^L45. „Augsburger Postzeitung^. Dinstag, den 5. Juni 1894 . Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) „Sie suchen doch nicht den Herrn Eckert?" fragte Wolfius. Mr. Hilbrecht zog seine Brieftasche hervor und nahm eine Karte heraus, von welcher er den Namen Eckert las. „Criminal-Commissar Frenzel sendet Herrn Eckert den Mr. Hilbrecht aus Chicago, welcher Mr. Prien genau kennt." So las der Amerikaner und legte die Karte wieder bedächtig in seine Brieftasche. „Weshalb haben Sie auf diese Karte hin Herrn Eckert nicht aufgesucht, Mr. Hilbrecht?" fragte Wolfius erstaunt. „Weil ich ihn nicht finden konnte, — kutschirte von Nest zu Nest, fand keine Spur von ihm, aber eine von Mr. Prien, und kam hierher." „Das war gut und klug von Ihnen gehandelt, Mr. Hilbrecht," sprach Wolfius freundlich, „es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß ich just diesen Herrn Eckert kenne und sehr befreundet mit ihm bin. Ich traf ihn in der kleinen Harzstadt L., wo er krank dar- niederliegt. Er war sehr unglücklich und theilte mir soviel von seiner Mission mit, daß ich ihm versprach, meine Augen offen zu halten und jeden Verdächtigen, der mit dem mir gegebenen Signalement Aehnlichkeit besäße, auf's Korn zu nehmen." „Da konnten Sie aber bös' hereinfallen, mein Lieber!" meinte der Doctor kopfschüttelnd, „ein Detectiv muß Spitzbuben-Augen haben und die Spreu vom Weizen sofort zu unterscheiden wissen." „Nein, er muß ein Allerweltsmensch, ein Comödiant sein!" fiel Mr. Hilbrecht mit großer Entschiedenheit ein, „sonst fängt er keinen geriebenen Spitzbuben. Sage Ihnen, Gentlemen, wir haben drüben famose Detectivs. Ist da ein gewisser Mr. Haws, konnt' ihn nicht für vieles Geld haben, war just hinter einer Falschmünzer- Gesellschaft her, der hätt' ihn mir aus dem rollenden Zuge herausgeholt. Ihr Mr. Eckert ist ein Kohlkopf, aber kein Detectiv, der überhaupt nicht krank werden darf." — Dr. Peters lachte belustigt auf. „Gott sei Dank, daß es nur wenige von dieser Sorte giebt," bemerkte er dann, „wäre sonst ein Unglück für uns Aerzte." Wolfius hingegen war sehr ernst geworden. „Schelten Sie meinen Freund Eckert nicht, Mr. Hilbrecht," sagte er halblaut, „ich wette mit Ihnen, daß er den Mr. Prien noch eher fängt als Sie." „Wetten?" schrie der Amerikaner, „wie hoch? Kal- kulire, Mann, daß Sie dabei liegen, ^oval" „Ich wette um zehn Flaschen Sect, Sirl" „Abgemacht, Sie sind Zeuge, Doctor l" Mr. Hilbrecht reichte ihm die Hand, welche Wolfius kräftig schüttelte. „Sie reisen aber mit uns," sagte der Amerikaner, „dürfen Ihren Freund nicht sprechen." „Selbstverständlich, Mr. Hilbrecht." Ueber das ernste Gesicht des Detectivs zog's wie leiser Spott. „Eine Bedingung muß ich im Namen meines Freundes daran knüpfen," fuhr er rasch fort, „die Erlaubniß Ihrerseits, Sie holen zu lassen, wenn der Vogel im Netze steckt, um die Persönlichkeit desselben festzustellen." „H1 ri^llt, er kann mich rufen und ich komme, werde Ihnen meine Adresse in Moorkirch geben." „Dann müssen Sie sich ja immer zu Hause halten, Mr. Hilbrecht," wandte der Doctor ein. „Verdammt, das geht nicht, muß den olä doch packen." „Er darf Sie dort nicht sehen, Mr. Hilbrecht," sprach Wolfius, „bleiben Sie hier, bis mein Freund Eckert Sie ruft." „HaltenSie mich für ein Rhinozeros, Sir?" schrie der Amerikaner zornig, „wär' mir eine schöne Weitet — Nein, gleiche Sonne, gleiches Recht, ich lasse von seiner Spur nicht mehr und werde Ihnen das Feld nicht allein überlassen." Doctor Peters sah auf Wolfius, der ungeduldig die Achseln zuckte. Es schien ihm plötzlich ein anderes Licht über die Persönlichkeit desselben aufzugehen und sein Vorschlag ihm vollständig berechtigt zu sein. „Bitte, Mr. Hilbrecht," mischte er sich deshalb vermittelnd ein, „Ihr Zorn ist grundlos, Herr Wolfius hat recht, sein Vorschlag ist sehr vernünftig. Wenn jener Mensch Sie dort erblickt, so ist er hinreichend gewarnt, um sofort von der Bildfläche zu verschwinden. Mir ist es allerdings ganz unbegreiflich, weßhalb er nach dem Schauplatz seiner Verbrechen zurückkehren sollte. 