47 18S4. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 12. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler). Tante Kanna's Geheimniß. Original-Roman von E. von Linden. (Fortsetzung.) Mit freundlichem Gruße machte er die geistreiche Bemerkung, daß der Abend wundervoll sei. Der Gärtner nickte und sah ihn von der Seite an. „Ich erwarte Ihre Herrschaft," setzte der Fremde, stehen bleibend, hinzu. „So, so, ja, unser Fräulein bleibt lange aus, ist sonst nicht ihre Art." „Der Herr Bräutigam wird sie zurückhalten," meinte der Fremde lächelnd, „eine Verlobung ändert viele Gewohnheiten. Herr Steindorf wird doch mit zurückkommen, da ich seinetwegen warte." „So, so, ja, er hatte es eilig, aber der Fuchs kann's aushalten, war übrigens nicht nöthig, die Peitsche so arg zu gebrauchen." „Na, Ihr wißt, alter Freund, die Sehnsucht nach der Braut —" „So, so, mag sein," fiel der Gärtner ihm in's Wort, „der Arbeits-Gaul, der den Herrn von der Station herbrachte, hatte es besser, weil der Herr keine Sporen trug, sind ihm hier erst angeschnallt worden. Aber der Fuchs that mir leid, — er ließ ihn bären- mäßig ausgreifen." „Giebt's hier im Garten nicht einen Platz, wo man einen freien Ausblick nach der Landstraße hat?" fragte der Fremde plötzlich. „Einen freien Ausblick, so so, will den Herrn nach unserm Thurm führen, das Fräulein nennt ihn ihren Wartthurm. Da kann man weit hinaus in's Land schauen." Er schritt voran nach einer von dichten Bosquets umgebenen Anhöhe, worauf sich ein zierlicher Thurm gleich einer Sternwarte erhob. „Der Schlüssel steckt im Schloß, gehen der Herr nur die Wendeltreppe hinauf. Die kleine Stube betritt Niemand als das Fräulein —" „Und der Bräutigam," ergänzte' der Fremde. „So so, Herr Steindorf war noch nicht in der Thurmstube," antwortete der alte Gärtner mit einem unwilligen Blick. „Ich weiß das bestimmt." „Gut, gut, alter Freund, geht mich ja auch gar nichts an." Der Gärtner ging mit einem mürrischen „so, so," der Fremde aber trat lächelnd in den Thurm und stieg mit leichten, raschen Schritten die steile Wendeltreppe hinauf. „Ah, vortrefflich," sagte er unwillkürlich, als er oben auf der Zinne stand und den Blick ungehindert umherschweifen ließ. Dann orientirte er sich rasch und schaute unverwandt in die Richtung hinaus, von welcher die Chaussee nach Moorkirch führte. Plötzlich zog er einen kleinen Feldstecher aus der Tasche, um schärfer hinzublicken. Ein schwarzer Punkt, welcher sich im verblassenden Abendlicht gleichsam am Horizont abhob, fesselte seine Aufmerksamkeit. Der Punkt wurde größer und größer, er näherte sich also, doch vermochte er noch nicht zu unterscheiden, was es eigentlich war, ein Wagen oder ein Reiter. Jetzt veränderte der große bewegliche Punkt seine Richtung, er bog links ab. „Ah," murmelte der Mann auf dem Thurm, „es ist ein Reiter, der soeben über einen Graben setzte, um einen Nichtweg über's Feld einzuschlagen. Er kommt hierher, allein, desto besser, kein Zweifel mehr, — er ist'sl — Der Fuchs ist hin, ein Teufelskerl von Reiter!" Mit dieser halblauten Anerkennung schob der Fremde gemüthlich seinen Feldstecher zusammen, steckte ihn in die Tasche und stieg mit der größten Seelenruhe die steile Treppe hinab. Er traf den alten Gärtner nicht mehr, weil derselbe in Zweifel gerathen war und bei Mamsell Evers sich über den Fremden informirt hatte, was den Letzteren durchaus nicht anzufechten schien. „Erlauben Sie, daß ich mich jetzt in's Wohnzimmer begebe?" fragte der Fremde die Mamsell unter vier Augen. „Glaube, daß Herr Steindorf gleich ankommt, und zwar allein aus dem Fuchs, den er allem Anschein nach zu Schanden geritten hat. Wollen Sie mir im Interesse Ihres Fräuleins eine Gefälligkeit erzeigen, Mamsell?" Sie nickte mit einem forschenden Blick in sein Gesicht. „Dann sagen Sie Herrn Steindorf nichts von meiner Anwesenheit. Er wird doch jedenfalls in jenes Zimmer kommen? Wonicht, geben Sie mir sofort einen Wink. Wollen Sie?" „Ja, mein Herr!