in Halbleder mit Gold- 332 schnitt 33 Mk., in Halbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 36 Mk., in Kalbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 48 Mk., in Schweinsleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 66 Mk. 2) Das Neue Testament: gebunden in Leinen mit Brouzevergoldung und Rothschnitt 8,50 Mk., in Leinen mit Goldschnitt 10 Mk., in Halbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 15 Mk., in Kalbleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 25 Mk., in Schweinsleder mit echter Vergoldung und Goldschnitt 40 Mark. Für diejenigen, deren Geldbeutel die Bezahlung des ganzen Betrages auf einmal nicht zuläßt, sei bemerkt, daß Pfcilstückers Bibel auch gegen monatliche oder vierteljährliche Ratenzahlungen oder auch allmählich in zusammen 42 Heften zu 50 Pf. durch jede Buchhandlung oder auch direkt von der Verlagsbuchhandlung bezogen werden kann. — - Ein Kadetrunk. (Zu unterem BUd Seite 327.) Das war eine mühsame Wanderung heute. In der Hitze des Sommernachmittags nicht gerade zum Vergnügen in den Bergen umherstolpern zu müssen ist eine schwere Ausgabe besonders für den, der an der Bergquelle mehr die poetische Seite kennt, als den praktischen Nutzen des Wassers. Wie einladend winkt da das freundliche Gasthaus, in dem der Wanderer zu seiner großen Freude vernimmt, daß eben frisch angestochen wurde. Ein prüfender Blick auf das volle Glas hat das bestätigt. Hei, wie das schmeckte! Der dienstbare Geist ist auch ordentlich erfreut über das Wohlbehagen, das sich auf dem Antlitz des Gastes nach dem ersten kräftigen Zuge ausprägt. Freilich mag das Vergnügen noch die Aussicht erhöhen, daß es noch lange nicht das letzte Glas ist, um das der Fremde heute die Biervorräthe des Wirthes verringern wird. Pros't! -S-KWcS- Allerlei. Die englische Monatschrift „The new Neview" veröffentlicht bisher unbekannte „Memoiren", die über das Leben und Treiben am Hofe des spanischen Königs Ferdinand VII. neues Licht verbreiten. Die „Nation" giebt aus diesen Erinnerungen folgende anschauliche Schilderung wieder: Ferdinand, der Gemahl der späteren Königin-Regentin Christine, hatte bekanntlich durch eine pragmatische Sanktion im Jahre 1830 — kurz vor der Geburt der späteren Königin Jsabella — die Ansprüche weiblicher Nachkommen auf den spanischen Thron sicher gestellt und dadurch zugleich die Erbansprüche seines Bruders Don Carlos zerstört.,. Als nun wenige Jahre später der König in eine schwere Krankheit verfiel, suchte die carlistische Partei, an deren Intriguen sich auch der Premierminister Calomarde betheiligte, den todkranken König zu bewegen, von der pragmatischen Sanktion zurückzutreten. Die „Memoiren" erzählen nun weiter Folgendes: Die Carlisten hatten keinen Augenblick mehr zu verlieren; Calomarde setzte das Papier, durch welches die Tochter des Königs von der Thronfolge ausgeschlossen werden sollte, auf und erlangte ohne große Schwierigkeiten die Unterschrift des todkranken Königs. Die Königin Christine, durch Nachtwachen geschwächt, entmuthigt, verlassen, von Feinden umgeben, hatte nicht die Kraft, dem Komplott Widerstand zu leisten. Die in der Form eines Kodizills verfaßte Urkunde war kaum unterzeichnet, als Ferdinand in einen starrkrampfartigen Schlaf verfiel. Man nahm an, er sei todt, und Calomarde erklärte öffentlich, daß er es sei. Der französische Gesandte sandte die Nachricht nach Paris, und Christine dachte daran, zu fliehen! Ihre Sachen wurden thatsächlich schon gepackt. Don Carlos