342 Wenn Sie sich doch nur nicht in der Person getäuscht haben." „Unsinn, Sir! — Kenne den Vogel zu genau! Es war Mr. William Prien, darauf will ich gleich hunderttausend Dollars verwetten. Aber hier im Neste bleib' ich doch nicht." „Lassen Sie uns einen Ausweg suchen, Mr. Albrecht," begann der Doctor auf's Neue, „setzen Sie zum Exempel eine kurze Frist, Herr Wolfius." „Nun, sagen wir drei Tage," erwiderte der Detectiv rasch, „geben Sie mir diese kurze Frist, Mr. Albrecht, da ich meinen Freund doch erst instruiren muß." Dieser schüttelte den Kopf. „Unsinn, Mann, weder Sie noch Ihr Freund, der kranke Detectiv, kennen den Mr. Prien, was wollen Sie dort ohne mich beginnen? Und weiter, Sir! — was soll ein Kranker dort? — Kommt mir wahrhaftig beinahe der Gedanke, als ob Sie den Kerl entwischen lassen möchten." „Der Gedanke wäre doch zu dumm, Mr. Albrecht!" rief der Doctor, „ich bürge für diesen Herrn, — geben Sie nach, bleiben Sie drei Tage hier, mein Gott, die kurze Frist gewährte ja selbst der Tyrann von Syrakus." Der Amerikaner lächelte als Republikaner verächtlich über diesen ihm völlig unbekannten Tyrannen, den er für irgend einen deutschen Monarchen halten mochte. Endlich aber gelang es der vereinten Ueberredung der beiden Herren, ihn zum Bleiben zu bewegen. Er gab Handschlag und Wort darauf, versicherte aber energisch, daß er genau nach dreimal vierundzwanzig Stunden auch ungerufen sofort abreisen werde. Dann begleitete er sie nach dem Perron und sah ihrer Abfahrt zu. — — — Mittlerweile war Julius Steindorf mit dem Schnellzuge bis zur letzten Station vor Moorkirch gekommen und hier ausgestiegen. In dem eine Viertelstunde entfernten Dorfe, wo er hinreichend bekannt war, miethete er sich ein kräftiges Reitpferd und sprengte mit verhängten Zügeln über die Chaussee, welche an Notenhof vorüber nach Edenheim führte. Wo er sich eine Strecke abschneiden konnte, benutzte er ohne Skrupel die Feldwege, und nur vor dem früheren Heim, das er um eines Weibes willen verscherzt, hielt er das Pferd an, um mit wilderregten Augen hinüber zu schauen. Seine Lippen bewegten sich dabei lautlos, wie in einem inneren Krampfe, und wüthend ließ er die geborgte Reitgerte über das Pferd sausen, daß es im rasenden Galopp mit ihm davonstürmte. Wie die Gedanken während dieses tollen Rittes in seinem fiebernden Gehirn tobten, wie höhnend die Zeilen des verhüngnißvollen Documents in den Händen des verhaßten Doctors vor ihm in der Luft tanzten und — dann? — „Die Hölle ist los!" murmelte er plötzlich, als ob ihm die Kehle zugeschnürt wäre und mit einem Ruck hielt er das dahinstürmende Pferd an. Das gehetzte Thier zitterte heftig, er ließ es im Schritt gehen, nicht aus barmherziger Schonung, sondern nur deßhalb, weil er, als er den Edenheim'schen Boden betrat, seine Gedanken sammeln und ordnen wollte, um einen Entschluß für die nächste Stunde zu fassen. Immer finsterer wurde dabei sein Gesicht, das eine aschfahle Farbe angenommen hatte. Es erschien plötzlich wie gealtert unter der Wucht der Gedanken. „Bah, — Hirngespinnste, Kinderei!" murmelte er, „jetzt heißt es, das Letzte aus dem Schtffbruch retten. Der Doctor kann vor Abend nicht hier sein und —" Er brach ab und schüttelte sich, wie von einem plötzlichen Grauen gepackt. Dann wurde er ruhiger, sein Gesicht glättete sich und nahm den Ausdruck stiller Resignation wieder an. So gelangte er nach Edenheim, wo ihm von der Mamsell Evers der Bescheid wurde, daß Fräulein Holten nach der Stadt gefahren sei. „Und wann kehrt meine Braut zurück?" fragte er, sich gewaltsam bezwingend. „Das kann ich nicht sagen, sie war gestern auch dort und kehrte erst gegen Abend zurück." „Ich will hier warten," sagte er kurz und schritt die Treppe hinauf in's Wohnzimmer. „Wünsche ein wenig zu schlafen," wandte er sich noch einmal zu der Mamsell, als diese sich entfernen wollte, „und werde mich deshalb, um vor Störungen sicher zu sein, einschließen. Wenn das Fräulein zurückkehrt, klopfen Sie nur an." Die Mamsell ging und hörte kopfschüttelnd, wie Steindorf den Schlüssel umdrehte. Die Rollgardinen waren der Sonne halber herabgelassen, er konnte ungestört ruhen. Einen Augenblick stand er in der Mitte des ebenso geräumigen