^L49. 1894. „Augsburger PostMung". Dinstag, den 19. Juni Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg. Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler). Im Laune alter Schuld. Roman von GustavHöcker. - (Nachdruck verboten.) I. Das Herrenhaus war im Villenstile erbaut und danach hieß das große Rittergut der „Villenhof". Der Herr dieser schönen, in der fruchtbarsten Gegend der Mark Brandenburg gelegenen Besitzung, zu der sich noch ein gleich großes Gut in Schlesien gesellte, war Baron Wolfgang von Sturen. Er war heute einundzwanzig Jahre alt geworden, befand sich also in jenem benei- denswerthen Alter, wo sich mit dem Feuer der Jugendkraft der noch unerschütterte Glaube in die Zukunft vereinigt. Dennoch stand er in ernstem Sinnen an einem Fenster seiner Villa, und während er in den Park hinaus blickte, der eben im ersten Grün des Frühlings schimmerte, lag eine gewisse Schwermuth in seinem wohlge- bildeten Gesichte. Wie hatte es ihn nach diesem Tage verlangt, nie aber hatte er das Glück so schön gefunden, als er es sich vorher vorgestellt. Und nun, da die so lange ersehnte Stunde seiner Volljährigkeit geschlagen, schien ihm eine innere Stimme zuzuflüstern, daß er dieselbe Un- vollkommenheit des Glückes auch in dem neuen Lebensabschnitte antreffen werde, daß in dem schäumenden Becher der Freude ein Tropfen fehle, welcher auf Erden nicht gebraut wird. Wie noch nie zuvor empfand er in dieser Stunde ernsten Nachdenkens die Leerheit aller irdischen Dinge. „Noch vor wenigen Jahren," sagte er sich, bewegte sich hier mein Vater voll von Plänen und Hoff-' nungen; das Haus war eine Stätte gastlicher Geselligkeit; hier auch blickte das zärtliche Auge meiner Mutter auf meine Wiege, hier überwachte sie mit Stolz meine Knabenjahre. Und nun sind Vater und Mutter dahin; und der Ort, den sie einst ihr Heim nannten, kennt sie nicht mehr. Das wird auch einst mein Schicksal sein, wenn die Spanne Zeit abgelaufen ist, die man ein Menschenalter nennt." Das waren die düsteren Gedanken des jungen Barons, vor dem doch alles so hell dalag. Der Eintritt eines Dieners mit spärlichem grauem, schlicht nach vorn gekämmtem Haare weckte ihn aus seinen Träumereien. „Gnädiger Herr, das Pferd ist vorgeführt," meldete der Alte. Diese kurze Meldung genügte, um die melancholische Stimmung im Nu aus Wolfgangs Brust zu verscheuchen. Die fröhliche Erinnerung an sein Freiwilltgen-Jahr, welches er als Husar in einer gemüthlichen kleinen Garnison Schlesiens abgedient, erwachte lebhaft in ihm. Er fühlte sich plötzlich wieder ganz als Husar, griff nach Hut und Reitpeitsche, eilte hinaus und schwang sich auf den ungeduldig im Kreise sich drehenden Goldfuchs, mit welchem der Stallknecht draußen wartete. Fort ging es im Galopp; anstatt dem Thore zu, schlug der kühne Reiter die Richtung quer durch den Park ein und setzte über den Heckenzaun hinweg. Er dachte dabei nicht an die Landstraße, die sich jenseits des Parkes hinzog, und auf welcher ein Herr und eine Dame herangeritten kamen. Das blitzartige Erscheinen eines Reiters an einer Stelle, wo einen Augenblick vorher noch alles einsam gewesen war, erschreckte die Dame und noch mehr ihr Pferd. Es stieg kerzengerade in die Höhe, und würde sich rückwärts überschlagen haben, hätte nicht Wolfgang, der schnell von seinem Pferde gesprungen war, das scheuende Thier mit kräftiger Hand beim Zügel gefaßt. Die Dame ließ sich rasch vom Sattel Herabgleiten, wobei der junge Baron ihr beistand. Während er sich entschuldigte, diesen Schrecken veranlaßt zu haben, betrachtete er die Reiterin mit verstohlenen Blicken. Sie konnte kaum zwanzig Jahre zählen. Die schlanke, an- muthige Gestalt war ihm durch das Bemühen, sich im Sattel zu erhalten, noch anmuthiger erschienen; die innere Bewegung hob den Ausdruck des schönen Gesichts noch mehr hervor. Unter dem Rembrandthute mit weißer, wallender Feder drängte sich das reiche, dunkelblonde Haar hervor; aus den großen dunklen Augen leuchtete ein südländisches Feuer, welches zu den sanften Zügen des tadellos geformten Antlitzes einen Kontrast von eigenthümlichem Reize bildete. Die Schönheit des jungen Mädchens frappirte den Baron; aber es lag noch ein Etwas in ihren Zügen, in ihrem Wesen, in den großen Augen und in dem Klänge ihrer Stimme, als sie seine Entschuldigung mit einigen freundlichen Worten erwiderte, worüber er sich vergebens Rechenschaft zu geben versuchte. Er hatte kaum Zeit gehabt, alle diese Eindrücke in sich aufzunehmen, als er sich von