-Ich will Ihnen vertrauen, weil ich hoffe, daß Sie uns diesen Bräutigam vorn Halse schaffen." „Vielleicht, meine Gute, Compagnieschast mache ich 358 sicherlich nicht mit ihm. Aber jetzt rasch, ich sah ihn bereits in der Ferne, ein Versteck ist dort wohl nicht für mich?" „Werde Sie schon placiren, kommen Sie nur mit mir." Mamsell Evers stieg mit jugendlicher Leichtigkeit die Treppe hinauf, sie wußte nicht, wie es zugegangen, daß sie beim Anblick dieses Fremden unwillkürlich an einen Polizeibeamten hatte denken und seine Anwesenheit auch sofort mit der überraschenden Ankunft des von ihr tödtlich gehaßten Steindorf in Verbindung hatte bringen müssen. Es mochte wohl daher kommen, daß sie dem Amerikaner, wie sie ihn im Stillen nannte, alles mögliche Schlechte zutraute und ihn sogar eines Verbrechens fähig hielt. Da hatte sich denn nach und nach die Ueberzeugung in ihr festgesetzt, daß Steindorf niesle vollständig beruhigt, da ihm jeder gerne aus dem Wege ging. Sie trat also mit dem Herrn, um dessen Namen sie jetzt erst höflich bat, in's Wohnzimmer. „Ich heiße Wolfius", erwiderte er ruhig, „werden hoffentlich keinen Gebrauch davon machen." „Gott bewahre, ich erfülle damit nur eine Pflicht gegen mein Fräulein, Herr Wolfius! Würde Sie auch nicht hier hereinlassen, wenn mir nicht ein bestimmtes Gefühl sagte, daß ich recht daran thäte und daß Ihre Anwesenheit ein Glück für meine arme Herrin wäre." „Das ist es auch, liebe Mamsell!" erwiderte der Detectiv Wolfius sehr ernst. „Sie sollen sich darin nicht getäuscht finden. Jetzt aber," setzt er aufhorchend hinzu, „bringen Sie mich an einen Platz, von wo ich ungesehen das Zimmer beobachten kann, und sorgen s « W mals auf Edenheim Gebieter werden könne und noch vor der Vermählung sich etwas ereignen müsse, was diese unmöglich machen werde. Die plötzliche Ankunft desselben, seine unbegründete Eile und sichtliche Unruhe hatten sie stutzig gemacht, worauf das geheimnißvolle Erscheinen des fremden Herrn, sein „um den Busch "-Horchen das Gemüth der alten Evers ungewöhnlich erregen und auf irgend etwas Unerhörtes gefaßt machen mußte. Daß dieser Fremde kein Freund des Herrn Stein- dorf war, lag auf der Hand, er wollte ihn vielmehr von einem Versteck aus beobachten, das begriff die kluge Mamsell Evers sofort und war deshalb auch fest entschlossen, ihm dabei in jeder Weise Vorschub zu leisten. Daß von den Knechten und Mägden sich Jemand unterstehen sollte, dem gefürchteten Verlobten der Herrin Mittheilung von dem Fremden zu machen, darüber war al. Sie womöglich dafür, daß er hierher kommt. Ich höre bereits unsern Freund dahergaloppiren, er hat ja rasende Eile!" Mamsell Evers fuhr erschreckt zusammen und deutete dann auf einen dicken Vorhang, hinter dem Wolfius sofort verschwand, worauf auch sie sich rasch unsichtbar machte. Der Vorhang verdeckte eine Nische, welche wahrscheinlich von der Gutsherrin als Traumwinkel benutzt wurde, da dieselbe, mit einem Eckfenster versehen, das nach einer stillen, gänzlich abgeschlossenen Partie des Gartens und des daran stoßenden Parks hinausging, nur einen bequemen Sessel und ein Tischchen enthielt. Die Dämmerung war allmälich herabgcsunken. Der Detectiv musterte den kleinen Raum, um auch hier ein Versteck noch zu finden und auf alle Möglichkeiten gefaßt zu sein. Der Fenster-Vorhang