als behaglichen Zimmers, dessen gedämpftes Licht wohlthätig auf seine erhitzten Augen einwirkte. War ihre Abwesenheit ein Glück oder ein Unglück für ihn? — Er schien einen Augenblick darüber zu grübeln und richtete sich dann entschlossen auf. Er war mit sich im Reinen, da er sich, nach jener Vollmacht' zu schließen, unbedingt sagen mußte, daß nicht die Liebe zu ihm, sondern der Tod seines Kindes sie in seine Arme geführt habe, und es jetzt für ihn nur noch einen einzigen Weg gab, den der Selbsterhaltung und des eigenen Vortheils. „Ja, des Vortheils!" murmelte er mit einem hohn- vollen Blick auf die lebensgroßen Brustbilder von Arm- gard's Eltern, „die theure Braut hat's mir ja freigestellt, nehmen wir also unser Recht, da die Zeit mangelt, ihre Rückkehr zu erwarten. Vorwärts!" Er entledigte sich geräuschlos seiner eleganten Stiefel und lächelte befriedigt bei dem Gedanken, die Sporen, welche man ihm in jenem Dorfe angeboten, ausgeschla- gen zu haben. Ja, Herr Julius konnte in diesem Augenblick noch an kleinliche Nebendinge denken und darüber lächeln. Sonderbares Menschenhirn, das in den fürchterlichsten Augenblicken armseligen Gedanken nachhängen kann. Wieder stand er aufhorchend und lauschend still, rollte da nicht ein Wagen? Bah, sie waren ja bei der Heuernte beschäftigt, er hatte es vorhin trotz seiner wilden Aufregung sehr wohl bemerkt. Er ging geräuschlos nach der Thür, welche in Armgard's Boudoir führte, dieselbe war, wie er vermuthete, verschlossen. Der elegante Herr zog einen krumm gebogenen Nagel aus der Tasche, um das Schloß zu öffnen. Seine wohlgepflegte, schöngeformte, weiße Hand zitterte nicht bei diesem unheimlichen Thun. Dann zog er den Nagel plötzlich wieder zurück und starrte vor sich hin. „Wie lautete doch der Schlußpassus jener famosen Vollmacht?" fragte er sich, seine Gedanken anstrengend, „richtig, wenn ich die Verlobung aufheben wolle, wäre meine holde Braut zu jedem Opfer bereit. — Hätte gleich mit dem alten Narren von Doctor unterhandeln UM ' IWMI USW MM M« LÄ' .ÄK» )E rM»ÄW KXX.MS» W .M.K, LE MMtz ??<>'> 77^ MM .PS^UU «L 344 und die Sache in's Reine bringen sollen, anstatt jetzt zum gemeinen Einbrecher zu werden. Hm, wenn ich ihr einige Zeilen hier ließe, sie schwiege gewiß, weil sie zum Schaden noch Spott ernten würde. Und doch widerstrebt es mir, weil sie unerwartet heimkehren und mich dabei überraschen könnte. Vielleicht hat sie nicht viel Baares im Hause, die Zeit verrinnt, es würde zu spät für mich!" Er athmete schwer, der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn. Die kleine Standuhr schlug die vierte Nachmittagsstunde. „Vor sieben kann der nächste Zug nickt eintreffen," rechnete er, „ich halt's hier nicht aus. Also hin zu ihr auf dem schnellsten Nenner aus ihrem Stall. Noch wagt man es nicht, mir Widerspruch entgegen zu setzen. Um halb sechs Uhr muß ich in Moorkirch sein und eine halbe Stunde später schon über alle Berge. Bah, den Kopf hoch und Deinem Stern vertraut, Du bist jetzt aller Ketten ledig!" Er schauderte wieder zusammen, zog dann rasch die Stiefel an und verließ das Zimmer. „Habe drinnen Kopfschmerzen bekommen," sagte er zu der überraschten Mamsell, „will doch lieber nach der Stadt reiten, begegne meiner Braut vielleicht unterwegs." „Wollen Sie vorher etwas genießen, Herr Steindorf?" fragte sie gemessen. „Ein Glas Wein, wenn ich bitten darf, aber rasch," sagte er im Vorbeischreiten. Dann ging er schleunigst nach dem Pferdestall, wo sein abgehetzter Gaul sich an der Krippe gütlich that, suchte den besten Nenner heraus und befahl einem dienstfertig hinzutretenden Knechte, denselben sogleich zu satteln und vor's Haus zu führen. „Der versteht sich auf Pferde," brummte der Knecht einem Kameraden zu. „Und auf's Commandiren," meinte dieser mit einem scheuen Blick auf die dahinschreitende elegante Gestalt. Mamsell Evers stand bereits mit dem Wein auf der Treppe. Er stürzte zwei Gläser voll davon hinunter, schwang sich dann auf's Pferd und ritt im schärfsten Trabe davon. * * (Fortsetzung folgt.) Die Augsburger Weber zu Reichsstadt Zeiten. (Fortsetzung.) Daß die Weber nur Lustbarkeiten nachjagten, war jedoch keineswegs der Fall. Gerade sie zeichneten sich gegenüber den anderen Handwerkern aus in einer ernsten und würdigen Benützung der Stunden des Feierabends und des Sonntags. Schon im Jahr 1535 gab es in Augsburg Meistersängen, und der Rath räumte ihnen die Barfüßerkirche ein, wo sie „ob dem Altare Schule halten und über weltliche und geistliche Sachen singen durften." Unter den bis 1620 bekannten 280 Meistern erscheinen 86 Weber und nur 20 Kürschner, 11 Schneider und je unter 10 aus den anderen Gewerben. 