benahm sich als König. Die Höflinge begrüßten ihn mit dem Titel Majestät, das Volk sammelte sich um den Palast, bereit, dem neuen Herrscher zu huldigen. Da ereignete sich etwas völlig Unerwartetes. Die ältere Schwester der Königin Christine, die Jnfantin Carlotta, Gemahlin eines jüngeren Bruders des Königs, des Jnfanten Franz de Paula, erschien plötzlich auf der Bildfläche. Donna Carlotta hatte seiner Zeit die Heirath ihrer Schwester Christine mit dem König Ferdinand vermittelt und auch bei dem Zustandekommen der pragmatischen Sanktion ihre Hände im Spiele gehabt. Jetzt kam sie wie ein Wirbelwind in den Palast des sterbenden Königs. Sie hatte in ihrer Residenz, tief im Innern von Andalusien, erfahren, was vorging: die Krankheit des Königs, sein vermuthliches Ende, die Intriguen der Carlisten, ihrer Schwester verzweifelte politische Lage und die mutmaßliche Zerstörung ihres eigenen Werkes. Ohne Zeit zu verlieren, hatte sie anspannen lassen und kam nun in fliegender Hast, entschlossen um jeden Preis ihrer Nichte Jsabella die Krone zu retten. Die erste Person, auf welche sie im Palast stieß, war kein Anderer, als Calomarde selbst. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung in der Galerie des königlichen Schlosses. Calomarde versuchte, die Jnfantin am Weitergehen zu hindern. Die Jnfantin überhäufte ihn mit Vorwürfen. Als aber Alles nichts half, schrie sie außer sich vor Wuth den Premierminister an: „Ah, Sie wollen mir den Eintritt verweigern!" und damit gab sie ihm eine schallende Ohrfeige. Der Minister war einen Augenblick starr vor Verwunderung, dann aber verbeugte er sich und sagte gezwungen lächelnd: Zlanoa stlaneas no otksnäair ssnoru: (Weiße Hände beleidigen nicht, Senora!) karo (aber sie treffen), antwortete die Jnfantin, und damit eilte sie in das Gemach des Königs. Hier fand sie ihre Schwester Christine, die völlig den Kopf verloren hatte, unfähig, einen Entschluß zu fassen. Sie redete sie auf italienisch an: Voi siate nun ra^ing, äi ooinrll6<1ia>l (Du bist eine Theaterkönigin!) Und ohne ihrer Schwester weiter Beachtung zu schenken, schreitet die Jnfantin auf das Bett zu, wo der König ausgestreckt liegt, faßt ihn an dem Arm, schüttelt ihn und ruft: „Fernando, Fernando, antwortet mir!" Der König öffnet die Augen und stiert umher. Sobald die Jnfantin dies bemerkt, zieht sie ihn aus dem Bette, stellt ihn auf seine Füße, richtet ihn auf, führt ihn ans Fenster, reiht dieses auf und schreit, indem sie den beinahe leblosen Körper dem erstaunten Volke zeigt, mit lauter Stimme: Gutes Volk, sieh her, Dein König ist nicht todt! Die aufregende Scene, deren Einzelheiten früher niemals bekannt geworden sind, wenn gleich Calomardes Antwort auf die Ohrfeige durch die weiße Hand der Jnfantin Carlotta Berühmtheit erlangt hat und in L-panien sprichwörtlich wurde, drehte die Dinge um, wie man einen Handschuh umkehrt. Ferdinand, ins Leben zurückgerufen, erfuhr, was vorgefallen war, und wurde von rasender Wuth gegen den Premierminister und gegen seinen Bruder Don Carlos erfüllt. Diese Wuth stellte ihn soweit wieder her, daß er seinen Willen kund thun konnte, und er lebte noch gerade lange genug, um die Urkunde, die ihm von Calomarde abgeschwindelt war, zu zerreißen, ein neues Ministerium zu ernennen und seine Gattin Christine zur Regentin zu machen. So wurde durch die „rnunos plunoas" einer thatkräftigen Frau dem Schicksal des spanischen Volkes und des spanischen Herrscherhauses eine entscheidende Wendung gegeben. -» 4^« t >» -