von dichtem, himmelblauem Stoff bot ein solches, er ließ die beiden Gar- 359 dinen zusammenfallen und machte ein zufriedenes Gesicht, während er mit allen Sinnen hinaushorchte. Herr Julius Steindorf war angekommen, er hörte ihn auf der Treppe, Mamsell Evers hatte ihre Pflicht gethan. Jetzt wurde die Thür geöffnet, er trat mit Mamsell Evers ein. „Befehlen Sie ein Abendessen, Herr Steindorf?" fragte die Evers mit fester Stimme. „Nein, nur Licht und eine Flasche Wein," lautete die Antwort. „Ich wollte Ihnen nur die Nachricht bringen, daß Fräulein Hollen erkrankt ist und schwerlich heute noch kommen wird. — Geben Sie den Befehl, daß das Pferd, welches mich von der Station hierher gebracht, gesattelt wird. Und nun bitte ich noch, sich zu beeilen." Mamsell Evers setzte das Licht auf den Tisch und verschwand. Wolfius zog sich jetzt ebenfalls hinter den schnell zu öffnen verstand. Dann trat er, die Thür halb hinter sich zuziehend, hinein. Wolfius, der durch den Spalt des Vorhanges alles genau beobachtet hatte, zog sich geräuschlos die Stiefel aus und schlich vorsichtig näher, um mit sicherm Blick einen Standpunkt einzunehmen, von wo er das ganze Cabinet ungesehen überschauen konnte. Dabei lockerte er einen geladenen Revolver in der Tasche, überzeugte sich von dem Vorhandensein einiger eiserner Armbänder, packte seinen Stock mit dem bleigefülltcn Knopf recht fest und ließ seinen Mann nicht mehr aus den Augen, weil er sich's nicht verhehlen durfte, daß derselbe sich nicht so leichten Kaufs fügen werde. In einer Ecke des Cabinets stand ein zierlich verschnörkeltes Schränkchen von Eichenholz, in welchem, wie Steindorf von früher sich noch erinnerte, der alte Holten sein baares Geld, sowie seine Werthpapiere und TMUSUS WWW M 8 EsM MW WMWA «BWWSWW Schloß Fenstervorhang, der ihn gänzlich verhüllte, zurück. Er hatte richtig vorhergesehen, oa Steindorf in der That das Licht ergriff und den Vorhang der Nische ausein- anderschlug, um hineinzuleuchten. „Alberner WeiberwinkelI" stieß er dabei verächtlich hervor, ließ hierauf den Vorhang wieder zusammenfallen und kehrte mit dem Lichte an den Tisch zurück. Die Mamsell brachte selber den Wein, stellte die Platte mit Flasche und Glas hin und entfernte sich schweigend. Steindorf folgte ihr rasch bis an die Thür. „Ich will ungestört bleiben I" rief er ihr nach, worauf er die Thür schloß und den Schlüssel schnell umdrehte. Hastig öffnete er die Flasche, leerte einige Gläser rasch hinter einander, als ob er sich Muth trinken wollte, und trat ohne Zögern an die Cabinetthür, die er mit dem nach Art der Dietriche gebogenen Nagel überraschend Maat. sonstigen wichtigen Documcnte aufbewahrte. Er zweifelte nicht daran, daß Armgard ebenfalls dieses Schränkchen dazu benutzte, weil dasselbe eigens für jenen Zweck angefertigt und mit einem geheimen Mechanismus versehen worden war. Sein Vater hatte sich darnach ein ähnliches Möbel machen lassen, dessen Mechanismus zum Oeffnen und Verschließen nur ein wenig verändert war, in der Construction aber mit diesem genau übereinstimmte. Man hatte sich damals keine Skrupel darüber gemacht, weil Notenhof und Edenheim über kurz oder lang in eine Hand übergehen sollten. Dann aber war das Steindorf'sche Schränkchen bei dem Concurs verkauft worden und in ganz fremde Hände gekommen. Heute nun kam diese Erinnerung dem Heimge- kehrten gut zu statten. Er hatte den Mechanismus nach einigen vergeblichen Versuchen gefunden, das Schränkchen geöffnet und mit gierigen Händen den Inhalt durch- ' 'Ä.' sucht. Ein triuniphirendes Lächeln überflog sein Gesicht, er fand mehr, als er vermuthet, steckte rasch die Geld- rollen und