39 Weber errangen sich „die Krone", ihr Genosse Hans Weidner wird in dem Verzeichnisse „der Dichter" genannt, und von dem 18mal gekrönten MeterOnufrius Schwarzenbach (ch 1574) ist bemerkt: „hat etlich sehr beliebte ton gemacht." Mit dem Jahre 1547 begann das Säkulum, welches den Wendepunkt im Leben der meisten Gewerbe bildet. Hatte der Schmalkaldische Krieg der einst berühmtesten Reichsstadt die aktive Rolle in der hohen Politik entrissen, so entlaubte der 30jährige Krieg den üppigen Baum des bürgerlichen Wohlstandes, und sechs Generationen harrten auf den neuen lebenskräftigen Wurzelausschlag. All- mälig verknöcherte der ganze Staatskörper, und beinahe alle seine Bestandtheile wurden unempfindlich gegen die Regungen einer neuen Zeit. Nachdem Kaiser Karl V. am 3. August 1548 die Zünfte aufgelöst, die Zunfthäuser verkauft und vie Vermögen eingezogen hatte, schloffen sich die verwandten Gewerbe als Vereine oder Innungen an einander und der politischen Bedeutung entkleidet, regelten sie nimmer ihre eigenen Angelegenheiten, sondern die Verwaltung ging in die Hand eines Vorstehers, zweier Rathsdepu- tirten und Geschworenen, durchweg obrigkeitlich bestellte Personen, über. Nur die immerhin noch zahlreichen Weber behaupteten insofern eine bevorzugte Stellung, als sie ihr Zunfthaus behielten und die Deputation aus 3 Rathsgliedern und 3 Beisitzern aus dem Handwerk gebildet wurde. Die Mehrheit der Weber erfreute sich noch eines leidlichen Auskommens, und sie sahen hoffnungsvoll in die Zukunft, seit einige Reichsstädte von 1594 an wegen Verbesserung ihres Looses wiederholt in Ulm tagten und die Reichsstände zu Regensburg 1603 die Ausfuhr der Baumwolle aus Deutschland verboten hatten. Noch vergiftete das Mißtrauen das Gewerbe nicht, um in einem Versuche, den Webstoffen ein anderes Aussehen zu verleihen, einen bedenklichen Feind zu wittern. Deshalb blieb Jörg Hofmann wegen der 1523 eingerichteten Barchentdruckerei unbehelligt. Trostloser, als sich denken ließ, gestalteten sich aber alle Verhältnisse in der von 1617 bis 1635 durch Krieg, Hunger und Seuchen gequälten Stadt. Die Einwohnerzahl stürzte von 44,000 auf 16,432 herab, und wenn sie sich auch im August 1645 wieder auf 21,018 Köpfe erhob, so war die Verarmung so groß, daß die höchste Steuer nur 428 Gulden betrug gegenüber 2666 Gulden im Jahre 1617. Ein kümmerliches Brod gaben nur noch 500 Webstühle. Wer bei derartigen Zuständen aus den Zunftbüchern und Acten des Weberhauses von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erfreuliche Aufzeichnungen erwartet, täuscht sich. Meist mit kleinlichen, mitunter recht sonderbaren Angelegenheiten hatten sich die Vorsteher und Beigeordneten zu befassen, wodurch die besten Gelegenheiten verpaßt wurden, das Gewerbe aus dem steril gewordenen Arbeitsfelde in einen jugendlich frischen Boden zu verpflanzen. Es brauchte allerdings geraume Zeit, bis der Handel wieder erstarkte und das tägliche Brod in den Werkstätten nimmer fehlte, daher die Deputirten auf dem Weberhause mehr als Armenpfleger amtirten, anstatt für die Neubelebung des Handwerks sorgen zu können. Jedoch bemühte sich der Rath redlich, dem Commercium aufzuhelfen. Dabei erschien ihm als das zweckmäßigste Mittel, der Weberei unter die Arme zu greifen, die Begünstigung der Barchentdruckerei. Er ließ, als dem Bedürfnisse genügend erscheinend, 16 Druckereien zu, nur sollten auch die gedruckten Waaren zur Schau gebracht werden, und er verbot sowohl das Hinausverkaufen der weißen Tücher, 1 345 als auch das Bleichen in den Privatgärten, um dem Aerario das Ungeld von den Brabanterlen nicht zu