einer rauhen Stimme angeredet hörte. „Es würde mich nicht gewundert haben, mein Herr, 374 wenn Sie noch größeres Unheil angerichtet hätten," sagte der Begleiter der Dame in hartem Tone; „wcr macht sich auch auf dieser ruhigen Landstraße darauf gefaßt, die Leute wie wahnsinnig über Parkgchege fliegen zu sehen!" Baron von Sturen warf einen raschen scharfen Blick auf den Sprechenden, welcher ruhig auf seinem Pferde sitzen geblieben war. Es war ein alter Herr von hoher hagerer Statur und starkem Knochenbau, der sich auch in seinem eckigen Gesichte bemerkbar machte. Zwischen den grauen Augen, welche mit fast feindseligem Ausdruck auf Wolfgang ruhten, ragte eine Habichtsnase hervor. Er trug einen, für einen Reiter sehr unbequemen Rock mit altmodischen langen Schößen und hatte denselben an der Taille eng zugeknöpft Aus den Aermeln, die kurz waren, ragten skeletartig die langen Arme und Hände hervor. Ein hoher altmodischer Cylinderhut bedeckte den Kopf mit dem spärlichen grauen Haar. Wolfgang vermochte sich nicht mit dem Gedanken zu befreunden, daß er in dieser unsympathischen Erscheinung den Vater der reizenden jungen Dame vor sich haben könne. Dennoch bekämpfte er die gereizte Stimmung, in welche ihn die Anrede ihres Begleiters versetzt hatte, und entgegnete höflich: „Es thut mir sehr leid, daß ich die Dame erschreckt habe; ich bitte nochmals um Verzeihung. Sie haben sich noch nicht ganz beruhigt," wandte er sich in einem Tone, worin sich jugendliche Schüchternheit mit Bewunderung mischte, an die schöne Amazone. „Darf ich Sie vielleicht bitten, sich auf einen Augenblick in meinem Hause, ganz in der Nähe, zu erholen?" „In Ihrem Hause!" sagte der alte Herr mit besonderer Betonung, indem er den Baron mit höhnischem Blick vom Kopf bis zu den Füßen maß. „Ich danke Ihnen für Ihre Einladung, aber die Dame kann ihren Ritt sehr wohl fortsetzen." Die junge Dame blickte den Baron mit einem freundlichen Lächeln an. „Ich fühle mich durchaus nicht angegriffen," sagte sie, „und kann wieder zu Pferde steigen." In etwas leiserem Tone, so daß der alte Herr sie nicht hören konnte, dankte sie Wolfgang für seine Güte. Dieser half ihr beim Aufsteigen und gab ihr die Zügel in die Hand. Als sie im Sattel saß, blickte sie auf ihn herab, als wolle sie ihm etwas sagen, das sie bisher unterdrückt habe, aber ihr ungeduldiger Begleiter setzte bereits sein Pferd in Bewegung, und ohne daß das Wort gesprochen wurde, folgte sie ihm, dem Zurückbleibenden freundlich zunickend. Wolfgang stand bewegungslos da, den Zügel seines Pferdes über einen Arm geschlagen, sein Auge unverwandt auf das rasch sich entfernende Paar gerichtet. Der Gedanke, das schöne Mädchen vielleicht nie wieder zu sehen, entlockte ihm einen tiefen Seufzer. Jetzt erreichten die Reiter eine Stelle, wo ein Nebenweg sich von der von Wald eingefaßten Landstraße abzweigte, sie bogen ab, und bei dieser Gelegenheit wandte die Dame ihr Antlitz auf einen Augenblick nach dem Schauplatze des kleinenVorfalls zurück. Dann war sie seinemAuge entrückt. „Wer kann sie sein?" fragte er sich. „Und was wollte sie mir zuletzt noch sagen?" Es bezog sich nicht auf den Unfall; ihr Blick, ihr Lächeln verkündete zu deutlich eine andere Gedankenrichtung. Wie ärgerlich, daß der herbe alte Herr ihr das Wort abschnitt! Sollte er wirklich ihr Vater sein? Es fällt mir schwer, dies zu glauben." Wolfgang bestieg sein Pferd und ritt langsam und gedankenvoll nach Hause zurück. Dort beschrieb er seinem alten Diener, der sich schon über zwanzig Jahre auf dem Gute befand, die Dame und deren Begleiter auf's genaueste, um zu erfahren, wer die beiden seien. Der Alte rieth auf verschiedene ihm bekannte Persönlichkeiten der Umgegend, aber keine derselben stimmte mit der Beschreibung überein. Da alle Erkundigungen vergebens waren, so beschloß Wolfgang, bei allen in der Nachbarschaft wohnenden Familien von Stand seinen Besuch zu machen. Doch verschob er die Ausführung seines Planes um einige Tage, denn er wollte heute noch nach Berlin fahren, und sein Reisekoffer war bereits gepackt. Er liebte das großstädtische Treiben nicht. In der Neichshauptstadt hatte er als Knabe zwar öfter in Begleitung seiner Eltern wochenlang geweilt, aber die darin empfangenen Eindrücke lagen zu weit zurück, um seine Vorliebe für das ländliche und kleinstädtische Stillleben, welches er gewohnt war, zu erschüttern. Auf solchen idyllischen Schauplätzen hatte er seine Gymnasiastenzeit, die Jahre seiner Studien an höheren