Werthpapiere, soweit solche aus Banknoten bestanden, in seine Taschen, verschloß dann rasch das Schränkchen wieder, und-ein heiserer Schrei entrang sich seinen Lippen, als er sich jählings zu Boden gerissen und an Händen und Füßen gefesselt fühlte. Er war so überrascht, so gelähmt von Entsetzen, daß es des Knebels wohl kaum bedurft hätte, welchen Wolfius ihm geschickt zwischen die Zähne schob. Als er sein Opfer, das er mit einer Art Zärtlichkeit betrachtete, ganz unschädlich gemacht hatte, nahm er das Licht, um den Kinnbart desselben zu untersuchen. Jetzt aber war Stcindorf sozusagen erst wieder bei Besinnung, und da sein Kopf natürlich ungcfcsselt war, so machte er davon den ausgiebigsten Gebrauchendem er denselben in wildester Wuth hin- und herschleuderte, um die Untersuchung des Bartes zu verhindern. „Das ist einfach kindisch, mein Bester," sprach der Detcctiv, mit der Achsel zuckend, „was wollen Sie damit bezwecken? Ihren Kopf zerschlagen Sie doch nicht, der ist hart genug." Er schleppte ihn dicht an das Schränkchen, setzte das Licht so, daß der Schein auf sein Gesicht siel, und hielt mit der Linken seinen Kopf fest, während die Rechte den Bart auseinander- strich. Er mußte wohl genug gesehen haben, da er mit einem zufriedenen Lächeln nickte. „Nun, Mr. William Prien," sagte er dann, „fehlte es Ihnen schon wieder an Geld? — Hatten bei der alten Tante Hanna doch ein nettes Sümmchen eingesäckelt. Alles verspielt, alter Junge?" Der Geknebelte verzog das Gesicht auf eine wahrhaft grauenhafte Weise, wovon Wolfius indeß durchaus keine Notiz nahm, sondern rasch mit dem Lichte in das Zimmer ging, die Thür öffnete und dann die Glocke zog. sogleich erschien Mamsell Evers, welche sehr bleich war und sich jedenfalls in der Nähe aufgehalten hatte. Ihre Augen irrten erregt durch's Zimmer. „Lassen Sie sofort einen Ackerwagen anspannen," befahl der Detectiv, „und einige Schütte Stroh darauf werfen. Dann schicken Sie mir drei handfeste Knechte. r L - ^ ' - V 'Z - P Herr Stork als Christus Wir müssen ihn in einer würdigen Equipage nach der Stadt bringen," setzte er dann mit vergnügtem Lachen hinzu. — „Mein Gott, was haben Sie geihan, und wer sind Sie?" stammelte Mamsell Evers, welche jetzt an allen Gliedern zitterte, weil sie den Fremden für wahnsinnig hielt. „Ich habe meine Pflicht als Criminalbeamter gethan, indem ich einen Verbrecher verhaftete," erwiderte Wolfius sehr ernst. Er nahm ein Schild aus der Tasche und zeigte es ihr mit den Worten: „Ich begreife Ihre Furcht, Sie halten mich für toll. Dieß hier ist meine Legitimation. Lesen Sie, es ist ein amtliches Zeichen." „Ja, ja, das mag richtig sein, aber was haben Sie mit ihm gemacht?" stotterte die Mamsell, welche das amtliche Zeichen kaum ansah. Wolfius wurde ungeduldig, dieses alberne Frauenzimmer konnte ihm in ihrer blödsinnigen Angst Gott weiß welchen Streich spielen. „Kommen Sie mit mir," sagte er barsch, in's Cabinet hinein- schreitend, wo der Gefangene jetzt regungslos lag. „Allgütiger Gottl" schrie die Alte entsetzt auf, „er ist ja todt! — Sie Unmensch, wie haben Sie ihn zugerichtet!" Stcindorf öffnete langsam die Augen und sah sie kläglich an. „Ich leide so etwas nicht, wissen Sie das?" schrie sie bei diesem Anblick auf's Neue, „da muß sich ja ein Stein erbarmen, und noch dazu im Hause seiner Braut —" „Na, na, Mamsell, nur ruhig," unterbrach der Detcctiv sie kaltblütig, „werden bald aus einer anderen Tonart pfeifen und dem Unmenschen danken. — Sie werden doch wissen, daß Ihre Herrin in diesem Schränkchen ihr Geld und ihre Dokumente aufbewahrt." „Gewiß, aber öffnen kann es Niemand als sie allein." „Und dieser Herr, der hier am Boden liegt; er hat's wenigstens vortrefflich verstanden." „Er hat das Schränkchen geöffnet?" fragte die Alte, starr auf den Gefangenen blickend. „Freilich," setzte sie, sich besinnend, „möglich ist es immerhin, denn sie hatten auf Rotenhof auch so eins. — Aber das Fräulein kann's ihm ja auch aufgetragen haben." 