entziehen. Auch aus gleichem Grunde sah er gerne, daß 1698 die Brüder Georg und Jeremias Neuhofer, in Holland mit der Krapprothfärberei bekannt geworden, als die ersten Kattundrucker in Deutschland sich hier niederließen und ihnen Johann Apfel mit Verbesserungen im Zitzdrucke und Johann Georg Gignoux aus Genf, welcher die Kupferplatten einführte, nachfolgten. Allen diesen Neuerungen gegenüber verhielten sich die Weber ruhig, nur die mit ihnen im Verbände stehenden Färber wollten die Aufstellung eigener Farbkessel den Druckern nicht verwilligen, welchen Anstand diese durch die Verwendung von Färbermeistern oder durch die Erwerbung einer Färbereigerechtigkeit beseitigten. So behelligte lange Zeit dieser aufblühende Geschäftszweig das Weberhaus nicht. Dort wurden nur Streitigkeiten wegen der Lehr- von 1542 wegen der Aufnahme eines Wasenmeisterssohnes in die Lehre wiederholen. Die Weigerung berief sich auf den Umstand, daß Friedrich die unter den Schergen gestandenen Personen angetastet habe. Dagegen machte der Rath mit Recht geltend, daß die Neichspolizei-Ordnungen von 1548 und 1577 außer dem Scharfrichter Niemand kennen, welchen eine dienstliche Verrichtung ehrlos machte, und die Schau mußte sich fügen; doch erhielt sie die Versicherung, der Rath werde ihren guten Namen zu schützen wissen, falls er angegriffen werden sollte. Die Knappen gaben sich dadurch nicht zufrieden, und sie schloffen Friedrichs Gesellen, neben denen sie nicht sitzen wollten, von der Auflage aus. Es wurden von den Reichsstädten Cöln, Nürnberg und Memmingen Gutachten eingeholt, und auf Grund derselben erging an die Büchsen- meister der Befehl, die angefeindeten Gesellen, welchen allerdings das Züchtigen der Sträflinge untersagt wurde, -HA;«' « , », ''ÄSZ? Kladl Lindau (vom Hafen aus). jungen und der Knappen geschlichtet, Gesuche um das Meisterrecht geprüft, was bei auswärtigen Bewerbern, falls sie nicht beabsichtigten eine Meisters-Wittwe oder -Tochter zu heirathen, nicht immer glatt verlief, wie bei dem verheiratheten Andreas Lang von Hohenmemmingen, der 1724 „vom Handwerk abgewiesen wurde, weil schon 71 Weber im Almosen stehen und mit derlei Gesellen das Leihhaus überlaufen werde", oder die Deputirten sannen auf Mittel, „wie dem bei der Gesellschaft über- hand nehmenden Laster der Unlauterkeit zu steuren sei", und dergleichen mehr. Doch gelangten auch außerordentliche Fälle vor ihr Forum. Als der in den städtischen Dienst eines Zuchthausvaters getretene Weber Johann Friedrich 1725 seine Waare der Schau vorlegte, wiesen sie die Stimmirmeister zurück, um nicht in üblen Ruf zu kommen, und die Sache nahm den Anschein, als wolle sich der langwierige Proceß zur Auflage zuzulassen. Zwei Jahre später war ein anderer Streit zu entscheiden. Der ledige Webergeselle Joh. G. Kraus von Adelsried verfertigte die hier nicht üblichen seidenen Wienertüchlein, und die Bußmeister belegten sie mit Beschlag. Die darüber gehörte Weberschaft räumte zwar ein, sie, obwohl dazu befähigt, gebe sich mit diesen Tüch- lein nicht ab, weil dabei nichts herauskomme, und deßhalb schädige Kraus das Handwerk nicht, allein es sei wider das Herkommen, daß ein ausländischer Knappe auf eigene Hand arbeite, und er solle bei einem Meister um Speis und Lohn den Webstuhl aufstellen. In diesem Sinne fiel dann die Sentenz aus. (Schluß folgt.) 346 Der Ausbruch des Vulrans Calbueo. Ueber den heftigen Ausbruch dieses chilenischen feuerspeienden Berges entnehmen wir einem uns freundlichst zur Verfügung gestellten Briefe eines deutschen Landsmannes in Puerto Montt (Chile) folgende Einzelheiten. Der Bericht wird einen um so größeren Theil unserer Leser interesstren, wenn wir beifügen, daß in Puerto Montt und um den See Llanquihue herum eine aus rund 40,000 (meist katholischen) Deutschen gebildete Ansiedelung besteht, deren Mitglieder größtentheils aus Westfalen stammen, und die durch Jesuiten der deutschen Ordensprovinz pastorirt werden. Der Aschenregen des Calbuco fiel einige Male auf eine Ausdehnung bon 200 Kilometer im Umkreise und bedeckte die Erde mit einigen Millimeter bis zu einem halben Zoll mit Aschensand. Ein