landwirthschaftlichen Anstalten und zuletzt seine militärische Dienstzeit verlebt. Die Wintermonate, welche ihn von dieser letzten Periode trennten, hatte er zu einer Reise nach Italien benutzt, und die Romantik dieses unvergeßlichen Aufenthalts lebte noch zu frisch in seinem Herzen, als daß ihn die Prosa der Weltstadt an der Spree hätte anlocken können. Gleichwohl war es gewissermaßen ein Nachklang seiner romantischen Stimmung, was ihn jetzt dorthin zog: er wollte den Wagner'schen Nibelungen-Cyclus besuchen, der morgen in der Hofoper begann, und bei dieser Gelegenheit seinem Vormunde, dem er für die streng gewissenhafte Verwaltung seines Vermögens bereits brieflich gedankt hatte, noch persönlich seinen Dank abstatten. An demselben Nachmittag fuhr er nach der nächsten Eisenbahnstation. Mit schwerem Herzen nahm er Abschied von der Gegend, denn je rascher ihn sein feuriges Zweigespann davon führte, desto weiter entfernte er sich von der schönen Unbekannten, die seine Gedanken unausgesetzt beschäftigte. II. Der Baron von Sturen saß allein in einem Coupö erster Classe. Es war ihm angenehm, daß ihn niemand in seinem Gedankengange störte. Welche Veränderung hatte jene flüchtige Begegnung in ihm hervorgebracht! Der ganze Frühling der Natur schien in sein Herz eingezogen zu sein. Ja! es gab doch einen 'göttlichen Tropfen im Becher des Lebens. Es lag etwas zwischen der Wiege und dem Grabe, was das Leben schön machte. Er fühlte es, seitdem er heute in die dunkle Gluth jener Augen geblickt hatte. Das waren die Gedanken und hoffnungsfrohen Träume, über denen Wolfgang alles andere vergaß, bis der Zug an einer größeren Station hielt. Er verließ den Waggon, um in der Bahnhofsrestauration eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Während seiner Abwesenheit stieg ein anderer Reisender in das Coupä. Der Ankömmling war von schöner, stattlicher Gestalt, die überall sogleich angenehm auffallen mußte, und Haltung wie Kleidung verriethen den vornehmen Plann. Die ausdrucksvollen, interessanten Züge seines Gesichts wurden harmonisch durch den geistig belebten Blick der braunen Augen ergänzt, über denen die vollen Brauen, tief schwarz wie das kurzlockige Haar, 375 sich in schön geschwungenen Bogen wölbten. Als der Schaffner sich an der offenen Thür zeigte, reichte ihm der neue Fahrgast sein Billet. Aber anstatt die Hand danach auszustrecken, bemerkte der Schaffner: „Ich habe Ihr Billet ja bereits coupirt!" „Das ich nicht wüßte!" entgegnete der Fremde mit kühler Vornehmheit. Der Schaffner schüttelte den Kopf und wollte dem Passagier einreden, daß derselbe ja schon vor einer Halben Stunde auf der Station T. den Zug bestiegen habe. „Zum Teufel!" rief der Fremde. „Ich werde doch wissen, daß ich soeben erst mit dem Postomnibus von C. gekommen bin!" Verwundert und prüfend blickte der Beamte dem Sprechenden in's Gesicht und nahm das Billet in Empfang. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß es den Stempel der hiesigen Station trug, that er mit der Zwickscheere seine Schuldigkeit. „Nun, das ist doch merkwürdig!" brummte er, sich entfernend. „ Ja, in der That, höchst merkwürdig!" lächelte der Reisende vor sich hin, meinte damit aber den confusen Eisenbahnbeamten. „Oder," fiel ihm dann plötzlich ein, „sollte ich etwa einen Doppelgänger haben?" Die Stationsglocke gab das Zeichen zum Einsteigen. Wolfgang schwang sich in das Coups und nahm dem neuen Mitreisenden gegenüber, höflich seinen Hut ziehend, seinen alten Platz wieder ein. Gleich darauf fuhr der Zug weiter. Der Fremde betrachtete ihn mit überraschtemBlicke.Er konnte sich jetzt den seltsamen Irrthum des Schaffners vollständig erklären : denn beim ersten Blicke glaubte er selbst in den Spiegel zu sehen, von so auffallender Ähnlichkeit waren die Gesichtszüge mit den seinigen, freilich nur für den oberflächlichen Beobachter. Bei näherer Prüfung fand man bald heraus, daß der Fremde vier bis fünf Jahre älter war und in der Lebenskunst schon liefere und raffinirtere Studien hinter sich hatte, als Wolfgang. Auch sonst gab es mancherlei Unterscheidungszeichen zwischen beiden, welche charakteristisch genug waren, und wer mit einem von ihnen nur kurze Zeit verkehrte, konnte ihn mit dem anderen so leicht nicht verwechseln. Dem jungen Baron schien die Ähnlichkeit mit seinem Gegenüber nicht aufzufallen, und vielleicht würde sie auch dem Fremden weniger augenfällig erschienen sein, wenn nicht der Irrthum des Schaffners ihn auf die Vermuthung geführt hätte, daß es