361 „Weil sie wahrscheinlich mit ihm ausreißen will," bemerkte Wolfius verächtlich auflachend, „machen Sie keine Dummheiten, Mamsell, es könnte Ihnen sehr schlimm darnach ergehen. Passen Sie auf!" Er leerte die Taschen des Geknebelten, der wieder so erregende Gesichter schnitt, daß die Evers sich schaudernd abwenden mußte. „Sehen Sie hier, — und hier — und hier -- wahrhaftig, ein nettes Vermögen, mit welchem der saubere Patron doch geradeswegs nach der nächsten Eisenbahnstation wollte, um zu verduften, weil er Morgenluft witterte. Hier hat er wahrhaftig auch ein prächtiges Schmuckstück mitgehen heißen, ein Diamantkreuz, — Donner — welches Feuer und welche wun- dervolleFassung! Das Kreuz müssen Sie doch kennen, Mamsell?" „Und ob ich es kenne!" rief sie, tief aufathmend. „Gerechter Himmel!" „Wollen Sie den Wagen jetzt anspannen lassen und mir die Leute schicken?" fragte der Detectiv, die Geldrollen und Banknoten, sowie das Kreuz wieder in des Gefangenen Tasche schiebend. „Soll der Spitzbube, der Gauner denn das Alles behalten?" schrie die Evers ganz außer sich. Wolfius lachte. „Wir müssen es ihm vorerst noch lassen, es wird ihm seine Gefangenschaft einstweilen versüßen. — Vorwärts jetzt, meine Liebe!" Mamsell Evers eilte, von Grauen geschüttelt, aber auch von heimlicher Freude belebt, da die Heirath ja nun unmöglich geworden war, fort und kehrte so rasch als möglich mit dem Verwalter und drei kräftign Knechten zurück. Nachdem der Detectiv dem Verwalter sein amtliches Schild gezeigt und einige leise Worte mit ihm gewechselt hatte, mussten die Knechte, welche ganz dumm vor Staunen dreinschauten, den Gefangenen aufheben und hinunter in den Wagen tragen, wo sie ihn grinsend auf das Stroh legten. Auf des Detectivs Befehl mußten sie ihm noch ein Bündel Stroh unter den Kopf schieben, worauf sich jener ebenfalls auf den Wagen schwingen wollte. Da trat Mamsell Evers in Hut und Tuch resolut auf ihn zu. „Ich fahre mit nach der Stadt, sagte sie, „muß mich nach unserm Fräulein umschauen. Habe meine Anordnungen schon getroffen, Herr Wolfius!" Frln. Thekla Wurstle als Maria. „Gut, Mamsell," erwiderte er, „setzen Sie sich nur zu dem Kutscher, ich bleibe bei meinem Freunde hier im Stroh." Er half ihr galant hinauf, schwang sich dann selbst auf den Wagen, und vorwärts ging es durch die laue Sommernacht der Stadt Moorkirch zu. Jetzt' erst löste sich der Bann, welcher auf den Knechten und Mägden während des ganzen unheimlichen Vorganges gelegen. Man erging sich in tausenderlei Vermuthungen, und die Stimmen schwirrten wie im Aufruhr durcheinander, bis der Verwalter Ruhe gebot. Soviel war aus den Reden aller Gutsangehörigen deutlich genug erkennbar, daß man froh war, den gefürchte- ten Gebieter in solcher Weise los geworden zu sein. Als der Wagen endlich sein Ziel erreicht, der Gefangene sicher untergebracht war, da schütt Wolfius nach dem Telegraphenamt, welches zu seinem Leidwesen bereits geschlossen war. Sein Telegramm, das am nächstenMorgen abblitzte, war anMr.Hil- brecht in Göttingen adressirt und lautete: „Kommen Sie schleu- nigstmitdemerstenZuge nach hier, um Air. William Prienzurecognos- ciren. Eckert." Mamsell Evers war nach dem Holten'schen Hause geeilt, wo ihr die niederschmetternde Kunde wurde, daß ihr Fräulein todkrank imHospital sich befinde. Die