großer Schlamm- Ausbruch im letzten April riß in den Bergabhang ein in weiterer Entfernung von 8 bis 40 Meilen feiner Aschensand oder leichte Aschenflöckchen wie dünner Schnee. Die Luft wird von dieser Asche getrübt, das Athmen für die Lungen beschwerlich, und besonders die Augen werden schmerzhaft gereizt. Beim Fallen der Asche weroen die Dächer und Pflanzen allmälig weiß, und wer ausgeht, sieht seinen schwarzen Hut und die Kleider bald mit weißer bzw. grauer Asche überstreut. Das Brüllen des Vulkans bei Ausbrüchen ist schrecklich; in der Nähe bis auf vier Meilen zittern die Häuser und der Boden; in weiterer Ferne bis auf 12 und 20 Meilen sind die Donner und unterirdischen Getöse mit Geknatter und Rollen vernehmbar. In den Wolken der Rauchsäule, welche sich ein Mal bis zu 11,000 Meter erhob, entwickelten sich mitunter Gewitter, d. h. elektrische Erscheinungen mit Blitz und Donner. Diese Gewitter aber sind verschieden von der unterirdischen Feuerthätigkeit; auch WWW -.i WÄLZ Hafen tn Lindau mit Leuchttnurm. Bett von 100 Meter Breite und wälzte haushohe Felsblöcke mit zerknickten Riesenbäumen durch die Ebene in der Richtung der menschlichen Wohnungen, welche er aber verschonte. Rauch und Dampf steigt aus vielen Kratern auf. Gewöhnlich ist die Thätigkeit des Vulkans mäßig. Die außergewöhnlichen Ausbrüche fanden bis zum 28. November 1893 alle zwei bis vier Wochen statt und bestanden in einer majestätischen Rauchsäule von einer Dicke und Höhe, wie nur ein Vulcan sie hervorzubringen im Stande ist. Die Form der Rauchsäule ist einem offenen Schirm ähnlich, wenn Windstille herrscht; ist Wind, so wird die Masse geneigt; zuweilen zieht sich die Nauchwolken-Säule schwarz bis an den fernen Horizont hin. Die Farbe der aufsteigenden Säule , ist weiß (reiner Wafferdampf) oder gelb und bläulich (Wasierdampf mit Asche gemischt). Am Vulcankegel fallen glühende oder kalte Auswürflinge (Steine), in mittlerer Entfernung Bimsstein, Basaltsplitter und feiner scharfer Aschensand; fällt bei diesen Gewittern kein Tropfen Regen. Der Ausbruch am 5. August des vorigen Jahres war so heftig, daß die Gebirgsbewohner im Relonkavi wegen der furchtbaren Blitze und des ununterbrochenen Donners glaubten, das Ende der Welt nahe heran. Sie meinten, die ganze Cordillera, dieser gewaltige Gebirgsstock, stürze zusammen. Der Ausbruch am 4. October v. I. war nach einer andern Richtung so gewaltig, daß die Bewohner in Entfernung von vier Meilen am frühen Nachmittag (October ist Sommerszeit) in stockfinstere Nacht gehüllt wurden und die Asche derart das Gras und die Büsche überschüttete, daß das Vieh in ferne Gegenden getrieben werden mußte, um Futter zu finden. Das Vieh, welches mit dem Grase die Asche hineinfraß, wurde krank, magerte ab und starb in großer Anzahl weg. Die Preise des Viehes fielen stark, und doch mochte Keiner kaufen. Der größte und majestätischste Ausbruch war am Vorabend des St. Andreasfestes (29. Nov. 1893). Um 347 71/4 Uhr Morgens (es war ein sonniger Sommer-Morgen) verließ ich das Zimmer. Unten im Hausflur sagte man mir: „Sehen Sie den Vulcan!" Ich schaute durch's Fenster nach Osten (der Vulcan liegt acht Stunden weit). Das halbe Firmament war mit weißen und grauen Wolkenmassen, welche unaufhaltsam sich weiter stießen, überzogen. Ich ging zur h. Messe. Nach Danksagung und kurzem Frühstück eilte ich in den Garten auf unsern Hügel. Die Zimmerleute auf dem Hofe konnten kaum noch arbeiten. Es war ^/z9 Uhr. Oben auf dem Hügel ist Rundsicht nach der ganzen Windrose. Ein Drittel des Firmaments nachSüden war noch frei, zwei Drittel schwarz. JmHafen lag der Dampfer von Valparaiso vorAnker. Aus den schwarzen Wolken grollte der Donner, zuckten Blitze. Zu ebener Erde war Südwind, in den obern Luftschichten Nordostwind. Um 9 Uhr rief mich die Hausglocke zur Pforte. Vor der Dunkelheit konnte ich nur die nächsten Gegenstände sehen. Die Straßen-Laternen hatte man angezündet. Die elektrischen Lampen des Postdampfers leuchteten schwach vom Hafen herüber; denn schon fiel Asche. Unten im Hause fand ich Licht in allen Zimmern. Ich eilte wieder auf den Hügel zurück, da kein Ort