sich um eine Doppelgängerschaft handeln müsse. Diese letztere schien das Nachdenken des Fremden sehr stark in Anspruch zu nehmen. Endlich war ein Entschluß in ihm gereift. Er wartete einen günstigen Augenblick ab und stellte sich mit den Worten: „Mein Name ist Maitland," seinem schweigsamen Reisegefährten vor. „Von Sturen," antwortete Wolfgang ebenso. Maitland lächelte triumphirend. „Ich vermuthete das," schwebte ihm auf den Lippen, aber er sprach es nicht aus. »Ist Ihnen vielleicht der Name jenes Städtchens bekannt?" leitete Maitland nach dieser gegenseitigen Einführung ein Gespräck ein, indem er nach einer fernen Ortschaft mit rothen Ziegeldächern und einem schlanken Thurm deutete. „Ich bedaure, nein," erwiderte Wolfgang. „Eigentlich sollte ich's wissen, denn ich bin nicht weit von hier zu Hause und habe diese Fahrt schon öfter zurückgelegt. Aber das war in meinen Knabenjahren." „Es ist eine eigenthümliche Empfindung," nahm Maitland wieder das Wort, „wenn man nach langer Abwesenheit aus einer Gegend wieder dahin zurückkehrt. Wie zusammengeschrumpft und verwelkt erscheinen da manche Dinge, welche uns bisher in unsrer Erinnerung in den rei- zendstenFarben fortgelebt haben. Ich halte es für ein großes Glück, daß wir thatsächlich nicht in dieVergangenheit zurückkehren können." „Nun," versetzte der Baron, der an der Unterhaltung Interesse fand, „ich denke mir, daß mancher alte Mann gern die Tage seiner Jugend zurückrufen möchte, in denen ihm alles in höchster Vollkommenheit erschien." „Wir alle wünschen uns die Scenen unserer Knabenjahre zurück, wenn sie weit, weit hinter uns liegen," entgegnete derNeise- genosse; „wenn unser Wunsch aber in Erfüllung ginge, so würden wir uns dann doch sehr getäuscht fühlen." „Warum?" „Weil dies in der Natur der Dinge liegt. Die Person, die an etwas Gefallen findet, und der Gegenstand dieses Gefallens müssen einander angemessen sein. Oder würden Sie sich jetzt noch an Ihrem Holzsäbel oder an Ihrem Steckenpferd erfreuen?" „Nein, gewiß nicht; aber dennoch gewährt mir die Erinnerung an meine Knabenspiele Vergnügen, und indem ich mir vergegenwärtige, welches Wohlgefallen ich einst daran fand, entschädigt mich das für die Veränderung in meiner eigenen Natur." „Dann genießen Sie aber nicht das Vergnügen selbst, sondern nur die Erinnerung daran," entgegnete Maitland. „Aber ich habe manche ältere Leute sagen hören," fiel Wolfgang ein, „daß ihre reinsten Jugendfreuden diejenigen waren, bei welchen die Erinnerung während ihres späteren Lebens mit der größten Vorliebe verweilte" — „Was ist das?" rief Wolsgang in diesem Augenblicke. Das sanfte Hingleiten des Waggons war plötzlich Grlando di Kasso. -Ei ? A MW8 WW 376 von einem heftigen Ruck unterbrochen worden. Beide Insassen deS Coupss wurden von ihren Sitzen hoch empor- geschleudcrt. Unter einem entsetzlichen Holpern schwankte der Wagen herüber und hinüber, jede Secunde den Umsturz drohend, und während er die wildesten Sprünge machte, wurde er noch immer mit rasender Schnelligkeit dahingerissen. Alle Fugen krachten, die Splitter der berstenden Fensterscheiben sprangen um die Köpfe der beiden Reisenden. Wortlos und mit wachsbleichen Gesichtern, jeden Moment die todbringende Katastrophe erwartend, suchten sie sich vergebens an Sitzen und Wänden festzuklammern. Plötzlich fand sich Wolfgang willenlos wie ein Ball herumgewirbelt; das Unterste schien zu oberst, das Oberste zu unterst gekehrt, — er glaubte einen schrillen Pfiff und ein schneidendes Zischen wie von mächtig ausströmendem Dampfe zu vernehmen — dann erfolgte ein furchtbarer Schlag, — ein betäubender Schmerz an Kopf und Gliedern — tausend helle Funken sprühten an seinen Augen vorüber — im nächsten Augenblicke sah und hörte er nichts mehr und verlor alles Bewußtsein, selbst das des Schmerzes. (Forrietzung folgn) -—- Fürstenseldbruck in Oberbayern.") (Hiezu das Bild Seite 377) -—^Nachdruck verboten.) * Seit in unserem nervösen Zeitalter das Aufsuchen von Sommerfrischen oder wenigstens eine kleine Reise während des Sommers in die schöne weite Gotteswelt Unzähligen zum Bedürfnisse und im Allgemeinen Mode geworden, ist unzweifelhaft an Stelle des früheren behaglichen Genießens der Naturschönheiten vielfach eine krankhafte Blasiertheit getreten. Ein recht in's Auge springendes Beispiel dafür ist der schon an Verrücktheit streifende Bergkraxler-Sport. Mit welcher Geringschätzung geht so ein echter Bergfex heute an den mit normalen Kräften und ohne Gefahr zu erreichenden