Zeit kennt keinen Stillstand, wir sehen sie lautlos entweichen und fühlen ihren Pulsschlag nur in dem Schatten, den die Sonne uns auf den Weg wirft und der sich wie ein Mahnruf in unser Gewissen drängt: Wirke, weil es noch Tag ist, — es kommt die Nacht, wo Niemand mehr wirken kann! Wie hastet sie unter unsern Händen fort in der drängenden Eile des Schaffens und in den Augenblicken des Glücks, des Genusses, der Freude! — Wie schleicht sie dem Kranken und Schmerzgefolterten dahin in schlaflosen Nächten, — und wie furchtbar entschwindet die Zeit dem Verurteilten, dessen Leben an einem Federstrich des Fürsten hängt. Julius Steindorf hatte lange geleugnet und die Untersuchung nach allen Seiten hin erschwert, obgleich Mr. Hilbrecht, welcher auf das Telegramm eiligst ge- 362 kommen war, ihn sofort für den Betrüger erklärt hatte, welcher unter dem Namen William Prien den erschossenen Warneck in Chicago seines ganzen Vermögens beraubt und damit das Weite gesucht hatte. Da nun sein Kinnbart glatt wegrasirt und die rothe Narbe zum Vorschein gekommen war, so konnte er diesen Theil der Anklage nicht leugnen, zumal der Kommissar Frenzel eidlich erhärtete, daß der ermordete Warneck ihm dieses besondere Kennzeichen seines räuberischen Geschäftsführers Prien mitgetheilt habe. Er räumte nun schließlich ein, den Namen Prien in Amerika angenommen und den Raub begangen zu haben, leugnete aber hartnäckig die Attentate im Hohlwege und oben im Gebirge. Er berechnete, wie viele Jahre Zuchthaus man ihm zuerkennen werde, und nickte finster zu dem ansehnlichen Resultat. Aber er blieb wenigstens am Leben und die daß die tödtliche Kälte ihm schaudernd durch die Adern kroch, das Mark in seinen Knochen erstarren ließ. Es half ihm nichts, ob er wachte oder schlief, das Gespenst drängte sich in seine Träume, er sah es durch die geschlossenen Lider, es wachte mit ihm auf und drohte ihn wahnsinnig zu machen. Noch widerstund er trotzig. Mit bleichem, übernächtigem Gesicht und wildblickenden Augen, in welchen sich scheue Furcht und ingrimmiger Haß spiegelten, stand er vor dem Richter, die Fragen desselben mit Achselzucken oder einem festen Nein beantwortend. Plötzlich bebte er zusammen und taumelte dann wie vor einem Schreckbild zurück. „Weg! — Weg!" stöhnte er, beide Hände vor's Gesicht schlagend. Der Richter blickte ihn aufmerksam und besorgt an, er wechselte mit dem Protokollführer einen erstaunten Abendmahl. Zeit geht auch im Zuchthause hin; endlich mußten sich ihm jene unheimliche Pforten doch wieder öffnen. — Den Mord gestehen! — Nimmermehr! Aber er hatte nicht mit den einsamen Nächten und den endlos langen Tagen einer solchen Haft gerechnet. Die Gedanken an sein Kind, welches er selbst getödtet, an sein im fernen Welttheil begrabenes Weib, das er vernachlässigt, dem Hunger und Gram preisgegeben, in ein frühes Grab gestürzt hatte, diese Gedanken kamen erst vereinzelt und langsam wie kleine Schattenbilder, und er scheuchte sie unwillig von sich ab. Aber ein kleines, blasses Gespenst ließ trotz alledem nicht ab von ihm und hockte im Schlaf und Wachen ihm zur Seite. Durch die finstere Nacht sah er ein blasses Gesichtchen mit der Todcskugel in der Stirn, weitgeöffnete starre Kinderangen schauten ihn unverwandt an; und eisige Hündchen umklammerten die seinen, Blick. Was fehlte denffGefangenen? — Sprach er irre? — Jetzt ließ dieser.,die Hände sinken und athmete tief auf. Seine Augen ^hefteten sich fest auf einen Punkt, oder vielmehr auf eine leere Stelle neben dem Richter, und wurden nach und nach ruhiger. Der Unselige hatte wieder die fürchterliche Erscheinung seines Kindes gehabt, welche seine