geeigneter war, diese großartige Natur-Erscheinung zu beobachten. Es war 91/4 Uhr: der letzte helle Fleck am südlichen Horizont verschwand. Von den Bäumen um mich, dem Erdboden, auf dem ich saß, dem Glockenthurm, welcher dicht hinter mir sich erhebt, ja von den Laternen sah ich nichts mehr. Da hielt ich die Finger beider Hände dicht vor die Augen, um den Grad der Dunkelheit zu prüfen. Kein Schimmer. Es war stockfinster. Ich saß zusammengekauert mit dem Rücken gegen den Aschenregen, über dem Kopf unter dem Hut ein Taschentuch herabhängend, um die Augen und den Mund vor der beizenden Aschen- Lauge zu schützen. Von ^10 bis 11 Uhr saß ich da. Die Natur war still; still die Stadt, selbst die Thierwelt regte sich nicht. Wie lange wird diese Finsterniß dauern? Ralhhaus in Kindau (Nordseite). Keine Berechnung ist möglich. Vielleicht wird sie nach einigen Stunden vergehen? Da läutet plötzlich die Kirchenglocke. Was ist das? Ich ahnte es. Das wird eine Betstunde sein. Und so war es. Man hatte beschlossen, das Volk in der Kirche zum Gebet zu versammeln. Ich blieb auf dem Hügel; denn man wird noch einmal läuten. Nach 11 Uhr hob ich meine Hand vor die Augen, es schien mir, als mache sie einen schwachen Eindruck auf die Sehnerven. Ich hatte mich nicht getäuscht; alsbald ertönte ein Hahnenschrei und aus allen Höfen stimmten die Hähne ein. Die Dunkelheit nahm ab. Um 11^/4 Uhr läutete die Glocke zum zweiten Mal; das Volk kam zahlreich zur Kirche. — Vor dem Aller- heiligsten wurde bei Kerzenschein gebetet. Um 12 Uhr konnte man ohne Licht lesen. Die Natur erwachte in einem grauen Trauergewande. Die Menschen wandelten alle wie Müller umher. Der weiße Aschen- staublageinenViertel- Centtmeter dick, an andern Orten ein bis zwei Centimeter. Noch zwei Tage nebelte es feine Asche. Möchte doch einTropfenRegen kommen, um die Luft zu reinigen und die Natur abzuwaschen! Doch umsonst war dieser Wunsch. Das Trauerkleid sollte viele Tage liegen bleiben. Was war nun der Eindruck dieser Katastrophe auf die Menschen? Welches war ihr Umfang und ihre Ausdehnung? Welches die Ursachen und Wirkungen ? Der Eindruck war zunächst ein gewaltiger,aber stiller. Mit tiefer Finsterniß umschloß eben der allmächtige Schöpfer alle lebenden Wesen am hohen Sommertage. Die Thiere zunächst, so erzählten nachher die Landleute, wurden unruhig; die Gänse kehrten heim, verwirrt blökten die Schafe, die Vögel piepten. Von den Menschen weinten einige, andere sagten: das jüngste Gericht kommt heran. Der Umfang und die Ausdehnung des Ausbruchs ist, wie sich aus den Berichten ergibt, groß gewesen. Die volle Finsterniß hat ungefähr 40 Quadratmeilen Landes eingehüllt, theilweise Finsterniß vielleicht weitere 40 Qua- 348 dratmeilen. Der Aschenregen fiel nördlich bis Valdivia, südlich bis Castro, also in einem Durchmesser von etwa 200 Kilometer — 50 chilen. Meilen — 25 geogr. Meilen. Der See Llanquihue am Fuße des Vulcans mit einer Oberfläche von 40 X 41 — rund 1600 Qu.- Kilometer sank im Anfange des Ausbruchs um vier Centi- meter in wenigen Minuten. Wohin ging diese Wassermenge? In das Feuer? Denke man sich 64,000,000 Kubikmeter in Wasserdampf verwandelt! Die Wirkungen dieses Ausbruchs, wer kann sie ermessen? Menschenleben sind bis jetzt nicht zu beklagen. Viele Kühe sind umgekommen, das Erdreich ist aber durch die Asche besser geworden. Mit der einen Hand züchtigt der Herr, mit der andern spendet er Wohlthaten. (K. Vztg.) — -- Allerlei. Die Hinterlassenschaft großer Componi st en. Haydn befand sich in sehr guttu Verhältnissen. Außer mehreren Dutzend Schnupftabaksdosen, von denen die meisten, mit Brillanten besetzt, Geschenke seines Gönners, des Fürsten Esterhazy, einiger Souveräne und anderer vornehmer Herren waren, hinterließ er 12 goldene Preismedaillen, ihm zu Ehren geprägt und eine Menge goldgestickter Uniformen. Brillantringe und Brillanttuchnadeln und eine beträchtliche Summe vervollständigten sein Vermögen. — Auch Beethoven hinterließ eine große Summe in baarem Gelde. — Sehr gering dagegen war, was man bei Mozart fand. — Franz Schuberts Effekten jedoch waren die eines vollständig Verarmten. Er hinterließ nur einen Anzug nebst 10 Gulden 54 Kreuzern Papiergeld. - Zu unseren Bildern. Floßfahrt. Auf der Jsar geht's abtt) Und 's Wasser geht groß; Dös schäumt so schön grün, Und da arbeit' der Floß. Jetzt geht's um a Reiben,') Jetzt reißt's uns am Sand — Wenn ma's jetza nit richten, Fliegt all's auseinand'I Und der Sepp, der packt's Ruder, Der Hiesl packt's Steuer, Dös is dir a G'frett') Mit dem Wafferg'schäft Heuer?) Nur der Alte, der lacht Zu dem Dirndl daneben: „Siehgst, wie durch dös Wasser, So roast ma durch's Leben! Ha, fürchst di' jetzt nit, Mir fall'n allez'samm 'nein?" Da lacht die schön' G'sellin Und halt't st' fest ein. „Na. Alter," hat's g'sagt, „Schaug, dös is ja a Freud' Wie wilder 's dohingeht, Wie größer wird d' Schneid! As Wetter und 's Wasser Darf warm sein und kalt: Wenn der nur dabei is, An dem ma' st' halt't." _ Karl Stieler. Lindau. Lindau, unmittelbare Stadt und klimatischer Kurort im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben, auf einer Insel im Bodensee, welche mit dem Festlande durch eine 219 Meter lange Holz- ') hinab. ') eine Ecke. ') eine Mühsal. ') dieses Jahr. brücke und durch einen 555 Meter langen Eisenbahndamm in Verbindung steht, Knotenpunkt der Linie München-Lindau der bayerischen Staatsbahn und Bludenz-Lindau der Vorarlberger Bahn, hat eine evangelische und eine katholische Kirche, ein altes und ein neues Rathhaus, einen alten römischen Wartthurm („Heidenmauer"), einen bedeutenden Getreidehandel, ein Theater, zwei Seebadeanstalten, ein reichdotirtes Spital und einen sehr schönen Hafen (Maximilianshafen), an welchem seit 1856 das Standbild des Königs Maximilian II. steht. Die Zahl der Einwohner beträgt mit der Garnison ca. 6000. Bedeutender Wein-, Obst- und Gemüsebau. Lindau hat ein Amtsgericht, Hauptzollamt, eine Latein-, Real- und Musikschule und eine Stadtbiblio- thek. Bereits die Römer hatten aus der Insel ein Lager gegen die Vindelicier und Alemannen (Oasdrum Mdsrii). Zur Zeit der Karolinger kommt (882) der Ort urkundlich unter dem Namen Lintowa vor. In einer Urkunde Rudolphs von Habsburg von 1274 erscheint Lindau als Reichsstadt. 1331 schloß sich die Stadt dem Schwäbischen Städtebund an. 1496 fand ein Reichstag dortselbst statt. Die Stadt trat 1530 der Reformation bei. 1646—47 wurde sie von den Schweden unter Wrangel vergeblich belagert. Erst 1803, beim Reichsdeputations-Hauptschluß, fiel Lindau's Selbstständigkeit. Napoleon's eiserner Besen hatte sie über den Haufen geworfen. Der eigentliche Sieger über die ein halbes Jahrtausend währende Freiheit war freilich kein Monarch von Weltbedeutung, es war — der Fürst von Bretzenheim. Lindau wurde bretzenheimisch I Erst 1605 kam die Stadt an Bayern, dem sie ihre heutige Blüthe verdankt. Der Bretzenheimer Staat verfiel dem Wandel der Geschichte. An dem schönen Lindavia-Brunnen, welchen Thiersch in Gemeinschaft mit dem Münchener Bildhauer Rümann schuf, an den Hafenbauten und neuerdings an der Wiederherstellung des Rathhauses steht man, daß es den alten Reichsstädtern nicht an Lust fehlt, ihre Stadt zu verschönern, und nicht an den Mitteln dazu, daß sie also unter dem bayerischen Löwen ihre Rechnung finden und sich wohl fühlen. — Und daß der Wohlstand nicht von gestern und die malerische Schmuckweise des Rathhauses nickt der Stadt etwas Fremdes ist, das steht man an dem von 1728 stammenden „Kawazzenhaus", dessen Außenseite vom Dach bis zum Sockel mit Bildwerk überdeckt ist. Auch das Innere des Rathhauses bietet mancherlei Sehenswerthes. ^ Auf derselben Insel, auf welcher Lindau liegt, befand sich ein gefürstetes Frauenstift, welches angeblich bereits 866 bestand und 1803 aufgelöst wurde. Also, Ihr Reisenden — nicht so hastig von der Eisenbahn zum Schiff! Lindau ist einer Rast und einer Umschau werth. Der Bodensee ist so reich an landschaftlichen Schönheiten! (Unsere Bilder sind nach Photographien von I. Bilgeri, Photograph in Lindau i B.) ZLitder-Yäthser. Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 44: Weiß. Schwarz. 1. T. 24 »4 2 K. 23-22 Matt oder 66-05 1. 2. L—63 Malt oder 67-V6 1. 2. L-22 Matt oder V7-26 1. S. 26-04 2. L-64 Matt. 4-^-1-—