Bergen vorüber! Und da ihm der liebe Gott die Berge nicht hoch und steil genug geschaffen, so macht er wenigstens seine Hochtouren im Winter, weil das doch über das Normale hinausgeht. Und unsere vornehme Welt? Seit in die entlegensten Gebirgsthäler Eisenbahnen schnell und bequem führen, seit mit geringen Kosten Tausende alljährlich in die Alpen gehen, da findet unsere Geldaristokratie den Aufenthalt im Gebirge nicht mehr so lohnend. Es ist ja „gemischt" geworden, und immer kleiner ziehen sich die Kreise, wo man noch so ziemlich „unter sich" ist und nicht beleidigt wird durch den steten Anblick von frisch und frei, mit wenig Geld und frohem Herzen durch die Welt fahrenden Gesellen. Nun, die in gesellschaftlichem Flitter aufgehende Gesellschaft kann sich ja trösten. Da hat man vorläufig *) Der obige Aufsatz war bereits im Satze, als uns ein Büchlein „Führer durch Bruck und seine Umgebung" von Aug Aumiller (Verlag von A. Sighart in Bruck) zukam, das wir bei dieser Gelegenheit den Freunden des vielbesuchten Ortes bestens empfehlen. Der Verfasser (gegenwärtig Alumnus im Georgianum in München) ist selbst ein Brucker Kind und führt uns auf 160 Seiten in die Geschichte, Topographie und Naturschönheiten Brucks und seiner Umgebung ein. Das Büchlein ist sehr handsam, mit Bildern und einer Karte ausgestattet und für die Sommergäste, besonders jene, welche zum ersten Male ihren Sommerwigwam in Bruck oder Umgebung aufschlagen, ein verlässiger und praktischer Führer. — Das obigem Aufsatz beigegebene Bild ist nach einer Photographischen Aufnahme des Herrn Photographen Precht in Bruck autotypisch hergestellt. D. Red. noch die Seebäder, und im schlimmsten Falle gibt es auch in Norwegen und Schottland Berge, wo die Natur noch jungfräulicher ist, als in unseren bayerischen, österreichischen oder schweizerischen Alpen. Nun kann allerdings nicht bestritten werden, daß die Alpenländer, und selbstredend die schönsten Gegenden am meisten, vielfach wirklich der Fremden-Ueberfluthung preisgegeben sind, und daß dieser Umstand auch Demjenigen, der sich mit rechtem Behagen in den Genuß der Natur versenken will, unangenehm werden kann. Solche find nun zur Einsicht gelangt, daß das Gute auch nahe liegen kann. Daher die Erscheinung, daß zur Zeit das Alpenvorland mehr zu Ehren kommt. Und wahrlich, wer die Schönheit der Natur nicht mit dem Meterstabe mißt und diese nicht nur im Gigantischen sucht, wer mit liebendem, forschendem Auge auch das unscheinbarste Gläschen zu betrachten vermag als eine einzelne, aber in der Sinfonie der gesummten Natur unentbehrliche Note, dem thut sich auch hier eine Welt voll Schönheit auf. Luft und Weite! Sind das nicht zwei Faktoren, welche das Menschenherz erfrischen und erheben können? Wer sich je an einem schönen Sommerabend gebadet in jenem rauhen, aber den ganzen Menschen erfrischenden und durchstürken- den Luftstrom, der da meist nach Sonnenuntergang aus den Alpenthälern heraus über das Vorland streicht, wer da an einem thaufrischen, eben von den ersten Sonnenstrahlen beglitzerten Morgen die weite Alpenkette in ihrem blauen, keuschen Dufte geschaut, der wird mir Recht geben. Dazu kommt noch, daß in jenen Gegenden eine meist wohlhabende Bevölkerung haust, und das nenne ich auch einen Vortheil. Ich habe vor einiger Zeit eine Münchener Zeitungsträgerin einen sehr derben, aber einen Kern bitterer Wahrheit enthaltenden Spruch thun hören. Das Weib hatte von einer an ihr vorübergehenden, eleganten Dame die zu einer Begleiterin gemachte Aeußerung aufgeschnappt: „Ach, sie ist wirklich eine liebe Frau." „Ja, wenn man den Sack voll Geld hat, kann man leicht lieb sein." So die schlagfertige Verbreiterin der „gedruckten Intelligenz". Und die Nutzanwendung für diesen Fall? Die Leute in diesen Städtchen, Flecken und Dörfern des Alpenvorlandes sind, weil meist gut situirt, ein lebensfrohes Völkchen, und sie haben nicht nöthig, die bei ihnen Erholung suchenden Großstädter auf moderne Art auszurauben. Und weil hier vorwiegend auch Menschen mit bescheideneren Ansprüchen sich den Sommer über sammeln, so trifft man da nicht selten ein recht gemüthliches, mit seiner Freundlichkeit ansteckendes Zusammenleben. An derlei Orten ist gottlob kein Mangel, aber wenige dürfte es geben, die so viele Annehmlichkeiten vereinigen als der Marktflecken Bruck an der Amper, gemeinhin genannt Fürstenseldbruck. Was ihn aber auch besonders Jenen, die, der Alltäglichkeit entflohen, auch gerne einmal in die Vorzeit sich versenken, lieb und werth macht, das sind die geschichtlichen Erinnerungen, die sich an ihn knüpfen. Ein kurzer Gang durch die Geschichte des Marktes dürfte übrigens Jedermann interessiren. Die älteste Geschichte des Marktes Bruck liegt, wie Jakob Groß in seiner „Chronik des Marktes Fürstenfeldbruck" Eingangs sagt, unzweifelhaft in seinem Namen. Jahrhunderte vor der Gründung des Klosters Fürstenfeld mag hier schon eine Brücke über die Amper geführt und mögen Ansiedelungen um dieselbe bestanden haben. Ob das Alter des Marktes bis in römische Zeiten hinaufreiche, ist nicht zu erweisen, obschon wenigstens vermuthet 377 wird, daß eine römische Nebenstraße über Althegnenberg, Hattenhofen, Mammendorf und Bruck in der Richtung der gegenwärtigen Landstraße nach der Jsar bei Vöhring führte. Urkundlich wird Bruck zuerst im Jahre 828 als ein im Schöngeisinger Forste gelegener Ort genannt, der demnach imHousigau gelegen war, welchem die ganze Orten unverkennbare Spuren sich finden. Als Herrschaft von Bruck wird zuerst genannt die adelige Familie „von Prukke", welche muthmaßlich zuletzt in Augsburg Bürger- recht genommen. Wohl durch Erbschaft kam Bruck von diesem Geschlechte an die von Gegenpiunt, von diesen hinwieder an die von Eise nhofen, welche den größten- ' ' '' - > ^ E N Nr-irör Wß- 'ü HDrimikmna sn ^^Wärlstnfelii - ^ " ZIM? MET' O. Nachbarschaft urkundlich angehörte. Ueberhaupt besaß das Ammerthal schon lange vor der Gründung von Fürstenfeld die Ortschaften, in welchem noch gegenwärtig seine Bewohner leben, und es ist seiner ganzen Ausdehnung nach seit uralten Zeiten größtentheils angebaut. An den sonnigen Hügeln jenseits der Maisach war sogar der Weinbau heimisch, wovon trotz Jahrhunderten noch mancher theils vom Hause Bayern lehenbaren Markt mit allen Zugehörungen und Rechten, wahrscheinlich 1342, an das Kloster Fürstenfeld verkauften. Letzteres war bereits im 13. Jahrhundert gegründet worden. Oben genannte Chronik berichtet hierüber: „Im Jahre 1258 stiftete Herzog Ludwig der Strenge (wie Dr. Schreiber in seiner Geschichte Bayerns vermeldet, zur Sühne für die Hin- 378 richtung seiner Gemahlin Maria von Brabant und nach Vorschrift des Papstes Clemens IV.) ein Kloster für Cisterzienser in Thal (Aiblinger Gerichts), das aber wegen seiner ungünstigen Lage nach wenigen Jahren nach Olching und Salmansweil ihren ersten Abt Anselm. Aber Olching und seine Zugehörung waren nicht des Fürsten eigen Gut, sondern Lehengut, weßhalb er es wieder an sich nahm und andere Güter zu Puch den Mönchen über- '.A «WW ZWW «« WMGHWWM «8 MimM DM Au hoch! Nach dem Gemälde von F. Sonderland. verlegt wurde, wo die Brüder am Abende unserer lieben Frauen Himmelfahrt (14. August) 1202 angelangt sind. Da machten sie einen hölzernen Bau und erwählten an demselben Tage in Gegenwart der Prälaten von Ebrach ließ, die „durch den Rath eines frommen, ehrsamen Edelmannes" den jetzigen Grund und Boden erwählten und ihm den Namen „Fürstenfeld" gaben." Bruck befand sich nun in einem für seine Entwick- 379 lung bedeutsamen Abhängigkeitsverhältnisse zum Kloster Fürstenfeld. Verhängnißvoll scheint dasselbe nicht gewesen zu sein, trotz der vielen im Laufe der Jahrhunderte zwischen Markt und Kloster entstandenen Zwiste, denn der Flecken nahm stetig einen gedeihlichen Aufschwung. Zur Zeit der Erwerbung des Marktes durch das Kloster, also im 14. Jahrhundert, bestand, wie aus mehreren Urkunden ersichtlich, ein Theil der Bevölkerung Brucks noch aus Leibeigenen; es unterliegt aber keinem Zweifel, daß neben der Landwirthschaft, welche wohl von den Meisten Bürgern und Einwohnern betrieben wurde, damals auch schon die erforderlichen Gewerbe im Gange waren, und daß durch ein schon älteres Verkehrsleben die Bürgerschaft nach und nach zu nicht unbedeutendem Wohlstände gelangte. Doch es hat dem Flecken auch nicht an Drangsalen gefehlt. Kloster und Markt hatten zwischen den Jahren 1311—1313 durch die Fehde zwischen ergreifender Pracht und Majestät gen Himmel sich erhebt, ein überwältigendes Denkmal der Größe und Allmacht Gottes. Und so ist denn die „Leuchtenstadt" Jahr für Jahr das Reiseziel einer gewaltigen Fremden-Schaar. Aus dem Norden, Osten, Süden und Westen, aus allen Ländern der alten und neuen Welt tragen sie die Eisenbahnen zu Hunderttausenden hieher, und die Zahl mehrt sich von Jahr zu Jahr. Diese Wahrnehmung und die weitere, daß das katholische Vercinsleben in der Stadt in den letzten Jahren mächtig zu erstarken begann und für seine freie Entwicklung größerer Versammlungs-, Theater- und Concert- Locale bedurfte, riefen den Gedanken an die Erstellung eines katholischen Vereinshauses, eines Sammelpunktes der hier wohnenden und von auswärts hier zusammenströmenden Katholiken wack. Die großen Schwierigkeiten, die sich entgegenstellten, verhehlte man sich keineswegs. r 1 » 1 i 1. 