durch die Schlaflosigkeit krankhaft gesteigerte Einbildungskraft ihm vorspiegelte. Unter dem Eindruck derselben entschloß er sich zu einem Geständniß, wodurch seine Nerven beruhigt, seine Augen klarer wurden und die Erscheinung verschwunden war. Ohne Zögern bekannte er sich zu der ganzen Anklage, fügte aber mit einem gewissen Hohn hinzu, daß er weder Warneck's Tod noch die Dynamit-Spielerei im Gebirge bereue, da er in jenem nur seinen Verfolger getödtet, während Marbach ihm als Räuber seines Erbes 363 ebenfalls verhaßt gewesen sei und die gelungene Rache ihn deßhalb noch auf dem Schaffst freuen werde. „Nur eins schmerzt mich bis 'zur Verzweiflung," schloß er mit umflorter Stimme, „der Tod meines Kindes. Mit diesem einen unseligen Schusse, den nur der hohnvollste Zufall gelenkt, habe ich alles Uebrige gesühnt. Leben will ich nicht mehr, ich verzichte auf jegliche Gnade und Vertheidigung. Nur machen Sie es kurz mit mir, meine Herren, verschärfen Sie die Strafe nicht durch eine längere Frist, als nöthig ist, um das Urtheil zu fällen. Sie verdammen mich damit zu einer grausamen Folter." Wieder streifte sein Blick, welcher den scheuen und wilden Ausdruck verloren, jene leere Stelle, doch war und blieb die Erscheinung verschwunden. Das Geschwornen-Gericht, vor welchem der sensationelle Fall verhandelt worden war, hatte das Todes- dieses Klosters, herausgegeben von Erzbtschof A. v. Strichele) fünf Huben, welche zu den ältesten Stiftungsgütern dieses angeblich im ackten Jahrhundert gegründeten Klosters gehörten. 922 überließ dieses Kloster einen Theil dieser Güter in Wale nebst fünf anderen Orten an Kaiser Otto für die Wiederherstellung der freien Abtswahl und die Freiheit von Kriegsdienst und Steuern für das Reich. Den übrigen Theil der Güter verlieh das Kloster einem, wie es scheint, reichen und ansehnlichen Geschlechte, dessen Glieder sich von dem Ort de Wale nannten und daselbst wohnten. Außer den Ottobeurer Lehen besaß das Geschlecht der Waler auch bayerische Güter als Lehen, und nachdem 1288 Ludwig Pfalzgraf am Rhein und Herzog von Bayern dem Bischof Wolfhart von Augsburg die Hälfte des Mi- nisterialates des Hermann von Wale geschenkt, so wurden die Waler auch Lehen- und Dienstmänner der Bischöfe SW Kreuzigung. urtheil über Steindorf gefällt, die ganze Verhandlung aber nur wenige Stunden in Anspruch genommen, da der Angeklagte in allen Punkten geständig war und jede Vertheidigung energisch ablehnte. (Schluß solgr.) -»—i- < » « i -»- — Waal. (Mit Illustrationen.) Eine Stunde südöstlich der Eisenbahnstation Buchloe liegt in weiter Ebene an den Quellen der Singold der Markt Waal mit einem Schlosse des Fürsten von der Leyen. Den Namen soll dieser Ort, wie das nahe Wal- haupten, von zum Theil noch sichtbaren Römerwällen, die eine stundenlange Fortification bildeten, erhalten haben. In Wale, wie die älteste Schreibart des Ortes lautete, besaß das Kloster Ottobeuren (nach dem ältesten Chronikon von Augsburg. 1263 finden wir BartholomäuS de Wale im Gefolge des Königs Konradin als Zeuge in mehreren Urkunden. 1444 wird noch ein Bartlin von Wal erwähnt, er und Peter von Hohenegg waren als des Stifts Augsburg Amtleute Schiedsrichter in den Irrungen über das Erbtruchseffenamt des Gotteshauses Augsburg. Später zog sich dieses Geschlecht, das dreihundert Jahre mit dem Orte verbunden war, ganz aus dieser Gegend. Schon am Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts scheinen die von Freiberg wahrscheinlich durch Heirath in den Besitz der Herrschaft Waal gekommen zu sein. 1433 empfing Konrad von Freiberg die Hochstift Augsburgischen Lehen zu Waal. Von den Freiberg