6MLW !!>>> Mn? dem Pfalzgrafcn Rudolf und dem Herzoge Ludwig, noch mehr aber 1322 durch den Heereszug zu leiden, welchen Herzog Leopold von Oesterreich von Schwaben aus mit 2000 Reitern zur Unterstützung stines Bruders, des Gegenkönigs Friedrich des Schönen, nach Bayern unternahm. (Schluß folgt.) ..- Das katholische Vereinshans iu Luzern. Ein Denkmal der Opferwilligkeil schweizerischer Katholiken. (Mit Abbildung.) Die „Perle der Schweiz" wird sie mit Recht genannt, die „Leuchtenstadt" Luzern. Herrlich liegt sie au, schönsten der Schweizerseen, im Herzen der waffenruhm- gekrönten „8 alten Orte", in unmittelbarer Nähe der imponirenden Alpenwelt, die mit ihrem leuchtenden, „ewigen" Schneefirn, zumal bei Anbruch des sonnigen Lenzes, in wunderbarer, jedes ideale, religiöse Gemüth Vorab schreckten die Unkosten des Baues und Betriebes ab. Aber starkes Gottvertrauen siegte über mannigfache Bedenken aller Art, und der Appell an die Opferwilligkeit der Gesinnungsgenossen in der Stadt, im Kanton und in der übrigen Schweiz fand freudiges, ja begeistertes Echo. In wenig Monaten war eine Viertels- Million in Actien zu 500 Francs gezeichnet, die Generalversammlung wurde einberufen, der Bau begann. — Heute ist das schöne, stolze Werk zu allseitiger Befriedigung vollendet. Auf gut ^ Million ist es zu stehen gekommen, aber es ist herrlich gelungen, zur Freude von Jung und Alt in den eigenen Reihen, und ein Gegenstand unverhohlener Bewunderung auf Seite unserer Gegner. Treten wir dem Baue näher! Vom Bahnhof aus führt der Weg über die Scebrücke nach dem weltberühmten „Schweizerhof"-Ouai, dann weiter beim neuen, stolzen „Gotthardgebäude", dem Verwaltungssitze der Gotthard- bahn, vorbei in die nächste Nähe der doppeltgethüruiten „Hofkirche". Eine zur Linken neu angelegte, breite Straße — „Lömenstraße" genannt — führt direct zum „Löwendenkmal" hin, dem genial in eine 20 Meter hohe Felswand gemeißelten Denkmal der Schweizer-Treue beim Sturm der Tuilerien in Paris (10. August 1792). Etwa 250 Schritte zuvor grüßt zur Rechten das „katholische Vereinshaus", das, frei an drei Straßen gelegen, neben dem Rundbau des Henneberg-Panoramas (Einzug der Bourbakischen Armee in die Schweiz im Februar 1871) sich erhebt. Die Baufläche umfaßt 45 Meter Länge bei 27*/z Meter Tiefe und 17^ Meter Fronthöhe. Durch ein reich ausgestattetes Portal treten wir in eine flott herausgeschmückte Säulenhalle. Rechts vom Vestibüle liegt das mit zwei ausgezeichneten Billards versehene, 230 Sitzplätze enthaltende, sehr freundliche, heimelige Cafä- Nestaurant, dahinter Speisesaal und Office. Links vom Vestibüle befinden sich 4 Magazine mit Entresol, daneben — in der Richtung Panorama und Löwendenkmal — die völlig abgeschlossenen Abtheilungen des katholischen Gesellen- und Jünglings-Vereins, mit besonderm Zugang, dem Wunsche der Gesellen gemäß. Der günstig beleuchtete und gelüftete Keller enthält: Küche, Spülküche, Office, große Vorrathsräume, Vierund zwei Wein-Keller; das Kesselhaus für die Central- heizung nebst Kohlenräumen; endlich die Motoren für die großen hydraulischen Wein- und Speise-Aufzüge. Der große Kochherd der Hotelküche ist für mindestens 500 Personen eingerichtet. Vom Vestibüle aus führt eine schöne, fast 8 m. breite, massive Hauptstiege zum I. Stockwerk empor, zum Großen Saal, der, 27 m. lang, 14 m. breit und 8^/g m. hoch, durch hohe, weite Bogenfenster erhellt wird und etwa 900 Sitzplätze enthält. Zwei kunstvolle Kronleuchter spenden Licht durch je 48 elektrische Flammen. Im Vordergrund steht ein herrlicher Concertflügel von Bechstein bereit. Galerien und Logen bieten Raum für Hunderte. Eine größere Galerie-Oeffnung dient bei Tanzanlässen dem Orchester. Vier kleine Nebensäle sind durch Glasthürwände, die man bequem entfernen kann, verbunden und dienen zur Erweiterung des Hauptsaals. Mit Sorge sah man dem Saalbau entgegen. Die Schaffung günstiger akustischer Verhältnisse bedingte ja zum großen Theil ein befriedigendes, gedeihliches Gelingen des Unternehmens überhaupt. Diese nicht zu unterschätzende Schwierigkeit ward durch die bauleitenden Architekten — die HH. Gebrüder Keller und Architekt Hanauer — glänzend überwunden: die außerordentlich feine Akustik des Saales hat die Bewunderung aller Musik-Künstler und Sänger gefunden, die bisher dieselbe erprobten. So erklärte der Direktor der städtischen Cur- capelle, ein Meister der Violine, uns gelegentlich hocherfreut, daß er noch keinen Saal mit besserer Akustik kennen gelernt und daß namentlich die Piano-Sätze ganz wundervoll gelingen. Aus diesem Grunde wurden denn auch die städtischen Abonnemcnts-Concerte sofort in's „Vereinshaus" verlegt; Erwägungen politischer und anderer Art mußten vor rein musikalischen Gründen besiegt zurücktreten. Der II. Stock enthält außer Saal-Galericen und Logen u. a. eine Reihe Fremden-Zimmer, alle sehr freundlich und comfortabcl eingerichtet (Logis von 1 Mk. 20 Pfg. an). Zureisende Fremde werden hierauf speziell aufmerksam gemacht. Auch im III. Stock finden sich nicht minder hübsche Fremdenzimmer: daneben enthält diese Etage noch die Wohnung des Wirthes. Wir fügen hier bei, daß diese Abtheilung des Vereinshauses sich „Hotel Union" benennt. Der Hotelbetrieb erfolgt in Regie; derzeitiger Gerant ist Herr Truttmann-Oesch, Hotelier, von Seelisberg. Beide Stockwerke zusammen — das zweite und dritte — zählen 52 Fremdenbetten. Alle Corridore haben äußerst günstige Licht- und Luftverhältnisse. Der Estrich enthält für die Hotel-Abtheilung verschiedene Dienstboten - Zimmer, sowie 45 Zellen mit 90 Betten für katholische Gesellen. Für Sockel und Treppen wurde Gotthard - Granit, für die Parterre-Verblendung Mügenwiler Muschelkalk, für die oberen Architektur-Gliederungen Sandstein, für die 7 Säulen der Hauptfoyade und die inneren Säulen des Vestibules polierter Kalkstein verwendet. Die Mittelpartie über dem Saale erhielt einen völlig eisernen Dach- stuhl. Die Bauzeit für den gesammtenBau dauerte 14Monate. Die Pensionen in beiden Abtheilungen dürfen als vorzüglich bezeichnet werden, bei anständigen Preisen, und finden auch bereits erfreulichen Zuspruch. Hoffen wir, daß das herrlich gelungene Werk katholischer Opferwilligkeit und sozialpolitischer Thatkraft in den Kreisen unserer Jahr für Jahr in so großer Zahl hier zusammenströmenden Gesinnungsgenossen aus dem In- und Auslande die verdiente Sympathie und werk- thätige Unterstützung finde! Starkes, lebendiges Gottvertrauen hat das Unternehmen geschaffen, und es wird, sofern das letztere seinem Zwecke treu bleibt, auch sicher nicht zu Schanden werden. Gott gebe es! Zu unseren Bildern. Orlando di Kasso. (Zur Erinnerung an seinen 300jährigeu Todestag.) Orlando di Lasso (eigentlich Roland de Lattre) ist geboren 1532 zu Mons im Hennegau. Er kam früh nach Italien, wo er besonders in Neapel seiner musikalischen Ausbildung oblag und, kaum 21 Jahre alt, zu Rom die Kapellmeisterstelle an Sän Giovanni im Lateran erhielt. Später bereiste er England und Frankreich und scheint dann einige Jahre in Zurückgezogen- heit in Antwerpen gelebt zu haben, bis er 1557 von Herzog Albrecht V. von Bayern nach München berufen wurde. Hier erhielt er 1862 die erste Kapellmeisterstelle, sowie 1570 vom Kaiser Maximilian den Reichsadel und wurde 1571 vom Papst Gregor XIII. zum Ritter vom Goldenen Spom ernannt. Auch König Karl IX. von Frankreich überhäufte den Komponisten, als derselbe im letztgenannten Jahre nach Paris kam, mit Auszeichnungen und Geschenken. Ter berühmte Komponist starb in München am 14. Juni 1594 im 62. Lebensjahre. Verheirathet war er mit Regina de Wähkinger, berzogl. daher. Kammerdienerin in der Domkirche zu U. L. Frau, mit welcher er 36 glückliche Ehejabre verlebte. Orlando wurde auf dem ehemaligen Friedhofe der Franziskaner in München zur Ruhe gelegt. Er war nächst Palestrina der größte Tonsetzer des 16. Jahrhunderts. Von seinem Fleiß und seiner Fruchtbarkeit zeugt die Zahl der von ihm hinterlassenen Werke, deren nicht weniger als 2337 nachweisbar sind, darunter die berühmten 7 Bußpsalmen. Au hoch! Die beiden Kleinen auf unserem Bilde befinden sich in einer nicht geringen Verlegenheit. Mutter hat ihnen ein Brieflein zum Besorgen gegeben, das sollen sie in den nächsten Brieskasten werfen. Allein die Kinder sind noch gar klein und der Briefkasten hängt für sie zu hoch. Da hilft kein Strecken und Dehnen, und wenn nicht eben der alte Gerichtsbote des Weges gekommen wäre, hätten die Kinder wohl unverrichteter Dinge wieder heimkehren müssen. Der aber kann den Kleinen aus der Verlegenheit helfen, und weil Lischen ihn gar so schön bittet, wird er ihm sicherlich den Gefallen erweisen. --