kamen durch Heirath und Kauf die von Riedheim in den Besitz der Herrschaften Waal und Angelberg. Dann kam Waal durch Erbfolge an die Ritter von Landau (1511) und die Grafen von 364 Muggenthal (1601); 1763 sollte es durch Kauf um 180,000 fl. an das Kloster Hl. Kreuz in Augsburg übergehen, die Ritterschaft übte aber das Einstandsrecht aus und die Wittwe eines Grafen von Muggenthal blieb im Besitz, allodifizirte 1782 die bischöfl. Lehen um die Summe von 15,000 fl. und verkaufte dann die Herrschaft an den Grafen Anton Schenk von Castell. Graf Casimir v. Castell trat sie 1820 um 146,000 fl. an den Fürsten Emil von der Lehen ab, dessen Familie noch heute Gutsherrschaft ist. Der gegenwärtige Fürst Erwein von der Lehen undHohengecoldseck ist seit 1890 mitMarieChristine, geb. Prinzessin und Altgräfin von Salm-Neifferscheidt- Dyck, vermählt. Die Pfarrkirche, in Mitte des Ortes, in dem erhöhten Friedhof, ist im Aeußern ein schmuckloses Gebäude, das seinen gothischen Charakter nur durch die spitzbogigen Fenster und die Strebepfeiler, welche aber nur den Chor verstorbenen Fürsten von der Lehen mit reicher Pracht ausgestatteten, herrlichen Altar. Es ist beabsichtig!, die Kirche einer durchgreifenden Restauration zu unterziehen, wozu die Besucher des Passionsspieles ihr Scherflein beitragen können, wenn sie den Opferstock nicht übersehen. Waal ist in diesem Sommer das Ziel vieler Christen, welche dasPassionsspiel zusehen kommen, über das in diesen Blättern wiederholt berichtet worden ist. Von dem hübsch gelegenen Orte, sowie von den Scenen des Passionsspiels geben wir in dieser Nummer einige Ansichten nach den sehr gut gelungenen Photographischen Ausnahmen des Herrn Photographen Gustav Baader in Krumbach (welche in Cabinetformat zu 1 Mk. per Stück käuflich sind). Die Hauptrollen ruhen in den Händen folgender Mitspielenden: Annas, Hohepriester, (Hr. Zindath, Oekonom); Kreuzabnahme umgeben, repräsentirt. Ein kuppelbedeckter, moderner Thurm schließt sich der Langseite dieses Baues an. Schmuck und schön gegliedert ist hingegen der Jnnenbau. Das ein vollkommenes Quadrat bildende Langhaus ist in drei Schiffe getheilt, welche durch zwei Reihen von je drei cylinder- förmigen Pfeilern von einander geschieden sind. Der Chor bildet ein Quadrat von 24 Fuß, an welches sich noch ein dreiseitiger Schluß anfügt. Das alte Gewölbe des Chores wurde um 17t>0 durch den Einsturz des alten Thurms eingeschlagen, daher die jetzige Wölbung nur von Holz mit Gypsrippen in der vierwinkligen Sternform, die die Wölbungen der Seitenschiffe belebt. Das Maßwerk der Fenster ist ebenfalls, da das alte herausgeschlagen war, von Holz ergänzt. Die Kirche besitzt einen gothischen Hochaltar und am Ende des südlichen Seitenschiffes, am Eingang in die fürstliche Familiengruft, einen durch die Munifizenz der Kaiphas, Hoherpriester, (Hr. Gehring, Maler); Ioseph von Arimathäa (Hr. Mayer, Zimmermeistcr); Nico- demus (Hr. Fischer, Schreinermeister); Simon von Cyrene (Hr. Fischer, Schreinermeister); Jesus (Hr. Stark, Posthalter); Maria, Mutter Jesu, (Frl. Thekla Würstle, Näherin); Petrus (Hr. Geßl, Schreinermstr.); Johannes (Hr.Geßl, Söldnerssohn) ;JudasJscnrioth (Hx. Knappich, Sattler und Tapezierer); Maria Mag- dalena (Frau Gerstmair); Lazarus (Hr. Zindath); Simon der Aussätzige(Hr.Mayer); Pontius Pilatus, Landpfleger von Judäa, (Hr. Baudrexl, Metzgermeister, Vorstand); Claudia, dessen Gemahlin, (Frau Martin); Herades, König von Galiläa, (Hr.Gerstmair, Postbote); Herodias, dessen Gemahlin, (Frl. Anna Schreiber); Longinus, römischer Hauptmann, (Hr. Klotz, Müllermeister) ; SeIpha, Führer der Soldaten, (Hr.Eberl,Maler). i-v-i